Schlüsselworte für die Europäische Union: Kreativität und Fruchtbarkeit

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Apostolische Reise von Papst Franziskus nach Armenien

Auf dem Rückflug von Jerewan nach Rom fand die übliche Pressekonferenz mit dem Heiligen Vater und den mitreisenden Journalisten statt. Pater Lombardi, der Pressesprecher des Heiligen Stuhls, sagte als Einleitung:

Heiliger Vater, danke, dass Sie am Ende dieser ziemlich kurzen aber sehr intensiven Reise hier sind. Es war uns eine Freude, Sie zu begleiten, und jetzt möchten wir Ihnen wie gewöhnlich noch ein paar Fragen stellen, indem wir von Ihrer Liebenswürdigkeit profitieren. Wir haben eine Liste von denen, die ihre Wortmeldung vorgemerkt haben, und wir können wie üblich mit den Kollegen aus Armenien beginnen, weil wir ihnen den Vortritt lassen. Der erste ist Arthur Grygorian vom öffentlichen armenischen Fernsehen.

Papst Franziskus: Guten Abend! Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe auf dieser Reise und für all Ihre Arbeit, die den Menschen gut tut: Dinge gut vermitteln, das bedeutet gute Nachrichten, und gute Nachrichten tun immer gut. Vielen Dank!

(Arthur Grygorian, auf Englisch)
Heiliger Vater, es ist bekannt, dass Sie armenische Freunde haben. Sie hatten bereits Kontakte zu den armenischen Gemeinden in Argentinien. In den letzten drei Tagen sind Sie schließlich sozusagen in unmittelbare Berührung mit dem armenischen Geist gekommen. Was sind Ihre Gefühle, Ihre Eindrücke, und was ist Ihre Botschaft für die Zukunft, was sind Ihre Gebete für uns Armenier?

Papst Franziskus: Gut, denken wir an die Zukunft und kommen dann zur Vergangenheit. Ich wünsche diesem Volk Gerechtigkeit und Frieden. Und ich bete dafür, denn es ist ein mutiges Volk. Und ich bete, dass es Gerechtigkeit und Frieden finden möge. Ich weiß, dass viele dafür arbeiten. Und ich war in der vergangenen Woche auch sehr froh, als ich ein Foto von Präsident Putin und den beiden Präsidenten von Armenien und Aserbaidschan gesehen habe: Sie sprechen wenigstens miteinander. Und auch mit der Türkei: Der Präsident der [armenischen] Republik hat in seiner Willkommensrede deutlich gesprochen. Er hat den Mut gehabt zu sagen: »Einigen wir uns, vergeben wir einander und blicken wir in die Zukunft.« Das ist sehr mutig! Ein Volk, das so sehr gelitten hat! Das Bild des armenischen Volkes – und dieser Gedanke kam mir heute, als ich ein wenig betete – ist ein steinhartes Leben und eine mütterliche Zärtlichkeit. Es hat Kreuze getragen, aber Kreuze aus Stein – man sieht sie auch [die charakteristischen Steinkreuze, die sogenannten »Chatschkar«] – doch es hat nicht die Zärtlichkeit verloren, die Kunst, die Musik, jene so schwer zu verstehenden Vierteltöne, und das mit großer Genialität… Ein Volk, das in seiner Geschichte so sehr gelitten hat, und allein der Glaube, der Glaube hat es aufrechterhalten. Denn die bloße Tatsache, dass es die erste christliche Nation war, reicht nicht aus; es war die erste christliche Nation, weil der Herr es gesegnet hat, weil es die Heiligen gehabt hat, heilige Bischöfe, Märtyrer… Und darum hat sich in seinem Durchhaltevermögen diese – sagen wir – »Haut aus Stein« gebildet; doch es hat nicht die Zärtlichkeit eines mütterlichen Herzens verloren. Und Armenien ist auch Mutter.

Soweit zur zweiten Frage, und jetzt kommen wir zur ersten: Ja, ich hatte viele Kontakte zu Armeniern, ich ging oft zu ihnen in die Messe; viele armenische Freunde. Es gibt etwas, das ich gewöhnlich nicht gerne zur Entspannung tue, aber zu ihnen ging ich zum Abendessen – und ihr bereitet schwer verdauliche Abendessen! Aber ich bin sehr, sehr befreundet sowohl mit Erzbischof Kissag Mouradian von der Apostolischen Kirche als auch mit dem katholischen Bischof Boghossian. Aber wichtiger als die Zugehörigkeit zur Apostolischen oder zur Katholischen Kirche ist für euch das »Armenier-Sein«, und das habe ich in jenen Zeiten begriffen. Heute hat mich ein Argentinier armenischer Herkunft begrüßt, den der Erzbischof, wenn ich zur Messe kam, immer neben mich setzte, damit er mir einige Zeremonien oder einige Worte erklärte, die ich nicht verstand.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank, Heiliger Vater. Jetzt erteilen wir das Wort einer anderen Vertreterin Armeniens, Frau Jeanine Paloulian von Nouvelles d’Arménie.

(Jeanine Paloulian, auf Französisch)
Danke, Heiliger Vater. Gestern Abend haben Sie bei dem ökumenischen Gebetstreffen die Jugendlichen aufgefordert, Urheber der Versöhnung mit der Türkei und mit Aserbaidschan zu sein. Ich möchte Sie einfach fragen – da Sie ja in einigen Wochen nach Aserbaidschan reisen –: Was können Sie, was kann der Heilige Stuhl konkret tun, um uns zu helfen, voranzukommen? Was sind die konkreten Zeichen – in Armenien haben Sie solche gesetzt –, welches sind die Zeichen, die Sie morgen in Aserbaidschan setzen werden?

Papst Franziskus: Ich werde zu den Aserbaidschanern von der Wahrheit sprechen, von dem, was ich gesehen habe, von dem, was ich empfinde. Und ich werde auch sie ermutigen. Ich hatte eine Begegnung mit dem aserbaidschanischen Präsidenten und habe mit ihm gesprochen. Und ich werde auch sagen, dass es eine dunkle Angelegenheit ist, wegen eines Stückchen Landes – denn es ist ja nicht viel – keinen Frieden zu schließen… Aber das sage ich beiden: den Armeniern und den Aserbaidschanern. Vielleicht einigen sie sich nicht über die Modalitäten des Friedenschlusses, und daran muss man eben arbeiten. Aber darüber hinaus weiß ich nichts zu sagen. Ich werde das sagen, was mir zum gegebenen Moment spontan kommt, aber immer im Positiven und im Bemühen, Lösungen zu finden, die gangbar sind, die weiterführen.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank. Und jetzt geben wir das Wort an Jean-Louis de la Vaissière von France Presse. Ich glaube, es ist die letzte Reise, die er mit uns macht. So sind wir froh, ihm das Wort zu erteilen.

(Jean-Louis de la Vaissière)
Heiliger Vater, vor allem möchte ich Ihnen – auch im Namen von Sébastien Maillard von La Croix – danken. Wir werden Rom verlassen und möchten von Herzen danken für diesen Frühlingshauch, der über die Kirche weht. Und dann habe ich eine Frage: Warum haben Sie entschieden, in ihrer Ansprache im Präsidentenpalast offen das Wort »Völkermord« hinzuzufügen? Bei einem schmerzlichen Thema wie diesem – meinen Sie, dass es dienlich ist für den Frieden in dieser komplizierten Region?

S09_obre Papst Franziskus: Danke. Wenn in Argentinien von der Vernichtung der Armenier die Rede war, wurde immer das Wort »Völkermord« verwendet. Ich kannte kein anderes. Und in der Kathedrale von Buenos Aires haben wir auf den dritten Altar auf der linken Seite ein steinernes Kreuz gestellt als Erinnerung an den »armenischen Völkermord«. Es sind die beiden armenischen Bischöfe gekommen – der katholische und der apostolische – und haben es eingeweiht. Außerdem hat der apostolische Erzbischof in der katholischen Bartholomäus-Kirche einen Altar zu Ehren des heiligen Bartholomäus (des Glaubensboten Armeniens) errichtet. Doch von jeher kannte ich kein anderes Wort. Ich komme mit diesem Wort. Als ich nach Rom kam, hörte ich diese andere Bezeichnung – »das große Übel« oder »die schreckliche Tragödie«, [Metz Yeghern], die ich in Armenisch nicht aussprechen kann. Und man sagt mir, dass die Bezeichnung »Völkermord« beleidigend ist und dass man die andere gebrauchen muss.

Ich habe immer von den drei Völkermorden des vergangenen Jahrhunderts gesprochen – immer drei. Der erste war der armenische; dann der von Hitler und zuletzt der von Stalin. Diese drei. Es gibt weitere, kleinere. Einen anderen gab es in Afrika [Ruanda]. Aber im Bereich der beiden großen Kriege sind es diese drei. Und ich habe nach dem Warum gefragt. Die einen sagen: »Manche sind der Meinung, dass es nicht wahr ist, dass es keinen Völkermord gegeben hat.« Ein anderer sagte mir – es war ein Rechtsanwalt, der mir das sagte, und ich fand das sehr interessant : »Das Wort Völkermord ist ein terminus technicus und kein Synonym für Vernichtung. Man kann von Vernichtung sprechen, aber wenn wir sie zum Völkermord erklären, zieht das Wiedergutmachungs-Aktionen und Ähnliches nach sich.« Das hat mir ein Rechtsanwalt gesagt. Als ich im vergangenen Jahr die Ansprache vorbereitete [für die Feier am 12. April 2015 in Rom], habe ich gesehen, dass der heilige Johannes Paul II. das Wort gebraucht hat – er hat beide gebraucht: »das große Übel« und »Völkermord« – und ich habe das mit Anführungszeichen zitiert. Und es ist nicht gut gegangen: Die türkische Regierung hat eine Erklärung abgegeben, und bald darauf hat die Türkei den Botschafter nach Ankara zurückgerufen – einen tüchtigen Mann; die Türkei hatte uns einen »Luxus«-Botschafter gesandt – vor zwei oder drei Monaten ist er zurückgekehrt… Das war ein »diplomatisches Fasten«… Doch sie hat das Recht: das Recht, zu protestieren, haben wir alle. Und in dieser Ansprache [in Armenien] stand anfangs dieses Wort nicht, das stimmt, und ich antworte, warum ich es hinzugefügt habe: Nachdem ich den Stil der Rede des Präsidenten gehört hatte, hätte es – auch angesichts meines früheren Umgangs mit diesem Wort und nachdem ich es im vergangenen Jahr in St. Peter öffentlich gebraucht hatte – zumindest sehr merkwürdig geklungen, jetzt nicht dasselbe zu sagen. Doch dort wollte ich etwas anderes unterstreichen, und ich glaube – wenn ich nicht irre – dass ich gesagt habe: »Bei diesem Völkermord wie bei den anderen beiden haben die großen Weltmächte weggeschaut.« Und das war die Anklage. Im Zweiten Weltkrieg hatten einige Mächte die Fotos von den Eisenbahnlinien, die nach Auschwitz führten: Sie hätten die Möglichkeit gehabt, zu bombardieren, und sie haben es nicht getan. Das ist ein Beispiel.

Im Zusammenhang des Ersten Krieges, in dem es das Problem der Armenier gab, und in Zusammenhang des Zweiten Krieges, in dem es das Problem von Hitler und Stalin gab, und nach Jalta die Lager und all das… und niemand sagte etwas? Man muss das unterstreichen und die historische Frage stellen: Warum habt ihr das nicht getan, ihr Mächte? Ich klage nicht an, ich stelle eine Frage. Es ist interessant: Man schaute sehr wohl auf den Krieg, auf viele Dinge, aber jenes Volk… Und ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber ich würde gerne wissen, ob es stimmt, dass Hitler, als er so sehr die Juden verfolgte, unter anderem gesagt haben soll: »Aber wer erinnert sich heute noch an die Armenier? Tun wir dasselbe mit den Juden!« Ich weiß nicht, ob es wahr ist, vielleicht ist es ein Gerücht, aber ich habe davon gehört. Mögen die Historiker forschen und nachsehen, ob es stimmt. Ich glaube, damit habe ich [Ihre Frage] beantwortet. Aber dieses Wort habe ich niemals in beleidigender Absicht gebraucht, vielmehr im objektiven Sinn.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank, Heiligkeit. Sie haben ein heikles Argument angesprochen, in großer Aufrichtigkeit und Tiefe. Jetzt geben wir das Wort an Elisabetta Piqué, die – wie Sie wissen – aus Argentinien ist, von La Nación.

