BISCHOF HEINZ JOSEF ALGERMISSEN: GEGEN DEN ZEITGEIST

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Bischof Heinz Josef Algermissen

Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen?… Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“, so fragt Friedrich Nietzsche in „Die fröhliche Wissenschaft“. Heutzutage ist solch konsequentes Fragen zur Abwesenheit Gottes übergegangen in einen stillen Agnostizismus und eine schleichende Gleichgültigkeit, die sich auch unter Getauften breit machen. Gott hat zur Lebensgestaltung vieler kaum noch etwas zu sagen. Der Zeitgeist mit seinem Sog ist bestimmend. Doch „Wer heute den Zeitgeist heiratet, ist morgen schon ein Witwer“, hat vor Jahren bereits der große Theologe Hans Urs von Balthasar festgestellt.

Wer jedem Trend hinterherläuft und auf jeder neuen Welle mitschwimmt, wird notgedrungen oberflächlich, dessen Handlungskriterien werden schnell beliebig.

Die Kirche dagegen bewahrt in ihrer Tradition und Verkündigung einen Maßstab, den Jesus Christus vorgegeben hat. Und sie tut gut daran, auch wenn ihre Botschaft heutzutage offenkundig wenig Gehör findet und man sie als „fortschrittsfeindlich“ abtun will.

Die konsequente Frage wird verdrängt, wohin wir denn fortschreiten und ob wir dort überhaupt ankommen wollen. Die Schnelligkeit des Laufens sagt noch nichts über die Richtung und die Richtigkeit. Es gibt schließlich auch das bekannte geistlose Mitlaufen, mit Volldampf im Leerlauf.
So ist die Frage entscheidend: Stimmt die Richtung? Diese Frage stellt sich sowohl auf der persönlich-existenziellen Ebene wie im gesellschaftlichen Kontext. Man erwartet von der Kirche zu Recht eine begründete Antwort, zumal unter dem Eindruck der kurzatmigen Themen einer marktschreierischen Mediengesellschaft. Was die Kirche gerade heute einbringen und zur Sprache bringen muss, ist die Perspektive, die über alle Trends und Mode hinausgeht, nämlich die Bestimmung des Menschen in der Schöpfungsordnung sowie dessen Heil und Erlösung.

Und da gibt es seit längerem zunehmend eine Diffusion, die zu schaffen macht. Sie wirft ein grelles Licht auf die Entwicklung der politischen Parteien in Deutschland und die geistige Schieflage der Gesellschaft. In Artikel 6 der deutschen Verfassung konnte seinerzeit noch erklärt werden: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.“ Dieser Grundsatz gilt unterdessen aber nur noch theoretisch. Praktisch haben sich in der Gesellschaft der Bundesrepublik die Akzente mächtig verschoben. Der Druck auf Ehe und Familie erhöht sich stetig, Belastungen nehmen zu, von der Liberalisierung des Scheidungsrechts bis zu gestiegenen finanziellen Belastungen der Familien durch Mietsteigerungen und höhere Lebensmittelpreise. Daneben wurde der ideologische Kulturkampf zur Relativierung der treuen und lebenslangen Ehe in den letzten Jahren deutlich verschärft. Die rechtliche Anerkennung eingetragener Lebenspartnerschaften als Resultat eines „Emanzipationsprozesses“ war die Bresche, um den Konsens über die Besonderheit und Bedeutung der Ehe als Verantwortungsgemeinschaft für Fruchtbarkeit, Generationensolidarität und gesellschaftliches wie staatliches Wohl sozusagen amtlich endgültig zu zerbrechen. Das geht schon so weit, dass eine pervertierte Sprachregelung unter Journalisten den Begriff „Hetero-Ehe“ geprägt hat, um damit das zu bezeichnen, was vor einigen Jahren fraglos das Normale und Gesunde war. Andererseits schienen sogar führende CDU-Politiker vom Etikettenschwindel der „Homo-Ehe“ befallen zu sein. Ist uns eigentlich nicht mehr bewusst, dass derartige Begriffe in kurzer Zeit Wahrheit verändern und stabile Haltungen zerstören? Über die Folgen werden wir uns noch wundern.

