Kardinal Müller: Sie haben Jesus aus der Amazonas-Synode vertrieben

Patrick Craine / LifeSiteNews

8. Oktober 2019 ( L’Espresso ) – Die Amazonas-Synode hat begonnen . „Aber es wird Konsequenzen für die Weltkirche haben“, warnt Kardinal Gerhard Müller in einem ausführlichen Interview mit Matteo Matzuzzi für die Zeitung „Il Foglio„, die noch am Tag der Eröffnung des Werkes erschienen ist. „Wenn man den Stimmen einiger Protagonisten dieser Versammlung zuhört, versteht man leicht, dass die Agenda vollständig europäisch ist.“

Europäisch und vor allem deutsch. Tatsächlich wurde auch in Deutschland ein „synodaler Weg“ eingeleitet, der vom Amazonas ausgeht, um nicht weniger als die Universalkirche zu reformieren, eine Synode, in der die Laien Zahlen und Stimmen auf Augenhöhe haben werden mit den Bischöfen, eine Synode, deren Beschlüsse „verbindlich“ sein werden und die das Ende des priesterlichen Zölibats, die Ordination von Frauen, die Reform der Sexualmoral und die Demokratisierung der kirchlichen Befugnisse zum Gegenstand haben werden.

Es ist ein Erdbeben, das seit seiner Ankündigung in Papst Franziskus selbst Unruhe stiftete. Er schrieb im Juni einen offenen Brief an die deutschen Bischöfe, um sie davon zu überzeugen, ihre exorbitanten Ambitionen zu mildern. Im September schrieb Kardinal Marc Ouellet, Präfekt der Bischofskongregation, einen noch dringlicheren Brief an sie und lehnte die in Deutschland eingeleitete Synode als kanonisch „ungültig“ ab. Und dass Ouellet im Einklang mit dem Papst handelt, steht außer Zweifel. Er hat dies vor einigen Tagen bewiesen, als er sagte, er sei „skeptisch“ gegenüber der Idee, verheiratete Männer zu ordinieren – ein zentraler Punkt der amazonischen und deutschen Synode – und fügte sofort hinzu, dass „jemand über mir auch“ skeptisch sei. Was Franziskus anbelangt, so beschloss er, sich am 25. September mit acht jungen Katechisten aus Nordthailand zu treffen, den Führern kleiner Gemeinden, die weit voneinander entfernt sind und die nur sehr selten von einem Priester besucht werden, der die Messe feiert und sich dennoch weigert, darum zu bitten die Ordination von verheirateten Männern. „Das Himmelreich gehört den Kleinen“, sagte ihnen der Papst, „zutiefst gerührt“ in der Erzählung von „L’Osservatore Romano„.

Aber die Warnungen, die Rom an Deutschland gerichtet hat, haben bisher keine Wirkung gezeigt . „Rom wird uns nicht sagen, was wir in Deutschland zu tun haben“, hatte der Münchner Erzbischof und der Präsident der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bereits zwischen der ersten und zweiten Sitzung der Familiensynode erklärt. Und dieses Mantra hält sich stabil in Deutschland mit der Zustimmung der meisten und der Opposition nur weniger, von denen der Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki erstrangig ist, der so weit gegangen ist, die Drohung eines Schismas zu sehen. “

„In Deutschland“, sagt Müller jetzt – er ist auch Deutscher, obwohl er keine Diözese regiert und deshalb nicht an der Bischofskonferenz teilnimmt – „wollen sie die katholische Kirche fast neu gründen. Sie denken, dass Christus nur ein Mann ist der vor zweitausend Jahren gelebt hat, sie behaupten, dass er kein moderner Mann war, sie sind davon überzeugt, dass er keine ihrer Ausbildungen hatte, und glauben daher, dass es notwendig ist, diese Lücken zu füllen und dass es an ihnen liegt, zu handeln. In einer Predigt fragte Kardinal Marx rhetorisch: „Wenn Christus heute hier wäre, würde er dann sagen, was er vor zweitausend Jahren gesagt hat?“ Aber Christus ist keine historische Figur wie Cäsar. Jesus Christus ist auferstanden und gegenwärtig, er feiert die Messe durch seinen Stellvertreter, den ordinierten Priester. Er ist das Subjekt der Kirche, und sein Wort bleibt und bleibt für immer wahr. Christus ist die Fülle der Offenbarung, wegen der es keine andere Offenbarung geben wird. Wir sind es, die danach streben müssen, es mehr und besser zu wissen, aber wir können es mit Sicherheit nicht ändern. Christus ist unübertrefflich und irreversibel, und heute scheint dies nicht sehr klar zu sein bestimmte Breiten.“

Für Müller ist dieser Fehler auch im „Instrumentum Laboris„, dem Basisdokument der Amazonas-Synode, enthalten: „Ein Dokument, in dem es nicht um Offenbarung, um das inkarnierte Wort, um Erlösung, um das Kreuz, um die Auferstehung geht, über das ewige Leben“, sondern die religiösen Traditionen der indigenen Völker und ihre Visionen des Kosmos zu einer göttlichen Offenbarung erhebt, um als solche akzeptiert zu werden.

In Aparecida warnte Benedikt XVI. 2007 die Bischöfe des Kontinents. „Die Utopie, die präkolumbianischen Religionen wieder zum Leben zu erwecken und sie von Christus und der Universalkirche zu trennen, wäre kein Schritt nach vorn, sondern ein Rückschritt. In Wirklichkeit wäre es ein Rückschritt.“ Es wäre ein Rückzug in eine Phase der Geschichte, die in der Vergangenheit verankert war. „Aber er war überwältigt von Kritikern von Theoretikern eines „neuen Verständnisses von Gottes Offenbarung“, das bei indigenen Völkern festgestellt werden sollte, und daher ohne den Wunsch, sie zu bekehren. Zu den am stärksten umkämpften gehörte der nach Brasilien ausgewanderte deutsche Theologe Paulo Suess , inspiriert von dem in Österreich geborenen Bischof Erwin Kräutler, führender Stratege der Amazonas-Synode, Mitverfasser des „Instrumentum Laboris“ und Befürworter der Idee, die Eucharistie nicht nur von „viri probati“, sondern auch von „verheirateten Frauen, die eine Gemeinschaft führen“ feiern zu lassen.

„Es gibt aber kein Recht auf das Sakrament“, beanstandet Müller. „Wir sind Gottes Geschöpfe, und ein Geschöpf kann von seinem Schöpfer kein Recht beanspruchen. Leben und Gnade sind ein Geschenk. Der Mann hat das Recht zu heiraten, aber er kann nicht verlangen, dass eine bestimmte Frau ihn heiratet, indem er ein bestimmtes Recht anruft. Jesus hat es frei gewählt Unter all seinen Jüngern stellten zwölf seine göttliche Autorität dar. Er erwählte diejenigen, die er wollte, es ist Gott, der wählte. Niemand kann das Heiligtum betreten, ohne gerufen zu werden. Wieder herrscht die säkularisierte Mentalität vor: man denkt wie Männer nicht wie Gott.“

„Der Priesterliche Zölibat“, fährt Müller im Interview mit „Il Foglio“ fort, „kann nur im Kontext der eschatologischen Mission Jesu verstanden werden, die eine neue Welt geschaffen hat. Es war eine neue Schöpfung. Mit den Kategorien des Säkularismus.“ man kann die Unauflöslichkeit der Ehe nicht verstehen, wie auch den Zölibat oder die Jungfräulichkeit der Orden, und man kann mit diesen Kategorien auch Probleme nicht lösen, die ihren Ursprung ausschließlich in der Glaubenskrise haben Es bedarf einer geistlichen und theologischen Vorbereitung, man muss in die Spiritualität der Apostel eintreten und nicht auf die weltlichen Organisationen achten, die aus Gründen, die völlig im Gegensatz zur Sendung der Kirche stehen, viel und in vielen Dingen beraten gebraucht, nicht Weltlichkeit. “

Und Kardinal Müller sieht Weltlichkeit auch darin, wie sich ein Teil der Kirche auf die Seite der Umweltideologie gestellt hat:

„Die Kirche gehört zu Jesus Christus und muss das Evangelium predigen und Hoffnung für das ewige Leben geben. Sie kann sich nicht zum Protagonisten irgendeiner Ideologie machen, sei es des ‚Geschlechts‘ oder des umweltbewussten Neopaganismus. Es ist gefährlich, wenn dies geschieht. Ich komme noch einmal darauf zurück Das Instrumentum Laboris, das für die Amazonas-Synode vorbereitet wurde, spricht in einem seiner Absätze von Mutter Erde, aber dies ist ein heidnischer Ausdruck: Die Erde kommt von Gott, und unsere Mutter im Glauben ist die Kirche. Wir sind gerechtfertigt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, nicht durch Umweltschutz. Natürlich ist es wichtig, sich um die Schöpfung zu kümmern, schließlich leben wir in einem Garten, der von Gott gewollt ist. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Was ist die Tatsache, dass für uns Gott ist wichtiger. Jesus gab sein Leben für die Rettung der Menschen, nicht des Planeten. “

„L’Osservatore Romano“, der einen Nachruf auf den „durch unsere Schuld“ gestorbenen isländischen Gletscher Okjökull veröffentlicht hat, kritisiert Müller: „Jesus wurde Mensch, kein Eiszapfen.“ Und er fährt fort:

„Natürlich kann die Kirche ihren eigenen Beitrag leisten, mit guter Ethik, sozialer Doktrin, mit dem Lehramt, unter Berufung auf anthropologische Prinzipien. Aber die erste Mission der Kirche besteht darin, Christus, den Sohn Gottes, zu predigen. Jesus hat Petrus nicht angewiesen, sich um sich selbst zu kümmern mit der Regierung des Römischen Reiches tritt er nicht in einen Dialog mit Cäsar, er hat sich auf Abstand gehalten, Petrus war kein Freund des Herodes oder des Pilatus, aber er erlitt ein Martyrium, die Zusammenarbeit mit einer legitimen Regierung ist gerecht, aber ohne zu vergessen, dass die Mission von Petrus und seinen Nachfolgern darin besteht, alle Gläubigen im Glauben an Christus zu vereinen, die nicht empfohlen haben, sich mit den Gewässern des Jordan oder der Vegetation von Galiläa zu befassen. “

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von L’Espresso .

