Der Sedisvakantismus widerlegbar?

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Kommentator-Beitrag von Salvatore

Diese Artikelreihe richtet sich in erster Linie an Katholiken, welche der irrigen Hypothese der Sedisvakanz einige Sympathien entgegenbringen, jedoch noch nicht restlos davon überzeugt sind. Zu den vielen schon publizierten Artikeln sollen meine Beiträge weitere Argumente einbringen, um dieser fehlerhaften Auffassung auf Augenhöhe Paroli bieten zu können. Selbstverständlich beanspruche ich keine Irrtumslosigkeit. Den Sedisvakantisten kann ich jedoch versichern, dass ich Ihnen meinen Respekt und vor allem mein Gebet zukommen lasse.

 

Der Papst wird von niemandem gerichtet

Bei diversen Debatten und Diskussionen über den Papst, wird seitens aller Disputanten immer wieder vorgebracht, dass das alte Kirchenrecht im CIC 1556 festhält: Prima Sedes a nemine iudicatur [1], weil der Papst keinen höheren irdischen Richter hat.[2] Einige mögen denken, dieses Axiom zum Ersten Mal durch das I. Vatikanische Konzil vernommen zu haben, doch es kann bis ins 4. Jahrhundert zurückverfolgt werden.[3] Papst Nikolaus I. schreibt im Brief Propsueramus quidem an Kaiser Michael vom 28. September 865 folgendes:

„[…] Weder vom Kaiser, noch vom ganzen Klerus, noch von Königen, noch vom Volk wird der Richter gerichet werden… Der erste Sitz wird von niemandem gerichtet […]“[4]

Die Päpste, der Hl. Leo IX in der Epistel In Terra Pax Hominibus (1083 n. Chr.) und Gregor VII in Dictatus Papae (1075 n. Chr.), wiederholen die Lehre von Papst Nikolaus I. Weitere Theologen wie der Johannes von St. Thomas, Kardinal Thomas Cajetan und Francisco Suarez verteidigen dieselbe Lehre in ihren theologischen Schriften.[5]

Da der Papst nicht gerichtet werden kann, besitzt niemand die Autorität, den Papst als höchste Instanz zu richten, gemäss dem Prinzip ‚der Obere wird nicht vom Untergegeben gerichtet’. Trotzdem befinden sich in unserer verwirrten Zeit nun viele Katholiken, insbesondere die Sedisvakantisten, die ohne Skrupel ein privates Urteil über den Papst aussprechen können. Sie wenden das Kirchenrecht auf den Papst an, um ihre Konklusionen der „sede vacante“ zu stützen und behaupten gleichzeitig, dass das Kirchenrecht nicht auf den Papst anwendbar sei.[6]

In der ganzen katholischen Literatur sucht man vergeblich nach Aussagen des ordentlichen oder außerordentlichen „Magisteriums“, welches das private richterliche Entscheiden theologisch befürwortet, unterstützt oder lehrt. Wirft man jedoch einen Blick über den Tellerrand der eigenen Religion hinaus und bedient sich der Argumentation der Protestanten, dann ist privates Urteilen gleichermaßen ohne Einschränkung erlaubt.

 

Den richtigen Sinn von „Auctorem Fidei“ wiedergeben

Die richtige Bewertung der Apostolischen Konstitution „Auctorem Fidei von Papst Pius VI“ ist von großer Bedeutung. Im richtigen Licht gelesen bedeutet nachfolgende Verurteilung,

[…]„desgleichen (ist der Satz) der behauptet, es müsse nach den natürlichen und göttlichen Gesetzen bei der Exkommunikation und bei der Amtsenthebung eine persönliche Prüfung vorausgehen, und deshalb hätten die sogenannten „ipso facto“  – Verurteilungen (=aufgrund des Tatbestandes selbst) keine andere Bedeutung außer der einer ernsthaften Drohung ohne irgendeine tatsächliche Wirkung.“ [7] […]

 eben nicht, dass Exkommunikationen und Amtsenthebungen ohne persönliche Prüfung der kirchlichen Autoritäten durchgeführt werden, sondern die Synodenteilnehmer von Pistoia die die Meinung vertraten, dass „eintretende Urteile keine Gewalt haben“ und daher („ipso facto“) Verurteilungen keine tatsächliche Wirkung hätten. Diese Ansicht wurde berechtigterweise durch Papst Pius VI. mit der Apostolischen Konstitution „Auctorem Fidei“ gebrandmarkt und darum geht es heute noch. Vor der Exkommunikation und Amtsenthebung eines Klerikers geht weiterhin eine persönliche Prüfung voran, bevor der Kleriker des Amtes enthoben wird und die Jurisdiktion verliert.

