Papst prangert „Angriffe auf Würde und Leben“ an

Das Papstschreiben „Evangelium Vitae“ von Papst Johannes Paul II. stand diesen Mittwoch im Zentrum der Generalaudienz. Anlass war der 25. Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens. 25 Jahre später gebe es „neue Bedrohungen“ und „neue Sklaverei“, beklagte Franziskus.

Stefanie Stahlhofen – Vatikanstadt

„Die Angriffe auf die Würde und das Leben der Menschen gehen leider auch in unserem Zeitalter, dem Zeitalter der universellen Menschenrechte, weiter“

„Die Angriffe auf die Würde und das Leben der Menschen gehen leider auch in unserem Zeitalter, dem Zeitalter der universellen Menschenrechte, weiter; in der Tat sind wir mit neuen Bedrohungen und neuer Sklaverei konfrontiert, und es gibt nicht immer eine Gesetzgebung, die das schwächste und verletzlichste menschliche Leben schützt“, sagte der Papst, ohne auf konkrete Beispiele einzugehen. In Deutschland hatte etwa im Februar eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts für Aufsehen gesorgt, die das Verbot organisierter Hilfe beim Suizid aufhob.

Deutlich machte der Papst bei seiner Generalaudienz, dass Christen immer das Leben der Menschen schützen sollten.

Das Leben zeigt sich konkret in jedem Menschen

„In der Tat ist das Leben, das wir zu fördern und zu verteidigen aufgerufen sind, kein abstrakter Begriff, sondern manifestiert sich immer in einem Menschen aus Fleisch und Blut: ein neu gezeugtes Kind, ein armer Ausgestoßener, ein Kranker, der allein und entmutigt oder im Endstadium der Krankheit ist, einer, der seine Arbeit verloren hat oder keine finden kann, ein zurückgewiesener oder im Lager lebender Migrant… Das Leben zeigt sich konkret in jedem einzelnen Menschen.“

Der Papst verwies zudem auf eine enge Verbindung zwischen der Verkündigung und dem „Evangelium des Lebens“. Dies habe bereits der heilige Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Evangelium Vitae“ betont, erinnerte Franziskus – und schlug auch einen Bogen zur aktuellen Corona-Pandemie.

„Evangelium Vitae“ nicht nur zu Corona-Zeiten wichtig

„Heute werden wir mit dieser Lehre erneut konfrontiert, im Moment der Pandemie, die das menschliche Leben und die Weltwirtschaft bedroht. Eine Situation, die die Worte, mit denen die Enzyklika beginnt, noch herausfordernder erscheinen lässt. Hier sind sie: ,Das Evangelium vom Leben liegt der Botschaft Jesu am Herzen. Von der Kirche jeden Tag liebevoll aufgenommen soll es mit beherzter Treue als Frohe Botschaft allen Menschen jeden Zeitalters und jeder Kultur verkündet werden.`“

Die Botschaft von Papst Johannes Pauls Schreiben „Evangelium Vitae“ sei heute aktueller denn je, so der Papst. Er hielt seine Generalaudienz aufgrund der Corona-Pandemie wieder aus der Bibliothek des apostolischen Palasts per Videoübertragung.

„Jenseits von Notlagen, wie wir sie gerade erleben, geht es darum, auf kultureller und erzieherischer Ebene zu handeln, um den künftigen Generationen eine Haltung der Solidarität, Fürsorge und Annahme zu vermitteln, wohl wissend, dass die Kultur des Lebens nicht das ausschließliche Erbe der Christen ist, sondern all jenen gehört, die sich für den Aufbau brüderlicher Beziehungen einsetzen und den jedem Menschen eigenen Wert anerkennen, auch wenn er zerbrechlich ist und leidet.“

Allen, die sich für andere Menschen einsetzen und das Evangelium bezeugen, sprach Franziskus seinen Dank aus. Es gebe viele Menschen die „auf unterschiedliche Weise ihr Bestes tun, um den Kranken, den Alten, den Einsamen und den Mittellosen zu dienen“. Zugleich rief Franziskus dazu auf, immer wieder neu auf den „unschätzbaren Wert“ des menschlichen Lebens hinzuweisen.

