PAPST PIUS XII.: ENZYKLIKA „AD CAELI REGINAM“ 1954

an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten, welche in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
über das Königtum Mariens und die Einführung des Festes im Marianischen Jahr
11. Oktober 1954

1 Seit den ersten Zeiten der Katholischen Kirche hat das christliche Volk an die Königin des Himmels Gebete und Gesänge des Lobes und der Liebe gerichtet, sowohl in glücklichen Zeiten als besonders auch in Perioden ernster Schwierigkeiten. Niemals wurde die Hoffnung getäuscht, die man der Mutter des göttlichen Königs Jesus Christus entgegenbrachte. Niemals wurde der Glaube wankend, der uns lehrte, dass die Jungfrau und Gottesmutter Maria mit mütterlichem Herzen über das Universum herrscht und dass sie gekrönt wurde mit einer königlichen Krone der Glorie in der himmlischen Seligkeit.

2 Aber nach dem Unglück, welches vor Unseren Augen zahlreiche blühende Städte und Dörfer mit Ruinen bedeckt hat, sehen Wir mit Schmerzen das gefährliche Überhandnehmen so vieler sittlicher Missstände, sehen Wir gelegentlich selbst die Grundlagen der Gerechtigkeit untergraben, sehen Wir häufig den Triumph zerstörender Vergnügungen; und in dieser bedrohlichen und ungewissen Situation empfinden Wir eine sehr tiefe Angst. Darum eilen Wir mit Zutrauen zu Maria, Unserer Königin, und künden ihr nicht allein Unsere Liebe, sondern auch die Liebe aller Menschen, die sich des christlichen Namens rühmen.

3 Gerne erinnern Wir daran, dass Wir am 1. November des Heiligen Jahres 1950 in Gegenwart einer großen Zahl von Kardinälen, Bischöfen, Priestern und Gläubigen, die aus der ganzen Welt herbeigeströmt waren, das Dogma der Aufnahme der Heiligsten Jungfrau in den Himmel verkündet haben,[1] wo sie mit Leib und Seele mit ihrem einzigartigen Sohn unter den Chören der Engel und Heiligen herrscht. Weiter haben Wir bei Gelegenheit der Hundertjahrfeier der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis durch Pius IX., Unseren Vorgänger unvergesslichen Angedenkens, das augenblicklich noch laufende Marianische Jahr verkündet![2]. Zu Unserem großen Trost sehen Wir in diesem Augenblick, dass nicht nur in Rom, besonders in Santa Maria Maggiore die Volksscharen zusammenströmen, um ihr Vertrauen und ihre große Liebe gegenüber der Mutter des Himmels zu bekunden, sondern dass auch in allen Gegenden der Welt die Verehrung der Jungfrau und Gottesmutter mehr und mehr aufblüht und dass zahlreiche Wallfahrten betender Gläubigen zu den großen Heiligtümern Mariens stattfanden und noch stattfinden.

4 Und jedermann weiß, dass Wir bei allen Gelegenheiten, in den Ansprachen, bei den Audienzen und auch bei den Rundfunkbotschaften in die Ferne alle Gläubigen ermahnt haben, aus ganzem Herzen ihre gütige und mächtige Mutter zu lieben, wie es Kindern zukommt. Wir möchten hier erinnern an die Rundfunkbotschaft an das portugiesische Volk bei Gelegenheit der Krönung der wundertätigen Statue von Fatima[3] und dass Wir sie selbst die Botschaft vom „Königtum Mariens“ genannt haben.[4]

5 Wir möchten indessen gewissermaßen den Schlussstein auf diese Einzelerweise Unserer Verehrung der Mutter Gottes setzen, die das christliche Volk mit solchem Eifer aufgegriffen hat, und Wir möchten in glücklicher Weise das Marianische Jahr beschließen, das sich nun seinem Ende nähert, und auch den dringenden Bitten entsprechen, die aus allen Teilen der Welt zu Uns kommen. Darum haben Wir beschlossen, das liturgische Fest „der Heiligen Jungfrau Maria der Königin“ einzusetzen.

6 Wir wollen dem christlichen Volk damit nicht eine neue Glaubenswahrheit vorstellen, denn der Titel selbst und die Gründe, welche die königliche Würde Mariens rechtfertigen, sind schon zu allen Zeiten überreich formuliert worden und finden sich in den alten Dokumenten der Kirche und in den liturgischen Büchern.

7 Wir möchten sie durch dieses Rundschreiben lediglich in Erinnerung rufen, um das Lob Unserer Himmlischen Mutter zu erneuern, um in allen Seelen eine glühende Liebe zu ihr zu entfachen und damit zu ihrem geistlichen Heil beizutragen.

Die Zeugnisse der Väter und Päpste

8 Das christliche Volk hat auch in den vergangenen Jahrhunderten mit Recht geglaubt, dass diejenige, die den Sohn des Allerhöchsten gebar, der „im Hause Jakobs ewiglich herrschen wird“[5], als „Friedensfürst“[6], als „König der Könige und Herr der Herrsmer“[7], mehr wie jede andere Kreatur an Gnade und einzigartigen Privilegien empfangen hat. Er zog dabei die enge Verbindung in Betracht, welche die Mutter mit dem Sohn eint, und hat ohne Mühe die königliche Erhabenheit der Mutter Gottes über allem erkannt.

9 Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass die alten kirchlichen Schriftsteller sich auf das Wort des HI. Erzengels Gabriel stützten, der verkündete, dass der Sohn Mariens ewig herrschen wird[8], und auf das Wort Elisabeths, welche ehrfurchtsvoll begrüßend sie „die Mutter meines Herrn“[9] nannte und bereits Maria als die „Mutter des Königs“, „die Mutter des Herrn“ bezeichnete. Sie wiesen klar daraufhin, dass kraft königlicher Würde ihres Sohnes sie selbst eine besondere Größe und Erhabenheit besitze.

10 Auch St. Ephrem hat in der Glut seiner poetischen Inspirationen sie sprechen lassen: „Möge der Himmel mich umschirmen; denn ich bin mehr geehrt als er. In der Tat war nicht der Himmel Deine Mutter, Du hast ihn vielmehr zu Deinem Throne gemacht. Wie viel mehr ist die Mutter des Königs der Ehren und der Verehrung wert als sein Thron“[10], und an einer anderen Stelle bittet er sie mit den Worten: „Erhabene Jungfrau und Patronin, Königin, Herrin, bewahre mich, beschütze mich, damit der Satan, der Urheber alles Bösen, nicht über mich frohlocke und der böse Feind nicht über mich triumphiere“.[11]

11 Der Hl. Gregor von Nazianz nennt Maria „die Mutter des Königs des Universums“, „die jungfräuliche Mutter, die den König der ganzen Welt geboren hat“[12]. Prudentius erklärt, „dass diese Mutter sich verwundert, Gott als Mensch geboren zu haben und selbst als obersten König“[13].

12 Diese königliche Würde der seligsten Jungfrau Maria ist klar und deutlich bezeichnet durch die, welche sie „Fürstin“, „Herrin“ und „Königin“ nennen.

13 Schon in einer Homilie, die dem Origenes zugeschrieben wird, wird Maria von Elisabeth nicht allein „Mutter meines Herrn“ genannt, sondern „meine Herrscherin“[14].

