Tradition und Katholizismus in Einheit mit dem Heiligen Stuhl

PMT-Hauptversammlung 2004 in Augsburg, Pontifikalamt mit Bischof Rifan

Vortrag bei der Jahrestagung von

Pro Missa Tridentina

am 8. Mai 2004 in Augsburg

von Bischof Fernando Rifan

Sehr geehrte Damen und Herren Vorstände der Vereinigung „Pro Missa Tridentina“, ganz besonders Frau Monika Rheinschmitt und Prof. Dr. Wolfgang Waldstein, die mich zu meiner großen Freude zu diesem Treffen eingeladen haben.

Hochwürdigste Priester, sehr geehrte Mitglieder von „Pro Missa Tridentina“, teure Brüder und Freunde der traditionellen Liturgie, meine Damen und meine Herren,

zuerst möchte ich mich für die liebenswürdige Einladung von „Pro Missa Tridentina“, in Person der verehrten Frau Monika Rheinschmitt, bedanken und für die damit verbundene Möglichkeit und Freude, hier zu sein und gemeinsam mit Ihnen die heilige Messe zu feiern und an dieser Tagung teilzunehmen. Ich danke ganz besonders Seiner Exzellenz, dem Diözesanbischof von Augsburg, Dr. Viktor Joseph Dammertz, der liebenswürdigerweise uns erlaubte, ein Pontifikalamt zu zelebrieren. Ich bedanke mich für Ihre Anwesenheit und im Voraus für Ihre Achtung und Ihre Geduld.

Einführung

Ich bin Dom Fernando Arias Rifan, Titularbischof von Cedamusa, Apostolischer Personal-Administrator von São João Maria Vianney, von Campos, Rio de Janeiro, Brasilien, zum Bischof geweiht am 18. August 2002 durch seine Eminenz Kardinal Dario Castrillon Hoyos, Präfekt der Kongregation für den Klerus. Nominiert durch den Heiligen Vater, Papst Johannes Paul II., als Bischof Koadjutor seiner Exzellenz Dom Licinio Rangel. Nach dessen Tod am 16. Dezember vergangenen Jahres wurde ich automatisch, entsprechend dem kanonischen Recht, sein Nachfolger, also Apostolischer Administrator.

Unsere Apostolische Personal-Administratur Hl. Johannes Maria Vianney ist eine offizielle kirchliche Jurisdiktion innerhalb der katholischen Kirche, errichtet durch das Dekret „Animarum bonum“ der Kongregation für die Bischöfe am 18. Januar 2002, unter Berücksichtigung der Anordnung des Höchsten Pontifex in handschriftlicher Ausfertigung „Ecclesiae unitas“ in Verbindung mit den liturgischen Formen der Römischen Liturgie, die der letzten liturgischen Reform von 1969 vorausgingen.

Um Ihnen ein besseres Verständnis dafür zu ermöglichen, wie sich alles entwickelte, möchte ich Ihnen etwas aus unserer Geschichte erzählen.

Unsere kleine Geschichte innerhalb der Kirchengeschichte

Die katholische Kirche auf unserer Erde ist kämpferisch, da sie sich immer im Streit befindet mit den Feinden Gottes und der Seelen, innen wie außen, gegen Sünden und Häresien.

Hervorgegangen aus den römischen Verfolgungen der drei ersten Jahrhunderte, mußte die Kirche stets gegen die großen trinitarischen und christologischen Häresien ankämpfen.

Selbst auf dem Höhepunkt der mittelalterlichen Christenheit, der Epoche der großen Heiligen, fehlten nicht die großen Häresien, die eine intensive Wachsamkeit seitens der Kirche erforderten. Als Ergebnis der Dekadenz der Sitten in der Renaissance ist der Verfall der Moral zu sehen, der alle Ebenen des christlichen Universums getroffen hat, vom einfachen Volk bis in die höchsten Hierarchien. Es entstand der Protestantismus, eine Pseudo-Reform, die verheerende Schäden anrichtete im christlichen Volk und noch heute anrichtet, hauptsächlich in Irrtümern über das Priestertum, die Eucharistie und den Opfercharakter der heiligen Messe. Die wirkliche Reform wurde von der Kirche durch das Konzil von Trient bewirkt sowie durch den Eifer der Heiligen, wie z.B. des heiligen Ignatius mit der Gesellschaft Jesu, des heiligen Karl Borromäus mit der Gründung von Seminaren, des heiligen Pius V. mit der Festlegung der Liturgie.

Ende des 18. Jahrhunderts kam die Französische Revolution mit der Verkündung der Menschenrechte unabhängig von den Gottesrechten, es kamen der Laizismus der Staaten und die modernen Freiheiten, es kam eine starke Kirchenverfolgung.

Im 19. Jahrhundert kam die Vorherrschaft des Liberalismus, der durch das kirchliche Lehramt verurteilt wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam der Modernismus als Zusammenfassung aller Häresien in die Kirche und wurde verurteilt durch den heiligen Pius X.

Im sozialen Bereich entstand der Kommunismus, Ergebnis der marxistischen Philosophie, Zerstörer der christlichen Gesellschaft und großer Verfolger der Kirche.

Zwei Weltkriege forderten die stärkere Laisierung und Entchristlichung der Gesellschaft.

Und viele Irrtümer, die durch die Kirche bereits verurteilt waren, fanden ihre Wiedereinführung in die christlichen Reihen. Der heilige Vater Pius XII. erneuerte die Verurteilung dieser Irrtümer in verschiedenen Enzykliken, besonders in „Humani Generis“ und im liturgischen Bereich in „Mediator Dei“ (1947).

1948 wurde Dom Antonio de Castro Mayer zum Bischof von Campos ernannt, Professor, Doktor der Theologie, Abschluß an der Universität Gregoriana in Rom, treu dem kirchlichen Lehramt ergeben. Dom Antonio, vor allem bekannt durch seine Predigten, Artikel und insbesondere wegen seiner brillanten Pastoral-Briefe, alarmierte unaufhörlich seine Priester und Diözesanen wegen der aktuellen Irrtümer, die bereits durch die Kirche verurteilt und schon überall eingedrungen sind. In diesem Geist der Treue zur Kirche formte er seine Priester.

Er nahm von 1962 bis 1965 am II. Vatikanischen Konzil teil und versuchte, seinen Priestern und Gläubigen die legitime Interpretation des „Aggiornamento“ zu geben, die durch Papst Johannes XXIII. gewünscht wurde, als Warnung gegen diejenigen, die sich das Konzil zunutze machen, um den Modernismus und in seinem Gefolge die Häresien wieder zu beleben, wie sie durch den Papst Paul VI. als „Selbstzerstörung der Kirche“ aufgedeckt wurden.

Nach dem Konzil folgte die große noch nie dagewesene Krise innerhalb der Kirche: mit Glaubensabfällen in großem Ausmaß seitens der Priester und Ordensleute, mit der Entheiligung der Liturgie, Laisierung des Klerus, Rückgang der Berufungen, Verweltlichung der Seminare, irendische Ökumene, religiöser Synkretismus (Vermischung verschiedener Religionen), usw.

Wie sagte Papst Johannes Paul II: „Es wurden diejenigen Ideen ausgestreut, die am ausdrücklichsten der offenbarten und immer gelehrten Wahrheit entgegenstanden: wahre Häresien auf den Feldern der Dogmatik und der Moral wurden verbreitet … selbst die Liturgie wurde vergewaltigt“ (Diskurs auf dem Kongreß der Missionen, 6. Februar 1981).

Inmitten der allgemeinen Krise suchte Dom Antonio seine Diözese in der wahren katholischen Lehre zu erhalten durch die Bildung der Priester und die Anleitung der Gläubigen.

Nach dem Konzil wurden einige Änderungen in der Liturgie der heiligen Messe eingeführt, welche von Dom Antonio folgsam akzeptiert und in der Diözese übernommen wurden. Aber es gab Anzeichen dafür, daß die liturgische Reform nicht gut verlief und Unzufriedenheit verursachte.

Kardinal Antonelli, Mitglied der Päpstlichen Kommission für die Liturgische Reform, gesteht ein, daß die Reform durch „Personen, vorgerückt auf den vorgegebenen Wegen der Erneuerungen …“ vorbereitet worden ist, lieblos und ohne jegliche Verehrung dessen, was uns überliefert wurde.“ (Card. Ferdinando Antonelli e gli sviluppu della riforma liturgica dal 1948 al 1970 Studia Anselmiana Roma).

Im Jahre 1969 kam der Novus Ordo Missae des Papstes Paul VI., der nicht wenig Bestürzung bei vielen Katholiken verursachte, einschließlich wichtiger Persönlichkeiten wie einiger Kardinäle der Römischen Kurie.

Gleichermaßen bestürzt schrieb Dom Antonio an Papst Paul VI., um seine Gewissenskonflikte bezüglich der Akzeptanz der neuen Messe darzulegen. Hier ein Auszug aus seinem Brief: „Ich habe mit Aufmerksamkeit den „Novus Ordo Missae“ geprüft, … nun, nach viel Gebet und Reflexion, erachte ich es als meine Pflicht als Priester und Bischof, Eurer Heiligkeit meine Gewissensqual aufzuzeigen und in Ehrfurcht und kindlichem Vertrauen, die ich dem Stellvertreter Jesu Christi schulde, eine Bitte vorzubringen. Ich erfülle somit eine dringende Gewissenspflicht, demütig und in ehrerbietiger Weise Eure Heiligkeit anzuflehen, Sie möge die Güte haben, uns zu ermächtigen, weiterhin den „Ordo Missae“ des heiligen Pius V. zu gebrauchen, dessen Wirksamkeit für die Ausbreitung der heiligen Kirche und für den Eifer der Priester und Gläubigen durch Eure Heiligkeit mit großem Nachdruck in Erinnerung gerufen wird.“ (Brief vom 12. September 1969).

Auf diese Weise, obwohl Dom Antonio niemals jemanden hierzu verpflichtete – es gab Priester, welche die Neue Messe übernahmen – wurde in der Mehrheit der Pfarreien in der Diözese von Campos offiziell die traditionelle heilige Messe nach dem heiligen Pius V. sowie die gesamte traditionelle apostolische Ausrichtung bewahrt.

1981 wurde Dom Antonio auf dem Bichofssitz von Campos ersetzt. Die auf ihn folgenden Bischöfe hatten nicht seine Ausrichtung. Nachdem sie von ihren Pfarreien wegversetzt worden waren mit der Folge, daß Tausende von Gläubigen die Wiederherstellung der traditionellen heiligen Messe und der traditionellen Ausrichtung wünschten, erkannten die „Priester von Campos“ die Notwendigkeit, für diese Gläubigen zu sorgen und ihnen in neuen Kirchen und neuen Kapellen die Sakramente zu spenden. So wurde die Priestergemeinschaft vom hl. Johannes Maria Vianney gegründet.

Und ohne jegliche Absicht, ein Schisma in der Kirche zu begründen, beantragten die Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X., einen ihrer Priester, Dom Licinio Rangel, zum Bischof zu weihen, um für die traditionsverbundenen Gläubigen zu sorgen als ein Bischof ohne Jurisdiktion, nur versehen mit der Gewalt des Amtes und ohne Absicht, eine parallele Diözese zu errichten (1991). Es war klar, daß diese Notsituation nicht ewig andauern konnte. Alle ersehnten die Rückkehr zur Normalität.

Zum Jubiläum des Jahres 2000 nahmen die „Priester von Campos“ teil an der Pilgerfahrt des Heiligen Jahres nach Rom, gemeinsam mit der Priesterbruderschaft St. Pius X.

Zu diesem Zeitpunkt begann Kardinal Dario Castrillon Hoyos, Präfekt der Kleruskongregation, mit der Genehmigung und dem Segen des Heiligen Vaters, Papst Johannes Paul II., das Gespräch mit dem Ziel einer juristischen Regulierung der Situation der betroffenen traditionsverbundenen Priester und Gläubigen.

Die Priester der Priestergemeinschaft vom heiligen Johannes Maria Vianney schrieben einen Brief an den Heiligen Vater, in dem sie um Akzeptanz und Anerkennung als Katholiken baten. Der Papst antwortete, daß er ihnen wohlwollend Gehör schenken wolle. Am 18. Januar 2002, wurde die Personal-Administratur Heiliger Johannes Maria Vianney errichtet, mit eigenem Bischof und Priestern, mit Personal-Jurisdiktion über die Gläubigen und mit dem Recht auf die traditionelle heilige Messe als eigener Ritus (die offizielle Verwirklichung der Bitte von Dom Antonio de Castro Mayer war hiermit erreicht). Alle Zensuren und Strafen, die sie möglicherweise in der Vergangenheit auf sich gezogen hatten, wurden aufgehoben. Auf diese Weise wurde die rechtliche Stellung innerhalb der katholischen Kirche geregelt, die kanonischen Befugnisse wurden wieder zuerkannt und ihre kirchlichen Realität mit ihren charakteristischen Eigentümlichkeiten respektiert.