Jedes menschliche Leben: einzigartig

„Jedes menschliche Leben, einzigartig und unwiederholbar, steht für sich und stellt einen unschätzbaren Wert dar. Dies muss immer wieder neu verkündet werden, mit mutigen Worten und Taten. Dies erfordert Solidarität und brüderliche Liebe für die große Menschheitsfamilie und für jedes ihrer Mitglieder.“

Der Papst machte in freier Rede noch einmal explizit deutlich, wie zentral die Menschenwürde und der Schutz des menschlichen Lebens im Christentum sind:

„Jeder Mensch ist von Gott dazu berufen, die Fülle des Lebens zu genießen; und da er der mütterlichen Sorge der Kirche anvertraut ist, muss jede Bedrohung der Menschenwürde und des Lebens das mütterliche Herz der Kirche, ihr „Innerstes“ erschüttern. Lebensschutz ist für die Kirche keine Ideologie, er ist Realität. Eine menschliche Realität, die alle Christen einbezieht, weil sie Christen und weil sie Menschen sind. Es ist keine Ideologie“, unterstrich Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz diesen Mittwoch zum Thema Lebensschutz.

Vaterunser gegen Corona

Zum Abschluss erinnnerte er zudem an sein für diesen Mittag angesetztes Vaterunser-Gebet, um gemeisanm mit Christen weltweit ein Ende der Corona-Pandemie zu erbitten.

„Lassen Sie uns in diesen Tagen des Leidens, in denen die Welt von der Pandemie schwer geprüft wird, unsere Stimmen der Bittgebete an den Herrn vereinen. Möge der Vater, gut und barmherzig, das übereinstimmende Gebet seiner Kinder gewähren, die sich in vertrauensvoller Hoffnung an seine Allmacht wenden“.

(vatican news – sst)

VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 3. Die Frau und das Leben

 

Die Frau ist aufgrund ihrer naturhaften Berufung dem Leben zugeordnet. Diese Bestimmung drückt Adam mit dem Namen aus, den er seiner Frau gab, Eva. „Adam gab seiner Frau den Namen Eva; denn sie ward die Mutter aller Lebendigen“ (Gen. 3, 20). Die Frau empfängt das Leben, trägt es, gebiert es, nährt es und erzieht es. Das Leben des Menschen ist in den entscheidenden Stadien seiner Entwicklung ganz auf die Frau verwiesen.

Für diese Aufgabe besitzt die Frau entsprechend seelisch-leibliche Gaben: die Fähigkeit zur Mütterlichkeit und Mutterschaft. Diese Gaben sind ihr aufgegeben. Indem sie diese Gaben gebraucht, verwirklicht sie sich selbst, findet sie zu ihrem eigenen Wesen. Mutter ist der letzte Name einer jeden Frau. Darum kann der Heilige Vater, Papst Pius XII. sagen: „Jede Frau ist dazu bestimmt, Mutter zu sein; Mutter im leiblichen Sinne oder in einem höheren geistigeren, aber nicht weniger wirklichen Sinne. Als Mutter ist die Frau ein Ebenbild des dreifaltigen Gottes. Mutter ist ein Ternarbegriff. Wer Mutter sagt, sagt Frau, sagt Mann, sagt Kind. Wer Mutter sagt, meint die Frau in der Erfüllung ihres Auftrages: Wachset und mehret euch. Das Wort Mutter umschließt immer ein dreifaches, ganz gleich, ob es sich um leibliche oder geistige Mutterschaft handelt: Die Frau selbst, das irgendwie geartete „Du“, mit dem sich die Frau verbindet, und die „Frucht“, die aus dieser Verbindung hervorgeht. Das „Du“ ist beim jungfräulichen Menschen Christus als der absolute Partner des Menschen. Die Verbindung ist eine rein geistige. Der jungfräuliche Mensch wird ein „Geist“ mit Christus. „Wer sich dagegen dem Herrn hingibt, wird ein Geist mit ihm“ (1. Kor. 6, 17). Die „Frucht“ dieser Verbindung sind „geistliche“ Kinder.

