Johannes Paul II.: Erklärung der hl. Birgitta von Schweden, der hl. Katharina von Siena und der hl. Theresia Benedicta a Cruce zu Mitpatroninnen Europas

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES »MOTU PROPRIO«
ZUR ERKLÄRUNG DER HL. BIRGITTA VON SCHWEDEN,
DER HL. KATHARINA VON SIENA UND
DER HL. TERESIA BENEDICTA A CRUCE
ZU MITPATRONINNEN EUROPAS

JOHANNES PAUL II.
ZU IMMERWÄHRENDEM GEDENKEN

1. Die Hoffnung auf den Aufbau einer gerechteren und menschenwürdigeren Welt, eine Hoffnung, die von der Erwartung des nunmehr vor der Tür stehenden dritten Jahrtausends noch angefacht wird, muß von dem Bewußtsein getragen sein, daß menschliche Anstrengungen nichts nützen würden, wenn sie nicht von der göttlichen Gnade begleitet wären: »Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Ps 127,1). Dem müssen auch alle Rechnung tragen, die in diesen Jahren vor dem Problem stehen, Europa eine neue Ordnung zu geben, die dem alten Kontinent helfen soll, sich durch Beseitigung des traurigen Erbes der Vergangenheit die Reichtümer seiner Geschichte zunutze zu machen, um mit einer in den besten Traditionen verwurzelten Originalität auf die Erfordernisse der sich wandelnden Welt zu antworten.

In der Gesamtgeschichte Europas stellt das Christentum zweifellos ein zentrales und prägendes Element dar, das sich auf dem starken Fundament des klassischen Erbes und der vielfältigen Beiträge gefestigt hatte, die von den im Laufe der Jahrhunderte aufeinanderfolgenden unterschiedlichen ethnisch-kulturellen Strömungen eingebracht wurden. Der christliche Glaube hat die Kultur des Kontinents geformt und sich mit seiner Geschichte so unlösbar verflochten, daß diese gar nicht verständlich wäre, würde man nicht auf die Ereignisse verweisen, die zunächst die große Zeit der Evangelisierung und dann die langen Jahrhunderte geprägt haben, in denen sich das Christentum, wenn auch in der schmerzlichen Spaltung zwischen Orient und Okzident, als die Religion der Europäer durchgesetzt hat. Auch in Neuzeit und Gegenwart, wo die religiöse Einheit sowohl infolge weiterer Spaltungen unter den Christen als auch wegen der Loslösungsprozesse der Kultur vom Horizont des Glaubens mehr und mehr zerbröckelte, kommt der Rolle des Glaubens auch weiterhin eine wichtige Bedeutung zu.

Der Weg in die Zukunft muß dieser Gegebenheit Rechnung tragen. So sind die Christen aufgerufen, sich des Glaubens neu bewußt zu werden, um zu zeigen, was er an Möglichkeiten ständig in sich birgt. Sie haben die Pflicht, zum Aufbau Europas einen besonderen Beitrag zu leisten. Dieser wird um so wertvoller und wirksamer sein, je mehr es den Christen gelingt, sich selbst im Lichte des Evangeliums zu erneuern. Auf diese Weise werden sie jene lange Geschichte der Heiligkeit fortführen, welche die verschiedenen Regionen Europas im Laufe dieser zweitausend Jahre durchzogen hat, in denen die offiziell anerkannten Heiligen nur die als Vorbilder für alle Menschen ausgewiesenen Höhepunkte sind. Denn zahllos sind die Christen, die durch ihr von der Liebe zu Gott und zum Nächsten beseeltes, rechtschaffenes und aufrichtiges Leben in den verschiedensten Berufen als Geistliche, Ordensleute und Laien eine Heiligkeit erlangt haben, die in ihrer Verborgenheit echt und weit verbreitet war.

2. Die Kirche zweifelt nicht daran, daß gerade dieser Schatz der Heiligkeit das Geheimnis ihrer Vergangenheit und die Hoffnung ihrer Zukunft ist. In ihm drückt sich nämlich am besten das Geschenk der Erlösung aus, durch das der Mensch von der Sünde befreit wird und die Möglichkeit zu einem neuen Leben in Christus erhält. In ihm findet das Volk Gottes auf seinem Weg durch die Zeit eine unvergleichliche Stütze, fühlt es sich doch zutiefst mit der verherrlichten Kirche verbunden, die im Himmel dem Lamm den Lobpreis singt (vgl. Offb 7,9–10), während sie für die noch auf Erden pilgernde Gemeinschaft Fürbitte einlegt. Darum hat das Volk Gottes seit ältesten Zeiten die Heiligen als Beschützer angesehen. Durch eine einzigartige Gepflogenheit, an der sicher der Einfluß des Heiligen Geistes nicht unbeteiligt war, wurden dann die einzelnen Kirchen, Regionen und sogar Kontinente dem besonderen Schutz einiger Heiliger anvertraut. Manchmal geschah es auf Drängen der Gläubigen, dem die Bischöfe nachgaben, dann wieder auf Initiative der Bischöfe selbst.

Da gerade die Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa tagt, schien mir aus der oben gezeichneten Perspektive und angesichts des bevorstehenden Großen Jubiläums des Jahres 2000, daß die europäischen Christen aus der Betrachtung und der Anrufung mancher Heiliger, die auf ihre Weise besonders repräsentativ für ihre Geschichte sind, geistlichen Nutzen ziehen könnten. Die Christen in Europa erleben ja zusammen mit ihren Mitbürgern einen epochalen Übergang, der zwar reich an Hoffnung, aber zugleich nicht frei von Sorgen ist. Ich habe mir daher nach entsprechender Beratung überlegt, das zu vollenden, was ich am 31. Dezember 1980 begonnen habe, als ich zwei Heilige des ersten Jahrtausends, die Brüder Cyrill und Methodius, als Pioniere der Evangelisierung Osteuropas dem hl. Benedikt an die Seite stellte und zu Mitpatronen Europas erklärte. So will ich nunmehr die Schar der himmlischen Schutzpatrone durch drei Gestalten ergänzen, die gleichfalls als Sinnbilder für entscheidende Augenblicke des zu Ende gehenden zweiten Jahrtausends stehen: die hl. Birgitt a von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce (Edith Stein). Drei große Heilige, drei Frauen, die sich in verschiedenen Epochen – zwei im Hochmittelalter und eine in unserem Jahrhundert – durch die tatkräftige Liebe zur Kirche Christi und durch das Zeugnis für sein Kreuz ausgezeichnet haben.

3. Das Panorama der Heiligkeit ist natürlich so vielfältig und reich, daß die Wahl neuer himmlischer Schutzpatrone auch auf andere sehr würdige Gestalten hätte fallen können, deren sich jede Epoche und jede Region rühmen dürfen. Im Rahmen der von der Vorsehung bestimmten Tendenz, die sich in Kirche und Gesellschaft unserer Zeit durch die immer klarere Anerkennung der Würde und der eigentlichen Gaben der Frau durchgesetzt hat, halte ich jedoch die Option für diese Heiligkeit mit weiblichem Antlitz für besonders bedeutsam.

In Wirklichkeit hat es die Kirche von ihren Anfängen an nicht versäumt, die Rolle und Sendung der Frau anzuerkennen, auch wenn sie sich bisweilen von den Bedingtheiten einer Kultur beeinflussen ließ, die der Frau nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Doch die christliche Gemeinschaft ist auch in dieser Hinsicht allmählich gereift, und gerade die von der Heiligkeit entfaltete Rolle hat sich dafür als entscheidend erwiesen. Ein ständiger Impuls ist vom Bild Mariens, der »idealen Frau«, der Mutter Christi und der Kirche, ausgegangen. Aber auch der Mut der Märtyrinnen, die mit erstaunlicher Seelenkraft die grausamsten Qualen auf sich genommen haben, das Zeugnis der Frauen, die sich mit beispielhafter Radikalität zum asketischen Leben verpflichtet haben, die tägliche Hingabe so vieler Ehefrauen und Mütter in der Familie als »Hauskirche«, die Charismen so vieler Mystikerinnen, die zur theologischen Vertiefung beigetragen haben: Sie alle haben der Kirche eine wertvolle Anleitung dafür gegeben, den Plan, den Gott für die Frauen hat, voll zu erfassen. Seinen unmißverständlichen Ausdruck findet dieser Plan übrigens bereits auf einigen Seiten der Heiligen Schrift und besonders in der im Evangelium bezeugten Haltung Christi. Auf dieser Linie liegt auch die Wahl, die hl. Birgitta von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce zu Mitpatroninnen Europas zu erklären.

Der Grund, der dann mein besonderes Augenmerk auf diese Frauen gelenkt hat, liegt in deren Leben. Ihre Heiligkeit äußerte sich nämlich unter historischen Gegebenheiten und im Rahmen »geographischer« Räume, die sie für den europäischen Kontinent besonders bedeutsam erscheinen lassen. Die hl. Birgitta ver weist auf den äußersten Norden Europas, wo sich der Kontinent mit den übrigen Teilen der Welt gleichsam zu einer Einheit verbindet; von dort ist sie aufgebrochen, um schließlich in Rom ihr Ziel zu finden. Auch Katharina von Siena ist wegen der Rolle bekannt, die sie damals, als der Nachfolger Petri in Avignon residierte, durch die Vollendung eines geistlichen Werkes spielte, das bereits die hl. Birgitta begonnen hatte: Denn sie hatte die Rückkehr des Papstes an seinen eigentlichen Sitz in der Nähe des Grabes des Apostelfürsten gefördert. Die erst vor kurzem heiliggesprochene Teresia Benedicta a Cruce schließlich verbrachte nicht nur ihr Leben in verschiedenen Ländern Europas, sondern schlug mit ihrer ganzen Existenz als Denkerin, Mystikerin und Märtyrerin gleichsam eine Brücke zwischen ihren jüdischen Wurzeln und der Zugehörigkeit zu Christus. Sie tat es, indem sie mit sicherer Intuition im Dialog mit dem modernen philosophischen Denken stand und indem sie schließlich durch ihr Martyrium in der entsetzlichen und beschämenden »Shoah« die Gründe gleichsam herausschrie, die für Gott und den Menschen sprechen. So ist sie zum Ausdruck einer menschlichen, kulturellen und religiösen Pilgerschaft geworden, die den tiefen Kern der Tragödie und der Hoffnungen des europäischen Kontinents verkörpert.

