Im Wortlaut: Franziskus an 27 EU- Staats- und Regierungschefs

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an die EU-Spitzen im Vatikan, 24.03.2017

Radio Vatikan dokumentiert hier die Rede von Papst Franziskus an die Staats- und Regierungschefs von 27 EU-Ländern, gehalten am 24. März 2017 im Vatikan. Anlass der Begegnung ist der 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge.

Verehrte Gäste,

ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit heute Abend, am Vorabend des 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Gründungsverträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft. Jedem möchte ich die Verbundenheit des Heiligen Stuhls mit Ihren jeweiligen Ländern und mit ganz Europa zum Ausdruck bringen, an dessen Geschick er durch Fügung der Vorsehung untrennbar gebunden ist. Mein besonderer Dank gilt dem Ministerpräsidenten der Republik Italien Paolo Gentiloni für die ehrerbietigen Worte, die er im Namen aller gesprochen hat, wie auch für die Bemühungen Italiens in der Vorbereitung dieses Treffens. Zudem danke ich dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Antonio Tajani, der den Erwartungen der Völker der Europäischen Union bei diesem Anlass Ausdruck verliehen hat.

Sechzig Jahre später nach Rom zurückzukehren darf nicht bloß eine Reise in die Erinnerungen sein, sondern ist vielmehr das Verlangen, das lebendige Gedächtnis jenes Ereignisses wiederzuentdecken, um dessen Bedeutung in der Gegenwart zu verstehen. Man muss sich in die damaligen Herausforderungen hineinversetzen, um sich denen von heute und von morgen stellen zu können. Die Bibel bietet uns mit ihren an Bezügen reichen Erzählungen eine wesentliche pädagogische Methode: Man kann die Zeit, in der wir leben, nicht ohne die Vergangenheit begreifen, die nicht als die Gesamtheit ferner Tatsachen zu verstehen ist, sondern als der Lebenssaft, der die Gegenwart durchströmt. Ohne dieses Bewusstsein verliert die Realität ihre Einheit, die Geschichte ihren logischen Faden, und die Menschheit geht des Sinnes ihrer eigenen Taten sowie der Richtung der eigenen Zukunft verlustig.

Der 25. März 1957 war ein Tag voller Erwartungen, voller Hoffnung, Begeisterung und Bangen, und nur ein aufgrund seiner Tragweite und historischer Konsequenzen außergewöhnliches Ereignis konnte ihn zu einem einzigartigen Tag in der Geschichte machen. Das Gedenken jenes Tages verbindet sich mit den Hoffnungen von heute und den Erwartungen der Völker Europas, die ein Nachdenken über die Gegenwart fordern, um mit neuem Schwung zuversichtlich den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Die Gründerväter und die Verantwortungsträger, die durch die Unterzeichnung der zwei Verträge jene politische, wirtschaftliche, kulturelle, aber vor allem menschliche Wirklichkeit ins Leben gerufen haben, die wir heute Europäische Union nennen, waren sich dessen wohl bewusst. Andererseits ging es, wie der belgische Außenminister Spaak sagte, »gewiss um den materiellen Wohlstand unserer Völker, um die Ausweitung unserer Wirtschaft, um den sozialen Fortschritt, um völlig neue Industrie- und Handelsmöglichkeiten, aber vor allem […] um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht«[1].

Nach den dunklen und blutigen Jahren des Zweiten Weltkrieges haben die Verantwortungsträger damals an die Möglichkeit einer besseren Zukunft geglaubt, »ihnen hat es nicht an Wagemut gefehlt und sie haben nicht zu spät gehandelt. Die Erinnerung an das vergangene Unheil und […] an ihre Schuld scheint sie angeregt und ihnen den notwendigen Mut verliehen zu haben, um die alten Auseinandersetzungen zu vergessen […] und in einer wahrhaft neuen Weise zu denken und zu handeln, um die größte […] Veränderung […] Europas zu verwirklichen«[2].

Die Gründerväter erinnern uns daran, dass Europa nicht eine Summe von einzuhaltenden Regeln, nicht ein Handbuch von zu befolgenden Protokollen und Verfahrensweisen ist. Es ist ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen. Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit, […] mit ihrem Willen zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit, der von einer tausendjährigen Erfahrung geschärft wurde«[3]. Rom ist mit seiner Berufung zur Universalität[4] Symbol dieser Erfahrung und wurde deswegen als Ort für die Unterzeichnung der Verträge ausgewählt. Denn hier – wie der niederländische Außenminister Luns ins Gedächtnis rief – »wurden die politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Fundamente unserer Kultur gelegt«[5].

Von Anfang an war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte. Zugleich bestand offenkundig das Risiko, dass die Verträge toter Buchstabe bleiben könnten. Diese mussten mit lebendigem Geist erfüllt werden. Und das erste Element europäischer Lebenskraft ist die Solidarität. »Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft«, bekräftigte der luxemburgische Premierminister Bech, »wird nur dann leben und erfolgreich sein, wenn sie in ihrem Bestehen dem Geist europäischer Solidarität, der sie geschaffen hat, treu bleibt und wenn der gemeinsame Wille des entstehenden Europas mächtiger ist als die nationalen Willensbestrebungen«[6]. Dieser Geist ist angesichts der zentrifugalen Kräfte wie auch der Versuchung, die Gründungsideale der Union auf produktive, wirtschaftliche und finanzielle Erfordernisse zu reduzieren, heute höchst notwendig.

Aus der Solidarität entspringt die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen. »Unsere Pläne sind nicht eigensüchtiger Natur«[7], sagte der deutsche Kanzler Adenauer. »Ohne Zweifel beabsichtigen die Länder, die im Begriff sind, sich zu vereinen, […] nicht, sich von der restlichen Welt zu isolieren und um sich herum unüberwindliche Schranken aufzurichten«[8], pflichtete der französische Außenminister Pineau bei. In einer Welt, der das Drama der Mauern und Teilungen wohl vertraut war, war man sich der Bedeutung überaus bewusst, für ein geeintes und offenes Europa zu arbeiten, und man hatte den gemeinsamen Willen, sich für die Beseitigung jener unnatürlichen Schranke einzusetzen, die von der Ostsee bis zur Adria den Kontinent teilte. So viele Mühen hat man aufgewendet, um jene Mauer zu Fall zu bringen! Und doch ist heute die Erinnerung an die Mühen verloren gegangen. Ebenso ist das Bewusstsein des Dramas getrennter Familien, von Armut und Elend, die jene Teilung hervorrief, abhandengekommen. Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen „Gefahren“ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.

In dem Erinnerungsvakuum, das unsere heutige Zeit kennzeichnet, vergisst man oft auch eine weitere große Errungenschaft, die Frucht der am 25. März 1957 sanktionierten Solidarität ist: die längste Friedensära der letzten Jahrhunderte. »Völker, die im Lauf der Zeit sich oftmals in gegensätzlichen Lagern befunden und sich gegenseitig bekämpft haben, […] finden sich jetzt hingegen durch den Reichtum ihrer nationalen Besonderheiten geeint wieder«[9]. Der Friede wird immer durch die freie und bewusste Mitwirkung eines jeden begründet. Dennoch »[erscheint] heute für viele der Friede in gewisser Weise als ein selbstverständliches Gut«[10], und so ist es einfach, ihn schließlich gar als überflüssig zu erachten. Der Friede ist hingegen ein kostbares und wesentliches Gut, da man ohne ihn nicht in der Lage ist, für jemanden eine Zukunft aufzubauen, und am Ende „in den Tag hineinlebt“.

Das geeinte Europa entsteht in der Tat aus einem klaren, wohl definierten und sachgemäß durchdachten Projekt, auch wenn zunächst nur in einem Anfangsstadium. Jedes gute Projekt schaut auf die Zukunft, und die Zukunft sind die Jugendlichen, die dazu berufen sind, die Verheißungen der kommenden Zeit zu verwirklichen[11]. Den Gründervätern war demnach klar bewusst, Teil eines gemeinsamen Werkes zu sein, das nicht nur Staats-, sondern auch Zeitgrenzen überschritt, um die Generationen untereinander zu verbinden, die alle am Aufbau des gemeinsamen Hauses ebenbürtig beteiligt sind.

Verehrte Gäste,

den Vätern Europas habe ich diesen ersten Teil meiner Ansprache gewidmet, damit wir uns von ihren Worten herausfordern lassen, von der Aktualität ihres Denkens, vom leidenschaftlichen Einsatz für das Gemeinwohl, der sie auszeichnete, von der Gewissheit, Teil eines Werkes zu sein, das größer ist als sie selbst, und von der Weite des Ideals, das sie beseelte. Ihr gemeinsamer Nenner war der Geist des Dienens. Damit verbunden war die politische Leidenschaft und das Bewusstsein, dass »am Ursprung der europäischen Kultur das Christentum steht«[12], ohne das die westlichen Werte der Würde, Freiheit und Gerechtigkeit zumeist nicht verständlich erscheinen. »Auch in unserer Zeit«, erklärte der heilige Johannes Paul II., »bleibt die Seele Europas geeint, weil es über seinen gemeinsamen Ursprung hinaus von den gleichen christlichen und humanen Werten lebt, wie beispielsweise der Würde der menschlichen Person, dem echten Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit, der Arbeitsamkeit, dem Unternehmungsgeist, der Liebe zur Familie, der Achtung vor dem Leben, der Toleranz, dem Wunsch zur Zusammenarbeit und zum Frieden, die seine charakteristischen Merkmale sind und es kennzeichnen«[13]. In unserer multikulturellen Welt werden diese Werte weiterhin volles Heimatrecht finden, wenn sie ihre lebensnotwendige Verbindung mit der Wurzel, aus der sie hervorgegangenen sind, aufrecht zu erhalten wissen. In dieser fruchtbaren Verbindung liegt die Möglichkeit, authentisch laikale Gesellschaften aufzubauen, die frei von ideologischen Gegensätzen sind und in denen Fremde und Einheimische, Gläubige und Nichtgläubige gleichermaßen Platz finden.

In den letzten sechzig Jahren hat sich die Welt sehr verändert. Wenn die Gründerväter, die einen verheerenden Konflikt überlebt hatten, von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft beseelt und von dem Willen bestimmt waren, diese zu verfolgen, indem sie das Aufkommen neuer Konflikte zu verhindern suchten, so wird unsere Zeit mehr von der Vorstellung der Krise beherrscht. Es gibt die Wirtschaftskrise, die das letzte Jahrzehnt gekennzeichnet hat, es gibt die Krise der Familie und von gefestigten gesellschaftlichen Formen, es gibt eine verbreitete „Krise der Institutionen“ und die Flüchtlingskrise: viele Krisen, welche die Angst und die tiefe Verwirrung des heutigen Menschen verbergen, der nach einer neuen Hermeneutik für die Zukunft verlangt. Dennoch hat der Begriff „Krise“ an und für sich keine negative Bedeutung. Er zeigt nicht bloß einen schlimmen Augenblick an, der zu überwinden ist. Das Wort Krise hat seinen Ursprung im griechischen Verb crino (κρίνω), das untersuchen, prüfen, entscheiden bedeutet. Unsere Zeit ist also eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen: es ist somit eine Zeit von Herausforderungen und Möglichkeiten.

Welche ist also die Hermeneutik, der Interpretationsschlüssel, mit dem wir die Schwierigkeiten der Gegenwart lesen und Antworten für die Zukunft finden können? Die Erinnerung an das Denken der Väter wäre nämlich unfruchtbar, wenn sie nicht dazu diente, einen Weg aufzuzeigen, wenn sie nicht zu einem Ansporn für die Zukunft und einer Quelle der Hoffnung würde. Jedes Wesen, das den Sinn seines Weges verliert und dem dieser nach vorwärts gerichtete Blick abhandenkommt, erleidet zunächst eine Rückbildung und läuft auf lange Sicht Gefahr zu sterben. Was ist also die Hinterlassenschaft der Gründerväter? Welche Perspektiven zeigen sie uns auf, um uns den Herausforderungen zu stellen, die auf uns warten? Welche Hoffnung geben sie uns für das Europa von heute und morgen?

Die Antworten finden wir eben genau in den Pfeilern, auf denen sie die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten und an die ich schon erinnert habe: die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft. Es ist Aufgabe der Regierenden, die Straßen der Hoffnung zu erkennen, die konkreten Pfade ausfindig zu machen, damit die bisher vollbrachten bedeutenden Schritte sich nicht zerstreuen, sondern Unterpfand eines langen und fruchtbaren Weges werden.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn der Mensch die Mitte und das Herz seiner Institutionen ist. Ich meine, dies muss das aufmerksame und vertrauensvolle Anhören der Anliegen miteinschließen, die sowohl von den Einzelnen vorgebracht werden als auch von der Gesellschaft und den Völkern, welche die Union bilden. Leider hat man oft den Eindruck, dass eine „affektive Kluft“ zwischen den Bürgern und Institutionen Europas besteht, die häufig als fern wahrgenommen werden und unaufmerksam gegenüber den verschiedenen Sensibilitäten, welche die Gemeinschaft bestimmen. Der Zentralität des Menschen Geltung zu verschaffen bedeutet auch, den Familiengeist wiederzufinden, in dem jeder frei entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Gaben seinen Beitrag zum gemeinsamen Haus leistet. Es ist angebracht, sich vor Augen zu halten, dass Europa eine Familie von Völkern[14] ist und dass es – wie in jeder guten Familie – unterschiedliche Sensibilitäten gibt, aber alle in dem Maße wachsen können, wie sie geeint sind. Die Europäische Union entsteht als eine Einheit der Verschiedenheiten und Einheit in den Verschiedenheiten. Die Eigenheiten dürfen deshalb nicht erschrecken und man darf auch nicht denken, dass Einheit durch Uniformität bewahrt würde. Diese ist vielmehr die Harmonie einer Gemeinschaft. Die Gründerväter wählten gerade diesen Begriff als Angelpunkt für die Einrichtungen, die aus den Verträgen entstehen sollten, indem sie betonten, dass die Ressourcen und Talente jedes Einzelnen gemeinsam genutzt werden sollten. Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, „Gemeinschaft“ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass »das Ganze […] mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe«[15] und dass man also »immer den Blick weiten [muss], um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt«[16]. Die Gründerväter suchten jene Harmonie, in der das Ganze in jedem der Teile ist, und die Teile – jedes mit seiner eigenen Originalität – im Ganzen sind.

Europa findet wieder Hoffnung in der Solidarität, die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus ist. Die Solidarität bringt das Bewusstsein mit sich, Teil eines einzigen Körpers zu sein, und schließt gleichzeitig die Fähigkeit eines jeden Gliedes mit ein, mit dem anderen und dem Ganzen zu „sympathisieren“. Wenn einer leidet, leiden alle (vgl. 1 Kor 12,26). So betrauern auch wir heute zusammen mit dem Vereinigten Königreich die Opfer des Attentats in London vor zwei Tagen. Die Solidarität ist nicht ein guter Vorsatz: Sie ist gekennzeichnet durch konkrete Taten und Handlungen, die einem den Mitmenschen näher bringen unabhängig von seiner momentanen Lage. Die Formen von Populismus hingegen sind eben Blüten des Egoismus, der in einen engen und erdrückenden Kreis einschließt und nicht zulässt, die Enge der eigenen Gedanken zu überwinden und darüber hinaus zu sehen. Man muss wieder beginnen, europäisch zu denken, um die gegensätzliche Gefahr einer grauen Uniformität oder des Triumphs der Partikularismen abzuwehren. Eine solche Führungsrolle der Ideen ist Sache der Politik; diese soll vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität und Subsidiarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die gesamte Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen. So mag, wer schneller zu laufen fähig ist, dem langsameren die Hand reichen, und wer mehr Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich nicht in die Angst falscher Sicherheiten einschließt. Im Gegenteil, seine Geschichte ist sehr von der Begegnung mit anderen Völkern und Kulturen bestimmt und seine Identität »ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität«[17]. Es besteht in der Welt Interesse für das europäische Projekt. Es bestand vom ersten Tag an, wie die dicht gedrängte Menge auf dem Kapitolsplatz und die Glückwunschschreiben aus anderen Staaten zeigten. Noch mehr besteht es heute angefangen von den Ländern, die um Aufnahme in die Union bitten, wie auch von den Staaten, welche die Hilfeleistungen erhalten, die ihnen sehr großzügig angeboten werden, um die Folgen der Armut, der Krankheiten und der Kriege bekämpfen zu können. Die Öffnung für die Welt schließt die Fähigkeit des »Dialog[s] als Form der Begegnung«[18] auf allen Ebenen mit ein, von der Begegnung zwischen den Mitgliedsstaaten und zwischen den Institutionen und den Bürgern bis hin zur Begegnung mit den zahlreichen Immigranten, die an den Küsten der Union landen. Man kann sich nicht darauf beschränken, die schwerwiegende Flüchtlingskrise dieser Jahre so zu bewältigen, als sei sie nur ein zahlenmäßiges, wirtschaftliches oder ein die Sicherheit betreffendes Problem. Die Migrationsproblematik stellt eine tiefere Frage, die vor allem kultureller Natur ist. Welche Kultur bietet Europa heute an? Die Angst, die man häufig wahrnimmt, findet nämlich ihren tieferen Grund im Verlust der Ideale. Ohne eine echte Perspektive der Ideen wird man am Ende von der Angst beherrscht, dass der andere uns aus den festen Gewohnheiten herausreißt, uns die erworbenen Annehmlichkeiten nimmt, auf gewisse Weise einen Lebensstil in Frage stellt, der allzu oft nur aus materiellem Wohlstand besteht. Der Reichtum Europas ist hingegen immer seine geistige Offenheit gewesen und die Fähigkeit, sich grundlegende Fragen über den Sinn des Daseins zu stellen. Der Offenheit für den Sinn des Ewigen entspricht zudem eine positive – wenn auch nicht spannungsfreie und fehlerlose – Öffnung gegenüber der Welt. Der erworbene Wohlstand scheint ihm hingegen die Flügel gestutzt und ihn dazu gebracht zu haben, den Blick zu senken. Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art. Diese Ideale haben Europa, jene „Halbinsel Asiens“, die vom Ural bis zum Atlantik reicht, hervorgebracht.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert. Die Entwicklung ist nicht durch eine Gesamtheit von Produktionstechniken gegeben. Sie betrifft den ganzen Menschen: die Würde durch seine Arbeit, angemessene Lebensbedingungen, die Möglichkeit des Zugangs zu Bildung und der notwendigen medizinischen Versorgung. »Die Entwicklung [ist] gleichbedeutend […] mit Frieden«[19], sagte Paul VI., da es keinen wahren Frieden gibt, wenn Menschen ausgegrenzt oder zu einem Leben im Elend gezwungen werden. Es gibt keinen Frieden, wo Arbeit oder die Aussicht auf einen menschenwürdigen Lohn fehlen. Es gibt keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet; wenn es sich den jungen Menschen öffnet und ihnen ernsthafte Perspektiven zur Bildung sowie reale Möglichkeiten zur Eingliederung in die Arbeitswelt bietet; wenn es in die Familie, die erste und grundlegende Zelle der Gesellschaft, investiert; wenn es das Gewissen und die Ideale seiner Bürger respektiert; wenn es die Möglichkeit garantiert, Kinder zu bekommen, ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können; wenn es das Leben in seiner ganzen Unantastbarkeit schützt.

