Die Tagespost: Versöhnung ist das Ziel

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Im „Genocide Memorial Centre“ in der ruandischen Hauptstadt Kigali sind auch die Namen der Opfer des Völkermords verzeichnet.

Missio Aachen richtet zum Afrikatag im Januar
den Blick auf die Kirche in Ruanda.

Von Carl-Heinz Pierk

Die Völkermord-Gedenkstätte in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, erinnert an einen der blutigsten Völkermorde der Weltgeschichte. Die Gedenkstätte „Genocide Memorial Centre“ wurde am zehnten Jahrestag des Genozids, im Jahr 2004, eingeweiht. Das Zentrum befindet sich im Vorort von Gisozi, an der Stelle, wo 250 000 Menschen ihre letzte Ruhestätte in einem Massengrab fanden. In drei Dauerausstellungen wird erklärt, wie es zu dem Völkermord kam, wie sich die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen in dem kleinen Binnenstaat im Osten Zentralafrikas verschärften, was den Völkermord auslöste und wie die Tragödie unter den Augen einer Friedenstruppe der Vereinten Nationen zum vollen Ausbruch kam.

Schon seit dem 15. Jahrhundert schwelte der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen im Land. Die Mehrheit der Hutu lebte lange Zeit benachteiligt unter den Tutsi, die später von den deutschen und belgischen Kolonialherren als überlegene Rasse bevorzugt wurden.

Das Internationale Katholische Missionswerk Missio Aachen richtet zum Afrikatag im Januar 2017 den Blick auf die Kirche in Ruanda und ruft bis 15. Januar bundesweit in Gottesdiensten zur Kollekte auf. Die Kollekte zum Afrikatag ist die älteste gesamtkirchliche Missionskollekte der katholischen Kirche. Sie wurde erstmals am 6. Januar 1891 auf Wunsch von Papst Leo XIII. durchgeführt, der so Gelder zur Unterstützung des Kampfes gegen die Sklaverei in Afrika sammeln wollte. Heute kommt die Kollekte der Ausbildung von Priestern, Ordensleuten und Laienmitarbeitern in Afrika zugute: Frauen und Männer, die sich im Dienst der Kirche gegen moderne Formen der Sklaverei und für ein menschenwürdiges Leben einsetzen.

Mit dem tödlichen Flugzeugabsturz des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana und des burundischen Präsidenten Cyprien Ntaryamira am Abend des 6. April 1994 hatte der Völkermord in Ruanda begonnen, bei dem zwischen 800 000 und einer Million Menschen ums Leben kamen. Der Präsident war ein Hutu, wie 85 Prozent der Bevölkerung Ruandas. Die Opfer des Mordens waren überwiegend Tutsi. Sie stellten rund zehn Prozent der Bevölkerung. Aber auch gemäßigte Hutu waren unter den Opfern.

Die Wunden sitzen noch immer tief. Heute, 22 Jahre später, müssen die Mörder von damals mit den überlebenden Opfern zusammenleben. Doch trotz der bedrückenden Geschichte konnte ein erneutes Aufflammen der Gewalt in Ruanda verhindert werden. Zusätzlich zur regulären juristischen Verfolgung des Völkermordes waren auch sogenannte Gacaca-Gerichte mit der Aufarbeitung der Straftaten befasst – gacaca heißt „Gras“ in der Landessprache Kinyarwanda. Es handelt sich dabei um Dorfgerichte, die auf dem traditionellen Rechtssystem Ruandas basieren. Das System dieser Laiengerichte birgt zwar Risiken, trägt jedoch durch Anhörung der Täter, Überlebenden und ihrer Angehörigen entscheidend zur nationalen Versöhnung bei.

Wer als Beschuldigter Reue zeigt, für den halbiert sich die Haftzeit. In Ruanda werden auf diese Weise fast zwei Millionen Fälle vor 15 000 Volksgerichten verhandelt: ein bedeutender Schritt hin zu einer versöhnten Zukunft. Die Verfahren wurden 2012 offiziell abgeschlossen. Die nationale Versöhnung ist sowohl für die Stabilität des Landes als auch für die Stabilisierung der gesamten, von Konflikten geprägten Region wichtig. Sie könnte ein Beispiel sein, etwa für die Zentralafrikanische Republik oder für den Südsudan, wo nach einem Ende der Gewalt die Versöhnung zwischen den verfeindeten Ethnien wichtig ist.

Vor allem die katholische Kirche in Ruanda will an der Versöhnung mitarbeiten. Dabei ist sie lange Zeit der Frage nach ihrer eigenen Verstrickung in den Genozid ausgewichen. Teile der Kirche begrüßten etwa die „hamitische Ideologie“, eine Rassenlehre, die die Tutsi als überlegene Volksgruppe darstellte. Viele Menschen wurden in Gotteshäusern umgebracht, in die sie sich geflüchtet hatten. Sie wurden zum Teil von Hutu-Priestern oder Ordensleuten an ihre Verfolger ausgeliefert. Für ihre Rolle beim Völkermord von 1994 hat die katholische Kirche in Ruanda inzwischen um Vergebung gebeten. Die Kirche als Institution sei damals zwar nicht Partei gewesen, heißt es in der am 20. November 2016 veröffentlichten Erklärung der neun ruandischen Bischöfe zum Abschluss des von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahres. Allerdings hätten Kirchenmitglieder, auch Geistliche, den Völkermord entweder mitgeplant, unterstützt oder mit ausgeführt. Die Kirche bedauere die Taten all jener Gläubigen, die am Genozid beteiligt waren.