Gründe für die Übereinkunft mit dem Heiligen Stuhl

Wie bereits erwähnt im Zusammenhang mit dem handgeschriebenen Brief „Ecclesiae unitas“ des Heiligen Vaters Papst Johannes Paul II. vom 25. Dezember 2001 und durch das Dekret „Animarum bonum“ der heiligen Kongregation für die Bischöfe vom 18. Januar 2002 schuf der Heilige Stuhl die Apostolische Personal-Administratur Hl. Johannes Maria Vianney, um den Katholiken den tridentinischen Ritus mit eigenem Bischof, Priestern, Pfarreien und eigenem Seminar zu ermöglichen und die der traditionellen Liturgie des lateinischen Ritus verbundenen Gläubigen zu achten.

Es war ein historisches Ereignis und von großer Wichtigkeit für die katholische Kirche.

Es war nicht im eigentlichen Sinne eine Übereinkunft, wie man sagte und wie ich es noch erklären werde.

Beachten wir den juristischen Aspekt zum Zeitpunkt, als unsere Bitte gewahrt wurde, so können wir sagen, es gab eine juristische Genehmigung von Seiten des Heiligen Stuhls.

Beachtet man aber die Verhandlungen und Gespräche für sich selbst, so gab es keine eigentliche Übereinkunft, sondern es gab eine Absprache.

Allein das Wort „Übereinkunft“, welches in den vorhergehenden Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl gebraucht wurde, erachten wir unter den gegenwärtigen Umständen als wenig geeignet.

Einmal, weil es keine Übereinkunft gibt mit einem Höherrangigen der kirchlichen Hierarchie und noch weniger mit dem Papst: ihm schuldet man Folgsamkeit und Gehorsam nach den Regeln der Kirche und zweitens, weil „ Übereinkunft „ Konzessionen und Austausch beinhaltet, die es in der Realität nicht gegeben hat.

Der Begriff, welcher das, was es gab, besser ausdruckt ist: „Absprache“.

In Wahrheit wurden wir zu Beginn der Gespräche als Negativ-Part erachtet, als Zerrbild (Karikatur): die „Priester von Campos“, „Traditionalisten“, also als jene, die absolut weder den Papst noch das 2. Vatikanische Konzil noch den Wert des Novus Ordo Missae, die Messe von Papst Paul VI., anerkannten. Deshalb war es notwendig, unsere wahre Position zu verdeutlichen, die, einmal „verstanden“, wie sie ist, unsere Anerkennung und Genehmigung als Katholiken, in vollständiger Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl, erlaubte. Also, es gab eine „Absprache“, und mit ihr eine juristische Regelung.

Warum suchen wir diese Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl? Folgendermaßen antwortete Dom Licinio Rangel der internationalen Zeitschrift „30 Tage“: „Es war unsere Liebe zu Rom und zum Papst, unser katholisches Gefühl, als Frucht der Bildung, die wir durch Dom Antonio de Castro Mayer erhalten haben. Er veranlaßte uns, immer die Einheit mit der Hierarchie der heiligen Kirche zu wünschen. Immer hatten wir die Gewißheit, daß unsere Position des Widerstandes „für“ die Tradition und die konsequente Situation der Ausführung, eng am notwendigen Thema sein sollte, den zeitlichen Umständen entsprechend, immer die Ursprünge der Krise anzeigend, gerechtfertigter Widerstand im Interesse der Seelen, ohne irgendeine Intention zum Schisma. Als Beweis sei angeführt, daß ich nach dem Tode des Dom Antonio de Castro Mayer vor zehn Jahren und als ich das Bischofsamt erhielt, erklärte, daß die Zustände sich andern müßten, und ich würde dem Papst mein Bischofsamt zur Verfügung stellen, sofern er es Wünsche, so daß er darüber verfügen könne. Nichts also, kein Bruch mit der Kirche. Immer ersehnten wir eine Regulierung und eine Anerkennung. Die Möglichkeit hierzu ergab sich nach unserer Pilgerfahrt nach Rom zum Jubiläum des Jahres 2000, als der Heilige Vater Dario Kardinal Castrillon Hoyos ernannte, in seinem Namen die Gespräche im Hinblick auf unsere Regulierung vorzubereiten. Die Gespräche dauerten das ganze Jahr 2001 hindurch, und Gott sei Dank wurde ein guter Schluß erreicht mit unserer vollständigen kanonischen Anerkennung im Schoß der Heiligen Kirche.“

Die Notwendigkeit einer Anerkennung

Eines, was uns am meisten bewegte, die Anerkennung und die Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl zu akzeptieren, war das vertiefte Studium einiger sicherer katholischer Wahrheiten. z.B.: Alle Katholiken müssen geeint sein unter der Hierarchie der Kirche. Übrigens ist es ein Dogma des katholischen Glaubens: „Wir erklären, sagen und definieren, daß es absolut notwendig ist zur Rettung aller Menschen, sich dem römischen Pontifex unterzuordnen“ (Bonifatius VIII., Bulle Unam Sanctam, Dz-Sh 875).

Und das Lehramt der Kirche (Leo XIII. Enzyklika Satis Cognitum) lehrt uns, daß die Einheit der Herrschaft oder der Regierung ebenso notwendig ist wie die Einheit des Glaubens.

Folglich ist das Getrenntsein von der Hierarchie gleichermaßen als körperliche Trennung zu verstehen, etwas Unnormales, etwas zeitlich Befristetes, das es notwendig macht, diesen Zustand zu beenden.

So waren die Gedanken des Dom Marcel Lefebvre, als er während der mit dem Heiligen Stuhl geführten Gespräche im Jahre 1988, an Kardinal Ratzinger schrieb:

„Ich konnte die Arbeiten der beauftragten Kommission begleiten, um eine akzeptable Lösung für die Probleme, um die wir uns sorgen, vorzubereiten. Es scheint, daß wir Dank der Gnade Gottes auf dem richtigen Weg sind für eine Übereinkunft, mit der wir glücklich sein werden.“ (Brief vom 15.04.1988  cf. Fideliter,  le dossier complet).

Gefahr des Schismas in diesem Zustand der Trennung

Die Priester der Priestergemeinschaft von Campos unter Dom Licinio schrieben nach reifer Überlegung am 5. Juni 2001 offiziell an den Superior der Priesterbruderschaft St. Pius X., Dom Bernard Fellay, mit welchem sie zusammen die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl führten, und listeten 28 ernste Grinde auf über die Notwendigkeit einer Anerkennung und warnten ihn vor der zu erwartenden Gefahr des Verbleibens in diesem unnormalen Stand der Trennung: „Man muß berücksichtigen … daß die derzeitige Trennung der traditionellen Katholiken in Bezug auf die Hierarchie, provoziert durch die Krise der Kirche, etwas Abnormales ist, was nur gelegentlich und vorübergehend sein darf, und daß es folglich unser ernsthaftes Anliegen sein muß, nach einer Regulierung und Einheit zu streben, anstatt sich mit einer Situation zu begnügen, welche die negativen Auswirkungen dieser abnormalen Trennung schon inmitten der traditionsverbundenen Gläubigen spürbar werden läßt. Diese negativen Auswirkungen rufen einen Geist der allgemeinen und systematischen Kritik hervor, einen Geist der Unabhängigkeit, ein Sich-Zufrieden-Geben mit der Abnormalität der Situation und ein Gefühl, persönlich im Besitz der Einen Wahrheit zu sein; die Gefahr, die von dieser Trennung im Verlauf der Zeit ausgeht, auch wenn sie nicht das Bekenntnis zu irgendeinem theoretischen Schisma bedeutet, ist das Entstehen eines schismatischen Geistes, wenn man das Fehlen einer einheitlichen Struktur als gegeben betrachtet“.

(Unglücklicherweise wurde dieser Brief nicht beantwortet)

Die Beispiele für diesen Geist, die wir aus traditionsverbundenen Kreisen kennen, brachten uns dazu, über diese Gefahr, die in einer gewohnheitsmäßigen oder systematischen Trennung liegt, nachzudenken: Die Radikalen wandeln sich zu Sedisvakantisten, zu Schismatikern oder sogar zu Apostaten.

Der Heilige Thomas von Aquin sagt: „Es seien genannt Schismatiker diejenigen, die es ablehnen, sich dem Höchsten Pontifex unterzuordnen und jene, die es ablehnen, in Gemeinschaft mit den Gliedern der Kirche und ihren Menschen zu leben“ (2a-2ae, q. 39, art. 1).

Der berühmte spanische Theologe Francisco Suarez lehrt, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, zum Schismatiker zu werden: „ohne zu verneinen, daß der Papst das Oberhaupt der Kirche ist, was an sich schon Häresie wäre, es genügt schon sich so zu verhalten, als wäre er es nicht: dies ist die übliche Methode.“ (De Charitate, disp. 12, sect. I, n.2, t. XII, p. 733, in Opera Omnia).

Dies lehrt das Lehramt der Kirche: „In einem gefährlichen Irrtum befinden sich also jene, die meinen, sie könnten Christus als Haupt der Kirche verehren, ohne seinem Stellvertreter auf Erden die Treue zu wahren. Denn wer das sichtbare Haupt außer acht läßt und die sichtbaren Bande der Einheit zerreißt, der entstellt den mystischen Leib des Erlösers zu solcher Unkenntlichkeit, daß er von denen nicht mehr gesehen noch gefunden werden kann, die den sicheren Hort des ewigen Heiles suchen.“ (Pius XII., Enzyklica Mystici Corporis).

„Wozu dient es in Wahrheit, das katholische Dogma des Primates des glückseligen Petrus und aller seiner Nachfolger, die Verbreitung von so vielen Erklärungen zum katholischen Glauben und des Gehorsams gegenüber dem Apostolischen Stuhl, wenn deren Taten offensichtlich deren Worten widersprechen? Kann es sein, daß die Rebellion nicht weniger entschuldbar ist, desto mehr, als man die Pflicht zum Gehorsam anerkennt?….jener, der dies verneint, ist Ketzer; jener der im Gegensatz hierzu dies anerkennt aber hartnäckig es ablehnt zu gehorchen, ist würdig des Bannfluchs“ (Papst Pius IX., Enzyklika Quae in Patriarchatu, 1/9/1868, n. 23 u. 24).

Worin bestand die Unregelmäßigkeit der Situation?

Die erste Unregelmäßigkeit war die Weihe eines Bischofs und dessen Einsetzung gegen den Willen des Papstes. Folglich wäre es notwendig gewesen, bei der ersten passenden Gelegenheit aus dieser irregulären Situation wieder herauszukommen, denn es gab die schwerwiegende Gefahr der Weiterentwicklung von einem Zustand der bloßen Trennung hin zu einem realen Schisma.

So sagte Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Ad Apostolorum Principis“: „Keine Autorität, außer es wäre der Höchste Hirte, keine Person oder Versammlung von Priestern oder Laien kann sich das Recht der Bischofsnominierung anmaßen. Niemand kann rechtmäßigerweise die Bischöfliche Weihe erteilen, ohne die Gewißheit eines päpstlichen Mandats zu haben. Eine solche Weihe gegen göttliches und menschliches Recht, ist ein äusserst schwerwiegender Anschlag auf die Einheit der Kirche selbst und wird bestraft mit der Exkommunikation“.

Darüber hinaus beginnen mit der Zeit Fälle aufzutreten, für welche die „Schlüsselgewalt“ notwendig ist, die ein Bischof ohne Jurisdiktion nicht besitzt, z.B. die Erklärung der Annullierung von Ehen, die Laisierung von Diakonen, die Dispens von Wahlen usw. Wenn jemand solche Vollmachten für sich beanspruchte, käme das einer Ersetzung der Hierarchie gleich, der Bildung einer Parallelkirche, was tatsächlich ein Schisma wäre.

In unserem Fall strebte Dom Licinio Rangel, in einer außerordentlichen Situation zum Bischof geweiht, um für diejenigen Gläubigen zu sorgen, die der traditionellen Liturgie verbunden waren immer die Normalisierung der irregulären Situation an, in der wir uns befanden, denn er war sich bewußt, daß es für einen Katholiken normal ist, mit der Kirche vereint und ihrer Hierarchie unterstellt zu sein. Sobald der Heilige Stuhl uns die Möglichkeit der Regulierung angeboten hatte, bestätigte Dom Licinio: „Der Notstand soll beendet werden!“. Und er tat alles dafür, daß die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl zu einem guten Ergebnis führten, trotz des Drucks, den diejenigen ausübten, die weiterhin am Rande verbleiben wollten.

Der Kampf für die heilige Messe im traditionellen Ritus

Während vieler Jahre kämpften und litten wir für den Erhalt der traditionellen heiligen Messe. Und jetzt, Gott sei Dank, gewahrte uns der Heilige Vater wie einen Siegespreis für diesen Kampf das offizielle Recht, in unserer Administratur die vom heiligen Pius V. kodifizierte traditionelle heilige Messe sowie alle Sakramente, die vollständige Liturgie und die traditionelle Disziplin beizubehalten.

Die Gründung der Apostolischen Administratur zeigt aller Welt, daß es möglich ist, die traditionelle Liturgie zu bewahren, in voller Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater, dem Papst. Es ist nicht notwendig, die Gemeinschaft mit ihm aufzubrechen. Desweiteren ist beachtenswert, daß die Bitte von Dom Antonio de Castro Mayer, der den Papst um die Erlaubnis gebeten hatte, die Feier der traditionellen Messe fortführen zu dürfen, letztlich erfüllt wurde.