Im Augenblick der Geburt begegnen sich Tod und Leben. Neues Leben wird nur da, wo das alte mutig gewagt wird. Die Frau wird Mutter, indem sie ihr eigenes Leben in das Sterben hinein hält. „Und setzest du nicht das Leben ein, kann nicht das Leben gewonnen sein.“ Jede Mutter stellt sich unter das Naturgesetz des „Stirb und Werde“. Darum versteht eine Frau am tiefsten das Wort Christi: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein“ (Joh. 12, 24). „Mit dem Weizenkorn aber meint der Herr sich selbst. Das war das Korn, welches ertötet und vervielfältigt werden sollte: ertötet durch den Unglauben der Juden, gemehrt durch den Glauben der Heiden“, sagt Augustinus. Cyrill von Alexandrien bemerkt hierzu: „Wie das Weizenkorn ausgesät, Ähren hervorbringt, aber dadurch in sich selbst nichts verliert, sondern dadurch seine Kraft nun in allen Körnern der Frucht lebt – denn aus ihm sind ja alle gewachsen – so ist auch der Herr gestorben . . . und die Frucht seines Leidens und Sterbens ist das Leben aller.“ Könnte nicht jede Frau, die um ihre vertrauliche Selbstverwirklichung ringt, die Worte vom Weizen auf sich selbst anwenden? Muss nicht jede Frau das Schicksal des Weizenkornes auf sich nehmen, um fruchtbar werden zu können? Gerade das Wort vom Weizenkorn, das ganz allgemein die naturhafte Gesetzmäßigkeit der Fruchtbarkeit ausspricht, offenbart die wesenhaft christologische Relation der Frau. Wer vom innersten Wesen her Frau sein will, kommt am Gesetz des Stirb und Werde, das Christus uns allen vorexerziert hat, nicht vorbei.

Die Frau, die dem Leben zugewandt und für das Leben offen ist, ist damit bereits im Grund Christus zugewandt. Ihr Lebensbezug ist Christusbezug. Es müsste unseren Mädchen und Müttern ganz deutlich gesagt werden, dass sie ihre vertrauliche Berufung, im Leben zu dienen, ausschließlich nur in und mit Christus erfüllen können. Wer als Mutter das Leben nicht mehr in seiner komplexen Ganzheit sieht, wessen Blick nur auf den schmalen sichtbaren Streifen unseres Erdenlebens gerichtet ist, wer Christus aus der Sicht des Lebens ausklammert, läuft Gefahr, sein Kind für den ewigen Tod zu gebähren. Dann würde das Kind im Zustand seiner Verdammung ewig seiner Mutter fluchen. Ist es nicht furchtbar, wenn der Herr von Judas sagen muss: „für jenen Menschen wäre es besser, wenn er nicht geboren wäre“ (Mt. 26, 24) wenn unsere Frauen und Mütter, die berufenen Hüter des Lebens, nicht mehr um das Leben wissen, wer soll dann überhaupt noch die rechte Sicht haben? Der Dienst am Leben ist von Dienst an Christus nicht zu trennen.

In jedem Menschen steckt ein starker Lebensdrang, ein unersättliche Lebenshunger. Der Mensch ist ein „Nimmersatt“. Um diese Quellen wahren Lebens muss jedes Mädchen und jede Frau wissen. Wir können es nur begrüßen, wenn in einer Zeit eine starke Vitalität aufbricht. Menschlicher Vitalität kann nicht irdisches Brot allein genügen. Gerade die Enttäuschungen, die bei allem Lebensgenuss zurückbleiben, die gähnende Leere, die er hinterlässt, stoßen den Menschen auf seinen metaphysischen Hunger, offenbaren ihn mit seiner Unersättlichkeit als ein transzendentales Wesen. Die Antwort auf allen Lebenshunger und Lebensdurst gibt Christus, wenn er uns zuruft: „Ich habe Ströme lebendigen Wassers, wer zu mir kommt, den wird nimmermehr dürsten“ (vgl: Joh: 4,14; 6, 35; 7, 37). Für diese Antwort hat die Frau besonders helle Ohren.