Das Wort der Bischöfe wurde landesweit in Gottesdiensten verlesen. Eine generelle Beteiligung der Kirche an dem Massenmord wies der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Philippe Rukamba von Butare, laut einer KNA-Meldung zurück. „Wir wissen, dass Kirchenmitglieder eine Rolle beim Völkermord spielten, Menschen töteten und deren Besitz plünderten. Jedoch stimmen wir nicht zu, dass die Kirche selbst eine Rolle im Genozid spielte.“

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Quelle

„Sie haben alles mit uns gemacht“

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Irak / © Michaela Koller

Zu Besuch bei den Überlebenden des Genozids im Irak

Am 3. August 2014 drang der IS in die Stadt Shingal und in oberhalb im Gebirge gelegene Ortschaften vor, töteten und versklavten diejenigen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Die Mörder mit den langen Bärten und schwarzen Fahnen peinigten junge Frauen als Sexsklavinnen auf widerwärtige Weise, Kindern schlugen sie mit Gewehrkolben die Schädel ein, töteten Alte, Kranke und Behinderte, ja schächteten sogar viele Menschen wie Vieh.

Zwei Jahre danach auch ist die Zukunft der jesidischen Religionsgemeinschaft in dem Gebiet, wo sich ihre heiligsten Stätten befinden, nicht gesichert. Noch immer ringen die Leitungen der Flüchtlingslager darum, die Grundversorgung der Opfer der Vertreibung sicher zu stellen. Amer Abo Elyas leitet das Lager Sheikhan, wo aktuell 5.279 Menschen, 976 Familien in 1.474 Zelten leben. Der Mann, der im Container an einem hölzernen Schreibtisch unter einem Porträt des Kurdenführers Masud Barzani sitzt, bittet die Delegation der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) (die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, den Referenten für Humanitäre Hilfe Khalil Al Rasho sowie die Autorin dieses Berichts) um Kleidung, Medikamenten und schließlich nach einem Druckkostenzuschuss für Schulbücher.

Kurdistans rot-weiß-grüne Fahne mit der Sonne weht über dem Eingang zum Lager, einer Anreihung kleiner sandiger Zelte soweit das Auge blickt. Die IGFM-Vertreter sind bei einer Familie zu einem süßen Zimttee eingeladen, der in kleinen Glastassen auf einem Alutablett: Hassan, ein kleinerer, dennoch kräftiger Mann, über fünfzig Jahre alt, gesteht uns: „Abends trinke ich immer einen viertel Liter Raki (Anisschnaps, Anm. d. Red.).“ Er betäubt damit seinen Schmerz: Seine Frau und vier seiner Kinder, darunter zwei Teenies im Alter von 12 und 14 Jahren, sind immer noch in der Gewalt des IS. Nur seine 20-jährige Tochter ist freigekommen, nachdem sie neun Kämpfern als Sklavin dienen musste: Es ist Shirin, deren Leidens- und Fluchtgeschichte Alexandra Cavelius und Jan Kizilhan im Buch „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ aus ihrer Perspektive erzählen. „Kommt für zwei Wochen mit ihr hierher“, bittet Hassan flehentlich.

Auch der 25-jährige Gamil, der Sprachen an der Universität studiert hat, ist mit seiner Familie aus dem Shingal-Gebirge geflohen. Er ist der jüngste Sohn unter 14 Geschwistern, von denen schon eine Reihe in Europa leben. Der für arabische Poesie schwärmende Jeside fühlt sich für seine Eltern, die bereits über 80 Jahre alt sind, verantwortlich und lebt daher mit ihnen im Zelt. „Langfristig sehe ich keine Zukunft für die Jesiden in dieser Region“, gesteht er resigniert.

Mit den Christen gestaltet sich das Zusammenleben jedoch herzlich: „Die Jesiden sind unsere Schwestern und Brüder“, betont der chaldäisch-katholische Bischof von Alqosh, Mikha Maqdassi. Er plant gerade die Einrichtung eines Kindergartens, der dem Nachwuchs aus allen Familien im Ort offenstehen soll. Die Frage, ob damit auch die Muslime eingeladen sind, beantwortet der 67-Jährige mit einem „Ja, aber“: Er erwarte keine muslimischen Anmeldungen für die christlich geführte Einrichtung. Später erfährt die Delegation: Christen und Jesiden erkannten vielfach ihre eigenen muslimischen Nachbarn unter den IS-Tätern. Ein Zusammenleben in der Zukunft setzt zunächst internationale Anerkennung des Leids und Gerechtigkeit voraus, indem die Täter zur Verantwortung gezogen werden.

Nadia Murad, UNO-Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel, sagte kürzlich vor der Versammlung der Vertreter der Weltgemeinschaft: „Wenn Köpfen, sexuelle Versklavung, Kindesraub und Vertreibung von Millionen Sie nicht dazu bringen zu handeln, was wird es denn dann sein? Nicht nur Sie und Ihre Familien haben ein Recht auf Leben, auch wir brauchen unser Leben und das Recht, es zu leben.“ Sie sprach diese Worte mit unterdrückten Tränen vor den versammelten Diplomaten und Politikern.

