Prof. Wolfgang Waldstein: Zur Frage der normativen Qualität des Verbots des Missale Romanum von 1962

Die schwerwiegenden Auswirkungen, die das „Verbot des Missale, das alle Jahrhunderte hindurch seit den Sakramentaren der alten Kirche kontinuierlich gewachsen war“1, für  die katholische Kirche gehabt hat, lassen es notwendig erscheinen, die normative Qualität dieses Verbots zu untersuchen. Dies umsomehr, als Kardinal Joseph Ratzinger bereits 1976 als Professor mir geschrieben hat, daß es sich dabei um einen „der kirchlichen Rechts- und Liturgiegeschichte durchaus fremden Typus von Verbot des Bisherigen“ handelt. Und er fügte hinzu: „Ich kann aus meiner Kenntnis der Konzilsdebatte und aus nochmaliger Lektüre der damals gehaltenen Reden der Konzilsväter mit Sicherheit sagen, daß dies nicht intendiert war.“ Als Konzilsperitus konnte Prof. Ratzinger damals sagen, daß ein solches Verbot vom Konzil „nicht intendiert war“. Das heißt, es widersprach dem Willen des Konzils. Dies wird auch durch Art. 4 der Liturgiekontitution (Sacrosanctum Concilium) bestätigt, der in den offiziellen Übersetzungen lautet: „Treu der Überlieferung erklärt das Heilige Konzil schließlich, daß die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, … .“ Die deutsche Übersetzung hat die lateinischen Worte fideliter obsequens, die „treu gehorsam“ bedeuten, einfach auf „treu“ verkürzt. Die richtige Übersetzung müßte deshalb lauten: „Der Überlieferung treu gehorsam erklärt das Heilige Konzil.“ Das auszusprechen war den Über-

1 Vgl. Joseph Ratzinger, Aus meinem Leben, 3. Aufl. April 1998, S. 173.

setzern damals offenbar nicht mehr möglich. Der Gehorsam gegenüber der Tradition war in der damaligen Situation kein Thema. Daher blieb der Art. 4 in der Folgezeit auch faktisch wirkungslos. Ich sage „faktisch“, denn rechtlich konnte dieser Artikel durch Maßnahmen einer Kongregation oder durch sie ermächtigter Bischofskonferenzen nicht aufgehoben werden, und er ist natürlich nach wie vor voll in Geltung. Rechtlich ist daher eine Vielfalt bewährter Formen durch das Konzil selbst abgesichert worden.

Um die normative Qualität des Verbots des Missale Romanum von 1962 besser beurteilen zu können, ist zunächst 1. ein Blick auf die von Ratzinger genannte „kirchliche Rechts- und Liturgiegeschichte“ nötig. Hier ist vor allem die Reform von Pius V. zu erwähnen. Hierauf sind 2. die Normen zu prüfen, die das Verbot eingeführt haben. Schließlich ist 3. die nach geltendem Kirchenrecht objektiv bestehende Rechtslage darzustellen.

I. Die Rechtslage nach der Bulle Quo primum

Pius V. hat in der Bulle Quo primum, mit der am 14. Juli 1570 das von ihm überarbeitete Missale Romanum in Kraft gesetzt wurde,  im § 2 bestimmt, daß alle Riten, die von Anfang an vom Apostolischen Stuhl approbiert wor- den waren oder über 200 Jahre in den gleichen Kirchen zur Feier der heiligen Messe ununterbrochen gebraucht wurden, weiterhin gültig bleiben. Pius V. hat also mit der Einführung des überarbeiteten Missale Romanum die Vielfalt liturgischer Formen ausdrücklich bekräftigt. Das Verbot von Riten, die den genannten Kriterien nicht entsprachen, hing mit der Situation der Reformation zusammen. Zu dieser Bestimmung hat Kardinal Ratzinger im Zusammenhang mit der Einführung des Meßbuchs von 1969/70 folgendes erklärt:

„Daß nach einer Zeit des Experimentierens, das die Liturgie oft tief entstellt hatte, wieder ein verbindlicher liturgischer Text vorlag, war zu begrüßen. Aber ich war bestürzt über das Verbot des alten Missale, denn etwas Derartiges hatte es in der ganzen Liturgiegeschichte nie gegeben. Man erweckte zwar den Eindruck, als ob dies etwas ganz Normales sei. Das bisherige Missale sei von Pius V. 1570 im Anschluß an das Konzil von Trient geschaffen worden; so sei es normal, daß nach 400 Jahren und einem neuen Konzil ein neuer Papst ein neues Meßbuch vorlege. Aber die historische Wahrheit ist anders. Pius V. hatte lediglich das vorhandene Missale Romanum überarbeiten lassen, wie dies im lebendigen Wachstum der Geschichte die Jahrhunderte hindurch normal ist.“ Ratzinger sagt dann, daß auch die weitere Entwicklung „ein kontinuierlicher Prozeß des Wachsens und Reinigens“ war, „in dem doch die Kontinuität nie zerstört wurde. Ein Missale Pius V., das von ihm geschaffen worden wäre, gibt es nicht. Es gibt nur die Überarbeitung von Pius als Phase in einer langen Wachstumsgeschichte.“2

Ratzinger geht dann auf das „Neue nach dem Konzil von Trient“ ein, das „anderer Natur“ war als das 1969. Er sagt: „Der Einbruch der Reformation hatte sich vor allem in der Weise liturgischer »Reformen« vollzogen. Es gab ja nicht einfach katholische und protestantische Kirche nebeneinander; die Spaltung der Kirche vollzog sich fast unmerklich und am sichtbarsten wie geschichtlich wirksamsten in der Veränderung der Liturgie, die wieder lokal sehr verschieden ausfiel, so daß auch da die Grenzen zwischen noch katholisch und nicht mehr katholisch oft gar nicht

2 Aus meinem Leben, 3. Aufl. April 1998, S. 172.

auszumachen waren.“ Er sagt dann weiter: „In dieser Situation der Verwirrung, die durch das Fehlen einer einheitlichen liturgischen Gesetzgebung und den an sich bestehenden liturgischen Pluralismus des Mittelalters möglich geworden war, entschied der Papst, daß nun das Missale Romanum, das Meßbuch der Stadt Rom als zweifelsfrei katholisch überall dort einzuführen sei, wo man nicht auf Liturgien verweisen konnte, die wenigstens 200 Jahre alt waren. Wo dies der Fall war, konnte man bei der bisherigen Liturgie bleiben, weil ja dann deren katholischer Charakter als gesichert gelten durfte. Von einem Verbot eines bisherigen und bisher rechtmäßig gültigen Missale konnte also keine Rede sein.“3 Dann kommt die überaus ernste Feststellung: „Das nunmehr erlassene Verbot des Missale, das alle Jahrhunderte hindurch seit den Sakramentaren der alten Kirche kontinuierlich gewachsen war, hat einen Bruch in die Liturgiegeschichte getragen, dessen Folgen nur tragisch sein konnten.“4 So weit Ratzinger.

Um die Anwendbarkeit des Art. 4 der Liturgiekonstitution auf das Missale Romanum von 1962 auszuschließen, ist die Fiktion eingeführt worden, daß die neue Messe keine neue sei, sondern die im Auftrag des Konzils reformierte alte Messe. Daher gebe es die alte Messe nicht mehr, sie exitiere nur mehr in der reformierten Gestalt. Der damalige Erzbischof von Salzburg, Karl Berg, scheute nicht vor dem Vergleich mit der Herausgabe eines neuen Fahrplanes zurück mit der Nutzanwendung, daß nach Herausgabe eines neuen Fahrplanes der alte nicht in Kraft bleiben könne5. Über das, was in der neuen Reform

3 Aus meinem Leben S. 172 f.

4 Aus meinem Leben S. 173.

5 Vgl. dazu W. Waldstein, Hirtensorge und Liturgiereform, Eine Dokumentation, Verlag Stiftung »Lumen gentium«, Schaan 1977, S. 178.

im Gegensatz zu dem früheren organischen Wachsen tatsächlich geschah, sagt Kardinal Ratzinger Folgendes: „Aber nun geschah mehr: Man brach das alte Gebäude ab und baute ein anderes, freilich weitgehend aus dem Material des Bisherigen und auch unter Verwendung der alten Baupläne. Es gibt gar keinen Zweifel, daß dieses neue Missale in vielem eine wirkliche Verbesserung und Bereicherung brachte, aber daß man es als Neubau gegen die gewachsene Geschichte stellte, diese verbot und damit Liturgie nicht mehr als lebendiges Wachsen, sondern als Produkt von gelehrter Arbeit und von juristischer Kompetenz erscheinen ließ, das hat uns außerordentlich geschadet.“6

Daß es sich in der Tat beim Missale von 1969 um etwas Neues handelt, hat sogar Erzbischof Annibale Bugnini indirekt bestätigt. Er hat als Sekretär der Liturgiekongregation die Hauptrolle bei der Schaffung der neuen Liturgie gespielt. Papst Paul VI. hatte bekanntlich einen Rat (Consilium) zur Ausführung der Reformen eingesetzt. Das Ergebnis der Arbeit dieses Rates war die sogenannte „missa normativa.“ Über diese hatten die Väter der Bischofssynode von 1967 zu entscheiden. In seinem Buch über „Die Liturgiereform 1948 – 1975“ berichtet Bugnini, daß am 24. Oktober 1967 vor den versammelten Synodenvätern „in der Capella Sistina ein Experiment mit der »missa normativa«“ stattfand7. Er schildert auch selbst die Reaktionen der Väter. Bugnini gibt zu, „daß das Experiment mißlang“, und fügt hinzu: „Ja, in gewissem Sinn bewirkte es das Gegenteil und wirkte sich negativ auf die Abstimmung aus.“8 Und er meint: „Die Zelebrationsfeier muß bei

6 Aus meinem Leben S. 173 f.

7 A. Bugnini, Die Liturgiereform 1948 – 1975, Zeugnis und Testament, Deutsche Ausgabe hrsg. von Johannes Wagner unter Mitarbeit von François Raas, Herder, Freiburg im Breisgau 1988, S. 373.

8 Liturgiereform S. 374.

vielen Vätern den Eindruck von etwas Künstlichem erzeugt haben, es roch zu sehr nach Wissenschaft, zu wenig nach Pfarrei.“9 Und dieser Eindruck Bugninis trifft auch zweifellos den entscheidenden Punkt, zu dem Kardinal Ratzinger folgendes sagt: „Denn nun mußte der Eindruck entstehen, Liturgie werde »gemacht«, sie sei nichts Vorgegebenes, sondern etwas in unseren Entscheiden Liegendes. Und dann ist es wiederum logisch, … daß zuletzt jede »Gemeinde« sich ihre Liturgie selber geben will. Aber, wo Liturgie nur selbstgemacht ist, da eben schenkt sie uns nicht mehr, was ihre eigentliche Gabe sein sollte: die Begegnung mit dem Mysterium, das nicht unser Produkt, sondern unser Ursprung und die Quelle unseres Lebens ist.“10 So weit Ratzinger.

