Bischof Rudolf Graber (1978): Vorwort zur „SUMMA PONTIFICIA“

SUMMA PONTIFICIA

LEHREN UND WEISUNGEN DER PÄPSTE
DURCH ZWEI JAHRTAUSENDE

ZUM GELEIT

Ist es nicht zu hoch gegriffen, diese Summa Pontificia mit der Summa Theologica des Aquinaten zu vergleichen? Sicherlich, aber wenn wir das Objekt ins Auge fassen, ist eine zusammen­fassende Darstellung und Wiedergabe der päpstlichen Verlautbarungen seit fast 2000 Jahren nicht ebenso bedeutsam, wie ein Aufriß des ganzen theologischen Lehrgebäudes? Ja, gehen wir noch einen Schritt weiter. Muß eine theologische Summe nicht auch auf dem aufbauen, was die Päpste kraft der ihnen zukommenden Lehrautorität in diesen zweitausend Jahren der Kirche vorgelegt haben, wobei zunächst es völlig offen bleibt, was nun verbindlich aufgenommen werden muß oder nur allgemein richtungsweisend ist. Wird aber damit solchen päpstlichen Schriftstücken nicht eine Autorität zugewiesen, die unsere Bedenken herausfordert? Wiederum müssen wir dies zugeben, wenn diese Äußerungen der Päpste nur der Niederschlag ihrer eigenen Gedanken und Überlegungen wären. Aber gerade das sind sie nicht, schon einmal deswegen, weil überall auf das Wort Gottes in der Heiligen Schrift Bezug genommen wird. Aber darüber hinaus kommt noch etwas anderes in Frage, und hier müssen wir etwas weiter ausholen.

Christus selbst hat uns nichts Schriftliches hinterlassen und hat auch seinen Jüngern in keiner Weise befohlen, seine Worte aufzuzeichnen. Aber er hat mehr getan. Er hat seiner Stiftung, der Kirche, seinen Geist, den Heiligen Geist, die dritte göttliche Person, gesandt zu einer doppelten Aufgabe. Der Geist soll die Jünger alles lehren und sie an alles erinnern, was er gesagt hat (Jo 14, 26). Damit aber nicht genug. Der Geist der Wahrheit, wird die Jünger hinführen zur vollen Wahrheit, weil sie jetzt „es nicht tragen können“ (Jo 16, 13. 12). Die Wahrheit, die Christus verkündete, hat somit noch nicht ihre letzte Entfaltung erreicht; dies zu tun, ist Sache des Heiligen Geistes. Der Herr beschreitet demnach, wie so oft den Weg der Mitte. Was er den Seinen hinterläßt als Erbe ist nichts Starres, Unbewegliches, aber auch kein planloses Ausufern, sondern eine durch den Heiligen Geist vollzogene Entwicklung jener Wahrheit und Lehre, die Christus von dem hat, der ihn gesandt hat, vom Vater (Jo 7, 16; 8, 26. 28). Nun ist ein Teil von dem, was Jesus im Auftrag des Vaters gesagt und verkündet hat (Jo 12, 49) im Neuen Testament schriftlich niedergelegt. Aber wer bürgt nach Abschluß der neutestamentlichen Offenbarung für die Weitergabe der Wahrheit durch den Heiligen Geist? Wer garantiert, daß die Hinführung zur „vollen“ Wahrheit in der richtigen Weise erfolgt? Zu diesem Zweck hat Christus das Lehramt der Kirche eingesetzt, bestehend aus den Nachfolgern der Apostel, aus Papst und Bischöfen, und er hat es so stark an sich gebunden, daß er sagen konnte: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10, 16). Nun darf man ja nicht meinen, daß das Charisma der Wahrheit sich beschränke auf Papst und Bischöfe. Es gibt in der Kirche keine Glaubenserkenntnisse, „die nur ein Erkennen einzelner und nicht zugleich auch ein Erfahren und Lieben der vielen wäre im Heiligen Geist. Jedes neue Dogma ist in diesem Sinn auch zugleich aus der Liebe geboren, aus dein Liebesleben der Glaubensgemeinschaft, aus dem Herzen der betenden Kirche. Jedes Dogma trägt die Weihe der Ehrfurcht und des Ernstes, der Gewissenhaftigkeit und der Treue, der Innigkeit und der Hingabe, mit der die Gemeinschaft der Glieder Christi in Liebe fest­gewurzelt und gegründet (Eph 3, 17) das Zeugnis Christi in sich befestigt (vgl 1 Kor 1, 6). Es ist in der Regel das „Gesetz des Betens“ (lex orandi), das ungeschriebene Gesetz des betend erlebten, durchlebten Glaubens, das seiner autoritativen Formulierung als Glaubensgesetz (lex credendi) vorausgeht“. Das muß auch bei der Lektüre der vorliegenden Summa Pontificia beachtet werden. Was hier mit immensem Fleiß als die Stimme Roms aus fast zwei Jahrtausen­den zusammengetragen wurde, sind nicht einsame Überlegungen der Päpste, sondern ist der Niederschlag des liebenden Glaubens der Gesamtkirche. Wer sich aber auf das „ex sese“ des Vaticanum I berufen wollte, der muß bedenken, daß dieses Wort sich gegen jene wendet, die zur Definierung eines Dogmas die Zustimmung der Kirche verlangen, daß es nicht jedoch die Übereinstimmung mit der Gesamtkirche ausschließt, ja im gewissen Sinn sogar voraussetzt.

