Papstpredigt bei der Bußliturgie im Petersdom

Franziskus bei der Bußfeier (Vatican Media)

BUSSFEIER

HOMILIE VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Basilika
Freitag, 29. März 2019

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»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen« (In Joh 33,5). So umschreibt der heilige Augustinus das Ende des Evangeliums, das wir gerade gehört haben. Die gekommen waren, um Steine auf die Frau zu werfen oder um Jesus im Hinblick auf das Gesetz anzuklagen, sind weggegangen. Sie sind weggegangen, sie hatten keine anderen Interessen. Jesus hingegen bleibt. Er bleibt, weil das geblieben ist, was in seinen Augen kostbar ist: jene Frau, diese Person. Für ihn geht der Sünder der Sünde vor. Ich, du, jeder von uns geht im Herzen Gottes vor: wir gehen den Fehlern, Regeln, Urteilen und unserem Scheitern vor. Bitten wir um die Gnade eines Blickes, der dem Blick Jesu ähnlich ist; bitten wir darum, die christliche Bildeinstellung des Lebens zu haben, in der wir voll Liebe den Sünder vor der Sünde sehen, den Fehlenden vor dem Fehler, den Menschen vor seiner Geschichte.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Für Jesus stellt die beim Ehebruch ertappte Frau nicht einen Gesetzesparagraphen dar, sondern eine konkrete Situation, in die man sich einbringen soll. Daher bleibt er dort mit der Frau und schweigt fast immer. Und unterdessen vollbringt er zwei Mal eine geheimnisvolle Geste: er schreibt mit dem Finger auf die Erde (Joh 8,6.8). Wir wissen nicht, was er geschrieben hat, und vielleicht ist es nicht das Wichtigste: die Aufmerksamkeit des Evangeliums ist nämlich auf die Tatsache gerichtet, dass der Herr schreibt. Es kommt einem die Episode vom Sinai in den Sinn, als Gott die Gesetzestafeln mit seinem Finger geschrieben hatte (vgl. Ex 31,18), gerade so, wie es Jesus jetzt tut. Durch die Propheten hatte Gott dann verheißen, nicht mehr auf Tafeln aus Stein zu schreiben, sondern unmittelbar auf die Herzen (vgl. Jer 31,33), auf die Tafeln von Fleisch unserer Herzen (vgl. 2 Kor 3,3). Mit Jesus, dem fleischgewordenen Erbarmen, ist der Augenblick gekommen, in das Herz des Menschen zu schreiben, der menschlichen Erbärmlichkeit eine sichere Hoffnung zu geben: nicht so sehr äußere Gesetze zu erlassen, durch die Gott und Mensch oft einander fern bleiben, sondern das Gesetz des Geistes, das in das Herz eintritt und es befreit. So geschieht es für jene Frau, die Jesus begegnet und wieder zu leben beginnt. Und sie geht hin, um nicht mehr zu sündigen (vgl. Joh 8,11). Es ist Jesus, der uns mit der Kraft des Heiligen Geistes vom Bösen befreit, das wir in uns tragen, von der Sünde, welche das Gesetz behindern, aber nicht entfernen konnte.

Und doch ist das Böse stark, es hat eine verführerische Macht: es zieht an, es betört. Um uns davon zu lösen, genügt unser Bemühen nicht, es bedarf einer größeren Liebe. Ohne Gott kann man das Böse nicht besiegen: Nur seine Liebe richtet innerlich wieder auf, nur seine ins Herz ausgegossene Zärtlichkeit macht uns frei. Wenn wir die Befreiung vom Bösen wollen, müssen wir dem Herrn Raum geben, der verzeiht und heilt. Und er tut es vor allem durch das Sakrament, das wir gleich feiern werden. Die Beichte ist der Übergang von der Erbärmlichkeit zum Erbarmen, sie ist die Schrift Gottes auf dem Herzen. Dort lesen wir jedes Mal, dass wir in den Augen Gottes kostbar sind, dass er Vater ist und uns mehr liebt, als wir selbst uns lieben.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen«. Nur sie. Wie oft fühlen wir uns allein und verlieren den Faden des Lebens. Wie oft wissen wir nicht mehr, wie wir von neuem beginnen sollen, weil wir von der Anstrengung, uns selbst anzunehmen, erdrückt werden. Wir müssen von vorne beginnen, aber wir wissen nicht von wo aus. Der Christ wird mit der Vergebung geboren, die er in der Taufe empfängt. Und er wird immer von da aus wiedergeboren: von der überraschenden Vergebung Gottes, von seinem Erbarmen, das uns wiederherstellt. Nur als solche, die Vergebung empfangen haben, können wir neu gestärkt wieder aufbrechen, nachdem wir die Freude erfahren haben, vom Vater vollkommen geliebt zu sein. Nur durch die Vergebung Gottes geschehen wahrhaft neue Dinge in uns. Hören wir nochmals den Satz, den der Herr heute durch den Propheten Jesaja zu uns gesprochen hat: »Siehe, nun mache ich etwas Neues« (Jes 43,19). Die Vergebung schenkt uns einen neuen Anfang, sie macht uns zu neuen Geschöpfen, sie lässt uns das neue Leben mit Händen greifen. Die Vergebung Gottes ist nicht eine Fotokopie, die jedes Mal, wenn wir in den Beichtstuhl kommen, identisch vervielfältigt wird. Durch den Priester die Vergebung der Sünden zu erhalten ist eine stets neue, ursprüngliche und unnachahmliche Erfahrung. Sie führt uns, wie bei der Frau im Evangelium, vom Alleinsein mit unserer Erbärmlichkeit und unseren Anklägern dahin, dass wir vom Herrn wiederaufgerichtet und ermutigt werden, der uns neu beginnen lässt.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Was soll man tun, um das Erbarmen ins Herz zu schließen, um die Angst vor der Beichte zu überwinden? Nehmen wir wiederum die Einladung Jesajas an: »Merkt ihr es nicht?« (Jes 43,19). Der Vergebung Gottes gewahr werden. Das ist wichtig. Es wäre schön, nach der Beichte wie jene Frau den Blick fest auf Jesus gerichtet zu halten, der uns gerade befreit hat: nicht mehr auf unsere Erbärmlichkeit, sondern auf sein Erbarmen. Auf den Gekreuzigten schauen und mit Erstaunen sagen: „Hier sind also meine Sünden gelandet. Du hast sie auf dich genommen. Du hast nicht mit dem Finger auf mich gezeigt, du hast die Arme ausgebreitet und mir wieder vergeben.“ Es ist wichtig, der Vergebung Gottes zu gedenken, sich an deren Zärtlichkeit zu erinnern, deren Frieden und Freiheit wieder zu kosten, die wir erfahren haben. Denn das ist der Kern der Beichte: nicht die Sünden, die wir sagen, sondern die göttliche Liebe, die wir empfangen und der wir stets bedürfen. Es kann uns noch ein Zweifel kommen: „Beichten nützt nichts, ich begehe immer die gleichen Sünden.“ Aber der Herr kennt uns, er weiß, dass der innere Kampf hart ist, dass wir schwach sind und dazu neigen zu fallen, oftmals rückfällig sind und Böses tun. Und er bietet uns an, damit zu beginnen, im Guten rückfällig zu sein, im Bitten um Erbarmen. Denn er wird uns wiederaufrichten und uns zu neuen Geschöpfen machen. Beginnen wir also wieder mit der Beichte, geben wir diesem Sakrament den Platz zurück, den es im Leben und in der Pastoral verdient!

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Auch wir erleben heute diese Heilsbegegnung in der Beichte: wir mit unserer Erbärmlichkeit und unserer Sünde; der Herr, der uns kennt, liebt und vom Bösen befreit. Treten wir in diese Begegnung ein mit der Bitte um die Gnade, sie wiederzuentdecken.

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Quelle

Siehe auch:

Das Aschenkreuz als Zeichen des Heils: Predigt von Kardinal Kurt Koch zum Aschermittwoch

Eine Kreuzdarstellung vom Meister von Sankt Lorenz in Köln Foto: Paul Badde / EWTN

Von CNA Deutsch/EWTN News

In der Kirche am Campo Santo Teutonico im Vatikan hat der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch am heutigen Aschermittwoch-Abend zum Auftakt der Fastenzeit gepredigt.

CNA Deutsch dokumentiert den Wortlaut mit freundlicher Genehmigung.

Am Beginn und am Ende eines Gebetes und eines Gottesdienstes machen wir das Zeichen des Kreuzes und sprechen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir zeichnen das Kreuz über uns und lassen uns in den Segen des Dreifaltigen Gottes hinein nehmen. Wir zeichnen das Kreuz über andere Menschen, indem wir ihnen den Segen Gottes zusprechen und damit das Herzensanliegen verbinden, dass sie nicht mehr aus dem Lebensraum dieses Segens fortgehen mögen. Das Kreuzzeichen ist die eigentliche Segensgebärde des Christen und seine grundlegende Gebetsgebärde überhaupt, und das Kreuzzeichen ist das elementarste Glaubensbekenntnis, ein leiblich ausgedrücktes Bekenntnis unseres Glaubens an den Dreifaltigen Gott.

Das Kreuz als Ausdruck und Siegel der Liebe

Eine besondere Bedeutung hat das Zeichen des Kreuzes, das wir am Aschermittwoch mit Asche auf das Haupt zeichnen. Wir eröffnen damit die Österliche Busszeit und bringen zum Ausdruck, dass diese Zeit besonders unter dem Zeichen des Kreuzes steht. Wir sagen damit ein sichtbares und öffentliches Ja zu Jesus Christus, der Mensch geworden ist und für unsere Sünden am Kreuz gelitten hat. Denn Gottes Wille besteht darin, dass wir uns mit Gott versöhnen, wie dies Paulus in der heutigen Lesung von Christus bekennt: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit würden“ (2 Kor 5, 21). Um uns Menschen mit Gott zu versöhnen, hat Gott einen sehr hohen Preis bezahlt, nämlich das Blut seines eingeborenen Sohnes. Am Kreuz Jesu wird sichtbar, dass Gottes Liebe keine Grenzen kennt, dass er uns Menschen bis zum Ende liebt und diese Liebe teuer bezahlt hat.

Wie aber gehen Liebe und Kreuz zusammen? Für viele Menschen und selbst Christen heute gehen diese beiden Wirklichkeiten gerade nicht zusammen, sondern werden als strikter Gegensatz wahrgenommen. Eine tragfähige Antwort auf diese brennende Frage kommt uns nur zu, wenn wir genauer danach fragen, worin denn Liebe besteht, und dabei wahrnehmen, dass es Liebe gar nicht ohne Opfer geben kann. Denn Liebe als Hingabe seiner selbst an den Anderen und deshalb als Hingabe des eigenen Lebens gegenüber einem Anderen, ist Opfer. Diese Wahrheit zeigt sich am deutlichsten am Kreuz Jesu. Es offenbart uns die Logik seiner radikalen Liebe zu uns Menschen und zeigt uns, dass der Gute Hirte selbst dann nicht von seiner barmherzigen Suche nach dem Verlorenen ablässt, wenn die bösen Mächte in den Menschen entbrennen und den Guten Hirten selbst treffen. Der Kreuzestod Jesu offenbart uns das konsequente Handeln eines grenzenlos liebenden Guten Hirten, der uns Menschen bis in die tiefsten Abgründe und verborgenen Katakomben eines durch-Kreuz-ten Lebens nahe sein will, um uns mit seiner Liebe zu erlösen. Das Kreuz ist die Erscheinung der grössten Liebe Gottes oder, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über die christliche Liebe sagt, „Liebe in ihrer radikalsten Form“[1]. Denn das Kreuz ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus sich nicht mit verbalen Liebeserklärungen an uns Menschen begnügt, sondern selbst einen hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert hat.

Um die Tiefe dieser grenzenlosen Liebe erahnen zu können, haben die Kirchenväter im Opfertod Jesu am Kreuz die endgültige Erfüllung der Opferung Isaaks durch Abraham erblickt. Wiewohl Abraham bereit gewesen ist, den eigenen Sohn hinzugeben und damit Gott seine grösste Liebe zu opfern, hat Gott Isaak verschont und sich mit dem Widder begnügt, der sich im Gestrüpp verfangen hat und den Abraham anstelle seines Sohnes Gott dargebracht hat. Während der alttestamentliche Isaak nicht sterben musste, sondern durch einen Widder ersetzt wurde, hat der neue Isaak, nämlich Jesus Christus, sein Leben selbst ohne jeden Ersatz dahingegeben, wie Origenes sensibel bemerkt hat: „In wunderbarer Weise wetteifert Gott in der Freigebigkeit mit den Menschen: Abraham hat Gott einen sterblichen Sohn geopfert, ohne dass dieser sterben musste; Gott hat den unsterblichen Sohn dem Tod überliefert für die Menschen.“[2] Und Maximus der Bekenner war deshalb überzeugt, dass Christus „sozusagen göttlich gestorben ist, weil er freiwillig gestorben ist“[3]. Das wahre und neue Opfer Jesu Christi konnte nicht mehr wie im Tempel in der Übergabe von Tieren bestehen, sondern nur in der Selbsthingabe des Sohnes an seinen Vater für uns Menschen. Indem der Gute Hirte selbst Lamm geworden ist, um auf die Seite der bedrängten Lämmer zu treten, hat Jesus den alttestamentlichen Kult von Tieropfern überwunden, und an seine Stelle ist der neue Kult getreten, den Christus am Kreuz seinem Vater dargebracht hat und der im Sich-Selbst-Geben besteht. In diesem neuen Kult gibt es keinen Ersatz durch Tieropfer mehr, sondern nur Einsatz des eigenen Lebens.

Zeichen des Todes – Zeichen des Lebens

Diesen neuen Kult hat Christus für uns Menschen dargebracht. Wird diese Botschaft der Liebe aber nicht Lügen gestraft, wenn am Aschermittwoch das Kreuzzeichen mit Asche gemacht wird und der Priester dazu spricht: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“? Mit diesen Worten werden wir zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurückgeführt, als nach dem Sündenfall Gott zu Adam gesprochen hat: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden, von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Gen 3, 19). Damit werden wir an unsere Verletzlichkeit, Gebrechlichkeit, Hinfälligkeit und damit an unseren bevorstehenden Tod erinnert, der die letzte Konsequenz unserer conditio humana ist. Staub und Asche sind Zeichen des Sterbens und des Todes.

Das Zeichen des Aschenkreuzes erinnert uns unmissverständlich daran, dass wir Menschen Staub sind und wieder zum Staub zurückkehren werden. Es ist gut, daran erinnert zu werden, zumal in einer Zeit, in der wir Menschen den Tod aus unserem Leben zu verdrängen pflegen und damit keineswegs dem Leben dienen. Denn wenn der Tod nicht mehr als zum Leben selbst gehörend betrachtet wird, gefährden wir nicht nur die Würde des Sterbens, sondern auch die Würde des Lebens. Die heutigen Diskussionen und Bestrebungen um die Straflosigkeit der Beihilfe zum Suizid zeigen uns, wohin es führt, wenn wir Menschen nur noch gesund sterben wollen.

Der Aschermittwoch fordert uns heraus, uns dem eigenen Tod zu stellen. Dies ist aber nur deshalb heilsam, weil der Aschermittwoch uns noch eine andere Botschaft bereithält. In der Liturgie dieses Tages wird die Asche nicht nur als Zeichen des Todes, sondern auch als Zeichen des Lebens gefeiert. Denn die Liturgie verkündet uns, dass selbst der menschliche Staub für Gott kostbar ist, weil Gott uns Menschen geschaffen und zum ewigen Leben bestimmt hat. Wie Jesus mit uns Menschen das Geschick der Verletzlichkeit und Sterblichkeit teilen wollte, aber am Kreuz seinen gewaltsamen Tod in einen Akt der Liebe verwandelt hat, der zum Weg hin zur Auferstehung geworden ist, so ist auch uns in der Taufe verheißen, dass wir wieder zum Staub zurückkehren, dass Gott aber diesen Staub ins ewige Leben hinein verwandeln wird. Der Aschermittwoch als Beginn der Österlichen Bußzeit lädt uns deshalb ein, dass wir in dieser Zeit das Paschamysterium von Tod und Auferstehung Jesu Christi und unsere Teilnahme an diesem Geheimnis bedenken und unseren Glauben erneuern.

Der Weg zum ewigen Leben

Darauf weist auch der ursprüngliche Name der Österlichen Busszeit hin, nämlich Quadragesima. Er erinnert uns an die vierzig Tage des Fastens Jesu in der Wüste, die für ihn eine Zeit der Versuchung, aber auch eine Zeit der besonderen Nähe mit seinem himmlischen Vater gewesen ist. Auch wir Christen werden in dieser Zeit in die Wüste geschickt, um uns neu zu orientieren und den Weg auf Ostern, das Fest des ewigen Lebens neu zu gehen. Dies kann uns aber nur gelingen, wenn wir das Ziel klar vor Augen haben, zu dem uns Gott bestimmt hat, nämlich das ewige Leben, das im Kern darin besteht, dass wir Gott erkennen, wie der Johanneische Jesus dies uns nahebringt: „Dies ist das ewige Leben: dich, den einzigen und wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17, 3). Worin anders könnte denn das ewige Leben bestehen wenn nicht darin, Gott in seinem dreifaltigen Leben zu erkennen und in seiner Gegenwart ewig zu leben. Je mehr wir uns dieses Ziel vor Augen halten, desto mehr werden wir bereits im jetzigen Leben das ewige Leben erfahren, indem wir Gott erkennen und in seiner Gegenwart unser Leben gestalten.

Darin besteht der Anruf der Österlichen Bußzeit, der ein Ruf zur Umkehr ist, wie dies in der neueren Spendeformel bei der Austeilung des Aschenkreuzes zum Ausdruck gebracht wird: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“ Wie bereits Israel in seiner Spätzeit rückblickend die vierzig Jahre der Wüstenwanderung als die Zeit der ersten Liebe Gottes zu Israel und Israels zu Gott verstanden hat, so lädt uns die Österliche Bußzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ein, uns an die erste Liebe Gottes zu uns, die uns im Sakrament der Taufe geschenkt worden ist, zu erinnern und zu ihr umzukehren.

Die Österliche Bußzeit zeigt uns auch die Wege auf, die uns helfen, diesen Anruf zu befolgen. Es sind dieselben Wege, die Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern empfiehlt und die zu den klassischen Wegweisungen in der Österlichen Bußzeit geworden sind, nämlich das Gebet, das Fasten und das Geben von Almosen. Jesus legt dabei einen besonderen Akzent darauf, dass diese Wegweisungen nicht nur äußerlich befolgt, sondern innerlich vollzogen werden. Nur so sind sie Wege zu Gott.

Damit wird der eigentliche Sinn der christlichen Askese, beziehungsweise des christlichen Training sichtbar. Sie bringt zum Ausdruck, dass das Leben des christlichen Glaubens kein leichter Weg ist, sondern Übung und Training braucht. Doch auf diesem Weg gelangen wir zu Christus als dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Indem wir uns zu ihm hin führen lassen, entdecken wir in frischer Weise, wie sehr Gott die Welt liebt und wie unendlich kostbar wir Menschen Gott sind. Davon legt auch die Asche Zeugnis ab, die uns heute auf den Kopf gestreut wird. Sie verheißt uns, dass wir zwar Staub sind und wieder zu Staub werden, dass aber selbst der Staub bei Gott aufgehoben ist und zum ewigen Leben verwandelt wird. In dieser frohen Gewissheit vollziehen wir diesen schönen und tiefen Ritus am Beginn der Österlichen Bußzeit und bekennen damit unseren Glauben an den lebendigen Gott und sein Geschenk des ewigen Lebens.

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[1]  Benedikt XVI., Deus caritas est. Nr. 12.

[2]  Origenes, Homilia in Genesim, 8.

[3]  Maximus Confessor, Ambigua 91, 1056.

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Quelle

DER PRIESTER, LEHRER DES WORTES, DIENER DER SAKRAMENTE UND LEITER DER GEMEINDE FÜR DAS DRITTE CHRISTLICHE JAHRTAUSEND

Aus dem Vatikan, 19. März 1999 Fest des hl. Josef, Patron der Universalkirche

An die Hochwürdigsten Ordinarien

Eminenz, Exzellenz,

Die ganze Kirche bereitet sich in bußfertiger Gesinnung auf den nahenden Eintritt in das dritte Jahrtausend seit der Menschwerdung des Wortes vor und wird durch die ständigen Bemühungen des Nachfolgers Petri zu einem immer lebendigeren Andenken an den Willen ihres göttlichen Gründers angeregt.

In inniger Verbundenheit mit diesem Anliegen hat die Kongregation für den Klerus auf ihrer vom 13. — 15. Oktober 1998 abgehaltenen Plenarversammlung entschieden, den einzelnen Ordinarien dieses Rundschreiben zuzuleiten, das durch sie an alle Priester gerichtet ist. Der Heilige Vater sagte in der bei dieser Gelegenheit vorgetragenen Ansprache: „Die Perspektive der Neu-Evangelisierung findet im Einsatz für das große Jubiläum einen starken Ausdruck. Hier kreuzen einander providentiell die Wege des Apostolischen Schreibens Tertio Millennio adveniente und jene, die von den Direktorien für die Priester und die Ständigen Diakone sowie von der Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester und vom Ergebnis der gegenwärtigen Plenarversammlung aufgezeigt wurden. Dank der allgemeinen und überzeugten Anwendung dieser Dokumente wird sich der inzwischen gewohnte Ausdruck Neu-Evangelisierung noch viel effizienter in wirksame Realität umsetzen lassen“.

Es handelt sich um ein Hilfsmittel, das im Blick auf die gegenwärtigen Umstände bei den einzelnen Priestern und Presbyterien eine Gewissenserforschung anregen soll im Bewußtsein, daß der Name der Liebe – in der Zeit – Treue ist. Im Text werden die konziliaren und päpstlichen Lehren bekräftigt und die anderen Dokumente des Papstes in Erinnerung gerufen. Es sind dies wahrhaft grundlegende Dokumente, um den authentischen Anforderungen der Zeiten zu entsprechen und sich nicht vergeblich in der Evangelisierungsaufgabe abzumühen.

Die Anregungen zum Nachdenken am Ende der einzelnen Kapitel verlangen keine Antwort an die Kongregation; vielmehr bilden sie eine Hilfestellung für jene, die im Licht der genannten Dokumente ihre Alltgswirklichkeit hinterfragen wollen.

Die Adressaten können sich ihrer in der von ihnen am günstigsten erachteten Art und Weise bedienen.

Im Bewußtsein, daß kein missionarisches Vorhaben ohne den motivierten und begeisterten Einsatz der Priester realistischerweise gelingen kann, die ja die ersten und wertvollsten Mitarbeiter der Bischöfe sind, soll dieses Rundschreiben u.a. auch eine Hilfe anbieten für Priestertage, Einkehrtage, Exerzitien und Priestertreffen, die in den einzelnen Kirchengebieten in dieser Vorbereitungszeit auf das große Jubiläum und vor allem während seiner Durchführung abgehalten werden.

Mit dem Wunsch, daß die Königin der Apostel als leuchtender Stern die Schritte ihrer geliebten Priester, Söhne in ihrem Sohn, auf den Pfaden der wirksamen Gemeinschaft, der Treue, der großmütigen und umfassenden Ausübung ihres unersetzlichen Dienstes geleiten möge, wünsche ich alles erdenklich Gute im Herrn und entbiete herzliche Grüße in kollegialer Verbundenheit!

DARÍO Kard. CASTRILLÓN HOYOS

Präfekt

CSABA TERNYÁK
Titular-Erzbischof von Eminenziana
Sekretär

EINLEITUNG

Die auf dem fruchtbaren Boden der großen katholischen Tradition entstandene und gewachsene Lehre, die den Priester als Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der ihm anvertrauten christlichen Gemeinde beschreibt, stellt einen Weg nachdenklicher Reflexion über seine Identität und seine Sendung in der Kirche dar. Über diese Lehre, die immer dieselbe und doch immer neu ist, muss heute wieder mit Glaube und Hoffnung nachgedacht werden im Blick auf die Neu-Evangelisierung, zu welcher der Heilige Geist durch die Person und Autorität des Heiligen Vaters alle Gläubigen aufruft.

Es braucht einen wachsenden, persönlichen und zugleich gemeinsamen, neuen und großzügigen apostolischen Einsatz aller in der Kirche. Hirten und Gläubige müssen, besonders durch das persönliche Zeugnis und die einleuchtende Lehre Johannes Pauls II. in besonderer Weise ermutigt, immer gründlicher begreifen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, den Schritt zu beschleunigen, mit leidenschaftlichem apostolischem Geist nach vorne zu schauen und sich darauf vorzubereiten, die Schwelle des 21. Jahrhunderts in einer Haltung zu überschreiten, deren Bestreben es ist, die Tore der Geschichte weit aufzumachen für Jesus Christus, unseren Gott und einzigen Erlöser. Hirten und Gläubige müssen sich aufgerufen fühlen, dafür zu sorgen, dass im Jahr 2000 mit neuer Kraft wieder die Verkündigung der Wahrheit erschalle: „Ecce natus est nobis Salvator mundi“ (1).

„In den Ländern mit alter christlicher Tradition, aber manchmal auch in jüngeren Kirchen haben ganze Gruppen von Getauften den lebendigen Sinn des Glaubens verloren oder erkennen sich gar nicht mehr als Mitglieder der Kirche, da sie sich in ihrem Leben von Christus und vom Evangelium entfernt haben. In diesem Fall braucht es eine ,,Neu-Evangelisierung“ oder eine ,,Wieder-Evangelisierung““ (2) Die Neu-Evangelisierung stellt also zuallererst eine mütterliche Reaktion der Kirche auf die Schwächung des Glaubens und die Trübung der moralischen Forderungen des christlichen Lebens im Bewusstsein so vieler ihrer Söhne und Töchter dar. Es gibt in der Tat viele Getaufte, die als Bürger einer in religiöser Hinsicht gleichgültigen Welt zwar einen gewissen Glauben beibehalten, sich aber praktisch vom Wort und von den Sakramenten, den wesentlichen Quellen christlichen Lebens, entfernt haben und im religiösen und moralischen Indifferentismus leben. Aber es gibt viele andere Menschen, die von christlichen Eltern geboren und vielleicht auch getauft worden sind, aber die Glaubensgrundlagen nicht erhalten haben und praktisch ein Dasein ohne Gott führen. Auf alle diese Menschen blickt die Kirche voll Liebe, während sie es ganz besonders ihnen gegenüber als dringende Pflicht empfindet, sie an die kirchliche Gemeinschaft heranzuziehen, wo sie durch die Gnade des Heiligen Geistes Jesus Christus und den Vater wiederfinden sollen.