 

Erklärungen zur Exkommunikation von Klerikern

Im kanonischen Recht gibt es zwei verschiedene Strafarten der Häresie. Die Beuge- und Sühnestrafe. Die kanonische Beugestrafe kann jemand durch eine von zwei Wegen zugezogen werden: Entweder ferendae sententiae (Spruchstrafe durch die kirchlichen Autoriät) oder latae sententiae (Tatstrafe tritt automatisch ein -> ipso facto, durch Kraft des Gesetzes selbst). Die Exkommunikation (latae sententiae) wird automatisch hervorgerufen, wenn jemand bewusst und wissentlich [8] eine Strafhandlung [9] begeht. Solche Exkommunikationen können öffentlich [10] oder verborgen [11] sein und brauchen per se keine Feststellung oder Warnung. Obschon die Beugestrafe der Exkommunikation von sich heraus nicht immer eine Spruchstrafe (ferendae sententiae) benötigt, gibt das Kirchenrecht klare Richtlinien, wann eine Spruchstrafe durch die kirchlichen Autoritäten erfolgen muss, nämlich dann, sobald es das kirchliche Allgemeinwohl erfordert. [12] Die Sünde der Häresie, wie viele Sedisvakantisten meinen, ist nicht der Grund für den Verlust des Amtes und der Jurisdiktion eines Klerikers, sondern die Feststellung der Straftat der Häresie im „forum externum“ durch kirchliche Autoritäten. Eine Häresie im „foro internum“ kann zwar zu einer verdeckten Exkommunikation (latae sententiae) führen, diese ist jedoch nur für Gott sichtbar und allein im Herzen des Menschen vorhanden. Die verdeckte Exkommunikation ist nur eine Beuge- und keine Sühnestrafe (Amtsverlust und Jurisdiktionsverlust) wegen der internen Sünde, weil die Kirche diesen Bereich gar nicht verurteilen kann. Da die verdeckte Exkommunikation wesentlich unsichtbar für andere bleibt, hat der Kleriker ebenso die Beugestrafe der Exkommunikation formaliter nicht erlitten. Die Frage des Amtsverlustes bei einer Exkommunikation beantwortet kanonische Recht so:

„Ein Akt der Jurisdiktion verursacht durch eine exkommunizierte Person, ob im internen oder im externen Forum, ist unerlaubt, und wenn eine verurteilende und deklaratorische Strafe ausgesprochen wurde, ist sie ebenfalls ungültig, ohne Präjudiz Kan. 2261, §3, ansonsten ist sie gültig.“ [13]

Wie wir jetzt festellen können, ist es tatsächlich möglich, dass ein Kleriker, welcher nicht im externen Forum verurteilt ist, das Amt und die Jurisdiktion weiterhin behält. Ebenso ist der Prälat als verborgener Häretiker (latae sententiae) eine Person, welche zwar unerlaubte aber gültige Akte setzt.

 

Fortsetzung folgt!

 

[1] CIC 1556 von 1917 (Uebersetzung: Der erste Sitz wird von niemanden gerichtet)

[2] Grundriss der katholischen Dogmatik, Ludwig Ott S. 405

[3] Als Beispiel, schrieb Cajetan über den Fall von Papst Marcellinus (304 A. D.): Als der Papst die Anklage wegen Götzenanbetung hat hinnehmen müssen und das Konzil welches sich gerade versammelt hatte, sein zerknirschtes Herz sah, sagten sie ihm: „Richte dich selbst. Der erste Sitz kann nicht gerichtet werden“ (Cajetan, De Comparatione Auctoritatis Papae et Concilii)

[4] DH 638

[5] True or False Pope, John Salza und Robert Siscoe S. 279

[6] Ci-Devant am 26. Oktober 2016 um 15:06: https://poschenker.wordpress.com/2016/10/23/kardinal-walter-kasper-amoris-laetitia-bruch-oder-aufbruch-eine-nachlese/#comment-30155

[7] DH 2647

[8] Ein formelle Häresie im „foro internum“ zunächst einmal, sie kann ins „forum interum“ übergehen

[9] darunter fallen unter anderem: die Apostasie, die Häresie und das Schisma

[10] öffentlich, Exkommunikation durch kirchliche Autorität, durch Bekannheit der Fakten für die Allgemeinheit, z.B. ein Priester wird geschlagen und Personen beobachten diese Straftat

[11] formelle Häresie im „forum internum“

[12] Kanon 2223, §4 von CIC 1917

[13] Kanon 2264 von CIC 1917

„DSpecht“: Partielle Widerlegung bzw. Korrektur der herkömmlichen Sedisvakanzthese aufgrund der Berücksichtigung von „Ecclesia supplet“

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Kommentator-Beitrag (vorgelegt von dspecht)

I. Ich neigte – und neige ja gerade unter Bergoglio immer noch – der Sedisvakanzthese zu, gehe also sicher unvoreingenommen an die Sache heran, ja wenn voreingenommen, dann sogar proSedisvakanz(these). Und hätte daher auch nichts dagegen, dass durch substantielle, sachliche Kritik sich meine Thesen hier als widerlegbar erweisen würde.

II. Es sind aber gerade sachliche und wie ich meine eindeutige, geradezu zwingende Gründe, die mich eben zwingen das zu schreiben, was ich nun schreibe – und eben neue Erkenntnisse, die bisher in der ganzen Debatte nicht ventiliert wurden, ja offenbar übersehen wurden, obgleich sie so klar und eindeutig sind, dass dies geradezu verwunderlich ist.

III. Es ist kurz gesagt der Umstand des error communis (und c. 209) wie auch der Umstand fehlender amtlicher (Feststellungs-)Urteile (und cc. 2264/65) [CIC 1917- im Folgenden immer dieser; parallel-analog dazu aber im CIC1983].

