DIE HEILIGE KIRCHENLEHRERIN HILDEGARD VON BINGEN

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Vortrag von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz,

anlässlich der Feierstunde am 6. Oktober 2012 in der Residenz des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland
beim Heiligen Stuhl zur Erhebung
der heiligen Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin

 

Ein unbequemes, tiefes und heiliges Charisma

 

I. Kirchenlehrerin heute

 Fast 2000 Jahre waren die Kirchenlehrer ausnahmslos Männer. Bis 1970 zählen wir  30  Theologen,  denen  diese  Auszeichnung  zu  Gute  kam.1  Allein  im 20. Jahrhundert sind es sieben neu ernannte Kirchenlehrer. Die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bringt eine unübersehbare Wende, denn  von 1970 bis zum 7. Oktober 2012 sind es vier Frauen, die zu Kirchenlehrerinnen erhoben worden sind: die hl. Teresa von Avila am 27. September 1970 und die hl. Katharina von Siena am 4. Oktober 1970, beide durch Paul VI., sowie die Ernennung der Thérèse von Lisieux am 19. Oktober 1997 durch Johannes Paul II.

Dabei muss man auf den Rang und die Bedeutung dieser heiligen Frauen schauen. Teresa von Avila und Katharina von Siena zählen in Spanien und in Italien zu den großen literarischen Gestalten. Katharina von Siena steht z.B. neben Dante und Petrarca. Katharina ist die Hauptpatronin Italiens, Teresa ist die Patronin Spaniens. Die „kleine hl. Theresia“ ist durch ihren Glaubensweg durch härteste Prüfungen hindurch im großen Dunkel des reinen Glaubens an die Liebe Gottes Vorbild eines authentischen „kleinen Weges“ zur Vollkommenheit. Sie ist die zweite Patronin Frankreichs und die Hauptpatronin aller kirchlicher Missionen. Besonders die große Teresa und Katharina von Siena sind durch ihre weit gespannte Tätigkeit für eine tiefe Erneuerung der Kirche das, was man „starke Frauen“ nennen kann. Sie zeigen vor allem auch in Bezug auf ihr Verhältnis zu den weltlichen und kirchlichen Herrschern ihrer Zeit ein sehr mutiges Verhalten. Sie beschworen in Briefen und persönlichen Besuchen weltliche und geistliche Würdenträger hin zu einer Gesinnungsänderung und scheuten sich nicht vor kräftigen Worten.

Am 7. Oktober kommt die hl. Hildegard von Bingen hinzu (1098 bis 1179). Auch bei ihr existiert eine ausgedehnte Korrespondenz mit Päpsten, Königen, Fürsten, Bischöfen, Ordensleuten und Laien. Sie unternahm Predigtreisen vor allem an den Rhein und nach Süddeutschland, wo sie Volk und Klerus Umkehr predigte. Auch sie offenbart eine ungewöhnliche dichterische Begabung. Wenn die anderen drei genannten heiligen Frauen aus Italien, Spanien und Frankreich stammen, so ist die hl. Hildegard von Bingen die erste Frau aus dem mitteleuropäischen und besonders deutschsprachigen Bereich, die zu dieser Ehre gelangt.

Ich glaube, dass man die Ernennung dieser vier heiligen Frauen durch drei Päpste innerhalb von gut 40 Jahren in ihrer Bedeutung bisher nicht genügend erkannt hat – und dies trotz aller feministischen und emanzipatorischen Rufe nach einer angemesseneren Wertung und Stellung der Frau in der Kirche. Auch wenn vor allem die hohe Spiritualität dieser heiligen Frauen im Vordergrund steht, so darf man nicht vergessen, dass sie zugleich hoch gebildet waren und auch ein großes Organisationstalent hatten. Die besondere frauliche Sensibilität hat aber auch dazu geführt, dass wir im Blick auf die von ihnen stammenden geistlichen Zeugnisse den besonders ab dem Hochmittelalter bis heute auf eine sehr rationale Weise zugespitzten Begriff der Theologie aufbrechen und in gewisser Weise weiten müssen. Es wird noch zu zeigen sein, wie die Theologie einen besonderen Beitrag von diesen Frauen geschenkt bekommen hat  und dass sie besonders „in der Lage (sind), mit der ihnen eigenen Intelligenz und Sensibilität über Gott und die Glaubensgeheimnisse zu sprechen“.2

 

II. Leben und Werke

Ich will in wenigen Zügen die wichtigsten Stationen des Lebens der hl. Hildegard skizzieren. Sie wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren und stammte aus einer vielköpfigen adeligen Familie. Sie wurde von Geburt an von ihren Eltern zum Dienst an Gott geweiht. Sie lebte in einer Klause und schließlich (wohl ab 1106) in einem kleinen Klausurkloster für Frauen auf dem Disibodenberg bei Bingen. Mit 16 Jahren entschied sich Hildegard durch die monastischen Gelübde für das klösterliche Leben (ca. 1115). Nach dem Tod ihrer Lehrmeisterin Jutta von Sponheim wird sie im Jahr 1136 zur Nachfolgerin, zur Meisterin („magistra“) gewählt. Mehr als 30 Jahre lebte und wirkte Hildegard in der Abgeschiedenheit des kleinen Klosters. Sie hat von hier aus trotz einiger Schwierigkeiten zwei weitere Klöster gegründet, nämlich auf dem Rupertsberg (um 1150), weitgehend  durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg zerstört (16323), und Eibingen (um 1165), das heute noch – wenn auch ein wenig entfernt – das Nachfolgekloster der hl. Hildegard ist. Die hl. Hildegard hat trotz ihrer Leiden und Schmerzen, die besonders den letzten Abschnitt ihres Lebens kennzeichnen, vier große Reisen (1158-1170) in zahlreiche Städte des Rheinlandes und des Südwestens unternommen und gerade auch in den Konventen der Klöster wie auch auf den Marktplätzen der Städte gegen das verweichlichte Leben vor allem des Klerus gepredigt. Sie übt darüber hinaus heftige Kritik an ihrer eigenen Zeit, die sie ein „weibisches Zeitalter“ („tempus muliebre“) nennt. Vom Kampf gegen die Sekte der Katharer wird noch die Rede sein.

Hildegard hatte schon früh die Gabe einer höchst originellen visionären Schau. „Ich sehe  diese Dinge – so schreibt sie – nicht mit den äußeren Augen und höre sie nicht mit den äußeren Ohren; ich sehe sie vielmehr einzig und allein in meinem Inneren, aber mit offenen leiblichen  Augen,  sodass  ich  niemals  die  Bewusstlosigkeit  einer  Ekstase  erleide, sondern wachend schaue ich dies bei Tag wie bei Nacht.“4  Vieles erinnert an die Propheten des  Alten Testaments: „Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist weitaus  lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Weder Höhe noch Länge noch Breite vermag ich an diesem Licht zu erblicken. Es wird mir bezeichnet als ‚der Schatten des lebendigen Lichtes‘. In diesem Licht sehe ich zuweilen, wenn auch nicht oft, ein anderes Licht, das mir ‚das lebendige Licht‘ genannt wird. Wann und wie ich es schaue, kann ich  nicht sagen. Aber solange ich es schaue, ist alle Traurigkeit und alle Angst von mir genommen, sodass ich mich wie ein einfaches junges Mädchen fühle und nicht wie eine   alte Frau.“5  Nach ihrem 40. Lebensjahr (1141) kommt es zu einem gewaltigen Durchbruch der Visionen. Aus der stillen Seherin wird eine religiöse Prophetin. Immer deutlicher vernimmt sie in ihrem Inneren geradezu einen Befehl: „Schreibe auf, was du siehst, und sage, was du hörst.“6  Der hl. Bernhard von Clairvaux, eine der höchsten Autoritäten der Kirche ihrer   Zeit, ihr „ungekrönter Herr“, bestätigt ihre prophetische Gabe. Ja noch mehr: Auf der Synode von Trier (1147/48) las Papst Eugen III. selbst aus Hildegards Schriften vor. Er hatte sie durch eine Kommission überprüfen lassen. Er forderte Hildegard nun auf, ihre Visionen aller Welt mitzuteilen. Daraus entstand dann ihre erste große Schrift „Wisse die Wege“ (Scivias, 1141- 1151).