(Elisabetta Piqué, auf Spanisch)
Zu allererst meine Gratulation für die Reise. Ich möchte Sie fragen: Wir wissen, dass Sie der Papst sind, aber es gibt auch Papst Benedikt, den emeritierten Papst. Kürzlich hat es Stimmen gegeben, eine Erklärung des Präfekten des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, der gesagt haben soll, es gebe ein geteiltes Petrusamt – wenn ich nicht irre – mit einem aktiven und einem kontemplativen Papst. Gibt es zwei Päpste?

Papst Franziskus auf Spanisch: Es hat eine Zeit in der Kirche gegeben, da gab es drei! [er wiederholt auf Italienisch]. Zu einer gewissen Zeit gab es in der Kirche drei! Ich habe diese Erklärung nicht gelesen, denn ich hatte keine Zeit. Benedikt ist emeritierter Papst. Er hat an jenem 11. Februar, an dem er seinen Rücktritt für den 28. Februar verkündete, klar gesagt, er werde sich zurückziehen, um der Kirche mit dem Gebet zu helfen. Und Benedikt ist im Kloster und betet. Ich habe ihn viele Male besucht oder mit ihm telefoniert… Vor ein paar Tagen hat er mir einen kurzen Brief geschrieben – er unterzeichnet noch mit seiner Unterschrift – und hat mir seine Glückwünsche für diese Reise übermittelt. Und einmal – nicht einmal, sondern viele Male – habe ich gesagt, dass es eine Gnade ist, den weisen »Großvater« im Hause zu haben. Auch ihm selbst gegenüber habe ich das gesagt, und er hat gelacht. Aber für mich ist er der emeritierte Papst, der weise »Großvater, der Mann, der mir die Schultern freihält und den Rücken deckt mit seinem Gebet«. Nie werde ich jene Ansprache vergessen, die er uns Kardinälen am 28. Februar gehalten hat: »Einer von euch wird mit Sicherheit mein Nachfolger sein. Ich verspreche ihm Gehorsam.« Und er hat es getan. Später habe ich gehört – aber ich weiß nicht, ob es wahr ist; ich unterstreiche: ich habe gehört, vielleicht sind es Gerüchte, aber sie stimmen mit seinem Charakter überein – dass einige dorthin gegangen sind, um sich zu beklagen, denn »dieser neue Papst…«, und er hat sie fortgejagt! Im besten bayerischen Stil: wohlerzogen, aber er hat sie fortgejagt. Und wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden, denn dieser Mann ist so: Er ist ein Mann, der Wort hält; ein ganz, ganz gerad­liniger Mann! Der emeritierte Papst. Außerdem – ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern – habe ich Benedikt öffentlich gedankt – ich weiß nicht, wann, aber ich glaube, es war auf einem Flug – dass er die Tür geöffnet hat für emeritierte Päpste.

Vor siebzig Jahren gab es noch keine emeritierten Bischöfe, heute gibt es sie. Aber mit dieser Verlängerung des Lebens, kann man da in einem gewissen Alter mit all seinen Gebrechen die Kirche regieren oder nicht? Und er hat mit Mut – mit Mut! – und mit Gebet und auch mit Wissen, mit Theologie entschieden, diese Türe zu öffnen. Und ich glaube, dass das gut ist für die Kirche. Aber es gibt nur einen Papst. Der andere… oder vielleicht – wie für die emeritierten Bischöfe – wird es einmal, ich sage nicht viele, aber zwei oder drei geben können; sie werden Emeritierte sein. Sie sind [Papst] gewesen, [nun] sind sie Emeritierte. Übermorgen wird der 65. Jahrestag seiner Priesterweihe gefeiert. Sein Bruder Georg wird zugegen sein [sein Kommen wurde im Nachhinein nicht bestätigt], denn beide sind zusammen geweiht worden. Und es wird eine kleine Feier geben, mit den Obersten der Dikasterien und wenigen Leuten, weil er das vorzieht… Er hat zugesagt, aber sehr bescheiden; und auch ich werde dort sein. Und ich werde etwas sagen zu diesem großen Mann des Gebetes und des Mutes, der dieser emeritierte Papst – nicht der zweite Papst – ist, der seinem Wort treu ist, ein Mann Gottes. Er ist sehr intelligent, und für mich ist er der weise Großvater im Hause.

(Pater Lombardi)
Und jetzt erteilen wir Alexej Bukalov das Wort. Er ist einer unserer Dekane und – wie Sie wissen – vertritt er Itar-Tass und somit die russische Kultur unter uns.

Papst Franziskus: Haben Sie in Armenien russisch gesprochen?

(Alexej Bukalov)
Ja, mit großem Vergnügen. Ich danke Ihnen immer… Danke, Heiligkeit, danke für diese Reise, die die erste Reise auf ehemals sowjetischen Boden war. Für mich war es sehr wichtig, sie zu verfolgen… Meine Frage fällt ein wenig aus diesem Thema heraus: Ich weiß, dass Sie sehr zu diesem Panorthodoxen Konzil ermutigt haben, sogar bei dem Treffen mit Patriarch Kyrill auf Kuba ist es als Hoffnung erwähnt worden. Welches ist nun Ihr Urteil über dieses – sagen wir – Forum?

Papst Franziskus: Ein positives Urteil! Es ist ein Schritt vorwärts getan worden, nicht hundertprozentig, aber ein Schritt vorwärts. Die Dinge, die [die Abwesenheit einiger] sagen wir »gerechtfertigt« haben, sind von ihnen aus aufrichtig, es sind Dinge, die sich mit der Zeit lösen lassen. Die vier, die nicht gekommen sind, wollten es ein wenig später veranstalten. Doch ich denke, dass man den ersten Schritt halt so tut, wie man kann. Wie die Kinder; wenn sie laufen lernen, tun sie es so wie sie können: zuerst gehen sie wie die Katzen, und dann tun sie die ersten Schritte [auf zwei Beinen]. Ich bin zufrieden. Sie haben über vieles gesprochen. Ich glaube, das Ergebnis ist positiv. Die bloße Tatsache, dass diese autokephalen Kirchen sich im Namen der Orthodoxie versammelt haben, um einander in die Augen zu sehen, miteinander zu beten und zu sprechen und vielleicht irgendeinen kurzen Disput zu halten, ist äußerst positiv. Ich danke dem Herrn. Beim nächsten werden es mehr sein. Gepriesen sei der Herr!

(Pater Lombardi)
Danke, Heiligkeit. Jetzt geben wir Edward Pentin das Mikrofon, der ein wenig die englische Sprachgruppe vertritt: dieses Mal National Catholic Register.

(Edward Pentin)
Heiliger Vater, wie Johannes Paul II. scheinen Sie ein Verfechter der Europäischen Union zu sein: Sie haben das europäische Projekt gelobt, als Sie kürzlich den Karlspreis erhalten haben. Sind Sie besorgt darüber, dass Brexit zur Auflösung Europas und eventuell zum Krieg führen könnte?

Papst Franziskus: Krieg gibt es bereits in Europa! Außerdem liegt eine Atmosphäre der Spaltung in der Luft, und nicht nur in Europa, sondern in den Ländern selbst. Erinnern Sie sich an Katalonien, im vergangenen Jahr Schottland… Diese Spaltungen, ich sage nicht, dass sie gefährlich sind, aber wir müssen sie gut untersuchen, und bevor wir einen Schritt zur Trennung tun, gut miteinander reden und gangbare Lösungen suchen. Ich weiß wirklich nicht, habe mich nicht damit befasst, welches die Gründe sind, warum das Vereinte Königreich diese Entscheidung getroffen hat. Aber es gibt Entscheidungen für die Unabhängigkeit – und ich glaube, ich habe schon einmal darüber gesprochen, ich weiß nicht, wo, aber ich habe es gesagt –, die man um der Emanzipation willen trifft. So haben sich zum Beispiel alle unsere lateinamerikanischen Länder und auch die Länder Afrikas von den Königshäusern in Madrid und Lissabon emanzipiert – auch in Afrika: von Paris, London; von Amsterdam, vor allem Indonesien… Die Emanzipation ist verständlicher, weil eine Kultur dahintersteht, eine Denkweise.

Dagegen ist die Sezession eines Landes – ich spreche noch nicht vom Brexit; denken wir an Schottland – etwas, das den Namen »Balkanisierung« angenommen hat – und ich sage das, ohne zu beleidigen, indem ich das Wort gebrauche, das die Politiker gebrauchen, ohne damit etwas Negatives über die Balkanstaaten zu sagen! Es ist ein wenig eine Sezession, nicht eine Emanzipation, und dahinter liegen Geschichten, Kulturen, Miss­verständnisse; auch sehr viel guter Wille bei anderen. Das muss einem klar sein. Für mich steht die Einheit immer über dem Konflikt, immer! Aber es gibt verschiedene Formen von Einheit.

Und auch die Brüderlichkeit – und damit komme ich zur Europäischen Union – ist besser als die Feindschaft oder das Abstandnehmen. Im Vergleich zum Abstandnehmen – sagen wir – ist die Brüderlichkeit besser. Und die Brücken sind besser als die Mauern. All das muss uns zu denken geben. Es stimmt, ein Land [sagt]: »Ich bin in der Europäischen Union, aber ich möchte einige Dinge haben, die mir, meiner Kultur eigen sind…« Und der Schritt – und damit komme ich zum Karlspreis –, den die Europäische Union tun muss, um die Kraft wiederzufinden, die sie in ihren Wurzeln hatte, ist ein Schritt der Kreativität und auch einer »heilsamen Uneinigkeit«: Das heißt, den Ländern der Union mehr Unabhängigkeit, mehr Freiheit gewähren. Eine andere Form von Union erdenken, kreativ sein. Kreativ in Bezug auf die Arbeitsplätze, auf die Wirtschaft.

Es besteht heute in Europa eine »verflüssigte« Wirtschaft, die zum Beispiel in Italien dazu führt, dass die Jugend unter 25 Jahren keine Arbeit hat: vierzig Prozent! Es gibt etwas, das in dieser fülligen Union nicht geht… Doch schütten wir das Kind nicht mit dem Bade aus! Versuchen wir, die Dinge zu befreien und neu zu schaffen… Denn die Neuschaffung der menschlichen Dinge – auch unserer Persönlichkeit – ist ein Weg, der ständig zu beschreiten ist. Ein Heranwachsender ist nicht derselbe wie der Erwachsene oder der alte Mensch; er ist derselbe und doch nicht derselbe, ständig schafft er sich neu. Und das gibt ihm Leben und Lebenswillen, und es schenkt ihm Fruchtbarkeit. Und das unterstreiche ich: Heute sind die beiden Schlüsselworte für die Europäische Union Kreativität und Fruchtbarkeit. Das ist die Herausforderung. Ich weiß nicht, das ist meine Meinung.

 

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Privates Mittagessen mit dem Heiligen Vater. Hohe Würdenträger aus Armenien und der Römischen Kurie haben sich vor der Abreise nach Rom bei Tisch getroffen.

(Pater Lombardi)
Danke Heiligkeit. Jetzt erteilen wir Tilmann Kleinjung von der ARD, dem deutschen öffentlich-rechtlichen Sender, das Wort. Auch für ihn ist es, glaube ich, die letzte Reise. So sind wir froh, ihm diese Gelegenheit zu geben.