IV. Wie kam ich darauf? Nun, zuerst wurde ich auf den Gedanken des error communis in unserem Zush. durch Schriften des sog. „Sedisprivationismus“ („Cassiciacum-These“) aufmerksam, welchem ich ebenfalls zuneigte (was aber nicht mehr der Fall ist, zumindest nicht in allen seinen Punkten, weil ich diesen inwzischen als – zumindest eben in einigen Punkten, aber in Wesentlichen – als unhaltbar ansehe). Und auch der Sedisvakantist John Lane berücksichtig etwa den error communis.
Dort wird der error communis jedoch nur am Rande erwähnt und gemeint, über diesen würde nur für einige wenige Akte der vermeintlichen Amtsträger die fehlende Jurisdiktion suppliert,  sodass die Akte gültig wären, aber mitnichten für alle schlechthin. Mir selbst wurde dann durch Studium des c. 209 bzw. der katholischen Suppletionslehre dazu bald klar, dass diese Ansicht nicht haltbar ist: Denn entweder liegt kein error communis vor und dann wird eben gar nicht suppliert (bzw. zumindest nicht aufgrund von error communis) – oder aber ein solcher liegt vor, dann wird schlicht für alle Amtsakte suppliert bzw. alle fehlende Jurisdiktion wird suppliert. Der Wortlaut von c. 209 ist klar und ohne Einschränkung: Im Fall eines errror communis wird die fehlende Amtsgewalt pro foro interno wie auch por foro externo suppliert. Punkt. Ohne Einschränkung. –

Daher vertrat ich schon länger die Auffassung, dass die Amtsakte resp. die Jursidiktion der (nach)konziliaren Päpste (und Bischöfe), wenn man von Sedisvakanz bzw. Verlust der Amtsgewalt ausgeht, an sich suppliert würde, also alle Akte bzw. alle fehlende Jurisdiktion in allen Fällen — ausgenommen die unter die Unfehlbarkeit fallenden. Mit letzterer Ausnahme konnte ich den Sedisvakantismus als Lösung für die ekklesiologischen Probleme noch retten und dachte, diese Ausnahme sei auch inhaltlich angezeigt und somit rechtfertigbar (auch wenn c. 209 nicht darüber spricht), weil ich dachte, der Aspekt der Unfehlbarkeit wäre kein Aspekt der Jurisdikition selbst und würde daher eben nicht mitsuppliert.

 

Ich kam aber dann darauf, dass die Unfehlbarkeit doch ein solcher Aspekt der Jursidiktion selbst ist, ja einfach in der plena iurisdictio mit eingeschlossen ist – also die höchste Jurisditkionsgewalt mit der Unfehlbarkeit in eins fällt bzw. letztere wesenhaft mit dieser verbunden ist, von dieser ausgeht. Würde also die Jurisdiktion ersetzt, dann auch jene, die Unfehlbarkeit zur Folge hat. Damit wäre dann aber die Sedisvakanztheorie plötzlich als Problemlösung der ekklesiologischen Problem in sich zusammengebrochen und völlig untauglich, ja unhaltbar.

Dazu kam, dass ich auch auf die cc.2264/65 bzw. weitere rund um sie herum aufmerksam wurde, welche zum Thema die unterschiedlichen Rechtsfolgen bei ipso facto Exkommunikationen, welche amtlich festgestellt sind einerseits und ipso facto Exkommunikationen, welche amtliche (noch) nicht festgestellt sind andererseits haben – und besagen, dass die Amtsakte letzterer, wenn auch unerlaubt, so dochgültig sind.

Und mir fiel auf, dass diese cc. ja in bester Harmonie zu meiner Erkenntnis bzgl. c. 209 standen, dass die betreffenden Amtsakte eben auch aufgrund von error communis allfenfalls unerlaubt, aber dennoch/jedenfalls gültig wären.

V. Was macht mich (inzwischen) so sicher? Nun, zunächst sind eben die soeben dargelegten Überlegungen an sich schon überzeugend, geradezu zwingend – und eben der Wortlaut der cc.
Dazu kommt aber – inzwischen – noch, dass ich auch auf (mein Auffassung) bestätigende Auslegungen von Kanonisten, und eben von mehreren und hervorragenden bzw. aus Standardwerken, gestoßen bin.
So etwa Miaskiewicz in seiner Doktorarbeit zu Eccl. supplet, dann stieß ich jüngst auf den Artikel „Excommuncation“ der Catholic Encyclopedia von 1913 und schließlich noch auf Laymann und Billuart.
Auch wurde mir – inzwischen – klar, dass auch Bellarmin und andere dem nicht widersprechen, wenn nicht sogar in völliger Harmonie damit argumentieren, zumindest was den error communis betrifft.

VI. Was ist denn nun kurz und prägnant zusammengefasst die neue Erkenntnis (aufgrund der genannten cc. und deren klarem Wortlaut wie auch der  Auslegung der besagtem Kanonisten)?

Nun, wie schon oben unter IV. angerissen, dass gleich aus zweifachem Grund bzw. unter zweifachem Aspekt die Amtsakte der (nach-)konziliaren Päpste, wenn denn Sedisvakanz herrschte bzw. sie ihr Amt verloren (resp. nie rechtsgültig angetreten) hätten, zwar (allenfalls) unerlaubt, aber (dennoch/jedenfalls) gültig wären:

Sowohl aufgrund des ohne Zweifels vorliegenden error communis (nach c. 209) als auch des Umstandes der ebenso sicher fehlenden amtlichen Urteile (nach den cc. 2264/65) – weil die an sich fehlende Jurisdiktion suppliert/rechtlich delegiert würde.