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Quelle

Voderholzer: Die Weichen für den „Synodalen Weg“ sind falsch gestellt worden

Bischof Rudolf Voderholzer Foto: Julia Wächter

Nach Beschluss neuer Statuten des „Synodalen Prozesses“ kündigt der Regensburger Bischof eine kritische Begleitung an, sieht aber keine Voraussetzungen für einen echten Dialog

Von AC Wimmer

REGENSBURG , 25 September, 2019 / 10:45 PM (CNA Deutsch).-
Nach der Abstimmung der deutschen Bischöfe über neue Statuten für den „Synodalen Weg“ hat Bischof Rudolf Voderholzer diese als „falsche Weichenstellung“ bezeichnet und gewarnt, dass an der Wiege des Prozesses eine „Unaufrichtigkeit“ stehe.

Über 60 deutsche Bischöfe stimmten bei der heutigen Vollversammlung in Fulda über neue Statuten für den „Synodalen Weg“ ab, nachdem sowohl Papst Franziskus, sein Nuntius in Deutschland als auch der Vatikan vor einem deutschen „Sonderweg“ eindringlich gewarnt hatten.

Nach Informationen, die CNA vorliegen, stimmten die Bischöfe mit 51 Stimmen zu 12 für die überarbeiteten Statuten. 1 Bischof enthielt sich. Die offizielle Veröffentlichung wird für den morgigen Donnerstag erwartet.

Gemeinsam mit Kardinal Rainer Maria Woelki hatte Bischof Voderholzer einen Alternativ-Vorschlag unterbreitet, der den Erwartungen des Papstes sowie kirchenrechtlicher Bedenken Rechnung trug. Dieser fand jedoch keine Mehrheit unter den deutschen Bischöfen.

Neben dem fehlenden „Primat der Evangelisierung“, die der Papst forderte, stellt Voderholzer weitere Mängel an der nun verabschiedeten Form des Synodalen Wegs fest. So fehle es an den Grundlagen – etwa der Bejahung „der Prinzipien der katholischen Glaubensbegründung“ auf Schrift, Tradition, Lehramt und Konzilien – für einen zielführenden Austausch.

Sein Verdacht, dass es sich bei den am heutigen Mittwoch abgestimmten Statuten um eine „Instrumentalisierung des Missbrauchs“ handelt, „ist nicht ausgeräumt“, erklärt der Bischof in einer persönlichen Erklärung.

Der so aufgestellte Prozess könne daher letztlich nur mehr Frustration erzeugen, weshalb er auch gegen diese Statuten gestimmt habe.

„Ich möchte, dass zu Protokoll gegeben wird, dass es zumindest eine Minderheit von Bischöfen gibt [und aus der Perspektive der Geschichte, die einmal darauf schauen wird, dass es wenigstens eine Minderheit ‚gab‘], die von der Sorge erfüllt ist, dass die wahren Probleme nicht angegangen werden und durch das Wecken von bestimmten Erwartungen und Hoffnungen nur noch mehr Frustration erzeugt wird“, schreibt Voderholzer.

Der Bischof betont, dass er sich kritisch am „Synodalen Prozess“ beteiligen werde, auch wenn er nicht sehen könne, dass die Voraussetzungen für einen echten „Dialog“ gegeben sind.

Er habe „darüber hinaus allein zwei Mal vor dem heutigen Vorsitzenden der DBK feierlich versprochen, den katholischen Glauben unverkürzt zu vertreten und zu bezeugen: 2004 als Professor in Trier und 2013 bei der Bischofsweihe in Regensburg. Daran fühle ich mich gebunden und ich sehe dieses Versprechen gegenwärtig besonders herausgefordert“, so Voderholzer weiter.

Somit behält sich der bayerische Oberhirte vor, nach „den ersten Erfahrungen gegebenenfalls ganz auszusteigen“, falls die von Papst Franziskus angemahnten „Leitplanken“ nicht beachtet werden sollten:

„Primat der Evangelisierung, Sensus ecclesiae, Berücksichtigung der Einheit mit der Weltkirche (und damit Treue zur Lehre der Kirche).“

Er hoffe und bete, so Voderholzer abschließend, dass der Synodale Prozess trotz der falschen Weichenstellungen eine wahre Erneuerung der Kirche herbeizuführen hilft.

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut der Erklärung:

Persönliche Erklärung
von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer

zur Abstimmung in der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 25. September 2019 über das Statut des „Synodalen Prozesses“

Ich habe bei der Schlussabstimmung der Vollversammlung der DBK gegen die Satzung gestimmt. In einer vielstündigen Debatte wurden einige Verbesserungen im Detail erreicht. Aber ich habe mehrfach deutlich gemacht, dass mir die thematische Ausrichtung der Foren an der Realität der Glaubenskrise in unserem Land vorbeizugehen scheint. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die Situation der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in unserem Land.

Deswegen halte ich den von Kardinal Woelki und mir im Rahmen eines Alternativentwurfs gemachten Vorschlag, uns ausdrücklich mit Themen wie „Evangelisierung“, „Berufung der Laien“, „Katechese“, „Berufungspastoral“ etc. zu beschäftigen, für wesentlich besser, nicht zuletzt auch deshalb, weil damit die Weisungen von Papst Franziskus in seinem Brief ausdrücklich berücksichtigt werden und der „Primat der Evangelisierung“ ein durchgängiges Strukturprinzip des ganzen Entwurfes ist. Ich kann nur bedauern, dass dieser Alternativentwurf bei den Mitbrüdern keine Mehrheit gefunden hat.

Ich möchte, dass zu Protokoll gegeben wird, dass es zumindest eine Minderheit von Bischöfen gibt [und aus der Perspektive der Geschichte, die einmal darauf schauen wird, dass es wenigstens eine Minderheit „gab“], die von der Sorge erfüllt ist, dass die wahren Probleme nicht angegangen werden und durch das Wecken von bestimmten Erwartungen und Hoffnungen nur noch mehr Frustration erzeugt wird. Dass es kein Forum „Evangelisierung“ gibt, ist ebenso ein Mangel wie die Tatsache, dass es beim Thema „Laien“ von vorneherein nur um Partizipation geht, statt um eine Theologie einer in Taufe und Firmung gründenden Sendung in alle weltlichen Lebensbereiche hinein (vgl. die Rede vom „Weltcharakter“ der Berufung der Laien im Zweiten Vatikanischen Konzil), um nur zwei der Forumsthemen herauszugreifen.

Ich bin im Übrigen auch der Meinung – und ich habe das immer gesagt – dass an der Wiege des Synodalen Prozesses eine Unaufrichtigkeit steht. Aus den Fällen des sexuellen Missbrauchs den Schluss zu ziehen, dass es bei der Erneuerung um die genannten Themen „Ehelosigkeit“, „Machtmissbrauch“, „Frauen in der Kirche“ und „Sexualmoral“ gehen müsse, ist angesichts fehlender wissenschaftlicher Studien in anderen Institutionen, also ohne wirklichen „Institutionenvergleich“, nur als pseudowissenschaftlich anzusehen. Die wissenschaftliche Diskussion der MHG-Studie und auch der neuerlichen Studien von Prof. Dressing stehen noch aus. Mein Verdacht, dass es sich angesichts dieser Weichenstellungen um eine „Instrumentalisierung des Missbrauchs“ handelt, ist nicht ausgeräumt.

Wenn ich mit Nein gestimmt habe, heißt das nicht, dass ich mich dem Prozess grundsätzlich verschließe, sondern trotzdem mitzumachen und auch einzubringen gedenke. Ich werde mir nicht den Vorwurf machen lassen, den Dialog zu verweigern, zu dem uns Papst Franziskus ausdrücklich ermutigt hat. Ich erinnere aber daran, dass ich mir nicht viel erwarte, und zwar deshalb, weil ich nicht sehen kann, dass die Voraussetzungen für einen echten „Dialog“ gegeben sind. Es fehlt m.E. eine von allen Beteiligten anerkannte theologische Hermeneutik und die Bejahung der Prinzipien der katholischen Glaubensbegründung, die eine Berufung auf Schrift, Tradition, Lehramt und Konzilien etc. als stärkste Argumente gelten lässt.

Ich gehe davon aus, dass der Dialog angesichts meines Wahrheitsgewissens mich eher in die Situation bringen wird, Zeugnis zu geben und zu ermahnen, „sei es gelegen oder ungelegen“. Ich habe darüber hinaus allein zwei Mal vor dem heutigen Vorsitzenden der DBK feierlich versprochen, den katholischen Glauben unverkürzt zu vertreten und zu bezeugen: 2004 als Professor in Trier und 2013 bei der Bischofsweihe in Regensburg. Daran fühle ich mich gebunden und ich sehe dieses Versprechen gegenwärtig besonders herausgefordert.

