Welche Toleranz? – Glaube und Kirche: Non prævalebunt

Unzeitgemäße Betrachtungen.
Von der jüngsten Vergangenheit zur Gegenwart.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das 20. und 21. Jahrhundert sind die Jahrhunderte, in denen es zu den größten Verfolgungen gekommen ist, denen die Kirche und das Christentum in ihrer Geschichte entgegentreten mussten und müssen: die Zahl der Märtyrer, aber auch die Formen der direkten und indirekten Unterdrückung des Lebens der Kirche lassen keinen Vergleich mit vorhergehenden Epochen zu. Angesichts der Grausamkeiten und des satanisch Bösen, das sich ausdrücklich und unmissverständlich gegen die Christgläubigen richtet, verschwinden alle anderen, denen die Schar derjenigen, die an den Mensch gewordenen Gott glauben, ein Dorn im Auge war. Ein Übermaß an Zerstörung scheint auf den Triumph des Bösen hinzuweisen, den Sieg der Finsternis über das Licht. Nicht leere Kirchen schreien den Tod Gottes gen Himmel, sondern ein Menschentum, das sich in die untersten Tiefen der Anbetung des Schlechten verirrt hat, aus denen heraus es die Welt mit Zerstörung und der Negation des Menschlichen selbst überzog und überzieht. Nach dem Grauen schien einst ein neuer Morgen anzubrechen: der Morgen einer Welt, die sich nun anders verstehen musste.

Die Hoffnung vieler richtete sich auf eine Stunde des neuen Friedens für die Kirche. Diese Erwartung wurde enttäuscht. Und gerade die jüngste Zeit lässt eine Strategie erkennen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche darauf ausgerichtet ist, das Christliche zurückzuschneiden, es in einen abgeschlossenen Raum der Privaten zu bannen, sich offen gegen die Botschaft der Kirche zu wenden. Oft dramatisch erklingt das antike Dekret des Kaisers Nero in Europa: „Non licet esse christianos“ (Es ist nicht erlaubt, Christ zu sein). Allein die Tatsache, Christ oder Katholik zu sein, wird nicht selten als Grund vorgebracht, dass ein Mensch etwas nicht sagen oder tun darf. Die Art der Verfolgung ist subtil.

Die Massenmedien leisten bereitwillig ihren Beitrag. Der Sinn der Information besteht oft darin, etwas bereits „Gewusstes“, wie ein Mantra heruntergebetete Vorurteile so in der Wahrnehmung und im Denken eines Publikums zu verankern, das ein gängiges Reiz-Reaktionsschema immer funktioniert. An Stelle von Intelligenz und dem Wunsch, etwas genauer zu kennen, sich herausfordern zu lassen, um dann weiterzudenken, tritt das Sabbern von Pawlow-Hunden, die auch ohne das Fressen gesehen zu haben bereits „wissen“, was auf sie zukommt. Statt es den Menschen zu ermöglichen, wirklich frei zu sein, ist die bequeme und immer Erfolg versprechende Konditionierung das Ziel.

Die Beseitigung des Christlichen führt mit einem Wort von C.S. Lewis zur „Abschaffung des Menschen“. Eine „Umwertung aller Werte“ scheint in vollem Gang zu sein. Ein neuer Humanismus bahnt sich an, der im Transhumanen sein Ziel sieht. Gerade dem müssen die Christen wider alle Mystifizierung und Vorherrschaft der Lüge entgegenwirken. Die Kirche ist im Sturm. Das Schiff des Petrus durchquert das bewegte Meer der Geschichte der Völker und Kulturen. Die Kirche als sichtbare geistliche Gemeinschaft wird im Ozean widriger Umstände hin und her gerissen. Da ist zunächst der Sturm der Gleichmacherei und Indifferenz. Jede Wirklichkeit soll an einem Maß bemessen werden, das bereits ohne innere Rechtfertigung von einer Welt vorgegeben ist. Dazu kommt der Sturm der Ignoranz, die jeder Mode allein deshalb hinterherläuft, weil es sie gibt, und keinen festen Punkt der Wahrheit anerkennen will oder kann. Die Ignoranz beschließt, dass es nur Summen von Teilen gibt, jedoch keinen inneren Sinn, der es ermöglicht, überhaupt zur Vorstellung von einer Summe zu gelangen. Wissen entartet so zum Aufsammeln von Bröckchen, die ohne Kriterium aneinandergereiht werden. Der Sturm ist die Fraglosigkeit, die wie ein Fallwind aus den Höhen alles zu bedrängen scheint.

Wie kann es möglich sein, dass sich Atheisten unwidersprochen Humanisten nennen? Wie kann es sein, dass Treulosigkeit, Prinzipienflucht und Respektlosigkeit als Formen von Freiheit angesehen werden? Wie ist es möglich, dass die Anspruchslosigkeit in jeder Hinsicht zum Dialogideal in einer so genannten demokratischen Gesellschaft erhoben wird? Was sollen die modernen Designerethiken, die nur jeweilige Erscheinungen begleiten und einem verkümmerten und taub gemachten Gewissen einen illusorischen Ausweg aus der Falle der Haltlosigkeit bieten?

Der Stein des Anstoßes: der Wahrheitsanspruch

Die moderne abendländische Kultur, die sich im Prozess der Globalisierung wie ein Krake um die ganze Welt schlingt und sich auch in den Ländern mit einer anderen Kultur immer mehr ausbreitet, ist zutiefst von einem Relativismus gezeichnet, auf dessen Fahne die Ablehnung einer absoluten, transzendenten Wahrheit geschrieben steht. Der Mensch wird in seiner Subjektivität und ichbezogenen Beschränktheit in den Mittelpunkt dieses neuen Universums gesetzt. Diesem wird letztlich kein Seinscharakter mehr zuerkannt, so dass es in die Versenkung der nihilistischen Sinnlosigkeit abgleitet und Technik, das heißt das Machbare, an die Stelle von Sinnstiftung tritt. Dem von einer so verstandenen Technik hervorgebrachte Fortschritts- und Entwicklungsgedanken fehlt die Dimension eines ganzheitlichen Humanismus. Er führt daher zu einem Laizismus, der alles daran setzt, eine transzendente religiöse Bindung zu schwächen oder sie wenigstens in die engen Grenzen des Privatlebens der Menschen zu verbannen.

Es mutet wie der Treppenwitz des dritten Jahrtausends an: Auf der einen Seite bemühen sich alte wie zeitgenössische Aufklärer darum, die Größe eines Galileo Galilei und seiner freien wissenschaftlichen Vernünftigkeit gegen den Obskurantismus einer Kirche auszuspielen, die zu jener Zeit meinte, keinen Grund zu haben, den Menschen aus dem Mittelpunkt der Schöpfung zu verdrängen. Andererseits produziert dieselbe Mentalität eine Welt und Gesellschaft, innerhalb derer allein der Mensch das Maß der Dinge darstellt, dass sie sind und wie sie sind (vgl. Protagoras). Der Anthropozentrismus lässt den Menschen zur Karikatur seiner selbst werden. Das „Menschenmögliche“, das einstmals eigentlich dazu anspornte, es in einem „mehr“ zu überwinden, wird zur abschleifenden Norm, innerhalb derer jede Frage nach einer absoluten Wahrheit nur einen Skandal darstellen kann.

Die Christentum und die Kirche sind so die Fleischwerdung des Skandals des absoluten Wahrheitsanspruches. Deshalb geht die Kirche auf die Nerven und muss bekämpft werden. Am meisten musste dann „einst“ derjenige bekämpft werden, in dem die Personalisierung dieses Anspruches erkannt wird: der Papst. Militante Atheisten verschiedenster Couleur, auch im Bund mit Christen, die den Glauben der individuellen und relativen Beliebigkeit überantwortet haben, geben sich die Hand und feixen „schadenfroh“ besonders gegenüber einem Papst, der eine der vorrangigen Pflichten seines Amtes erfüllt, nämlich Garant und Fels der Einheit und Wahrheit zu sein. Aus diesem Grund sollte es einmal erreicht werden, dass der Papst zusammen mit dem, für das er steht, aus der öffentlichen Auseinandersetzung entfernt wird. Es wurde ihm das Recht abgesprochen, überhaupt an der öffentlichen Diskussion um Wesen und Orientierung der gesellschaftlichen Ordnung teilzunehmen. Ein Mensch, der es wagte, sich als Stellvertreter Gottes auf Erden vorzustellen und sich auf sein Wappen das Motto „Cooperatores veritatis“ – Mitarbeiter an der Wahrheit – zu schreiben, der musste über kurz oder lang stürzen bzw. gestürzt werden.

Es schien nicht erträglich und „zu kompliziert“ zu sein, was Papst Benedikt XVI. als das Positive vorschlug: „Die Wahrheit wird als Wirklichkeit angeboten, die den Menschen erbaut und ihn zugleich übersteigt und überragt; sie wird als Geheimnis angeboten, das den Schwung der menschlichen Fassungskraft aufnimmt und gleichzeitig überschreitet. Nichts vermag die menschliche Intelligenz so auf unerforschte Horizonte hin zu leiten, wie es die Liebe zur Wahrheit tut.“

Unerträglich ist dieses Wort: Wahrheit. Unerträglich dieses Verhalten: der postmodernen Unentschlossenheit als System des Relativismus einen hohen Anspruch entgegenzuhalten. Unerträglich dieses akademische Geschwätz von der „Vernunft“, der Verwobenheit des endlichen Wesens des Menschen in den göttlichen Logos. Unerträglich war es, und dies selbst für viele Katholiken, darauf zu bestehen, dass das Christentum nichts mit Bauchnabelbetrachtungen zu tun hat, sondern wirklich einen universalen, das Sein des Menschen und den Kosmos einschließenden Anspruch stellt. Unerträglich ist es dann, die Kirche nicht allein „menschlich“ verstehen zu wollen, sondern als mystischen Leib Christi, Ort des Heiligen und der Berufung der Heiligen. So einer durfte nicht mitreden. Und jene, die ihm als ihrem Hirten nachfolgten, wurden mit dem Generalverdacht der Unmündigkeit und Abgehobenheit bedacht.