Also egal auf welchen Rechtsgrund man sich für den Verlust der Amtsgewalt (resp. die nie rechtsgültige Erlangung derselben) stützen wollte, sei es auf den Kirchenausschluss und somit den Verlust der Mitgliedschaft bzw. der Mitgliedschaftsrechte in der Kirche aufgrund einer Strafe, nämlich der Exkommunikation aufgrund von Häresie/Apostasie (nach c. 2314) oder aber den Verlust der Kirchenmitgliedschaft bzw. der Kirchenmitgliedschaftsrechte und der Amtsinhabe aufgrund eines stillschweigenden Amtsverzichtes aufgrund von Häresie/Apostasie (nach c. 188) – beides mal würde c. 209 greifen und die Amtsgewalt/Jursidiktionsgewalt suppliert werden und im ersteren Fall würde auch noch c. 2264/65 greifen (wahrscheinlich würden diese cc. indirekt / in zweiter Linie auch im zweiten Fall greifen, weil der stillschweigende Amtsverzicht nach c. 188 zugleich eine Exkommunkation nach c. 2314 nach sich zöge und der Betreffenden dann ebenfalls unter die Bestimmungen der cc. 2264 u. 2265 fallen würde).

So oder so wären jedenfalls die Amtsakte gültig (wenn auch – evtl – unerlaubt).

Bestätigend sei hier als ein Beispiel Laymann zitiert (nach http://www.trueorfalsepope.com/p/sedevacantist-watch-renowned.html):

„But note that, although we affirm that the Supreme Pontiff, as a private person, might become a heretic … nevertheless, for as long as he is tolerated by the Church, and is publicly recognized as the universal pastor, he is still endowed, in fact, with the pontifical power, in such a way that all his decrees have no less force and authority than they would if he were a truly faithful, as Dominic Barnes notes well (q.1, a. 10, doubt 2, ad. 3) Suarez bk 4, on laws, ch. 7.“

Das sind genau die beiden Punkte/Aspekte, die auch ich bisher genannt habe und wie sie in den cc.2264 u. 2265 resp. dem c. 209 festgehalten sind:
Die Amts- bzw. Jurisditkionsakte wären gültig und verpflichtend
1. solange der betreffende von der Kirche toleriert – weil nicht (hinreichend) amtlich verurteilt und daher auch nicht, zumindest was die Gültigkeit betrifft, aus dem Amt entfernt – würde (wie das nun im Codex von 1917 nach den cc. 2264 und 2265 der Fall ist)
und 2. solange eine error communis herrschte, der Betreffende also allgemein, wenn auch irrtümlich, als Amtsinhaber angesehen würde (wie das nun nach c.209 der Fall ist).

VII. Warum ist damit aber die Sedisvakanzthese a) widerlegt bzw. b) zumindest als untauglich zur Lösung der ekklesiologischen Probleme erwiesen?

– Nun, weil diese These eben sagt – und darin der Kern ihrer Argumentation besteht -, dass die Amtsakte der (nach)konziliaren – vermeintlichen – Amtsträger aufgrund von Amtsverlust (resp. nicht rechtsgültigem Amtsantritt) alle ungültig (gewesen) seien.

Nun, wie eben dargelegt und bisher von allen übersehen (! – ein fundamentales, schwerwiegendes Übersehen!) wären die Amtsakte aber selbst unter der Annahme dieses Amtsverlustes (resp. nicht-Antritts) gar nicht ungültig, sondern vielmehr gültig!

Damit bricht die Argumentation der Sedisvakanzthese in sich zusammen.

Die Sedisvakanzthese kann v.a. das nicht einlösen, was sie verspricht, nämlich das Problem der offenbar unfehlbaren bzw. mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit auftretenden / unter diese Unfehlbarkeit fallenden, aber in sich schlechten / irrigen (nach)konziliaren – vermeintlichen – Amtsakte zu lösen.

VIII. Welches ist denn näherin die Argumentation des „Sedisvakantismus“ und warum ist diese also als gescheitert anzusehen?

Nun, die „Sedisvakantisten“ geben meist selbst zu, dass ein direkter Beweis für die Sedisvakanz nur schwer (bis unmöglich) sei, also der direkte Nachweis des Amtsverlustes aufgrund von Häresie/Apostasie (oder noch weiterer Umstände bzw. Gründe) – weil eben schwierig (bis unmöglich) ist, den (nach)konziliaren – vermeintlichen – Amtsinhabern eine klare, eindeutige materielle und dann v.a. auch nochhartnäckige (bzw. formelle) Häresie/Apostasie nachzuweisen.

Sie argumentieren, dass dies aber durch einen indirekten Beweis gehe, nämlich dass der Amtsverlust (resp. nicht-Antritt) die logisch einzig mögliche Lösung für das ekklesiologische Problem der – anscheindend – unfehlbaren, aber in sich schlechten / irrigen Akte der (nach)konzilaren Päpste sei.

Sie argumentieren nämlich so, dass diese Akte ungültig sein müssen und dass die einzig logische oder zumindest faktische Möglichkeit dafür die Sedisvakanz sei, also dass die vermeintlichen Amtsinhaberkeine wahren (gewesen) seien, dass sie ihr Amt verloren (resp. nie rechtsgültig angetreten) hätten.

Nun, abgesehen von der Problematik, die Sedisvakanz als logisch oder doch faktisch (und somit doch dann logisch in ihrem Syllogismus) einzige Möglichkeit der Lösung des ekklesiologischen Problems, alseinzige Möglichkeit des Nachweises der Ungültigkeit der Amtsakte hinzustellen:

Gerade faktisch hat sich nun das genaue Gegenteil ergeben, dass nämlich, die Sedisvakanzthese vom Amtsverlust (resp. nicht-Antritt) einmal angenommen, – unter den faktisch gegebenen Umständen – immer noch die Gültigkeit der Amts- bzw. Jurisdiktionsakte gegeben wäre.