Wie Bugnini weiter berichtet, kam es nach der Vorführung in der Capella Sistina in der Bischofssynode zur Ablehnung der »missa normativa«. Für die Hauptfrage: „Ist man im allgemeinen für die Struktur der »missa normativa«“, lautete das Abstimmungsergebnis bei insgesamt 176 Stimmen folgendermaßen: 71 Jastimmen, 43 direkte Neinstimmen und 62 Stimmen „iuxta modum“, die kein Ja bedeuteten und den Neinstimmen zugerechnet werden mußten. Damit hatte die „missa normativa“ bei einem Stimmenverhältnis von 71 zu 105 mit beachtlicher Mehrheit nicht die Zustimmung jener Bischofssynode erhalten, die zu ihrer Einführung einberufen worden war. Knapp vier Jahre nach der Verabschiedung der Liturgiekonstitution des Konzils gab es also durch die zuständige Bischofssynode nicht die erforderliche Zustimmung dafür, was die Reformatoren als Erfüllung des Auftrages des Konzils darstellen wollten. Daher kann die „missa normativa“ noch viel weniger

9 Liturgiereform S. 375.

10 Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, Stuttgart 31998, S. 173. Ausführlich dazu auch: Der Geist der Liturgie, Freiburg 2000, S. 141 – 144.

dem Konzil selbst zugerechnet werden. Die mit der Liturgiereform verbundenen Erscheinungen machen es jedoch verständlich, daß man sie gerne mit der Autorität des Konzils unanfechtbar machen wollte. Eine Liturgie des Konzils gibt es jedoch in Wahrheit nicht. Weniger als zwei Jahre später wurde das neue Missale Pauls VI. mit der Apostolischen Konstitution Missale Romanum vom 3. April 1969 veröffentlicht und mit Wirkung vom 30. November 1969 in Kraft gesetzt. Ich habe bereits wiederholt dargestellt, wie in dieser ersten Editio typica die Messe selbst in der Allgemeinen Einführung (Institutio generalis) zum neuen Meßbuch definiert wurde und was mit dieser Editio typica dann tatsächlich geschehen ist11. Es ist leider nötig, diese Tatsachen zu erwähnen, weil nur so die sich aus diesen Tatsachen ergebende Situation verständlich wird. Auf Anordnung von Papst Paul VI. mußte die Institutio generalis von 1969 eingestampft und durch eine korrigierte Fassung ersetzt werden, die mit Dekret vom 26. März 1970 „im Auftrag des Papstes“ veröffentlicht wurde12, also knapp ein Jahr nach der ersten Veröffentlichung der reformierten Liturgie.

Schon die Realitäten, die Ratzinger aufgezeigt hat, machen die Fiktion von der Identität der neuen Messe mit der alten völlig zunichte. Aber auch die Darstellung Bugninis betreffend die Bischofssynode 1967 und die Vorgänge um die Publikation der neuen Messe zeigen, welche Umbrüche mit diesen Vorgängen verbunden waren. Jeder aufmerksame Beobachter und leidvolle Teilnehmer an von Liturgiekreisen oder „autonomen“ Geistli-

11 Zuletzt in PRO MISSA TRIDENTINA, Rundbrief der Laienvereinigung für den klassischen römischen Ritus in der Katholischen Kirche e. V. Nr. 28, September 2004, S. 64 – 68.

12 Die deutsche Übersetzung in Nachkonziliare Doku- mentation Bd. 19 ist in Trier 1974 als „2., veränderte Auflage“ erschienen.

chen „gestalteten“ Liturgien kann seit Jahrzehnten bezeugen, daß die neue Liturgie tatsächlich eine neue ist, und zwar auch dann, wenn sie korrekt gefeiert wird. Wenn sie aber nicht korrekt gefeiert wird, gibt es sozusagen fast nichts, was es nicht gibt. Kardinal Ratzinger mußte sogar feststellen: „Ich bin überzeugt, daß die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, »etsi Deus non daretur«: daß es in ihr gar nicht mehr darauf ankommt, ob es Gott gibt und ob er uns anredet und anhört.“13 Völlig unberührt durch all diese Tatsachen wird an der Fiktion von der Identität der neuen Messe mit der alten nach wie vor festgehalten. Sie ist notwendig, um die Messe, die bis über das Konzil hinaus von der ganzen Kirche und auch noch von den Vätern der Bischofssynode von 1967 gefeiert wurde, nicht unter die Bestimmung des Art. 4 SC fallen zu lassen. Ein Mitstreiter Bugninis, P. Rinaldo Falsini OFM, hat Kardinal Castrillón Hoyos wegen dessen Erklärung, daß Artikel 4 der Liturgiekonstitution auch für den Ritus des Missale von 1962 gilt, scharf kritisiert. Falsini seinerseits erklärte, es gebe heute nur „einen einzigen legitimen römischen Ritus“, und zwar den … von Paul VI. in Kraft gesetzten14. Diese Aussage zeigt die völlige Mißachtung des kirchlichen Rechts, das, wie noch näher zu zeigen sein wird, den Ritus von 1962 inzwischen durch eine vom Papst erlassene Norm ausdrücklich anerkennt. Zudem hat Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache vor den Mönchen von Le Barroux zu der Frage der Anerkennung des Missale von 1962 den Art. 37 der Liturgiekonstitution zitiert, der sagt: „In den Dingen, die den Glauben oder das Allgemeinwohl nicht betreffen, wünscht die Kirche nicht eine starre Einheit-

13 Aus meinem Leben S. 173 f.

14 Vgl. „Die Tagespost“ vom 8. Juli 2003, S. 4.

lichkeit der Form zur Pflicht zu machen, nicht einmal in ihrem Gottesdienst; im Gegenteil pflegt und fördert sie das glanzvolle geistige Erbe …“15. P. Falsini will dagegen gerade jene „starre Einheitlichkeit der Form“ durchsetzen, die das Konzil ausdrücklich abgelehnt hat. An solchen Beispielen zeigt sich, was das Konzil für diejenigen wirklich bedeutet, die sich sonst so gerne darauf berufen. Dr. Reiner Kaczynski hat in einem Vortrag vor der Katholischen Akademie in Bayern am 17. Oktober 1976 betreffend die Durchsetzung der Liturgiereform gesagt: „Die harte Linie setzte sich durch, wie ich persönlich meine, mit Recht.“16 Der „harten Linie“, die vor allem von Bugnini verkörpert wurde, ging es um Durchsetzung ihrer Vorstellungen ohne Rücksicht auf irgendwelche entgegenstehende Normen der Kirche. Auch „das Heil der Seelen…, das in der Kirche immer das oberste Gesetz sein muß“ (Can. 1752 CIC), konnte dabei keine Rolle spielen.

II. Die Normen, die das Verbot der Messe aller Jahrhunderte enthalten

Auf dem Hintergrund dessen, was bisher zu der von Kardinal Ratzinger betonten „kirchlichen Rechts- und Liturgiegeschichte“ gesagt werden konnte, ist nun die normative Qualität jener Normen zu prüfen, mit denen das Verbot eingeführt wurde. Zunächst ist jedoch zu sagen, daß die Apostolische Konstitution Missale Romanum vom 3. April 1969 kein Verbot anderer Riten enthält17. Vielmehr be-

15 Abgedruckt im Brief an die Freunde der Abtei Sainte Madeleine Nr. 41, vom 8. Dezember 1990, ohne Seitenzahlen, aber S. 11 f.

16 Kritische Einwände gegen die Liturgiereform – berechtigt oder nicht? Manuskriptdruck der Katholischen Akademie in Bayern, S. 16. Wiedergegeben bei Waldstein, Hirtensorge S. 105.

17 Vgl. dazu Waldstein, Hirtensorge und Liturgiereform, Eine Dokumentation, Verlag Stiftung »Lumen gentium«, Schaan 1977,  S. 101 f.

ginnt die Konstitution mit einem Text, der es verdient, hier wiedergegeben zu werden:

„Das Römische Meßbuch, auf Grund eines Beschlusses des Konzils von Trient von Unserem Vorgänger, dem heiligen Pius V., im Jahre 1570 herausgegeben, gehört nach allgemeinem Urteil zu den vielen segensreichen Ergebnissen, die dieses Konzil für die gesamte Kirche Christi zeitigte. Vier Jahrhunderte lang haben Priester des lateinischen Ritus sich seiner als Norm zur Feier des eucharistischen Opfers bedient, und Glaubensboten haben es in fast alle Länder gebracht. Zahllose heilige Menschen haben für ihr geistliches Leben aus seinen Schriftle- sungen und Gebeten in reichem Maß wertvolle Anregungen geschöpft, aus jenen Texten also, deren Ordnung im wesentlichen auf Gregor den Großen zurückgeht.“18 Obwohl Papst Paul VI. auch am Ende der Konstitution nochmals Pius V. zitiert, geht er nirgends auf die in der Bulle Quo primum geregelte Frage anderer Riten ein. Hinsichtlich des neuen Missale sagt er jedoch nur: „Der Anordnung des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechend, haben wir zwar im neuen Meßbuch berechtigter Vielfalt und Anpassung ihren Platz zuerkannt; dennoch geben wir der Hoffnung Ausdruck, daß das neue Buch von den Gläubigen als eine Hilfe zur gegenseitigen Bezeugung und Stärkung der Einheit angenommen werde.“19 Aus dieser Aussage kann kein Verbot des früheren und keine unbedingte Verpflichtung zur Annahme des neuen Missale abgeleitet werden. Papst Paul spricht nur die Hoffnung aus, daß es an- genommen werde. Was jedoch die „Stärkung der Einheit“ betrifft, so ahnte der Papst offen- bar im Zeitpunkt der Veröffentlichung der Apostolischen Konstitution nicht, welches

18 Vgl. Dokumente zum Römischen Meßbuch, Nachkonziliare Dokumentation Bd. 19, „2., veränderte Auflage“ Trier 1974, S. 17.

19 Dokumente Bd. 19, S. 27.

Problem ihm durch die „Allgemeine Einführung“, die er als „die Einleitung des Buches“ bezeichnet, noch vor dem 30. November 1969 entstehen würde, mit dem das neue Missale in Kraft treten sollte. Der Papst realisierte offenbar nicht, daß in der Definition der hl. Messe in der Allgemeinen Einführung Nr. 7 das „eucharistische Opfer“, von dem er in der Konstitution spricht, nicht mehr vorkommt. Die dort enthaltene Definition lautet in der deutschen Übersetzung bekanntlich:

„Das Herrenmahl – die Messe – ist die heilige Versammlung des Volkes Gottes, die unter der Leitung des Priesters die Gedächtnisfeier des Herrn begeht.“20 Als dem Papst diese und andere Tatsachen vor Augen geführt wurden, sah er sich, wie Kardinal Stickler als Konzilsperitus der Liturgiekommission bezeugt 21, gezwungen, die gerade erst veröffentlichte Allgemeine Einführung des neuen Meßbuches einstampfen zu lassen und die Herausgabe einer korrigierten Fassung anzuordnen. Welche Folgen diese Definition für die Kirche in der Folgezeit hatte und bis heute hat, habe ich schon mehrfach aufzeigen müssen22. Das muß hier nicht wiederholt werden. Aber diese Tatsachen haben in einem bisher kaum ernsthaft zur Kenntnis genommenen Ausmaß die von Papst Paul VI. angestrebte „Stärkung der Einheit“ weithin ins Gegenteil gekehrt.