 

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4. Die erste dieser drei großen Gestalten, Birgitta, stammte aus einer Adelsfamilie und wurde im Jahr 1303 in Finsta in der schwedischen Region Uppland geboren. Sie ist vor allem als Mystikerin und Gründerin des Ordens des Heiligsten Erlösers bekannt. Man darf jedoch nicht vergessen, daß sie in der ersten Lebenshälfte dem Laienstand angehörte und mit einem frommen Christen glücklich verheiratet war, von dem sie acht Kinder hatte. Wenn ich auf sie als Mitpatronin Europas hinweise, möchte ich damit bewirken, daß sich ihr nicht nur diejenigen nahe fühlen, die die Berufung zu einem besonderen geistlichen Stand empfangen haben, sondern auch jene, die als Laien ihren gewöhnlichen Tätigkeiten in der Welt nachgehen und denen vor allem die hohe und verpflichtende Berufung zukommt, eine christliche Familie zu bilden. Ohne sich vom Wohlstandsleben ihrer gesellschaftlichen Klasse beirren zu lassen, lebte Birgitta mit ihrem Gemahl Ulf die Erfahrung eines Ehepaares, bei dem sich die eheliche Liebe mit intensivem Gebet, Studium der Heiligen Schrift, Abtötung und Nächstenliebe verband. Gemeinsam gründeten die Eheleute ein kleines Spital, wo sie häufig den Kranken Beistand leisteten. Birgitta hatte es sich sodann zur Gewohnheit gemacht, persönlich den Armen zu dienen. Zugleich wurde sie wegen ihrer pädagogischen Gaben geschätzt, die sie besonders dann entfalten konnte, wenn man sie am Hof von Stockholm um ihren Dienst ersuchte. Aus dieser Erfahrung sollten die Ratschläge heranreifen, die sie bei verschiedenen Gelegenheiten Fürsten und Herrschern für die richtige Erfüllung ihrer Aufgaben erteilte. Aber an erster Stelle kam diese Fähigkeit natürlich ihren Kindern zugute, und es ist kein Zufall, daß eine ihrer Töchter, Katharina, als Heilige verehrt wird.

Doch diese Periode ihres Familienlebens war nur eine erste Etappe. Die Wallfahrt nach Santiago de Compostela, die sie 1341 zusammen mit ihrem Ehemann Ulf unternahm, bildete den symbolischen Abschluß dieser Phase. Für Birgitta war sie die Vorbereitung auf das neue Leben, das sie einige Jahre später begann, als sie nach dem Tod des Gatten die Stimme Christi vernahm, der ihr eine neue Sendung übertrug, während er sie durch eine Reihe außerordentlicher mystischer Gnaden Schritt für Schritt begleitete.

5. Nachdem sie 1349 Schweden verlassen hatte, ließ sich Birgitta in Rom nieder, dem Sitz des Nachfolgers Petri. Der Umzug nach Italien stellt einen Abschnitt in Birgittas Leben dar, der nicht für die geographische und kulturelle, sondern vor allem für die spirituelle Erweiterung ihres Geistes und Herzens entscheidend war. Viele Orte Italiens haben sie als Pilgerin gesehen, deren tiefster Wunsch es war, die Reliquien der Heiligen zu verehren. Orte, die davon erzählen können, sind: Mailand, Pavia, Assisi, Ortona, Bari, Benevento, Pozzuoli, Neapel, Salerno, Amalfi und das Heiligtum des hl. Erzengels Michael auf dem Monte Gargano. Die letzte Wallfahrt, die sie zwischen 1371 und 1372 unternahm, führte sie nach Überquerung des Mittelmeeres in Richtung Heiliges Land und gestattete ihr, außer den vielen heiligen Stätten des katholischen Europa die eigentlichen Quellen des Christentums gleichsam geistlich zu umarmen, die als Orte vom Leben und Tod des Erlösers geheiligt sind.

Noch mehr als durch dieses fromme Wallfahrten hat Birgitta aber durch den tiefen Sinn für das Geheimnis Christi und der Kirche in einem äußerst kritischen Augenblick ihrer Geschichte am Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft mitgewirkt. Die innige Verbundenheit mit Christus war nämlich begleitet von besonderen Offenbarungscharismen, die sie zu einem Bezugspunkt machte, an dem sich viele Personen der Kirche ihrer Zeit ausrichteten. In Birgitta spürt man die Kraft der Prophetie. Die Töne, die sie anschlägt, erscheinen manchmal wie ein Echo der Stimmen der großen alten Propheten. Sicher und entschlossen spricht sie zu Fürsten und Päpsten. Ihnen enthüllt sie die Pläne Gottes in bezug auf die geschichtlichen Ereignisse. Sie spart auch nicht mit strengen Ermahnungen, was die sittliche Erneuerung des christlichen Volkes und selbst des Klerus betrifft (vgl. Revelationes, IV. 49; vgl. auch IV, 5). Manche Aspekte ihres außergewöhnlichen mystischen Schaffens lösten in der damaligen Zeit verständliche Fragen aus. Ihnen gegenüber verwies die Prüfung durch die Kirche auf die einzige öffentliche Offenbarung, die in Christus ihre Erfüllung und in der Heiligen Schrift ihren maßgebenden Ausdruck gefunden hat. Denn auch die Erfahrungen der großen Heiligen sind nicht frei von jenen Grenzen, die den Empfang der Stimme Gottes durch den Menschen immer begleiten.

Es besteht jedoch kein Zweifel, daß die Kirche, als sie die Heiligkeit Birgittas anerkannte, die Authentizität ihrer inneren Erfahrung insgesamt billigte, auch ohne sich zu den einzelnen Offenbarungen zu äußern. Sie erscheint als eine bedeutende Zeugin des Raumes, den das Charisma in der Kirche haben kann, wenn es in voller Fügsamkeit gegenüber dem Geist Gottes und in voller Übereinstimmung mit den Ansprüchen der kirchlichen Gemeinschaft gelebt wird. Insbesondere nachdem sich die skandinavischen Länder, also die Heimat Birgittas, im Verlauf der traurigen Geschehnisse des 16. Jahrhunderts aus der vollen Gemeinschaft mit dem Römischen Stuhl losgelöst hatten, bleibt die Gestalt der schwedischen Heiligen ein wertvolles ökumenisches »Band«, das den Einsatz noch verstärkt, den ihr Orden in diesem Sinne leistet.

 

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6. Nur wenig jünger ist die andere große Frauengestalt, die hl. Katharina von Siena, deren Rolle in den Entwicklungen der Kirchengeschichte und selbst bei der lehrmäßigen Vertiefung der geoffenbarten Botschaft tiefe Anerkennung gefunden hat, die in der Verleihung des Titels einer Kirchenlehrerin gipfelte.

Die 1347 in Siena geborene Katharina war von frühester Kindheit an mit außerordentlichen Gnaden ausgestattet, die es ihr erlaubten, auf dem vom hl. Dominikus vorgezeichneten geistlichen Weg zwischen Gebet, asketischer Strenge und Werken der Nächstenliebe rasch zur Vollkommenkeit voranzuschreiten. Sie war zwanzig Jahre alt, als Christus ihr durch das mystische Symbol des Brautringes seine besondere Liebe offenbarte. Es war die Krönung einer Vertrautheit, die in der Verborgenheit und Kontemplation, auch außerhalb der Mauern eines Klosters, durch das ständige Verweilen an jener geistlichen Wohnung herangereift war, die sie gern die »innere Zelle« nannte. Das Schweigen dieser Zelle, das Katharina für die göttlichen Eingebungen in hohem Maße bereit machte, konnte sich schon bald mit einem ganz außerordentlichen apostolischen Eifer verbinden. Viele Menschen, darunter auch Kleriker, sammelten sich als Schüler um sie und sprachen ihr die Gabe einer geistlichen Mutterschaft zu. Ihre Briefe verbreiteten sich in Italien, ja über ganz Europa. Denn die junge Frau aus Siena traf mit sicherem Ton und glühenden Worten den Kern der kirchlichen und gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit.

Mit unermüdlichem Einsatz verwendete sich Katharina für die Lösung der vielfältigen Konflikte, von denen die Gesellschaft ihrer Zeit zerrissen wurde. Ihre Bemühungen um Friedensstiftung erreichten europäische Herrscher wie Karl V. von Frankreich, Karl von Durazzo, Elisabeth von Ungarn, Ludwig den Großen von Ungarn und Polen sowie Johanna von Neapel. Bedeutend war ihre Initiative zur Versöhnung der Stadt Florenz mit dem Papst. Indem sie die Parteien auf den »gekreuzigten Christus und die sanftmütige Maria« hinwies, zeigte sie, daß es für eine an den christlichen Werten orientierte Gesellschaft niemals einen Anlaß zu einem so schwerwiegenden Streit geben kann, daß man die Vernunft der Waffen den Waffen der Vernunft vorziehen darf.

7. Katharina wußte freilich genau, daß man nicht wirksam zu dieser Schlußfolgerung gelangen konnte, wenn nicht zuvor die Herzen von der Kraft des Evangeliums geformt worden waren. Daher rührt die Dringlichkeit der Reform der Gewohnheiten, die sie allen ohne Ausnahme vorschlug. Die Könige erinnerte sie daran, daß sie nicht regieren konnten, als wäre das Königreich ihr »Eigentum«: Vielmehr sollten sie sich bewußt sein, daß sie Gott über die Machtausübung Rechenschaft geben müssen. Aus diesem Wissen heraus sollten sie die Aufgabe annehmen, »die heilige und wahre Gerechtigkeit« dadurch zu erhalten, daß sie sich zu »Vätern der Armen« machen (vgl. Brief Nr. 235 an den König von Frankreich). Die Ausübung der Herrschergewalt war nämlich nicht von der Übung der Nächstenliebe zu trennen, die zugleich die Seele des persönlichen Lebens und der politischen Verantwortung ist (vgl. Brief Nr. 357 an den König von Ungarn).