Verehrte Gäste,

aufgrund der allgemein längeren Lebenserwartung sieht man sechzig Jahre heute als die Zeit der vollen Reife an. Ein entscheidendes Alter, in dem man nochmals gerufen ist, sich zu prüfen. Auch die Europäische Union ist heute gerufen, sich zu prüfen sowie die unvermeidlichen Beschwerden, die mit den Jahren einhergehen, zu behandeln und neue Pfade zu finden, um den eigenen Weg fortzusetzen. Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen aber hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen. Es ist Ihre Aufgabe als Verantwortungsträger, den Weg zu einem »neuen europäischen Humanismus«[20] auszumachen, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht. Dies bedeutet, keine Angst davor zu haben, wirksame Entscheidungen zu übernehmen, die auf die realen Probleme der Menschen Antwort geben und der Erprobung durch die Zeit standhalten können.

Meinerseits kann ich nur versichern, dass der Heilige Stuhl und die Kirche ganz Europa nahe ist. An seinem Aufbau hat die Kirche stets mitgewirkt und wird immer mitwirken. Dazu bittet sie für Europa um den Segen des Herrn, damit er es beschütze und ihm Frieden und Fortschritt schenke. Ich mache mir deshalb die Worte zu eigen, die Joseph Bech auf dem Kapitol gesprochen hat: Ceterum censeo Europam esse aedificandam. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Europa es wert ist, aufgebaut zu werden.

Vielen Dank.

 

 

[1] P. H. Spaak, Außenminister Belgiens, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[2] P. H. Spaak, Ansprache, ebd.

[3] A. De Gasperi, La nostra patria Europa. Discorso alla Conferenza Parlamentare Europea, 21 aprile 1954, in: Alcide De Gasperi e la politica internazionale, Cinque Lune, Rom 1990, Vol. III, 437-440.

[4] Vgl. P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[5] J. Luns, Außenminister der Niederlande, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[6] J. Bech, Premierminister Luxemburgs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[7] K. Adenauer, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[8] C. Pineau, Außenminister Frankreichs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[9] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[10] Franziskus, Ansprache an die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps, 9. Januar 2017.

[11] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[12] A. De Gasperi, La nostra patria Europa, ebd.

[13] Johannes Paul II., Europa-Feier, Santiago de Compostela, 9. November 1982: AAS 75/I (1983), 329.

[14] Vgl. Franziskus, Ansprache an das Europaparlament, Straßburg, 25. November 2014: AAS  106 (2014), 1000.

[15] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 235.

[16] Ebd.

[17] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 7.

[18] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239.

[19] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 26. März 1967, 87: AAS 59 (1967), 299.

[20] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 8.

 

(rv 24.03.2017 gs)

Franziskus: Europa ist eine Lebenshaltung – brüderlich und gerecht

Waren in Audienz beim Papst: Die Spitzen der EU sowie der 27 Mitgliedstaaten ohne Großbritannien

Die europäische Staatengemeinschaft ist kein Handbuch von zu befolgenden Protokollen, sondern sie verkörpert eine „Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“: Daran hat Papst Franziskus die 27 europäischen Staats- und Regierungschefs erinnert, die er an diesem Freitagabend in einer feierlichen Zeremonie im Apostolischen Palast im Vatikan empfing. Anlass der Europa-Grundsatzrede des Papstes war der Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren, am 25. März 1957 – der Tag gilt als Geburtsdatum der Europäischen Union.

Europa scharte sich einmal mehr um den lateinamerikanischen Papst. Aus allen EU-Hauptstädten mit Ausnahme Londons, das sich auf seinen EU-Austritt vorbereitet, waren die Staats- und Regierungschef der Union angereist und hörten Franziskus zu. In der prachtvollen Sala Regia im Apostolischen Palast hielt der Papst seine vierte große Europa-Rede. Von Anfang an war es das Anliegen der Gründerväter, in Europa nicht bloß Wohlstand und Fortschritt zu schaffen, sondern es ging „um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“, zitierte der Papst den damaligen belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak aus dessen Rede zur Unterzeichnung der Römischen Verträge.Das neue Europa, das sich nach den blutigen Jahren des Kriegs zu einer besseren Zukunft aufmachte, war von seinen Gründervätern nicht gedacht als „eine Summe von einzuhalten Regeln“, betonte der Papst. Vielmehr liegt Europa ein besonderes Menschenbild zugrunde, sagte Franziskus durchaus anerkennend: Europa, das sei „ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen“. Von Anfang an, sagte der Papst, „war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte.“

Unter ausgiebigem Zitieren der Gründerväter, darunter Konrad Adenauer, legte Franziskus die europäischen Kerngedanken frei, auf denen der Zusammenschluss der Nationen damals aufbaute – und die heute noch Gültigkeit haben müssen, wie der Papst hinzufügte. Beispiel: Solidarität und „die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen“. Die Gründungsväter wollten ein „geeintes und offenes Europa“, das heutige Bild präsentiere sich anders, so Franziskus unter Verweis auf die zwiespältigen Debatten über Flucht und Migration, die Europa auf eine schwere Probe stellen.

„Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen ,Gefahren´ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.“

Dabei ist Europa ein außerordentlich erfolgreiches Friedensprojekt, erinnerte der Papst. Freilich habe sich die Welt in diesen 60 Jahren sehr verändert. In Europa herrsche heute, anders als damals, nicht Hoffnung, sondern die Wahrnehmung von Krise: Wirtschaftskrise, Krise der Familie, Krise der Institutionen, Flüchtlingskrise. Das biete aber auch Chancen, betonte Franziskus: „Unsere Zeit ist eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen“.

Genau die Pfeiler, auf denen die Gründungsväter damals die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten, seien dazu in der Lage, Europa heute wieder aus der Krise führen, sagte der Papst und nannte: „die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft“.

Wie findet Europa wieder Hoffnung? Ein Fahrplan in fünf Punkten

Wie Europa wieder Hoffnung finden kann, dazu legte der Papst in seiner Rede an die EU-Staaten fünf Punkte vor.

Zunächst: Der Mensch müsse „die Mitte und der Herz“ der europäischen Institutionen sein. Da sei verlorener „Familiengeist“ wiederzufinden, regte der Papst an. Europa sei „eine Familie von Völkern“, und da gebe es wie in jeder Familie „unterschiedliche Sensibilitäten“. Franziskus hielt ein Plädoyer für Einheit in der Verschiedenheit. Nicht alle müssten gleich sein, der zentrale Punkt sei „Harmonie“. „Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, ,Gemeinschaft´ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass ,das Ganze mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe´“, und dass sich der Blick weiten müsse, „um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt“, zitierte der Papst aus seiner Ansprache an das Europaparlament in Straßburg sowie aus seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium.

Zweitens finde Europa wieder Hoffnung in der tätlichen Solidarität, „die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus” sei. Der Politik schrieb der Papst eine „Führungsrolle der Ideen“ zu: Sie muss „vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen“. Hier müssten dann die „Schnelleren“ den „Langsameren“ die Hand reichen, „und wer Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen“.

Drittens solle Europa sich nicht „in die Angst falscher Sicherheiten“ einschließen, riet der Papst. Stichwort Flüchtlingskrise: Die dürfe man nicht allein als wirtschaftliches oder Sicherheitsproblem angehen, sondern als kulturelle Herausforderung begreifen. Der Wohlstand habe offenbar Europa heute „die Flügel gestutzt“, dabei sei der Reichtum des Kontinents „immer seine geistige Offenheit gewesen“, betonte Franziskus. „Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art.“

Viertens finde Europa wieder Hoffnung, „wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert“. Franziskus nannte als Hindernisse zum sozialen Frieden ein Leben im Elend, ohne Arbeit oder Aussicht auf menschenwürdigen Lohn. Es gebe auch „keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren“.

Fünftens gebe es Europa wieder Hoffnung, wenn es auf die Jugend setzt. Europa müsse seinen jungen Menschen Bildung garantieren und ihnen ermöglichen, Familien zu gründen und Kinder zu bekommen, „ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können“.

60 Jahre, das sei heutzutage mit der langen Lebenserwartung „die Zeit der vollen Reife“, sagte der Papst in Anspielung auf seine Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg, bei der er den Kontinent als „Großmutter“, bezeichnet hatte, die „nicht mehr fruchtbar und lebendig“ sei. Diesmal bemühte sich der Papst darum, das Bild ins Positive zu wenden: „Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen.“ Und der Papst widerholte seine Bitte an die Verantwortungsträger Europas, wie er sie bei seiner Karlspreisrede geäußert hatte: Es gelte, einen „neuen europäischen Humanismus“ zu finden, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht.

Wer alles da war

Neben den Staats- und Regierungschefs von 27 europäischen Staaten, darunter die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, waren auch die Granden der Europäischen Union als solcher gekommen: Antonio Tajani, der neue Präsident des Europaparlaments, Donald Tusk, soeben im Amt bestätigter Präsident des Europäischen Rates, und Jean-Claude Juncker, Präsident der europäischen Kommission.

Die Staaten, die vor 60 Jahren im Senatorenpalast auf dem römischen Kapitol die Römischen Verträge unterzeichneten, waren die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien sowie die Benelux-Staaten, also Belgien, die Niederlande und Luxemburg. Der Kreis hat sich inzwischen auf 28 minus eins erweitert: Großbritannien tritt aus.

(rv 24.03.2017 gs)

Auf den Spuren der göttlichen Barmherzigkeit (Teil 2)

Feier des Westfälischen Friedens 1648, ein Gemälde von Bartholomeus van der Helst. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

Europa, Islam und Reformation:

Zweiter Teil des großen EWTN-Interviews mit Erzbischof Marek Jedraszewski

Seit kurzem ist er dritter Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. als neuer Erzbischof von Krakau: Der profilierte Oberhirte, langjährige Professor für christliche Philosophie und heute stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Marek Jedraszewski. Im EWTN-Interview, aufgenommen mit Robert Rauhut im Umfeld des Weltjugendtages 2016, spricht er unter anderem über den Umgang mit dem Islam und dem Reformationsgedenken.

Den ersten Teil des Gesprächs lesen Sie hier. Der dritte und letzte Teil erscheint am morgigen Dienstag, 7. März. Das Interview ist auch in der Reihe „Polonia semper fidelis“ beim katholischen Fernsehsender EWTN zu sehen. Weitere Infos hierzu finden Sie auf www.ewtn.de und auf der Facebookseite von EWTN.

Robert Rauhut: Herr Erzbischof, was sind heute die größten Herausforderungen der katholischen Kirche in Polen?

Erzbischof Jedraszewski: Zweifellos könnte uns hier mögliche Selbstzufriedenheit drohen. Der Zustand des religiösen Lebens der Menschen in Polen ist viel besser als der der Menschen in Westeuropa. Das ist eine soziologische Tatsache, die allgemein beobachtbar ist. Allerdings ist ein gewisses Ringen vorhanden. Wir wissen nicht genau, was in zehn, zwanzig Jahren auf uns zukommt, in welche Richtung sich die Kirche entwickeln wird. Ob wir als Kirche und eine gläubige Nation dieser Vorstellung von einer Welt und von einem Leben ohne Gott nicht unterliegen werden, darüber haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. oft geschrieben, der Vorstellung, es gäbe keinen Gott. Die Möglichkeit einer Entwicklung in diese Richtung besteht. Dieses Ringen kann aber durchaus in eine andere Richtung umschlagen, so dass wir daraus gestärkt hervorgehen, mit der Wahrheit von Jesus Christus noch stärker verbunden. Also ist es eine Zeit des Ringens. Gott weiß, was in Zukunft kommt.

Kirche ein Raum von Freiheit und Liebe

Wenn wir aber vom Ringen sprechen, so müssen wir uns der Orte dieses Ringens bewusst sein, denn von den Ergebnissen des Ringens wird die Zukunft abhängen. Erstens sind es die Jugendlichen. Viele kennzeichnet ein Verlorenheitsgefühl. Es hat sich etwas ereignet, was einerseits interessant andererseits sehr wichtig ist. Wenn wir nämlich die Kirche in Polen in den letzten Jahrzehnten, zu kommunistischen Zeiten, betrachten, war die Kirche für die Menschen ein Raum der Freiheit. Auch für die Nichtgläubigen, die in der Kirche Schutz oder auch Unterstützung suchten. Diesen Freiheitsraum konnten auch die Jugendlichen erfahren. Heute wird die Kirche als ein Menschenkreis ohne Freiheit dargestellt, ja, ein Raum, wo gegen Freiheit gekämpft wird. Denn dies ist verboten, jenes ist verboten… Man versucht, die Kirchenlehre als Verbote zu deuten. Bis zu einem gewissen Grad ist es richtig, denn die meisten Gebote des Dekalogs sind als Verbote formuliert. Bis auf zwei – das dritte und das vierte.

Zu wenig wird darüber gesprochen, dass die Freiheit erstens auch ihre Grenzen hat. Und wenn sie als Freiheit gelten will, so muss sie auch diese Grenzen anerkennen. Zweitens wird vielleicht die positive Aussage des Evangeliums zu wenig akzentuiert. Jesus Christus sprach, wir sollen Gott und unsere Nächsten lieben. Da ist kein Verbot drin, es wird gesagt – du sollst lieben! Wir können auch sagen, liebe und mache, was du willst. Du sollst aber mit dieser Liebe lieben, die uns Jesus Christus beigebracht hat. Sehe nicht als Liebe dasjenige an, was oft Gegensatz der Liebe ist. Gegensatz der Liebe, die als Agape, Caritas, als selbstlose, opferbereite Liebe aufgefasst wird, die alles zu leiden bereit ist, wenn dadurch einem Menschen Gutes getan werden kann. Eine schwierige Liebe ist es. Das ist aber dasjenige, was das Christentum ausmacht. Den jungen Menschen diese Perspektive des Evangeliums und dadurch eine der Perspektive entsprechende Botschaft der Kirche zu zeigen, halte ich für eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Werden die jungen Menschen sie annehmen wollen, so besteht die Hoffnung, dass die Zukunft der Kirche in Polen besser als die Gegenwart sein wird.

Wenn wir die Herausforderungen im Jugendbereich in der Kirche und in der Gesellschaft vergleichen, so sehen wir, dass der Westen heute auch vor anderen großen Herausforderungen steht. Einerseits sind wir mit dem kämpfenden Atheismus, dem sich verbreitenden Agnostizismus konfrontiert, andererseits haben wird den stark wachsenden Islam. Was ist aus ihrer Sicht die Hauptschwäche des Westens bei der Begegnung dieser Herausforderungen?

Ich antworte auf Ihre Frage vielleicht etwas indirekt, glaube aber, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen. Vor mehreren Jahren wurde ein heute schon etwas älterer Herr durch sein staatliches Unternehmen – damals hieß staatlich so viel wie kommunistisch – zur Arbeit in den Irak entsandt. Als er eine Umfrage ausfüllen musste, wurde er darauf hingewiesen, dass er unter Konfession unbedingt „katholisch“ eintragen sollte. Der Hinweis kam von jemandem, der die kommunistische Regierung vertrat. Dann kam von dem Mann nun die Frage: „Warum? Der Glaube wird doch bei uns verleugnet.“ Da kam die Antwort: „denn die Menschen im Irak behandeln Ungläubige wie Tiere, denen keine Rechte zustehen. Man behandelt sie wie Hunde“. Ich kannte das nicht. Ich kenne den Koran auch nicht gut genug, um dies entsprechend zu interpretieren. Ich schließe aber nicht aus, dass es in bestimmten Ländern, wo ein kämpferischer Islam herrscht, es Richtlinien gibt, wie sich ein gläubiger Muslim zu verhalten hat. Und jetzt komme ich auf Ihre Frage zurück – Menschen, wie sie diese Geschichte beschreibt, kommen nach Europa. Wie betrachten sie Atheisten, Agnostiker, diejenigen, die das Christentum bekämpfen? Sie betrachten sie nicht über die Würde einer Person, unabhängig davon, ob diese gläubig oder ungläubig ist, das heißt sie greifen nicht auf Kategorien zurück, die für uns offensichtlich sind.

„Das sprengt unsere Denkweise“

Ein grundsätzliches Betrachtungskriterium verläuft entlang dem Gegensatzpaar: gläubig – ungläubig. Bist du ungläubig, ja, bist du der Meinung, dass dies ein Ideal ist und dieses Ideal auch die Christen annehmen sollten, so schauen sie umso herablassender auf dich, auf die Länder des westlichen Europas, in denen sie angekommen sind. Es ist für sie keine Kultur, die sie imstande sind zu achten, geschweige denn zu akzeptieren. Das wird für sie eher der Gegenstand eines Kampfes sein, etwas, was vernichtet werden muss. Ich möchte es nochmals unterstreichen – das sprengt unsere Denkweise, eine europäische Denkweise, die auf der christlichen Kultur aufbaut. Aber so ist es und davor die Augen zu verschliessen bringt nichts. Und ich komme noch auf den anderen Teil ihrer Frage zurück: Was soll getan werden?