Was nun das Verbot selbst betrifft, so zeigt sich ein erstaunliches normatives Bild. Bei einer Tagung der Associatio Sanctus Benedictus Patronus Europae in Salzburg kurz nach der verbindlichen Einführung des neuen Missale wurde die Ablehnung der alten Mes-

20 Vgl. Dokumente zum Römischen Meßbuch, Nachkonziliare Dokumentation Bd. 19, Trier 1970, S. 31.

21  Vgl.  A.  M.  Kardinal  Stickler, Erinnerungen  und Erfahrungen eines Konzilsperitus der Liturgiekommission, in: Franz Breid (Hrsg.), Die heilige Liturgie, Referate der „Internationalen Theologischen Sommerakademie 1997“ des Linzer Priesterkreises, Steyr 1997, S.

22 Vgl. oben Anm.11.

se durch prominente Vertreter der Reform deutlich. Der längst verstorbene Klaus Dohrn hat am Ende der Diskussion in der großen Aula der Universität Salzburg, bei der die Frage der klassischen Liturgie bei maßgebli- chen Persönlichkeiten sichtliche Irritation auslöste, nach dem Grund für diese merkwürdige Irritation gefragt. Er gab dann selbst folgende Antwort: „Es gibt keine schlimmere Intoleranz als die siegreicher Revolutionäre.“ Das Verbot selbst hat sich sozusagen „schleichend“ entwickelt in einer Instructio und in Notificationes der Congregatio pro Cultu Divino. Die Instructio de constitutione Apostolica »Missale Romanum« gradatim ad effectum deducenda vom 20. Oktober 1969 bestimmte in der Nr. 7, daß die einzelnen Bischofskonferenzen den Tag festsetzen sollen, ab dem der Ordo Missae, ausgenommen in den in den Nummern 19 und 20 genannten Fällen, in Gebrauch genommen werden muß. In der Nr. 14 wird das etwas verschärft wiederholt. Dieser Tag darf nicht über den 28. November 1971 hinausgeschoben werden. Damit ist in der Instructio selbst kein direktes Verbot ausgesprochen. In der Nummer 19 heißt es: „Priester in fortgeschrittenem Alter, welche die Messe ohne Volk feiern, und die vielleicht größere Schwierigkeiten mit dem neuen Ordo Missae und den zu verwendenden Texten des Missale Romanum und der Leseordnung in der Messe haben, können, mit Zustimmung des eigenen Ordinarius, die jetzigen Riten und Texte weiter gebrauchen.“ Die Nr. 20 lautet: „Aber besondere Fälle, nämlich von gebrechlichen Priestern, oder von solchen, die durch Krankheiten oder andere Schwierigkeiten behindert sind, sollen dieser Heiligen Kongregation vorgelegt werden.“23 Das Verbot ergibt sich hier aus dem Umkehrschluß. Wenn es nur den  genannten

23 Lateinischer Originaltext bei Waldstein, Hirtensorge

Priestern und nur mit Zustimmung des eigenen Ordninarius gestattet ist, dann ist es allen anderen verboten. Und jene, die es noch dürfen, müssen „die Messe ohne Volk feiern.“ Das Volk darf mit dieser Messe nicht mehr in Berührung kommen. Die Notificationes vom 14. Juni 1971 Nr. 2 und vom 28. Oktober 1974 enthalten jedoch Gebote, die neue Liturgie ab dem Zeitpunkt der Einführung volkssprachlicher Ausgaben anzunehmen. In der nicht in den AAS (Acta Apostolicae Sedis), sondern nur in den Notitiae der Kongregation publizierten Notificatio vom 28. Oktober 1974, S. 353, wurde erklärt, daß von dem Zeitpunkt an, in dem Bischofskonferenzen die volkssprachlichen Ausgaben des Missale Romanum in Kraft gesetzt haben, die Messe, sei es in lateinischer Sprache oder in der Volkssprache, zu feiern nur (tantummodo) im Ritus des von Paul VI. am 3. April 1969 veröffentlichten Missale Romanum erlaubt ist. Dies ist in der Tat ein faktisches Verbot, aber nicht nur des klassischen Missale Romanum, sondern stillschweigend eines jeden anderen Ritus. Von den in der Bulle Quo primum formulierten Ausnahmen ist keine Rede, auch nicht vom Art. 4 der Liturgiekonstitution. Weil jedoch eine Notificatio der Kongregation, die auch nicht in den AAS publiziert wurde, nicht als kirchliches Gesetz angesehen werden kann, ist sie auch nur als Verwaltungsmaßnahme zu verstehen. Dabei kommt noch das Problem hinzu, daß nicht die von der Notificatio genannte Editio typica von 1969 maßgeblich ist, sondern die von 1970. Wie immer man die normative Qualität dieser Notificatio beurteilen mag, so vermochte sie keinesfalls den Art. 4 der Liturgiekonstitution aufzuheben. Sie widerspricht vielmehr radikal dieser feierlichen Erklärung des Konzils. Weil Papst Paul VI. in seiner Apostolischen Konstitution zwar die Bulle Quo primum zitiert und Pius V. mehrfach erwähnt, aber zur Frage anderer Riten nicht Stellung nimmt, könnte zumindest davon ausgegangen werden, daß er die Bestimmungen von Quo primum § 2 unangetastet gelassen hat. Er hat jedenfalls selbst nichts gesagt, das dem widersprechen würde. Unabhängig davon genügt jedoch die Tatsache, daß die entscheidende Notificatio der Kongregation dem Art. 4 der Liturgiekonstitution klar widerspricht, um festzustellen, daß es sich bei den beiden Notificationes um rechtswidrige Verordnungen handelt. Diese Tatsache wurde mit der Fiktion verschleiert, daß die neue Liturgie keine neue sei. Sie sind jedenfalls keine kirchlichen Gesetze im formellen Sinne. Daher hat es auch kein im formellen Sinne rechtliches Verbot der alten Liturgie gegeben. Das Verbot beruhte auf administrativen Maßnahmen einer Kongregation. Can. 34 § 2 CIC bestimmt: „Anordnungen von Instruktionen heben Gesetze nicht auf, und wenn irgendwelche mit Vorschriften von Gesetzen nicht in Einklang gebracht werden können, entbehren sie jeder Rechtskraft.“ Das Verbot der früheren Liturgie kann jedenfalls mit Art. 4 der Liturgiekonstitution nicht in Einklang gebracht werden.

Die Ausnahme für alte und kranke Priester wurde dahin eingeengt, daß nunmehr eine „Erlaubnis vom Ordinarius zugestanden werden kann“ (patet facultatem ab Ordinario con cedi posse). Der Bischof mußte also nunmehr um Erlaubnis gebeten werden. Wie solche Bitten in der Regel faktisch behandelt wurden, ist hier nicht näher zu erörtern. Die Kongregation wollte aber sicher gehen und hat zusätzlich bestimmt, daß die Bischöfe diesen alten und kranken Priestern keine Erlaubnis geben dürfen, diese Messe „cum populo“, also mit dem Volk, zu feiern. Diese Bestimmung widerspricht auch dem katholischen Verständnis der heiligen Messe. Ein Verbot für den Priester, die heilige Messe mit Gläubigen zu feiern, und die Folge, ihn mit der ihm erlaubten Messe in die Isolation zu verbannen, machen deutlich, aus welchem Geist diese Anordnung der Kongregation stammt. Sie folgt aus der in der ersten Ausgabe der Allgemeinen Einführung sich offen zeigenden Auffassung von der heiligen Messe als „heilige Versammlung des Volkes Gottes, die unter der Leitung des Priesters die Gedächtnisfeier des Herrn begeht“. Auch wenn diese Notificatio vom damaligen Präfekten Kardinal Iacobus Robertus Knox unterzeichnet wurde, so stammt sie zweifellos vom mitunterzeichnenden Sekretär A. Bugnini. Die Schritt für Schritt zunehmende Einengung einer Erlaubnis macht deutlich, wie sich in der Tat die „harte Linie“24 durchsetzte. Wenn man die Leidenswege vieler Priester und Gläubigen kennt, die mit dieser „harten Linie“ begonnen haben, dann weiß man, wie berechtigt die Aussage Kardinal Ratzingers zum Verbot der Liturgie aller Jahrhunderte ist, wenn er sagt: „das hat uns außerordentlich geschadet.“25

III. Die nach geltendem Kirchenrecht objektiv bestehende Rechtslage

Eine entscheidende Wende in der Frage der Zulässigkeit der Verwendung des Missale von 1962 ist mit dem Motu proprio Ecclesia Dei vom 2. Juli 1988 eingetreten. Seit diesem Motu proprio, das vom obersten kirchlichen Gesetzgeber erlassen wurde, kann es keinen Zweifel daran geben, daß das Missale von 1962 zu den rechtlich anerkannten Riten gehört. Es gibt den Ritus in der Editio typica von 1962 noch, den Ritus Romanus, den es seit Jahrhunderten gegeben hat. Es hat daneben auch nach der Bulle Quo primum von 1570 ausdrücklich anerkannte andere Riten gegeben und gibt sie noch heute. Aber dieser Ritus Romanus zeichnet sich dadurch aus, daß er seit der Antike zu den „rechtlich anerkannten Riten“ im Sinne des Art. 4 der Liturgie-

24 Vgl. oben bei Anm. 16.

25 Aus meinem Leben S. 173 f.

Konstitution gehört und nicht ein ad hoc „gemachter“ Ritus ist. Wenn es also diesen Ritus in Wahrheit noch gibt, dann kann es nach Sinn und Wortlaut des Art. 4 der Liturgiekonstitution keinen sachlich gerechtfertigten Grund geben, ihn vom Schutz des Art. 4 auszuschließen. Darío Cardinal Castrillón Hoyos hat in seiner Ansprache bei dem feierlichen  Pontifikalamt im alten Ritus am 24. Mai 2003 in der Papstbasilika Santa Maria Maggiore ausdrücklich bestätigt, daß Art. 4 der Liturgiekonstitution auch für das Missale von 1962 gilt. Er sprach vom „verehrungswürdigen Ritus des heiligen Pius V.“ und sagte dazu: „Man kann nicht sagen, daß der Ritus des heiligen Pius V. erloschen sei, und die Autorität des Heiligen Vaters hat seine wohlwollende Aufnahme gegenüber jenen Gläubigen ausgedrückt, die, bei gleichzeitiger Anerkennung der Legitimität des römischen Ritus, wie er nach den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils26 erneuert wurde, dem vorhergehenden Ritus verbunden bleiben und darin eine solide geistliche Nahrung finden für ihren Weg der Heiligung. Im übrigen hat dasselbe II. Vatikanische Konzil erklärt, daß »… die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, …« (Sacrosanctum Concilium Nr. 4). Der alte römische Ritus behält also in der Kirche sein Bürgerrecht im Rahmen der Vielfalt der katholischen Riten, sowohl der lateinischen wie der orientalischen. Was die Verschiedenheit dieser Riten einigt, ist derselbe Glaube an das eucharistische Geheimnis, dessen Bekenntnis stets die Einheit der heili-