Mit derselben Eindringlichkeit wandte sich Katharina an die Geistlichen jeden Ranges, um von ihnen die strengsten Konsequenzen im Leben und im pastoralen Dienst zu verlangen. Der freie, kraftvolle und eindringliche Ton, mit dem sie Priester, Bischöfe und Kardinäle ermahnt, macht Eindruck. Im Garten der Kirche – sagte sie – müßten die faulenden Pflanzen ausgerissen und durch frische, duftende »neue Pflanzen« ersetzt werden. Gestärkt durch ihre Vertrautheit mit Christus scheute sich die Heilige aus Siena nicht, selbst den Papst, den sie als »sanftmütigen Christus auf Erden« zärtlich liebte, mit aller Offenheit auf den Willen Gottes hinzuweisen, der ihm gebot, das von irdischer Vorsicht und weltlichen Interessen diktierte Zaudern und Zögern endlich aufzugeben und von Avignon nach Rom zum Petrusgrab zurückzukehren.

Mit derselben Leidenschaft opferte sich Katharina dafür auf, die Spaltungen abzuwenden, die sich bei der Papstwahl nach dem Tod Gregors XI. abzeichneten: Auch in dieser Situation appellierte sie noch einmal leidenschaftlich an die unverzichtbaren Gründe, die für den Erhalt der Gemeinschaft sprachen. Das war das höchste Ideal, an dem sie ihr ganzes Leben ausgerichtet hatte, während sie sich vorbehaltlos für die Kirche verzehrte. Das sollte sie selbst auf dem Sterbebett ihren geistlichen Kindern bezeugen: »Seid gewiß, meine Lieben, daß ich das Leben für die heilige Kirche hingegeben habe« (Seliger Raimondo da Capua, Leben der heiligen Katharina von Siena, Lib. III, c. IV).

 

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8. Mit Edith Stein — der hl. Teresia Benedict a a Cruce — befinden wir uns in einem ganz anderen historisch-kulturellen Umfeld. Sie führt uns nämlich mitten in unser geplagtes Jahrhundert. Aus dieser Gestalt werden die Hoffnungen deutlich, die das Jahrhundert entzündet hat, aber auch die Widersprüche und das Scheitern, die es gekennzeichnet haben. Edith kommt nicht, wie Birgitta und Katharina, aus einer christlichen Familie. Alles in ihr drückt die Qual der Suche und die Mühsal der existentiellen »Pilgerschaft« aus. Auch nachdem sie im Frieden des kontemplativen Lebens bei der Wahrheit angekommen war, mußte sie das Geheimnis des Kreuzes bis zum Letzten leben.

Edith wurde 1891 in einer jüdischen Familie in der Stadt Breslau geboren, die damals deutsches Staatsgebiet war. Aufgrund des Interesses, das sie für die Philosophie entwickelte, während sie die religiöse Praxis, in die sie von der Mutter eingeführt worden war, aufgab, hätte man bei ihr eher mit einem Leben im Zeichen des reinen »Rationalismus« gerechnet als mit einem Weg der Heiligkeit. Aber die Gnade erwartete sie gerade auf den verschlungenen Wegen des philosophischen Denkens: Als sie den Weg der phänomenologischen Richtung einschlug, meinte sie, darin die Instanz einer objektiven Wirklichkeit zu erfassen, die keineswegs beim Subjekt endet, sondern vielmehr dessen Erkenntnis vorausgeht, sie ausmißt und deshalb mit strengem Bemühen um Objektivität geprüft werden muß. Man muß sich in diese objektive Wirklichkeit hineinhören, indem man sie vor allem im Menschen erfaßt. Dies geschieht mit Hilfe jenes Einfühlungsvermögens, das »Empathie« heißt (ein Wort, das Edith Stein sehr teuer war) und einem erlaubt, sich das von anderen Erlebte gewissermaßen zu eigen zu machen (vgl. Edith Stein, Das Problem der Empathie).

In dieser Spannung des Hinhörens traf sie sich einerseits mit den Zeugnissen der christlichen spirituellen Erfahrung, wie sie die hl. Theresa von Avila und andere große Mystiker boten, deren Jüngerin und eifrige Nachahmerin sie wurde. Andererseits berührte sie damit die alte Überlieferung des christlichen Denkens, die im Thomismus eine feste Form erhalten hatte. Auf diesem Weg gelangte Edith zunächst zur Taufe, um sich dann für das kontemplative Leben im Karmelitinnenorden zu entscheiden. Das alles spielte sich im Rahmen eines ziemlich bewegten Lebensweges ab, der außer von der inneren Suche auch von Forschungs- und Lehrverpflichtungen geprägt war, die sie mit bewundernswerter Hingabe erfüllte. Besonders anerkennenswert in der damaligen Zeit war ihr aktives, ja geradezu kämpferisches Eintreten für die gesellschaftliche Förderung der Frau. Wirklich eindringlich sind die Abschnitte in ihren Schriften, wo sie den Reichtum des Frauseins und die Sendung der Frau unter menschlichem und religiösem Gesichtspunkt untersucht hat (vgl. E. Stein, Die Frau. Ihre Aufgabe gemäß Natur und Gnade).

9. Die Begegnung mit dem Christentum veranlaßte sie nicht dazu, ihren jüdischen Wurzeln abzuschwören, sondern bewirkte, diese in ihrer ganzen Fülle wiederzuentdecken. Das ersparte ihr jedoch nicht das Unverständnis von seiten ihrer Angehörigen. Unsagbaren Schmerz bereitete ihr vor allem die von ihrer Mutter zum Ausdruck gebrachte Mißbilligung. In Wirklichkeit vollzog sich ihr Weg christlicher Vervollkommnung nicht nur im Zeichen der menschlichen Solidarität mit ihrem Volk, sondern auch einer echten geistlichen Teilhabe an der Berufung der Kinder Abrahams, die das Zeichen des Geheimnisses der Berufung und der »unwiderruflichen Gaben« Gottes in sich tragen (vgl. Röm 11, 29).

Sie machte sich insbesondere das Leiden des jüdischen Volkes zu eigen, je mehr sich dieses in jener grausamen nazistischen Verfolgung zuspitzte, die neben anderen schwerwiegenden Äußerungen des Totalitarismus einer der dunkelsten Schandflecke Europas in unserem Jahrhundert bleibt. Da ahnte sie, daß in der systematischen Ausrottung der Juden ihrem Volk das Kreuz Christi aufgebürdet wurde. Als persönliche Teilhabe an diesem Kreuz erlebte sie ihre eigene Deportation und Hinrichtung in dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ihr Schrei verschmilzt mit dem aller Opfer jener schrecklichen Tragödie. Vorher hat er sich jedoch mit dem Schrei Christi vereint, der dem menschlichen Leiden eine geheimnisvolle, ewige Fruchtbarkeit verspricht. Das Bild ihrer Heiligkeit bleibt für immer mit dem Drama ihres gewaltsamen Todes verbunden, an der Seite der vielen, die ihn zusammen mit ihr erlitten haben. Dieses Bild bleibt als Verkündigung des Evangeliums vom Kreuz, in das sie mit dem von ihr als Ordensfrau gewählten Namen hineingenommen sein wollte.

Wir blicken heute auf Teresia Benedicta a Cruce. In ihrem Zeugnis als unschuldiges Opfer erkennen wir einerseits die Nachahmung des Opferlammes und den Protest, der sich gegen alle Vergewaltigungen der Grundrechte der Person erhebt, andererseits das Unterpfand für jene neu belebte Begegnung zwischen Juden und Christen, die auf der vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschten Linie eine vielversprechende Zeit gegenseitiger Öffnung erfährt. Wenn heute Edith Stein zur Mitpatronin Europas erklärt wird, soll damit auf dem Horizont des alten Kontinents ein Banner gegenseitiger Achtung, Toleranz und Gastfreundschaft aufgezogen werden, das Männer und Frauen einlädt, sich über die ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinaus zu verstehen und anzunehmen, um eine wahrhaft geschwisterliche Gemeinschaft zu bilden.

10. Europa soll also wachsen! Es soll wachsen als Europa des Geistes auf dem Weg seiner besseren Geschichte, die gerade in der Heiligkeit ihren erhabensten Ausdruck findet. Die Einheit des Kontinents, die im Bewußtsein der Menschen allmählich reift und sich auch in politischer Hinsicht immer klarer abzeichnet, verkörpert gewiß eine sehr hoffnungsvolle Perspektive. Die Europäer sind aufgerufen, die historischen Rivalitäten, die ihren Kontinent oft zur Bühne verheerender Kriege gemacht haben, endgültig hinter sich zu lassen. Gleichzeitig müssen sie sich darum bemühen, die Bedingungen für einen größeren Zusammenhalt und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu schaffen. Vor ihnen liegt die große Herausforderung, eine Kultur und eine Ethik der Einheit aufzubauen. Denn wenn diese fehlen, ist jede Politik der Einheit früher oder später zum Scheitern verurteilt.

Um das neue Europa auf solide Grundlagen zu stellen, genügt es sicher nicht, nur an die wirtschaftlichen Interessen zu appellieren, die manchmal zusammenführen und dann wieder spalten. Vielmehr gilt es, die für Europa authentischen Werte zu betonen, deren Fundament das in das Herz eines jeden Menschen eingeschriebene allgemeine Sittengesetz ist. Ein Europa, das den Wert der Toleranz und der allgemeinen Achtung mit ethischem Indifferentismus und Skeptizismus in bezug auf die unverzichtbaren Werte verwechselte, würde sich den riskantesten Abenteuern öffnen und früher oder später die erschreckendsten Gespenster seiner Geschichte in neuer Gestalt wiederauftauchen sehen.

Um diese Bedrohung zu bannen, erweist sich wieder einmal die Rolle des Christentums als lebenswichtig. Denn es weist unermüdlich auf den idealen Horizont hin. Auch im Lichte der vielfältigen Berührungspunkte mit den anderen Religionen, die das Zweite Vatikanische Konzil erkannt hat (vgl. Dekret Nostra aetate), muß man nachdrücklich betonen, daß die Öffnung für das Transzendente eine lebenswichtige Dimension der Existenz ausmacht. Es kommt daher wesentlich auf ein erneuertes engagiertes Zeugnis aller Christen an, die in den verschiedenen Nationen des Kontinents leben. Ihnen ist es aufgetragen, die Hoffnung auf das vollkommene Heil zu nähren durch die Verkündigung des Evangeliums, das heißt der »Frohbotschaft«, daß Gott zu uns gekommen ist und uns in seinem Sohn Jesus Christus die Erlösung und die Fülle des göttlichen Lebens angeboten hat. Kraft des Geistes, der uns geschenkt wurde, können wir unseren Blick zu Gott erheben und ihn mit dem vertraulichen Namen »Abba«, Vater, anrufen (vgl. Röm 8, 15; Gal 4,6).