Bereits Ende 2008 wurde es von den Medien in Deutschland beschlossen: der ehemalige Großinquisitor hat nichts mehr zu sagen. „Wir waren Papst“, schrieb der damalige Rom-Korrespondent des „Spiegels“ Alexander Smoltczyk in einem Beitrag zum Abschluss des Jahres 2008. Benedikt XVI. definierte er als den „Entrückten“, als einen, der der konkreten Welt nichts sagen könnte, sondern der nur eines wolle: „das sein, was er am besten kann: Kirchenlehrer“. Genau das aber stellt für den Kommentator das Problem dar, denn das Reden von Wahrheit und Lehre entferne von dem, was die Welt wirklich brauche. Und so diagnostizierte das Hamburger Lehramt: „Wir waren Papst. Jetzt sind wir Merkel, Steinbrück, Schmidt – nicht zufällig sind das allesamt Protestanten, knochentrockene Lutherlinge, denen überdies alles Gewabere, alles Ideengetränkte, Tröstliche zuwider ist.“ Die Zeit der „barocken Spektakel“ und „großen Worte“ sei vorbei: „Es ist Zeit für Nüchternheit. Für Buddenbrooksche Kaufmannsethik. Fürs Handeln ohne vorherige Rückversicherung bei Augustinus.“ Keine Appelle an die Moral seien nötig, um aus einer Krise herauszukommen, nur die Erfüllung der innerweltlichen Pflicht sei gefragt: „Die Banker sollen nur ihren Job richtig machen, nüchtern, hanseatisch pfeffersäckig. Protestantisch“. Ob die Protestanten insgesamt mit einer derartigen „Analyse“ zufrieden sein können, sei dahingestellt.

Unter dem Vorwand einer eingeforderten Toleranz wurde und wird dann gern die Fundamentalismuskeule geschwenkt. Sie findet sich heute in der absurden Rede von „Rechtskatholiken“ wieder und wird dabei gern von sich selbst als „Linkskatholiken“ und Neoprogressisten und Neopapisten entdeckt habenden Kommentatoren geschwenkt.

Dabei jedoch handelt es sich um einen schweren Missbrauch des Toleranzbegriffes. Für John Locke (1632-1704) bedeutete die Toleranzpflicht nicht die Aufgabe des Anspruches, Wahrheit zu vertreten und andere zu dieser Wahrheit zu führen. Locke ging es um unveräußerliche Rechte und Freiheiten des Menschen und Bürgers: „Keine Privatperson in irgendeiner Weise ein Recht, eine andere Person im Genuss ihrer bürgerlichen Rechte zu benachteiligen, weil diese zu einer anderen Kirche oder Religion gehört“, so schreibt der englische Denker in seinem „Brief über die Toleranz“ (1689). Und mehr noch: „Wir dürfen uns nicht mit den engen Maßen bloßer Gerechtigkeit begnügen: Barmherzigkeit, Güte und Freigiebigkeit muss hinzukommen. Das schärft uns das Evangelium ein, befiehlt uns die Vernunft und fordert jene natürliche Brüderlichkeit von uns, in die wir hineingeboren sind“. Nur eine Ausnahme kennt Locke. Diejenigen sind für ihn ganz uns gar nicht zu dulden, „die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegnehmen, heißt alles auflösen. Auch abgesehen davon können die, die durch ihren Atheismus alle Religion untergraben und zerstören, sich nicht auf eine Religion berufen, auf die hin sie das Vorrecht der Toleranz fordern könnten“.

Dagegen verwirklicht sich die moderne Diktatur der Toleranz in der entschlossenen und aggressiven Ablehnung der Tatsache, dass jemand eine Position absolut einnimmt und den Anspruch erhebt, deren Wahrheitsgehalt nur angesichts der Anerkennung des eigenen Wahrheitsanspruches zu diskutieren. So wird „Toleranz“ zur Leugnung der Rechts darauf, eine Stellung einnehmen zu können und diese entschlossen und der Vernunft entsprechend zu vertreten. Nicht um die Achtung dessen geht es, was dem anderen heilig sein kann, obwohl es einem selbst nicht heilig ist, sondern um eine radikale Zurückdrängung dieses Heiligen in den Bereich des Ungültigen.

„Die Toleranz, die Gott sozusagen als Privatmeinung zulässt, ihm aber die öffentliche Herrschaft, die Wirklichkeit der Welt und unseres Lebens verweigert, ist keine Toleranz, sondern Heuchelei“, sagte Benedikt XVI. am 2. Oktober 2005. „Dort jedoch, wo sich der Mensch zum alleinigen Besitzer der Welt und zum Eigentümer seiner selbst erklärt, kann es keine Gerechtigkeit geben. Dort kann nur die Willkür der Macht und der Interessen herrschen.“ So wird Toleranz zur Apotheose der Unfähigkeit, ja oder nein zu sagen. Was bleibt, sind opportunistische Situationsethiken, die gewaltig auf das Gebot Christi stoßen: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen“ (Mt 5,37).

Der Beweis der Herrschaft der Willkür der Macht und der Interessen war auf eklatante Weise im Verlauf des „AIDS- und Kondomskandals“ sichtbar geworden, der durch ein falsch von den Medien verbreitetes Wort Benedikts XVI. bei seinem Flug nach Afrika verursacht worden war (März 2009). Auf die Frage eines Journalisten nach der Art und Weise der Kirche, gegen AIDS zu kämpfen, erklärte der Papst, dass man das AIDS-Problem nicht nur mit Geld lösen könne. „Wenn die Seele nicht beteiligt ist, wenn die Afrikaner nicht mithelfen (indem sie eigene Verantwortung übernehmen), kann man es mit der Verteilung von Präservativen nicht bewältigen. Im Gegenteil, sie vergrößern das Problem.“

So weit die unmissverständlichen Worte des Papstes: AIDS ist eine Krankheit, deren Vorbeugung in erster Linie die Vermittlung eines Menschenbildes erfordert, in dessen Mitte die Achtung der Würde und der Unverletzbarkeit des Anderen steht. Nur auf der Grundlage einer Erziehung, die die Wahrheit des Menschen (und für den Papst: die Wahrheit der Geschichte Gottes mit dem Menschen) absolut betont und in den Vordergrund jedes Handelns stellt, kann dieses schwere Problem an der Wurzel behandelt werden. Präservative ohne Erziehung und das alleinige materielle Vertrauen auf die Medizin sind ungenügend. Eine ganzheitliche Sicht des Menschen erfordert eine tiefergehende Perspektive, die sich nicht nur auf einen einzigen Aspekt eines Phänomens konzentriert.

Daraufhin warf der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit (Die Grünen) Benedikt XVI. „fast einen vorsätzlichen Mord“ vor; der frühere französische Premier Alain Juppé meinte sogar, einen „Autismus“ diagnostizieren zu können. Trotz besseren Wissens (man bräuchte sich die Worte des Papstes nur anhören oder lesen) scheuten sich die im Europaparlament vertretenen liberalen Parteien nicht, in einem Änderungsantrag zum Jahresbericht 2008 über die Menschenrechte in der Welt die Äußerungen Benedikts XVI. „nachdrücklich“ zu verurteilen, „in denen er die Benutzung von Kondomen verboten und davor gewarnt hat, dass der Gebrauch von Kondomen die Ansteckungsgefahr sogar erhöhen könne“. Es muss dem Leser überlassen werden, diese Manipulierung der öffentlichen Meinung selbst zu beurteilen. Eines tritt deutlich hervor: Nicht der Papst war das Ziel derartiger vermessener und unredlicher Vorgänge, sondern der Anspruch, eine einzige Sicht als die allein gültige zu behaupten.

Es gehört zur Masche von totalitären Systemen, sich lästiger Widersacher zu entledigen, indem man sie als verbrecherisch oder krank und somit als Elemente darstellt, die dem vorausgesetzten, aber nicht gerechtfertigten ideologischen Gesellschaftssystem Schaden zufügen. Innerhalb dieses Totalitarismus, der sein Gesicht unter dem Schleier der Toleranz verbirgt, wurde es dann möglich, dass ein Bischof als „Hassprediger“ bezeichnet wird (Volker Beck, Die Grünen, über Kardinal Meisner, der sich zum Sittenverfall in Europa und zum modernen Menschen als „Triebbündel“ geäußert hatte), während ein anderer als „kastrierter Kater“ (Kurt Beck, SPD, 2007; ironisierend zu Bischof Walter Mixa) oder als „durchgeknallter, spalterischer Oberfundi“ (Claudia Roth, Die Grünen, 2007; direkt zu Bischof Walter Mixa) erkannt wird, dessen Worte letztere Dame auch noch an den kambodschanischen Diktator und Massenmörder Pol Pot erinnerten..

Das Besorgniserregende dabei waren und sind jedoch nicht Beleidigungen gegenüber einem Papst, Kardinal oder Bischof. Es geht nicht um persönliche Animositäten, selbst wenn diese einen gläubigen Katholiken verletzen. Vielen scheint es angemessen zu sein, das Leben der Kirche wie in einer schlechten Talk-Show behandeln zu müssen. Die Nachfolger der Apostel jedoch sind es gewohnt, im Kreuzfeuer zu stehen, und nicht umsonst geloben einige von ihnen feierlich, dem Papst treu zu sein „usque ad effusionem sanguinis“ (bis zum Vergießen des eigenen Blutes).

Was erschüttert, ist eine radikale ethische Entfremdung und ideologisierte und aggressive Anti-Haltung gegenüber dem christlichen Wertemodell und einem auf dem Evangelium basierenden Humanismus, in dessen Zentrum die Förderung des wahrhaft Menschlichen aus dem Wesen des Göttlichen heraus steht. Dass die Kirche auf der Grundlage des natürlichen Sittengesetzes „Anwältin der Menschheit“ ist, bildet das eigentliche Ärgernis und provoziert einen Angriff auf das Christentum insgesamt.

Wie steht es um die Religionsfreiheit?

Der Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen schreibt die Religionsfreiheit als Grundelement der Verwirklichung des Menschen in jeder Gesellschaft fest: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.“

Die Erklärung über die Religionsfreiheit des II. Vatikanischen Konzils „Dignitatis humanae“ hält fest, „dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird“ (Nr.2).