14 Die gleiche Idee leuchtet aus den folgenden Worten des HI. Hieronymus hervor, in welchen er unter den verschiedenen Deutungen des Namens Mariä zuletzt folgende aufführt: „Man muss wissen, das Maria auf Syrisch ,Herrscherin‘ bedeutet“[15]. Nach ihm drückt der HI. Chrysologus den gleichen Gedanken in einer noch deutlicheren Weise aus: „Das hebräische Wort ,Maria‘ heißt auf Lateinisch ,Herrscherin‘. Der Engel nennt sie ,Herrscherin‘, damit sie aufhören soll zu erbeben wie eine Dienerin, sie, welche die Autorität ihres Sohnes erlangt hat, zu gebären und Herrscherin genannt zu werden“.[16]

15 Epiphanius, Bischof von Konstantinopel, sagt in seinem Schreiben an den Papst Hormisdas, dass man beten müsse, damit die Einheit der Kirche bewahrt bleibe „durch die Gnade der Heiligen und wesenseinen Dreifaltigkeit und durch die Fürsprache unserer Heiligen Herrin, der glorreichen Jungfrau Maria, der Mutter Gottes“.[17]

16 Ein Autor der gleichen Zeit grüßt mit folgenden Worten die Heilige Jungfrau Maria, die zur Rechten Gottes sitzt, um sie zu bitten für uns zu beten: „Herrscherin der Sterblichen, Allerheiligste Mutter Gottes“.[18]

17 Der Hl. Andreas von Kreta erkennt mehrmals der Jungfrau Maria die Würde der Königin zu; er schreibt z. B. „(Jesus) nimmt heute aus ihrer irdischen Wohnung die Königin des Menschengeschlechtes, seine immer jungfräuliche Mutter, in deren Schoß er, ohne aufzuhören Gott zu sein, menschliche Gestalt angenommen hat“.[19]

18 Und an anderer Stelle: „Königin des ganzen Menschengeschlechtes, im Sinne deines Namens in Wahrheit treu, welche, Gott allein aus“ genommen, alles überragt“[20].

19 Der HI. Germanus grüßt mit diesen Worten die demütige Jungfrau: „Setze Dich nieder, O Herrin, Dir kommt es in Wahrheit zu, dass Du an hoher Stelle herrschest, da Du Königin bist und glorreicher als alle Könige“[21]. Er nennt sie auch: „Herrscherin aller Bewohner der Erde“[22].

20 Der HI. Johannes von Damaskus gibt ihr den Namen „Königin, Patronin, Herrscherin“[23] und selbst „Herrscherin aller Kreatur“[24]. Ein alter Schriftsteller der orientalischen Kirche nennt sie „glückliche Königin“, „ewige Königin beim König, ihrem Sohn“, deren „Haupt, weiß wie Schnee, mit goldenem Diadem geschmückt ist“[25].

21 Schließlich vereint der Hl. IIdefons von Toledo fast alle ihre Ehrentitel in diesem Gruß: „O meine Herrin, oberste Herrscherin, Mutter meines Herrschers, du regierst über mich …Herrscherin unter den Dienern, Königin unter deinen Schwestern“[26].

22 Diesen und anderen ähnlichen und unzähligen Zeugnissen, die bis in die Frühzeit hinaufreichen, haben die Theologen der Kirche die Lehre entnommen, nach der sie die Allerseligste Jungfrau, Königin aller Kreaturen, Königin der Welt, Herrscherin des Universums nennen.

23 Die obersten Hirten der Kirche haben es als ihre Pflicht erachtet, durch ihre Anregungen und Predigten die Frömmigkeit des christlichen Volkes gegenüber seiner himmlischen Mutter und Königin zu billigen und zu ermutigen. Erinnern Wir noch, um nicht die Dokumente der letzten Päpste zu erwähnen: Seit dem 7. Jahrhundert nennt Unser Vorgänger, der Hl. Martin I., Maria „Unsere glorreiche Herrscherin und immerwährende Jungfrau“[27]. Der HI. Agathon sagt von ihr in seinem Synodalschreiben an die Väter des 6. Ökumenischen Konzils: „Unsere Herrscherin, wahrhaft Gottesmutter im eigentlichen Sinne“.[28] Im 8. Jahrhundert gibt Gregor II. in seinem Brief an den Patriarchen St. Germanus, der unter dem Beifall aller Väter des 7. Ökumenischen Konzils verlesen wurde, ihr den Titel: „Universale Herrscherin und wahrhafte Mutter Gottes“ und „Herrscherin aller Christen“.[29]

24 Wir erinnern schließlich noch daran, dass Unser Vorgänger unvergesslichen Angedenkens, Sixtus IV., mit Eifer die Lehre der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau in seinem Apostolischen Brief „Cum praeexcelsa“[30] erwähnt und damit beginnt, Maria „die Königin der Himmels und der Erde“ zu nennen, sowie bekräftigt, dass der oberste König ihr gewissermaßen seine Vollmacht übertragen habe.[31]

25 Darum fasst der Heilige Alphons von Liguori alle die Zeugnisse der vergangenen Jahrhunderte zusammen und schreibt mit großer Verehrung: „Da die Jungfrau Maria zu dieser so großen Würde der Mutter Gottes erhoben wurde, hat die Kirche ihr mit gutem Recht den Titel der Königin zuerkannt“.[32]

Die Zeugnisse der Liturgie

26 Die heilige Liturgie hat als treuer Spiegel der von den Vorfahren überkommenen und im christlichen Volk, in Ost und West, durch die Jahrhunderte gewachsenen Lehre immer und bis heute ohne Unterlass die Lobpreisungen der Himmelskönigin gesungen.

27 Aus dem Orient erklingen die glühenden Akkorde: „O Mutter Gottes, heute bist Du zum Himmel aufgefahren im Triumphwagen der Cherubim, die Seraphim dienen Dir, die himmlischen Heerscharen neigen sich vor Dir“.[33]

28 Und ferner: „O gerechter, o glücklicher (Joseph), auf Grund Deiner königlichen Herkunft wurdest Du auserwählt zum Bräutigam der reinen Königin, welche in wunderbarer Weise dem König Jesus das Leben gab“[34]. Ebenso: „Ich möchte ein Lied singen auf die Mutter und Königin, ich möchte mich ihr in Freuden nahen, um in Jubel ihre Wunder besingen … O Herrscherin, unsere Zunge kann Dich nicht würdig preisen, denn Du bist erhabener als die Seraphim, die Du Christus, den König geboren hast… Heil Dir, o Königin der Welt, heil Dir, o Maria, unser aller Herrscherin“.[35]

29 Im äthiopischen Messbuch liest man: „O Maria, Mittelpunkt des Universums… Du bist größer als die Cherubim mit ihren unzähligen Augen und die Seraphim mit ihren sechs Flügeln… Der Himmel und die Erde sind ganz erfüllt von Deiner Heiligkeit und Deiner Glorie“.[36]

30 Die lateinische Kirche singt das alte und wohlvertraute Gebet des „Salve Regina“ und die frohen Antiphonen „Ave, Regina caelorum“, „Regina coeli laetare“, und auch die von den Festen der heiligen Jungfrau: „Die Königin sitzt zu Deiner Rechten im goldenen Kleid, geziert mit mannigfaltigem Schmuck“[37]. „Heute ist die Jungfrau Maria zum Himmel aufgestiegen[38]: Freuet Euch, denn sie herrscht mit Christus auf ewig“.[39]

31 Man muss unter anderem hier die Lauretanische Litanei hinzufügen, welche alle Tage das christliche Volk einlädt, mehrmals Maria mit dem Titel der Königin zu grüßen. Ebenso betrachten seit vielen Jahrhunderten die Christen das Himmel und Erde umfassende Reich Mariens beim Gebet des 5. Geheimnisses im glorreichen Rosenkranz, das man die mystische Krone der Himmelskönigin nennen kann.

32 Endlich stellt auch die Kunst, die auf christlichen Prinzipien sich gründet und von ihrem Geiste beseelt ist, die seit dem Konzil von Ephesus getreu die wahre und spontane Frömmigkeit der Gläubigen wiedergibt, Maria als Königin und Herrscherin dar, sitzend auf königlichem Thron, geschmückt mit königlichen Insignien, gekrönt mit einem Diadem, umgeben von der Schar der Engel und Heiligen. Sie zeigt, dass Maria nicht nur über der Natur, sondern auch über den Anfechtungen Satans steht. Die Ikonographie hat die königliche Würde der Allerseligsten Jungfrau Maria ausgedeutet und zeigt aus allen Epochen reiche Kunstwerke höchsten Wertes; sie ging soweit, dass sie den göttlichen Erlöser darstellte, wie er die Stirn seiner Mutter mit leuchtender Krone schmückt.