Was den Synodalen Prozess betrifft, so behalte ich mir vor, nach den ersten Erfahrungen gegebenenfalls ganz auszusteigen. Kriterium ist die Beachtung der von Papst Franziskus angemahnten und in der Präambel der Satzung festgehaltenen „Leitplanken“: Primat der Evangelisierung, Sensus ecclesiae, Berücksichtigung der Einheit mit der Weltkirche (und damit Treue zur Lehre der Kirche). Ich hoffe und bete, dass der Synodale Prozess trotz der meines Erachtens falschen Weichenstellungen eine wahre Erneuerung der Kirche herbeizuführen hilft.

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Kardinal Gerhard Müller: „Wahre Reform der Kirche geht über ihre Erneuerung in Christus“

Kard. Gerhard Müller, 2015 (Bohumil Petrik/CNA photo)

In einem umfassenden Interview, in dem die Pan-Amazonas-Synode und die Kirche in seinem Heimatland Deutschland erörtert werden, erklärt der Kardinal, das westliche Christentum befinde sich in einer Krise des Glaubens und der geistlichen Führung.

Edward Pentin

Der Gedanke hinter dem viel diskutierten Arbeitsdokument für die Bischofssynode für das gesamte Amazonasgebiet ist eine „Projektion“ des europäischen theologischen Denkens, die nicht mit der katholischen Theologie übereinstimmt und „katholischer“ korrigiert werden muss, hat Kardinal Gerhard Müller gesagt.

In den Kommentaren zum National Catholic Register, die auf EWTN Polen ausgestrahlt werden sollen, sagte der emeritierte Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre auch, dass der Zölibat der Priester nicht geändert werden kann (einige, die an der Organisation der Synode beteiligt sind, möchten verheiratete Männer im Amazonasgebiet ordinieren) „als ob es nur eine externe Disziplin wäre, da sie tief mit der Spiritualität des Priestertums verbunden ist.“

Darüber hinaus sieht der deutsche Kardinal einen offensichtlichen „Zusammenhang“ zwischen der Agenda für die Synode vom 6. bis 27. Oktober und dem von einigen deutschen Bischöfen vorgeschlagenen „Synodenweg“, um die Lehre der Kirche zur Sexualmoral zu ändern. Er geht auch auf den jüngsten Brief von Papst Franziskus an die deutschen Bischöfe ein, warum er im Februar sein „Manifest des Glaubens“ schrieb und warum die Lehren von Papst Johannes Paul II. während dieses Pontifikats anscheinend weniger Beachtung finden.

Eminenz, welches sind Ihre Ansichten zum instrumentum laboris für die Pan-Amazonas-Synode?

Es ist nur ein Arbeitsdokument, es ist kein Dokument des Lehramtes der Kirche, und es steht jedem frei, seine Meinung über die Qualität der Vorbereitung dieses Dokuments zu äußern. Ich denke, dahinter steckt kein großer theologischer Horizont. Es wurde größtenteils von einer Gruppe deutscher Nachkommen geschrieben und nicht von Menschen, die dort leben. Es hat eine sehr europäische Perspektive, und ich denke, es ist eher eine Projektion des europäischen theologischen Denkens auf die Menschen im Amazonasgebiet, weil wir all diese Ideen vor 30 Jahren gehört haben.

Nicht alle Ideen stimmen mit den Grundelementen der katholischen Theologie überein, insbesondere mit dem Religionsbegriff. Wir haben die Vorstellung von einem offenbarten Glauben, der historisch in der Inkarnation des Wortes des Vaters in Jesus Christus verwirklicht ist und vom Heiligen Geist durchdrungen ist. Aber die katholische Kirche ist keine Religion als natürliches Verhältnis zur Transzendenz. Wir können die katholische Kirche nicht nur im Rahmen eines Religionsbegriffs verstehen. Religionen werden vom Menschen gemacht, sie sind Eindrücke, Mittel, Riten anthropologischer Wünsche und des Denkens über die Welt, aber unser Glaube basiert auf der Offenbarung Gottes im Alten und Neuen Testament, in Jesus Christus. Wir müssen dieses Denken in diesem Dokument daher katholischer korrigieren.

Es kann mit dem Leiden des Volkes beginnen, aber dies ist nicht der Ausgangspunkt des katholischen Glaubens. Wir beginnen mit der Taufe und bekennen uns zu Gott, Vater, Sohn und Heiligem Geist. Christus selbst ist in die Welt gekommen, und sein Kreuz nimmt alles Leiden der Welt auf. Aber es ist eine andere Sache, mit den Menschen zu beginnen und dann die Offenbarung nur als Ausdruck der europäischen Kultur zu relativieren. Das ist absolut falsch.

Es gibt auch einen Fokus auf Theologie, der nach Ansicht einiger Kritiker im Grunde genommen ein „kulturelles Recycling der Befreiungstheologie“ ist. Stimmen Sie zu, dass dieses Dokument möglicherweise einen Anstoß darstellt, die Befreiungstheologie durch die Hintertür zu führen?

Die Befreiungstheologie ist ein weit gefasster Begriff, aber die Freiheit ist das Grundelement unseres Glaubens, weil wir gerettet sind, von Jesus Christus von der Sünde befreit und von der Distanz zu Gott befreit worden sind. Diese [Freiheit] beinhaltet auch die Heilung weltlicher Elemente und Dimensionen, aber wir können die Annäherung Christi und seines Kreuzes und die Übernahme aller Leiden und Sünden der Welt auf sich selbst nicht in eine immanente Annäherung umwandeln, wie damals am Ende. Wir relativieren die Offenbarung als nur einen Ausdruck der griechisch-römischen Kultur. Es ist der falsche Ansatz.

Die Befreiungstheologie ist eine katholische Theologie, die mit der Offenbarung beginnt, die in der Heiligen Schrift, in der Überlieferung, im Lehramt der Kirche beginnt, und wir können keine neue Hermeneutik betonen, die dem katholischen Glauben fremd ist.

Sie würden also argumentieren, dass Befreiungstheologie an sich in Ordnung ist, aber auf verschiedene, unorthodoxe Arten verwendet werden kann?

Es kann verstanden werden, dass Christen die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen für eine integrale Entwicklung. Wir interessieren uns aber nicht nur für die Welt, sondern auch für das Zentrum der Offenbarung, die die Gemeinschaft mit Gott ist, die in diesem Leben beginnt, und auch für das Strahlen der guten Werke, die Gott für uns gemacht hat.

Aber wir können das Christentum, die Kirche, nicht nur für eine weltliche Entwicklung in eine Nichtregierungsorganisation umwandeln, so dass die immanente Entwicklung das Zentrum unseres Glaubens ist. Unser Glaube bezieht sich auf den dreieinigen und persönlichen Gott.

Denken Sie, dass dieses Dokument zu einer immanenteren Perspektive führt (dass sich das Göttliche in der materiellen Welt manifestiert), anstatt zu einer katholischeren?

Ja, das ist die Gefahr, denn hinter diesem Dokument stehen keine großen Theologen, und es gibt diesen eher praktischen, eher ideologischen Ansatz für die Fragen.

Der andere Aspekt, um den sich einige Sorgen machen, ist das Zölibat der Priester, und dass das Dokument die Möglichkeit aufzeigt, verheiratete Männer oder reife Männer mit Familien zum katholischen Priestertum im Amazonasgebiet zu ordinieren. Befürchten Sie, dass dies, wie einige Kritiker sagten, zu einer allgemeinen Untergrabung des kirchlichen Zölibats führen könnte?

Auf der einen Seite drängen sie darauf und sagen es offen und auf der anderen Seite, wenn sie gefragt werden, dass sie den priesterlichen Zölibat nicht untergraben. Die Disziplin wurzelt in der Spiritualität des Priestertums in der westlichen und lateinischen Kirche. Wir können es nicht ändern, als wäre es nur eine externe Disziplin, da es tief mit der Spiritualität des Priestertums verbunden ist, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagte ( Presbyterorum Ordinis, 16).

Wir akzeptieren verheiratete Priester in den Ostkirchen, in denen es diese Tradition gibt, aber die lateinische Kirche wird auf diese Weise mit dem Zölibat im Priestertum fortfahren. Ich denke, dies ist nicht die großartige Lösung, die sie erwarten, um alle Probleme zu lösen, da die Krise des Christentums in der westlichen Welt nichts mit dem Zölibat des Priestertums und den religiösen Gelübden zu tun hat. Es ist eine Krise des Glaubens und auch der geistigen Führung.

Viele der an dieser Synode beteiligten Personen haben einen deutschen Hintergrund. Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde gesagt, dass der Rhein in den Tiber mündet. Würden Sie sagen, dass dies ähnlich ist, ein Fall, in dem der Rhein in den Amazonas fließt?

Wir sehen, es ist kein guter Einfluss, weil die katholische Kirche in Deutschland abwärts geht. Schauen Sie sich die Ergebnisse an. Sie [deutsche Kirchenführer] kennen die wirklichen Probleme [in der heutigen Kirche] nicht und sprechen von Sexualmoral, Zölibat und Priesterinnen. Aber sie sprechen nicht über Gott, Jesus Christus, Gnade, Sakramente und Glauben, Hoffnung und Liebe, die theologischen Tugenden und die Verantwortung, die Christen und die Kirche für die Entwicklung der Gesellschaft haben, in der es einen tiefen Legalismus und Verzweiflung gibt – Wie der Papst sagte, von einem neuen Gnostizismus und einem neuen Pelagianismus.

