JOHANNES PAUL II.: Wie kann man heute Christi Zeuge sein?

POPE JOHN PAUL II GESTURES DURING 1980 VISIT TO PARIS

Ansprache an die Jugend im Parc-des-Princes in Paris
am Sonntagabend, 1. Juni 1980

Liebe Jugend Frankreichs!

1. Ich danke euch für diese Begegnung, die ihr nach Art eines Dialogs veranstal­ten wolltet. Ihr wolltet mit dem Papst sprechen. Und das ist aus zwei Gründen sehr wichtig.

Der erste Grund ist, daß diese Art zu handeln uns direkt auf Christus verweist: in ihm entwickelt sich ständig ein Dialog: das Gespräch Gottes mit dem Men­schen und des Menschen mit Gott.

Christus ist – ihr habt es gehört – das Wort, das Wort Gottes. Er ist das ewige Wort. Dieses Wort Gottes als Mensch ist nicht das Wort eines „großen Mono­logs“, sondern es ist das Wort des „unaufhörlichen Dialogs“, der sich im Heili­gen Geist entfaltet: Ich weiß, daß das ein schwerverständlicher Satz ist, aber ich sage ihn trotzdem und überlasse ihn euch, damit ihr darüber nachdenkt. Haben wir nicht heute früh das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit gefeiert?

Der zweite Grund ist folgender: der Dialog entspricht meiner persönlichen Überzeugung, daß Diener des Wortes, des Wortes Gottes sein verkündigen im Sinne von antworten heißt. Um antworten zu können, muß man die Fragen keimen. Und deshalb ist es gut, daß ihr sie gestellt habt; sonst hätte ich sie erraten müssen, um mit euch sprechen, euch antworten zu können! (Das war eure Frage 21.)

Ich bin zu dieser Überzeugung nicht nur durch meine frühere Erfahrung als Professor, durch die Kurse und Arbeitsgruppen gelangt, sondern vor allem durch meine Erfahrung als Prediger, bei der Predigt im Gottesdienst und be­sonders bei Exerzitienvorträgen. Und meistens habe ich mich dabei an junge Menschen gewandt; der Jugend habe ich geholfen, dem Herrn zu begegnen, ihn zu hören und ihm auch zu antworten.

2. Wenn ich mich jetzt an euch wende, möchte ich das so tun, daß ich wenig­stens indirekt auf all eure Fragen antworten kann.

Ich kann das daher nicht so machen, daß ich diese Fragen eine nach der anderen vornehme. Meine Antworten können jetzt zwangsläufig nur summarisch sein. Erlaubt mir also, die Frage zu wählen, die mir als die wichtigste, die zentralste erscheint, und mit ihr zu beginnen. Auf diese Weise, so hoffe ich, werden nach und nach eure anderen Fragen ins Gespräch kommen.

Eure Hauptfrage betrifft Jesus Christus. Ihr wollt mich über Jesus Christus sprechen hören, und ihr fragt mich, wer Jesus Christus für mich ist (Frage 13). Gestattet, daß ich die Frage an euch zurückgebe und sage: Wer ist Jesus Chri­stus für euch? Auf diese Weise will ich euch, ohne der Frage auszuweichen, auch meine Antwort geben und euch sagen, wer er für mich ist.

3. Das ganze Evangelium ist ein Dialog mit dem Menschen, mit den verschie­denen Generationen, den Nationen, den verschiedenen Überlieferungen …, aber es ist immer und ununterbrochen ein Dialog mit dem Menschen, mit je­dem einzelnen, absolut einmaligen Menschen.

Zugleich begegnet man im Evangelium zahlreichen Dialogen. Unter ihnen erwähne ich als besonders bedeutsam das Gespräch Christi mit dem reichen Jüngling.

Ich lese euch den Text vor, weil ihr ihn vielleicht nicht alle gut in Erinnerung habt. Er steht im 19. Kapitel des Matthäus-Evangeliums:

„Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist ,der Gute‘. Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Ge­bote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussa­gen; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; dann komm und folge mir nach. Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen“ (Mt 19, 16-22).

Warum spricht Christus mit diesem jungen Mann? Die Antwort findet sich im Evangelium. Und ihr fragt mich, warum ich überall, wo ich hinkomme, mit der Jugend zusammentreffen will. (Das ist eure Frage 1.)

Ich antworte euch: Weil der Jugendliche in ganz besonderer, in entscheiden­der Weise den Menschen darstellt, der im Begriff ist, sich zu bilden. Das soll nicht heißen, daß der Mensch sich nicht sein ganzes Leben lang bildet: man sagt, die Erziehung beginne bereits vor der Geburt und dauere bis zum Lebens­ende. Doch vom Gesichtspunkt der Bildung her ist die Jugend eine besonders wichtige, reiche und entscheidende Zeit. Und wenn ihr über das Gespräch Christi mit dem reichen Jüngling nachdenkt, werdet ihr bestätigt finden, was ich euch sagte.

Die Fragen des jungen Mannes sind wesentlich. Die Antworten auch.

4. Diese Fragen und diese Antworten sind nicht nur für den jungen Mann we­sentlich, von dem hier die Rede ist, sie haben nicht nur für seine damalige Situa­tion Bedeutung; sie sind ebenso für heute, für unsere Zeit von erstrangiger Be­deutung und wesentlich. Deshalb antworte ich auf die Frage, ob das Evange­lium auf die Probleme der heutigen Menschen Antwort geben kann (das ist eure Frage 9): es kann das nicht nur, es muß auch: es allein gibt eine vollstän­dige Antwort, die den Dingen ganz auf den Grund geht.

Ich habe zu Beginn gesagt, daß Christus das Wort Gottes ist, das Wort eines ununterbrochenen Dialogs. Er ist der Dialog, der Dialog mit jedem Menschen, auch wenn nicht alle ihn führen und nicht alle wissen, wie sie ihn führen sollen, und es auch Menschen gibt, die ihn ausdrücklich ablehnen. Sie entfernen sich … Und doch, vielleicht ist auch mit ihnen der Dialog im Gang. Ich bin über­zeugt, daß es so ist. Nicht nur einmal passiert es, daß der Dialog ganz unerwartet und überraschend Wirklichkeit wird.

5. Ich beantworte jetzt die Frage, in der ihr wissen wollt, warum ich in den ver­schiedenen Ländern, die ich besuche, wie auch in Rom mit den verschiedenen Staatsmännern spreche (Frage 2).

Einfach weil Christus mit allen Menschen spricht, mit jedem Menschen. Außerdem meine ich, und daran zweifelt auch ihr nicht, daß Christus den Men­schen, die so große gesellschaftliche Verantwortung tragen, nicht weniger zu sagen hat als dem jungen Mann im Evangelium und jedem von euch.