33 Die römischen Päpste haben es nicht unterlassen, diese Andacht des Volkes zu fördern, indem sie oft mit eigener Hand oder durch päpstliche Legaten die Bilder der Jungfrau krönten, die durch ihre öffentliche Verehrung besonders bekannt waren.

Die göttliche Mutterschaft – Grundlage des Königtums

34 Wie Wir schon oben andeuteten, Ehrwürdige Brüder, beruht das Hauptargument, auf dem sich die königliche Würde Mariens gründet und das aus den Texten der alten Tradition und aus der heiligen Liturgie hervorleuchtet, ohne Zweifel auf ihrer göttlichen Mutterschaft. In der Tat sagt man in den heiligen Büchern über den von der Jungfrau geborenen Sohn: „Er wird Sohn des Allerhöchsten heißen und Gott der Herr wird ihm den Thron Davids, seines Vaters geben; er wird herrschen im Hause Jakobs ewiglich und seines Reiches wird kein Ende sein“[40]; und weiterhin wird Maria genannt „Mutter des Herrn“[41]. Folgerichtig ergibt sich daraus, dass sie selbst Königin ist, da sie einem Sohne das Leben gab, der seit dem Augenblick seiner Empfängnis, auf Grund der hypostatischen Union der menschlichen Natur mit dem (göttlichen) Wort, selbst als Mensch König und Herr aller Dinge ist. Der heilige Johannes von Damaskus schreibt somit zu Recht: „Sie ist wahrhaftig die Herrscherin der ganzen Schöpfung geworden, in dem Augenblick wo sie Mutter des Schöpfers wurde“[42], und der Erzengel Gabriel selbst kann der erste Herold der Königswürde Mariens genannt werden.

35 Indessen muss die seligste Jungfrau als Königin verkündet werden nicht allein auf Grund ihrer göttlichen Mutterschaft, sondern auch weil sie nach dem Willen Gottes in dem Werk unseres ewigen Heiles eine besonders hervorragende Rolle spielte. „Welcher schönere Gedanke“ –schrieb unser unvergessliche Vorgänger Pius XI. –„könnte unserem Geist kommen: Christus ist unser König nicht allein durch das Recht der Geburt, sondern auch durch ein erworbenes Recht, nämlich durch die Erlösung? Möchten alle Menschen, die so leicht den Preis vergessen, den unser Erlöser entrichtet hat, sich daran erinnern: Ihr seid nicht mit Gold oder Silber oder vergänglichen Gütern losgekauft, sondern durch das kostbare Blut Christi, des unbefleckten und untadeligen Lammes[43]. Wir gehören darum nicht mehr uns selbst[44], weil Christus uns mit einem großen Lösegeld erkauft hat“.[45]

36 Bei der Vollendung der Erlösung wurde die Allerseligste Jungfrau sicher eng mit Christus verbunden; auch singt man mit gutem Recht in der heiligen Liturgie: „Die Heilige Maria, Königin des Himmels und Herrscherin der Welt, gebrochen von Schmerz stand sie neben dem Kreuz unseres Herrn Jesus Christus“[46]. Und ein frommer Schüler des heiligen Anselmus konnte im Mittelalter schreiben: „Wie … Gott, indem er alle Dinge durch seine Macht erschuf, der Vater und Herr von allem ist, so ist Maria die Mutter und Herrin von allem, indem sie alle Dinge durch ihre Verdienste erneuerte: Gott ist der Herr aller Dinge, weil er sie in ihrer eigenen Natur durch sein Machtwort begründete, und Maria ist Herrin aller Dinge, weil sie sie in ihrer ursprünglichen Würde erneuerte durch die Gnade, welche ihr zukam“.[47]

37 Wahrlich „Wie Christus, da er uns losgekauft hat, unser Herr und unser König auf Grund besonderen Rechtes ist, so ist die Allerseligste Jungfrau gleichfalls unsere Königin und Herrin auf Grund der einzigartigen Weise, in der sie zu unserer Erlösung half; sie gab ihrem Sohne das Leben, opferte ihn freiwillig für uns und wünschte, erbat und erwirkte unser Heil in ganz besonderer Weise“.[48]

38 Aus diesen Voraussetzungen lässt sich folgender Schluss ziehen: In dem Werk unseres geistlichen Heiles war Maria nach dem Willen Gottes dem Urheber des Heiles, Jesus Christus, beigegeben, und dies auf ähnliche Weise, wie Eva dem Urheber des Todes, Adam, beigegeben war; man kann also von unserer Erlösung sagen, dass sie sich in der Form einer gewissen Wiederholung („recapituiatio“)[49] vollzog, dergestalt, dass das Menschengeschlecht, dem Tode unterworfen durch eine Jungfrau, durch die Vermittlung einer Jungfrau auch wieder gerettet wurde. Man kann ferner sagen, dass diese glorreiche Herrscherin zur Mutter Gottes erwählt wurde, um in der Tat mit ihm bei der Erlösung des Menschengeschlechtes verbunden zu sein [50]. Wahrlich „Sie war es, die, frei von jeder persönlichen oder Erbschuld, stets eng mit ihrem Sohn verbunden, ihn auf Golgatha dem ewigen Vater opferte und zugleich ihre Liebe und ihre mütterlichen Rechte wie eine neue Eva dahingab für die ganze Nachkommenschaft Adams, die durch dessen elenden Sturz befleckt war“[51]. Man kann also mit Recht daraus schließen: Wie Christus, der neue Adam, unser König ist, da er nicht allein Gottes Sohn, sondern auch unser Erlöser ist, so kann man in einer gewissen Analogie ebenfalls sagen, dass die heilige Jungfrau Königin ist, nicht nur weil sie die Mutter Gottes ist, sondern auch weil sie, wie eine neue Eva, dem neuen Adam beigegeben war.

39 Es ist sicher, dass Jesus Christus als alleiniger Gott und Mensch im vollen, eigentlichen und absoluten Sinn König ist; dennoch nimmt auch Maria an seiner königlichen Würde teil, obschon in einer begrenzten und analogen Weise, da sie die Mutter Christi war, der Gott ist, und weil sie dem Werke des göttlichen Erlösers beigegeben ist in seinem Kampf gegen die Feinde und in seinem Triumph, den er über sie alle davontrug. Wahrlich erreicht sie durch diese Vereinigung mit Christus, dem König, eine so erhabene Würde, dass sie den Rang aller geschaffenen Dinge überragt.; aus dieser gleichen Vereinigung mit Christus fließt jene königliche Vollmacht, die Schätze des Reiches des göttlichen Erlösers auszuteilen; diese gleiche Vereinigung mit Christus ist schließlich die Quelle der unausschöpflichen Wirksamkeit ihrer mütterlichen Fürsprache beim Sohne und beim Vater.