„Es herrscht eine axiologische Leere“

Sicherlich ist damit kein Versuch gemacht, diese Probleme zu lösen, wenn man gegen das Christentum scharf vorgeht, was heutzutage der Fall ist. Übrigens, vor dieser axiologischen Leere, vor dem Nihilismus im Bereich der Ideen, der zur Zeit herrscht, haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Europa mehrmals gewarnt. Sie haben unterstrichen, dass es kein richtiger Weg zur Aufrechterhaltung der europäischen Identität ist. Und hier noch eine für uns sehr traurige aber treffende Aussage von Benedikt XVI. – Europa liebt sich nicht mehr, liebt SICH nicht mehr, seine Tradition, seine Wurzeln. Von denen will es sich um jeden Preis abkehren. Dies ist aber ein suizidaler Weg.

Benedikt XVI. sagte nicht nur, dass der Westen sich nicht liebt, sondern dass er sich geradezu hasst. Eine sehr scharfe Formulierung war das.

Wenn wir dabei an den kämpfenden Atheismus denken, dann ja, dann müssen wir vom Hass sprechen.

Das Fehlen der Liebe…

Ja, das Fehlen der Liebe. Mehr noch, denn mit „Fehlen“ wird es positiv umschrieben. Man will das vernichten, was einem nicht passt.

Das heißt, dass eine Antwort auf diese zwei Herausforderungen darin bestände, dass wir als Katholiken, Christen unsere Identität formen, leben und sich zu ihr öffentlich bekennen.

Das ist unsere Hauptaufgabe. Dazu hat Jesus Christus seine Jünger aufgefordert. So war auch die Kirche in den ersten Jahrhunderten, den ersten drei Jahrhunderten grausamster Verfolgungen der Kirche, ununterbrochener Kämpfe – so war es. Wollen wir an die Ursprünge zurückgehen, an die Ursprünge der Kirche, des eigenen Glaubens, so müssen wir zu diesem Bekenntnis zurückkehren: Wer bin ich? Wir müssen stets zeigen, dass das, was ich vertrete, dessen wert ist, dass man sich dafür interessiert, ja, es vielleicht sogar achtet und bewundert.

Ich komme kurz nochmal zurück auf die drei ersten Jahrhunderte der Christenverfolgung. Sie waren grausam, gekennzeichnet durch einen schwer nachvollziehbaren Hass gegenüber den Christen. Irrationalen Hass. Andererseits, dieselben Römer, die die Christen den Löwen zum Fraß vorwarfen, sagten: „seht, wie sie sich lieben“. Die Römer haben in den Christen etwas Außergewöhnliches gesehen, jene Kraft, die es ermöglicht bei Christus zu bleiben. Und die Christen haben es selbst begriffen, dass die Saat der jungen, kräftigen Kirche das Blut der Märtyrer ist.

Wenn wir das theologisch ausdrücken sollten, dann würden wir sagen, die Christen haben sakramental gelebt, sie waren ein Zeichen dessen, was vorangegangen ist. Das hat die anderen betroffen gemacht.

Anders hätte es nicht sein können. Wenn jemand das zutiefst lebt, dann sprechen wir von der Menschlichkeit in ihrer Vollendung, der der Tod keine Grenzen setzt. Eine Menschlichkeit, die sich auch nach dem Tod weiter verwandelt und als ehrenvolles Leben der Erlösten fortgesetzt wird.

Wie ist aber vor diesem Hintergrund die politische Korrektheit/political correctness gegenüber den Muslimen zu erklären? Das Bild des Islams wird oft entweder sehr märchenhaft gezeichnet, wie die Erzählungen aus „Tausend und eine Nacht“. Oder der Islamismus und Terrorismus werden vom Islam so strikt auseinander gehalten, dass der Eindruck entsteht, das eine hätte mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.

Ich habe neulich einen Artikel über den Islam gelesen. Er berichtete darüber, dass Mohammed selbst seinen Anhängern beigebracht haben sollte, wie sie sich zu verhalten haben. Es hieß: seid ihr in der Minderheit, so achtet diejenigen, unter denen ihr lebt. Seid ihr auf gleicher Augenhöhe, so fordert Rechte für euch. Seid ihr in der Mehrheit, bekämpft sie.

Ich spreche darüber unter Bezug auf einen Artikel – persönlich habe ich es nicht überprüft. Aber vielleicht stimmt es. Damit wird gezeigt, dass der Islam kein einheitliches Gesicht hat. In der katholischen Kirche wird die Einheit gewahrt – durch das kirchliche Lehramt und eine strikt festgelegte Doktrin.

Der Islam ist sehr gespalten…

Ja, höchst gespalten. Jeder Imam kann seine Koraninterpretation verkünden, die etwas mehr oder etwas weniger von den politischen Faktoren abhängt. Es bestehen also Unterschiede. Es wäre falsch zu sagen, dass einerseits ein Islam wie aus dem Märchen „Tausend und eine Nacht“, ein guter Islam besteht und auf der anderen Seite haben wir den Terrorismus, der keine Verbindung zum Islam hat. Er ist mit einem Teil des Islams verbunden, so sind die Fakten.

Die politische Korrektheit ähnelt der Vogel-Strauß-Politik – ich ignoriere Probleme und stecke den Kopf in den Sand. Aber die Folgen dieser Politik können verheerend sein. Das Problem der Verantwortung in der Politik ist nämlich keins der aktuellen Unterstützung einer Partei oder dass um die Wählerstimmen um jeden Preis gekämpft wird, um in den nächsten Wahlen zu gewinnen. Umso weniger ist es der Versuch, über die Köpfe der wählenden Nationen, Gemeinschaften hinweg zu regieren. Wir haben neulich den Aufruf der europäischen Regierenden gehört, man solle die Stimmen der Wähler nicht zu ernst nehmen. Da drängt sich die Frage auf, wie ist das mit der Demokratie zu vereinbaren. Die große Politik ist ein Versuch die Gegenwart vor dem Hintergrund der Vergangenheit zu verstehen, und solche Maßnahmen für die Zukunft zu ergreifen, die den Bürgern zugute kommen.

„Europa der Vaterländer“

Wenn wir heute auf die Ursprünge der Europäischen Union zurückblicken, so sehen wir, dass ihr Entstehen keine einfache Geburt war. Sie entstand nach der Katastrophe des zweiten Weltkriegs, aus der Vision von drei Großen heraus: Konrad Adenauer, Schuman und de Gasperi. Drei großartige Politiker aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Traditionen. Aus Ländern, die in unterschiedlichem Grade in die Katastrophe – zuerst des ersten, dann des zweiten Weltkrieges – verwickelt waren. Sie haben aber eingesehen, dass wir zu den Ursprüngen zurückgehen müssen, wenn Europa erhalten bleiben sollte, und zwar in seiner Rolle als ein gewisses Zentrum, aus dem die anderen Nationen schöpfen können. Nicht im kolonialen Sinne, auch nicht im kulturkolonialen Sinne. Denn wenn man zurückblickt, dann sieht man, dass sich Europa von der Einwanderung der Barbaren im 7. und 8. Jahrhundert erholen konnte, dass Europa die Katastrophe der Reformation und der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert überlebte, und dass darauf zurückgegriffen werden muss, und zwar in einer bestimmten Form – dafür hat de Gaulle geschwärmt – in Form eines Europas der Vaterländer.

Das heißt, wenn wir unsere europäische Identität betonen, dann meinen wir nicht nur den Glauben, sondern auch die Wahrheit. Man hört oft, es gäbe keine einzige Wahrheit. Das hat eine Reihe Konsequenzen, nicht zuletzt im Umgang mit den Flüchtlingen und Migranten und der Herausforderung, wie diese sich integrieren können, sofern sie denn das auch wollen.

Ich habe das schon erwähnt – wenn Sie eine Kultur per definitionem als schlecht betrachten, eine die es zu bekämpfen gilt, dann ist es kaum zu erwarten, dass Sie sich in diese Kultur integrieren. Sie können uns – ich spreche von Europa – achten, wenn es ein Europa der Menschen sein wird, die nicht tun und lassen, was sie wollen. Sondern ein Europa der Gemeinschaft von Nationen, die eine gemeinsame Welt der Werte teilen. Beständige Werte. Objektive Werte. Werte, die in Gott verankert sind. Das hat Benedikt XVI. oft wiederholt: dem Leben, als ob es keinen Gott gäbe hat er das gegenübergestellt, was zum Inhalt der Pascalschen Wette gehört: Lebe dein Leben so, als ob es Gott gäbe. Damit ist dein Überleben garantiert. Du betrittst die Welt beständiger Werte, die du nicht unbedingt mit Gott verbindest. Aber die Welt der Werte ist da. Die Welt der objektiven Wahrheit ist da. Gerade dies wird in der heutigen Kultur eliminiert, vor allem in der akademischen Kultur.

Wir kommen noch auf das Thema der akademischen Kultur zurück. Ich hätte noch eine abschließende Frage zu diesem Gesprächsteil: sollten wir uns als Katholiken in Westeuropa mehr mit den Christen bei uns aber auch im Nahen Osten solidarisieren?

Die Bischöfe aus diesen Ländern, aus dem Irak, aus Syrien, sagen: macht bitte alles, damit unsere Gläubigen dort bleiben. Wir dürfen nicht vergessen, dass in Palästina aber auch im heutigen Irak, in Syrien, Libanon – Christen leben, deren Geschichte auf die Anfänge des Christentums zurückgeht. Sie haben so viel Schrecken erfahren müssen. Es gab Zeiten einer prachtvollen Entwicklung, aber größtenteils mussten sie leiden. Und sie haben überlebt. Und plötzlich drohen sie zu erlöschen. Es gibt sie nicht mehr. Das ist tragisch. Das müssen wir, Christen in Europa, mitempfinden. Deshalb ist unsere Hilfe, unsere Solidarität erforderlich. Hilfe, die den Christen vor Ort, den dort lebenden Christen geliefert werden sollte. Übrigens, solche Hilfemaßnahmen liefert die Caritas Polen. Auch mehrere Besuche des Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz, von Erzbischof Gądecki in Syrien, sind der beste Beweis dafür.

Wir haben darüber gesprochen, wie wir als Katholiken auf diese Herausforderung des Islams reagieren sollten, welche Maßnahmen wir ergreifen sollten, auch vor dem Hintergrund der säkularisierten westlichen Kultur. Ich stelle vielleicht noch eine zusätzliche Frage: inwiefern sollten wir uns als Kirche von der Welt abgrenzen, inwiefern sollten wir mit dieser Welt verschmelzen?

Beides ist falsch. Die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils aus der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ äußert sich in dieser Hinsicht eindeutig. Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Angst dieser Welt, sind Freude, Hoffnung aber auch Trauer und Angst der Kirche. Wir dürfen uns nicht gettoisieren. Das macht das Christentum, vor allem die katholische Kirche so einzigartig – die Kirche wollte sich nie ghettoisieren lassen.

Als Johannes Paul II. 1991 in Polen, gleich nach der Wende, war, sagte er, dass wir als Nation in den letzten 50 Jahren die Erfahrung der Ghettoisierung machen mussten. Eine Nation, die – wie es ein prominenter kommunistischer Politiker mal gesagt hat – in der Sakristei abgesperrt werden muss. Betet so viel wie ihr wollt, sprecht Litaneien, weint vor den Bildnissen der Gottesmutter, aber wehe denen, die es wagen, diesen Glauben außerhalb von der Kirche zu tragen, zu leben und durch diesen Glauben die Welt zu verändern.

Kommt hier der Aspekt der Tapferkeit hinzu? Geschichtlich gesehen, zum Beispiel die Schlacht bei Wien 1683, früher die Seeschlacht von Lepanto…

Die beiden Schlachten, die Sie erwähnt haben, stehen als Symbole für ständige Kämpfe an der polnisch, ja, europäisch-osmanischen Grenze. Diese Siege waren jeweils eine Antwort auf eine enorme Gefahr des Einmarsches durch die Türken. Es schien, als ob dem Christentum in Europa ein Ende gesetzt wird. Natürlich hing dies zusammen mit der geistigen Schwäche des damaligen Europa. Und plötzlich kommt eine enorme Mobilisierung; die Mobilisierung durch das Gebet, durch das Gebet zur Gottesmutter.

Zu Christus im Alltag stehen ist Tapferkeit

Es war der Fall bei Lepanto, genauso war es bei der Schlacht unter Führung von Jan III. Sobieski. Und dann kommt der Sieg, die Freude. Das stärkt. Die Tapferkeit ist eine Eigenschaft, die mit dem Mut zusammenhängt. Sie ist einerseits eine natürliche Eigenschaft, sie ist aber auch ein Beweis für die Reife einer Person. Ich würde sie auch im Kontext der Fähigkeit sehen, ein Zeugnis für Christus im Alltag zu geben. Ein Zeugnis für die Treue. Das ist oft viel schwieriger als ein einmaliges Tapferkeitszeichen, selbst bei einer sehr dramatischen Schlacht.

Der Fernsehsender, in dem dieses Gespräch ausgestrahlt wird, hat viele deutsche Zuschauerinnen und Zuschauer. Nun wird die protestantische Kirche das 500-jährige Jubiläum der Reformation im Jahre 1517 feiern. Meine Frage wäre, wie wir als Katholiken diese 500 Jahre betrachten sollen? Das war nicht nur ein buntes Ereignis, sondern auch ein etwas brutales Ereignis, das viele Menschen betroffen hat.

Ich wage zu sagen, dass es eine Tragödie für den Westen war. Ich denke dabei an die Folgen. Ich möchte jetzt nicht von den Absichten von Luther, Calvin oder anderer großer Väter der Reformation sprechen, das ist eine andere Angelegenheit. Dafür würde ich gerne ein paar Worte zu den für Europa verheerenden Folgen sagen. Erstens kam es zu Religionskriegen, die sehr grausam waren, so auf der einen, wie auf der anderen Seite. Bis auf Polen, auf dessen Gebiet die Kriege gar nicht stattfanden. Das möchte ich sehr deutlich unterstreichen. Ich komme noch darauf zurück. Nach meiner Ansicht hätte es weder die Aufklärung gegeben, noch den deistischen Begriff von Gott, wenn es zu den Religionskriegen und zu der schrecklichen Trennung Europas in ein katholisches und protestantisches nicht gekommen wäre. Denn bei den Menschen, die dieses Böse irgendwie abwehren wollten, musste die folgende Frage aufkommen: Wie ist es möglich, dass die beiden Parteien im Namen von Christus so grausam töten? Kann man die Religionen noch als wahr bezeichnen?

„Im Namen des Menschen gegen das Christentum“

Vielleicht können Sie sich daran erinnern, was Jesus Christus beim letzten Abendmahl gesagt hat: Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr eins seid. Hier, in der sogenannten Reformation, wurde die Einheit brutal zerstört. Mit verheerenden Folgen. Und es wundert mich nicht, dass viele auf die Frage, ob das Christentum die wahre Religion ist, eine verneinende Antwort gaben und sich sagten: lasst uns etwas konzipieren, was uns einigen könnte, was die Religion der Vernunft wäre. So ist der Deismus entstanden. Und die Aufklärung. Und all das, was die Aufklärung mit sich brachte, indem sie im Namen des Menschen gegen das Christentum kämpfte. Im gewissen Grad kehrt das immer wieder zurück, bis heute.

Sie wollten aber auch an die Toleranz in Polen anknüpfen, die war da, auch wenn es zu keiner Konfrontation mit dem Protestantismus kam.

Richtig, es kam zu keiner Konfrontation. Sie müssen wissen, dass der polnische König Sigismund II. August, der letzte der Jagiellonen, sehr schnell die Beschlüsse des Konzils von Trient angenommen hat, das in der Geschichte als Ausdruck der Gegenreformation gilt. Er hat die Beschlüsse genehmigt, damit sie in Polen gelten können, gleichzeitig jedoch sagte derselbe König: „ich bin nicht der Herr eurer Gewissen. Ihr seid es, die sich entscheiden.“  So etwas, wie in Deutschland nach dem Westfälischen Frieden von 1648 – Cuius regio, eius religio – gab es nicht. Dass von einem Tag auf den anderen die Religion des Herrschers zur Religion aller Bewohner seines Landes wurde. Es war doch in gewissem Grad ein extremer Ausdruck der Intoleranz.

„Pogrome sind kein polnischer Geist“

Freilich ging es darum, weitere Konflikte und Spannungen zu vermeiden. Durch rationales Vorgehen. Es wurden aber Maßnahmen herangezogen, die mit der Achtung des persönlichen Glaubens eines jeden Bürgers bzw. der Untertanen eines konkreten Herrschers nichts zu tun hatten. In Polen war dies nicht der Fall. Die Königliche Republik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen war ein großes europäisches Land, wohl das flächengrößte Land des damaligen Europa. Sie umfasste die heutige Ukraine, Litauen, Livland, das heißt Lettland und Estland, bis hin zur Moldau. Es war ein großer Organismus , in dem ein Mosaik von Ethnien und Religionen lebte. Wohl gefühlt haben sich hier die Juden, die in Westeuropa verfolgt wurden. Hier fanden sie den Ort der Zuflucht. Sie waren es, die den Ausdruck Paradisus Iudaeorum, Polen – Paradies der Juden geprägt haben. Das dauerte bis zur Teilung Polens und bis das orthodoxe Russland mit Pogromen vorging – das geschah zwar auf dem ehemaligen polnischen Gebiet, dahinter stand aber kein polnischer Geist. Das möchte ich ausdrücklich unterstreichen. So was war Polen – das Phänomen der Religionskriege war Polen, einem katholischen Land, nicht bekannt.

Ich gebe Ihnen noch ein anderes Beispiel. Das, was wir in unserer Geschichte die Schwedische Sintflut nennen. Die Invasion des schwedischen Heeres auf Polen im Jahre 1655. Laut der schwedischen Propaganda sollte damit die Befreiung der Protestanten von der Macht der scheußlichen Katholiken ermöglicht werden. Dabei fanden sie vor Ort zu ihrer großen Überraschung keine Unterstützung. Keine Unterstützung im folgenden Sinne: sie haben hier keine Protestanten vorgefunden, die in Unterdrückung gelebt hätten.