Somit hat sich die Sedisvakanzthese also zumindest b) als untauglich zur Lösung der ekklesiologischen Probleme erwiesen – die Akte wären ja doch gültig (anders als von den „Sedis“ vermeint – weil sie eben die cc. 209 und 2264/65 übersehen bzw. in ihrer Tragweite nicht erkannt haben!), die Probleme also weiter da!

Und da somit der indirekte Beweis scheitert und wenn es richtig ist, dass der direkte schwer bis unmöglich ist, wäre damit a) auch die (gesamte) Sedisvakanzthese widerlegt.

Oder nochmal anders verdeutlicht:
Die Sedisvakantisten stellen normalerweise folgenden Syllogismus auf:
(1.) Viele vermeintlichen (nach-)konziliaren Amtsakte (Promulgation der Konzilstexte, der Neuen Messe, des Neuen Kirchenrechts, Kanonisationen, etc.) sind (in sich) schlecht / verderblich / unkatholisch / irrig, ja häretisch / falsch
(2.) Die heilige und unfehlbare Mutter Kirche – das (unfehlbare) Lehr- und Hirtenamt der Kirche – kann uns aber keine schlechten / verderblichen / unkatholischen / irrigen Lehren / Liturgien / Gesetze etc. vorlegen
(3.) Ergo: können es keine wahren Amtsakte des Lehr- und Hirtenamtes sein, keine gültigen.
(4.) Ergo: können die vermeintlichen Amtsträger, die sie promulgiert/vorgelegt haben,  keine wahren sein, müssen also ihr Amt verloren oder nie rechtsgültig angetreten haben.
Nun, der logische Fehler liegt beim Übergang von (3.) zu (4.) (wenn man denn mal die Prämisse (1.) „kauft“; Prämisse (2.) scheint unproblematisch): (4.) ist eben nicht die einzige mögliche Lösung um (3.), also die Ungültigkeit / nicht Rechtsverbindlichkeit der Akte zu, zu begründen. (4.) folgt also logisch nicht aus (3.).
Zudem hat nun unsere Arbeit hier gezeigt, dass sogar das Gegenteil der Fall ist und dieser indirekte Beweis für die Sedisvakanz sogar widerlegt ist (Die Sedisvkanzthese (4.) ist also nicht nur nicht die einzige mögliche Lösung für das ekklesiologische Problem welches sich aus (1.) und (2.) ergibt (und in (3.) mündet), sondern positiv erwiesener maßen keine Lösung dafür!):
Denn auch unter Annahme der Sedisvakanz, also (4.), wären die Akte wie gezeigt eben doch gültig (aufgrund zumindest supplierter Jurisdiktion – nach c. 209 bzw. c. 2264/65)!
Aus (4.) würde also – unter den gegebenen Umständen – nicht nur nicht zwingend (3.) folgen, sondern (3.) folgte sogar tatsächlich gar nicht daraus, ja  vielmehr sogar das kontradiktorische Gegenteil von (3.), nämlich das die Akte gültig wären!!
Damit ist also der Sedisvakantismus a) widerlegt bzw. b) zumindest als gerade nicht die Lösung des ekklesiologischen Problems seiend erwiesen, also als unhaltbar zur Lösung dieses ekklesilogischen Problems, was er versprach zu lösen (und damit eben, falls ein direkter Beweis nicht möglich wäre, indirekt widerlegt, s.o.).
Nur wenn ein direkter Beweis möglich wäre – und bei Bergoglio-Franz neige auch ich dazu, dass dem so ist – wäre die Sedisvakanzthese doch haltbar. Die ekklesiologischen Probleme könnte sie jedenfalls aber nicht lösen!

IX. Erneute Darstellung des soeben in VI. Dargelegten, nochmal in Thesenform zweier Hauptthesen:

Thesen des Sedisvakantismus:

1. These (welche, wie selbst Sedisvakantisten zugeben, nur schwer bis unmöglich direkt zu beweisen ist):
Die (nach)konziliaren – vermeintlichen – Amtsinhaber haben aufgrund von Häresie/Apostasie ihr Amt verloren (resp. nie gültig angetreten).
2. These (welche (i) die ekklesiologischen Probleme / das ekklesiologische Problem der (nach)konziliraren – offenbar – schlechten – vermeintlichen – Amtsakte lösen soll und (ii) zugleich als indirekter Beweis für obige 1. These gilt):
Die 1. These muss stimmen, weil dies die einzig mögliche Lösung für das ekklesiologische Problem der offenkundig irrigen, in sich schlechten – vermeintlichen – (unfehlbaren) Amtsakte dieser – vermeintlichen – Amtsträger ist, weil dies Akte dadurch als ungültig erwiesen wären weil nicht von wahren Amtsträgern, Amtsinhabern herrührend.
Da wie gezeigt die Amts- bzw. Jurisdiktionsakte aber doch gültig wären, selbst unter Annahme der 1. These, so erweist sich die 2. These als falsch, als unhaltbar.
Sie macht den Fehler vom Umstand, dass die vermeintlichen Amtsträger keine wahren (gewesen) wären, darauf zu schließen, dass deren Amts- bzw. Jurisdiktionsakte – zwingend – ungültig (gewesen) wären (was eben, wie oben gezeigt, nicht der Fall ist, aufgrund von mind. supplierter Jurisdiktion!).
Der Sedisvakantismus schließt zwar richtig, dass scheinbare Amtsträger, die in Wirklichkeit keine sind, keine ordentliche Jurisdiktionsgewalt besäßen.
Sie schließen aber voreilig und unrichtig, dass daraus auch schon die Ungültigkeit der von diesen gesetzten Amtsakte folgte, weil sie, die „Sedis“, übersehen, dass die vermeintlichen Amtsträger doch wenigstens außerordentliche, supplierte Jurisdiktion besitzen würden, welche die Gültigkeit der Amtsakte zur Folge hätte!