Auf der 23-Jährigen Jesidin, die 2014 drei Monate IS-Gefangenschaft erlitt, lastet die Hoffnung ihrer vom Völkermord geplagten Gemeinschaft. Das bestätigt auch das Gespräch mit dem geistlichen Oberhaupt der Jesiden, Baba Sheikh in Ain Sifni, nahe Sheikhan, der die Vertreter der IGFM empfängt. „Ich habe ihr gesagt, sie soll für uns Jesiden eintreten“, verrät er auf dem Sofa des Salons sitzend.

Die eliminatorische Entschlossenheit der Terrormiliz IS steht außer Zweifel, für ihr zynisch-raffiniertes Vorgehen fand das Team der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), die Ehrenvorsitzende Katrin Bornmüller, der Referent für humanitäre Hilfe in Nahost, Khalil Al-Rasho, selbst Jeside, und die Autorin dieses Beitrags, zudem konkrete Hinweise. In dem Ort Sharafiya, einem Ort in der Niniveh-Ebene, treffen die deutschen Besucher auf den Bauern Gorgiss F.. Bei einer Tasse süßen Tee im Haus des Pfarrers berichtet der 53-Jährige vom Vorgehen der Terrormiliz: „Ein alter Freund, der Muslim ist, rief uns an. Er kämpfte inzwischen auf der Seite des IS. Er sagte: Wenn sie in das Dorf kommen und unsere Mädchen und Frauen Kopftuch tragen, geschehe uns nichts. Wir haben nicht darauf vertraut.“

Seine Vorfahren flohen bereits einmal vor einem Genozid, dem der Jungtürken, aus dem traditionellen Siedlungsgebiet des Tiyari-Stammes im äußersten Südosten der heutigen Türkei. Ein Stück weiter, näher an der Front zum Kampfgeschehen, in Telesqof, steht heute eine Geisterstadt, noch immer stark zerstört und die Gegend vermint, nachdem der Ort zwei Wochen im August 2014 den den Islamisten beherrscht und Anfang Mai dieses Jahres erneut angegriffen wurde. Der Kommandant der Sicherheitskräfte hier ist ein Jeside: Vor einem Besuch der Kirche warnt er: „Drumherum sind überall Landminen.“

In Baadr besuchen die IGFM-Vertreter die Mutter dreier schwerstbehinderter Kinder, die dringend Geld für Windeln und Medikamente benötigt. Trotz ihrer Verletzlichkeit haben sie den IS überlebt: Ihr Auto und der Wagen der Großeltern sprangen nicht an, als die Männer mit den schwarzen Fahnen immer näher kamen. Erst nach 42 Tagen – ihre Versklavung und die Ermordung ihrer Kinder waren schon längst beschlossene Sache – entkamen sie mit den Kindern auf dem Rücken und greisen Mitgefangenen während einer Wachablösung.

Auch die inzwischen 14-jährige Samira S., die mit ihrer Familie auch in Baadr aufgenommen wurde, bestätigte mit ihrem Leidensbericht das planvolle Vorgehen der Mördertruppen des Kalifen Abu Bakr Al Baghdadi. Sie ist mit anderen jungen Frauen regelrecht den Berg im Shingal-Gebirge hinaufgejagt worden und als sie auf der anderen Seite wieder Richtung Tal liefen, holten sie die Schergen ein. Den Gästen aus Deutschland berichtet sie im Wohnzimmer des Rohbaus, während die Familie draußen in der Küche zurückbleibt. Sie war nur zwölf Jahre alt, als sie in Gefangenschaft des IS geriet. „Sie haben alles mit uns gemacht“, deutet sie nur an. Eine 26-jährige Mitgefangene rief heimlich einen befreundeten Arzt in einem Krankenhaus an und bat ihn um die Lieferung von Medikamenten, darunter extra viel Schlafmittel. Da die Mädchen und jungen Frauen für die Kämpfer der Terrormiliz kochen mussten, nutzten sie die Gelegenheit, ihnen Schlafmittel in ein deftiges Gericht zu rühren. Ihre Peiniger langten reichlich zu und fielen bald in Tiefschlaf: „Ganz vorsichtig schlichen wir uns fort, nur hundert Meter an einem IS-Kontrollposten vorbei durch vermintes Gelände und kamen schließlich durch.“ Auf die Frage, was sie sich wünscht und ob sie vielleicht einmal nach Europa kommen möchte, antwortet sie entschlossen und frühreif: „Ich wünsche mir, dass meine Heimat befreit wird und dass wir dort wieder in Sicherheit leben können.“

Leila, eine 17-jährige Jesidin aus dem Shingal-Gebirge, die mit ihrer Familie noch rechtzeitig entkommen konnte und zur Zeit in einem der Flüchtlingslager lebt, begleitete die IGFM-Delegation. Aus der Enge der trostlosen Zeltstadt herausgeholt, sollte sie abgelenkt werden, so auf andere Gedanken kommen. Nach der Begegnung mit ihrem geistlichen Oberhaupt sagte sie, ihr Wohlbefinden sei von 50 auf 70 Prozent angestiegen. Während Samiras Bericht sinkt sie jedoch, den Kopf immer weiter nach vorn gebeugt, starr geradeaus blickend, allmählich in sich zusammen. Wohl mit letzter Kraft verlässt sie das Haus, setzt sich auf die linke Seite der Rückbank des Pick-ups, mit dem die deutschen Gäste in Kurdistan reisen. Als alle Vier wieder im Wagen sitzen, beginnt sie ganz plötzlich immer lauter zu schluchzen, kippt nach rechts, Tränen rinnen aus ihrem Auge.