Zusammen mit dieser Verpflichtung zur Neu-Evangelisierung, die im Bewusstsein vieler Christen wieder das Licht des Glaubens entzünden und in der Gesellschaft die Frohe Botschaft vom Heil wieder erklingen lassen soll, empfindet die Kirche stark die Verantwortung für ihre ständige Sendung ad gentes, das heißt das Recht und die Pflicht, allen Menschen, die Christus noch nicht kennen und nicht an seinen Heilsgaben teilhaben, das Evangelium zu bringen. Für die Kirche, Mutter und Lehrerin, sind die Sendung ad gentes und die Neu-Evangelisierung, heute mehr denn je untrennbare Aspekte des Auftrags, zu lehren, zu heiligen und alle Menschen zum Vater zu führen. Auch leidenschaftliche Christen, von denen es viele gibt, bedürfen einer liebevollen, ständigen Ermutigung dazu, nach ihrer Heiligkeit zu streben, zu der sie von Gott und von der Kirche berufen sind und die den eigentlichen Motor der Neu-Evangelisierung darstellt.

Jeder gläubige Christ, jeder Sohn/jede Tochter der Kirche sollte sich in diese gemeinsame dringende Verantwortung hineingenommen fühlen, ganz besonders aber gilt das für die Priester, die im besonderen erwählt, geweiht und gesandt sind, um die Gegenwart Christi, dessen authentische Repräsentanten und Boten sie werden, offenkundig zu machen.(3) Es erscheint daher notwendig, allen Welt — und Ordenspriestern zu helfen, „die vorrangige pastorale Aufgabe der Neu-Evangelisierung“ (4) persönlich auf sich zu nehmen und im Lichte dieser Aufgabe die von Gott an sie ergangene Berufung wiederzuentdecken, nämlich dem ihnen anvertrauten Teil des Gottesvolkes als Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Hirten der Herde zu dienen.

I. Kapitel

IM DIENST DER NEU-EVANGELISIERUNG

„Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht“ (Joh 15,16)

1. Die Neu-Evangelisierung, Aufgabe der ganzen Kirche

Die Berufung und die Entsendung durch den Herrn sind immer aktuell, gewinnen aber unter den heutigen historischen Gegebenheiten eine besondere Bedeutung. Denn das Ende des 20. Jahrhunderts weist vom religiösen Standpunkt her gegensätzliche Erscheinungen auf. Während man einerseits den hohen Säkularisierungsgrad einer Gesellschaft feststellt, die sich von Gott abwendet und sich jedem transzendenten Bezug verschließt, zeigt sich andererseits zunehmend eine Religiosität, welche die im Herzen aller Menschen vorhandene, angeborene Sehnsucht nach Gott zu stillen versucht, der es aber nicht immer gelingt, zu einem befriedigenden Ausgang zu gelangen. „Die Sendung Christi, des Erlösers, die der Kirche anvertraut ist, ist noch weit davon entfernt, vollendet zu sein. Ein Blick auf die Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, dass diese Sendung noch in den Anfängen steckt und dass wir uns mit allen Kräften für den Dienst an dieser Sendung einsetzen müssen“.(5) Die Verwirklichung dieser dringenden missionarischen Verpflichtung entfaltet sich heute in großem Maße im Rahmen der Neu-Evangelisierung vieler Länder alter christlicher Tradition, wo der christliche Lebenssinn jedoch, wie es scheint, großenteils im Verfallen begriffen ist. Sie erfolgt aber auch im weiteren Bereich der gesamten Menschheit überall dort, wo die Menschen die von Christus gebrachte Heilsbotschaft noch nicht gehört oder noch nicht richtig verstanden haben.

Eine schmerzliche Realität ist an vielen Orten und in vielen Kreisen das Vorhandensein von Personen, die von Jesus Christus reden gehört haben, aber seine Lehre eher als einen Komplex allgemeiner sittlicher Werte denn als verpflichtende Aufgaben des konkreten Lebens kennenzulernen und anzunehmen scheinen. Zugenommen hat die Zahl von Getauften, die sich von der Nachfolge Christi entfernen und einem vom Relativismus gekennzeichneten Lebensstil folgen. Die Rolle des christlichen Glaubens reduziert sich in vielen Fällen auf die eines reinen Kulturfaktors, der häufig auf eine rein private Dimension, ohne jede Bedeutung im sozialen Leben der Menschen und Völker, verengt wird.(6)

Nicht wenige und keineswegs kleine Bereiche sind nach zwei Jahrtausenden Christentum offen für die apostolische Sendung. Alle Christen müssen sich kraft des ihnen durch die Taufe gewährten Priestertums (Vgl. 1 Petr 2,4-5.9; Offb 1,5-6. 9-10; 20,6) dazu aufgerufen wissen, je nach ihren persönlichen Lebensumständen an dem neuen Sendungsauftrag zur Evangelisierung mitzuwirken, der als gemeinsame kirchliche Verantwortung Gestalt annimmt.(7) Die Verantwortung für die Missionstätigkeit „liegt vor allem auf dem Kollegium der Bischöfe mit dem Nachfolger Petri an deren Spitze“.(8) „Als Mitarbeiter des Bischofs sind die Priester kraft des Weihesakramentes aufgerufen, die Sorge für die Mission mit ihm zu teilen“ .(9) Man kann also sagen, dass in einem gewissen Sinn die Priester „die ersten Verantwortlichen dieser Neu-Evangelisierung des dritten Millenniums“ sind.(10)

Die moderne Gesellschaft hat, durch die vielen wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften ermutigt, ein tiefes Bewusstsein kritischer Unabhängigkeit gegenüber jeder Art von weltlicher wie religiöser Autorität oder Lehre entwickelt. Das erfordert, dass die christliche Heilsbotschaft, die immer geheimnisvoll bleibt, gründlich erklärt und mit der Liebenswürdigkeit, Kraft und Anziehungsfähigkeit vorgestellt wird, die sie bei der ersten Evangelisierung besaß, wobei man sich klugerweise aller geeigneten, von der modernen Technik angebotenen Mittel bedienen sollte, ohne jedoch zu vergessen, dass die technischen Kommunikationsmittel niemals das unmittelbare Zeugnis eines heiligmäßigen Lebens werden ersetzen können. Die Kirche braucht echte Zeugen, Kommunikatoren des Evangeliums in allen Lebensbereichen der Gesellschaft. Daraus ergibt sich, dass die Christen im allgemeinen und die Priester im besonderen eine ebenso profunde wie korrekte philosophische und theologische Ausbildung erwerben sollen,(11) die es ihnen erlaubt, von ihrem Glauben und ihrer Hoffnung Rechenschaft zu geben und die dringliche Notwendigkeit zu spüren, sie mit einer persönlichen verständnisvollen Gesprächshaltung auf stets konstruktive Weise darzustellen. Die Verkündigung des Evangeliums darf sich jedoch keinesfalls im Gespräch erschöpfen; der Mut zur Wahrheit ist in der Tat eine unausweichliche Herausforderung vor der Versuchung des Konformismus, der Suche nach müheloser Popularität oder nach der eigenen Ruhe!

Bei der Realisierung der Evangelisierungsarbeit darf auch nicht vergessen werden, dass manche Begriffe und Worte, mit denen sie traditionsgemäß durchgeführt wurde, für den größten Teil der modernen Kulturen nahezu unverständlich geworden sind. Begriffe wie Ursünde mit ihren Folgen, Erlösung, Kreuz, Notwendigkeit des Gebetes, freiwilliges Opfer, Keuschheit, Enthaltsamkeit, Gehorsam, Demut, Buße, Armut usw. haben in so manchem Kontext ihre ursprüngliche positive christliche Bedeutung verloren. Deshalb muss die Neu-Evangelisierung durch äußerste Treue zu der von der Kirche ständig gelehrten Glaubenslehre und durch ein starkes Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem christlichen Fachvokabular imstande sein, auch heutzutage geeignete Ausdrucksweisen zu finden, um mit deren Hilfe den tiefen Sinn für diese menschlichen und christlichen Grundwirklichkeiten wiederzugewinnen, ohne deshalb auf die in zusammenfassender Form im Glaubensbekenntnis enthaltenen, feststehenden und bereits angenommenen Formulierungen des Glaubens zu verzichten.(12)

2. Die notwendige und unersetzbare Rolle der Priester

Obwohl die Hirten „wissen, dass sie von Christus nicht bestellt sind, um die ganze Heilsmission der Kirche an der Welt allein auf sich zu nehmen“,(13) üben sie bei der Evangelisierung eine absolut unersetzliche Rolle aus. Die Forderung nach einer Neu-Evangelisierung macht es daher dringend notwendig, einen wirklich mit der heutigen Situation übereinstimmenden Ansatz für die Ausübung des Priesteramtes zu finden, der ihr Wirksamkeit verleiht und sie tauglich macht, auf die Umstände, unter denen sie erfolgen soll, entsprechend einzugehen. Das muss jedoch unter ständiger Hinwendung zu Christus, unserem einzigen Vorbild, geschehen, ohne dass die heute herrschenden Verhältnisse unseren Blick vom Endziel ablenken. Nicht nur die sozio-kulturellen Gegebenheiten sollen uns nämlich zu einer gültigen pastoralen Erneuerung anspornen, sondern vor allem die brennende Liebe zu Christus und zu seiner Kirche.

Das Ziel unserer Anstrengungen ist die endgültige Herrschaft Christi und die Wiederherstellung der gesamten Schöpfung in ihm. Dieses Ziel wird erst am Ende der Zeiten voll erreicht werden, ist aber schon jetzt gegenwärtig durch den lebendigmachenden Heiligen Geist, durch den Jesus Christus seinen Leib, die Kirche, als allumfassendes Heilssakrament eingesetzt hat.(14)

Christus, Haupt der Kirche und Herr der gesamten Schöpfung, setzt sein Heilswirken unter den Menschen fort, und genau innerhalb dieses Wirkungsrahmens findet das Amtspriestertum seinen richtigen Platz. Christus will, wenn er alle zu sich zieht (Vgl. Joh 12,32), in besonderer Weise seine Priester mit einbeziehen. Wir stehen hier vor einem göttlichen Plan (dem Willen Gottes, die Kirche mit ihren Amtsträgern in das Erlösungswerk hineinzunehmen), der, obwohl er sich vom Standpunkt der Glaubenslehre und der Theologie aus klar bestätigen lässt, dennoch beträchtliche Schwierigkeiten aufweist, um von seiten der Menschen unserer Zeit akzeptiert zu werden. Denn die sakramentale Vermittlung und die hierarchische Struktur der Kirche wird heute von vielen angefochten; man fragt sich, worin ihre Notwendigkeit, ihre Motivation bestehe.

Wie das Leben Christi, so muss auch dasjenige des Priesters ein Leben sein, das in Christi Namen der maßgeblichen Verkündigung des liebevollen Willens des Vaters geweiht ist (Vgl. Joh 17,4; Hebr 10,7-10). Das war die Haltung des Messias: Die Jahre seines öffentlichen Wirkens waren dem Vollbringen (Apg 1,1) von Taten und dem Lehren gewidmet, wobei er „wie einer lehrte, der (göttliche) Vollmacht hat“ (Mt 7,29). Diese Vollmacht gab ihm sicherlich an erster Stelle seine göttliche Herkunft, aber in den Augen der Menschen auch sein aufrichtiges, heiligmäßiges, vollkommenes Handeln. In gleicher Weise muß der Priester mit der objektiven geistlichen Autorität, die er kraft seiner Weihe besitzt,(15) die subjektive Autorität verbinden, die aus seinem aufrichtigen und heiligmäßigen Leben,(16) aus seiner pastoralen Liebe, Ausdruck der Liebe Christi,(17) stammt. Die Mahnung, die der hl. Gregor der Große an die Priester richtete, hat nichts von ihrer Aktualität verloren: „Er [der Hirt] muss in seinem Denken lauter, im Handeln vorbildlich, in seinem Schweigen diskret, durch sein Wort hilfreich sein; er muss durch sein Mitleiden jedem nahe sein und sich mehr als alle der Kontemplation widmen; er muß ein demütiger Verbündeter dessen sein, der das Gute tut, aber wegen seines eifrigen Bemühens um Gerechtigkeit muss er den Lastern der Sünder gegenüber unbeugsam sein; er darf weder bei den äußeren Tätigkeiten die Sorge um das innere Leben vernachlässigen noch es verabsäumen, sich der äußeren Bedürfnisse durch die Sorge um das innere Wohl anzunehmen“ .(18)

Wie zu allen Zeiten werden in unseren Tagen in der Kirche „Herolde des Evangeliums gebraucht, die Experten im Umgang mit den Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich beschauliche Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger — sagte der Heilige Vater unter konkreter Bezugnahme auf die Rechristianisierung Europas mit Worten, die jedoch universale Gültigkeit besitzen —. Die großen Evangelisatoren Europas waren die Heiligen. Wir müssen den Herrn bitten, dass er den Geist der Heiligkeit in der Kirche vermehre und uns neue Heilige sende, um die Welt von heute zu evangelisieren“. .(19) Man muss bedenken, daß nicht wenige Zeitgenossen sich zuallererst durch die geweihten Diener Gottes eine Vorstellung von Christus und von der Kirche machen; ihr authentisch evangelisches Zeugnis als „lebendiges und transparentes Abbild des Priesters Christus“ (20) wird daher noch dringender.

Im Rahmen des Heilswirkens Christi können wir zwei untrennbare Ziele ausmachen. Einerseits eine Zielsetzung, die wir als intellektuell bezeichnen könnten: die Menge der Menschen, die wie Schafe waren, die keinen Hirten haben (Vgl. Mt 9,36), lehren, unterweisen, sie über den Verstand zur Umkehr veranlassen (Vgl. Mt 4,17). Der andere Aspekt war darauf ausgerichtet, die Herzen derer, die ihn hörten, aufzurütteln für die Reue und Buße wegen ihrer Sünden und ihnen den Weg zum Empfang der göttlichen Vergebung zu eröffnen. Und so ist es heute noch: „Der Aufruf zur Neu-Evangelisierung ist vor allem ein Aufruf zur Umkehr“,(21) und wenn das Wort Gottes den Verstand des Menschen unterwiesen und seinen Willen dadurch angeregt hat, dass es ihn von der Sünde abbrachte, dann erreicht die Evangelisierungstätigkeit ihren Höhepunkt in der fruchtbringenden Teilnahme an den Sakramenten, vor allem an der Feier der Eucharistie. „Die Aufgabe der Evangelisierung besteht — wie Paul VI. lehrte — eben darin, den Glauben so zu lehren, dass jeder Christ dahingeführt wird, die Sakramente, statt sie passiv zu empfangen oder über sich ergehen zu lassen, als wahrhafte Gnadenmittel des Glaubens zu leben“ (22)

Die Evangelisierung umfasst: Verkündigung, Zeugnis, Dialog und Dienst und fußt auf der Verbindung der drei untrennbaren Elemente: Verkündigung des Wortes, Dienst der Sakramente und Leitung der Gläubigen.(23) Eine Verkündigung, die sich nicht die ständige Formung der Gläubigen zum Ziel setzte und nicht in die sakramentale Praktik einmündete, hätte ebenso wenig Sinn wie eine Teilnahme an den Sakramenten, die von der vollen Annahme des Glaubens und der Moralprinzipien abgetrennt wäre oder bei der sich keine ehrliche Umkehr des Herzens einstellte. Wenn aus pastoraler Sicht der Aktion nach der erste Platz logischerweise der Verkündigungsaufgabe zusteht,(24) muss der Intention oder Zielsetzung nach der erste Platz der Feier der Sakramente, insbesondere des Bußsakramentes und der Eucharistie, zugewiesen werden.(25) In der harmonischen Verbindung beider Funktionen ist die Integrität des Hirtenamtes des Priesters im Dienst an der Neu-Evangelisierung gegeben.

Ein Aspekt der Neu-Evangelisierung, der immer größere Bedeutung gewinnt, ist die ökumenische Bildung der Gläubigen. Das II. Vatikanische Konzil mahnte alle katholischen Gläubigen, dass sie „mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen“ und „die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe anerkennen und hochschätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden“ .(26) Gleichzeitig gilt es auch zu beachten, dass „nichts dem ökumenischen Geist so fern ist wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird“ .(27) Die Priester werden infolgedessen wachsam sein müssen, damit der Ökumenismus unter treuer Respektierung der vom Lehramt der Kirche angegebenen Prinzipien geführt wird und nicht Brüche, sondern harmonische Kontinuität erfährt.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN ÜBER KAPITEL I

1. Wird in unseren Kirchengemeinden und besonders unter unseren Priestern die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Neu-Evangelisierung wirklich empfunden?

2. Ist sie bei der Verkündigung präsent? Ist sie bei den Zusammenkünften des Presbyteriums, in den Pastoralprogrammen, in den Maßnahmen zur ständigen Weiterbildung vorhanden?

3. Engagieren sich die Priester besonders in der Förderung einer Sendung wie der Neu-Evangelisierung „in ihrem Eifer, in ihren Methoden, in ihrer Ausdruckskraft“ (28) — ad intra und ad extra der Kirche?

4. Betrachten die Gläubigen das Priestertum als ein Gottesgeschenk sowohl für den, der es empfängt, wie für die Gemeinde selbst, oder sehen sie es unter einem rein funktionalen und organisatorischen Aspekt? Wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, dafür zu beten, dass der Herr Priesterberufe wecke und dass es nicht an der notwendigen Hochherzigkeit fehle, darauf zustimmend zu antworten?

5. Wird in der Verkündigung des Wortes Gottes und in der Katechese das gebührende Gleichmaß zwischen dem Aspekt der Glaubensunterweisung und dem der Sakramentenspendung aufrechterhalten? Ist die Evangelisierungstätigkeit der Priester gekennzeichnet von der Komplementarität zwischen Verkündigung und sakramentaler Heiligung, „munus docendi“ und „munus sanctificandi“?

II. Kapitel

LEHRER DES WORTES

„Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15)

1. Die Priester, Lehrer des Wortes „nomine Christi et nomine Ecclesiae“

Ein angemessener Ausgangspunkt für das richtige Verständnis des Hirtendienstes am Wort ist die Betrachtung der Offenbarung Gottes an sich. „In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,17) aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen“.(29) In der Heiligen Schrift spricht die Verkündigung des Gottesreiches nicht nur von der Herrlichkeit Gottes, sondern lässt sie aus eben dieser Verkündigung hervorgehen. Das in der Kirche verkündete Evangelium ist nicht nur Botschaft, sondern eine göttliche Heilshandlung, die von denen, die glauben, die die Botschaft hören, ihr folgen und sie annehmen, erfahren wird.

Die Offenbarung beschränkt sich daher nicht darauf, uns über die Natur jenes Gottes, der in einem unerreichbaren Licht lebt, zu unterweisen, sondern sie unterrichtet uns zugleich darüber, was Gott in seiner Gnade für uns tut. Das geoffenbarte Wort, das „in“ der und „durch“ die Kirche gegenwärtig gemacht und aktualisiert wird, ist ein Werkzeug, durch das Christus mit seinem Geist in uns tätig ist. Es ist zugleich Gericht und Gnade. Beim Hören des Wortes interpelliert die aktuelle Gegenüberstellung mit Gott das Herz der Menschen und verlangt eine Entscheidung, die mit Verstandeswissen allein nicht zu erreichen ist, sondern die Umkehr des Herzens erfordert.

„Die erste Aufgabe der Priester als Mitarbeiter der Bischöfe [ist es], allen die Frohe Botschaft Gottes zu verkünden, um so […] das Gottesvolk zu begründen und zu mehren“.(30) Da die Verkündigung des Wortes nicht rein intellektuelle Weitergabe einer Botschaft ist, sondern eine ein für allemal in Christus verwirklichte „Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ (Röm 1,16), verlangt ihre Verkündigung in der Kirche bei den Verkündigern ein übernatürliches Fundament, das ihre Authentizität und Wirksamkeit gewährleistet. Die Verkündigung des Wortes durch die geweihten Diener hat gewissermaßen teil am Heilscharakter des Wortes selbst, und zwar nicht einfach deshalb, weil sie von Christus reden, sondern weil sie ihren Zuhörern das Evangelium mit der Kraft verkünden, die aus ihrer Teilnahme an der Konsekration und Sendung des fleischgewordenen Gotteswortes stammt. Den Amtsträgern klingen noch die Worte des Herrn in den Ohren: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“ (Lk 10,16), und mit Paulus können sie sagen: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist. Davon reden wir auch, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten“ (1 Kor 2,12-13).

Die Verkündigung gleicht einem Dienst, der dem Weihesakrament entspringt und sich durch die Vollmacht Christi entfaltet. Die Kraft des Heiligen Geistes garantiert jedoch nicht in derselben Weise alle Handlungen der Amtsträger. Während bei der Verwaltung der Sakramente diese Garantie gegeben ist, so dass selbst die Sündhaftigkeit des Spenders die Frucht der Gnade nicht verhindern kann, gibt es viele andere Handlungen, bei denen das menschliche Gepräge des Amtsträgers eine beträchtliche Bedeutung gewinnt. Dieses Gepräge kann der apostolischen Fruchtbarkeit der Kirche nützen, ihr aber auch schaden.(31) Wenngleich das gesamte munus pastorale vom Dienstcharakter erfüllt sein soll, so ist das im Verkündigungsdienst besonders notwendig, denn je mehr der Amtsträger tatsächlich zum Diener des Wortes wird und sich nicht zum Herrn desselben macht, um so mehr kann das Wort seine heilbringende Wirksamkeit spenden.

Dieser Dienst verlangt die persönliche Hingabe des Amtsträgers an das verkündete Wort, eine Hingabe, die letzten Endes an Gott selbst gerichtet ist, an jenen „Gott, den ich im Dienst des Evangeliums von seinem Sohn mit ganzem Herzen ehre“ (Röm 1,9). Der Priester darf ihm kein Hindernis in den Weg legen, weder durch Verfolgung von Zielen, die nicht zu seiner Sendung gehören, noch dadurch, dass er sich auf die Weisheit der Menschen oder auf subjektive Erfahrungen stützt, die das Evangelium selbst vernebeln könnten. Das Wort Gottes wird sich also niemals instrumentalisieren lassen! Der verkündende Priester muss hingegen „zuallererst selber eine große persönliche Vertrautheit mit dem Wort Gottes entwickeln […]. Der Priester muss der erste ,,Glaubende“ des Wortes sein in dem Bewusstsein, dass die Worte seines Dienstes nicht ,,seine“, sondern die Worte dessen sind, der ihn ausgesandt hat“ .(32)

Es besteht also eine wesentliche Beziehung zwischen persönlichem Gebet und Verkündigung. Aus der Betrachtung des Gotteswortes im persönlichen Gebet soll auch spontan „der Vorrang des gelebten Zeugnisses, das die Macht der Liebe Gottes entdecken läßt und sein Wort überzeugend macht“,(33) entspringen. Frucht des persönlichen Gebetes ist auch eine Predigt, die sich den Gläubigen nicht in erster Linie wegen ihrer logischen Abstraktheit einprägt, sondern weil sie in einem lauteren, betenden Herzen entstanden ist, das darum weiß, daß es nicht Aufgabe des Priesters ist, „seine eigene Weisheit vorzutragen, sondern immer das Wort Gottes zu lehren und alle nachdrücklich zur Umkehr und zur Heiligung einzuladen“.(34) Die Predigt der Diener Christi muss also, damit sie wirksam sei, fest auf deren kindlichen Gebetsgeist gegründet sein: „sit orator, antequam dictor“ .(35)

Im persönlichen Gebetsleben des Priesters findet das Bewusstsein vom Dienstcharakter seiner Sendung, der in der Berufung liegende Sinn seines Lebens und sein lebendiger und apostolischer Glaube Stütze und Anregung. Hier schöpft er auch Tag für Tag den Eifer für die Evangelisierung. Zur persönlichen Überzeugung geworden, wird sie in überzeugende, konsequente Verkündigung umgesetzt. In diesem Sinn betrifft der Vollzug des Stundengebetes nicht allein die persönliche Frömmigkeit, noch erschöpft er sich als öffentliches Gebet der Kirche; das Stundengebet erweist auch seinen großen pastoralen Nutzen,(36) da es eine bevorzugte Gelegenheit zu wachsender Vertrautheit mit der Lehre der Bibel, der Kirchenväter, der Theologie und des Lehramtes bietet, die zunächst verinnerlicht und dann in der Verkündigung auf das Volk Gottes übertragen wird.

2. Für eine wirksame Verkündigung des Wortes

In der Perspektive der Neu-Evangelisierung müsste unbedingt die Wichtigkeit unterstrichen werden, in den Gläubigen die Bedeutung der aus der Taufe herrührenden Berufung reifen zu lassen, das heißt, das Bewusstsein, von Gott aufgerufen worden zu sein, Christus aus der Nähe zu folgen und persönlich an der Sendung der Kirche mitzuarbeiten. „Die Weitergabe des Glaubens ist Aufdecken, Verkünden und Vertiefen der christlichen Berufung; das heißt, der Ruf Gottes ergeht an jeden Menschen, dem das Heilsgeheimnis gezeigt wird.. „.(37) Die Aufgabe der Verkündigung besteht also darin, Christus den Menschen vorzustellen, weil nur er, „der neue Adam, eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kundmacht und ihm seine höchste Berufung erschließt“

Neu-Evangelisierung und der von Berufung bestimmte Sinn des christlichen Daseins gehören zusammen. Und das ist die „gute Botschaft“, die den Gläubigen verkündet werden muss, ohne Abstriche, sowohl was ihr Gutsein, als auch die Anforderung, um es zu erreichen, betrifft, während gleichzeitig daran erinnert wird, dass „auf dem Christen ganz gewiss die Notwendigkeit und auch die Pflicht liegen, gegen das Böse durch viele Anfechtungen hindurch anzukämpfen und auch den Tod zu ertragen; aber dem österlichen Geheimnis verbunden und dem Tod Christi gleichgestaltet, geht er, durch Hoffnung gestärkt, der Auferstehung entgegen“ .(39)

Die Neu-Evangelisierung erfordert einen vollständigen und wohlbegründeten, leidenschaftlichen Dienst am Wort mit klarem theologischem, spirituellem, liturgischem und moralischem Inhalt, der auf die konkreten Bedürfnisse der Menschen, die erreicht werden sollen, achtet. Es geht offensichtlich nicht darum, in die Versuchungen eines Intellektualismus zu geraten, der ja das christliche Denkvermögen trüben könnte, statt es zu erleuchten, sondern durch die ständige, geduldige Katechese über die Grundwahrheiten des katholischen Glaubens und der katholischen Moral und über ihren Einfluß im geistlichen Leben eine echte „geistige Liebe“ zu entwickeln. Die christliche Unterweisung ragt unter den geistlichen Werken der Barmherzigkeit hervor: Die Rettung erfolgt im Kennenlernen Christi, denn „es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg 4,12).