Sie haben dieses Problem nicht gesehen, weil es ein künstlich geschaffenes Problem war…

Ja. Ich gebe Ihnen aber noch ein anderes Beispiel. In unserer Geschichtsschreibung, sicherlich nicht nur in unserer, gilt als Gipfel der polnischen Intoleranz die Vertreibung der Arianer 1658. Arianer ist die polnische Bezeichnung für Böhmische Brüder, eine – wie soll ich sagen – Sekte bzw. religiöse Gemeinschaft, die historisch mit Jan Hus und den Hussiten zu assoziieren ist. Sie wurde aus Böhmen vertrieben und hat Zuflucht in Polen gefunden. Einer ihrer Hauptvertreter war Johann Comenius, der schließlich in Holland eintraf. Und so begrüßten Comenius und die Brüder, dort wo sich gerade aufgehalten haben, zum Beispiel im polnischen Lissa, also dem großpolnischen Leszno, die Schweden als Erlöser. Sie öffneten den Schweden die Stadttore, und Comenius selbst stiftete die große Kanone, mit der die Mauern von Jasna Góra zerstört werden sollten.

„Invasion von allen Seiten“

Und nun meine Frage: was wurde im damaligen Europa mit eindeutigen Verrätern von Europa, Verzeihung, Verrätern ihres Landes gemacht? Tod durch Erschießen war die mildeste Strafe. Was wurde in Polen gemacht? Im besagten Jahr 1658, während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Schweden aber andererseits auch mit dem zaristischen Russland; Polen hat zu dieser Zeit eine Invasion von fast allen Seiten erlebt. Also in Polen hat man sie gebeten, sich zu entscheiden. Sind sie Polen, dann müssen sie ihr Vaterland verteidigen, sind sie keine Polen, dann müssen sie das Land verlassen. Und auf diese Weise kamen Comenius und die anderen nach Holland. Ist das ein Beispiel für Intoleranz, für den Kampf gegen andere Religionen? Ich füge noch zu der Frage hinzu: unter Berücksichtigung der damaligen Mentalität.

Es gab verschiedene weitere gute Beispiele in der Geschichte Polens. Nennen wir Paweł Włodkowic und seine Rede über die Evangelisierung…

Ja, auf dem Konzil von Konstanz, ja…

…und seine Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden. Kommen wir aber auf einen bereits kurz angesprochenen Aspekt zurück: der Westfälische Frieden 1648 und die Spaltung. Die dort getroffenen Entscheidungen waren vor allem politischer Natur, aber auch geistiger. Wie sollte das Verhältnis zwischen dem Sacrum, dem geistigen Aspekt und der Politik heute aussehen?

Ich glaube, man müsste sich hier wieder auf die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils beziehen, insbesondere auf die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute. Dort steht ausdrücklich geschrieben, dass die öffentliche Wirklichkeit, das heißt auch die staatliche und die kirchliche Wirklichkeit, zwei unterschiedliche autonome Wirklichkeiten sind. Allerdings, Autonomie, Abgesondertheit kann als Feindlichkeit aufgefasst werden. So war es der Fall in der Französischen Revolution 1789. Es war auch der Fall während der kommunistischen Zeit in unserem Teil Europas.

„Staatsbürger und Mitglied der Kirche“

Diese zwei Wirklichkeiten – des Staates und der Kirche – können aber auch, bei (gleichzeitiger) jeweiliger Autonomie, als Wirklichkeiten aufgefasst werden, die bereit sind in allen Fragen zusammenzuarbeiten, die das Wohl des Menschen betreffen. Denn ein und derselbe Mensch kann gleichzeitig Bürger eines Staates und Mitglied der Kirche sein. Und als Bürger hat er das Recht, im Lichte seiner unantastbaren Rechte als Mensch, sich zu seinem Glauben zu bekennen, auch im öffentlichen Raum, im Einklang mit dem Glauben zu leben und auf diese Weise das gemeinsame Wohl aufzubauen. Ich glaube, bei diesem Modell des Verhältnisses Kirche-Staat, ja, durch die Umsetzung dieses Modells, würde Europa sehr viel gewinnen.

Bedeutet es, dass auf der innerkirchlichen Ebene die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils vertieft werden muss, damit der Begriff der Autonomie besser verstanden werden kann? Das ist sicherlich die Frage der Implementierung der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils und der Diskussion um diese Implementierung, um die Hermeneutik des Konzils.

Seit dem Abschluss dieses Konzils ist bereits ein halbes Jahrhundert verstrichen und immer wieder zeigt sich, dass es schwierig ist nicht so sehr die konkreten Empfehlungen oder Beschlüsse des Konzils anzuwenden, sondern einen bestimmten Geist des Konzils, der in diesen Dokumenten präsent ist, zu implementieren. Das letztere stellt für uns eine große Verpflichtung dar, die Beschlüsse des Konzils ins Leben umzusetzen.

Umsetzung in neuer Wirklichkeit

Wenn Sie genauer hinschauen, müssen Sie feststellen, dass das Programm, das Johannes Paul II. am Anfang seines Pontifikats vorgestellt hat, im Grunde genommen auf die Umsetzung der Beschlüsse des Konzils abzielte. Die Umsetzung in einer neuen Wirklichkeit, in der sich die Welt vorfand oder vorfinden sollte. Es hieß aber – konstanter Rückgriff auf die Ideen, die während des Konzils reiften und ihren Ausdruck in unterschiedlichen Dokumenten fanden. Leider haben wir damit immer wieder Probleme.

Das ist natürlich ein weites Feld. Aber bedeutet es, dass wir die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils als Fortsetzung der früheren Tradition des kirchlichen Lehramtes lesen sollten?

Es ist nicht so, dass die jüngste Geschichte der Katholischen Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil beginnt. Und dass es früher nur eine Leere bzw. nur das Böse gab. Wenn wir uns die großen Dokumente des Konzils näher anschauen, so finden wir unter den Formulierungen vielerlei Bezüge auf die frühere Lehre der Kirche…

…zum Beispiel auf Pius XII.

Ja, auch auf Pius XII., einen großen Papst, einen Papst, der in gewissem Grade dazu beigetragen hat, vielleicht nicht mit Absicht, vielleicht nicht unmittelbar, aber trotzdem dazu beigetragen hat, dass sein Nachfolger, Johannes XXIII. das Konzil letztlich einberufen hat. Es ist also nicht so, dass alles seinen Beginn in dem Konzil nimmt. Das wäre eine verfehlte Perspektive auf das, was die Kirche ist. Übrigens, widmete sich das Konzil vor allem den pastoralen und nicht so sehr den dogmatischen Fragen, auch wenn es zwei dogmatische Konstitutionen beschlossen hat. Also vor allem seelsorgerisch, das heißt, der Versuch die Verortung der Kirche und ihre Mission zu verstehen, zu verstehen, wie die Kirche mit der gegenwärtigen Welt sprechen soll, so dass die Botschaft des Evangeliums verständlich ist und angenommen werden kann. Es ist wahrhaftig etwas paradox – das Konzil endet 1965 und drei Jahre später kommt es zur Revolution von 1968. Damit wird – so könnte man sagen – die Kirche als eventueller Partner bei der Gestaltung der Zukunft der Welt vollständig abgelehnt.

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Quelle

Auf den Spuren der göttlichen Barmherzigkeit (Teil 1)

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„Machiavelli war es, der Polen als Bollwerk der Christenheit bezeichnet hat“: Erzbischof Jedraszewski im Gespräch mit Robert Rauhut. Foto: EWTN

Erster Teil des großen EWTN-Interviews mit Erzbischof Marek Jedraszewski

Seit kurzem ist er dritter Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. als neuer Erzbischof von Krakau: Der profilierte Oberhirte, langjährige Professor für christliche Philosophie und heute stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Marek Jedraszewski. Im EWTN-Interview, aufgenommen mit Robert Rauhut im Umfeld des Weltjugendtages 2016, spricht er unter anderem darüber, was den deutschen Nachbarn so katholisch macht – und welche wichtige Rolle Polen spielt für das Christentum in Europa.

Das Interview ist auch in der Reihe „Polonia semper fidelis“ auf EWTN zu sehen. Weitere Infos hierzu finden Sie auf www.ewtn.de und auf der Facebookseite von EWTN. CNA Deutsch veröffentlicht das Gespräch in drei Teilen.

Robert Rauhut: Herr Erzbischof, das Gespräch würde ich gerne mit dem Thema der Taufe Polens eröffnen. In Polen wurde, ja wird immer noch in diesem Jahr das Jubiläum groß gefeiert. Welche Bedeutung hat diese Taufe für uns Christen in Europa heute?

Erzbischof Jedraszewski: Einmal ist es ein Fest für Polen, denn hier hat vor 1050 Jahren diese stattgefunden, als sich der damalige Herrscher der Polanen, Fürst Mieszko I. taufen ließ. Aber auch für Europa hat die Taufe ihre Bedeutung.

Denn die Annahme der Taufe gerade durch Mieszko I. hat die Grenzen der westeuropäischen Kultur bestimmt. Die Taufe der Rus erfolgte einige Jahre später, zu den Zeiten Wladimirs I., des Großen. Er hat allerdings das Christentum aus Byzanz angenommen. Man muss hinzufügen: die Kirche war zu dieser Zeit noch nicht in die orthodoxe und die römische Kirche geteilt. Nichtsdestotrotz waren die Kulturunterschiede deutlich. Übrigens, diese waren von Anfang an, seit Konstantin, sichtbar und wurden immer größer.

„Europa nimmt seit 966 eine Gestalt an, und die Bestimmung dieser Gestalt kam über Polen“

Das waren zwei unterschiedliche kulturelle Welten; auch bei vielen verbindenden Merkmalen. Diese Verbindung baute zum Beispiel auf dem griechischen Gedankengut auf, aber auch auf dem römischen Recht; dem Römischen Reich, das in der Epoche von Konstantin dem Großen noch einheitlich war. Das hat sich natürlich später geändert. Das Römische Reich wurde an Konstantinopel gebunden. Es kam zu Eroberungen durch die Barbaren. Europa erwachte neu. Und neu erwuchsen damals auch die christlichen Wurzeln des frühmittelalterlichen und mittelalterlichen Europa.

Im Jahre 966 ist Polen dazu gestoßen. Und seine Grenzen stellten auch die östliche Grenze der westlichen, lateinischen Kultur dar. Jenseits der östlichen Grenze Polens lag auch ein teilweise christliches Land – ich denke hier an die Rus nach der Taufe. Das war allerdings eine andere Kultur und eine andere Art von Christentum, was sich nach der Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel im Jahre 1054 nur noch vertieft hat. Und das hat eine Bedeutung – Europa nimmt seit 966 eine Gestalt an und die Bestimmung dieser Gestalt kam über Polen. Ich denke hier an die Politik, an die Kultur vergangener Jahrhunderte und der Gegenwart.

Das waren zwei unterschiedliche kulturelle Welten; auch bei vielen verbindenden Merkmalen. Diese Verbindung baute zum Beispiel auf dem griechischen Gedankengut auf, aber auch auf dem römischen Recht; dem Römischen Reich, das in der Epoche von Konstantin dem Großen noch einheitlich war. Das hat sich natürlich später geändert. Das Römische Reich wurde an Konstantinopel gebunden. Es kam zu Eroberungen durch die Barbaren. Europa erwachte neu. Und neu erwuchsen damals auch die christlichen Wurzeln des frühmittelalterlichen und mittelalterlichen Europa.

„Europa will seine christlichen Wurzeln vergessen“

Und die Feier des 1050-jährigen Jubiläums erinnert daran, was Europa irgendwie um jeden Preis vergessen will – im Bereich der Kultur und teilweise der Politik. Es will vergessen, dass seine Wurzeln christlich sind. Wir möchten – indem wir dieses Jubiläum feiern – unterstreichen, dass wir alle diese Wurzeln in uns tragen.

Es ist schon erstaunlich… wenn wir uns die Geschichte der europäischen Nationen anschauen – soweit ich sie kenne – kann keine von sich selbst sagen, was die Polen von sich selbst sagen können. Es liegen keine schriftlichen Belege vor, die sich auf die Geschichte Polens vor 966 beziehen würden. Es wird zwar ein Datum verzeichnet, 963, als Mieszko I. zweimal eine Niederlage im Kampf gegen Wichmann und die Wenden, also die Elbslawen erlitten hat. Bei einer Schlacht wurde sogar sein Bruder unbekannten Namens getötet. Und das war es. Mehr wissen wir über Polen nicht. Und gleich danach kommt in den Belegen das Jahr 966. Mieszko lässt sich taufen. Dem hat er zu verdanken, dass er der damaligen nicht nur kulturellen, sondern auch politischen Struktur Europas beitritt. Eines Europas, an dessen Spitze der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Otto I. steht. Er trägt den Titel „amicus imperatoris„, Freund des Kaisers, ist also in gewissem Sinne Entscheidungsträger in der Politik des damaligen Europas. Er ist einer der wenigen Großen der damaligen Zeit, wenn ich es so formulieren darf.

Das ist ein Hinweis darauf, dass das Jahr 966 nicht nur den Anfang des Christentums, des Kreuzes, des Evangeliums im Gebiet der Polanen, was danach Polen wurde, bedeutet. Das ist auch der Ursprung des polnischen Staates und der polnischen Nation. Und von Anfang an sind diese drei Aspekte sehr eng miteinander verbunden. Und darin liegt das Spezifikum unseres Volkes, das Spezifikum der polnischen Identität – mag einer es akzeptieren oder nicht.

Es ist so. Und noch etwas.

Wenn man auf die tausend Jahre der Geschichte unserer Nation zurückblickt, so sieht man, dass es Zeiten gab, in denen Polen seine Souveränität teilweise oder vollständig verloren hat. Ich denke hier in erster Linie an die Teilungen Polens von 1795 bis 1918, das sind 123 Jahre. Ausgenommen der sieben Jahre des Herzogtums Warschau unter Napoleon, gab es in dieser Zeit kein Polen, war Polen von der Landkarte Europas verschwunden. Mehr noch, man hat den Versuch unternommen, die Polen zu entnationalisieren.

Es gab Versuche von Preußen einerseits und Russlands andererseits, die Polen – auch wenn es unvorstellbar ist – zu ethnisch reinen Deutschen oder ethnisch reinen Russen zu machen. Dabei hat man sich nicht selten auch der Religion bedient. Zum Beispiel versuchte man, vor allem während des Kulturkampfes, als man gegen den Katholizismus vorging, den Protestantismus einzuführen. Es war nicht nur ein Problem der Provinz Posen, die zum Deutschen Reich gehörte, sondern auch ein Problem mehrerer anderer deutscher Provinzen, die vom Kulturkampf betroffen waren.

Es geht aber auch um die Maßnahmen zur Russifizierung und die Einschränkung der Tätigkeit der katholischen Kirche. Daran wird nicht allzu oft erinnert, aber als Symbol der Zarenmacht in Polen galt eine riesengroße orthodoxe Kirche. Das Gebäude wurde in den 20er Jahren durch die Polen abgerissen. Das kann man mit der Situation vergleichen, als Polen unter den Einfluss der Sowjetunion 1945 gelangte und auch einen Teil seiner Souveränität verlor. Stalin hat sehr dafür gesorgt, dass sich in Warschau ein Symbol der sowjetischen Macht befindet. Er hat den Kultur- und Wissenschaftspalast bauen lassen. Vielleicht wissen Sie es, dass dieser Palast auf den Ruinen der Johanneskathedrale in Warschau, an der Weichsel errichtet werden sollte. Auf den Ruinen, weil die Kathedrale während des Warschauer Aufstandes zerstört, verbrannt wurde.

„Was aber bestand, war die katholische Kirche“

Kardinal August Hlond wusste von den Plänen. Deshalb, als er 1948 auf dem Sterbebett lag, hat er den Wunsch geäußert, in den Ruinen dieser Kathedrale begraben zu werden. Das hatte natürlich zur Folge, dass es schwierig war an diesem Ort den Kultur- und Wissenschaftspalast bauen zu lassen. Stattdessen wurde dieser in der Innenstadt Warschaus errichtet, wo er bis heute steht. Allerdings, damit er errichtet werden konnte, wurde ein ganzes Viertel mit Häusern abgerissen, die wie durch ein Wunder den Warschauer Aufstand überstanden haben. Daran wird heute wenig erinnert, es sollte aber nicht vergessen werden. Es gab solche Versuche zu zeigen, wer hier an der Macht ist. Es waren Versuche, Denkmäler der Macht über Warschau aufzustellen. Zu den Zarenzeiten war es die orthodoxe Kirche, zu den Stalin-Zeiten war es ein Gebäude, das wie aus Moskau verpflanzt aussieht. Es gab aber auch Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen Polens in Bezug auf die Begebenheiten. So stand in Warschau die große orthodoxe Kirche, während in Posen ein großes Bismarck-Denkmal aufgestellt wurde. Dieses Denkmal von Bismarck, einem der Hauptträger des Kulturkampfes, wurde ebenfalls in den 1920er Jahren durch die Polen abgerissen. Und an dieser Stelle wurde ein monumentales Herz-Jesu-Denkmal aufgestellt, ein Votivdenkmal für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Ein Denkmal, das im September 1939 im Auftrag von Hitler sofort zerstört wurde.

So ist die Geschichte. Die Geschichte unserer Teilung. Aber auch die Geschichte unseres Ringens um die polnische Identität. Letzten Endes ein erfolgreiches Ringen des Volkes. Die polnischen Staatsstrukturen waren nicht vorhanden, es gab kein polnisches Schulwesen, geführt wurde ein Kampf gegen die polnische Kultur. Was aber bestand, war die katholische Kirche.

Sie haben uns einführend eine Tour d’Horizon gegeben – von den Ursprüngen des Christentums in Polen bis hin zu den Strömungen, die den Katholizismus, aber nicht nur den Katholizismus, im Rahmen unterschiedlicher totalitärer Systeme angegriffen haben. Der Katholizismus blieb trotz all dem erhalten, vermochte sich sogar wieder zu stärken, wieder aufzubauen – wenn wir auf Ihr Beispiel mit der Kathedrale in Warschau schauen. Vor dem Hintergrund dieses Überblicks würde ich Sie gerne fragen, was das Spezifikum des polnischen Katholizismus ist, im Unterschied zu den anderen europäischen Ländern.