Mit den Irrungen und Wirrungen über das Wesen der Ehe hat der Artikel 6 sein geistiges Fundament verloren, das den Vätern des Grundgesetzes noch plausibel war. Folglich ist es dringend notwendig, in Pastoral und Katechese das überzeugend zurück zu gewinnen, was als Grundlage verloren gegangen ist. In dieser Situation tiefer Verwerfungen müssen wir zunächst selbst überzeugt sein, bevor wir andere überzeugen können: Die lebenslange sakramentale Ehe ist auch heute die Lebensform, in der sich die Liebe zwischen Mann und Frau und die Sehnsucht nach Treue so verwirklichen lassen, wie es den Menschen am tiefsten gerecht wird. Wo die Liebe der Eheleute zueinander lebendig bleibt, können sie sich miteinander als Personen entfalten und die Drahtseilakte des Lebens meistern. Zugleich ist die in der Eheschließung einander zugesagte und dann alltäglich gelebte Liebe der christlichen Ehepartner sakramentales Zeichen der Liebe Gottes zur Welt. Und überall, wo Christen als Eheleute ihrer von Gott getragenen Liebe im Alltag Gestalt geben, wird ihre Gemeinschaft ein Stück weit zum „Salz der Erde“. In der ehebegründeten Familie kann sich in besonderer Weise Kirche verwirklichen, „Hauskirche“ im besten Sinn des Wortes. Diese Chance sollten wir uns nicht zerstören lassen.

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Quelle

Bischof Heinz Josef Algermissen: Das katholische Ehe- und Familienverständnis verdeutlichen!

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Bischof Heinz Josef Algermissen, Fulda

AUSZUG AUS  DEM UMFASSENDEREN ARTIKEL IN „DER FELS“
September/Oktober 2015

Am 22. November 1981 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein bedeutendes Apostolisches Lehrschreiben „Familiaris Consortio – Über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute“. Die Lage der Familien sei, so schrieb der Hl. Vater damals, von „Licht und Schatten“ gekennzeichnet, sie weise positive und negative Aspekte auf. „Die einen sind Zeichen für das in der Welt wirksame Heil in Christus, die anderen für die Ablehnung, mit der der Mensch der Liebe Gottes begegnet“ (Nr. 6).

Wer in der Rezeption der theologischen Grundaussagen von „Familiaris Consortio“ von vornherein einen Gegensatz von theologischer Idealvorstellung und konkreter Lebenswirklichkeit hineindeutet, wie häufig geschehen, konstruiert damit einen Widerspruch, der zwangsläufig in argumentative Sackgassen führt, weil nämlich dann nicht nur ein Ideal gegen die Realität ausgespielt, sondern als theoretischer Überbau und Projektion abqualifiziert wird.

Eine Auflösung dieser Gegensätze gelingt nur, wenn man die theologischen Aussagen des Lehrschreibens als umfassende heilsgeschichtliche Argumentation begreift, in welcher Ehe und Familie bereits in der Schöpfungsinitiative Gottes angelegt sind, im Erlösungswerk Jesu ihre definitive Bedeutung erhalten und im Leben von Kirche und Welt eine konstitutive Aufgabe einnehmen.

Papst Benedikt XVI. erweitert in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ die heilsgeschichtliche Perspektive um einen interessanten Aspekt, wenn er hervorhebt: „Die auf einer ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt; die Art, wie Gott liebt, wird zum Maßstab menschlicher Liebe“.

Nur im Kontext dieses profunden Ansatzes können wir einstimmen in das Wort Jesu im Markus-Evangelium (10, 9): „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ Predigt zur Eröffnung des Kongresses „Freude am Glauben“ 2015 260 DER FELS 9-10/2015 und ist zu verstehen, was der erste Johannesbrief meint: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (4, 16).

Getragen von dieser bleibenden, vorbehaltlosen Verbundenheit erbringen Familien heute vielfältige Leistungen, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte. Eltern verzichten auf Einkommen und Freizeit, um ihren Kindern eine optimale Betreuung und Erziehung zukommen zu lassen. Sie begleiten ihre Kinder unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Einschränkungen durch Schule und Berufsausbildung.

Eheleute stehen einander in Krisensituationen bei, in Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie gehen dabei mitunter bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit, nicht selten sogar darüber hinaus.

Unsere Gesellschaft nimmt diesen Einsatz für den anderen wie selbstverständlich hin. Er ist aber nicht selbstverständlich. Deshalb gebührt den Familien Dank und Anerkennung durch Kirche und Gesellschaft.