11. Genau diese Verkündigung der Hoffnung wollte ich stärken, indem ich diese drei großen Frauengestalten, die in verschiedenen Epochen einen so bedeutenden Beitrag zum Wachstum nicht nur der Kirche, sondern auch der Gesellschaft geleistet haben, in »europäischer« Sicht zu neuer Verehrung empfehle.

Durch jene Gemeinschaft der Heiligen, die auf geheimnisvolle Weise die irdische mit der himmlischen Kirche verbindet, nehmen sie sich in ihrer ewigen Fürbitte vor dem Thron Gottes unser an. Zugleich müssen die innigere Anrufung sowie die eifrigere und sorgfältigere Rückbindung an ihre Worte und ihr Vorbild in uns wieder ein schärferes Bewußtsein unserer gemeinsamen Berufung zur Heiligkeit wecken.So werden wir angespornt, Vorsätze zu hochherzigerem Einsatz zu fassen.

Nach reiflicher Überlegung ernenne und erkläre ich daher kraft meiner apostolischen Vollmacht die hl. Birgitta von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce zu himmlischen Mitpatroninnen bei Gott für ganz Europa. Gleichzeitig gewähre ich ihnen alle Ehren und liturgischen Privilegien, die den Hauptpatronen der Orte rechtmäßig zustehen.

Gepriesen sei die Allerheiligste Dreifaltigkeit, die in ihrem Leben und im Leben aller Heiligen in einzigartiger Weise aufstrahlt. Friede sei den Menschen guten Willens in Europa und in der ganzen Welt.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 1. Oktober 1999, dem einundzwanzigsten Jahr meines Pontifikates.

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: „Europa und seine Lebenswerte“

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Vortrag in der Standpunktsendung
von Domradio und Radio Horeb

am 1. November 2001 in Köln

Grüß Gott , liebe Hörerinnen und Hörer!

„Europa und seine Lebenswerte“ ist das heutige abendliche Thema. In Europa ist Gott weithin abhanden gekommen. Da unsere Zivilisation und Kultur in Europa nur vom Evangelium und vom Dasein der Kirche her verstehbar ist, macht sich dieser Entgottungsvorgang, d.h. dieser Säkularisationsprozess auf allen Ebenen des Lebens innerhalb und außerhalb der Kirche schmerzlich bemerkbar.

Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext in Europa herrscht ein düsteres Bild vom Menschen vor. Das Große und das Heilige ist von vornherein verdächtig und muss vom Sockel gerissen und durchschaut werden. Moral gilt als Heuchelei und Glück als Selbstbetrug. Wer einfach dem Schönen und Guten traut, ist entweder von sträflicher Ahnungslosigkeit oder verfolgt böse Absichten. Der Verdacht ist die eigentliche moralische Grundkategorie, die eigentliche Haltung. Die Entlarvung ist der größte gesellschaftliche Erfolg. Gesellschaftskritik hat die erste Pflicht zu sein. Die Gefahren, die uns bedrohen, können gar nicht grell und grausam genug gezeichnet werden. Seit dem elften September bekommen diese Unheilspropheten ein neues Gewicht.

Allerdings ist die Lust am Negativen nicht unbegrenzt. Gleichzeitig gibt es nämlich eine Pflicht zum Optimismus, die nicht ungestraft verletzt werden darf. Wer etwa die Meinung äußern wollte, nicht alles in der geistigen Entwicklung der Neuzeit sei richtig gewesen; in einigen wesentlichen Punkten sei eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Weisheit der großen Weltkulturen erforderlich, hat offenbar die falsche Art von Kritik gewählt. Er findet sich einer entschlossenen Verteidigung der neuzeitlichen Grundentscheidungen gegenüber und der Überzeugung, dass die Grundlinien der geschichtlichen Entwicklung „Fortschritt “ heißen. Das Gute liege daher in der Zukunft und nirgendwo sonst; das darf bei aller Lust am Negativen nicht bestritten werden.

Eine der folgenreichsten, falschen Grundentscheide der Neuzeit, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist der Verzicht auf Transzendenz, das heißt: der Verzicht auf Gott . Unser Europa wurde bis in die jüngste Vergangenheit hinein mit dem Eigenschaftswort „christlich“ definiert. Wir sprachen immer von einem christlichen Europa bzw. von einem christlichen Abendland. Die Kultur und die Zivilisation Europas tragen eine Vielzahl grundlegender menschlicher Werte in ihrem Schoß, die ihre Quelle eindeutig im Evangelium Jesu Christi haben.

Da ist zunächst die Einmaligkeit eines jeden Menschen im europäischen Wertekanon zu erkennen. Biologisch, psychologisch und soziologisch ist jedes Menschenwesen absolut einmalig und darum unvergleichbar. Daraus folgt dann die Würde jedes Menschen und mithin das Recht auf Achtung vonseiten des Einzelnen und der Gesellschaft. Sodann, verehrte Hörerinnen und Hörer, ergibt sich aus dieser Einmaligkeit die Freiheit eines jeden Einzelnen und das Recht, die konkrete Gestaltung seiner Existenz selbst zu wählen und selbst zu bestimmen, oder die Gleichheit aller Menschen untereinander, die jede Diskriminierung ausschließt. Diese Werte – etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit, würden wir letzteres heute benennen – prägen das soziale und das moralische Bild des Abendlandes und sind gleichsam der Ausdruck des europäischen Humanismus.

Dazu gehört eine wesentliche Grundkategorie des Christentums, das sich darin eins weiß mit der gesamten „vormodernen“ Menschheit, nämlich, dass im Sein des Menschen immer ein Sollen liegt, dass der Mensch nicht selbst aus Zweckmäßigkeitsberechnungen Moral erfindet, sondern er Moral im Wesen der Dinge vorfindet. Menschliche Vernunft beruht auf der Fähigkeit, diese Botschaft der Dinge zu vernehmen und danach sein Handeln auszurichten. Vernunft, verehrte Hörerinnen und Hörer, hat etwas mit „vernehmen“ zu tun. Das Gesetz Israels als Glaubensnorm verband den Kosmos mit der Geschichte und war Ausdruck der Wahrheit des Menschen wie der Wahrheit der Welt überhaupt. Damit verband sich die Überzeugung von den objektiven Werten, die sich im Sein der Welt aussagen, der Glaube, dass es Haltungen gibt, die der Botschaft der Schöpfung entsprechend wahr und daher immer in sich gut sind und dass es ebenso andere Haltungen gibt, die – weil dem Dasein widersprechend – in sich falsch und darum immer schlecht sind. Es verband sich damit die Überzeugung, dass uns der Wille des Schöpfers darin anruft und dass im Einklang unseres Willens mit dem Seinen unser eigenes Wesen recht und gut ist.

Alle diese humanistischen Werte, die unser Europa geprägt haben, sind bei näherer Analyse – ich habe es schon angedeutet – typisch christliche Werte. Der europäische Humanismus, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist heute jedoch kaum mehr in einer christlichen Sicht der Welt begründet, wo Gott der Schöpfer und höchste Garant dieser eben genannten Werte und Norm ist. Es fehlt in der europäischen Gegenwart der Bezugspunkt, den das Absolute – nämlich Gott – für diese Werte darstellt. Wenn nun aber die humanistischen Werte und Ideen Europas auf sich selbst gestellt sind und nicht mehr um diesen gemeinsamen Bezugspunkt, um diese Verbindung mit dem transzendenten Absoluten mit Gott wissen, dann ist dies nicht einfach nur bedauerlich, sondern das ist höchst gefährlich. Diese Werte scheiden dann nämlich gleichsam auf natürliche Weise giftige Stoffe aus, die langsam das lebendige Gewebe unseres christlichen Abendlandes verseuchen und vergifen und schließlich zerstören, so dass die abendländische Gesellschaftsordnung kollabieren muss. Hier gilt das biblische Wort: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30).

Die Entkoppelung der Werte von dem transzendenten Bezugspunkt, von Gott , ist also nicht eine neutrale Erscheinung, sondern eine große Bedrohung. Unsere europäische Gegenwart trägt darum auf vielfältige Weise solche Todeskeime in sich, die den gesunden Organismus vergiften, ja zum Kollabieren kommen lassen. Man sollte sich nicht beeindrucken lassen von dem Wort: „Du bist ein Kulturpessimist“. „Die Wahrheit wird euch freimachen“ (Joh 8,32), sagt die Heilige Schrift und darum müssen wir uns der Analyse der Gegenwart stellen, wie sie nun einmal ist. Ich möchte für diese These einige Beispiele anführen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Wille, die angestammten Rechte eines jeden einzelnen Menschen anzuerkennen und zu gewähren, umfasst die entsprechenden Verpflichtungen von Seiten der anderen und der Gesellschaft bzw. des Staates. Diese Garantie der Rechte einer jeden Person kann jedoch zu einem hemmungslosen und grenzenlosen Individualismus führen, in dem dann der Einzelne so lebt, als sei er seiner Familie, seinem Land, seinem Staat, seiner Gesellschaft, seiner Kirche nichts mehr schuldig. Vielmehr, so meint er, seien es immer die Anderen – die Familie, die Gesellschaft, die Kirche, der Staat –, die ihm etwas schulden. Ein solcher Personalismus gleitet oft in Zügellosigkeit, Anarchie und Narzissmus ab.