40 Damit überragt die heilige Jungfrau ohne Zweifel an Würde die ganze Schöpfung. Sie besitzt bei ihrem Sohne den Vorrang vor allen. St. Sophronius singt: „Du endlich hast bei weitem alle Kreatur überragt. Was könnte es Erhabeneres geben, als eine solche Gnade, die Dir allein zuerteilt wurde nach dem Willen Gottes?“[52]. Und St. Germanus geht noch weiter in seinem Lob: „Deine Würde stellt Dich an die Spitze aller Kreaturen, Deine Erhabenheit stellt Dich über die Engel“[53]. St. Johannes von Damaskus schließlich kommt dazu, jenes Wort niederzuschreiben: „Der Unterschied zwischen den Dienern Gottes und seiner Mutter ist unendlich“.[54]

41 Um uns zu helfen, die erhabene Würde zu verstehen, welche die Mutter Gottes über allen Kreaturen erlangt hat, können wir in Betracht ziehen, dass die heilige Jungfrau seit dem ersten Augenblick ihrer Empfängnis mit einer solchen Fülle von Gnade überhäuft wurde, wie sie die Gnade aller Heiligen übersteigt. Wie Unser Vorgänger Pius IX. seligen Angedenkens in seiner Bulle „IneffabiIis Deus. sagt.: „Vor allen Engeln und allen Heiligen hat der unaussprechliche Gott Maria freigebig mit allen himmlischen Gaben beschenkt, die im Schatz der Gottheit aufgehäuft sind; auch hat sie, immer bewahrt selbst vor dem kleinsten Flecken der Sünde, ganz schön und vollkommen, eine solche Fülle von Unschuld und Heiligkeit erlangt, wie man sie sich außer bei Gott größer nicht denken kann und die niemand außer Gott selbst erfassen wird“.[55]

42 Und weiter hat die Allerseligste Jungfrau nicht allein nach Christus die oberste Stufe der Erhabenheit und Vollkommenheit erlangt, sondern sie nimmt in gewisser Weise auch teil an der mit Recht so genannten Herrschaft ihres Sohnes, unseres Erlösers, über den Geist und den Willen der Menschen. Wenn das göttliche Wort die Wunder vollbringt und seine Gnade spendet durch das Mittel seiner Menschheit, wenn er die Sakramente und die Heiligen gleichsam als Instrumente für das Heil der Seelen gebraucht, warum kann er sich nicht seiner allerheiligsten Mutter bedienen, um uns die Früchte der Erlösung zu spenden? „Wahrlich, mit mütterlichem Herzen – so sagt ebenfalls Unser Vorgänger Pius IX. – ist sie bekümmert um unser Heil, beschäftigt sie sich mit dem Menschengeschlecht, da sie vom Herrn zur Königin des Himmels und der Erde erhoben wurde und über den Chören der Engel und aller Heiligen zur Rechten ihres einzigen Sohnes, Jesus Christus unseres Herrn thront. Sie erlangt Gehör durch die Macht ihrer mütterlichen Fürbitte, sie erhält alles, was sie erfleht, und erfährt niemals Ablehnung“[56]. Hierzu erklärt ein anderer Unserer Vorgänger, Leo XIII. seligen Angedenkens, dass die seligste Jungfrau Maria über eine „fast unbegrenzte Macht verfüge“[57], um Gnade zu erlangen, und der Heilige Pius X. fügt hinzu, dass Maria dieses Amt „sozusagen kraft mütterlichen Rechtes“[58] ausübe.

43 Mögen die gläubigen Christen sich rühmen, der Herrschaft der Jungfrau und Gottesmutter untergeben zu sein, die über königliche Macht verfügt und von mütterlicher Liebe entflammt ist.

44 Indessen möchten doch die Theologen und die Prediger des göttlichen Wortes bei der Behandlung der Fragen, welche die heilige Jungfrau betreffen, Sorge tragen, gewisse Abweichungen vom rechten Wege zu vermeiden, um nicht in einen doppelten Irrtum zu verfallen: sie mögen sich hüten vor unbegründeten Meinungen, deren übertriebene Ausdrücke die Grenzen der Wahrheit überschreiten, und ebenso vor einer übertriebenen Enge des Geistes da, wo es sich um diese einzigartige, erhabene und sogar fast göttliche Würde der Mutter Gottes handelt, die der engelgleiche Lehrer (Thomas v. A.) uns ihr zuzuerkennen heißt „auf Grund des unendlichen Gutes, welches Gott selbst ist“.[59]

45 Im übrigen ist in diesem Punkte der christlichen Lehre wie auch in anderen die „unmittelbare und universale Norm der Wahrheit“ für alle das lebendige Lehramt der Kirche, welches Christus errichtet hat, „auch um diejenigen Fragen aufzuhellen und zu erklären, die im Glaubensgut nur dunkel und gleichsam eingeschlossen enthalten sind“.[60]

Anordnung des Festes

46 Die Zeugnisse des christlichen Altertums, die Gebete der Liturgie, der eingeborene religiöse Sinn des christlichen Volkes haben uns die Erhabenheit der Jungfrau und Gottesmutter in ihrer königlichen Würde bezeugt. Wir haben ferner erwiesen, dass die von der Theologie aus dem Schatz des göttlichen Glaubens hergeleiteten Gründe in vollem Maße diese Wahrheit bestätigen. Durch so viele aufgeführte Zeugnisse formt sich ein Gleichklang, dessen Echo weithin tönt, um das erhabene Wesen und die königliche Würde der Mutter Gottes und der Menschen zu feiern, die „hinfort erhoben wurde zum himmlischen Königreich über die Chöre der Engel“.[61]

47 Da Wir nun durch lange und reifliche Überlegungen die Überzeugung erlangt haben, dass es für die Kirche vorteilhaft sein wird, wenn diese sicher begründete Wahrheit wie ein besonders helles Licht auf einem Kandelaber klarer vor aller Augen leuchtet, verordnen und setzen Wir ein kraft Unserer Apostolischen Autorität das Fest Maria Königin, das man auf der ganzen Welt in jedem Jahr am 31.Mai feiern soll. Zugleich ordnen Wir an, dass man an diesem Tage die Weihe des Menschengeschlechtes an das Unbefleckte Herz der Allerseligsten Jungfrau Maria erneuern soll. In ihr ruht wahrlich eine lebendige Hoffnung, dass wir eine Ära des Glückes sich erheben sehen, die sich des christlichen Friedens und des Triumphes der Religion erfreuen wird.

48 Möchten darum alle gemeinsam mit größerem Vertrauen als früher sich dem Thron der Barmherzigkeit unserer Königin und Mutter nahen, um Hilfe in der Gefahr, Licht in der Finsternis, Trost in Schmerz und Tränen zu erflehen. Möchten vor allem die Menschen den Mut aufbringen, sich von der Knechtschaft der Sünde loszureißen und mit der Glut einer kindlichen Verehrung sich dem königlichen Szepter einer so großen Mutter für immer zu unterwerfen. Möchten ihre Heiligtümer erfüllt sein und ihre Feste gefeiert werden von der Menge der Gläubigen; möge die fromme Kette des Rosenkranzes in den Händen aller sein und, um ihr Lob zu singen, in den Kirchen, den Häusern, den Hospitälern, den Gefängnissen sowohl die kleinen Gruppen, als auch die großen Versammlungen der Gläubigen vereinen. Der Name Mariens, süßer als Nektar, kostbarer als irgendein Edelstein, sei Gegenstand größter Verehrung. Niemand möge blasphemische Schmähungen, Zeichen einer verderbten Seele, gegen diesen leuchtenden, so majestätischen und durch mütterliche Lieblichkeit verehrungswürdigen Namen aussprechen; man wage nicht einmal irgendetwas zu sagen, was einen Mangel an Ehrfurcht ihr gegenüber verraten würde.

49 Möchten doch alle in ihrer Weise sich Mühe geben, in ihren Herzen und in ihrem Leben mit wachem und aufmerksamem Eifer die großen Tugenden der Himmelskönigin, unserer viel geliebten Mutter nachzuahmen. Dann wird in der Tat die Folge sein, dass die Christen in der Nachfolge und zu Ehren einer so großen Königin sich endlich wahrhaft als Brüder fühlen werden und dass sie den Hass und die ungezügelte Sehnsucht nach Reichtum verbannen, die soziale Liebe üben, das Recht der Armen achten und den Frieden lieben werden. Niemand halte sich als Kind Mariens für würdig, unter ihren Schutz aufgenommen zu werden, wenn er nicht nach ihrem Beispiel gütig, gerecht und rein ist und wenn er nicht mit Liebe wahre Brüderlichkeit übt und ohne jemand Unrecht zu tun, im Gegenteil Hilfe und Trost bringt.