Sicher steht fest, dass er von Anfang an mit Rom verbunden war. Ich würde hier vielleicht noch einmal an den historischen Überblick aus einer anderen Perspektive anknüpfen. Sehr oft, vor allem in den letzten Jahrzehnten, wurde das Problem der europäischen Politik aber auch der europäischen Kultur als eines dargestellt, das sich aus der Spannung zwischen Ost und West ergibt. Damit ist auch der Eiserne Vorhang gemeint, der bis 1989 bestanden hat. Polen lässt sich nicht verstehen, wenn es auf dieser Spannungsachse von Ost und West verankert wird.

„Freundschaft mit dem deutschen Kaiser“

Natürlich waren wir durch diese Spannungsverhältnisse betroffen, ja diese haben unseren Status in gewissem Sinne bestimmt. Wesentlich für Polen war allerdings nicht diese horizontale Spannung Ost-West, sondern die vertikale Achse: Polen-Rom. Ihrem Ursprung nach geht sie  sogar auf die Zeiten von Mieszko I. zurück. Er war „amicus imperatoris„, er hat seine Politik sehr geschickt geführt, in Freundschaft mit dem Kaiser. Seine zweite Frau, Oda, stammte übrigens aus einer bedeutenden deutschen Familie.

Allerdings spürte er den Druck des Kaiserreiches – er war immerhin ein Neuling, homo novus, ein Schwächerer. Deshalb suchte er in Rom nach Unterstützung. Und dies auf eine etwas symbolische Art und Weise. Als sein Sohn, der spätere König Boleslaus der Tapfere, sieben war, fand seine Kopfschur statt. Er nimmt ein paar Haarlocken seines Sohnes und lässt sie dem Papst zukommen, damit sich dieser in gewisser Weise für das Leben von Boleslaus verantwortlich fühlt.

Dann ist uns ein sehr wichtiges Dokument erhalten geblieben, aus dem Jahre 992. Dieses Dokument stammt aus der Zeit der letzten Lebensjahre von Mieszko. Er wusste, dass er bald sterben würde. Er wusste, dass es zu verschiedenen politischen Verwirrungen kommen könnte. Auch zu den Verwirrungen um die Nachfolge zwischen Boleslaus und seinen Stiefgeschwistern. Deshalb stellte er den ganzen Staat unter die Obhut des Papstes. Übrigens, ich habe neulich erfahren, dass ähnliche Gesten auch die Ungarn gemacht haben, die etwas später die Taufe angenommen haben, auch ihre Politik war Richtung Süden gerichtet.

„Wir stehen den Italienern sehr nahe“

Es handelt sich nicht um ein großes politisches Spiel – wenn wir auf das große europäische Schachbrett der Staaten schauen, von denen ein jeder um Einflüsse, manche ums Überleben, noch andere um die Macht gekämpft haben, wie es so in der Politik üblich war und ist. Es handelte sich um eine Öffnung auf die Kultur, die aus dem Süden kam. Wenn Sie in Polen sind, so werden Sie sehen, dass die meisten Kirchen, auch andere Bauten, aber vor allem geht es um die Kirchen, die sich erhalten haben, das sind meistens Werke italienischer Meister. Sie wurden hierher eingeladen, sie haben sich hier wohl gefühlt. Aber es ist auch so, dass sich die Polen meistens in Italien wohl fühlten – die berühmtesten Vertreter der polnischen Renaissance haben in Italien studiert. Auch wir stehen den Italienern sehr nahe. Auch was eine gewisse Lebenshaltung, Herangehensweise an die Probleme angeht.

Mir ist ein Spruch in Deutschland begegnet, der den Charakter der Polen und der Italiener auf den Punkt bringt – freilich bei allen bestehenden Unterschieden, diese muss man auch sehen. Der geht folgendermaßen: die Deutschen leben um zu arbeiten, die Italiener arbeiten um zu leben. Einer muss nicht reich sein, Vermögen ist kein Ziel an sich. Einer muss nur so viel haben, damit er das Leben genießen kann. Da ist was dran. Eine seelische Verwandtschaft. Viele Aspekte unserer Kultur haben wir – heute tun wir es nicht mehr so intensiv, denn wir leben jetzt im globalen Dorf – aus dem Süden entnommen. So war unsere Einstellung. Dadurch sind auch die konstanten Beziehungen zwischen Krakau, dann Warschau als Hauptstädten – vorher noch Posen, Gnesen – und Rom, dem päpstlichen Rom erklärbar. Polen war – wegen seiner geographischen Lage – ein Staat, der vor allem das südliche Europa  vor der Expansion, der Verbreitung des Islams, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert verteidigte. Praktisch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Unter anderem handelte es sich natürlich um eine Verteidigung Polens, aber auch um die Verteidigung Europas.

„Polen als Bollwerk der Christenheit“

Machiavelli war es, der Polen als Antemurale Christianitatis, als Bollwerk der Christenheit bezeichnet hat. Ein Staat, der der Invasion der osmanischen Truppen eine erste Abwehr leistet und in diesem Abwehrkampf grundsätzlich erfolgreich ist. Vielleicht lohnt es sich hinzuzufügen, dass Polen eine ähnliche Rolle im Jahre 1920 zuteil wurde. Diesmal handelte es sich um die Invasion der Bolschewiken.

Wir wissen ja, dass es das Ziel der Bolschewiken war, durch Polen wie durch einen Korridor durchzumarschieren, um sich mit den kommunistischen Revolutionären in Deutschland zu vereinigen und bis an die Atlantikküste zu kommen. Damit wurde damals der Impetus einer anderen Kultur, einer totalitären, atheistischen Kultur, für neunzehn Jahre, vielleicht nicht viel, aber immerhin neunzehn Jahre, durch Polen abgewehrt.

Insofern ist im katholischen, religiösen Selbstverständnis der Polen der Gedanke verankert, dass um die katholische, religiöse Identität gekämpft werden muss. Und dieser Kampf bedeutet nicht immer nur einen Kampf zur Verteidigung Polens. Das ist ein Kampf im Bewusstsein, dass unser Land an einem von Gott gegebenen Ort gelegen ist, von dem aus wir Europa dienlich sein sollen.

Es geht also nicht um die Interessen einer bestimmten Nation, aufgefasst als partikulare politische Interessen, sondern um das Bewusstsein der kulturellen Einheit mit den anderen Nationen West- und Südeuropas. Das ist ein fester Bestandteil unseres Ethos. Sprechen wir wiederum vom Kampf, so gehört auch das Leiden dazu. Ein Leiden, das lange Zeit andauert. Ich denke hier an dieses Ringen um die polnische Seele, um die Aufrechterhaltung der Verbindung zur katholischen Kirche in den Zeiten der Teilung. Ich denke aber auch an den Kampf in den Jahren von 1939 bis 1945, im Zweiten Weltkrieg. Und schließlich denke ich auch an die Nachkriegszeit bis 1989. Wir haben in der Tat um die Bewahrung der eigenen Identität gekämpft; und deshalb auch oft leiden müssen.

Symbolisch drückt sich dies in den zwei Schnitten auf dem Antlitz der Gottesmutter von Tschenstochau aus. Das ist aber nur ein Symbol. Die Eigenart des Katholizismus in Polen; die polnische Identität drückt sich aber – wie Sie es gesagt haben – durch die Hinwendung nach/zu Rom aus. Andererseits durch die Hinwendung zur lateinischen Kultur und Zivilisation. Darauf baut das Selbstverständnis der Polen auf. Hinzu kommt noch das Leiden. Nicht als Leiden an sich, sondern als Leiden mit Bezug auf Gott, auf das Kreuz – so unser katholisches Verständnis des Leidens.

Und ein Leiden zugunsten eines anderen Menschen. Ich würde gerne einen Aspekt aufgreifen, den Sie angesprochen haben. Ein Aspekt, auf den Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., damals noch als Erzbischof hingewiesen hat. Das hat er in zwei Texten gemacht – der eine ist 1965, also gleich im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil erschienen, der zweite 1966, bereits nach Abschluss der Hauptfeierlichkeiten zu 1000 Jahren Taufe Polens in Gnesen und Posen. Er hat auf einen weiteren wichtigen Aspekt der polnischen Identität hingewiesen, auf die Marienverehrung. Eine Marienverehrung, die in der Theologie sehr tief verankert ist.

„Berücksichtigt man diesen marianischen Zug von uns Polen nicht, so kann man uns auch nicht verstehen.“

In dem ersten Text bezieht sich Karol Wojtyła auf das Konzilsdokument über die Kirche, Lumen Gentium, dessen 8. Kapitel vollständig der Gottesmutter gewidmet ist. Er schreibt: SO ist der Katholizismus. Und so, das heißt sehr marianisch, war und ist auch der Katholizismus von Anfang an in Polen. Er hat es noch deutlicher 1966 hervorgehoben, umso mehr als die Jubiläumsfeier der Taufe Polens 1966 das Kloster auf dem Jasna Góra fokussierte – natürlich waren die Orte wichtig, an denen die Taufe angenommen wurde, das heißt Großpolen mit der bedeutenden Rolle von Gnesen und Posen. Aber Jasna Góra stand in der Mitte. Da wurde das Gelübde der polnischen Nation 1956 abgelegt, dort wurde es zehn Jahre später, während der Millenniumsfeier erneuert. Tschenstochau war und ist die geistige Hauptstadt Polens. Berücksichtigt man diesen marianischen Zug von uns Polen nicht, so kann man uns auch nicht verstehen.

Lässt sich dadurch auch die Lebendigkeit des Katholizismus in Polen im Vergleich zum Westen erklären? Etwa, dass hier mehr Menschen in die Kirche gehen, das Sakrament der Beichte empfangen, dass die Anzahl der Berufungen hier größer ist?

Sicherlich lassen sich auch dadurch Unterschiede erklären. Aber ein deterministischer Ansatz wäre hier fehl am Platze. Wir dürfen nicht denken, dass alles so geschehen musste. Es musste nicht geschehen.

Ohne Zweifel wichtig ist hier einerseits dieser Aspekt des tiefen Glaubens, der eines Zeugnisses bedurfte, eines Zeugnisses der Treue und des Leidens. Andererseits der Aspekt der gleichzeitigen Hinwendung zur Gottesmutter im Leiden – das erinnert an die Reaktion eines Kindes, das bei seiner Mutter Hilfe sucht. Mehrere Beispiele dafür finden wir in unserer Geschichte, in unserer Literatur. Oftmals hieß es: bei der Gottesmutter Obhut suchen. Sie wird uns in Schutz nehmen. Auch in hoffnungslosen Situationen, wie es zum Beispiel bei der Schwedischen Sintflut im Jahre 1655 der Fall war. Wie es auch 1920 der Fall war, als Polen kurz vor dem Überfall der atheistischen Bolschewiken-Truppen stand.

Vielleicht wissen Sie, dass es Hans Frank, Generalgouverneur des besetzten Polens im Zweiten Weltkrieg war, der in seinen Tagebüchern geschrieben hat: wenn alle Lichter für Polen erloschen, da war immer noch die Heilige von Tschenstochau da.

Wissen Sie, wenn ein solcher Mensch mit tragischer Geschichte, hinter dem eine ganz persönliche Tragödie und die Tragödie vieler anderer Menschen stehen, so ein Zeugnis gibt, so ist es etwas Außergewöhnliches. Das Zeugnis einer Person von außen, völlig von außen. Einer Person, die allerdings die Realität der polnischen Seele, der polnischen Geschichte kritisch, im Sinne von „zutreffend“, beurteilen konnte.

Den zweiten Teil des Gesprächs lesen Sie am morgigen Montag, 6. März bei CNA Deutsch. Der dritte und letzte Teil erscheint am Dienstag, 7. März.

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Quelle

Spanischer Kardinal sieht keine islamische Dominanz in Europa

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Kardinal Blazquez

Ricardo Blazquez, Vorsitzender der Spanischen Bischofskonferenz, sieht in Europa nicht eine Vorherrschaft des Islam. „Ich bezweifle das zutiefst“, sagte der Erzbischof von Valladolid der spanischen Tageszeitung „El Mundo“ in der Sonntagsausgabe. „Wir haben hier eine christliche Kultur“, so der 74-Jährige. Es stelle sich vielmehr die Frage „Warum treten die Christen – im Vergleich zur islamischen Welt – so zurückhaltend auf?“ Er beobachte eine Art Abkühlung und Relativismus in der Gesellschaft, die „uns sehr zerbrechlich“ mache.

(kap 26.02.2017 mg)

Johannes Paul II.: Erklärung der hl. Birgitta von Schweden, der hl. Katharina von Siena und der hl. Theresia Benedicta a Cruce zu Mitpatroninnen Europas

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES »MOTU PROPRIO«
ZUR ERKLÄRUNG DER HL. BIRGITTA VON SCHWEDEN,
DER HL. KATHARINA VON SIENA UND
DER HL. TERESIA BENEDICTA A CRUCE
ZU MITPATRONINNEN EUROPAS

JOHANNES PAUL II.
ZU IMMERWÄHRENDEM GEDENKEN

1. Die Hoffnung auf den Aufbau einer gerechteren und menschenwürdigeren Welt, eine Hoffnung, die von der Erwartung des nunmehr vor der Tür stehenden dritten Jahrtausends noch angefacht wird, muß von dem Bewußtsein getragen sein, daß menschliche Anstrengungen nichts nützen würden, wenn sie nicht von der göttlichen Gnade begleitet wären: »Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Ps 127,1). Dem müssen auch alle Rechnung tragen, die in diesen Jahren vor dem Problem stehen, Europa eine neue Ordnung zu geben, die dem alten Kontinent helfen soll, sich durch Beseitigung des traurigen Erbes der Vergangenheit die Reichtümer seiner Geschichte zunutze zu machen, um mit einer in den besten Traditionen verwurzelten Originalität auf die Erfordernisse der sich wandelnden Welt zu antworten.

In der Gesamtgeschichte Europas stellt das Christentum zweifellos ein zentrales und prägendes Element dar, das sich auf dem starken Fundament des klassischen Erbes und der vielfältigen Beiträge gefestigt hatte, die von den im Laufe der Jahrhunderte aufeinanderfolgenden unterschiedlichen ethnisch-kulturellen Strömungen eingebracht wurden. Der christliche Glaube hat die Kultur des Kontinents geformt und sich mit seiner Geschichte so unlösbar verflochten, daß diese gar nicht verständlich wäre, würde man nicht auf die Ereignisse verweisen, die zunächst die große Zeit der Evangelisierung und dann die langen Jahrhunderte geprägt haben, in denen sich das Christentum, wenn auch in der schmerzlichen Spaltung zwischen Orient und Okzident, als die Religion der Europäer durchgesetzt hat. Auch in Neuzeit und Gegenwart, wo die religiöse Einheit sowohl infolge weiterer Spaltungen unter den Christen als auch wegen der Loslösungsprozesse der Kultur vom Horizont des Glaubens mehr und mehr zerbröckelte, kommt der Rolle des Glaubens auch weiterhin eine wichtige Bedeutung zu.

Der Weg in die Zukunft muß dieser Gegebenheit Rechnung tragen. So sind die Christen aufgerufen, sich des Glaubens neu bewußt zu werden, um zu zeigen, was er an Möglichkeiten ständig in sich birgt. Sie haben die Pflicht, zum Aufbau Europas einen besonderen Beitrag zu leisten. Dieser wird um so wertvoller und wirksamer sein, je mehr es den Christen gelingt, sich selbst im Lichte des Evangeliums zu erneuern. Auf diese Weise werden sie jene lange Geschichte der Heiligkeit fortführen, welche die verschiedenen Regionen Europas im Laufe dieser zweitausend Jahre durchzogen hat, in denen die offiziell anerkannten Heiligen nur die als Vorbilder für alle Menschen ausgewiesenen Höhepunkte sind. Denn zahllos sind die Christen, die durch ihr von der Liebe zu Gott und zum Nächsten beseeltes, rechtschaffenes und aufrichtiges Leben in den verschiedensten Berufen als Geistliche, Ordensleute und Laien eine Heiligkeit erlangt haben, die in ihrer Verborgenheit echt und weit verbreitet war.

2. Die Kirche zweifelt nicht daran, daß gerade dieser Schatz der Heiligkeit das Geheimnis ihrer Vergangenheit und die Hoffnung ihrer Zukunft ist. In ihm drückt sich nämlich am besten das Geschenk der Erlösung aus, durch das der Mensch von der Sünde befreit wird und die Möglichkeit zu einem neuen Leben in Christus erhält. In ihm findet das Volk Gottes auf seinem Weg durch die Zeit eine unvergleichliche Stütze, fühlt es sich doch zutiefst mit der verherrlichten Kirche verbunden, die im Himmel dem Lamm den Lobpreis singt (vgl. Offb 7,9–10), während sie für die noch auf Erden pilgernde Gemeinschaft Fürbitte einlegt. Darum hat das Volk Gottes seit ältesten Zeiten die Heiligen als Beschützer angesehen. Durch eine einzigartige Gepflogenheit, an der sicher der Einfluß des Heiligen Geistes nicht unbeteiligt war, wurden dann die einzelnen Kirchen, Regionen und sogar Kontinente dem besonderen Schutz einiger Heiliger anvertraut. Manchmal geschah es auf Drängen der Gläubigen, dem die Bischöfe nachgaben, dann wieder auf Initiative der Bischöfe selbst.

Da gerade die Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa tagt, schien mir aus der oben gezeichneten Perspektive und angesichts des bevorstehenden Großen Jubiläums des Jahres 2000, daß die europäischen Christen aus der Betrachtung und der Anrufung mancher Heiliger, die auf ihre Weise besonders repräsentativ für ihre Geschichte sind, geistlichen Nutzen ziehen könnten. Die Christen in Europa erleben ja zusammen mit ihren Mitbürgern einen epochalen Übergang, der zwar reich an Hoffnung, aber zugleich nicht frei von Sorgen ist. Ich habe mir daher nach entsprechender Beratung überlegt, das zu vollenden, was ich am 31. Dezember 1980 begonnen habe, als ich zwei Heilige des ersten Jahrtausends, die Brüder Cyrill und Methodius, als Pioniere der Evangelisierung Osteuropas dem hl. Benedikt an die Seite stellte und zu Mitpatronen Europas erklärte. So will ich nunmehr die Schar der himmlischen Schutzpatrone durch drei Gestalten ergänzen, die gleichfalls als Sinnbilder für entscheidende Augenblicke des zu Ende gehenden zweiten Jahrtausends stehen: die hl. Birgitt a von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce (Edith Stein). Drei große Heilige, drei Frauen, die sich in verschiedenen Epochen – zwei im Hochmittelalter und eine in unserem Jahrhundert – durch die tatkräftige Liebe zur Kirche Christi und durch das Zeugnis für sein Kreuz ausgezeichnet haben.