Wer als Frau seine Berufung, das Leben zu mehren, es zu hegen und zu pflegen, mit Christus meistert, wird das Kind gebären für die Wiedergeburt, wird es auf Christus hin erziehen und ihm in Christus die Fülle des wahren Lebens vermitteln. Zum Dienst am Leben ist im Grunde nur die christ-gläubige Frau befähigt. Der Christusbezug ist für die Mutter konstitutiv, und die Mutterschaft Mariens hat für jede Mutter kanonischen Charakter. Wer sein Kind nicht christlich erzieht, es nicht zu Christus hinzieht, erzieht es letztlich überhaupt nicht, er betrügt das Kind um das Kostbarste und Heiligste, um das ewige Leben.

Jede Frau ist eine geborene Pädagogin, weil ihre Aufgabe der Mensch ist. Was gibt es Kostbareres als den Menschen, den Gott nur um ein Geringes unter die Engel gestellt hat? (Ps. 8,5). Ein Pädagoge kann nur geben, was er hat, deutlicher noch, was er ist. Wer zu Christus kein persönliches Verhältnis gefunden hat, kann ihn nicht geben. Nichts tut unsere Frauenjugend so not, wie die Erziehung zu Christus. Sie ist die unersetzliche Grundlage für vertrauliche Selbstverwirklichung in Mutterschaft und Mütterlichkeit. Wer in der Verbindung mit Christus lebt, besitzt und vermittelt auch wahres Leben. „Wer an mich glaubt, aus dessen Herzen werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh. 7, 38). Christus allein ist das Maß des Lebens. Der Grad der Lebendigkeit einer Gruppe, einer Familie, einer Pfarrei, richtet sich nicht nach dem, was da „los“ ist. Lebendigkeit darf nicht verwechselt werden mit Betriebsamkeit. Lebendig sind eine Familie, eine Gruppe, eine Pfarrei, eine Schule, wenn in ihnen Christus lebt und durch ihn der Geist des Glaubens, der Hoffnung und der tätigen Liebe.

Wer im Licht des Glaubens Christus als das wahre Leben kennengelernt hat, wird immer wieder in den hl. Sakramenten sein Leben erneuern. Er wird vor allem oft das „panis vivus et vitalis“, das lebendige und lebenspendende Brot der hl. Eucharistie empfangen, das ihm in Wirklichkeit „ewige Jugend“ verleiht.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 2. MARIA, UNSER LEBEN

Maria, unser Leben

Im „salve regina“ grüßen wir Maria als „unser Leben“. Vita, dulcedo et spes nostra, salve! Besteht dieser Titel zurecht? Ist er vielleicht einer augenblicklichen Überschwänglichkeit, einer spontanen Begeisterung des Dichters entsprungen? Ist er vereinbar mit dem Wort des Herrn, indem er selbst sich als das Leben bezeichnet? Ist der Anruf theologisch haltbar?