(Tilmann Kleinjung)
Ja, auch ich bin auf Abreise nach Bayern. Danke, dass ich diese Frage stellen darf. »Zu viel Bier, zu viel Wein.« Heiliger Vater, ich wollte Sie fragen: Sie haben heute von den miteinander geteilten Gaben der Kirchen gesprochen. Da Sie in vier Monaten nach Lund gehen, um des fünfhundertsten Jahrestags der Reformation zu gedenken, meine ich, dass das vielleicht auch der richtige Moment ist, um nicht nur an die Verwundungen beider Seiten zu erinnern, sondern auch die Gaben der Reform anzuerkennen und eventuell sogar – und das ist eine häretische Frage – um die Exkommunizierung Luthers aufzuheben oder zurückzuziehen bzw. ihn irgendwie zu rehabilitieren.

Papst Franziskus: Ich glaube, dass die Absichten Martin Luthers nicht falsch waren: Er war ein Reformer. Vielleicht waren einige Methoden nicht die richtigen, aber in jener Zeit… wenn wir zum Beispiel die Geschichte von Pastor lesen [vgl. Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters], sehen wir, dass die Kirche wirklich kein nachahmenswertes Vorbild war: Es gab Korruption in der Kirche, es gab Weltlichkeit, Anhänglichkeit ans Geld und an die Macht. Dagegen hat er protestiert. Außerdem war er intelligent; er hat einen Schritt vorwärts getan und sich für sein Tun gerechtfertigt. Und heute sind wir – Lutheraner und Katholiken, mit allen Protestanten – einig über die Rechtfertigungslehre: In diesem so wichtigen Punkt hatte er sich nicht geirrt. Er hat eine »Medizin« für die Kirche geschaffen, dann hat sich diese Medizin verfestigt in einem Stand der Dinge, in einer Disziplin, in einer Art zu glauben, in einer Art zu handeln, in einer Art der Liturgie. Aber es war nicht er allein: Da war Zwingli, da war Calvin. Und hinter ihnen, wer war da? Die Fürsten. »Cuius regio, eius religio«.

Wir müssen uns in die Geschichte jener Zeit versetzen; sie ist nicht leicht zu verstehen. Dann haben sich die Dinge weiterentwickelt. Heute besteht ein sehr guter Dialog, und dieses Dokument über die Rechtfertigung ist, meine ich, eines der reichsten und tiefsten ökumenischen Dokumente. Einverstanden? Es gibt Spaltungen, aber die hängen auch von den Kirchen ab. In Buenos Aires gab es zwei lutherische Kirchen; eine dachte in einer Weise, die andere in einer anderen. Auch in der lutherischen Kirche selbst herrscht keine Einheit. Sie respektieren einander, sie lieben sich… Die Verschiedenheit ist das, was wohl uns allen viel geschadet hat, und heute versuchen wir, den Weg wieder aufzunehmen, um uns nach fünfhundert Jahren zu begegnen. Ich glaube, wir müssen gemeinsam beten. Für dieses Anliegen ist das Gebet wichtig.

Zweitens: arbeiten für die Armen, für die Verfolgten, für so viele Leidenden, für die Flüchtlinge… gemeinsam arbeiten und gemeinsam beten. Und die Theologen sollen gemeinsam studieren und suchen… Aber das ist ein langer Weg, ein sehr langer… Einmal habe ich im Scherz gesagt: »Ich weiß, wann der Tag der vollkommenen Einheit sein wird.« – »Wann?« – »Der Tag nach der Wiederkunft des Menschensohns!« Denn man weiß es nicht… Der Heilige Geist wird diese Gnade bewirken. Doch inzwischen muss man beten, einander lieben und gemeinsam arbeiten, vor allem für die Armen, für die Menschen, die leiden, für den Frieden und vieles andere, gegen die Ausbeutung der Menschen… Viele Dinge, für die man gemeinsam an der Arbeit ist.

(Pater Lombardi)
Danke. Jetzt geben wir das Wort an Cécile Chambraud von Le Monde, die noch einmal die französische Sprachgruppe vertritt.

(Cécile Chambraud, auf Spanisch)
Heiliger Vater, vor einigen Wochen haben Sie von einer Kommission gesprochen, die über das Diakonat der Frau nachdenken soll. Ich möchte wissen, ob diese Kommission bereits existiert und welches die Fragen sein werden, über deren Lösung sie nachdenken wird. Und schließlich dient eine Kommission manchmal dazu, die Probleme zu vergessen: Ich möchte wissen, ob das für diesen Fall zutrifft.

Papst Franziskus: Es gab einen Präsidenten Argentiniens, der sagte und auch den Präsidenten der anderen Ländern riet: Wenn du willst, dass etwas keine Lösung findet, dann bilde eine Kommission! Der Erste, der von dieser Nachricht überrascht war, war ich selbst, denn das Gespräch mit den Ordensfrauen, das aufgezeichnet und dann vom L’Osservatore Romano veröffentlicht wurde, verlief ganz anders, und zwar auf dieser Linie: »Wir haben gehört, dass es in den ersten Jahrhunderten Diakoninnen gegeben hat. Kann man das mal untersuchen? Eine Kommission bilden?…« Und nichts weiter. Sie haben gefragt, sie waren höflich, und nicht nur höflich, sondern sie lieben auch die Kirche, diese gottgeweihten Frauen.

Ich habe erzählt, dass ich einen Syrer kannte, einen inzwischen verstorbenen syrischen Theologen, der die italienische kritische Ausgabe der Werke des heiligen Ephräm besorgt hat. Wenn ich nach Rom kam, stieg ich in der Via della Scrofa ab, und er wohnte dort. Als wir beim Frühstück einmal über Diakoninnen sprachen, sagte er mir: »Ja, aber man weiß nicht genau, was sie waren, ob sie die Weihe hatten…«. Sicher gab es diese Frauen; sie halfen dem Bischof in drei Dingen: erstens bei der Taufe der Frauen, denn es gab die Taufe durch Eintauchen; zweitens bei den Salbungen der Frauen vor und nach der Taufe; und drittens – das ist zum Lachen – wenn eine Frau zum Bischof kam, um sich zu beklagen, dass ihr Mann sie schlug, dann rief der Bischof eine der Diakoninnen, den Körper der Frau zu untersuchen nach Striemen, die das bestätigten. Das habe ich gesagt. »Kann man das einmal untersuchen?« – »Ja, ich werde der Kongregation für die Glaubenslehre sagen, dass sie eine Kommission bilden sollen.« Und tags darauf [in den Zeitungen]: »Die Kirche öffnet die Tür für Diakoninnen!« Ich habe mich wirklich ein bisschen über die Medien geärgert, denn das bedeutet, den Leuten nicht in Wahrheit zu sagen, wie die Dinge stehen. Ich habe mit dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre gesprochen, und er hat mir gesagt: »Es gibt bereits eine Studie, die die Internationale theologische Kommission in den achtziger Jahren gemacht hat.« Dann habe ich mit der Präsidentin [der Generaloberinnen] gesprochen und ihr gesagt: »Lassen Sie mir bitte eine Liste von Personen zukommen, die ihrer Meinung nach für die Bildung dieser Kommission geeignet sind.« Und sie hat mir die Liste geschickt. Auch der Präfekt hat mir die Liste geschickt, und jetzt liegt sie auf meinem Schreibtisch für die Bildung der Kommission.

Ich glaube, über das Thema ist in der Zeit der achtziger Jahre viel geforscht worden und es wird nicht schwer sein, Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Aber es gibt noch etwas anderes. Vor anderthalb Jahren habe ich eine Kommission von Theologinnen gebildet, die mit Kardinal Rylko [dem Präsidenten des Päpstlichen Laienrates] zusammengearbeitet haben. Sie haben eine gute Arbeit geleistet, denn das Denken der Frauen ist sehr wichtig. Für mich ist die Stellung der Frau nicht so wichtig wie das Denken der Frau: Die Frau denkt anders als wir Männer. Und man kann keine gute Entscheidung treffen – keine gute und rechte Entscheidung – ohne die Frauen zu hören. Einige Male habe ich in Buenos Aires eine Besprechung mit meinen Konsultoren gehalten und sie zu einem Thema angehört. Danach ließ ich einige Frauen kommen, und sie sahen die Dinge in einem anderen Licht, und das war eine sehr große Bereicherung. Und dann war die Entscheidung sehr, sehr fruchtbar und sehr schön. Ich muss diese Theologinnen treffen, die eine gute Arbeit geleistet haben, die aber leider zum Stillstand gekommen ist. Warum? Weil das Dikasterium für die Laien sich jetzt verändert, umstrukturiert wird. Und ich warte ein wenig, dass das erst einmal durchgeführt wird, um dann diese zweite Arbeit bezüglich der Diakoninnen fortzusetzen.

Und in Bezug auf die Theologinnen möchte ich noch einmal unterstreichen, dass die Art und Weise, wie die Frauen die Dinge verstehen, wie sie denken, wie sie die Dinge sehen, wichtiger ist als die Stellung der Frau. Und außerdem wiederhole ich, was ich immer sage: Die Kirche ist Frau, sie ist »die« Kirche. Und sie ist nicht eine alte Jungfer, sie ist eine mit dem Sohn Gottes verheiratete Frau, Ihr Bräutigam ist Jesus Christus. Denken Sie darüber nach, und dann sagen Sie mir, was Sie denken…

(Pater Lombardi)
Nun, da Sie über die Frauen gesprochen haben, lassen wir eine Frau eine letzte Frage stellen; dann stelle ich eine und wir schließen… So lassen wir Sie nach einer Stunde in Frieden. Cindy Wooden, die Verantwortliche für CNS, die katholische Nachrichtenagentur der Vereinigten Staaten.

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(Cindy Wooden)
Danke, Heiligkeit. In den vergangenen Tagen hat der deutsche Kardinal Marx, als er vor einer großen, sehr bedeutenden Konferenz in Dublin über die Kirche in der Welt von heute sprach, gesagt, dass die katholische Kirche die Gemeinschaft der Homosexuellen um Verzeihung bitten muss, weil sie diese Menschen ausgegrenzt hat. In den Tagen nach dem Massaker von Orlando haben viele gesagt, die christliche Gemeinschaft habe etwas mit diesem Hass gegen diese Menschen zu tun. Was denken Sie?

Papst Franziskus: Ich werde dieselbe Sache wiederholen, die ich bei meiner ersten Reise gesagt habe, und ich wiederhole das, was im Katechismus der Katholischen Kirche steht: dass sie nicht diskriminiert werden dürfen, dass sie respektiert werden müssen, dass man sie seelsorglich begleiten soll. Man kann sie verurteilen, nicht aus ideologischen Gründen, sondern – sagen wir – wegen ihres politischen Verhaltens, wegen gewisser Ausdrucksformen, die für die anderen etwas zu anstößig sind. Aber diese Sachen haben mit dem Problem nichts zu tun: Wenn das Problem darin besteht, dass eine Person diese Veranlagung hat – wenn sie guten Willen hat und Gott sucht, wer sind wir, dass wir über sie urteilen? Wir müssen gut begleiten, so wie es der Katechismus sagt. Der Katechismus ist klar! Zudem gibt es Traditionen in einigen Ländern, einige Kulturen haben eine andere Mentalität in dieser Frage. Ich glaube, dass die Kirche nicht nur um Entschuldigung bitten muss – wie es jener Kardinal-»Marxist« [Kardinal Marx] gesagt hat – gegenüber jener Person, die homosexuell ist, die sie beleidigt hat, sondern dass sie sich auch bei den Armen und bei den im Arbeitsleben ausgebeuteten Frauen und Kindern entschuldigen muss; dass sie um Entschuldigung bitten muss, weil sie so viele Waffen gesegnet hat… Die Kirche muss sich entschuldigen, weil sie sich oft und so oft nicht benehmen konnte… – und wenn ich Kirche sage, meine ich die Christen; die Kirche ist heilig, aber die Sünder sind wir! – Die Christen müssen sich dafür entschuldigen, dass sie so viele Entscheidungen nicht begleitet haben und so viele Familien im Stich gelassen haben. … Ich erinnere mich an die Mentalität im Buenos Aires meiner Kindheit, diese verschlossene katholische Kultur – ich komme von dort! –: Bei einer Familie von Geschiedenen durfte man nicht ins Haus gehen! Ich spreche von der Zeit vor achtzig Jahren.