3. Das Panorama der Heiligkeit ist natürlich so vielfältig und reich, daß die Wahl neuer himmlischer Schutzpatrone auch auf andere sehr würdige Gestalten hätte fallen können, deren sich jede Epoche und jede Region rühmen dürfen. Im Rahmen der von der Vorsehung bestimmten Tendenz, die sich in Kirche und Gesellschaft unserer Zeit durch die immer klarere Anerkennung der Würde und der eigentlichen Gaben der Frau durchgesetzt hat, halte ich jedoch die Option für diese Heiligkeit mit weiblichem Antlitz für besonders bedeutsam.

In Wirklichkeit hat es die Kirche von ihren Anfängen an nicht versäumt, die Rolle und Sendung der Frau anzuerkennen, auch wenn sie sich bisweilen von den Bedingtheiten einer Kultur beeinflussen ließ, die der Frau nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Doch die christliche Gemeinschaft ist auch in dieser Hinsicht allmählich gereift, und gerade die von der Heiligkeit entfaltete Rolle hat sich dafür als entscheidend erwiesen. Ein ständiger Impuls ist vom Bild Mariens, der »idealen Frau«, der Mutter Christi und der Kirche, ausgegangen. Aber auch der Mut der Märtyrinnen, die mit erstaunlicher Seelenkraft die grausamsten Qualen auf sich genommen haben, das Zeugnis der Frauen, die sich mit beispielhafter Radikalität zum asketischen Leben verpflichtet haben, die tägliche Hingabe so vieler Ehefrauen und Mütter in der Familie als »Hauskirche«, die Charismen so vieler Mystikerinnen, die zur theologischen Vertiefung beigetragen haben: Sie alle haben der Kirche eine wertvolle Anleitung dafür gegeben, den Plan, den Gott für die Frauen hat, voll zu erfassen. Seinen unmißverständlichen Ausdruck findet dieser Plan übrigens bereits auf einigen Seiten der Heiligen Schrift und besonders in der im Evangelium bezeugten Haltung Christi. Auf dieser Linie liegt auch die Wahl, die hl. Birgitta von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce zu Mitpatroninnen Europas zu erklären.

Der Grund, der dann mein besonderes Augenmerk auf diese Frauen gelenkt hat, liegt in deren Leben. Ihre Heiligkeit äußerte sich nämlich unter historischen Gegebenheiten und im Rahmen »geographischer« Räume, die sie für den europäischen Kontinent besonders bedeutsam erscheinen lassen. Die hl. Birgitta ver weist auf den äußersten Norden Europas, wo sich der Kontinent mit den übrigen Teilen der Welt gleichsam zu einer Einheit verbindet; von dort ist sie aufgebrochen, um schließlich in Rom ihr Ziel zu finden. Auch Katharina von Siena ist wegen der Rolle bekannt, die sie damals, als der Nachfolger Petri in Avignon residierte, durch die Vollendung eines geistlichen Werkes spielte, das bereits die hl. Birgitta begonnen hatte: Denn sie hatte die Rückkehr des Papstes an seinen eigentlichen Sitz in der Nähe des Grabes des Apostelfürsten gefördert. Die erst vor kurzem heiliggesprochene Teresia Benedicta a Cruce schließlich verbrachte nicht nur ihr Leben in verschiedenen Ländern Europas, sondern schlug mit ihrer ganzen Existenz als Denkerin, Mystikerin und Märtyrerin gleichsam eine Brücke zwischen ihren jüdischen Wurzeln und der Zugehörigkeit zu Christus. Sie tat es, indem sie mit sicherer Intuition im Dialog mit dem modernen philosophischen Denken stand und indem sie schließlich durch ihr Martyrium in der entsetzlichen und beschämenden »Shoah« die Gründe gleichsam herausschrie, die für Gott und den Menschen sprechen. So ist sie zum Ausdruck einer menschlichen, kulturellen und religiösen Pilgerschaft geworden, die den tiefen Kern der Tragödie und der Hoffnungen des europäischen Kontinents verkörpert.

 

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4. Die erste dieser drei großen Gestalten, Birgitta, stammte aus einer Adelsfamilie und wurde im Jahr 1303 in Finsta in der schwedischen Region Uppland geboren. Sie ist vor allem als Mystikerin und Gründerin des Ordens des Heiligsten Erlösers bekannt. Man darf jedoch nicht vergessen, daß sie in der ersten Lebenshälfte dem Laienstand angehörte und mit einem frommen Christen glücklich verheiratet war, von dem sie acht Kinder hatte. Wenn ich auf sie als Mitpatronin Europas hinweise, möchte ich damit bewirken, daß sich ihr nicht nur diejenigen nahe fühlen, die die Berufung zu einem besonderen geistlichen Stand empfangen haben, sondern auch jene, die als Laien ihren gewöhnlichen Tätigkeiten in der Welt nachgehen und denen vor allem die hohe und verpflichtende Berufung zukommt, eine christliche Familie zu bilden. Ohne sich vom Wohlstandsleben ihrer gesellschaftlichen Klasse beirren zu lassen, lebte Birgitta mit ihrem Gemahl Ulf die Erfahrung eines Ehepaares, bei dem sich die eheliche Liebe mit intensivem Gebet, Studium der Heiligen Schrift, Abtötung und Nächstenliebe verband. Gemeinsam gründeten die Eheleute ein kleines Spital, wo sie häufig den Kranken Beistand leisteten. Birgitta hatte es sich sodann zur Gewohnheit gemacht, persönlich den Armen zu dienen. Zugleich wurde sie wegen ihrer pädagogischen Gaben geschätzt, die sie besonders dann entfalten konnte, wenn man sie am Hof von Stockholm um ihren Dienst ersuchte. Aus dieser Erfahrung sollten die Ratschläge heranreifen, die sie bei verschiedenen Gelegenheiten Fürsten und Herrschern für die richtige Erfüllung ihrer Aufgaben erteilte. Aber an erster Stelle kam diese Fähigkeit natürlich ihren Kindern zugute, und es ist kein Zufall, daß eine ihrer Töchter, Katharina, als Heilige verehrt wird.

Doch diese Periode ihres Familienlebens war nur eine erste Etappe. Die Wallfahrt nach Santiago de Compostela, die sie 1341 zusammen mit ihrem Ehemann Ulf unternahm, bildete den symbolischen Abschluß dieser Phase. Für Birgitta war sie die Vorbereitung auf das neue Leben, das sie einige Jahre später begann, als sie nach dem Tod des Gatten die Stimme Christi vernahm, der ihr eine neue Sendung übertrug, während er sie durch eine Reihe außerordentlicher mystischer Gnaden Schritt für Schritt begleitete.

5. Nachdem sie 1349 Schweden verlassen hatte, ließ sich Birgitta in Rom nieder, dem Sitz des Nachfolgers Petri. Der Umzug nach Italien stellt einen Abschnitt in Birgittas Leben dar, der nicht für die geographische und kulturelle, sondern vor allem für die spirituelle Erweiterung ihres Geistes und Herzens entscheidend war. Viele Orte Italiens haben sie als Pilgerin gesehen, deren tiefster Wunsch es war, die Reliquien der Heiligen zu verehren. Orte, die davon erzählen können, sind: Mailand, Pavia, Assisi, Ortona, Bari, Benevento, Pozzuoli, Neapel, Salerno, Amalfi und das Heiligtum des hl. Erzengels Michael auf dem Monte Gargano. Die letzte Wallfahrt, die sie zwischen 1371 und 1372 unternahm, führte sie nach Überquerung des Mittelmeeres in Richtung Heiliges Land und gestattete ihr, außer den vielen heiligen Stätten des katholischen Europa die eigentlichen Quellen des Christentums gleichsam geistlich zu umarmen, die als Orte vom Leben und Tod des Erlösers geheiligt sind.

Noch mehr als durch dieses fromme Wallfahrten hat Birgitta aber durch den tiefen Sinn für das Geheimnis Christi und der Kirche in einem äußerst kritischen Augenblick ihrer Geschichte am Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft mitgewirkt. Die innige Verbundenheit mit Christus war nämlich begleitet von besonderen Offenbarungscharismen, die sie zu einem Bezugspunkt machte, an dem sich viele Personen der Kirche ihrer Zeit ausrichteten. In Birgitta spürt man die Kraft der Prophetie. Die Töne, die sie anschlägt, erscheinen manchmal wie ein Echo der Stimmen der großen alten Propheten. Sicher und entschlossen spricht sie zu Fürsten und Päpsten. Ihnen enthüllt sie die Pläne Gottes in bezug auf die geschichtlichen Ereignisse. Sie spart auch nicht mit strengen Ermahnungen, was die sittliche Erneuerung des christlichen Volkes und selbst des Klerus betrifft (vgl. Revelationes, IV. 49; vgl. auch IV, 5). Manche Aspekte ihres außergewöhnlichen mystischen Schaffens lösten in der damaligen Zeit verständliche Fragen aus. Ihnen gegenüber verwies die Prüfung durch die Kirche auf die einzige öffentliche Offenbarung, die in Christus ihre Erfüllung und in der Heiligen Schrift ihren maßgebenden Ausdruck gefunden hat. Denn auch die Erfahrungen der großen Heiligen sind nicht frei von jenen Grenzen, die den Empfang der Stimme Gottes durch den Menschen immer begleiten.

Es besteht jedoch kein Zweifel, daß die Kirche, als sie die Heiligkeit Birgittas anerkannte, die Authentizität ihrer inneren Erfahrung insgesamt billigte, auch ohne sich zu den einzelnen Offenbarungen zu äußern. Sie erscheint als eine bedeutende Zeugin des Raumes, den das Charisma in der Kirche haben kann, wenn es in voller Fügsamkeit gegenüber dem Geist Gottes und in voller Übereinstimmung mit den Ansprüchen der kirchlichen Gemeinschaft gelebt wird. Insbesondere nachdem sich die skandinavischen Länder, also die Heimat Birgittas, im Verlauf der traurigen Geschehnisse des 16. Jahrhunderts aus der vollen Gemeinschaft mit dem Römischen Stuhl losgelöst hatten, bleibt die Gestalt der schwedischen Heiligen ein wertvolles ökumenisches »Band«, das den Einsatz noch verstärkt, den ihr Orden in diesem Sinne leistet.

 

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6. Nur wenig jünger ist die andere große Frauengestalt, die hl. Katharina von Siena, deren Rolle in den Entwicklungen der Kirchengeschichte und selbst bei der lehrmäßigen Vertiefung der geoffenbarten Botschaft tiefe Anerkennung gefunden hat, die in der Verleihung des Titels einer Kirchenlehrerin gipfelte.

Die 1347 in Siena geborene Katharina war von frühester Kindheit an mit außerordentlichen Gnaden ausgestattet, die es ihr erlaubten, auf dem vom hl. Dominikus vorgezeichneten geistlichen Weg zwischen Gebet, asketischer Strenge und Werken der Nächstenliebe rasch zur Vollkommenkeit voranzuschreiten. Sie war zwanzig Jahre alt, als Christus ihr durch das mystische Symbol des Brautringes seine besondere Liebe offenbarte. Es war die Krönung einer Vertrautheit, die in der Verborgenheit und Kontemplation, auch außerhalb der Mauern eines Klosters, durch das ständige Verweilen an jener geistlichen Wohnung herangereift war, die sie gern die »innere Zelle« nannte. Das Schweigen dieser Zelle, das Katharina für die göttlichen Eingebungen in hohem Maße bereit machte, konnte sich schon bald mit einem ganz außerordentlichen apostolischen Eifer verbinden. Viele Menschen, darunter auch Kleriker, sammelten sich als Schüler um sie und sprachen ihr die Gabe einer geistlichen Mutterschaft zu. Ihre Briefe verbreiteten sich in Italien, ja über ganz Europa. Denn die junge Frau aus Siena traf mit sicherem Ton und glühenden Worten den Kern der kirchlichen und gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit.

Mit unermüdlichem Einsatz verwendete sich Katharina für die Lösung der vielfältigen Konflikte, von denen die Gesellschaft ihrer Zeit zerrissen wurde. Ihre Bemühungen um Friedensstiftung erreichten europäische Herrscher wie Karl V. von Frankreich, Karl von Durazzo, Elisabeth von Ungarn, Ludwig den Großen von Ungarn und Polen sowie Johanna von Neapel. Bedeutend war ihre Initiative zur Versöhnung der Stadt Florenz mit dem Papst. Indem sie die Parteien auf den »gekreuzigten Christus und die sanftmütige Maria« hinwies, zeigte sie, daß es für eine an den christlichen Werten orientierte Gesellschaft niemals einen Anlaß zu einem so schwerwiegenden Streit geben kann, daß man die Vernunft der Waffen den Waffen der Vernunft vorziehen darf.

7. Katharina wußte freilich genau, daß man nicht wirksam zu dieser Schlußfolgerung gelangen konnte, wenn nicht zuvor die Herzen von der Kraft des Evangeliums geformt worden waren. Daher rührt die Dringlichkeit der Reform der Gewohnheiten, die sie allen ohne Ausnahme vorschlug. Die Könige erinnerte sie daran, daß sie nicht regieren konnten, als wäre das Königreich ihr »Eigentum«: Vielmehr sollten sie sich bewußt sein, daß sie Gott über die Machtausübung Rechenschaft geben müssen. Aus diesem Wissen heraus sollten sie die Aufgabe annehmen, »die heilige und wahre Gerechtigkeit« dadurch zu erhalten, daß sie sich zu »Vätern der Armen« machen (vgl. Brief Nr. 235 an den König von Frankreich). Die Ausübung der Herrschergewalt war nämlich nicht von der Übung der Nächstenliebe zu trennen, die zugleich die Seele des persönlichen Lebens und der politischen Verantwortung ist (vgl. Brief Nr. 357 an den König von Ungarn).

Mit derselben Eindringlichkeit wandte sich Katharina an die Geistlichen jeden Ranges, um von ihnen die strengsten Konsequenzen im Leben und im pastoralen Dienst zu verlangen. Der freie, kraftvolle und eindringliche Ton, mit dem sie Priester, Bischöfe und Kardinäle ermahnt, macht Eindruck. Im Garten der Kirche – sagte sie – müßten die faulenden Pflanzen ausgerissen und durch frische, duftende »neue Pflanzen« ersetzt werden. Gestärkt durch ihre Vertrautheit mit Christus scheute sich die Heilige aus Siena nicht, selbst den Papst, den sie als »sanftmütigen Christus auf Erden« zärtlich liebte, mit aller Offenheit auf den Willen Gottes hinzuweisen, der ihm gebot, das von irdischer Vorsicht und weltlichen Interessen diktierte Zaudern und Zögern endlich aufzugeben und von Avignon nach Rom zum Petrusgrab zurückzukehren.

Mit derselben Leidenschaft opferte sich Katharina dafür auf, die Spaltungen abzuwenden, die sich bei der Papstwahl nach dem Tod Gregors XI. abzeichneten: Auch in dieser Situation appellierte sie noch einmal leidenschaftlich an die unverzichtbaren Gründe, die für den Erhalt der Gemeinschaft sprachen. Das war das höchste Ideal, an dem sie ihr ganzes Leben ausgerichtet hatte, während sie sich vorbehaltlos für die Kirche verzehrte. Das sollte sie selbst auf dem Sterbebett ihren geistlichen Kindern bezeugen: »Seid gewiß, meine Lieben, daß ich das Leben für die heilige Kirche hingegeben habe« (Seliger Raimondo da Capua, Leben der heiligen Katharina von Siena, Lib. III, c. IV).

 

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8. Mit Edith Stein — der hl. Teresia Benedict a a Cruce — befinden wir uns in einem ganz anderen historisch-kulturellen Umfeld. Sie führt uns nämlich mitten in unser geplagtes Jahrhundert. Aus dieser Gestalt werden die Hoffnungen deutlich, die das Jahrhundert entzündet hat, aber auch die Widersprüche und das Scheitern, die es gekennzeichnet haben. Edith kommt nicht, wie Birgitta und Katharina, aus einer christlichen Familie. Alles in ihr drückt die Qual der Suche und die Mühsal der existentiellen »Pilgerschaft« aus. Auch nachdem sie im Frieden des kontemplativen Lebens bei der Wahrheit angekommen war, mußte sie das Geheimnis des Kreuzes bis zum Letzten leben.

Edith wurde 1891 in einer jüdischen Familie in der Stadt Breslau geboren, die damals deutsches Staatsgebiet war. Aufgrund des Interesses, das sie für die Philosophie entwickelte, während sie die religiöse Praxis, in die sie von der Mutter eingeführt worden war, aufgab, hätte man bei ihr eher mit einem Leben im Zeichen des reinen »Rationalismus« gerechnet als mit einem Weg der Heiligkeit. Aber die Gnade erwartete sie gerade auf den verschlungenen Wegen des philosophischen Denkens: Als sie den Weg der phänomenologischen Richtung einschlug, meinte sie, darin die Instanz einer objektiven Wirklichkeit zu erfassen, die keineswegs beim Subjekt endet, sondern vielmehr dessen Erkenntnis vorausgeht, sie ausmißt und deshalb mit strengem Bemühen um Objektivität geprüft werden muß. Man muß sich in diese objektive Wirklichkeit hineinhören, indem man sie vor allem im Menschen erfaßt. Dies geschieht mit Hilfe jenes Einfühlungsvermögens, das »Empathie« heißt (ein Wort, das Edith Stein sehr teuer war) und einem erlaubt, sich das von anderen Erlebte gewissermaßen zu eigen zu machen (vgl. Edith Stein, Das Problem der Empathie).