Die Anrufung Mariens als „vita“ ist zunächst begründet im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Der Tod hat ja seinen Ursprung in der Sünde. Nur durch die Sünde ist der Tod in die Welt gekommen (vgl. Röm. 5, 12). Der Tod ist die ausdrückliche Strafe, die Gott auf die Übertretung des Paradiesgebotes gesetzt hatte, aber diese Strafe ist eine dem Wesen der Sünde entsprechende immanente Folge. Jede Sünde geht ans Leben. Die läßlich Sünde ist Schwächung, Minderung des Leben, die schwere Sünde Tötung des Lebens. Wenn Paulus sagt „Wie demnach durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod auf alle Menschen übergegangen ist, weil alle gesündigt haben“ (Röm. 5,12), dann darf der Tod nicht auf das leibliche Leben beschränkt werden. Der Verlust des Gnadenlebens fällt zusammen mit der ersten Sünde, sie koinzidieren. Die schwere Sünde selbst ist der Tod. Sie zieht als konsequente Folgerung auch den Tod des leiblichen Lebens nach sich. Der Mensch in der schweren Sünde trägt keimhaft den Tod in sich. Er gebiert im Lauf seines Lebens den Tod, der seine Früchte zeitig in einem Heer von Krankheiten, in einem Meere von Not und Leiden und Tränen, in den tausendfachen Formen des leiblichen Sterbens und schließlich im ewigen Tod, in der ewigen Verdammnis. Das ist der Tod in seiner letzten Vollendung, in seiner definitiven Gestalt, die Statik des Todes. „Das ist der zweite Tod“ (Apok. 20, 15).

Weil Maria als die Unbefleckt Empfangene vor aller Sünde bewahrt wurde, stand sie nicht unter dem Gesetz des Todes. Die Kirche hat die Frage offengelassen, ob Maria den leiblichen Tod auf sich genommen hat oder nicht. In der Enzyklika „Munificentissimus Deus“ heißt es: „Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden“. Aber es ist doch die Meinung nahezu aller Theologen, dass Maria gestorben ist. Wenn wir den Gedanken der Miterlöserschaft Mariens zu Ende denken, hat Maria freiwillig aus Liebe zu Christus und seinem Werk den Tod erlitten. Aber dieser Tod wäre durchaus kein Widerspruch gegen den Anruf „Leben“.

Diese Anrufung stützt sich weiter auf das denkbar innige Christusverhältnis Mariens. Weil kein Mensch in einer solchen Christusverbundenheit, in einer solch intimen und intimsten Christusnähe gelebt hat wie sie, muss sie auch der vitalste Mensch, die vitalste Frau sein, die es jemals gegeben hat und geben wird. Wenn schon ein hl. Paulus von sich sagen konnte: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal. 2, 20), wie sehr mag dann dieses Wort auf Maria zutreffen! Hier ist nicht zuerst an die leibliche Nähe Mariens zu Christus gedacht. Auch diese war einzigartig. Jedes Menschenkind ist immer nur zur Hälfte Kind seiner Mutter, es ist ebensosehr Kind seines Vaters. Weil aber das männliche Zeugungsprinzip bei der Empfängnis Mariens ausgeschaltet ist, ist Christus dem Fleische nach ganz und gar Kind Mariens. Niemals hat es ein Kind gegeben, das so „auf seine Mutter gekommen ist“ wie Christus auf Maria. Diese Ähnlichkeit zwischen Mutter und Kind sucht vergeblich eine Parallele.

Viel wesentlicher aber als diese leibliche Nähe ist die geistige. Maria ist ihrem göttlichen Sohn nahe in Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Väter betonen immer wieder, dass Maria Mutter Christi ist „prius mente quam ventre“. Sie hatte ihn zunächst im Schoß ihres Geistes und Herzens und dann im Schoß ihres Leibes empfangen. Nach einem Wort des heiligen Augustinus lebt der Menschen nicht dort, wo er lebt, sondern dort wo er liebt. Maria, die gratia plena, ist auch die caritate plena. Sie liebt Christus mit der ungebrochenen natürlichen und übernatürlichen Liebeskraft eines fraulichen Herzens. Immerzu weilen ihre Gedanken bei ihrem göttlichen Sohn. Sie teilt seine Freuden und Leiden, seine Anliegen und Sorgen, soweit überhaupt ein Mensch Gott zu folgen vermag. Was die Liebeslieder aller Zeiten gesungen haben über die Hingabe des Geliebten an den Geliebten, über ihre Sehnsucht nach ihm, ist im Verhältnis Mariens zu Christus unerhört kühne Wirklichkeit geworden. Maria geht ganz auf in Jesus Christus. Im restlosen und rastlosen Dienst an ihn findet sie die Erfüllung ihres Lebens.