Auf eure Frage, worüber ich denn mit den Staatsoberhäuptern spreche, möchte ich antworten, daß ich mit ihnen sehr häufig gerade über die Jugend rede. Es ist ja in der Tat die Jugend, von der das Morgen abhängt. Diese Worte sind einem Lied entnommen, das die euch gleichaltrigen polnischen Jugendlichen oft sin­gen: „Von uns hängt das Morgen ab.“ Auch ich habe es mehr als einmal mit ihnen gesungen. Zudem machte es mir große Freude, mit den Jugendlichen Lieder zu singen, auch wegen der Musik und der Texte. Ich rufe diese Erinnerung wach, weil ihr mir auch Fragen über meine Heimat vorgelegt habt (eure Frage 7), aber wenn ich auf diese Frage antworten wollte, müßte ich viel länger sprechen!

Ihr fragt mich auch, was Frankreich von Polen und was Polen von Frankreich lernen könnte.

Man ist gewöhnlich der Meinung, daß Polen mehr von Frankreich als dieses von Polen gelernt habe. Seiner Geschichte nach ist Polen um einige Jahrhun­derte jünger. Ich glaube jedoch, daß Frankreich auch manches lernen könnte. Polen hatte keine leichte Geschichte, vor allem während der letzten Jahrhunder­te. Die Polen haben nicht wenig dafür bezahlt, Polen und auch Christen zu sein … Das ist eine autobiographische Antwort, verzeiht, aber ihr habt mich dazu herausgefordert. Erlaubt jedoch, daß ich diese autobiographische Antwort mit Hilfe anderer von euch gestellter Fragen noch erweitere. Zum Beispiel, wenn ihr mich fragt, ob eine abendländische Kirche wirklich „afrikanische“ oder „asiatische“ Kirche sein kann (Frage 20).

6. Dieses Problem ist augenscheinlich weiter und geht über das hinaus, was ich vorhin zur Kirche in Frankreich oder Polen gesagt habe. Denn die eine wie die andere sind „abendländisch“, gehören demselben europäisch-lateinischen Kulturkreis an, doch meine Antwort bleibt dieselbe. Die Kirche ist ihrer Natur nach eine und universal. Sie wird zur Kirche jeder Nation, aller Kontinente und Rassen in dem Maß, wie diese Gesellschaften das Evangelium annehmen und es sozusagen zu ihrem Eigentum machen. Vor kurzem war ich in Afrika. Alles weist darauf hin, daß die jungen Kirchen dieses Erdteils ganz bewußt afrika­nisch sind. Und sie sind bewußt bestrebt, die Verbindung zwischen dem Chri­stentum und den Überlieferungen ihrer eigenen Kulturen herzustellen. In Asien und vor allem im Fernen Osten meint man oft, das Christentum sei die „abendländische“ Religion, trotzdem zweifle ich nicht daran, daß die Kirchen, die dort Wurzel geschlagen haben, „asiatische“ Kirchen sind.

7. Kehren wir nun zu unserem Hauptthema zurück, zum Gespräch Christi mit dem jungen Mann.

Eigentlich haben wir, würde ich sagen, diesen Textzusammenhang die ganze Zeit gar nicht verlassen.

Der junge Mann fragt also: „Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mt 19, 16).

Ihr stellt die Frage: Kann man in der heutigen Welt glücklich sein? (Das ist eure Frage 12.)

In Wahrheit stellt ihr dieselbe Frage wie dieser Jüngling! Christus antwortet ­ihm und auch euch, jedem von euch: Man kann glücklich sein. Das ist der Inhalt seiner Antwort, auch wenn seine Worte lauten: „Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote“ (Mt 19, 17). Und dann fügte er hinzu: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen …; dann komm und folge mir nach“ (Mt 19, 21).

Diese Worte besagen, daß nur der Mensch glücklich sein kann, der imstande ist, die Forderungen anzunehmen, die ihm sein Menschsein, seine Menschen­würde auferlegen. Das sind die Forderungen, die Gott ihm abverlangt.

8. Christus beantwortet also nicht nur die Frage, ob man glücklich sein kann ­sondern er sagt mehr: er sagt, wie man glücklich wird und unter welcher Bedin­gung. Diese Antwort ist ganz und gar originell, man kann sie nicht beiseite schieben, sie ist niemals überholt. Ihr müßt gut darüber nachdenken und sie auf euch selbst anwenden. Die Antwort Christi umfaßt zwei Teile. Im ersten geht es um die Beachtung der Gebote. Hier möchte ich etwas ausholen zu eurer Fra­ge über die grundsätzliche Lehre der Kirche im Bereich der Sexualmoral (Frage 17). Ihr gebt eurer Sorge Ausdruck, weil ihr die Befolgung dieser Prinzipien als sehr schwierig anseht und fürchtet, daß sich gerade deshalb junge Menschen von der Kirche abwenden könnten. Ich habe euch folgendes zu antworten: Wenn ihr über diese Frage tief genug nachdenkt, wenn ihr dem Problem auf den Grund geht, so versichere ich euch, daß ihr euch klar darüber werdet, daß die Kirche auf diesem Gebiet nur Forderungen erhebt, die ganz eng mit der wahren, das heißt verantwortlichen ehelichen Liebe verbunden sind. Sie for­dert, was die Würde der Person und die gesellschaftliche Grundordnung ver­langen. Ich bestreite nicht, daß es sich um Forderungen handelt. Aber eben hier liegt der Kern des Problems: daß nämlich der Mensch sich selbst nur in dem Maß verwirklicht, als er fähig ist, die an ihn gerichteten Forderungen auf sich zu nehmen. Andernfalls wird er „ganz traurig“, wie wir soeben im Evange­lium gelesen haben. Der moralische Permissivismus macht die Menschen nicht glücklich. Die Konsumgesellschaft macht die Menschen nicht glücklich. Sie waren nie dazu imstande.

9. Im Gespräch Christi mit dem jungen Mann gibt es, wie ich sagte, zwei Ab­schnitte. Im ersten Abschnitt geht es um die Einhaltung der Zehn Gebote, das heißt um die Grundforderungen jeder menschlichen Moral. Im zweiten Ab­schnitt sagt Christus: „Wenn du vollkommen sein willst…, komm und folge mir nach“ (Mt 19, 21).

Dieses „Komm und folge mir nach“ ist der zentrale Höhepunkt der ganzen Epi­sode. Diese Worte machen deutlich, daß man das Christentum nicht als eine aus vielen verschiedenen Kapiteln bestehende Lektion lernen kann, sondern es immer mit einer Person, mit einem lebendigen Menschen verbinden muß: mit Jesus Christus. Jesus Christus ist der Führer: er ist das Vorbild. Man kann ihm auf verschiedene Weise und in verschiedenem Ausmaß nachfolgen. Man kann ihn auf verschiedene Weise und in verschiedenem Ausmaß zur „Regel“ seines eigenen Lebens machen.