Hildegard ist in ihrem Wissen und in ihrer Sprachkraft ein Rätsel. Wir wissen wenig über ihren wissenschaftlichen Bildungsgang. Schon früh kannte sie die Texte der Regel des hl. Benedikt. Im Stundengebet lernte sie die Psalmen und die Hl. Schrift kennen. Sie besaß offenbar   eine   große   Kenntnis   der   Kirchenväter.   Die 390 Briefe zeigen eine reiche Korrespondenz mit großen Gelehrten ihrer Zeit. Sie hat sich aber immer wieder als eine „Indocta“ verstanden, also als „einfältige Frau“. Sie sei keine Gelehrte. Ganz gewiss hat die Forschung der letzten Jahrzehnte aufgezeigt, dass gerade die Frauen in den Klöstern, besonders wenn sie wie in den Gemeinschaften der hl. Hildegard aus dem Adel stammten, sehr viel mehr Zugang zu den klassischen und gegenwärtigen Bildungsgütern hatten, als man dies vorher weitgehend dachte.7   Die Rede von einer „Indocta“ ist jedoch eine Selbstcharakteristik, die uns angesichts ihrer Gelehrsamkeit immer wieder schmunzeln lässt.8 Denn sie beherrscht ihre Theologie ebenso wie die zeitgenössische Philosophie, kennt sehr genau das Alte Testament und ist auch in den Naturwissenschaften wie in der Medizin zu Hause. Sie weiß über die Schönheiten der Edelsteine zu reden. Sie ist Ärztin und Äbtissin, dichtet Hymnen und schafft andere musikalische Kompositionen. Sie verfasst eine ethische Grundstudie und ein großes Werk über die Welt, eine spirituell orientierte Kosmologie und darin eine Lehre vom Menschen und seinem Heil.

Dies darf aber nicht heißen, dass die „prophetissa teutonica“, wie man sie zu Lebzeiten schon nannte, nicht auch die Geschicke von Welt und Kirche kannte und unwidersprochen hinnahm. Sie schreibt den Päpsten Eugen III., Anastasius IV., Hadrian IV. und Alexander III., an die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Salzburg. In einem Schreiben an Kaiser Barbarossa wendet sich Hildegard mit aller Energie gegen die Papstpolitik des Kaisers. Kaiser und Könige, Bischöfe und Äbte, Priester und Laien gehören zu ihren Briefpartnern.9

So ist sie eine „Posaune Gottes“, eine „flammende Leuchte im Hause Gottes“, eine „Mitwisserin Gottes“. „Keine Stimme wird laut über das Unerhörte solchen Tuns. Alle sind ergriffen, begeistert – oder getroffen in der Wurzel ihrer Sündhaftigkeit, aufgerüttelt zu neuer, heiliger Lebensenergie, Sünder bekehren sich, Ungläubige werden gläubig, Entzweite umarmen sich.“10  Immer mehr wird sie in hohem Maß anerkannt. So sagt Abt Rupert von Königstal nach der Lektüre ihrer Schriften: „So etwas bringen die scharfsinnigsten Professoren des Frankenreiches einfach nicht zustande. Die machen mit trockenem Herzen und aufgeblasenen Backen nur ein großes dialektisches Geschrei und verlieren sich in rhetorischen   Spitzfindigkeiten. Diese gottselige Frau aber,   sie betont nur dasEine, Notwendige. Sie schöpft aus ihrer inneren Fülle und gießt sie aus.“11

Zusammenfassend schreibt Maura Böckeler: „So verlief die Sendung Hildegards in die Kirche ihrer Zeit. Letztlich ist sie nichts anderes als ein lebendiges, aus glühendem Herzen und geistberührter Seele hervorbrechendes Echo auf die Reform Gregors VII., des ehemaligen Mönches von Cluny. Immer erweckt der Geist Gottes in Zeiten, da die Liebe erkaltet, Männer und Frauen, die wie ein Pfingststurm das Feuer, das vom Himmel her in sie hineingefallen ist, über den Erdkreis jagen.“12

Manches an ihrer Gelehrsamkeit und ihrer Spiritualität können wir schwer erklären. Auch wenn sie durch das Stundengebet mit Grund- und Schlüsselworten der lateinischen Sprache vertraut ist, so kommt ihr Latein doch rasch an Grenzen. In ihrer „Lieblingsnonne“ und Sekretärin Richadis von Stade und in ihren Sekretären Volmar, später Gottfried und Wibert von Gembloux hat sie tüchtige Mitarbeiter, die vor allem ihre Visionen zur Darstellung bringen.

Über einige Jahrzehnte vor allem des vergangenen Jahrhunderts war das neue Interesse an Hildegard sehr stark auf Randerscheinungen in ihrem Leben und Wirken gelenkt worden. Es ging um die Hildegard-Medizin, um eine direkte Anwendung ihrer Heilkunde, um Esoterik, um ihre Verwandtschaft mit dem heutigen Feminismus, ja streckenweise auch um Magie.  Dies sind gewiss Ausstrahlungen der Kernideen und Grunderfahrungen der Prophetin vom Rhein. Aber ohne kritische Rückbindung an die zentralen Zeugnisse und Schriften sind dies letztlich doch Abwege, die den Zugang zur authentischen Hildegard eher verstellen. Um dieses Zentrum zu verstehen, muss man vor allem auf die drei Schriften zurückgehen, die Hildegards Visionen enthalten: das schon genannte Werk Scivias, Wisse die Wege (1141- 1151), den Liber Vitae Meritorum (1158-1163), das Buch der Lebensverdienste, und den Liber Divinorum Operum (1165-1174), das Buch der göttlichen Werke. Dieses letzte Buch mit den Kosmos-Visionen gilt als ihre höchste und zentrale schöpferische Leistung. Zwischen 1150 und 1160 entstehen die naturkundlichen und medizinischen Schriften, die nach heutiger Erkenntnis Kompilationen aus volkskundlichen Erfahrungen, klassischer Überlieferung und christlicher Tradition darstellen. Bereits im 13. Jahrhundert wurde das nicht erhaltene Originalwerk aufgeteilt „Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum“ in „Physica“ und „Causae et curae“. Hinzukommen die 390 Briefe, von denen schon die Rede war.

Daneben gibt es kleinere Schriften wie die Erklärungen der Benediktsregel, der Evangelien, des Credo und Lösungen vorgelegter theologischer Fragen, Heiligenviten, vor allem aber ein umfassendes lyrisches und musikalisches Opus (Ordo virtutum, Hymnen, Sequenzen). Diese Gedichte,  Lieder  und  Gesänge  sind  vielfach  übersetzt  und  teilweise  oft  unter  dem  Titel „Symphonia“ veröffentlicht worden. Das Kölner Ensemble für Musik des Mittelalters, Sequentia, hat das Gesamtwerk Hildegards bei der Deutschen Harmonia Mundi eingespielt (5 CDs).13

Die hl. Hildegard gilt als eine in der europäischen Geistesgeschichte einzigartige Erscheinung. Man hat sie auch die klügste Frau des Mittelalters genannt.14  Von keiner Frau des Mittelalters haben wir so viele literarische Zeugnisse erhalten bekommen.

Es gibt in dieser Hinsicht einen starken Wandel in der Einschätzung der Bedeutung der hl. Hildegard, z.B. auch im Verhältnis zur Philosophie und zur Philosophiegeschichte. Die  älteren verdienstvollen Werke von E. Gilson, B. Geyer, M. de Wulf nennen die hl. Hildegard in diesem Kontext überhaupt nicht. Eine aufschlussreiche Stellung nimmt K. Flasch ein, der in der ersten Auflage seines bekannten Buches „Das philosophische Denken im Mittelalter“15 sie nicht einmal beim Namen nennt, in der zweiten Auflage16 aber ausführlich behandelt, wenn auch etwas klischeehafte Urteile bleiben.17 Aber in angesehenen Lehrbüchern und Synthesen  erhält  sie  heute  einen  beachtlichen  Platz,  der  philosophisch  begründet wird.18

Dabei wird jedoch nach dieser Auffassung das Denken Hildegards, das auf einen „Symbolismus“ des 12. Jahrhunderts eingegrenzt wird, von einer neuen rationalen Reflexion abgelöst, der die Zukunft gehöre.19

In einer Zeit, die auch in der Philosophie in reichem Maß den eigenen Rang des Bildes, der Metapher, des Symbols und der Narrativität entdeckt hat und dabei auch den Sinn des  Wortes „Vernunft“ entgrenzt, ist dies eine keineswegs akzeptable Verkürzung.20  Sie entspricht   auch nicht der heutigen hermeneutischen Situation.