Wir sind nicht in der Lage, das Evangelium für die Menschen in Deutschland und anderen Teilen Europas wie Belgien und den Niederlanden zu verbreiten. Und Sie sehen die Folgen dieser fortschreitenden Welle.

Warum gibt es diesen deutschen Einfluss auf diese Synode – liegt es daran, dass sie das Treffen nutzen wollen, um vielleicht mit diesem von Kardinal Reinhard Marx vorgeschlagenen „Synodenweg“ übereinzustimmen? Gibt es einen Zusammenhang damit?

Es besteht offensichtlich ein Zusammenhang. Sie gingen absolut falsch mit sexuellem Missbrauch um. Sie waren nicht in der Lage und konnten die wahren Ursachen und Gründe dieser Krise nicht erkennen und sie sprechen die ganze Zeit über andere Dinge, die nichts damit zu tun haben.

Wir lernen auch nicht aus dem Niedergang des Protestantismus in Europa. Sie haben all diese verheirateten Pastoren, die eine gleichgeschlechtliche „Ehe“ akzeptieren, und sie haben kein Zölibat. Trotzdem ist die Situation der protestantischen Kirche in Europa schlimmer als in der katholischen Kirche. Das kann also nicht die Medizin sein, um die tiefe Krise, die Krise des Glaubens, zu überwinden. Es ist ein Missverständnis der apostolischen Mission von Bischöfen, die keine politischen Führer sind. Am Ende wird es nutzlos sein.

Was halten Sie von Synodalität und diesem „Synodenweg“ als Mittel zur Kirchenregierung? Glauben Sie, dass die Gefahr besteht, dass fremde Ideen in die Kirche gelangen?

Ich finde es sehr idealistisch. Es gibt keine biblische Grundlage dafür. Wir sprechen von Kollegialität der Bischöfe, aber wir sehen jetzt in der sogenannten Reform der Kurie, dass die Kurie in Gefahr ist, sich in eine andere weltliche Institution zu verwandeln. Alle Befugnisse sind im Staatssekretariat konzentriert. Sie sprechen nicht über die Beteiligung der römischen Kirche oder die petrinische Autorität des Papstes. Sie unterdrücken das Wort „Kongregation“, was eine Übersetzung des Synodus auf Griechisch ist.

Einerseits unterdrücken sie die Synodalität der Heiligen Römischen Kirche, des Kardinalskollegiums, und andererseits verwandeln sie die Einrichtung der Kurie in eine bloße Bürokratie, in nur Funktionalismus und nicht ein kirchliches Institut. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, am Leben der Kirche teilzunehmen, aber wir haben diese universelle Teilhabe seit Beginn der Kirche, seit 2000 Jahren.

Wir können die Kirche nicht mehr so ​​erfinden, als wäre sie altmodisch und neu gestaltet werden müsste, so wie sie sich fortschrittlich nennt und die Kirche nach ihren Vorstellungen bauen will.

Im Februar haben Sie ein „Manifest des Glaubens“ geschrieben. Warum haben Sie es geschrieben?

Viele Leute haben mich gebeten, wegen eines gewissen Chaos in der Kirche und wegen vieler Missverständnisse über das Wesentliche des Christentums etwas zu sagen: Was ist Ehe, was ist zum Beispiel das Priestertum? Wir können nicht alles leugnen, was im Alten und Neuen Testament und in der Tradition der Kirche gesagt wird.

Wir haben eine tiefe Theologie über die sieben Sakramente, und diese kann nicht von Zweifeln an diesen wesentlichen Elementen beherrscht werden, die uns zum ewigen Leben führen. Deshalb habe ich nur die wesentlichen Punkte unseres christlichen Glaubens hervorgehoben, die Trinität, die Inkarnation, die Sakramentalität der Kirche, die Identität unseres Glaubens und unseres Lebens und unsere Hoffnung auf ewiges Leben.

Die Reaktion war nicht immer sehr intelligent, und ich konnte es nicht verstehen; In der Tat konnte niemand verstehen, warum das Hervorheben dieser Grundelemente des Glaubens als Kritik am Papst, dem Nachfolger des heiligen Petrus, interpretiert werden könnte, da er die höchste Verantwortung für den Ausdruck unseres Glaubens trägt. Dies ist in unserem Glaubensbekenntnis verankert – es beginnt mit: „Ich glaube an“ Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, der Schöpfung, der Erlösung und der endgültigen Vollkommenheit der Sakramente und der Hoffnung auf ewiges Leben. Wir werden im Namen des dreieinigen Gottes getauft und drücken unseren Glauben an die Werke der Schöpfung, der Erlösung und die Gabe des ewigen Lebens aus.

Haben Sie die jüngste „Erklärung der Wahrheiten des Glaubens von Kardinal Raymond Burke und vier Bischöfen unterstützt?

Es ist alles wahr, was sie sagten, nein?

Kardinal Rainer Maria Woelki aus Köln dankte Papst Franziskus für seinen Brief an die deutsche Kirche, in dem er die Katholiken in Deutschland „furchtlos“ aufforderte, angesichts des Niedergangs der Kirche eine Missionskirche zu sein. Andere haben jedoch gewarnt, dass es auf unterschiedliche Art und Weise gelesen werden kann und dass die Kirche in Deutschland „vor einem grundlegenden Transformationsprozess“ steht. Wie beurteilen Sie den Brief selbst und wie wichtig ist er für die deutsche Kirche?

In seinem Brief an die deutschen Katholiken hat der Papst den Maßstab für die Einheit der Kirche in der Wahrheit der Offenbarung gesetzt. Wir glauben an den dreieinigen Gott und seine Kirche als Sakrament der Errettung der Welt. Daher ist der Prozess der Umwandlung der Kirche in eine weltliche Organisation mit geistlichen und sozialen Diensten nichts weiter als ein Widerspruch zu ihrer göttlichen Grundlage und Sendung.

Die mentale Aufgabe des gesamten Unternehmens spiegelt sich in einem Realitätsverlust bei der Analyse der Ursachen des sexuellen Missbrauchs junger Menschen wider. Ihre Ursachen liegen in der individuellen Verletzung der Gebote des Herrn und in der hedonistischen Atmosphäre in der westlichen Welt.

Die Weiterleitung sexueller Impulse an Erwachsene beiderlei Geschlechts, die als Neubewertung der Sexualmoral getarnt ist, beseitigt keinen Widerspruch zu Gottes Geboten. Die Verführung von Männern und Frauen über 18 Jahren ist auch eine Todsünde, „die aus dem Reich Gottes ausschließt“ (1. Korinther 6: 9) und eine „Entehrung des eigenen Körpers“ durch Verhalten gegen die von Gott gegebene Natur , männlich und weiblich (Römer 1: 24-27). Sexuelle Beziehungen haben einen legitimen, moralisch einwandfreien und anmutigen Platz nur in der Ehe eines Mannes und einer Frau. Ich hoffe auch, dass man in der Frage der Verbindung des Priestertums mit dem Zölibat nicht hinter der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils ( Presbyterorum Ordinis, 16) und der Enzyklika Sacerdotalis Caelibatus zurückbleibt .

Bei der wahren Reform der Kirche geht es um ihre Erneuerung in Christus und die Wiederbelebung des apostolischen Eifers für das ewige Heil des Menschen. Unter den lauten und boshaften Protagonisten, die sich arrogant als Reformer bezeichnen, sind einige, die durch die Heiligkeit des Lebens, die Bereitschaft zum Opfer und zur Entsagung und die völlige Hingabe an Christus und die Kirche, seine geliebte Braut und unsere Mutter im Glauben glänzen. Die eben erwähnten Begriffe strahlen nur ein ironisches Lächeln aus, weil sie so wenig Aufklärung und Nähe zur modernen Realität des Lebens bieten.

Die großen Reformbewegungen in der Geschichte der Kirche haben Heilige hervorgebracht und wurden von Gelehrten der Heiligen Wissenschaften sowie von Geistlichen und Ordensleuten gefördert, die sich auf das Wort des Herrn bezogen: „Der Eifer für Ihr Haus verzehrt mich“ (Johannes 4:17). .

Wir haben vor kurzem den 40. Jahrestag der Wahl von Papst Johannes Paul II. Gefeiert, aber warum wird seine Lehre während dieses Pontifikats Ihrer Meinung nach an den Rand gedrängt und nicht mehr wie früher aufrechterhalten?

Weil es im Hintergrund die seltsame Vorstellung gibt, dass das Zweite Vatikanum und seine Reformen von Johannes Paul II. und Benedikt gestoppt worden seien, und jetzt müssten wir diese „Blockierung“ überwinden und neu beginnen, wo das Zweite Vatikanum zu Ende ging. Dies ist jedoch keine gültige katholische Idee.

Wir glauben an die Kontinuität der Kirche und jedes Papstes, Konzils und Bischofs. Jede Periode hat eine besondere Bedeutung, ebenso wie jeder Papst und Bischof in dem Kontext, in dem sie leben – aber immer in Kontinuität mit allen Konzilen und allen Päpsten der Vergangenheit.

Wir können den Konzilen nicht widersprechen, indem wir sagen: „Ich bin für das Konzil von Trient“, oder: „Ich bin für das Erste Vatikanische Konzil“, oder: „Ich bin für das Zweite Vatikanische Konzil“, oder gar ich bin für ein drittes Vatikanisches Konzil. Die Konzile sind keine Neugründung der Kirche; sie haben nur die Autorität, den katholischen Glauben zu einer bestimmten Zeit auszudrücken und zu bekennen. Niemals werden wir eine neue Offenbarung erhalten (II. V., Dei Verbum , 10), weil „Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus gekommen sind“ (Johannes 1,17).