Die Kultur hat sich Gott sei Dank geändert. Als Christen müssen wir uns für vieles entschuldigen, nicht nur für das. Wir müssen um Vergebung bitten, nicht nur um Entschuldigung! »Vergib, Herr!« ist ein Wort, das wir leicht vergessen – jetzt spiele ich den Pfarrer und halte eine Predigt! Nein, das ist wahr, oft verhalten wir uns wie der »Herr Pfarrer« und nicht wie ein väterlicher Priester; wir machen es wie ein Priester, der »Hiebe austeilt« und nicht wie ein Priester, der umarmt, vergibt, tröstet… Doch auch davon gibt es viele! Viele Krankenhausgeistliche, Gefängnispfarrer, viele Heilige! Aber die sieht man nicht, weil die Heiligkeit Scham empfindet und sich verbirgt. Dagegen drängt sich die Schamlosigkeit ein biss­chen auf; sie ist unverschämt und stellt sich zur Schau. Es gibt viele Organisationen mit guten Leuten und mit weniger guten; oder Zeitgenossen, denen du einen etwas dickeren Umschlag zuschiebst und die dann in eine andere Richtung schauen – so wie die Weltmächte bei den drei Völkermorden. Auch wir Christen – Priester, Bischöfe – haben so etwas gemacht; aber wir Christen haben auch eine Teresa von Kalkutta, ja wir haben viele Teresas von Kalkutta! Schauen wir auf viele Schwestern in Afrika, auf viele Laien, auf viele heiligmäßige Ehepaare. Es ist der Weizen mit Unkraut dazwischen, der Weizen und das Unkraut. Jesus sagt, dass so das Reich Gottes aussieht. Wir dürfen nicht daran Anstoß nehmen, so zu sein. Wir müssen dafür beten, dass dieses Unkraut vergehe und es mehr Weizen gebe. Doch das ist das Leben der Kirche. Man kann ihm nicht eine Grenze setzen. Wir alle sind heilig, weil wir alle den Heiligen Geist in uns haben, aber wir alle sind auch Sünder. Ich als Erster. Nicht wahr? Danke. Ich weiß nicht, ob ich die Frage beantwortet habe… Jedenfalls, nicht nur Entschuldigung, sondern Vergebung!

(Pater Lombardi)
Heiliger Vater, erlauben Sie mir, eine letzte Frage zu stellen, und dann lassen wir Sie in Frieden gehen…

Papst Franziskus: Bringen Sie mich nicht in Schwierigkeiten…

(Pater Lombardi)
Schauen wir auf die nächste Reise nach Polen, auf die wir uns schon langsam vorbereiten. Sie werden sich in diesem Monat Juli der Vorbereitung widmen. Könnten Sie uns etwas über Ihre Empfindungen sagen, mit denen Sie auf diesen Weltjugendtag im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zugehen.

Und eine andere, mehr spezifische Frage ist diese: Wir haben mit Ihnen in Armenien das Mahnmal von Zizernakaberd aufgesucht, und Sie werden auf Ihrer Reise nach Polen auch Auschwitz und Birkenau sehen. Ich habe gehört, dass Sie wünschen, diese Momente schweigend zu erleben und keine Reden zu halten – wie Sie es hier gemacht habe, so vielleicht auch in Birkenau. Ich möchte Sie daher bitten, uns mitzuteilen, ob Sie dort eine Ansprache halten wollen oder es vorziehen, einen Moment des stillen Gebets in einem besonderen Anliegen Ihrerseits zu halten.

Papst Franziskus: Vor zwei Jahren habe ich dasselbe in Redipuglia gemacht beim hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs. Nach Redpuglia bin ich schweigend gegangen. Danach fand die heilige Messe statt, wo ich gepredigt habe; aber das war eine andere Sache. Das Schweigen. Heute haben wir es erlebt – heute Morgen – dieses Schweigen. War es heute? [Pater Lombardi: Nein, gestern.] Ich möchte an jenen Ort des Schreckens gehen ohne Reden, ohne Menschen, nur mit denen, die nötig sind… Aber die Journalisten werden selbstverständlich dabei sein! Aber ich will keinen begrüßen, diesen oder jenen… Nein, nein. Allein, hineingehen und beten… Und der Herr möge mir die Gnade geben zu weinen.

(Pater Lombardi)
Danke, Heiliger Vater. Nun wollen wir Sie auch bei der Vorbereitung der nächsten Reise begleiten. Und wir danken Ihnen vielmals für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Jetzt ruhen Sie sich etwas aus und gehen auch Sie essen… Und dann erholen Sie sich gut im Juli.

Papst Franziskus: Vielen Dank! Nochmals danke. Danke auch für Ihre Arbeit und Ihr Wohlwollen.

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Quelle: Osservatore Romano 46/27, 8. Juli 2016

Chor Virap: letzte Etappe der Armenienreise von Papst Franziskus

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Die Klosteranlage direkt vor dem Berg Ararat liegt unmittelbar an der Grenze zur Türkei

Vor seiner Heimreise nach Rom hat Papst Franziskus am Sonntagnachmittag eine der symboltrachtigsten Klöster Armeniens besucht: Chor Virap, die Gedenkstätte des Nationalheiligen Gregor des Erleuchters in der Ararat-Ebene.

Wörtlich übersetzt bedeutet der Name Chor Virap „tiefes Verlies“. Laut der Tradition ließ König Trdat III. (oder Tiridates) Gregor den Illuminator 13 Jahre lang in eine tiefe Grube einsperren, um ihn von dem christlichen Glauben abzubringen. Gregor blieb aber dem Glauben treu und heilte am Ende sogar den König von einer Hautkrankheit. 301 ließ Tiridates III. sich taufen und erhob das Christentum zur Staatsreligion, also noch bevor es im römischen Kaiserreich anerkannt wurde.

An der Stelle des Verliesses wurde im Laufe des VII. Jahrhunderts eine erste St. Georgs-Kapelle gebaut. Die heutige Klosteranlage entstand im XVII. Jahrhundert.

Das Kloster von Chor Virap, das unmittelbar an der Grenze zur Türkei liegt, bietet einen wunderschönen Ausblick auf den berühmten Berg Ararat, das Nationalsymbol der Armenier.

Der 5.137 Meter hohe, sagenumwobene Ararat, eigentlich ein ruhender Vulkan, liegt heute nicht nur in der Türkei, sondern ist zugleich auch der höchste Berg auf türkischem Staatsgebiet.

Die Silhouette des Berges Ararat ist im goldenen Mittelschild des Staatswappens der Republik Armenien dargestellt, mit den Konturen der Arche Noah auf der Spitze. Gemäss dem Alten Testament sollte ja die Arche nach der Sintflut auf dem Ararat gestrandet sein. „Im Gebirge Ararat“, so heißt es wörtlich im Buch Genesis (8,4).

Und genau wie Noah (oder der Held Uta-napishti in den sumerisch-altbabylonischen Gilgamesch-Sagen) am Ende der Sintflut eine Taube freiließ, die mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zurückkehrte, so ließen am Sonntag Papst Franziskus und der armenische Katholikos Karekin II. in Chor Virap vor dem Panorama des Berges Ararat stehend zwei Tauben frei. Eine symbolreiche Geste, in der Hoffnung, dass diese auf der anderen Seite der Grenze richtig verstanden wird. (pdm)

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Quelle

Text der ökumenischen Erklärung: Weg der Brüderlichkeit

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Papst Franziskus und Karekin II.

Gemeinsame Erklärung
von Papst Franziskus und Katholikos Karekin II.
anlässlich der Armenienreise des Papstes

Wir, Papst Franziskus und der Katholikos aller Armenier Karekin II., erheben heute im heiligen Etschmiadsin unseren Geist und unser Herz zum Allmächtigen und sagen Dank für die beständige und wachsende Nähe in Glaube und Liebe zwischen der Armenisch-Apostolischen Kirche und der Katholischen Kirche in Bezug auf ihr gemeinsames Zeugnis für die Heilsbotschaft des Evangeliums in einer von Unfrieden erschütterten Welt, die sich nach Trost und Hoffnung sehnt. Wir preisen die Allerheiligste Dreifaltigkeit – den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist –, dass sie uns ermöglicht hat, in dem biblischen Land des Ararat zusammenzukommen, der daran erinnert, dass Gott immer unser Schutz und unser Heil sein wird. In geistlicher Freude denken wir daran, dass im Jahr 2001 anlässlich der 1700-Jahr-Feier der Erklärung des Christentums zur Religion Armeniens der heilige Johannes Paul II. Armenien besuchte und Zeuge einer neuen Etappe herzlicher und brüderlicher Beziehungen zwischen der Armenisch-Apostolischen Kirche und der Katholischen Kirche wurde. Wir sind dankbar, dass wir die Gnade hatten, am 12. April 2015 bei der feierlichen Liturgie in der Petersbasilika in Rom zusammen zu sein. Dort besiegelten wir unseren Willen, uns jeder Form von Diskriminierung und Gewalt entgegenzustellen, und gedachten der Opfer dessen, was die Gemeinsame Erklärung Seiner Heiligkeit Johannes Paul II. und Seiner Heiligkeit Karekin II. so zur Sprache bringt: » Die Ermordung von anderthalb Millionen armenischen Christen ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird « (27. September 2001).

Wir preisen den Herrn, dass der christliche Glaube heute wieder eine  pulsierende Realität in Armenien ist und dass die armenische Kirche ihre Sendung in einem Geist brüderlicher Zusammenarbeit zwischen den Kirchen weiterführt und die Gläubigen beim Aufbau einer Welt der Solidarität, der Gerechtigkeit und des Friedens unterstützt.

Leider sind wir aber Zeugen einer ungeheuren Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt, einer Tragödie zahlloser unschuldiger Menschen, die getötet, vertrieben oder durch andauernde ethnische, wirtschaftliche, politische oder religiöse Konflikte im Nahen Osten und in anderen Teilen der Welt in ein schmerzliches und ungewisses Exil gezwungen werden. Folglich sind religiöse und ethnische Minderheiten zum Zielobjekt von Verfolgung und grausamer Behandlung geworden, so dass das Leiden für den eigenen Glauben zur täglichen Realität geworden ist. Die Märtyrer gehören allen Kirchen an und ihr Leiden ist eine „Ökumene des Blutes“, die die historischen Trennungen zwischen Christen überschreitet und uns alle dazu aufruft, die sichtbare Einheit der Jünger Christi zu fördern. Gemeinsam beten wir – auf die Fürsprache der heiligen Apostel Petrus und Paulus, Thaddäus und Bartholomäus hin – für eine Umkehr des Herzens all derer, die solche Verbrechen begehen, und derer, die in der Lage sind, die Gewalt zu stoppen. Wir bitten die Verantwortungsträger der Nationen inständig, auf das Flehen von Millionen von Menschen zu hören, die sich nach Frieden und Gerechtigkeit in der Welt sehnen, die die Achtung ihrer gottgegebenen Rechte verlangen, die dringend Brot brauchen, nicht Waffen. Leider beobachten wir eine Darstellung von Religion und religiösen Werten in fundamentalistischer Weise, die gebraucht wird, um die Verbreitung von Hass, Diskriminierung und Gewalt zu rechtfertigen. Die Rechtfertigung solcher Verbrechen aufgrund religiöser Vorstellungen ist unannehmbar, denn » Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens « (1 Kor 14,33). Außerdem ist die Achtung gegenüber religiösen Unterschiedlichkeiten die notwendige Bedingung für das friedliche Zusammenleben verschiedener ethnischer und religiöser Gemeinschaften. Gerade weil wir Christen sind, sind wir aufgerufen, Schritte zu Versöhnung und Frieden zu suchen und auszuführen. In diesem Zusammenhang bringen wir auch unsere Hoffnung auf eine friedliche Lösung  der Probleme um Nagorny-Karabach zum Ausdruck.