Es gab bei aller Anerkennung der „prophetissa teutonica“ im Lauf der Jahrhunderte – wie schon gesagt – immer auch ein Auf und Ab in der Rezeption und in ihrer Wertschätzung. Wenn wir heute die hl. Hildegard mit sehr viel mehr Differenzierungen verstehen, ist dies auch ein Erfolg der immens fleißigen wissenschaftlichen Erforschung im 20. Jahrhundert. Außer dem Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges, dem wir viele Veröffentlichungen verdanken, ist es nicht zuletzt ein Hauptverdienst der Abtei Eibingen, viele aufklärende Studien und vor allem kritische Editionen und Übersetzungen aufbereitet und zur Verfügung gestellt zu haben. Ich nenne nur die Schwestern Maura Böckeler, Angela Carlevaris, Adelgundis Führkötter, Marianne  Schrader,  Walburga  Storch,  Cäcilia  Bonn und heute fortgesetzt von Schwester Maura Zátonyi21, unterstützt von den Äbtissinnen Schwester Edeltraud Forster und Schwester Clementia Killewald. Dazu zählen noch viele Forscherinnen und Forscher im In- und Ausland, nicht zuletzt auch Übersetzerinnen und Übersetzer. Ich will hier ganz besonders Prof. P. Dr. Rainer Berndt SJ nennen, Hugo von St. Viktor-Institut, Frankfurt am Main/St. Georgen, dem wir nicht nur den Kongress im Jahr 1997 und auch den geplanten Kongress im Februar/März 2013, sondern vieles andere verdanken

 

III. Bedeutung für die Gegenwart 

Es besteht kein Zweifel, dass die hl. Hildegard gerade auch infolge dieser neueren Forschungen mit vielen guten Gründen zur Ehre einer Kirchenlehrerin erhoben wird. Gerade durch diese Auszeichnung entsteht aber auch eine andere Aufgabe. Wir dürfen nämlich nicht nur nach rückwärts schauen und ihre geschichtliche Gestalt bewundern und preisen. Wenn sie nun durch ihr Leben in Heiligkeit, durch ihre tiefe Erkenntnis göttlicher Dinge und durch ihre vielfältige Spiritualität für die ganze Kirche als vorbildlich erklärt wird, dann müssen wir ihre Bedeutung auch in unsere Gegenwart übersetzen. Dies ist, so bin ich der Meinung, der schwierigere Teil des Auftrags, den uns das Fest anvertraut.

Schon die letzten Jahrzehnte, die die Popularität der hl. Hildegard außerordentlich verbreitet haben, sind uns dabei eine Warnung. Wir dürfen die hl. Hildegard nicht kurzsichtig bestimmten Bedürfnissen von heute ausliefern. Wir haben zur Genüge erlebt, wie einzelne Phänomene, wie die Hildegard-Medizin und viele esoterische Einzelheiten, nicht Randerscheinungen bleiben, die von der radikalen Mitte ihres Denkens in ihrer begrenzten Bedeutung sichtbar gemacht werden können, sondern selber in das Zentrum des Interesses rücken. Es ist eine große Hilfe, dass wir in den letzten Jahrzehnten die drei großen zentralen Schriften mit den Visionen in ihrem ganzen Gewicht, einschließlich der Illustrationen, tiefer verstehen lernten. So zeigt es sich, dass es bei der hl. Hildegard besonders schwierig ist, einzelne Details, und seien sie noch so aufschlussreich, aus dem Ganzen zu isolieren.

Aber gerade der universale Zusammenhang aller Dinge aus der radikalen theologischen und spirituellen Mitte her macht auch eine Umsetzung ihrer Bedeutung für heute nicht leicht. Wir sind in der Theologie daran gewohnt, dass wir heute in relativ abstrakten und rationalen Kategorien denken und sprechen. Natürlich gibt es bei Hildegard diese Rationalität auch, die freilich immer auch durchdrungen ist von einer inneren Nähe, von der Verwandtschaft zur Sache („connaturalitas“). Hier kommt die platonisch-augustinische Linie im Verständnis menschlicher Erkenntnis zur Geltung: Man muss besonders in der personalen Begegnung und in Beziehungen des Glaubens zu einer bestimmten Sache und erst recht zu einer Person eine gewisse Zuneigung und Sympathie haben, um sie wirklich verstehen zu können. Heute nennen wir dies Empathie. Bei Hildegard ist dies die Liebe.22

In der Mitte der theologischen und spirituellen Gedanken der hl. Hildegard steht die Schöpfung. Schöpfung ist aber nicht einfach Natur im heutigen Sinne. Sie weist nämlich immer schon auf ihren Urheber, Gott den Schöpfer, zurück. Er hat ganz bewusst den Menschen in die Mitte der Schöpfung gestellt. Es ist Gottes auserwählende Liebe zum geschöpflichen Dasein. Dies zeigt sich besonders in der Vernunftanlage („rationalitas“) des Menschen, die ihn befähigt, Gott und in ihm alle Dinge zu erkennen, ihn zu loben und die Absicht Gottes in der Welt zu verwirklichen. Dadurch wird der Mensch von Gott geehrt. Gott bezieht also den Menschen in seine eigene Liebe zur Schöpfung ein. Aber dabei kann der Mensch versagen und die Schöpfung missbrauchen. Es gibt bei der hl. Hildegard eine richtige „Klage der Elemente“.23  Aber deswegen nimmt Gott dem Menschen nicht die Größe seiner Schöpfung. Der Mensch soll diese seine Welt in aller Nüchternheit durchforschen, ja er soll sie ganz und gar durchdringen (perpenetrare). Er soll sich selbst in seiner schöpferischen Begabung vor Gottes Angesicht in der Mitte der Schöpfung verwirklichen. Aber er soll sich nicht selbst ins Zentrum der Welt stellen. Die ganze Schöpfung dreht sich hin zu Gott. Sie dreht sich nicht einfach nur um den Menschen. Diese Sicht des Menschen ergibt eine eigentümliche, für uns ungewohnte Stellung. Aber wir dürfen diese nicht im neuzeitlichen Sinne anthroprozentrisch verstehen, sodass der Mensch sich und seinen Bedürfnissen sowie Zielen alles unterordnet. Die anthropologische Stellung bringt zugleich eine sehr umfassende und ausgewogene Verhältnisbestimmung von Gott, Mensch und Welt.

Dies hat auch erhebliche Konsequenzen für das Verständnis der geschaffenen Wirklichkeit. Hildegard sieht Mensch und Welt, Leib und Seele, Natur und Gnade nie als isolierte Einzelerscheinungen. Gerade die Anthropologie reicht weit in die Kosmologie und damit  auch in die Ökologie hinein. Die ganze Schöpfung erscheint immer wieder in der  Verknüpfung eines lebendigen Zusammenhangs aller Erscheinungen. Hildegard benutzt für diesen innersten Zusammenhang der ganzen Schöpfung, vor allem auch für ihre „Stimmigkeit“,   worin sich die Kreaturen zuordnen und ergänzen, gerne das Wort „Symphonia“, und dies besonders in den Gedichten und Gesängen.24 „Und so hat jedes Element seinen eigenen Klang, einen Urklang aus der Ordnung Gottes. All dieses Tönen aber vereinigt sich wie der Zusammenklang aus Harfen und Zithern.“25 In dieser Symphonie wird die ganze Welt umfasst. „Von den kleinsten Dingen des Alltags bis hinein in die Unermesslichkeit der Sternenwelten, und mitten darin nun den Menschen, der da ist das Herz der Welt. Dass der ganze Leib Licht werde und lauter Musik, dass der ganze Kosmos zum Klingen  komme  und  zu  einer  Harmonie,  darin  ist  wohl  die  unvergleichliche Spiritualität dieses Weltbildes zu sehen, das immer nur von der Heilsgeschichte her zu deuten ist.“26  Gerade in diesem Zusammenhang spielen die Farben auch eine große Rolle. Es ist besonders die „viriditas“, was man mit Grünkraft übersetzen könnte. Dies ist ein Herzwort der  Prophetin. Physische Dimension und seelische Realität werden hier eins. Damit ist das Leben der Schöpfung gemeint, aber auch die Erneuerung durch den hl. Geist. Durch die Gewalttätigkeit des Menschen ist diese Grünkraft der Schöpfung geschwächt. Sie wird vom Verdorren bedroht und bedarf ständiger Pflege. Doch bleibt sie eine Kraft aus der Güte  Gottes, die in der Lage ist, alles zu erneuern. „Von der Sterblichkeit geht kein Leben aus, sondern Leben besteht eben nur im Leben. Kein Baum grünt ohne Kraft zum Grünen, kein Stein entbehrt der grünen Feuchtigkeit, kein Geschöpf ist ohne diese besondere Eigenkraft, die lebendige Ewigkeit selber ist nicht ohne die Kraft zum Grünen.“27 Der Mensch muss sich immer wieder aus der Enge seines in sich zentrierten Ichs in die Weite führen lassen. Aus der Dürre hin zur grünenden Kraft, die besonders auch dem Gottesgeist zu eigen ist.