Edward Pentin ist der Korrespondent des National Catholic Registers in Rom.

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Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

„Die Situation ist dramatisch“: Generalvikar Fuchs zum historischen Papstbrief

Generalvikar Michael Fuchs Foto: Bistum Regensburg / Zahlengesichter.de

„Sicher kann es nach diesem Brief des Papstes kein ‚Weiter so‘ für den ‚Synodalen Prozess‘ geben“

Von Generalvikar Michael Fuchs (Bistum Regensburg)

Papst Franziskus schreibt den Katholiken in Deutschland einen Brief. Er, der soviel Wert auf die eigene Kraft der Ortskirche legt und die Subsidiarität und Synodalität betont, sieht sich als Hirte und Vater gezwungen, das Wort zu ergreifen.

Herausgekommen ist ein mahnendes und gleichzeitig ermutigendes Wort, ein Appell mit großem Ernst.

Hintergrund sind die Entwicklungen in der katholischen Kirche in Deutschland in den letzten Jahren und vor allem Monaten, verschiedene Protestaktionen und -schreiben, die aktuellen Planungen für den sogenannten „Synodalen Weg“ (Brief, Abschnitt 3) und die damit einhergehenden Forderungen und Erwartungen. Ihre Richtungen und ihre Heftigkeit dürften den Heiligen Vater zu diesem Wort gedrängt haben.

Dabei hat Franziskus keine Details angegriffen oder Einzelheiten bewertet. Die Kirchenkrise in Deutschland geht viel tiefer, daher musste auch der Brief grundsätzlicher ansetzen. Papst Franziskus knüpft dabei mehrfach an seine Ansprache beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe am 20. November 2015 an (s. z.B. Eingangsworte) und will im Zusammenhang mit jener Ansprache gelesen und verstanden werden.

Hier wie dort sieht der Papst – nachdem er die großen Errungenschaften in Deutschland gelobt hat – die äußeren Merkmale der jetzigen Krise deutlich: Weniger Katholiken besuchen die Sonntagsmesse oder gehen zur Beichte. Die Glaubenssubstanz bei vielen ist vertrocknet und die Priester werden weniger. Er verspricht uns seine Nähe und Unterstützung in unseren Bemühungen, diese Krise zu überwinden und neue Wege zu finden, und will uns Mut machen.

Doch dann benennt er einige Tendenzen in der deutschen Suche nach Lösungen, die ihm große Sorge bereiten.

Die Sorge des Papstes um eine „Zerstückelung“ der Kirche

Da ist zunächst die Sorge, dass sich die Kirche in Deutschland von der Weltkirche loslöst und von der umfassenden („katholischen“) Gemeinschaft des Glaubens trennt – die Sorge um einer „Zerstückelung“ der Kirche.

So fordert Papst Franziskus, „sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche“ (3) und spricht die „communio [Gemeinschaft] unter allen Teilkirchen in der Weltkirche“ an (Anm. 7). Er weist darauf hin, „gerade in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt“ und dass die „Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten“ (9), in dem „Wissen, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind“ (ebd.).

Der Papst warnt weiter – mit Verweis auf ein Buch Papst Benedikts XVI. – vor der „Versuchung der Förderer des Gnostizismus“, die „versucht haben, immer etwas Neues und Anderes zu sagen als das, was das Wort Gottes ihnen geschenkt hat. (…) Gemeint ist damit derjenige, der voraus sein will, der Fortgeschrittene, der vorgibt über das ‚kirchliche Wir‘ hinauszugehen“ (ebd.). Die im Text erwähnte Stelle aus dem Zweiten Johannesbrief (2 Joh 9) ist hier aufschlussreich: „Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht.“ Es gebe eine „Versuchung durch den Vater der Lüge (…), der (…) letztendlich den Leib des heiligen und treuen Volkes Gottes zerstückelt“ (10). Dem stellt Papst Franziskus eine ganzheitliche Sicht von Synodalität entgegen und legt diese dar.

Offensichtlich ist dem Heiligen Vater nicht verborgen geblieben, dass einige Forderungen der Initiatoren des „Synodalen Prozesses“ (wie der „Synodale Weg“ oft auch genannt wird) über die katholischen Glaubensgrundlagen, wie sie weltweit verbindlich gelten, hinausgehen oder diese nicht genügend berücksichtigen. Damit würden sie den gemeinsamen Weg und die umfassende Gemeinschaft der Kirche mindestens gefährden. Die Wortwahl des Papstes ist hier ungewöhnlich deutlich.

Die Warnung vor einer „verweltlichten Geisteshaltung“

Ein zweiter Themenkreis in dem päpstlichen Brief betrifft die Versuchung, nur eine „Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung“ anzustreben, „eine Art neuen Pelagianismus“ (5), vor dem Papst Franziskus schon 2015 die Deutschen Bischöfe beim Ad-limina-Besuch gewarnt hatte. Der Pelagianismus, der von der Kirche im fünften Jahrhundert verworfen wurde, behauptete, es brauche keine Erlösung durch Christus von den Sünden, der Mensch sei aus sich heraus stark und gut.

2015 wies der Papst schon in diesem Zusammenhang auf die Versuchung hin, „unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat“. Franziskus warnt in seinem Brief vor einer „Verweltlichung und verweltlichter Geisteshaltung“ (5). „Gott befreie uns von einer weltlichen Kirche unter spirituellen oder pastoralen Drapierungen! Diese erstickende Weltlichkeit erfährt Heilung, wenn man die reine Luft des Heiligen Geistes kostet, der uns davon befreit, um uns selbst zu kreisen, verborgen in einem religiösen Anschein über gottloser Leere.“ (Anm. 13)

Vielmehr brauche es einen „theologalen Blickwinkel“: „Das Evangelium der Gnade (…) sei das Licht und der Führer. (…) Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, (…) endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren“ (6). „Ohne ‚Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung‘ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.“ (ebd.) Daher soll die Kirche nicht einfach auf „äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten“, „isoliert vom Geheimnis der Kirche“ (ebd.).

Vieles in Deutschland hat in letzter Zeit beim Papst wohl den Eindruck eines aktivistischen Machens eines politikähnlichen Vereins hinterlassen, einer „frommen Nicht-Regierungs-Organisation“, wie er in anderen Zusammenhängen häufig formulierte. Und einige kirchliche Äußerungen scheinen dieses Machen immer wieder neu zu fordern – ohne Rücksicht auf Voraussetzungen des Glaubens und im Widerspruch zum gläubigen Beschenkt-Werden.

Spannung und Ungleichgewichte statt Anpassung

Papst Franziskus spricht in seinem Brief mehrfach von „Spannung“ und „Anpassung“. Er warnt davor, dass man das kirchliche Leben „der derzeitigen Logik oder jener einer bestimmten Gruppe anpasst“ (5) oder eine „Ordnung findet, die dann die Spannungen beendet, die unserem Mensch-Sein zu eigen sind und die das Evangelium hervorrufen will“ (ebd.). „Wir dürfen nicht vergessen, dass es Spannungen und Ungleichgewichte gibt, die den Geschmack des Evangeliums haben, die beizubehalten sind, weil sie neues Leben verheißen.“ (ebd.) Die Evangelisierung sei „keine ‚Retusche‘, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt“ (7). Es gehe darum, „die Zeichen der Zeit zu erkennen, was nicht gleichbedeutend ist mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist (vgl. Röm 12,2)“ (8).

Vieles, was im Vorfeld des Synodalen Prozesses geäußert wurde, ist geprägt von der Angst, den Anschluss an die plurale Welt nicht zu verlieren, und der Absicht, die Kluft zwischen Kirche und Lebenswirklichkeit zu schließen. Dieser Argumentation entzieht Papst Franziskus deutlich den Boden.

Primat der Evangelisierung zurückgewinnen

Stattdessen „ist es (…) notwendig, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen (…), denn die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren“ (7). Es soll „unser Hauptaugenmerk sein (…), unseren Brüdern und Schwestern zu begegnen, besonders jenen, die an den Schwellen unserer Kirchentüren, auf den Straßen, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern, auf den Plätzen und in den Städten zu finden sind. Der Herr drückte sich klar aus: ‚Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit‘ (Mt 6,33).“ (8). „Die Heiligkeit ‚von nebenan‘ (…) das ist die Heiligkeit, die die Kirche vor jeder ideologischen, pseudo-wissenschaftlichen und manipulativen Reduktion schützt und immer bewahrt hat.“ (ebd.)

Als Grundhaltung verlangt der Papst dazu die „Haltung der Wachsamkeit und Bekehrung“ (12), eine „Haltung der Entäußerung“ (ebd.), und er verweist auf die „wahren geistlichen Heilmittel (Gebet, Buße und Anbetung)“ (ebd.). Prägend sollte dabei die Freude sein: „Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein.“ (7)

Haben wir also in Deutschland den Primat der Evangelisierung und in Verbissenheit und Protesthaltung die Freude am Glauben verloren? Papst Franziskus legt ausführlich dar, was er unter Evangelisierung und Zugehen auf die Armen versteht, und kritisiert jegliche Verkürzung auf Anpassungen, Verwaltungsreformen und Einigelungs-Tendenzen. Er ruft damit auf, größer zu denken, aus dem eigenen Haus herauszugehen und die Frohbotschaft weiterzutragen in Wort und Tat.