In der heutigen Zeit verbreiten die Familien also viel Licht.

Aber auch die Schattenseiten sind unübersehbar. Ich denke an die deutlichen Fiebersymptome einer kranken Gesellschaft: Verwahrloste Elternhäuser, überforderte Mütter und Väter, Kinderarmut. Die Tatsache macht mir große Sorgen, dass die Form des Zusammenlebens der Eltern zunehmend vergleichgültigt und dem liberalen Zeitgeist der Gesellschaft geopfert wurde. Für die katholische Kirche bilden hingegen grundsätzlich Ehe und Familie eine unauflösliche Einheit. Die rein funktional verstandene Definition von Partnerschaft, wonach Familie überall da wäre, wo Kinder sind, ist eine schlimme Umbeugung des Familienbegriffs.

In der intakten, auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhenden Ehe finden Kinder den Ort, an dem sie zu gefestigten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen können.

Zwar kann und darf die Kirche ihre Augen angesichts der besonderen Belastungen nicht verschließen, die Getrenntlebende und Alleinerziehende zu bewältigen haben. Mit Nachdruck haben die letzten Päpste dazu aufgefordert, den Geschiedenen und Wiederverheirateten in ihrer Lebensund Glaubenssituation beizustehen und sie am Leben der Gemeinde zu beteiligen. Aber das darf nicht dazu führen, den Stellenwert der in Freiheit auf Dauer geschlossenen Ehe zu relativieren oder gar in Frage zu stellen.

Ein weiterer Grund zur Sorge ist die Tatsache, dass sich viele junge Menschen bewusst gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Sie sehen in der Elternschaft nicht mehr die höchste Sinnerfüllung ihres Lebens. Andere Werte wie der Wunsch nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit treten gleichrangig hinzu. In der Gesellschaft sind es vor allem die Schwierigkeiten, Familie und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren, die junge Menschen davon abhalten, eine Familie zu gründen. Viele Ältere stehen dem verständnislos gegenüber, da sie doch selbst unter wesentlich schwierigeren Bedingungen und weitgehend ohne staatliche Hilfen Familien gegründet und Kinder erzogen haben.

Aber wir alle müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Belastungen, die Familien tragen, heute andere sind als früher. Auf diese veränderte Situation müssen wir antworten. Es ist Aufgabe unserer Kirchengemeinden, junge Menschen unterstützend zu begleiten, damit sie sich in der Lage sehen, den vorhandenen Kinderwunsch tatsächlich zu realisieren. Dabei muss aber stets die auf die Ehe gegründete Familie im Zentrum unserer Bemühungen stehen.

Die Familien sind die Keimzelle jeder Gesellschaft und damit auch der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Nur in einer Familie, in der der Glaube einen festen Stellenwert hat, können junge Menschen in einem gefestigten Glauben heranwachsen, ihn leben und später selbst weitergeben. Die Erziehung zu Glaube und Gebet hat Papst Johannes Paul II. als eine „priesterliche Aufgabe“ bezeichnet, zu der die Familie berufen ist (Familiaris Consortio Nr. 55).

Ehe und Familie gehören zu den kostbarsten Gütern der Menschheit. Es ist unsere Aufgabe, dieses hohe Gut im christlichen Verständnis zu leben, weiterzugeben und sich für dessen Erhalt mit allem Nachdruck einzusetzen.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Auf diesem Hintergrund und im Spiegel einer sich mehr und mehr in Formlosigkeit auflösenden Gesellschaft bin ich so dankbar für die Sammlungsbewegung des „Forums deutscher Katholiken“, in der sich glaubenstreue Frauen und Männer aus verschiedenen Generationen zusammengeschlossen haben, denen die Verbindung zu Jesus Christus und seiner Kirche Quelle zur Hoffnung und Freude ist. Was wir in dieser konfusen Zeit brauchen, sind tief Überzeugte. Denn nur sie können andere überzeugen.

Bitte helfen Sie mit, dass wir das kostbare Gut glaubenstreuer Ehen und Familien nicht verlieren. Dazu möge uns dieser Kongress einen kräftigen Impuls und Gottes Segen geben! Amen

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Quelle: DER FELS 9-10/2015