Jede Liebe eint, jede Liebe bindet. Vom Maß der Liebe Mariens können wir den Grad der „Einheit“ bestimmen, die zwischen Maria und Christus bestanden haben muss. Es ist eine Einheit, die bis an die äußerste Grenze des Möglichen geht, wie sie überhaupt zwischen Gott und dem Geschöpf denkbar ist. Die Liebe Mariens duldet keinerlei Trennung von Jesus Christus. Paulus stellt die Frage: „Wer vermag uns zu scheiden von der Liebe Christi?“ „Etwa Trübsal oder Bedrängnis, oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Er führt fast erschöpfend alle Belastungsproben für seine Christusliebe an. Aber Paulus kann sich schlechterdings nichts denken, das seine Christusliebe beeinträchtigen könnte. So darf er voller Vertrauen sagen: „Aber in alledem bleiben wir siegreich durch den, der uns geliebt hat. Ich bin überzeugt: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Mächte, weder Hohes noch Niederes, noch sonst etwas Erschaffenes vermag uns von der Liebe Gottes zu scheiden, die da ist in Christus Jesus unserem Herrn“ (Röm. 8, 35f.).

Dieses Wort gilt a fortiori von Maria. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass Maria sich von der Seite Christi getrennt hat. Das ließ ihre Liebe nicht zu. Sie ist mit ihm gezogen während der drei Jahre seiner öffentlichen Tätigkeit durch ganz Palästina und hat alle Entbehrungen und Strapazen eines solchen unruhigen Lebens geteilt; sie ist ihm auch bis unter das Kreuz gefolgt, wo ihr Schoß die erste Ruhestätte ihres toten Sohnes wurde.

Die Unbefleckte Empfängnis Mariens und ihre einmalige Christusgemeinschaft lassen auf eine Fülle des Lebens schließen, die wir nur dunkel ahnen können, so dass die Anrufung „vita“ berechtigt zu sein scheint. Aber die Anrufung besagt mehr. Sie preist Maria nicht als das Leben schlechthin. Das ist Jesus Christus. Sie preist Maria als unser Leben. Es geht in diesem Anruf um die Beziehung Mariens zu uns. Er stellt ihr Leben in seiner Bedeutung für unser Leben heraus. Es geht hier um die heil- und lebenvermittelnde Rolle Mariens. Die heil- und lebenspendende kommt ihr nicht zu.

Das vitale Verhältnis Mariens zu uns geben wir wieder mit dem uns so lieb und vertraut gewordenen Wort „Mutter“. Kaum ein Marienlied ist so verbreitet und so beliebt beim katholischen Volk wie das Lied: Maria zu lieben. Dieses Lied besingt die kindliche Liebe, die der Katholik zu Maria, seiner himmlischen Mutter, hegt. Dieser Gedanke ist deutlich ausgesprochen in der zweiten Strophe: „Du bist ja die Mutter, dein Kind will ich sein.“

