Experte: Libanon steht vor dem völligen Kollaps

Proteste in Beirut (ANSA)

Wovor Experten seit Jahren warnen, dürfte nun eingetroffen sein: Der Libanon steht endgültig vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

Bis zu 400.000 Menschen sollen im letzten Jahr im Libanon ihre Arbeit verloren haben, die Geldentwertung nimmt ungeahnte Ausmaße an, es gibt nur mehr fünf Stunden am Tag Strom; nun würden auch noch Treibstoff und Heizöl knapp werden, das sich aber ohnehin immer weniger Menschen leisten könnten. Mit diesem Befund ist der Libanon-Experte Stefan Maier, Mitarbeiter des Hilfswerkes „Initiative Christlicher Orient“ (ICO), dieser Tage von einem Projektbesuch im Zedernstaat zurückgekehrt.

„Wie soll eine Schule mit 100 Dollar pro Woche den Betrieb aufrechterhalten?“

Die Bankenkrise mache zudem jede Planung unmöglich und führe immer mehr Menschen bzw. Familien ins Elend, die zumindest theoretisch noch über Geldreserven verfügen würden, so Maier gegenüber Kathpress. Vor einigen Monaten konnte man plötzlich nur mehr 300 Dollar pro Woche vom eigenen Konto abhaben, inzwischen kann man nur noch alle zwei Wochen 200 Dollar abheben. Dieser Wert gelte sowohl für Einzelpersonen als auch für Institutionen.

Die Menschen könnten auf ihre Gehälter nicht zugreifen, die Institutionen könnten niemanden bezahlen. Maier: „Wie soll eine Schule mit 100 Dollar pro Woche den Betrieb aufrechterhalten?“

Sogar während des Bürgerkriegs war wirtschaftliche Lage besser

Die wirtschaftliche Lage sei sogar während des Krieges in den 1970er und 1980er-Jahren besser gewesen, habe man ihm erzählt, so der ICO-Mitarbeiter. Die allgemeine Stimmung im Land sei, dass die Talsohle immer noch nicht durchschritten ist. Die nächsten zwei bis drei Monate seien entscheidend.

Inzwischen gebe es zwar eine neue Regierung, aber trotzdem wenig Hoffnung. Zwar seien dem Namen nach nicht mehr die bisherigen Clans vertreten, die sich das Land untereinander aufgeteilt haben, „aber statt der bisherigen Minister sitzen nun einfach deren wichtigste Mitarbeiter bzw. Berater in den Ministersesseln“. Gerüchten zufolge soll die herrschende Elite vor dem Finanzkollaps 19 Milliarden Dollar ins sichere Ausland geschafft haben. Und da die neue Regierung vor allem Rückhalt von der Hisbollah hat, befürchteten die Menschen, dass es vom Westen keine Hilfe geben wird – so dringend sie auch benötigt werde.

ICO hilft ärmsten Kindern

Die in Linz ansässige ICO unterstützt vor allem Bildungseinrichtungen von Ordensgemeinschaften im Libanon. In den Kindergärten, Schulen und Internate würden tausende Kinder eine gute Ausbildung erhalten, so Maier. Aufgrund der zunehmenden Armut könnten sich viele Eltern das Schulgeld aber nicht mehr leisten. Auch die Ordensgemeinschaften selbst seien am finanziellen Limit. Bezahlen könne man ohnehin nur mehr bar in Dollar, worauf die Menschen aber so gut wie keinen Zugriff mehr hätten.

Maier besuchte dieser Tage im Libanon u.a. die Schule St. Vinzenz der Barmherzigen Schwestern von Besançon in der Ortschaft Baskinta. Die Räume würden nur mehr zu den Unterrichtszeiten notdürftig geheizt und die Kinder müssten mit Jacken und Westen den Unterricht verfolgen. Die Räume der Schwestern werden gar nicht mehr beheizt. Baskinta liegt hoch oben im Libanongebirge, die Winter sind bitterkalt.

Von den 360 Schülerinnen und Schülern können nicht einmal die Hälfte das volle Schulgeld bezahlen. Fast ein Drittel bezahle gar nichts, und die Armut nehme dramatisch zu. „Die Schwestern müssen aber die Lehrer weiter bezahlen“, so Maier: „Jetzt geht es nicht mehr darum, dringend notwendige Reparaturen an den Gebäuden vorzunehmen, sondern einfach irgendwie den Schulbetrieb aufrechterhalten zu können.“ Um den Kindern, darunter viele syrische Flüchtlingskinder und Kinder aus den ärmsten libanesischen Familien, weiterhin den Schulbesuch zu ermöglichen, übernimmt die ICO das Schulgeld und finanziert zum Teil die Heizkosten.