Unter Beachtung dessen, was Jesus seine Jünger lehrte, als er sagte: » Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,35-36), bitten wir die Gläubigen unserer Kirchen, ihre Herzen und ihre Hände den Opfern von Krieg und Terrorismus, den Flüchtlingen und ihren Familien zu öffnen. Es geht um den eigentlichen Sinn unserer Menschlichkeit, unserer Solidarität, unseres Mitgefühls und unserer Großherzigkeit, der nur angemessen zum Ausdruck gebracht werden kann in einem unverzüglichen praktischen Einsatz der Hilfsmittel. Wir anerkennen alles, was bereits getan wurde, doch wir beharren darauf, dass seitens der politischen Führer und der internationalen Gemeinschaft viel mehr notwendig ist, um das Recht aller, in Frieden und Sicherheit zu leben, sicherzustellen, um die Herrschaft des Rechtes aufrechtzuerhalten, um religiöse und ethnische Minderheiten zu schützen und um Menschenhandel und -schmuggel zu bekämpfen.

Die Säkularisierung weiter Kreise der Gesellschaft, ihre Distanzierung vom Spirituellen und Göttlichen führt unvermeidlich zu einer entsakralisierten und materialistischen Sicht des Menschen und der Menschheitsfamilie. Diesbezüglich sind wir besorgt über die Krise der Familie in vielen Ländern. Die Armenisch-Apostolische Kirche und die Katholische Kirche teilen dieselbe Auffassung von der Familie, die auf die Ehe, einen Akt freiwillig geschenkter, treuer Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, gegründet ist.

Freudig bekräftigen wir, dass wir trotz der fortdauernden Spaltung zwischen Christen deutlicher erkannt haben, dass das, was uns eint, mehr ist als das, was uns trennt. Das ist die tragfähige Basis, auf der die Einheit der Kirche Christi verdeutlicht werden wird, entsprechend dem Wort des Herrn: » Alle sollen eins sein « (Joh 17,21). Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist die Beziehung zwischen der Armenisch-Apostolischen Kirche und der Katholischen Kirche glücklich in eine neue Phase eingetreten, gestärkt durch unser beiderseitiges Gebet und die gemeinsamen Bemühungen bei der Überwindung aktueller Herausforderungen. Heute sind wir überzeugt, dass es von ausschlaggebender Bedeutung ist, diese Beziehung zu fördern und uns in einer tieferen und maßgeblicheren Zusammenarbeit zu engagieren, nicht nur auf theologischem Gebiet, sondern auch im Gebet und in aktiver Zusammenarbeit auf der Ebene der örtlichen Gemeinden, mit dem Ziel, die volle Gemeinschaft und konkrete Ausdrucksformen der Einheit miteinander zu teilen. Wir bitten unsere Gläubigen dringend, einträchtig für die Förderung der christlichen Werte in der Gesellschaft zu arbeiten; diese tragen wirksam zum Aufbau einer Kultur der Gerechtigkeit, des Friedens und der menschlichen Solidarität bei. Der Weg der Versöhnung und der Brüderlichkeit liegt offen vor uns. Möge der Heilige Geist, der uns in die ganze Wahrheit führt (vgl. Joh 16,13), jedes echte Bemühen, Brücken der Liebe und der Gemeinschaft zwischen uns zu bauen, unterstützen.

Vom heiligen Etschmiadsin aus rufen wir alle unsere Gläubigen auf, sich unserem Gebet mit den Worten des heiligen Nerses, des Gütigen, anzuschließen: » Verherrlichter Herr, nimm die Gebete deiner Diener an und erfülle gnädig unsere Bitten, auf die Fürsprache der heiligen Gottesmutter, des heiligen Johannes des Täufers, des ersten Märtyrers Stephanus, des heiligen Gregors unseres Erleuchters, der heiligen Apostel, der Propheten, der als „göttlich“ betitelten Heiligen, der Märtyrer, der Patriarchen, der Einsiedler, der Jungfrauen und aller deiner Heiligen im Himmel und auf Erden. Und dir, o unteilbare Heilige Dreifaltigkeit, sei Herrlichkeit und Ehre immer und ewig. Amen. «

Im heiligen Etschmiadsin, am 26. Juni 2016

Unzerzeichnet von

Seine Heiligkeit Franziskus
Seine Heiligkeit Karekin II.

 

(rv 26.06.2016 ord)

Ansprache des Heiligen Vaters bei der Ökumenischen Begegnung in Jerewan

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Papst Franziskus bei dem ökumenischen Gebet in Jerewan

Die Ansprache des Heiligen Vaters bei der Ökumenischen Begegnung und dem Gebet für den Frieden in Jerewan, Platz der Republik, am 25. Juni 2016 im Wortlaut. 

Verehrter, lieber Bruder, Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier,
Herr Präsident,
liebe Brüder und Schwestern,
der Segen und der Friede Gottes seien mit euch!

Ich habe mir so sehr gewünscht, dieses geschätzte Land zu besuchen, euer Land, das als erstes den christlichen Glauben annahm. Es ist eine Gnade für mich, hier auf diesen Höhenzügen zu sein, wo unter dem Blick des Berges Ararat auch das Schweigen zu uns zu sprechen scheint; wo die Chatschkar – die steinernen Kreuze – eine einzigartige Geschichte erzählen, durchdrungen von felsenfestem Glauben und ungeheurem Leiden, eine Geschichte, reich an großartigen Zeugen des Evangeliums, deren Erben ihr seid. Ich bin als Pilger von Rom gekommen, um euch zu begegnen und um euch eine Empfindung kundzutun, die aus der Tiefe meines Herzens aufsteigt: Es ist die Liebe eures Bruders, es ist die brüderliche Umarmung der ganzen katholischen Kirche, die euch liebt und euch nahe ist.

In den vergangenen Jahren haben sich die immer sehr herzlichen und oft denkwürdigen Besuche und Begegnungen zwischen unseren Kirchen, Gott sei Dank, intensiviert; die Vorsehung will, dass wir gerade an dem Tag, an dem hier der heiligen Apostel Christi gedacht wird, erneut beisammen sind, um die apostolische Gemeinschaft unter uns zu stärken. Ich bin Gott sehr dankbar für die » wahre und enge Einheit « zwischen unseren Kirchen (vgl. Johannes Paul II., Ökumenisches Gebetstreffen [Jerewan, 26. September 2001], 3: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 31, Nr. 41 [12. Oktober 2001], S. 7) und ich danke euch für eure oft heldenhafte Treue zum Evangelium; sie ist ein unschätzbares Geschenk für alle Christen. Unser Zusammenkommen ist kein Gedankenaustausch, sondern ein Austausch von Gaben (vgl. Ders., Enzyklika Ut unum sint, 28): Wir ernten, was der Geist in uns gesät hat, als ein Geschenk für jeden (vgl. Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 246). Mit großer Freude teilen wir miteinander die vielen Schritte eines schon weit vorangekommenen gemeinsamen Weges und schauen wirklich zuversichtlich auf den Tag, an dem wir mit Gottes Hilfe am Altar des Opfers Christi vereint sein werden, in der Fülle der eucharistischen Gemeinschaft. Zu diesem so ersehnten Ziel sind wir als Pilger unterwegs, und wir pilgern gemeinsam, indem wir » das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen, ohne Misstrauen « (ebd., 244).

Auf diesem Weg gehen uns viele Zeugen voran und begleiten uns, besonders die vielen Märtyrer, die den gemeinsamen Glauben an Christus mit ihrem Blut besiegelt haben: Sie sind unsere Sterne am Himmel, die über uns leuchten und uns den Weg zur vollen Gemeinschaft weisen, der auf Erden noch zurückzulegen ist. Unter den großen Vätern möchte ich mich auf den heiligen Katholikos Nerses Schnorhali beziehen. Er hatte eine außerordentliche Liebe zu seinem Volk und seinen Traditionen und streckte sich zugleich in unermüdlicher Suche nach der Einheit den anderen Kirchen entgegen, in dem Wunsch, Christi Willen zu erfüllen, dass die Gläubigen » alle eins sein « sollten (Joh 17,21). Die Einheit ist ja nicht ein strategischer Vorteil, der aus gegenseitigem Interesse anzustreben ist, sondern sie ist das, was Jesus von uns verlangt und was wir mit gutem Willen und mit aller Kraft erfüllen sollen, um unsere Mission zu verwirklichen: der Welt durch unsere Kohärenz das Evangelium nahezubringen.

Um die notwendige Einheit zu verwirklichen, genügt nach dem heiligen Nerses nicht der gute Wille von irgendjemandem in der Kirche: Unerlässlich ist das Gebet aller. Es ist schön, hier versammelt zu sein, um füreinander und miteinander zu beten. Und es ist vor allem das Geschenk des Gebetes, das ich heute Abend von euch erbitten möchte; dazu bin ich gekommen. Meinerseits versichere ich euch, dass ich bei der Darbringung von Brot und Wein am Altar nicht versäume, dem Herrn die Kirche Armeniens und euer geliebtes Volk vor Augen zu stellen.

Der heilige Nerses spürte auch die Notwendigkeit, die gegenseitige Liebe zu mehren, denn nur die Nächstenliebe ist imstande, das Gedächtnis zu heilen und die Wunden der Vergangenheit ausheilen zu lassen: Nur die Liebe tilgt die Vorurteile und ermöglicht zu erkennen, dass die Öffnung für den Mitmenschen die eigenen Überzeugungen läutert und bessert. Für jenen heiligen Katholikos ist es auf dem Weg zur Einheit wesentlich, den Stil der Liebe Jesu nachzuahmen: Er, » der reich war « (2 Kor 8,9), » erniedrigte sich « (Phil2,8). Nach seinem Beispiel sind wir aufgerufen, den Mut zu haben, die starren Überzeugungen und die Eigeninteressen loszulassen, im Namen der Liebe, die sich erniedrigt und sich verschenkt, im Namen der demütigen Liebe: Sie ist das heilige Öl des christlichen Lebens, das kostbare geistliche Salböl, das heilt, stärkt und heiligt. » Die Mängel ersetzen wir mit einmütiger Liebe «, schrieb der heilige Nerses (Lettere del signore Nerses Shnorhali, Catholicos degli Armeni, Venedig 1873, 316) und das sogar – wie er zu verstehen gab – mit einer besonderen Zärtlichkeit der Liebe, welche die Herzenshärte der Christen aufweichen soll; denn auch sie sind nicht selten auf sich selbst und ihren Vorteil fixiert. Nicht die Kalküle und die Vorteile,  sondern die demütige und großherzige Liebe ist das, was die Barmherzigkeit des Vaters, den Segen Christi und den Überfluss des Heiligen Geistes anzieht. Indem wir beten und » einander von Herzen lieben « (1 Petr 1,22), bereiten wir uns demütig und innerlich offen darauf vor, das göttliche Geschenk der Einheit zu empfangen. Setzen wir unseren Weg mit Entschlossenheit fort, ja, eilen wir der vollen Gemeinschaft unter uns entgegen!

» Meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch « (Joh 14,27). Wir haben diese Worte des Evangeliums gehört, die uns darauf einstimmen, von Gott jenen Frieden zu erflehen, den zu finden die Welt solche Mühe hat. Wie groß sind heute die Hindernisse auf dem Weg des Friedens und wie tragisch die Folgen der Kriege! Ich denke an die Bevölkerungen, die gezwungen sind, alles zu verlassen, besonders im Nahen Osten, wo so viele unserer Brüder und Schwestern unter Gewalt und Verfolgung leiden. Und der Grund dafür sind der Hass und die Konflikte, die ständig geschürt werden durch die Plage der Verbreitung und des Handels von Waffen, durch die Versuchung, Gewalt anzuwenden, und durch den Mangel an Achtung gegenüber der Person, speziell gegenüber den Schwachen, den Armen und denen, die nur ein würdiges Leben verlangen.

Es ist mir unmöglich, nicht an die schrecklichen Prüfungen zu denken, die euer Volk erlebt hat: gerade ein Jahrhundert ist vergangen seit dem „Großen Übel“, das über euch hereingebrochen ist. Diese » ungeheure und wahnsinnige Vernichtung « (Grußwort zu Beginn der Eucharistiefeier für die Gläubigen des armenischen Ritus [12. April 2015]: L‘Osservatore Romano [dt.] Jg. 45, Nr. 16 [17. April 2015], S. 3), dieses tragische Geheimnis der Bosheit, das euer Volk am eigenen Leib erfahren hat, bleibt ins Gedächtnis eingeprägt und brennt im Herzen. Ich möchte bekräftigen, dass eure Leiden die unseren sind: » Sie sind Leiden der Glieder des mystischen Leibes Christi « (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben zur 1700-Jahr-Feier der Taufe des armenischen Volkes [2. Februar 2001], 4: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 31, Nr. 10 [9. März 2001], S. 10). An sie zu erinnern, ist nicht nur angebracht, sondern es ist eine Pflicht: Sie sollen zu allen Zeiten eine Mahnung sein, damit die Welt nie mehr in die Spirale solcher Gräuel gerät!

Zugleich möchte ich mit Bewunderung daran erinnern, wie der christliche Glaube » auch in den dramatischsten Augenblicken der armenischen Geschichte die Triebkraft [war], die den Anfang zur Wiedergeburt des leidgeprüften Volkes setzte « (ebd.). Er ist eure wirkliche Stärke, die ermöglicht, sich dem geheimnisvollen und rettenden Weg des Pascha-Mysteriums zu öffnen: Die offen gebliebenen, vom grausamen und unsinnigen Hass verursachten Wunden können in gewisser Weise denen des auferstandenen Christus ähnlich werden, jenen Wunden, die ihm zugefügt wurden und die er immer noch in sein Fleisch eingeprägt trägt. In verherrlichter Form zeigte er sie am Abend des Ostertages seinen Jüngern (vgl. Joh 20,20): Diese schrecklichen Wundmale des am Kreuz erlittenen Schmerzes sind, verklärt durch die Liebe, zu Quellen von Vergebung und Frieden geworden. So kann auch der größte Schmerz, verwandelt von der rettenden Macht des Kreuzes – deren Boten und Zeugen die Armenier sind –, ein Same des Friedens für die Zukunft werden.

Wenn nämlich das Gedächtnis von der Liebe durchzogen ist, wird es fähig, neue und überraschende Wege einzuschlagen, auf denen die Machenschaften des Hasses sich in Pläne der Versöhnung verwandeln, wo man auf eine bessere Zukunft für alle hoffen kann, wo » selig [sind], die Frieden stiften « (Mt 5,9). Es wird für alle gut sein, sich zu engagieren, um die Fundamente für eine Zukunft zu legen, die sich nicht von der trügerischen Kraft der Rache vereinnahmen lässt; eine Zukunft, in der man nie müde wird, die Bedingungen für den Frieden zu schaffen: eine würdige Arbeit für alle, die Sorge für die Ärmsten und den ununterbrochenen Kampf gegen die Korruption, die ausgerottet werden muss.

Liebe junge Freunde, diese Zukunft gehört euch. Macht euch die große Weisheit eurer alten Menschen zunutze und strebt danach, Friedenstifter zu werden: nicht Notare des Status quo, sondern aktive Förderer einer Kultur der Begegnung und der Versöhnung. Gott segne eure Zukunft und » gewähre, dass der Weg der Versöhnung zwischen dem armenischen und dem türkischen Volk wiederaufgenommen werde und der Frieden auch im Bergkarabach entstehen möge « (Botschaft an die Armenier [12. April 2015]: L‘Osservatore Romano [dt.] Jg. 45, Nr. 17 [24. April 2015], S. 8).

 

Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich am Schluss an einen anderen großen Zeugen und Stifter des Friedens Christi erinnern, den heiligen Gregor von Narek, den ich zum „Kirchenlehrer“ erhoben habe. Er könnte auch als „Friedenslehrer“ bezeichnet werden. So hat er in jenem außergewöhnlichen Buch, das ich mir gerne als die „geistliche Konstitution des armenischen Volkes“ vorstelle, geschrieben: » Gedenke derer, [Herr, …] die im Menschengeschlecht unsere Feinde sind, doch zu ihrem Wohl: Vollbringe du in ihnen Vergebung und Barmherzigkeit. […] Vernichte nicht, die mich angreifen, sondern verwandle sie! Vernichte das lasterhafte irdische Verhalten und verwurzele in mir und in ihnen das gute Betragen! « (Buch der Klagen, 83,1-2). Narek, der sich » seines Anteils an jeder Notlage zutiefst bewusst war « (ebd., 3,4), hat sich sogar mit den Schwachen und den Sündern aller Zeiten und Orte identifiziert, um für alle betend einzutreten (vgl. ebd., 31,3; 32,1; 47,2): Er machte sich zum » Fürbitter für die ganze Welt « (ebd., 28,2). Diese seine universale Solidarität mit der Menschheit ist eine bedeutende christliche Friedensbotschaft, ein herzzerreißender Ruf, der Erbarmen für alle erfleht. Mögen die Armenier, die in vielen Ländern präsent sind und die ich von hier aus brüderlich umarmen möchte, Boten dieser Sehnsucht nach Gemeinschaft sein: wahre » Friedensboten « (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben zur 1700-Jahr-Feier der Taufe Armeniens [2. Februar 2001], 7: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 31, Nr. 10 [9. März 2001], S. 10). Die ganze Welt braucht diese eure Verkündigung, sie braucht eure Gegenwart, sie braucht euer lauterstes Zeugnis. Kha’ra’rutiun amenetzun! (Friede sei mit euch!)

(rv 25.06.2016 cz)

Papst Franziskus: Junge Armenier sollten Friedensboten sein

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Papst Franziskus auf dem roten Teppich zum ökumenischen Gebet

Papst Franziskus hat bei der ökumenischen Begegnung in Jerewan die armenische Jugend aufgerufen, nicht im Hier und Jetzt zu erstarren, sondern Friedensboten für die Zukunft zu sein. Tausende vor allem junge Menschen, zivilgesellschaftliche und religiöse Vertreter hatten sich auf dem ehemaligen Lenin-Platz, dem heutigen Platz der Republik in der armenischen Hauptstadt versammelt, um gemeinsam mit dem Katholikos aller Armenier und dem Heiligen Vater zu beten. Franziskus sagte zu der jungen Generation: „Liebe junge Freunde, diese Zukunft gehört euch. Macht euch die große Weisheit eurer alten Menschen zunutze und strebt danach, Friedenstifter zu werden: nicht Verwalter des Status quo, sondern aktive Förderer einer Kultur der Begegnung und der Versöhnung.“

Hierbei sollten sie sich an die „großen Zeugen“ erinnern, etwa den heiligen Gregor von Narek, den Franziskus zum Kirchenlehrer erhoben hat. „Er könnte auch als Friedenslehrer bezeichnet werden“, sagte Franziskus. Er zitierte die Worte des Heiligen im „Buch der Klagen“: „Gedenke derer, [Herr, …] die im Menschengeschlecht unsere Feinde sind, doch zu ihrem Wohl: Vollbringe du in ihnen Vergebung und Barmherzigkeit. […] Vernichte nicht, die mich angreifen, sondern verwandle sie! Vernichte das lasterhafte irdische Verhalten und verwurzele in mir und in ihnen das gute Betragen!“ (Buch der Klagen, 83,1-2). Diese Solidarität mit der Menschheit müssten auch die Armenier, die über die ganze Welt verstreut lebten, beherzigen und „Boten dieser Sehnsucht nach Gemeinschaft sein“.

Die Einheit der Christen sei nicht einfach ein „strategischer Vorteil“, sondern sei notwendig, um die Mission Christi zu erfüllen: Der Welt das Evangelium bringen. „Auf diesem Weg gehen uns viele Zeugen voran und begleiten uns, besonders die vielen Märtyrer, die den gemeinsamen Glauben an Christus mit ihrem Blut besiegelt haben: Sie sind unsere Sterne am Himmel, die über uns leuchten und uns den Weg zur vollen Gemeinschaft weisen, der auf Erden noch zurückzulegen ist.“ Aus seinem Schreiben Evangelii Gaudium zitierend betonte Franziskus, dass die Christen auf ihrem Weg zur Einheit „das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen“ sollten, „ohne Misstrauen“.

Auch in den dramatischsten Augenblicken habe das armenische Volk am Glauben festgehalten. Franziskus verglich dessen Wunden, die durch das „große Übel“, also Vertreibung und Vernichtung insbesondere während des Ersten Weltkrieges, verursacht worden seien, mit den Wunden Christi am Kreuz. „Diese schrecklichen Wundmale des am Kreuz erlittenen Schmerzes sind, verklärt durch die Liebe, zu Quellen von Vergebung und Frieden geworden. So kann auch der größte Schmerz, verwandelt von der rettenden Macht des Kreuzes – deren Boten und Zeugen die Armenier sind –, ein Same des Friedens für die Zukunft werden.“

Franziskus erinnerte auch an den heiligen Katholikos Nerses Schnorhali, der den Wunsch hatte, dass alle Christen „eins seien“. Dafür sei das Gebet aller notwendig. „Es ist schön, hier versammelt zu sein, um füreinander und miteinander zu beten. Und es ist vor allem das Geschenk des Gebetes, das ich heute Abend von euch erbitten möchte; dazu bin ich gekommen,“ so Franziskus.

Vor der Ansprache des Papstes wandte sich der Katholikos der armenisch-apostolischen Kirche Karekin II. an die Versammelten auf dem Platz der Republik. Er würdigte die Rolle des Papstes als Friedensstifter zwischen Nationen und verwies auf die Messe mit den Armeniern im Vatikan im vergangenen Jahr, als er das erste Mal, den heiligen Johannes Paul II. zitierend, die Massaker und Verfolgungen am armenischen Volk als ‚Völkermord‘ bezeichnete. „Unser Volk ist Euer Heiligkeit und allen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, dankbar und erwartet von der Türkei, in Anlehnung an Ihre Botschaft und das Plädoyer vieler Länder und internationaler Institutionen, dass sie genug Tapferkeit zeigen möge, sich ihrer Geschichte zu stellen und die illegale Blockade Armeniens zu beenden sowie damit aufzuhören, Aserbaidschans militärische Provokationen gegen das Recht der Menschen am Berg-Karabach, in Freiheit und Frieden zu leben, zu unterstützen.“ Papst Franziskus wird im September seine zweite Kaukasusreise antreten und bei dieser auch Aserbeidschan besuchen, das Land, mit dem Armenien in diesen Tagen im teils auch bewaffneten Konflikt steht.