So bewahren wir mit dem Segen des Heiligen Vaters, des Papstes, die tridentinische heilige Messe, da sie den authentischen Reichtum der heiligen katholischen Kirche in sich trägt, eine Liturgie, die viele Seelen heiligte, die heilige Messe, welche schon die Heiligen mitfeierten, die heilige Messe, die in aller Klarheit und ohne Zweideutigkeiten die eucharistischen Dogmen ausdrückt, die ein authentisches Glaubensbekenntnis begründen, als Symbol unserer katholischen Identität, ein wahrhaftiges theologisches und geistliches Erbe der Kirche, das es zu bewahren gilt.

Wie Kardinal Dario Castrillon Hoyos, der Präfekt der Kongregation für den Klerus, es gut ausgedrückt hat: „Gerade der alte Ritus der heiligen Messe hilft vielen Menschen, den Sinn für das Geheimnis lebendig zu erhalten. Der heilige Ritus mit seiner Offenheit für das Geheimnis hilft uns, mit unseren Sinnen einzudringen in das Innere des göttlichen Geheimnisses. Die Würde eines Ritus’, der die Kirche während so vieler Jahre begleitete, rechtfertigt sehr wohl, daß eine besondere Gruppe von Gläubigen die Wertschätzung dieses Ritus erhalten will, und die Kirche, vertreten durch die Stimme des Höchsten Pontifex, verstand dies, als sie darum bat, die Türen für seine Zelebration zu öffnen… Wir feiern einen schonen Ritus, einen Ritus, der viele zu Heiligen gemacht hat, eine schöne heilige Messe, welche die Gewölbe vieler Kathedralen erfüllt und welche ihre geheimnisvollen Klänge in den kleinen Kapellen der ganzen Welt erklingen läßt _“ (Auszüge aus der Predigt während der heiligen Messe des heiligen Pius V., von Kardinal Dario Castrillon Hoyos, zelebriert in Chartres, am 4. Juni 2001).

Das Gleiche sagte Papst Johannes Paul II. in Bezug auf die traditionelle heilige Messe, als er sie als Vorbild der Ehrfurcht und Demut für alle Zelebranten der Welt vorgegeben hat:

„Das Volk Gottes hat das Bedürfnis, in uns Priestern und Diakonen ein Verhalten zu sehen, voll Ehrfurcht und Würde und fähig, ihnen zu helfen, in die unsichtbaren Dinge einzudringen, auch mit wenigen Worten und Erklärungen. Im Missale Romanum vom heiligen Pius V. finden wir wunderschöne Gebete, mit denen der Priester die tiefsten Gefühle der Demut und Ehrfurcht im Angesicht der heiligen Geheimnisse ausdrücken kann: sie offenbaren das innerste Wesen der ganzen Liturgie“ (Johannes Paul II., Botschaft an die Vollversammlung der Kongregation für den Göttlichen Kult und der Sakramentenordnung, über das Thema „Vertiefung des liturgischen Lebens im Volk Gottes, vom 21.9.2001).

Aber: Lieben, Verteidigen und Bewahren der traditionellen heiligen Messe bedeutet nicht, die Neue Messe an sich als häretisch, sakrilegisch, sündhaft oder unrechtmäßig zu erachten. Das wäre gegen das Dogma der Unfehlbarkeit der Kirche.

Wir sagen in unserer Erklärung, daß wir die Gültigkeit des Novo Ordo Missae, erlassen durch Papst Paul VI., immer dann anerkennen, wenn sie richtig und in der Intention zelebriert wird, das wahre Opfer der heiligen Messe darzubringen.

Übrigens war dies die Lehre von Dom Antonio de Castro Meyer und auch von Dom Marcel Lefebvre, der in seiner Grundsatzerklärung, die von ihm geprüft und unterzeichnet worden ist, erklärte:

„Wir erklären außerdem, die Gültigkeit des Meßopfers und der Sakramente anzuerkennen, die mit der Intention das vollbringen, was die Kirche vollbringt und nach den Riten zelebriert werden, die in den von den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. promulgierten offiziellen Ausgaben des römischen Meßbuches und den Ritualen für die Sakramente enthalten sind.“ (Fideliter, le dossier complet).

Weshalb machten wir die Einschränkung „vorausgesetzt, es wird korrekt und mit der Absicht zelebriert, das wahre Opfer der heiligen Messe darzubringen“?

Darum, weil klar ist, daß der Priester, wenn er die Messe in der Absicht zelebriert, nur eine Mahlfeier abzuhalten oder eine einfache Zusammenkunft mit einem Bericht über das Herrenmahl ohne die Absicht, das wahre Opfer der heiligen Messe darzubringen, dann die Gültigkeit dieser Messe beeinträchtigt sein wird.

Und darüber hinaus sind gerade diejenigen Messen beklagenswert, in denen „die Liturgie verletzt wurde“, wie Papst Johannes Paul II. sagte (Diskurs auf dem Kongreß der Missionen, 6. Februar 1981), oder in denen „die Liturgie verkommt zu einer Show’, in der man versucht, die Religion interessant zu gestalten mit Hilfe von modernen Dummheiten – von vorübergehenden Erfolgen einer Gruppe liturgischer Macher“, wie Kardinal Ratzinger kritisiert (Vorwort des Buchs „La Reforme Liturgique“, von Msgr. Klaus Gamber, S. 6). Und vor allem, wie Kardinal Eduardo Gagnon, Präsident des päpstlichen Komitees für die internationalen Eucharistischen Kongresse, sagte, „man kann unterdessen nicht ignorieren, daß die (liturgische) Reform die Ursache war für viele Mißbräuche, und sie führte in gewisser Weise zum Schwinden der dem Heiligen gegenüber geschuldeten Ehrfurcht. Diese Tatsache muß bedauerlicherweise eingestanden werden und entschuldigt einen Großteil der Leute, die sich von unserer Kirche oder aus ihrer alten Pfarrgemeinschaft entfernt haben“ (…) („Integrismo e Conservatismo“ Interview mit Kardinal Gagnon, „Offerten Zeitung  Römisches“, Nov./Dez. 1993, S. 35)

Es ist offensichtlich, daß die Kirche eine große Krise durchlebt. Dies ist einer der Gründe, weshalb wir die traditionelle heilige Messe bewahren. Wie Joseph Kardinal Ratzinger, derzeitiger Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, richtigerweise sagte: „Die kirchliche Krise, in der wir uns heute befinden, ist größtenteils bedingt vom Zusammenbruch der Liturgie“ (Kard. Ratzinger La mia vita, pag. 113).

Darum, zu unserer größeren Ruhe und Sicherheit, bewahren wir in unserer Apostolischen Administration in aller Liebe und Ergebenheit und mit der Berechtigung, die uns der Heilige Vater und Papst gewährte, die Liturgie und die traditionelle liturgische Ordnung als eigenen Ritus, diesen großen Schatz der Kirche, als authentisches Bekenntnis des katholischen Glaubens, in vollkommener Gemeinschaft mit dem Stuhl des Petrus. Und dasselbe machen die Damen und Herren hier. Ich möchte „Pro Missa Tridentina“ loben und alle Katholiken, die lieben und sich bemühen, alles zu tun, damit die traditionelle Liturgie und der Heilige Vater geliebt werden. Und der Heilige Vater beruhigt uns, indem er sagt, daß es legitim ist, der traditionellen Liturgie des Römischen Ritus anzuhängen.

Folglich, wie ich in meinem ersten Pastoralbrief schrieb, bewahren wir die Tradition und die traditionelle Liturgie, in Einheit mit der Hierarchie und mit dem lebendigen Lehramt der Kirche, und nicht in Gegenposition zu ihnen. Die Gründung unserer Apostolischen Administratur demonstriert uns, daß dies vollkommen möglich ist. Es ist möglich katholisch und traditionell zu sein, in völliger Einheit mit dem Heiligen Stuhl.

Schluß

Lieben wir die heilige Messe als Zentrum unseres katholischen Lebens, als Ausdrucksform unseres Glaubens und als unser Bekenntnis zum Herrn und seiner Heiligen Kirche.

Lieben wir die traditionelle Heilige Messe, diesen großen Schatz der heiligen Kirche, dieses klare Bekenntnis unseres katholischen Glaubens, in Einheit mit der Hierarchie und dem lebendigen Lehramt der Kirche.

Lieben wir den Heiligen Vater, den Papst, und beten wir immer für ihn.

Beten wir dafür, daß Gott die Feinde seiner Kirche besiegt: „Ut inimicos Sanctae Ecclesiae humiliare digneris, te rogamos, audi nos“ (Allerheiligen-Litanei).

Fahren wir fort im vereinten Gebet, daß alles sein möge zur größeren Verherrlichung Gottes, zum Triumph der heiligen Kirche und zur Errettung unserer Seelen. Daß Unsere Liebe Frau, Mutter der Kirche, uns beschützen möge in ihrem Unbefleckten Herzen.

Übersetzung aus dem Portugiesischen durch Roland Grund

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Quelle

DIE „VEREINIGUNG VOM HL. JOHANNES MARIA VIANNEY“

SCHREIBEN VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DEN BRASILIANISCHEN BISCHOF MSGR. LICINIO RANGEL
UND AN DIE „VEREINIGUNG VOM
HL. JOHANNES MARIA VIANNEY“

Dem Ehrwürdigen Bruder
LICINIO RANGEL
und den geliebten Söhnen der
»Vereinigung vom hl. Johannes Maria Vianney« von Campos in Brasilien 

Die Einheit der Kirche ist ein Geschenk, das uns der Herr, Hirt und Haupt des Mystischen Leibes, gewährt; zugleich erfordert sie aber die entschlossene Antwort jedes ihrer Glieder, die der eindringlichen Bitte des Erlösers entsprechen soll: »Ut omnes unum sint sicut tu Pater in me et ego in te ut et ipsi in nobis unum sint ut mundus credat quia tu me misisti – Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast« (Joh 17, 21).

Mit großer Freude haben Wir Euren Brief vom vergangenen 15. August erhalten, mit dem die gesamte Vereinigung ihr katholisches Glaubensbekenntnis erneuert und ihre volle Gemeinschaft mit dem Stuhl Petri bekundet hat; in ihm anerkennt sie deren »Primat und Leitungsgewalt über die Universalkirche, über die Hirten und Gläubigen« und erklärt weiterhin, daß »wir um nichts auf dieser Welt von dem Felsen, auf den Jesus Christus seine Kirche gegründet hat, abrücken wollen«.

Mit tiefer pastoraler Freude haben Wir Kenntnis erhalten von Eurem Wunsch, bei der Verkündigung des katholischen Glaubens und der katholischen Lehre mit dem Stuhl Petri zusammenzuarbeiten, im Einsatz zu Ehren der heiligen Kirche – die sich als »signum inter nationes« (Jes 11, 12) erhebt – und im Kampf gegen diejenigen, die vergebens versuchen, das Schiff Petri zu erschüttern, denn »die Mächte der Unterwelt werden sie [die Kirche] nicht überwältigen« (Mt 16, 18 ).

Laßt uns dem dreieinigen Herrn für diese guten Absichten danken!

In Erwägung all dessen und im Hinblick auf die Ehre Gottes, das Wohl der heiligen Kirche und das oberste Gesetz, nämlich das »salus animarum« (das Seelenheil – vgl. can. 1752 CIC), kommen Wir gerne Eurer Bitte nach, in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen zu werden, und anerkennen kirchenrechtlich Eure Zugehörigkeit zu ihr.

Wir teilen Dir zugleich mit, Ehrwürdiger Bruder, daß gegenwärtig das gesetzgeberische Dokument ausgearbeitet wird, das die Rechtsform der Anerkennung Eurer kirchlichen Einrichtung feststellen und die Achtung Eurer Eigenheiten bestätigen wird.

Mit diesem Dokument wird Eure Vereinigung kirchenrechtlich als Apostolische Personaladministratur errichtet, die dem Apostolischen Stuhl direkt unterstellt sein und ihr Territorium in der Diözese Campos haben wird. Die Jurisdiktion wird dabei zusammen mit der des Ortsordinarius ausgeübt. Die Leitung der Vereinigung wird Dir, Ehrwürdiger Bruder, anvertraut, und Deine Nachfolge wird gewährleistet.

Weiterhin wird der Apostolischen Administratur die Befugnis bestätigt, die Eucharistie und das Stundengebet nach dem Römischem Ritus zu feiern und nach der von meinem Vorgänger Pius V. vorgeschriebenen liturgischen Ordnung mit den von seinen Nachfolgern bis zum sel. Johannes XXIII. eingeführten Anpassungen.

Mit tiefempfundener Freude erklären Wir daher, daß Wir zur Widerherstellung der vollen Gemeinschaft die Aufhebung der Beugestrafe aussprechen, die laut can. 1382 CIC gegen Dich, Ehrwürdiger Bruder, verhängt worden war, sowie die Aufhebung aller Beugestrafen und die Dispens von allen Irregularitäten, in die andere Mitglieder der Vereinigung verfallen sind.

Das bedeutsame Datum der Unterzeichnung Deines Briefes, nämlich das Hochfest der Aufnahme der allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel, ist uns nicht entgangen. Ihr, der heiligen Mutter Gottes, sowie der Kirche empfehlen Wir diesen Rechtsakt mit dem Wunsch – der zum Gebet wird – eines immer einträchtigeren Miteinanders zwischen Klerus und Gläubigen Eurer Vereinigung und der geliebten Diözese Campos im Hinblick auf einen verstärkten und wahrhaft missionarischen Einsatz der heiligen Kirche.