Daß die einfachen Gläubigen an der Entwicklung der Glaubenswahrheiten mitbeteiligt sind, sagt klar und eindeutig das 2. Vatikanische Konzil, wenn es dem heiligen Gottesvolk Anteil zuschreibt am prophetischen Amt Christi. Dieser übernatürliche Glaubenssinn gibt sich dann kund, wenn die Gläubigen „von den Bischöfen angefangen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitte äußern. Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt wird, hält das Gottesvolk unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen treuer Gefolgschaft es nicht mehr das Wort von Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes empfängt (vgl. Thess 2, 13), den den Heiligen einmal übergebenen Glauben (vgl. Jud 3) unverlierbar fest“2.

Hier muß noch ein Konzilstext aus der gleichen dogmatischen Konstitution zitiert werden, einmal weil er das vorhin erwähnte Erste Vatikanische Konzil bestätigt und sodann deswegen, weil er ein Beweis dafür ist, daß das II. Vaticanum völlig in der Linie der Tradition steht und somit unfehlbare Aussagen enthält. In der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Nr. 18) heißt es: „Indem die gegenwärtige heilige Synode in die Spuren des Ersten Vatikanischen Konzils tritt, lehrt und erklärt sie feierlich mit diesem, daß der ewige Hirte Jesus Christus die heilige Kirche gebaut hat, indem er die Apostel sandte, wie er selbst gesandt war vom Vater vgl. Jo 20, 21). Er wollte, daß deren Nachfolger, die Bischöfe, in seiner Kirche bis zur Vollendung der Weltzeit Hirtendienste tun sollten. Damit aber der bischöfliche Dienst selbst einer und ungeteilt sei, hat er den heiligen Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt und in ihm ein immerwährendes Prinzip und Fundament der Einheit des Glaubens und der Kommunioneinheit gesetzt. Diese Lehre über Entwicklung, Dauer, Gewalt und Sinn des dem römischen Bischof zukommenden heiligen Primates, sowie über dessen unfehlbares Lehramt legt die heilige Synode abermals allen Gläubigen fest zu glauben vor“.

Damit nähern wir uns der entscheidenden Frage, welchen Verbindlichkeitsgrad diese päpst­ichen Äußerungen enthalten; denn es ist von vornherein klar, daß wir diese ganze Summa unmöglich als unfehlbar oder sogar als glaubensverpflichtend ansehen können. Über diese Frage ist in den letzten Jahren eine umfangreiche Literatur entstanden, auf die wir in der Anmerkung hinweisen werden. Viele dieser Untersuchungen wurden ausgelöst durch die Enzyklika Pius XII. „Humani generis“ aus dem Jahr 1950, wo der Papst ausdrücklich vom ordentlichen Lehramt spricht, das dem Nachfolger des hl. Petrus zukommt. Er lehrt darin: ,Man darf nicht annehmen, daß Lehren, welche in den päpstlichen Rundschreiben vorgelegt werden, aus sich eine Zustimmung nicht erfordern, da in ihnen die Päpste nicht ihre höchste Lehrgewalt ausüben würden; denn diese Lehren werden durch das ordentliche Lehramt vorgetragen, von dem ebenfalls das Wort gilt: „Wer euch hört, hört mich“. Wenn daher die Päpste in einer bis dahin umstrittenen Frage in ihren Kundgebungen formell eine Entschei­dung treffen, ist es für alle klar, daß eine solche Sache im Sinn und nach der Absicht der Päpste nicht mehr als freie Frage unter den Theologen gehalten werden kann“3.

Mit dieser Äußerung Pius XII. ist eine bedeutsame Klarstellung bezüglich der Enzykliken erfolgt. Was die Unterscheidung zwischen dem außerordentlichen Lehramt und dem ordent­ichen betrifft, so erschien darüber ein bemerkenswerter Artikel in der römischen Zeitschrift „Civiltà cattolica“ vom 15. Juni 19684. Er stützt sich wesentlich auf einen weiteren Text des 2. Vatikanischen Konzils, der da so lautet: „Die Bischöfe, die in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren, sind von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren. Die Gläubigen aber müssen mit einem auf Glaubens- und Sittensachen bezogenen Spruch ihres Bischofs übereinkommen, wenn er im Namen Christi vorgetragen wird, und haben ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anzuhangen. Dieser religiös bestimmte Ge­horsam des Willens und Verstandes ist in einzigartiger Weise dem authentischen Lehramt des römischen Bischofs zu leisten, auch wenn er nicht letztverbindlich spricht. Das will sagen, daß sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt werden muß, je in Entsprechung zu Meinung und Absicht, die von ihm kundgetan werden. Diese lassen sich vorzüglich durch die Art der Dokumente erkennen, dann aber auch durch die häufige Vorlage ein und derselben Lehre und durch die Weise der Darbietung“5.