Konflikte nicht mit Abstimmungen niederringen

Der Papst nimmt in seinem Brief nicht zu formal-technischen Details des Synodalen Prozesses (Statut, Abstimmungsregeln, usw.) Stellung, aber folgende Worte stimmen nachdenklich: „Die synodale Sichtweise hebt weder Gegensätze oder Verwirrungen auf, noch werden durch sie Konflikte Beschlüssen eines ‚guten Konsenses‘, die den Glauben kompromittieren, Ergebnissen von Volkszählungen oder Erhebungen, die sich zu diesem oder jenem Thema ergeben, untergeordnet.“ Es gehe vielmehr um die „Zentralität der Evangelisierung und dem Sensus Ecclesiae als bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA“ (11).

Fünfmal gebraucht übrigens Franziskus im Brief den Begriff des „Sensus Ecclesiae“ („Kirchensinn“), den er umfassend versteht, und vermeidet den Begriff des „Sensus fidelium“ („Gläubigensinn“), der zwar theologisch und kirchlich fundiert ist, aber bisweilen als Gruppensinn oder Mehrheitsmeinung missverstanden wird.

Ein synodales Miteinander und der Sensus Ecclesiae bedeutet für Papst Franziskus offensichtlich mehr, als durch Abstimmungen und Beschlüsse oder durch Umfragen Konflikte gleichsam technisch niederzuringen oder sich auf Scheinkompromisse zu verlassen, „die den Glauben kompromittieren“.

Sind die Inhalte des Briefes überraschend?

Nicht für den, der die Äußerungen des Papstes zu den Themen, die im Synodalen Prozess bearbeitet und beschlossen werden sollen, verfolgt hat. Und nicht für den, der dem Papst zu Grundsatzfragen der Erneuerung und Evangelisierung zuhört.

Über die Weihe von Frauen zum Diakonat hat er mehrfach Zurückhaltung angemahnt, auch nach mehreren Studien: „Ich kann kein sakramentales Dekret machen ohne eine theologische, historische Grundlage“, erwiderte er den Forderern.

2016 wurde er auf dem Rückflug von Schweden gefragt, ob er sich die Priesterweihe von Frauen vorstellen könnte. Seine Antwort war klar: Er bezog sich auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der mit seinem Nein das letzte Wort gesprochen habe. „Und das bleibt.“ Auf eine Rückfrage der Journalistin hat Papst Franziskus auf die petrinische und marianische Dimension der Kirche verwiesen und diese kurz dargelegt.

Vielleicht sind manchen noch seine verschiedenen Äußerungen zu den Zulassungsbedingungen für die Priesterweihe im Gedächtnis. So schließt er die Auflösung des allgemeinen Zölibats ausdrücklich aus: „Mir kommt der Satz des heiligen Paul VI. in den Sinn: ‚Ich gebe lieber mein Leben, als das Zölibatsgesetz zu ändern.‘ Das kam mir in den Sinn, und ich möchte es sagen, denn das ist ein mutiger Satz, in einer schwierigeren Zeit als dieser, die Jahre um 1968/70 herum … Ich persönlich meine, dass der Zölibat ein Geschenk für die Kirche ist. Zweitens bin ich nicht damit einverstanden, den optionalen Zölibat zu erlauben, nein. Nur für die entlegensten Orte bliebe manche Möglichkeit…“ (Rückflug von Panama, 27.01.2019). Für das Amazonas-Gebiet wird bekanntlich eine solche Ausnahme diskutiert.

Außerdem hat der Heilige Vater mehrfach homosexuelle Männer in Priesterseminaren problematisiert und eine entsprechende Regelung der zuständigen Kongregation bekräftigt, was in Deutschland zu wochenlangen, heftigen Diskussionen geführt hat.

Das Schreiben „Maschio e femmina li creó“ („Als Mann und Frau schuf er sie“) zur Gender-Problematik, das die Bildungskongregation vor kurzem veröffentlichte, bekam bisher in der deutschen Kirchenöffentlichkeit auch überwiegend Häme und Kritik.

Was bedeutet dies für den „Synodalen Prozess“?

Sicher kann es nach diesem Brief des Papstes kein „Weiter so“ geben, weder in Inhalt noch in Form. Eigentlich drängt der Brief auf eine komplette Neufassung eines solchen Prozesses, der auf Evangelisierung und geistliche Erneuerung ausgerichtet sein soll und auf „die Menschen am Rande“; einen Prozess, der nicht „macht“ oder „anpasst“, sondern auf Gott setzt, der erneuern und bekehren kann und uns die Freude des Evangeliums schenkt; und einen Prozess, der in allen Belangen mit der Gemeinschaft der katholischen Kirche geht, die Zeit und Raum umfasst.

Beim Ad-limina-Besuch schrieb uns Papst Franziskus ins Stammbuch – und damit könnte man vielleicht seinen Brief zusammenfassen: „Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also ‚dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet‘ (Evangelii gaudium, 27)“.

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Quelle

Vorbereitung auf Synode: Neue Wege suchen, um Amazonas zu retten

Kardinal Claudio Hummes

Für den brasilianischen Kardinal Claudio Hummes wird die kommende Synode ein historisches Ereignis sein, um nicht nur die Rettung der Amazonas-Bevölkerung, sondern des gesamten Planeten anzupacken. Es gilt nun, neue Wege zu schaffen, damit in jener Region – und nicht nur dort – „die Mission der Kirche“ erfüllt werden kann, so der Kardinal im Gespräch mit uns.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Kardinal Claudio Hummes, Generalrelator der nächsten Synode für den Amazonas und Präsident des kirchlichen Pan-Amazonas Netzwerkes, wird kommende Woche im Vatikan sein, um an den Vorbereitungen zur Vorsynode teilzunehmen. Der Kardinal nimmt derzeit an der Vollversammlung der brasilianischen Bischöfe in Aparecida teil, die sich auch unter anderem mit der nächsten Synode über den Amazonas beschäftigt. An unseren Mikrofonen macht er eine Bestandsaufnahme der Situation der synodalen Arbeit:

„Wir befinden uns in einem synodalen Prozess, und in dieser ersten Phase des Prozesses wurden alle Diözesen, die Bevölkerung, die Einheimischen, die Städte und Gemeinden im Amazonasgebiet konsultiert. Das ist auch Teil unserer kirchlichen Geschichte, hier in Brasilien wird die Synode ein grundlegender Moment sein. Ich sage immer, dass diese Synode eine historische Synode sein wird, die dem Amazonasgebiet neue Wege erschließen wird, und das wird sich in der ganzen Welt widerspiegeln. Dies ist Teil des ernsten Kontextes der Klima- und Ökologiekrise des Planeten, und wir werden in genau diesem historischen Moment eingereiht. Die Synode findet in einem ernsten Moment in der Geschichte der Menschheit statt, und deshalb wird uns der Geist Gottes dazu führen, neue Wege zu finden, um den Amazonas, das Volk des Amazonas und auch den Planeten zu retten.“

Bei der Synode wird es vor allem um die Frage gehen, wie man neue Wege der Seelsorge finden kann, so der brasilianische Kardinal. „Ich glaube, dass die Kirche ein großes Bedürfnis hat, neue Wege zu finden, und bei meinen Besuchen in diesem Gebiet habe ich nicht nur viele Teile des brasilianischen Urwaldes aufgesucht, sondern auch andere Länder des Amazonasgebiets. Wir spürten immer ein wenig von dieser Qual der Kirche, der Hirten, der Bischöfe, der Priester, dass es keine guten Bedingungen für die Erfüllung der Mission gibt: Es ist notwendig, neue Wege zu erschließen, damit die Mission in diesem historischen Moment im Amazonas auch wirklich durchgeführt werden kann. Dieses Thema der neuen Wege wird grundlegend sein, denn der Papst hat auch gesagt, dass es bei der Synode nicht um bereits Gesagtes gehen wird: Wir müssen von neuen Dingen sprechen, von neuen Perspektiven, ohne Angst vor dem Neuen zu haben. Das ist etwas, das mich glücklich macht und mir Hoffnung gibt.“

Konkrete Vorschläge macht der Kardinal derzeit keine. Dies wird Aufgabe der Synodenväter sein, wenn sie vom 6. bis zum 27. Oktober im Vatikan tagen werden.

(vatican news)

Eucharistiefeier am Weltmissionstag 2005

Benedetto XVI intervistato dalla televisione polacca (16 ottobre 2005)

EUCHARISTIEFEIER AM WELTMISSIONSTAG,
ABSCHLUSS DER X. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG DER BISCHOFSSYNODE UND DES JAHRES DER EUCHARISTIE,
HEILIGSPRECHUNG DER SELIGEN:

JÓZEPH BILCZEWSKI;
GAETANO CATANOSO;
ZYGMUNT GORAZDOWSKI;
ALBERTO HURTADO CRUCHAGA;
FELIX VON NICOSIA

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Petersplatz
Weltmissionstag
Sonntag, 23. Oktober 2005

Verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

An diesem 30. Sonntag im Jahreskreis ist unsere Eucharistiefeier aus verschiedenen Gründen reich an Momenten der Danksagung und des Bittgebetes an Gott. Das Jahr der Eucharistie sowie die Ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode, die ja dem eucharistischen Geheimnis im Leben und in der Sendung der Kirche gewidmet war, finden gleichzeitig ihren Abschluß, während in Kürze fünf Selige heiliggesprochen werden: der Bischof Józeph Bilczewski, die Priester Gaetano CatanosoZygmunt Gorazdowskiund Alberto Hutardo Cruchaga, sowie der Kapuzinerbruder Felix von Nicosia. Darüber hinaus wird heute der Weltmissionssonntag begangen, ein jährlicher Termin, der in der kirchlichen Gemeinschaft den missionarischen Eifer wachruft. Ich richte mit Freude meinen Gruß an alle Anwesenden, zunächst an die Synodenväter und dann an die Pilger, die zusammen mit ihren Hirten aus verschiedenen Ländern gekommen sind, um die neuen Heiligen zu feiern. Die heutige Liturgie lädt uns ein, die Eucharistie als Quelle der Heiligkeit und als geistliche Nahrung für unsere Sendung in der Welt zu betrachten: Dieses höchste »Geschenk und Geheimnis« offenbart und vermittelt uns die Fülle der Liebe Gottes.