Allen Mitgliedern der Vereinigung vom hl. Johannes Maria Vianney erteilen Wir von ganzem Herzen einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 25.Dezember, dem Hochfest der Geburt des Herrn im Jahr 2001, dem 24. Jahr Unseres Pontifikats 

IOANNES PAULUS PP. II

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Quelle

Siehe dazu auch:

PAPST BENEDIKT XVI. 2007 IM HEILIGTUM VON APARECIDA (BRASILIEN)

Papa-Bento-XVI 2007 Brasil

APOSTOLISCHE REISE
VON PAPST BENEDIKT XVI.
NACH BRASILIEN ANLÄSSLICH DER V. GENERALKONFERENZ
DES EPISKOPATS VON LATEINAMERIKA UND DER KARIBIK

ERÖFFNUNG DER ARBEITEN DER V. GENERALKONFERENZ
DER BISCHOFSKONFERENZEN VON LATEINAMERIKA UND DER KARIBIK

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Konferenzsaal, Heiligtum von Aparecida
Sonntag, 13. Mai 2007

Liebe Brüder im Bischofsamt, geliebte Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen und Laien,
liebe Beobachter anderer religiöser Bekenntnisse!

Es ist ein Grund großer Freude, heute hier bei euch zu sein, um die V. Generalversammlung der Bischofskonferenzen von Lateinamerika und der Karibik zu eröffnen, die nahe dem Heiligtum Unserer Lieben Frau von Aparecida, der Schutzpatronin Brasiliens, abgehalten wird. Meine ersten Worte sollen Danksagung und Lob an Gott sein für das große Geschenk des christlichen Glaubens an die Völker dieses Kontinents.

1. Der christliche Glaube in Lateinamerika

Der Glaube an Gott beseelt seit mehr als fünf Jahrhunderten das Leben und die Kultur dieser Länder. Aus der Begegnung jenes Glaubens mit den Urvölkern ist die reiche christliche Kultur dieses Kontinents entstanden, die in der Kunst, in der Musik, in der Literatur und vor allem in den religiösen Traditionen und in der Lebensweise seiner Völker Ausdruck gefunden hat, die durch ein und dieselbe Geschichte und ein und denselben Glauben so verbunden sind, daß sie selbst bei der Vielfalt von Kulturen und Sprachen einen tiefen Einklang entstehen lassen.

Zur Zeit muß sich dieser Glaube ernsten Herausforderungen stellen, weil die harmonische Entwicklung der Gesellschaft und die katholische Identität ihrer Völker auf dem Spiel stehen. In diesem Zusammenhang schickt sich die V. Generalversammlung an, über diese Situation nachzudenken, um den christlichen Gläubigen zu helfen, daß sie ihren Glauben freudig und konsequent leben und sich bewußt werden können, Jünger und Missionare Christi zu sein, die von ihm in die Welt gesandt wurden, um von unserem Glauben und unserer Liebe Kunde und Zeugnis zu geben.

Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik? Es bedeutete für sie, Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten. Es bedeutete auch, mit dem Taufwasser das göttliche Leben empfangen zu haben, das sie zu Adoptivkindern Gottes gemacht hat; außerdem den Heiligen Geist empfangen zu haben, der gekommen ist, ihre Kulturen zu befruchten, indem er sie reinigte und die unzähligen Keime und Samen, die das fleischgewordene Wort in sie eingesenkt hatte, aufgehen ließ und sie so auf die Wege des Evangeliums ausrichtete. Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur. Echte Kulturen sind weder in sich selbst verschlossen noch in einem bestimmten Augenblick der Geschichte erstarrt, sondern sie sind offen, mehr noch, sie suchen die Begegnung mit anderen Kulturen, hoffen, zur Universalität zu gelangen in der Begegnung und im Dialog mit anderen Lebensweisen und mit den Elementen, die zu einer neuen Synthese führen können, in der man die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer konkreten kulturellen Verwirklichung respektiert.

Letzten Endes eint allein die Wahrheit, und der Beweis für sie ist die Liebe. Aus diesem Grund ist Christus, da er wirklich der fleischgewordene »Logos«, »die Liebe bis zur Vollendung« ist, weder irgendeiner Kultur noch irgendeinem Menschen fremd; im Gegenteil, die im Herzen der Kulturen ersehnte Antwort ist jene, die ihnen ihre letzte Identität dadurch gibt, daß sie die Menschheit eint und gleichzeitig den Reichtum der Vielfalt respektiert und alle dem Wachstum in der wahren Humanisierung, im echten Fortschritt öffnet. Das Wort Gottes ist, als es in Jesus Christus Fleisch wurde, auch Geschichte und Kultur geworden.

Die Utopie, den präkolumbischen Religionen durch die Trennung von Christus und von der Gesamtkirche wieder Leben zu geben, wäre kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Sie wäre in Wirklichkeit eine Rückentwicklung zu einer in der Vergangenheit verankerten geschichtlichen Periode.

Ihre Weisheit brachte die Urvölker glücklicherweise dazu, eine Synthese zwischen ihren Kulturen und dem christlichen Glauben zu bilden, den ihnen die Missionare anboten. Daraus wurde die reiche und tiefe Volksfrömmigkeit geboren, in der die Seele der lateinamerikanischen Völker zum Vorschein kommt:

  • Die Liebe zum leidenden Christus, dem Gott des Mitleids, der Vergebung und der Versöhnung; dem Gott, der uns so geliebt hat, daß er sich für uns ausgeliefert hat;
  • Die Liebe zu dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn, dem Gott, der Fleisch geworden, gestorben und auferstanden ist, um Brot des Lebens zu sein;
  • Zu dem Gott, der den Armen und Leidenden nahe ist;
  • Die tiefe Verehrung der allerseligsten Jungfrau von Guadalupe, der Aparecida, der Jungfrau mit verschiedenen nationalen und lokalen Titeln. Als die Jungfrau von Guadalupe dem hl. Juan Diego, einem Indio, erschien, sprach sie zu ihm die bedeutsamen Worte: »Bin ich nicht hier, um deine Mutter zu sein? Stehst du nicht unter meinem Schirm und Schutz? Bin ich nicht die Quelle deiner Freude? Bist du nicht in meinen Mantel gehüllt, in meinen Armen geborgen?« (Nican Mopohua, Nr. 118–119)..

Zum Ausdruck kommt diese Frömmigkeit auch in der Verehrung der Heiligen mit ihren Patronatsfesten, in der Liebe zum Papst und zu den anderen Hirten, in der Liebe zur Universalkirche als großer Familie Gottes, die ihre Kinder niemals allein oder im Elend lassen kann noch darf. Das alles bildet das große Mosaik der Volksfrömmigkeit, die der kostbare Schatz der katholischen Kirche in Lateinamerika ist und den sie schützen, fördern und, wenn nötig, auch reinigen muß.

2. Kontinuität mit den anderen Generalversammlungen

Diese V. Generalversammlung wird in Kontinuität mit den anderen vier Konferenzen abgehalten, die ihr in Rio de Janeiro, Medellin, Puebla und Santo Domingo vorausgegangen sind. Mit demselben Geist, der diese Versammlungen beseelt hat, wollen die Bischöfe nun der Evangelisierung einen neuen Impuls geben, damit diese Völker weiter im Glauben wachsen und reifen, um durch ihr Leben Licht der Welt und Zeugen Jesu Christi zu sein.

Seit der IV. Generalversammlung in Santo Domingo hat sich in der Gesellschaft vieles verändert. Die Kirche, die an den Bestrebungen und Hoffnungen, an den Leiden und Freuden ihrer Kinder teilnimmt, will in dieser Zeit so vieler Herausforderungen an ihrer Seite gehen, um ihnen stets Hoffnung und Trost einzuflößen (vgl. II. Vat. Konzil, Konstitution Gaudium et spes, 1).

In der heutigen Welt gibt es das Phänomen der Globalisierung als ein weltumspannendes Beziehungsgeflecht. Wenngleich die Globalisierung unter gewissen Aspekten ein Gewinn für die große Menschheitsfamilie und ein Zeichen ihrer Sehnsucht nach Einheit sein mag, bringt sie jedoch zweifellos auch das Risiko der großen Monopole und damit die Umdeutung des Gewinns zum höchsten Wert mit sich. Wie in allen Bereichen menschlichen Tuns muß auch die Globalisierung von der Ethik geleitet sein, so daß sie alles in den Dienst der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffenen menschlichen Person stellt.

In Lateinamerika und in der Karibik wie auch in anderen Regionen sind Fortschritte auf dem Weg zur Demokratie zu verzeichnen, obschon es Anlaß zur Sorge gibt angesichts von Regierungsformen, die autoritär oder Ideologien unterworfen sind, die man eigentlich für überholt hielt und die nicht der christlichen Sicht des Menschen und der Gesellschaft, wie sie die Soziallehre der Kirche lehrt, entsprechen. Andererseits muß die liberale Wirtschaft mancher lateinamerikanischer Länder auch die Gerechtigkeit berücksichtigen, da die sozialen Bereiche, die sich immer mehr von einer enormen Armut unterdrückt oder sogar ihrer natürlichen Güter beraubt sehen, weiter zunehmen.

Beachtlich ist in den kirchlichen Gemeinschaften Lateinamerikas die Glaubensreife vieler engagierter und dem Herrn ergebener Laien, Männer und Frauen, zusammen mit der Präsenz vieler hochherziger Katecheten, zahlreicher Jugendlicher, neuer kirchlicher Bewegungen und in jüngster Zeit gegründeter Institute des geweihten Lebens. Als äußerst wichtig erweisen sich die vielen katholischen Erziehungs- und Hilfswerke. Es stimmt, daß eine gewisse Schwächung des christlichen Lebens in der Gesellschaft insgesamt und der Teilnahme am Leben der katholischen Kirche wahrzunehmen ist; die Ursachen dafür sind der Säkularismus, der Hedonismus, die Gleichgültigkeit und der Proselytismus zahlreicher Sekten, animistischer Religionen und neuer pseudoreligiöser Ausdrucksformen.

Das alles stellt eine neue Situation dar, die hier in Aparecida analysiert werden wird. Angesichts der neuen schwierigen Entscheidungen erhoffen die Gläubigen von dieser V. Generalversammlung eine Erneuerung und Wiederbelebung ihres Glaubens an Christus, unseren einzigen Lehrer und Retter, der uns die einzigartige Erfahrung der grenzenlosen Liebe Gottes, des Vaters, zu den Menschen offenbart hat. Aus dieser Quelle werden neue Wege und kreative pastorale Vorhaben entstehen können, die eine feste Hoffnung einzuflößen vermögen, um den Glauben verantwortungsvoll und mit Freude zu leben und ihn so in die Umgebung ausstrahlen zu lassen.

3. Jünger und Missionare

Diese Generalkonferenz hat als Thema: »Jünger und Missionare Jesu Christi, damit unsere Völker in ihm das Leben haben – Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6)«.

Die Kirche hat die große Aufgabe, den Glauben des Volkes Gottes zu bewahren und zu nähren und auch die Gläubigen dieses Kontinents daran zu erinnern, daß sie kraft ihrer Taufe dazu berufen sind, Jünger und Missionare Jesu Christi zu sein. Das schließt ein, daß sie ihm folgen, in Vertrautheit mit ihm leben, sein Beispiel nachahmen und Zeugnis geben. Jeder Getaufte erhält, wie die Apostel, von Christus den Missionsauftrag: »Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet« (Mk 16,15f.). Jünger und Missionare Jesu Christi zu sein und das Leben »in ihm« zu suchen, setzt voraus, daß man tief in ihm verwurzelt ist.

Was gibt uns Christus wirklich? Warum wollen wir Jünger Christi sein? Die Antwort lautet: Weil wir hoffen, in der Gemeinschaft mit ihm das Leben zu finden, das wahre Leben, das diesen Namen verdient, und deshalb wollen wir die anderen mit ihm bekannt machen, ihnen das Geschenk kundtun, das wir in ihm gefunden haben. Aber ist es wirklich so? Sind wir wirklich überzeugt, daß Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist?

Gegenüber der Priorität des Glaubens an Christus und des Lebens »in ihm«, wie sie im Titel dieser V. Konferenz formuliert ist, könnte auch eine andere Frage auftauchen: Könnte diese Priorität nicht vielleicht eine Flucht in den Kult der Innerlichkeit, in den religiösen Individualismus, eine Preisgabe der Dringlichkeit der großen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme Lateinamerikas und der Welt und eine Flucht aus der Wirklichkeit in eine spirituelle Welt sein?

Als ersten Schritt können wir auf diese Frage mit einer anderen Frage antworten: Was ist diese »Wirklichkeit«? Was ist das Wirkliche? Sind »Wirklichkeit« nur die materiellen Güter, die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme? Hierin liegt genau der große Irrtum der im letzten Jahrhundert vorherrschenden Tendenzen, ein zerstörerischer Irrtum, wie die Ergebnisse sowohl der marxistischen wie der kapitalistischen Systeme beweisen. Sie verfälschen den Wirklichkeitsbegriff durch die Abtrennung der grundlegenden und deshalb entscheidenden Wirklichkeit, die Gott ist. Wer Gott aus seinem Blickfeld ausschließt, verfälscht den Begriff »Wirklichkeit« und kann infolgedessen nur auf Irrwegen enden und zerstörerischen Rezepten unterliegen.