Stellt man heute in den westlichen Gesellschaften die Frage nach der Religionsfreiheit, so wird man wohl immer die Antwort bekommen: Aber klar doch. Es wird jedoch in der Regel zwischen wahrer Religionsfreiheit und dem undifferenzierten geduldeten Nebeneinander von Religionen nicht unterschieden. Religionsfreiheit bedeutet nicht die gleichzeitige Präsenz von unterschiedlichen Religionen innerhalb einer Gesellschaft, die ein Staat zu dulden oder zu gewährleisten hätte. Die Religionsfreiheit ist ein Grundrecht, kein einfaches Recht unter anderen, das beansprucht werden könnte. Im Boden der Religionsfreiheit sind, wie gerade die Denker der Aufklärung erkannt haben, alle Menschenrechte verwurzelt. Ein Menschenrecht nämlich ist keine Eigenschaft oder Besitz eines Individuums oder der Menschheit. Das Menschenrecht transzendiert das Sein des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Religionsfreiheit legt somit in besonderer Weise diese transzendente Dimension der Menschen offen, lässt den absoluten Charakter und die Unverletzlichkeit seiner Würde erkennen und entzieht ihn einer Manipulation aus Willkür und äußeren Machtansprüchen.

Als stabiler Untergrund der Erkennbarkeit der Menschenrechte ist sie Ausdruck des Wesens des Menschen selbst und kann nicht auf die Erlaubnis beschnitten werden, ein Zusammenleben von Bürgern zu verwirklichen, die im Privaten ihren jeweiligen Bekenntnissen nachgehen. Religionsfreiheit ist nicht zu verwechseln mit Kultfreiheit. Genau diesen Punkt akzentuierte Benedikt XVI. in seiner Ansprache vom 18. April 2008 bei der Versammlung der Vereinten Nationen: „Die volle Gewährleistung der Religionsfreiheit kann nicht auf die freie Ausübung des Kultes beschränkt werden, sondern muss in richtiger Weise die öffentliche Dimension der Religion berücksichtigen, also die Möglichkeit der Gläubigen, ihre Rolle im Aufbau der sozialen Ordnung zu spielen“.

Wie Benedikt XVI. in der Enzyklika „Caritas in veritate“ schreibt, bedeutet Religionsfreiheit jedoch nicht „religiöse Gleichgültigkeit“. Ebenso wenig werde durch sie behauptet, dass alle Religionen gleich sind. Insofern ist für den Papst die Unterscheidung hinsichtlich des Beitrags der Kulturen und Religionen zum Aufbau der sozialen Gemeinschaft in der Achtung des Gemeinwohls vor allem für den geboten, der politische Gewalt ausübt: „Solche Unterscheidung muss sich auf das Kriterium der Liebe und der Wahrheit stützen. Da die Entwicklung der Menschen und der Völker auf dem Spiel steht, wird sie die Möglichkeit der Emanzipation und der Einbeziehung im Hinblick auf eine wirklich universale Gemeinschaft der Menschen berücksichtigen“ (Nr. 55). Dabei seien „der Mensch und alle Menschen“ das Kriterium, um auch die Kulturen und die Religionen zu beurteilen.

Die Kirche bietet einen Beitrag zum Aufbau einer solidarischen und gerechten Gesellschaft an, der nach dem Prinzip der Religionsfreiheit als Fundament der Menschenrechte durch keine Strategie begrenzt werden darf, es sei denn, eine Gesellschaft wolle dadurch nicht eine Verletzung der Menschenwürde als Möglichkeit des Systems zulassen. Religionsfreiheit schützt vor einem unmenschlichen Humanismus, der alles in die Beliebigkeit von einzelnen oder Interessengruppen stellt. Keineswegs darf Religionsfreiheit zu einem Recht auf Verhinderung der Präsenz des Religiösen innerhalb einer Gesellschaft pervertiert werden. Dies zöge unweigerlich die Bannung von Toleranz, Solidarität und der Fähigkeit nach sich, die Menschenwürde als zentral zu erkennen.

Freiheit bedarf eines Fundaments, aus dem heraus sie sich entwickeln kann und ohne das sie zum Scheitern verurteilt wäre. Das Wesen der Freiheit ist die Wahrheit. Ohne Wahrheit kann Freiheit nicht bestehen, ohne Freiheit kann Wahrheit nicht als solche erkannt werden. Dieses Geflecht zerreißen zu wollen, würde einen Verzicht auf alle Werte bedeuten, gerade auch auf jene, die oft gegenüber der Religion als „höher“ behauptet werden, insofern diese nur relative Antworten auf untere Bedürfnisse eines rein materiell interpretierten Menschen wären. Was bleibt, ist die Gefahr der Herrschaft der Ideologien. Dabei kann und darf, wie Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ schreibt, die Kirche nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. „Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben. Sie muss auf dem Weg der Argumentation in das Ringen der Vernunft eintreten, und sie muss die seelischen Kräfte wecken, ohne die Gerechtigkeit, die immer auch Verzichte verlangt, sich nicht durchsetzen und nicht gedeihen kann“ (Nr. 28).

Die Kirche kann nicht anders als „politically incorrect“ sein. Und gerade das macht den Glauben so anstößig für eine Welt, die sich daran gewöhnt zu haben scheint, dass das Nicht-Widerspruchsprinzips (zwei einander widersprechende Sätze können nicht zugleich zutreffen) ein Optional für eine Auseinandersetzung ist. Eine angebliche Freiheit, die sich als die Aufgabe jeglicher Vernünftigkeit präsentiert, widerspricht jedem Menschenrecht und bedroht letztlich die Bekenntnisfreiheit als dessen Grund. In weiten Gebieten ist ein instinktgetriebener Nihilismus der Indifferenz festzustellen, der sich selbst nicht zu ertragen vermag und infolgedessen jeden bedroht, der einen Dialog nur im Ausgang von einer der Wahrheit entsprechenden Position führen will. Der Kern der Strategie besteht darin, Religion auf eine soziale Wohlfahrtsinstitution reduzieren zu wollen und Kirche als humanitäre Agentur zu verstehen, die als Randphänomen neben anderen zu stehen kommt.

Die Erosion der religiösen Bindungen, wie sie sich in den letzten fünfzig Jahren vollzogen hat (und deren Beginn in der unmittelbaren Nachkriegszeit auszumachen ist), führte zu einer Konzeption von Laizität, deren Ziel es ist, den Massen einen allgemeinen Daseinsvollzug als ein Leben „etsi Deus non daretur“ (als ob es Gott nicht gäbe) vorzuschlagen. Gerade diese Erosion, die zu einem großen Teil auch „selbstverschuldet“, das heißt „kirchenverschuldet“ ist, bringt es mit sich, dass das, was ehemals Bindung gewährleistete, zum Teil auch aggressiv bekämpft wird. Dabei wird nicht erkannt, dass das Menschliche selbst zum Opfer dieses Kampfes wird. Schon Fjodor M. Dostojewskij wusste es: „Der vollkommene Atheist steht auf der vorletzten Stufe vor dem vollkommensten Glauben – ob er ihn nun erreicht oder nicht –, der Gleichgültige aber hat gar keinen Glauben mehr, nur eine erbärmliche Angst, und auch die nur selten, wenn er ein empfindsamer Mensch ist“ (Die Dämonen).

Wer Kreuze aus den Schulen unter dem Vorwand des durch eine hypothetische Multikulturalität erforderlichen Respekts entfernen will, begibt sich in den Raum einer tragischen Unvernunft und des Verkennens der geschichtlichen Dimension der europäischen und westlichen Kultur, was die Selbstaufgabe und auch den Selbsthass des Menschen zur Folge hat. Das Größere der Wahrheit untersteht der Meinung. Jede Glaubensentscheidung relativiert sich und verurteilt sich so zu ihrer inneren Leere. Statt einen kulturellen Dialog über die Folgen von Glaubensentscheidungen zu stimulieren, geht die Fähigkeit zur Wahrheit selbst im Hohlraum der Sinnlosigkeit auf. Ergebnis ist eine unvermeidliche Krise der Ethik, das heißt das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können und das gut Gemeinte nicht mit dem Guten zu verwechseln.

Weder Druck noch Anpassung

Der Christ ist ein Nonkonformist und schwimmt „gegen den Strom“ (wozu Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus immer wieder auffordern). Der innerste Kern der Lehre der Kirche ist darin gegeben, die Menschen zur Wahrheit zu führen, indem sie sie die einzige Wahrheit des offenbarten Gottes ersehnen und erfassen lässt. Die Kirche stellt eine historische Ausnahme dar: sie hat als Bastion der Rationalität als einzige ein Problem mit dem, was die Gesellschaft schnell erledigt. Die Kirche ist die Tradition, sie hat es mit der Geschichte zu tun. Als solche wird sie zum Feindbild jeglicher ideologisch und relativistisch gefasster Rationalität der einfachen Verwaltung von dem, was der Fall ist. Paradoxerweise muss ein Mensch im Zeitalter der extremen Selbstbehauptung des Individuums sein Menschsein immer rechtfertigen, vor der Wissenschaft, vor der Technik, vor der Wirtschaft. So verliert sich das aufgedunsene Ich in der Zerstreuung.

Die Kirche braucht den Mut, aus der Defensive herauszuschreiten. Das ist aber nur dann möglich, wenn ihre positive Option so klar wie möglich vorwärts gebracht wird. Für den relativistischen Säkularismus war es lange Gebot, dem Christentum eine Rechtfertigung abzufordern und es aufgrund seiner angeblichen Einschränkung der Freiheit der Vernunft in seiner Gegenwart und Handlung zu begrenzen. Die Diktatur einer falschen und teilweise heuchlerischen Toleranz ist zu überwinden. Sie versandet im Unverständnis. Es bedarf der Sensibilität des religiösen Organs. Sie lässt erkennen, dass es eine weitere Rationalität braucht, als es die säkulare Rationalität je sein kann. Der Glaube ist dann der positive Ort der Vermittlung von Vernunft und Kultur, von Selbstsein und Mitsein. Der Glaube gründet die Natur des wahren Menschseins. Darin besteht der Schwung und die Leuchtkraft des Katholischen. Je stärker der Glauben, desto stärker die Vernunft. Je mehr hingegen eine Theologie ein Fall unter anderen im Reigen der humanistischen Wissenschaften ist, desto weniger wird sie als Wissenschaft, die die Grundlagen, Inhalte und Konsequenzen des Glaubens interpretiert, ernst genommen und verkommt so zu einem Surrogat von Meinungen.