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(kap – sk)

Pilgerströme aus dem Libanon kommen zum Jubiläum nach Fatima

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Wien/Beirut. Das Fatima-Jahr wird auch bei den Maroniten groß gefeiert. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums wird das Marienheiligtum Fatima am 24. Juni einen »Tag für den Libanon« feiern, zu dem große Pilgerströme aus dem Zedernstaat in Portugal erwartet werden. Beim Gottesdienst in der Marienbasilika mit Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Raï wollen die katholischen Patriarchen aus dem Nahen Osten die Weihe Libanons an Maria erneuern, wie die Stiftung »Pro Oriente« berichtete.

Die im Libanon beheimatete maronitische Kirche begeht 2017 als »Jahr des Martyriums und der Märtyrer«, das zahlreiche spirituelle und kulturelle Veranstaltungen umfassen soll. Auftakt des Jahres war der 9. Februar, Fest des heiligen Eremiten Maron, der als Begründer der maronitischen Tradition angesehen wird. Das Gedenkjahr wird bis zum Fest des ersten maronitischen Patriarchen am 2. März 2018 dauern. Kardinal Raï betonte in einer Botschaft die »Aktualität und Opportunität« des Themas angesichts der Tatsache, dass die Kirche heute an vielen Orten, vor allem im Nahen Osten, der Verfolgung ausgesetzt sei.

Bei ihrem letzten Monatstreffen am 1. Februar hat die Versammlung der maronitischen Bischöfe ein neues Wahlrecht für den Libanon eingefordert, das eine gerechte Repräsentation aller sozialen und religiösen Komponenten der libanesischen Gesellschaft garantiert. In einer gemeinsamen Verlautbarung unterstrichen die Bischöfe die Notwendigkeit »der Beschleunigung der Debatte über das neue Wahlrecht«.

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Quelle: Osservatore Romano 6/2017

Eine Reliquie für die deutschsprachigen Katholiken in Rom

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Rom. Die Kirche der deutschsprachigen Katholiken in Rom, »Santa Maria dell’Anima«, erhielt eine Reliquie des libanesischen Heiligen Charbel Makhlouf. Am Freitagabend, 22. Januar, zelebrierte der maronitische Patriarch von Antiochien, Kardinal Bechara Boutros Raï, anlässlich der feierlichen Übergabe der Reliquie an Rektor Franz Xaver Brandmayr in »Santa Maria dell’Anima« die heilige Messe im maronitischen Ritus. Die Knochenreliquie ist ein Geschenk des Kollegs Mar Abda des Maronitenordens der Heiligen Jungfrau Maria im Libanon. Sie erhielt ihren Platz in einem der Altäre der Kirche, an dem zugleich ein permanentes »Friedenslicht für den Libanon und den Nahen Osten« entzündet wurde. 2014 hatte Kardinal Christoph Schönborn das Saint-Charbel-Heiligtum in den Bergen nordöstlich von Beirut besucht.

Charbel Makhlouf (1828-1898) war ein maronitischer Mönch. Er stammte aus einer einfachen christlichen Bauernfamilie in der schwer zugänglichen Hochgebirgsregion im Norden des Libanon. Mit 23 Jahren trat er in das Kloster von Mayfouk ein. Im Jahre 1853 wechselte er zum Kloster Saint-Maroun in Annaya, legte dort das Mönchsgelübde ab und nahm den Ordensnamen Charbel an.

Die nächsten Jahre verbrachte er im Kloster Kfifan, wo er bei Pater Nimatullah al-Kafri und Pater Nimatullah al-Hardini (der 2004 von Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde) Theologie studierte. 1859 wurde er zum Priester geweiht und kehrte nach Annaya zurück. 1875 entschied er sich für ein Leben als Eremit. Am 16. Dezember 1898 erlitt er, während er in der Eremitage die heilige Messe zelebrierte, einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am Heiligen Abend 1898 verstarb.

Charbel stand schon zu Lebzeiten im Ruf der Heiligkeit. Bald nach seinem Tode stellte man fest, dass sein Leichnam nicht verwest oder vertrocknet war. Diese Phänomene sowie zahlreiche Krankenheilungen an seinem Grab machten ihn sehr schnell zu einem festen Bestandteil orientalisch-christlicher Volksfrömmigkeit. Zwei Heilungen aus dem Jahre 1950 führten schließlich zur Einleitung eines Seligsprechungsverfahrens in Rom, das am 5. Dezember 1965 mit der offiziellen Seligsprechung Charbels durch Papst Paul VI. seinen Abschluss fand. Aufgrund einer dritten bezeugten Heilung im Jahre 1967 sprach Paul VI. den maronitischen Mönch am 9. Oktober 1977 in Rom heilig.

Heute ist Charbel Makhlouf im Nahen Osten einer der populärsten Heiligen. Sein Grab im Saint-Maroun-Kloster von Annaya ist ein Pilgerziel für Christen aller Konfessionen sowie für Muslime und Alawiten.

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Quelle: Osservatore Romano 4/2016

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