26 Hier folgt Kardinal Castrillón Hoyos leider der offiziellen Sprachregelung. Das „nach den Vorgaben“ ist jedoch nur im zeitlichen Sinne richtig. Inhaltlich wurden die Vorgaben dagegen, wie bereits oben bei Anm. 5 bemerkt, weithin nicht beachtet.

gen, katholischen und apostolischen Kirche sichergestellt hat.“27

Daß jedoch gerade diese Einheit im Zusammenhang mit der neuen Liturgie vielfach von Liturgiewissenschaftlern sogar ausdrücklich bestritten wird, zeigen Aussagen wie etwa  die von Franz Nikolasch, der erklärt hat, daß die Entwicklung des Glaubens in der Kirche seit Jahrhunderten eine „Fehlentwicklung“ war. Und dafür wieder sei das falsche  vorkonziliare

„Liturgieverständnis“ verantwortlich. Der konziliare Fortschritt habe endlich bewirkt, daß, wie Nikolasch wörtlich sagt, „unser heutiges Liturgieverständnis in diametralem Gegensatz zum vorkonziliaren Verständnis“ steht28. Das kann jedoch im Klartext nur heißen, daß die neue lex orandi nach diesem Verständnis „in diametralem Gegensatz“ zur katholischen lex credendi steht, die nach dem Konzil keine andere sein kann als vor dem Konzil. Die neue lex orandi soll demnach gerade auch eine neue lex credendi hervorbringen und die Kirche in einen anderen als den katholischen Glauben führen. Dieses Ziel ist inzwischen zweifellos weitgehend erreicht. Das beweist eine 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin veröffentlichte Statistik nur zu sehr erschütternd. Leo Kardinal Scheffczyk mußte in „Theologisches“ feststellen, daß nach dieser Statistik „88 % der Katholiken Deutschlands keinen Unterschied mehr zwischen der katholischen Eucharistie, dem heiligen Me opfer, und dem evangelischen Abendmahl erkennen würden.“29

Wenn Kardinal Hoyos sagt, daß diejenigen, die dem alten Ritus verbunden bleiben, „darin eine solide geistliche Nahrung finden für ihren

27 Vgl. Pro Missa Tridentina, Rundbrief der Laienvereinigung für den klassischen römischen Ritus in der Katholischen Kirche e.V. Nr 26, Juni 2003, S. 75 f.

28 Vgl. F. Nikolasch, Liturgie – gelebter Glaube, in: R. Schermann (Hrsg.), Wider den Fundamentalismus, Kein Zurück hinter das II. Vatikanische Konzil, Mattersburg-Bad Sauerbrunn 1990, S. 64 f.

29 Theologisches 33, Nr. 8/9 (2003), Sp. 347.

Weg der Heiligung“30, so bestätigt er damit, was Papst Paul VI. in der Apostolischen Konstitution Missale Romanum selbst über diese Liturgie sagt31. Zweifellos könnte diese „solide geistliche Nahrung“ auch das Verständnis der neuen Liturgie befruchten und die Katholiken vor dem Abdriften in Richtung der 88 % bewahren, die das katholische Verständnis der Eucharistie nicht mehr teilen. Papst Johannes Paul II. hatte in einer Ansprache vor den Mönchen von Le Barroux dazu den Art. 37 der Liturgiekonstitution zitiert, der sagt: „In den Dingen, die den Glauben oder das Allgemeinwohl nicht betreffen, wünscht die Kirche nicht eine starre Einheitlichkeit der Form zur Pflicht zu machen, nicht einmal in ihrem Gottesdienst; im Gegenteil pflegt und fördert sie das glanzvolle geistige Erbe …“32. In der Ansprache vor der Plenaria der Kongregation für den Gottesdienst vom 21. September 2001 hat Papst Johannes Paul II. das Missale Pius V. neben verschiedenen orientalischen als Beispiel für eine Liturgie hervorgehoben, deren Texte die eigentliche Substanz jeder Liturgie offenbaren.

Die Aussagen von Kardinal Castrillón Hoyos betreffend den Willen des Konzils sind zweifellos sachlich unanfechtbar. Sie stehen auch vollkommen im Einklang mit dem, was Pius V. seinerzeit hinsichtlich der anderen Riten bestimmt hat und was in der ganzen Tradition der Kirche selbstverständlich war und vom Konzil feierlich bekräftigt wurde. Die Aussagen von Kardinal Hoyos haben den Weg zu jener „liturgischen Versöhnung“ gezeigt, von der Kardinal Ratzinger sprach und „die wieder die Einheit der Liturgiegeschichte anerkennt, das Vatikanum   nicht   als  Bruch,

30 Rundbrief S. 75.

31 Vgl. oben bei Anm. 18.

32 Abgedruckt im Brief an die Freunde der Abtei Sainte Madeleine Nr. 41, vom 8. Dezember 1990, ohne Seitenzahlen, aber S. 11 f.

sondern als Entwicklungsstufe versteht.“ Und weiter: sie „ist für das Leben der Kirche dringend vonnöten.“33 Kardinal Stickler hatte am Ende seines Vortrages von 1997 die Hoffnung ausgesprochen, daß Papst Johannes Paul II. nach dem Motu proprio Ecclesia Dei den dort „aufgezeigten Weg weiter beschreiten wird, um die berechtigte Aussöhnung zwischen der unabdingbaren Tradition und der gerechten zeitbedingten Weiterentwicklung herzustellen.“34 Dazu ist es nicht gekommen. Jetzt dürfen wir hoffen und Gott bitten, daß er unserem Heiligen Vater die Kraft gibt, das zu realisieren, wovon er klar gesehen hat, daß es „für das Leben der Kirche dringend vonnöten“ ist. Es gibt bereits hoffnungsvolle Anzeichen für eine bevorstehende „liturgische Versöhnung“. Dann könnte endlich die feierliche Erklärung des Konzils im Art. 4 der Liturgiekonstitution wirksam werden.

33 Aus meinem Leben S. 174

34 Erinnerungen S. 195.


Was der Mensch nicht sagen oder nicht einmal denken kann und was er nicht zu verlangen gewagt hätte, das hat Gott in seiner unendlichen Liebe gedacht, gesagt und ausgeführt. Oder hätten wir je gewagt, von Gott zu verlangen, er solle seinen Sohn für uns sterben lassen, er solle uns sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken geben? Von einer so großen Liebe Gottes zu den Menschen konnte der Mensch keinen Begriff haben.

Hl. Johannes Vianney, Pfarrer von Ars

 

* * *

’Ich bin die Nahrung der Starken; glaube, und du wirst mich genießen. Du wirst mich aber nicht in dich verwandeln wie die Nahrung deines Körpers, sondern du wirst in mich verwandelt werden.’ (Worte, die der heilige Augustinus Jesus in den Mund legt, Kap 20 § 1)

 

Der hl. Augustinus schreibt darüber in den Confessiones: „Dieses Brot ist die Nahrung der Starken. Die normalen Nahrungsmittel sind weniger stark als der Mensch, sie dienen ihm: Sie werden dazu aufgenommen, daß sie in den Körper des Menschen assimiliert werden und ihn aufbauen. Diese besondere Nahrung aber, die Eucharistie, steht genau umgekehrt über dem Menschen, ist stärker als er. Und so ist auch der Vorgang, auf den das Ganze abzielt, umgekehrt: Der Mensch, der dieses Brot aufnimmt, wird ihm assimiliert, von ihm aufgenommen, wird eingeschmolzen in dieses Brot und wird Brot wie Christus selbst. ‚Weil ein Brot, sind wir ein Leib, die vielen.‘“

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Quelle

Die Kraft der Stille: Das ganze Interview mit Kardinal Sarah in deutscher Sprache

Kardinal Sarah — Foto: Paval Hadzinski (Ausschnitt) via Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Großes Aufsehen hat Kardinal Robert Sarah mit seinem neuen Interview erregt, in dem der bekannte Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung warnt: „Wir laufen Gefahr, die heiligen Geheimnisse auf gute Gefühle zu reduzieren“. CNA veröffentlicht nun eine deutsche Übersetzung des vollständigen Interviews mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und „La Nef“.

Das französische Original dieses Gesprächs erschien in La  Nef  N°285Oktober 2016.

Nach dem Erfolg von „Gott oder Nichts“ [deutsche Version: fe-Medienverlag, 2015] veröffentlicht Kardinal Sarah Anfang Oktober ein neues Buch mit Nicolas Diat. Ein wunderbares Buch von erstaunlicher spiritueller Tiefe, das uns eintreten läßt in das Herz des Geheimnisses Gottes: die Stille, die notwendig ist für jede Begegnung mit dem Herrn sowohl im inneren Leben als auch in der Liturgie. Das Buch ist eine Begegnung mit einem Menschen, in dem die Gegenwart Gottes spürbar ist.

Das Buch, das Sie den Lesern vorlegen, ist eine echte geistliche Betrachtung über die Stille. Warum haben Sie sich auf eine so tiefe Reflexion eingelassen, die man normalerweise von einem Präfekten der Gottesdienstkongregation nicht erwarten würde, der für sehr konkrete Angelegenheiten in der Kirche zuständig ist, nicht erwarten würde?

 

„Die erste Sprache Gottes ist die Stille“. Indem er diese reiche und tiefe Intuition des hl. Johannes vom Kreuz kommentiert, schreibt Thomas Keating in seinem Werk „Invitation to love“: „Alles andere ist eine armselige Übersetzung, wir müssen lernen still zu sein und uns bei Gott auszuruhen“.

Es ist Zeit, die wahre Ordnung der Prioritäten wiederzufinden. Es ist Zeit, Gott wieder in die Mitte unserer Sorgen und Beschäftigungen, in die Mitte unseres Handelns und unseres Lebens zu stellen, an die einzige Stelle, die Ihm gebührt. So wird unser christlicher Lebensweg seinen Schwerpunkt in diesem Felsen finden, im Licht des Glaubens seine Struktur finden und sich im Gebet ernähren, das ein Moment der stillen und intimen Begegnung ist, wo der Mensch sich im Angesicht Gottes aufhält, um Ihn anzubeten und Ihm seine kindliche Liebe auszudrücken.

Täuschen wir uns nicht. Die wahre Dringlichkeit besteht darin, den Sinn für Gott wiederzufinden. Dem Vater können wir aber nur in der Stille nahekommen. Das, was die Kirche heute braucht, ist nicht eine Verwaltungsreform, ein weiteres Pastoralprogramm, eine strukturelle Veränderung. Das Programm existiert schon: es ist das Programm aller Zeiten, entnommen aus dem Evangelium und der lebendigen Tradition. Es hat seine Mitte in Jesus Christus selbst, den wir kennen, lieben, nachahmen müssen, um in Ihm und durch Ihn zu leben, um unsere Welt zu verwandeln, diese Welt, die lebt, als ob Gott nicht existierte. Als Priester, als Hirte, als Präfekt, als Kardinal ist es meine größtes Anliegen zu sagen, daß Gott allein das Herz des Menschen erfüllen kann.