Das Wort des Herrn, das wir eben im Evangelium gehört haben, erinnert uns daran, daß in der Liebe das ganze göttliche Gesetz zusammengefaßt ist. Das zweifache Gebot der Gottes- und Nächstenliebe beinhaltet die beiden Aspekte einer einzigen Dynamik des Herzens und des Lebens. Jesus bringt auf diese Weise die alte Offenbarung zur Erfüllung und fügt dabei kein neues Gebot hinzu, sondern verwirklicht in sich selbst und in seinem Heilswirken die lebendige Synthese der beiden bedeutsamen Worte des Alten Bundes: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen…« und »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (vgl. Dtn 6,5; Lev 19,18). In der Eucharistie betrachten wir das Sakrament dieser lebendigen Synthese des Gesetzes: Christus vertraut uns in seiner Person die volle Verwirklichung der Liebe zu Gott und der Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern an. Und diese seine Liebe übermittelt er uns, wenn wir uns von seinem Leib und seinem Blut nähren. Dann kann sich in uns das verwirklichen, was der hl. Paulus den Thessalonichern in der heutigen Zweiten Lesung schreibt: »Ihr habt euch von den Götzen zu Gott bekehrt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen« (1 Thess 1,9). Diese Bekehrung ist der Anfang des Weges der Heiligkeit, den zu gehen der Christ in seinem Leben berufen ist. Der Heilige ist ein Mensch, der so fasziniert ist von der Schönheit Gottes und von seiner vollkommenen Wahrheit, daß er nach und nach davon verwandelt wird. Für diese Schönheit und Wahrheit ist er bereit, auf alles zu verzichten, auch auf sich selbst. Ihm genügt die Liebe Gottes, die er im demütigen und uneigennützigen Dienst am Nächsten erfährt, besonders an denen, die es ihm nicht vergelten können. Wie providentiell ist doch in dieser Hinsicht die Tatsache, daß die Kirche heute allen ihren Gläubigen fünf neue Heilige vorstellt, die sich von Christus, dem lebendigen Brot, ernährt und sich so zur Liebe bekehrt haben, die ihr ganzes Dasein geprägt hat! In unterschiedlichen Lebenssituationen und mit verschiedenen Charismen haben sie den Herrn mit ungeteiltem Herzen geliebt und den Nächsten wie sich selbst und wurden so »ein Vorbild für alle Gläubigen« (1 Thess 1,7). [Nach diesen Worten auf italienisch sagte der Heilige Vater auf polnisch:]

Der hl. Józef Bilczewski war ein Mann des Gebets. Die heilige Messe, das Stundengebet, die Meditation, der Rosenkranz und andere Andachtsübungen prägten seinen Tagesablauf. Besonders viel Zeit widmete er der eucharistischen Anbetung.

Auch der hl. Zygmunt Gorazdowski zeichnete sich durch seine Frömmigkeit aus, deren Grundlage die Feier und Anbetung der Eucharistie war. Seine Nachahmung der Selbsthingabe Christi veranlaßte ihn dazu, sich den Kranken, den Armen und den Hilfsbedürftigen zu widmen. […und auf ukrainisch:]

Sein tiefe Kenntnis der Theologie, sein Glaube und seine Verehrung der Eucharistie haben Józef Bilczewski zu einem Vorbild für die Priester und zu einem Zeugen für alle Gläubigen gemacht.

Zygmunt Gorazdowski hat sich bei den Gründungen der Priestervereinigung, der Kongregation der Schwestern vom hl. Josef und vieler anderer karitativer Institute immer vom Geist der Gemeinschaft leiten lassen, der sich in der Eucharistie in ganzer Fülle offenbart. [Der Papst wechselte zur spanischen Sprache:]

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen … Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Mt 22,37.39). Das war das Lebensprogramm des hl. Alberto Hurtado, der sich mit dem Herrn identifizieren und mit dessen Liebe die Armen lieben wollte. Durch seine Ausbildung in der Gesellschaft Jesu, die er durch das Gebet und die eucharistische Anbetung festigte, ließ sich dieser Mann von Christus ergreifen und war ein wahrhaft kontemplativer Mensch in der Aktion. In der Liebe und der völligen Hingabe an den Willen Gottes fand er die Kraft für sein Apostolat. Er gründete »El Hogar de Cristo« [»Heimstätte Christi«] für die Bedürftigsten und Obdachlosen und bot ihnen so eine familiäre Umgebung voll menschlicher Wärme. In seinem priesterlichen Dienst zeichnete er sich durch Schlichtheit und Verfügbarkeit für andere Menschen aus und war so ein lebendiges Abbild des »gütigen und von Herzen demütigen« Meisters. Am Ende seiner Tage hatte er in den starken Schmerzen, die seine Krankheit mit sich brachte, noch die Kraft, immer wieder zu sagen: »Ich bin zufrieden, Herr, ich bin zufrieden«, und brachte auf diese Weise die Freude zum Ausdruck, die ihn immer begleitet hatte. [Danach fuhr Benedikt XVI. auf italienisch fort:]

Der hl. Gaetano Catanoso war ein Verehrer und Apostel des Heiligen Antlitzes Christi. »Das Heilige Antlitz« – so sagte er – »ist mein Leben. Es ist meine Kraft«. Durch eine glückliche Eingebung verband er diese Verehrung mit der eucharistischen Frömmigkeit. Er merkte dazu an: »Wenn wir das wahre Antlitz Jesu anbeten wollen … dann finden wir es in der göttlichen Eucharistie, wo sich mit dem Leib und Blut Jesu Christi unter dem weißen Schleier der Hostie das Antlitz unseres Herrn verbirgt.« Die tägliche Messe und die häufige Anbetung des Altarsakraments waren die Herzmitte seines Priestertums. Mit brennender und unermüdlicher Hirtenliebe widmete er sich der Verkündigung, der Katechese, dem Beichtdienst, den Armen, den Kranken und der Förderung priesterlicher Berufungen. Den von ihm gegründeten Veronikaschwestern vom Heiligen Antlitz vermittelte er den Geist der Liebe, der Demut und der Opferbereitschaft, der sein ganzes Dasein beseelte.

Der hl. Felix von Nicosia liebte es, bei jeder freudigen oder traurigen Gelegenheit zu sagen: »Es geschehe aus Liebe zu Gott«. So können wir gut verstehen, wie intensiv und konkret in ihm die Erfahrung der Liebe Gottes war, die in Christus den Menschen offenbart wurde. Dieser demütige Kapuzinerbruder und bedeutende Sohn Siziliens, der schlicht und bußfertig war, treu gegenüber den urspünglichsten Ausdrucksformen franziskanischer Tradition, wurde von der Liebe Gottes, die er in der Nächstenliebe lebte und umsetzte, nach und nach umgeformt und verwandelt. Bruder Felix hilft uns, den Wert der kleinen Dinge zu erkennen, die das Leben kostbarer machen, und er lehrt uns, den Sinn der Familie und des Dienstes an den Geschwistern zu verstehen, indem er uns zeigt, daß die wahre und dauerhafte Freude, nach der sich jedes menschliche Herz sehnt, eine Frucht der Liebe ist.

Liebe und verehrte Synodenväter, drei Wochen lang haben wir zusammen in einem Klima erneuerter eucharistischer Frömmigkeit gelebt. Ich möchte nun mit euch und im Namen des gesamten Episkopats den Bischöfen der Kirche in China einen brüderlichen Gruß übermitteln. Wir haben großen Schmerz empfunden über die Abwesenheit ihrer Vertreter. Ich möchte jedoch allen chinesischen Bischöfe versichern, daß wir im Gebet bei ihnen und bei ihren Priestern und Gläubigen sind. Wir tragen den leidvollen Weg der Gemeinschaften, die ihrer Hirtensorge anvertraut sind, in unseren Herzen. Er wird nicht ohne Früchte bleiben, denn er ist Teilhabe am österlichen Geheimnis, zu Ehren des Vaters. Im Rahmen der Synodenarbeit konnten wir die wichtigsten Aspekte dieses Geheimnisses vertiefen, das der Kirche seit ihren Anfängen geschenkt ist. Die Betrachtung der Eucharistie sollte alle Glieder der Kirche und vor allem die Priester als Diener der Eucharistie dazu veranlassen, ihr Treueversprechen zu erneuern. Das eucharistische Geheimnis, das sie feiern und anbeten, ist die Grundlage des Zölibats, den die Priester als wertvolles Geschenk und Zeichen der ungeteilten Liebe zu Gott und zu den Menschen empfangen haben. Auch für die Laien soll die eucharistische Spiritualität der innere Antrieb allen Handelns sein, und eine Trennung von Glauben und Leben kann in ihrer Sendung zur christlichen Beseelung der Welt nicht geduldet werden. Wie könnte man nun, da das Jahr der Eucharistie zu Ende geht, Gott nicht danken für die vielen Gaben, die er der Kirche in dieser Zeit gewährt hat? Und wie könnte man nicht die Einladung des geliebten Papstes Johannes Paul II. zu einem »Neubeginn in Christus« wiederaufnehmen? Wie die Emmausjünger – die in ihrem Innersten vom Wort des Auferstandenen erwärmt wurden und die von seiner lebendigen Gegenwart, derer sie sich beim Brechen des Brotes bewußt geworden waren, erleuchtet waren – unverzüglich nach Jerusalem zurückkehrten und zu Boten der Auferstehung Christi wurden, so nehmen auch wir unseren Weg wieder auf, beseelt vom lebendigen Verlangen, Zeugnis abzulegen vom Geheimnis dieser Liebe, die der Welt Hoffnung gibt.