Es müsste jetzt eigens noch gezeigt werden, wie die Schöpfung ganz eng mit Jesus Christus verknüpft ist. Im Grunde zielt die Schöpfung auf die Menschwerdung Gottes in Jesus  Christus. Erst von ihm her wird alles wahr, was wir über die Schöpfung sagten. Dazu gehört aber auch die Einsicht, dass die Schöpfung vergänglich ist, aber durch die Auferstehung Jesu Christi und der Menschen gerettet wird. Hildegard blickt immer auch auf diese Vollendung.

„Denn wer den Acker seines Leibes mit Umsicht („discrete“) kultiviert, dem wird  das Hereinbrechen des Endes nicht schaden, weil die Musik des hl. Geistes (symphonia Spiritus Sancti) und ein Leben in Freude (vita laeta) ihn aufnehmen.“28  Auch hier gibt es und zwar  erst recht eine „Symphonia“ der untereinander eng verbundenen Glaubensgeheimnisse. Hier gebraucht Hildegard immer wieder das Bild des Kreises.

Unterhalb und in der Folge dieser tiefen Grundlagen werden Konsequenzen sichtbar, die auch einen hohen praktischen und ethischen Rang haben. Die hl. Hildegard betrachtet mit großer Entschiedenheit unsere Welt als von Gott gut geschaffen. Sie schließt nicht die Augen vor der Sünde und dem Bösen, die viel Zerstörung und Disharmonie in die Schöpfung brachten. Deshalb kommt alles auf die Umkehr des Menschen an. Mit dieser zuversichtlich gestimmten Schöpfungstheologie kämpft Hildegard aber gegen einen in der zeitgenössischen Theologie durchaus spürbaren Einfluss des Neuplatonismus und ganz besonders gegen alle manichäisch- dualistischen Tendenzen, die den Rang der Materie herabsetzen und abwerten. Dies wird bei Hildegard vielleicht am stärksten sichtbar in der sehr positiven Sicht der Leiblichkeit und in einer immer wieder überraschend unbefangen betrachteten Geschlechtlichkeit des  Menschen.

Dies hat bei Hildegard auch Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Mann und Frau.29 Sie denkt zwar in der Beziehung zwischen beiden durchaus konservativ im Sinne einer Unterordnung der Frau unter den Mann. Aber innerhalb dieses Gefüges gibt es doch ganz kräftige korrigierende Akzente. So gibt es eine sonst keineswegs selbstverständliche Gleichrangigkeit der Gottebenbildlichkeit des Mannes und der Frau. Dabei wird auch der menschliche Leib in diese Gesamtwertung einbezogen. Jungfräulichkeit und Mutterschaft werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in einer wechselseitigen Bedingtheit dargestellt. Bei allen Einflüssen Augustins wird die Ehe positiv umschrieben. Die Frau ist bei Hildegard nicht schlechthin schwach, sondern „mollioris roboris“, was man mit „von sanfterer Kraft“ übersetzen könnte, so wie die männliche Stärke durch „mansuetudo“ modifiziert werden muss, also durch Milde.

Dies ist auch der Hintergrund, warum die hl. Hildegard vor allem in ihren älteren Jahren heftig gegen die sogenannten Katharer ankämpft, eine sektenähnliche Bewegung, die zwar aszetisch motivierte Wurzeln hat, aber dennoch zu einer grundsätzlich negativen Bewertung vor allem des geschaffenen Leibes kam. Die schon erwähnten Predigtreisen Hildegards an den Rhein und in den Südwesten sind von der Abwehr dieser dualistisch eingefärbten Bewegung motiviert. Es gibt bei den Katharern eine besonders dramatische Kritik der Ehe, aber auch an dem Status der Frau. Zum Teil stehen wohl bei den Katharerinnen auch sexuelle und  häusliche Gewalterfahrungen im Hintergrund: „Die Ehe hat keinen Wert“; „Frauen sind Dämonen“. Hier wird die hl. Hildegard von ihrer Spiritualität und Theologie her eine heftige Bekämpferin dieser häretischen Bewegung; Hildegard hat bei der Verteidigung des menschlichen Leibes und der geschaffenen Wirklichkeit überhaupt durch ihre Stellung als Ordensfrau eine eigene Glaubwürdigkeit.30

Ich bin gewiss, dass diese Bedeutung der hl. Hildegard für uns heute in vielen Hinsichten noch ergänzt und vor allem vertieft werden kann. Diese Umsetzung kann selten unmittelbar sein. Hildegard bleibt uns bei aller Nähe in manchen Gedanken fremd und bedarf einer sorgfältigen Interpretation. Dann werden wir auch in einer authentischen Weise bereichert. Die nächste Zeit muss nach vielen gründlichen historischen und editorischen Arbeiten dieser Aufgabe gehören. Dabei ist die systematische Theologie in besonderer Weise gefordert. Aber dabei werden wir viel Geduld brauchen (vgl. den geplanten Hildegard-Kongress im Februar/März 2013 in Mainz).

Vielleicht darf am Ende das stehen, was der Chronist über die letzten Lebensjahre der hl. Hildegard berichtet: „Denn es brannte in ihrer Brust eine so gütige Liebe, daß sie keinen aus ihrem Wirkungskreis ausschloss. … Da aber ‚der Brennofen die Gefäße des Töpfers  prüft‘ (Sir 27,6 Vg.) und ‚die Tugendkraft in der Schwäche vollendet wird‘ (2 Kor 12,9), blieb sie etwa seit ihrer Kindheit nicht verschont von häufigen und fast ununterbrochenen schmerzhaften Krankheiten, so dass sie äußerst selten ihre Füße zum Gehen nutzte, und da die gesamte Konstitution ihres Fleisches unbeständig war, war ihr Leben wie das Abbild eines kostbaren Todes. Was aber den Kräften des äußeren Menschen fehlte, das wuchs dem inneren Menschen durch den Geist des Wissens und der Stärke zu, und während ihr Körper verfiel, brauste auf wunderbare Weise die Glut ihres Geistes auf.“31

Der Schluss dieser „Vita“ hebt hervor, dass Hildegard nachdem sie „dem Herrn in zahlreichen schweren  Kämpfen  treu  gedient  hatte  [Lebensüberdruss  ergriff]  und  sie  begehrte täglich, ‚abgelöst zu werden und bei Christus zu sein‘ (Phil 1,23). Gott erhörte ihren Wunsch, und wie sie es selbst zuvor begehrt hatte, offenbarte er ihr im prophetischen Geist ihr Ende, das sie auch ihren Schwestern ankündigte. Nachdem sie sich eine Zeitlang mit ihrer Krankheit abgemüht hatte, wanderte sie also im 82. Jahr ihres Lebens am 17. September in  glücklichem Heimgang zu ihrem himmlischen Bräutigam.“32

 

IV. Dank an den Heiligen Vater 

Vielen gebührt Dank. Der größte Dank gehört Papst Benedikt XVI. für seinen Mut, die hl. Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin zu erheben. Vielleicht wird seine Einstellung zu ihr aus einem kleinen Grußwort gut erkennbar, das er 1994 an Tagungsteilnehmer eines Internationalen Hildegard Symposions gerichtet hat, zu dem er eingeladen war: „Gerne hätte ich die Einladung angenommen, zu Ihrer Tagung über Hildegard von Bingen zu kommen, zumal mich die Gestalt dieser Frau von Jugend an fasziniert hat. Mein Interesse war zu Beginn der vierziger Jahre durch den damals populären Roman von Hünermann ‚Das lebendige Licht‘ geweckt worden; dieser erste Zugang ermutigte mich später, der Quelle dieses Lichtes ein wenig mehr nachzugehen, auch wenn ich leider nie zu eigentlichen Hildegard-Studien die Zeit gefunden habe. Heute steht Hildegard in ihrer ganzen kühnen Universalität vor uns. Wir fühlen uns angesprochen durch ihre liebevolle Zuwendung zu den heilenden Kräften der Schöpfung wie durch ihre vielseitige künstlerische Begabung; vor  allem aber durch ihre eindringliche Glaubensverkündigung; sie ist uns daher nahe als eine Frau, die Christus in seiner Kirche liebte, aber nichts von Weltfremdheit oder Ängstlichkeit zeigt, sondern gerade von ihrer Berührung mit dem Geheimnis Gottes her ihrer Zeit das rechte Wort furchtlos und frei zu sagen vermochte. In der Krise des Menschenbildes, die wir durchschreiten,  hat  Hildegard  Wesentliches  zu  sagen.  So  wünsche  ich  Ihnen  fruchtbare Gespräche, damit die Botschaft Hildegards in ihrer unverblassten Aktualität neu gehört und verstanden wird.“33

 

Nachtrag: Nach Abschluss des Textes sei noch verwiesen auf: Hildegard von Bingen. Heilige und Kirchenlehrerin, hrsg. von R. Berndt SJ = Arbeitshilfen 258, Bonn 2012; A. Card.  Amato, Santa Ildegarda di Bingen, Vaticano 2012; hingewiesen sei auch auf die Beilage „donne – chiesa – mondo“ des L´Osservatore Romano, Nr. 4, August/September 2012, darin besonders die Beiträge von Cr. Dobner, L. Scaraffi, M. Veladiano u.a., 1-4.