Diese katechetische Verkündigung kann nicht ohne das Mittel der heilen Theologie erfolgen, da es ja nicht nur darum geht, die geoffenbarte Lehre zu wiederholen, sondern mit Hilfe der geoffenbarten Lehre Verstand und Gewissen der Gläubigen zu formen, damit sie die Ansprüche der durch die Taufe empfangenen Berufung konsequent leben können. Die Neu-Evangelisierung wird sich in dem Maße verwirklichen lassen, in dem nicht nur die Kirche als ganze oder ihre einzelnen Institutionen, sondern jeder Christ in die Lage versetzt wird, den Glauben zu leben und durch sein Leben einen lebendigen Grund für Glaubwürdigkeit und eine glaubhafte Verteidigung des Glaubens abzugeben.

Evangelisieren heißt nämlich, mit allen zur Verfügung stehenden ehrlichen und geeigneten Mitteln die Inhalte der geoffenbarten Wahrheiten (den trinitarischen und christologischen Glauben, die Bedeutung der Schöpfungslehre, die eschatologischen Wahrheiten, die Lehre über die Kirche, über den Menschen, das Glaubenswissen über die Sakramente und über die anderen Heilsmittel usw.) zu verkünden und zu verbreiten. Und es heißt zugleich auch, durch die moralische und geistliche Bildung diese Wahrheiten ins konkrete Leben, in Zeugnis und missionarischen Einsatz umzusetzen.

Die notwendige Aufgabe der theologischen und geistlichen Bildung (Bemühen um die ständige Weiterbildung der Priester und Diakone, Bemühen um die Bildung aller Gläubigen) stellt eine unausweichliche und zugleich enorme Verpflichtung dar. Es ist daher unbedingt notwendig, dass die Ausübung des Dienstes am Wort und vor allem die Träger dieses Dienstes den Umständen gewachsen sind. Die Wirksamkeit wird davon abhängen, dass diese Ausübung, die ganz wesentlich auf die Hilfe Gottes gegründet ist, auch mit der größtmöglichen menschlichen Vollkommenheit erfolgt. Die neue lehrhafte, theologische und spirituelle Verkündigung der christlichen Botschaft — eine Verkündigung, die in erster Linie das Gewissen der Getauften anfeuern und läutern soll — darf nicht aus Trägheit oder Verantwortungslosigkeit improvisiert werden. Noch weniger dürfen die Priester ihre Verantwortlichkeit, die Aufgabe der Verkündigung persönlich wahrzunehmen, vernachlässigen, im besonderen was das Predigtamt betrifft, das weder jemandem übertragen werden darf, der nicht geweiht ist, (40) noch leichtfertig an jemanden abgegeben werden darf, der nicht gut vorbereitet ist.

Im Zusammenhang mit der Verkündigung durch den Priester muss man, wie das übrigens immer der Fall War, unbedingt auf die Wichtigkeit der entfernten Vorbereitung hinweisen, die zum Beispiel dadurch konkretisiert werden kann, dass die Lektüre und sogar die Interessen entsprechend auf Aspekte ausgerichtet werden, die die Vorbereitung der geweihten Amtsträger verbessern können. Das seelsorgerische Einfühlungsvermögen der Prediger muss ständig wachsam sein, um die Probleme, die den Menschen unserer Zeit Sorge bereiten, und mögliche Lösungen festzustellen. „Um auf die von den heutigen Menschen erörterten Fragen die rechte Antwort zu geben, sollen die Priester ferner die Dokumente des kirchlichen Lehramtes und besonders die der Konzilien und der Päpste gut kennen sowie die besten und anerkannten theologischen Schriftsteller zu Rat ziehen“, (41) ohne zu vergessen, den Katechismus der Katholischen Kirche zu konsultieren. In diesem Sinn läge es nahe, wieder auf die Wichtigkeit der unermüdlichen Sorge um die ständige Weiterbildung des Klerus zurückzukommen, wobei als inhaltlicher Bezug das Direktorium für Dienst und Leben der Priester dient.(42) Jede Anstrengung auf diesem Gebiet wird durch reiche Früchte belohnt werden. Wichtig ist, zusammen mit allem bisher Gesagten, auch eine unmittelbare Vorbereitung auf die Verkündigung des Gotteswortes. Abgesehen von Ausnahmefällen, wo es nicht anders möglich gewesen ist, sollen Demut und Fleiß den Priester zum Beispiel veranlassen, sorgfältig wenigstens einen Entwurf dessen vorzubereiten, was gesagt werden soll.

Die Hauptquelle der Verkündigung muss logischerweise die Heilige Schrift sein, mit der sich der Priester durch die Betrachtung im persönlichen Gebet und durch das Studium und die Lektüre geeigneter Bücher vertraut machen soll.(43) Die pastorale Erfahrung lehrt, dass die Kraft und Beredtheit des Bibeltextes die Zuhörer tief bewegen. Die Schriften der Kirchenväter und anderer großer Autoren der Tradition lehren, den Sinn des geoffenbarten Wortes zu durchdringen und ihn anderen zu erschließen, (44) fernab von jeder Form eines „biblischen Fundamentalismus“ oder einer Verstümmelung der göttlichen Botschaft. Die Pädagogik, mit der die Liturgie der Kirche in den verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres das Wort Gottes liest, interpretiert und anwendet, sollte ebenfalls einen Bezugspunkt für die Vorbereitung der Verkündigung darstellen. Darüberhinaus hat die Betrachtung des Lebens der Heiligen — mit ihren Kämpfen und heroischen Taten — zu allen Zeiten in den Herzen der Christen reiche Frucht hervorgebracht. Auch heute haben die Gläubigen, die durch Gelegenheiten zu falschem Verhalten und durch fragwürdige Lehren gefährdet sind, das Beispiel dieser Heiligenviten, die in heroischem Geist der Liebe Gottes und durch Gott den anderen Menschen hingegeben worden sind, dringend nötig. Ebenso nützlich wie das alles ist es für die Evangelisierung auch, in den Gläubigen aus Gottesliebe den Sinn für Solidarität mit den anderen, den Geist des Dienens, die hochherzige Hingabe an die anderen zu fördern. Das christliche Bewußtsein reift ja gerade durch eine immer engere Beziehung zur Liebe.

Als sehr wichtig für den Priester erweist sich auch die Berücksichtigung der formalen Aspekte der Verkündigung. Wir leben im Zeitalter der Information und raschen Kommunikation, wo wir uns alle daran gewöhnt haben, anerkannte Fernseh- und Rundfunkfachleute zu sehen und zu hören. Mit ihnen tritt der Priester, der ebenfalls ein, freilich besonderer, sozialer Kommunikator ist, gewissermaßen in friedliche Konkurrenz gegenüber den Gläubigen, wenn er eine Botschaft vermittelt, die auf ausgesprochen anziehende Art und Weise vorgestellt werden soll. Der Priester muss nicht nur die „neuen Kanzeln“, also die Massenmedien, mit Kompetenz und apostolischem Geist zu nutzen wissen, sondern er muss vor allem dafür sorgen, dass seine Botschaft dem Wort, das er verkündet, ebenbürtig ist. Die im Bereich der audiovisuellen Medien tätigen Fachleute bereiten sich gut auf die Durchführung ihrer Aufgabe vor; es wäre gewiß keine übertriebene Forderung, dass die Lehrer des Wortes sich durch intelligentes und geduldiges Studium um die Verbesserung der „professionellen“ Qualität dieses Aspektes des Dienstes bemühen sollten. Zum Beispiel kehrt heute in verschiedenen Universitäts- und Kulturbereichen das Interesse an der Rhetorik zurück; es sollte auch bei den Priestern wieder geweckt werden, zusammen mit der bescheidenen und vornehm würdevollen Art des Auftretens.

Die Verkündigung durch den Priester muss, wie die Verkündigung Christi, auf positive und anregende Weise erfolgen, damit sie die Menschen mitreißt und zur Güte, Schönheit und Wahrheit Gottes hinzieht. Die Christen müssen „erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi“ (2 Kor 4,6) und sie müssen die empfangene Wahrheit auf interessante Weise darlegen. Ist nicht oftmals der verlockende Charakter des starken und zugleich ruhigen Anspruchs der christlichen Existenz festzustellen? Man braucht sich also nicht zu fürchten. „Seit dem Ostertag, wo sie [die Kirche] die letzte Wahrheit über das Leben des Menschen als Geschenk empfangen hat, ist sie zur Pilgerin auf den Straßen der Welt geworden, um zu verkünden, dass Jesus Christus ,,der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14,6). Unter den verschiedenen Diensten, die sie der Welt anzubieten hat, gibt es einen, der ihre Verantwortung in ganz besonderer Weise herausstellt: den Dienst an der Wahrheit“.(45)

Als nützlich erweist sich logischerweise in der Verkündigung auch der Gebrauch einer korrekten, erlesenen Sprache, die für unsere Zeitgenossen aus allen Schichten verständlich ist und Banalitäten und Gleichgültigkeit vermeidet.(46) Der Priester muss aus einer echten Sicht des Glaubens sprechen, aber mit Worten, die in den verschiedenen Milieus verständlich sind, und nie in einem Fachjargon und auch nicht mit Zugeständnissen an den Geist der Welt. Das menschliche „Geheimnis“ einer fruchtbaren Verkündigung des Wortes besteht in erheblichem Ausmaß in der „Professionalität“ des Priesters, der weiß, was er sagen und wie er es sagen will, und der über eine ernsthafte, sowohl entfernte wie unmittelbare, Vorbereitung verfügt und keine dilettantischen Improvisationen inszeniert. Es wäre schädlicher Irenismus, die Kraft der ganzen Wahrheit zu verbergen. Daher gilt es, sorgfältig auf den Inhalt der Worte, auf den Redestil und die Ausdrucksweise zu achten; es gilt gut zu überlegen, was stärker betont werden soll, und es sollte, möglichst ohne übertriebenes Gehabe, auf die Gefälligkeit der Stimme geachtet werden. Der Priester muss wissen, wohin er gelangen will, und die existentielle und kulturelle Situation seiner üblichen Zuhörer gut kennen: Er darf keine abstrakten Theorien oder Verallgemeinerungen von sich geben und muss deshalb seine Herde kennen. Angebracht ist ein liebenswürdiger, positiver Sprachstil, der weiß, die Menschen nicht zu verletzen, selbst wenn er die Gewissen „verletzt“…, ohne Angst, die Dinge beim Namen zu nennen.

Sehr nützlich ist es, wenn die Priester, die in den verschiedenen Seelsorgsaufgaben zusammenarbeiten, sich durch brüderliche Ratschläge über diese und andere Aspekte des Dienstes am Wort gegenseitig helfen. Zum Beispiel über die Inhalte der Predigt, über die theologische und sprachliche Qualität, über den Stil, über die Dauer — die Predigt sollte keinesfalls zu lang sein —, über die Art zu spechen und an den Ambo zu treten, über den Tonfall der Stimme, der normal sein, wenn auch in den verschiedenen Augenblicken der Predigt wechseln soll, ohne gekünstelt zu sein, usw. Noch einmal ist für den Priester Demut unverzichtbar, damit er sich von seinen Brüdern und auch, wenngleich indirekt, von den Gläubigen, die an seinen pastoralen Aktivitäten teilnehmen, helfen lässt.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN ÜBER KAPITEL II

6 Haben wir Hilfsmittel, um die tatsächliche Auswirkung des Verkündigungsdienstes auf das Leben unserer Gemeinden einzuschätzen? Bemüht man sich darum, von diesem für die Evangelisierung wesentlichen Mittel mit der größtmöglichen menschlichen Professionalität Gebrauch zu machen?

7. Lässt man in den Fortbildungskursen für den Klerus der Vervollkommnung der Verkündigung des Wortes in ihren verschiedenen Formen die ihr zustehende Beachtung zuteil werden?

8. Werden die Priester dazu ermutigt, dem Studium der Theologie, dem Lesen der Kirchenväter, der Kirchenlehrer und der Heiligen Zeit zu widmen? Zeigt sich ein positiver Einsatz dafür, die großen Meister der Spiritualität kennenzulernen und bekannt zu machen?

9. Wird mit praktischem Sinn und einer gesunden wissenschaftlichen Perspektive die Einrichtung Bibliotheken für Priester gefördert?

10. Gibt es und kennt man in diesem Sinn örtliche Möglichkeiten der Verbindung mit Bibliotheken im Internet, einschließlich der begonnenen elektronischen Bibliotheken auf der Internetseite der Kongregation für den Klerus (www.clerus.org.)?

11. Werden die Priester ermutigt, von der Katechese des Heiligen Vaters und der verschiedenen Dokumente des Heiligen Stuhls Gebrauch zu machen?

12. Ist man sich der Bedeutung der beruflichen Ausbildung von Personen (Priestern, ständigen Diakonen, Ordensleuten, Laien) bewusst, die fähig sind, diesen wichtigen Aspekt der Evangelisierung der modernen Kultur, den die Kommunikation darstellt, auf einem hohen Niveau zu realisieren?

III. Kapitel

DIENER DER SAKRAMENTE

„Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes“ (1 Kor 4,1)

1. „In persona Christi Capitis“

„Die Sendung der Kirche kommt nicht zu der Sendung Christi und des Heiligen Geistes hinzu, sondern ist deren Sakrament. Ihrem ganzen Wesen nach und in allen ihren Gliedern ist die Kirche gesandt, das Mysterium der Gemeinschaft der heiligsten Dreifaltigkeit zu verkünden und zu bezeugen, zu vergegenwärtigen und immer mehr auszubreiten“ (47) Diese sakramentale Dimension der Sendung der Kirche insgesamt entspringt ihrem eigentlichen Wesen als einer Wirklichkeit, die zugleich „menschlich und göttlich, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs“ (48) ist. In diesem Kontext der Kirche als „allumfassendem Sakrament des Heils“,(49) in dem Christus „das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht“,(50) stehen die Sakramente als bevorzugte Gelegenheiten der Mitteilung des göttlichen Lebens an den Menschen im Zentrum des Dienstes der Priester. Diese sind sich wohl bewusst, lebendige Werkzeuge Christi des Priesters zu sein. Sie haben die Funktion von Männern, die durch den sakramentalen Charakter dazu berechtigt sind, das Handeln Gottes durch Wirksamkeit der beteiligten Mittel zu unterstützen.

Die Konfiguration [Gleichgestaltung] mit Christus durch die sakramentale Weihe gibt dem Priester innerhalb des Gottesvolkes seinen Platz und lässt ihn auf seine eigene Weise und in Übereinstimmung mit der organischen Struktur der kirchlichen Gemeinschaft am dreifachen munus Christi teilhaben. Indem der Priester in persona Christi Capitis handelt, leitet er das Volk Gottes und führt es zur Heiligkeit.(5l) Daraus ergibt sich „für den Priester die Notwendigkeit, dass er in seinem ganzen Leben, vor allem aber in der Art und Weise, wie er die Sakramente achtet und feiert, Zeugnis vom Glauben gibt“.(52) Hier gilt es, an die klassische, vom II. Vatikanischen Konzil wieder aufgenommene Lehre zu erinnern: „Denn obwohl die Gnade Gottes auch durch unwürdige Priester das Heilswerk durchführen kann, so will Gott doch seine Heilswunder für gewöhnlich lieber durch diejenigen kundtun, die sich dem Antrieb und der Führung des Heiligen Geistes mehr geöffnet haben und darum wegen ihrer innigen Verbundenheit mit Christus und wegen eines heiligmäßigen Lebens mit dem Apostel sprechen können:

,,Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20)“.(53)

Die Feiern der Sakramente, bei denen die Priester als Diener Christi handeln und in besonderer Weise durch seinen Geist an seinem Priestertum teilhaben,(54) stellen im Hinblick auf die Neu-Evangelisierung kultische Ereignisse von einzigartiger Bedeutung dar. Man bedenke auch, dass für alle Gläubigen, vor allem aber für jene, die der praktischen Religionsausübung gewöhnlich fernstehen, jedoch anlässlich familiärer oder gesellschaftlicher Ereignisse (Taufen, Firmungen, Hochzeiten, Priesterweihen, Begräbnisse usw.) recht häufig an Gottesdiensten teilnehmen, diese Anlässe inzwischen zur einzigen Gelegenheit für die Weitergabe der Glaubensinhalte geworden sind. Die Glaubenshaltung des Amtsträgers wird daher „mit einer unter liturgischem und zerimoniellem Aspekt hervorragenden Qualität der Zelebration“ verbunden sein müssen: (55) Sie darf natürlich nicht als Spektakel ausgerichtet werden, sondern muss darauf achten, dass dabei wirklich das „Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen“.(56)

2. Diener der Eucharistie: „Der eigentliche Mittelpunkt des priesterlichen Dienstes“

„Jesus nennt die Apostel ,,Freunde“. So will er auch uns nennen, die wir dank des Weihesakraments an seinem Priestertum teilhaben. (…) Hätte Jesus uns seine Freundschaft noch deutlicher zum Ausdruck bringen können als in der Weise, dass er uns als Priester des neuen Bundes erlaubt, an seiner Statt, in persona Christi Capitis, zu handeln? Gerade das geschieht in unserem ganzen priesterlichen Dienst, wenn wir die Sakramente spenden und besonders wenn wir die Eucharistie feiern. Wir wiederholen die Worte, die er über das Brot und den Wein sprach, und kraft unseres Amtes vollzieht sich dieselbe Wandlung, die er vollzog. Gibt es einen vollendeteren Ausdruck von Freundschaft als diesen? Er ist die Mitte unseres priesterlichen Dienstes“ .(57)

Die Neu-Evangelisierung muss für die Gläubigen auch eine neue Klarheit über die zentrale Stellung des Sakraments der Eucharistie bedeuten, das der Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist.(58) Einerseits, weil „eine christliche Gemeinde nur auferbaut wird, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat“, (59) aber auch, weil „alle übrigen Sakramente, ebenso wie alle kirchlichen Dienste und Apostolatswerke in engem Zusammenhang mit der Eucharistie stehen und auf sie hingeordnet sind. Die Heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle“.(60)

Im Seelsorgsdienst ist die Eucharistie auch ein Ziel. Die Gläubigen müssen vorbereitet werden, daraus Nutzen zu ziehen. Wenn man bei ihnen einerseits die „würdige, aufmerksame und fruchtbare“ Teilnahme an der Liturgie fördert, so erweist es sich andererseits als unbedingt notwendig, ihnen bewusst zu machen, dass „sie auf diese Weise (von Christus) eingeladen und veranlasst werden, sich selbst, ihre Arbeiten und die ganze Schöpfung mit ihm darzubringen. Darum zeigt sich die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation“, (61) eine Wahrheit, aus der sich eine ganze Reihe pastoraler Konsequenzen ergeben.

Es kommt grundlegend darauf an, den Gläubigen bleibend zu vermitteln, worin das Wesen des heiligen Altaropfers besteht, und ihre fruchtbringende Teilnahme an der Eucharistie zu fördern.(62) Notwendig ist auch, unermüdlich und furchtlos auf der Verpflichtung zur Erfüllung des Sonntagsgebotes (63) und auf der Angemessenheit einer häufigen, wenn möglich auch täglichen, Teilnahme an der Feier der hl. Messe und dem Empfang der eucharistischen Kommunion bestehen. Es gilt auch an die ernste Verpflichtung der Gläubigen zu erinnern, den Leib Christi mit der gebotenen geistigen und leiblichen Verfassung zu empfangen, das heißt, wenn sich jemand bewusst ist, nicht im Stande der Gnade zu sein, muss er vor dem Empfang der Eucharistie die sakramentale Lossprechung empfangen haben. In jeder Teilkirche und in jeder Pfarrgemeinde hängt ein blühendes christliches Leben großenteils von der in einem Geist des Glaubens und der Anbetung gelungenen Wiederentdeckung des großen Geschenkes der Eucharistie ab. Wenn es nicht gelingt, in der theoretischen Lehre, in der Verkündigung und im Leben den Zusammenhang zwischen täglichem Leben und Eucharistie zum Ausdruck zu bringen, wird am Ende der häufige Empfang der Eucharistie unterlassen.

Auch in dieser Hinsicht ist die Vorbildlichkeit des zelebrierenden Priesters äußerst wichtig: „Gut zelebrieren bildet eine erste wichtige Katechese über das heilige Opfer“ .(64) Auch wenn es offensichtlich nicht die Absicht des Priesters sein wird, ist es doch wichtig, dass die Gläubigen sehen, wie er sich innerlich gesammelt auf die Feier des heiligen Opfers vorbereitet, dass sie Zeugen der Liebe und Hingabe sind, die er in die Zelebration hineinlegt, und dass sie von ihm lernen können, nach der Kommunion als Zeichen der Dankbarkeit eine gewisse Zeit innezuhalten.

Wenn ein wesentlicher Teil des Evangelisierungswerkes der Kirche darin besteht, die Menschen beten zu lehren zum Vater durch Christus im Heiligen Geist, schließt die Neu-Evangelisierung die Gewinnung und Stärkung pastoraler Praktiken ein, die den Glauben an die wirkliche Gegenwart (Realpräsenz) des Herrn unter den eucharistischen Gestalten deutlich machen. „Der Priester hat die Aufgabe, die Verehrung der Gegenwart Christi in der Eucharistie auch außerhalb der Messfeier dadurch zu fördern, dass er seine Kirche zu einem christlichen ,,Haus des Gebets“ macht“ .(65) Notwendig ist zunächst, dass die Gläubigen gründlich Bescheid wissen um die unumgänglichen Bedingungen für den gültigen Empfang der Kommunion. Ebenso wichtig ist es, ihre Verehrung für Christus, der sie liebevoll im Tabernakel erwartet, zu fördern. Eine einfache und wirksame Art eucharistischer Katechese ist gerade auch die sorgfältige Wartung und Pflege von allem, was den Kirchenraum und insbesondere den Altar und den Tabernakel betrifft:

Sauberkeit und Anstand, Erhabenheit der Paramente und der heiligen Gefäße, Sorgfalt bei der Feier der Gottesdienste, (66) Festhalten an der Praxis der Kniebeugung usw. Besonders wichtig ist außerdem, einer jahrhundertealten Tradition in der Kirche entsprechend in der Kapelle des Allerheiligsten für eine Atmosphäre der Stille zu sorgen, um die heilige Ruhe zu gewährleisten, die das liebevolle Gespräch mit dem Herrn erleichtert. Jene Kapelle bzw. jener Ort, wo der im Sakrament gegenwärtige Christus aufbewahrt und angebetet wird, ist sicher das Herz unserer Gotteshäuser, und als solches müssen wir den Zutritt zu ihm kenntlich zu machen und durch tägliche Öffnung für eine möglichst lange Zeitspanne zu unterstützen trachten und den Ort mit echter Liebe gebührend schmücken.

Es liegt auf der Hand, dass alle diese Bekundungen — die nicht Formen eines nebulösen „Spiritualismus“ angehören, sondern eine theologisch fundierte Frömmigkeit enthüllen — nur unter der Voraussetzung möglich sein werden, dass der Priester wirklich ein Mann des Gebets und von glaubwürdiger Leidenschaft für die Eucharistie ist. Nur ein Priester, der betet, wird beten lehren können, während er auch die Gnade Gottes auf diejenigen hinzuziehen weiß, die von seinem pastoralen Dienst abhängig sind, um auf diese Weise Bekehrungen, Vorsätze für ein intensiveres geistliches Leben, Priester- und Ordensberufe zu fördern. Schließlich wird nur der Priester, der täglich die Erfahrung mit der „conversatio in coelis“ macht, die die Freundschaft mit Christus zu seinem Lebensinhalt werden lässt, in der Lage sein, einer wirklichen Neu-Evangelisierung echten Auftrieb zu verleihen.

3. Diener der Versöhnung mit Gott und mit der Kirche

In einer Welt, in der das Spendenbewusstsein in breitem Maße geschwunden ist, (67) gilt es nachdrücklich daran zu erinnern, dass eben der Mangel an Gottesliebe verhindert, die Realität der Sünde in ihrer ganzen Bosheit wahrzunehmen. Die Bekehrung nicht nur als vorübergehender innerer Akt, sondern als ständige Haltung kommt durch die wahre Kenntnis der barmherzigen Liebe Gottes in Schwung. „Denn wer Gott auf diese Weise kennenlernt, ihn so ,,sieht“, kann nicht anders als in fortwährender Bekehrung zu ihm leben. Er lebt also im ,,Zustand der Bekehrung““.(68) Die Buße gehört somit zum festen Erbe im kirchlichen Leben der Getauften; sie ist jedoch gekennzeichnet von der Hoffnung auf Vergebung: „Einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden“ (1 Petr 2,10).

Die Neu-Evangelisierung erfordert also — und das ist eine absolut unausweichliche pastorale Forderung — eine neue Anstrengung, um den Gläubigen das Sakrament der Buße oder Versöhnung näherzubringen, (69) „das den Weg zu jedem Menschen selbst dann ebnet, wenn er mit schwerer Schuld beladen ist. In diesem Sakrament kann jeder Mensch auf einzigartige Weise das Erbarmen erfahren, das heißt die Liebe, die mächtiger ist als die Sünde.(70) Wir brauchen keine Angst davor zu haben, mit Eifer zu dieser sakramentalen Praxis dadurch zu ermutigen, dass wir auf intelligente Weise langlebige und heilsame christliche Traditionen erneuern und wiederbeleben. In einem ersten Schritt wird es darum gehen, die Gläubigen mit Hilfe des Heiligen Geistes zu einer tiefgehenden Umkehr anzuhalten, die eine aufrichtige und bußfertige Anerkennung der im Leben jedes Menschen vorhandenen moralischen Unordnung hervorruft; sodann wird es notwendig sein, den Gläubigen die Bedeutung der häufigen Einzelbeichte beizubringen, bis es möglich ist, mit einer echten persönlichen Seelenführung zu beginnen.