Maria ist unser Leben, unsere Mutter in einem zweifachen Sinne, in einem indirekt ontischen und präzeptorischen Sinne. Die indirekt ontische Grundlage der Mutterschaft Mariens betonen nachdrücklich Väter und Theologen. Vielleicht bezeugt Gottfried von Vendôme diese Mutterschaft am klarsten. „Die wahrhaft gute Maria gebar Christus und in Christus die Christen. Es ist also die Mutter Christi Mutter der Christen.“ Eadmerus argumentiert folgendermaßen: „O Herrin, wenn dein Sohn durch dich unser Bruder geworden ist, bist nicht dann auch du durch ihn unsere Mutter?“ Eine ähnliche Argumentation finden wir beim heiligen Anselm. Wie die Väter, lehren auch die Päpste. In der Enzyklika „Ad Diem Illum“ von Pius X heißt es: „Ist Maria nicht etwa Mutter Christi?“ „Also ist sie auch unsere Mutter. Im Schoße seiner reinsten Mutter hat Jesus Christus Fleisch angenommen. Er hat sich auch einen geistigen Leib gebildet, zusammengefügt aus denen, die an ihn glauben. Man kann also sagen: als Maria den Heiland im Schoß trug, da trug sie alle darin, deren Leben im Leben des Heilandes eingeschlossen war. Wir alle, die wir Christus zugehören und nach den Worten des Apostels ‹Glieder seines Leibes sind, von seinem Fleisch und Bein› (Eph. 5, 20), wir sind aus Maria geboren worden als ein Leib, der mit dem Haupte verbunden ist. Deshalb werden wir im geistlichen und mystischen Sinne Kinder Mariens genannt, und sie ist unser aller Mutter dem Geiste nach, aber wirklich Mutter, da wir Glieder Christi sind.“ Pius XII nennt Maria in Mystici corporis die „Hochheilige Gebärerin aller Glieder Christi“. Er unterstreicht sehr kräftig diese Gedanken in „Haurietis Aquas“.

Zu dieser seinsmäßigen Grundlage kommt der ausdrückliche Wunsch Christi hinzu, der uns seine Mutter als christliches Erbe hinterlässt. Zu den letzten sieben Worten des Herrn am Kreuz gehört auch das Wort an seine Mutter: „Weib, siehe da deinen Sohn.“ Und das entsprechende Wort an Johannes: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Wir müssen uns die Situation vor Augen halten, in der diese Worte gesprochen sind. Es ist das letzte Wort des sterbenden Herrn an seine Mutter, bzw. an seinen Lieblingsjünger Johannes. Es handelt sich also um das Vermächtnis Christi. Mit dem Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ drängt sich der Herr von Maria als seine Mutter. Es ist bemerkenswert, dass uns die Schrift an keiner Stelle ein Herrenwort überliefert hat, in dem Christus Maria mit dem Mutternamen angesprochen hat. Aber hier am Kreuz geht Christus einen Schritt weiter: er sagt sich von ihr als Sohn los und übergibt ihr einen anderen Sohn, den Johannes. Das Wort bohrt sich wie ein Schwert in das Herz Mariens. Aber auch bei diesem Wort bleibt Maria sich selbst als der Magd des Herrn treu. Keine Faser ihres Herzens begehrt auf. Ihr Wille ist ganz eins mit dem Willen ihres Sohnes. Christus hat sich geopfert, weil er selbst es wollte. Von derselben Freiwilligkeit ist das Opfer Mariens unter dem Kreuz getragen. Diese Freiwilligkeit wurzelt in ihrer Liebe. Nur der Liebende ist wahrhaftig frei. Mariens Opfer will sich nach Möglichkeit dem Opfer ihres Sohnes angleichen und dessen würdig sein. So kann Mystici Corporis sagen: „Sie hat, immer mit ihrem Sohn aufs innigste verbunden, ihn auf Golgotha zusammen mit dem gänzlichen Opfer ihrer Mutterrechte und ihrer Mutterliebe dem ewigen Vater dargebracht als die neue Eva für alle Kinder Adams.“ „Wem Gott eine Tür zumacht, dem öffnet er ein Fenster“ heisst ein Sprichwort. Das bewahrheitet sich auch unter dem Kreuz. Der Sohn stellt seine Mutter eine ganz neue Aufgabe. Sie hat ja ihre Aufgabe an ihm selbst erfüllt. Er wird in wenigen Minuten sprechen „consummatum est“, „es ist vollbracht“. Damit hat aber auch seine Mutter an ihm ihre Aufgabe vollbracht.