Jeder von uns ist gleichsam ein besonderes „Material“, aus dem – in der Nach­folge Christi – die eine, konkrete und absolut einmalige Lebensform gewonnen werden kann, die sich als christliche Berufung bezeichnen läßt. Zu diesem Punkte wurde auf dem letzten Konzil, vor allem was die Berufung der Laien be­trifft, viel gesagt.

10. Das ändert nichts daran, daß das „Folge mir nach“ Christi in diesem beson­deren Fall die priesterliche Berufung oder die Berufung zum geweihten Leben nach den evangelischen Räten ist und bleibt. Ich sage das, weil ihr die Frage 10 nach meiner eigenen Priesterberufung gestellt habt. Ich will versuchen, euch kurz darauf zu antworten, indem ich eurer Fragestellung folge. Ich will vor allem das sagen: ich bin seit zwei Jahren Papst; mehr als zwanzig Jahre bin ich Bischof, und doch bleibt es für mich immer das wichtigste, daß ich Priester bin. Daß ich jeden Tag die Eucharistie feiern kann. Daß ich das eigene Opfer Christi erneuern und in ihm alles dem Vater darbringen kann: die Welt, die Mensch­heit und mich selbst. Darin besteht ja das volle Ausmaß der Eucharistie. Und deshalb habe ich stets die innere Entwicklung in Erinnerung, in deren Folge ich den Ruf Christi zum Priestertum gehört habe. Dieses besondere „Komm und folge mir nach“.

Indem ich euch das anvertraue, fordere ich jeden von euch auf, diesen Worten des Evangeliums euer Ohr zu leihen. Dadurch wird sich euer Menschsein voll herausbilden und die christliche Berufung eines jeden von euch feste Formen annehmen. Und vielleicht werdet auch ihr den Ruf zum Priesterberuf oder zum Ordensleben hören. Frankreich war noch bis vor kurzem reich an solchen Beru­fen. Es hat unter anderem der Kirche unzählige Missionare und Missions­schwestern geschenkt! Sicher spricht Christus noch immer an den Ufern der Seine und läßt immer denselben Aufruf vernehmen. Hört aufmerksam hin! Denn in der Kirche werden immer die gebraucht, die „aus den Menschen aus­gewählt werden“, die Christus in besonderer Weise „für die Menschen“ ein­setzt (Hebr 5, 1) und die er zu den Menschen entsendet.

11. Ihr habt auch die Frage über das Gebet gestellt (Frage 4). Es gibt mehrere Definitionen des Gebets. Aber meist bezeichnet man es als ein Gespräch, eine Begegnung mit Gott. Wenn wir mit jemandem ein Gespräch führen, sprechen wir nicht nur, sondern wir hören auch zu. Das Gebet ist also auch ein Hören. Es besteht im Hören auf die innere Stimme der Gnade. Im Hören aufden Ruf Und da ihr mich fragt, wie der Papst betet, antworte ich euch: wie jeder Christ – er spricht und er hört. Und er versucht auch, das Gebet mit seinen Verpflichtun­gen, seiner Tätigkeit, seiner Arbeit zu verbinden und seine Arbeit mit dem Ge­bet zu verbinden. Und auf diese Weise trachtet er, Tag für Tag seinen Dienst, sein Dienstamt zu erfüllen, das ihm durch den Willen Christi und die lebendige Überlieferung der Kirche aufgetragen ist.

12. Ihr fragt mich auch, wie ich diesen Dienst jetzt sehe, wo ich seit zwei Jahren zum Nachfolger Petri berufen bin (Frage 6). Ich sehe diesen Dienst vor allem als eine Reifung im Priestertum und als ein Verharren im Gebet mit Maria, der Mutter Christi, wie die Apostel im Abendmahlssaal zu Jerusalem unablässig beteten, als sie den Heiligen Geist empfingen. Darüber hinaus findet ihr meine Antwort auf diese Frage auch im Zusammenhang mit den folgenden Fragen. Und in all dem, was zur Verwirklichung des Zweiten Vatikanischen Konzils ge­hört (Frage 14). Ihr fragt, ob diese Verwirklichung möglich ist! Und ich gebe euch zur Antwort: die Verwirklichung des Konzils ist nicht nur möglich, sie ist notwendig. Diese Antwort ist vor allem die Antwort des Glaubens. Es ist die erste Antwort, die ich am Morgen nach meiner Wahl vor den in der Sixtinischen Kapelle versammelten Kardinälen gegeben habe. Es ist die Antwort, die ich mir selbst und den anderen vor allem als Bischof und als Kardinal gegeben habe, und es ist die Antwort, die zu geben ich nicht aufhöre. Hier liegt das Hauptproblem. Ich glaube, daß durch das Konzil für die Kirche unserer Zeit die Worte Christi verwirklicht werden, in denen er seiner Kirche den Geist der Wahrheit verheißen hat, der den Geist und die Herzen der Apostel und ihrer Nachfolger leiten und ihnen ermöglichen wird, in der Wahrheit zu bleiben, die Kirche in der Wahrheit zu führen und im Lichte dieser Wahrheit „die Zeichen der Zeit“ neu zu lesen. Eben das hat das Konzil im Zusammenhang mit den Bedürfnissen unserer Zeit, unseres Zeitalters getan. Ich glaube, daß durch das Konzil der Heilige Geist zur Kirche spricht. Ich sage das, indem ich ein Wort des hl. Johannes aufgreife. Unsere Aufgabe ist es, auf sichere und ehrliche Weise zu erfassen, was „der Geist sagt“, und es zu verwirklichen, wobei wir Abweichun­gen von dem Weg, den das Konzil unter vielerlei Gesichtspunkten vorgezeich­net hat, vermeiden müssen.

13. Der Dienst des Bischofs und besonders der des Papstes ist mit einer beson­deren Verantwortung für das verbunden, was der Geist sagt: er ist mit der Ge­samtheit des Glaubens der Kirche und der christlichen Moral verbunden. Denn dieser Glaube und diese Moral sind es, die sie, die Bischöfe zusammen mit dem Papst, in der Kirche lehren müssen, indem sie im Licht der stets leben­digen Überlieferung über die Übereinstimmung des Glaubens und der Moral mit dem Wort des geoffenbarten Gottes wachen. Deshalb müssen sie manch­mal auch feststellen, daß bestimmte Meinungen oder Veröffentlichungen zei­gen, daß es ihnen an dieser Übereinstimmung fehlt. Sie bieten keine authenti­sche Lehre des christlichen Glaubens und der Sittenlehre. Ich spreche davon, weil ihr danach gefragt habt (Frage 5). Wenn wir mehr Zeit hätten, könnte man diesem Problem eine ausführliche Darlegung widmen – um so mehr, als es ge­rade in diesem Bereich nicht an falschen Informationen und irrigen Erklärun­gen fehlt, doch wir müssen uns heute mit diesen wenigen Worten begnügen.

14. Das Werk der Einheit der Christen ist, wie ich glaube, eine der größten und schönsten Aufgaben der Kirche unserer Zeit.