Ohne die Spendung des Sakraments mit dem Angebot der Seelenführung zu verwechseln, sollen die Priester von der Feier des Sakraments an die Gelegenheit wahrnehmen und das Gespräch der Seelenführung beginnen. „Die Wiederentdeckung und Verbreitung dieser Praxis, auch zu anderen als zu den für die Beichte vorgesehenen Zeiten, ist eine große Wohltat für die Kirche in der gegenwärtigen Zeit“.(71) Auf diese Weise wird der Priester mithelfen, Sinn und Wirksamkeit des Bußsakramentes wiederzuentdecken, und damit die Voraussetzungen für die Überwindung der Krise dieses Sakraments schaffen. Die persönliche Seelenführung ermöglicht es, wahre Apostel auszubilden, die imstande sind, die Neu-Evangelisierung in der weltlichen Gesellschaft zu verbreiten. Um bei der Aufgabe der Wiederevangelisierung vieler Getaufter, die sich von der Kirche entfernt haben, voranzukommen, ist es notwendig, diejenigen, die ihr nahe stehen, sehr gut auszubilden.

Die Neu-Evangelisierung verlangt, dass man sich auf eine entsprechende Anzahl von Priestern verlassen kann: Die jahrhundertelange Erfahrung lehrt, dass ein Großteil der positiven Antworten auf Berufungen außer dem Lebensbeispiel der Priester, die ihrer Identität innerlich und äußerlich treu sind, auch der Seelenführung zu verdanken sind. „Jeder Priester wird sich besonders der Förderung von Berufungen widmen, ohne zu versäumen, […] in geeigneten Initiativen durch persönlichen Kontakt darauf zu achten, dass Talente entdeckt werden und dass der Wille Gottes zu einer mutigen Entscheidung für die Nachfolge Christi erkannt wird. […] Es ist ein unaufhebbares Erfordernis der pastoralen Liebe, dass jeder Priester — die Gnade des Heiligen Geistes unterstützend — sich mit sorgsamem Eifer darum bemüht, wenigstens einen Nachfolger im priesterlichen Dienst zu finden“.(72)

Allen Gläubigen die tatsächliche Möglichkeit zur Beichte zu geben, erfordert zweifellos eine große Hingabe an Zeit.(73) Es wird dringend empfohlen, verbindliche Zeiten für die Anwesenheit in den Beichtstühlen festzulegen, die allen bekannt sind, und sich nicht auf eine theoretische Verfügbarkeit zu beschränken. Manchmal genügt nämlich die Tatsache, dass sich ein Gläubiger gezwungen sieht, erst auf die Suche nach einem Beichtvater zu gehen, ihn von seiner Absicht zu beichten abzubringen, während die Gläubigen „gern dort dieses Sakrament empfangen, wo sie wissen, dass Priester für diesen Dienst zur Verfügung stehen“.(74) Die Pfarreien und allgemein die für den Gottesdienst bestimmten Kirchen sollten einen festen, großzügigen und günstigen Zeiplan für Beichten haben, und die zuverlässige Einhaltung dieses Zeitplanes ist Aufgabe der Priester. Entsprechend diesem Bemühen, das den Gläubigen den Empfang des Sakraments der Versöhnung nach Möglichkeit erleichtern soll, muss auch in richtiger Weise für die Aufstellung und Wartung der Beichstühle gesorgt werden: ihre Sauberhaltung, ihre Sichtbarkeit, die Möglichkeit des Gebrauchs des Gitters und der Wahrung der Anonymität (75) usw.

Es ist nicht immer leicht, diese Seelsorgspraktiken einzuhalten und zu verteidigen, doch darf deshalb nicht verschwiegen werden, dass sie wirksam sind und es daher angebracht ist, sie dort, wo sie außer Gebrauch gekommen sind, wieder aufzunehmen. Wie die Hilfe zwischen Weltpriestern und Ordenspriestern für diese pastoral wichtigste Bereitschaft gefördert werden muss, ist auch der tägliche Dienst im Beichtstuhl voll Hochachtung anzuerkennen, der von so vielen alten Priestern, echten geistlichen Lehrern der verschiedenen christlichen Gemeinden, in bewundernswürdiger Weise geleistet wird.

Dieser ganze Dienst an der Kirche wird wesentlich leichter sein, wenn die Priester selber die ersten sind, die regelmäßig zur Beichte gehen.(76) Unerläßliche Voraussetzung für einen hochherzigen Dienst der Versöhnung ist nämlich, dass der Priester persönlich als Pönitent das Sakrament empfängt. „Die ganze priesterliche Existenz würde unweigerlich schweren Schaden nehmen, wenn man es aus Nachlässigkeit oder anderen Gründen unterließe, regelmäßig und mit echtem Glauben und tiefer Frömmigkeit das Bußsakrament zu empfangen. Wenn ein Priester nicht mehr zur Beichte geht oder nicht gut beichtet, so schlägt sich das sehr schnell in seinem priesterlichen Leben und Wirken nieder, und auch die Gemeinde, deren Hirt er ist, wird dessen bald gewahr“ .(77)

„Der Dienst der Priester ist vor allem verantwortungsvolle und notwendige Verbundenheit und Mitarbeit am Dienst des Bischofs in der Sorge um die Universalkirche und um die einzelnen Teilkirchen; für den Dienst an ihnen bilden sie zusammen mit dem Bischof ein einziges Presbyterium“.(78) Auch die Brüder im Priesteramt müssen bevorzugtes Ziel der pastoralen Liebe des Priesters sein. Es geht darum, ihnen geistlich und materiell zu helfen, ihnen auf einfühlsame Weise die Beichte und die Seelenführung zu erleichtern, ihnen den Weg des Dienstes liebenswert zu machen, ihnen in jeder Not beizustehen, sie in allen Schwierigkeiten, in Alter und Krankheit mit brüderlicher Sorge zu begleiten… Also ein wahrhaft wertvolles Feld für die praktische Übung der priesterlichen Tugenden.

Unter den Tugenden, die für eine fruchtbare Erfüllung des Dienstes der Versöhnung notwendig sind, ist die pastorale Besonnenheit von grundlegender Bedeutung. Wie bei der Erteilung der Absolution der Amtsträger mit funktionaler Wirkkraft an der sakramentalen Handlung teilnimmt, so besteht auch bei den anderen Akten des Bußritus seine Aufgabe darin, den Pönitenten Christus gegenüberzustellen, indem er mit äußerster Behutsamkeit die Begegnung mit dem Erbarmen unterstützt. Dazu gehört, dass allgemeine Reden, welche die Realität der Sünde außer Betracht ließen, vermieden werden; als notwendig erweist sich daher beim Beichtvater das angemessene Wissen.(79) Aber zugleich ist das Bußgespräch immer von jenem Verständnis erfüllt, das die Seelen schrittweise den Weg der Umkehr entlangzuführen vermag, ohne irgendeinem Zugeständnis an die sogenannte „Abstufung der moralischen Normen“ zu erliegen.

Da die Beichtpraxis — zum großen Schaden für das moralische Leben und das gute Gewissen der Gläubigen — vielerorts zurückgegangen ist, zeigt sich die reale Gefahr einer Abnahme der theologischen und seelsorgerischen Substanz in der Art und Weise, wie der Beichtvater seine Aufgabe wahrnimmt. Der Beichtvater muss den Paraklet, den Tröster-Geist, um die Fähigkeit bitten, diesen Heilsvorgang mit übernatürlicher Sinnhaftigkeit zu erfüllen (80) und ihn in eine echte Begegnung des Sünders mit Jesus, der ihm vergibt, zu verwandeln. Gleichzeitig muss er die Gelegenheit der Beichte dazu nützen, das Gewissen des Pönitenten richtig zu bilden — eine äußerst wichtige Aufgabe —, indem er ihm mit aller Behutsamkeit die notwendigen Fragen stellt, um die Integrität der Beichte und die Gültigkeit des Sakraments zu gewährleisten; indem er ihm hilft, Gott für sein Erbarmen ihm gegenüber aus tiefstem Herzen zu danken und einen festen Vorsatz zur Berichtigung seines moralischen Verhaltens auszusprechen, und es nicht verabsäumt, ihm einige passende Worte der Ermutigung und des Trostes zu sagen und ihn zur Erfüllung von Bußwerken anzuspornen, die ihm, abgesehen von der Wiedergutmachung für seine Sünden, helfen sollen, in den Tugenden zu wachsen.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN UBER KAPITEL III

13. Wesen und Heilsbedeutung der Sakramente sind unveränderlich. Wie lässt sich, von diesen sicheren Voraussetzungen ausgehend, die Pastoral der Sakramente erneuern und in den Dienst der Neu-Evangelisierung stellen?

14. Sind unsere Gemeinden eine „Kirche der Eucharistie und der Buße“? Wird dort die eucharistische Frömmigkeit in allen ihren Formen gefördert? Wird die Praxis der Einzelbeichte motiviert und unterstützt?

15. Wird üblicherweise auf die Realpräsenz des Herrn im Tabernakel hingewiesen, zum Beispiel durch Ermunterung zur fruchtbaren Praxis des Besuches beim Allerheiligsten? Sind die Akte eucharistischer Verehrung häufig? Verfügen unsere Kirchen über einen gesegneten Raum, der das Gebet vor dem Allerheiligsten begünstigt?

16. Kümmert man sich in pastoraler Gesinnung besonders um geziemende Ausstattung der Kirchen? Kleiden sich die Priester in der Regel den kanonischen Vorschriften gemäß (vgl. CIC, cann. 284 n. 669; Direktorium Nr. 66) und tragen sie bei der Feier des Gottesdienstes motivierter Weise alle vorgeschriebenen Paramente (vgl. can. 929)?

17. Beichten die Priester regelmäßig und stellen sie sich für diesen grundlegenden Dienst zur Verfügung?

18. Gibt es geeignete Initiativen, um dem Klerus eine ständige Weiterbildung zur Vervollkommnung des Dienstes als Beichtvater zu ermöglichen? Fördert man bei den Pfarrern die für die heutige Zeit gemäße Fortbildung („Aggiornamento“) in diesem unersetzlichen Dienst?

19. Werden angesichts der großen Bedeutung die eine echte Wiederbelebung der Einzelbeichtpraxis für die Neu-Evangelisierung hat, die kirchenrechtlichen Vorschriften über die Generalabsolution eingehalten? Werden in allen Pfarreien und Kirchen die Bußgottesdienste mit pastoraler Behutsamkeit und Liebe gehalten?

20. Welche Initiativen werden konkret durchgeführt, damit die Gläubigen das Sonntagsgebot in motivierter Weise erfüllen?

IV. Kapitel

LIEBENDE HIRTEN DER IHNEN ANVERTRAUTEN HERDE

„Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11)

1. Mit Christus, um das Erbarmen des Vaters darzustellen und zu verbreiten

„Die Kirche lebt ein authentisches Leben, wenn sie das Erbarmen bekennt und verkündet — das am meisten überraschende Attribut des Schöpfers und des Erlösers — und wenn sie die Menschen zu den Quellen des Erbarmens des Heilands führt, die sie hütet und aus denen sie austeilt“.(81) Diese Wirklichkeit unterscheidet die Kirche wesentlich von allen anderen Institutionen zu Gunsten der Menschen, die zwar eine große, vielleicht auch von religiösem Geist erfüllte Rolle im Hinblick auf Solidarität und Menschenliebe spielen mögen, jedoch niemals von selbst als tatsächliche Spender des Erbarmens Gottes auftreten könnten. Gegenüber dem säkularisierten Begriff des Erbarmens, der das Innere des Menschen nicht zu verwandeln vermag, erscheint das in der Kirche angebotene Erbarmen Gottes sowohl als Vergebung wie als Heilmittel; für seine Wirksamkeit auf den Menschen ist die Annahme der ganzen Wahrheit über sein Dasein, über sein Handeln und über seine Schuld gefordert. Daraus leitet sich die Notwendigkeit der Reue ab, und das macht es auch dringend notwendig, die Verkündigung des Erbarmens mit der Fülle der Wahrheit zu verbinden. Es gibt Aussagen von großer Wichtigkeit in Bezug auf die Priester, die durch eine einzigartige Berufung in der Kirche und von der Kirche dazu aufgerufen sind, das Geheimnis der Liebe des Vaters zu enthüllen und gleichzeitig durch ihren Dienst, der „sich von der Liebe geleitet an die Wahrheit hält“ (Eph 4,15) und den Eingebungen des Heiligen Geistes folgt, zu verwirklichen.

Die Begegnung mit dem Erbarmen Gottes erfolgt in Christus als Offenbarung der väterlichen Liebe Gottes. Als Christus den Menschen seine messianische Rolle offenbart (Vgl. Lk 4,18), stellt er sich als Erbarmen des Vaters gegenüber allen Bedürftigen hin, besonders gegenüber den Sündern, die Vergebung und inneren Frieden nötig haben. „Vor allem für die Letztgenannten wird der Messias ein besonders verstehbares Zeichen Gottes, der Liebe ist, ein Zeichen des Vaters. In diesem sichtbaren Zeichen können die Menschen von heute ebenso wie die Menschen von damals den Vater sehen“ .(82) Gott, der „die Liebe ist“ (1 Joh 4,16.), kann sich nicht anders denn als Erbarmen offenbaren.(83) Der Vater hat sich aus Liebe durch das Opfer seines Sohnes auf das Drama der Rettung der Menschen eingelassen.

Wenn schon in der Verkündigung Christi das Erbarmen eindrucksvolle Züge annimmt, die — wie aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn hervorgeht (Vgl. Lk 15,11-32) — über jede menschliche Realisierung hinausgehen, so tritt es in besonderer Weise in seinem Selbstopfer am Kreuz in Erscheinung. Der gekreuzigte Christus ist die radikale Offenbarung des Erbarmens des Vaters, „das heißt der Liebe, die gegen die Wurzel allen Übels in der Geschichte des Menschen angeht: gegen Sünde und Tod“ .(84) Die christlichspirituelle Überlieferung hat im Heiligsten Herzen Jesu, das die Priesterherzen an sich zieht, eine tiefgründige und geheimnisvolle Synthese des unendlichen Erbarmens des Vaters gesehen.

Die soteriologische Dimension des ganzen munus pastorale der Priester konzentriert sich also auf die Erinnerung an die von Jesus dargebrachte Opfergabe des Lebens, das heißt auf das eucharistische Opfer. „Es gibt nämlich einen innigen Zusammenhang zwischen der Zentralität der Eucharistie, der pastoralen Liebe und der Einheit des Lebens des Priesters […]. Wenn der Priester durch den eigenen Dienst Christus, dem ewigen Hohenpriester, Intelligenz, Willen, Stimme und Hände anbietet, damit er dem Vater das sakramentale Opfer der Erlösung darbringen kann, soll er sich die innere Einstellung des Meisters zu eigen machen und wie Er als Geschenk für seine eigenen Brüder leben müssen. Deshalb muss er lernen, sich mit der Opfergabe innig zu vereinen, indem er auf dem Opferaltar sein ganzes Leben als sichtbares Zeichen der freien und zuvorkommenden Liebe Gottes darbringt“.(85) Im Dauergeschenk des eucharistischen Opfers, Erinnerung an Jesu Tod und Auferstehung, haben die Priester sakramental die einzige und einzigartige Fähigkeit empfangen, den Menschen als Diener das Zeugnis der unerschöpflichen Liebe Gottes zu bringen, die sich aus der weiteren Perspektive der Heilsgeschichte als mächtiger als die Sünde bestätigen wird. Der österliche Christus ist die endgültige Inkarnation des Erbarmens, dessen lebendiges, heilsgeschichtliches und zugleich endzeitliches Zeichen.(86) Das Priestertum, sagt der hl. Pfarrer von Ars, „ist die Liebe des Herzens Jesu“ .(87) Mit ihm sind auch die Priester dank ihrer Weihe und ihres Dienstes ein lebendiges und wirksames Zeichen dieser großen Liebe, jenes „amoris officium“, von dem der hl. Augustinus sprach.(88)

2. „Sacerdos et hostia“

Wesentlich für das echte Erbarmen ist sein Geschenkcharakter. Es muss als unverdientes Geschenk angenommen werden, das ungeschuldet angeboten wird, also nicht aus eigenem Verdienst stammt. Diese Freigebigkeit fügt sich in den Heilsplan des Vaters ein, denn „nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat“ (1 Joh 4,10). Und genau in diesem Kontext findet das geweihte Amt seine Daseinsbrechtigung. Keiner kann sich selbst die Gnade verleihen: sie muss geschenkt und empfangen werden. Das aber setzt voraus, dass es von Christus ermächtigte und befähigte Diener der Gnade gibt. Dieses geweihte Amt, durch das die von Christus Gesandten aus Gottes Gnade das tun und geben, was sie nicht von sich aus tun und geben können, nennt die Überlieferung der Kirche „Sakrament“ .(89)

Die Priester müssen sich daher als lebendige Zeichen und Träger des Erbarmens betrachten, das sie nicht als ihr Eigentum, sondern als Geschenk Gottes anbieten. Ja, sie sind Diener der Liebe Gottes zu den Menschen, Diener des Erbarmens. Der Wille zum Dienst gehört als wesentliches Element zur Ausübung des Priesteramtes, was wiederum beim einzelnen auch die entsprechende moralische Disposition erfordert. Der Priester weist die Menschen auf Jesus hin, auf den Hirten, der „nicht gekommen [ist], um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt 20,28). Der Priester dient in erster Linie Christus, aber so, dass er notwendigerweise den hoch-herzigen Dienst an der Kirche und ihrer Sendung durchmacht.

„Er liebt uns und hat sein Blut vergossen, um unsere Sünden hinwegzunehmen: Pontifex qui dilexisti nos et lavisti nos a peccatis in sanguine tuo. Er hat sich selbst für uns hingegeben: tradidisti temetipsum Deo oblationem et hostiam. Christus führt gerade das Opfer seiner selbst, das der Preis unserer Erlösung ist, in das ewige Heiligtum ein. Die Opfergabe, das heißt das Opfer, ist vom Priester nicht zu trennen“ .(90) Obwohl nur Christus gleichzeitig Sacerdos et Hostia ist, ist sein in die missionarische Dynamik der Kirche eingebundener Diener kraft des Sakraments sacerdos, aber mit der ständigen Ermahnung, auch hostia zu werden, „so gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2,5). Von dieser untrennbaren Einheit zwischen Priester und Opfer, (91) zwischen Priestertum und Eucharistie hängt die Wirkung jeder Evangelisierungstätigkeit ab. Von der festen Einheit —im Heiligen Geist — zwischen Christus und seinem Diener — ohne dass letzterer sich anmaßen würde, Ihn zu ersetzen, sondern sich auf Ihn stützt und Ihn in sich und durch sich handeln lässt — hängt auch heute das eindrucksvolle Wirken des göttlichen Erbarmens ab, das im Wort und in den Sakramenten enthalten ist. Auch auf diese Verbundenheit des Priesters mit Jesus bei der Ausübung des Dienstes erstreckt sich die Bedeutung der Worte: „Ich bin der wahre Weinstock… Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,1.4).

Die Ermahnung, zusammen mit Jesus hostia zu werden, liegt auch dem Zusammenhang zwischen der Zölibatsverpflichtung um der Kirche willen und dem Priesteramt zugrunde. Es geht um die Einverleibung des Priesters zu dem Opfer, „in dem Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie […] heilig zu machen“ (Eph 5,25-26). Der Priester ist berufen, „lebendiges Abbild Jesu Christi, des Bräutigams der Kirche“, (92) zu sein, indem er ihr sein ganzes Leben darbringt. „Der priesterliche Zölibat ist also Selbsthingabe in und mit Christus an seine Kirche und Ausdruck des priesterlichen Dienstes an der Kirche in und mit dem Herrn“.(93)

3. Die pastorale Sorge der Priester: Dienen durch Leitung in Liebe und Stärke

„Die Priester üben entsprechend ihrem Anteil an der Vollmacht das Amt Christi, des Hauptes und Hirten, aus. Sie versammeln im Namen des Bischofs die Familie Gottes, die als Gemeinschaft von Brüdern nach Einheit verlangt, und führen sie durch Christus im Geist zu Gott dem Vater“ .(94) Die unerlässliche Ausübung des munus regendi des Priesters, die nichts mit einer rein soziologischen Auffassung von Organisationsfähigkeit zu tun hat, geht gleichfalls aus dem sakramentalen Priestertum hervor: „Kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi, des höchsten und ewigen Priesters (vgl. Hebr 5,1-10; 7,24; 9,11-28), sind sie [die Priester] zur Verkündigung der Frohbotschaft, zum Hirtendienst an den Gläubigen und zur Feier des Gottesdienstes geweiht und so wirkliche Priester des Neuen Bundes“.(95)

Entsprechend ihrem Anteil an der Vollmacht Christi verfügen die Priester über eine beachtliche Autorität gegenüber den Gläubigen. Sie wissen jedoch, dass die Gegenwart Christi im Amtsträger „nicht so zu verstehen ist, dass dieser gegen alle menschlichen Schwächen gefeit wäre: gegen Herrschsucht, Irrtümer, ja gegen Sünde“.(96) Das Wort und die Leitung der Amtsträger sind daher, je nach ihren natürlichen oder erworbenen Verstandes —und Willensgaben, ihrem Charakter und ihrer Reife, von größerer oder geringerer Wirkfähigkeit. Dieses Bewusstsein, verbunden mit der Kenntnis der sakramentalen Wurzeln des Hirtenamtes, veranlasst sie zur Nachahmung des Guten Hirten Jesus und macht die pastorale Liebe zu einer für die erfolgreiche Durchführung ihres Dienstes unerläßlichen Tugend.

„Hauptziel ihrer Hirtentätigkeit und der ihnen übertragenen Vollmacht ist es, die ihnen anvertraute Gemeinde zur vollen Entfaltung ihres geistlichen und kirchlichen Lebens zu führen“.(97) Dennoch „darf die Gemeinschaftsdimension der Seelsorge (…) nicht die Bedürfnisse der einzelnen Gläubigen vernachlässigen (…). Man kann sagen, dass Jesus selbst, der Gute Hirt, der ,,seine Schafe, die seine Stimme kennen, einzeln beim Namen ruft“ (Job 10, 3-4), durch sein Beispiel die erste Regel der individuellen Seelsorge festgelegt hat: die Menschen kennen und freundschaftliche Beziehung zu ihnen unterhalten“.(98) In der Kirche muss die Gemeinschaftsdimension und die persönlich-inividuelle Sicht aufeinander abgestimmt werden; mehr noch, bei der Auferbauung der Kirche gelangt der Priester, ausgehend von der Dimension des einzelnen, zu jener der Gemeinschaft. Im Verhältnis zu den einzelnen Personen und zur Gemeinde soll der Priester allen „eximia humanitate“ (mit echter Menschlichkeit) begegnen, (99) niemals aber irgendeiner Ideologie oder einer menschlichen Parteiung zu Diensten sein (100) und sich den Menschen gegenüber nicht „nach Menschengefallen verhalten, sondern so, wie es die Lehre und das christliche Leben verlangt“ .(101)

Trotzdem erweist es sich heute mehr denn je als besonders notwendig, den Stil des pastoralen Wirkens dem Zustand jener Gesellschaften anzupassen, die zwar eine christliche Vergangenheit haben, jetzt aber weitgehend säkularisiert sind. Die Betrachtung des munus regendi in seinem authentischen missionarischen Verständnis, das nicht mit einer bürokratisch-organisatorischen Aufgabe verwechselt werden darf, gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Das verlangt von seiten der Priester ein Ausüben der Stärke mit Liebe, dessen Vorbild in dem Verhalten des Hirten Jesus Christus entdeckt werden muss. Wie wir den Evangelien entnehmen können, scheut er niemals die Verantwortung, die ihm aus seiner messianischen Vollmacht erwächst, sondern übt sie mit Liebe und Stärke aus. Deshalb bedeutet seine Autorität nie unterdrückende Herrschaft, sondern Disponibilität und Gesinnung zum Dienst. Dieser Doppelaspekt — Autorität und Dienst — bildet das Bezugssystem, in welches das munus regendi des Priesters einzuordnen ist: Er muss sich immer bemühen, seinen Anteil an der Stellung Christi als Haupt und Hirt der Herde konsequent umzusetzen.(102)

Der Priester, der mit und unter dem Bischof auch Hirt der ihm anvertrauten Gemeinde und somit von der pastoralen Liebe beseelt ist, darf sich nicht scheuen, seine Autorität in den Bereichen auszuüben, wo er zu ihrer Ausübung verpflichtet ist, da er eben dafür mit Autorität ausgestattet worden ist; der Priester soll daran denken, dass auch dann, wenn diese Autorität mit der gebührenden Stärke ausgeübt wird, versucht werden muß, dabei „non tam praeesse quam prodesse“, nicht in erster Linie zu befehlen, sondern zu dienen.(103) Vielmehr muss sich der, der die Autorität ausüben soll, vor der Versuchung hüten, sich dieser Verantwortung zu entziehen; wenn er sie nicht ausübt, entzieht er sich dem Dienst. In enger Gemeinschaft mit dem Bischof und mit allen Gläubigen soll er vermeiden, in sein Hirtenamt Formen eines Stegreifautoritarismus oder „demokratistische“ Führungsbedingungen einzuführen, die der tieferen Wirklichkeit des Dienstamtes fremd sind und als Folge zur Säkularisierung des Priesters und zur Klerikalisierung der Laien führen.(104) Nicht selten kann sich hinter derartigen Verhaltensweisen die Angst davor verbergen, Verantwortung zu übernehmen, Fehler zu machen, nicht willkommen zu sein, sich unpopulär zu machen, das Kreuz auf sich zu nehmen, usw.: Im Grunde handelt es sich um eine vernebelnde Trübung, welche die authentische Wurzel der priesterlichen Identität betrifft: die Gleichgestaltung mit Christus, dem Hirten und Haupt.