Die Autorin dieses Beitrags nimmt sie in den Arm und Khalil Al Rasho fährt zügig zur Notaufnahme ihres Lagers. Dort angekommen, steht zwar sofort ein Krankenpfleger mit einer Trage bereit, aber erst fehlt das Beruhigungsmittel gegen den Nervenzusammenbruch, dann bricht auch noch die Stromversorgung zusammen. Das Schluchzen hört nicht auf. Später wird keiner aus der Delegation mehr sicher sein, wie viele Stunden das heftige Weinen andauerte, ein entkräftendes Schreien aus der Tiefe des Brustkorbs, wo irgendwo ein Schmerz sitzen muss, Schmerz über all das Verlorene, die Heimat, die Freunde, die Vergangenheit, die Sicherheit, die Unbeschwertheit, das Zusammenleben, der Friede.

– Die Namen der IS-Opfer wurden geändert. –

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„Unser Schweigen verletzt die Opfer“

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Ján Figeľ (Photo: 2014) / Wikimdia Commons – European People’s Party (EPP), CC BY 2.0 (Cropped)

Internationale Konferenz über „Christen in Bedrängnis“ in Wien

Der Sondergesandte der Europäischen Union zur Förderung der Religionsfreiheit außerhalb der EU, Jan Figel, hat Ignoranz, Gleichgültigkeit und Angst gegenüber den schwerster Menschenrechtsverletzungen Schuldigen angeprangert. Der ehemalige EU-Kommissar bezeichnete sie am Samstag bei einer internationalen Konferenz in Wien zur weltweiten Christenverfolgung als „Verbündete des Bösen“. Auf diese Weise werde Fanatikern und Tätern geholfen. „Unser Schweigen verletzt die Opfer“, warnte er in seiner Ansprache. Das Versprechen des Kriegsverbrechertribunals von Nürnberg 1946, keinen Völkermord mehr hinzunehmen, sei bereits mehrfach gebrochen worden.

„Wir haben die Selbstverpflichtung, Völkermord oder unmenschliche Behandlung zu verhindern zu oft aufgegeben“, beklagte der slowakische christdemokratische Politiker. Rhetorisch fragte er, ob das Jahrhundert der Genozide nun enden oder andauern solle. Eine ganze Serie von Schrecken habe sich dem ersten Völkermord, durch die Hand der Jungtürken 1915/16 an Armeniern, Assyro-Aramäern und Pontos-Griechen, angeschlossen, erinnerte Figel. Lobend erwähnte er, dass Parlamente rund um die Globus die Verbrechen des IS, wie Mord, Folter, Versklavung, Entführung, Vergewaltigung an Angehörigen religiöser und ethnischer Minderheiten als Völkermord angeprangert hätten.

Abgesehen vom Genozid zeige sich religiöse Unterdrückung in Gestalt von Blasphemie- und Anti-Konversion-Gesetzen sowie durch Gewalt gegen Andersgläubige. Totalitäre Regime seien bestrebt, zugunsten von Ideologie und Konformität die Freiheit des Gewissens auszulöschen. Das habe dazu geführt, dass mittlerweile 74 Prozent der Weltbevölkerung unter der Einschränkung von Religionsfreiheit leiden; immerhin 84 Prozent seien religiös geprägt. „Die Kultur der menschlichen Würde ist ohne Recht auf Religionsfreiheit nicht vorstellbar“, warnte Figel.

Unter dem Motto „Christen in Bedrängnis“ versammelten sich am Samstag Politiker und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und Rechtsexperten auf Einladung des „Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe“ und vier weiterer Initiativen im Erzbischöflichen Palais in Wien. Der schwedische Europa-Parlamentarier Lars Adaktusson sprach dort ebenso wie die Wiener ÖVP-Landtagsabgeordnete Gudrun Kugler.

Ein ehemaliger Nordkoreaner legte das Klima äußerster Angst und umfassender Bespitzelung unter dem Regime dar, dass global als schärfster Feind der Religionsfreiheit gilt. Die Rechtsexpertin Ewelina Ochab warnte davor, über die Verbrechen der islamischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria die Taten der Fulani-Hirten zu übersehen, die auch islamistisch agierten, aber bislang international keine Beachtung fänden. Tamas Török, der Leiter des Staatssekretariats in Ungarn zur Unterstützung weltweit verfolgter Christen, sprach darüber, wie politische Verantwortungsträger verfolgte Christen unterstützen können.

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Ruanda: Kirche bittet um Vergebung für Rolle bei Völkermord

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Ruanda

Die katholische Kirche in Ruanda bittet für ihre Rolle beim Völkermord von 1994 um Vergebung. Die Kirche als Institution sei damals zwar nicht Partei gewesen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der neun ruandischen Bischöfe zum Abschluss des von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahres. Allerdings hätten Kirchenmitglieder, auch Geistliche, den Völkermord entweder mitgeplant, unterstützt oder mit ausgeführt.