Die erste grundlegende Aussage ist also folgende: Nur wer Gott kennt, kennt die Wirklichkeit und kann auf angemessene und wirklich menschliche Weise auf sie antworten. Angesichts des Scheiterns aller Systeme, die Gott ausklammern wollen, erweist sich die Wahrheit dieses Satzes als offenkundig.

Aber sogleich erhebt sich eine weitere Frage: Wer kennt Gott? Wie können wir ihn kennenlernen? Wir können hier nicht in eine umfassende Erläuterung dieser fundamentalen Frage eintreten. Für den Christen ist der Kern der Antwort einfach: Nur Gott kennt Gott, nur sein Sohn, der Gott von Gott, wahrer Gott ist, kennt ihn. Und er, »der am Herzen des Vaters ruht, hat Kunde [von ihm] gebracht« (Joh 1,18). Daher rührt die einzige und unersetzliche Bedeutung Christi für uns, für die Menschheit. Wenn wir nicht Gott in Christus und durch Christus kennen, verwandelt sich die ganze Wirklichkeit in ein unerforschliches Rätsel; es gibt keinen Weg, und da es keinen Weg gibt, gibt es weder Leben noch Wahrheit.

Gott ist die grundlegende Wirklichkeit, nicht ein nur gedachter oder hypothetischer Gott, sondern der Gott mit dem menschlichen Antlitz; er ist der Gott-mit-uns, der Gott der Liebe bis zum Kreuz. Wenn der Jünger zum Verständnis dieser Liebe Christi »bis zur Vollendung« gelangt, kann er nicht umhin, auf diese Liebe nur mit einer ähnlichen Liebe zu antworten: »Ich will dir folgen, wohin du auch gehst« (Lk 9,57).

Wir können uns noch eine andere Frage stellen: Was gibt uns der Glaube an diesen Gott? Die erste Antwort darauf ist: Er gibt uns eine Familie, die universale Familie Gottes in der katholischen Kirche. Der Glaube befreit uns von der Isolation des Ich, weil er uns zur Gemeinschaft führt: Die Begegnung mit Gott ist in sich selbst und als solche Begegnung mit den Brüdern, ein Akt der Versammlung, der Vereinigung, der Verantwortung gegenüber dem anderen und den anderen. In diesem Sinn ist die bevorzugte Option für die Armen im christologischen Glauben an jenen Gott implizit enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9).

Aber bevor wir uns mit dem auseinandersetzen, was der Realismus des Glaubens an den Mensch gewordenen Gott mit sich bringt, müssen wir die Frage vertiefen: Wie kann man Christus wirklich kennenlernen, um ihm folgen und mit ihm leben zu können, um in ihm das Leben zu finden und dieses Leben den anderen, der Gesellschaft und der Welt mitzuteilen? Christus gibt sich uns vor allem in seiner Person, in seinem Leben und in seiner Lehre durch das Wort Gottes zu erkennen. Für den Beginn des neuen Wegabschnittes, den die missionarische Kirche Lateinamerikas und der Karibik ab dieser V. Generalkonferenz in Aparecida einzuschlagen beabsichtigt, ist die gründliche Kenntnis des Wortes Gottes unerläßliche Voraussetzung.

Deshalb muß das Volk zum Lesen und zur Betrachtung des Wortes Gottes erzogen werden, auf daß es zu seiner Nahrung werde, damit die Gläubigen durch eigene Erfahrung sehen, daß die Worte Jesu Geist und Leben sind (vgl. Joh 6,63). Denn wie sollten sie eine Botschaft verkünden, deren Inhalt und Geist sie nicht gründlich kennen? Wir müssen unseren missionarischen Einsatz und unser ganzes Leben auf den Fels des Wortes Gottes gründen. Ich ermutige daher die Hirten, sich zu bemühen, das Wort Gottes bekannt zu machen.

Ein hervorragendes Mittel, das Volk Gottes in das Geheimnis Christi einzuführen, ist die Katechese. In ihr wird die Botschaft Christi auf einfache und gehaltvolle Weise weitergegeben. Man wird daher die Katechese und die Glaubensbildung sowohl der Kinder und Jugendlichen wie der Erwachsenen intensivieren müssen. Das reife Nachdenken über den Glauben ist Licht für den Weg des Lebens und Kraft, um Zeugen Christi zu sein. Dafür verfügt man über sehr wertvolle Werkzeuge, wie den Katechismus der Katholischen Kirche und seine Kurzfassung, das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche.

In diesem Bereich darf man sich nicht nur auf Predigten, Vorträge, Bibelkurse und Theologie beschränken, sondern soll auch die Medien einsetzen: Presse, Rundfunk und Fernsehen, Internetseiten, Foren und viele andere Systeme, um einer großen Zahl von Menschen die Botschaft Christi wirksam zu vermitteln.

Bei diesem Bemühen, die Botschaft Christi kennenzulernen und zum Leitbild des eigenen Lebens zu machen, gilt es daran zu erinnern, daß sich die Evangelisierung immer zusammen mit der Förderung des Menschen und der echten christlichen Befreiung entfaltet hat. »Gottes- und Nächstenliebe verschmelzen: Im Geringsten begegnen wir Jesus selbst, und in Jesus begegnen wir Gott selbst« (Enzyklika Deus caritas est, 15). Aus demselben Grund wird auch eine soziale Katechese und eine entsprechende Unterweisung in der Soziallehre der Kirche erforderlich sein, wofür das Kompendium der Soziallehre der Kirche sehr nützlich ist. Das christliche Leben drückt sich nicht nur in den persönlichen, sondern auch in den sozialen und politischen Tugenden aus.

Der Jünger, der auf diese Weise fest auf dem Felsen des Wortes Gottes steht, fühlt sich dazu angespornt, seinen Brüdern die gute Nachricht vom Heil zu bringen. Jüngerschaft und Mission sind gleichsam die zwei Seiten ein und derselben Medaille: Wenn der Jünger in Christus verliebt ist, kann er nicht aufhören, der Welt zu verkünden, daß allein Christus uns rettet (vgl. Apg 4,12). Der Jünger weiß nämlich, daß es ohne Christus kein Licht, keine Hoffnung, keine Liebe und keine Zukunft gibt.

4. »Damit sie in ihm das Leben haben«

Die Völker Lateinamerikas und der Karibik haben das Recht auf ein erfülltes Leben unter menschlicheren Verhältnissen, wie es den Kindern Gottes zukommt: frei von den Bedrohungen durch Hunger und jeglicher Form von Gewalt. Für diese Völker müssen ihre Hirten eine Kultur des Lebens fördern, die ihnen, wie mein Vorgänger Paul VI. sagte, »den Aufstieg aus dem Elend zum Besitz des Lebensnotwendigen … den Erwerb von Bildung … die Zusammenarbeit zum Wohle aller … bis hin zur Anerkennung letzter Werte von seiten des Menschen und zur Anerkennung Gottes, ihrer Quelle und ihres Zieles« (Enzyklika Populorum progressio, 21) ermöglicht.

In diesem Zusammenhang erinnere ich gern an die Enzyklika Populorum progressio, deren Veröffentlichung vor 40 Jahren wir heuer gedenken. Dieses päpstliche Dokument hebt hervor, daß echte Entwicklung umfassend sein, das heißt die Förderung des ganzen Menschen und aller Menschen im Auge haben muß (vgl. ebd., Nr. 14), und fordert alle auf, die schwerwiegenden sozialen Ungleichheiten und die enormen Unterschiede beim Zugang zu den Gütern zu beseitigen. Diese Völker sehnen sich vor allem nach der Fülle des Lebens, die uns Christus gebracht hat: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh10,10). Mit diesem göttlichen Leben entfaltet sich auch voll das menschliche Dasein in seiner persönlichen, familiären, sozialen und kulturellen Dimension.

Um den Jünger auszubilden und den Missionar in seiner großen Aufgabe zu unterstützen, bietet ihnen die Kirche außer dem Brot des Wortes das Brot der Eucharistie. In diesem Zusammenhang inspiriert und erleuchtet uns der Abschnitt des Evangeliums über die Emmaus-Jünger. Als diese sich zu Tisch setzen und von Jesus Christus das gesegnete und gebrochene Brot empfangen, gehen ihnen die Augen auf, es enthüllt sich ihnen das Antlitz des Auferstandenen, sie fühlen in ihrem Herzen, daß alles, was er gesagt und getan hat, wahr ist und daß die Erlösung der Welt bereits begonnen hat. Jeder Sonntag und jede Eucharistie ist eine persönliche Begegnung mit Christus. Beim Hören des göttlichen Wortes brennt uns das Herz, weil er es ist, der es erklärt und verkündet. Wenn in der Eucharistie das Brot gebrochen wird, ist er es, den wir persönlich empfangen. Die Eucharistie ist die für das Leben des Jüngers und des Missionars Christi unverzichtbare Nahrung.

Die Sonntagsmesse, Mittelpunkt des christlichen Lebens

Daraus folgt die Notwendigkeit, in den Pastoralprogrammen der Aufwertung der Sonntagsmesse Vorrang zu geben. Wir müssen die Christen dazu motivieren, daß sie aktiv und, wenn möglich, am besten mit der Familie an ihr teilnehmen. Die Anwesenheit der Eltern mit ihren Kindern bei der sonntäglichen Eucharistiefeier ist eine wirksame Pädagogik für die Vermittlung des Glaubens und ein enges Band, das die Einheit zwischen ihnen aufrechterhält. Der Sonntag hatte im Leben der Kirche immer die Bedeutung des bevorzugten Augenblicks der Begegnung der Gemeinden mit dem auferstandenen Herrn.

Die Christen müssen erfahren, daß sie nicht einer Persönlichkeit der vergangenen Geschichte folgen, sondern dem lebendigen Christus, der im Hier und Jetzt ihres Lebens gegenwärtig ist. Er ist der Lebendige, der an unserer Seite geht, uns den Sinn der Ereignisse, des Schmerzes und des Todes, der Freude und des Festes enthüllt, in unsere Häuser eintritt und in ihnen bleibt, während er uns mit dem Brot nährt, das Leben schenkt. Die sonntägliche Eucharistiefeier muß deshalb das Zentrum des christlichen Lebens sein.

Die Begegnung mit Christus in der Eucharistie löst das Engagement für die Evangelisierung aus und gibt der Solidarität Auftrieb; sie weckt im Christen den starken Wunsch, das Evangelium zu verkünden und von ihm in der Gesellschaft Zeugnis zu geben, um sie gerechter und menschlicher zu machen. Aus der Eucharistie ist im Laufe der Jahrhunderte ein unermeßlicher Reichtum an Nächstenliebe, Anteilnahme an den Schwierigkeiten der anderen, an Liebe und Gerechtigkeit hervorgegangen. Nur aus der Eucharistie wird die Zivilisation der Liebe hervorkeimen, die Lateinamerika und die Karibik verwandeln wird, so daß sie außer dem Kontinent der Hoffnung auch der Kontinent der Liebe sind!

Die sozialen und politischen Probleme

Nachdem wir an diesem Punkt angekommen sind, können wir uns fragen: Wie kann die Kirche zur Lösung der dringenden sozialen und politischen Probleme beitragen und auf die große Herausforderung der Armut und des Elends antworten? Die Probleme Lateinamerikas und der Karibik wie der heutigen Welt überhaupt sind vielfältig und komplex und können nicht mit allgemeinen Programmen in Angriff genommen werden. Die grundlegende Frage, wie die vom Glauben an Christus erleuchtete Kirche angesichts dieser Herausforderungen reagieren solle, betrifft zweifellos uns alle. In diesem Zusammenhang ist es unvermeidlich, das Problem der Strukturen, vor allem jener, die Ungerechtigkeit verursachen, anzusprechen. Tatsächlich sind die gerechten Strukturen eine Voraussetzung, ohne die eine gerechte Ordnung in der Gesellschaft nicht möglich ist. Aber wie entstehen sie? Wie funktionieren sie? Sowohl der Kapitalismus als auch der Marxismus haben versprochen, den Weg zur Schaffung gerechter Strukturen zu finden, und behaupteten, diese würden, sobald sie festgelegt seien, von allein funktionieren; sie behaupteten, sie würden nicht nur keiner vorausgehenden Sittlichkeit des Individuums bedürfen, sondern würden die allgemeine Sittlichkeit fördern. Und dieses ideologische Versprechen hat sich als falsch erwiesen. Die Fakten haben das offenkundig gemacht. Das marxistische System hat dort, wo es zur Herrschaft gelangt war, nicht nur ein trauriges Erbe ökonomischer und ökologischer Zerstörungen, sondern auch eine schmerzliche geistige Zerstörung hinterlassen. Und dasselbe sehen wir auch im Westen, wo der Abstand zwischen Armen und Reichen beständig wächst und wo durch Drogen, Alkohol und trügerische Vorspiegelungen von Glück eine beunruhigende Zersetzung der persönlichen Würde vor sich geht.