Ein anderes Beispiel: Man will eine Gesellschaft schaffen, in der jeder und alles wirklich „gleich“ sei. Nicht selten führt dies jedoch in eine nivellierende Utopie, wo jede Differenzierung mit Bedacht ausgelöscht und eingeebnet wird. Ein solches Streben nach Gleichheit endet oftmals in einer Art Gleichmacherei, die schließlich alle Impulse, die einer Gesellschaft Profil zu geben vermögen, schwächt und alles in ein langweiliges, tödliches Grau eingießt, einwalzt und einbetoniert. Das war ja dann ja auch das Profil der sogenannten sozialistischen Gesellschaften. Das Recht auf Anderssein als einer Quelle der Inspiration, des Fortschritts wird hier praktisch nicht anerkannt.

Wieder ein weiteres Beispiel ist die Drogensucht. Das Drogenproblem ist ein Phänomen der Neuzeit. In dem Augenblick, in dem Lenin die Religionen als „Opium für das Volk“ diffamierte, griffen die Menschen im gleichen Augenblick zur Droge. Verehrte Hörerinnen und Hörer, die Versuchung zur Droge ist z.B. aus dem Mittelalter nirgendwo berichtet, weil damals der Durst der menschlichen Seele, des inneren Menschen, eine Antwort fand, die die Droge erübrigte. Im Drogenproblem wird der Protest gegen ein Dasein deutlich, das als Gefängnis empfunden wird. „Die große Reise“, die die Menschen in der Droge versuchen, ist die Pervertierungsform der christlichen Mystik, die Pervertierung des menschlichen Unendlichkeitsbedürfnisses, das Nein zur Unübersteigbarkeit der Immanenz und der Versuch, die Grenzen des eigenen Daseins ins Unendliche hinein zu entschränken. Verehrte Hörerinnen und Hörer, das geduldige und demütige Abenteuer der Askese, die sich in kleinen Schritten des Aufstiegs dem absteigenden Gott nähert, wird durch die magische Macht der Droge ersetzt, der sittliche und religiöse Weg durch die Technik der Gefühle. Die Droge ist so die Pseudo-Mystik einer Welt, die nicht glaubt, aber dennoch den Drang der Seele nach dem Unendlichen nicht abschütteln kann. Insofern ist die Droge ein Warnzeichen: Sie deckt nicht nur ein Vakuum in unserer Gesellschaft auf, dem ihre Instrumente nicht abhelfen können; sie verweist auf den inneren Anspruch des menschlichen Wesens, der sich in pervertierter Form zur Geltung bringt, wenn er die rechte Antwort nicht findet.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, hier gehört auch der Terrorismus als Beispiel her. Ich meine hier nicht den islamischen Terrorismus, wie wir ihn seit September diesen Jahres kennen, und ich möchte ihn ausdrücklich ausklammern, weil das Ereignis noch zu nahe vor uns liegt. Es fehlt die nötige Distanz. Denn nur Abstand bringt die Dinge näher. Ich beschränke mich auf unseren europäischen Terrorismus, und wenn Sie Vergleiche daraus zum islamischen Terrorismus der Gegenwart ziehen können, dann ist das nicht verboten. Der Ausgangspunkt des Terrorismus ist dem der Droge nahe verwandt: Auch hier steht am Anfang der Protest gegen die Welt, wie sie ist und das heiße Verlangen nach einer besseren Welt. Der Terrorismus ist von seiner Wurzel her ein Moralismus, allerdings ein fehlgeleiteter, der zur grausamen Parodie auf die wahren Ziele des Moralischen wird.

Es ist kein Zufall, dass der Terrorismus damals in Deutschland seinen Anfang an den Universitäten genommen hat und hier wieder im Umkreis moderner Theologie bei ursprünglich stark vom Religiösen herkommenden jungen Menschen. Sie dürfen nicht vergessen, dass ein Teil der Terroristen aus evangelischen Pfarrhäusern kam. Der Terrorismus der ersten Stunde war ein ins Irdische umgeleiteter religiöser Enthusiasmus, eine in politischen Fanatismus transportierte messianische Erwartung. Der Glaube ans Jenseits war zerbrochen oder er war belanglos geworden. Der Maßstab der jenseitigen Erwartung wurde aber nicht preisgegeben, sondern nun an die gegenwärtige irdische Welt angelegt. Gott wurde nicht mehr als wirklich Handelnder angesehen, aber die Erfüllung seiner Verheißung nach wie vor – und erst recht – verlangt. „Gott hat keine anderen Arme und Hände als die unsrigen“, – das bedeutet nun, dass die Einlösung dieser Verheißung von uns selbst besorgt werden kann und muss. Gott hat ja keine anderen Hände. Darum gebe ich ihm meine, ergreife das Maschinengewehr und versuche mit Waffengewalt das Reich Gott es auf Erden zu verwirklichen.

Der Ekel an der geistigen und seelischen Leere unserer Gesellschaft, der Anspruch auf das unbedingte Heil ohne Schranken ist die sogenannte religiöse Komponente im Terrorismus, die ihm die Schwungkraft und die Leidenschaft des Idealistischen gab. Dies alles wird so gefährlich aufgrund der entschiedenen Diesseitigkeit der messianischen Hoffnung. Vom Bedingten wird das Unbedingte, vom Endlichen das Unendliche verlangt. Dieser innere Widerspruch zeigt die eigentliche Tragik des Phänomens auf, in dem die große Berufung des Menschen zum Instrument der großen Lüge wird.

Nun ein weiteres Beispiel: Eine omnipotente Naturwissenschaft wird zur großen Gefährdung des Menschen. Warum? Die Wissenschaft hat in Europa dazu geführt, die Verfahrensmethoden der experimentellen Forschung auch auf die Gebiete des menschlichen Lebens, der Kultur, der Religion, der Ethik, der Moral, der Künste, der Erziehung und der Menschenführung auszudehnen. Hierbei kam es zur unheilvollsten Übertragung. Denn um leben, um als Mensch leben und überleben zu können, bedarf das Menschliche von Natur aus der Dauer, der Stabilität, der Gewissheit des Absoluten, ja der Gewissheit des Heiligen.

Nun aber wird der Bereich der Wissenschaft und der Technologie von Folgendem geprägt: Rasches Veralten des Erreichten, vom Wesen her ständiges Infragestellen der Grundsätze selbst, der Hypothesen und der Ideen. Es zeigt sich hier ein Relativismus und ein Pluralismus, die nicht einfach auf den Menschen übertragen werden können, ohne dass dieser selbst an Leib und Seele verkümmert und schließlich stirbt.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, unsere Frage lautet deshalb: Kann der europäische Mensch aus eigener Kraft all diese Gifte ausschwitzen oder überwinden? Oder kann man berechtigterweise nur dann auf eine Tiefenheilung hoffen, wenn die europäischen Werte wieder ihre Quelle finden, ihren gemeinsamen Bezugspunkt: das transzendentale Absolute, das wir Gott nennen?

Christus wird in der Theologie, genauer in der Christologie, als „ecce Deus“ und „ecce homo“ definiert. Als Gott und Mensch. Unsere europäische Anthropologie ist darum christologisch in der dogmatischen Formel des Konzils von Chalzedon verwurzelt, wo das Konzil erklärt: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Dieses christologische Dogma betont damit die enge Verwandtschaft zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, ihre wesensgemäße Übereinstimmung, die es dem göttlichen Wort ermöglicht, Träger der menschlichen Natur zu werden. Deswegen sagte z.B. Romano Guardini in seinem berühmten Vortrag auf dem ersten Berliner Katholikentag: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen.“ Die Gottähnlichkeit des Menschen, der ja nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, vollendet sich in der Menschwerdung Gottes. Nirgends ist der Mensch in seiner Würde deshalb höher definiert als im Christentum. Die orthodoxen Theologen haben sogar den Mut, von der Gottwerdung des Menschen durch die Menschwerdung Gottes zu sprechen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, so wie ein Spiegel keinen nichtexistierenden Gegenstand widerzuspiegeln vermag, so wäre in der Tat die menschliche Person in ihrem Hunger und Durst nach dem Absoluten und dem Unendlichen ohne einen absoluten Archetyp, ohne Gott , unerklärlich.

Erlauben Sie, dass ich dies noch an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen suche. Ich musste einmal für ein halbes Jahr zu einer stationären Behandlung in ein staatliches Krankenhaus in der ehemaligen DDR. Ich hatte mein Zimmer mit einem handfesten Atheisten zu teilen, der darüber hinaus noch Mitglied der SED war. Wenn man dann so gemeinsam buchstäblich auf dem Kreuz liegt und an die Decke des Krankenzimmers schaut, da sagt man sich schon einmal Dinge, die man sich vielleicht von Angesicht zu Angesicht nicht so unbedingt sagen würde.

Eines Tages fragte mich dieser Atheist: „Eigentlich bist du doch ein ganz ‚normaler Typ’. Wie kannst du noch an Gott glauben? Das ist doch etwas von vorgestern.“ Ich überlegte, wie ich diesem Mann eine Brücke zu der Welt Gottes bauen könnte. Mir kam ein Gedanke, und gab zur Antwort: „Ich möchte dir jetzt zwei Fragen stellen, die dich vielleicht ein wenig verwundern, aber die es in sich haben. Frage Nummer eins: Möchtest du schlecht sein, und zwar so schlecht, dass die anderen sagen: Der da taugt keinen Schuss Pulver?“ Die Antwort: „das möchte ich natürlich nicht!“ „Aber“, so antwortete ich wieder, „du sagst doch als Materialist, dass jede Wirkung eine Ursache haben muss. Und darum frage ich dich jetzt: „Warum möchtest du nicht schlecht sein? Das muss doch einen Grund haben, das muss doch eine Ursache haben?“ Da gab er mir nach einigen Überlegungen die Antwort: „Das weiß ich nicht.“ Ich konnte ihm entgegnen: „Aber ich weiß es. Du und ich, wir sind gar keine Urbilder, keine Originale, sondern wir sind Abbilder. Das Urbild, das wir Gott nennen ist das höchste Gut und weil Gott absolut gut ist kann der Mensch als Abbild Gottes nicht ungut sein wollen, dass geht nicht. Und wenn wir es aber doch gelegentlich sind und werden dabei ertappt, dann bäumt sich das besudelte Ebenbild Gottes in uns auf, so dass sich das bis ins Gesicht hinein zeigen kann, dann wird man rot und man fängt an zu schwitzen.“

Und ich habe eine zweite Frage gestellt. Die zweite Frage lautete: „Möchtest du ungeliebt sein? Glaubst du, das jemand den Satz über seine Lippen bringt ‚Ich möchte niemanden haben, der mich liebt’?“ Da gab er mir die erschrockene Antwort: „Das wäre ja die Hölle“. Verehrte Hörerinnen und Hörer, ich frage Sie nun, woher kennt dieser Atheist, ohne Religionsunterricht und ohne religiöse Unterweisung, die präzise theologische Definition dessen, was die Hölle ist. ‚Ich habe niemand der mich liebt, das wäre ja die Hölle’. Woher weiß der das? Er weiß es, weil er auch als Atheist Ebenbild Gottes ist und damit eine gottmenschliche Struktur aufweist.