In diesem Sinne verlangt die Neu-Evangelisierung auch, dass der Priester seine tatsächliche Präsenz offen zu erkennen gibt. Man muss die Diener Jesu Christi unter den Menschen gegenwärtig und bereit sehen können. Daher ist auch ihre freundschaftliche und brüderliche Einbindung in die Gemeinde so wichtig. Und in diesem Zusammenhang ist die pastorale Bedeutung der Disziplin bezüglich der kirchlichen Kleidung zu verstehen, über die er nicht hinweggehen darf, weil sie dazu dient, seine zeitlich und räumlich uneingeschränkte Hingabe an den Dienst für Christus, für die Brüder und für alle Menschen in der Öffentlichkeit kundzutun.(105) Je mehr eine Gesellschaft die Zeichen der Säkularisierung an sich trägt, um so mehr braucht sie Zeichen.

Der Priester muss darauf achten, nicht in die widersprüchliche Haltung zu verfallen, auf Grund welcher er sich der Ausübung der Autorität in seinen direkten Zuständigkeitsbereichen entziehen könnte, um sich dann jedoch auf weltliche Fragen wie die der sozialen und politischen Ordnung einzulassen, (106) die Gott den Menschen zur freien Verfügung überlassen hat.

Der Priester muss, wenngleich er sich bei den Gläubigen und, zumindest mancherorts, auch bei den weltlichen Aurotiräten eines beachtlichen Ansehens erfreuen kann, unbedingt daran denken, dass dieses Ansehen mit Demut gelebt werden muss, indem er es korrekterweise dazu benutzt, tatkräftig mitzuwirken an der „salus animarum“, am Heil der Seelen, und sich bewusst bleibt, dass allein Christus das wahre Haupt des Gottesvolkes ist: zu ihm müssen die Menschen hingeführt werden, und es gilt zu vermeiden, dass sie sich an die Person eines einzelnen Priesters anklammern. Die Seelen gehören einzig und allein Christus, denn nur er hat sie zur Ehre Gottes um den Preis seines kostbaren Blutes erlöst. Und genauso ist nur er Herr der übernatürlichen Güter und der Meister, der mit eigener, ihm von Anbeginn zustehender Autorität lehrt. Der Priester ist im Auftrag Christi und im Heiligen Geist nur ein Verwalter der Gaben, die die Kirche ihm anvertraut hat, und hat als solcher nicht das Recht, diese Gaben nach eigenem Belieben zu reduzieren, zu vermehren oder zu verändern.(107) So hat er zum Beispiel nicht die Vollmacht erhalten, die ihm anvertrauten Gläubigen nur einige Wahrheiten des christlichen Glaubens zu lehren, während er andere übergeht, weil er sie für schwerer zu befolgen oder für „weniger aktuell“ hält.(108)

Was die Neu-Evangelisierung und die notwendige pastorale Leitung der Priester betrifft, so muss man mit Engagement allen dabei helfen, einen sorgfältigen und ehrlichen Unterscheidungsprozess vorzunehmen. Hinter der Haltung des „Sich-nicht-aufdrängenWollens“ usw. könnte sich eine Verkennung des theologischen Wesens des Hirtenamtes oder vielleicht auch eine Charakterschwäche verbergen, die die Verantwortung scheut. Nicht unterschätzt werden dürfen auch die etwaige unrechtmäßige Anhänglichkeit zu Personen oder die unzulässige Übernahme von Dienstaufträgen oder das unverhohlene Verlangen nach Popularität und das Fehlen einer redlichen Absicht. Ohne Demut ist die pastorale Liebe gar nichts. Manchmal kann sich hinter einer scheinbar motivierten Auflehnung des Priesters, hinter seinem Widerstand gegen eine vom Bischof angemahnte Änderung seines pastoralen Arbeitsstils — sei es seine exzentrische Art zu predigen oder den Gottesdienst zu feiern, sei es, dass er die vorgeschriebene kirchliche Kleidung nicht trägt oder nach Belieben verändert — Eigenliebe und der, freilich unbewusste, Wunsch verbergen, auf sich aufmerksam zu machen.

Die Neu-Evangelisierung verlangt vom Priester auch eine neue Bereitschaft, seinen Hirtendienst dort auszuüben, wo es am notwendigsten ist. „Wie das Konzil unterstreicht, ,,rüstet die Geistesgabe, die den Priestern in ihrer Weihe verliehen wurde, sie nicht für irgendeine begrenzte und eingeschränkte Sendung, sondern für die alles umfassende und universale Heilssendung bis an die Grenzen der Erde, denn jeder priesterliche Dienst hat teil an der weltweiten Sendung, die Christus den Aposteln aufgetragen hat“.(l09) Der in einigen Ländern zu verzeichnende Priestermangel, zusammen mit der für die moderne Welt charakteristischen Dynamik, macht es besonders notwendig, auf Priester zählen zu können, die bereit sind, nicht nur einen pastoralen Auftrag, sondern, je nach den verschiedenen Erfordernissen, auch die Stadt, die Region oder das Land zu wechseln und die unbedingt notwendige Sendung zu erfüllen, wobei sie aus Liebe zu Gott die eigenen Neigungen und persönlichen Pläne hintansetzen. „Auf Grund des Wesens ihres Dienstes sollen sie daher von einem tiefen missionarischen Geist und ,,von jener wahrhaft katholischen Geisteshaltung“ durchdrungen und beseelt sein, die sie dazu befähigt, ,,über die Grenzen der eigenen Diözese, der Nation oder des Ritus zu blicken und für die Bedürfnisse der ganzen Kirche einzustehen, stets bereit, das Evangelium überall zu verkünden““ .(110) Die richtige Bedeutung der Teilkirche, auch im Hinblick auf die ständige Weiterbildung, darf niemals die Bedeutung der Universalkirche im geringsten verdunkeln, sondern muss harmonisch auf sie abgestimmt werden.

ANREGUNGEN ZUM NACHDENKEN ÜBER KAPITEL IV

21. Wie lässt sich gegenüber den Notleidenden durch unsere Gemeinden und in besonderer Weise durch die Priester das Erbarmen Gottes am lebendigsten offenkundig machen? Besteht man ausreichend zum Beispiel auf der geistlichen und leiblichen Übung der Werke der Barmherzigkeit als Weg christlicher Reifung und Evangelisierung?

22. Ist die pastorale Liebe in allen ihren Dimensionen wirklich „Seele und Kraft der ständigen Weiterbildung“ unserer Priester?

23. Werden die Priester wirklich ermuntert, sich mit aufrichtig brüderlichem Geist um alle anderen Mitbrüder, insbesondere um die kranken und alten, zu kümmern? Bestehen Formen gemeinschaftlichen Lebens oder ähnliche Erfahrungen?

24. Verstehen und akzeptieren unsere Priester ihre besondere Aufgabe der geistlichen Führung der ihnen anvertrauten Gemeinden? Wie üben sie diese konkret aus?

25. Legt man bei der geistlichen Ausbildung der Priester genügend Gewicht auf die missionarische Dimension des priesterlichen Dienstes und auf die universale Dimension der Kirche?

26. Gibt es Glaubenswahrheiten oder moralische Grundsätze, die in der Verkündigung gewöhnlich übergangen werden, weil sie als schwer annehmbar für die Gläubigen gelten?

27. Eine der Aufgaben des Hirtenamtes besteht darin, die Kräfte für den Dienst am Evangelisierungsauftrag zu vereinen. Gibt es Anregungen zu allen Berufungen innerhalb der Kirche unter Beachtung des besonderen Charismas jeder einzelnen?

NACHWORT

„Die Neu-Evangelisierung braucht neue Verkünder, und das sind die Priester, die sich verpflichten, ihr Priestertum als besonderen Weg zur Heiligkeit zu leben“ .(111) Damit das eintritt, ist es von fundamentaler Wichtigkeit, dass jeder Priester täglich die absolute Notwendigkeit seiner persönlichen Heiligkeit wiederentdeckt. „Zuerst muss man selbst rein sein, erst dann die anderen reinigen; zuerst sich belehren lassen, um dann die anderen belehren zu können; zuerst Licht werden, erst dann leuchten; zuerst zu Gott treten, erst dann andere zu ihm führen; zuerst sich heiligen, erst dann andere heiligen“. (112) Diese Verpflichtung nimmt konkrete Gestalt an in der Suche nach einer tiefen Einheit des Lebens, die den Priester dazu anhält, zu versuchen, in allen Lebenssituationen gleichsam wie ein zweiter Christus zu sein und zu leben.

Die Gläubigen der Pfarre bzw. diejenigen, die an den verschiedenen pastoralen Aktivitäten teilnehmen, sehen — beobachten! — und vernehmen — hören! — nicht nur dann, wenn das Wort Gottes verkündet wird, sondern auch, wenn die verschiedenen liturgischen Handlungen, insbesondere die hl. Messe, gefeiert werden; wenn sie im Pfarramt empfangen werden, wo man sie gastfreundlich und liebenswürdig aufnimmt; (113) wenn sie sehen, wie der Priester isst oder sich ausruht, und durch sein Beispiel der Enthaltsamkeit und Mäßigkeit erbaut werden; wenn sie ihn zu Hause aufsuchen und erfreut sind über die priesterliche Einfachheit und Armut, in der er lebt; (114) wenn sie sehen, dass er richtig, ordentlich und vollständig den Vorschriften gemäß gekleidet ist; wenn sie mit ihm auch über ganz allgemeine Themen sprechen und sich aufgerichtet fühlen durch die Bestätigung seiner übernatürlichen Sicht, seiner Behutsamkeit und seines menschlichen Stils, auf Grund dessen er auch die einfachsten Menschen mit echter, priesterlicher Vornehmheit behandelt. „So breitet sich die Gnade und die Liebe des Altars auf den Ambo, den Beichtstuhl, das Pfarrarchiv, auf die Schule, das Oratorium, auf die Häuser und Straßen, auf die Spitäler, auf die Transportmittel und die sozialen Kommunikationsmittel aus, wo immer der Priester die Möglichkeit hat, seine Hirtenaufgabe zu erfüllen: Es ist auf jeden Fall seine Messe, die sich ausbreitet, es ist seine geistige Verbundenheit mit Christus, sacerdos et hostia, die ihn — wie der hl. Ignatius von Antiochien sagte — ,,Weizenkorn Gottes sein lässt, um zum reinen Brot Christi zu werden“ (vgl. Epist. ad Romanos, IV, 1), zum Wohl der Brüder“.(115)

Auf diese Weise wird es der Priester des dritten Jahrtausends ermöglichen, daß sich in unseren Tagen aufs neue die Reaktion der Emmausjünger wiederholt, die, nachdem sie dem göttlichen Meister Jesus, der ihnen die Schrift erklärte, zugehört hatten, nicht umhin können, sich erstaunt zu fragen: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß? (Lk 24,32).

Der Königin und Mutter der Kirche müssen wir Hirten uns anvertrauen, damit wir in gesinnungsmäßiger Einheit mit dem Stellvertreter Christi die Methoden zu entdecken vermögen, um in allen Priestern der Kirche einen aufrichtigen Wunsch nach Erneuerung in ihrer Aufgabe als Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der Gemeinde aufbrechen zu lassen. Wir bitten die Königin der Evangelisierung, dass die heutige Kirche die Wege wiederentdecken möge, die das Erbarmen des Vaters in Christus durch den Heiligen Geist von Ewigkeit an bereitet hat, um auch die Menschen unserer Zeit zur Gemeinschaft mit ihm zu führen.

Rom, aus dem Gebäude der Kongregationen, am 19. März 1999, dem Fest des hl. Josef, des Patrons der Gesamtkirche.

DARÍO Kard. CASTRILLÓN HOYOS

Präfekt

CSABA TERNYÁK
Titular-Erzbischof von Eminenziana
Sekretär

GEBET ZU MARIA

MARIA,

Stern der Neu-Evangelisierung,

Du hast von Anfang an die Apostel und ihre Mitarbeiter bei der Verbreitung des Evangeliums aufgerichtet und ermutigt: vermehre zu Beginn des dritten Jahrtausends in den Priestern das Bewusstsein dafür, dass sie als Erste für die Neu-Evangelisierung verantwortlich sind.

MARIA,

als Erste evangelisiert und erste Verkünderin,

hast Du mit einzigartigem Glauben, Hoffnung und Liebe auf die Verkündigung des Engels geantwortet: bringe Deine Fürsprache für diejenigen ein, die Deinem Sohn, Christus dem Hohenpriester, gleichgestaltet werden, damit auch sie mit demselben Geist auf den dringenden Aufruf antworten, den der Heilige Vater im Namen Gottes anlässlich des Großen Jubiläums an sie richtet.

MARIA,

Lehrmeisterin des gelebten Glaubens,

Du hast das göttliche Wort mit voller Bereitschaft gehört: lehre die

Priester, sich durch das Gebet mit jenem Wort vertraut zu machen und sich voll Demut und Leidenschaft in seinen Dienst zu stellen, so dass es seine ganze Heilskraft im dritten Jahrtausend der Erlösung weiter ausübt.

MARIA,

Voll der Gnade und Mutter der Gnade,

nimm Dich Deiner Söhne, der Priester, an, die wie Du dazu berufen

sind, Mitwirkende des Heiligen Geistes zu sein, der Jesus im Herzen der Gläubigen wieder zur Welt kommen lässt. Lehre sie am Jahrestag der Geburt Deines Sohnes, getreue Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein: damit sie mit Deiner Hilfe vielen Seelen den Weg der Versöhnung erschließen und die Eucharistie zur Quelle und zum Höhepunkt ihres eigenen und des Lebens der ihnen anvertrauten Gläubigen machen.

MARIA,

Stern am Beginn des dritten Jahrtausends,

geleite weiterhin die Priester Jesu Christi, damit sie, dem Beispiel

Deiner Liebe zu Gott und zum Nächsten folgend, echte Hirten seien und die Schritte aller zu Deinem Sohn, dem wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet (vgl. Joh 1,9), hinlenken können. Mögen die Priester und durch sie das ganze Volk Gottes die liebevolle und dringliche Aufforderung hören, die Du an der Schwelle des neuen Jahrtausends der Heilsgeschichte an sie richtest: „Was er euch sagt, das tut!“ (Vgl. Job 2,5). „Im Jahr 2000 — so der Stellvertreter Christi

— wird mit neuer Kraft die Verkündigung der Wahrheit wieder erschallen müssen: ,,Ecce natus est nobis Salvator mundi““ (Tertio millennio adveniente, Nr. 38).

Anmerkungen

(1) JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente, 10. November 1994: AAS 87 (1995) 5-41; Nr. 38.

(2) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, 7. Dezember 1990: AAS 8 (1991) 249-340; Nr. 33.

(3) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 1994, Nr. 7.

(4) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, 25. März 1992, Nr. 18: AAS 84 (1992) 685.

(5) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 1.

(6) „Der christliche Glaube läuft nicht selten Gefahr, als eine Religion unter vielen betrachtet und auf eine bloße Sozialethik im Dienst des Menschen verkürzt zu werden. So wird seine umwälzende Neuartigkeir in der Geschichte nicht immer sichtbar: Er ist ,,Geheimnis“, er ist das Heilsgeschehen vorn Sohn Gottes, der Mensch wird und allen, die ihn aufnehmen, ,,Macht gibt, Kinder Gottes zu werden“ (Job 1,12)“ (JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 46).

(7) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 13; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 1, 3, 6; Interdikasterielle instruktion Ecclesiae de mysterio über einige Fragen betreffend die Mitarbeit gläubiger Laien am Dienst der Priester, Vorwort.

(8) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 63.

(9) Ebd., Nr. 67.

(10) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Einleitung. Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 2 u. 14.

(11) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Eides et ratio, 14. September 1998, Nr. 62.

(12) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 171.

(13) II. VAT. KONZIL, Dogmar. Konstitution Lumen getium, Nr. 30.

(14) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konstitution Lumen gentium, Nr. 48b.

(15) Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 21.

(16) Vgl. II. VAT. KONZIL, DEKRET Presbyterorum ordinis, Nr. 12; JOHANNES PAUL II.,

Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 25.

(17) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 43.

(18) HL. GREGOR DER GROSSE, Liber regulae pastoralis, II, 1.

(19) JOHANNES PAUL II., Ansprache an das VI. Symposion der europäischen Bischöfe, 11. Oktober 1985, Nr. 13: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, VIII, 2 (1985), 918-919.

(20) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 12.

(21) JOHANNES PAUL II., Ansprache zur Eröffnung der IV. Vollversammlung des CELAM, 12. Dezember 1992, Nr. 24: AAS 85 (1993) 826; vgl. Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconcdiatio et paenitentia, 2. Dezember 1984, Nr. 13: AAS 77 (1985) 208-211.

(22) PAUL VI., Apostol. Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 47.

(23) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konst. Lumen gentium, Nr. 28.

(24) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 4; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Aposol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26.

(25) Vgl. II. VAT. Konzil Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 5, 13, 14; JOHANNES PAUL II.,

Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 23, 26, 48; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 48.

(26) VAT. KONZIL, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 4.

(27) Ebd., Nr. 11.

(28) Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Bischöfe des CELAM, 9. März 1983: Insegnamenti, VI, 1 (1983), 698; Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 18.

(29) II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konst. Dei Verbum, Nr. 2.

(30) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 4.

(31) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1550.

(32) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26.

(33) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 45.

(34) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 4.

(35) HL. AUGUSTINUS, De doctrina christiana, 4,15,32: PL 34,100.

(36) Vgl. PAUL VI., Apostol. Konstitution Laudis canticum, 1.11.1970, Nr. 8.

(37) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 45.

(38) II. VAT. KONZIL, Pastoraikonstitution Gaudium et spes, Nr. 22.

(39) Ebd.

(40) Vgl. Interdikasterielle instruktion Ecclesiae de mysterio über einige Fragen zur Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester, 15. August 1997, Artikel 3.

(41) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 19.

(42) Vgl. ebd.; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis Nr. 70 ff.; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 69 ff.

(43) Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26 u. 47; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 46.

(44) KONGREGATION FÜR DAS KATHOLISCHE ERZIEHUNGSWESEN, Instruktion über das Studium der Kirchenväter in der Priesterausbildung, Vatikanstadt 1989.

(45) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Fides et ratio, 14. September 1998 Nr. 2.

(46) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 46.

(47) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 738.

(48) II. VAT. KONZIL, Konstitution Sacrosanctum Concilium‘ Nr. 2.

(49) II. VAT. KONZIL, Dogm. Konstitution Lumen Gentium, Nr. 45.

(50) II. VAT. KONZIL, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 45.

(51) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 7b-c.

(52) JOHANNES PAUL II., Generalaudienz vom 5. Mai 1993: Insegnamenti XVI, 1 (1993)1061.

(53) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 12c.

(54) Vgl. ebd., Nr. 5.

(55) JOHANNES PAUL II., Generalaudienz vom 12. Mai 1993: lnsegnamenti XVI, 1 (1993)1197.

(56) II. VAT. KONZIL, Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 2.

(57) JOHANNES PAUL II., Schreiben an die Priester zum Gründonnerstag 1997, Nr. 5.

(58) Vgl. II. VAT. KONZIL, Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 2 n. 10.

(59) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 6.

(60) Ebd., Nr. 5.

(61) Ebd.

(62) Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprachen an die Priester und Diakone, 5. 40.

(63) Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostol. Schreiben Dies Domini, 31. Mai 1998, Nr. 46.

(64) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 49.

(65) JOHANNES PAUL II., Ansprachen an die Priester und Diakone, 5. 40.

(66) Vgl. ebd.; II. VAT. KONZIL, Dogmat. Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 112, 114, 116, 120, 122-124, 128.

(67) Vgl. Pius XII., Rundfunkbotschaft an den Nationalen Katechetischen Kongreß der Vereinigten Staaten, 26. Oktober 1946: Discorsi e Radiomessaggi VIII (1946) 288; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, Nr. 18.

(68) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 13.

(69) Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprachen an Priester und Diakone, 5. 108.

(70) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 13.

(71) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 54. Vgl. JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, Nr. 31.

(72) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 32.

(73) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 13; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 53.

(74) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 13; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 53.

(75) Vgl. PÄPSTL. RAT FÜR DIE INTERPRETATION DER GESETZESTEXTE, Erklärung zu C.LC. can. 964 § 2, 16. Juni 1998 (vom Iii. Vater approbiert am 7. Juli 1998), in: Communicationes, 30 (1998).

(76) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 18; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26, 48; Ansprachen an die Priester und Diakone, 5. 50; Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitenia, Nr. 31; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 53.

(77) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, Nr. 31, VI.

(78) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 17.

(79) Was das betrifft, so wird eine solide Vorbereitung bezüglich jener Themen verlangt, die am häufigsten vorkommen. Als sehr hilfreich erweist sich dafür das Vademecum für Beichtväter zu einigen das Eheleben betreffenden Moralthemen (PÄPSTLICHER RAT FUR DIE FAMILIEN, 12. Februar 1997).

(80) Ebd.

(81) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, 30. November 1980, Nr. 13c: AAS 72 (1980) 1183.

(82) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 3.

(83) Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 13.

(84) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 8.

(85) KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 48.

(86) Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, Nr. 8.

(87) Vgl. Jean-Marie Vianney , curé d‘Ars: sa pensée, son coeur, présentés par Bernard Nodet, Le Puy 1960, 5. 100.

(88) HL. AUGUSTINUS, In Johannis evangelium tractatus, 123,5: CCL 36, 678.

(89) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 875.

(90) JOHANNES PAUL II., Schreiben an die Priester zum Gründonnerstag 1997, Nr. 4.

(91) Vgl. HL. THOMAS VON AQUIN, Summa Theol. III, q. 83, a. 1, ad 3.

(92) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 22.

(93) Ebd., Nr. 29.

(94) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 6.

(95) II. VAT. KONZIL, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 28.

(96) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1550.

(97) JOHANNES PAUL II., Ansprache bei Generalaudienz vom 19. Mai 1993: Insegnamenti XVI, 1 (1993) 1254.

(98) Ebd., 1255-56.

(99) II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 6.

(100) Vgl. ebd., Nr. 6.

(101) Ebd., Nr. 6.

(102) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 17.

(103) HL. AUGUSTINUS, Ep. 134,1: CSEL 44, 85.

(104) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr.19; vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache an das Symposium über die „Teilnahme der Laien am priesterlichen Dienst“ (22. April 1994), Nr. 4: „Sacrum Ministerium“ 1 (1995) 64; vgl. Interdikasterielle instruktion Ecclesiae de mysterio über einige Fragen zur Mitarbeit gläubiger Laien am priesterlichen Dienst, 15. August 1997, Einleitung.

(105) Vgl. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 66.

(106) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2442; C.I.C., can. 227; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 33.

(107) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dogmatische Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 22; CI. C., can. 846; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 49 und 64.

(108) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 26; Ansprachen an die Priester und Diakone, Libreria Editrice Vaticana 1995, S. 27; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 45.

(109) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 18; vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 10.

(110) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 18; vgl. II. VAT. KONZIL., Dekret Optatam totius, Nr. 20.

(111) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 82.

(112) HL. GREGOR VON NAZIANZ, Orationes, 2,71: PG 35, 480.

(113) JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 82.

(114) Vgl. II. VAT. KONZIL, Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 17; GIG., can. 282; JOHANNES PAUL II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Pastores dabo vobis, Nr. 30; KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Direktorium für Dienst und Leben der Priester, Nr. 67.

(115) JOHANNES PAUL II., Ansprachen an die Priester und Diakone, S. 72.

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Quelle

VADEMEKUM FÜR DIE BEICHTVÄTER IN EINIGEN FRAGEN DER EHEMORAL

PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE FAMILIE

VADEMEKUM FÜR DIE BEICHTVÄTER IN EINIGEN FRAGEN DER EHEMORAL

VORWORT

Christus setzt durch seine Kirche die Sendung fort, die er vom Vater erhalten hat. Er sendet die Zwölf aus, das Reich Gottes zu verkünden und die Menschen zu Umkehr und Bube, zur Metanoia (vgl. Mk 6,12) zu rufen. Jesus, der Auferstandene, überträgt ihnen seine Gewalt, Sünden zu vergeben: »Empfangt den Heiligen Geist; wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen« (Joh 20,22-23). Durch die von ihm gewirkte Ausgießung des Heiligen Geistes setzt die Kirche die Verkündigung des Evangeliums fort, ruft alle Menschen zur Umkehr auf, spendet das Sakrament der Sündenvergebung, durch das der reuige Sünder die Versöhnung mit Gott und mit der Kirche empfängt, so dass sich ihm der Weg des Heils eröffnet.

Der Heilige Vater hat in seinem besonderen pastoralen Gespür dem Päpstlichen Rat für die Familie den Auftrag gegeben, das vorliegende Vademekum als Orientierungshilfe für Beichtväter herauszugeben. Vor dem Hintergrund seiner großen Erfahrung als Priester und Bischof hat er erkannt, wie wichtig sichere und klare Wegweisungen für die Spender des Sakraments der Versöhnung sind, auf die sie dann im Gespräch mit den Menschen zurückgreifen können. Die Fülle der Verlautbarungen des Lehramts der Kirche zu Fragen von Ehe und Familie, insbesondere seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, ist eine gute Grundlage für die Zusammenfassung einiger Fragen der Morallehre über das Eheleben.

Dass sich die Kirche in ihrer Lehre der Anforderungen im Hinblick auf das Sakrament der Buße bewusst ist und unerschütterlich daran festhält, lässt sich nicht leugnen. Trotzdem hat sich bei der Umsetzung dieser Lehre in der pastoralen Praxis ein gewisses Vakuum gebildet. Zwar bildet die von der Kirche vorgelegte Lehre die Grundlage für dieses »Vademekum«. Dennoch ist es nicht unsere Aufgabe, diese einfach zu wiederholen, auch wenn in einigen Abschnitten darauf verwiesen wird. Wir kennen den ganzen Reichtum, den die Enzyklika Humanae vitae und die Enzyklika Veritatis splendor sowie die Apostolischen Schreiben Familiaris consortio und Reconciliatio et paenitentia bieten. Wir wissen auch, dass der Katechismus der Katholischen Kirche eine gute und synthetische Zusammenfassung der Lehre in diesen Fragen bietet.