Die gerechten Strukturen sind, wie ich schon gesagt habe, eine unerläßliche Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft; aber weder entstehen sie, noch funktionieren sie ohne ein moralisches Einvernehmen der Gesellschaft über die Grundwerte und über die Notwendigkeit, diese Werte mit dem nötigen Verzicht, selbst gegen das persönliche Interesse, zu leben.

Wo Gott fehlt – Gott mit dem menschlichen Antlitz Jesu Christi –, zeigen sich diese Werte nicht mit ihrer ganzen Kraft und es kommt auch nicht zu einem Einvernehmen über sie. Ich will damit nicht sagen, daß Nichtgläubige keine hohe und vorbildliche Sittlichkeit leben können; ich sage nur, daß eine Gesellschaft, in der Gott nicht vorkommt, nicht das notwendige Einvernehmen über die sittlichen Werte und nicht die Kraft findet, um – auch gegen die eigenen Interessen – nach dem Vorbild dieser Werte zu leben.

Andererseits müssen die gerechten Strukturen gesucht und im Licht der grundlegenden Werte mit dem ganzen Einsatz der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vernunft ausgearbeitet werden. Sie sind eine Frage der »recta ratio« und haben ihren Ursprung weder in Ideologien noch in deren Versprechungen. Gewiß gibt es einen reichen Schatz an politischen Erfahrungen und Erkenntnissen über die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die grundlegende Elemente eines gerechten Zustandes und die Wege markieren, die vermieden werden müssen. Aber in verschiedenen kulturellen und politischen Situationen und bei der fortschreitenden Veränderung der Technologien und der weltgeschichtlichen Wirklichkeit müssen in vernünftiger Weise die entsprechenden Antworten gesucht und – mit den unerläßlichen Verpflichtungen – das Einvernehmen über die festzulegenden Strukturen hergestellt werden.

Diese politische Arbeit fällt nicht in die unmittelbare Zuständigkeit der Kirche. Die Respektierung einer gesunden Laizität – einschließlich der Vielfalt politischer Einstellungen – hat in der authentischen christlichen Tradition ihren wesentlichen Platz. Wenn die Kirche sich direkt in ein politisches Subjekt zu verwandeln begänne, würde sie für die Armen und für die Gerechtigkeit nicht mehr tun, sondern weniger, weil sie ihre Unabhängigkeit und ihre moralische Autorität verlieren würde, wenn sie sich mit einem einzigen politischen Weg und mit diskutierbaren Parteipositionen identifiziert. Die Kirche ist Anwältin der Gerechtigkeit und der Armen, eben weil sie sich weder mit den Politikern noch mit Parteiinteressen identifiziert. Nur wenn sie unabhängig ist, kann sie die großen Grundsätze und unabdingbaren Werte lehren, den Gewissen Orientierung geben und eine Lebensoption anbieten, die über den politischen Bereich hinausgeht. Die Gewissen zu bilden, Anwältin der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu sein, zu den individuellen und politischen Tugenden zu erziehen – das ist die grundlegende Berufung der Kirche in diesem Bereich. Und die katholischen Laien müssen sich ihrer Verantwortung im öffentlichen Leben bewußt sein; sie müssen in der notwendigen Konsensbildung und im Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten präsent sein.

Die gerechten Strukturen werden nie endgültig verwirklicht sein; wegen der ständigen Evolution der Geschichte müssen sie immer wieder erneuert und aktualisiert werden; sie müssen immer von einem politischen und humanen Ethos beseelt sein, für dessen Vorhandensein und Effizienz immer gearbeitet werden muß. Mit anderen Worten: Die Gegenwart Gottes, die Freundschaft mit dem menschgewordenen Sohn Gottes, das Licht seines Wortes sind immer Grundvoraussetzungen für das Vorhandensein und die Wirksamkeit der Gerechtigkeit und der Liebe in unseren Gesellschaften.

Da es sich um einen Kontinent der Getauften handelt, wird man im Bereich der Politik, der Kommunikation und der Universität das beträchtliche Fehlen von Stimmen und Initiativen katholischer Führungskräfte mit starker Persönlichkeit und hochherziger Hingabe – Initiativen, die mit deren ethischen und religiösen Überzeugungen übereinstimmen – auffüllen müssen. Die kirchlichen Bewegungen haben hier ein breites Feld, um die Laien an ihre Verantwortung und ihre Sendung zu erinnern, das Licht des Evangeliums in das öffentliche, kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben hineinzutragen.

5. Andere vordringliche Bereiche

Um die Erneuerung der euch anvertrauten Kirche in diesen Ländern zum Abschluß zu bringen, möchte ich die Aufmerksamkeit auf einige Bereiche lenken, die ich auf dieser neuen Etappe als vordringlich ansehe.

Die Familie

Die Familie, »Erbe der Menschheit«, stellt einen der bedeutendsten Schätze der lateinamerikanischen Länder dar. Sie war und ist die Schule des Glaubens, Übungsplatz menschlicher und ziviler Werte, das Zuhause, in dem das menschliche Leben geboren und hochherzig und verantwortungsvoll angenommen wird. Die Familie leidet heute zweifellos unter widrigen Verhältnissen, hervorgerufen vom Säkularismus und vom ethischen Relativismus, von den verschiedenen inneren und äußeren Migrantenströmen, von der Armut, von der sozialen Instabilität und von den gegen die Ehe gerichteten Zivilgesetzgebungen, die durch Förderung empfängnisverhütender Maßnahmen und der Abtreibung die Zukunft der Völker bedrohen.

In manchen Familien Lateinamerikas herrscht unglücklicherweise noch immer eine chauvinistische Mentalität, die die Neuartigkeit des Christentums ignoriert, in dem die gleiche Würde und Verantwortlichkeit der Frau und des Mannes anerkannt und verkündet wird.

Die Familie ist für das persönliche Wohlergehen und für die Erziehung der Kinder unersetzlich. Die Mütter, die sich ganz der Erziehung ihrer Kinder und dem Dienst an der Familie widmen wollen, müssen die notwendigen Voraussetzungen vorfinden, um das auch tun zu können, und haben daher ein Recht, auf die Hilfe des Staates zählen zu können. Die Rolle der Mutter ist in der Tat von grundlegender Bedeutung für die Zukunft der Gesellschaft.

Der Vater hat seinerseits die Pflicht, wirklich ein Vater zu sein, der seine unentbehrliche Verantwortung und Mitarbeit bei der Erziehung der Kinder ausübt. Die Kinder haben das Recht, für ihre Gesamtentwicklung auf Vater und Mutter zählen zu können, die sich um sie kümmern und sie auf ihrem Weg zu einem erfüllten Leben begleiten. Notwendig ist daher eine intensive und starke Familienpastoral. Unerläßlich ist auch die Förderung beglaubigter familienpolitischer Zeichen, die den Rechten der Familie als unabdingbares soziales Subjekt entsprechen. Die Familie gehört zum Gut der Völker und der ganzen Menschheit.

Die Priester

Die ersten Förderer der Jüngerschaft und der Mission sind jene, die berufen worden sind, »um bei Jesus zu sein und dann ausgesandt zu werden, damit sie predigten« (Mk 3,14), das heißt die Priester. Ihnen muß vorrangig die Aufmerksamkeit und die väterliche Sorge ihrer Bischöfe gelten, weil sie die ersten sind, die eine echte Erneuerung des christlichen Lebens im Volk Gottes bewirken. An sie will ich ein Wort väterlicher Liebe richten mit dem Wunsch, »der Herr möge ihnen das Erbe geben und den Becher reichen« (vgl. Ps 16,5). Wenn der Priester Gott als Fundament und Mittelpunkt seines Lebens hat, wird er die Freude und Fruchtbarkeit seiner Berufung erfahren. Der Priester muß vor allem »ein Mann Gottes« (1 Tim 6,11) sein, der Gott direkt kennt, der eine tiefe persönliche Freundschaft zu Jesus hat, der den anderen gegenüber so gesinnt ist wie Christus (vgl. Phil 2,5). Nur so wird der Priester fähig sein, die Menschen zu Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, hinzuführen und Repräsentant seiner Liebe zu sein. Um seine hohe Aufgabe zu erfüllen, muß der Priester ein solides geistliches Gerüst besitzen und sein ganzes Leben beseelt vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe leben. Er muß wie Jesus ein Mensch sein, der durch das Gebet das Angesicht und den Willen Gottes sucht und sich auch um seine kulturelle und intellektuelle Formung kümmert.

Liebe Priester dieses Kontinents und ihr, die ihr als Missionare gekommen seid, um hier zu arbeiten, der Papst begleitet euch bei eurer pastoralen Arbeit und wünscht euch, daß ihr voller Freude und Hoffnung seid, und vor allem betet er für euch.

Ordensmänner, Ordensfrauen und geweihte Laien

Ich will mich auch an die Ordensmänner, an die Ordensfrauen und an die geweihten Frauen und Männer aus dem Laienstand wenden. Die lateinamerikanische und karibische Gesellschaft hat euer Zeugnis nötig: In einer Welt, die so oft vor allem den Wohlstand, den Reichtum und das Vergnügen als Lebensziel sucht und an Stelle der Wahrheit des für Gott geschaffenen Menschen die Freiheit verherrlicht, seid ihr Zeugen dafür, daß es eine andere Form sinnvollen Lebens gibt; erinnert eure Brüder und Schwestern daran, daß das Reich Gottes schon angebrochen ist; daß Gerechtigkeit und Wahrheit möglich sind, wenn wir uns der liebevollen Gegenwart Gottes, unseres Vaters, Christi, unseres Bruders und Herrn, des Heiligen Geistes, unseres Trösters, öffnen. Ihr müßt – in Übereinstimmung mit dem Charisma eurer Gründer – mit Hochherzigkeit und auch mit Heldenmut weiterarbeiten, damit in der Gesellschaft die Liebe, die Gerechtigkeit, die Güte, der Dienst und die Solidarität herrschen. Bekennt euch mit tiefer Freude zu eurer Weihe, die Mittel der Heiligung für euch und der Erlösung für eure Brüder ist.

Die Kirche Lateinamerikas dankt euch für die großartige Arbeit, die ihr im Laufe der Jahrhunderte für das Evangelium Christi zugunsten eurer Brüder und Schwestern, vor allem der ärmsten und am meisten benachteiligten, geleistet habt. Ich lade euch ein, immer mit den Bischöfen zusammenzuarbeiten und vereint mit ihnen, die für die pastorale Tätigkeit verantwortlich sind, zu wirken. Ich ermahne euch auch zum aufrichtigen Gehorsam gegenüber der Autorität der Kirche. Habt kein anderes Ziel als die Heiligkeit, wie ihr es von euren Gründern gelernt habt.

Die Laien

In dieser Stunde, in der sich die Kirche dieses Kontinents voll und ganz ihrer missionarischen Berufung stellt, erinnere ich die Laien daran, daß auch sie Kirche, Versammlung sind, die von Christus zusammengerufen wird, um der ganzen Welt sein Zeugnis zu bringen. Alle getauften Männer und Frauen sollen sich bewußt werden, daß sie durch das gemeinsame Priestertum des Volkes Gottes Christus, dem Priester, Propheten und Hirten, gleichgestaltet sind. Sie sollen sich mitverantwortlich fühlen beim Aufbau der Gesellschaft nach den Kriterien des Evangeliums, an der sie in Gemeinschaft mit ihren Hirten mit Enthusiasmus und Mut mitwirken.

Viele von euch Gläubigen gehören kirchlichen Bewegungen an, in denen wir Zeichen der vielgestaltigen Gegenwart und des heiligmachenden Wirkens des Heiligen Geistes in der Kirche und in der heutigen Gesellschaft sehen können. Ihr seid gerufen, der Welt das Zeugnis von Jesus Christus zu bringen und Sauerteig der Liebe Gottes unter den anderen zu sein.

Die Jugendlichen und die Berufungspastoral

In Lateinamerika besteht die Mehrheit der Bevölkerung aus jungen Menschen. In diesem Zusammenhang müssen wir sie daran erinnern, daß es ihre Berufung ist, Freunde Christi, seine Jünger, zu sein. Die Jugendlichen fürchten sich nicht vor dem Opfer, wohl aber vor einem Leben ohne Sinn. Sie sind empfänglich für den Ruf Christi, der sie einlädt, ihm zu folgen. Sie können auf diesen Ruf als Priester, als Ordensmänner und Ordensfrauen oder als Familienväter und -mütter antworten, die sich mit ihrer ganzen Zeit und ihrer Hingabefähigkeit, mit ihrem ganzen Leben vollständig dem Dienst an ihren Brüdern und Schwestern widmen. Die jungen Menschen müssen sich dem Leben als einer ständigen Entdeckung stellen, ohne sich von den gängigen Modeerscheinungen oder Denkweisen umgarnen zu lassen, sondern indem sie mit einer tiefen Neugier auf den Sinn des Lebens und das Geheimnis Gottes, des Vaters und Schöpfers, und seines Sohnes, unseres Erlösers, innerhalb der menschlichen Familie vorangehen. Sie müssen sich auch um eine ständige Erneuerung der Welt im Lichte des Evangeliums bemühen. Mehr noch müssen sie sich den leichtfertigen Vorspiegelungen raschen Glücks und den trügerischen Lustgefilden der Droge, des Vergnügens, des Alkohols sowie jeder Form von Gewalt widersetzen.