Der Auferstandene und zur Rechten des Vaters thronende Herr bedarf keiner Mutter mehr. Sie erübrigt sich. Aber die Kirche, sein Leib, braucht eine Mutter. Alle Mutterliebe und Muttersorge, die Maria ihrem Sohn während seines Erdenlebens geschenkt hat, soll sie jetzt seinem Leib, der Kirche, zuwenden. Dasselbe mütterliche Verhältnis, das sie zu Jesus Christus hatte, hat sie jetzt zu seiner Kirche. In diesem Sinne sagt Mystische Corporis: „So war sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch auf Grund eines neuen Titels des Leids und der Ehre im Geist Mutter aller seiner Glieder.“

Es gibt kein Vermächtnis, das heiliger, liebevoller gehütet und vollzogen würde als das Vermächtnis des Herrn an seine Mutter. Die Kirche als solche und jedes einzelne Glied an ihr erfahren täglich aufs neue die mütterliche Liebe und Sorge Mariens. Insofern Maria unsere Mutter ist, ist sie auch unser Leben.

Die Sorge einer Mutter ist immer das Leben ihrer Kinder! Zu welch heroischen Opfern ist nicht eine Mutter fähig, sobald das Leben ihres Kindes in Gefahr ist! Da schreckt die rechte Mutter vor nichts zurück. Sie ist bereit, ihr Leben einzusetzen, um das ihres Kindes zu retten. Das Kind selbst weiß um diese mütterliche Opferbereitschaft. Wenn es in Gefahr ist, ruft es unwillkürlich: Mutter. „Alle Not ruft Mutter.“ Wie viele Soldaten haben im Krieg sterbend nach der Mutter gerufen. Der Mensch weiß um den Ursprung seines Lebens. Er hat den instinktiven Glauben, dass der Mensch, der ihm das Leben schenkte, auch die Macht und Kraft hat, es in der Gefahr zu schützen und zu erhalten. Das Symbol für den Schutz, den die Mutter ihrem Kind gewährt, ist Mutters Schürze. Das ängstliche, verfolgte Kind flüchtet sich unter die Schürze seiner Mutter und sucht dort Geborgenheit. Dort fühlt es sich in absoluter Sicherheit.

Was für das kleine Kind die Schürze der Mutter bedeutet, ist für uns der Schutzmantel Mariens. Wenn irgendjemand über unser Christusleben mit liebenden Augen wacht, dann Maria. Und wie oft ist dieses Leben bedroht! Satan, der nicht schläft, liegt immer auf der Lauer, uns dieses Leben zu rauben. Eine echte Marienverehrung ist der sicherste Schutz für alle Bedrohung dieses Lebens. Die wunderbaren Bekehrungen an ihren Gnadenorten sind eine fortwährende Bestätigung für die Anrufung „Du, unser Leben, sei gegrüßt“.

Das Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ wird ergänzt durch das andere an Johannes gerichtete: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Der Herr kennt die Psyche der Frau. Er kennt die Not der Einsamkeit. Er hört die Klage der Frau: „Ich habe keinen Menschen. Niemand versteht mich. Ich bin so allein.“ Die Frau braucht mehr als eine wirtschaftliche Existenz, mehr als ein „Einkommen“ und „Auskommen“. Nach dem Tod des Herrn fehlt Maria alles: wirtschaftliche Sicherung und menschliche Geborgenheit. Sie ist „alleinstehend“. Der Herr sorgt sterbend für beides, indem er sie seinem Lieblingsjünger Johannes zur Obhut übergibt. Den jungfräulichen Jünger wird die Jungfrau anvertraut. Das Vermächtnis Christi wird auf der Stelle angetreten. „Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus auf. Maria ist jetzt bei Johannes „zuhause“. Sie hat ein neues Heim gefunden.

Wie der Herr uns seiner Mutter anvertraut, so vertraut er auch umgekehrt seine Mutter uns an. Sie soll bei uns zuhause sein und Hausrechte haben. Nicht nur ihr Bild soll in unseren Häusern einen Ehrenplatz einnehmen, vor allem soll ihr Geist, der Geist des Christusglaubens und der Christusliebe, der Geist des Apostolates, der Geist der Heiligkeit, von uns, ihren Kindern, angenommen und gelebt werden. Dann ist sie durch uns und in uns zu Hause.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)