»Es ist die wesentliche Aufgabe der Kirche, den Menschen im Herzen zu Umkehr und Buße zu führen und ihm das Geschenk der Versöhnung anzubieten […]. Dies ist eine Sendung, die sich nicht in einigen theoretischen Aussagen und in der Verkündigung eines ethischen Ideals erschöpft, welche von keinen wirksamen Kräften begleitet ist. Sie zielt vielmehr darauf ab, sich für eine konkrete Praxis der Buße und Versöhnung in bestimmten Amtshandlungen auszudrücken« (Apostolisches Schreiben Reconciliatio et paenitentia, Nr. 23).

Wir freuen uns, den Priestern dieses Dokument überreichen zu können. Es wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Heiligen Vaters und unter kompetenter Mitarbeit von Theologieprofessoren und Bischöfen verfasst.

Wir danken allen, die durch ihren Beitrag die Verwirklichung des Dokuments ermöglicht haben. Unser besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang der Kongregation für die Glaubenslehre und der Apostolischen Pönitentiarie.

EINLEITUNG

1. Ziel des Dokuments

Der Familie, die das II. Vatikanische Konzil als das häusliche Heiligtum der Kirche sowie als die »Grund- und Lebenszelle der Gesellschaft«1 definiert hat, schenkt die Kirche in ihrer pastoralen Tätigkeit besondere Beachtung. »In einem geschichtlichen Augenblick, in dem die Familie Ziel von zahlreichen Kräften ist, die sie zu zerstören oder jedenfalls zu entstellen trachten, ist sich die Kirche bewusst, dass das Wohl der Gesellschaft und ihr eigenes mit dem der Familie eng verbunden ist, und fühlt umso stärker und drängender ihre Sendung, allen den Plan Gottes für Ehe und Familie zu verkünden«.2

In den letzten Jahren hat die Kirche — sowohl in der Verkündigung des Heiligen Vaters als auch durch eine umfangreiche seelsorgerische Initiative von Priestern und Laien — ihre Bemühungen verstärkt, alle Gläubigen zur dankbaren und glaubenserfüllten Betrachtung all jener Gaben anzuleiten, die Gott den Gatten im Sakrament der Ehe zuteil werden lässt. Es ist ihr ein Anliegen, dass die Eheleute in der Lage sind, auf dem Weg wahrer Heiligkeit voranzuschreiten und so in den konkreten Situationen ihres Lebens das Evangelium in authentischer Weise zu bezeugen.

Auf dem Weg zur Heiligkeit in Ehe und Familie sind die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung von grundlegender Bedeutung. Das erste festigt die Verbindung mit Christus, dem Ursprung aller Gnaden und des Lebens, das zweite richtet die eheliche und familiäre Gemeinschaft wieder auf, wenn diese zerstört war, bzw. fördert und vervollkommnet sie,3 allen Bedrohungen und Verletzungen durch die Sünde zum Trotz.

Ein eingehendes Verständnis ihres Weges zur Heiligkeit und die Erfüllung ihrer Sendung seitens der Eheleute baut auf der Bildung ihres Gewissens sowie der tätigen Annahme des Willens Gottes im spezifischen Umfeld ihres Ehelebens auf, d.h. in ihrer ehelichen Gemeinschaft und in ihrem Dienst am Leben. Das Licht des Evangeliums und die sakramentale Gnade bilden die beiden unverzichtbaren Grundlagen für die erhabene Vollkommenheit ehelicher Liebe, welche ihren Ursprung in Gott dem Schöpfer hat: »Diese Liebe hat der Herr durch eine besondere Gabe seiner Gnade und Liebe geheilt, vollendet und erhöht«.4

Für das Annehmen sowohl der Forderungen authentischer Liebe als auch des Planes Gottes im täglichen Leben der Eheleute stellt der Moment, in dem diese das Sakrament der Versöhnung erbitten und empfangen, ein heilbringendes Ereignis von größter Bedeutung dar; es bietet Gelegenheit zur erhellenden Vertiefung des Glaubens und hilft in konkreter Weise, Gottes Plan im eigenen Leben zu verwirklichen.

»Das Sakrament der Buße oder Versöhnung ebnet den Weg zu jedem Menschen selbst dann, wenn er mit schwerer Schuld beladen ist. In diesem Sakrament kann jeder Mensch auf einzigartige Weise das Erbarmen erfahren, das heißt die Liebe, die mächtiger ist als die Sünde«.5

Da das Sakrament der Versöhnung den Priestern zur Spendung anvertraut ist, richtet sich dieses Dokument in besonderer Weise an alle Beichtväter. Es will einige praktische Anweisungen geben, welche die Beichte und Absolution der Gläubigen hinsichtlich der ehelichen Keuschheit zum Gegenstand haben. Zugleich soll dieses vademecum ad praxim confessariorum als konkreter Anhaltspunkt in der Beichtpraxis der Eheleute dienen, damit diese immer größeren Nutzen aus dem Sakrament der Versöhnung ziehen und so ihre Berufung zu einer verantwortlichen Vater- bzw. Mutterschaft in Einklang mit den göttlichen Gesetzen leben können, wie sie die Kirche kraft ihrer Autorität lehrt. Nicht zuletzt soll es all jenen förderlich sein, die sich auf den Empfang des Ehesakraments vorbereiten.

Die Problematik der verantwortlichen Zeugung von Nachkommenschaft stellt innerhalb der katholischen Morallehre über das Eheleben einen Themenbereich dar, dessen Behandlung einer besonderen Feinfühligkeit bedarf; dies umso mehr im Zusammenhang mit der Spendung des Sakraments der Versöhnung, in dem die kirchliche Lehre den konkreten Umständen und dem geistlichen Wachstum der einzelnen Gläubigen gegenübergestellt wird. Es ergibt sich folglich die Notwendigkeit, einige unverzichtbare Lehraussagen in Erinnerung zu rufen, die es ermöglichen, sich auf eine den pastoralen Anforderungen entsprechende Weise mit den neuen Arten der Empfängnisverhütung und der zunehmenden Bedrohung durch dieses Phänomen auseinanderzusetzen.6 Das vorliegende Dokument will nicht die vollständige Lehre der Enzyklika Humanae vitae, des Apostolischen Schreibens Familiaris consortio und der anderen Aussagen des päpstlichen Lehramtes wiedergeben, sondern lediglich einige Anregungen und Orientierungshilfen bieten; diese sollen einerseits dem geistlichen Wohl der Beichtenden dienen, andererseits sollen sie dazu beitragen, mögliche Unstimmigkeiten und Unsicherheiten in der Praxis der Beichtväter zu überwinden.

2. Die eheliche Keuschheit in der Lehre der Kirche

Die christliche Tradition hat stets entgegen zahlreichen Häresien, die bereits in der Frühzeit der Kirche auftraten, den Wert der ehelichen Vereinigung und der Familie verteidigt. Von Gott in der Schöpfung selbst gewollt, von Christus zu ihrem eigentlichen Ursprung zurückgeführt und zur Würde eines Sakraments erhoben, ist die Ehe eine innige Gemeinschaft der Liebe und des Lebens zwischen den Eheleuten, welche von Natur aus auf das Ehegut der Kinder ausgerichtet ist, die Gott ihnen anvertrauen will. Ihrer Natur entsprechend, ist die einmal eingegangene Bindung, sowohl wegen des Wohls der Gatten und Kinder als auch wegen des Wohls der Gesellschaft, nicht mehr von menschlichem Gutdünken abhängig.7

Die Tugend der ehelichen Keuschheit »wahrt zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe«,8 und in ihr wird die Geschlechtlichkeit »persönlich und wahrhaft menschlich, wenn sie in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert ist«.9 Insofern diese Tugend die intimen Beziehungen der Ehegatten betrifft, verlangt sie, dass diese »sowohl den vollen Sinn gegenseitiger Hingabe als auch den einer wirklich humanen Zeugung in wirklicher Liebe wahren«.10 Es ist daher angezeigt, in Erinnerung zu rufen, dass eines der sittlichen Grundprinzipien des Ehelebens »in der von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte — liebende Vereinigung und Fortpflanzung —, die beide dem ehelichen Akt innewohnen und welche der Mensch nicht eigenmächtig auflösen darf«,11 besteht.

Die Päpste dieses Jahrhunderts haben zahlreiche Dokumente veröffentlicht, in denen sie die Grundwahrheiten der Morallehre über die eheliche Keuschheit in Erinnerung rufen. Unter diesen verdienen die Enzyklika Casti connubii (1930) von Pius XI.12, zahlreiche Ansprachen von Pius XII.13, die Enzyklika Humanae vitae (1968) von Paul VI.14 sowie das Apostolische Schreiben Familiaris consortio15 (1981), der Brief an die Familien Gratissimam sane16 (1994) und die Enzyklika Evangelium vitae (1995) von Johannes Paul II. besondere Erwähnung. Weiterhin sind die Pastoralkonstitution Gaudium et spes17 (1965) und der Katechismus der Katholischen Kirche18 (1992) anzuführen. Hinzu kommen die in Einklang mit den genannten Lehraussagen stehenden Schreiben der Bischofskonferenzen sowie jene von Hirten und Theologen, welche zu einem eingehenderen Verständnis der Thematik beitragen. Nicht zuletzt sei auch das Beispiel zahlreicher Ehepaare genannt, deren Bestreben, in christlicher Weise ihre menschliche Liebe zu leben, einen Beitrag von höchster Wirksamkeit zur Neuevangelisierung der Familien darstellt.

3. Die Ehegüter und die Selbsthingabe der Gatten

Im Sakrament der Ehe empfangen die Eheleute von Christus dem Erlöser das Geschenk jener Gnade, welche die Gemeinschaft treuer und fruchtbarer Liebe festigt und veredelt. Die Heiligkeit, zu der sie berufen sind, ist vor allem ein Gnadengeschenk.

All jene Personen, welche zum Eheleben berufen sind, verwirklichen ihre Berufung zur Liebe19 in der vollständigen Hingabe ihrer selbst, welche in der Sprache des Körpers ihren entsprechenden Ausdruck findet.20 Die spezifische Frucht der gegenseitigen Hingabe der Gatten ist die Weitergabe des Lebens an die Kinder, die Zeichen und Krönung der ehelichen Liebe sind.21

Da die Empfängnisverhütung in direktem Gegensatz zur Weitergabe des Lebens steht, verrät und verfälscht sie die hingebende Liebe, die der ehelichen Vereinigung zu eigen ist: »sie manipuliert den Charakter der Ganzhingabe«22 und widerspricht dem Plan der Liebe Gottes, an dem die Ehegatten teilhaben.

VADEMEKUM FÜR DIE BEICHTVÄTER

Das vorliegende Vademekum besteht aus einer Reihe von Aussagen, derer sich die Beichtväter bei der Spendung der Sakraments der Versöhnung bewusst sein müssen, um in verstärktem Maße die Eheleute in deren Bemühen unterstützen zu können, auf christliche Weise ihre Berufung zur Vater- bzw. Mutterschaft zu leben, entsprechend ihren persönlichen und sozialen Umständen.

1. Die Heiligkeit in der Ehe

1. Alle Christen müssen in geeigneter Weise über ihre Berufung zur Heiligkeit unterrichtet werden. Die Einladung zur Nachfolge Christi schließt niemanden aus; alle Gläubigen sind angehalten, nach der Fülle des christlichen Lebens und der Vollkommenheit der Liebe in ihrem eigenen Stand zu streben.23

2. Die Liebe ist die Seele der Heiligkeit. Aufgrund der ihr eigenen Natur — als in die Herzen der Menschen eingegossene Gabe des Heiligen Geistes — umfasst die göttliche Liebe die menschliche und erhebt sie, so dass diese zur vollkommenen Selbsthingabe befähigt wird. Die Liebe hilft bei der Annahme von Verzicht, erleichtert das Voranschreiten im geistlichen Kampf und vermehrt die Freude an der Selbsthingabe.24

3. Es ist dem Menschen nicht möglich, allein aus eigener Kraft die vollkommene Hingabe seiner selbst zu verwirklichen. Die Befähigung dazu erhält er kraft der Gnade des Heiligen Geistes. Es ist Christus, der die Ehe in ihrer ursprünglichen Wahrheit offenbart und den Menschen, indem er ihn von seinem verhärteten Herzen befreit, dazu befähigt, sie in vollkommener Weise zu leben.25

4. Auf dem Weg zur Heiligkeit macht der Christ sowohl die Erfahrung menschlicher Schwäche als auch die der Güte und Barmherzigkeit des Herrn. Das ausschlaggebende Moment in der Übung der christlichen Tugenden — und folglich auch der ehelichen Keuschheit — liegt daher im gläubigen Gewahrwerden der Barmherzigkeit Gottes und in der demütigen Reue, welche die Vergebung Gottes annimmt.26

5. Die Ehegatten verwirklichen die vollkommene Hingabe ihrer selbst im ehelichen Zusammenleben und in der ehelichen Vereinigung, welche im Fall von Christen aus der Gnade des Sakraments ihr eigentliches Leben schöpfen. Die ihnen eigentümliche Vereinigung und die Weitergabe der Lebens gehören zu den wesenhaften Aufgaben ihrer Heiligung in der Ehe.27

2. Die Lehre der Kirche über die verantwortliche Elternschaft

1. Die Eheleute sind über den unschätzbaren Wert des menschlichen Lebens zu unterrichten, und es gilt, sie in dem Bestreben zu fördern, die eigene Familie zu einem Heiligtum des Lebens zu machen:28 »In der menschlichen Elternschaft ist Gott selber in einer anderen Weise gegenwärtig als bei jeder anderen Zeugung »auf Erden««.29

2. Die Eltern mögen ihre Berufung als Ehre und verantwortungsvolle Aufgabe betrachten, da sie zu Mitarbeitern Gottes werden, welcher einen neuen Menschen ins Leben ruft, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, in Christus erlöst und zu einem Leben in der ewigen Seligkeit bestimmt ist.30 »Auf dieser ihrer Rolle von Mitarbeitern Gottes, der sein Bild auf das neue Geschöpf überträgt, beruht gerade die Größe der Eheleute, die bereit sind ‚zur Mitwirkung der Liebe des Schöpfers und Erlösers, der durch sie seine eigene Familie immer mehr vergrößert und bereichert’«.31

3. Auf diesen Tatsachen gründen sich die Freude und die Ehrfurcht, welche die Christen vor der Vater- bzw. Mutterschaft empfinden. Wenn diese Elternschaft in den jüngsten kirchlichen Dokumenten als »verantwortliche« bezeichnet wird, so dient dies dem Zweck, das Bewusstsein und die Hochherzigkeit der Eheleute hinsichtlich ihres Auftrags zur Weitergabe des Lebens, das in sich einen ewigen Wert birgt, hervorzuheben und ihre Rolle als Erzieher zu betonen. Zweifelsohne fällt es unter die Verantwortung der Ehegatten — welche sich freilich entsprechend beraten lassen mögen —, in besonnener Weise und im Geiste des Glaubens die Größe ihrer Familie zu erwägen und unter Berücksichtigung der moralischen Richtlinien für das Eheleben entsprechende konkrete Entscheidungen zu treffen.32

4. Die Kirche hat stets gelehrt, dass die Empfängnisverhütung, das heißt jeder vorsätzlich unfruchtbar gemachte Akt, eine in sich sündhafte Handlung ist. Diese Lehre ist als definitiv und unabänderlich anzusehen. Die Empfängnisverhütung stellt einen schwerwiegenden Widerspruch zur ehelichen Keuschheit dar; sie ist sowohl der Weitergabe des Lebens (Aspekt der ehelichen Fortpflanzung) als auch der gegenseitigen Hingabe der Gatten (Aspekt der ehelichen Vereinigung) entgegengesetzt; sie verletzt die wahre Liebe und verneint die Souveränität Gottes über die Weitergabe des menschlichen Lebens.33

5. Eine spezifische und moralisch schwerwiegendere Sünde besteht bei Verwendung von Mitteln mit abtreibender Wirkung, sei es dass diese die Einpflanzung des neu gezeugten Embryos verhindern, sei es dass sie dessen frühzeitige Abstoßung bewirken.34

6. Dagegen unterscheidet sich dem Wesen nach von allen empfängnisverhütenden Praktiken — sowohl aus anthropologischer als auch aus moralischer Sicht, da es auf einer anderen Auffassung von Person und Sexualität beruht — das Verhalten jener Ehegatten, die vor dem Hintergrund einer fundamentalen und ständigen Offenheit für das Geschenk des Lebens nur während der unfruchtbaren Perioden miteinander verkehren, wenn sie aus gewichtigen Gründen der verantwortlichen Elternschaft dazu veranlasst werden.35

Das Zeugnis all jener Ehepaare, die seit vielen Jahren in Einklang mit der schöpferischen Absicht Gottes leben und in legitimer Weise im Falle des Vorliegens entsprechend gewichtiger Gründe die sogenannten »natürlichen« Methoden anwenden, bestätigt, dass Eheleute vollständig, in gegenseitiger Übereinstimmung und mit ganzer Hingabe den Anforderungen des Ehelebens und der ehelichen Keuschheit gemäß leben können.

3. Pastorale Orientierungshilfen der Beichtväter

1. Was das Verhalten gegenüber Pönitenten bezüglich der verantwortlichen Elternschaft anlangt, so hat der Beichtvater vier Aspekte zu berücksichtigen: a) das Vorbild des Herrn, der fähig ist, »sich über jeden verlorenen Sohn zu beugen, über jedes menschliche Elend, vor allem über das moralische Elend: die Sünde«;36 b) Umsicht und Klugheit beim Stellen von Fragen, die derartige Sünden betreffen; c) Hilfe und Ermutigung dem Beichtenden gegenüber, damit dieser zu hinlänglicher Reue gelangt und seine schweren Sünden vollständig bekennt; d) die geeigneten Ratschläge, welche alle Menschen schrittweise auf dem Weg der Heiligkeit vorankommen lassen.

2. Der Spender des Sakraments der Vergebung sei sich stets bewusst, dass die Beichte für Männer und Frauen eingesetzt wurde, die Sünder sind. Sofern kein offensichtlicher Beweis für das Gegenteil vorliegt, wird er daher die Sünder, die den Beichtstuhl betreten, in der Annahme empfangen, daß sie guten Willens sind, sich mit dem barmherzigen Gott auszusöhnen. Dieser gute Wille geht, wenn auch in unterschiedlichen Graden, aus einem reuigen und demütigen Herzen (Ps 51[50],19) hervor.37

3. Wenn ein Pönitent das Sakrament empfangen will, der seit langer Zeit nicht mehr gebeichtet hat und eine generell schwerwiegende Situation erkennen läßt, ist es angezeigt, bevor man direkte und konkrete Fragen bezüglich der verantwortlichen Zeugung von Nachkommenschaft sowie der Keuschheit im allgemeinen stellt, ihm dahingehend zu helfen, dass er diese Gebote aus der Sicht des Glaubens verstehen kann. Es wird daher nötig sein, falls das Bekenntnis der Sünden zu knapp oder mechanisch gewesen ist, den Beichtenden dabei zu unterstützen, sein ganzes Leben im Angesicht Gottes neu zu sehen; es wird weiterhin nötig sein, mittels allgemeiner Fragen über die verschiedenen Tugenden und Verpflichtungen entsprechend den persönlichen Umständen des Betroffenen38 ausdrücklich die Berufung zur Heiligkeit der Liebe und die Bedeutung der Pflichten hinsichtlich der Zeugung und der Erziehung von Kindern zu erwähnen.

4. Wenn seinerseits der Pönitent Fragen stellt oder nach Klärung konkreter Punkte — sei es auch nur implizit — verlangt, muss der Beichtvater in entsprechender Weise antworten, jedoch stets mit Klugheit und Diskretion,39 und ohne falsche Meinungen gutzuheißen.

5. Hinsichtlich der objektiv schweren Sünden ist der Beichtvater gehalten, die Beichtenden zu ermahnen und darauf hinzuwirken, dass sie beim Verlangen nach Lossprechung und Vergebung seitens des Herrn den Vorsatz fassen, ihr Verhalten zu überdenken und zu korrigieren. Die Rückfälligkeit in die Sünden der Empfängnisverhütung ist an sich kein Grund, die Absolution zu verweigern; diese kann jedoch nicht erteilt werden, wenn es an ausreichender Reue oder am Vorsatz, nicht erneut zu sündigen, fehlt.40

6. Ein Pönitent, der regelmäßig bei demselben Priester beichtet, erwartet oft mehr als die bloße Lossprechung. In diesem Fall soll sich der Beichtvater darum bemühen, dem Pönitenten Orientierungshilfen zu geben, um ihn in seinem Bemühen zu unterstützen, in allen christlichen Tugenden und folglich auch in der Heiligung des Ehelebens voranzuschreiten. Diese Aufgabe wird dort umso leichter gelingen, wo ein Verhältnis echter geistlicher Leitung besteht, wenn sie auch nicht ausdrücklich als solche bezeichnet wird.41

7. Das Sakrament der Vergebung verlangt seitens des Pönitenten aufrichtige Reue, das formal vollständige Bekenntnis aller Todsünden und den Vorsatz, mit der Hilfe Gottes nicht mehr in die Sünde zurückzufallen. Im allgemeinen besteht keine Notwendigkeit, dass der Beichtvater eingehendere Fragen bezüglich all jener Sünden stellt, die aufgrund von unüberwindlicher Unkenntnis ihrer moralischen Sündhaftigkeit oder aufgrund eines schuldfreien Fehlurteils begangen worden sind. Obwohl allerdings derartige Sünden moralisch nicht anrechenbar sind, so stellen sie doch ein Übel und eine Unordnung dar. Das gilt auch für die objektive moralische Sündhaftigkeit der Empfängnisverhütung: diese führt in das Eheleben der Gatten eine schlechte Gewohnheit ein. Es ist daher nötig, sich auf möglichst geeignete Weise dafür einzusetzen, das moralische Gewissen von diesen Irrtümern42 zu befreien, die im Widerspruch zur Natur der Ganzhingabe des Ehelebens stehen.

Wiewohl man sich der Tatsache bewusst sein muss, dass die Gewissensbildung vor allem in der Katechese — sei es in der allgemeinen, sei es in der speziell für Eheleute bestimmten — ihren Platz hat, so besteht doch immer die Notwendigkeit, die Eheleute auch im Sakrament der Versöhnung anzuleiten, sich in Bezug auf die spezifischen Pflichten des Ehelebens zu prüfen. Falls sich der Beichtvater verpflichtet sieht, den Pönitenten zu befragen, so möge er dies mit Diskretion und Respekt tun.

8. Zweifelsohne ist auch in Bezug auf die eheliche Keuschheit jenes Prinzip immer als gültig anzusehen, demzufolge es vorzuziehen ist, den Pönitenten in gutem Glauben zu belassen, falls ein auf subjektiv unüberwindliche Unwissenheit zurückzuführender Irrtum vorliegt, und es abzusehen ist, dass der Pönitent, wenngleich unterwiesen, ein Leben des Glaubens zu führen, sein Verhalten nicht ändern würde, sondern vielmehr auch in formaler Hinsicht sündigen würde. Jedoch hat auch in solchen Fällen der Beichtvater sich darum zu bemühen, die Beichtenden immer mehr dahingehend zu fördern, dass sie in ihrem Leben den Plan Gottes annehmen, auch was die Forderungen der ehelichen Keuschheit angeht. Zu diesem Zweck kann der Beichtvater dem Pönitenten das Gebet empfehlen, ihn zur Gewissensbildung auffordern oder ihm eine gründlichere Kenntnis der kirchlichen Lehre anraten.

9. Das »Gesetz der Gradualität« darf in der pastoralen Tätigkeit nicht mit einer »Gradualität des Gesetzes« verwechselt werden, welche darauf aus ist, dessen Anforderungen zu mindern. Es besteht vielmehr in der Forderung nach einer entschiedenen Abwendung von der Sünde und einem stetigen Voranschreiten in Richtung auf die vollständige Vereinigung mit dem Willen Gottes und dessen liebenswerten Geboten.43

10. Dagegen ist es unzulässig, die eigene Schwäche zum Kriterium für die sittliche Wahrheit zu machen. Seit der ersten Verkündigung des Wortes Jesu ist sich der Christ des »Missverhältnisses« zwischen dem Moralgesetz — dem natürlichen wie dem des Evangeliums — und der menschlichen Fähigkeit bewusst. Zugleich begreift er, dass der notwendige und sichere Weg, die Pforten der göttlichen Barmherzigkeit zu öffnen, über die Erkenntnis der eigenen Schwäche führt.44

11. Dem Büßer, der nach einem schweren Verstoß gegen die eheliche Keuschheit Reue zeigt und ungeachtet der Rückfälle gewillt ist, in Zukunft gegen die Sünde zu kämpfen, werde die sakramentale Lossprechung nicht verweigert. Der Beichtvater soll es vermeiden, mangelndes Vertrauen in die Gnade Gottes oder in die Bereitwilligkeit des Pönitenten zu bekunden, und wird es daher unterlassen, absolute Garantien über das zukünftige untadelige Verhalten45 zu fordern, zumal diese nicht menschenmöglich sind; dies entspricht der anerkannten Lehre und der von den heiligen Kirchenlehrern und Beichtvätern gepflogenen Praxis bei habituellen Sündern.

12. Lässt der Pönitent die Bereitschaft erkennen, die Sittenlehre der Kirche anzunehmen — besonders dann, wenn er regelmäßig das Bußsakrament empfängt und Vertrauen in dessen geistliche Hilfe zeigt —, so ist es von Nutzen, in ihm das Vertrauen in die Vorsehung zu wecken und ihm dabei zu helfen, sich in ehrlicher Weise vor Gottes Angesicht zu prüfen. Zu diesem Zweck empfiehlt es sich, sowohl die Gründe für das Einschränken der Vater- bzw. Mutterschaft als auch die Zulässigkeit der zur Familienplanung verwendeten Mittel zu überprüfen.

13. Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich bei Fällen von Beihilfe zur Sünde des Ehegatten, wenn jener willentlich die Unfruchtbarkeit der ehelichen Vereinigung herbeiführt. Hier gilt es zunächst, zwischen Beihilfe im eigentlichen Sinn und Gewaltanwendung bzw. ungerechter Nötigung zu unterscheiden, denen sich der andere Ehepartner faktisch nicht widersetzen kann.46, 561).] Eine derartige Beihilfe kann zulässig sein, wenn die drei folgenden Bedingungen zugleich gegeben sind:

  1. Das Tun des Beihilfe leistenden Gatten darf nicht an sich moralisch unerlaubt sein.47
  2. Es müssen entsprechend schwerwiegende Gründe für die Beihilfe zur Sünde des Gatten vorliegen.
  3. Es muss das Bestreben vorhanden sein, dem Gatten dahingehend zu helfen, dass er von seinem Verhalten ablässt (auf geduldige Weise, mittels des Gebets, der Liebe und des Gesprächs; nicht notwendigerweise im Moment der Tat selbst und auch nicht bei jedem Anlass).

14. Eine derartige Beihilfe ist nicht gestattet, wenn Mittel mit abtreibender Wirkung zur Anwendung gelangen. Darüber hinaus ist die Mitwirkung zum Bösen entsprechend zu beurteilen, wenn Mittel verwendet werden, die eine mögliche abtreibende Wirkung haben.48

15. Die christlichen Eheleute sind Zeugen der Liebe Gottes in der Welt. Sie müssen daher Dank des Glaubens auch entgegen der Erfahrung menschlicher Schwäche davon überzeugt sein, dass es mit Hilfe der Gnade Gottes möglich ist, den Willen des Herrn im Eheleben zu befolgen. Die häufige und beständige Zuflucht zum Gebet, zur Eucharistie und zur Beichte sind für das Erlangen der Selbstbeherrschung unabdingbar.49

16. Von den Priestern wird erwartet, dass sie — in vollständiger Treue zum Lehramt der Kirche — in der Katechese und in der Ehevorbereitung sowohl bei der Unterweisung als auch bei der Spendung des Sakraments der Versöhnung, einheitliche Kriterien über die moralische Sündhaftigkeit der Empfängnisverhütung zur Anwendung bringen.

Die Bischöfe mögen diesbezüglich besondere Sorge walten lassen; nicht selten erregt ein derartiger Mangel an Einheit in der Katechese und bei der Spendung des Sakraments der Versöhnung bei den Gläubigen Anstoß.50

17. Eine solche Pastoral der Beichte ist dann umso wirkungsvoller, wenn sie mit einer beständigen und flächendeckenden Katechese einhergeht, welche die christliche Berufung zur ehelichen Liebe und deren Dimensionen von Freude und Anforderung, Gnade und persönlicher Verpflichtung zum Thema hat;51 und wenn geeignete Berater und Zentren zur Verfügung stehen, die der Beichtvater dem Pönitenten zur korrekten Information über die natürlichen Methoden empfehlen kann.

18. Um die praktische Anwendung der sittlichen Gebote hinsichtlich der verantwortlichen Elternschaft zu ermöglichen, muss die unschätzbare Tätigkeit der Beichtväter durch die Katechese vervollständigt werden. Dazu gehört eine gründliche Aufklärung über die Schwere der Sünde der Abtreibung.52

19. Was die Lossprechung von der Sünde der Abtreibung betrifft, so besteht immer die Verpflichtung zur Berücksichtigung der kanonischen Richtlinien. Im Falle aufrichtiger Reue und wenn es schwierig sein sollte, den Pönitenten an die zuständige Autorität zu verweisen, der die Aufhebung der Zensur vorbehalten ist, kann jeder Beichtvater gemäß Can. 1357 die Absolution erteilen, eine entsprechende Buße auferlegen und den Pönitenten auf die Rekurspflicht hinweisen, eventuell verbunden mit dem Angebot, dieser selbst nachzukommen bzw. den Rekurs weiterzuleiten.53

SCHLUSSBEMERKUNG

Die Kirche sieht es gerade in der Welt von heute als eine ihrer vorrangigen Aufgaben an, das Geheimnis der Barmherzigkeit, welches sich am deutlichsten in der Person Jesu Christi offenbart hat, zu verkünden und in das Leben des einzelnen zu integrieren.54

Der Ort schlechthin für diese Verkündigung und die Erfüllung der Barmherzigkeit ist die Feier des Sakraments der Vergebung.

Gerade dieses erste Jahr des Trienniums zur Vorbereitung auf das Dritte Jahrtausend, das Jesus Christus, dem alleinigen Retter der Welt, gestern, heute und in Ewigkeit (vgl. Hebr 13,8) gewidmet ist, kann eine großartige Gelegenheit für die pastorale Eingliederung dieser Lehre in die heutige Zeit und deren katechetische Vertiefung in den Diözesen sowie speziell an den Wallfahrtsorten bieten, wo sich viele Pilger versammeln, und wo das Sakrament der Versöhnung wegen der zahlreich vorhandenen Beichtväter in besonders reichem Maße gespendet wird.

Die Priester seien stets vollständig für diesen Dienst verfügbar, von dem sowohl die ewige Seligkeit der Ehegatten als auch zum großen Teil ihr Glück im jetzigen Leben abhängt; mögen die Priester ihnen wahrhaft lebendige Zeugen der Barmherzigkeit des Vaters sein!

Vatikanstadt, den 12. Februar 1997.

Alfonso Kardinal López Trujillo
Präsident des Päpstlichen Rates
für die Familie

+ Francisco Gil Hellín
Sekretär


(1) 3 II. Vat. Konzil, Dekret über das Apostolat der Laien Apostolicam actuositatem, 18. November 1965, Nr. 11.

(2) Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 3.

(3) Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 58.

(4) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 49.

(5) Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 30. November 1980, Nr. 13.

(6) Man bedenke die abtreibende Wirkung einiger neuer pharmakologischer Präparate. Vgl. Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 25. März 1995, Nr. 13.

(7) Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 48.

(8) Katechismus der Katholischen Kirche, 11. Oktober 1992, Nr. 2337.

(9)  Ibid.

(10) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 51.

(11) Paul VI., Enz. Humanae vitae, 25. Juli 1968, Nr. 12.

(12) Pius XI., Enz. Casti connubii, 31. Dezember 1930.

(13) Pius XII., Ansprache vor dem Kongress der Union Katholischer Hebammen Italiens, 2. Oktober 1951; Ansprache vor der Front der Familie und den Vereinigungen kinderreicher Familien, 27. November 1951.

(14) Paul VI., Enz. Humanae vitae, 25. Juli 1968.

(15) 3 Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981.

(16) 3 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 2. Februar 1994.

(17) 3 II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965.

(18) 3 Katechismus der Katholischen Kirche, 11. Oktober 1992.

(19) 3 Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 24.

(20) Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 32.

(21) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2378; vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 2. Februar 1994, Nr. 11.

(22) 3 Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 32.

(23) »In den verschiedenen Verhältnissen und Aufgaben des Lebens wird die eine Heiligkeit von allen entfaltet, die sich vom Geist Gottes leiten lassen und, der Stimme des Vaters gehorsam, Gott den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten und dem armen, demütigen, das Kreuz tragenden Christus folgen und so der Teilnahme an seiner Herrlichkeit würdig werden. Jeder aber muss nach seinen eigenen Gaben und Gnaden auf dem Weg eines lebendigen Glaubens, der die Hoffnung weckt und durch Liebe wirksam ist, entschlossen vorangehen« (II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 21. November 1964, Nr. 41).

(24) »Die Liebe ist die Seele der Heiligkeit, zu der alle berufen sind«. (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 826). »Die Liebe sorgt dafür, dass sich der Mensch durch die aufrichtige Selbsthingabe verwirklicht: lieben heißt, alles geben und empfangen, was man weder kaufen noch verkaufen, sondern sich nur aus freien Stücken gegenseitig schenken kann« (Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 2. Februar 1994, Nr. 11).

(25) Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 13. »Die Befolgung des Gesetzes Gottes kann in bestimmten Situationen schwer, sehr schwer sein: niemals jedoch ist sie unmöglich. Dies ist eine beständige Lehre der Tradition der Kirche« (Johannes Paul II., Enz. Veritatis Splendor, 6. August 1993, Nr. 102).

»Es wäre ein sehr schwerwiegender Irrtum, anzunehmen,… dass die von der Kirche gelehrte Norm an sich nur ein »Ideal« sei, welches in einem zweiten Schritt angepasst und in entsprechender Weise auf die — wie man sagt — konkreten Möglichkeiten des Menschen abgestimmt werden muss, und zwar gemäß einer »Abwägung der verschiedenen betroffenen Güter«. Aber worin bestehen die »konkreten Möglichkeiten des Menschen«? Und von welchem Menschen ist die Rede? Vom Menschen, der von der Begehrlichkeit beherrscht wird, oder vom Menschen, der von Christus erlöst worden ist? Denn darum geht es letztlich: um die Wirklichkeit der Erlösung in Christus. Christus hat uns erlöst! Das heißt: er hat uns die Möglichkeit geschenkt, die vollständige Wahrheit unseres Seins zu verwirklichen; er hat unsere Freiheit von der Beherrschung durch die Begehrlichkeit befreit. Und wenn auch der erlöste Mensch noch sündigt, so nicht, weil die Erlösung durch Christus unvollständig wäre, sondern weil der Wille des Menschen sich jener Gnade entzieht, die aus dieser Erlösungstat hervorgeht. Das Gebot Gottes ist ohne jeden Zweifel der Fähigkeit des Menschen angemessen: jedoch der Fähigkeit jenes Menschen, dem der Heilige Geist geschenkt ist; jenes Menschen, der auch nach dem Fall in die Sünde stets Vergebung erlangen und sich der Gegenwart des Heiligen Geistes erfreuen kann« (Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer eines Kurses über verantwortliche Elternschaft, 1. März 1984).

(26) »Die eigene Sünde anerkennen, ja — wenn man bei der Betrachtung der eigenen Person noch tiefer vordringt — sich selbst als Sünder bekennen, zur Sünde fähig und zur Sünde neigend, das ist der unerlässliche Anfang einer Rückkehr zu Gott. (…) Versöhnung mit Gott setzt in der Tat voraus und schließt ein, sich klar und eindeutig von der Sünde zu trennen, die man begangen hat. Sie setzt also voraus und umfasst das Buße tun im vollen Sinn des Wortes: bereuen, die Reue sichtbar machen, das konkrete Verhalten eines Büßers annehmen, der sich auf den Rückweg zum Vater begibt. (…) In der konkreten Verfasstheit des Sünders, in der es keine Umkehr ohne die Erkenntnis der eigenen Sünde geben kann, stellt der kirchliche Dienst der Versöhnung immer wieder eine Hilfe zur Verfügung, die deutlich auf Bube ausgerichtet ist, das heißt den Menschen zur »Selbsterkenntnis« bringen will« (Joannes Paul II., Nachsynodales Ap. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, 2. Dezember 1984, Nr. 13).

„Wenn wir erkennen, dass die Liebe, die Gott zu uns hat, vor unserer Sünde nicht haltmacht, vor unseren Beleidigungen nicht zurückweicht, sondern an Sorge und hochherziger Zuwendung noch wächst; wenn wir uns bewusst werden, dass diese Liebe sogar das Leiden und den Tod des menschgewordenen Wortes bewirkt hat, das bereit war, uns um den Preis seines Blutes zu erlösen, dann rufen wir voll Dankbarkeit aus: »Ja, der Herr ist reich an Erbarmen« und sagen sogar: »Der Herr ist Barmherzigkeit“« (ibid., Nr. 22).

(27) »Die allgemeine Berufung zur Heiligkeit gilt auch den christlichen Gatten und Eltern. Sie bekommt für sie eine eigene Prägung durch das empfangene Sakrament und verwirklicht sich im besonderen Rahmen ehelichen und familiären Lebens. Hieraus ergeben sich die Gnade und die Verpflichtung zu einer echten und tiefen Spiritualität der Ehe und Familie mit den Themen von Schöpfung, Bund, Kreuz, Auferstehung und Zeichen« (Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 56).

»Echte eheliche Liebe wird in die göttliche Liebe aufgenommen und durch die erlösende Kraft Christi und die Heilsvermittlung der Kirche gelenkt und bereichert, damit die Ehegatten wirksam zu Gott hingeführt werden und in ihrer hohen Aufgabe als Vater und Mutter unterstützt und gefestigt werden. So werden die christlichen Gatten in den Pflichten und der Würde ihres Standes durch ein eigenes Sakrament gestärkt und gleichsam geweiht. In der Kraft dieses Sakraments erfüllen sie ihre Aufgabe in Ehe und Familie. Im Geist Christi, durch den ihr ganzes Leben mit Glaube, Hoffnung und Liebe durchdrungen wird, gelangen sie mehr und mehr zu ihrer eigenen Vervollkommnung, zur gegenseitigen Heiligung und so gemeinsam zur Verherrlichung Gottes« (II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 48).

(28) 3 »Die Kirche ist fest überzeugt, dass das menschliche Leben, auch das schwache und leidende, immer ein herrliches Geschenk der göttlichen Güte ist. Gegen Pessimismus und Egoismus, die die Welt verdunkeln, steht die Kirche auf der Seite des Lebens; in jedem menschlichen Leben weiß sie den Glanz jenes »Ja«, jenes »Amen« zu entdecken, das Christus selbst ist. Dem »Nein«, das in die Welt einbricht und einwirkt, setzt sie dieses lebendige »Ja« entgegen und verteidigt so den Menschen und die Welt vor denen, die das Leben bekämpfen und ersticken« (Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 30).

»Die Familie muss wieder als das Heiligtum des Lebens angesehen werden. Sie ist in der Tat heilig: sie ist der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist, geschützt wird, und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten menschlichen Wachstums entfalten kann. Gegenüber der sogenannten Kultur des Todes stellt die Familie den Sitz der Kultur des Lebens dar« (Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 1. Mai 1991, Nr. 39).

(29) Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 2. Februar 1994, Nr. 9.

(30) »Derselbe Gott, der gesagt hat: ‚Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei‘ (Gen 2,28), und der ‚den Menschen von Anfang an als Mann und Frau schuf‘ (Mt 19,14), wollte ihm eine besondere Teilnahme an seinem schöpferischen Wirken verleihen, segnete darum Mann und Frau und sprach: ‚Wachset und mehret euch‘. (Gen 1,28). Ohne Hintansetzung der übrigen Eheziele sind deshalb die echte Gestaltung der ehelichen Liebe und die ganze sich daraus ergebende Natur des Familienlebens dahin ausgerichtet, dass die Gatten von sich aus entschlossen bereit sind zur Mitwirkung mit der Liebe des Schöpfers und Erlösers, der durch sie seine eigene Familie immer vergröbert und bereichert« (II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 50).

»Die christliche Familie ist eine Gemeinschaft von Personen, ein Zeichen und Abbild der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist. In der Zeugung und Erziehung von Kindern spiegelt sich das Schöpfungswerk des Vaters wider« (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2205).

»Mit Gott zusammenarbeiten, um neue Menschen ins Leben zu rufen, heißt mitwirken an der Übertragung jenes göttlichen Abbildes, das jedes »von einer Frau geborene« Wesen in sich trägt« (Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 2. Februar 1994, Nr. 8).

(31) Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 25. März 1995, Nr. 43; vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 50.

(32) »In ihrer Aufgabe, menschliches Leben weiterzugeben und zu erziehen, die als die nur ihnen zukommende Sendung zu betrachten ist, wissen sich die Eheleute als mitwirkend mit der Liebe Gottes des Schöpfers und gleichsam als Interpreten dieser Liebe. Daher müssen sie in menschlicher und christlicher Verantwortlichkeit ihre Aufgaben erfüllen und in einer auf Gott hinhörenden Ehrfurcht durch gemeinsame Überlegung versuchen, sich ein sachgerechtes Urteil zu bilden. Hierbei müssen sie auf ihr eigenes Wohl wie auf das ihrer Kinder — der schon geborenen oder der zu erwartenden — achten; sie müssen die materiellen und geistigen Verhältnisse der Zeit und ihres Lebens zu erkennen suchen und schließlich auch das Wohl der Gesamtfamilie, der weltlichen Gesellschaft und der Kirche berücksichtigen. Dieses Urteil müssen im Angesicht Gottes die Eheleute letztlich selbst fällen. In ihrem ganzen Verhalten seien sich die christlichen Gatten bewusst, dass sie nicht nach eigener Willkür vorgehen können; sie müssen sich vielmehr leiten lassen von einem Gewissen, das sich auszurichten hat am göttlichen Gesetz; sie müssen hören auf das Lehramt der Kirche, das dieses göttliche Gesetz im Licht des Evangeliums authentisch auslegt.

Dieses göttliche Gesetz zeigt die ganze Bedeutung der ehelichen Liebe, schützt sie und drängt sie zu ihrer wahrhaft menschlichen Vollendung« (II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 50).

»Wo es sich um den Ausgleich zwischen ehelicher Liebe und verantwortlicher Weitergabe des Lebens handelt, hängt die sittliche Qualität der Handlungsweise nicht allein von der guten Absicht und Bewertung der Motive ab, sondern auch von objektiven Kriterien, die sich aus dem Wesen der menschlichen Person und ihrer Akte ergeben und die sowohl den vollen Sinn gegenseitiger Hingabe als auch den einer wirklich humanen Zeugung in wirklicher Liebe wahren. Das ist nicht möglich ohne aufrichtigen Willen zur Übung der Tugend ehelicher Keuschheit. Von diesen Prinzipien her ist es den Kindern der Kirche nicht erlaubt, in der Geburtenregelung Wege zu beschreiten, die das Lehramt in Auslegung des göttlichen Gesetzes verwirft« (II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 7. Dezember 1965, Nr. 51).

»Im Hinblick schließlich auf die gesundheitliche, wirtschaftliche, seelische und soziale Situation bedeutet verantwortungsbewusste Elternschaft, dass man entweder, nach klug abwägender Überlegung, sich hochherzig zu einem gröberen Kinderreichtum entschließt, oder bei ernsten Gründen und unter Beobachtung des Sittengesetzes zur Entscheidung kommt, zeitweise oder dauernd auf weitere Kinder zu verzichten.

Endlich und vor allem hat verantwortungsbewusste Elternschaft einen inneren Bezug zur sogenannten objektiven sittlichen Ordnung, die auf Gott zurückzuführen ist, und deren Deuterin das rechte Gewissen ist. Die Aufgabe verantwortungsbewusster Elternschaft verlangt von den Gatten, dass sie in Wahrung der rechten Güter- und Wertordnung ihre Pflichten gegenüber Gott, sich selbst, gegenüber ihrer Familie und der menschlichen Gesellschaft anerkennen.

Daraus folgt, dass sie bei der Aufgabe, das Leben weiterzugeben, keineswegs ihrer Willkür folgen dürfen, gleichsam als hinge die Bestimmung der sittlich gangbaren Wege von ihrem eigenen und freien Ermessen ab. Sie sind vielmehr verpflichtet, ihr Verhalten auf den göttlichen Schöpfungsplan auszurichten, der einerseits im Wesen der Ehe selbst und ihrer Akte zum Ausdruck kommt, den andererseits die beständige Lehre der Kirche kundtut« (Paul VI., Enz. Humanae vitae, 25. Juli 1968, Nr. 10).

(33) Die Enzyklika Humanae vitae erklärt jede Handlung für verwerflich, »die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern«. Weiter heißt es: »Man darf, um diese absichtlich unfruchtbar gemachten ehelichen Akte zu rechtfertigen, nicht als Argument geltend machen, man müsse das Übel wählen, das als das weniger schwere erscheine; auch nicht, dass solche Akte eine gewisse Einheit darstellen mit früheren oder nachfolgenden fruchtbaren Akten und deshalb an ihrer einen und gleichen Gutheit teilhaben. Wenn es auch zuweilen erlaubt ist, das kleinere sittliche Übel zu dulden, um ein gröberes zu verhindern oder um etwas sittlich Höherwertiges zu fördern, so ist es dennoch niemals erlaubt — auch aus noch so ernsten Gründen nicht —, Böses zu tun um eines guten Zweckes willen: das heißt etwas zu wollen, was seiner Natur nach die sittliche Ordnung verletzt und deshalb als des Menschen unwürdig gelten muss; das gilt auch, wenn dies mit der Absicht geschieht, das Wohl des einzelnen, der Familie oder der menschlichen Gesellschaft zu schützen oder zu fördern. Völlig irrig ist deshalb die Meinung, ein absichtlich unfruchtbar gemachter und damit in sich unsittlicher ehelicher Akt könne durch die fruchtbaren ehelichen Akte des gesamtehelichen Lebens seine Rechtfertigung erhalten« (Paul VI., Enz. Humanae vitae, 25. Juli 1968, Nr. 14).

»Wenn die Ehegatten durch Empfängnisverhütung diese beiden Sinngehalte, die der Schöpfergott dem Wesen von Mann und Frau und der Dynamik ihrer sexuellen Vereinigung eingeschrieben hat, auseinanderreißen, liefern sie den Plan Gottes ihrer Willkür aus; sie »manipulieren« und erniedrigen die menschliche Sexualität — und damit sich und den Ehepartner —, weil sie ihr den Charakter der Ganzhingabe nehmen. Während die geschlechtliche Vereinigung ihrer ganzen Natur nach ein vorbehaltloses gegenseitiges Sichschenken der Gatten zum Ausdruck bringt, wird sie durch die Empfängnisverhütung zu einer objektiv widersprüchlichen Gebärde, zu einem Sich-nicht-ganz-Schenken. So kommt zur aktiven Zurückweisung der Offenheit für das Leben auch eine Verfälschung der inneren Wahrheit ehelicher Liebe, die ja zur Hingabe in personaler Ganzheit berufen ist« (Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 32).

(34) »Das menschliche Geschöpf muss geachtet und von seiner Empfängnis an als Person behandelt werden, und folglich müssen ihm von eben diesem Moment an die Rechte einer Person zuerkannt werden, vor allem das unantastbare Recht jedes unschuldigen menschlichen Wesens auf Leben« (Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung Donum vitae, 22. Februar 1987, Nr. 1).

»Die auf mentaler Ebene enge Verknüpfung zwischen den Praktiken von Empfängnisverhütung und Abtreibung wird immer deutlicher; das beweist auch in alarmierender Weise die grobe Anzahl von chemischen Präparaten, intrauterinären Instrumenten und Impfstoffen, die — wiewohl sie mit derselben Leichtfertigkeit wie Kontrazeptiva verteilt werden — in Wirklichkeit eine abtreibende Wirkung in den allerersten Entwicklungsstadien des Lebens des neuen menschlichen Wesens zeitigen« (Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 25. März 1995, Nr. 13).

(35) »Wenn also gerechte Gründe dafür sprechen, Abstände einzuhalten in der Reihenfolge der Geburten — Gründe, die sich aus den körperlichen oder seelischen Situationen der Gatten oder aus äußeren Verhältnissen ergeben —, ist es nach kirchlicher Lehre den Gatten erlaubt, dem natürlichen Zyklus der Zeugungsfunktionen zu folgen, dabei den ehelichen Verkehr auf die empfängnisfreien Zeiten zu beschränken und die Kinderzahl so zu planen, dass die oben dargelegten sittlichen Grundsätze nicht verletzt werden.

Die Kirche bleibt sich und ihrer Lehre treu, wenn sie einerseits die Berücksichtigung der empfängnisfreien Zeiten durch die Gatten für erlaubt hält, andererseits den Gebrauch direkt empfängnisverhütender Mittel als immer unerlaubt verwirft — auch wenn für diese andere Praxis immer wieder ehrbare und schwerwiegende Gründe angeführt werden. Tatsächlich handelt es sich um zwei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen: bei der ersten machen die Eheleute von einer naturgegebenen Möglichkeit rechtmäßig Gebrauch; bei der anderen hingegen hindern sie den Zeugungsvorgang bei seinem natürlichen Ablauf. Zweifellos sind in beiden Fällen die Gatten sich einig, dass sie aus guten Gründen Kinder vermeiden wollen, und dabei möchten sie auch sicher sein. Jedoch ist zu bemerken, dass nur im ersten Fall die Gatten es verstehen, sich in fruchtbaren Zeiten des ehelichen Verkehrs zu enthalten, wenn aus berechtigten Gründen keine weiteren Kinder mehr wünschenswert sind. In den empfängnisfreien Zeiten aber vollziehen sie dann den ehelichen Verkehr zur Bezeugung der gegenseitigen Liebe und zur Wahrung der versprochenen Treue. Wenn die Eheleute sich so verhalten, geben sie wirklich ein Zeugnis der rechten Liebe« (Paul VI., Enz. Humanae vitae, 25. Juli 1968, Nr. 16).

»Wenn dagegen die Ehegatten durch die Zeitwahl den untrennbaren Zusammenhang von Begegnung und Zeugung in der menschlichen Sexualität respektieren, stellen sie sich unter Gottes Plan und vollziehen die Sexualität in ihrer ursprünglichen Dynamik der Ganzhingabe, ohne Manipulationen und Verfälschungen« (Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 32).

»Das Werk der Erziehung zum Leben schließt die Formung der Eheleute im Hinblick auf die verantwortliche Zeugung der Nachkommenschaft ein. Diese erfordert in ihrer wahren Bedeutung, dass sich die Ehegatten dem Ruf des Herrn fügen und als treue Interpreten seines Planes handeln: das ist der Fall, wenn die Familie sich grobherzig neuem Leben öffnet und auch dann in einer Haltung der Offenheit für das Leben und des Dienstes an ihm bleibt, wenn die Ehepartner aus ernstzunehmenden Gründen und unter Achtung des Moralgesetzes entscheiden, vorläufig oder für unbestimmte Zeit eine neue Geburt zu vermeiden. Das Moralgesetz verpflichtet sie in jedem Fall, die Neigungen des Instinkts und der Leidenschaft zu beherrschen und die ihrer Person eingeschriebenen biologischen Gesetze zu beachten. Im Dienst der Verantwortlichkeit bei der Zeugung erlaubt gerade diese Betrachtung die Anwendung der natürlichen Methoden der Fruchtbarkeitsregelung« (Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 25. März 1995, Nr. 97).

(36) 3 Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 30. November 1980, Nr. 6.