Der Sedisvakantismus ist also zumindest b) bzw. (i) keine Lösung für die ekklesiologischen Probleme.

Da dies aber den eigentlichen Grund der Aufstellung und Begründung der Sedisvakanzthese überhaupt betrifft und diese These – die 1. These – eben nur schwer bis gar nicht direkt beweisbar, daher ist der Sedisvakantismus a) (bzw. über (ii) die Widerlegung des indirekten Beweises dafür) auch an sich widerlegt  (es sei denn im Einzelfall glückte eben ein direkter Beweis. Die ekklesiologischen Probleme wären damit aber immer noch nicht gelöst, dafür könnte die Sedisvakanzthese also jedenfalls nicht dienen, man muss sich also jedenfalls nach einer anderen Lösung dieser Probleme umschauen).

X. Fazit: Neben dem Fazit, dass die Sedisvakanzthese a) widerlegt (zumindest nach dem indirekten Beweis für sie) oder b) zumindest eben untauglich zur Lösung der ekklesiologischen Probleme ist, das soeben schon in der Klammer genannte: Die Lösung dieser Probleme (Promulgation der Neuen Liturgie etc. bis hin zu den jüngsten Heiligsprechungen bzw. „Heiligsprechungen“ [bzw. „Eiligsprechungen“], welche in der Tat unkatholisch scheinen, ja unserer Ansicht auch sind) muss anderweitig gesucht werden. Dazu dann in einer späteren Abhandlung.

„Alexius“: PASSION DER KIRCHE

Kommentator-Beitrag

Die Kirche, unsere geliebte Kirche, können wir heute nur noch mühevoll erkennen. Sie ist in die heilige Passion eingetreten und geht ihrem Triumph entgegen. Dennoch bleibt sie unsere Mutter, sie kann uns nicht täuschen, sie kann uns keinen falschen Weg zeigen. Doch alles was wir heute schmerzlich erleben, wird das nicht  der unzerstörbaren Kirche, die das Privileg der Irrtumslosigkeit an sich trägt, angelastet im Hinblick der vermeintlich irrtumsfähigen Amtsträger, die aber längst sich außerhalb dieser Katholischen Kirche befinden. Doch dies alles wird der Kirche selbst angelastet. Das ist ihre Passion. Wie man den Herrn verbrecherischen Tuns bezichtigt hat, so geschieht es heute mit der Kirche.

Die Kirche ist in die Passion des Herrn eingetreten. Sie wird ebenso geschmäht wie der Herr, ihre Heiligtümer geschändet. Diese unsere Kirche muß alles erfahren, was der HERR selbst erlitt: Verrat, Verurteilung, Leiden und Tod, dann aber wird sie auferstehen.

Heute muß die Kirche Entehrung ertragen, ja Verleumdung, daß sie es sei, die die Gläubigen in die Irre führt, daß sie es ist, die durch ihre falsche Verkündigung Unzählige ins Verderben zieht. Das ist das Leiden der Kirche, ihre Passion!

Die Kirche muß das Opferleiden und den Opfertod als Mystischer Leib Christi, als fortlebender Christus selbst erdulden und mitvollziehen und wir – die Glieder – mit ihr! Die Passion der Kirche wird zu einer Wirklichkeit des persönlichen Miterleidens auch für jeden von uns, der die Kirche liebt, wirklich liebt. Was heute vor sich geht, ergreift uns mit tiefer Bitternis, der wir machtlos ausgeliefert sind. Wir erleben eine Tragödie wie nie zuvor.
Mehrmals haben die Feinde versucht, Hand an die Kirche zu legen. Aber solange ein wahrer Fels vorhanden war, konnte die Gefahr abgewendet werden. Auch war die Stunde noch nicht gekommen, wenngleich der Verrat schon geboren war: die modernistischen Irrlehren.

Aber vor dem Verrat erlebte die vorkonziliare Kirche noch den Triumph des Palmsonntags des Christkönigs. Und gerade die katholische Jugend war maßgeblich daran beteiligt. Sie schnitten die Zweige von den Bäumen ihrer jugendlichen Ideale und in begeisterten Sühnenächten, Andachten, Exerzitien, Wallfahrten und Kundgebungen schwuren sie Christus, dem König die Treue.

Und dann kam der Verrat, plötzlich über Nacht, doch lange zuvor vorbereitet, denn Verschwörung und Verrat werden nicht im Licht, sondern in der Nacht geschmiedet. Der Verrat setzte mit der Liturgiereform ein, er setzte ans Herzstück der Kirche selber an, am Wesenselement der Kirche: am Meßopfer der Kirche. „Jesus tauchte den Bissen ein und reicht ihn Judas, dem Sohne Simons aus Karioth. Da, nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.“ (Joh. 13,27) Wenn man sieht, was mit der Hl. Messe geschehen ist, muß man nicht an diese Stelle denken? Machen sie nicht eine Fasnacht, eine Entheiligung und Entweihung des größten Mysteriums daraus?