Ich glaube, daß wir Opfer der durch die Mediengesellschaft verbreiteten Oberflächlichkeit, des Egoismus und des verweltlichten Geistes sind. Wir verlieren uns in Kämpfen um Einfluß, in Konflikten zwischen Personen, in einem narzißtischen und hohlen Aktivismus. Wir blasen uns auf vor Stolz und Ehrgeiz und sind gefangen im Willen zur Macht. Für Titel, berufliche oder kirchliche Ernennungen nehmen wir feige Kompromisse in Kauf. Aber all das verschwindet wie Rauch. Mit meinem neuen Buch möchte ich die Christen und die Menschen guten Willens einladen, in die Stille einzutreten. Ohne sie befinden wir uns in der Scheinwirklichkeit. Die einzige Wirklichkeit, die unsere Aufmerksamkeit verdient, ist Gott selbst, und Gott ist still. Er wartet auf unsere Stille, um sich zu offenbaren.

Die Stille wiederzufinden, ist also eine Priorität, eine Notwendigkeit, eine Dringlichkeit.

Die Stille ist wichtiger als jedes menschliche Werk. Denn sie läßt Gott zum Ausdruck kommen. Die wahre Revolution kommt aus der Stille, sie führt uns zu Gott und zu den Mitmenschen hin, um uns demütig in ihren Dienst zu stellen.

Warum ist der Begriff der Stille für Sie so wesentlich? Ist die Stille notwendig, um Gott zu finden, und worin ist sie „die größte Freiheit des Menschen“ (n°25)? Ist die Stille als „Freiheit“ Form der Askese?

Die Stille ist kein Begriff, sie ist der Weg, der den Menschen erlaubt, zu Gott zu gehen.

Gott ist Stille, und die göttliche Stille nimmt im Menschen Wohnung. Indem wir mit dem stillen Gott und in Ihm leben, müssen wir selber still werden. Nichts wird uns besser Gott entdecken lassen als diese Stille, die ins Herz unseres Seins eingeschrieben ist.

Ich scheue mich nicht, zu behaupten, daß Kinder Gottes zu sein heißt, Kinder der Stille zu sein.

Das Erlangen der Stille bedeutet einen Kampf und eine Askese. Ja, man braucht  Mut, um sich von all dem zu befreien, was unser Leben beschwert, welches nichts so sehr liebt wie den Schein, die mühelose Erreichbarkeit und die äußere Hülle der Dinge. Der Schwätzer, der sich von dem Bedürfnis, alles zu sagen, nach außen mitreißen läßt, kann nur fern von Gott sein und unfähig jeder tiefen spirituellen Tätigkeit. Im Gegensatz dazu ist der stille Mensch ein freier Mensch. Die Ketten der Welt haben keine Macht über ihn.

Ich denke an meinen Vorgänger als Bischof von Conakry in Guinea, Msgr. Raymond-Marie Tchidimbo. Er war als Verfolgter der kommunistischen Diktatur fast neun Jahre lang im Gefängnis. Niemandem durfte er begegnen und mit niemandem sprechen. Das Schweigen, das ihm von seinen Peinigern auferlegt war, ist ihm zum Ort der Gottesbegegnung geworden. Auf geheimnisvolle Weise ist ihm sein Kerker zu einem wahren „Noviziat“ geworden, und diese Verurteilung zu Elend und Stummheit hat ihm erlaubt, ein wenig die große Stille des Himmels zu verstehen.

Ist es in einer Welt, in der die Geräusche und der Krach in allen ihren Formen niemals aufhören, noch möglich, die Bedeutung der Stille zu erkennen? Ist das eine neue Situation der „Modernität“ mit ihren Medien, dem Fernsehen, dem Internet oder war der Krach immer ein Charakteristikum der „Welt“?

Gott ist still, der Teufel ist laut. Seit jeher versucht Satan, seine Lügen unter der Maske einer trügerischen und lauten Geschäftigkeit zu verbergen. Dem Christen ist es aufgetragen, nicht von der Welt zu sein. Es gehört zu seinem Leben, sich von den Geräuschen der Welt abzuwenden, vom Lärm, der zügellos dahineilt, um uns vom Wesentlichen abzulenken: von Gott.

Unsere ultratechnisierte und übergeschäftige Welt hat uns nur noch kränker gemacht. Der Lärm ist wie eine Droge, von der unsere Zeitgenossen abhängig sind. Mit seinem Anschein von Feierstimmung ist der Lärm ein Wirbel, der es vermeidet, sich ins Gesicht zu schauen, sich mit der inneren Leere zu konfrontieren. Er ist eine diabolische Lüge. Das Erwachen daraus kann nur eine brutale Erfahrung sein.

Ich fürchte mich nicht, alle Menschen guten Willens aufzurufen, in eine Art Widerstand einzutreten. Was würde aus unserer Welt, wenn sie keine Oasen der Stille finden könnte?

Im Schwall geschäftiger und hohler Worte scheint die Stille ein Zeichen von Schwäche zu sein. In der modernen Welt wird der stille Mensch als einer angesehen, der sich nicht zu verteidigen weiß. Er ist ein „Untermensch“ gegenüber dem sogenannten Starken, der den anderen mit seinem Wortschwall erdrückt und  ertränkt. Der stille Mensch wird als überflüssig empfunden. Das ist der tiefe Grund  für die schrecklichen Verbrechen oder für die Verachtung und den Haß der Moderne gegen die stillen Wesen, die die ungeborenen Kinder sind, die Kranken oder die Sterbenden. Diese Menschen sind wunderbare Propheten der Stille. Zusammen mit ihnen scheue ich mich nicht, zu bekräftigen, daß die Priester der Moderne, die der Stille eine Art Krieg erklärt haben, die Schlacht verloren haben. Denn wir können stillbleiben inmitten des größten Durcheinanders, der schändlichsten Unruhe, inmitten des Krachs und des Schreiens dieser höllischen Maschinen, die zum Aktivismus einladen und uns jeder transzendenten Dimension und jeder Innerlichkeit entreißen.

Bleibt Gott auch dann noch still, wenn der innerliche Mensch die Stille sucht, um Ihn zu finden? Und wie können wir verstehen, was einige das „Schweigen Gottes“ nennen angesichts von Dramen extremer Bosheit, wie der Shoa, der Gulags…? Oder, allgemeiner gesagt, läßt die Existenz des Bösen die „Allmacht Gottes“ in Zweifel ziehen?

Ihre Frage läßt uns eintreten in ein sehr tiefes Geheimnis. In der Großen Kartause haben wir dieses Geheimnis sehr lange meditiert mit dem Generalprior, Dom Dysmas de Lassus.

Gott will das Böse nicht. Dennoch bleibt Er erstaunlich still gegenüber unseren Prüfungen. Trotz allem läßt das Leiden die Allmacht Gottes nicht in Zweifel ziehen, sondern es offenbart sie uns. Ich höre noch die Stimme des Kindes, das weinend fragte: „Warum hat Gott nicht verhindert, das Papa getötet wurde?“ In seinem geheimnisvollen Schweigen offenbart sich Gott in der Träne, die von diesem Kind vergossen wird, und nicht in der Weltordnung, die diese Träne rechtfertigen würde. Gott hat seine geheimnisvolle Weise, uns in unseren Prüfungen nahe zu sein. Er ist intensiv gegenwärtig in unseren Erprobungen und Leiden. Seine Kraft macht sich still, denn sie offenbart seine unendliche Feinfühligkeit, seine liebevolle Zärtlichkeit für die, die leiden. Die äußerlichen Bezeugungen sind nicht unbedingt die besten Beweise der Nähe. Die Stille offenbart das Mitleiden, die Anteilnahme Gottes an unseren Leiden. Gott will das Böse nicht. Und je grausamer das Leiden ist, desto mehr zeigt sich, daß Gott in uns das erste Opfer ist.

Der Sieg Christi über den Tod und die Sünde vollzieht sich im großen Schweigen des Kreuzes. Gott offenbart seine ganze Macht im Schweigen, das keine barbarische Untat jemals besudeln kann.

Als ich mich in den Ländern aufhielt, die gewaltige und tiefe Krisen, Leiden und tragisches Elend durchlebten wie Syrien, Libyen, Haiti oder die Philippinen nach den Verwüstungen durch den Taifun, habe ich festgestellt, wie sehr das stille Gebet der letzte Schatz derer ist, die alles verloren haben. Das Schweigen ist der letzte Graben, wohin niemand vordringen kann, die letzte Kammer, wo man in Frieden bleiben kann, der Ort, wo das Leiden für einen Augenblick die Waffen streckt. Verstecken wir uns also im Leiden hinter der Festung des Gebetes! Dann hat die Macht der Henker keine Bedeutung mehr; die Verbrecher können rasend alles zerstören, es ist unmöglich, in das Schweigen einzubrechen, in das Herz, in das Gewissen eines Menschen, der betet und sich in Gott verbirgt. Das Schlagen eines stillen Herzens, die Hoffnung, der Glaube und das Gottvertrauen können darin nicht untergehen. Im Äußeren kann die Welt ein Trümmerfeld werden, aber im Inneren unserer Seele, in der größten Stille wacht Gott. Der Krieg und das Gefolge des Schreckens überwinden niemals den in uns gegenwärtigen Gott. Angesichts des Bösen und des Schweigens Gottes muß man immer im Gebet bleiben und still schreiend mit Glaube und Liebe sprechen:

„Ich habe dich gesucht, Jesus!

Ich habe dich vor Freude weinen hören bei der Geburt eines Kindes.

Ich habe dich die Freiheit suchen gesehen durch die Gitter eines Gefängnisses.

Ich bin an dir vorübergegangen, als du um ein Stück Brot betteltest.

Ich habe dich vor Schmerz schreien gehört, als deine Kinder von Bomben zerschmettert wurden. Ich habe dich in den Krankenhauszimmern entdeckt, wo du Therapien ohne Liebe unterworfen wurdest.

Jetzt habe ich dich gefunden; ich will dich nicht mehr verlieren.

Ich bitte dich, lehre mich dich lieben.“

Mit Jesus ertragen wir unsere Leiden und Prüfungen besser.

Welche Rolle schreiben Sie der Stille in unserer lateinischen Liturgie zu, wo sehen Sie sie und wie vereinbaren Sie Stille und Teilnahme?

Vor der Majestät Gottes verlieren wir unsere Worte. Wer wagte es, vor dem Allmächtigen das Wort zu ergreifen? Der hl. Johannes Paul II. sah in der Stille das Wesen jeglicher Gebetshaltung, denn die mit der angebeteten Gegenwart gefüllte Stille offenbart „die demütige Annahme der Grenzen des Geschöpfes vor der unendlichen Transzendenz eines Gottes, der nicht aufhört, sich als Gott der Liebe zu offenbaren“. Die mit vertrauensvoller Ehrfurcht und Anbetung angefüllte Stille abzulehnen bedeutet, die Freiheit Gottes abzulehnen, uns durch seine Liebe und seine Gegenwart zu ergreifen. Das heilige Schweigen ist also der Ort, wo wir Gott begegnen können, denn wir kommen zu Ihm mit der rechten Haltung des Menschen, der sich zitternd zurückhält und doch vertrauensvoll hofft. Wir Priester müssen diese kindliche Ehrfurcht vor Gott und die Heiligkeit unserer Beziehung zu ihm neu erlernen. Wir müssen neu lernen, vor Staunen angesichts der Heiligkeit Gottes und der unerhörten Gnade unseres Priestertums zu zittern.