(37) »Wie bei der Feier der Eucharistie am Altar und bei jedem anderen Sakrament handelt der Priester auch als Verwalter des Bußsakraments in der Person Christi. Christus, der durch den Priester gegenwärtig gesetzt wird und durch ihn das Geheimnis der Sündenvergebung wirkt, erscheint als Bruder des Menschen, als barmherziger, treuer und mitfühlender Hohepriester, als Hirt, der entschlossen ist, das verlorene Schaf zu suchen, als Arzt, der heilt und stärkt, als einziger Meister, der die Wahrheit lehrt und die Wege Gottes aufzeigt, als Richter der Lebenden und der Toten, der nach der Wahrheit und nicht nach dem Augenschein richtet« (Johannes Paul II., Nachsynodales Ap. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, 2. Dezember 1984, Nr. 29).

»Wenn der Priester das Bußsakrament spendet, versieht er den Dienst des Guten Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht; den des guten Samariters, der die Wunden verbindet; den des Vaters, der auf den verlorenen Sohn wartet und ihn bei dessen Rückkehr liebevoll aufnimmt; den des gerechten Richters, der ohne Ansehen der Person ein zugleich gerechtes und barmherziges Urteil fällt. Kurz, der Priester ist Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes zum Sünder« (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1465).

(38) 3 Vgl. Kongregation des Hl. Offiziums, Normae quaedam de agendi ratione confessariorum circa sextum Decalogi praeceptum, 16. Mai 1943.

(39) »Der Priester hat, sofern Fragen zu stellen sind, mit Klugheit und Behutsamkeit vorzugehen; dabei sind Verfassung und Alter des Pönitenten zu berücksichtigen; nach dem Namen eines Mitschuldigen darf er nicht fragen« (Codex des Kanonischen Rechtes, Can. 979).

»Die konkrete pastorale Führung der Kirche muss stets mit ihrer Lehre verbunden sein und darf niemals von ihr getrennt werden. Ich wiederhole deshalb mit derselben Überzeugung die Worte meines Vorgängers: ‚In keinem Punkte Abstriche von der Heilslehre Christi zu machen ist hohe Form seelsorglicher Liebe’« (Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 33).

(40) Vgl. Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion Symbolorum, Nr. 3187.

(41) »Das Geständnis vor dem Priester bildet einen wesentlichen Teil des Bußsakramentes: ‚Von den Büßenden müssen alle Todsünden, derer sie sich nach gewissenhafter Selbsterforschung bewusst sind, im Bekenntnis aufgeführt werden…, auch wenn sie ganz im Verborgenen und nur gegen die zwei letzten Vorschriften der Zehn Gebote begangen wurden; manchmal verwunden diese die Seele schwerer und sind gefährlicher als die, welche ganz offen begangen werden’« (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1456).

(42) 3 »Wenn hingegen die Unkenntnis unüberwindlich oder der Betreffende für das Fehlurteil nicht verantwortlich ist, kann ihm seine böse Tat nicht zur Last gelegt werden. Trotzdem bleibt sie etwas Böses, ein Mangel, eine Unordnung. Aus diesem Grund müssen wir uns bemühen, Irrtümer des Gewissens zu beheben« (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1793).

»Das aufgrund einer unüberwindbaren Unwissenheit oder eines nicht schuldhaften Fehlurteils begangene Übel kann zwar der Person, die es begeht, nicht als Schuld anzurechnen sein; doch auch in diesem Falle bleibt es ein Übel, eine Unordnung in Bezug auf die Wahrheit des Guten« (Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 8. August 1993, Nr. 63).

(43) »Auch die Eheleute sind im Bereich ihres sittlichen Lebens auf einen solchen Weg gerufen, getragen vom aufrichtig suchenden Verlangen, die Werte, die das göttliche Gesetz schützt und fördert, immer besser zu erkennen, sowie vom ehrlichen und bereiten Willen, diese in ihren konkreten Entscheidungen zu verwirklichen. Jedoch können sie das Gesetz nicht als reines Ideal auffassen, das es in Zukunft einmal zu erreichen gelte, sondern sie müssen es betrachten als ein Gebot Christi, die Schwierigkeiten mit all ihrer Kraft zu überwinden. ‚Daher kann das sogenannte »Gesetz der Gradualität« oder des stufenweisen Weges nicht mit einer »Gradualität des Gesetzes« selbst gleichgesetzt werden, als ob es verschiedene Grade und Arten von Geboten im göttlichen Gesetz gäbe, je nach Menschen und Situation verschieden. Alle Eheleute sind nach dem göttlichen Plan zur Heiligkeit in der Ehe berufen, und diese hehre Berufung verwirklicht sich in dem Maße, wie die menschliche Person fähig ist, auf das göttliche Gebot ruhigen Sinns im Vertrauen auf die Gnade Gottes und auf den eigenen Willen zu antworten.‘ Dementsprechend gehört es zur pastoralen Führung der Kirche, dass die Eheleute vor allem die Lehre der Enzyklika Humanae vitae als normativ für die Ausübung ihrer Geschlechtlichkeit klar anerkennen und sich aufrichtig darum bemühen, die für die Beobachtung dieser Norm notwendigen Voraussetzungen zu schaffen« (Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 34).

(44) »Hier öffnet sich dem Erbarmen Gottes mit der Sünde des sich bekehrenden Menschen und dem Verständnis für die menschliche Schwäche der angemessene Raum. Dieses Verständnis bedeutet niemals, den Maßstab von Gut und Böse aufs Spiel zu setzen und zu verfälschen, um ihn an die Umstände anzupassen. Während es menschlich ist, dass der Mensch, nachdem er gesündigt hat, seine Schwäche erkennt und wegen seiner Schuld um Erbarmen bittet, ist hingegen die Haltung eines Menschen, der seine Schwäche zum Kriterium vom Guten macht, um sich von allein gerechtfertigt zu fühlen, ohne es nötig zu haben, sich an Gott und seine Barmherzigkeit zu wenden, unannehmbar. Eine solche Haltung verdirbt die Sittlichkeit der gesamten Gesellschaft, weil sie lehrt, an der Objektivität des Sittengesetzes im allgemeinen könne gezweifelt werden, und die Absolutheit der sittlichen Verbote hinsichtlich bestimmter menschlicher Handlungen könne geleugnet werden, was schließlich dazu führt, dass man sämtliche Werturteile durcheinanderbringt« (Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 6. August 1993, Nr. 104).

(45) 3 »Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat, und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden« (Codex des Kanonischen Rechtes, Can. 980).

(46) »Zudem weiß die Heilige Kirche sehr wohl, dass nicht selten einer der beiden Gatten die Sünde mehr erleidet als verursacht, wenn er aus wirklich schwerwiegenden Gründen die Verzerrung der notwendigen Ordnung zulässt, welcher er freilich nicht zustimmt und an der ihn folglich keine Schuld trifft; zugleich ruft sie auch in solch einem Fall die Gebote der Liebe in Erinnerung und ermahnt, es nicht zu vernachlässigen, dem Gatten von der Sünde abzuraten und diesen von ihr abzubringen«. (Pius XI., Enz. Casti connubii, AAS 22 $[1930$

(47) Vgl. Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion Symbolorum, Nr. 2795; 3634.

(48) »Denn unter sittlichem Gesichtspunkt ist es niemals erlaubt, formell am Bösen mitzuwirken. Solcher Art ist die Mitwirkung dann, wenn die durchgeführte Handlung entweder aufgrund ihres Wesens oder wegen der Form, die sie in einem konkreten Rahmen annimmt, als direkte Beteiligung an einer gegen das unschuldige Menschenleben gerichteten Tat oder als Billigung der unmoralischen Absicht des Haupttäters bezeichnet werden muss« (Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 25. März 1995, Nr. 74).

(49) »Solche Selbstzucht, Ausdruck ehelicher Keuschheit, braucht keineswegs der Gattenliebe zu schaden; sie erfüllt sie vielmehr mit einem höheren Sinn für die Menschlichkeit. Solche Selbstzucht verlangt zwar beständiges Sich-Mühen; ihre heilsame Kraft aber führt die Gatten zu einer volleren Entfaltung ihrer selbst und macht sie reich an geistlichen Gütern. Sie schenkt der Familie wahren Frieden und hilft, auch sonstige Schwierigkeiten zu meistern. Sie fördert bei den Gatten gegenseitige Achtung und Besorgtsein füreinander; sie hilft den Eheleuten, ungezügelte Selbstsucht, die der wahren Liebe widerspricht, zu überwinden, sie hebt bei ihnen das  Verantwortungsbewußtsein bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Sie verleiht den Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder eine innerlich begründete, wirkungsvollere Autorität: dementsprechend werden dann Kinder und junge Menschen mit fortschreitendem Alter zu den wahren menschlichen Werten die rechte Einstellung bekommen und die Kräfte des Geistes und ihrer Sinne in glücklicher Harmonie entfalten« (Paul VI., Enz. Humanae vitae, 25. Juli 1968, Nr. 21).

(50) Für die Priester »ist es Pflicht — unser Wort gilt besonders den Lehrern der Moraltheologie —, die kirchliche Ehelehre unverfälscht und offen vorzulegen. An erster Stelle gebt ihr bei der Ausübung eures Amtes das Beispiel aufrichtigen Gehorsams, der innerlich und nach außen dem kirchlichen Lehramt zu leisten ist. Wie ihr wohl wisst, verpflichtet euch dieser Gehorsam nicht so sehr wegen der beigebrachten Beweisgründe, als wegen des Lichtes des Heiligen Geistes, mit dem besonders die Hirten der Kirche bei der Darlegung der Wahrheit ausgestattet sind.

Ihr wisst auch, dass es zur Wahrnehmung des inneren Friedens der einzelnen und der Einheit des christlichen Volkes von grober Bedeutung ist, dass in Sitten- wie Glaubensfragen alle dem kirchlichen Lehramt gehorchen und die gleiche Sprache sprechen. Deshalb machen wir uns die eindringlichen Worte des Apostels Paulus zu eigen und appellieren erneut an euch aus ganzem Herzen: ‚Ich ermahne euch, Brüder,… dass ihr alle in Eintracht redet; keine Parteiungen soll es unter euch geben, vielmehr sollt ihr im gleichen Sinn und in gleicher Überzeugung zusammenstehen‘.

Ferner, wenn nichts von der Heilslehre Christi zu unterschlagen eine hervorragende Ausdrucksform der Liebe ist, so muss dies immer mit Duldsamkeit und Liebe verbunden sein; dafür hat der Herr selbst durch sein Wort und sein Werk den Menschen ein Beispiel gegeben. Denn obwohl er gekommen war, nicht um die Welt zu richten, sondern zu retten, war er zwar unerbittlich streng gegen die Sünde, aber geduldig und barmherzig gegenüber den Sündern« (Paul VI., Enz. Humanae vitae, 25. Juli 1968, Nr. 28-29).

(51) »Im Hinblick auf das Problem einer sittlich richtigen Geburtenregelung muss die kirchliche Gemeinschaft zur gegenwärtigen Zeit die Aufgabe übernehmen, Überzeugungen zu wecken und denen konkrete Hilfe anzubieten, die ihre Vater- und Mutterschaft in einer wirklich verantwortlichen Weise leben wollen.

Während die Kirche die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung für eine genauere Kenntnis der Zyklen der weiblichen Fruchtbarkeit begrübt und eine entschlossene Ausweitung dieser Studien anregt, kann sie nicht umhin, erneut mit Nachdruck an die Verantwortung all derer zu appellieren — Ärzte, Experten, Eheberater, Erzieher, Ehepaare —, die den Eheleuten wirksam helfen können, ihre Liebe in der Beachtung der Struktur und der Ziele des ehelichen Aktes zu verwirklichen, der diese Liebe zum Ausdruck bringt. Das bedeutet einen umfassenderen, entschlosseneren und systematischeren Einsatz dafür, dass die natürlichen Methoden der Geburtenregelung bekannt, geschätzt und angewandt werden.

Ein wertvolles Zeugnis kann und muss von jenen Eheleuten gegeben werden, die durch ihr gemeinsames Bemühen um die periodische Enthaltsamkeit eine reifere persönliche Verantwortlichkeit gegenüber der Liebe und dem Leben gewonnen haben. Wie Paul VI. schreibt, ‚übergibt ihnen der Herr die Aufgabe, die Heiligkeit und Milde jenes Gesetzes den Menschen sichtbar zu machen, das die gegenseitige Liebe der Eheleute und ihr Zusammenwirken mit der Liebe Gottes, des Urhebers des menschlichen Lebens, vereint’« (Johannes Paul II., Ap. Schreiben Familiaris consortio, 22. November 1981, Nr. 35).

(52) »Seit dem ersten Jahrhundert hat die Kirche es für moralisch verwerflich erklärt, eine Abtreibung herbeizuführen. Diese Lehre hat sich nicht geändert und ist unabänderlich. Eine direkte, das heißt eine als Ziel oder Mittel gewollte, Abtreibung stellt ein schweres Vergehen gegen das sittliche Gesetz dar« (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2271; siehe auch Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zur vorsätzlichen Abtreibung, 18. November 1974).

»Die sittliche Schwere der Abtreibung wird in ihrer ganzen Wahrheit deutlich, wenn man erkennt, dass es sich um einen Mord handelt, und insbesondere, wenn man die spezifischen Umstände bedenkt, die ihn kennzeichnen. Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das absolut unschuldigsteWesen, das man sich vorstellen kann« (Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 25. März 1995, Nr. 58).

(53) Man beachte, dass »ipso iure« die Vollmacht, in dieser Materie im forum internum loszusprechen — wie bei allen Zensuren, die nicht dem Heiligen Stuhl vorbehalten und nicht deklariert sind —, jedem Bischof, einschließlich dem Titularbischof, zusteht, sowie dem Bußkanoniker der Kathedrale der Kollegiatskirche (Can. 508); weiterhin den Kaplänen der Spitäler, der Gefängnisse und der Nicht-Sesshaften (Can. 566 § 2). Was spezifisch die Zensur bezüglich der Abtreibung angeht, besitzen aufgrund eines Privilegs all jene Beichtväter die Vollmacht zur Lossprechung, welche einem Bettelorden oder bestimmten modernen religiösen Kongregationen angehören.

(54) Vgl. Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 30. November 1980, Nr. 14.

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Quelle

Predigt von Papst Franziskus zur Bußfeier vom Freitag, 9. März 2018

BUSSFEIER

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Basilika
Freitag
, 9. März 2018

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Liebe Brüder und Schwestern,

wie groß ist die Freude und der Trost, die uns die soeben gehörten Worte des heiligen Johannes vermitteln: Die Liebe Gottes ist so groß, dass sie uns zu ihren Kindern werden lässt, und wenn wir sie von Angesicht zu Angesicht werden sehen können, werden wir die Größe dieser Liebe noch weiter entdecken (vgl. 1 Joh 3,1-10.19-22). Nicht nur das. Die Liebe Gottes ist immer größer, als wir uns vorstellen können; sie geht über jegliche Sünde hinaus, für die uns unser Gewissen anklagen könnte. Es ist eine Liebe, die keine Beschränkungen kennt und grenzenlos ist; sie stößt nicht auf jene Hindernisse, die wir im Gegensatz dazu gewöhnlich einer Person in den Weg stellen aus Angst, dass sie uns unserer Freiheit berauben könnte.

Wir wissen, dass der Zustand der Sünde die Entfernung von Gott zur Folge hat. Und in der Tat ist die Sünde eine Art und Weise, mit der wir uns von ihm abwenden. Aber dies bedeutet nicht, dass er sich von uns abwendet. Der Zustand der Schwäche und der Verwirrung, in den uns die Sünde versetzt, ist ein Grund mehr dafür, dass Gott uns nahe bleibt. Diese Gewissheit muss uns im Leben immer begleiten. Das Wort des Apostels Johannes ist eine Bekräftigung, um unser Herz zu versichern, ein stets unerschütterliches Vertrauen in die Liebe des Vaters zu haben, »dass, wenn unser Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles weiß« (V. 20).

Seine Gnade arbeitet weiter in uns, um die Hoffnung stärker zu machen, dass wir niemals seiner Liebe beraubt sein werden, ungeachtet jeglicher Sünde, die wir begangen haben können und mit der wir seine Gegenwart in unserem Leben ablehnen.

Diese Hoffnung treibt uns an, uns der Verwirrung bewusst zu werden, die unsere Existenz oftmals erfasst, genauso wie es Petrus im soeben gehörten Evangeliumsbericht geschehen ist: »Gleich darauf krähte ein Hahn und Petrus erinnerte sich an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich« (Mt 26,74-75). Der Evangelist ist äußerst nüchtern. Der Krähen des Hahns scheint einen verwirrten Menschen zu ertappen. Es erinnert ihn dann an die Worte Jesu, und schließlich zerreißt der Schleier, und Petrus beginnt unter Tränen zu erahnen, dass Gott sich in diesem geschlagenen, beschimpften, von ihm verleugneten Christus offenbart, der aber für ihn hingeht, um zu sterben. Petrus, der für Jesus sterben wollte, versteht jetzt, dass er zulassen muss, dass er für ihn stirbt. Petrus wollte seinen Meister belehren, er wollte ihm vorausgehen, aber es ist Jesus, der hingeht, um für Petrus zu sterben; und Petrus hatte das nicht verstanden, er wollte es nicht verstehen.

Petrus setzt sich nun mit der Liebe des Herrn auseinander und versteht schließlich, dass er ihn liebt und ihn bittet, sich lieben zu lassen. Petrus merkt, dass er immer abgelehnt hatte, sich lieben zu lassen, er hatte es immer abgelehnt, sich von Jesus voll retten zu lassen, er wollte also nicht, dass ihn Jesus ganz liebt.

Wie schwierig ist es, sich wahrhaft lieben zu lassen! Wir hätten immer gern, dass es an uns etwas gäbe, für das wir uns nicht erkenntlich zeigen müssen, während wir in Wirklichkeit für alles Schuldner sind, weil Gott der Erste ist und uns zur Gänze mit Liebe rettet.

Bitten wir jetzt den Herrn um die Gnade, uns die Größe seiner Liebe erkennen zu lassen, die jede unserer Sünden auslöscht.

Lassen wir uns von der Liebe reinigen, um die wahre Liebe zu erkennen!

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Papst Franziskus: Mitchristen sollen Sünder bei Umkehr unterstützen

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Papst Franziskus bei der Sonder-Generalaudienzen zum Jubiläum mit Polizei und Militär

Zur Barmherzigkeit Gottes gehört die Versöhnung. Daran hat Papst Franziskus die Heilig-Jahr-Pilger an diesem Samstag erinnert. Gott sei immer dazu bereit, Vergebung zu schenken, er gehe uns gerade dann nach, wenn wir uns durch unsere Sünden von ihm entfernt haben, sagte Franziskus bei einer der Sonder-Generalaudienzen zum Jubiläum. „Gott findet sich nie mit der Möglichkeit ab, dass ein Mensch außerhalb seiner Liebe bleibt, unter der Voraussetzung allerdings, dass er in dieser Person irgendein Zeichen der Reue für das begangene Übel findet.”

Genau diesen Punkt – die Reue, der Beginn der Umkehr – strich Franziskus als zentral hervor. Damit nämlich jemand sich eingestehe, eine Sünde begangen zu haben, brauche es auch das richtige Umfeld. Die Mitchristen und später besonders die Beichtväter hätten hier eine wichtige Aufgabe. „Niemand soll entfernt bleiben von Gott wegen Hindernissen, die Menschen aufgerichtet haben!”, betonte der Papst. „Die christliche Gemeinschaft kann und muss die aufrichtige Umkehr zu Gott jener Menschen begünstigen, die sich danach sehnen.“ Und an die Beichtväter gewandt: „Bitte, leg den Menschen, die sich mit Gott versöhnen wollen, keine Steine in den Weg. Der Beichtvater muss ein Vater sein! Er steht an der Stelle Gottes, des Vaters!“ Das Sakrament der Versöhnung sei ein schöner Auftrag: „Das ist keine Folterkammer und kein Verhör, nein, es ist der Vater, Gottvater, Jesus, der diesen Menschen aufnimmt und ihm verzeiht. Lassen wir uns mit Gott versöhnen! Wir alle!“

Die Erfahrung der Versöhnung mit Gott habe dann auch Folgen für den Umgang mit anderen Menschen, fuhr Franziskus fort: in den Familien, im Zwischenmenschlichen, in den kirchlichen Gemeinschaften, ebenso auch in den sozialen und sogar in den internationalen Beziehungen. „Die Versöhnung ist auch ein Dienst am Frieden, an der Anerkennung der Grundrechte des Menschen, an der Solidarität.“ Vor einigen Tage habe ihm jemand gesagt, „in der Welt gibt es mehr Feinde als Freunde, und ich glaube, er hat recht. Aber wir, wir sollten Brücken der Versöhnung auch zwischen uns bauen und dabei bei der eigenen Familie anfangen. Wie viele Geschwister sind zerstritten nur wegen des Erbes! Aber das geht nicht! Dies ist das Jahr der Versöhnung, mit Gott und zwischen uns.“

Einen herzlichen Gruß richte der Papst zum Ende der Audienz an die Soldaten, Polizisten und Angehörigen der Sicherheitskräfte, die zum außerordentlichen Jubiläum der Barmherzigkeit nach Rom gepilgert sind. Franziskus erinnerte sie daran, dass sie in ihrem Beruf nicht nur die öffentliche Ordnung schützen, “sondern auch der Versöhnung dienen” können. Vom Frieden zu sprechen sei nicht leicht, „vor allem wegen des Krieges, der die Herzen verhärtet und Gewalt und Hass vermehrt”, räumte Franziskus ein. „Ich ermahne euch, nicht den Mut zu verlieren. Lasst angesichts der täglichen Herausforderung die christliche Hoffnung leuchten.”

(rv 30.04.2016 gs)

Der Kapuzinerorden feiert den 150. Geburtstag des heiligen Leopold Mandić

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Rückkehr auf die andere Seite der Adria

Zagreb. Der Kapuzinerorden und die Ortskirchen von Kroatien, Slowenien, Italien und Montenegro begehen mit großen Feiern das Jubiläum des heiligen Leopold Mandić. Er wurde vor 150 Jahren, am 12. Mai 1866, in Herceg Novi (bis 1918 Österreich, heute Montenegro) geboren. Er starb am 30. Juli 1942 in Padua und wurde am 16. Oktober 1983 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Papst Franziskus erklärte »Padre Leopoldo« im September gemeinsam mit P. Pio von Pietrelcina zum Patron des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Der Glasschrein mit dem unverwesten Leichnam von »Padre Leopoldo« war im Februar im Petersdom ausgestellt.

Mandić, ein Kroate, trat mit 18 Jahren in Venedig in den Kapuzinerorden ein und erhielt den Ordensnamen Leopoldo. Er wollte an einer Vereinigung mit der orthodoxen Kirche mitwirken. Seine Aufgabe wurde es dann aber vor allem, als Beichtvater tätig zu sein, was er unermüdlich tat. Er hatte mystische Gaben wie die der Prophezeiung. Schon bei seinem Tod eilte Leopold Mandić der Ruf der Heiligkeit voraus. Noch bei der Graböffnung 1966 war sein Leichnam unverwest.

Aus Anlass des Jubiläums wurde der Reliquienschrein des Heiligen vom 13. bis 18. April in Kroatien und Slowenien gezeigt. Einer der Höhepunkte war ein Gottesdienst mit den Bischöfen Kroatiens, Bosnien und Herzegowinas sowie den Provinzialen der Ordensgemeinschaften am Donnerstagabend, 14. April, im Zagreber Dom und mit Kardinal Vinko Puljic (Sarajevo) am Sonntagabend, 17. April, in der St.-Leopold-Mandić-Kirche in Zagreb-Dubrava. In Slowenien feierte Erzbischof Stanislav Zore im Laibacher Dom, wo die Reliquien ausgestellt sein werden, die heilige Messe. Im Blick auf Pater Leopold Mandić sagte der Zagreber Kapuzinerprovinzial Jure Sarcević gegenüber der kroatischen katholischen Wochenzeitung »Glas Koncila«, der heilige Leopold »wollte sein ganzes Leben zu den Seinen, auf die andere Seite der Adria, zurückkehren, um für die Einheit der Christen zu arbeiten, insbesondere für die Einheit von Orthodoxen und Katholiken«. 74 Jahre nach seinem Tod »geht sein Wunsch in Erfüllung, doch völlig erfüllt wird er dann, wenn sein Leib in seine Heimatstadt Herceg Novi gebracht wird«. Der Bischof von Kotor, Ilija Janjić, habe deshalb die Bitte an die Kapuziner gerichtet, dass die sterblichen Überreste des Heiligen noch in diesem Jahr nach Herceg Novi kommen«, so P. Sarcević.

Der Provinzial betonte, dass durch die Ernennung von Pater Leopold zum Patron des »Jubiläums der Barmherzigkeit« die Kirche den Gläubigen diesen Heiligen als »Vorbild im Leben und Fürsprecher in Krisen und Ängsten« vor Augen stelle. Den Priestern sei er ein Vorbild des »unermüdlichen Beichtehörens«, und allen Gläubigen in Kroatien »ein wunderbares Geschenk Gottes«.

Sarcević berichtete, dass die Kapuziner nur ein paar Jahre nach dem Tod des Heiligen im Jahr 1946 die erste Biografie von Leopold Mandić übersetzten und verbreiteten. Die Biografie wurde von P. Pietro Elise Bernardi aus Padua verfasst, der mit Pater Leopold 15 Jahre in Padua im Kapuzinerkloster lebte. Diese erste Biographie druckten die kroatischen Kapuziner in 10 Exemplaren, und zwar auf Packpapier eines Fleischhauers, der sich in der Nähe des Kapuzinerklosters befand.

Der damalige Erzbischof von Zagreb, Alojzije Stepinac, sei sehr engagiert in der Verbreitung der Verehrung von Leopold Mandić und in Bezug auf die Initiative für seine Selig- und Heiligssprechung gewesen, hob Sarcević weiter hervor. In der Einleitung der kroatischen Ausgabe der genannten Biografie des Heiligen schrieb Erzbischof Stepinac: »Dieser Mann kleiner Gestalt und zerbrechlicher Gesundheit war ein echter Riese des Geistes, der dem guten Gott gedient hat, um zahlreichen Seelen die Bürde des Lebens zu erleichtern, sie für die ewigen Ideale zu begeistern und sie im Guten zu festigen. Dem ganzen kroatischen Volk wird es eine große Freude sein, dass Leopold Mandić als Seliger ein wundervolles Vorbild sein wird, wie man im Guten verharren soll.«

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Quelle: Osservatore Romano 16/2016