Der ethische Relativismus wird fälschlicherweise als die tolerante Grundlage der Demokratie und als die Verneinung des Autoritarismus angesehen. Das dabei aufkommende Problem ist, dass sich die Demokratie so ein Maß zuweist, das ihr nicht zusteht. Wie Benedikt XVI. 2005 bekräftigt hatte, kann das demokratische Ziel von Frieden und Toleranz innerhalb und zwischen den Staaten nur dann erreicht werden, „wenn die rechte Achtung des Lebens und der Würde jeder menschlichen Person im Mittelpunkt der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung jeder Gemeinschaft stehen. Eine gesunde Gesellschaft fördert immer die Achtung der unantastbaren und unveräußerlichen Rechte aller Personen“. Denn ohne „eine objektive sittliche Verankerung kann auch die Demokratie keinen stabilen Frieden sicherstellen“. Demokratie wird so zu einem „Mythos“, der zu einem „Ersatzmittel für die Sittlichkeit oder einem Allheilmittel gegen die Unsittlichkeit gemacht wird“ (vgl. Johannes Paul II, Evangelium vitae 70). Das bedeutet, dass der moralische Relativismus das Funktionieren der Demokratie aushöhlt, das die Toleranz und Achtung unter den Völkern allein nicht sicherstellen können.

Mit anderen Worten: eine Demokratie ist nur dann Demokratie, wenn sie sich auf ihre vor-demokratischen Grundlagen besinnt, die im natürlichen Sittengesetz liegen. Der „Nebel der Säkularisierung“ (Romano Guardini) verhindert den Dialog, in diesem Nebel kann die Säkularisierung nur destruktiv sein und dann entgleisen (Jürgen Habermas).

Unter dem Schleier dieses Nebels kristallisiert sich auch ein Grundmissverständnis: dass nämlich die Kirche eine Art Ethikagentur sei, deren Beitrag für die Gesellschaft darin bestehe, ihr Benimm und anständige Sitten beizubringen. Für die Religion hingegen wäre es verheerend, würde sie nur in der Dimension eines Moralismus und nicht als Form des Lebens wahrgenommen werden. Leider interessiert sich der Staat nur in dieser selbstsüchtigen Form für die Religion. Dieses Interesse des Staates hat heute nichts mit dem Glaubensverständnis zu tun. So bewegen sich Gesellschaft und Kirche oft auf zwei parallelen Geraden, die einander nicht schneiden, weil es die Gesellschaft verlernt hat, die Selbstbestimmung der Sendung der Kirche zu verstehen.

Umso wichtiger ist: Die Kirche darf sich nicht an die Welt anpassen oder ihr hinterherrennen, indem sie der Versuchung der Selbstsäkularisierung verfällt. Nicht auf diese Weise kann das Christentum Triebfeder der Geschichte sein und das gesamte Dasein umfassen. Entweltlichung und eine Absage an die „spirituelle Weltlichkeit“ sind angesagt. Der Glaube ist der Dreh- und Angelpunkt der Menschheitsgeschichte und überschreitet seinem Wesen nach die Sphäre der reinen Subjektivität. Die Kirche muss mit einem Wort Romano Guardinis aus dem 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts zur „Unterscheidung des Christlichen“ zurückfinden, statt sich in die Welt zu versenken und sich aus ihr heraus interpretieren zu wollen.

Grundelement dieser Unterscheidung des Christlichen besteht in der Erkenntnis, dass der Glaube und die Lehre des Glaubens sich nicht der Welt- und Menschheitsgeschichte entgegensetzen, sondern die Geschichte ohne den Glauben und seine Lehre überhaupt nicht als Geschichte des Menschen verstanden werden kann. Anfang und Ende allen Denkens, Glaubens und Seins muss die Wahrheit sein, deren Garant und Heimstatt die Kirche ist. Denn es ist verheißen: „Die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen – non prævalebunt“ (vgl. Mt 16,18).

_______

Quelle

DER HEILIGE FRANCISCO UND „DER VERBORGENE JESUS“

Schweizer Fatima-Bote Nr. 77 3/2018

Nachstehend bringen wir aus dem Buch „Jacinta und Francisco – selige Kinder von Fatima“ ei­nen Auszug über die spezielle Beziehung vom inzwischen heilig gesprochenen Francisco zum sogenannten „verborgenen Jesus“, den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Tabernakel der Kirche aufsuchte. Das Buch ist von Jean­Francois Louvencourt, Trappist der Abtei Notre-Dame de St. Rémy in Rochefort, Belgien. Es um­fasst fast 600 Seiten und ist noch vor der Heilig­sprechung der Kinder erschienen. Wir bringen hier die Seiten 384 bis 389.

Francisco liebt es, sich in die Natur zurück­zuziehen, denn sie ist ihm Freundin, weil sie ihn vor eventuellen Indiskretionen schützt und für die Intimität seines Gebetes förder­lich ist. Genauso gerne aber mag er die Ein­samkeit seines Zimmers, dessen Tür er ab­schliesst, wie es das Evangelium empfiehlt (vgl. Mt 6,6), und Gott im Geheimen anbe­tet; das war seine Gewohnheit während der langen Monate seiner Krankheit. Am liebsten aber geht er zum verborgenen Jesus. Bei ihm merkt er nicht, wie die Zeit vergeht. Stunde um Stunde bleibt er bei ihm, allein mit ihm, in der Stille. Ja, ganze Stunden, zum Beispiel ebenso lange, wie die Schule dauert: Früh am Morgen verlässt ihn Lucia auf der Schwelle der Kirche und nach dem Unterricht, am späten Vormittag, holt sie ihn dort ab, wo sie weiss, dass sie ihn wiederfin­den wird, das heisst tief im Gebet vor dem Allerheiligsten versunken.

Francisco und der verborgene Jesus: Nie­mand wird jemals den Inhalt ihrer Unterhal­tungen erfahren, nichts von den liebevollen Blicken, die sie austauschen oder von dem gegenseitigen Vertrauen, das sie sich entge­genbringen. Und doch besitzen wir gewisse Indizien, wie jenen Tag, an dem eine Dame Theresia, eine der Schwestern Lucias bittet, diese solle für sie bei der Jungfrau Maria Fürbitte einlegen zugunsten ihres Sohnes, der fälschlicherweise eines Verbrechens an­geklagt worden war, das er nicht begangen hatte. Da Lucia diese Bitte erhalten hatte, als sie gerade zur Schule aufbrach, erzählt sie Francisco auf dem Schulweg davon, und er antwortet ihr:

„Hör mal! Während du zur Schule gehst, bleibe ich beim verborgenen Jesus und bete darum.“ Als ich aus der Schule kam, ging ich ihn rufen und fragte ihn: „Hast du Unseren Herrn um jene Gnade gebeten?“ — „Ja! Sage Theresia durch deine Schwester, dass er in wenigen Ta­gen nach Hause kommt.“

In der Tat, einige Tage darauf war der arme Junge schon zu Hause und am Dreizehnten kam er mit der ganzen Familie, um Unserer Lieben Frau für die erlangte Gnade zu danken (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 172).

Der verborgene JesusBigschofancisco: Wattie einander an jenem Tag gesagt haben? Sicher ist: Zwischen beiden hat sich mit der Zeit eine so enge und ver­traute Verbindung entwickelt, dass Fran­cisco seine Bitte mit einer Überzeugung vorbringen kann, die Jesus anrührt. Bes­ser noch: Francisco gelangt zu der ruhigen und absoluten Sicherheit, dass sein Gebet schon erhört ist. Und noch besser: Er scheint so sehr an diese enge Bezie­hung zu Gott gewöhnt zu sein, dass er von einer erlangten Gnade wie von der natürlichsten Sache der Welt spricht.

Francisco, das Kind, das von Gott faszi­niert ist. Nicht von einem pantheisti­schen Gott, zurückgezogen oder anonym, sondern von einem persönlichen Gott. Und weil die Person Beziehung ist, bis hin zur Vereinigung, zur Kommunion, ist Gott in sich selbst drei-persönlich. Des­halb lehrt der Engel die drei Hirtenkinder dieses Gebet, das hier nun unbedingt vollständig wiedergegeben werden soll:

„Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, in tiefster Ehrfurcht bete ich Dich an und opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwär­tig in allen Tabernakeln der Erde, zur Wiedergutmachung für alle Schmähun­gen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch die Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Verdienste seines Hei­ligsten Herzens und des Unbefleckten Herzens Mariens bitte ich Dich um die Bekehrung der armen Sünder.“

(Schwester Lucia spricht über Fatima, Seite 183).

Mit der kontemplativen Sichtweise, die ihm eigen ist, ist Francisco derjenige von den Dreien, der sich am stärksten von diesem Gebet angezogen fühlt. Ein kom­plexeres Gebet als die anderen, dessen Tragweite ihm anfangs nicht klar ist, die sich aber immer mehr erhellt, als er die drei Teile entdeckt, die es gliedern, ge­kennzeichnet durch drei Verben, die den Betenden mit der Heiligen Dreifaltigkeit verbinden: „Ich bete Dich an – ich opfe­re Dir auf – ich bitte Dich.“ Die Anbe­tung ist jene Haltung des Leibes und der Seele, die so gut seiner Demut entspricht und der er sich so gerne hingibt. Das Op­fer, das auf jenes Opfer des verborge­nen Jesus hinweist, zu dem dieser sich selbst in der Eucharistie macht, ist das Opfer, das auch Francisco aus sich selbst macht, um die gegen seinen Herrn begange­nen Sünden zu sühnen, den er um jeden Preis trösten will. Was die Bitte anbetrifft, so zielt sie auf die Bekehrung der Sünder, für die er unablässig betet. So dringt Fran­cisco immer mehr in dieses Gebet ein, das er gerne vertieft und meditiert. Er bemerkt, dass es sogar die Besonderheit hat, alle grossen Aspekte des Geheimnisses von Fati­ma zu umfassen, allerdings indem es sie in das Licht des Geheimnisses der Heiligen Dreifaltigkeit stellt und in diesem Licht ver­eint. Dieses Geheimnis, das er mit der Kir­che für das grundlegendste und höchste al­ler Geheimnisse ansieht, macht er zur Mitte seines Lebens.

Wenn die Erscheinungen des Engels mit ei­nem wesentlich trinitarischen Gebet enden, so schliessen die Erscheinungen Unserer Lie­ben Frau von Anfang an eine Vision ein, de­ren Gehalt ebenfalls trinitarisch ist.

Als Unsere Liebe Frau am 13. Mai 1917 zum ersten Mal die Hände öffnet, wirft sie den Glanz eines übernatürlichen Lichtes auf die Kinder. Das wichtigste Ziel dieses Lichtes ist, wie Lucia schreibt, sie „zu Gott und den Geheimnissen der Allerheiligsten Dreifaltig­keit“ zu führen (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 136).

So wie Jacinta für immer von der Vision vom 13. Juni 1917 gefangen ist, die ihr „die Er­kenntnis und die besondere Liebe zum Un­befleckten Herzen Mariens“ eingegossen hat, (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 136), so ist Francisco für sein Leben von dem ersten Schein des Lichtes geprägt, das von den Händen Unserer Lieben Frau aus­geht:

„Was ihn am meisten beeindruckte und fes­selte war Gott, die Heiligste Dreifaltigkeit in jenem unermesslichen Licht, das uns bis in die Tiefe der Seele durchdrang“ (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 157).

Übrigens fällt er bald nach der unvergessli­chen Vision vom 13. Mai auf die Knie, eben­so wie Jacinta und Lucia. Und unter dem Eindruck einer und derselben Eingebung spüren alle drei in ihrem Inneren eine Anru­fung aufsteigen, die sie so gerne und oft wiederholt haben:

„O Heiligste Dreifaltigkeit, ich bete Dich an!“

Wie könnten wir, von Francisco geführt, ei­nen anderen Schluss daraus ziehen als die erneute Betonung der trinitarischen Dimen­sion der Botschaft von Fatima? Die Heilige Dreifaltigkeit ist nicht nur von der ersten Erscheinung des Engels und der ersten Er­scheinung Unserer Lieben Frau all gegenwär­tig – so wird wunderbarerweise ein Band zwischen den beiden Erscheinungszyklen ge­knüpft – sondern sie taucht auch im dritten Erscheinungszyklus wieder auf, den Lucia nach ihrer Abreise aus Aljustrel erfuhr, mit der grandiosen Theophanie vom 13. Juni 1929, also zehn Jahre nach dem Tod Franciscos. Jeder dieser drei Erschei­nungszyklen beinhaltet also eine trinitari­sche Phase von ganz besonderer Intensität, und das ergibt aussergewöhnliche trinitari­sche Manifestationen: ein Gebet von engli­scher Herkunft (des Engels von Portugal), eine ebenso sublime wie unauslöschliche Vi­sion und eine weitere Vision, die ebenso sublim, obwohl „beschreibender“ ist. Es handelt sich also um ein absolut einzigarti­ges Triptychon in der Geschichte der Er­scheinungen.

Die besondere Stellung, welche die Dreifal­tigkeit in der Botschaft von Fatima ein­nimmt, wird durch ein Zeichen bestätigt, das nicht täuschen kann: durch die Häufig­keit der Zahl „drei“. Diese Zahl taucht in der Tat zu oft auf, als dass es sich um einen einfachen Zufall handeln könnte und nicht eine offenbare Erinnerung an die Allgegen­wart des allmächtigen Gottes wäre. Um die Häufigkeit dieser Zahl aufzuzeigen, wollen wir die unterschiedlichen, in Fatima han­delnden Personen betrachten, welche übri­gens auch drei sind.

Die Kinder

Es sind drei Kinder, und alle drei sind bei jeder der Erscheinungen immer zusammen. Insgesamt werden ihnen neun Erscheinungen gewährt, das heisst also drei mal drei Er­scheinungen. Als sie vom göttlichen Licht umflossen werden, sind sie, wie wir gesehen haben, zehn, neun und sieben Jahre alt, ins‑

gesamt also sechsundzwanzig. Wie wir ge­sehen haben (weiter vorne in diesem Buch, die Red.), ist sechsundzwanzig die Zahl Got­tes, diese Zahl ist das Doppelte von drei­zehn, und dreizehn ist, wie der hl. Isidor von Sevilla uns sagte, die Summe aus zehn, der Zahl der Gebote, und drei, welches den Autor der Gebote bezeichnet, also die Heilige Dreifaltigkeit.

Der Engel

Dreimal erscheint er den Kindern, zu drei verschiedenen Jahreszeiten. Jedes der Ge­bete, die er sie lehrt, wiederholt er drei Mal. Und das Gebet, das er ihnen beim drit­ten Mal beibringt, enthält drei Teile. Drei­mal auch spricht er zu ihnen über die Her­zen Jesu und Mariä.

Unsere Liebe Frau

Sie besteht selbst auf dieser Zahl. Dreimal zeigt sie ihr Herz: ein einziges Mal im Jahr 1917, zwei weitere Male jedoch im folgen­den Jahrzehnt, am 10. Dezember 1925 und am 13. Juni 1929. Jedes der beiden Gebe­te, welche sie die Kinder am 13. Juli 1917 lehrt, enthält drei Teile. Das Geheimnis, das sie ihnen am selben Tag anvertraut, hat ebenfalls drei Teile, und der Mittelteil spricht drei Mal von ihrem unbefleckten Herzen. In genau diesem Jahr 1917 spricht sie drei Mal von „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“. Nun beinhaltet der Rosen­kranz insbesondere das Ave Maria, dessen Beginn auf jede der drei göttlichen Perso­nen hinweist und aus dem »Ehre sei dem Vater..«, dessen „trinitarische Doxologie“, die der „Gipfel der Betrachtung“ ist, der „Zielpunkt der christlichen Kontemplati­on“, woran Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben zum Rosenkranz passend erinnert hat.

Wir wollen noch erwähnen, dass am 13. September und auch im folgenden Mo­nat drei Mal Rauchwolken vor Unserer Lie­ben Frau aufstiegen, als die Engel sie mit ihren goldenen Weihrauchfässern verehr­ten. Die Erscheinung vom 13. Oktober, die den Zyklus in der Cova da Iria abschloss, verläuft ebenfalls in drei Abschnitten: der Besuch Unserer Lieben Frau, die vielfältige Vision und das Sonnenwunder. Dieses Wun­der wurde drei Monate früher angekündigt und enthält drei Momente, denn die Sonne „tanzt“ drei Mal hintereinander.

Es spricht also alles von der Dreifaltigkeit: nicht nur die Natur, wie uns Lucia weiter oben sagte, sondern auch der Engel, so­dann Unsere Liebe Frau, und selbst die Zahlen. Ohne unseren Leib und unser Herz auszulassen, denn Papst Benedikt versi­chert, dass „das Sein des Menschen in sei­nem <Erbgut> die tiefe Spur der Dreifaltig­keit trägt, des Gottes, der die Liebe ist“ (Angelus vom 7. Juni 2009), und auch Schwester Lucia schreibt übrigens: „Wir sind lebendige Tabernakel, in denen die Heiligste Dreifaltigkeit wohnt“ (Aufrufe, S. 135).

Trotz der Vielfalt und des Reichtums dieser Zeichen und der Manifestationen bleibt im­mer ein Abgrund zwischen der immanenten Trinität und alledem, was wir jemals über sie wissen können. Dieser Apophatismus, (siehe Erklärung am Schluss) der in jedem Versuch inhärent vorhanden ist, dieses Geheim­nis zu erfassen, ist ein integraler Bestandteil des Annäherns an das Wesen der Dreifaltig­keit durch Francisco. Natürlich hat er nie ei­ne theologische Ausbildung genossen, noch hat er je über die Unmöglichkeit jeglichen Vorhabens gehört, Gott zu beschreiben oder für das menschliche Verständnis erfassbar zu machen, wenn nicht eben als unerfasslich. Aber er betet, er betet viel, und im Gebet bekommt er jene Eingebung, welche die be­kanntesten kontemplativen Menschen weit entwickelt haben, ohne sie jemals übertref­fen zu können: „Wie Gott doch ist! Das kann man nicht aussprechen! Ja, das kann keiner jemals sagen!“

So viele Negationen in so wenigen Worten! die gesamte „negative“ Theologie der gröss­ten Mystiker seit Dionysos Areopagita ist da­rin enthalten, ist bei Francisco virtuell prä­sent.

So also ist Francisco, das kontemplative Kind, das Kind der apophatischen Stille, das Kind, das von der Heiligsten Dreifaltigkeit faszi­niert ist sowohl in ihrer absoluten Transzen­denz als auch von ihrem Einwohnen im In­nersten eines jeden von uns. So ist Francisco das Kind, dessen Kontemplation seinem Sinn für das praktische Leben und für die Hingabe keineswegs schadet, sondern beides sogar, ganz im Gegenteil, noch anregt und verfei­nert. (…)

Bezüglich dem Wort „Apophatismus“ hat Pfr. Gerald Hauser wie folgt geantwortet:

Im Zusammenhang mit den Kindern von Fati­ma kann „apophatische Stille“ einfach nur heissen, dass Francisco die Unsagbarkeit, Un­nennbarkeit, Unerkennbarkeit Gottes erfah­ren hat. Wie der hl. Thomas von Aquin, im­merhin der grösste Theologe unserer Kirche, der, nachdem er eine Vision Gottes gehabt hatte, nichts mehr geschrieben hat, weil ihm alles, was er je über Gott gesagt und ge­schrieben hatte, wie Stroh vorkam gegenüber der Herrlichkeit Gottes, die er schauen durf­te.

Und damit wurde aus diesem Mann, der so viel und so viel Gutes geschrieben hatte, ein Heiliger der „apophatischen Stille“.

_______

Quelle: Schweizer Fatima-Bote Nr. 77 3/2018

Siehe dazu auch:

Fides christianorum resurrectio Christi est — Ansprache Pauls VI. an die Teilnehmer des Symposiums über die Auferstehung Jesu, Rom, 4. April 1970

Der auferstandene Jesus und der Apostel Thomas, Detail, Freske aus dem 14. Jh., Oberkirche des Klosters Sacro Speco, Subiaco (Rom).

Sehr geehrte Herren,

Wir sind sehr gerührt über die warmherzigen, zuversichtlichen Worte, die der ehrwürdige Pater Dhanis in Ihrem Namen für Uns gefunden hat, und wir danken dem Herrn, der uns dieses Treffen mit hochrangigen Experten im Bereich der Exegese, der Theologie und der Philosophie bescherte, die gekommen sind, um sich brüderlich über ihre Arbeiten zum Geheimnis der Auferstehung Christi auszutauschen. Groß ist Unsere Freude über dieses Symposium, das dank der großherzigen Gastfreundschaft des Instituts „San Domenico“ in der Via Cassia veranstaltet werden konnte. Wir möchten den Verantwortlichen und allen Teilnehmern, die Wir hier begrüßen dürfen, Unseren herzlichen Dank aussprechen, vereint mit Unserer tiefen Wertschätzung, Unserem besonderen Wohlwollen und Zuspruch.

Wir wollen Ihnen hier in aller Einfachheit einige Denkanstöße geben, die uns dieses so bedeutungsvolle Thema der Auferstehung Jesu nahelegt, das Sie lobenswerterweise zum Thema Ihrer Arbeiten machen wollten.

1. Man muss wohl kaum betonen, welch große Bedeutung Wir – wie übrigens alle unsere christlichen Kinder, Brüder und Schwestern – dieser Studie beimessen. Ja, Wir möchten fast zu sagen wagen: die meiste Bedeutung messen Wir ihr bei – schon aufgrund der Rolle, die uns der Herr im Schoße Seiner Kirche zugedacht hat und die Uns zum privilegierten Zeugen und Glaubenshüter macht! Und dreht sich vielleicht nicht die ganze Evangeliengeschichte um die Auferstehung: was wären die Evangelien, die die Frohbotschaft des Herrn Jesus verkünden, ohne sie? Liegt vielleicht nicht gerade darin die Quelle der gesamten christlichen Verkündigung, angefangen beim ersten Kerygma, das ja gerade dem Zeugnis der Auferstehung erwächst (vgl. Apg2, 32)?

Ist es nicht vielleicht der Angelpunkt der gesamten Epistemologie des Glaubens, ohne den dieser seine Konsistenz verlieren würde, wie schon die Worte des Apostels Paulus besagen: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden […] dann ist euer Glaube sinnlos“ (vgl. 1Kor 15, 14)?

Ist es vielleicht nicht allein die Auferstehung Jesu, die der ganzen Liturgie, allen unseren „Eucharistiefeiern“ Sinn gibt, mit der Versicherung der Präsenz des Auferstandenen, den wir in der Danksagung feiern: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“ (Anamnesis)?

Ja, die ganze christliche Hoffnung gründet sich auf die Auferstehung Christi, in der unsere eigene Auferstehung mit Ihm „verankert“ ist. Ja, wir sind bereits mit Ihm auferweckt (vgl. Kol 3, 1): in den Stoff unseres christliches Lebens ist diese unerschütterliche Gewissheit und diese verborgene Wirklichkeit eingewoben, mit aller Freude und Dynamik, die sich daraus ergibt.

2. Und ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass ein derartiges Geheimnis – so grundlegend für unseren Glauben, so bereichernd für unseren Geist – im Laufe der Geschichte verschiedene Formen angenommen hat und nicht nur das leidenschaftliche Interesse seitens der Exegeten, sondern auch vielfältige Proteste hervorrief? Dieses Phänomen hatte sich schon zu Lebzeiten des Evangelisten Johannes gezeigt, der meinte, präzisieren zu müssen, dass der ungläubige Thomas aufgefordert worden war, die Male der Nägel zu berühren und seine Hand in die verwundete Seite des auferstandenen Wortes des Lebens zu legen(vgl. Joh 20, 24-29).

Wie sollte man hier nicht an die seither angestellten Versuche jener Gnosis denken, die in vielfältigen Formen immer wieder in Erscheinung tritt und die dieses Geheimnis mit allen Ressourcen des menschlichen Verstandes zu durchdringen und auf die Dimensionen rein menschlicher Kategorien zu verkürzen suchte? Eine mehr als verständliche Versuchung, und zweifellos eine unvermeidliche, aber mit der gefährlichen Tendenz, den Reichtum und die Tragweite dessen zu entleeren, was vor allem ein Fakt ist: die Auferstehung des Retters.

Noch heute – und das müssen Wir Ihnen gewiss nicht in Erinnerung rufen – haben wir die letzten dramatischen Folgen dieser Tendenz vor Augen, die nicht selten dazu führt, dass Gläubige, die sich Christen nennen, den historischen Wert des inspirierten Zeugnisses leugnen oder, in jüngerer Zeit, die leibliche Auferstehung Jesu in rein mythischer, spiritueller oder moralischer Weise interpretieren. Wie soll man die unleugbar zerstörerischen Auswirkungen nicht wahrnehmen, die diese schädlichen Diskussionen auf viele Gläubige haben? Aber Wir sehen das alles – wie Wir hier mit Nachdruck betonen – ohne Furcht: Heute wie gestern gelingt es dem Zeugnis „der Elf und der anderen Jünger“ nämlich, mit der Anmut des Heiligen Geistes den wahren Glauben zu erwecken: „Der Herr ist wirklich auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24, 34-35).

Paul VI. betet am Heiligen Grab.

3. Mit diesen Gefühlen verfolgen Wir also mit großem Respekt die hermeneutische und exegetische Arbeit, die so qualifizierte Männer der Wissenschaft wie Sie zu diesem wichtigen Thema leisten. Diese Haltung entspricht den Prinzipien und Normen, die die katholische Kirche für die Bibelstudien festgelegt hat; man muss nur an die bekannten Enzykliken Unserer Vorgänger denken: Providentissimus Deus von Leo XIII. aus dem Jahr 1893, und Divino afflante Spiritu von Pius XII. aus dem Jahr 1943 – oder an die dogmatische Konstitution Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils: Darin wird nicht nur die rechte Freiheit der Forschung anerkannt, sondern auch daran gemahnt, dass das Studium der Heiligen Schrift den heutigen Erfordernissen angepasst sein muss und es gilt, „sorgfältig zu erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten“ (vgl. Dei Verbum, Nr. 12). Diese Perspektive weckt auch in der Welt der Kultur Interesse und stellt eine Quelle neuer Bereicherung für die Bibelstudien dar. Wir freuen Uns, dass dem so ist. Wie immer zeigt sich die Kirche als gestrenge Hüterin der schriftlichen Offenbarung; und heute zeigt sie sich beseelt von einer berechtigten Sorge: Alles zu wissen, alles mit Unterscheidungsvermögen abzuwägen und den Bibeltext kritisch zu interpretieren. Auf diese Weise ist die Kirche, während sie sucht, das Denken der anderen zu kennen, darum bemüht, das zu überprüfen, was ihr eigen ist und den vielen aufrechten Geistern, die auf der Suche sind, die Gelegenheit offener und tröstlicher Begegnungen zu geben. Ja, die Kirche selbst kennt die Schwierigkeiten bei der Exegese von zweifelhaften und schwierigen Texten und weiß um die Nützlichkeit verschiedener Meinungen. So konnte schon Augustinus sagen: „Utile est autem ut de obscuritatibus divinarum Scripturarum, quas exercitationis nostrae causa Deus esse voluit, multae inveniantur sententiae, cum aliud alii videtur, quae tamen omnes sanae fidei doctrinaeque concordent“ (Ep. ad Paulinum 149, 3, 34: PL 33, 644) [Es ist überdies nützlich, dass hinsichtlich unklarer Stellen der Heiligen Schrift – durch die uns Gott ermöglicht, in Übung zu bleiben – viele Urteile gehört werden, solange diese nicht im Kontrast zur gesunden Glaubenslehre stehen].

Und die Kirche gemahnt ihre Kinder, stets unter Leitung des Augustinus, daran, die Lösung durch die Einheit von Gebet und Studium zu suchen: „Non solum admonendi sunt studiosi venerabilium Litterarum, ut in Scripturis sanctis genera locutionum sciant […], verum etiam, quod est praecipuum et maxime necessarium, orent ut intelligant“ (De doctrina christiana III, 37, 56: PL 34, 89).

[Was nun die Schrifterklärer angeht, sollten sie nicht nur dazu angehalten werden, die in der Heiligen Schrift gebrauchten literarischen Gattungen zu kennen […], sondern auch, und das ist das Wichtigste und Notwendigste, zu beten, um zu verstehen].

4. Aber kommen wir wieder auf das Thema Ihres Symposiums zurück. Uns scheint, dass das Ganze der Analysen und Reflexionen letztendlich mit Hilfe neuer Forschungen die Lehre bestätigt, die die Kirche bezüglich des Geheimnisses der Auferstehung anerkennt und bekennt. Wie schon Romano Guardini seligen Angedenkens in einer eindringlichen Glaubensmeditation so treffend erkannte, betonen die Evangelienberichte „oft und mit Nachdruck, dass der auferstandene Christus anders ist als er vor dem Pascha war, anders als die anderen Menschen. Seine Natur hat in den Erzählungen etwas Merkwürdiges. Sein Sich-Nähern erstaunt, erschreckt. Während er vorher ‚kam‘ und ‚ging‘, heißt es nun, dass er ‚auch den Elf erschien‘, als sie bei Tisch waren, dass er ‚verschwand‘“ (vgl. Mk 16, 9-14; Lk 24, 31-36). Körperliche Barrieren gibt es für ihn nicht mehr. Er ist nicht mehr an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden. Er bewegt sich mit einer neuen, auf Erden nicht gekannten Freiheit, gleichzeitig aber wird mit Nachdruck bekräftigt, dass Er Jesus von Nazareth ist, in Fleisch und Blut – der, der vorher mit den Seinen gelebt hatte, kein Gespenst.“ Ja, „der Herr ist verwandelt. Er lebt in anderer Weise als zuvor. Seine gegenwärtige Existenz ist für uns unverständlich. Doch ist sie leiblich, umfasst den ganzen Jesus […] ja, durch seine Wundmale umfasst sie sein ganzes gelebtes Leben, das Los, das ihn getroffen hat, sein Leiden und seinen Tod.“ Es handelt sich also nicht nur um das Überleben in Herrlichkeit seines „Ichs“. Wir haben es hier mit der Präsenz einer tiefen und komplexen Realität zu tun, einem neuen, vollkommen menschlichen Leben: „Das Durchdringen, die Verwandlung des ganzen Lebens, einschließlich des Leibes, durch die Präsenz des Heiligen Geistes […] Wir realisieren diese Umpolung, die sich Glaube nennt und die, statt Christus in Funktion der Welt zu denken, bewirkt, dass man die Welt und alle Dinge in Funktion Christi denkt […] Die Auferstehung lässt einen Keim erblühen, der schon immer in Ihm war.“ So können wir mit Romano Guardini sagen: „Wir brauchen die Auferstehung und die Verklärung, um wirklich verstehen zu können, was der menschliche Leib ist […] in Wahrheit hat nur das Christentum gewagt, den Leib in den tiefsten Geheimnissen Gottes anzusiedeln“ (R. Guardini, Le Seigneur, Übersetzung: R. P. Lorson, Bd. II, Alsatia, Paris 1945, SS. 119-126).

Angesichts dieses Geheimnisses sind wir alle von Bewunderung erfüllt, voller Staunen, genauso wie angesichts der Geheimnisse der Fleischwerdung und der jungfräulichen Geburt (vgl. Gregor, der Große, Hom. 26 in Ev., Brevierlesung am 1. Sonntag nach Ostern). Lassen wir uns also – mit den Aposteln – in den Glauben an den auferstandenen Christus einführen, der uns allein das Heil schenken kann (vgl. Apk 4, 12). Und wir sind auch zuversichtlich hinsichtlich der Gewissheit der vom Lehramt der Kirche garantierten Überlieferung, die auch zur wissenschaftlichen Forschung ermutigt und zugleich weiterhin den Glauben der Apostel proklamiert.

Meine lieben Herren, diese wenigen einfachen Worte zum Ausklang Ihrer gelehrten Arbeiten sollten Sie eigentlich nur ermutigen, in diesem Glauben damit weiterzumachen, ohne je den Dienst am Gottesvolk aus den Augen zu verlieren, das vollends neu geschaffen wurde, „damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1Pt 1, 3). Und wir, im Namen Dessen „der tot war und wieder lebendig wurde“, dieses „treuen Zeugen und Erstgeborenen der Toten“ (Apk 2, 8; 1, 5), erteilen Ihnen als Unterpfand Unseres herzlichen Dankes für Ihre Forschungen Unseren tief empfundenen apostolischen Segen.

_______

Quelle

Die Tagespost: „Ernsthafte: Gefahr“

Bei einer Tagung in Rom herrschte geladene Atmosphäre.

Von Guido Horst

Ist die katholische Kirche an dem Punkt, dass sie ihren obersten Repräsentanten auf Erden, den Nachfolger Petri, öffentlich korrigieren muss? Wenige Tage, bevor Franziskus sein fünftes großes Lehrschreiben – diesmal über den Ruf zur Heiligkeit – veröffentlicht hat, fand in Rom eine Tagung statt, deren Redner und etwa vierhundert Teilnehmer diese Frage wohl eindeutig mit Ja beantworten würden. Auf der einen Seite ein Papst, der zu den hehrsten Idealen des christlichen Lebens aufruft – und auf der anderen Seite ein lautstarker Teil des gläubigen Gottesvolks, der demselben Papst vorhält, seine Autorität missbraucht zu haben. Es geht um „Amoris laetitia“.

Aber nicht nur. Die völlige Neuausrichtung des Institutes Johannes Paul II. für Ehe und Familie sowie der vatikanischen Akademie für das Leben gehören ebenso zu den Steinen des Anstoßes wie die Irritationen, die Franziskus etwa mit seinen Scalfari-Interviews, mit der derzeitigen China-Politik des Vatikans oder zweideutigen Äußerungen auslöst. Seine sehr unpräzise Antwort auf die Frage nach der Kommunionzulassung eines nicht-katholischen, aber getauften Ehepartners beim Besuch einer lutherischen Gemeinde Roms im November 2015 („Sprecht mit dem Herrn und geht voran. Ich wage nicht mehr zu sagen“) hat jetzt angesichts des Streits in der Deutschen Bischofskonferenz über diese Frage wieder hohe Aktualität erhalten.

Die Frage, wie groß nun dieser „lautstarke Teil“ des gegen Franziskus protestierenden Gottesvolks ist, lässt sich in Zeiten des Internets nicht leicht beantworten. Zu der Veranstaltung im römischen Tagungszentrum „The Church Village“ am vergangenen Samstagnachmittag eingeladen hatte ein Kreis der Freunde des verstorbenen Kardinals Carlo Caffarra, die in Italien sehr wahrgenommenen (papstkritischen) Blogger Sandro Magister und Marco Tosatti bewarben das Treffen auf ihren Seiten. Ein Echo auf deren Aussendungen kommt dann meist verstärkt aus den Vereinigten Staaten, aber auch aus Frankreich, Spanien und Deutschland zurück – und schon hat das katholische Rom ein „Thema“.

Viele der Tagungsteilnehmer kamen aus der italienischen Lebensschutzbewegung, unter den Referenten waren die Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Leo Burke. Sonstige Bischöfe oder gar Kardinäle aus dem Vatikan waren natürlich nicht zu sehen. Den Auftakt des Treffens bildete die Videoaufzeichnung eines Interviews mit Kardinal Caffarra über die bleibende Bedeutung von „Humanae vitae“. Aber auch der vierte Kardinal des „dubia“-Briefs an den Papst, Kardinal Joachim Meisner, war in gewisser Weise präsent, weil Burke sich zu Beginn seiner Vortrags auf den Kölner Mitbruder bezog und erzählte, wie ihm Meisner nach dem einleitenden Vortrag von Kardinal Walter Kasper beim Konsistorium im Februar 2014 zu Beginn des synodalen Prozesses zu Ehe und Familie gesagt habe: „Alles das führt ins Schisma“.

Eine Tagung also im Geist der vier „dubia“-Kardinäle – aber inzwischen hat sich die Stimmung deutlich verschärft. Kardinal Burke legte in seinem Vortrag über die Korrektur eines Papstes, der seine Vollmacht missbraucht habe, dar, dass man diesem keinen Prozess machen könne, aber die Situation entsprechend des Naturrechts, des Evangeliums und der kanonischen Tradition in zwei Schritten bereinigen müsse. Als er vom ersten Schritt, der an den römischen Papst direkt gerichteten Aufforderung, den Fehler zu korrigieren, zum zweiten Schritt, der öffentlichen Verurteilung der päpstlichen Häresie, überleitete, explodierte in dem fensterlosen Kellersaal der mit den Händen zu greifende Unmut: eine Gruppe von Frauen – meist jung, einige mit Rosenkränzen in den Händen, keine Nonnen, aber dank züchtiger schwarz-weißer Kleidung einer geistlichen Gemeinschaft zuordenbar – fing an zu schreien: „Macht es“, „Wir kommen in die Hölle“, „Wir stehen hinter euch“, „Er ist häretisch“. Nach einer Pause fuhr Burke fort und zitierte schließlich den heiligen Paulus: Und wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel etwas anderes als das verkünden würden, was euch verkündet worden ist, „anathema sit“. Tobender Applaus.

Bereits vorher hatte Kardinal Brandmüller einen Vortrag über den Glaubenssinn des gläubigen Gottesvolks gehalten – einen Text, den diese Zeitung in ihrer letzten Ausgabe im Wortlaut veröffentlicht hat. Die Botschaft war eindeutig: Wenn ein Irrtum in der Kirche grassiert – früher der Arianismus, heute die Konsequenzen von „Amoris laetitia“ –, der Papst aber nicht antwortet – wie auf die „dubia“ –, ist das gläubige Volk gefordert. Und zwar das gläubige Volk, das das Neue Testament „Heilige“ nennt, nicht aber Verbände oder Gremien, die Umfragen beantworten.

Die Tagung, die sich als Motto den Satz „Nur ein Blinder kann leugnen, dass es in der Kirche eine große Verwirrung gibt“ aus den letzten Lebensmonaten Kardinal Caffarras gewählt hatte unter dem Titel „Kirche, wohin gehst Du?“ stand, endete mit einer Erklärung, die im Wesentlichen die Argumentation der fünf „dubia“ wiedergab. Angesichts einander widersprechender Auslegungen von „Amoris laetitia“ breite sich unter den Gläubigen weltweit wachsende Ratlosigkeit und Verwirrung aus.

„Die dringende Bitte von nahezu einer Million von Gläubigen, von mehr als 250 Gelehrten, ja von Kardinälen um eine klärende Antwort des Heiligen Vaters auf diese Fragen ist bis heute nicht erhört worden.“ Und in dieser so entstandenen „ernsten Gefahr“ für den Glauben und die Einheit der Kirche „wissen wir, getaufte und gefirmte Glieder des Volkes Gottes, uns zum Bekenntnis unseres katholischen Glaubens aufgerufen“. In sechs Punkten werden nochmals die Argumente der Kritiker von „Amoris laetitia“ und des „dubia“-Briefs zusammengefasst, um mit dem Satz zu schließen: „In dieser Zuversicht bekennen wir unseren Glauben vor dem Obersten Hirten und Lehrer der Kirche samt den Bischöfen und bitten sie, uns im Glauben zu stärken.“

_______

Quelle

Fatima und Russland: Eine geheimnisvolle und prophetische Beziehung von Bischof Athanasius Schneider aus Kasachstan

Schweizer Fatima-Bote Nr. 76 2/2018

In Nr. 74 haben wir auf den Seiten 4-7 unter dem Titel „Es ist etwas Wunderbares um unseren katholischen Glauben“ auf die Zusammenhänge mit der Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Mariens vom 25. März 1984 berichtet. Bischof Athanasius Schneider hat den Lesern des Schweizer Fatima-Boten zur Situation im heutigen Russ­land Folgendes geschrieben:

„Die Sowjetunion war der atheistische Staat par excellence, aber auch der Staat, der alle Kirchen verfolgte und in der Öffentlichkeit keine christliche Zeichen duldete. Heute nehmen wir eine Lebendigkeit des göttlichen Glau­bens wahr. Es gibt viele Zeichen, die uns die geistige Wie­dergeburt des russischen Volkes und ihrer Institutionen aufzeigen. Die vorhandenen Daten sagen aus, dass in den 25 Jahren seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Russland 20’000 orthodoxe Kirchen von Grund auf neu gebaut oder restauriert wurden. Es ist in der Geschichte der Kirche noch nie vorgekommen, dass innert einem Vierteljahrhundert in einem einzigen Land so viele Kirche gebaut oder geöffnet worden sind. Die andere bedeutende Zahl betrifft das Wiederaufblühen der Männer— und Frau­enklöster: über 1000 sind entstanden. In den 20’000 Kir­chen ist das Heiligste Sakrament im Tabernakel gegenwär­tig; die Orthodoxen haben eine gültige Messe und sie ver­ehren Maria als die Muttergottes. All dies ist ein beredtes Zeugnis der Gegenwart Gottes, in einem Land, in dem Gott erst vor wenigen Jahren verbannt war.

Ich glaube, dass sich diese Wiedergeburt als eine Etappe des Prozesses der Bekehrung Russlands interpretiert wer­den kann, von der die Muttergottes in Fatima gesprochen hat. Es handelt sich um einen langen Prozess; Gott lässt die Dinge nicht von einem Tag auf den andern geschehen (…). Wir können die Hand Gottes erkennen, der die Kir­che zu einem Prozess der Bekehrung der Welt führt.

Als Papst Johannes Paul II. am 25. März 1984 Russland geweiht hatte, begann ein langer Prozess der Bekehrung des russischen Volkes. Es handelte sich aber um eine im­plizite Weihe, die nach den Angaben von Sr. Luica vom Himmel angenommen wurde. Um jedoch die vollkomme­ne Bekehrung Russlands zu erreichen, muss eine expli­zite Weihe vorgenommen werden – erst dann wird die or­thodoxe Kirche zur vollkommenen Gemeinschaft mit Rom zurückkehren. Das bedeutet dann die wahre Bekehrung Russlands.

Eine Tatsache ist gewiss: Die Muttergottes hat verlangt, dass der Papst die Weihe Russlands zusammen mit allen Bischöfen der Welt explizit vornimmt Kardinal Cordes hat daran erinnert, Papst Johannes Paul IL habe ihm anver­traut, dass es ihm nicht gelungen sei, eine öffentliche Wei­he (Russlands) vorzunehmen – dies wegen des Wider­stands der vatikanischen Diplomatie, die zu jener Zeit von einem solchen Akt abrieten. Heute liegen die Dinge aber ganz anders und dies ist der Grund, dass man nicht mehr länger zuwarten darf.

Vergessen wir nicht, dass der russische Präsident Vladi­mir Putin von seiner Mutter heimlich getauft worden ist, als Stalin noch am Leben war.

In der orthodoxen Kirche wird zusammen mit der Taufe auch die Firmung vollzogen. All das hat dazu beigetra­gen, das Licht des Glaubens, der erstickt war, lebendig zu halten, und jetzt darf er in Freiheit ausgedrückt wer­den. Es findet ein umgekehrter Prozess statt: Während des kalten Krieges waren in den von der Sowjetunion beherrschten Ländern Akte der Verehrung Gottes unter­drückt – heute scheint dies, d.h. die Unterdrückung der Gottesverehrung – von der Nomenklatura der Europäi­schen Union praktiziert zu werden. Sicherlich ist der Einfluss der Freimaurerei in diesen Regierungsapparaten gegenwärtiger denn je. Es gibt einige positive Zeichen seitens einiger Regierungen, wie z.B. in Ungarn und Po­len, die die inhumane und den Menschen degradierende Genderideologie nicht fördern, die sonst im übrigen Eu­ropa herrschend geworden ist. In Russland ist die homo­sexuelle Propaganda verboten; dafür werden Programme der natürlichen Familie in den Schulen und Universitäten propagiert. Ich denke, die Muttergottes hat das russische Volk als Instrument einer zukünftigen Erneuerung der christlichen Gesellschaft auserwählt. Dies ist der Grund, weshalb dieses Volk ausdrücklich dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht werden soll, in der Form, wie es die Muttergottes gewünscht hat. Davon hängt auch der Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens ab. Gott lenkt grossen Segen auf jene Länder, die sich dem Unbe­fleckten Herzen Mariens weihen. Es handelt sich darum, verdienstvolle Akte zu erwerben, die uns unzählige Gna­den bringen werden. Aber dies gilt auch für jeden einzel­nen Menschen: Man wird an einer geistigen Erneuerung teilnehmen; unzählige kleine Lichter werden im Dunkel dieser Epoche entzündet.“

„Fatima“ wird sich mit der Weihe Russlands
und seiner wahren Bekehrung zum echten
katholischen Glauben im entscheidenden
und endgültigen Übergang zum
TRIUMPH DES UNBEFLECKTEN
HERZENS MARIENS
vollenden.

_______

Quelle: Schweizer Fatima-Bote, Quartalsheft März-Mai 2018, 19. Jahrgang (Nr. 2/76)

Vatikanzeitung beklagt „Fake News“ und gefälschte Papstreden

Die Vatikanzeitung „L´Osservatore Romano“ hat unausgewogene Medienberichterstattung sowie „Fake News“ und gefälschte Papstreden beklagt.

Im sogenannten postfaktischen Zeitalter sei auch die katholische Kirche verstärkt Ziel einer „Spirale der Fälschungen, die sich als Wahrheit ausgeben“, heißt es in einem Leitartikel der Samstagsausgabe des Blattes.

Auch Papst Franziskus werde so immer wieder instrumentalisiert. Einige Medien beschränkten sich darauf, nur Aussagen wiederzugeben, die zur eigenen Linie passten, schreibt Journalistin und Historikerin Lucetta Scaraffia. Zudem würden Papst-Äußerungen auch gern aus dem Kontext gerissen, damit sie „zum Bild eines fortschrittlichen Pontifex passen, das sie im Sinn haben und um jeden Preis glaubhaft erscheinen lassen wollen – auch indem sie die Realität dehnen“, so die Autorin. Aussagen des Kirchenoberhaupts, die als der traditionellen Kirchenlehre entsprechend interpretiert werden könnten, würden hingegen oft unter den Tisch fallen gelassen.

Verbreitung gefälschter Papstreden

Diesen Mechanismus gebe es schon lange; bisher ohne Beispiel sei jedoch die Verbreitung gefälschter Papstreden. Diese sind laut Scaraffia vor allem in sozialen Netzwerken im Umlauf und auf Spanisch verfasst, um sie glaubwürdiger erscheinen zu lassen. „Diese Art der Verzerrung der Wahrheit zeigt, wie wenig es darum geht, die programmatische Linie des Pontifikats zu verstehen, ihre grundlegenden Dokumente zu lesen und die bedeutendsten Verfügungen“, beklagt Scaraffia im „Osservatore“.

„Schrille Titel“ liefen leider immer gut, und auch wenn unausgewogene Medienberichte oder Fälschungen anhand des verfügbaren Originaltextes schnell enttarnt werden könnten, würden die wenigsten Menschen solche Berichte überprüfen, so die Journalistin.

Unausgewogene Medienberichte

Unausgewogene Medienberichte hatte kürzlich auch Kurienkardinal Angelo Comastri mit Blick auf die Weihnachtsansprache von Papst Franziskus an die römische Kurie moniert. Die Rede des Papstes sei überwiegend positiv gewesen, doch die Presse habe besonders die Vorwürfe betont, sagte Comastri Vatican News in der Vorwoche.

(kna pr)

Quelle

Mein Tagesposting: Weihnachtsleiche am „Tussibaum“?

Prälat Wilhelm Imkamp

Sicherlich halten es viele für makaber oder geschmacklos, eine Leiche ausgerechnet an der Weihnachtskrippe abzulegen. Aber – wir können und wollen es nicht leugnen: da gehört eine Leiche ja auch eigentlich hin. Haben wir doch am zweiten Weihnachtstag den Festtag des ersten Märtyrers der Kirche, den des hl. Stephanus gefeiert. Sein Fest ist sogar älter als das Weihnachtsfest! Seine Leiche verdirbt uns das Fest also nicht, sondern – im Gegenteil – erklärt es uns in seiner ganzen Bedeutungsschwere.

Der hl. Stephanus ist ja nicht umgebracht worden, weil er als erster Caritasdirektor milde Gaben verteilt hätte, er ist umgebracht worden, weil er an die Menschwerdung Gottes geglaubt hat und diesen Glauben nicht versteckte, sondern offen bekannte. Sein gewaltsamer Tod ist tatsächlich ein Kollateralschaden des frühen interreligiösen Dialogs, der damals noch als Mission verstanden wurde. „Missionarisch Kirche sein“ ist zwar „in“, erschöpft sich heute aber zumeist in interreligiösen Dialogforen und binnenkirchlicher Hektik. Die Inkarnation, die Fleischwerdung Gottes, wird dabei häufig sorgfältig beschwiegen; ist sie doch für viele Dialogpartner schlechthin Gotteslästerung.

Aber Weihnachten ist eben nicht das Gründungsfest einer Sozialstation oder einer nachhaltigen, nikotinfreien, birkenstocksandalierten Multi-Kulti-Fete. Wir feiern ja gerade nicht den Geburtstag von Buddhas Sohn im Stall von Mekka. Manche empörte Kritik am Konsumverhalten ist genauso spießig wie das kritisierte Konsumverhalten. Sozialromantik und Klimahysterie, die so gerne im Mittelpunkt gepflegter Dialogprozesse stehen, können sich wie ein Plumeau auf die Krippe legen und die größte Botschaft der Welt, ja der Geschichte des Universums ersticken – und zwar nachhaltig.

In der Krippe geht es schließlich umweltfreundlich zu, Heizenergie wird nicht gebraucht und auf der Flucht ist die hl. Familie ebenfalls. In diesem Sinn ist der aufgeklärte und mündige Christ sozusagen „weihnachtsmäßig voll drauf“ (Bildzeitung). Der Weihnachtsbaum ist keine Jahresendzeitdekoration, kein „Tussibaum“, er soll wirklich ein Christbaum sein und als „Paradiesbaum“ an das Urversagen der Menschheit erinnern und auf die Erlösung am Holz des Kreuzes hinweisen. Die Botschaft von Weihnachten ist eine Botschaft der Erlösung. Und zwar der Erlösung von der Erbsünde und der daraus sich ergebenden Öffnung des himmlischen Reiches.

Die Erlösung, die mit dem „Ja“ Mariens beginnt, tritt Weihnachten in die sichtbare Realität der Weltgeschichte ein. Schöpfung und Menschwerdung sind die Grundpfeiler jeglicher Menschenrechte. Wo dieser Glaube fehlt, triumphieren Abtreibung, Euthanasie und Genderwahnsinn. Die Leiche des hl. Stephanus an der Krippe mahnt uns zum Bekenntnis. Wir wollen, sollen und können nicht „weihnachtsmäßig voll drauf sein“. Die von Herodes getöteten Kinder, der hl. Stephanus, der Hl. Thomas Becket – an dessen Martyrium die Kirche in dieser Woche auch erinnert – waren es jedenfalls nicht.

_______

Quelle