Dabei muß jedoch immer beachtet werden, daß dieser religiöse Gehorsam, die ehrfürchtige Achtung oder wie man auch nur immer diese Zustimmung und Anhänglichkeit nennen mag, sich nicht so sehr auf juristische oder überhaupt menschliche Motive gründet, wie etwa auf die Intelligenz und Klugheit des Papstes und der Bischöfe, auch nicht auf ein vorausgehendes Studium des Problems, sondern auf die Überzeugung, daß Christus bei uns bleibt bis zum Ende der Tage, daß er seine Kirche lenkt durch den Papst und die Bischöfe, als jene, die „der Heilige Geist gesetzt hat, die Kirche Gottes zu leiten“ (Apg 20, 19). Mit diesem Wort der Apostel­geschichte sind wir wieder beim Eingang angelangt, beim Heiligen Geist, dessen Tätigkeit die Theologie hier als „assistentia“ bezeichnet. Er redet nicht von sich aus, sondern was er hört, wird er reden und das Kommende wird er künden, sagt Jesus (Jo 16, 18). So ist die ehrerbietige Zustimmung zu den Äußerungen des kirchlichen Lehramtes ein Hinhorchen auf den Heiligen Geist, der immerfort bei uns bleibt (Jo 14, 16).

Die Welt freilich kann ihn nicht empfangen, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt (Jo 14, 17). Es fehlen ihr die Organe, mit denen sie in jene göttliche Welt eindringen kann, und so verbleibt sie im Dunkel und im Irrtum. Heute hat dieser Zustand ein Höchstmaß erreicht und droht auch die Kirche zu beeinflussen. Nicht umsonst sprach Papst Paul VI. von einer „Nacht ohne Sterne“ und von einer „Stunde der Finsternis und der Blitze“. Um so notwendiger ist es, auf den zu schauen, der bei den Anfechtungen Satans die Brüder stärken soll (Lk 22, 31f), auf Petrus und seine Nachfolger.

Nun liegt das Ergebnis dieser fast zweitausendjährigen Stärkung im Glauben vor uns in einer bewundernswerten Summa, die uns nicht nur zum Dank, sondern zum Studium und zum Nachvollzug im Leben verpflichtet. Möge das epochemachende Werk seinen Platz in jeder priesterlichen Handbibliothek finden. Mögen aber auch die Laien sich immer wieder an dem Wort aus Rom orientieren, dessen lateinischer Name „Roma“ nach Wladimir Solowjews6 tiefen Gedanken von rückwärts gelesen „amor“ (Liebe) ergibt.

Mögen wir alle beherzigen, was Kardinal Faulhaber vor fast 60 Jahren in einer ähnlich turbu­lenten Zeit in seiner kraftvollen Art gesagt hat: „Danken wir Gott, daß wir wenigstens in religiösen Fragen noch eine Autorität besitzen, die kraft ihres obersten Lehramtes in Sachen des Glaubens und der Sitte das letzte, entscheidende Wort zu sprechen hat! Die religiösen Fragen bilden einen so unveräußerlichen Anteil des menschlichen Geisteslebens, daß der ehrlich forschende Menschengeist unvermeidlich immer wieder auf das religiöse Fragegebiet kommt. Sucht dann der forschende Geist Antwort auf die letzten Fragen und Ziele des Lebens, dann weist das kirchliche Lehramt Weg und Richtung, damit wir nicht „umhergetrieben werden von jedem Windstoß der Meinung, preisgegeben menschlichem Trug und hinterlistiger Verführung“ (Eph 4,14). Werden die göttlichen Wahrheiten mit menschlichen Irrtümern vermischt, dann nimmt das kirchliche Lehramt die Wurfschaufel zur Hand, um den Weizen von der Spreu zu sondern. Drängen sich religiöse Kurpfuscher an das Volk heran, die ihm Steine statt Brot und Schlangen statt Fische reichen, dann erhebt der heutige Petrus seine Stime mit den Worten des ersten Petrus: „Brüder, nehmt euch in acht, damit ihr nicht durch den Irrtum der Toren mitfortgerissen werdet und eure eigene Festigkeit verliert“ (2 Petr 3, 17). Ja, danken wir Gott, daß wir in Glaubensfragen eine feste Führung und gegebenenfalls eine letzte, entscheidende Stelle haben“7.

 

Regensburg, 2. Juni 1978, am Fest des göttlichen Herzens Jesu

+ RUDOLF GRABER

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Quelle: SUMMA PONTIFICIA – LEHREN UND WEISUNGEN DER PÄPSTE DURCH ZWEI JAHRTAUSENDE – I – EINE DOKUMENTATION AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN VON P. AMAND REUTER O.M.I. 1978 – VERLAG JOSEF KRAL ABENDSBERG