50 In vielen Ländern der Erde sind Menschen wegen ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben ungerecht verfolgt und aller göttlichen und menschlichen Rechte auf Freiheit beraubt. Bis zum Augenblick blieben alle berechtigten Bitten und wiederholten Proteste, diese Übel zu beheben, unwirksam. Möge die allmächtige Herrin aller Dinge und aller Zeiten, die die Gewalten unter ihren Fuß zwingt, diesen unschuldigen und schwergeprüften Kindern ihre barmherzigen Augen zuwenden, deren Blick Ruhe bringt, die Wolken und die Stürme vertreibt; möge sie auch ihnen verleihen, sich endlich ohne Verzögerung der ihnen zukommenden Freiheit zu erfreuen, damit sie offen ihre Religion ausüben können und, ganz im Dienste des Evangeliums, zugleich auch durch ihre Mitarbeit und das herrliche Beispiel ihrer Tugenden, die inmitten der Prüfungen leuchten, der Stärke und dem Fortschritt der irdischen Gemeinschaft dienstbar sind.

51 Wir glauben auch, dass das durch dieses Rundschreiben zu dem Zwecke eingesetzte Fest, dass alle die Milde und mütterliche Herrschaft der Gottesmutter erkennen und eifriger ehren, in hohem Maße dazu beitragen kann, den Frieden unter den Völkern, der fast täglich durch beunruhigende Ereignisse bedroht ist, zu bewahren, zu festigen und für immer zu begründen. Ist sie nicht der von Gott über die Wolken gesetzte Regenbogen zum Zeichen der Einheit und des Friedens?[62] „Betrachte den Regenbogen und preise den, der ihn gemacht hat; er leuchtet in Glanz, er umspannt den Himmel mit seinem funkelnden Kreis, und die Hände des Allerhöchsten haben ihn ausgespannt“.[63] Wer immer also die Herrscherin der Engel und Menschen ehrt – und niemand glaube sich ausgenommen von diesem Tribut der Dankbarkeit und Liebe -, rufe sie an als die allzeit gegenwärtige Königin und Mittlerin des Friedens, er achte und verteidige den Frieden, der weder unbestrafte Ungerechtigkeit, noch zügellose Freizügigkeit ist, sondern wohlgeordnete Eintracht im Gehorsam gegenüber Gottes Willen. Die Ermahnungen und mütterlichen Weisungen der Jungfrau Maria gehen dahin, den Frieden zu bewahren und zu mehren.

52 In dem lebhaften Wunsch, dass die Königin und Mutter des christlichen Volkes diese Bitten erhöre, dass die durch Hass gespaltene Erde sich ihres Friedens erfreue und dass sie uns allen nach dieser Verbannung Jesus zeige, der unser Friede und unsere Freude für die Ewigkeit sein wird, erteilen wir Euch, Ehrwürdige Brüder, und Euren Gläubigen aus ganzem Herzen den Apostolischen Segen als Unterpfand der Hilfe des allmächtigen Gottes und als Erweis Unserer Zuneigung.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am Feste der Mutterschaft der Jungfrau Maria,den 11. Oktober 1954, im 16. Jahre Unseres Pontifikates Papst Pius XII.

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Quelle

DIE STELLUNG MARIÄ IM WERKE UNSERER HEILIGUNG (Teil 2)

(Fortsetzung vom 2. Kapitel)
(Warum Maria uns notwendig ist zum Werke unserer Heiligung)

Weil Maria die lebendige Form Gottes und der Heiligen ist.

16. Maria wird vom heiligen Augustin genannt, und sie ist es in der Tat, die lebendige Form Gottes, forma Dei. Das will heißen, dass in ihr allein Gott als Mensch so naturgetreu gebildet worden ist, dass ihm auch nicht ein Zug der Gottheit fehlt. Und darum kann auch in ihr allein der Mensch durch die Gnade Jesu Christi naturgetreu in Gott umgestaltet werden, soweit die menschliche Natur dessen fähig ist.

Ein Bildhauer kann eine Figur oder Statue auf zwei Arten naturgetreu herstellen, erstens, indem er seinen Fleiß, seine Kraft und Fachkenntnis aufwendet und gute Werkzeuge gebraucht, um die Statue aus einem harten und ungestalten Material zu verfertigen; er kann sie zweitens modeln. Die erste Art ist lang und beschwerlich und vielen Zufälligkeiten und Gefahren unterworfen; es braucht manchmal nur einen ungeschickten Meißel- und Hammerschlag, um das ganze Werk zu verderben. Die zweite Art ist rasch, leicht und angenehm, fast mühe- und kostenlos, vorausgesetzt, dass die Form vollkommen und naturgetreu ist; vorausgesetzt auch, dass die Materie, deren sich der Künstler bedient, recht gefügig und bildsam ist und in seiner Hand keinerlei Widerstand entgegensetzt.

17. Maria ist die große Form Gottes, die der Heilige Geist gebildet hat, damit in ihr durch die hypostatische (persönliche) Vereinigung Gott Mensch und durch die Gnade der Mensch Gott werde. Auch nicht einen Zug der Gottheit vermisst man an dieser göttlichen Form. Wer in dieselbe gegossen wird und sich darin auch ganz gefügig bearbeiten lässt, der bekommt alle Züge Jesu Christi, des wahren Gottes; er bekommt sie auf sanfte, der menschlichen Schwachheit angepasste Weise ohne schweren Todeskampf und große Mühe, auf sichere Weise, ohne Furcht vor Täuschung; denn Satan hat in Maria, der Heiligsten und Unbefleckten, die frei ist von jedem Schatten auch nur der geringsten Sündenmakel, niemals Zutritt gehabt und wird zu ihr niemals Zutritt haben.

18. O treue Seele, wie groß ist der Unterschied zwischen einer Seele, die durch jene, die sich, wie Bildhauer, auf ihre eigene Kunst und ihren eigenen Fleiß verlassen, auf den gewöhnlichen Wegen in Jesus Christus umgewandelt wird, und einer recht bildsamen, losgeschälten und geschmolzenen Seele, die sich auf keine Weise auf sich selbst verlässt, sondern sich in Maria ergießt und sich in ihr ganz gefügig dem Wirken des Heiligen Geistes überlässt. O wie viele Flecken und Mängel, wieviel Finsternis und Täuschung, wieviel Natürliches und Menschliches findet sich in der ersten Seele, und wie ist die zweite rein, göttlich und Jesus Christus ähnlich!

Weil Maria das Paradies und die Welt Gottes ist.

19. Wenn wir absehen von der Größe Gottes in seiner eigenen Wesenheit, so gab es niemals ein Geschöpf und wird es niemals eines geben, in welchem Gott größer wäre, als in Maria, selbst die Seligen, die Cherubim und höchsten Seraphim im Himmel nicht ausgenommen.

Maria ist das Paradies Gottes, seine unaussprechliche Welt, das Paradies, in welches der Sohn Gottes eintrat, um darin Wunderwerke zu vollbringen, um es zu bewachen und daselbst seine Freude und Wonne zu finden.

Gott schuf eine Welt für den Menschen im Zustand des Erdenwandels, es ist diese sichtbare Welt; er schuf eine Welt für den Menschen im Zustande der Seligkeit, es ist der Himmel; aber er schuf auch noch eine andere Welt für sich, und er nannte sie Maria, eine Welt, die fast allen Sterblichen hienieden unbekannt und allen Engeln und Seligen im Himmel droben unbegreiflich ist. Voll Staunen darüber, Gott so hoch und erhaben über sie alle, so abgesondert und verborgen in seiner Welt, Maria, zu sehen, rufen sie Tag und Nacht: Heilig, Heilig, Heilig!

20. Glücklich, tausendmal glücklich die Seele hienieden, welcher der Heilige Geist das Geheimnis Mariä offenbart, damit sie es erkenne, welcher er diesen verschlossenen Garten erschließt, diesen versiegelten Quell, damit sie daraus schöpfe und in langen Zügen die lebendigen Wasser der Gnade trinke! Eine solche Seele wird in diesem liebenswürdigen Geschöpfe Gott finden, Gott allein ohne irgend ein Geschöpf, aber Gott, wie er zugleich unendlich heilig und erhaben, unendlich herablassend und ihrer Schwachheit angepasst ist.