6. »Bleib bei uns!«

Die Arbeiten dieser V. Generalversammlung veranlassen uns dazu, uns die Bitte der Emmaus- Jünger zu eigen zu machen: »Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt« (Lk 24,29).

Bleib bei uns, Herr, begleite uns, obwohl wir dich nicht immer zu erkennen vermochten. Bleib bei uns, denn um uns herum verdichten sich die Schatten, und du bist das Licht; Entmutigung schleicht sich in unsere Herzen ein, und du läßt sie durch die Gewißheit von Ostern brennen. Wir sind müde vom Weg, aber du bestärkst uns durch das Brechen des Brotes, unseren Brüdern zu verkünden, daß du wirklich auferstanden bist und uns mit der Sendung betraut hast, Zeugen deiner Auferstehung zu sein.

Bleib bei uns, Herr, wenn rund um unseren katholischen Glauben die Nebel des Zweifels, der Müdigkeit oder der Schwierigkeiten aufziehen: Du, der du als Offenbarer des Vaters die Wahrheit selbst bist, erleuchte unseren Geist durch dein Wort; hilf uns, die Schönheit des Glaubens an dich zu empfinden.

Bleib in unseren Familien, erleuchte sie in ihren Zweifeln, hilf ihnen in ihren Schwierigkeiten, tröste sie in ihren Leiden und in der tagtäglichen Mühe, wenn sich um sie herum Schatten zusammenziehen, die ihre Einheit und ihre natürliche Identität bedrohen. Du, der du das Leben bist, bleibe in unseren Häusern und Wohnungen, damit sie weiterhin Stätten sind, wo das menschliche Leben selbstlos geboren wird, wo man das Leben empfängt, liebt und es von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende respektiert.

Bleib, Herr, bei denen, die in unseren Gesellschaften am verwundbarsten sind; bleib bei den Armen und Geringen, bei den Indigenen und Afroamerikanern, die nicht immer Raum und Unterstützung gefunden haben, um dem Reichtum ihrer Kultur und der Weisheit ihrer Identität Ausdruck zu verleihen. Bleib, Herr, bei unseren Kindern und unseren Jugendlichen, die die Hoffnung und der Reichtum unseres Kontinents sind, bewahre sie vor den großen Bedrohungen, die ihre Unschuld und ihre berechtigten Hoffnungen gefährden. O Guter Hirt, bleib bei unseren alten Menschen und bei unseren Kranken. Stärke alle im Glauben, damit sie deine Jünger und Missionare sind!

Schluß

Zum Abschluß meines Aufenthalts bei euch möchte ich den Schutz der Mutter Gottes und Mutter der Kirche auf euch persönlich und auf ganz Lateinamerika und die Karibik herabrufen. In besonderer Weise bitte ich Unsere Liebe Frau von Guadalupe, Schutzpatronin Amerikas, und von Aparecida, Schutzpatronin Brasiliens, daß sie euch bei eurer faszinierenden und anspruchsvollen pastoralen Arbeit begleite. Ihr vertraue ich das Volk Gottes auf dieser Etappe des dritten christlichen Jahrtausends an. Ich bitte sie auch darum, daß sie die Arbeiten und Überlegungen dieser Generalkonferenz leite und die lieben Völker dieses Kontinents mit reichen Gaben segne.

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Quelle

JOHANNES PAUL II. ZU UNSERER LIEBEN FRAU VON APARECIDA (BRASILIEN)

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APOSTOLISCHE REISE NACH BRASILIEN

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Aparecida, 4. Juli 1980

„Sei gegrüßt, Mutter Gottes und unsere Mutter, ohne Sünde empfangen! Sei gegrüßt, Unbefleckte Jungfrau, Unsere Liebe Frau von Aparecida!

1. Seitdem ich meine Füße auf brasilianischen Boden setzte, habe ich dieses Lied in den einzelnen Orten, die ich durchquert habe, gehört. Es ist in der Einfalt und Einfachheit seiner Worte ein Ruf der Seele, ein Gruß, eine Anrufung voll kindlicher Verehrung und Vertrauen auf jene, die wahre Mutter Gottes war und uns durch ihren Sohn Jesus im letzten Augenblick seines Lebens (vgl. Joh 19, 26) zur Mutter gegeben wurde.

An keinem anderen Ort hat dieses Lied soviel Bedeutung und soviel Eindringlichkeit wie hier, wo die Jungfrau vor mehr als zwei Jahrhunderten eine einzigartige Begegnung mit dem brasilianischen Volk hatte. Mit Recht wendet sich seit damals das Volk mit seinen Sorgen hierher, und seit damals pulsiert hier das katholische Herz Brasiliens. Hier ist das Ziel unablässiger Wallfahrten aus ganz Brasilien, hier ist, wie jemand gesagt hat, die „geistliche Hauptstadt Brasiliens”.

Es ist ein besonders bewegender und glücklicher Augenblick meiner brasilianischen Reise, in dem ich mit euch zusammen, die ihr hier das ganze brasilianische Volk darstellt, meine erste Begegnung mit Unserer Lieben Frau von Aparecida habe.

2. Als ich mich innerlich auf diese Pilgerreise nach Aparecida vorbereitete, habe ich mit frommer Aufmerksamkeit die einfache und bezaubernde Erzählung von dem Heiligenbild, das wir hier verehren, gelesen. Die vergebliche Mühe der drei Fischer, die in jenem fernen Jahr 1717 in den Wassern des Paraiba zu fischen suchten. Der unerwartete Fund zunächst des Torsos und dann des Kopfes der kleinen, schlammverkrusteten Keramikstatue. Der überreiche Fischfang, der auf den Fund folgte. Die sofort einsetzende Verehrung Unserer Lieben Frau von der Unbefleckten Empfängnis unter der Gestalt jener dunklen Statue, die liebevoll die „Aparecida” (die Erschienene) genannt wurde. Die überreichen Gnaden Gottes für die, die hier zur Mutter Gottes beten.

Von dem einfachen und rohgezimmerten Altar – dem „Holzaltar” nach der Überlieferung – bis zur Kapelle, die ihn ersetzte, den verschiedenen aufeinanderfolgenden Erweiterungen und der alten Basilika von 1908 waren die materiellen Gotteshäuser, die hier errichtet wurden, immer Werk und Symbol des Glaubens des brasilianischen Volkes und seiner Liebe zur seligen Jungfrau.

Die Wallfahrten sind bekannt, an denen im Verlauf der Jahrhunderte Leute aus allen sozialen Schichten und den verschiedensten und entferntesten Regionen des Landes teilnehmen. Im vergangenen Jahr waren es mehr als fünfeinhalb Millionen Pilger, die hierherkamen. Was suchten die früheren Wallfahrer? Was suchen die Pilger von heute? Das, was sie an ihrem mehr oder weniger fernen Tag der Taufe suchten: den Glauben und die Wege, ihn zu erhalten. Sie suchen die Sakramente der Kirche, vor allem die Versöhnung mit Gott und die eucharistische Speisung. Und sie kehren gekräftigt und voll Dankbarkeit für Unsere Liebe Frau, die Mutter Gottes und unsere Mutter, zurück.

Weil sich an diesem Ort die Gnaden und geistlichen Wohltaten Unserer Lieben Frau von der Unbefleckten Empfängnis häuften, wurde die Statuette 1904 feierlich gekrönt und vor genau fünfzig Jahren, 1930, zur Schutzpatronin Brasiliens erklärt. Später, 1967, kam es meinem ehrwürdigen Vorgänger Paul. VI. zu, diesem Heiligtum die goldene Rose zu schenken, wobei er mit dieser Geste die Jungfrau und diesen geweihten Platz ehren und die Marienverehrung fördern wollte.

Und wir kommen nun zu unseren Tagen: angesichts der Notwendigkeit eines größeren Gotteshauses, das der Aufnahme der immer zahlreicheren Wallfahrer mehr entspricht, entstand das kühne Projekt einer neuen Basilika. Jahre unermüdlicher Arbeit für das riesige und mutige Werk, das die Errichtung des eindrucksvollen Bauwerkes erfordert hat.

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Und heute können wir seine großartige Verwirklichung betrachten, nachdem nicht wenige Schwierigkeiten überwunden wurden. Mit ihr werden viele Namen von Architekten und Ingenieuren, von schlichten Arbeitern und hochherzigen Gönnern, von Priestern, die dem Heiligtum dienen, verbunden bleiben. Ein Name zeichnet sich unter allen aus und versinnbildlicht alle: der meines Bruders Kardinal Carlos Carmelo de Vasconcelos Motta, des großen Initiators dieses neuen Gotteshauses, des Mutterhauses und geschichtlichen Erbes der Königin, Unserer Lieben Frau von Aparecida.

4. Ich komme nun hierher, diese Basilika zu weihen, Zeuge des Glaubens und der Marienverehrung des brasilianischen Volkes; und ich werde dies voll innerer Bewegung und Freude nach der Feier der Eucharistie tun.

Dieses Gotteshaus ist Wohnung des „Herrn der Herren und des Königs der Könige” (vgl. Offb 17, 14). In ihm wird die Unbefleckte Empfängnis genauso wie die Königin Ester, die – wie wir in der ersten Lesung gehört haben – das „Herz Gottes gewann” und in der die Allmacht „große Dinge” vollbrachte (vgl. Est 5, 5; Lk I. 49), nicht aufhören, zahllose Söhne und Töchter zu erhören und für sie einzutreten: „Meinem Volk das Leben zu schenken, das ist meine Bitte und mein Wunsch” (vgl. Est 7, 3).

Das irdische Bauwerk, wo der eucharistische Herr wahrhaft gegenwärtig ist und wo sich die Familie der Kinder Gottes versammelt, um gemeinsam mit Christus die „geistigen Opfer” anzubieten, die mit Freuden und Leiden, mit Hoffnungen und Kämpfen dargebracht werden, ist auch Symbol für ein anderes, ein geistliches Bauwerk, zu dem wir als lebendige Bausteine zu dienen aufgerufen sind (vgl. 1 Petr 2, 5). Wie der hl. Augustinus sagte: „Dies ist in der Tat das Haus unserer Gebete: aber wir selbst sind das Haus Gottes. Wir sind als das Haus Gottes auf dieser Erde erbaut und dazu bestimmt, ihm bis zum Ende der Zeiten zu dienen. Das Bauwerk oder besser sein Aufbau erfordert viel Mühe; die Weihe geschieht in Freude” (vgl. Aug., Sermo 336. 1.6: PL 38, ed. 1861, 1471-1472).

5. Dieses Gotteshaus ist Abbild der Kirche, die „in Nachahmung der Mutter unseres Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe bewahrt” (Lumen gentium, Nr. 64).

Bild dieser Kirche ist die Frau, die der Seher von Patmos im Text der Geheimen Offenbarung beschrieb, den wir eben in der zweiten Lesung gehört haben. In der mit zwölf Sternen gekrönten Frau sah die Volksfrömmigkeit aller Zeiten auch Maria, die Mutter Jesu. Im übrigen ist auch nach dem hl. Ambrosius und der dogmatischen Konstitution Lumen gentium Maria das wahre Abbild der Kirche. Ja, liebe Brüder und Schwestern, Maria – die Mutter Gottes – ist Vorbild der Kirche, ist die Mutter der Erlösten. Durch ihr entschlossenes und bedingungsloses Ja zum göttlichen Willen, der ihr offenbart wurde, wird sie die Mutter des Erlösers (vgl. Lk 1, 32) mit einer inneren und ganz besonderen Teilhabe an der Heilsgeschichte. Durch die Verdienste ihres Sohnes ist sie die Unbefleckte, ohne Erbsünde Empfangene, bewahrt vor Sünde und voller Gnade. Angesichts des Hungers nach Gott, den man heute bei vielen Menschen findet, aber auch angesichts des Säkularismus, der manchmal kaum bemerkbar ist wie der Tau, ein anderes Mal gewalttätig wie ein mitreißender Wirbelsturm, sind wir berufen, die Kirche aufzubauen.

6. Die Sünde entfernt Gott aus dem Mittelpunkt, der ihm in der Geschichte der Menschheit und in der Geschichte jedes einzelnen Menschen zukommt. Die erste Versuchung war: „Ihr werdet sein wie Gott” (vgl. Gen 3, 5). Und nach dieser Ursünde, die auf Gott verzichtet, findet sich der Mensch der Spannung ausgesetzt bei seiner Wahl zwischen der Liebe, „die vom Vater kommt”, und „der Liebe, die nicht vom Vater kommt, sondern von der Welt” (vgl. 1 Joh 2, 15-16), und schlimmer noch, der Mensch entfremdet sich, wenn er den „Tod Gottes” wünscht, der in sich unabwendbar auch den Tod des Menschen nach sich zieht (vgl. Osterbotschaft 1980).

Indem sie sich als „Dienerin des Herrn” (vgl. Lk 1, 38) bekennt und ihr „Ja” spricht, das Geheimnis des Erlösers Christus „in ihrem Herzen und in ihrem Schoß” empfängt (vgl. Aug. De Virginitate, 6: PL 40, 399), war Maria nicht bloß passives Werkzeug in den Händen Gottes, sondern wirkte in freiem Glauben und tiefem Gehorsam bei der Erlösung der Menschheit mit. Ohne etwas wegzunehmen oder zu vermindern und ohne etwas dem Werk desjenigen hinzuzufügen, der der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, Jesus Christus, zeigt uns Maria die Wege der Erlösung, die sich alle in Christus, ihrem Sohn, und in seinem Erlösungswerk treffen.