Durch die unheilvolle Öffnung zur Welt haben sich die Pforten der Hölle selbst geöffnet. Von dem Augenblick an, als die Heilige Messe nicht mehr Opfer war, begann die Passion, das Opferleiden der Kirche.

Dann tritt die Kirche ein in die Einsamkeit und Verlassenheit von Gethsemane, und die Apostel schliefen – die Bischöfe schlafen. Und der Verräter naht. „Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen, Mich zu ergreifen mit Schwertern und Knüppeln“… Da verließen Ihn alle seine Jünger und flohen.“ (Mt. 26,55 ff.) Wie viele Jünger, Priester, Mönche, Ordensfrauen fliehen, verlassen fluchtartig Pfarreien, Klöster, Heime und Ordenshäuser. Nur die Kirche ist allein, allein mit den stillen, leidenden, betenden und sühnenden Seelen.

„Die Jesus ergriffen hatten, führten Ihn zu Kaiphas, dem Hohenpriester, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten. Petrus aber folgte ihnen von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters. Und er ging hinein und setzte sich unter die Diener um zu sehen, wie die Sache ausging.“ (Mt. 26,57 ff.)

So wurde im Namen der Kirche das Konzil eröffnet. Sie wurde vor den versammelten Hohen Rat des Konzils geführt. Und es erhoben sich viele falsche Zeugen und Ankläger, Priester, Theologen, Bischöfe, Kardinäle, welche die Kirche anklagten: Sie sei zu selbstherrlich, zu triumphalistisch, zu totalitär und autoritär. Sie hätte ihre Sendung von Christus her vernachlässigt und sich nicht um den Menschen, um die Armen gekümmert, sich aufgezwungen durch Kadavergehorsam und Gewissenszwang, sie habe die Freiheit des Menschen eingeschränkt durch Gebote und Verbote, durch Index und Inquisition. Sie habe den Primat des römischen Bischofs zu einer geistigen Diktatur auf Kosten der Kollegialität aller Bischöfe ausgebaut und hätte durch Zölibat und Ordensgelübde Priester und Ordensleute wie Hunde an der Leine kurz gehalten etc.

Auf diese Weise wurde die Kirche von ihren eigenen Leuten angeklagt und keiner fand sich, der sie verteidigt hätte, keiner, der für die Verleumdete ein gutes Wort eingelegt hätte; und die wenigen, die dies auf dem Konzil versucht hatten, deren Stimme ging unter im Lärm der Lautsprecher und im Rascheln der Konzilspapiere. Und einer von ganz oben folgte von weitem, und dann und wann ging er in die Konzilsaula hinein und setzte sich zu den Dienern, um zu sehen, wie die Sache ausginge.

„Da erhoben sie sich allesamt und führten Ihn zu Pilatus. Sie fingen an, Ihn also zu verklagen…“(Lk. 23,1)

Und es folgen dieselben Anklagen, wie sie schon vor dem Hohen Rat erhoben worden waren. Als Pilatus erfuhr, daß Jesus aus Galiläa, dem Machtbereich des Herodes kam, schickte er Ihn zu Herodes. An diesem Tage wurden Pilatus und Herodes, Kaiphas und Annas Freunde in der Absicht, Christus zu beseitigen. An jenem Tage, da Johannes XXIII. den Titel „Kirche“ allen zuerkannte: katholische Kirche, orthodoxe Kirche, den großen abendländischen Gemeinschaften, Konfessionen und Sekten; wurden sie Freunde, entstand die Ökumene; war die eine Kirche preisgegeben durch eine Ökumene um jeden Preis. Aus diesem Geiste und dieser Zusammenarbeit entstanden die neue Liturgie, die neuen Ordines, hat man den Opfercharaker der Messe beseitigt. Daraus entstand die aufdringliche Forderung nach Interkommunion, entstand die gemeinsame Bibelausgabe, entstanden die ökumenischen Ehen und Familien, die ökumenische Unterrichtspraxis, entstand dieses Sammelsurium religiöser Verdrehungen und Fälschungen.

„An dem Festtag mußte er (Pilatus) ihnen einen Gefangenen freigeben. Da schrien alle zusammen: Hinweg mit diesem! Gib uns den Barabbas frei!“ (Lk. 23,18)

Die Stunde der Befreiung von der Bevormundung durch die Kirche hat geschlagen. Es ist besser, daß dieser Eine, die Kirche, zugrunde gehe. Hinweg mit dieser Kirche, gib uns das Verbrechen frei, gib uns die Sünde frei, gib uns die Moral frei, eine gesellschaftsfähige, menschenfreundliche Liturgie, gib uns das Christsein frei!

„Aber sie forderten nur noch ungestümer und lauter Seine Kreuzigung und ihr Geschrei drang auch durch.“ (Lk. 23,23)

Es ist, als hörten wir das Wortgeschrei der Theologen auf ihren Lehrstühlen, im Radio und Fernsehen, bei Podiumsgesprächen und Synoden. Das Geschrei drang durch! Der Schrei nach Mündigkeit und Religionsfreiheit. Und wie Jesus ihrem Willen geopfert wurde (Lk. 23,25), so wurde die Kirche ihrem Willen geopfert.

Aber weiter wird die Kirche den Soldaten zur Geißelung und Dornenkrönung übergeben. Durch den öffentlichen Skandal und die Schandtaten der apostatischen Priester und Ordensfrauen (vielleicht niemals solche gewesen) wird die Kirche gegeißelt und mit einem Spottmantel umhüllt. Ihr Haupt wird gekrönt mit all den Verdemütigungen, die unserer Mutter, der Kirche, zugefügt werden vor der ganzen Welt.