Selbst ein so radikaler Denker wie Friedrich Nietzsche, der – wie ich meine – der ehrlichste und damit aber auch zugleich der gefährlichste aller Atheisten war, der das Christentum bis ins Mark hinein getroffen hat, der hatte Stunden, in denen das Ebenbild Gottes in ihm aufschrie und aufjammerte. In einer solchen Situation schreibt er ein Gedicht in dem er sein Leben vergleicht mit einer trostlosen Wanderung durch ödes Winterland. Und der Refrain der Strophen lautet immer: „Und über mir ziehen die Raben zur Stadt, weh dem, der keine Heimat hat!“ Einige Jahre später geht in Turin ein Mann auf eine Pferdekutsche zu, um sein umnachtetes Haupt hilfesuchend an den Kopf des Pferdes zu legen. Es ist der Dichter der Verse: „weh dem, der keine Heimat hat“. Da er nicht das Haupt voll Blut und Wunden kannte, musste er sich den Kopf eines Pferdes aussuchen.

Ich meine, diese Szene ist eine erschütternde Blitzaufnahme der europäischen Situation. Ich sage es noch einmal: Gerade in der gottesgestaltigen und gottmenschlichen Struktur der menschlichen Person entdeckt der Mensch die Gottesvorstellung. Dies zeigt sich zum Beispiel eben darin, daß ein SED-Genosse intuitiv die Definition der Hölle kannte.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, was haben wir nun zu tun? Nicht den Glauben auf das rein Religiöse zu reduzieren – das ist immer unkatholisch –, sondern – um das biblische Bild vom Salz zu verwenden –, den Glauben in die irdischen Wirklichkeiten hineinzumengen, ohne ihn zu vermischen. So wie Gottheit und Menschheit in Jesus Christus unvermischt sind, so müssen wir den Glauben hineinmengen in unsere Gesellschaft, ohne ihn zu vermischen.

Der Wille zu einer rein religiösen Verwirklichung des Evangelium unter Ausklammerung des politischen, sozialen und kulturellen Raumes wird nicht der weltlichen Verantwortung des Glaubens gerecht. Echte Glaubenspraxis, d.h. richtiges Handeln, geht aus der Wahrheit hervor, und um sie muss gerungen werden. Wir sagen: Alle Theorie ist grau. Praxis ohne Theorie ist aber gräulich. Es muss um die Wahrheit gerungen werden. Es soll weniger dabei um unmittelbare Wirkung gehen. Wir sollen einfach die Wahrheit zum Leuchten bringen. Und diese Wahrheit ist eine Macht; die andere fasziniert, aber nur dann, wenn man von ihr keine unmitt elbare Wirkung verlangt.“

Hier liegt im Hinblick auf den sogenannten Reevangelisierungsprozess die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart. Die Kirche sollte zunächst einmal sie selbst sein. Sie darf sich nicht einfach zu einem bloßen Mittel der Moralisierung oder Ethisierung der Gesellschaft , wie sich das heute viele wünschen, instrumentalisieren lassen. Ganz besonders darf sich die Kirche nicht selbst durch die Nützlichkeit ihrer Sozialwerke rechtfertigen wollen. Je intensiver die Kirche das tut, was ihr gleichsam zusätzlich hinzugegeben worden ist, je intensiver sie das als Hauptziel angeht, desto mehr wird sie gerade darin versagen. Wir haben, so meine ich, verehrte Hörerinnen und Hörer, dafür ausreichend Anschauungsmaterial.

Je mehr sich die Kirche vor allem als Institut sozialen Fortschritts definiert, desto mehr trocknen die sozialen Berufungen aus, die Berufe des Dienens für Alte, Kranke und Kinder, die doch in Blüte standen, als der Blick der Kirche noch wesentlich auf Gott hin ausgerichtet war. Aus Erfahrung erkennen wir die Richtigkeit des Herrenwortes: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben werden“ (Mt 6, 33). Suchen wir jedoch zuerst das Dazugegebene, bekommen wir es doch nicht und verlieren schließlich auch noch das Reich Gottes.

Zeitgenössische ungläubige Philosophen, wie etwa Max Horkheimer, haben den Versuch von Theologieprofessoren angeprangert, sich am Glaubenskern des Christentums vorbeizumogeln, die Heiligste Dreifaltigkeit, den Himmel, die Hölle, die Engel, den Teufel und die Erzählungen der Bibel unanstößig zu machen, indem sie ins rein Bildhafte, ins rein Symbolische zurückgestuft werden. Diese ungläubigen Philosophen sagen: Klammern die Theologen das Dogma aus, ist die Geltung ihrer Rede nichtig. Sie beugen sich dann jener Furcht vor der Wahrheit, in der die geistige Verflachung der Gegenwart wurzelt.

So also kann man die Kirche und die Kirche die Welt nicht retten. Vielmehr muss sie ihr Ureigenes tun, den Auftrag erfüllen, auf dem ihre Identität gründet: Gott verkünden und das Reich Gottes bekannt machen!

Gerade und nur so entsteht der geistige Raum, in dem das Moralische und das Ethische seine Existenz zurückgewinnen kann, und zwar weit über den Kreis der Glaubenden hinaus. Ihre Verantwortung für die Gesellschaft muss die Kirche in dem Sinne wahrnehmen, dass sie das Göttliche und das daraus folgende Moralische einsichtig werden lässt. Die Kirche muss überzeugen. Indem sie Überzeugung schafft , öffnet sie den Raum für das, was ihr anvertraut ist und immer nur über Verstand, Wille und Gefühl zugänglich gemacht werden kann. Die Kirche muss dabei leidensbereit sein; nicht durch institutionelle Stärke, sondern durch Zeugnis, durch Liebe, durch Leben, durch Leiden muss sie dem Göttlichen den Raum bereiten und so der Gesellschaft helfen, ihre moralische Identität zu finden. Unsere deutsche Sprache bringt das sehr schön zum Ausdruck. Danach ist Leid nur ein anderer Name für Liebe. Wenn ich jemand sehr gern mag, kann ich sagen: „Ich mag dich leiden“. Und wenn ich etwas sehr gerne habe, ist das meine große Passion, meine Leidenschaft.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, das Ringen um die Reevangelisierung Europas ist in Zusammenhang mit der Überzeugung des hl. Augustinus zu sehen, der in der Weltgeschichte den Kampf der Selbstliebe bis hin zur Gottesverachtung und der Gottesliebe bis hin zur Selbstverachtung sieht. Die Geschichte ist geprägt von der Auseinandersetzung zwischen Liebe und der Unfähigkeit zu lieben, sprich von der Unfähigkeit zu leiden. Die Geschichte ist geprägt von jener Verödung der Seelen und Herzen, die dort eintritt – wie Kardinal Ratzinger einmal meisterhaft gesagt hat –, „wo der Mensch nur noch die quantifizierbaren Werte überhaupt als Werte und als Wirklichkeiten anzuerkennen vermag. Die Liebesfähigkeit, d.h. die Fähigkeit, auf das Unverfügbare in Geduld zu warten und sich von ihm beschenken zu lassen, wird erstickt durch die schnellen Erfüllungen, in denen ich auf niemanden angewiesen bin, aber auch nie aus mir heraustreten muss und darum auch nie in mich hineinfinde. Diese Zerstörung der Liebesfähigkeit gebiert die tödliche Langeweile. Sie ist die Vergiftung des Menschen.“ – soweit Kardinal Ratzinger. Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Mensch bringt sich eher durch tödliches Gähnen vor Langeweile um als durch Stress. Deshalb sollte die Kirche auch in Gelassenheit und Vertrauen versuchen, sie selbst zu bleiben und die Wahrheit zu verkünden, die in sich eine Kraft ist, die andere ansteckt und verwandelt.

Ein russischer Verwaltungsbeamter aus der Zarenzeit zeigte sich erstaunt über die Weigerung eines orthodoxen Missionspriesters, die Heiden eiligst und schnell zu taufen. Der Priester wies alle administrativen und insbesonderealle statistischen Besorgnisse zurück und ließ die Ungläubigen in sehr bescheidenen Diensten die Liebe Christi fühlen: „Sie sollen nur einmal anfangen, den Saum des Kleides Christi zu berühren“, sagte er, „sie sollen seine unermessliche Liebe spüren, und dann wird der Herr ihre Herzen selbst verzaubern“. Nicht wir können den Glauben weitergeben, das macht Gott selbst. Wir müssen diesen Gott aber berührbar machen, so dass die Menschen den Saum seines Kleides zu packen bekommen, und wenn es nur von hinten ist. Dann wird er selbst die Herzen und die Gesichter der Menschen verzaubern. Christus in dieser Weise berührbar zu machen ist uns aufgetragen. Für mich sind hier zwei Schriftstellen so wichtig und trostvoll. Das ist zum einen die soeben von mir zitierte kranke Frau, die von hinten den Saum des Gewandes Jesus berührte und geheilt wird (Mt 9, 20) und die zweite Stelle ist in der Apostelgeschichte zu finden. Die Apostel gehen nach der Erhöhung des Herrn in den Tempel um zu beten. Die Bewohner von Jerusalem legen ihre Kranken an den Weg, den die Apostel gehen, damit wenigstens ihre Schatten auf die Kranken fällt, der sie alle heilt (Apg 5.12-16). Als europäische Bischöfe, Priester und Christen werden wir uns dann nur zufrieden geben dürfen, wenn Europa von solchen heilenden, schattenspendenden Menschen flächendeckend überspannt ist. Dass wir wirklich mit ihm in Berührung kommen, wenn wir die Kirche berühren, das muss unsere permanente Sorge sein.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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EU: Bürgerinitiative „Vater, Mutter, Kind“ sammelt weiter

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Im RV-Interview: Edit Frivaldszky – RV

Die Europäische Bürgerinitiative „Mutter, Vater, Kind“ zum Schutz von Ehe und Familie erkennt das von der EU-Kommission mit 11. Dezember festgelegte Ende ihrer Sammelfrist nicht an. Man werde die Unterschriftensammlung wie geplant bis zum 3. April 2017 fortsetzen. Dies habe man auch Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans in einem Schreiben mitgeteilt, teilte die Präsidentin des Bürgerkomitees von „Vater, Mutter, Kind“, die Ungarin Edit Frivaldszky, am Montag in einer Pressemitteilung mit.