Da Gott allgegenwärtig ist, so kann man ihn überall finden, sogar in der Hölle. An keinem Ort aber könnte das Geschöpf Gott näher und der eigenen Schwäche mehr angepasst finden, als in Maria, weil er gerade zu diesem Zwecke in Maria hinabgestiegen ist. An jedem andern Orte ist er das Brot der Starken und der Engel, in Maria aber ist er das Brot der Kinder.

Weil Maria kein Hindernis, sondern das vollkommenste Mittel ist, zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.

21. Man bilde sich also nicht ein, wie einige falsche Mystiker es tun, dass Maria als Geschöpf ein Hindernis sei für die Vereinigung mit dem Schöpfer. Nicht mehr Maria ist es, die lebt, sondern Jesus Christus allein, Gott allein lebt in ihr. Ihre Umwandlung in Gott übertrifft die des heiligen Paulus und der übrigen Heiligen mehr als der Himmel die Erde an Erhabenheit überragt. Maria ist nur für Gott geschaffen, und weit entfernt, eine Seele bei sich aufzuhalten, versenkt sie dieselbe vielmehr in Gott und vereinigt sie mit desto größerer Vollkommenheit mit ihm, je mehr sich die Seele mit ihr vereinigt.

Maria ist das wunderbare Echo Gottes, das nichts antwortet als „Gott“, wenn man „Maria“ ruft, das nur Gott verherrlicht, wenn man sie mit der heiligen Elisabeth selig preist.

Wenn die falschen Mystiker, die sogar in Betrachtung und Gebet vom Satan so erbärmlich getäuscht wurden, es verstanden hätten, Maria zu finden und durch Maria Jesus und durch Jesus Gott, so wären sie nicht so schrecklich gefallen. Wenn man einmal Maria gefunden hat und durch Maria Jesus und durch Jesus Gott den Vater, so hat man jegliches Gut gefunden, sagen die heiligen Seelen. Inventa Maria, invenitur omne bonum. Wer sagt „alles“, nimmt nichts aus, also alle Gnade und alle Freundschaft bei Gott, alle Sicherheit gegen die Feinde Gottes, alle Wahrheit gegen die Lüge, alle Leichtigkeit und allen Sieg gegenüber den Hindernissen unseres Heiles, alle Süßigkeit und Freude in den Bitterkeiten des Lebens.

Weil Maria die Gnade verleiht, die Kreuze geduldig und freudig zu tragen.

22. Das will nicht heißen, dass derjenige, der Maria durch eine wahre Andacht gefunden hat, frei sei von Kreuz und Leiden; ganz im Gegenteil; mehr als jeder andere wird er damit überhäuft. Weil nämlich Maria die Mutter der Lebendigen ist, so gibt sie allen ihren Kindern Stücke vom Baume des Lebens. Der Baum des Lebens aber ist das Kreuz Jesu Christi. Jedoch, indem sie ihnen gehörige Kreuze herrichtet, gibt sie ihnen auch die Gnade, dieselben geduldig, ja freudig zu tragen, so dass die Kreuze, die sie denjenigen gibt, die ihr angehören, eher in Zucker eingemachte, als bittere Kreuze sind; oder aber, wenn ihre Kinder eine Zeitlang die Bitterkeit des Kelches verkosten, den man notwendigerweise trinken muss, um ein Freund Gottes zu sein, so werden sie von dem Trost und der Freude, welche die gute Mutter auf die Bitterkeit folgen lässt, so sehr ermutigt, dass sie nach Kreuzen verlangen, die noch schwerer und bitterer sind.

 

Schlussfolgerung.

Um heilig zu werden, muss man Maria, die Mittlerin aller Gnaden, finden,
und zwar durch eine wahre Andacht zu ihr.

23. Die Schwierigkeit liegt also nur darin, Maria wahrhaft zu finden, damit man jede Gnade überreichlich finde.

Da Gott der unumschränkte Herr und Meister ist, kann er unmittelbar mitteilen, was er gewöhnlich nur durch Maria mitteilt, und ohne Vermessenheit ließe sich nicht leugnen, dass er es auch manchmal tut. Nach der Ordnung jedoch, welche die göttliche festgesetzt hat, teilt er sich den Menschen in der Ordnung der Gnade gewöhnlich nur durch Maria mit, wie der heilige Thomas sagt. Um zu ihm emporzusteigen und uns mit ihm zu vereinigen, müssen wir uns des gleichen Mittels bedienen, dessen er sich bedient hat, um zu uns herabzusteigen, um Mensch zu werden und uns seine Gnaden mitzuteilen; und dieses Mittel ist ein wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria.

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Fortsetzung folgt!
Quelle: Ludwig Maria Grignion von Montfort – Gesammelte Werke – Kleinere Schriften (4. Band)

Die sel. Jungfrau Maria, die Rosenkranzkönigin in Pompeji, Italien

PASTORALBESUCH
VON JOHANNES PAUL II.
IM HEILIGTUM DER SEL. JUNGFRAU MARIA
VOM HL. ROSENKRANZ IN POMPEJI

GEBET DES HL. ROSENKRANZES VOR DEM HEILIGTUM VON POMPEJI

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.

Dienstag, 7. Oktober 2003

  

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Die selige Jungfrau hat es mir gewährt, hierhin zurückzukehren, um sie in diesem berühmten Heiligtum zu verehren. Die Vorsehung hatte dem sel. Bartolo Longo eingegeben, daß es zu einem Zentrum der Verbreitung des heiligen Rosenkranzes werden solle.

Der heutige Besuch stellt in gewisser Weise die Krönung des Jahres des Rosenkranzes dar. Ich danke dem Herrn für die Früchte dieses Jahres, das zu einer bemerkenswerten Wiederbelebung dieses zugleich einfachen und tiefen Gebets geführt hat. Es führt uns zur Herzensmitte des christlichen Glaubens und erscheint angesichts der Herausforderungen des dritten Jahrtausends und der dringenden Aufgabe der Neuevangelisierung von besonderer Aktualität.

2. In Pompeji ist diese Aktualität noch deutlicher erkennbar im Blick auf die antike römische Stadt, die im Jahr 79 n. Chr. von der Asche des Vesuvs verschüttet wurde. Diese Ruinen geben ein beredtes Zeugnis und werfen die entscheidende Frage nach der Bestimmung des Menschen auf. Als Zeugnis einer Hochkultur enthüllen sie aber neben großartigen Antworten auch beunruhigende Fragen. Die marianische Stadt entsteht inmitten dieser Fragen und stellt uns den auferstandenen Christus als Antwort, als rettendes »Evangelium« vor Augen.

Wie zur Zeit des antiken Pompeji ist es auch heute nötig, Christus einer Gesellschaft zu verkünden, die sich immer mehr von den christlichen Werten entfernt und die Erinnerung an sie verliert. Ich danke den italienischen Autoritäten für ihren Beitrag zur Organisation meiner Pilgerfahrt, die in der antiken Stadt begonnen hat. So konnte ich über die ideelle Brücke eines für das kulturelle und geistige Wachstum sicherlich fruchtbaren Dialogs gehen. Vor dem Hintergrund des antiken Pompeji gewinnt die Förderung des Rosenkranzgebets den symbolischen Wert eines erneuten Impulses für die christliche Verkündigung in unserer Epoche. Denn was ist eigentlich der Rosenkranz? Er ist ein Kompendium des Evangeliums, das uns ständig zu den wichtigsten Ereignissen im Leben Christi zurückführt, um uns sein Geheimnis gleichsam »einatmen« zu lassen. Der Rosenkranz ist ein bevorzugter Weg der Kontemplation. Er ist sozusagen der Weg Marias. Denn wer kennt und liebt Christus mehr als sie?

Der sel. Bartolo Longo, Apostel des Rosenkranzes, der gerade den kontemplativen und christologischen Merkmalen dieses Gebets besondere Aufmerksamkeit widmete, war hiervon überzeugt. Dank dieses Heiligen ist Pompeji zu einem internationalen Zentrum der Spiritualität des Rosenkranzes geworden.