Ihr wollt wissen, ob ich diese Einheit erwarte und wie ich sie mir vorstelle. Ich werde euch dieselbe Antwort geben wie auf die Frage nach der Verwirklichung des Konzils. Auch hier sehe ich einen besonderen Anruf des Heiligen Geistes. Was seine Verwirklichung, die verschiedenen Stufen der Verwirklichung be­trifft, so finden wir in der Lehre des Konzils alle grundlegenden Elemente. Sie müssen wir verwirklichen, ihre konkrete Anwendung müssen wir versuchen, und vor allem müssen wir mit innerer Glut, Ausdauer und Demut beten. Die Einheit der Christen kann nur durch eine tiefe Reifung in der Wahrheit und durch eine ständige Umkehr der Herzen Wirklichkeit werden. All das müssen wir unseren menschlichen Fähigkeiten entsprechend tun, indem wir die Jahr­hunderte währenden „historischen Prozesse“ zurückzunehmen beginnen. Letzten Endes aber wird diese Einigung, für die wir weder mit unseren Anstrengungen noch mit unserer Arbeit sparen dürfen, das Geschenk Christi an seine Kirche sein. So wie schon die Tatsache, daß wir den Weg zur Einigung beschritten haben, sein Geschenk ist.

15. In eurer Fragenliste weitergehend, antworte ich: ich habe schon wiederholt von den Pflichten der Kirche im Bereich der Gerechtigkeit und des Friedens ge­sprochen (Frage 15) und dabei auf das Wirken meiner großen Vorgänger Johan­nes XXIII. und Paul VI. Bezug genommen.

Morgen will ich am Sitz der UNESCO in Paris dazu das Wort ergreifen. Ich neh­me auf all das Bezug, weil ihr mich fragt: Was können wir, wir Jugendlichen, dafür tun? Können wir etwas tun, um einen neuen Krieg, eine Katastrophe zu verhindern, die unermeßlich und schrecklicher als der vorangegangene Krieg wäre? Ich meine, daß ihr schon in der Formulierung eurer Fragen die erwartete Antwort finden könnt. Lest diese Fragen. Denkt über sie nach. Entwerft ein ge­meinsames Programm, ein Programm des Lebens. Ihr Jugendlichen habt be­reits die Möglichkeit, dort, wo ihr lebt, in eurer Umwelt den Frieden und die Gerechtigkeit zu fördern. Das schließt schon bestimmte Haltungen des Wohl­wollens ein beim Urteil über euch selbst und die anderen, ein Verlangen nach Gerechtigkeit, das auf der Achtung der andern, ihrer Verschiedenheit, ihrer wichtigsten Rechte beruht; so wird eine Atmosphäre der Brüderlichkeit vorbe­reitet, wenn ihr morgen die Hauptträger der Verantwortung in Staat und Ge­sellschaft seid. Wenn man eine neue und brüderliche Welt aufbauen will, muß man neue Menschen vorbereiten.

16. Und nun zur Frage über die Dritte Welt (Frage 8). Das ist eine große histori­sche, kulturelle und zivilisatorische Frage, aber vor allem ein moralisches Pro­blem. Ihr fragt mit Recht, wie die Beziehungen zwischen unseren Ländern und den Ländern der Dritten Welt, Afrikas und Asiens, aussehen sollen. Es gibt hier in der Tat große Verpflichtungen moralischer Natur. Unsere „westliche“ Welt ist zugleich „nördlich“ (europäisch oder atlantisch). Ihr Reichtum und ihr Fort­schritt schulden den Bodenschätzen und den Menschen dieser Kontinente viel. In der neuen Lage, in der wir uns nach dem Konzil befinden, kann man nicht mehr dort die Quellen einer weiteren Bereicherung und seines eigenen Fort­schritts suchen. Man muß gewissenhaft, indem man sich organisatorisch darauf einstellt, ihrer Entwicklung dienen. Das ist vielleicht das wichtigste Problem in bezug auf Gerechtigkeit und Frieden in der Welt von heute und morgen. Die Lösung dieses Problems hängt von der jetzigen Generation ab, und sie wird von euch und den folgenden Generationen abhängen. Es geht hier auch darum, das Zeugnis fortzusetzen, das viele frühere Generationen von Missionaren, Ordensleuten und Laien für Christus und die Kirche gegeben haben.

17. Zur Frage 18: Wie kann man heute Zeuge für Christus sein? Das ist die grundlegende Frage, die Fortsetzung der Überlieferung, die wir in den Mittel­punkt unseres Dialogs gestellt haben, die Begegnung mit einem jungen Mann. Christus sagt: „Folge mir nach!“ Das hat er zu Simon, dem Sohn des Jonas, ge­sagt, dem er dann den Namen Petrus gab; zu dessen Bruder Andreas; zu den Söhnen des Zebedäus; zu Nathanael. Er sagt „Folge mir nach“, um dann nach der Auferstehung zu wiederholen: „Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg 1, 8). Um Zeuge Christi zu sein, um von ihm Zeugnis zu geben, muß man ihm vor allem folgen. Man muß ihn kennenlernen, man muß sich sozusagen in seine Schule begeben, in sein Geheimnis eindringen. Das ist eine fundamentale und zentrale Aufgabe. Wenn wir das nicht tun, wenn wir nicht bereit sind, es ständig und ehrlich zu tun, läuft unser Zeugnis Gefahr, daß es kein Zeugnis mehr ist. Wenn wir hingegen auf all das aufmerksam achten, wird Christus selbst uns durch seinen Geist lehren, was wir zu tun haben, wie wir uns verhalten sollen, wofür und wie wir uns einsetzen sollen, wie wir den Dialog mit der heutigen Welt führen sollen, diesen Dialog, den Paul VI. den Dialog des Heils nannte.

18. Wenn ihr mich also fragt: Was müssen wir, vor allem wir jungen Menschen, in der Kirche tun?, dann antworte ich euch: Christus kennenlernen. Ständig. Christus hören. In ihm finden sich wahrhaftig die unergründlichen Schätze der Weisheit und des Wissens. In ihm wird der Mensch, auf dem seine Grenzen, seine Unvollkommenheiten, seine Schwäche und seine Sünden lasten, wahr­haftig zum „neuen Menschen“: er wird zum „Menschen für die anderen“, er wird auch zur „Ehre Gottes“, weil die Ehre Gottes, wie im zweiten Jahrhundert der heilige Bischof und Märtyrer Irenäus von Lyon sagte, „der lebendige Mensch“ ist. Die Erfahrung von zweitausend Jahren lehrt uns, daß in diesem grundlegenden Werk, der Sendung des ganzen Gottesvolkes, kein wesentlicher Unterschied zwischen Mann und Frau besteht. Jeder wird in seinem Ge­schlecht, gemäß den charakteristischen Zügen der Frau und des Mannes, zu diesem „neuen Menschen“, das heißt zu diesem „Menschen für die anderen“, und als lebendiger Mensch wird er zur „Ehre Gottes“. Wenn das stimmt, so wie es stimmt, daß die Kirche hierarchisch von den Nachfolgern der Apostel und somit von Männern geleitet wird, so ist es nur um so richtiger, daß im charisma­tischen Sinn die Frauen sie zusammen mit den Männern leiten, ja vielleicht sogar noch mehr: ich fordere euch auf, oft an Maria, die Mutter Christi, zu denken.