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  1. K. Lehmann, Heiligkeit des Lebens und Tiefe der Lehre, in: W. Wilhelmy (Hg.), Heilige Hildegard von Bingen, Ausstellungskatalog, Mainz 2012, 8-15, 104f.; vgl. die Beiträge von H. Hinkel zum „Nachleben“ und von A. Lempges / Cl. Sticher zum Verständnis der Visionen, ebd., 40-54; 16-39.
  2. Benedikt XVI., Heilige und Selige. Große Frauengestalten des Mittelalters, Vatikan/Illertissen 2011, 19, vgl. auch 24
  3. Dabei sei nicht vergessen, dass man die Reste des Rupertsberg-Klosters 1857 beim Bau der Eisenbahn in Bingen
  4. Hildegard von Bingen, Briefwechsel, von A. Führkötter, 2. Auflage, Salzburg 1990, 227.
  5. Ebd.
  6. Wisse die Wege (Neuübersetzung M. Heieck), 2. Auflage, Beuron 2012, 17.
  7. Vgl. J. Fried, Das Mittelalter, 2. Auflage, München 2009, 352 f.
  8. Vgl. den immer noch sehr lesenswerten Beitrag von M. Böckeler, „Der einfältige Mensch“. – Hildegard von Bermersheim, in: Hildegard von Bingen, Wisse die Wege. Scivias. Nach dem Originaltext ins Deutsche übertragen und bearbeitet von M. Böckeler, Salzburg 1954, 361-387.
  9. Vgl. nun die vollständige Ausgabe: Im Feuer der Taube, hrsg. von W. Storch, Augsburg 1997.
  10. M. Böckeler, Wisse die Wege, 387.
  11. So nach Hildegard von Bingen, Symphonia. Gedichte und Gesänge. Lateinisch und deutsch von W. Berschin und H. Schipperges, Heidelberg 1995, Darmstadt 2004 (Edition Lambert Schneider), 222; H. Schipperges, Hildegard von Bingen, 3. Auflage, München 1997, 33.
  12. Wisse die Wege, 387.
  13. Zur Bibliografie insgesamt: Hildegard von Bingen. Internationale wissenschaftliche Bibliografie, hrsg. von M.-A. Aris u.a., Mainz 1998.
  14. Borst, Das Buch der Naturgeschichte, Heidelberg 1994,
  15. Stuttgart 1986
  16. Stuttgart 2000, 277-281.
  17. Vgl. z.B. ebd., 278.
  18. Vgl. W. Schmidt-Biggemann, Philosophia perennis, Frankfurt 1998, 241 ff.; L. Sturlese, Die deutsche Philosophie im Mittelalter, München 1993, 204 ff.; Th. Kobusch, Die Philosophie des Hoch- und Spätmittelalters, München 2011, 359 ff.G.
  19. Vgl. Wieland, Symbolische und rationale Vernunft, in: A. Haverkamp (Hg.), Friedrich Barbarossa = Vorträge und Forschungen XI, Sigmaringen 1992, 533-549, 543 ff.; differenzierter K. Bahlmann/M. Dreyer, Wissensarchitekturen oder der Aufstieg zur Weisheit, in: K. Bahlmann u.a. (Hg.), Gewusst wo? Wissen schafft Räume, Berlin 2008, 3-16.
  20. Vgl. R. Zimmermann (Hg.), Bildersprache verstehen, München 2000.
  21. Vgl. Vidi et intellexi. Die Schrifthermeneutik in der Visionstrilogie Hildegards von Bingen, Münster 2012, Literatur: 325-356.
  22. In aller Kürze vgl. Symphonia, 225.
  23. Vgl. Buch der Lebensverdienste, III, 1-2: Der Mensch in der Verantwortung (Liber Vitae meritorum), Salzburg 1972, 133.
  24. H. Schipperges in dem schon zitierten Buch Symphonia, 3 ff., 222 ff., vgl. 205.
  25. Ebd., 12.
  26. Ebd., 13.
  27. D. Sölle, O Grün des Fingers Gottes. Die Meditationen der Hildegard von Bingen, Wuppertal 1989, 57 f.
  28. Symphonia 12; Chr. Meier, Die Bedeutung der Farben im Werk Hildegards von Bingen, in: Frühmittelalterliche Studien 6 (1972), 245-355; A. Bäumer, Wisse die Wege, Frankfurt 1998, 332 ff. u.ö.; G. Lautenschläger, „Viriditas“, in: E. Forster (Hg.), Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten, Freiburg i. Br. 1997, 224-337
  29. Vgl. E. Gössmann, Hildegard von Bingen. Versuche einer Annäherung, München 1995; A. Bäumer, Wisse die Wege, 237; H. Schipperges, Hildegard von Bingen, 50ff.; B. Newman, Hildegard von Bingen, Freiburg i. Br. 1995, 153 ff., 171 ff., 292 ff.
  30. Vgl. dazu  A.  Borst,  Die  Katharer,  Freiburg  1991;  ders.,  Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters, München 1988; ders., Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt 1979 (Ullstein-Sachbuch); U. Bejick, Die Katharerinnen, Freiburg i.Br. 1993; vgl. auch H. Grundmann, Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche in ihrer Geschichte. Ein Handbuch, Band II, Göttingen 1963; ders. Religiöse Bewegungen im Mittelalter, 3. Aufl., Darmstadt 1970
  31. Vita Sanctae Hildegardis. Leben der Heiligen Hildegard von Bingen. Canonizatio Sanctae Hildegardis. Kanonisation der Heiligen Hildegard, übersetzt und eingeleitet von M. Klaes = Fontes Christiani 29, Freiburg i.Br. 1998, 90 f.
  32. Ebd., 231
  33. Schmidt (Hg.), Tiefe des Gotteswissens – Schönheit der Sprachgewalt bei Hildegard von Bingen, Stuttgart 1995, VII.

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Quelle

DIE HEILIGE HILDEGARD VON BINGEN ZUR KIRCHENLEHRERIN ERNANNT

Die heilige Hildegard von Bingen

APOSTOLISCHES SCHREIBEN

Die heilige Hildegard von Bingen,
Nonne des Ordens des heiligen Benedikt,
wird zur Kirchenlehrerin ernannt

BENEDIKT PP. XVI
Zum ewigen Gedächtnis

 

1. »Licht ihres Volkes und ihrer Zeit«: Mit diesen Worten bezeichnete Unser ehrwürdiger Vorgänger, der sel. Johannes Paul II., die hl. Hildegard von Bingen im Jahr 1979 anläßlich des 800. Todestages der deutschen Mystikerin. Und tatsächlich hebt sich vor dem Horizont der Geschichte diese große Frauengestalt durch die Heiligkeit ihres Lebens und die Originalität ihrer Lehre ab. Ja, wie bei jeder echten menschlichen und theologalen Erfahrung reicht ihr Ansehen weit über die Grenzen einer Epoche und einer Gesellschaft hinaus, und ungeachtet der zeitlichen und kulturellen Distanz erweist sich ihr Denken von bleibender Aktualität.

In der hl. Hildegard von Bingen offenbart sich eine außergewöhnliche Harmonie zwischen Lehre und täglichem Leben. In ihr kommt die Suche nach dem Willen Gottes in der Nachfolge Christi als eine ständige Übung der Tugenden zum Ausdruck, die sie mit höchster Großherzigkeit übt und die sie aus den biblischen, liturgischen und patristischen Wurzeln im Licht der Regel des hl. Benedikt nährt: In ihr erstrahlt auf besondere Weise ihre beharrliche Übung des Gehorsams, der Einfachheit, der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft. Die Benediktiner-Äbtissin versteht es, in diesen Willen zur vollkommenen Zugehörigkeit zum Herrn ihre ungewöhnlichen menschlichen Gaben, ihren scharfen Verstand und ihre Fähigkeit zur Durchdringung der himmlischen Wirklichkeit einzubringen.