Die Kirche bedauere die Taten all jener Gläubigen, die damals am Genozid beteiligt waren, so die Erklärung der Bischofskonferenz, die laut den Berichten landesweit in Gottesdiensten verlesen wurde.

Während des Völkermords 1994 im ostafrikanischen Ruanda wurden binnen drei Monaten bis zu 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu von radikalen Hutu-Milizen ermordet. Viele Menschen wurden auch in Gotteshäusern umgebracht, in die sie sich geflüchtet hatten. Sie wurden zum Teil von Hutu-Priestern oder Ordensleuten an ihre Verfolger ausgeliefert.

Eine generelle Beteiligung der Kirche an dem Massenmord wies der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Philippe Rukamba von Butare, zurück. „Wir wissen, dass Kirchenmitglieder eine Rolle beim Völkermord spielten, Menschen töteten und deren Besitz plünderten. Jedoch stimmen wir nicht zu, dass die Kirche selbst eine Rolle im Genozid spielte.“

Experten und Opfer begrüßten am Montag die Entschuldigung. „Es ist ein positiver Schritt, dass die Kirchenführer vereint auftreten und sich entschuldigen“, zitiert die ruandische Zeitung New Times den Vorsitzenden von Ruandas „Kommission gegen Völkermord“ (CNLG), Jean-Damascene Bizimana.

(kna 21.11.2016 ord)

Siehe dazu auch:

Bericht sieht religiösen Hass in „nie dagewesenem Ausmaß“

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Der Bericht zur Religionsfreiheit warnt vor den globalen Auswirkungen „eines neuen Phänomens religiös-motivierter Gewalt“. Ein „islamistischer Hyper-Extremismus“ töte, zerstöre und mache Menschen heimatlos.

Studie warnt vor Eliminierung religiöser Vielfalt durch „islamistischen Hyper-Extremismus“.

Religiöser Hass in nie dagewesenem Ausmaß bedroht zunehmend den Weltfrieden. Zu diesem Schluss kommt eine am Dienstag, 15. November 2016 in München veröffentlichte Studie des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“. Der Bericht zur Religionsfreiheit warnt vor den globalen Auswirkungen „eines neuen Phänomens religiös-motivierter Gewalt“. Ein „islamistischer Hyper-Extremismus“ töte, zerstöre und mache Menschen heimatlos.

Zu den zentralen Merkmalen dieser neuen Dimension von Extremismus gehörten systematische Versuche, andersdenkende Gruppen zu verjagen, heißt es in der Mitteilung. Dazu kämen beispiellose Grausamkeit, ein globales Agieren und der effiziente Einsatz der sozialen Medien. Diese würden häufig zur Gewaltverherrlichung genutzt. In den vergangenen zwei Jahren hat es laut Studie in jedem fünften Land der Welt Anschläge gegeben, die mit Hyper-Extremismus in Verbindung zu bringen seien. Betroffen gewesen seien Länder von Australien bis Schweden sowie 17 afrikanische Staaten.

 

Verfolgung durch IS als Völkermord einstufen

Die Autoren verlangen, die Verfolgungen religiöser Minderheiten durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) als Völkermord einzustufen. Zugleich warnen sie vor einem breit angelegten Versuch, Pluralismus durch eine religiöse Monokultur zu ersetzen. Die Studie über die Beachtung der Religionsfreiheit in 196 Ländern kommt zu dem Ergebnis, dass der islamistische Hyper-Extremismus in Teilen des Nahen Ostens alle Formen religiöser Vielfalt eliminiere. Die Gefahr sei groß, dass dies auch in Teilen Afrikas und Asiens geschehe.

Der alle zwei Jahre veröffentlichte Bericht stützt sich nach den Angaben von „Kirche in Not“ auf Untersuchungen von Journalisten, Wissenschaftlern und Seelsorgern. Entgegen der weitläufig vertretenen Ansicht liege die Schuld für die Verfolgung religiöser Minderheiten nicht nur bei den Regierungen, hieß es. Stattdessen seien in zwölf der 23 am stärksten betroffenen Ländern zunehmend nicht-staatlich militante Gruppen verantwortlich.

Die Religionsfreiheit wird laut Studie aber auch durch ein „erneutes hartes Durchgreifen“ gegen religiöse Gruppen in Ländern wie China und Turkmenistan bedroht. Dazu komme eine fortwährende Missachtung der Menschenrechte für Gläubige in Nordkorea und Eritrea. Erfreuliches sei indes aus Bhutan, Ägypten und Katar zu berichten. Dort hätten religiöse Minderheiten zuletzt bessere Möglichkeiten bekommen, ihren Glauben zu praktizieren.

 

erstellt von: red/kap

Nach dem Völkermord: Wie geht es weiter mit den Christen im Irak?

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Eine Frau in einem Flüchtlingslager in Duhok, Irak am 29. März 2015. Foto: CNA/Daniel Ibanez

Von Matt Hadro

Nachdem die USA den Völkermord an den Christen und anderen religiösen Minderheiten im Irak offiziell anerkannt hat stellt sich die Frage, was als nächster Schritt geschehen sollte für Opfer des Genozids, die vertrieben worden sind.