Das Schweigen lehrt uns eine bedeutsame Regel des geistlichen Lebens: die Vertraulichkeit fördert nicht die Intimität, im Gegenteil: die rechte Distanz ist eine Bedingung der Kommunion. Durch die Anbetung geht die Menschheit auf die Liebe zu. Die heilige Stille öffnet auf die mystische Stille hin, die voll liebender Intimität ist. Unter dem Joch der weltlichen Vernunft haben wir vergessen, daß das Heilige und der Kult die einzigen Eingangstüren zum geistlichen Leben sind. Ich zögere also nicht zu beteuern, daß die heilige Stille ein Grundgesetz jeder liturgischen Zelebration ist.

Sie erlaubt es uns nämlich, in die Teilnahme am gefeierten Mysterium einzutreten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, daß die Stille ein bevorzugtes Mittel ist, die Teilnahme des Volkes Gottes an der Liturgie zu fördern.

Die Konzilsväter wollten zeigen, was eine wahre liturgische Teilnahme ist: das Eintreten in das göttliche Mysterium. Unter dem Vorwand, den Zugang zu Gott zu erleichtern, haben einige gewollt, daß alles in der Liturgie unmittelbar einsichtig, rational, horizontal und menschlich sei. Aber auf diese Weise riskieren wir, das  heilige Mysterium auf gute Gefühle zu reduzieren. Unter dem Vorwand der Pädagogik erlauben sich einige Priester nicht enden wollende oberflächliche und horizontale Kommentare. Haben diese Hirten Angst, daß die Stille vor dem Allerhöchsten die Gläubigen verwirren könnte? Glauben sie, daß der Heilige Geist unfähig ist, die Herzen für die göttlichen Mysterien zu öffnen und ihnen sein Licht und seine geistliche Gnade auszuspenden?

Der hl. Johannes Paul II. warnt uns: Der Mensch tritt in die Teilhabe an der göttlichen Gegenwart vor allem ein, „indem er sich zu einer anbetenden Stille erziehen läßt, denn auf dem Gipfel der Erkenntnis und Erfahrung Gottes steht seine absolute Transzendenz“.

Die heilige Stille ist ein Gut der Gläubigen, und die Kleriker dürfen sie dessen nicht berauben!

Die Stille ist der Stoff, aus dem unsere Liturgien gemacht sein müssen. Und nichts in ihnen darf die Atmosphäre der Stille stören, die ihr natürliches Klima ist.

Besteht nicht ein gewisses Paradox darin, einerseits die Notwendigkeit der Stille in der Liturgie zu behaupten und andererseits die östlichen Liturgien anzuerkennen, die ja keine Momente des Schweigens haben (n° 259) und doch besonders schön, sakral und dem Gebet hingegeben sind?

Ihre Anmerkung ist vernünftig und zeigt, daß es nicht ausreicht, „Momente der Stille“ vorzuschreiben, damit die Liturgie vom heiligen Schweigen durchtränkt sei.

Das Schweigen ist eine Haltung der Seele. Es ist keine Pause zwischen zwei Riten, es ist selbst ganz und gar Ritus.

Sicher, die östlichen Riten sehen keine Zeiten der Stille während der Göttlichen Liturgie vor. Nichtsdestoweniger haben sie eine intensive Erfahrung der apophatischen Dimension des Gebets angesichts des „unaussprechlichen, unfaßlichen, unbegreiflichen“ Gottes. Die Göttliche Liturgie ist wie ins Mysterium eingetaucht. Bei uns, den Lateinern, ist das Schweigen eine klingende Ikonostase. Die Stille ist Mystagogie, sie läßt uns ins Mysterium eintreten, ohne es zu entweihen. Die Sprache der Mysterien in der Liturgie ist eine stille Sprache. Die Stille verbirgt nicht, sie offenbart in der Tiefe.

Der hl. Johannes Paul II. lehrt uns, daß „das Mysterium sich ständig verhüllt, sich mit Schweigen bedeckt, um zu vermeiden, daß man an Gottes Stelle ein Idol aufstellt“. Ich möchte feststellen, daß die Gefahr für die Christen heute groß ist, Götzenanbeter zu werden. Als Gefangene des Geräusches nicht endender menschlicher Gespräche sind wir nicht weit davon, einen Kult auf unserem Niveau zu entwickeln, einen Gott nach unserem Bild zu bauen. Wie es Kardinal Godfried Danneels anmerkte, hat die „westliche Liturgie, so wie sie praktiziert wird, den Hauptfehler, zu geschwätzig zu sein“. In Afrika sagt der ruandische Priester Faustin Nyobayré, daß die „Oberflächlichkeit nicht die Liturgie oder die scheinbar religiösen Versammlungen verschont, aus denen man eher atemlos und schwitzend wieder hinausgeht als erholt und erfüllt von dem, was man gefeiert hat, um es besser leben und bezeugen zu können“. Die Zelebrationen werden manchmal laut und anstrengend. Die Liturgie ist krank. Das auffallendste Symptom dieser Krankheit ist die Allgegenwart des Mikrophons. Es ist so unverzichtbar geworden, daß man sich fragt, wie man vor seiner Erfindung überhaupt Liturgie feiern konnte!

Der äußere Lärm und der Lärm im eigenen Innern entfremden uns unserer selbst. Im Lärm kann der Mensch nur der Banalität verfallen: wir sind oberflächlich in dem, was wir sagen, wir geben hohle Reden von uns, wo endlos gesprochen wird, solange  man nur irgendwas zu sagen findet, eine Art unverantwortliches Gewirr aus Scherzen und Worten, die töten. Wir sind oberflächlich auch in dem, was wir tun: wir leben in der Banalität, erheben dabei den Anspruch, vernünftig und moralisch zu sein, und finden nichts Außergewöhnliches darin.

Oft verlassen wir die Kirchen nach laut und oberflächlich zelebrierten Liturgien, ohne Gott begegnet zu sein und den inneren Frieden gefunden zu haben, den Er uns schenken will.

Nach ihrem Vortrag in London im vergangenen Juli sind sie auf die  Ausrichtung der Liturgie nach Osten zurückgekommen und wollen sie in unseren Kirchen praktiziert sehen: Warum ist sie so wichtig? Und wie möchten Sie, daß diese Änderung sich vollzieht?

Die Stille stellt uns vor eine Wesensfrage der Liturgie. Die Liturgie ist mystisch. Im Maße, in dem wir uns ihr mit einem lauten Herzen nähern, bekommt sie oberflächlichen und menschlichen Charakter. Die liturgische Stille ist eine radikale und wesentliche Disposition; sie bedeutet eine Umkehr des Herzens. Nun heißt Umkehr etymologisch sich umwenden, sich zu Gott hin wenden. Es ist gibt keine echte Stille in der Liturgie, wenn wir nicht mit unserem ganzen Herzen zum Herrn hin ausgerichtet sind. Wir müssen umkehren, uns zum Herrn hin kehren, um Ihn anzuschauen, sein Antlitz zu betrachten und vor seinen Füßen anbetend niederzufallen. Wir haben ein Beispiel: Maria Magdalena hat Jesus am Ostermorgen erkennen können, weil sie sich zu Ihm umgewandt hatte: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ „Haec cum dixisset, conversa est retrorsum et videt Jesus stantem – Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen.“ (Joh 20, 13-14)

Wie können wir in diese Haltung eintreten, wenn wir uns nicht physisch, alle gemeinsam, Priester und Gläubige, zum kommenden Herrn hinwenden, zum durch die Apsis symbolisierten Osten hin, wo das Kreuz thront?

Diese äußere Orientierung führt uns zur inneren hin, welche durch sie symbolisiert wird. Seit den apostolischen Zeiten kennen die Christen diese Art zu beten. Es geht nicht darum, dem Volk den Rücken zuzuwenden, sondern darum, nach Osten zu schauen, zum Herrn hin.

Diese Weise des Gebets fördert die Stille. Der Zelebrant ist weniger versucht, das Wort zu monopolisieren. Vor dem Herrn spürt er weniger die Versuchung, ein Professor zu werden, der die ganze Messe lang eine Vorlesung gibt und den Altar zu einer Bühne macht, deren Mittelpunkt nicht mehr das Kreuz ist, sondern das Mikrophon! Der Priester muß sich darauf besinnen, daß er nichts weiter ist als ein Werkzeug in den Händen Christi, der er schweigen muß, um dem WORT Platz zu machen, daß die menschlichen Worte lächerlich wirken vor dem einen Ewigen Wort.

Ich bin davon überzeugt, daß die Priester mit einer anderen Stimme sprechen werden, wenn sie nach Osten hin zelebrieren. Wir sind in großem Maße weniger versucht, uns, wie Papst Franziskus sagt, selbst als Hauptakteure zu bergreifen.

Wichtig ist zu verstehen, daß diese legitime und wünschenswerte Zelebrationsweise nicht als eine Revolution auferlegt werden darf. Ich weiß, daß vielerorts eine vorbereitende Katechese den Gläubigen erlaubt hat, sich die Ausrichtung  nach  Osten hin anzueignen und sie schätzen zu lernen. Ich wünsche mir sehr, daß diese Frage nicht zu einem ideologischen Kampf zwischen Parteien wird. Es geht um unsere Beziehung zu Gott.

Wie ich vor kurzem in einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater Gelegenheit hatte zu sagen, gebe ich hier nichts anderes als Anregungen, die aus meinem von der Sorge um das Wohl der Gläubigen erfüllten Herzen stammen. Es geht mir nicht darum, eine Praxis der anderen entgegenzustellen. Wenn es von den materiellen Gegebenheiten her unmöglich ist, nach Osten hin zu zelebrieren, muß notwendigerweise ein gut sichtbares Kreuz auf den Altar gestellt werden als Referenzpunkt für alle. Christus am Kreuz ist der christliche Osten.

Sie verteidigen glühend die Konzilskonstitution über die Liturgie und bedauern dabei, daß sie schlecht umgesetzt wurde. Wie erklären Sie das aus dem Abstand von 50 Jahren? Sind nicht die kirchlichen Autoritäten die ersten Verantwortlichen dafür?

Ich glaube, daß wir die Konzilsdokumente zu wenig im Geist des Glaubens lesen. In Bann geschlagen von dem, was Benedikt XVI. das Konzil der Medien nennt, unterwerfen wir sie einer zu menschlichen Lektüre, indem wir Brüche und Gegensätze suchen, wo das katholische Herz sich bemühen müßte, die Erneuerung in der Kontinuität zu finden. Mehr als je muß uns die in Sacrosanctum Concilium enthaltene Lehre des Konzils leiten. Es wäre an der Zeit, uns vom Konzil belehren zu lassen, anstatt es zu benutzen, um unsere Bemühungen um Kreativität zu rechtfertigen oder unsere Ideologien zu verteidigen, indem wir die heilige Liturgie als Waffe benutzen.