2. Hildegard wurde 1089 in Bermersheim bei Alzey geboren; ihre Eltern waren vermögende adelige Großgrundbesitzer. Im Alter von acht Jahren wurde sie als Oblatin in der Benediktinerinnenabtei Disibodenberg aufgenommen, wo sie 1115 die Ordensprofeß ablegte. Nach dem Tod von Jutta von Sponheim um 1136 wurde Hildegard zu ihrer Nachfolgerin als magistra, Meisterin, ernannt. Von schwacher physischer Gesundheit, aber mit einem starken Geist ausgestattet, bemühte sie sich mit besonderer Sorgfalt um eine angemessene Erneuerung des Ordenslebens. Grundlage ihrer Spiritualität war die benediktinische Ordensregel, welche die spirituelle Ausgewogenheit und die asketische Mäßigung als Wege zur Heiligkeit aufzeigt. Infolge des zahlenmäßigen Zuwachses von Nonnen, der vor allem dem hohen Ansehen ihrer Person zuzuschreiben war, gründete sie um das Jahr 1150 auf einem Hügel – dem Rupertsberg bei Bingen – ein Kloster, wohin sie mit 20 Mitschwestern übersiedelte.

1165 errichtete sie in Eibingen, auf der anderen Seite des Rheins, ein weiteres Kloster. Sie war Äbtissin beider Klöster. Innerhalb der Klostermauern kümmerte sie sich um das geistliche und materielle Wohl der Mitschwestern, indem sie im besonderen das Gemeinschaftsleben, die Kultur und die Liturgie förderte. Außerhalb des Klosters bemühte sie sich aktiv um die Stärkung des christlichen Glaubens und die Festigung der religiösen Praxis, indem sie den häretischen Tendenzen der Katharer entgegentrat, mit ihren Schriften und der Predigt die Reform der Kirche förderte und zur Besserung der Disziplin und der Lebensführung des Klerus beitrug. Auf Einladung zuerst von Hadrian IV. und dann von Alexander III. übte Hildegard ein fruchtbares Apostolat aus – zur damaligen Zeit keineswegs üblich für eine Frau –, unternahm mehrere Reisen, die nicht ohne Gefahren und Schwierigkeiten waren, um sogar auf öffentlichen Plätzen und in verschiedenen Kathedralen zu predigen, wie unter anderem in Köln, Trier, Lüttich, Mainz, Metz, Bamberg und Würzburg. Die in ihren Schriften gegenwärtige tiefe Spiritualität übt einen beträchtlichen Einfluß sowohl auf die Gläubigen wie auf große Persönlichkeiten ihrer Zeit aus, indem sie sie in eine wirksame Erneuerung der Theologie, der Liturgie, der Naturwissenschaften und der Musik einbezieht. Nachdem Hildegard im Sommer 1179 von einer schweren Krankheit befallen worden war, starb sie im Kreise ihrer Mitschwestern, im Ruf der Heiligkeit am 17. September 1179 im Kloster von Rupertsberg bei Bingen.

3. In ihren zahlreichen Schriften widmete sich Hildegard ausschließlich der Darlegung der göttlichen Offenbarung und der Verkündigung Gottes in der Klarheit seiner Liebe. Hildegards Lehre gilt sowohl wegen der Tiefe und Korrektheit ihrer Auslegungen als auch wegen der Originalität ihrer Sichtweisen als herausragend. Die von ihr verfaßten Texte scheinen von einer echten »intellektuellen Liebe« beseelt zu sein und verdeutlichen die Dichte und Frische in der kontemplativen Betrachtung des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Menschwerdung, der Kirche, der Menschheit, der Natur, die als Geschöpf Gottes geschätzt und respektiert werden soll.

Diese Werke entstehen aus einer tiefen mystischen Erfahrung und bieten eine einprägsame Reflexion über das Geheimnis Gottes. Der Herr hatte sie bereits als Kind an einer Reihe von Visionen teilhaben lassen, von deren Inhalt sie dem Mönch Volmar, ihrem Sekretär und geistlichen Berater, und einer Mitschwester, der Nonne Richardis von Stade, erzählte. Aber besonders erhellend ist das Urteil des hl. Bernhard von Clairvaux, der ihr Mut machte, und vor allem jenes von Papst Eugen III., der sie 1147 dazu ermächtigte, zu schreiben und in der Öffentlichkeit zu reden. Das theologische Nachdenken erlaubt es Hildegard, den Inhalt ihrer Visionen zu thematisieren und wenigstens teilweise zu begreifen. Außer Bücher über Theologie und Mystik verfaßte sie auch Werke zu Medizin und Naturwissenschaften. Sehr zahlreich sind auch die von ihr hinterlassenen Briefe – ungefähr 400 –, die sie an einfache Menschen, an Ordensgemeinschaften, an Päpste, Bischöfe und weltliche Autoritäten ihrer Zeit gerichtet hat. Sie war auch Komponistin geistlicher Musik. Die Sammlung ihrer Schriften läßt sich hinsichtlich des Umfangs, der Qualität und der Vielfalt von Interessen mit keiner anderen Autorin des Mittelalters vergleichen.

Die Hauptwerke sind: Scivias (Wisse die Wege), Liber vitae meritorum (Buch der Verdienste des Lebens) und Liber divinorum operum (Buch der göttlichen Werke). Alle erzählen von ihren Visionen und von dem vom Herrn erhaltenen Auftrag, sie niederzuschreiben. Keine geringere Bedeutung haben im Bewußtsein der Verfasserin die Briefe, die von Hildegards Aufmerksamkeit für das Geschehen ihrer Zeit Zeugnis geben, das sie im Licht des göttlichen Geheimnisses deutet. Dazu kommen 58 Predigten, die ausschließlich an ihre Mitschwestern gerichtet sind. Es handelt sich um Expositiones evangeliorum, also Auslegungen der Evangelien, die einen wörtlichen und moralischen Kommentar zu den für die Hauptfeste des Kirchenjahres vorgesehenen Abschnitten der Evangelien enthalten.

Die Arbeiten künstlerischen und wissenschaftlichen Charakters konzentrieren sich in besonderer Weise auf die Musik, mit der Symphonia armoniae caelestium revelationum; auf die Medizin mit dem Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum und mit der Schrift Causae et curae; über die Naturwissenschaften mit der Physica. Schließlich sind auch Schriften sprachwissenschaftlichen Charakters zu nennen, wie die Lingua ignota und die Litterae ignotae, in denen Worte in einer unbekannten, von ihr erfundenen Sprache aufscheinen, die aber vorwiegend aus in der deutschen Sprache vorhanden Phonemen zusammengesetzt sind. Die von einem originellen und ausdrucksstarken Stil gekennzeichnete Sprache Hildegards greift gern zu poetischen Ausdrücken von starker Symbolkraft, mit treffenden Eingebungen, einprägsamen Analogien und beeindruckenden Metaphern.

4. Mit scharfsinniger, weiser und prophetischer Sensibilität richtet Hildegard den Blick auf das Ereignis der Offenbarung. Ihre Untersuchung entwickelt sich von dem biblischen Ereignis her, mit dem sie in den nachfolgenden Phasen fest verankert bleibt. Der Blick der Mystikerin aus Bingen beschränkt sich nicht darauf, einzelne Fragen anzugehen, sondern sie will eine Synthese des ganzen christlichen Glaubens bieten. In ihren Visionen und in der anschließenden Reflexion faßt sie deshalb die Heilsgeschichte vom Beginn des Universums bis zum Jüngsten Tag zusammen. Die Entscheidung Gottes, das Schöpfungswerk zu vollbringen, ist der erste Abschnitt dieses immensen Weges, der im Licht der Heiligen Schrift von der Errichtung der himmlischen Hierarchie bis zum Fall der Engel und zum Sündenfall der Stammeltern verläuft. Auf dieses Bild vom Anfang folgt die erlösende Menschwerdung des Gottessohnes, das Wirken der Kirche, das in der Zeit das Geheimnis der Menschwerdung fortsetzt, und der Kampf gegen Satan. Die endgültige Ankunft des Reiches Gottes und das Jüngste Gericht  werden die Krönung dieses Werkes sein.

Hildegard stellt sich selbst und uns die grundsätzliche Frage, ob es möglich ist, Gott zu erkennen: das ist die grundlegende Aufgabe der Theologie. Ihre Antwort ist ganz positiv: Der Mensch ist imstande, sich dieser Erkenntnis durch den Glauben wie durch eine Tür zu nähern. Dennoch bewahrt Gott immer seinen Nimbus des Geheimnisses und der Unergründlichkeit. Er wird erkennbar in der Schöpfung, aber diese wird ihrerseits nicht voll erkannt, wenn sie von Gott getrennt wird. Denn die Natur, an sich betrachtet, liefert nur Teilinformationen, die nicht selten Anlaß zu Irrtümern und Mißbrauch sind. Deshalb braucht es auch in der Dynamik der natürlichen Erkenntnis den Glauben, andernfalls ist die Erkenntnis eingeschränkt, unbefriedigend und irreführend. Die Schöpfung ist ein Akt der Liebe, durch den die Welt aus dem Nichts hervorgehen kann: Deshalb wird die ganze Schar der Geschöpfe wie der Lauf eines Flusses von der göttlichen Liebe durchströmt. Unter allen Geschöpfen liebt Gott besonders den Menschen und verleiht ihm eine außerordentliche Würde, indem er ihm jene Glorie schenkt, welche die gefallenen Engel verloren haben. So kann die Menschheit als der zehnte Chor der Engelshierarchie angesehen werden. Der Mensch vermag allerdings, Gott in sich selbst, das heißt sein Wesen als Individuum in der Dreifaltigkeit der göttlichen Personen, zu erkennen.