19. Ehe ich dieses Zeugnis, das auf euren Fragen gründet, abschließe, möchte ich noch ganz besonders den zahlreichen Vertretern der französischen Jugend danken, die mir vor meiner Ankunft in Paris Tausende von Briefen gesandt ha­ben. Ich danke euch, daß ihr diese Verbundenheit, diese Gemeinschaft, diese Mitverantwortung bekundet habt. Ich wünsche mir, daß diese Verbundenheit, diese Gemeinschaft und diese Mitverantwortung nach unserer Begegnung heute Abend fortgesetzt werden und weitere Vertiefung und Entfaltung erfah­ren.

Ich bitte euch auch, eure Verbundenheit mit der Jugend der ganzen Kirche und Welt im Geist dieser Gewißheit zu stärken, daß Christus unser Weg, die Wahr­heit und das Leben ist (vgl. Joh 14, 6).

Vereinigen wir uns jetzt im Gebet, das er selbst uns gelehrt hat, indem wir ge­meinsam das Vaterunser singen, und empfangt für euch, für alle gleichaltrigen Jungen und Mädchen, für eure Familien und vor allem für die leidenden Men­schen den Segen des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri.

Ehe ich schließe, muß ich noch sagen, wie dieser Dialog, diese „Dialog“-Ansprache, zustande gekommen ist. Man hatte mir das Programm geschickt und gesagt, daß ich zur Jugend sprechen müsse. Wir haben dann eine Anspra­che vorbereitet. Nachher schickten die Veranstalter mir euer Programm und die Fragen, die ihr dem Papst stellen wolltet. Ich mußte also die vorbereitete Ansprache ändern und die ausarbeiten, die ihr eben gehört habt. Aber die „Mo­nolog“-Ansprache bleibt und wird euch überlassen, damit ihr sie lesen und überdenken könnt. Ich glaube, daß die Veranstalter sie euch gern austeilen werden.

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Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls – 21 – Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerfahrt nach Frankreich – 30. Mai bis 2. Juni 1980. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz

Siehe ferner:

JOHANNES PAUL II.: BOTSCHAFT AN DIE FRANZÖSISCHE JUGEND

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HAND IN HAND MIT DEM HERRN

Die folgende für die Begegnung des Papstes mit den französischen Jugendli­chen vorbereitete Ansprache wurde diesen als „Botschaft an die Jugend Frank­reichs“ übergeben. Johannes Paul II. aber beantwortete im Pariser Parc-des­-Princes am Abend des 1. Juni 1980 Fragen, die ihm von den Jugendlichen zugeleitet worden waren.

Liebe Jugend Frankreichs!

1. Tausend Dank, daß ihr so zahlreich gekommen seid, so fröhlich, so ver­trauensvoll, so einig untereinander! Dank den Jugendlichen von Paris und aus der Umgebung von Paris! Dank den jungen Leuten, die voll Enthusiasmus aus allen vier Himmelsrichtungen Frankreichs gekommen sind! Zu gern würde ich jedem von euch die Hand drücken, einen Blick mit ihm wechseln, ein persönli­ches, freundschaftliches Wort zu ihm sagen. Daß das technisch unmöglich ist, stellt jedoch kein Hindernis dar für die tiefe Gemeinschaft des Geistes und des Herzens. Der Austausch eures Zeugnisses ist dafür ein Beweis. Eure Versamm­lung ist eine Freude für meine Augen und rührt mein Herz. Euer Jugendtreffen wollte sich den Mengen junger Menschen würdig an die Seite stellen, mit de­nen ich im Verlauf meiner apostolischen Reisen bereits zusammengetroffen bin: zuerst in Mexiko, dann in Polen, in Irland, in den Vereinigten Staaten und vor kurzem in Afrika. Ich darf es euch anvertrauen: Gott hat mir – wie so vielen Bischöfen und Priestern – die Gnade geschenkt, die jungen Leute, die sicher­lich von Land zu Land verschieden, aber in ihrer Begeisterung und ihren Enttäuschungen, ihren Sehnsüchten und ihrer Großmut einander sehr ähnlich sind, leidenschaftlich zu lieben! Diejenigen unter euch, die die Möglichkeit hatten, Kontakte und Freundschaften mit der Jugend einer anderen Provinz, eines anderen Landes, eines anderen Kontinents als ihrem eigenen zu pflegen, verstehen vielleicht besser und teilen gewiß einen Glauben an die Jugend, weil sie überall, heute wie gestern, Trägerin großer Hoffnungen für die Welt und für die Kirche ist. Jugendliche Frankreichs, die ihr überzeugte Christen seid oder mit dem Christentum sympathisiert, ich möchte an diesem unvergeßlichen Abend, daß wir alle zusammen einen Aufstieg machen, ja uns wirklich gemein­sam emporseilen zu den schwierigen, zugleich aber die Spannkraft fördernden Gipfeln der Berufung des Menschen, des Christen. Ja, ich möchte mit euch als Freund mit Freunden meine eigenen Überzeugungen als Mensch und als Die­ner des Glaubens und der Einheit des Gottesvolkes teilen.

2. Eure Probleme und eure Leiden als Jugendliche sind mir, zumindest auf allgemeiner Ebene, bekannt: eine gewisse Unbeständigkeit, die eure Alters­periode kennzeichnet und die durch geschichtliche Umwälzungen noch ver­mehrt wird; ein gewisses Mißtrauen in bezug auf sichere Überzeugungen, das durch das Schulwissen, das man sich angeeignet hat, und durch die häufig von systematischer Kritik geprägte Umwelt noch verschärft wird; die Unruhe hin­sichtlich der Zukunft und die Schwierigkeiten bei der Eingliederung ins Be­rufsleben; die Anreize und die Maßlosigkeit von Wünschen und Begierden in einer Gesellschaft, die den Genuß zum Lebensziel erhebt; das peinigende Ge­fühl des Unvermögens, die zweifelhaften oder unheilvollen Folgen des Fort­schritts in den Griff zu bekommen; die Versuchung zu Aufruhr, zur Flucht oder Selbstaufgabe. Das alles kennt ihr bis zum Überdruß. Ich ziehe es vor, mit euch die Höhen zu erklimmen. Ich bin überzeugt, daß ihr aus dieser die Kräfte zer­störenden Atmosphäre herauskommen und den Sinn einer wahrhaft menschli­chen, weil für Gott offenen Existenz, mit einem Wort eure Berufung als Men­schen in Christus, vertiefen oder neu entdecken wollt.