Hintergrund ist ein seit einigen Monaten andauernder Streit über den offiziellen Beginn der auch von vielen Kirchenvertretern unterstützten Bürgerinitiative und den damit verbundenen zwölfmonatigen Zeitraum für die Sammlung von EU-weit mindestens einer Million Unterstützungserklärungen. Während für die EU-Kommission die Ein-Jahres-Frist mit der offiziellen Registrierung der Bürgerinitiative durch die Brüsseler Behörde am 11. Dezember 2015 angefangen hat, betont die von einem privaten Bürgerausschuss getragene Initiative, dass mit der Unterschriftensammlung erst am 4. April 2016 begonnen wurde.

Wegen des „komplizierten Verfahrens zur Einrichtung und Erlangung der amtlichen Zulassung“ sei das Online-Portal, auf dem EU-Bürger die Petition via Internet unterstützen können, erst zu diesem Zeitpunkt startbereit gewesen, argumentiert die Komitee-Vorsitzende Frivaldszky: „Viele Menschen haben ,Vater, Mutter, Kind‘ bereits unterstützt, und wir wollen sicherstellen, dass alle, die Ehe und Familie unterstützen wollen, die Zeit haben, die dafür vorgesehen ist.“ Eine offizielle Antwort von Seiten der EU-Kommission liegt bis dato nicht vor.

(kap 06.12.2016 mg)


Schwere Vorwürfe gegen Moskau

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Führt Wladimir Putin einen „Informationskrieg“ mit Desinformation und Propaganda gegen die Einigkeit Europas?

Das Europäische Parlament legt sich mit der Türkei und Russland an –
Abwehr gegen Desinformation und Propaganda.

Von Stephan Baier

Straßburg (DT) Mit scharfen Erklärungen zur Türkei wie zu Russland hat das Europäische Parlament in dieser Woche für Verstimmung in Ankara und Moskau gesorgt. Die Forderung des Straßburger Vielvölkerparlaments, „die laufenden Beitrittsverhandlungen mit der Türkei vorübergehend auszusetzen“, veranlasste den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu einer Drohung gegen Europa: „Wenn Sie noch weiter gehen, werden die Grenzen geöffnet, merken Sie sich das!“ Ministerpräsident Binali Yildirim konkretisierte: „Wir sind einer der Faktoren, die Europa beschützen. Wenn Flüchtlinge durchkommen, werden sie Europa überfluten und übernehmen. Die Türkei verhindert dies.“ Yildirim drohte neuerlich mit einer Aufkündigung des Flüchtlingsabkommens und warf dem Europäischen Parlament „Doppelmoral“ vor. Der türkische Europa-Minister Ömer Celik nannte die Resolution aus Straßburg „null und nichtig“.

Das Europäische Parlament hatte am Donnerstag mit großer Mehrheit befunden, dass die Türkei die Vorgaben für eine Visa-Liberalisierung weiterhin nicht erfüllt, und bekräftigte, „dass eine Wiedereinführung der Todesstrafe durch die türkische Regierung eine offizielle Aussetzung des Beitrittsprozesses zur Folge haben müsste“. Die Abgeordneten verurteilten „die unverhältnismäßigen repressiven Maßnahmen“ der türkischen Regierung seit dem Putschversuch.

In einer weiteren Resolution wirft das Europäische Parlament dem Kreml „feindselige Propaganda gegen die EU“ sowie Desinformation und die Unterstützung rechtsextremer Parteien in Europa vor. Wörtlich heißt es in dem Text, dass „die strategische Kommunikation Russlands Teil einer umfassenden Kampagne zur Unterwanderung ist, mit der die EU-Zusammenarbeit und die Souveränität, politische Unabhängigkeit und territoriale Unversehrtheit der Union und ihrer Mitgliedstaaten geschwächt werden sollen“. Die EU-Staaten sollten wachsam sein und die Spionageabwehr gegen derartige Maßnahmen intensivieren. Russland sei in der Lage und beabsichtige auch, „Maßnahmen zur Destabilisierung anderer Staaten durchzuführen“, unter anderem durch die Unterstützung politischer Extremisten und umfassender Desinformationskampagnen. Dabei nutze die russische Regierung viele Werkzeuge, etwa Denkfabriken und Stiftungen wie „Russki Mir“, mehrsprachige Fernsehsender wie „RT“ und Pseudo-Nachrichtendienste, aber auch „gesellschaftliche und religiöse Gruppen, da sich das Regime als einziger Vertreter traditioneller christlicher Werte darstellen will“. Mittels sozialer Medien und Trolle im Internet versuche der Kreml, „die demokratischen Werte infrage zu stellen, Europa zu spalten, inländische Unterstützung zu gewinnen und in den Ländern der östlichen Nachbarschaft der EU den Eindruck zu erwecken, als hätten sich ihre staatlichen Strukturen aufgelöst“.

Russland stelle „erhebliche finanzielle Mittel für seine Desinformations- und Propagandainstrumente bereit“. Das Europäische Parlament stellt in seiner Resolution fest, dass „Russland in der europäischen Medienlandschaft eine immer stärkere Rolle spielt“ und darauf zielt, „die Kohärenz der Außenpolitik der EU zu schwächen“. In manchen Ländern Osteuropas habe die russische Propaganda und das Eindringen russischer Medien „ein nie dagewesenes Ausmaß“ angenommen. Die Propaganda des Kreml ziele auch darauf ab, „einige europäische Länder als in den ,traditionellen Einflussbereich Russlands‘ fallend darzustellen“ und die „Geschichte zu verfälschen“. Das Europäische Parlament zeigt sich überzeugt, „dass durch die aggressiven Maßnahmen Russlands im Cyberbereich der Informationskrieg gefördert wird“.

Es brauche auf staatlicher wie europäischer Ebene sowie in Zusammenarbeit mit der NATO Maßnahmen zur „Bekämpfung der Desinformation und Propaganda“. Das größte Hindernis wären nach Ansicht des Europaparlaments unabhängige und freie Medien in Russland, doch gehe der Kreml in Russland und seinen besetzten Gebieten „regelmäßig in scharfer Form gegen unabhängige Medien, Journalisten und Aktivisten der Zivilgesellschaft“ vor.

Der russische Parlamentschef Wjatscheslaw Wolodin warf dem Europäischen Parlament daraufhin vor, die Pressefreiheit infrage zu stellen. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, drohte der Europäischen Union, Moskau werde Gleiches mit Gleichem vergelten, sollte die Arbeit russischer Medien in der EU eingeschränkt werden.

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Kiewer Großerzbischof an Westen: „Gebt die Ukraine nicht auf!“

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Ansicht von Lviv/Lemberg im Westen der Ukraine

„Gebt die Ukraine nicht auf! Geht nicht den Weg einfacher Lösungen!“ Das sagt der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk in Richtung EU und Westen. Das ukrainische Volk sei „geeint im Streben, in die europäische Familie zurückzukehren, wohin es gehört“. Das gesamte Volk teile diese Einstellung, im Westen des Landes wie im Osten. „Alle wollen die Ukraine als ein freies europäisches Land sehen“, so das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche (UGKK) bei einem Besuch in Wien.

Die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten seien unbestritten, unterstrich Schewtschuk. Das müsse freilich nicht zugleich auch eine sehr rasche Mitgliedschaft in der Europäischen Union bedeuten.

Laut Schewtschuk gilt die Orientierung Richtung Westen auch für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten in der umkämpften Ostukraine. Er sprach von „gefangenen“ Menschen in der Region von Donezk und Lugansk, die auf ihren „Befreiung“ warten würden. Schewtschuk: „Die Menschen dort erkennen zunehmend, dass Russland sie nicht braucht und nicht will.“ Auch ihre Zukunft liege in einer freien und unabhängigen Ukraine.

Erst letzte Woche hatte Schewtschuk die Ostukraine besucht. Sein Eindruck: Eine Lösung des Konflikts könne nicht von außen kommen, sondern nur innerhalb der Ukraine seinen Anfang nehmen. Die Menschen seien „des Krieges müde“ und würden realisieren, dass ihnen niemand von außen helfen wird. Die Ukraine müsse sich in erster Linie selber helfen. „Deshalb brauchen wir innerhalb der Ukraine Reformen, Solidarität und Zusammenarbeit. Wir müssen all unsere inneren Kräfte mobilisieren, um mit dieser ausländischen Agression umzugehen.“ Er setze voll auf die Zivilgesellschaft, so der Großerzbischof. „Politiker kommen und gehen, aber das Volk bleibt!“

Angesprochen auf die immer noch weit verbreitete Korruption in der Ukraine, meinte das Kirchenoberhaupt, dass dies zuerst einmal ein moralisches Problem sei. Deshalb bemühe sich die Kirche auf vielfältige Weise, das Bewusstsein der Menschen für die „Sündhaftigkeit“ von Korruption zu schärfen. Schewtschuk sprach sich für „Null-Toleranz“ gegenüber Korruption welcher Art auch immer aus, denn: „Korruption zerstört unser Land.“ Erste kleine Erfolge eines Bewusstseinswandels erkenne er schon, so Schewtschuk.

In der Frage nach der möglichen Bedeutung der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA für die politische Entwicklung in der Ukraine wollte sich der Großerzbischof nicht festlegen. Trump sei derzeit schlicht ein „großes Geheimnis“, seine politischen Vorhaben seien nicht vorhersehbar. Er hoffe aber sehr, so Schewtschuk, dass sich der neue Präsident auch seiner weltpolitischen Verantwortung bewusst sei. Die USA dürfe ihre weltpolitische Führungsrolle nicht aufgeben.