In dieser Spannung des Hinhörens traf sie sich einerseits mit den Zeugnissen der christlichen spirituellen Erfahrung, wie sie die hl. Theresa von Avila und andere große Mystiker boten, deren Jüngerin und eifrige Nachahmerin sie wurde. Andererseits berührte sie damit die alte Überlieferung des christlichen Denkens, die im Thomismus eine feste Form erhalten hatte. Auf diesem Weg gelangte Edith zunächst zur Taufe, um sich dann für das kontemplative Leben im Karmelitinnenorden zu entscheiden. Das alles spielte sich im Rahmen eines ziemlich bewegten Lebensweges ab, der außer von der inneren Suche auch von Forschungs- und Lehrverpflichtungen geprägt war, die sie mit bewundernswerter Hingabe erfüllte. Besonders anerkennenswert in der damaligen Zeit war ihr aktives, ja geradezu kämpferisches Eintreten für die gesellschaftliche Förderung der Frau. Wirklich eindringlich sind die Abschnitte in ihren Schriften, wo sie den Reichtum des Frauseins und die Sendung der Frau unter menschlichem und religiösem Gesichtspunkt untersucht hat (vgl. E. Stein, Die Frau. Ihre Aufgabe gemäß Natur und Gnade).

9. Die Begegnung mit dem Christentum veranlaßte sie nicht dazu, ihren jüdischen Wurzeln abzuschwören, sondern bewirkte, diese in ihrer ganzen Fülle wiederzuentdecken. Das ersparte ihr jedoch nicht das Unverständnis von seiten ihrer Angehörigen. Unsagbaren Schmerz bereitete ihr vor allem die von ihrer Mutter zum Ausdruck gebrachte Mißbilligung. In Wirklichkeit vollzog sich ihr Weg christlicher Vervollkommnung nicht nur im Zeichen der menschlichen Solidarität mit ihrem Volk, sondern auch einer echten geistlichen Teilhabe an der Berufung der Kinder Abrahams, die das Zeichen des Geheimnisses der Berufung und der »unwiderruflichen Gaben« Gottes in sich tragen (vgl. Röm 11, 29).

Sie machte sich insbesondere das Leiden des jüdischen Volkes zu eigen, je mehr sich dieses in jener grausamen nazistischen Verfolgung zuspitzte, die neben anderen schwerwiegenden Äußerungen des Totalitarismus einer der dunkelsten Schandflecke Europas in unserem Jahrhundert bleibt. Da ahnte sie, daß in der systematischen Ausrottung der Juden ihrem Volk das Kreuz Christi aufgebürdet wurde. Als persönliche Teilhabe an diesem Kreuz erlebte sie ihre eigene Deportation und Hinrichtung in dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ihr Schrei verschmilzt mit dem aller Opfer jener schrecklichen Tragödie. Vorher hat er sich jedoch mit dem Schrei Christi vereint, der dem menschlichen Leiden eine geheimnisvolle, ewige Fruchtbarkeit verspricht. Das Bild ihrer Heiligkeit bleibt für immer mit dem Drama ihres gewaltsamen Todes verbunden, an der Seite der vielen, die ihn zusammen mit ihr erlitten haben. Dieses Bild bleibt als Verkündigung des Evangeliums vom Kreuz, in das sie mit dem von ihr als Ordensfrau gewählten Namen hineingenommen sein wollte.

Wir blicken heute auf Teresia Benedicta a Cruce. In ihrem Zeugnis als unschuldiges Opfer erkennen wir einerseits die Nachahmung des Opferlammes und den Protest, der sich gegen alle Vergewaltigungen der Grundrechte der Person erhebt, andererseits das Unterpfand für jene neu belebte Begegnung zwischen Juden und Christen, die auf der vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschten Linie eine vielversprechende Zeit gegenseitiger Öffnung erfährt. Wenn heute Edith Stein zur Mitpatronin Europas erklärt wird, soll damit auf dem Horizont des alten Kontinents ein Banner gegenseitiger Achtung, Toleranz und Gastfreundschaft aufgezogen werden, das Männer und Frauen einlädt, sich über die ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinaus zu verstehen und anzunehmen, um eine wahrhaft geschwisterliche Gemeinschaft zu bilden.

10. Europa soll also wachsen! Es soll wachsen als Europa des Geistes auf dem Weg seiner besseren Geschichte, die gerade in der Heiligkeit ihren erhabensten Ausdruck findet. Die Einheit des Kontinents, die im Bewußtsein der Menschen allmählich reift und sich auch in politischer Hinsicht immer klarer abzeichnet, verkörpert gewiß eine sehr hoffnungsvolle Perspektive. Die Europäer sind aufgerufen, die historischen Rivalitäten, die ihren Kontinent oft zur Bühne verheerender Kriege gemacht haben, endgültig hinter sich zu lassen. Gleichzeitig müssen sie sich darum bemühen, die Bedingungen für einen größeren Zusammenhalt und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu schaffen. Vor ihnen liegt die große Herausforderung, eine Kultur und eine Ethik der Einheit aufzubauen. Denn wenn diese fehlen, ist jede Politik der Einheit früher oder später zum Scheitern verurteilt.

Um das neue Europa auf solide Grundlagen zu stellen, genügt es sicher nicht, nur an die wirtschaftlichen Interessen zu appellieren, die manchmal zusammenführen und dann wieder spalten. Vielmehr gilt es, die für Europa authentischen Werte zu betonen, deren Fundament das in das Herz eines jeden Menschen eingeschriebene allgemeine Sittengesetz ist. Ein Europa, das den Wert der Toleranz und der allgemeinen Achtung mit ethischem Indifferentismus und Skeptizismus in bezug auf die unverzichtbaren Werte verwechselte, würde sich den riskantesten Abenteuern öffnen und früher oder später die erschreckendsten Gespenster seiner Geschichte in neuer Gestalt wiederauftauchen sehen.

Um diese Bedrohung zu bannen, erweist sich wieder einmal die Rolle des Christentums als lebenswichtig. Denn es weist unermüdlich auf den idealen Horizont hin. Auch im Lichte der vielfältigen Berührungspunkte mit den anderen Religionen, die das Zweite Vatikanische Konzil erkannt hat (vgl. Dekret Nostra aetate), muß man nachdrücklich betonen, daß die Öffnung für das Transzendente eine lebenswichtige Dimension der Existenz ausmacht. Es kommt daher wesentlich auf ein erneuertes engagiertes Zeugnis aller Christen an, die in den verschiedenen Nationen des Kontinents leben. Ihnen ist es aufgetragen, die Hoffnung auf das vollkommene Heil zu nähren durch die Verkündigung des Evangeliums, das heißt der »Frohbotschaft«, daß Gott zu uns gekommen ist und uns in seinem Sohn Jesus Christus die Erlösung und die Fülle des göttlichen Lebens angeboten hat. Kraft des Geistes, der uns geschenkt wurde, können wir unseren Blick zu Gott erheben und ihn mit dem vertraulichen Namen »Abba«, Vater, anrufen (vgl. Röm 8, 15; Gal 4,6).

11. Genau diese Verkündigung der Hoffnung wollte ich stärken, indem ich diese drei großen Frauengestalten, die in verschiedenen Epochen einen so bedeutenden Beitrag zum Wachstum nicht nur der Kirche, sondern auch der Gesellschaft geleistet haben, in »europäischer« Sicht zu neuer Verehrung empfehle.

Durch jene Gemeinschaft der Heiligen, die auf geheimnisvolle Weise die irdische mit der himmlischen Kirche verbindet, nehmen sie sich in ihrer ewigen Fürbitte vor dem Thron Gottes unser an. Zugleich müssen die innigere Anrufung sowie die eifrigere und sorgfältigere Rückbindung an ihre Worte und ihr Vorbild in uns wieder ein schärferes Bewußtsein unserer gemeinsamen Berufung zur Heiligkeit wecken.So werden wir angespornt, Vorsätze zu hochherzigerem Einsatz zu fassen.

Nach reiflicher Überlegung ernenne und erkläre ich daher kraft meiner apostolischen Vollmacht die hl. Birgitta von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce zu himmlischen Mitpatroninnen bei Gott für ganz Europa. Gleichzeitig gewähre ich ihnen alle Ehren und liturgischen Privilegien, die den Hauptpatronen der Orte rechtmäßig zustehen.

Gepriesen sei die Allerheiligste Dreifaltigkeit, die in ihrem Leben und im Leben aller Heiligen in einzigartiger Weise aufstrahlt. Friede sei den Menschen guten Willens in Europa und in der ganzen Welt.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 1. Oktober 1999, dem einundzwanzigsten Jahr meines Pontifikates.

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: „Europa und seine Lebenswerte“

meisner

Vortrag in der Standpunktsendung
von Domradio und Radio Horeb

am 1. November 2001 in Köln

Grüß Gott , liebe Hörerinnen und Hörer!

„Europa und seine Lebenswerte“ ist das heutige abendliche Thema. In Europa ist Gott weithin abhanden gekommen. Da unsere Zivilisation und Kultur in Europa nur vom Evangelium und vom Dasein der Kirche her verstehbar ist, macht sich dieser Entgottungsvorgang, d.h. dieser Säkularisationsprozess auf allen Ebenen des Lebens innerhalb und außerhalb der Kirche schmerzlich bemerkbar.

Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext in Europa herrscht ein düsteres Bild vom Menschen vor. Das Große und das Heilige ist von vornherein verdächtig und muss vom Sockel gerissen und durchschaut werden. Moral gilt als Heuchelei und Glück als Selbstbetrug. Wer einfach dem Schönen und Guten traut, ist entweder von sträflicher Ahnungslosigkeit oder verfolgt böse Absichten. Der Verdacht ist die eigentliche moralische Grundkategorie, die eigentliche Haltung. Die Entlarvung ist der größte gesellschaftliche Erfolg. Gesellschaftskritik hat die erste Pflicht zu sein. Die Gefahren, die uns bedrohen, können gar nicht grell und grausam genug gezeichnet werden. Seit dem elften September bekommen diese Unheilspropheten ein neues Gewicht.

Allerdings ist die Lust am Negativen nicht unbegrenzt. Gleichzeitig gibt es nämlich eine Pflicht zum Optimismus, die nicht ungestraft verletzt werden darf. Wer etwa die Meinung äußern wollte, nicht alles in der geistigen Entwicklung der Neuzeit sei richtig gewesen; in einigen wesentlichen Punkten sei eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Weisheit der großen Weltkulturen erforderlich, hat offenbar die falsche Art von Kritik gewählt. Er findet sich einer entschlossenen Verteidigung der neuzeitlichen Grundentscheidungen gegenüber und der Überzeugung, dass die Grundlinien der geschichtlichen Entwicklung „Fortschritt “ heißen. Das Gute liege daher in der Zukunft und nirgendwo sonst; das darf bei aller Lust am Negativen nicht bestritten werden.

Eine der folgenreichsten, falschen Grundentscheide der Neuzeit, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist der Verzicht auf Transzendenz, das heißt: der Verzicht auf Gott . Unser Europa wurde bis in die jüngste Vergangenheit hinein mit dem Eigenschaftswort „christlich“ definiert. Wir sprachen immer von einem christlichen Europa bzw. von einem christlichen Abendland. Die Kultur und die Zivilisation Europas tragen eine Vielzahl grundlegender menschlicher Werte in ihrem Schoß, die ihre Quelle eindeutig im Evangelium Jesu Christi haben.

Da ist zunächst die Einmaligkeit eines jeden Menschen im europäischen Wertekanon zu erkennen. Biologisch, psychologisch und soziologisch ist jedes Menschenwesen absolut einmalig und darum unvergleichbar. Daraus folgt dann die Würde jedes Menschen und mithin das Recht auf Achtung vonseiten des Einzelnen und der Gesellschaft. Sodann, verehrte Hörerinnen und Hörer, ergibt sich aus dieser Einmaligkeit die Freiheit eines jeden Einzelnen und das Recht, die konkrete Gestaltung seiner Existenz selbst zu wählen und selbst zu bestimmen, oder die Gleichheit aller Menschen untereinander, die jede Diskriminierung ausschließt. Diese Werte – etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit, würden wir letzteres heute benennen – prägen das soziale und das moralische Bild des Abendlandes und sind gleichsam der Ausdruck des europäischen Humanismus.

Dazu gehört eine wesentliche Grundkategorie des Christentums, das sich darin eins weiß mit der gesamten „vormodernen“ Menschheit, nämlich, dass im Sein des Menschen immer ein Sollen liegt, dass der Mensch nicht selbst aus Zweckmäßigkeitsberechnungen Moral erfindet, sondern er Moral im Wesen der Dinge vorfindet. Menschliche Vernunft beruht auf der Fähigkeit, diese Botschaft der Dinge zu vernehmen und danach sein Handeln auszurichten. Vernunft, verehrte Hörerinnen und Hörer, hat etwas mit „vernehmen“ zu tun. Das Gesetz Israels als Glaubensnorm verband den Kosmos mit der Geschichte und war Ausdruck der Wahrheit des Menschen wie der Wahrheit der Welt überhaupt. Damit verband sich die Überzeugung von den objektiven Werten, die sich im Sein der Welt aussagen, der Glaube, dass es Haltungen gibt, die der Botschaft der Schöpfung entsprechend wahr und daher immer in sich gut sind und dass es ebenso andere Haltungen gibt, die – weil dem Dasein widersprechend – in sich falsch und darum immer schlecht sind. Es verband sich damit die Überzeugung, dass uns der Wille des Schöpfers darin anruft und dass im Einklang unseres Willens mit dem Seinen unser eigenes Wesen recht und gut ist.

Alle diese humanistischen Werte, die unser Europa geprägt haben, sind bei näherer Analyse – ich habe es schon angedeutet – typisch christliche Werte. Der europäische Humanismus, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist heute jedoch kaum mehr in einer christlichen Sicht der Welt begründet, wo Gott der Schöpfer und höchste Garant dieser eben genannten Werte und Norm ist. Es fehlt in der europäischen Gegenwart der Bezugspunkt, den das Absolute – nämlich Gott – für diese Werte darstellt. Wenn nun aber die humanistischen Werte und Ideen Europas auf sich selbst gestellt sind und nicht mehr um diesen gemeinsamen Bezugspunkt, um diese Verbindung mit dem transzendenten Absoluten mit Gott wissen, dann ist dies nicht einfach nur bedauerlich, sondern das ist höchst gefährlich. Diese Werte scheiden dann nämlich gleichsam auf natürliche Weise giftige Stoffe aus, die langsam das lebendige Gewebe unseres christlichen Abendlandes verseuchen und vergifen und schließlich zerstören, so dass die abendländische Gesellschaftsordnung kollabieren muss. Hier gilt das biblische Wort: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30).

Die Entkoppelung der Werte von dem transzendenten Bezugspunkt, von Gott , ist also nicht eine neutrale Erscheinung, sondern eine große Bedrohung. Unsere europäische Gegenwart trägt darum auf vielfältige Weise solche Todeskeime in sich, die den gesunden Organismus vergiften, ja zum Kollabieren kommen lassen. Man sollte sich nicht beeindrucken lassen von dem Wort: „Du bist ein Kulturpessimist“. „Die Wahrheit wird euch freimachen“ (Joh 8,32), sagt die Heilige Schrift und darum müssen wir uns der Analyse der Gegenwart stellen, wie sie nun einmal ist. Ich möchte für diese These einige Beispiele anführen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Wille, die angestammten Rechte eines jeden einzelnen Menschen anzuerkennen und zu gewähren, umfasst die entsprechenden Verpflichtungen von Seiten der anderen und der Gesellschaft bzw. des Staates. Diese Garantie der Rechte einer jeden Person kann jedoch zu einem hemmungslosen und grenzenlosen Individualismus führen, in dem dann der Einzelne so lebt, als sei er seiner Familie, seinem Land, seinem Staat, seiner Gesellschaft, seiner Kirche nichts mehr schuldig. Vielmehr, so meint er, seien es immer die Anderen – die Familie, die Gesellschaft, die Kirche, der Staat –, die ihm etwas schulden. Ein solcher Personalismus gleitet oft in Zügellosigkeit, Anarchie und Narzissmus ab.

Ein anderes Beispiel: Man will eine Gesellschaft schaffen, in der jeder und alles wirklich „gleich“ sei. Nicht selten führt dies jedoch in eine nivellierende Utopie, wo jede Differenzierung mit Bedacht ausgelöscht und eingeebnet wird. Ein solches Streben nach Gleichheit endet oftmals in einer Art Gleichmacherei, die schließlich alle Impulse, die einer Gesellschaft Profil zu geben vermögen, schwächt und alles in ein langweiliges, tödliches Grau eingießt, einwalzt und einbetoniert. Das war ja dann ja auch das Profil der sogenannten sozialistischen Gesellschaften. Das Recht auf Anderssein als einer Quelle der Inspiration, des Fortschritts wird hier praktisch nicht anerkannt.

Wieder ein weiteres Beispiel ist die Drogensucht. Das Drogenproblem ist ein Phänomen der Neuzeit. In dem Augenblick, in dem Lenin die Religionen als „Opium für das Volk“ diffamierte, griffen die Menschen im gleichen Augenblick zur Droge. Verehrte Hörerinnen und Hörer, die Versuchung zur Droge ist z.B. aus dem Mittelalter nirgendwo berichtet, weil damals der Durst der menschlichen Seele, des inneren Menschen, eine Antwort fand, die die Droge erübrigte. Im Drogenproblem wird der Protest gegen ein Dasein deutlich, das als Gefängnis empfunden wird. „Die große Reise“, die die Menschen in der Droge versuchen, ist die Pervertierungsform der christlichen Mystik, die Pervertierung des menschlichen Unendlichkeitsbedürfnisses, das Nein zur Unübersteigbarkeit der Immanenz und der Versuch, die Grenzen des eigenen Daseins ins Unendliche hinein zu entschränken. Verehrte Hörerinnen und Hörer, das geduldige und demütige Abenteuer der Askese, die sich in kleinen Schritten des Aufstiegs dem absteigenden Gott nähert, wird durch die magische Macht der Droge ersetzt, der sittliche und religiöse Weg durch die Technik der Gefühle. Die Droge ist so die Pseudo-Mystik einer Welt, die nicht glaubt, aber dennoch den Drang der Seele nach dem Unendlichen nicht abschütteln kann. Insofern ist die Droge ein Warnzeichen: Sie deckt nicht nur ein Vakuum in unserer Gesellschaft auf, dem ihre Instrumente nicht abhelfen können; sie verweist auf den inneren Anspruch des menschlichen Wesens, der sich in pervertierter Form zur Geltung bringt, wenn er die rechte Antwort nicht findet.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, hier gehört auch der Terrorismus als Beispiel her. Ich meine hier nicht den islamischen Terrorismus, wie wir ihn seit September diesen Jahres kennen, und ich möchte ihn ausdrücklich ausklammern, weil das Ereignis noch zu nahe vor uns liegt. Es fehlt die nötige Distanz. Denn nur Abstand bringt die Dinge näher. Ich beschränke mich auf unseren europäischen Terrorismus, und wenn Sie Vergleiche daraus zum islamischen Terrorismus der Gegenwart ziehen können, dann ist das nicht verboten. Der Ausgangspunkt des Terrorismus ist dem der Droge nahe verwandt: Auch hier steht am Anfang der Protest gegen die Welt, wie sie ist und das heiße Verlangen nach einer besseren Welt. Der Terrorismus ist von seiner Wurzel her ein Moralismus, allerdings ein fehlgeleiteter, der zur grausamen Parodie auf die wahren Ziele des Moralischen wird.