„Gemeinsam werden wir uns dafür einsetzen, dass Koalitionskräfte und internationale Truppen sicherstellen, dass die Christen, Jesiden und anderen Gemeinschaften im Norden Iraks heimkehren können in ihre Häuser auf der Ninive-Ebene“, sagte Andrew Doran von der Gruppe „In Defense of Christians“ in einer Pressekonferenz am 7. September in Washington.

Die Ninive-Ebene ist eine über 4.000 Quadratkilometer große Region im Norden des Irak in der mehrheitlich syrische Christen, aber auch andere Minderheiten beheimatet sind. Die Christen dort zählen zu den historisch ersten christlichen Gemeinschaften.

Als die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) im Jahr 2014 den Norden des Iraks eroberten, vertrieben die radikalen Muslime hunderttausende Menschen. Sie töteten Unschuldige, vergewaltigten und versklavten Frauen und junge Mädchen, zerstörten Kirchen und Heiligtümer.

Im März 2016 erklärte das US-Außenministerium, dass der IS einen Völkermord an Christen, Jesiden, Schiiten verübt habe, und „Verbrechen gegen die Menschheit sowie ethnische Säuberungen“ gegen einige „Sunniten, Kurden und andere Minderheiten“.

Diese Anerkennung des Völkermords sei jedoch nur der erste Schritt, betonen seit her alle, die sich für einen Wiederaufbau der zerstörten Gesellschaft einsetzen.

„Viel zu oft hat es das gegeben, dass eine Erklärung abgegeben wurde und  dann wurden die Zelte abgebrochen und alle gingen heim“, mahnte Katrina Lantos Swett, ehemalige Vorsitzende der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit, bei der Pressekonferenz.

Einer der nächsten Schritte, welche die USA unternehmen könnten, wäre, Opfern des Völkermords zu ermöglichen, wieder in ihre Häuser zurückzukehren, wenn sie dies wollen. Wie aber soll dies bewerkstelligt werden und wie schnell soll es erledigt sein?

Der erste Schritt wäre, Opfern überhaupt zu ermöglichen, heimzukehren. „Die Christen in ihre Häuser zurück können, sobald die Region sicher ist“, sagte Doran gegenüber CNA.

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Ansprache des Heiligen Vaters bei der Ökumenischen Begegnung in Jerewan

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Papst Franziskus bei dem ökumenischen Gebet in Jerewan

Die Ansprache des Heiligen Vaters bei der Ökumenischen Begegnung und dem Gebet für den Frieden in Jerewan, Platz der Republik, am 25. Juni 2016 im Wortlaut. 

Verehrter, lieber Bruder, Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier,
Herr Präsident,
liebe Brüder und Schwestern,
der Segen und der Friede Gottes seien mit euch!

Ich habe mir so sehr gewünscht, dieses geschätzte Land zu besuchen, euer Land, das als erstes den christlichen Glauben annahm. Es ist eine Gnade für mich, hier auf diesen Höhenzügen zu sein, wo unter dem Blick des Berges Ararat auch das Schweigen zu uns zu sprechen scheint; wo die Chatschkar – die steinernen Kreuze – eine einzigartige Geschichte erzählen, durchdrungen von felsenfestem Glauben und ungeheurem Leiden, eine Geschichte, reich an großartigen Zeugen des Evangeliums, deren Erben ihr seid. Ich bin als Pilger von Rom gekommen, um euch zu begegnen und um euch eine Empfindung kundzutun, die aus der Tiefe meines Herzens aufsteigt: Es ist die Liebe eures Bruders, es ist die brüderliche Umarmung der ganzen katholischen Kirche, die euch liebt und euch nahe ist.

In den vergangenen Jahren haben sich die immer sehr herzlichen und oft denkwürdigen Besuche und Begegnungen zwischen unseren Kirchen, Gott sei Dank, intensiviert; die Vorsehung will, dass wir gerade an dem Tag, an dem hier der heiligen Apostel Christi gedacht wird, erneut beisammen sind, um die apostolische Gemeinschaft unter uns zu stärken. Ich bin Gott sehr dankbar für die » wahre und enge Einheit « zwischen unseren Kirchen (vgl. Johannes Paul II., Ökumenisches Gebetstreffen [Jerewan, 26. September 2001], 3: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 31, Nr. 41 [12. Oktober 2001], S. 7) und ich danke euch für eure oft heldenhafte Treue zum Evangelium; sie ist ein unschätzbares Geschenk für alle Christen. Unser Zusammenkommen ist kein Gedankenaustausch, sondern ein Austausch von Gaben (vgl. Ders., Enzyklika Ut unum sint, 28): Wir ernten, was der Geist in uns gesät hat, als ein Geschenk für jeden (vgl. Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 246). Mit großer Freude teilen wir miteinander die vielen Schritte eines schon weit vorangekommenen gemeinsamen Weges und schauen wirklich zuversichtlich auf den Tag, an dem wir mit Gottes Hilfe am Altar des Opfers Christi vereint sein werden, in der Fülle der eucharistischen Gemeinschaft. Zu diesem so ersehnten Ziel sind wir als Pilger unterwegs, und wir pilgern gemeinsam, indem wir » das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen, ohne Misstrauen « (ebd., 244).