3. Das menschliche Dasein ist ein körperliches Sein. Diese so einfache Behaup­tung hat schwerwiegende Folgen. So materiell der Körper auch sein mag, so ist er doch nicht ein Gegenstand unter anderen, ein Objekt unter anderen Objek­ten. Vor allem ist er jemand in dem Sinn, daß er Erscheinung der Person ist, ein Mittel der Anwesenheit vor den anderen, der Kommunikation, des äußerst mannigfaltigen Ausdrucks. Der Körper ist ein Wort, eine Sprache. Ein Wunder und ein Wagnis zugleich! Junge Leute, Jungen und Mädchen, habt größte Achtung vor eurem Körper und vor dem der anderen! Euer Körper soll eurem tiefsten Ich dienen! Eure Gebärden, eure Blicke seien stets der Widerschein eu­rer Seele! Anbetung des Körpers? Nein, niemals! Verachtung des Körpers? Das schon gar nicht. Beherrschung des Körpers? Ja! Läuterung des Körpers? Das noch mehr! Nicht selten könnt ihr diese so schöne Transparenz der Seele bei Männern und Frauen in der täglichen Erfüllung ihrer menschlichen Aufgaben bewundern. Denkt an den Studenten oder den Sportler, die alle ihre physischen Kräfte in den Dienst ihres jeweiligen Ideals stellen. Denkt an den Vater und die Mutter, in deren Zügen die tiefe Freude der Vater- und der Mutterschaft auf­strahlt, wenn sie sich über ihr Kind beugen. Denkt an den Musiker oder den Schauspieler: er identifiziert sich mit den Komponisten oder Autoren, die er le­bendig werden läßt. Blickt auf den Trappisten oder den Kartäuser, auf die Kar­melitin oder die Klarissin, die sich vollkommen der Kontemplation hingeben und Gott aufscheinen lassen.

Ich wünsche euch wirklich, daß ihr die Herausforderung dieser Zeit aufgreift und alle Meister seid in der christlichen Beherrschung des Körpers. Der Sport, richtig verstanden, wie er heute über den Berufssport hinaus wieder neu auf­kommt, ist ein sehr guter Helfer dazu. Diese Beherrschung ist entscheidend für

die richtige Einordnung der Sexualität in euer Leben als junge Menschen und als Erwachsene. In der heutigen Zeit, von einer Enthemmung gekennzeichnet, die sich durchaus erklären läßt, die aber leider von einer wahren Ausbeutung des Geschlechtstriebs begünstigt wird, ist es schwierig, über Sexualität zu spre­chen. Jugendliche Frankreichs, die körperliche Vereinigung ist immer die stärkste Sprache gewesen, die zwei Menschen einander sagen konnten. Und darum fordert diese Sprache, die an das heilige Geheimnis von Mann und Frau rührt, daß die Gesten der Liebe nur vollzogen werden, wenn die Bedingungen einer totalen und endgültigen Annahme des anderen sichergestellt sind und die Verpflichtung dazu öffentlich in der Eheschließung übernommen wird. Ju­gend Frankreichs, bewahre dir eine gesunde Sicht der Werte des Körpers oder entdecke sie wieder neu! Blickt vor allem auf Christus, den Erlöser des Men­schen! Er ist das fleischgewordene Wort, das unzählige Künstler sehr reali­stisch gemalt haben, um uns klarzumachen, daß er volle Menschengestalt angenommen hat, einschließlich der Geschlechtlichkeit, die er in der Keusch­heit auf eine höhere Ebene hob.

4. Der Geist ist die ursprüngliche Gabe, die den Menschen grundlegend von der Welt der übrigen Lebewesen unterscheidet und ihm die Macht verleiht, über das Universum zu herrschen. Ich kann nicht widerstehen, euch euren un­vergleichlichen Schriftsteller Pascal zu zitieren: „Der Mensch ist nur ein schwankendes Rohr, das schwächste in der Natur; doch er ist ein denkendes Rohr. Um ihn zu vernichten, braucht sich nicht das ganze Universum zu be­waffnen …; aber wenn das Universum ihn vernichtete, wäre der Mensch noch immer erhabener als der, der ihn tötet, weil er weiß, daß er stirbt; das Univer­sum aber weiß nichts von der Überlegenheit, die es über ihn besitzt. Unsere ganze Würde besteht somit im Denken …, arbeiten wir also daran, gut zu den­ken“ (Gedanken, Nr. 347).

Wenn ich so vom Geist spreche, meine ich den Geist, der fähig ist zu verstehen, zu wollen, zu lieben. Eben dadurch ist der Mensch Mensch. Wahrt um jeden Preis in euch und um euch die geheiligte Herrschaft des Geistes! Ihr wißt, daß es in der heutigen Welt leider noch immer totalitäre Systeme gibt, die den Geist lähmen, die die Integrität und Identität des Menschen schwer beeinträchtigen, indem sie ihn zu einem Objekt, zu einer Maschine herabsetzen und ihn seiner Kraft, sich innerlich selbst zu finden, und seines Aufschwungs zu Freiheit und Liebe berauben. Ihr wißt auch, daß es Wirtschaftssysteme gibt, die, ganz von der ungeheuren Ausweitung auf industriellem Gebiet eingenommen, zugleich die Zerrüttung, die Zerstörung des Menschen vermehren. Selbst die Massen­medien, die zur ganzheitlichen Entwicklung der Menschen und zu ihrer gegen­seitigen Bereicherung in einer wachsenden Brüderlichkeit beitragen sollen, hämmern oft Gedanken ein und lösen Vorstellungen aus, die der Gesundheit des Geistes, des Urteils und des Herzens schädlich sind und die Fähigkeit des Menschen, das Gesunde vom Ungesunden zu unterscheiden, verbilden. Ja, wofür sind noch so großzügige soziale und politische Reformen gut, wenn der Geist, der auch Gewissen ist, seine Klarheit und seine Kraft verliert? Praktisch gesprochen: in dieser Welt, wie sie ist und aus der ihr nicht entfliehen könnt, lernt immer besser nachdenken, euch Gedanken machen! Eure Studien sollen eine bevorzugte Lehrzeit für das Leben des Geistes sein. Entlarvt die Slogans, die falschen Werte, die Täuschungen, die Sackgassen! Ich wünsche euch den Geist der Sammlung, der Innerlichkeit. Jeder von euch muß in seinem Bereich den Primat des Geistes fördern und selbst dazu beitragen, das, was Ewigkeits­wert hat, noch mehr hochzuhalten als das, was für die Zukunft Wert hat. Wenn ihr so lebt, seid ihr, ob gläubig oder nicht gläubig, Gott ganz nahe. Gott ist Geist!