Maria führt uns zu Christus, wie das Zweite Vatikanische Konzil genau formuliert hat: „Mariens mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen verdunkelt oder vermindert diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft … Die unmittelbare Vereinigung der Glaubenden mit Christus wird dadurch in keiner Weise gehindert, sondern vielmehr gefördert (Lumen gentium, Nr. 60).

7. Als Mutter der Kirche hat die seligste Jungfrau eine besondere Präsenz im Leben und im Wirken gerade der Kirche. Daher hält die Kirche ihre Augen auch immer auf jene gerichtet, die, obwohl sie Jungfrau blieb, durch das Werk des Heiligen Geistes das menschgewordene Wort zeugte. Was ist dann die Sendung der Kirche, wenn nicht die, Christus auch im Herzen der Gläubigen (vgl.ebd., Nr. 65) mit Hilfe desselben Heiligen Geistes durch die Evangelisierung lebendig werden zu lassen? So zeigt und erleuchtet Maria, der „Stern der Evangelisierung”, wie sie mein Vorgänger Paul IV. nannte, die Wege zur Verkündigung des Evangeliums. Die Botschaft von Christus, dem Erlöser, darf nicht auf rein menschliche Planung zur Wohlfahrt und zum zeitlichen Glück beschränkt bleiben. Es gibt sicherlich solche Fälle in der kollektiven und individuellen menschlichen Geschichte, aber grundlegend ist die Verkündigung der Befreiung von der Sünde durch die Gemeinschaft mit Gott in Jesus Christus. Aber die Gemeinschaft mit Gott verhindert nicht die Gemeinschaft der Menschen untereinander, denn die sich zu Christus bekennen, dem Urheber des Heils und Prinzip der Einheit, sind berufen, sich im Sakrament dieser heilbringenden Einheit, der Kirche, zu vereinen (vgl. ebd., Nr. 9).

Durch all dies wünschen wir alle, die wir die heutige Generation der Jünger Christi bilden, in ganzer Liebe zur alten Tradition und in ganzer Ehrfurcht und Liebe zu den Mitgliedern aller christlichen Gemeinden, uns mit Maria zu vereinen, „veranlaßt von dem tiefen Bedürfnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe” (vgl. Redemptor hominis, Nr. 22). Als Jünger Christi in diesem wichtigen Moment menschlicher Geschichte, in voller Liebe zur ununterbrochenen Tradition und zur ständigen Gesinnung der Kirche, bewegt von einem inneren Imperativ des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, wünschen wir uns mit Maria zu vereinen. Und wir wollen das durch die Ausdrucksformen marianischer Frömmigkeit der Kirche in allen Zeiten tun.

8. Die Liebe und Verehrung Mariens, grundlegende Elemente der lateinamerikanischen Kultur (vgl. Predigt in Zapopan, Mexiko: AAS71, 1979; 228; Dokument von Puebla, Nr. 283), sind einer der charakteristischen Züge der Religiosität des brasilianischen Volkes. Ich bin sicher, daß die Hirten der Kirche diesen besonderen Wesenszug zu achten, zu pflegen und zu unterstützen wissen, um den besten Weg zu finden, „durch Maria zu Jesus” zu kommen. Dabei wäre es nützlich, daran zu denken, daß die Verehrung der Mutter Gottes eine Seele hat, etwas Besonderes, das sich in vielen äußeren Formen verkörpert. Das Wesentliche ist fest und unveränderlich, bleibt inneres Element des christlichen Kultes und ist, wenn richtig verstanden und verwirklicht, in der Kirche, wie mein Vorgänger Paul VI. hervorhob, „ein hervorragendes Zeugnis ihrer lex orandi (Gebetsordnung) und eine Aufforderung, in ihrem Gewissen ihre lex credendi (Glaubensordnung) wiederzubeleben. Die äußeren Formen sind natürlich der Abnutzung durch die Zeit unterworfen und brauchen, wie Paul VI. erklärte, eine dauernde zeitgemäße Erneuerung, aber in voller Achtung der Tradition (vgl. Apostolisches Schreiben über die rechte Weise und Förderung der Marienverehrung, Nr. 24).

9. Und ihr, Verehrer und Wallfahrer Unserer Lieben Frau von Aparecida, die ihr hier anwesend seid und die, die uns über Rundfunk und Fernsehen verfolgen: bewahrt sorgfältig diese von euch gehegte zarte und vertrauliche Liebe zur Jungfrau. Laßt sie niemals erkalten! Möge sie keine abstrakte Liebe sein, sondern eine konkrete. Bleibt den traditionellen Überzeugungen marianischer Frömmigkeit in der Kirche treu: dem Gebet des Angelus, dem Marienmonat und besonders dem Rosenkranz. Wolle der Himmel, daß der schöne, früher so verbreitete, heute noch in einigen brasilianischen Familien gepflegte Brauch des gemeinsamen Rosenkranzgebetes wieder auflebe.

Ich weiß, daß vor kurzem durch einen bedauerlichen Zwischenfall die kleine Statue Unserer Lieben Frau von Aparecida zerbrach. Man sagte mir, daß unter den vielen Bruchstücken die zwei zum Gebet gefalteten Hände der Jungfrau unversehrt gefunden wurden. Das ist wie ein Symbol: die Hände Mariens, inmitten der Reste sichergestellt, sind eine Aufforderung an ihre Söhne und Töchter, in ihrem Leben dem Gebet Raum zu geben, dem Gebet zum Absoluten Gott, ohne den alles übrige Sinn, Wert und Wirkung verliert. Das wahre Kind Mariens ist ein Christ, der betet.

Die Marienverehrung ist Quelle eines tiefen christlichen Lebens, ist Quelle der Verpflichtung gegenüber Gott und den Brüdern. Bleibt in der Schule Mariens, hört auf ihre Stimme, folgt ihrem Beispiel. Wie wir im Evangelium gehört haben, verweist sie uns auf Jesus: „Was er euch sagt, das tut” (Joh 2, 5). Und wie damals in Kana in Galiläa macht sie den Sohn auf die Nöte der Menschen aufmerksam und erhält von ihm die erbetenen Gnaden. Wir beten mit und durch Maria: Sie ist immer die „Mutter Gottes und unsere Mutter”

Unsere Liebe Frau von Aparecida, Dein Sohn,
der Dir ohne Einschränkung gehört – „Ganz Dein!” -,
berufen durch den geheimnisvollen Plan der Vorsehung,
Stellvertreter Deines Sohnes auf Erden zu sein,
wendet sich in diesem Augenblick an Dich.

Er erinnert sich mit Bewegung
durch die dunkle Farbe Deines Bildes
an ein anderes Bild von Dir,
die Schwarze Jungfrau von Jasna Gora!

Mutter Gottes und unsere Mutter,
beschütze die Kirche, den Papst, die Bischöfe, die Priester
und das ganze gläubige Volk;
nimm unter Deinen Schutzmantel
die Ordensmänner, die Ordensfrauen, die Familien,
die Kinder, die Jugendlichen und ihre Erzieher!

Heil der Kranken und Trösterin der Betrübten,
stärke die an Leib und Seele leiden;
erleuchte die, die Christus suchen, den Erlöser des Menschen;
zeige allen Menschen, daß Du die Mutter unserer Zuversicht bist.

Königin des Friedens und Spiegel der Gerechtigkeit,
erwirke der Welt den Frieden,
schenke Brasilien dauerhaften Frieden,
daß die Menschen immer wie Brüder zusammenleben
als Kinder Gottes!

Unsere Liebe Frau von Aparecida,
segne Dein Heiligtum und die, die daran arbeiten;
segne das Volk, das hier betet und singt;
segne all Deine Kinder; segne Brasilien! Amen.

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Quelle

GEBET VON JOHANNES PAUL II.
IN DER NEUEN MARIENWALLFAHRTSKIRCHE
VON APARECIDA

Aparecida, 4. Juli 1980

 

Unsere Liebe Frau von Aparecida!

1. In diesem einzigartigen feierlichen Augenblick möchte ich vor Dir, Mutter, das Herz dieses Volkes öffnen, in dessen Mitte Du auf besondere Weise verweilen wolltest, wie inmitten anderer Nationen und Völker, so auch inmitten jener Nation, deren Sohn ich bin. Ich möchte vor Dir das Herz der Kirche öffnen und das der Welt, zu der diese Kirche durch Deinen Sohn gesandt wurde. Ich möchte Dir auch mein eigenes Herz öffnen:

Unsere Liebe Frau von Aparecida! Frau, von Gott geoffenbart als jene, die den Kopf der Schlange zertreten sollte (vgl. Gen 3, 15) durch Deine Unbefleckte Empfängnis! Erwählt von Ewigkeit zur Mutter des Ewigen Wortes, das bei der Verkündigung des Engels in Deinem jungfräulichen Schoß empfangen wurde als Menschensohn und wahrer Mensch!

Aufs innigste dem Geheimnis der Erlösung des Menschen und der Welt vereint am Fuß des Kreuzes, auf Kalvaria!

Als Mutter allen Menschen geschenkt in der Person des Apostels und Evangelisten auf Kalvaria!

Der ganzen Kirche als Mutter gegeben, angefangen mit jener Gemeinschaft, die sich auf das Kommen des Heiligen Geistes vorbereitete, nun aber der Gemeinschaft aller, die auf der Erde durch die Geschichte der Völker und Nationen, durch alle Länder und Kontinente, durch alle Zeiten und Generationen hindurch pilgern!

Maria, ich grüße Dich und rufe Dir „Ave“ zu in diesem Heiligtum, wo die Kirche Brasiliens Dir ihre Liebe schenkt, Dich verehrt und als „Aparecida“ anruft, als ihr in besonderer Weise „Geoffenbarte” und „Geschenkte”. Als ihre Mutter und Patronin! Als Mittlerin und Fürsprecherin, verbunden mit dem Sohn, dessen Mutter Du bist! Als Vorbild aller Seelen, in denen echte Weisheit lebt und zugleich die Einfalt des Kindes. Von Dir strahlt Vertrauen aus, das alle Schwachheit und alles Leid überwindet!

Ich möchte Dir in besonderer Weise dieses Volk und diese Kirche anvertrauen, dieses ganze Brasilien in seiner Größe und Gastlichkeit alle Deine Söhne und Töchter mit ihren Problemen und Ängsten, Leiden und Freuden. Ich tue das als Nachfolger des Petrus und Hirt der ganzen Kirche, indem ich mir das Erbe der Verehrung und Liebe, der Hingabe und des Vertrauens zu eigen mache, das seit Jahrhunderten einen Teil der Kirche Brasiliens bildet und allen zu eigen ist, die zu ihr gehören trotz aller Unterschiede der Herkunft, Rasse oder sozialen Stellung und wo immer sie in diesem unermeßlichen Land wohnen mögen.

O Mutter, gib, daß die Kirche für sie alle Sakrament des Heiles und Zeichen der Einheit aller Menschen sei, aller Brüder und Schwestern, die durch Adoption zu Deinem Sohn gehören und Kinder des Vaters im Himmel geworden sind.

O Mutter, gib, daß diese Kirche nach dem Beispiel Christi, der immer dem Menschen gedient hat, allen Schutzwehr ist, zumal den Armen und Notleidenden, der sozial an den Rand Gedrängten und Ausgebeuteten. Gib, daß die Kirche Brasiliens immer im Dienst der Gerechtigkeit unter den Menschen steht und zugleich beiträgt zum Gemeinwohl aller und zum sozialen Frieden.

Mutter, öffne die Herzen der Menschen und laß allen aufgehen, daß es nur im Geist des Evangeliums sowie in Beachtung des Liebesgebots und der Seligpreisungen der Bergpredigt möglich ist, eine menschlichere Welt aufzubauen, in der die Würde aller Menschen wahrhaft geachtet wird.

O Mutter, gib der Kirche, die in der Vergangenheit auf dieser brasilianischen Erde ein großes Evangelisierungswerk vollbracht hat und deren Geschichte reich an Erfahrungen ist, daß sie mit neuem Eifer und neuer Liebe zu ihrer von Christus empfangenen Sendung ihre Aufgaben heute erfüllt.

Schenke ihr dazu zahlreiche Berufungen zum Priester- und Ordensstand, damit das ganze Volk Gottes die Wohltaten des Dienstes der Ausspender der heiligen Eucharistie und der Zeugen des Evangeliums erfährt.

O Mutter, nimm alle Familien Brasiliens an Dein Herz! Nimm sie alle an, die Erwachsenen und Alten, die Jugendlichen und Kinder, aber auch die Leidenden und Vereinsamten, alle Land- und Industriearbeiter, die Intellektuellen an den Schulen und Universitäten und die Mitarbeiter aller Institutionen. Schütze sie alle!

Höre nicht auf, o Jungfrau von Aparecida, durch Deine Gegenwart auf Erden sichtbar zu machen, daß die Liebe stärker ist als der Tod, mächtiger als die Sünde! Zeige uns weiter Gott, der die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn sandte, damit niemand verlorengehe, sondern das ewige Leben habe (vgl. Joh 3, 16). Amen.

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Quelle