Auf diesem Weg gehen uns viele Zeugen voran und begleiten uns, besonders die vielen Märtyrer, die den gemeinsamen Glauben an Christus mit ihrem Blut besiegelt haben: Sie sind unsere Sterne am Himmel, die über uns leuchten und uns den Weg zur vollen Gemeinschaft weisen, der auf Erden noch zurückzulegen ist. Unter den großen Vätern möchte ich mich auf den heiligen Katholikos Nerses Schnorhali beziehen. Er hatte eine außerordentliche Liebe zu seinem Volk und seinen Traditionen und streckte sich zugleich in unermüdlicher Suche nach der Einheit den anderen Kirchen entgegen, in dem Wunsch, Christi Willen zu erfüllen, dass die Gläubigen » alle eins sein « sollten (Joh 17,21). Die Einheit ist ja nicht ein strategischer Vorteil, der aus gegenseitigem Interesse anzustreben ist, sondern sie ist das, was Jesus von uns verlangt und was wir mit gutem Willen und mit aller Kraft erfüllen sollen, um unsere Mission zu verwirklichen: der Welt durch unsere Kohärenz das Evangelium nahezubringen.

Um die notwendige Einheit zu verwirklichen, genügt nach dem heiligen Nerses nicht der gute Wille von irgendjemandem in der Kirche: Unerlässlich ist das Gebet aller. Es ist schön, hier versammelt zu sein, um füreinander und miteinander zu beten. Und es ist vor allem das Geschenk des Gebetes, das ich heute Abend von euch erbitten möchte; dazu bin ich gekommen. Meinerseits versichere ich euch, dass ich bei der Darbringung von Brot und Wein am Altar nicht versäume, dem Herrn die Kirche Armeniens und euer geliebtes Volk vor Augen zu stellen.

Der heilige Nerses spürte auch die Notwendigkeit, die gegenseitige Liebe zu mehren, denn nur die Nächstenliebe ist imstande, das Gedächtnis zu heilen und die Wunden der Vergangenheit ausheilen zu lassen: Nur die Liebe tilgt die Vorurteile und ermöglicht zu erkennen, dass die Öffnung für den Mitmenschen die eigenen Überzeugungen läutert und bessert. Für jenen heiligen Katholikos ist es auf dem Weg zur Einheit wesentlich, den Stil der Liebe Jesu nachzuahmen: Er, » der reich war « (2 Kor 8,9), » erniedrigte sich « (Phil2,8). Nach seinem Beispiel sind wir aufgerufen, den Mut zu haben, die starren Überzeugungen und die Eigeninteressen loszulassen, im Namen der Liebe, die sich erniedrigt und sich verschenkt, im Namen der demütigen Liebe: Sie ist das heilige Öl des christlichen Lebens, das kostbare geistliche Salböl, das heilt, stärkt und heiligt. » Die Mängel ersetzen wir mit einmütiger Liebe «, schrieb der heilige Nerses (Lettere del signore Nerses Shnorhali, Catholicos degli Armeni, Venedig 1873, 316) und das sogar – wie er zu verstehen gab – mit einer besonderen Zärtlichkeit der Liebe, welche die Herzenshärte der Christen aufweichen soll; denn auch sie sind nicht selten auf sich selbst und ihren Vorteil fixiert. Nicht die Kalküle und die Vorteile,  sondern die demütige und großherzige Liebe ist das, was die Barmherzigkeit des Vaters, den Segen Christi und den Überfluss des Heiligen Geistes anzieht. Indem wir beten und » einander von Herzen lieben « (1 Petr 1,22), bereiten wir uns demütig und innerlich offen darauf vor, das göttliche Geschenk der Einheit zu empfangen. Setzen wir unseren Weg mit Entschlossenheit fort, ja, eilen wir der vollen Gemeinschaft unter uns entgegen!

» Meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch « (Joh 14,27). Wir haben diese Worte des Evangeliums gehört, die uns darauf einstimmen, von Gott jenen Frieden zu erflehen, den zu finden die Welt solche Mühe hat. Wie groß sind heute die Hindernisse auf dem Weg des Friedens und wie tragisch die Folgen der Kriege! Ich denke an die Bevölkerungen, die gezwungen sind, alles zu verlassen, besonders im Nahen Osten, wo so viele unserer Brüder und Schwestern unter Gewalt und Verfolgung leiden. Und der Grund dafür sind der Hass und die Konflikte, die ständig geschürt werden durch die Plage der Verbreitung und des Handels von Waffen, durch die Versuchung, Gewalt anzuwenden, und durch den Mangel an Achtung gegenüber der Person, speziell gegenüber den Schwachen, den Armen und denen, die nur ein würdiges Leben verlangen.

Es ist mir unmöglich, nicht an die schrecklichen Prüfungen zu denken, die euer Volk erlebt hat: gerade ein Jahrhundert ist vergangen seit dem „Großen Übel“, das über euch hereingebrochen ist. Diese » ungeheure und wahnsinnige Vernichtung « (Grußwort zu Beginn der Eucharistiefeier für die Gläubigen des armenischen Ritus [12. April 2015]: L‘Osservatore Romano [dt.] Jg. 45, Nr. 16 [17. April 2015], S. 3), dieses tragische Geheimnis der Bosheit, das euer Volk am eigenen Leib erfahren hat, bleibt ins Gedächtnis eingeprägt und brennt im Herzen. Ich möchte bekräftigen, dass eure Leiden die unseren sind: » Sie sind Leiden der Glieder des mystischen Leibes Christi « (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben zur 1700-Jahr-Feier der Taufe des armenischen Volkes [2. Februar 2001], 4: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 31, Nr. 10 [9. März 2001], S. 10). An sie zu erinnern, ist nicht nur angebracht, sondern es ist eine Pflicht: Sie sollen zu allen Zeiten eine Mahnung sein, damit die Welt nie mehr in die Spirale solcher Gräuel gerät!