Dann endlich übergibt man die Kirche der Kreuzigung.

Geißelung und Dornenkrönung genügen nicht, die wilde Gier dieser abstoßenden Kirchenreformer zu befriedigen; denn die eifrigen Reformer verlangen und schreien immer nach mehr.

Auf der Suche nach einer neuen Identität der Kirche, nach einer zeitgemäßen und somit auch zeitgebundenen Bewußtseinssetzung der Kirche, hat man sie nicht nur verurteilt, verändert, umfunktioniert, sondern schlechthin verraten, preisgegeben und geopfert. In dem Maße, als das Opfer Christi in der Heiligen Messe verschwand, wird die Kirche geopfert, erfüllt sich das Opfer der Kirche in ihrer Passion.

Sie darf nicht mehr die eine Kirche sein, höchstens noch eine Kirche unter vielen, nicht mehr die eine und einzige Kirche Christi. Sie darf nicht mehr die alleinseligmachende, nicht mehr die una sancta catholica et apostolica sein. Sie darf nicht mehr der unfehlbare, makellose Geheimnisvolle Leib Christi sein. Das ist ihre Passion, deshalb geht sie ganz allein zur Schlachtbank. Nur wenige stehen teilnahmsvoll, aber machtlos an ihrem Kreuzweg, die immer noch ihre Sichtbarkeit zu erkennen vermögen. Das sind die wenigen kleinen Gruppen von sühnenden Betern; aber die offizielle Kirche fehlt. In den offiziellen Kirchen sind Sühneandachten, die 40 Gebetsstunden der Fastenzeit, Anbetungsstunden, Bittprozessionen kaum mehr gefragt oder abgeschafft. Die Amtskirche fehlt, und ihre gutbezahlten Funktionäre, sogar die Bischöfe, fehlen.

Sie führten die Kirche zur Richtstätte. „Als sie zur Richtstätte kamen, die Schädelstätte heißt, kreuzigten sie Ihn… Seine Kleider aber verteilten sie unter sich durch das Los.“ (vgl. Lk. 23,34)
Auch die Kirche wird ihrer Kleider beraubt, sie wird ihres Schmuckes beraubt, ihrer Bilder und Standbilder, ihrer Reliquien und Heiligen entleert. Sie wird durch schandvolle „Heiligsprechungen“ entehrt. Die Kirchengebäude werden öde, schmucklos und geschmacklos und immer einsamer, sie werden entheiligt und profaniert. So muß die Kirche stellvertretend sühnen für alle Verbrechen und Sakrilegien ihrer treulosen Kinder, für ihre Priester und Ordensleute, die sich ihres Gewandes entledigen, um sich auch innerlich frei zu machen und zu entweihen, weil sie nicht mehr Berufene und Gerufene sein wollen; sie also muß gutstehen für alles Versagen und allen Verrat. Sie, die Kirche, darf nicht mehr apostolisch sein; denn auch bei ihr fehlen die Nachfolger der Apostel, so, wie seinerzeit die Apostel selber beim Kreuze fehlten. Sie darf nicht mehr die katholische Kirche sein, indem sich jeder nach seinem eigenen persönlichen Geschmack nach Lust und Laune seine eigene Kirche macht – ganz individuell.
Dafür hängt sie einsam und verlassen am Kreuze mit Christus, die eine und einzige und einsame Kirche. Und unter dem Kreuze stehen Maria und Johannes, der Jünger der Liebe. Doch dort, wo Maria steht, ist auch die eine wahre Kirche.
Und die Kirche stirbt, sie stirbt dann, wenn fast niemand mehr weiß, wo die Kirche ist und wer die Kirche ist: wenn die dunkle Nacht einer grenzenlosen Verwirrung hereinbricht.

Da zerriß der Vorhang im Tempel und es entstand eine große Stille – als Jesus starb – Passion der Kirche.

Alle Phasen der Passion des Herrn durchleidet die Kirche. Und wenn der Tiefpunkt ihrer Schmach und ihres Leidens erreicht sein wird, dann bricht eine tiefe Verfinsterung über die ganze Menschheit herein, und die Erde selbst wird die Übeltäter verschlingen; und ein Heide, vielleicht ein heimlicher Kommunist, wird der Kirche mit der Lanze die Seite öffnen, und das Erbarmen und die Liebe ihres Bräutigams Christus fängt wieder an zu fließen, und die ganze Menschheit wird erkennen und bekennen: „Du bist die Kirche Christi – du bist sie allein!
Mit Christus wird die Kirche ins Grab gelegt; und sie werden das Grab versiegeln und eine vielfache Wache aufstellen, damit die Kirche nie mehr zum Leben erwache. Und die kleine Schar der Getreuen wird wie die Apostel im Abendmahlsaal, im Untergrund, ebenfalls verunsichert, auf etwas warten, das sie kaum zu glauben wagt.

Und der große neue Ostermorgen wird aufbrechen und die Kirche wird auferstehen, rein und verklärt, so wie ihr Meister und Bräutigam. Petrus und Johannes werden gemeinsam zum Grabe eilen, um den Frieden des Ostermorgens zu empfangen. Und dann wird es nur noch einen Hirten und eine Herde geben dieser einen Kirche, nämlich jene aus der Passion des Erlösers: die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

 „Alexius“