3. Es war mein Wunsch, daß diese Pilgerfahrt den Charakter einer inständigen Bitte um Frieden haben soll. Wir haben die lichtreichen Geheimnisse betrachtet, um gleichsam das Licht Christi auf die Konflikte, Spannungen und Tragödien der fünf Erdteile zu werfen. Im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariae habe ich erklärt, warum der Rosenkranz seiner Natur nach ein auf den Frieden ausgerichtetes Gebet ist – und zwar nicht nur weil wir, von der Fürsprache Marias unterstützt, inständig um ihn bitten, sondern auch weil wir durch ihn zusammen mit dem Geheimnis Jesu auch seinen Friedensplan in uns aufnehmen.

Durch den ruhigen Rhythmus bei der Wiederholung des »Ave Maria« schenkt der Rosenkranz unserer Seele Frieden und öffnet sie zugleich der heilbringenden Gnade. Der sel. Bartolo Longo hatte eine prophetische Eingebung, als er beschloß, dem Gotteshaus, das der Muttergottes vom Rosenkranz geweiht ist, diese Fassade als Friedensmahnmal zu geben. So wurde die Sache des Friedens zum wesentlichen Bestandteil dieses Gebets. Es ist eine Eingebung, deren Aktualität wir zu Beginn dieses Jahrtausends, das bereits jetzt von Kriegsstimmung geprägt und in vielen Teilen der Welt von Blut befleckt ist, gut erkennen können. Zusammenarbeit mit allen

4. Pompeji ist ein Treffpunkt für Menschen aller Kulturen, die sich sowohl vom Heiligtum als auch von der Ausgrabungsstätte angezogen fühlen. Die Einladung zum Rosenkranz, die von hier ausgeht, erinnert auch an die Verpflichtung der Christen, in Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens zu Erbauern und Zeugen des Friedens zu werden. Die bürgerliche Gesellschaft, hier vertreten durch Autoritäten und Persönlichkeiten, die ich alle herzlich begrüße, möge diese Botschaft immer besser annehmen.

Möge die Kirchengemeinde von Pompeji dieser Herausforderung immer besser entsprechen. Ich möchte an dieser Stelle ihre verschiedenen Mitglieder begrüßen: die Priester und Diakone, die Ordensleute, insbesondere die Dominikanerschwestern vom heiligen Rosenkranz, deren Gemeinschaft eigens gegründet wurde, um sich der Pflege dieses Heiligtums anzunehmen, sowie die Laien. Mein aufrichtiger Dank gilt Msgr. Domenico Sorrentino für die freundlichen Worte, die er zu Beginn dieser Begegnung an mich gerichtet hat. Ein herzliches Dankeschön geht an euch alle, die ihr die Königin des Rosenkranzes von Pompeji so tief verehrt. Seid »Bauleute des Friedens« nach dem Vorbild des sel. Bartolo Longo, der Gebet mit Aktion zu verbinden verstand und diese marianische Stadt zu einer »Hochburg der Nächstenliebe« machte. Das im Bau befindliche »Centro per il bambino e la famiglia« [Zentrum für Kind und Familie], das freundlicherweise nach mir benannt wurde, übernimmt das Erbe dieses bedeutenden Werkes.

Liebe Brüder und Schwestern! Die Muttergottes vom heiligen Rosenkranz segne uns, die wir uns nun darauf vorbereiten, sie im Gebet anzurufen. Ihrem Mutterherz vertrauen wir unsere Sorgen und unsere guten Absichten an.

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Quelle

Siehe auch:

 

Zum 22. August – dem Gedenktag der KÖNIGIN DES HIMMELS UND DER ERDE

Regina in Santa Maria Maggiore

Maria Regina in Santa Maria Maggiore

BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Castel Gandolfo
Mittwoch, 22. August 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute begehen wir den liturgischen Gedenktag der allerseligsten Jungfrau Maria, die mit dem Titel »Königin« verehrt wird. Es ist ein Fest, das erst in jüngerer Zeit eingeführt wurde, auch wenn sein Ursprung und die Verehrung sehr alt sind: Es wurde 1954 am Ende des Marianischen Jahres vom ehrwürdigen Diener Gottes Pius XII. eingesetzt, der das Datum auf den 31. Mai festlegte (vgl. Enzyklika Ad caeli Reginam, 11 octobris 1954: AAS 46 [1954], 625–640). Bei dieser Gelegenheit sagte der Papst, daß Maria mehr als jedes andere Geschöpf Königin ist durch die Erhabenheit ihrer Seele und die hervorragenden Gaben, die sie empfangen hat. Sie hört niemals auf, alle Schätze ihrer Liebe und ihrer Fürsorge an die Menschheit zu verteilen (vgl. Ansprache zu Ehren von Maria Königin, 1. November 1954).

Jetzt, nach der nachkonziliaren Reform des liturgischen Kalenders, wurde es auf den achten Tag nach dem Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel verlegt, um die enge Verbindung zwischen dem Königtum Mariens und ihrer Verherrlichung in Seele und Leib bei ihrem Sohn hervorzuheben. In der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche lesen wir: Maria wurde »in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht, um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein« (Lumen gentium, 59).

Das ist die Wurzel des heutigen Gedenktages: Maria ist Königin, weil sie auf einzigartige Weise mit ihrem Sohn verbunden ist, sowohl auf dem irdischen Weg als auch in der Herrlichkeit des Himmels. Der große Heilige von Syrien, Ephräm der Syrer, sagt über das Königtum Mariens, daß es von ihrer Mutterschaft herkommt: Sie ist die Mutter des Herrn, des Königs der Könige (vgl. Jes 9,1–6) und verweist uns auf Jesus als unser Leben, unser Heil und unsere Hoffnung. Der Diener Gottes Paul VI. rief in seinem Apostolischen Schreiben Marialis Cultus in Erinnerung: »Bei Maria ist alles auf Christus hin bezogen und von ihm abhängig: im Hinblick auf ihn hat sie Gottvater von aller Ewigkeit her als ganz heilige Mutter erwählt und sie mit den Gaben des Heiligen Geistes ausgestattet, wie sie keinem anderen zuteil geworden sind« (Nr. 25).

Jetzt aber fragen wir uns: Was bedeutet Maria Königin? Ist es nur ein Titel, der mit anderen verbunden ist, die Krone, ein Schmuck unter anderem? Was bedeutet es? Was ist dieses Königtum? Wie bereits gesagt ist es eine Folge ihres Vereintseins mit dem Sohn, ihres Daseins im Himmel, also in Gemeinschaft mit Gott; sie hat Anteil an der Verantwortung Gottes für die Welt und an der Liebe Gottes zur Welt. Es gibt eine volkstümliche, geläufige Vorstellung von einem König oder einer Königin: eine Person mit Macht, Reichtum. Das ist jedoch nicht die Art des Königtums Jesu und Mariens. Denken wir an den Herrn: Das Königtum und das Königsein Christi ist durchwoben von Demut, Dienst, Liebe: Es ist vor allem dienen, helfen, lieben. Erinnern wir uns daran, daß Jesus am Kreuz zum König erklärt wurde mit der von Pilatus geschriebenen Inschrift: »König der Juden « (vgl. Mk 15,26). In jenem Augenblick am Kreuz zeigt sich, daß er König ist. Und wie ist er König? Indem er mit uns, für uns leidet, indem er bis ins Letzte liebt, und so regiert er und schafft er Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit. Oder denken wir auch an den anderen Augenblick: Beim Letzten Abendmahl beugt er sich nieder, um den Seinen die Füße zu waschen. Das Königtum Jesu hat also nichts zu tun mit dem der Mächtigen der Erde. Er ist ein König, der seinen Dienern dient; das hat er in seinem ganzen Leben gezeigt. Und das gleiche gilt für Maria: Sie ist Königin im Dienst für Gott und für die Menschheit, sie ist Königin der Liebe, die die Selbsthingabe an Gott lebt, um in den Heilsplan für den Menschen einzutreten. Dem Engel antwortet sie: Ich bin die Magd des Herrn (vgl. Lk 1,38), und im Magnifikat singt sie: Gott hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut (vgl. Lk 1,48). Sie hilft uns. Sie ist Königin, gerade indem sie uns liebt, uns in jeder Not beisteht; sie ist unsere Schwester, eine demütige Magd.