Es ist kein Zufall, dass der Terrorismus damals in Deutschland seinen Anfang an den Universitäten genommen hat und hier wieder im Umkreis moderner Theologie bei ursprünglich stark vom Religiösen herkommenden jungen Menschen. Sie dürfen nicht vergessen, dass ein Teil der Terroristen aus evangelischen Pfarrhäusern kam. Der Terrorismus der ersten Stunde war ein ins Irdische umgeleiteter religiöser Enthusiasmus, eine in politischen Fanatismus transportierte messianische Erwartung. Der Glaube ans Jenseits war zerbrochen oder er war belanglos geworden. Der Maßstab der jenseitigen Erwartung wurde aber nicht preisgegeben, sondern nun an die gegenwärtige irdische Welt angelegt. Gott wurde nicht mehr als wirklich Handelnder angesehen, aber die Erfüllung seiner Verheißung nach wie vor – und erst recht – verlangt. „Gott hat keine anderen Arme und Hände als die unsrigen“, – das bedeutet nun, dass die Einlösung dieser Verheißung von uns selbst besorgt werden kann und muss. Gott hat ja keine anderen Hände. Darum gebe ich ihm meine, ergreife das Maschinengewehr und versuche mit Waffengewalt das Reich Gott es auf Erden zu verwirklichen.

Der Ekel an der geistigen und seelischen Leere unserer Gesellschaft, der Anspruch auf das unbedingte Heil ohne Schranken ist die sogenannte religiöse Komponente im Terrorismus, die ihm die Schwungkraft und die Leidenschaft des Idealistischen gab. Dies alles wird so gefährlich aufgrund der entschiedenen Diesseitigkeit der messianischen Hoffnung. Vom Bedingten wird das Unbedingte, vom Endlichen das Unendliche verlangt. Dieser innere Widerspruch zeigt die eigentliche Tragik des Phänomens auf, in dem die große Berufung des Menschen zum Instrument der großen Lüge wird.

Nun ein weiteres Beispiel: Eine omnipotente Naturwissenschaft wird zur großen Gefährdung des Menschen. Warum? Die Wissenschaft hat in Europa dazu geführt, die Verfahrensmethoden der experimentellen Forschung auch auf die Gebiete des menschlichen Lebens, der Kultur, der Religion, der Ethik, der Moral, der Künste, der Erziehung und der Menschenführung auszudehnen. Hierbei kam es zur unheilvollsten Übertragung. Denn um leben, um als Mensch leben und überleben zu können, bedarf das Menschliche von Natur aus der Dauer, der Stabilität, der Gewissheit des Absoluten, ja der Gewissheit des Heiligen.

Nun aber wird der Bereich der Wissenschaft und der Technologie von Folgendem geprägt: Rasches Veralten des Erreichten, vom Wesen her ständiges Infragestellen der Grundsätze selbst, der Hypothesen und der Ideen. Es zeigt sich hier ein Relativismus und ein Pluralismus, die nicht einfach auf den Menschen übertragen werden können, ohne dass dieser selbst an Leib und Seele verkümmert und schließlich stirbt.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, unsere Frage lautet deshalb: Kann der europäische Mensch aus eigener Kraft all diese Gifte ausschwitzen oder überwinden? Oder kann man berechtigterweise nur dann auf eine Tiefenheilung hoffen, wenn die europäischen Werte wieder ihre Quelle finden, ihren gemeinsamen Bezugspunkt: das transzendentale Absolute, das wir Gott nennen?

Christus wird in der Theologie, genauer in der Christologie, als „ecce Deus“ und „ecce homo“ definiert. Als Gott und Mensch. Unsere europäische Anthropologie ist darum christologisch in der dogmatischen Formel des Konzils von Chalzedon verwurzelt, wo das Konzil erklärt: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Dieses christologische Dogma betont damit die enge Verwandtschaft zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, ihre wesensgemäße Übereinstimmung, die es dem göttlichen Wort ermöglicht, Träger der menschlichen Natur zu werden. Deswegen sagte z.B. Romano Guardini in seinem berühmten Vortrag auf dem ersten Berliner Katholikentag: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen.“ Die Gottähnlichkeit des Menschen, der ja nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, vollendet sich in der Menschwerdung Gottes. Nirgends ist der Mensch in seiner Würde deshalb höher definiert als im Christentum. Die orthodoxen Theologen haben sogar den Mut, von der Gottwerdung des Menschen durch die Menschwerdung Gottes zu sprechen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, so wie ein Spiegel keinen nichtexistierenden Gegenstand widerzuspiegeln vermag, so wäre in der Tat die menschliche Person in ihrem Hunger und Durst nach dem Absoluten und dem Unendlichen ohne einen absoluten Archetyp, ohne Gott , unerklärlich.

Erlauben Sie, dass ich dies noch an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen suche. Ich musste einmal für ein halbes Jahr zu einer stationären Behandlung in ein staatliches Krankenhaus in der ehemaligen DDR. Ich hatte mein Zimmer mit einem handfesten Atheisten zu teilen, der darüber hinaus noch Mitglied der SED war. Wenn man dann so gemeinsam buchstäblich auf dem Kreuz liegt und an die Decke des Krankenzimmers schaut, da sagt man sich schon einmal Dinge, die man sich vielleicht von Angesicht zu Angesicht nicht so unbedingt sagen würde.

Eines Tages fragte mich dieser Atheist: „Eigentlich bist du doch ein ganz ‚normaler Typ’. Wie kannst du noch an Gott glauben? Das ist doch etwas von vorgestern.“ Ich überlegte, wie ich diesem Mann eine Brücke zu der Welt Gottes bauen könnte. Mir kam ein Gedanke, und gab zur Antwort: „Ich möchte dir jetzt zwei Fragen stellen, die dich vielleicht ein wenig verwundern, aber die es in sich haben. Frage Nummer eins: Möchtest du schlecht sein, und zwar so schlecht, dass die anderen sagen: Der da taugt keinen Schuss Pulver?“ Die Antwort: „das möchte ich natürlich nicht!“ „Aber“, so antwortete ich wieder, „du sagst doch als Materialist, dass jede Wirkung eine Ursache haben muss. Und darum frage ich dich jetzt: „Warum möchtest du nicht schlecht sein? Das muss doch einen Grund haben, das muss doch eine Ursache haben?“ Da gab er mir nach einigen Überlegungen die Antwort: „Das weiß ich nicht.“ Ich konnte ihm entgegnen: „Aber ich weiß es. Du und ich, wir sind gar keine Urbilder, keine Originale, sondern wir sind Abbilder. Das Urbild, das wir Gott nennen ist das höchste Gut und weil Gott absolut gut ist kann der Mensch als Abbild Gottes nicht ungut sein wollen, dass geht nicht. Und wenn wir es aber doch gelegentlich sind und werden dabei ertappt, dann bäumt sich das besudelte Ebenbild Gottes in uns auf, so dass sich das bis ins Gesicht hinein zeigen kann, dann wird man rot und man fängt an zu schwitzen.“

Und ich habe eine zweite Frage gestellt. Die zweite Frage lautete: „Möchtest du ungeliebt sein? Glaubst du, das jemand den Satz über seine Lippen bringt ‚Ich möchte niemanden haben, der mich liebt’?“ Da gab er mir die erschrockene Antwort: „Das wäre ja die Hölle“. Verehrte Hörerinnen und Hörer, ich frage Sie nun, woher kennt dieser Atheist, ohne Religionsunterricht und ohne religiöse Unterweisung, die präzise theologische Definition dessen, was die Hölle ist. ‚Ich habe niemand der mich liebt, das wäre ja die Hölle’. Woher weiß der das? Er weiß es, weil er auch als Atheist Ebenbild Gottes ist und damit eine gottmenschliche Struktur aufweist.

Selbst ein so radikaler Denker wie Friedrich Nietzsche, der – wie ich meine – der ehrlichste und damit aber auch zugleich der gefährlichste aller Atheisten war, der das Christentum bis ins Mark hinein getroffen hat, der hatte Stunden, in denen das Ebenbild Gottes in ihm aufschrie und aufjammerte. In einer solchen Situation schreibt er ein Gedicht in dem er sein Leben vergleicht mit einer trostlosen Wanderung durch ödes Winterland. Und der Refrain der Strophen lautet immer: „Und über mir ziehen die Raben zur Stadt, weh dem, der keine Heimat hat!“ Einige Jahre später geht in Turin ein Mann auf eine Pferdekutsche zu, um sein umnachtetes Haupt hilfesuchend an den Kopf des Pferdes zu legen. Es ist der Dichter der Verse: „weh dem, der keine Heimat hat“. Da er nicht das Haupt voll Blut und Wunden kannte, musste er sich den Kopf eines Pferdes aussuchen.

Ich meine, diese Szene ist eine erschütternde Blitzaufnahme der europäischen Situation. Ich sage es noch einmal: Gerade in der gottesgestaltigen und gottmenschlichen Struktur der menschlichen Person entdeckt der Mensch die Gottesvorstellung. Dies zeigt sich zum Beispiel eben darin, daß ein SED-Genosse intuitiv die Definition der Hölle kannte.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, was haben wir nun zu tun? Nicht den Glauben auf das rein Religiöse zu reduzieren – das ist immer unkatholisch –, sondern – um das biblische Bild vom Salz zu verwenden –, den Glauben in die irdischen Wirklichkeiten hineinzumengen, ohne ihn zu vermischen. So wie Gottheit und Menschheit in Jesus Christus unvermischt sind, so müssen wir den Glauben hineinmengen in unsere Gesellschaft, ohne ihn zu vermischen.

Der Wille zu einer rein religiösen Verwirklichung des Evangelium unter Ausklammerung des politischen, sozialen und kulturellen Raumes wird nicht der weltlichen Verantwortung des Glaubens gerecht. Echte Glaubenspraxis, d.h. richtiges Handeln, geht aus der Wahrheit hervor, und um sie muss gerungen werden. Wir sagen: Alle Theorie ist grau. Praxis ohne Theorie ist aber gräulich. Es muss um die Wahrheit gerungen werden. Es soll weniger dabei um unmittelbare Wirkung gehen. Wir sollen einfach die Wahrheit zum Leuchten bringen. Und diese Wahrheit ist eine Macht; die andere fasziniert, aber nur dann, wenn man von ihr keine unmitt elbare Wirkung verlangt.“

Hier liegt im Hinblick auf den sogenannten Reevangelisierungsprozess die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart. Die Kirche sollte zunächst einmal sie selbst sein. Sie darf sich nicht einfach zu einem bloßen Mittel der Moralisierung oder Ethisierung der Gesellschaft , wie sich das heute viele wünschen, instrumentalisieren lassen. Ganz besonders darf sich die Kirche nicht selbst durch die Nützlichkeit ihrer Sozialwerke rechtfertigen wollen. Je intensiver die Kirche das tut, was ihr gleichsam zusätzlich hinzugegeben worden ist, je intensiver sie das als Hauptziel angeht, desto mehr wird sie gerade darin versagen. Wir haben, so meine ich, verehrte Hörerinnen und Hörer, dafür ausreichend Anschauungsmaterial.

Je mehr sich die Kirche vor allem als Institut sozialen Fortschritts definiert, desto mehr trocknen die sozialen Berufungen aus, die Berufe des Dienens für Alte, Kranke und Kinder, die doch in Blüte standen, als der Blick der Kirche noch wesentlich auf Gott hin ausgerichtet war. Aus Erfahrung erkennen wir die Richtigkeit des Herrenwortes: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben werden“ (Mt 6, 33). Suchen wir jedoch zuerst das Dazugegebene, bekommen wir es doch nicht und verlieren schließlich auch noch das Reich Gottes.

Zeitgenössische ungläubige Philosophen, wie etwa Max Horkheimer, haben den Versuch von Theologieprofessoren angeprangert, sich am Glaubenskern des Christentums vorbeizumogeln, die Heiligste Dreifaltigkeit, den Himmel, die Hölle, die Engel, den Teufel und die Erzählungen der Bibel unanstößig zu machen, indem sie ins rein Bildhafte, ins rein Symbolische zurückgestuft werden. Diese ungläubigen Philosophen sagen: Klammern die Theologen das Dogma aus, ist die Geltung ihrer Rede nichtig. Sie beugen sich dann jener Furcht vor der Wahrheit, in der die geistige Verflachung der Gegenwart wurzelt.

So also kann man die Kirche und die Kirche die Welt nicht retten. Vielmehr muss sie ihr Ureigenes tun, den Auftrag erfüllen, auf dem ihre Identität gründet: Gott verkünden und das Reich Gottes bekannt machen!

Gerade und nur so entsteht der geistige Raum, in dem das Moralische und das Ethische seine Existenz zurückgewinnen kann, und zwar weit über den Kreis der Glaubenden hinaus. Ihre Verantwortung für die Gesellschaft muss die Kirche in dem Sinne wahrnehmen, dass sie das Göttliche und das daraus folgende Moralische einsichtig werden lässt. Die Kirche muss überzeugen. Indem sie Überzeugung schafft , öffnet sie den Raum für das, was ihr anvertraut ist und immer nur über Verstand, Wille und Gefühl zugänglich gemacht werden kann. Die Kirche muss dabei leidensbereit sein; nicht durch institutionelle Stärke, sondern durch Zeugnis, durch Liebe, durch Leben, durch Leiden muss sie dem Göttlichen den Raum bereiten und so der Gesellschaft helfen, ihre moralische Identität zu finden. Unsere deutsche Sprache bringt das sehr schön zum Ausdruck. Danach ist Leid nur ein anderer Name für Liebe. Wenn ich jemand sehr gern mag, kann ich sagen: „Ich mag dich leiden“. Und wenn ich etwas sehr gerne habe, ist das meine große Passion, meine Leidenschaft.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, das Ringen um die Reevangelisierung Europas ist in Zusammenhang mit der Überzeugung des hl. Augustinus zu sehen, der in der Weltgeschichte den Kampf der Selbstliebe bis hin zur Gottesverachtung und der Gottesliebe bis hin zur Selbstverachtung sieht. Die Geschichte ist geprägt von der Auseinandersetzung zwischen Liebe und der Unfähigkeit zu lieben, sprich von der Unfähigkeit zu leiden. Die Geschichte ist geprägt von jener Verödung der Seelen und Herzen, die dort eintritt – wie Kardinal Ratzinger einmal meisterhaft gesagt hat –, „wo der Mensch nur noch die quantifizierbaren Werte überhaupt als Werte und als Wirklichkeiten anzuerkennen vermag. Die Liebesfähigkeit, d.h. die Fähigkeit, auf das Unverfügbare in Geduld zu warten und sich von ihm beschenken zu lassen, wird erstickt durch die schnellen Erfüllungen, in denen ich auf niemanden angewiesen bin, aber auch nie aus mir heraustreten muss und darum auch nie in mich hineinfinde. Diese Zerstörung der Liebesfähigkeit gebiert die tödliche Langeweile. Sie ist die Vergiftung des Menschen.“ – soweit Kardinal Ratzinger. Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Mensch bringt sich eher durch tödliches Gähnen vor Langeweile um als durch Stress. Deshalb sollte die Kirche auch in Gelassenheit und Vertrauen versuchen, sie selbst zu bleiben und die Wahrheit zu verkünden, die in sich eine Kraft ist, die andere ansteckt und verwandelt.

Ein russischer Verwaltungsbeamter aus der Zarenzeit zeigte sich erstaunt über die Weigerung eines orthodoxen Missionspriesters, die Heiden eiligst und schnell zu taufen. Der Priester wies alle administrativen und insbesonderealle statistischen Besorgnisse zurück und ließ die Ungläubigen in sehr bescheidenen Diensten die Liebe Christi fühlen: „Sie sollen nur einmal anfangen, den Saum des Kleides Christi zu berühren“, sagte er, „sie sollen seine unermessliche Liebe spüren, und dann wird der Herr ihre Herzen selbst verzaubern“. Nicht wir können den Glauben weitergeben, das macht Gott selbst. Wir müssen diesen Gott aber berührbar machen, so dass die Menschen den Saum seines Kleides zu packen bekommen, und wenn es nur von hinten ist. Dann wird er selbst die Herzen und die Gesichter der Menschen verzaubern. Christus in dieser Weise berührbar zu machen ist uns aufgetragen. Für mich sind hier zwei Schriftstellen so wichtig und trostvoll. Das ist zum einen die soeben von mir zitierte kranke Frau, die von hinten den Saum des Gewandes Jesus berührte und geheilt wird (Mt 9, 20) und die zweite Stelle ist in der Apostelgeschichte zu finden. Die Apostel gehen nach der Erhöhung des Herrn in den Tempel um zu beten. Die Bewohner von Jerusalem legen ihre Kranken an den Weg, den die Apostel gehen, damit wenigstens ihre Schatten auf die Kranken fällt, der sie alle heilt (Apg 5.12-16). Als europäische Bischöfe, Priester und Christen werden wir uns dann nur zufrieden geben dürfen, wenn Europa von solchen heilenden, schattenspendenden Menschen flächendeckend überspannt ist. Dass wir wirklich mit ihm in Berührung kommen, wenn wir die Kirche berühren, das muss unsere permanente Sorge sein.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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Quelle