5. Ihr seid das wert, was euer Herz wert ist. Die ganze Geschichte der Mensch­heit ist die Geschichte des Verlangens, zu lieben und geliebt zu werden. Dieses ausgehende Jahrhundert macht – vor allem in den sozial hochentwickelten Ge­genden – die Entfaltung eines gesunden Gefühlslebens recht schwierig. Zwei­fellos deshalb suchen viele junge und auch nicht mehr so junge Menschen den Kreis kleiner Gruppen auf, um der Anonymität und manchmal auch der Angst zu entrinnen, um ihre tiefe Berufung zu zwischenmenschlichen Beziehungen wiederzufinden. Wenn man einer gewissen Werbung glauben darf, dann wäre unsere Zeit sogar verliebt in das, was man als „Doping des Herzens“ bezeich­nen könnte.

Auch auf diesem Gebiet gilt es, wie bei den vorangegangenen, klar zu sehen. Welchen Gebrauch auch immer die Menschen davon machen mögen, das Herz – Symbol der Freundschaft und der Liebe – hat ebenfalls seine Gesetze, seine Ethik. Beim harmonischen Aufbau eurer Persönlichkeit dem Herzen seinen Platz einräumen hat nichts mit Gefühlsduselei noch mit Sentimentalität zu tun. Herz heißt Öffnung des ganzen Seins für die Existenz der anderen, die Fä­higkeit, sie zu erfassen, sie zu verstehen. Solch eine echte und tiefe Sensibilität macht verwundbar. Deshalb sind manche versucht, sich davon loszusagen, und verhärten sich.

Lieben heißt also seinem Wesen nach sich den anderen hingeben. Weit entfernt davon, eine instinktive Zuneigung zu sein, ist die Liebe eine bewußte Willensentscheidung, auf die anderen zuzugehen. Um wirklich lieben zu kön­nen, muß man sich von vielen Dingen und vor allem von sich selbst losmachen, muß man unentgeltlich geben und lieben bis ans Ende. Diese Selbstentäuße­rung – ein Werk, das lange Zeit beansprucht – ist mühsam und erhebend. Sie ist die Quelle des inneren Gleichgewichts. Sie ist das Geheimnis des Glücks. Jugendliche Frankreichs, richtet eure Blicke öfter auf Jesus Christus! Er ist der

Mensch, der am meisten geliebt hat, am bewußtesten, am freiwilligsten und völlig ungeschuldet! Denkt nach über das Testament Christi: „Es gibt keine größere Liebe als das Leben hinzugeben für die, die man liebt.“ Betrachtet den Gottmenschen, den Mann mit dem durchbohrten Herzen! Fürchtet euch nicht! Jesus ist nicht gekommen, die Liebe zu verurteilen, sondern die Liebe von ihren Zweideutigkeiten und ihren Verzerrungen zu befreien. Er ist es, der das Herz des Zachäus, das Herz der Samaritanerin verwandelt hat und der auch heute noch in der ganzen Welt ähnliche Bekehrungen bewirkt. Es ist mir, als ob Christus heute ab end jedem von euch zuflüstere: „Schenk mir dein Herz … Ich will es läutern, ich will es stärken, ich will es auf alle jene hinlenken, die seiner bedürfen: auf deine eigene Familie, auf deine Schul- und Universtätsgemein­schaft, auf deinen Gesellschaftsbereich, auf die, die kaum Liebe erfahren, auf die Ausländer, die auf Frankreichs Boden leben, auf die Bewohner der ganzen Welt, die nichts zum Leben haben und keine Entwicklungsmöglichkeiten be­sitzen, auf die Kleinsten, Geringsten unter den Menschen. Liebe verlangt Tei­len!“

Liebe französische Jugend, es ist mehr denn je die Stunde, um Hand in Hand an der Gesellschaft im Zeichen der Liebe zu arbeiten, wie der meinem großen Vorgänger Paul VI. so teure Ausdruck lautet. Was für eine gewaltige Baustelle! Was für eine begeisternde Aufgabe!

Auf der Ebene des Herzens, der Liebe, habe ich euch noch etwas anzuver­trauen. Ich glaube mit allen meinen Kräften, daß viele von euch imstande sind, mit ihrer ganzen Liebesfähigkeit die totale Hingabe an Christus und an ihre Brüder zu wagen. Ihr versteht ganz richtig, daß ich von der Berufung zum Prie­stertum und zum Ordensleben sprechen will. Eure Städte und eure Dörfer in Frankreich warten auf Priester mit glühendem Herzen, die das Evangelium ver­künden, die Eucharistie feiern, die Sünder mit Gott und mit ihren Brüdern ver­söhnen. Sie warten auch auf Frauen, die sich vollkommen dem Dienst an der christlichen Gemeinde und ihren menschlichen und geistlichen Bedürfnissen widmen. Eure etwaige Antwort auf diesen Anruf liegt genau auf der Linie der letzten Frage Jesu an Petrus: „Liebst du mich?“

6. Ich habe von den Werten des Körpers, des Geistes und des Herzens gespro­chen. Aber dabei habe ich eine wesentliche Dimension durchblicken lassen, ohne die der Mensch zum Gefangenen seiner selbst oder der anderen wird: ich meine die Öffnung auf Gott hin. Ja, ohne Gott verliert der Mensch den Schlüs­sel zu sich selbst, er verliert den Schlüssel zu seiner eigenen Geschichte. Denn seit der Schöpfung trägt er die Ebenbildlichkeit mit Gott in sich. Sie bleibt als unausgesprochenes Verlangen und unbewußtes Bedürfnis in ihm, trotz der Sünde. Der Mensch ist dazu bestimmt, mit Gott zu leben. Auch hier offenbart sich Christus als unser Weg. Aber dieses Geheimnis verlangt vielleicht eine größere Aufmerksamkeit von uns.

Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, hat all das, was den Wert unserer menschlichen Natur, Körper, Geist und Herz, ausmacht, in einer völlig freien, vom Siegel der Wahrheit geprägten und von Liebe erfüllten Beziehung zu den anderen gelebt. Sein ganzes Leben und seine Worte haben diese Frei­heit, diese Wahrheit, diese Liebe und besonders die freiwillige Hingabe seines Lebens für die Menschen offenkundig gemacht. So konnte er das Grundgesetz einer glücklichen Welt, ja: einer glücklichen Welt auf dem Weg der Armut, der Sanftmut, der Gerechtigkeit, der Hoffnung, der Barmherzigkeit, der Reinheit, des Friedens, der Treue bis in die Verfolgung hinein verkündigen, und 2000 Jahre danach ist dieses Gesetz in das Herz unserer Zusammenkunft einge­schrieben. Aber Christus hat nicht nur das Beispiel gegeben und gelehrt. Er hat Männer und Frauen wirklich von dem befreit, was ihren Körper, ihren Geist und ihr Herz gefangen hielt. Und seitdem er für uns gestorben und auferstan­den ist, tut er das weiter für die Männer und Frauen jedes Standes und jeden Landes, sobald sie ihm ihren Glauben schenken. Er ist der Retter des Men­schen. Er ist der Erlöser des Menschen. „Ecce homo“, sagte Pilatus, ohne die Tragweite dieser seiner Worte zu verstehen: „Seht den Menschen!“