Der Papst und die Ukraine

Großerzbischof Schewtschuk war am Freitag von Rom aus nach Wien gereist. Am Donnerstag war er im Vatikan von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen worden. Der Papst sei den leidenden Menschen in der Ukraine sehr nahe, berichtete Schewtschuk, im Gebet, aber auch in der konkreten Tat. Der Großerzbischof erinnerte daran, dass es nach der Begegnung des Papstes mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill auf Kuba im Februar in der Ukraine „Unverständnis“ gegeben habe.

Einige Punkte der gemeinsamen Erklärung von Papst und Patriarch hätten nach Ansicht der Ukrainer nicht die tatsächliche politische und kirchliche Situation vor Ort in der Ukraine wiedergespiegelt. „Es war deshalb unsere Pflicht, den Papst aufzuklären“, so Schewtschuk wörtlich. Das sei bei einer Begegnung der ukrainischen griechisch-katholischen Bischöfe mit Franziskus am 5. März passiert. Schewtschuk: „Unsere Botschaft war: Heiliger Vater, Sie haben Patriarch Kyrill umarmt, nun umarmen sie bitte auch das ukrainische Volk.“ Und er habe dies auch getan.

Franziskus startete die humanitäre Hilfsaktion „Der Papst für die Ukraine“ und entsandte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in die Ukraine. Schewtschuk: „Die Ukrainer sind ihm dafür dankbar.“

Innerkirchliche Konflikte

Wie der Großerzbischof weiter sagte, teilten zudem alle Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Ukraine die Überzeugung, dass Religion nicht für politische Zwecke missbraucht werden dürfe. Insofern herrsche durchaus „religiöser Friede“ in der Ukraine.

Allerdings gibt es auch eine Reihe innerorthodoxer Konflikte, die die Ukraine beschäftigen. In diese Auseinandersetzungen, etwa zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Patriarchat von Konstantinopel oder zwischen der Ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und dem Kiewer Patriarchat, mische man sich aus Prinzip nicht ein, unterstrich der Großerzbischof: „Wir können ihre internen Probleme nicht lösen.“

Indirekt würden diese Konflikte freilich auch die UGKK betreffen: „Das Moskauer Patriarchat wirft uns ständig vor, ein Hindernis für die Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen Orthodoxie und Römisch-katholischer Kirche zu sein.“ Auf der anderen Seite gebe es aber gute Beziehungen seiner Kirche zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, hielt der Großerzbischof diesen Moskauer Anschuldigungen entgegen.

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche (UGKK) ist heute eine der religiös und gesellschaftlich bedeutendsten Kirchen in der Ukraine. Tausende Gläubige dieser Kirche leben auch in Österreich, das seit fast 300 Jahren Ziel einer starken ukrainischen Migration ist. Die UGKK entstand 1596 durch die Kirchenunion von Brest, als sich ein Teil der orthodoxen Bischöfe zur Gemeinschaft mit dem Papst entschloss.

(kap 12.11.2016 sk)

Augsburg: Tomás Halík ruft Christen in Europa auf, eine tiefere Spiritualität zu suchen

Jahresempfang des Bischofs von Augsburg 2016, Bischof Konrad Zdarsa; Gastvortragender Tomas Halik

Professor Halík: Wenn sich die Kirche auf Seelsorge in der Pfarrgemeinde beschränkt, wird sie „ihrer klassischen Biosphäre verlustig werden.“ (Foto: Annette Zoepf/pba)

Der Prager Soziologieprofessor und katholische Priester
sprach beim Jahresempfang der Diözese

Der Prager Soziologieprofessor und katholische Priester Dr. Tomáš Halík hat gestern Abend beim Jahresempfang des Bischofs von Augsburg dazu aufgerufen, eine neue, tiefere Spiritualität zu suchen. „Das heutige europäische Christentum wirkt zu müde und zu wenig überzeugend“, betonte er. Das Thema seines Vortrags lautete: „Christlicher Glaube – Hoffnung für Europa?“

Wie Bischof Dr. Konrad Zdarsa bei der Begrüßung der rund 300 geladenen Gäste aus Kirche, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft im Augsburger Haus Sankt Ulrich hervorhob, könne Professor Halík aus seinen reichen persönlichen Erfahrungen schöpfen. 1948 in Prag geboren, studierte er in den 1960er Jahren Soziologie, Philosophie und Psychologie, bevor er in den 1970er Jahren im Untergrund Theologie studierte und zum Priester geweiht wurde. Halík beschäftigt sich immer wieder mit der Nahtstelle zwischen Glauben und Unglauben. Zentral ist für ihn der ernsthafte Dialog mit den Atheisten über die Gottesfrage.

In seinem Vortrag betonte Halík mehrmals, das europäische Christentum müsse eine tiefere Spiritualität entwickeln. Europa sei eine fortlaufende Geschichte, es mache immer wieder Änderungen durch. Auch unsere Art des Christseins ändere sich dabei. „Das Christentum von gestern kann schwerlich eine Hoffnung für das Europa von heute oder von morgen sein“, konstatierte er. Die praktizierenden Christen in Europa seien zu einer Minderheit geworden. Wenn sich die Kirche auf Seelsorge in der Pfarrgemeinde beschränke, wird sie „ihrer klassischen Biosphäre verlustig werden“, blickte er voraus. Zugleich stellte Halík aber auch fest, dass die Säkularisierung nicht das letzte Wort der geschichtlichen Entwicklung in Europa sei. An ihre Stelle trete die Pluralisierung. Die Frage sei dabei nur, ob Europa unsere christlichen Werte wahren werde.

Das Christentum in Europa müsse deshalb eine tiefe Reform durchmachen, forderte Halík. Das Pontifikat von Papst Franziskus könne hier zum Beginn eines neuen Kapitels werden. Es könne Hilfe leisten bei der Suche nach einer neuen Spiritualität. Papst Franziskus setze Akzente mit Themen wie der Barmherzigkeit Gottes, der Solidarität mit den Armen, der Verantwortung für die Umwelt oder auch mit seinem Verständnis für Menschen, die sich in moralisch komplizierten Situationen befänden. Mit solchen Themen könnten Christen sogar zu einer „schöpferischen Minderheit“ werden, meinte Professor Halík, der zudem von der „therapeutischen Stärke des Glaubens“ sprach. Angesichts neuer Warnsignale und Gespenster in Europa – er nannte als Beispiel die Angst vor den Fremden – könne die Kirche zu einer Kultivierung des sozialen Klimas beitragen. Hiermit könne sie „der Demokratie einen großen Dienst erweisen.“

Entscheidend ist unsere Fähigkeit, als Christen mit Suchenden in den Dialog zu treten

Vor allem hänge die Zukunft der Kirche davon ab, „inwieweit sie fähig ist, mit Suchenden in Verbindung zu treten.“ Er nannte dabei auch die wachsende Zahl der „Apatheisten“. Für Professor Halik sind dies Menschen, die apathisch gegenüber der Religion und der Frage nach Gott sind. Auch mit ihnen müsse ein Dialog geführt werden. „Über das, was diesen Menschen heilig ist.“ Bei diesem Dialog müssten wir selber als Suchende die anderen begleiten. Es gehe dabei darum, die Wahrheit neu zu durchdenken. „Die Wahrheit ist ein Buch, das niemand von uns bis zum Ende gelesen hat.“ Für Halík ist damit auch verbunden, dass wir uns von einer oberflächlichen Vorstellung von Gott verabschieden und zu einer tieferen, reiferen Gestalt des Christentums gelangen. Er sprach deshalb auch von einem „nachmittäglichen Christentum“, das sich in der Zeit der Reife befände.

Zentral ist für Professor Halík dabei unser Gottesbild, unsere persönliche Spiritualität. Mit Bezug auf den spätmittelalterlichen Theologen und Mystiker Meister Eckhart sprach er vom „äußeren Menschen“, der oberflächlich lebe, konform sei und sich manipulieren lasse. Dessen Vorstellung von Gott sei eine Projektion menschlicher Phantasien, Ängste und Wünsche. Das sei aber, so Halík, nichts anderes als ein atheistisches Gottesbild, es existiere nur im Reich menschlicher Illusionen und Ängste. „Aber wir müssen ein anderes Bild Gottes anbieten, Gott als Tiefe des Lebens, der Wirklichkeit“, richtete er sich an seine Zuhörer. Dieser „innere Gott“ zeige sich in Liebe, Glaube und Hoffnung, nicht in Angst, Aberglaube und Illusion. Die Suche nach einem solchen Gott sei ein dauernder Prozess und laufe auf eine existentielle Umwandlung des Menschen hinaus.

Eine solche Konversion zeige sich auch in der Solidarität mit anderen, ergänzte er. Theresa von Kalkutta, für Halík eine „Heilige unserer Zeit“, habe das immer wieder neu gelebt. Tags über habe sie sich solidarisch gezeigt mit dem körperlichen Elend des Menschen, nachts mit den geistig Leidenden. Es gehe also darum, die Zeichen der Zeit zu lesen und uns solidarisch mit anderen zu zeigen, so Halík. Es gehe darum, wie der Apostel Paulus es formulierte, als Christen zu einer neuen Schöpfung beizutragen. Niemand von uns könne die Breite des Glaubens erschöpfen. Aber wenn wir als Christen und als Kirche unsere Perspektive erweitern wollen, dann brauche es den Diskurs in dieser Welt über unseren Glauben und unser Gottesbild. Im Reformationsjahr 2017 könne dies sogar Anlass sein, „einen mutigeren Ökumenismus zu entdecken“, meinte Halík. „Wenn die Kirchen Schule dieses Dialogs sind, brauchen sie keine Angst zu haben, dann können sie Sauerteig für Europa, für diese Welt von heute sein“, so sein Schlusswort.

Wer sich mit der Gedankenwelt von Professor Halík intensiver auseinandersetzen möchte, dem sei das aktuelle „Religiöse Buch des Monats November 2016“ des Sankt Michaelsbunds empfohlen:

Anselm Grün/Tomáš Halík: Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen. Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag, 2016. – 206 S.; 19,99 €

(Quelle: Webseite des Bistums Augsburg, 08.11.2016)

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