Karekin II. ging aber auch auf die Verfolgung der Christen im Nahen Osten ein und klagt an, wie viele religiöse Stätten und Kulturschätze zerstört wurden. Er verglich ihre Situation mit der Situation der Armenier während des Osmanischen Reichs. Daher könnten die Armenier mitfühlen, so Karekin II.. Hier stehe besonders die Kirche in der Pflicht. „In solchen Situationen kann die Mission der christlichen Kirchen und der religiösen Führer sich nicht darin erschöpfen, den Opfern zu helfen, sie zu trösten und pastorale Arbeit zu leisten. Es müssen praktischere Schritte unternommen werden, auf dem Weg, Lösungen für den Frieden zu finden. Wir müssen das Böse vermeiden, indem wir den Geist der Liebe, Solidarität und Zusammenarbeit in den Gesellschaften fördern – durch ökumenischen und interreligiösen Dialog, nach Gottes Wort: ‚Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.‘“

(rv 25.06.2016 cz/pdy)

Papst Franziskus: „Ich verneige mich vor dem armenischen Volk“

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Zu Besuch beim Präsidenten: Papst Franziskus in Armenien

Ansprache von Papst Franziskus
bei der Begegnung mit Vertretern des öffentlichen Lebens
und der Regierung und mit dem Diplomatischen Korps
im Präsidentenpalast von Jerewan

 

Herr Präsident,
sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens,
verehrte Mitglieder des Diplomatischen Korps,
meine Damen und Herren,

es ist mir ein Anlass zu großer Freude, hier sein zu können, den Boden dieses so geschätzten armenischen Landes zu betreten und ein Volk antiker und reicher Traditionen zu besuchen, das mutig seinen Glauben bezeugt hat, das viel gelitten hat, das aber immer wieder neu geboren wurde.

» Unser türkisblauer Himmel, die kristallklaren Wasser, der lichtdurchflutete See, die Sommersonne und im Winter der wilde Nordwind, […] der Stein der Jahrtausende, […] die Bücher, mit dem Griffel eingeritzt und zu Gebet geworden « (Elise Ciarenz, Ode an Armenien) – das sind einige wirkungsvolle Bilder, die ein berühmter Dichter Ihrer Nation uns bietet, um uns die Tiefe der Geschichte Armeniens und die Schönheit seiner Natur zu verdeutlichen. Sie bergen in wenigen Worten den Nachklang und die Fülle der ruhmreichen und dramatischen Erfahrung eines Volkes und dessen verzehrende Liebe zu seinem Vaterland.

Ich bin Ihnen, Herr Präsident, von Herzen dankbar für die liebenswürdigen Worte, mit denen Sie mich im Namen der Regierung und der Einwohner Armeniens willkommen geheißen haben, und dafür, dass Sie mir mit Ihrer freundlichen Einladung die Gelegenheit gegeben haben, Ihren Besuch vom vergangenen Jahr im Vatikan zu erwidern. Damals wohnten Sie der festlichen Messfeier im Petersdom bei, gemeinsam mit Seiner Heiligkeit Karekin II., dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier, und Seiner Heiligkeit Aram I., dem Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, sowie Seiner Seligkeit Nerses Bedros XIX., dem Patriarchen von Kilikien der Armenier, der kürzlich verstorben ist. Bei jenem Anlass wurde des hundertsten Jahrestags des Metz Yeghérn, des „Großen Übels“ gedacht, das Ihr Volk heimsuchte und den Tod einer Unzahl von Menschen verursachte. Diese Tragödie, dieser Völkermord eröffnete leider die traurige Liste der entsetzlichen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts, die von anormalen rassistischen, ideologischen oder religiösen Motivationen ermöglicht wurden, welche den Geist der Menschenschinder so weit verdunkelten, dass sie sich das Ziel setzten, ganze Völker auszurotten.

Ich verneige mich vor dem armenischen Volk, das vom Licht des Evangeliums erleuchtet auch in den tragischsten Momenten seiner Geschichte immer im Kreuz und in der Auferstehung Christi die Kraft gefunden hat, sich wieder aufzurichten und würdevoll den Weg wieder aufzunehmen. Das macht deutlich, wie tief die Wurzeln des christlichen Glaubens hinabreichen und welch unendlichen Schatz an Trost und Hoffnung er in sich birgt. Da wir die unheilvollen Ergebnisse vor Augen haben, zu denen im vergangenen Jahrhundert Hass, Vorurteil und zügellose Herrschsucht führten, wünsche ich mir von Herzen, dass die Menschheit aus diesen tragischen Erfahrungen die Lehre ziehen kann, verantwortungsvoll und klug zu handeln, um den Gefahren vorzubeugen, in solche Gräuel zurückzufallen. Mögen sich daher die Bemühungen aller vervielfachen, damit in den internationalen Streitfragen immer der Dialog, die echte Suche nach dem Frieden, die Zusammenarbeit unter den Staaten und der beharrliche Einsatz der internationalen Organismen vorherrschen, um ein Klima des Vertrauens aufzubauen, das das Zustandekommen dauerhafter Vereinbarungen begünstigt.

Die Katholische Kirche möchte aktiv mit allen zusammenarbeiten, denen das Geschick der Zivilisation und die Achtung der Menschenrechte am Herzen liegt, um in der Welt den spirituellen Werten zum Sieg zu verhelfen und alle zu entlarven, die deren Bedeutung und Schönheit entstellen. In diesem Zusammenhang ist es von grundlegender Bedeutung, dass alle, die ihren Glauben an Gott bekennen, ihre Kräfte vereinen, um jeden zu isolieren, der sich der Religion bedient, um Pläne voranzubringen, die auf Krieg, Übergriff und gewaltsame Verfolgung ausgerichtet sind, und so den heiligen Namen Gottes instrumentalisiert und manipuliert.

Heute werden besonders die Christen mancherorts diskriminiert und verfolgt wie zur Zeit der ersten Märtyrer und vielleicht sogar noch mehr, nur weil sie ihren Glauben bekennen. Zugleich finden zu viele Konflikte in verschiedenen Zonen der Welt noch keine positiven Lösungen und verursachen Trauer, Zerstörung und Zwangsmigration ganzer Bevölkerungen. Es ist daher unerlässlich, dass die für das Geschick der Nationen Verantwortlichen mutig und unverzüglich Initiativen ergreifen, um diesem Leiden ein Ende zu bereiten; ihre vorrangigen Ziele müssen die Suche nach Frieden, die Verteidigung und Aufnahme derer, die Aggressionen und Verfolgungen ausgesetzt sind, die Förderung der Gerechtigkeit und eine nachhaltige Entwicklung sein. Das armenische Volk hat diese Situationen hautnah erlebt; es kennt das Leiden und den Schmerz, es kennt die Verfolgung. Es bewahrt in seiner Erinnerung nicht nur die Verwundungen der Vergangenheit, sondern auch den Geist, der ihm erlaubt hat, jedes Mal wieder neu zu beginnen. In diesem Sinn ermutige ich es, seinen wertvollen Beitrag der internationalen Gemeinschaft nicht vorzuenthalten.

In dieses Jahr fällt der 25. Jahrestag der Unabhängigkeit Armeniens. Es ist ein glücklicher Umstand, über den man sich freuen kann, und die Gelegenheit, der erreichten Ziele zu gedenken sowie neue ins Auge zu fassen, die anzustreben sind. Die Feiern aus diesem frohen Anlass werden umso bedeutsamer sein, wenn sie für alle Armenier – in der Heimat und in der Diaspora – ein besonderer Moment sind, Energien zu sammeln und zu koordinieren, um eine gerechte und inklusive zivile und soziale Entwicklung des Landes zu fördern. Es geht darum, ständig darüber zu wachen, dass die moralischen Gebote des gleichen Rechts für alle und der Solidarität mit den Schwachen und Unterprivilegierten niemals vernachlässigt werden (vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der Abreise aus Armenien [27. September 2001]: Insegnamenti XXIV, 2 [2001], 489). Die Geschichte Ihres Landes geht Hand in Hand mit Ihrer christlichen Identität, die im Laufe der Jahrhunderte gehütet wurde. Diese Identität ist weit davon entfernt, die gesunde Laizität des Staates zu behindern; vielmehr verlangt und nährt sie diese, indem sie die partizipative Bürgerschaft (participatory citizenship) für alle Mitglieder der Gesellschaft, die Religionsfreiheit und die Achtung gegenüber den Minderheiten fördert. Der Zusammenhalt aller Armenier und der verstärkte Einsatz, um Wege zu finden, die helfen, die Spannungen mit einigen Nachbarländern zu überwinden, werden die Verwirklichung dieser wichtigen  Ziele erleichtern und so für Armenien eine Zeit wahrer Wiedergeburt einleiten.

Die Katholische Kirche ihrerseits ist froh, dass sie trotz der begrenzten menschlichen Möglichkeiten, mit denen sie im Lande zugegen ist, ihren Beitrag zum Wachstum der Gesellschaft liefern kann, besonders mit ihrem Einsatz für die Schwächsten und die Ärmsten, auf den Gebieten des Gesundheits- und Erziehungswesens und in dem speziellen Bereich der Caritas. Dies wird bezeugt durch das Wirken des schon seit fünfundzwanzig Jahren betriebenen Krankenhauses Redemptoris Mater in Ashotzk, durch die Arbeit des Bildungsinstituts in Jerewan, durch die Initiativen der Caritas Armenia und durch die von den Ordensgemeinschaften geführten Werke.

Gott segne und beschütze Armenien, das Land, das erleuchtet ist vom Glauben, vom Mut der Märtyrer und von der Hoffnung, die stärker ist als aller Schmerz.

 

(rv 24.06.2016 ord)

Papst in Armenien: Aus den Gräueln der Vergangenheit lernen

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Papst Franziskus zu Besuch in Armenien

Aus den Gräueln der Vergangenheit lernen, wie Frieden zu gestalten wäre: Diesen Wunsch äußerte Papst Franziskus auf armenischem Boden in seiner Ansprache an den Staatspräsidenten, Diplomaten, Politiker und Vertreter des öffentlichen Lebens. Der Papst ging auf das nationale Trauma der Armenier ein, das von den Osmanen durchgeführte Massaker in den Jahren 1915/1916. Der „Metz Yeghern” –  das „große Übel”, wie die Armenier selbst die Vertreibung und die Massaker nennen – „diese Tragödie, dieser Völkermord“ habe „leider die traurige Liste der entsetzlichen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts” wiederholt, die „von anormalen rassistischen, ideologischen oder religiösen Motivationen ermöglicht wurden, welche den Geist der Menschenschinder so weit verdunkelten, dass sie sich das Ziel setzten, ganze Völker auszurotten.”

Er wünsche sich von Herzen, fuhr der Papst fort, dass „die Menschheit aus diesen tragischen Erfahrungen die Lehre ziehen kann, verantwortungsvoll und klug zu handeln, um den Gefahren vorzubeugen, in solche Gräuel zurückzufallen.” In den internationalen Streitfragen – Franziskus nannte keine konkret, doch alle Anwesenden dachten an die Scharmützel Armeniens mit den Nachbarländern Georgien, Aserbeidschan, Türkei und Iran – solle daher stets Dialog vorherrschen, die „echte Suche nach dem Frieden” und „der beharrliche Einsatz der internationalen Organismen”. Franziskus bot in einem solchen Prozess auch die Unterstützung der katholischen Kirche an. Und er mahnte alle religiösen Menschen dazu, gemeinsam gegen Religionsmissbrauch vorzugehen. Wer sich der Religion bediene, um Krieg und gewaltsame Verfolgung zu rechtfertigen, müsse isoliert werden. Auf diese Weise nämlich werde der „heilige Name Gottes instrumentalisiert und manipuliert”.

Besondere Verfolgung erfahren im Moment Christen, stellte der Papst in Armenien klar. Sie werden „verfolgt wie zur Zeit der ersten Märtyrer und vielleicht sogar noch mehr”. Darüber hinaus gebe es derzeit zu viele ungelöste Konflikte in verschiedenen Weltgegenden, die Zerstörung und Zwangsmigration verursachen. Hier müssten die Verantwortlichen in den Regierungen mutig und rasch handeln und klare Ziele vor Augen haben: Frieden, Aufnahme von Flüchtenden, Förderung von Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung. Armenien habe in dieser Hinsicht viel zu geben, sagte der Papst, nicht nur weil es die Verfolgung am eigenen Leb erlebte, sondern auch, weil es jedesmal wieder neu anfing. „In diesem Sinn ermutige ich [Armenien], seinen wertvollen Beitrag der internationalen Gemeinschaft nicht vorzuenthalten.”