Ein einziges Beispiel: Das Zweite Vatikanum hat auf wunderbare Weise das Taufpriestertum der Laien als unsere Fähigkeit definiert, uns mit Christus dem Vater als Opfer darzubringen, um in Jesus „heilige, reine und unbefleckte Opfer“ zu werden. Wir haben hier das theologische Fundament der wahren Teilnahme an der Liturgie.

Diese spirituelle Wirklichkeit müßte besonders beim Offertorium gelebt werden, in diesem Moment, wo das christliche Volk sich zum Opfer bringt, nicht neben Christus, sondern in Ihm, durch sein Opfer, das bei der Wandlung verwirklicht wird.  Die erneute Lektüre des Konzils könnte uns erlauben zu vermeiden, daß unsere Offertorien durch Darbietungen entstellt werden, die mehr von Folklore als von Liturgie an sich haben. Eine gesunde Hermeneutik der Kontinuität könnte uns dahin führen, die alten, im Licht des Zweiten Vatikanums neu gelesenen Offertoriumsgebete wieder in ihre Ehre einzusetzen.

Sie weisen hin auf die von Ihnen gewünschte „Reform der Reform“ (n°257): Worin sollte sie vor allem bestehen? Betrifft sie beide Formen des Römischen Ritus oder nur die ordentliche Form?

Die Liturgie bedarf um der größeren Treue zu ihrer mystischen Natur willen immer einer Reform. Das, was „Reform der Reform“ genannt wird und was wir als „gegenseitige Bereicherung der Riten“ bezeichnen könnten, um einen Ausdruck aus dem Lehre Benedikts XVI. zu verwenden, ist eine geistliche Notwendigkeit. Sie betrifft beide Formen des Römischen Ritus.

Ich lehne es ab, unsere Zeit dazu zu verwenden, die eine Liturgie gegen die andere zu stellen oder den Ritus des heiligen Paul V. gegen den des seligen Paul VI. Es  geht darum, in die große Stille der Liturgie einzutreten; man muß sich von allen liturgischen Formen bereichern lassen, lateinischen oder östlichen. Warum sollte sich die außerordentliche Form nicht dem öffnen, was die aus dem Zweiten Vatikanum hervorgegangene liturgische Reform an Besserem hervorgebracht hat? Warum sollte die ordentliche Form nicht die alten Offertoriumsgebete wiederfinden, das Stufengebet oder ein wenig Stille während mancher Teile des Kanons?

Ohne einen kontemplativen Geist bleibt die Liturgie eine Gelegenheit zu haßerfüllten Entzweiungen und ideologischen Kämpfen, öffentlichen Demütigungen der Schwachen durch jene, die beanspruchen, die Autorität zu besitzen, während die Liturgie doch der Ort unserer Einheit und unserer Gemeinschaft im Herrn sein müßte. Warum gegeneinander kämpfen und sich verachten? Im Gegenteil, die Liturgie sollte uns alle zusammenkommen lassen in der Einheit des Glaubens und der wahren Kenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Menschen, zur Fülle der Gestalt Christi… So in der Wahrheit der Liebe lebend werden wir in allem in Christus heranwachsen zu Ihm hin, der das Haupt ist (vgl. Eph 4, 13-15).

Wie können wir im aktuellen liturgischen Kontext der lateinischen Welt das Mißtrauen überwinden, das einige Anhänger der beiden liturgischen Formen desselben Römischen Ritus hegen, die es ablehnen, die andere Form zu zelebrieren und sie manchmal mit einer gewissen Verachtung betrachten?

Die Liturgie verderben heißt unsere Beziehung zu Gott und den Ausdruck unseres christlichen Glaubens zu verderben. Kardinal Charles Journet versicherte: „Die Liturgie und die Katechese sind die beiden Greifer der Zange, durch welche der Dämon dem christlichen Volk den Glauben entreißen und sich der Kirche bemächtigen will, um sie zu zermalmen, zu vernichten und endgültig zu zerstören. Heute noch liegt der große Drache vor der Frau, der Kirche, auf der Lauer, bereit, ihr Kind zu verschlingen.“ Ja, der Teufel will uns gegeneinander stellen im Herzen des Sakraments der Einheit selbst und der brüderlichen Gemeinschaft. Es ist Zeit, daß die Verachtung, das Mißtrauen und die Verdächtigungen ein Ende nehmen. Es ist Zeit, ein katholisches Herz wiederzufinden. Es ist Zeit, gemeinsam die Schönheit der Liturgie wiederzufinden, wie es uns der Hl. Vater Franziskus empfiehlt, denn, „die Schönheit der Liturgie spiegelt“ – wie er sagt – „die Herrlichkeit unseres Gottes wieder, die in seinem lebendigen und getrösteten Volk aufscheint“ (Predigt zur Chrisammesse am 28. März 2013).

Wie haben Sie ihren Aufenthalt in der Großen Kartause erlebt?

Ich danke Gott, daß er mir diese außerordentliche Gnade erwiesen hat. Und wie könnte ich die Dankbarkeit meines Herzens gegenüber Dom Dysmas de Lassus verschweigen für seine so warme Gastfreundschaft. Ich möchte ihn auch demütig um Verzeihung bitten für alle Störung, die ich durch meinen Aufenthalt bei ihm  verursacht haben mag. Die Große Kartause ist das Haus Gottes. Sie zieht uns zu Gott empor und bringt uns vor sein Angesicht. Alles ist aufgeopfert, um Gott zu begegnen: die Schönheit der Natur, die strenge Einfachheit des Ortes, das Schweigen, die Einsamkeit und die Liturgie. Obwohl ich die Gewohnheit habe, nachts zu beten, hat mich das nächtliche Offizium in der Großen Kartause tief beeindruckt: die Dunkelheit war rein, die Stille war Trägerin einer Gegenwart, der Gegenwart Gottes. Die Nacht verbarg uns alles, sie isolierte den einen gegenüber den anderen, aber sie vereinte unsere Stimmen und unseren Lobpreis, sie richtete unsere Herzen aus, unsere Blicke und unsere Gedanken, um nichts anderes zu sehen als Gott. Die Nacht ist mütterlich, köstlich und reinigend. Die Dunkelheit ist wie eine Quelle, aus der wir gewaschen aufsteigen, befriedet und tiefer mit Christus und den anderen vereint. Einen guten Teil der Nacht im Gebet zu verbringen, regeneriert uns. Es läßt uns neu geboren werden. Hier wird Gott wirklich unser Leben, unsere Kraft, unser Glück, unser Alles. Ich spüre eine große Bewunderung für den heiligen Bruno, der wie Elija so viele Seelen auf diesen Berg Gottes geführt hat, um sie hören und sehen zu lassen „die Stimme eines leisen Säuselns“ und sich von dieser Stimme ansprechen zu lassen, die uns sagt: „Was tust Du da, Elija?“ (1 Kön 19, 11-13)

 

Die Fragen stellte Christophe Geffroy.

Mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und La Nef. Deutsche Übersetzung veröffentlicht bei CNA

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Sind Kardinäle Marx und Sarah geteilter Meinung über Magnum Principium?

Kardinal Reinhard Marx Foto: CNA / Daniel Ibanez

 

Welche Autorität gibt das neue Schreiben Magnum Principium den örtlichen Bischöfen? Wer entscheidet letztlich genau darüber, welche Übersetzung des Lateinischen die richtige ist, und wie?

Zwei prominente Kardinäle sind darüber offenbar geteilter Meinung.

Für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Kardinal Reinhard Marx, stellt das Dokument von Papst Franziskus einen Bruch mit der bisherigen Regelung aus dem Jahr 2001 dar, Liturgiam Authenticam. Letzteres bezeichnete der Münchner Erzbischof als eine, so wörtlich, „Sackgasse„.

Rom sei verantwortlich für dogmatische Interpretationen aber nicht für Stilfragen.

Tatsächlich gibt das neue Schreiben den Ortsbischöfen mehr Autorität, und räumt der zuständigen Behörde in Rom die Rolle ein, nicht mehr eine „Recognitio“ zu erteilen, sondern eine Confirmatio.

Kardinal Robert Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, hat nun jedoch betont, dass eine Anerkennung – die Confirmatio – weiterhin keineswegs eine Formalität ist.

Die letzte Entscheidungsbefugnis verbleibe beim Vatikan, so Kardinal Sarah. Rom müsse alle neuen Übersetzungen prüfen und absegnen. Die Kongregation habe das Recht, ein Veto einzulegen, wenn Übersetzungen nicht dem lateinischen Original treu geblieben sind.

Magnum Principium erleichtere die Zusammenarbeit zwischen dem Heiligen Stuhl und den Bischofskonferenzen.

Diese ist gerade aus der Sicht der deutschen Bischöfe nicht immer leicht gewesen. Prominentes Beispiel dafür ist das „Kelchwort“, und eine konkrete Anweisung des – ebenfalls deutschen – Papst Benedikts des Jahres 2006, der er noch einmal dargelegt hat in einem persönlichen Schreiben samt einer Katechese im Jahr 2012, dieses von „für alle“ zu „für viele“ zu ändern, entsprechend dem „pro multis“ im lateinischen Original. Bis heute haben dies die deutschen Bischöfe nicht getan – auch, weil das Messbuch nicht überarbeitet wurde.

In seiner jetzigen Fassung geht es auf die Mitte der 1970er Jahre zurück, und nun hat Kardinal Marx angedeutet, dass man, mit Magnum Principium, eine neue Übersetzung erst einmal nicht brauchen werde.

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Summorum Pontificum: „Benedikt XVI. wollte nicht spalten“

Papst Benedikt XVI. erlaubte 2007 die lateinische Messfeier erneut

Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach hat das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI gewürdigt. Er äußerte sich bei einem Symposium in Rom, das an das 10-jährige Jubiläums des Dokuments erinnerte. Papst Benedikt hatte 2007 die Feier der Messe in der alten Form wieder erlaubt. Mit seinem Schreiben, so Mosebach gegenüber Radio Vatikan, wollte der damalige Papst „eine Haltung zur Gegenwart der Kirche erreichen, in der das Zweite Vatikanische Konzil und die danach kommende Entwicklung, mit allem was sie bedeutete, nicht als Bruch mit der Tradition verstanden würde, sondern als eine Entwicklung.“

Benedikt habe die Kirche mit diesem Schreiben nicht spalten wollen, so der Schriftsteller, der dem derzeitigen Pontifikat von Papst Franziskus kritisch gegenübersteht. „Im Gegenteil“, so Mosebach, Papst Benedikt fand es „dringend erforderlich, dass ein über anderthalb Jahrtausende gepflegter Ritus nicht verschwindet, sondern fortgeführt wird.“

Das Zweite Vatikanische Konzil hatte mit seiner Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium die Überarbeitung des römischen Ritus in den liturgischen Büchern angemahnt. Die alte Messe zeichnet sich durch den Gebrauch der lateinischen Sprache und durch einen anderen Ablauf der Feier aus. Mit seiner Entscheidung, sie als „außerordentliche Form des römischen Ritus“ wieder auf breiter Ebene zuzulassen, hatte Papst Benedikt Zuspruch im als konservativ geltenden Milieu der katholischen Kirche erhalten.