Zugleich möchte ich mit Bewunderung daran erinnern, wie der christliche Glaube » auch in den dramatischsten Augenblicken der armenischen Geschichte die Triebkraft [war], die den Anfang zur Wiedergeburt des leidgeprüften Volkes setzte « (ebd.). Er ist eure wirkliche Stärke, die ermöglicht, sich dem geheimnisvollen und rettenden Weg des Pascha-Mysteriums zu öffnen: Die offen gebliebenen, vom grausamen und unsinnigen Hass verursachten Wunden können in gewisser Weise denen des auferstandenen Christus ähnlich werden, jenen Wunden, die ihm zugefügt wurden und die er immer noch in sein Fleisch eingeprägt trägt. In verherrlichter Form zeigte er sie am Abend des Ostertages seinen Jüngern (vgl. Joh 20,20): Diese schrecklichen Wundmale des am Kreuz erlittenen Schmerzes sind, verklärt durch die Liebe, zu Quellen von Vergebung und Frieden geworden. So kann auch der größte Schmerz, verwandelt von der rettenden Macht des Kreuzes – deren Boten und Zeugen die Armenier sind –, ein Same des Friedens für die Zukunft werden.

Wenn nämlich das Gedächtnis von der Liebe durchzogen ist, wird es fähig, neue und überraschende Wege einzuschlagen, auf denen die Machenschaften des Hasses sich in Pläne der Versöhnung verwandeln, wo man auf eine bessere Zukunft für alle hoffen kann, wo » selig [sind], die Frieden stiften « (Mt 5,9). Es wird für alle gut sein, sich zu engagieren, um die Fundamente für eine Zukunft zu legen, die sich nicht von der trügerischen Kraft der Rache vereinnahmen lässt; eine Zukunft, in der man nie müde wird, die Bedingungen für den Frieden zu schaffen: eine würdige Arbeit für alle, die Sorge für die Ärmsten und den ununterbrochenen Kampf gegen die Korruption, die ausgerottet werden muss.

Liebe junge Freunde, diese Zukunft gehört euch. Macht euch die große Weisheit eurer alten Menschen zunutze und strebt danach, Friedenstifter zu werden: nicht Notare des Status quo, sondern aktive Förderer einer Kultur der Begegnung und der Versöhnung. Gott segne eure Zukunft und » gewähre, dass der Weg der Versöhnung zwischen dem armenischen und dem türkischen Volk wiederaufgenommen werde und der Frieden auch im Bergkarabach entstehen möge « (Botschaft an die Armenier [12. April 2015]: L‘Osservatore Romano [dt.] Jg. 45, Nr. 17 [24. April 2015], S. 8).

 

Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich am Schluss an einen anderen großen Zeugen und Stifter des Friedens Christi erinnern, den heiligen Gregor von Narek, den ich zum „Kirchenlehrer“ erhoben habe. Er könnte auch als „Friedenslehrer“ bezeichnet werden. So hat er in jenem außergewöhnlichen Buch, das ich mir gerne als die „geistliche Konstitution des armenischen Volkes“ vorstelle, geschrieben: » Gedenke derer, [Herr, …] die im Menschengeschlecht unsere Feinde sind, doch zu ihrem Wohl: Vollbringe du in ihnen Vergebung und Barmherzigkeit. […] Vernichte nicht, die mich angreifen, sondern verwandle sie! Vernichte das lasterhafte irdische Verhalten und verwurzele in mir und in ihnen das gute Betragen! « (Buch der Klagen, 83,1-2). Narek, der sich » seines Anteils an jeder Notlage zutiefst bewusst war « (ebd., 3,4), hat sich sogar mit den Schwachen und den Sündern aller Zeiten und Orte identifiziert, um für alle betend einzutreten (vgl. ebd., 31,3; 32,1; 47,2): Er machte sich zum » Fürbitter für die ganze Welt « (ebd., 28,2). Diese seine universale Solidarität mit der Menschheit ist eine bedeutende christliche Friedensbotschaft, ein herzzerreißender Ruf, der Erbarmen für alle erfleht. Mögen die Armenier, die in vielen Ländern präsent sind und die ich von hier aus brüderlich umarmen möchte, Boten dieser Sehnsucht nach Gemeinschaft sein: wahre » Friedensboten « (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben zur 1700-Jahr-Feier der Taufe Armeniens [2. Februar 2001], 7: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 31, Nr. 10 [9. März 2001], S. 10). Die ganze Welt braucht diese eure Verkündigung, sie braucht eure Gegenwart, sie braucht euer lauterstes Zeugnis. Kha’ra’rutiun amenetzun! (Friede sei mit euch!)

(rv 25.06.2016 cz)