Und so sind wir bereits beim folgenden Aspekt angekommen: Wie übt Maria dieses Königtum des Dienstes und der Liebe aus? Indem sie über uns, ihre Kinder, wacht: die Kinder, die sich im Gebet an sie wenden, um ihr zu danken oder ihren mütterlichen Schutz und ihren himmlischen Beistand zu erbitten, vielleicht nachdem sie den Weg verloren haben, bedrückt vom Schmerz oder von der Angst aufgrund der traurigen und leidvollen Ereignisse des Lebens. In der Freude oder in der Dunkelheit des Daseins wenden wir uns an Maria und vertrauen uns ihrer beständigen Fürbitte an, auf daß sie uns vom Sohn alle Gnade und Barmherzigkeit erlangen möge, die notwendig sind für unser Pilgern auf den Straßen der Welt. An ihn, der die Welt regiert und das Schicksal des Universums in den Händen hält, wenden wir uns vertrauensvoll durch die Jungfrau Maria. Seit Jahrhunderten wird sie als himmlische Königin des Himmels verehrt; achtmal wird sie nach dem Rosenkranzgebet in der Lauretanischen Litanei als Königin angerufen: als Königin der Engel, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Bekenner, der Jungfrauen, aller Heiligen und der Familien. Der Rhythmus dieser uralten Anrufungen und tägliche Gebete wie das Salve Regina zu verstehen, daß die allerseligste Jungfrau als unsere Mutter beim Sohn Jesus in der Herrlichkeit des Himmels im täglichen Ablauf unseres Lebens stets bei uns ist. Der Titel »Königin« ist also ein Titel des Vertrauens, der Freude, der Liebe. Und wir wissen, daß sie, die das Schicksal der Welt zum Teil in ihren Händen hält, gut ist, uns liebt und uns in unseren Schwierigkeiten beisteht.

Liebe Freunde, die Verehrung der Gottesmutter ist ein wichtiges Element des geistlichen Lebens. In unserem Gebet wollen wir uns stets vertrauensvoll an sie wenden. Maria wird nicht säumen, bei ihrem Sohn für uns Fürbitte einzulegen. Indem wir auf sie schauen, wollen wir ihren Glauben nachahmen, die volle Bereitschaft für den Liebesplan Gottes, die großherzige Annahme Jesu. Lernen wir von Maria zu leben. Maria ist als Königin des Himmels Gott nahe, aber sie ist auch die Mutter, die einem jeden von uns nahe ist, die uns liebt und unsere Stimme hört. Danke für die Aufmerksamkeit.

* * *

Mit Freude grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache, die zu dieser Audienz nach Castel Gandolfo gekommen sind. Die Kirche feiert heute den Gedenktag Maria Königin. Es ist der achte Tag nach dem Hochfest ihrer Aufnahme in den Himmel. In dem dogmatischen Text Lumen gentium des Zweiten Vatikanischen Konzils wird gesagt: »Maria wurde als Königin des Alls vom Herrn erhöht, um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein, dem Herrn der Herren« (Nr. 59). Das Königtum Christi, wir wissen es, ist ganz durchwoben von Demut, Dienen, Liebe und unterscheidet sich so von irdischen Reichen und Machtblöcken. Das gleiche gilt für Maria: Sie ist Königin im Dienst für Gott und für die Menschen. Sie ist eine Königin der Liebe, die ihre Hingabe an Gott lebt und so in den Plan der Erlösung Gottes für die Menschen eintritt. Als Königin des Himmels ist sie Gott ganz nahe. Aber weil sie Gott nahe ist, ist sie uns nahe. Als eine Mutter, die uns liebt und kennt, will sie uns allen nahe sein. Ihr mütterlicher Segen möge euch auf allen euren Wegen begleiten.

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Quelle

Papst Benedikt XVI. zum Angelus am 22. August 2010 – Die Krönung Mariens

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Liebe Brüder und Schwestern!

Eine Woche nach dem Hochfest der Aufnahme der seligen Jungfrau Maria in den Himmel lädt uns die Liturgie ein, sie unter dem Titel »Königin« zu verehren. Wir betrachten die Mutter Christi in dem Moment, in dem sie von ihrem Sohn gekrönt wird, das heißt im Zusammenhang mit seinem universalen Königtum, wie es auf zahlreichen Mosaiken und Gemälden dargestellt ist. Auch dieser Gedenktag fällt dieses Jahr auf einen Sonntag und wird so noch stärker erhellt durch das Wort Gottes und die Feier des wöchentlichen Osterfestes. Die Ikone der Jungfrau und Königin Maria findet im einzelnen ein bedeutsames Echo im heutigen Evangelium, wenn Jesus sagt: »Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten« ( Lk 13,30). Dies ist ein bezeichnendes Wort Christi, von dem die Evangelisten mehrmals berichten – auch mit ähnlichen Worten –, da es offensichtlich ein für seine prophetische Verkündigung wichtiges Thema widerspiegelt. Die Gottesmutter ist das vollkommene Beispiel für diese aus dem Evangelium stammende Wahrheit, daß nämlich Gott die Hochmütigen und Mächtigen dieser Welt erniedrigt und die Niedrigen erhöht (vgl. Lk 1,52).

Das kleine und einfache Mädchen aus Nazaret ist die Königin der Welt geworden! Das ist eines der Wunder, die das Herz Gottes offenbaren. Natürlich hängt das Königtum Mariens völlig vom Königtum Christi ab: Er ist der Herr, den der Vater nach der Schmach des Todes am Kreuz über alle anderen Geschöpfe im Himmel, auf der Erde und unter der Erde erhöht hat (vgl. Phil2,9–11). Durch einen Plan der Gnade befindet sich die Unbefleckte Mutter vollends im Zusammenhang mit dem Geheimnis ihres Sohnes: mit seiner Menschwerdung; seinem irdischen, zunächst in Nazaret verborgenen und dann im messianischen Dienst offenbar gewordenen Leben; seinem Leiden und Tod; und schließlich mit der Herrlichkeit der Auferstehung und Himmelfahrt. Die Mutter hat mit dem Sohn nicht nur die menschlichen Aspekte dieses Geheimnisses geteilt, sondern durch das sich in ihrem Inneren vollziehende Wirken des Heiligen Geistes auch die tiefe Absicht, den göttlichen Willen, so daß ihr ganzes, armes und niedriges Dasein erhöht, verwandelt und verherrlicht worden ist, indem sie durch die »enge Tür« schritt, die Jesus selbst ist (vgl. Lk 13,24). Ja, Maria ist die erste, die den »Weg« beschritten hat, den Christus eröffnet hat, um in das Reich Gottes einzugehen, einen Weg, der den Niedrigen und all jenen zugänglich ist, die sich dem Wort Gottes anvertrauen und sich darum bemühen, es in die Tat umzusetzen.

In der Geschichte der von der christlichen Botschaft evangelisierten Städte und Völker gibt es zahlreiche Zeugnisse für die öffentliche und in einigen Fällen sogar institutionelle Verehrung des Königtums der Jungfrau Maria. Doch heute wollen wir vor allem als Kinder der Kirche unsere Verehrung jener Frau gegenüber erneuern, die uns Jesus als Mutter und Königin hinterlassen hat. Wir vertrauen ihrer Fürsprache das tägliche Gebet um den Frieden an, besonders dort, wo die absurde Logik der Gewalt am meisten wütet, damit alle Menschen zur Überzeugung gelangen, daß wir uns in dieser Welt einander als Geschwister helfen müssen, um die Zivilisation der Liebe zu errichten.

Maria, Regina pacis, ora pro nobis.