Hildegard nähert sich dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit auf der bereits vom hl. Augustinus vorgeschlagenen Linie: Durch Ähnlichkeit mit seiner Struktur als Vernunftwesen ist der Mensch imstande, wenigstens ein Bild von der innersten Wirklichkeit Gottes zu erhalten. Aber erst im Plan der Menschwerdung und der menschlichen Geschichte des Gottessohnes wird dieses Geheimnis dem Glauben und dem Bewußtsein des Menschen zugänglich. Die heilige und unaussprechliche Dreifaltigkeit in der höchsten Einheit blieb den Knechten des alten Gesetzes verborgen. Aber in der neuen Gnade wurde es den von der Knechtschaft Befreiten enthüllt.

Die Dreifaltigkeit ist in besonderer Weise am Kreuz des Sohnes offenbar geworden. Ein zweiter »Ort«, an dem sich Gott zu erkennen gibt, ist sein in den Büchern des Alten und des Neuen Testaments enthaltenes Wort. Eben deshalb, weil Gott »spricht«, ist der Mensch zum Hören aufgerufen. Diese Auffassung gibt Hildegard die Gelegenheit, ihre Lehre über den Gesang, besonders den liturgischen Gesang, darzulegen. Der Klang des Gotteswortes schafft Leben und offenbart sich in den Geschöpfen. Auch die nicht mit Vernunft ausgestatteten Wesen werden dank des Schöpfungswortes in die schöpferische Dynamik einbezogen. Aber natürlich ist der Mensch das Geschöpf, das mit seiner Stimme auf die Stimme des Schöpfers antworten kann. Und er kann das hauptsächlich auf zwei Weisen tun: in voce oris – mit der Stimme des Mundes, das heißt in der Feier der Liturgie – und in voce cordis, mit der Stimme des Herzens, das heißt durch ein tugendhaftes und heiligmäßiges Leben. Das ganze menschliche Leben kann daher als eine Harmonie und eine Symphonie interpretiert werden.

5. Hildegards Anthropologie geht vom biblischen Bericht über die Erschaffung des Menschen nach dem Abbild und Gleichnis Gottes (Gen 1,26) aus. Nach der auf die Bibel gegründeten Kosmologie Hildegards enthält der Mensch alle Elemente der Welt, weil in ihm, der aus derselben Materie wie die Schöpfung geformt ist, das gesamte Universum zusammengefaßt ist. Deshalb kann er bewußt zu Gott in Beziehung treten. Das geschieht nicht durch eine direkte Schau, sondern nach dem berühmten Pauluswort »wie in einem Spiegel« (1 Kor 13,12). Das göttliche Bild im Menschen besteht in seiner Vernunftbegabtheit, die in Verstand und Willen gegliedert ist. Dank des Verstandes ist der Mensch dazu fähig, gut und böse zu unterscheiden, dank des Willens wird er zum Handeln angespornt. Der Mensch wird als Einheit von Leib und Seele gesehen. Bei der deutschen Mystikerin stellt man eine positive Wertschätzung der Leiblichkeit fest, und auch in den Zeichen der Gebrechlichkeit, die der Leib aufweist, vermag sie einen von der Vorsehung bestimmten Wert zu erfassen: Der Leib ist nicht eine Last, von der man sich befreien muß, und selbst wenn er schwach und gebrechlich ist, »erzieht« er den Menschen zum Sinn für die Kreatürlichkeit und Demut, indem er ihn vor dem Hochmut und der Arroganz schützt. In einer Vision erschaut Hildegard die Seelen der Seligen des Paradieses, die darauf warten, sich wieder mit ihren Leibern zu vereinigen.

Denn wie beim Leib Christi werden auch unsere Körper durch eine tiefgreifende Umgestaltung für das ewige Leben auf die glorreiche Auferstehung ausgerichtet. Die Gottesschau, in der das ewige Leben besteht, kann ohne den Leib nicht endgültig erreicht werden. Der Mensch existiert in der Gestalt des Mannes und der Frau. Hildegard erkennt, daß in dieser Seinsstruktur des menschlichen Zustands eine Beziehung der Gegenseitigkeit und eine wesentliche Gleichheit zwischen Mann und Frau ihre Wurzel hat. Im Menschsein wohnt jedoch auch das Geheimnis der Sünde, und diese tritt zum ersten Mal in der Geschichte gerade in dieser Beziehung zwischen Adam und Eva zutage. Im Unterschied zu anderen mittelalterlichen Autoren, die die Ursache für den Sündenfall in der Schwäche Evas sahen, begreift Hildegard sie vor allem aus Adams maßloser Leidenschaft für Eva.

Auch in seinem Zustand als Sünder bleibt der Mensch weiterhin zum Empfänger der Liebe Gottes bestimmt, weil diese Liebe bedingungslos ist und nach dem Sündenfall das Antlitz der Barmherzigkeit annimmt. Selbst die Bestrafung, die Gott dem Mann und der Frau auferlegt, läßt die barmherzige Liebe des Schöpfers zum Vorschein kommen. In diesem Sinn ist die zutreffendste Beschreibung des Geschöpfes die eines Wesens, das unterwegs ist, eines homo viator. Auf dieser Pilgerschaft zur ewigen Heimat ist der Mensch zu einem Kampf aufgerufen, um ständig das Gute wählen und das Böse vermeiden zu können.

Die ständige Wahl des Guten bringt ein tugendhaftes Dasein hervor. Der Mensch gewordene Gottessohn ist der Träger aller Tugenden, weshalb die Nachahmung Christi in einem tugendhaften Leben in der Gemeinschaft mit Christus besteht. Die Kraft der Tugenden stammt von dem in die Herzen der Gläubigen ausgegossenen Heiligen Geist, der ein ständig tugendhaftes Verhalten möglich macht: Das ist das Ziel des menschlichen Daseins. Auf diese Weise erfährt der Mensch seine nach Christus gestaltete Vollkommenheit.

6. Um dieses Ziel erreichen zu können, hat der Herr seiner Kirche die Sakramente geschenkt. Das Heil und die Vollkommenheit des Menschen erfüllen sich nämlich nicht allein durch eine Willensanstrengung des Menschen, sondern durch die Gnadengabe, die Gott in der Kirche gewährt. Die Kirche selbst ist das erste Sakrament, das Gott in die Welt stellt, damit er den Menschen das Heil mitteilt. Sie ist das »aus den lebenden Seelen errichtete Gebäude« und kann mit Recht als Jungfrau, Braut und Mutter angesehen werden und wird daher in engen Vergleich mit der historischen und mystischen Gestalt der Muttergottes gestellt. Die Kirche vermittelt das Heil vor allem durch Verkündigung der zwei großen Geheimnisse der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung – gleichsam der zwei »wichtigsten Sakramente« – und dann durch die Verwaltung der anderen Sakramente. Der Höhepunkt des sakramentalen Charakters der Kirche ist die Eucharistie.

Die Sakramente sorgen für die Heiligung der Gläubigen, für die Rettung und Läuterung von den Sünden, für die Erlösung, für die Liebe und für alle anderen Tugenden. Aber noch immer lebt die Kirche, weil in ihr Gott seine innertrinitarische Liebe zum Ausdruck bringt, die in Christus offenbar geworden ist. Der Herr Jesus ist der Mittler schlechthin. Aus dem dreifaltigen Schoß kommt er dem Menschen und aus dem Schoß Mariens kommt er Gott entgegen: Als Sohn Gottes ist er die fleischgewordene Liebe, als Sohn Mariens ist er der Vertreter der Menschheit vor dem Thron Gottes.