Wieso wagen wir, liebe Freunde, das zu sagen? Das Erdenleben Christi war kurz, noch kürzer war sein Wirken in der Öffentlichkeit. Aber sein Leben ist einzigartig, seine Persönlichkeit ist auf der Welt einzigartig. Er ist nicht nur unser Bruder, Freund, Mann Gottes. Wir erkennen in ihm den einzigen Sohn Gottes, der eins ist mit Gott, dem Vater, und den der Vater der Welt geschenkt hat. Mit dem Apostel Petrus, dessen demütiger Nachfolger ich bin, bekenne ich: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Und weil Christus zugleich an der göttlichen Natur und an unserer menschlichen Natur Anteil hat, erreicht die Hingabe seines Lebens in seinem Tod und in seiner Auferste­hung auch uns, uns heutige Menschen, sie rettet uns, läutert uns, macht uns frei und erhöht uns: „Der Sohn Gottes hat sich gleichsam mit jedem Menschen ver­bunden.“ Und ich möchte hier den Wunsch aus meiner ersten Enzyklika wie­derholen: „Jeder Mensch soll Christus finden können, damit Christus jeden einzelnen auf seinem Lebensweg begleiten kann mit jener kraftvollen Wahr­heit über den Menschen und die Welt, wie sie im Geheimnis der Menschwer­dung und der Erlösung enthalten ist, mit der Macht jener Liebe, die davon aus­strahlt“ (Redemptor hominis, Nr. 13).

Wenn Christus unser Menschsein befreit und erhöht, führt er es in den Bund mit Gott ein, mit dem Vater, mit dem Sohn und mit dem Heiligen Geist. Heute feiern wir das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit. Hier ist der wahre Zugang zu Gott, nach dem sich jedes Menschenherz sehnt, auch wenn es nicht darum weiß. Christus bietet ihn dem Glaubenden an. Es handelt sich um einen per-

sönlichen Gott und nicht bloß um den Gott der Philosophen und der Weisen, sondern um den in der Bibel geoffenbarten Gott, den Gott Abrahams, den Gott Jesu Christi, der im Mittelpunkt unserer Geschichte steht. Es ist der Gott, der alles, was eurem Körper, eurem Geist und eurem Herzen gegeben ist, erfassen und fruchtbar machen kann, mit einem Wort, der euer ganzes Sein erfassen und es in Christus schon jetzt und über den Tod hinaus erneuern kann.

Das ist mein Glaube, das ist der Glaube der Kirche seit ihren Anfängen, der ein­zige Glaube, der sich auf das Zeugnis der Apostel gründet, der einzige, der Schwankungen standhält, der einzige, der den Menschen rettet. Ich bin sicher, daß viele von euch bereits diese Erfahrung gemacht haben. Möge mein Besuch ihnen eine Ermutigung sein, sie mit allen Mitteln, die die Kirche ihnen zur Ver­fügung stellt, zu vertiefen.

Andere zögern zweifellos noch, diesem Glauben voll zuzustimmen. Manche erklären, sie seien diesbezüglich auf der Suche. Manche halten sich für ungläu­big und vielleicht für unfähig zu glauben oder für gleichgültig gegenüber dem Glauben. Andere lehnen einen Gott ab, dessen Gestalt ihnen schlecht darge­stellt wurde. Wieder andere, vom Widerhall gewisser Philosophien, die die Religion als Illusion oder Entfremdung hinstellen, in Verwirrung gebracht, sind vielleicht versucht, einen Humanismus ohne Gott aufzubauen. Diesen allen wünsche ich indessen, daß sie aus Ehrlichkeit wenigstens ihr Fenster auf Gott hin offenhalten mögen. Andernfalls laufen sie Gefahr, von dem Weg des Menschen, von Christus, der dieser Weg ist, abzukommen, sich in Haltungen des Aufruhrs, der Gewalt abzukapseln, sich mit Seufzern über das eigene Unvermögen oder mit Resignation zufriedenzugeben. Eine Welt ohne Gott wird sich früher oder später gegen den Menschen richten. Gewiß hat es viele soziale oder kulturelle Einflüsse, viele persönliche Ereignisse gegeben, die euren Glaubensweg behindern oder euch davon abbringen konnten. Aber wenn ihr tatsächlich wollt, habt ihr auch unter diesen Schwierigkeiten, die ich verstehe, schließlich in eurem Land, wo Religionsfreiheit herrscht, noch immer viele Möglichkeiten, diesen Weg freizulegen und mit Gottes Gnade zum Glauben zu gelangen! Ihr habt dazu die Mittel! Ergreift ihr sie wirklich? Im Namen der ganzen Liebe, die ich für euch hege, zögere ich nicht, euch aufzufor­dern: „Reißt die Tore weit auf für Christus!“ Was fürchtet ihr? Vertraut auf ihn! Wagt es, ihm zu folgen. Das erfordert natürlich, daß ihr aus euch selbst heraus­geht, daß ihr ablaßt von euren Urteilen, eurer „Weisheit“, eurer Gleichgültig­keit, eurer Selbstgefälligkeit, von unchristlichen Gewohnheiten, die ihr euch vielleicht angeeignet habt. Ja, das verlangt Verzicht, eine Umkehr, es verlangt, daß ihr es zuerst wagt, euch danach zu sehnen, im Gebet darum zu bitten und dann mit der praktischen Verwirklichung zu beginnen. Laßt Christus für euch den Weg, die Wahrheit und das Leben sein! Laßt ihn euer Heil und euer Glück sein! Laßt euer ganzes Leben von ihm ergreifen, damit es mit ihm alle seine Dimensionen erreicht, so daß alle eure Beziehungen, Handlungen, Gefühle und Gedanken vollständig in ihn hineingenommen, man könnte sagen „christi­fiziert“ werden. Ich wünsche euch, daß ihr mit Christus Gott als die Quelle und das Ziel eurer Existenz erkennt.

Es sind die Männer und Frauen, deren die Welt bedarf, deren Frankreich be­darf. Ihr werdet persönlich das Glück erfahren, das die Seligpreisungen ver­heißen, und ihr werdet in aller Demut, in Achtung vor den anderen und mitten unter ihnen der Sauerteig sein, von dem das Evangelium spricht. Ihr werdet eine neue Welt aufbauen; ihr werdet eine christliche Zukunft vorbereiten. Es ist ein Kreuzweg, gewiß, aber es ist auch ein Weg der Freude, denn es ist ein Weg der Hoffnung.

Mit meiner ganzen Zuversicht und meiner ganzen Liebe lade ich die Jugend Frankreichs ein, aufzuschauen und gemeinsam diesen Weg zu gehen, Hand in Hand mit dem Herrn. Auf, ihr Mädchen und Jungen!

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Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls – 21 – Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerfahrt nach Frankreich – 30. Mai bis 2. Juni 1980. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz

Siehe ferner: