«Wir vertreten nur das, was die Kirche immer schon geglaubt hat»

Ein Interview mit Johanna Stöhr, Initiatorin von „Maria 1.0“.
Von Rudolf Gehrig

Die Privatinitiative „Maria 2.0“ hat am vergangenen Sonntag in einigen Diözesen zum „Kirchenstreik“ aufgerufen. Frauen sollen dabei der Kirche und dem kirchlichen Dienst eine Woche lang fernbleiben, um der Forderung nach „Gleichberechtigung“ Ausdruck zu verleihen, die laut den Initiatoren unter anderem eine Änderung der Kirchenlehre in Bezug auf die Priesterweihe für Frauen vorsieht. Während sich vereinzelt sogar Kirchenmitarbeiter wie der Generalvikar des Bistums Essen mit den Streikenden solidarisierten, sorgte die Aktion bei vielen deutschen Katholiken für Empörung. Eine von ihnen, Johanna Stöhr aus Schongau, hat deshalb Frauen hinter sich versammelt, die an der bisherigen Lehre der Kirche festhalten wollen.

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Johanna Stöhr, Initiatorin von "Maria 1.0"

Johanna Stöhr, Initiatorin von „Maria 1.0“, im „Tagspost“-Interview. Foto: privat

Frau Stöhr, während diese Woche die Aktion „Maria 2.0“ zumindest in den Medien für Aufruhr gesorgt hat, haben Sie die Seite Maria 1.0 ins Leben gerufen. Ihr Motto lautet: „Maria braucht kein Update“. Warum ist das so?

Maria ist makellos, in allen Tugenden vollkommen und ohne Sünde. Sie ist einfach perfekt und auch das größte und schönste Vorbild in der Nachfolge Jesu für alle Gläubigen, insbesondere natürlich für uns Frauen. Das Perfekte braucht kein Update!

Die Initiatoren von „Maria 2.0“ fordern unter anderem die Zulassung von Frauen zur Priesterweihe. Sie dagegen berufen sich auf Johannes Paul II. und Papst Franziskus, die beide betonen: Der Ausschluss von Frauen bei den Weiheämtern ist definitiv. Ist das nicht zu hart?

Nein! Das Problem ist eher unsere Einstellung dazu. Es fällt uns Menschen bei vielen endgültigen Dingen, die uns nicht gefallen, schwer zu akzeptieren, dass wir es nicht ändern können. Viele Psychologen werden bestätigen, dass Akzeptanz meist der Schlüssel zur Heilung und zum inneren Frieden ist. Die päpstlichen Schreiben machen ausdrücklich deutlich, dass es sich dabei um eine Glaubenswahrheit handelt. Was ist Wahrheit? Als Mathe-Lehrerin sage ich nur: Wenn ich 100 € habe und 100 € ausgebe, dann habe ich nichts mehr. Gefällt mir nicht, bleibt aber wahr.

Können Sie verstehen, dass sich Frauen in der Katholischen Kirche nicht gleichberechtigt fühlen?

Wir können das durchaus verstehen, wenn man weltliche Maßstäbe der Arbeitswelt anlegt. Nun ist aber die Kirche kein Unternehmen, sondern der lebendige Leib Christi. In diesem Leib hat jeder Mann und jede Frau eine von Gott zugewiesene Berufung, wie es Paulus mit dem einen Leib und den vielen Gliedern ausdrückt. Alle sind gleich wichtig, auch wenn das Auge nicht die Aufgabe des Fußes übernehmen kann. Und wenn man sich in diese göttliche Ordnung einfügt, wird man wahrhaftig glücklich. Deshalb sehen wir es nicht als Nachteil, wenn wir keine Priesterinnen werden können. Das Priestertum ist auch eine Bürde, die uns Gott erspart hat. Es ist ein Privileg, eine Frau zu sein. Das kann man dankbar annehmen. Wir wollen Jesus zu Füßen liegen wie Maria, die den guten Teil gewählt hat, wie Jesus in Lk 10, 42 spricht.

Beide Seiten, sowohl die Initiatoren von „Maria 2.0“, wie auch Ihre Aktion, beziehen sich auf die Muttergottes. Welche Rolle spielt Maria in Ihrem Leben als Katholikin?

Eine ganz zentrale Rolle! Wie der heilige Ludwig Maria Grignion und der heilige Maximilian Kolbe uns lehren, ist Maria der einfachste, sicherste und schnellste Weg zu Christus. Eine Seele, die sich ganz ihren mütterlichen Händen anvertraut, kann letztlich nicht verlorengehen. Sie ist das Urbild aller Tugenden und unser aller Mutter.

Um ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen, hat „Maria 2.0“ zum „Kirchenstreik“ aufgerufen. Viele Katholiken in Deutschland empfinden das als ein großes Ärgernis und beklagen sich darüber, dass sich die Kirchenleitung nicht ausdrücklich von den Aufrufen, die Sonntagspflicht zu vernachlässigen, distanziert. Haben Sie das Gefühl als praktizierende Katholikin von den Bischöfen alleine gelassen zu werden?

Man kann schon dieses Gefühl bekommen, ja. Wir empfinden es so, dass man in der Deutschen Bischofskonferenz anscheinend eher darauf schaut, womit man bei den Medien und bei der zivilen Gesellschaft gut ankommt. Dabei benötigen wir so dringend Rückendeckung durch unsere Hirten. Wir vertreten ja nur das, was die Kirche immer schon geglaubt und praktiziert hat. Das ist freilich unspektakulär und eher kein Medienreißer. Wir fragen uns aber schon, welchen persönlichen Glauben und welche Liebe zu Jesus sie haben, wenn sie ein Fernbleiben von der Heiligen Messe unterstützen können, in der sich Jesus uns schenken will.

Gerade die Missbrauchskrise hat die Kirche in einen hohen Glaubwürdigkeitsverlust gestürzt. Auch die aktuellen Diskussionen zeigen, dass die Katholiken in Deutschland teilweise gespalten sind. Fürchten Sie um die Einheit der Kirche?

Definitiv. Wir beobachten die sich immer mehr ausbreitenden spalterischen Tendenzen mit großer Sorge. Für uns ist die Missbrauchskrise ein Spiegel der Gesellschaft, denn die Kirche besteht aus Menschen. Man sucht das Problem lieber in kirchlichen Strukturen als im Zustand der Gesellschaft.

Wie können Ihrer Meinung nach Frauen die Kirche wieder aus der Krise holen?

Jedenfalls nicht, indem wir uns dem Geschmack der Gesellschaft angleichen. Denn dann verliert unser Salz den eigenen Geschmack und wird schal. In unseren Augen liegt die Lösung des Problems woanders: Die Krise der Kirche ist in erster Linie eine Glaubenskrise, und sie ist hausgemacht. Um diese zu überwinden, vertrauen wir grundsätzlich auf die übernatürlichen Mittel, besonders das Gebet. Der Rosenkranz hat große Kraft: Die Gottesmutter hat bei ihren Erscheinungen immer wieder zum Rosenkranzgebet aufgerufen und ihre Fürsprache zugesichert. Auch die Eucharistische Anbetung muss neu belebt werden. Jede Frau kann bei sich beginnen, indem sie versucht, der Unbefleckten Jungfrau gleichförmig zu werden. Das bedeutet konkret: Gebet und regelmäßiger, würdiger Empfang der Sakramente, der Beichte und der Kommunion. Darüber hinaus ist das persönliche Zeugnis ganz wichtig. Das kann zum Beispiel das Tischgebet vor dem Essen im Restaurant sein. Sofern wir Ehefrauen und Mütter sind, versuchen wir diese Rolle gut auszufüllen, indem wir in Liebe unermüdlich für unsere Familie da sind. Die gottgeweihten Frauen verwirklichen diesen Auftrag, indem sie die geistliche Mutterschaft leben. Anstatt selbst nach dem Priesteramt zu greifen, wollen wir die Priester ganz bewusst in ihrem Dienst bestärken. Wir brauchen mehr heilige Priester! Deshalb beten wir treu für sie und helfen ihnen, wo immer wir können. Das alles sind Wege, wie wir Frauen beharrlich zum Wohl der Kirche tätig sein können – und darin besteht die beste Krisenbewältigung.

Frau Stöhr, vielen Dank für das Gespräch!

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DT (jobo)

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Quelle

Kardinal Müller weist offenen Brief mit Reformforderungen zurück

Kardinal Gerhard Ludwig Müller am 10.07.2017 in seinem Büro in Rom (Italien).

In einem Beitrag für die „Tagespost“ bezeichnet Kardinal Müller die Autoren des Briefes als „klerikal-männerbündische Gruppe“.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller sieht in dem jüngsten offenen Brief prominenter deutscher Katholiken mit umstrittenen Forderungen zu Reformen in der Kirche einen „Anschlag auf die Einheit“. In einem Beitrag für die „Tagespost“ bezeichnet er die Autoren des Briefes als „klerikal-männerbündische Gruppe“.

Scharfe Kritik an Ansgar Wucherpfennig und Klaus Mertes

Die Jesuitenpatres Ansgar Wucherpfennig und Klaus Mertes sowie der Frankfurter Stadtdekan Johannes von Eltz wollten damit den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, als „Vorkämpfer und Durchboxer“ ihrer „Lieblings-Agenda“ beim „Missbrauchsgipfel“ engagieren.

Kardinal Müller: Offener Brief ohne nachprüfbare und einsichtige Behauptungen

Den Unterzeichnern warf Müller vor, weder empirisch nachprüfbare noch logisch einsichtige Behauptungen aufzustellen. Seiner Ansicht nach kann die im September veröffentlichte Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland nicht dafür verwendet werden, etwa die Aufhebung des Zölibats, das Frauenpriestertum oder die Entsakramentalisierung des apostolischen Amtes sowie seine Umwandlung in ein religiös-soziales Berufsbeamtentum zu fordern.

Erneuerung des Denkens nach dem Willen Gottes

Das größte Versagen in Deutschland bestehe momentan darin, sich einreden zu lassen, die Lehre der Apostel und der Kirche sei veraltet und man könne die Kirche retten, wenn man sie „dieser Welt“ anpasse, so der Kardinal. Stattdessen gelte es aber, sich durch eine Erneuerung des Denkens zu prüfen, um zu erkennen, was der Wille Gottes sei.

KNA / DT (jobo)

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Lesen Sie hierzu auch:

WAS BEDEUTET „REFORM IN DER KIRCHE?“

Die Muttergotteserscheinungen in PONTMAIN (Frankreich)

Die Muttergotteserscheinungen in

PONTMAIN

DAS ZEICHEN MARIENS, März 1973, Seite 1871-1873


Mitten in dem schrecklichen Winter 1871 war’s. Frankreich lag zertreten unter dem Fuße seiner Feinde. Fast die Hälfte des Landes wurde von feindlichen Truppen durchzogen. Viele Städte waren in Trümmer geschossen, die Felder verwüstet, die Bewohner ausgesaugt, Tausende und Tausende von Toten moderten auf den Schlachtfeldern unter dem Schnee. Immer weiter in den Süden hinunter und hinüber nach Westen wälzten sich die Fluten der deutschen Armeen. Nichts konnte sie aufhalten. Wer sie noch nicht in der Nähe gesehen hatte, blickte bang in die Ferne, ob nicht im Glanze der Wintersonne die blitzende Spitze der Lanze eines deutschen Reiters erscheine. Dabei die Besorgnis um Söhne, Väter, Brüder, die in den Krieg gezogen waren. Unchristliche Menschen versenkten sich da in stillen Grimm, fromme Menschen beteten und fanden im Gebete Trost. Die Kinder zu Pontmain fanden mehr noch, sie fanden Erhörung.

PONTMAIN ist ein kleiner Flecken, am Saume der Bretagne gelegen, und gehört zur Diözese Laval. Er ist nicht zu sehr von Le Mans entfernt, wo die Franzosen eine große Niederlage erlitten hatten. Die Pfarrei zählte über 500 Seelen und wurde durch einen eifrigen Pfarrer so sorgfältig geleitet, daß sie frömmer und sittlicher war, als manche andere. Keine Sonntagsarbeit, kein Fluchen, gottesfürchtige Kinder. Drei Schulschwestern erteilten den Knaben und den Mädchen den Schulunterricht.

In der Mitte des Dorfes, ehe man zur Kirche kommt, steht ein Haus, bewohnt durch die Familie Barbedette. An das Haus stößt eine große Scheune, mit Stroh bedeckt und mit einem grünen Tor. Wenn man zu diesem Tor hinausschaut, so bemerkt man links die Kirche, gerade aus, über der Straße, das Haus des Schreibers Guidecoq und des Holzschuhmachers Bottin; rechts steht das Haus des Schuhmachers Rousseau. In dessen Nähe befindet sich das Schulhaus der Schwestern.

Die Barbedette hatten einen Sohn bei der Armee, und zwei Knaben zuhause. Der ältere, Eugen, war zwölf Jahre alt, ein ernster und sanfter Knabe; der jüngere, Joseph, zehn Jahre alt, war gescheit und lebhaft, beide waren wie ihre Eltern sehr fromm.

DER 17. JANUAR 1871

Am 17. Jänner 1871 kam ihr Vater wie gewöhnlich morgens 6 Uhr in die Scheune, wo sie schliefen, um sie zu wecken. Nachdem sie ihr Herz Gott aufgeopfert hatten, klopften sie Meerschilf, welches man dortzulande den Pferden als Futter gab. Darnach gingen sie ins Haus, beteten laut den Rosenkranz für ihren Bruder, den Soldaten, und gingen in die Kirche, um Messe zu dienen. Bis der Herr Pfarrer kam, beteten sie das große Morgengebet und den Kreuzweg. Das taten sie fast täglich seit dem Krieg. Nach der hl. Messe schlossen sie sich den öffentlichen Gebeten an, die man für die französischen Soldaten hielt, und gingen dann in die Schule.

Um 6 Uhr abends, nach der Schule, gingen beide Kinder mit dem Vater in die Scheune, wo sie wieder, beim blassen flackernden Licht, ihre langen Hämmer nahmen und Schilf für die Pferde klopften. Nach einer Viertelstunde kam eine Frau zu ihnen herein, Jeannette, die wie die Kinder sagen, die Toten kleidet. Sie wollte ein wenig mit Vater Barbedette sprechen. Da hielten die Knaben mit dem Hämmern inne, und Eugen ging an die geöffnete Türe: „Ich wollte sehen, wie das Wetter wäre“, sagte er später.

Die Erde war mit Schnee bedeckt, der Himmel klar, und es war kalt. Eugen sah viele Sterne, besonders über der Straße. Auf einmal bemerkte er etwa zwanzig Fuß über dem Dach des Hauses Guidecoq eine sehr schöne, große Dame. Ihr blaues Kleid, mit Sternen besät, hatte keinen Gürtel und fiel herab wie die Blouse eines Kindes. Die Ärmel waren weit und hingen herunter. Sie trug dunkelblaue Schuhe mit einer goldenen Rosette. Ein schwarzer Schleier, welcher Haar und Ohren verhüllte, bedeckte zum Teil ihre Stirne und fiel über die Schulter bis auf den Nacken. Das Antlitz war frei. Auf dem Hautpe saß ihr eine goldene Krone, mit einem schmalen roten Streifen in der Mitte. Das Gesicht der Frau war klein, sehr hell und unvergleichlich schön. Sie streckte die Hände nach unten, wie auf dem Bilde der Unbefleckten Empfängnis. Sie betrachtete den Knaben und lächelte.

Eugen glaubte, die Erscheinung sei eine Ankündigung des Todes seines Bruders. Dennoch fürchtete er sich nicht, weil die Dame lächelte. Wohl eine Viertelstunde hatte er geschaut, als Jeannette die Scheune verließ. Als sie über die Türschwelle schritt, sagte ihr Eugen: „Jeannette, sehet doch über das Haus von Guidecoq, bemerkt Ihr nichts?“ Sie sah nichts. Vater und Bruder hörten die Frage, eilten herbei. Der Vater sah nichts. Eugen sagte zu seinem Bruder: „Joseph, siehst du wohl?“ — „Ja, sagte das Kind, ich sehe eine schöne Dame“. — „Wie ist sie gekleidet?“ — „Ich sehe eine große Dame mit einem blauen Kleide. Es sind goldene Sterne auf dem Kleide; sie hat blaue Schuhe… Ich sehe eine goldene Krone und einen schwarzen Schleier“.

Der Vater sah nichts; er sagte: „Meine lieben Kinderchen, ihr sehet nichts! Wenn ihr etwas sähet, so würden wir es auch sehen. Kommet schnell an das Schilfklopfen, das Nachtessen ist schon bereit“. Ans Gehorchen gewöhnt, gingen die Kinder gleich in die Scheune, ohne ein Wort zu verlieren. Der Vater blieb noch an der Türe und sagte: „Saget nichts hievon, Jeannette, die Leute würden es nicht glauben, und es könnte noch Ärgernis geben“. Sie ging und Vater Barbedette kehrte zu seinen Kindern zurück. Kaum hatten sie zehn Hammerschläge getan, als der Vater zu Eugen sagte: „Sieh‘ doch nach, ob du noch etwas bemerkst!“ Das Kind ging und rief vor der Türe aus: „Ja, es ist immer noch dasselbe!“ — „Geh‘, rufe deine Mutter, sagte der Vater, ob sie vielleicht etwas sieht; sage aber zu Louise, der Magd, mit deiner Mutter zu kommen“.

Die Mutter kam, Joseph hatte die Unterbrechung der Arbeit benützt, um vor die Scheune zu treten. Er klatschte in die Hände und rief: „Wie schön ist es! Wie schön ist es!“ Die Mutter klopfte ihm auf den Arm: „Willst du wohl still sein? Da kommen schon die Leute und schauen, was es gibt. Ich sehe gar nichts“. Dann auf einmal, wie betroffen über den Ausdruck der Wahrhaftigkeit ihrer Kinder, die sie einer Lüge unfähig wußte, sagte sie: „Es ist vielleicht die Mutter Gottes, die euch erscheint. Da ihr sagt, ihr sähet sie, wollen wir fünf Vater-unser und fünf Ave-Maria ihr zu Ehren beten.“

Die Nachbarn waren herbeigelaufen: „Was gibt’s?“, fragten sie. Mutter Barbedette entgegnete: „Die Kinder sind närrisch, sie behaupten, etwas zu sehen und sehen nichts“. Sie schlossen die Türe und beteten fünf Vater-unser und fünf Ave-Maria; dann schauten die Kinder wieder und sagten: „Es ist noch ganz dasselbe“. Die Mutter ließ ihre Brille holen, um zu sehen, sah aber immer noch nichts. „Wenn ihr mich frei ließet, bliebe ich immer hier“, sprach Eugen, dem die Mutter Gottes immer noch sich zeigte mit sanftem Lächeln. Nun gebot der Vater allen, zum Nachtessen zu gehen. Zum erstenmal war es den Kindern schwer zu gehorchen. Sie gingen langsam und rückwärts, um die schöne Frau noch immer zu betrachten, und sagten zu ihren Eltern: „Ach, wie schön! Ach, wie schön!“ Nach dem Essen traten sie wieder hinaus; sie sahen immer noch dasselbe und sagten: „Die Dame ist so groß wie Schwester Vitaline…“.

Kommt, wir wollen Schwester Vitaline rufen, sagte die Mutter; die Schwestern sind doch besser als ihr; wenn ihr etwas sehet, so werden sie es auch sehen“. Die Schwester war gerade im Schulsaal und betete ihre Tagzeiten. Sie kam: „Ich mag schauen, wie ich will, sasgte die Schwester, ich sehe nichts“. Zwei junge Mädchen kamen später hinzu, die riefen gleich aus: „Ah, die schöne Dame! Sie hat ein blaues Kleid… mit goldenen Sternen!“

Schwester Vitaline betete nun mit den Kindern den Rosenkranz der japanesischen Märtyrer. Andere Kinder kamen herbei, auch der Pfarrer des Dorfes kam. Ein kleines Kind von zwei Jahren, getragen von seiner Mutter, stammelte, die Erscheinung anblickend: „Le Jésus, le Jésus“. Der greise Pfarrer sah vergeblich nach dem Himmel; er gewahrte nichts. Er ging zur Türe der Scheune, da schrieen alle Kinder zugleich: „O es geschieht etwas!“ — „Was sehet ihr denn? fragte der Pfarrer. Und sie sagten: „Wir sehen einen großen ovalen Kreis um die Dame, und einen großen Heiligenschein“. In dem Kreis waren vier Kerzen, zwei in gleicher Höhe mit den Knieen der Dame, zwei mit den Schultern. Die Kinder sahen auf ihrer Brust ein rotes fingergroßes Kreuz.

Die Zahl der Neugierigen nahm immer mehr zu. Bei 50 Personen umringten die Kinder und bestürmten sie mit Fragen. Die einen, gerührt durch den Ausdruck der Kinder, glaubten ihren Worten, die andern waren ungläubig. Der Bruder des Büroschreibers sagte: „Hätte ich eine Brille oder ein seidenes Tuch, so würde ich ebensogut sehen wie ihr“. Man brachte ihm ein seidenes Tuch; er schaute durch dasselbe, sah aber nichts und alle lachten. Da rief Eugen Barbedette: „Da wird sie wieder ganz traurig!“ Die andern Kinder bestätigten seine Aussage und versicherten, die Dame sehe traurig aus, weil die Leute sich nicht mit ihr beschäftigten, lachten und ihre Gegenwart bezweifelten.

Der Herr Pfarrer gebot Stillschweigen: „Wenn die Kinder allein nur etwas sehen, sagte er, so geschieht es, weil sie würdiger sind als wir. Wir wollen beten“. Alle knieten, die einen in der Scheune, die andern am Eingang derselben. Nur die kleine Tür blieb offen, und sie beteten den Rosenkranz. Während dieser Zeit schien das Bild zu steigen und ward sehr groß. Der blaue Kreis dehnte sich aus, Sterne schienen sich zu den Füßen der Dame aneinanderzureihen. Die Sterne ihres Kleides vermehrten sich: „Es ist, sagten die Kinder, wie ein Ameisenhaufen, sie ist fast mit Gold übersät“. Eine der Schulschwestern stimmte das Magnificat an. Sie hatte noch nicht den ersten Vers beendet, als die vier Kinder ausriefen: „Da geschieht wieder etwas! Da ist ein Strich wie ein M, wie ein großes M in unsern Büchern. Eine große weiße Schreibtafel, ungefähr anderthalb Meter breit, erschien unter den Füßen der Dame und unter dem blauen Kreis. Es schien den Kindern, als zeichnete eine unsichtbare Hand langsam goldene Buchstaben auf diesen glänzend weißen Grund.

Das Magnificat war einige Minuten unterbrochen. Indes war der erste Buchstabe gebildet: „Es ist ein M“, sagten die Kinder. Dann: „Da beginnt wieder ein anderer Buchstabe; es ist ein A“. Ihre Blicke verließen die Stelle nicht mehr, wo sie diese Wunder sahen, und jedes wollte zuerst den schönen goldenen Buchstaben nennen. Sie buchstabierten noch ein I und ein S.

Dieses Wort MAIS (aber) blieb fast zehn Minuten allein. In diesem Augenblick kam ein Bewohner des Dorfes, mit Namen Bolin. Erstaunt über diesen Zusammenlauf der Leute und über den Gesang, sagte er ihnen: „Ihr könnt nun beten, die Preußen sind in Laval“. Diese Nachricht hätte die ganze Bevölkerung in Bestürzung bringen sollen. Sie machte aber gar keinen Eindruck auf die Menge. „Wenn sie auch am Eingange des Dorfes wären, sagte eine Frau, so hätten wir dennoch keine Angst.“

Bolin ging auch in die Scheune; man erzählte ihm, was die Kinder sahen; da war auch er bewegt wie die andern und betete mit ihnen. Man setzte nun den Gesang des Magnificats fort. Zum Ende desselben lasen die Kinder in goldenen Buchstaben die etwa 25 Zentimeter hoch waren:

MAIS PRIEZ MES ENFANTS

(Aber betet doch meine Kinder)

Die Kinder buchstabierten hundertmal diese Worte, alle stimmten miteinander überein.

Die Umstehenden waren tief bewegt. Die Ungläubigen wagten nicht mehr zu lachen, und die meisten weinten. Die schöne Frau lächelte noch immer. Es war ungefähr halb acht Uhr. Da öffnete man das große Tor der Scheune, in welche etwa 60 Personen wegen der Kälte eingetreten waren. An den Eingang stellte man Stühle, auf welche die Kinder sich setzten. Sie sprangen oft auf, um ihre Freude und Bewunderung zu bezeugen.

„Jetzt muß man, sagte der Pfarrer, die Litanei der Mutter Gottes singen und sie bitten, daß sie ihren Willen zu erkennen gebe“. Bei der ersten Bitte der Litanei riefen die Kinder: „Jetzt geschieht wieder etwas! Es sind Buchstaben; es ist ein D; und sie nannten nacheinander und wetteifernd die Buchstaben folgender Wörter, die fertig waren, als man mit der Litanei fertig war:

DIEU VOUS EXAUCERA EN PEU DE TEMPS l

(Gott wird euch in kurzer Zeit erhören)

Diese Worte waren auf derselben Linie, wie die ersten, von gleicher Größe und in goldenen Buchstaben; nach dm Worte TEMPS (Zeit) war ein Punkt, ebenfalls in Gold und so groß wie ein Buchstabe. Die Kinder verglichen ihn mit der Sonne.

Man kann sich die Freude der Leute vorstellen, als sie dies erbarmungsvolle Versprechen erhielten: „Gott wird euch in kurzer Zeit erhören!“ Man hörte Freudenausrufe inmitten von Schluchzen und Weinen. Die Dame betrachtete immer die Kinder und lächelte. „Da lachte sie wieder!“ riefen sie und lachten selbst vor Freude. Man sang alsdann das INVIOLATA. Gleich kündigten die Kinder an, es erschienen neue Buchstaben auf der Tafel, aber auf einer zweiten Linie. Im Augenblick als man sang: O MATER ALMA CHRISTI (o süße vielgeliebte Mutter Christi!) hatten die Kinder die Worte buchstabiert:

MON FILS

Eine unbeschreibliche Bewegung durchzitterte die Menge. „Es ist wirklich die Mutter Gottes“, sagten die Kinder. „Sie ist es“, wiederholte die Menge. Während dem Ende des Inviolata und während dem SALVE REGINA, das darnach gesungen wurde, schrieb die geheimnisvolle Hand neue Buchstaben. Die Kinder lasen:

MON FILS SE LAISSE
(Mein Sohn läßt sich)

Schwester Vitaline, die bei den Kindern saß, sagte: „Das hat ja keinen Sinn“. Dann sagten die Kinder: „Aber liebe Schwester, wartet doch, es ist noch nicht zuende. Da sind noch andere Buchstaben:

MON FILS SE LAISSE TOUCHER.

(Mein Sohn läßt sich rühren.)

Ein großer goldener Ring zog sich unter diese zweite Zeile.

Der Gesang war zu Ende, die bewegte Menge betete. Die Stille war bloß unterbrochen durch die Stimme der Kinder, die jeden Augenblick die ganze Inschrift lasen, so wie sie jetzt folgt, und wie sie dieselbe mehrere Male den Zuschauern beschrieben und selbst niedergeschrieben hatten:

MAIS PRIEZ MES ENFANTS, DIEU VOUS EXAUCERA EN PEU DE TEMPS. MON FILS SE LAISSE TOUCHER.

„Singt noch ein Lied zur Mutter Gottes“, sagte der würdige Priester und eine der Schwestern sang:

Mère de l’espérance, dont le nom est si doux; protégez notre France; priez, priez pour nous. — Mutter der Hoffnung, deren Name so süß, beschütze unser Frankreich; bitte, bitte für uns.

Da erhob die Mutter Gottes ihre Hände, die sie bis dahin nach unten ausgestreckt hatte, in die Höhe der Schultern, bewegte langsam die Finger, als begleite sie den Gesang, und betrachtete die Kinder mit unbeschreiblich freundlichem Lächeln. „Da lacht sie wieder“, riefen die Kinder, sprangen freudig auf, klatschten in die Hände und riefen wieder: „O wie schön ist sie, wie schön ist sie!“ Die Umgebung lachte und weinte. Sie glaubte auf dem Angesichte der Kinder den Widerschein des Lächelns zu sehen, das sie so begeisterte. Am Ende des acht Strophen langen Liedes verschwand die Inschrift, nachdem sie ungefähr zehn Minuten bestanden hatte. Es schien den Kindern, als zöge sich ein Bandstreifen darüber.

Man sang alsdann:

Doux Jésus! enfin voici le temps / De pardonner à vos enfants repentants. / Nous n’offenserons jamais plus / Votre bonté suprême, o doux Jésus.
(Süßer Jesus, endlich ist es Zeit, unsern reumütigen Herzen zu verzeihen, wir werden deine unendliche Güte nie mehr beledigen, o süßer Jesus!)

Die Kinder schienen ganz traurig; mit der freudigen Erscheinung schwand ihre Freude. „Jetzt wird sie wieder traurig“, sagten sie dann auf einmal: „Jetzt geschieht wieder etwas!“ Zu gleicher Zeit sahen sie ein rotes Kreuz, 60 Zentimeter hoch, auf welchem ein Christus gleicher Farbe war. Dieses Kreuz schien ihnen ca. 30 cm von der schönen Frau entfernt. Indem sie ihre Hände, die während des ganzen Liedes ausgestreckt waren, herniederließ, ergriff sie das Kruzifix, hielt es mit beiden Händen ein wenig gegen die Kinder geneigt, als wollte sie es ihnen zeigen. An der Spitze des Kreuzes auf einer langen weißen Schreibtafel war in roten Buchstaben JESUS CHRISTUS geschrieben. Nach jeder Strophe des Liedes wurde das Parce Domine gesungen und die hl. Jungfrau traurig und in sich gekehrt, schien mit der Menge zu beten. Auf einmal stieg ein Stern nach links in die Höhe, durchschnitt den blauen Kreis und zündete die Kerze in der Höhe ihrer Knie an, dann die zweite in der Höhe ihrer Schulter. Der Stern erhob sich über dem Haupte der Mutter Gottes, ging auf die rechte Seite und zündete die beiden andern Kerzen an. Dann stieg er wieder in die Höhe durchschnitt den Kreis und blieb über ihrem Haupte schweben.

Die Leute beteten immer. Schwester Marie Edouard sang die Hymne AVE MARIS STELLA. Während diesem Gesang verschwand das rote Kruzifix. Die Erscheinung nahm wieder die Stellung der Unbefleckten Empfängnis an; dann erschien auf jeder Schulter ein kleines weißes Kreuz, 20 Zentimeter hoch. Die Kerzen, sagten die Kinder, waren auf die Schultern der Mutter Gottes gepflanzt. Sie lächelte wieder den Kindern zu, die freudig ausriefen: „Sie lacht! Sie lacht!“

Es war jetzt halb neun Uhr. „Meine lieben Freunde, sagte der gute Pfarrer, wir wollen zusammen unser Nachtgebet verrichten“. Alle knieten. Während der Gewissenserforschung sagten die Kinder, deren Blicke immer auf die Erscheinung gerichtet blieben, kam ein großer weißer Schleier unter den Füßen der Mutter Gottes hervor und umhüllte sie bis zum Gesicht, das immer noch in göttlicher Schönheit leuchtete. Bald wurde es auch umschleiert, die Krone aber mit dem Stern, der über ihr schwebte, blieb allein sichtbar. Dann verschwand alles mit dem großen blauen Kreise und den vier Kerzen, die bis zum Ende angezündet blieben.

Der Pfarrer, welcher hinten in der Scheune war, rief die Kinder: „Seht ihr noch etwas?“ — „Nein, Herr Pfarrer, alles ist verschwunden. Alles ist aus!“ Es war eine Viertelstunde vor neun Uhr. Die Menge verzog sich langsam, indem sie sich über das wunderbare Ereignis unterhielt, und kehrte ganz durchdrungen in der feierlichsten Stimmung nach Hause.

Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die wunderbare Nachricht. Niemand im Dorfe zweifelte an der Wahrhaftigkeit der Zeugen. „Wir kennen die Kinder, sagte man, sie sind nicht imstande zu lügen“.

Jeden Abend kamen lang die Bewohner des Dorfes und der umliegenden Ortschaften zur Kirche. Sie beteten den Rosenkranz, sangen fromme Lieder, jene, die in der Scheune am Tage der Erscheinung gesungen wurden, und waren durchdrungen von einer Andacht, die alle jene ergriff, welche herbeikamen.

MAIS PRIEZ MES ENFANTS,
DIEU VOUS EXAUCERA
EN PEU DE TEMPS.
MON FILS SE LAISSE TOUCHER.


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)

Welche Toleranz? – Glaube und Kirche: Non prævalebunt

Unzeitgemäße Betrachtungen.
Von der jüngsten Vergangenheit zur Gegenwart.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das 20. und 21. Jahrhundert sind die Jahrhunderte, in denen es zu den größten Verfolgungen gekommen ist, denen die Kirche und das Christentum in ihrer Geschichte entgegentreten mussten und müssen: die Zahl der Märtyrer, aber auch die Formen der direkten und indirekten Unterdrückung des Lebens der Kirche lassen keinen Vergleich mit vorhergehenden Epochen zu. Angesichts der Grausamkeiten und des satanisch Bösen, das sich ausdrücklich und unmissverständlich gegen die Christgläubigen richtet, verschwinden alle anderen, denen die Schar derjenigen, die an den Mensch gewordenen Gott glauben, ein Dorn im Auge war. Ein Übermaß an Zerstörung scheint auf den Triumph des Bösen hinzuweisen, den Sieg der Finsternis über das Licht. Nicht leere Kirchen schreien den Tod Gottes gen Himmel, sondern ein Menschentum, das sich in die untersten Tiefen der Anbetung des Schlechten verirrt hat, aus denen heraus es die Welt mit Zerstörung und der Negation des Menschlichen selbst überzog und überzieht. Nach dem Grauen schien einst ein neuer Morgen anzubrechen: der Morgen einer Welt, die sich nun anders verstehen musste.

Die Hoffnung vieler richtete sich auf eine Stunde des neuen Friedens für die Kirche. Diese Erwartung wurde enttäuscht. Und gerade die jüngste Zeit lässt eine Strategie erkennen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche darauf ausgerichtet ist, das Christliche zurückzuschneiden, es in einen abgeschlossenen Raum der Privaten zu bannen, sich offen gegen die Botschaft der Kirche zu wenden. Oft dramatisch erklingt das antike Dekret des Kaisers Nero in Europa: „Non licet esse christianos“ (Es ist nicht erlaubt, Christ zu sein). Allein die Tatsache, Christ oder Katholik zu sein, wird nicht selten als Grund vorgebracht, dass ein Mensch etwas nicht sagen oder tun darf. Die Art der Verfolgung ist subtil.

Die Massenmedien leisten bereitwillig ihren Beitrag. Der Sinn der Information besteht oft darin, etwas bereits „Gewusstes“, wie ein Mantra heruntergebetete Vorurteile so in der Wahrnehmung und im Denken eines Publikums zu verankern, das ein gängiges Reiz-Reaktionsschema immer funktioniert. An Stelle von Intelligenz und dem Wunsch, etwas genauer zu kennen, sich herausfordern zu lassen, um dann weiterzudenken, tritt das Sabbern von Pawlow-Hunden, die auch ohne das Fressen gesehen zu haben bereits „wissen“, was auf sie zukommt. Statt es den Menschen zu ermöglichen, wirklich frei zu sein, ist die bequeme und immer Erfolg versprechende Konditionierung das Ziel.

Die Beseitigung des Christlichen führt mit einem Wort von C.S. Lewis zur „Abschaffung des Menschen“. Eine „Umwertung aller Werte“ scheint in vollem Gang zu sein. Ein neuer Humanismus bahnt sich an, der im Transhumanen sein Ziel sieht. Gerade dem müssen die Christen wider alle Mystifizierung und Vorherrschaft der Lüge entgegenwirken. Die Kirche ist im Sturm. Das Schiff des Petrus durchquert das bewegte Meer der Geschichte der Völker und Kulturen. Die Kirche als sichtbare geistliche Gemeinschaft wird im Ozean widriger Umstände hin und her gerissen. Da ist zunächst der Sturm der Gleichmacherei und Indifferenz. Jede Wirklichkeit soll an einem Maß bemessen werden, das bereits ohne innere Rechtfertigung von einer Welt vorgegeben ist. Dazu kommt der Sturm der Ignoranz, die jeder Mode allein deshalb hinterherläuft, weil es sie gibt, und keinen festen Punkt der Wahrheit anerkennen will oder kann. Die Ignoranz beschließt, dass es nur Summen von Teilen gibt, jedoch keinen inneren Sinn, der es ermöglicht, überhaupt zur Vorstellung von einer Summe zu gelangen. Wissen entartet so zum Aufsammeln von Bröckchen, die ohne Kriterium aneinandergereiht werden. Der Sturm ist die Fraglosigkeit, die wie ein Fallwind aus den Höhen alles zu bedrängen scheint.

Wie kann es möglich sein, dass sich Atheisten unwidersprochen Humanisten nennen? Wie kann es sein, dass Treulosigkeit, Prinzipienflucht und Respektlosigkeit als Formen von Freiheit angesehen werden? Wie ist es möglich, dass die Anspruchslosigkeit in jeder Hinsicht zum Dialogideal in einer so genannten demokratischen Gesellschaft erhoben wird? Was sollen die modernen Designerethiken, die nur jeweilige Erscheinungen begleiten und einem verkümmerten und taub gemachten Gewissen einen illusorischen Ausweg aus der Falle der Haltlosigkeit bieten?

Der Stein des Anstoßes: der Wahrheitsanspruch

Die moderne abendländische Kultur, die sich im Prozess der Globalisierung wie ein Krake um die ganze Welt schlingt und sich auch in den Ländern mit einer anderen Kultur immer mehr ausbreitet, ist zutiefst von einem Relativismus gezeichnet, auf dessen Fahne die Ablehnung einer absoluten, transzendenten Wahrheit geschrieben steht. Der Mensch wird in seiner Subjektivität und ichbezogenen Beschränktheit in den Mittelpunkt dieses neuen Universums gesetzt. Diesem wird letztlich kein Seinscharakter mehr zuerkannt, so dass es in die Versenkung der nihilistischen Sinnlosigkeit abgleitet und Technik, das heißt das Machbare, an die Stelle von Sinnstiftung tritt. Dem von einer so verstandenen Technik hervorgebrachte Fortschritts- und Entwicklungsgedanken fehlt die Dimension eines ganzheitlichen Humanismus. Er führt daher zu einem Laizismus, der alles daran setzt, eine transzendente religiöse Bindung zu schwächen oder sie wenigstens in die engen Grenzen des Privatlebens der Menschen zu verbannen.

Es mutet wie der Treppenwitz des dritten Jahrtausends an: Auf der einen Seite bemühen sich alte wie zeitgenössische Aufklärer darum, die Größe eines Galileo Galilei und seiner freien wissenschaftlichen Vernünftigkeit gegen den Obskurantismus einer Kirche auszuspielen, die zu jener Zeit meinte, keinen Grund zu haben, den Menschen aus dem Mittelpunkt der Schöpfung zu verdrängen. Andererseits produziert dieselbe Mentalität eine Welt und Gesellschaft, innerhalb derer allein der Mensch das Maß der Dinge darstellt, dass sie sind und wie sie sind (vgl. Protagoras). Der Anthropozentrismus lässt den Menschen zur Karikatur seiner selbst werden. Das „Menschenmögliche“, das einstmals eigentlich dazu anspornte, es in einem „mehr“ zu überwinden, wird zur abschleifenden Norm, innerhalb derer jede Frage nach einer absoluten Wahrheit nur einen Skandal darstellen kann.

Die Christentum und die Kirche sind so die Fleischwerdung des Skandals des absoluten Wahrheitsanspruches. Deshalb geht die Kirche auf die Nerven und muss bekämpft werden. Am meisten musste dann „einst“ derjenige bekämpft werden, in dem die Personalisierung dieses Anspruches erkannt wird: der Papst. Militante Atheisten verschiedenster Couleur, auch im Bund mit Christen, die den Glauben der individuellen und relativen Beliebigkeit überantwortet haben, geben sich die Hand und feixen „schadenfroh“ besonders gegenüber einem Papst, der eine der vorrangigen Pflichten seines Amtes erfüllt, nämlich Garant und Fels der Einheit und Wahrheit zu sein. Aus diesem Grund sollte es einmal erreicht werden, dass der Papst zusammen mit dem, für das er steht, aus der öffentlichen Auseinandersetzung entfernt wird. Es wurde ihm das Recht abgesprochen, überhaupt an der öffentlichen Diskussion um Wesen und Orientierung der gesellschaftlichen Ordnung teilzunehmen. Ein Mensch, der es wagte, sich als Stellvertreter Gottes auf Erden vorzustellen und sich auf sein Wappen das Motto „Cooperatores veritatis“ – Mitarbeiter an der Wahrheit – zu schreiben, der musste über kurz oder lang stürzen bzw. gestürzt werden.

Es schien nicht erträglich und „zu kompliziert“ zu sein, was Papst Benedikt XVI. als das Positive vorschlug: „Die Wahrheit wird als Wirklichkeit angeboten, die den Menschen erbaut und ihn zugleich übersteigt und überragt; sie wird als Geheimnis angeboten, das den Schwung der menschlichen Fassungskraft aufnimmt und gleichzeitig überschreitet. Nichts vermag die menschliche Intelligenz so auf unerforschte Horizonte hin zu leiten, wie es die Liebe zur Wahrheit tut.“

Unerträglich ist dieses Wort: Wahrheit. Unerträglich dieses Verhalten: der postmodernen Unentschlossenheit als System des Relativismus einen hohen Anspruch entgegenzuhalten. Unerträglich dieses akademische Geschwätz von der „Vernunft“, der Verwobenheit des endlichen Wesens des Menschen in den göttlichen Logos. Unerträglich war es, und dies selbst für viele Katholiken, darauf zu bestehen, dass das Christentum nichts mit Bauchnabelbetrachtungen zu tun hat, sondern wirklich einen universalen, das Sein des Menschen und den Kosmos einschließenden Anspruch stellt. Unerträglich ist es dann, die Kirche nicht allein „menschlich“ verstehen zu wollen, sondern als mystischen Leib Christi, Ort des Heiligen und der Berufung der Heiligen. So einer durfte nicht mitreden. Und jene, die ihm als ihrem Hirten nachfolgten, wurden mit dem Generalverdacht der Unmündigkeit und Abgehobenheit bedacht.

Bereits Ende 2008 wurde es von den Medien in Deutschland beschlossen: der ehemalige Großinquisitor hat nichts mehr zu sagen. „Wir waren Papst“, schrieb der damalige Rom-Korrespondent des „Spiegels“ Alexander Smoltczyk in einem Beitrag zum Abschluss des Jahres 2008. Benedikt XVI. definierte er als den „Entrückten“, als einen, der der konkreten Welt nichts sagen könnte, sondern der nur eines wolle: „das sein, was er am besten kann: Kirchenlehrer“. Genau das aber stellt für den Kommentator das Problem dar, denn das Reden von Wahrheit und Lehre entferne von dem, was die Welt wirklich brauche. Und so diagnostizierte das Hamburger Lehramt: „Wir waren Papst. Jetzt sind wir Merkel, Steinbrück, Schmidt – nicht zufällig sind das allesamt Protestanten, knochentrockene Lutherlinge, denen überdies alles Gewabere, alles Ideengetränkte, Tröstliche zuwider ist.“ Die Zeit der „barocken Spektakel“ und „großen Worte“ sei vorbei: „Es ist Zeit für Nüchternheit. Für Buddenbrooksche Kaufmannsethik. Fürs Handeln ohne vorherige Rückversicherung bei Augustinus.“ Keine Appelle an die Moral seien nötig, um aus einer Krise herauszukommen, nur die Erfüllung der innerweltlichen Pflicht sei gefragt: „Die Banker sollen nur ihren Job richtig machen, nüchtern, hanseatisch pfeffersäckig. Protestantisch“. Ob die Protestanten insgesamt mit einer derartigen „Analyse“ zufrieden sein können, sei dahingestellt.

Unter dem Vorwand einer eingeforderten Toleranz wurde und wird dann gern die Fundamentalismuskeule geschwenkt. Sie findet sich heute in der absurden Rede von „Rechtskatholiken“ wieder und wird dabei gern von sich selbst als „Linkskatholiken“ und Neoprogressisten und Neopapisten entdeckt habenden Kommentatoren geschwenkt.

Dabei jedoch handelt es sich um einen schweren Missbrauch des Toleranzbegriffes. Für John Locke (1632-1704) bedeutete die Toleranzpflicht nicht die Aufgabe des Anspruches, Wahrheit zu vertreten und andere zu dieser Wahrheit zu führen. Locke ging es um unveräußerliche Rechte und Freiheiten des Menschen und Bürgers: „Keine Privatperson in irgendeiner Weise ein Recht, eine andere Person im Genuss ihrer bürgerlichen Rechte zu benachteiligen, weil diese zu einer anderen Kirche oder Religion gehört“, so schreibt der englische Denker in seinem „Brief über die Toleranz“ (1689). Und mehr noch: „Wir dürfen uns nicht mit den engen Maßen bloßer Gerechtigkeit begnügen: Barmherzigkeit, Güte und Freigiebigkeit muss hinzukommen. Das schärft uns das Evangelium ein, befiehlt uns die Vernunft und fordert jene natürliche Brüderlichkeit von uns, in die wir hineingeboren sind“. Nur eine Ausnahme kennt Locke. Diejenigen sind für ihn ganz uns gar nicht zu dulden, „die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegnehmen, heißt alles auflösen. Auch abgesehen davon können die, die durch ihren Atheismus alle Religion untergraben und zerstören, sich nicht auf eine Religion berufen, auf die hin sie das Vorrecht der Toleranz fordern könnten“.

Dagegen verwirklicht sich die moderne Diktatur der Toleranz in der entschlossenen und aggressiven Ablehnung der Tatsache, dass jemand eine Position absolut einnimmt und den Anspruch erhebt, deren Wahrheitsgehalt nur angesichts der Anerkennung des eigenen Wahrheitsanspruches zu diskutieren. So wird „Toleranz“ zur Leugnung der Rechts darauf, eine Stellung einnehmen zu können und diese entschlossen und der Vernunft entsprechend zu vertreten. Nicht um die Achtung dessen geht es, was dem anderen heilig sein kann, obwohl es einem selbst nicht heilig ist, sondern um eine radikale Zurückdrängung dieses Heiligen in den Bereich des Ungültigen.

„Die Toleranz, die Gott sozusagen als Privatmeinung zulässt, ihm aber die öffentliche Herrschaft, die Wirklichkeit der Welt und unseres Lebens verweigert, ist keine Toleranz, sondern Heuchelei“, sagte Benedikt XVI. am 2. Oktober 2005. „Dort jedoch, wo sich der Mensch zum alleinigen Besitzer der Welt und zum Eigentümer seiner selbst erklärt, kann es keine Gerechtigkeit geben. Dort kann nur die Willkür der Macht und der Interessen herrschen.“ So wird Toleranz zur Apotheose der Unfähigkeit, ja oder nein zu sagen. Was bleibt, sind opportunistische Situationsethiken, die gewaltig auf das Gebot Christi stoßen: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen“ (Mt 5,37).

Der Beweis der Herrschaft der Willkür der Macht und der Interessen war auf eklatante Weise im Verlauf des „AIDS- und Kondomskandals“ sichtbar geworden, der durch ein falsch von den Medien verbreitetes Wort Benedikts XVI. bei seinem Flug nach Afrika verursacht worden war (März 2009). Auf die Frage eines Journalisten nach der Art und Weise der Kirche, gegen AIDS zu kämpfen, erklärte der Papst, dass man das AIDS-Problem nicht nur mit Geld lösen könne. „Wenn die Seele nicht beteiligt ist, wenn die Afrikaner nicht mithelfen (indem sie eigene Verantwortung übernehmen), kann man es mit der Verteilung von Präservativen nicht bewältigen. Im Gegenteil, sie vergrößern das Problem.“

So weit die unmissverständlichen Worte des Papstes: AIDS ist eine Krankheit, deren Vorbeugung in erster Linie die Vermittlung eines Menschenbildes erfordert, in dessen Mitte die Achtung der Würde und der Unverletzbarkeit des Anderen steht. Nur auf der Grundlage einer Erziehung, die die Wahrheit des Menschen (und für den Papst: die Wahrheit der Geschichte Gottes mit dem Menschen) absolut betont und in den Vordergrund jedes Handelns stellt, kann dieses schwere Problem an der Wurzel behandelt werden. Präservative ohne Erziehung und das alleinige materielle Vertrauen auf die Medizin sind ungenügend. Eine ganzheitliche Sicht des Menschen erfordert eine tiefergehende Perspektive, die sich nicht nur auf einen einzigen Aspekt eines Phänomens konzentriert.

Daraufhin warf der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit (Die Grünen) Benedikt XVI. „fast einen vorsätzlichen Mord“ vor; der frühere französische Premier Alain Juppé meinte sogar, einen „Autismus“ diagnostizieren zu können. Trotz besseren Wissens (man bräuchte sich die Worte des Papstes nur anhören oder lesen) scheuten sich die im Europaparlament vertretenen liberalen Parteien nicht, in einem Änderungsantrag zum Jahresbericht 2008 über die Menschenrechte in der Welt die Äußerungen Benedikts XVI. „nachdrücklich“ zu verurteilen, „in denen er die Benutzung von Kondomen verboten und davor gewarnt hat, dass der Gebrauch von Kondomen die Ansteckungsgefahr sogar erhöhen könne“. Es muss dem Leser überlassen werden, diese Manipulierung der öffentlichen Meinung selbst zu beurteilen. Eines tritt deutlich hervor: Nicht der Papst war das Ziel derartiger vermessener und unredlicher Vorgänge, sondern der Anspruch, eine einzige Sicht als die allein gültige zu behaupten.

Es gehört zur Masche von totalitären Systemen, sich lästiger Widersacher zu entledigen, indem man sie als verbrecherisch oder krank und somit als Elemente darstellt, die dem vorausgesetzten, aber nicht gerechtfertigten ideologischen Gesellschaftssystem Schaden zufügen. Innerhalb dieses Totalitarismus, der sein Gesicht unter dem Schleier der Toleranz verbirgt, wurde es dann möglich, dass ein Bischof als „Hassprediger“ bezeichnet wird (Volker Beck, Die Grünen, über Kardinal Meisner, der sich zum Sittenverfall in Europa und zum modernen Menschen als „Triebbündel“ geäußert hatte), während ein anderer als „kastrierter Kater“ (Kurt Beck, SPD, 2007; ironisierend zu Bischof Walter Mixa) oder als „durchgeknallter, spalterischer Oberfundi“ (Claudia Roth, Die Grünen, 2007; direkt zu Bischof Walter Mixa) erkannt wird, dessen Worte letztere Dame auch noch an den kambodschanischen Diktator und Massenmörder Pol Pot erinnerten..

Das Besorgniserregende dabei waren und sind jedoch nicht Beleidigungen gegenüber einem Papst, Kardinal oder Bischof. Es geht nicht um persönliche Animositäten, selbst wenn diese einen gläubigen Katholiken verletzen. Vielen scheint es angemessen zu sein, das Leben der Kirche wie in einer schlechten Talk-Show behandeln zu müssen. Die Nachfolger der Apostel jedoch sind es gewohnt, im Kreuzfeuer zu stehen, und nicht umsonst geloben einige von ihnen feierlich, dem Papst treu zu sein „usque ad effusionem sanguinis“ (bis zum Vergießen des eigenen Blutes).

Was erschüttert, ist eine radikale ethische Entfremdung und ideologisierte und aggressive Anti-Haltung gegenüber dem christlichen Wertemodell und einem auf dem Evangelium basierenden Humanismus, in dessen Zentrum die Förderung des wahrhaft Menschlichen aus dem Wesen des Göttlichen heraus steht. Dass die Kirche auf der Grundlage des natürlichen Sittengesetzes „Anwältin der Menschheit“ ist, bildet das eigentliche Ärgernis und provoziert einen Angriff auf das Christentum insgesamt.

Wie steht es um die Religionsfreiheit?

Der Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen schreibt die Religionsfreiheit als Grundelement der Verwirklichung des Menschen in jeder Gesellschaft fest: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.“

Die Erklärung über die Religionsfreiheit des II. Vatikanischen Konzils „Dignitatis humanae“ hält fest, „dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird“ (Nr.2).

Stellt man heute in den westlichen Gesellschaften die Frage nach der Religionsfreiheit, so wird man wohl immer die Antwort bekommen: Aber klar doch. Es wird jedoch in der Regel zwischen wahrer Religionsfreiheit und dem undifferenzierten geduldeten Nebeneinander von Religionen nicht unterschieden. Religionsfreiheit bedeutet nicht die gleichzeitige Präsenz von unterschiedlichen Religionen innerhalb einer Gesellschaft, die ein Staat zu dulden oder zu gewährleisten hätte. Die Religionsfreiheit ist ein Grundrecht, kein einfaches Recht unter anderen, das beansprucht werden könnte. Im Boden der Religionsfreiheit sind, wie gerade die Denker der Aufklärung erkannt haben, alle Menschenrechte verwurzelt. Ein Menschenrecht nämlich ist keine Eigenschaft oder Besitz eines Individuums oder der Menschheit. Das Menschenrecht transzendiert das Sein des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Religionsfreiheit legt somit in besonderer Weise diese transzendente Dimension der Menschen offen, lässt den absoluten Charakter und die Unverletzlichkeit seiner Würde erkennen und entzieht ihn einer Manipulation aus Willkür und äußeren Machtansprüchen.

Als stabiler Untergrund der Erkennbarkeit der Menschenrechte ist sie Ausdruck des Wesens des Menschen selbst und kann nicht auf die Erlaubnis beschnitten werden, ein Zusammenleben von Bürgern zu verwirklichen, die im Privaten ihren jeweiligen Bekenntnissen nachgehen. Religionsfreiheit ist nicht zu verwechseln mit Kultfreiheit. Genau diesen Punkt akzentuierte Benedikt XVI. in seiner Ansprache vom 18. April 2008 bei der Versammlung der Vereinten Nationen: „Die volle Gewährleistung der Religionsfreiheit kann nicht auf die freie Ausübung des Kultes beschränkt werden, sondern muss in richtiger Weise die öffentliche Dimension der Religion berücksichtigen, also die Möglichkeit der Gläubigen, ihre Rolle im Aufbau der sozialen Ordnung zu spielen“.

Wie Benedikt XVI. in der Enzyklika „Caritas in veritate“ schreibt, bedeutet Religionsfreiheit jedoch nicht „religiöse Gleichgültigkeit“. Ebenso wenig werde durch sie behauptet, dass alle Religionen gleich sind. Insofern ist für den Papst die Unterscheidung hinsichtlich des Beitrags der Kulturen und Religionen zum Aufbau der sozialen Gemeinschaft in der Achtung des Gemeinwohls vor allem für den geboten, der politische Gewalt ausübt: „Solche Unterscheidung muss sich auf das Kriterium der Liebe und der Wahrheit stützen. Da die Entwicklung der Menschen und der Völker auf dem Spiel steht, wird sie die Möglichkeit der Emanzipation und der Einbeziehung im Hinblick auf eine wirklich universale Gemeinschaft der Menschen berücksichtigen“ (Nr. 55). Dabei seien „der Mensch und alle Menschen“ das Kriterium, um auch die Kulturen und die Religionen zu beurteilen.

Die Kirche bietet einen Beitrag zum Aufbau einer solidarischen und gerechten Gesellschaft an, der nach dem Prinzip der Religionsfreiheit als Fundament der Menschenrechte durch keine Strategie begrenzt werden darf, es sei denn, eine Gesellschaft wolle dadurch nicht eine Verletzung der Menschenwürde als Möglichkeit des Systems zulassen. Religionsfreiheit schützt vor einem unmenschlichen Humanismus, der alles in die Beliebigkeit von einzelnen oder Interessengruppen stellt. Keineswegs darf Religionsfreiheit zu einem Recht auf Verhinderung der Präsenz des Religiösen innerhalb einer Gesellschaft pervertiert werden. Dies zöge unweigerlich die Bannung von Toleranz, Solidarität und der Fähigkeit nach sich, die Menschenwürde als zentral zu erkennen.

Freiheit bedarf eines Fundaments, aus dem heraus sie sich entwickeln kann und ohne das sie zum Scheitern verurteilt wäre. Das Wesen der Freiheit ist die Wahrheit. Ohne Wahrheit kann Freiheit nicht bestehen, ohne Freiheit kann Wahrheit nicht als solche erkannt werden. Dieses Geflecht zerreißen zu wollen, würde einen Verzicht auf alle Werte bedeuten, gerade auch auf jene, die oft gegenüber der Religion als „höher“ behauptet werden, insofern diese nur relative Antworten auf untere Bedürfnisse eines rein materiell interpretierten Menschen wären. Was bleibt, ist die Gefahr der Herrschaft der Ideologien. Dabei kann und darf, wie Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ schreibt, die Kirche nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. „Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben. Sie muss auf dem Weg der Argumentation in das Ringen der Vernunft eintreten, und sie muss die seelischen Kräfte wecken, ohne die Gerechtigkeit, die immer auch Verzichte verlangt, sich nicht durchsetzen und nicht gedeihen kann“ (Nr. 28).

Die Kirche kann nicht anders als „politically incorrect“ sein. Und gerade das macht den Glauben so anstößig für eine Welt, die sich daran gewöhnt zu haben scheint, dass das Nicht-Widerspruchsprinzips (zwei einander widersprechende Sätze können nicht zugleich zutreffen) ein Optional für eine Auseinandersetzung ist. Eine angebliche Freiheit, die sich als die Aufgabe jeglicher Vernünftigkeit präsentiert, widerspricht jedem Menschenrecht und bedroht letztlich die Bekenntnisfreiheit als dessen Grund. In weiten Gebieten ist ein instinktgetriebener Nihilismus der Indifferenz festzustellen, der sich selbst nicht zu ertragen vermag und infolgedessen jeden bedroht, der einen Dialog nur im Ausgang von einer der Wahrheit entsprechenden Position führen will. Der Kern der Strategie besteht darin, Religion auf eine soziale Wohlfahrtsinstitution reduzieren zu wollen und Kirche als humanitäre Agentur zu verstehen, die als Randphänomen neben anderen zu stehen kommt.

Die Erosion der religiösen Bindungen, wie sie sich in den letzten fünfzig Jahren vollzogen hat (und deren Beginn in der unmittelbaren Nachkriegszeit auszumachen ist), führte zu einer Konzeption von Laizität, deren Ziel es ist, den Massen einen allgemeinen Daseinsvollzug als ein Leben „etsi Deus non daretur“ (als ob es Gott nicht gäbe) vorzuschlagen. Gerade diese Erosion, die zu einem großen Teil auch „selbstverschuldet“, das heißt „kirchenverschuldet“ ist, bringt es mit sich, dass das, was ehemals Bindung gewährleistete, zum Teil auch aggressiv bekämpft wird. Dabei wird nicht erkannt, dass das Menschliche selbst zum Opfer dieses Kampfes wird. Schon Fjodor M. Dostojewskij wusste es: „Der vollkommene Atheist steht auf der vorletzten Stufe vor dem vollkommensten Glauben – ob er ihn nun erreicht oder nicht –, der Gleichgültige aber hat gar keinen Glauben mehr, nur eine erbärmliche Angst, und auch die nur selten, wenn er ein empfindsamer Mensch ist“ (Die Dämonen).

Wer Kreuze aus den Schulen unter dem Vorwand des durch eine hypothetische Multikulturalität erforderlichen Respekts entfernen will, begibt sich in den Raum einer tragischen Unvernunft und des Verkennens der geschichtlichen Dimension der europäischen und westlichen Kultur, was die Selbstaufgabe und auch den Selbsthass des Menschen zur Folge hat. Das Größere der Wahrheit untersteht der Meinung. Jede Glaubensentscheidung relativiert sich und verurteilt sich so zu ihrer inneren Leere. Statt einen kulturellen Dialog über die Folgen von Glaubensentscheidungen zu stimulieren, geht die Fähigkeit zur Wahrheit selbst im Hohlraum der Sinnlosigkeit auf. Ergebnis ist eine unvermeidliche Krise der Ethik, das heißt das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können und das gut Gemeinte nicht mit dem Guten zu verwechseln.

Weder Druck noch Anpassung

Der Christ ist ein Nonkonformist und schwimmt „gegen den Strom“ (wozu Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus immer wieder auffordern). Der innerste Kern der Lehre der Kirche ist darin gegeben, die Menschen zur Wahrheit zu führen, indem sie sie die einzige Wahrheit des offenbarten Gottes ersehnen und erfassen lässt. Die Kirche stellt eine historische Ausnahme dar: sie hat als Bastion der Rationalität als einzige ein Problem mit dem, was die Gesellschaft schnell erledigt. Die Kirche ist die Tradition, sie hat es mit der Geschichte zu tun. Als solche wird sie zum Feindbild jeglicher ideologisch und relativistisch gefasster Rationalität der einfachen Verwaltung von dem, was der Fall ist. Paradoxerweise muss ein Mensch im Zeitalter der extremen Selbstbehauptung des Individuums sein Menschsein immer rechtfertigen, vor der Wissenschaft, vor der Technik, vor der Wirtschaft. So verliert sich das aufgedunsene Ich in der Zerstreuung.

Die Kirche braucht den Mut, aus der Defensive herauszuschreiten. Das ist aber nur dann möglich, wenn ihre positive Option so klar wie möglich vorwärts gebracht wird. Für den relativistischen Säkularismus war es lange Gebot, dem Christentum eine Rechtfertigung abzufordern und es aufgrund seiner angeblichen Einschränkung der Freiheit der Vernunft in seiner Gegenwart und Handlung zu begrenzen. Die Diktatur einer falschen und teilweise heuchlerischen Toleranz ist zu überwinden. Sie versandet im Unverständnis. Es bedarf der Sensibilität des religiösen Organs. Sie lässt erkennen, dass es eine weitere Rationalität braucht, als es die säkulare Rationalität je sein kann. Der Glaube ist dann der positive Ort der Vermittlung von Vernunft und Kultur, von Selbstsein und Mitsein. Der Glaube gründet die Natur des wahren Menschseins. Darin besteht der Schwung und die Leuchtkraft des Katholischen. Je stärker der Glauben, desto stärker die Vernunft. Je mehr hingegen eine Theologie ein Fall unter anderen im Reigen der humanistischen Wissenschaften ist, desto weniger wird sie als Wissenschaft, die die Grundlagen, Inhalte und Konsequenzen des Glaubens interpretiert, ernst genommen und verkommt so zu einem Surrogat von Meinungen.

Der ethische Relativismus wird fälschlicherweise als die tolerante Grundlage der Demokratie und als die Verneinung des Autoritarismus angesehen. Das dabei aufkommende Problem ist, dass sich die Demokratie so ein Maß zuweist, das ihr nicht zusteht. Wie Benedikt XVI. 2005 bekräftigt hatte, kann das demokratische Ziel von Frieden und Toleranz innerhalb und zwischen den Staaten nur dann erreicht werden, „wenn die rechte Achtung des Lebens und der Würde jeder menschlichen Person im Mittelpunkt der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung jeder Gemeinschaft stehen. Eine gesunde Gesellschaft fördert immer die Achtung der unantastbaren und unveräußerlichen Rechte aller Personen“. Denn ohne „eine objektive sittliche Verankerung kann auch die Demokratie keinen stabilen Frieden sicherstellen“. Demokratie wird so zu einem „Mythos“, der zu einem „Ersatzmittel für die Sittlichkeit oder einem Allheilmittel gegen die Unsittlichkeit gemacht wird“ (vgl. Johannes Paul II, Evangelium vitae 70). Das bedeutet, dass der moralische Relativismus das Funktionieren der Demokratie aushöhlt, das die Toleranz und Achtung unter den Völkern allein nicht sicherstellen können.

Mit anderen Worten: eine Demokratie ist nur dann Demokratie, wenn sie sich auf ihre vor-demokratischen Grundlagen besinnt, die im natürlichen Sittengesetz liegen. Der „Nebel der Säkularisierung“ (Romano Guardini) verhindert den Dialog, in diesem Nebel kann die Säkularisierung nur destruktiv sein und dann entgleisen (Jürgen Habermas).

Unter dem Schleier dieses Nebels kristallisiert sich auch ein Grundmissverständnis: dass nämlich die Kirche eine Art Ethikagentur sei, deren Beitrag für die Gesellschaft darin bestehe, ihr Benimm und anständige Sitten beizubringen. Für die Religion hingegen wäre es verheerend, würde sie nur in der Dimension eines Moralismus und nicht als Form des Lebens wahrgenommen werden. Leider interessiert sich der Staat nur in dieser selbstsüchtigen Form für die Religion. Dieses Interesse des Staates hat heute nichts mit dem Glaubensverständnis zu tun. So bewegen sich Gesellschaft und Kirche oft auf zwei parallelen Geraden, die einander nicht schneiden, weil es die Gesellschaft verlernt hat, die Selbstbestimmung der Sendung der Kirche zu verstehen.

Umso wichtiger ist: Die Kirche darf sich nicht an die Welt anpassen oder ihr hinterherrennen, indem sie der Versuchung der Selbstsäkularisierung verfällt. Nicht auf diese Weise kann das Christentum Triebfeder der Geschichte sein und das gesamte Dasein umfassen. Entweltlichung und eine Absage an die „spirituelle Weltlichkeit“ sind angesagt. Der Glaube ist der Dreh- und Angelpunkt der Menschheitsgeschichte und überschreitet seinem Wesen nach die Sphäre der reinen Subjektivität. Die Kirche muss mit einem Wort Romano Guardinis aus dem 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts zur „Unterscheidung des Christlichen“ zurückfinden, statt sich in die Welt zu versenken und sich aus ihr heraus interpretieren zu wollen.

Grundelement dieser Unterscheidung des Christlichen besteht in der Erkenntnis, dass der Glaube und die Lehre des Glaubens sich nicht der Welt- und Menschheitsgeschichte entgegensetzen, sondern die Geschichte ohne den Glauben und seine Lehre überhaupt nicht als Geschichte des Menschen verstanden werden kann. Anfang und Ende allen Denkens, Glaubens und Seins muss die Wahrheit sein, deren Garant und Heimstatt die Kirche ist. Denn es ist verheißen: „Die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen – non prævalebunt“ (vgl. Mt 16,18).

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DER HEILIGE FRANCISCO UND „DER VERBORGENE JESUS“

Schweizer Fatima-Bote Nr. 77 3/2018

Nachstehend bringen wir aus dem Buch „Jacinta und Francisco – selige Kinder von Fatima“ ei­nen Auszug über die spezielle Beziehung vom inzwischen heilig gesprochenen Francisco zum sogenannten „verborgenen Jesus“, den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Tabernakel der Kirche aufsuchte. Das Buch ist von Jean­Francois Louvencourt, Trappist der Abtei Notre-Dame de St. Rémy in Rochefort, Belgien. Es um­fasst fast 600 Seiten und ist noch vor der Heilig­sprechung der Kinder erschienen. Wir bringen hier die Seiten 384 bis 389.

Francisco liebt es, sich in die Natur zurück­zuziehen, denn sie ist ihm Freundin, weil sie ihn vor eventuellen Indiskretionen schützt und für die Intimität seines Gebetes förder­lich ist. Genauso gerne aber mag er die Ein­samkeit seines Zimmers, dessen Tür er ab­schliesst, wie es das Evangelium empfiehlt (vgl. Mt 6,6), und Gott im Geheimen anbe­tet; das war seine Gewohnheit während der langen Monate seiner Krankheit. Am liebsten aber geht er zum verborgenen Jesus. Bei ihm merkt er nicht, wie die Zeit vergeht. Stunde um Stunde bleibt er bei ihm, allein mit ihm, in der Stille. Ja, ganze Stunden, zum Beispiel ebenso lange, wie die Schule dauert: Früh am Morgen verlässt ihn Lucia auf der Schwelle der Kirche und nach dem Unterricht, am späten Vormittag, holt sie ihn dort ab, wo sie weiss, dass sie ihn wiederfin­den wird, das heisst tief im Gebet vor dem Allerheiligsten versunken.

Francisco und der verborgene Jesus: Nie­mand wird jemals den Inhalt ihrer Unterhal­tungen erfahren, nichts von den liebevollen Blicken, die sie austauschen oder von dem gegenseitigen Vertrauen, das sie sich entge­genbringen. Und doch besitzen wir gewisse Indizien, wie jenen Tag, an dem eine Dame Theresia, eine der Schwestern Lucias bittet, diese solle für sie bei der Jungfrau Maria Fürbitte einlegen zugunsten ihres Sohnes, der fälschlicherweise eines Verbrechens an­geklagt worden war, das er nicht begangen hatte. Da Lucia diese Bitte erhalten hatte, als sie gerade zur Schule aufbrach, erzählt sie Francisco auf dem Schulweg davon, und er antwortet ihr:

„Hör mal! Während du zur Schule gehst, bleibe ich beim verborgenen Jesus und bete darum.“ Als ich aus der Schule kam, ging ich ihn rufen und fragte ihn: „Hast du Unseren Herrn um jene Gnade gebeten?“ — „Ja! Sage Theresia durch deine Schwester, dass er in wenigen Ta­gen nach Hause kommt.“

In der Tat, einige Tage darauf war der arme Junge schon zu Hause und am Dreizehnten kam er mit der ganzen Familie, um Unserer Lieben Frau für die erlangte Gnade zu danken (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 172).

Der verborgene JesusBigschofancisco: Wattie einander an jenem Tag gesagt haben? Sicher ist: Zwischen beiden hat sich mit der Zeit eine so enge und ver­traute Verbindung entwickelt, dass Fran­cisco seine Bitte mit einer Überzeugung vorbringen kann, die Jesus anrührt. Bes­ser noch: Francisco gelangt zu der ruhigen und absoluten Sicherheit, dass sein Gebet schon erhört ist. Und noch besser: Er scheint so sehr an diese enge Bezie­hung zu Gott gewöhnt zu sein, dass er von einer erlangten Gnade wie von der natürlichsten Sache der Welt spricht.

Francisco, das Kind, das von Gott faszi­niert ist. Nicht von einem pantheisti­schen Gott, zurückgezogen oder anonym, sondern von einem persönlichen Gott. Und weil die Person Beziehung ist, bis hin zur Vereinigung, zur Kommunion, ist Gott in sich selbst drei-persönlich. Des­halb lehrt der Engel die drei Hirtenkinder dieses Gebet, das hier nun unbedingt vollständig wiedergegeben werden soll:

„Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, in tiefster Ehrfurcht bete ich Dich an und opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwär­tig in allen Tabernakeln der Erde, zur Wiedergutmachung für alle Schmähun­gen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch die Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Verdienste seines Hei­ligsten Herzens und des Unbefleckten Herzens Mariens bitte ich Dich um die Bekehrung der armen Sünder.“

(Schwester Lucia spricht über Fatima, Seite 183).

Mit der kontemplativen Sichtweise, die ihm eigen ist, ist Francisco derjenige von den Dreien, der sich am stärksten von diesem Gebet angezogen fühlt. Ein kom­plexeres Gebet als die anderen, dessen Tragweite ihm anfangs nicht klar ist, die sich aber immer mehr erhellt, als er die drei Teile entdeckt, die es gliedern, ge­kennzeichnet durch drei Verben, die den Betenden mit der Heiligen Dreifaltigkeit verbinden: „Ich bete Dich an – ich opfe­re Dir auf – ich bitte Dich.“ Die Anbe­tung ist jene Haltung des Leibes und der Seele, die so gut seiner Demut entspricht und der er sich so gerne hingibt. Das Op­fer, das auf jenes Opfer des verborge­nen Jesus hinweist, zu dem dieser sich selbst in der Eucharistie macht, ist das Opfer, das auch Francisco aus sich selbst macht, um die gegen seinen Herrn begange­nen Sünden zu sühnen, den er um jeden Preis trösten will. Was die Bitte anbetrifft, so zielt sie auf die Bekehrung der Sünder, für die er unablässig betet. So dringt Fran­cisco immer mehr in dieses Gebet ein, das er gerne vertieft und meditiert. Er bemerkt, dass es sogar die Besonderheit hat, alle grossen Aspekte des Geheimnisses von Fati­ma zu umfassen, allerdings indem es sie in das Licht des Geheimnisses der Heiligen Dreifaltigkeit stellt und in diesem Licht ver­eint. Dieses Geheimnis, das er mit der Kir­che für das grundlegendste und höchste al­ler Geheimnisse ansieht, macht er zur Mitte seines Lebens.

Wenn die Erscheinungen des Engels mit ei­nem wesentlich trinitarischen Gebet enden, so schliessen die Erscheinungen Unserer Lie­ben Frau von Anfang an eine Vision ein, de­ren Gehalt ebenfalls trinitarisch ist.

Als Unsere Liebe Frau am 13. Mai 1917 zum ersten Mal die Hände öffnet, wirft sie den Glanz eines übernatürlichen Lichtes auf die Kinder. Das wichtigste Ziel dieses Lichtes ist, wie Lucia schreibt, sie „zu Gott und den Geheimnissen der Allerheiligsten Dreifaltig­keit“ zu führen (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 136).

So wie Jacinta für immer von der Vision vom 13. Juni 1917 gefangen ist, die ihr „die Er­kenntnis und die besondere Liebe zum Un­befleckten Herzen Mariens“ eingegossen hat, (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 136), so ist Francisco für sein Leben von dem ersten Schein des Lichtes geprägt, das von den Händen Unserer Lieben Frau aus­geht:

„Was ihn am meisten beeindruckte und fes­selte war Gott, die Heiligste Dreifaltigkeit in jenem unermesslichen Licht, das uns bis in die Tiefe der Seele durchdrang“ (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 157).

Übrigens fällt er bald nach der unvergessli­chen Vision vom 13. Mai auf die Knie, eben­so wie Jacinta und Lucia. Und unter dem Eindruck einer und derselben Eingebung spüren alle drei in ihrem Inneren eine Anru­fung aufsteigen, die sie so gerne und oft wiederholt haben:

„O Heiligste Dreifaltigkeit, ich bete Dich an!“

Wie könnten wir, von Francisco geführt, ei­nen anderen Schluss daraus ziehen als die erneute Betonung der trinitarischen Dimen­sion der Botschaft von Fatima? Die Heilige Dreifaltigkeit ist nicht nur von der ersten Erscheinung des Engels und der ersten Er­scheinung Unserer Lieben Frau all gegenwär­tig – so wird wunderbarerweise ein Band zwischen den beiden Erscheinungszyklen ge­knüpft – sondern sie taucht auch im dritten Erscheinungszyklus wieder auf, den Lucia nach ihrer Abreise aus Aljustrel erfuhr, mit der grandiosen Theophanie vom 13. Juni 1929, also zehn Jahre nach dem Tod Franciscos. Jeder dieser drei Erschei­nungszyklen beinhaltet also eine trinitari­sche Phase von ganz besonderer Intensität, und das ergibt aussergewöhnliche trinitari­sche Manifestationen: ein Gebet von engli­scher Herkunft (des Engels von Portugal), eine ebenso sublime wie unauslöschliche Vi­sion und eine weitere Vision, die ebenso sublim, obwohl „beschreibender“ ist. Es handelt sich also um ein absolut einzigarti­ges Triptychon in der Geschichte der Er­scheinungen.

Die besondere Stellung, welche die Dreifal­tigkeit in der Botschaft von Fatima ein­nimmt, wird durch ein Zeichen bestätigt, das nicht täuschen kann: durch die Häufig­keit der Zahl „drei“. Diese Zahl taucht in der Tat zu oft auf, als dass es sich um einen einfachen Zufall handeln könnte und nicht eine offenbare Erinnerung an die Allgegen­wart des allmächtigen Gottes wäre. Um die Häufigkeit dieser Zahl aufzuzeigen, wollen wir die unterschiedlichen, in Fatima han­delnden Personen betrachten, welche übri­gens auch drei sind.

Die Kinder

Es sind drei Kinder, und alle drei sind bei jeder der Erscheinungen immer zusammen. Insgesamt werden ihnen neun Erscheinungen gewährt, das heisst also drei mal drei Er­scheinungen. Als sie vom göttlichen Licht umflossen werden, sind sie, wie wir gesehen haben, zehn, neun und sieben Jahre alt, ins‑

gesamt also sechsundzwanzig. Wie wir ge­sehen haben (weiter vorne in diesem Buch, die Red.), ist sechsundzwanzig die Zahl Got­tes, diese Zahl ist das Doppelte von drei­zehn, und dreizehn ist, wie der hl. Isidor von Sevilla uns sagte, die Summe aus zehn, der Zahl der Gebote, und drei, welches den Autor der Gebote bezeichnet, also die Heilige Dreifaltigkeit.

Der Engel

Dreimal erscheint er den Kindern, zu drei verschiedenen Jahreszeiten. Jedes der Ge­bete, die er sie lehrt, wiederholt er drei Mal. Und das Gebet, das er ihnen beim drit­ten Mal beibringt, enthält drei Teile. Drei­mal auch spricht er zu ihnen über die Her­zen Jesu und Mariä.

Unsere Liebe Frau

Sie besteht selbst auf dieser Zahl. Dreimal zeigt sie ihr Herz: ein einziges Mal im Jahr 1917, zwei weitere Male jedoch im folgen­den Jahrzehnt, am 10. Dezember 1925 und am 13. Juni 1929. Jedes der beiden Gebe­te, welche sie die Kinder am 13. Juli 1917 lehrt, enthält drei Teile. Das Geheimnis, das sie ihnen am selben Tag anvertraut, hat ebenfalls drei Teile, und der Mittelteil spricht drei Mal von ihrem unbefleckten Herzen. In genau diesem Jahr 1917 spricht sie drei Mal von „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“. Nun beinhaltet der Rosen­kranz insbesondere das Ave Maria, dessen Beginn auf jede der drei göttlichen Perso­nen hinweist und aus dem »Ehre sei dem Vater..«, dessen „trinitarische Doxologie“, die der „Gipfel der Betrachtung“ ist, der „Zielpunkt der christlichen Kontemplati­on“, woran Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben zum Rosenkranz passend erinnert hat.

Wir wollen noch erwähnen, dass am 13. September und auch im folgenden Mo­nat drei Mal Rauchwolken vor Unserer Lie­ben Frau aufstiegen, als die Engel sie mit ihren goldenen Weihrauchfässern verehr­ten. Die Erscheinung vom 13. Oktober, die den Zyklus in der Cova da Iria abschloss, verläuft ebenfalls in drei Abschnitten: der Besuch Unserer Lieben Frau, die vielfältige Vision und das Sonnenwunder. Dieses Wun­der wurde drei Monate früher angekündigt und enthält drei Momente, denn die Sonne „tanzt“ drei Mal hintereinander.

Es spricht also alles von der Dreifaltigkeit: nicht nur die Natur, wie uns Lucia weiter oben sagte, sondern auch der Engel, so­dann Unsere Liebe Frau, und selbst die Zahlen. Ohne unseren Leib und unser Herz auszulassen, denn Papst Benedikt versi­chert, dass „das Sein des Menschen in sei­nem <Erbgut> die tiefe Spur der Dreifaltig­keit trägt, des Gottes, der die Liebe ist“ (Angelus vom 7. Juni 2009), und auch Schwester Lucia schreibt übrigens: „Wir sind lebendige Tabernakel, in denen die Heiligste Dreifaltigkeit wohnt“ (Aufrufe, S. 135).

Trotz der Vielfalt und des Reichtums dieser Zeichen und der Manifestationen bleibt im­mer ein Abgrund zwischen der immanenten Trinität und alledem, was wir jemals über sie wissen können. Dieser Apophatismus, (siehe Erklärung am Schluss) der in jedem Versuch inhärent vorhanden ist, dieses Geheim­nis zu erfassen, ist ein integraler Bestandteil des Annäherns an das Wesen der Dreifaltig­keit durch Francisco. Natürlich hat er nie ei­ne theologische Ausbildung genossen, noch hat er je über die Unmöglichkeit jeglichen Vorhabens gehört, Gott zu beschreiben oder für das menschliche Verständnis erfassbar zu machen, wenn nicht eben als unerfasslich. Aber er betet, er betet viel, und im Gebet bekommt er jene Eingebung, welche die be­kanntesten kontemplativen Menschen weit entwickelt haben, ohne sie jemals übertref­fen zu können: „Wie Gott doch ist! Das kann man nicht aussprechen! Ja, das kann keiner jemals sagen!“

So viele Negationen in so wenigen Worten! die gesamte „negative“ Theologie der gröss­ten Mystiker seit Dionysos Areopagita ist da­rin enthalten, ist bei Francisco virtuell prä­sent.

So also ist Francisco, das kontemplative Kind, das Kind der apophatischen Stille, das Kind, das von der Heiligsten Dreifaltigkeit faszi­niert ist sowohl in ihrer absoluten Transzen­denz als auch von ihrem Einwohnen im In­nersten eines jeden von uns. So ist Francisco das Kind, dessen Kontemplation seinem Sinn für das praktische Leben und für die Hingabe keineswegs schadet, sondern beides sogar, ganz im Gegenteil, noch anregt und verfei­nert. (…)

Bezüglich dem Wort „Apophatismus“ hat Pfr. Gerald Hauser wie folgt geantwortet:

Im Zusammenhang mit den Kindern von Fati­ma kann „apophatische Stille“ einfach nur heissen, dass Francisco die Unsagbarkeit, Un­nennbarkeit, Unerkennbarkeit Gottes erfah­ren hat. Wie der hl. Thomas von Aquin, im­merhin der grösste Theologe unserer Kirche, der, nachdem er eine Vision Gottes gehabt hatte, nichts mehr geschrieben hat, weil ihm alles, was er je über Gott gesagt und ge­schrieben hatte, wie Stroh vorkam gegenüber der Herrlichkeit Gottes, die er schauen durf­te.

Und damit wurde aus diesem Mann, der so viel und so viel Gutes geschrieben hatte, ein Heiliger der „apophatischen Stille“.

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Quelle: Schweizer Fatima-Bote Nr. 77 3/2018

Siehe dazu auch:

Fides christianorum resurrectio Christi est — Ansprache Pauls VI. an die Teilnehmer des Symposiums über die Auferstehung Jesu, Rom, 4. April 1970

Der auferstandene Jesus und der Apostel Thomas, Detail, Freske aus dem 14. Jh., Oberkirche des Klosters Sacro Speco, Subiaco (Rom).

Sehr geehrte Herren,

Wir sind sehr gerührt über die warmherzigen, zuversichtlichen Worte, die der ehrwürdige Pater Dhanis in Ihrem Namen für Uns gefunden hat, und wir danken dem Herrn, der uns dieses Treffen mit hochrangigen Experten im Bereich der Exegese, der Theologie und der Philosophie bescherte, die gekommen sind, um sich brüderlich über ihre Arbeiten zum Geheimnis der Auferstehung Christi auszutauschen. Groß ist Unsere Freude über dieses Symposium, das dank der großherzigen Gastfreundschaft des Instituts „San Domenico“ in der Via Cassia veranstaltet werden konnte. Wir möchten den Verantwortlichen und allen Teilnehmern, die Wir hier begrüßen dürfen, Unseren herzlichen Dank aussprechen, vereint mit Unserer tiefen Wertschätzung, Unserem besonderen Wohlwollen und Zuspruch.

Wir wollen Ihnen hier in aller Einfachheit einige Denkanstöße geben, die uns dieses so bedeutungsvolle Thema der Auferstehung Jesu nahelegt, das Sie lobenswerterweise zum Thema Ihrer Arbeiten machen wollten.

1. Man muss wohl kaum betonen, welch große Bedeutung Wir – wie übrigens alle unsere christlichen Kinder, Brüder und Schwestern – dieser Studie beimessen. Ja, Wir möchten fast zu sagen wagen: die meiste Bedeutung messen Wir ihr bei – schon aufgrund der Rolle, die uns der Herr im Schoße Seiner Kirche zugedacht hat und die Uns zum privilegierten Zeugen und Glaubenshüter macht! Und dreht sich vielleicht nicht die ganze Evangeliengeschichte um die Auferstehung: was wären die Evangelien, die die Frohbotschaft des Herrn Jesus verkünden, ohne sie? Liegt vielleicht nicht gerade darin die Quelle der gesamten christlichen Verkündigung, angefangen beim ersten Kerygma, das ja gerade dem Zeugnis der Auferstehung erwächst (vgl. Apg2, 32)?

Ist es nicht vielleicht der Angelpunkt der gesamten Epistemologie des Glaubens, ohne den dieser seine Konsistenz verlieren würde, wie schon die Worte des Apostels Paulus besagen: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden […] dann ist euer Glaube sinnlos“ (vgl. 1Kor 15, 14)?

Ist es vielleicht nicht allein die Auferstehung Jesu, die der ganzen Liturgie, allen unseren „Eucharistiefeiern“ Sinn gibt, mit der Versicherung der Präsenz des Auferstandenen, den wir in der Danksagung feiern: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“ (Anamnesis)?

Ja, die ganze christliche Hoffnung gründet sich auf die Auferstehung Christi, in der unsere eigene Auferstehung mit Ihm „verankert“ ist. Ja, wir sind bereits mit Ihm auferweckt (vgl. Kol 3, 1): in den Stoff unseres christliches Lebens ist diese unerschütterliche Gewissheit und diese verborgene Wirklichkeit eingewoben, mit aller Freude und Dynamik, die sich daraus ergibt.

2. Und ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass ein derartiges Geheimnis – so grundlegend für unseren Glauben, so bereichernd für unseren Geist – im Laufe der Geschichte verschiedene Formen angenommen hat und nicht nur das leidenschaftliche Interesse seitens der Exegeten, sondern auch vielfältige Proteste hervorrief? Dieses Phänomen hatte sich schon zu Lebzeiten des Evangelisten Johannes gezeigt, der meinte, präzisieren zu müssen, dass der ungläubige Thomas aufgefordert worden war, die Male der Nägel zu berühren und seine Hand in die verwundete Seite des auferstandenen Wortes des Lebens zu legen(vgl. Joh 20, 24-29).

Wie sollte man hier nicht an die seither angestellten Versuche jener Gnosis denken, die in vielfältigen Formen immer wieder in Erscheinung tritt und die dieses Geheimnis mit allen Ressourcen des menschlichen Verstandes zu durchdringen und auf die Dimensionen rein menschlicher Kategorien zu verkürzen suchte? Eine mehr als verständliche Versuchung, und zweifellos eine unvermeidliche, aber mit der gefährlichen Tendenz, den Reichtum und die Tragweite dessen zu entleeren, was vor allem ein Fakt ist: die Auferstehung des Retters.

Noch heute – und das müssen Wir Ihnen gewiss nicht in Erinnerung rufen – haben wir die letzten dramatischen Folgen dieser Tendenz vor Augen, die nicht selten dazu führt, dass Gläubige, die sich Christen nennen, den historischen Wert des inspirierten Zeugnisses leugnen oder, in jüngerer Zeit, die leibliche Auferstehung Jesu in rein mythischer, spiritueller oder moralischer Weise interpretieren. Wie soll man die unleugbar zerstörerischen Auswirkungen nicht wahrnehmen, die diese schädlichen Diskussionen auf viele Gläubige haben? Aber Wir sehen das alles – wie Wir hier mit Nachdruck betonen – ohne Furcht: Heute wie gestern gelingt es dem Zeugnis „der Elf und der anderen Jünger“ nämlich, mit der Anmut des Heiligen Geistes den wahren Glauben zu erwecken: „Der Herr ist wirklich auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24, 34-35).

Paul VI. betet am Heiligen Grab.

3. Mit diesen Gefühlen verfolgen Wir also mit großem Respekt die hermeneutische und exegetische Arbeit, die so qualifizierte Männer der Wissenschaft wie Sie zu diesem wichtigen Thema leisten. Diese Haltung entspricht den Prinzipien und Normen, die die katholische Kirche für die Bibelstudien festgelegt hat; man muss nur an die bekannten Enzykliken Unserer Vorgänger denken: Providentissimus Deus von Leo XIII. aus dem Jahr 1893, und Divino afflante Spiritu von Pius XII. aus dem Jahr 1943 – oder an die dogmatische Konstitution Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils: Darin wird nicht nur die rechte Freiheit der Forschung anerkannt, sondern auch daran gemahnt, dass das Studium der Heiligen Schrift den heutigen Erfordernissen angepasst sein muss und es gilt, „sorgfältig zu erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten“ (vgl. Dei Verbum, Nr. 12). Diese Perspektive weckt auch in der Welt der Kultur Interesse und stellt eine Quelle neuer Bereicherung für die Bibelstudien dar. Wir freuen Uns, dass dem so ist. Wie immer zeigt sich die Kirche als gestrenge Hüterin der schriftlichen Offenbarung; und heute zeigt sie sich beseelt von einer berechtigten Sorge: Alles zu wissen, alles mit Unterscheidungsvermögen abzuwägen und den Bibeltext kritisch zu interpretieren. Auf diese Weise ist die Kirche, während sie sucht, das Denken der anderen zu kennen, darum bemüht, das zu überprüfen, was ihr eigen ist und den vielen aufrechten Geistern, die auf der Suche sind, die Gelegenheit offener und tröstlicher Begegnungen zu geben. Ja, die Kirche selbst kennt die Schwierigkeiten bei der Exegese von zweifelhaften und schwierigen Texten und weiß um die Nützlichkeit verschiedener Meinungen. So konnte schon Augustinus sagen: „Utile est autem ut de obscuritatibus divinarum Scripturarum, quas exercitationis nostrae causa Deus esse voluit, multae inveniantur sententiae, cum aliud alii videtur, quae tamen omnes sanae fidei doctrinaeque concordent“ (Ep. ad Paulinum 149, 3, 34: PL 33, 644) [Es ist überdies nützlich, dass hinsichtlich unklarer Stellen der Heiligen Schrift – durch die uns Gott ermöglicht, in Übung zu bleiben – viele Urteile gehört werden, solange diese nicht im Kontrast zur gesunden Glaubenslehre stehen].

Und die Kirche gemahnt ihre Kinder, stets unter Leitung des Augustinus, daran, die Lösung durch die Einheit von Gebet und Studium zu suchen: „Non solum admonendi sunt studiosi venerabilium Litterarum, ut in Scripturis sanctis genera locutionum sciant […], verum etiam, quod est praecipuum et maxime necessarium, orent ut intelligant“ (De doctrina christiana III, 37, 56: PL 34, 89).

[Was nun die Schrifterklärer angeht, sollten sie nicht nur dazu angehalten werden, die in der Heiligen Schrift gebrauchten literarischen Gattungen zu kennen […], sondern auch, und das ist das Wichtigste und Notwendigste, zu beten, um zu verstehen].

4. Aber kommen wir wieder auf das Thema Ihres Symposiums zurück. Uns scheint, dass das Ganze der Analysen und Reflexionen letztendlich mit Hilfe neuer Forschungen die Lehre bestätigt, die die Kirche bezüglich des Geheimnisses der Auferstehung anerkennt und bekennt. Wie schon Romano Guardini seligen Angedenkens in einer eindringlichen Glaubensmeditation so treffend erkannte, betonen die Evangelienberichte „oft und mit Nachdruck, dass der auferstandene Christus anders ist als er vor dem Pascha war, anders als die anderen Menschen. Seine Natur hat in den Erzählungen etwas Merkwürdiges. Sein Sich-Nähern erstaunt, erschreckt. Während er vorher ‚kam‘ und ‚ging‘, heißt es nun, dass er ‚auch den Elf erschien‘, als sie bei Tisch waren, dass er ‚verschwand‘“ (vgl. Mk 16, 9-14; Lk 24, 31-36). Körperliche Barrieren gibt es für ihn nicht mehr. Er ist nicht mehr an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden. Er bewegt sich mit einer neuen, auf Erden nicht gekannten Freiheit, gleichzeitig aber wird mit Nachdruck bekräftigt, dass Er Jesus von Nazareth ist, in Fleisch und Blut – der, der vorher mit den Seinen gelebt hatte, kein Gespenst.“ Ja, „der Herr ist verwandelt. Er lebt in anderer Weise als zuvor. Seine gegenwärtige Existenz ist für uns unverständlich. Doch ist sie leiblich, umfasst den ganzen Jesus […] ja, durch seine Wundmale umfasst sie sein ganzes gelebtes Leben, das Los, das ihn getroffen hat, sein Leiden und seinen Tod.“ Es handelt sich also nicht nur um das Überleben in Herrlichkeit seines „Ichs“. Wir haben es hier mit der Präsenz einer tiefen und komplexen Realität zu tun, einem neuen, vollkommen menschlichen Leben: „Das Durchdringen, die Verwandlung des ganzen Lebens, einschließlich des Leibes, durch die Präsenz des Heiligen Geistes […] Wir realisieren diese Umpolung, die sich Glaube nennt und die, statt Christus in Funktion der Welt zu denken, bewirkt, dass man die Welt und alle Dinge in Funktion Christi denkt […] Die Auferstehung lässt einen Keim erblühen, der schon immer in Ihm war.“ So können wir mit Romano Guardini sagen: „Wir brauchen die Auferstehung und die Verklärung, um wirklich verstehen zu können, was der menschliche Leib ist […] in Wahrheit hat nur das Christentum gewagt, den Leib in den tiefsten Geheimnissen Gottes anzusiedeln“ (R. Guardini, Le Seigneur, Übersetzung: R. P. Lorson, Bd. II, Alsatia, Paris 1945, SS. 119-126).

Angesichts dieses Geheimnisses sind wir alle von Bewunderung erfüllt, voller Staunen, genauso wie angesichts der Geheimnisse der Fleischwerdung und der jungfräulichen Geburt (vgl. Gregor, der Große, Hom. 26 in Ev., Brevierlesung am 1. Sonntag nach Ostern). Lassen wir uns also – mit den Aposteln – in den Glauben an den auferstandenen Christus einführen, der uns allein das Heil schenken kann (vgl. Apk 4, 12). Und wir sind auch zuversichtlich hinsichtlich der Gewissheit der vom Lehramt der Kirche garantierten Überlieferung, die auch zur wissenschaftlichen Forschung ermutigt und zugleich weiterhin den Glauben der Apostel proklamiert.

Meine lieben Herren, diese wenigen einfachen Worte zum Ausklang Ihrer gelehrten Arbeiten sollten Sie eigentlich nur ermutigen, in diesem Glauben damit weiterzumachen, ohne je den Dienst am Gottesvolk aus den Augen zu verlieren, das vollends neu geschaffen wurde, „damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1Pt 1, 3). Und wir, im Namen Dessen „der tot war und wieder lebendig wurde“, dieses „treuen Zeugen und Erstgeborenen der Toten“ (Apk 2, 8; 1, 5), erteilen Ihnen als Unterpfand Unseres herzlichen Dankes für Ihre Forschungen Unseren tief empfundenen apostolischen Segen.

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Quelle

Die Tagespost: „Ernsthafte: Gefahr“

Bei einer Tagung in Rom herrschte geladene Atmosphäre.

Von Guido Horst

Ist die katholische Kirche an dem Punkt, dass sie ihren obersten Repräsentanten auf Erden, den Nachfolger Petri, öffentlich korrigieren muss? Wenige Tage, bevor Franziskus sein fünftes großes Lehrschreiben – diesmal über den Ruf zur Heiligkeit – veröffentlicht hat, fand in Rom eine Tagung statt, deren Redner und etwa vierhundert Teilnehmer diese Frage wohl eindeutig mit Ja beantworten würden. Auf der einen Seite ein Papst, der zu den hehrsten Idealen des christlichen Lebens aufruft – und auf der anderen Seite ein lautstarker Teil des gläubigen Gottesvolks, der demselben Papst vorhält, seine Autorität missbraucht zu haben. Es geht um „Amoris laetitia“.

Aber nicht nur. Die völlige Neuausrichtung des Institutes Johannes Paul II. für Ehe und Familie sowie der vatikanischen Akademie für das Leben gehören ebenso zu den Steinen des Anstoßes wie die Irritationen, die Franziskus etwa mit seinen Scalfari-Interviews, mit der derzeitigen China-Politik des Vatikans oder zweideutigen Äußerungen auslöst. Seine sehr unpräzise Antwort auf die Frage nach der Kommunionzulassung eines nicht-katholischen, aber getauften Ehepartners beim Besuch einer lutherischen Gemeinde Roms im November 2015 („Sprecht mit dem Herrn und geht voran. Ich wage nicht mehr zu sagen“) hat jetzt angesichts des Streits in der Deutschen Bischofskonferenz über diese Frage wieder hohe Aktualität erhalten.

Die Frage, wie groß nun dieser „lautstarke Teil“ des gegen Franziskus protestierenden Gottesvolks ist, lässt sich in Zeiten des Internets nicht leicht beantworten. Zu der Veranstaltung im römischen Tagungszentrum „The Church Village“ am vergangenen Samstagnachmittag eingeladen hatte ein Kreis der Freunde des verstorbenen Kardinals Carlo Caffarra, die in Italien sehr wahrgenommenen (papstkritischen) Blogger Sandro Magister und Marco Tosatti bewarben das Treffen auf ihren Seiten. Ein Echo auf deren Aussendungen kommt dann meist verstärkt aus den Vereinigten Staaten, aber auch aus Frankreich, Spanien und Deutschland zurück – und schon hat das katholische Rom ein „Thema“.

Viele der Tagungsteilnehmer kamen aus der italienischen Lebensschutzbewegung, unter den Referenten waren die Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Leo Burke. Sonstige Bischöfe oder gar Kardinäle aus dem Vatikan waren natürlich nicht zu sehen. Den Auftakt des Treffens bildete die Videoaufzeichnung eines Interviews mit Kardinal Caffarra über die bleibende Bedeutung von „Humanae vitae“. Aber auch der vierte Kardinal des „dubia“-Briefs an den Papst, Kardinal Joachim Meisner, war in gewisser Weise präsent, weil Burke sich zu Beginn seiner Vortrags auf den Kölner Mitbruder bezog und erzählte, wie ihm Meisner nach dem einleitenden Vortrag von Kardinal Walter Kasper beim Konsistorium im Februar 2014 zu Beginn des synodalen Prozesses zu Ehe und Familie gesagt habe: „Alles das führt ins Schisma“.

Eine Tagung also im Geist der vier „dubia“-Kardinäle – aber inzwischen hat sich die Stimmung deutlich verschärft. Kardinal Burke legte in seinem Vortrag über die Korrektur eines Papstes, der seine Vollmacht missbraucht habe, dar, dass man diesem keinen Prozess machen könne, aber die Situation entsprechend des Naturrechts, des Evangeliums und der kanonischen Tradition in zwei Schritten bereinigen müsse. Als er vom ersten Schritt, der an den römischen Papst direkt gerichteten Aufforderung, den Fehler zu korrigieren, zum zweiten Schritt, der öffentlichen Verurteilung der päpstlichen Häresie, überleitete, explodierte in dem fensterlosen Kellersaal der mit den Händen zu greifende Unmut: eine Gruppe von Frauen – meist jung, einige mit Rosenkränzen in den Händen, keine Nonnen, aber dank züchtiger schwarz-weißer Kleidung einer geistlichen Gemeinschaft zuordenbar – fing an zu schreien: „Macht es“, „Wir kommen in die Hölle“, „Wir stehen hinter euch“, „Er ist häretisch“. Nach einer Pause fuhr Burke fort und zitierte schließlich den heiligen Paulus: Und wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel etwas anderes als das verkünden würden, was euch verkündet worden ist, „anathema sit“. Tobender Applaus.

Bereits vorher hatte Kardinal Brandmüller einen Vortrag über den Glaubenssinn des gläubigen Gottesvolks gehalten – einen Text, den diese Zeitung in ihrer letzten Ausgabe im Wortlaut veröffentlicht hat. Die Botschaft war eindeutig: Wenn ein Irrtum in der Kirche grassiert – früher der Arianismus, heute die Konsequenzen von „Amoris laetitia“ –, der Papst aber nicht antwortet – wie auf die „dubia“ –, ist das gläubige Volk gefordert. Und zwar das gläubige Volk, das das Neue Testament „Heilige“ nennt, nicht aber Verbände oder Gremien, die Umfragen beantworten.

Die Tagung, die sich als Motto den Satz „Nur ein Blinder kann leugnen, dass es in der Kirche eine große Verwirrung gibt“ aus den letzten Lebensmonaten Kardinal Caffarras gewählt hatte unter dem Titel „Kirche, wohin gehst Du?“ stand, endete mit einer Erklärung, die im Wesentlichen die Argumentation der fünf „dubia“ wiedergab. Angesichts einander widersprechender Auslegungen von „Amoris laetitia“ breite sich unter den Gläubigen weltweit wachsende Ratlosigkeit und Verwirrung aus.

„Die dringende Bitte von nahezu einer Million von Gläubigen, von mehr als 250 Gelehrten, ja von Kardinälen um eine klärende Antwort des Heiligen Vaters auf diese Fragen ist bis heute nicht erhört worden.“ Und in dieser so entstandenen „ernsten Gefahr“ für den Glauben und die Einheit der Kirche „wissen wir, getaufte und gefirmte Glieder des Volkes Gottes, uns zum Bekenntnis unseres katholischen Glaubens aufgerufen“. In sechs Punkten werden nochmals die Argumente der Kritiker von „Amoris laetitia“ und des „dubia“-Briefs zusammengefasst, um mit dem Satz zu schließen: „In dieser Zuversicht bekennen wir unseren Glauben vor dem Obersten Hirten und Lehrer der Kirche samt den Bischöfen und bitten sie, uns im Glauben zu stärken.“

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