Der Mensch kann schließlich sogar Gott erfahren. Die Beziehung zu ihm erschöpft sich nämlich nicht im bloßen Bereich des rationalen Denkens, sondern bezieht die ganze Person mit ein. Alle äußeren und inneren Sinne des Menschen sind an der Gotteserfahrung beteiligt: »Homo autem ad imaginem et similitudinem Dei factus est, ut quinque sensibus corporis sui operetur; per quos etiam divisus non est, sed per eos est sapiens et sciens et intellegens opera sua adimplere. […] Sed et per hoc, quod homo sapiens, sciens et intellegens est, creaturas conosci; itaque per creaturas et per magna opera sua, quae etiam quinque sensibus suis vix comprehendit, Deum cognoscit, quem nisi in fide videre non valet« [»Der Mensch ist nämlich nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen worden, damit er durch die fünf Sinne seines Leibes handle; dank ihrer ist er nicht abgetrennt und ist imstande zu erkennen, zu verstehen und zu begreifen, was er tun soll (…), und eben dadurch, das heißt aufgrund der Tatsache, daß der Mensch intelligent ist, erkennt er die Geschöpfe und durch die Geschöpfe und die großen Werke, die mit seinen fünf Sinnen zu verstehen ihm mühsam gelingt, kennt er Gott, jenen Gott, der nur mit den Augen des Glaubens gesehen werden kann«] (Explanatio Symboli Sancti Athanasii: PL 197,1066). Dieser Erfahrungsweg findet seine Erfüllung wiederum in der Teilnahme an den Sakramenten. Hildegard sieht auch die im Leben der einzelnen Gläubigen vorhandenen Widersprüche und prangert die am meisten beklagenswerten Situationen an. In besonderer Weise hebt sie hervor, daß der Individualismus in Lehre und Praxis sowohl der Laien wie der geweihten Personen ein Ausdruck von Hochmut ist und das Haupthindernis für den Evangelisierungsauftrag unter den Nichtchristen darstellt.

Einer der Höhepunkte von Hildegards Lehre ist die klare Aufforderung zur Tugendhaftigkeit gerade an jene, die in einem geweihten Stand leben. Ihr Verständnis des geweihten Lebens ist eine wahre »theologische Metaphysik«, weil es fest in der theologischen Tugend des Glaubens wurzelt, die Quelle und ständige Motivation dafür ist, sich gründlich in Gehorsam, Armut und Keuschheit zu engagieren. In der Verwirklichung der evangelischen Räte teilt die geweihte Person die Erfahrung des armen, keuschen und gehorsamen Christus und folgt im täglichen Leben seinen Spuren. Das ist das Wesensmerkmal des geweihten Lebens.

7. Die herausragende Lehre Hildegards spiegelt die Lehre der Apostel, die Literatur der Kirchenväter und die Werke von Autoren ihrer Zeit wider, während sie in der Regel des hl. Benedikt von Nursia einen ständigen Bezugspunkt findet. Die klösterliche Liturgie und die Verinnerlichung der Heiligen Schrift stellen die Leitlinien ihres Denkens dar, das sich auf das Geheimnis der Menschwerdung konzentriert und zugleich in einer tiefen stilistischen und inhaltlichen Einheit zum Ausdruck kommt, die alle ihre Schriften durchzieht.

Die Lehre der heiligen Benediktinerin stellt sich als ein Wegweiser für den homo viator dar. Ihre Botschaft erscheint außerordentlich aktuell in der heutigen Welt, die für das Gesamtbild der von ihr vorgeschlagenen und gelebten Werte besonders empfänglich ist. Wir denken zum Beispiel an Hildegards charismatische und spekulative Fähigkeit, die wie ein lebendiger Ansporn zur theologischen Forschung erscheint; an ihr Nachdenken über das in seiner Schönheit betrachtete Geheimnis Christi; an den Dialog der Kirche und der Theologie mit der Kultur, der Wissenschaft und der zeitgenössischen Kunst; an das Ideal des geweihten Lebens als Möglichkeit menschlicher Verwirklichung; an die Aufwertung der Liturgie als Feier des Lebens; an die Idee einer Reform der Kirche, nicht als sterile Veränderung der Strukturen, sondern als Umkehr des Herzens; an ihre Feinfühligkeit für die  Natur, deren Gesetze zu schützen sind und nicht verletzt werden dürfen.

Daher hat die Zuerkennung des Titels Kirchenlehrerin der Gesamtkirche an Hildegard von Bingen große Bedeutung für die heutige Welt und außerordentliche Bedeutung für die Frauen. In Hildegard kommen die edelsten Werte der Fraulichkeit zum Ausdruck: Deshalb werden von ihrer Gestalt her auch die Anwesenheit der Frau in der Kirche und in der Gesellschaft aus der Sicht sowohl der wissenschaftlichen Forschung wie des pastoralen Wirkens beleuchtet. Ihre Fähigkeit, zu denen zu sprechen, die dem Glauben und der Kirche fernstehen, machen Hildegard zu einer glaubwürdigen Zeugin der Neuevangelisierung. Kraft des Rufes der Heiligkeit und ihrer herausragenden Lehre hat am 8. März 1979 Kardinal Joseph Höffner, Erzbischof von Köln und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zusammen mit den Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen dieser Konferenz, der damals auch Wir als Kardinalerzbischof von München und Freising angehörten, dem sel. Johannes Paul II. die Bitte unterbreitet, daß Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erklärt werden möge. In der Bittschrift hob der hochwürdigste Purpurträger die im 12. Jahrhundert von Papst Eugen III. anerkannte Rechtgläubigkeit von Hildegards Lehre, ihre ständig ausgewiesene und vom Volk gefeierte Heiligkeit sowie das Ansehen ihrer Traktate hervor. Zu diesem Ersuchen der Deutschen Bischofskonferenz sind im Laufe der Jahre weitere hinzugekommen, als erstes jenes der Nonnen des nach ihr benannten Klosters von Eibingen. Zu dem gemeinsamen Wunsch des Gottesvolkes, Hildegard sollte offiziell als heilig ausgerufen werden, ist dann die Bitte hinzugekommen, sie möge auch zur »Kirchenlehrerin der Gesamtkirche« ausgerufen werden.

Mit Unserer Zustimmung bereitete deshalb die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse sorgfältig eine Positio super canonizatione et concessione tituli Doctoris Ecclesiae universalis für die Mystikerin aus Bingen vor. Da es sich um eine angesehene Lehrmeisterin der Theologie handelt, der viele und angesehene Studien gewidmet wurden, haben wir die von Artikel 73 der Apostolischen Konstitution Pastor bonus vorgesehene Dispens gewährt. Der Fall wurde also von den bei der Plenarsitzung am 20. März 2012 versammelten Kardinälen und Bischöfen unter Vorsitz des Referenten des Falles, des hochwürdigsten Herrn Kardinals Angelo Amato, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, mit einstimmig positivem Ausgang geprüft. In der Audienz vom 10. Mai 2012 hat uns Kardinal Amato selbst detailliert über den status quaestionis und über die einhellige Zustimmung der Bischöfe bei der erwähnten Plenarsitzung der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse informiert.

Am 27. Mai 2012, dem Pfingstsonntag, hatten wir die Freude, auf dem Petersplatz der Menge der aus der ganzen Welt zusammengeströmten Pilger die Nachricht mitzuteilen, daß zu Beginn der Versammlung der Bischofssynode und am Vorabend des »Jahres des Glaubens« der heiligen Hildegard von Bingen und dem heiligen Johannes von Avila der Titel Kirchenlehrer zuerkannt wird. Das ist also heute mit Gottes Hilfe und unter dem Beifall der ganzen Kirche geschehen. Auf dem Petersplatz haben wir in Anwesenheit vieler Kardinäle und Bischöfe der Römischen Kurie und der katholischen Kirche, indem wir das Vollbrachte bestätigten, und mit großer Freude über die Befriedigung der Wünsche der Bittsteller, während des eucharistischen Opfers folgende Worte gesprochen: »Indem wir den Wunsch vieler Brüder im Bischofsamt und vieler Gläubigen der ganzen Welt annehmen, nachdem wir das Gutachten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse erhalten und lange darüber nachgedacht haben und zu einer vollen und sicheren Überzeugung gelangt sind, erklären wir mit der vollen apostolischen Autorität den hl. Johannes von Avila, Weltpriester, und die hl. Hildegard von Bingen, Nonne des Ordens des hl. Benedikt, zu Kirchenlehrern. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Das beschließen und ordnen Wir an, indem Wir festlegen, daß dieses Schreiben immer sicher, gültig und wirksam sei und bleibe und daß es seine vollen und unverkürzten Wirkungen erziele und erreiche, und daß man es dementsprechend beurteile und definiere. Außerdem wird entschieden und festgelegt, daß es vergeblich und zwecklos ist, hieran bewußt oder unbewußt etwas zu ändern, gleich von welcher Seite es ausgehen mag und mit welcher Autorität auch immer.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, mit dem Siegel des Fischers, am 7. Oktober 2012, dem achten Jahr Unseres Pontifikats.

BENEDIKT PP. XVI

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