Seit 25 Jahren ist Armenien unabhängig. Franziskus lobte ausdrücklich die christliche Identität, die der Kaukasus-Nation niemals abhanden gekommen ist und weit davon entfernt sei, “die gesunde Laizität des Staates” zu behindern, im Gegenteil: die christliche Identität Armeniens stärke die Religionsfreiheit und die Archtung gegenüber den Minderheiten.

(rv 24.06.2016 gs)


Gemeinsames Zeugnis gegen Spaltungen

Papst Franziskus hat bei seiner ersten Ansprache seiner Armenienreise in der Apostolischen Kathedrale des heiligen Gregors des Erleuchters in Etschmiadsin die Bedeutung der Ökumene im Umgang mit Krisen und Konflikten in der Welt betont. Im Beisein des Apostolischen Katholikos Karekin II. sagte er, die Welt sei leider gezeichnet von Spaltungen und Konflikten, materieller und geistlicher Armut und Christen müssten ein Zeugnis der gegenseitigen Achtung und brüderlichen Zusammenarbeit geben. Hierfür sei wichtig, dass sie diesen Weg gemeinsam gingen: „Der ökumenische Geist gewinnt auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der kirchlichen Gemeinschaft einen Vorbildcharakter und ist für alle ein starker Aufruf, die Divergenzen durch den Dialog und die Würdigung dessen, was eint, beizulegen.“ Darüber hinaus verhindere der ökumenische Geist die Instrumentalisierung und Manipulierung des Glaubens. Denn er verpflichte dazu, die echten Wurzeln des Glaubens wiederzuentdecken.

Franziskus hob die besondere christliche Identität Armeniens hervor, das bereits 301 das Christentum als Religion annahm – „in einer Zeit, als im Römischen Reich noch die Verfolgungen wüteten“, betonte er. „Der Glaube an Christus war für Armenien nicht wie ein Gewand, das man je nach Umständen oder Vorteil an- oder ablegen kann, sondern er war eine konstitutive Wirklichkeit seiner eigentlichen Identität, ein Geschenk von unermesslicher Tragweite, das es freudig anzunehmen und engagiert und kraftvoll zu hüten galt, auch um den Preis des eigenen Lebens.“

Er danke dem Herrn für dieses leuchtende Glaubenszeugnis der Armenier, das die machtvolle Wirkung der Taufe beweise. „Ihr habt sie vor über tausendsiebenhundert Jahren mit dem beredten Zeichen des heiligen Martyriums empfangen, das ein ständiges Element der Geschichte eures Volkes geblieben ist.“Franziskus erinnerte an die bisherigen Bemühungen im Dialog durch Katholikos Vasken I., Karekin I. sowie seiner beiden Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

„Wenn unser Handeln von der Kraft der Liebe Christi inspiriert und bewegt ist, nehmen die gegenseitige Kenntnis und Achtung zu, werden bessere Bedingungen für einen fruchtbaren ökumenischen Weg geschaffen und wird zugleich allen Menschen guten Willens und der gesamten Gesellschaft ein konkreter gangbarer Weg aufgezeigt, um die Konflikte zu schlichten, die das bürgerliche Leben zerreißen und Spaltungen verursachen, die schwer zu heilen sind.“

(rv 24.06.2016 cz)


Ankunft des Papstes im „ersten christlichen Land“

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Es ist die erste Etappe einer Doppelreise: Papst Franziskus ist an diesem Freitag in Armenien angekommen, pünktlich um 15 Uhr Ortszeit, also 13 Uhr mitteleuropäischer Zeit, landete der Papstflieger in der Hauptstadt Jerewan, wo er von Staatspräsident Sersch Sargsjan sowie Vertretern der Kirchen und der Gesellschaft begrüßt wurde.

In diesem Jahr wird der Papst zwei Mal in den Kausasus reisen, nach der dreitägigen Armenienreise wird es im September noch eine zweite Reise nach Aserbaidschan und Georgien geben, weswegen der Vatikan von einer „Reise in zwei Etappen“ sprach.

Die Reise habe vor allem spirituellen Charakter. Das hatte der Papst in einer Videobotschaft betont, die er am Donnerstag an Armenien gerichtet hatte. Auf dem Programm der Reise stehen neben den Treffen mit Vertretern von Staat und Gesellschaft der Besuch bei den Katholiken im Land, die ökumenischen Begegnungen mit den Vertretern der armenisch-orthodoxen Kirche und der Besuch im Denkmalkomplex Zizernakaberd, der an den Völkermord vor gut 100 Jahren durch das Osmanische Reich erinnert.

Interview mit dem Präsidenten Armeniens

In einem Interview mit Radio Vatikan spricht Präsident Sersch Sargsjan vor der Anreise des Papstes davon, dass er sich wünsche, dass das gesamte armenische Volk die Wärme und die Energie dieses Papstes spüre. Gerade angesichts der Verfolgungen von Christen – auch armenischen – im Nahen Osten sei der Papstbesuch in seinem Land bedeutend, Papst Franziskus stehe für Dialog, Respekt und friedliches Zusammenleben.

Frieden – das sei auch in den Beziehungen zu Aserbeidschan nötig, so der Präsident weiter. Gerade erst sei er von einem Treffen mit den Präsidenten des Nachbarlandes und Russlands gekommen, man sei sich einig, dass es nur eine friedliche Lösung für die seit Jahrzehnten anhaltenden Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen um die Region Bergkarabach geben könne.

Wie üblich hatte der Vatikan im Namen des Papstes Telegramme an die Staatschefs der überflogenen Länder gesandt, darunter an Recep Tayyip Erdoğan, den Präsidenten der Türkei. Mit dem Land gibt es Spannungen, seitdem am 12. April 2015 Papst Franziskus die Massaker an den Armeniern als Genozid bezeichnet und in eine Reihe mit dem Holocaust gestellt hatte.

Zu seiner eigenen geistlichen Vorbereitung war Papst Franziskus am Vorabend der Reise zu einem privaten Besuch in der Basilika Santa Maria Maggiore, wo er vor der dortigen Marienikone betete. Dort legte er auch einen Strauß Blumen nieder, die wie üblich in die Farben des zu besuchenden Landes gewickelt waren.

(rv 24.06.2016 ord)


Papstbesuch in Armenien:
Stimmen aus dem Osservatore Romano

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Die Pastoralreise von Papst Franziskus nach Armenien ist eine günstige Gelegenheit, die Beziehungen zwischen der armenisch-apostolischen und der katholischen Kirche noch weiter zu stärken. Das hofft der vatikanische Ökumenekardinal Kurt Koch in einem Beitrag für den L´Osservatore Romano, der im Vorfeld der Reise veröffentlicht wurde. Kardinal Koch betont in seinem Artikel die ökumenische Bedeutung der Papstvisite, die durch seinen Aufenthalt in der Residenz des Katholikos der armenisch-apostolischen Kirche, genau 15 Jahre nach dem Heiligen Johannes Paul II., noch vertieft werde. Es seien die Gemeinsamkeiten und jüngsten Fortschritte in den ökumenischen Beziehungen, die durch den Papstbesuch unterstrichen werden sollten, betont Kurt Koch. Deswegen sei eines der zentralen Anliegen der Reise das gemeinsame Gebet, in einer Art Vorwegnahme einer Einheit, die erst noch erreicht werden müsse.

Ein wichtiges Zeichen sei erst jüngst mit der Erhebung des Heiligen Gregor von Narek in den Rang eines Kirchenlehrers gesetzt worden. Diese bedeute nicht nur „Einladung, sich mit dem spirituellen Schatz des armenischen Volkes“ vertieft auseinanderzusetzen, sondern sei auch insgesamt ein Zeichen für den „neuen Geist“, der die Beziehungen der Kirchen durchwehe.

Armenien, so erinnert der Kardinal, war die erste Nation überhaupt, die sich als ganze zum Christentum bekannte. Bereits im Jahr 301 wurde der damalige König Trdat III. vom heiligen Gregor von Narek oder „dem Erleuchter“ getauft; demselben Heiligen, den er zuvor 13 Jahre lang in einer Grotte unter dem Berg Khor Virap gefangen gehalten hatte. Dies sei der Beginn der Konversion eines ganzen Volkes gewesen, die neben dem Glauben an Christus Erlöser jedoch auch zu einer Reihe von Verfolgungen und Leiden für das armenische Volk führte. Sichtbares Zeichen des Martyriums des armenischen Volkes: die charakteristischen Steinkreuze, die allerorten zu finden seien. Es sei letztlich auch der gemeinsame Blutzoll, der die Ökumene ausmache, erinnert Kardinal Koch mit Verweis auf die drei letzten Päpste, Johannes Paul II., Benedikt XVI. und schließlich Franziskus selbst, der von einer „Ökumene des Blutes“ gesprochen habe. Am 12. April 2015 wurde im Beisein der beiden Katholikoi der armenisch-apostolischen Kirche und des Patriarchen der armenisch-katholischen Kirche während eines Gottesdienstes im Petersdom die Erhebung des armenischen Heiligen Gregor zum Kirchenlehrer gefeiert. Im Verlauf der denkwürdigen Zeremonie habe der Papst auf die Leiden des armenischen Volkes hingewiesen und deutlich vom „ersten Genozid des XX. Jahrhunderts gesprochen“, indem er sich auf die Vertreibungen und Verfolgung der armenischen Christen durch Truppen des Osmanischen Reiches im Jahr 1915 bezog, betonte Koch.

Die Bedeutung dieser Worte Franziskus´ für das armenische Volk unterstrich auch ein anderer hochrangiger Kirchenvertreter im Osservatore Romano. Der armenisch-katholische Erzbischof Raphael Minassian betonte in seinem Gastbeitrag, wie der Papst bereits seit seinem Amtsantritt die Sympathien der Armenier gewonnen habe. Doch es sei jener 12. April 2015 gewesen, der die Sympathien in tiefe Verehrung und Dankbarkeit des gesamten Volkes gewandelt habe. Dies werde sich auch in den Reaktionen auf seine Visite zeigen, die als diejenige eines spirituellen Vaters bei seinen in der Welt verstreuten Kindern wahrgenommen werde. Vor allem die armenischen Katholiken im Land, etwa 160.000 an der Zahl, warteten mit Ungeduld auf ihren Hirten, um mit ihm gemeinsam aufs Neue in ihrem Glauben und in ihren Bestrebungen für Einheit und Versöhnung bestärkt zu werden.

Für Kardinal Leonardo Sandri, den Präfekten der Ostkirchenkongregation, bedeutet die Reise des Papstes an die Peripherien Europas eine Erinnerung an unsere eigenen christlichen Ursprünge. Ebenfalls im Osservatore schrieb er, die Reise stelle einen Tribut an das Martyrium dar, mit dem der Glaubensweg der zutiefst christlichen Armenier seit jeher verbunden gewesen sei. Er erinnerte in seinem Beitrag daran, dass es die Christianisierung des Landes gewesen sei, die ihm das Alphabet geschenkt habe. Gleichzeitig betont der Kardinal, dass Franziskus kein politisches oder soziales Ziel verfolge. Es sei vielmehr stets das Evangelium des Herrn, von dem aus er seinen Ausgang nähme und zu dem er zurück führen wolle. Diese Interessenlosigkeit sei es, die ihm den direkten Zugang zu den Herzen der Menschen garantiere und zu einer Versöhnung auch der gegensätzlichsten Positionen beitragen könne.

(or 24.06.2016 cs)