„Wir glauben mit den Knien oder wir glauben überhaupt nicht.“ Mit diesen Worten verteidigte Mosebach in seinem Buch „Häresie der Formlosigkeit“ die Feier der Heiligen Messe in römischer Form. Der sich selbst als Reaktionär bezeichnende Schriftsteller provoziert darin mit Aussagen, wonach bei heutiger Interpretation ein Jesus herauskäme, der „sozialdemokratisch“ und „ebenso frauenfreundlich wie Willy Brandt und dabei ebenso wenig auferstanden“ sei.

(rv 22.09.2017 ord)

Cardinal Sarah urges Church to embrace young traditionalists

Cardinal Sarah celebrates Mass ad orientem: ‘There is no reason to oppose the return to a beautiful practice’ (Photo: Fr Lawrence Lew, OP)

‚They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades‘

Cardinal Robert Sarah has praised young Catholics who prefer the older form of the Roman Rite, saying he can “personally testify to the sincerity and devotion of these young men and women”.

In a speech to the Fifth Roman Colloquium on Summorum Pontificum, held at the Pontifical University of St Thomas (Angelicum), the cardinal added that other Catholics should “open your hearts and minds” to these young people and the “good they do”.

“They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades,” he said. “They are full of the joy of living the life of Christ amidst the challenges of the modern world.”

In turn, he called on Catholics who prefer the Old Rite to leave the “traditionalist ghetto” and mix with other Catholics as “many will benefit” from their faithful witness.

“Almighty God calls you to do this. No one will rob you of the usus antiquior of the Roman rite. But many will benefit, in this life and the next, from your faithful Christian witness which will have so much to offer given the profound formation in the faith that the ancient rites and the associated spiritual and doctrinal ambience has given you.”

Indeed, Cardinal Sarah said ‘traditional Catholics’ should stop referring to themselves as such.

“Some, if not many, people, call you ‘traditionalists’. Sometimes you even call yourselves ‘traditional Catholics’ or hyphenate yourselves in a similar way. Please do this no longer,” he said.

“You do not belong in a box on the shelf or in a museum of curiosities. You are not traditionalists: you are Catholics of the Roman rite as am I and as is the Holy Father.

“You are not second-class or somehow peculiar members of the Catholic Church because of your life of worship and your spiritual practices, which were those of innumerable saints.

“You are called by God, as is every baptised person, to take your full place in the life and mission of the Church in the world of today, not to be shut up in—or worse, to retreat into—a ghetto in which defensiveness and introspection reign and stifle the Christian witness and mission to the world you too are called to give.”

The cardinal also reiterated his defence of Mass ad orientem, saying: “This venerable practice is permitted, is perfectly appropriate and, I would insist, is pastorally advantageous in celebrations of the usus recentior—the more modern form of the Roman rite.”

He suggested that priests may also whisper the canon in the Novus Ordo, as is common in the older rite.

“The silent praying of the offertory prayers and of the Roman canon might be practices that could enrich the modern rite today. In our world so full of words and more words more silence is what is necessary, even in the liturgy.”

by Staff Reporter, Friday, 15 Sep 2017

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Papst Franziskus: Wir sind auf dem richtigen Weg

68. Liturgische Woche, Audienz, 24. August 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Audienz der Stiftung „Centro di Azione Liturgica“
am 24. August 2017

„Die liturgische Reform ist irreversibel“, stellte Papst Franziskus in seiner Audienzansprache vor den Teilnehmern der 68. Nationalen Liturgischen Woche der Stiftung „Centro di Azione Liturgica“ fest. Die Stiftung tagt zum Thema „Eine lebendige Liturgie für eine lebendige Kirche“ anlässlich ihres 70. Gründungsjubiläums.

In seiner Ansprache legte der Papst die enge Verknüpfung des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Reform dar. Ziel der Reformen sei eine lebendige Liturgie gewesen, mit der man die Lebendigkeit der Kirche zum Ausdruck bringe. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe ein Reformprozess begonnen, der Zeit benötigt habe und bis heute eine permanente Herausforderung darstelle. Die Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ der Tradition treu und gleichzeitig dem Fortschritt offen.

Papst Franziskus legte die Reformergebnisse dar, wie die größere Anteilnahme an der Liturgie oder ein umfassenderes Wissen über die Heilige Schrift: „Der Weg dieser Jahre zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ An die Audienzteilnehmer gewandt, verwies der Papst auf die bedeutende Rolle des „Centro di Azione Liturgica“ im Bereich der Ausbildung.

Papst Franziskus legte dar, dass die Liturgie durch ihre Ausführung definiert werde und gab einige Beispiele dafür wie z.B. die im Gebet versammelte Gemeinde. „Die Liturgie ist Leben für das gesamte Volk der Kirche.“ Daher sei die Liturgie auch dem Gläubigen nah und nicht klerikal. Im Gebet vereine die Kirche nämlich alle Menschen, die dem Evangelium Gehör schenkten. Niemand werde ausgeschlossen.

Papst Franziskus stellte fest, dass die Liturgie der Frömmigkeit des ganzen Volkes Ausdruck verleihe. „Die Liturgie ist Leben und nicht eine zu verstehende Idee.“ Sie sei nicht bloß Doktrin oder Ritus, sondern Lebensquell und Licht für den Weg der Gläubigen. Die Kirche sei dann wahrhaft lebendig, wenn sie Trägerin des Lebens sei, mütterlich, missionarisch, die Begegnung mit dem Nächsten suche und diene. Papst Franziskus schloss seine Ansprache mit der Bitte, für ihn zu beten und mit der Erteilung des Apostolischen Segens

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Papst: Die Liturgiereform des Konzils ist unumkehrbar

Ansprache von Papst Franziskus in der Audienzhalle

Die liturgische Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist unumkehrbar, das könne er mit Lehrautorität sagen: Papst Franziskus sprach an diesem Donnrstag über Liturgie, Anlass war die Italienische „Woche der Liturgie“.

Mit diesem Treffen kehrte der „übliche Arbeitsalltag“ im Vatikan wieder zurück: Papst Franziskus war zwar nicht im Urlaub, doch in den vergangenen Sommerwochen fanden wenige öffentliche und offizielle Termine mit dem Papst statt. An diesem Donnerstag gab es dagegen gleich drei wichtige Treffen im Vatikan. Zuerst traf Franziskus den Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Pastor Olav Fykse Tveit. Nach diesem ökumenischen Treffen fand ein „diplomatischer Austausch“ mit dem Apostolischen Nuntius in Buenos Aires, dem Schweizer Erzbischof Emil Paul Tscherrig, statt. Der Vatikandiplomat erläuterte dem Papst die Lage in der Heimat von Franziskus. Und als dritter Tagestermin stand eben die Audienz mit den rund 800 Teilnehmern der italienischen Liturgie-Woche in der Halle Paolo VI auf dem Programm.

Nicht plötzlich vom Himmel gefallen

In seiner Ansprache ging der Papst auf die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils und auf die Liturgiereform ein. Sie seien nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern die Frucht eines langen Weges. Ein Zeichen hierfür seien die sogenannten „Liturgischen Bewegungen“ gewesen, die früher bei den Päpsten um Unterstützung baten. Seine Vorgänger seien aber weise genug gewesen, keine Schnellschüsse in die Wege zu bringen sondern einen Weg in die Zukunft aufzubauen. Franziskus nannte Pius X., der Änderungen in der sakralen Musik und der Messordnung für den Sonntag einführte. Dieser Papst hatte auch eine Kommission für die „Generalreform der Liturgie“ einberufen und es sei ihm bewusst gewesen, dass dies eine „große und gleichzeitig schwierige Aufgabe“ sei.

Die Reformen von Pius XII.

Einen weiteren Vorgänger, den Franziskus nannte, war Pius XII. mit der Enzyklika Mediator Dei und der Gründung einer Studienkommission für die Überprüfung des Psalters, der Bedeutung des eucharistischen Fastens und der Benützung der gesprochenen Sprache im Messritus. Auch seine Reform zur Ostervigil und der Karwoche dürften nicht vergessen werden, so Franziskus. Pius XII. hatte die Messe zur Auferstehung in die Osternacht verlegt, zuvor war sie über Jahrhunderte am Karsamstag-Morgen gefeiert worden. Der Papst verlegte auch den Gründonnerstags-Gottesdienst auf den Abend und die Feier des Leidens und Sterbens Jesu in den Nachmittag des Karfreitag, zu den „angemessenen Stunden“.

Das Zweite Vatikanische Konzil sei somit die „Phase der Reife“ dieser Reformvorhaben gewesen und die Frucht sei die Konstitution Sacrosanctum Concilium gewesen. Diese Reform hätten den konkreten Bedürfnissen der Gläubigen entsprochen, damit eine „lebendige Liturgie“ für die gesamte Kirche gelebt werden konnte.

Das große Anliegen sei es gewesen, den Gläubigen eine aktive Rolle zu geben und ihn nicht einfach als „fremden Zuschauer“ in der Kirche aufzunehmen, wie es Paul VI. einmal gesagt habe.

Respekt für die Tradition

Die Richtung des Konzils sei es gewesen, im Respekt für die „gesunde Tradition“ einen legitimen Weg aufzuzeigen, die seit nun mehr als 50 Jahren für die Weltkirche gültig seien. Unter Applaus sagte er: „Wir können mit Sicherheit und Lehrautorität sagen, dass die liturgische Reform unumkehrbar ist“. Ihm sei bewusst, dass dieser Weg aber noch nicht abgeschlossen sei. Es gehe heute darum, die Gründe für die damalige Reform wieder zu entdecken und über sie nachzudenken, fuhr Franziskus fort. Man müsse sich vor oberflächlichen Lektüren hüten. Die Liturgie-Woche, wie sie seit mehreren Jahren in Italien durchgeführt werde, sei ein gutes Mittel dazu.

Lebendige Liturgie, Liturgie als Leben und lebendige Kirche

Ausgehend vom diesjährigen Motto der italienischen Liturgie-Woche „Eine lebendige Liturgie für eine lebendige Kirche“ ging der Papst auf drei Punkte ein:

Die Liturgie sei lebendig, weil sie durch die Erinnerung und Feier rund um den auferstandenen Herrn Leben schenke. Zweitens sei die Liturgie selber Leben, weil sie nicht nur für sondern auch vom Volk Gottes stammt, sei sei nicht klerikal. Und der dritte Punkt betrifft die Kirche. Sie sei lebendig, weil sie nicht einfach eine Ideologie oder etwas Abstraktes sei sondern eben ein lebendiger Körper. Die Kirche sei eine Mutter, die Leben schenke und Mitmenschen treffe und für sie da sei. Es gehe nicht darum, „Macht in der Welt“ zu suchen. Für das sei die Kirche nicht da.

Andere Riten nicht vergessen

Ein Reichtum in der katholischen Kirche seien die verschiedenen Riten und Gebete, die es durch die Einheit mit anderen kirchlichen Traditionen und Ostkirchen gibt. Dadurch werde der Heilige Geist einer „einzigartigen Stimme“ gegeben, durch das Gebet für, mit und in Christus und für den Ruhm des Vaters und des Heiles für die gesamte Welt.

(rv 24.08.2017 mg)