Zu dieser eucharistischen Sichtweise paßt sehr gut der heutige Weltmissionssonntag, dem der verehrte Diener Gottes Johannes Paul II. das Thema »Mission: Brot, das gebrochen wird für das Leben der Welt« als Gegenstand der Reflexion gegeben hatte. Wenn die kirchliche Gemeinschaft die Eucharistie feiert, besonders am Tag des Herrn, dann wird sie sich immer deutlicher dessen bewußt, daß das Opfer Christi für alle (vgl. Mt 26,28) ist. Die Eucharistie veranlaßt den Christen, für die anderen zum »Brot, das gebrochen wird« zu werden und sich einzusetzen für eine gerechtere und brüderlichere Welt. Auch heute noch fordert Christus vor der Menschenmenge seine Jünger auf: »Gebt ihr ihnen zu essen!« (Mt 14,16), und in seinem Namen verkündigen und bezeugen die Missionare das Evangelium, manchmal sogar mit dem Opfer ihres Lebens. Liebe Freunde, wir alle müssen im Hinblick auf die Eucharistie einen Neubeginn wagen. Maria, die eucharistische Frau, helfe uns, in die Eucharistie verliebt zu sein. Sie helfe uns, in der Liebe Christi zu »bleiben«, damit wir von Ihm im Innersten erneuert werden. Im Gehorsam gegenüber dem Wirken des Geistes und aufmerksam für die Bedürfnisse der Menschen wird die Kirche immer mehr zum Ausstrahlungspunkt des Lichtes, der wahren Freude und der Hoffnung werden und wird so ihre Sendung erfüllen, »Zeichen und Werkzeug … für die Einheit der ganzen Menschheit« (Lumen gentium, 1) zu sein.

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Quelle

Gedanken zum „Instrumentum Laboris“ vermittelt von Erzbischof Charles J. Chaput, OFM Cap. 21. 9. 18

In den vergangenen Monaten erhielt ich Dutzende von E-Mails und Briefen von Laien, Geistlichen, Theologen und anderen jungen und alten Gelehrten, deren Gedanken über die Bischofssynode im Oktober in Rom auf junge Menschen gerichtet waren. Fast alle merken die Wichtigkeit des Themas an. Fast alle loben die Absicht der Synode. Und fast alle bringen Bedenken hinsichtlich der Zeit und des möglichen Inhalts der Synode auf. Die nachstehende Kritik, die von einem angesehenen nordamerikanischen Theologen erhalten wurde, ist die Analyse einer Person; andere mögen nicht zustimmen. Aber sie ist substantiell genug, um eine viel umfassendere Betrachtung und Diskussion zu rechtfertigen, während sich die Bischofsdelegierten darauf vorbereiten, das Thema der Synode zu behandeln. Also, ich biete es hier an:

Theologische Hauptprobleme im Instrumentum Laboris (IL) für die Synode 2018:

I. Naturalismus

Das IL weist einen durchgängigen Fokus auf sozio-kulturelle Elemente auf, unter Ausschluss tieferer religiöser und moralischer Fragen. Obwohl das Dokument den Wunsch zum Ausdruck bringt, „konkrete Realitäten“ im Licht des Glaubens und der Erfahrung der Kirche (§ 4) „neu zu lesen“, tut dies das IL leider nicht. Spezifische Beispiele:

  • §52. Nach einer Diskussion der zeitgenössischen instrumentalisierten Konzeption des Körpers und seiner Auswirkungen von „früher sexueller Aktivität, multiplen Sexualpartnern, digitaler Pornographie, Exhibition von nackten Körpern online und Sexualtourismus“ beklagt das Dokument nur seine „Entstellung der Schönheit und Tiefe von Gefühls- und Sex-Leben.“ Über die Entstellung der Seele, ihre konsequente geistige Blindheit und den Einfluss auf die Anname des Evangeliums durch die so Verwundeten wird nichts gesagt.
  • §144. Es gibt viele Diskussionen darüber, was junge Leute wollen; wenig darüber, wie diese Wünsche durch Gnade in ein Leben umgewandelt werden müssen, das dem Willen Gottes für ihr Leben entspricht. Nach Seiten der Analyse ihrer materiellen Bedingungen bietet das IL keine Anleitung, wie diese materiellen Interessen erhöht und auf ihr übernatürliches Ende hin ausgerichtet werden könnten. Obwohl das IL einige Kritik an ausschließlich materialistischen / utilitaristischen Zielen (§ 147) vorbringt, katalogisiert der Großteil des Dokuments sorgfältig die unterschiedlichen sozioökonomischen und kulturellen Realitäten junger Erwachsener und bietet keine sinnvolle Reflexion über spirituelle, existenzielle oder moralische Belange. Der Leser kann leicht zu dem Schluss kommen, dass Letztere für die Kirche keine Bedeutung haben. Das IL stellt zu Recht fest, dass die Kirche die Jugend ermutigen muss, „die ständige Suche nach kleinen Gewissheiten aufzugeben (§145).“ Nirgends wird jedoch darauf hingewiesen, dass sie diese Ansicht mit der großen Gewissheit erweitern muss, dass es einen Gott gibt, dass Er sie liebt, und dass Er ihr ewiges Heil will.
  • Dieser Naturalismus zeigt sich auch in der Beschäftigung mit den folgenden Überlegungen: Globalisierung (§10); sich für die Rolle der Kirche bei der Schaffung „verantwortlicher Bürger“ anstelle von Heiligen (§ 147) einzusetzen und die Jugend auf ihre Rolle in der Gesellschaft vorzubereiten (§ 135); säkulare Bildungsziele (§ 149); Förderung von Nachhaltigkeit und anderen weltlichen Zielen (§152-154); Förderung des „sozialen und politischen Engagements“ als „wahre Berufung“ (§ 156); Förderung der „Vernetzung“ als eine Rolle der Kirche.
  • Die Hoffnung des Evangeliums fehlt spürbar. In §166 wird im Zusammenhang mit einer Diskussion über Krankheit und Leiden ein behinderter Mann zitiert: „Sie sind niemals bereit genug, mit einer Behinderung zu leben: Sie fordert Sie auf, Fragen über Ihr eigenes Leben zu stellen und sich über Ihre Endlichkeit Gedanken zu machen. „Dies sind existentielle Fragen, für die die Kirche die Antworten besitzt. Das IL antwortet nie auf dieses Zitat mit einer Diskussion über das Kreuz, erlösendes Leiden, Vorsehung, Sünde oder die Göttliche Liebe. Ähnlich schwach ist das IL in der Frage des Todes in §171: Selbstmord wird nur als „unglücklich“ beschrieben, und es wird nicht versucht, ihn mit den Fehlern eines materialistischen Ethos zu korrelieren. Dies zeigt sich auch in der lauwarmen Suchtbehandlung (§ 49-50).

II. Ein unzureichendes Verständnis der geistlichen Autorität der Kirche

Das IL stellt die jeweiligen Rollen der Ecclesia docens und der Ecclesia discens auf den Kopf . Das gesamte Dokument basiert auf der Überzeugung, dass die Hauptaufgabe der lehramtlichen Kirche das „Zuhören“ ist. Am problematischsten ist § 140: „Die Kirche wird sich für ihren Stil und ihre Methode entscheiden müssen, um das Bewusstsein für die Existenz von Bindungen zu stärken und Verbindungen in einer komplexen Realität. . . .Keine Berufung, besonders innerhalb der Kirche, kann außerhalb dieser zunehmenden Dynamik des Dialogs platziert werden . . . . [Betonung hinzugefügt]. „Mit anderen Worten, die Kirche besitzt nicht die Wahrheit, sondern muss ihren Platz neben anderen Stimmen einnehmen. Diejenigen, die die Rolle des Lehrers und Predigers in der Kirche innegehabt haben, müssen ihre Autorität durch einen Dialog ersetzen. (Siehe hierzu auch § 67-70).

  • Die theologische Konsequenz dieses Irrtums ist die Verschmelzung der Sakramente der Taufe und des Priestertums. Seit der Gründung der Kirche sind die ordinierten Amtsträger der Kirche durch göttlichen Befehl mit der Aufgabe betraut zu lehren und zu predigen; von ihrer Gründung an wurden die getauften Gläubigen damit beauftragt, das gepredigte Wort zu hören und sich daran zu halten. Darüber hinaus wird der Auftrag der Predigt von unserem Herrn gemeinsam mit dem Amtspriestertum selbst eingeführt (vgl. Mt 28,19-20). Wenn die Kirche ihren Predigtdienst aufgeben würde, d.h. wenn die Rollen der Lehrenden Kirche und der Hörenden Kirche umgekehrt würden, würde die Hierarchie selbst umgekehrt werden, und das Amtspriestertum würde in das Taufpriestertum einbrechen. Kurz, wir würden Lutheraner werden.
  • Abgesehen von diesem schwerwiegenden ekklesiologischen Problem stellt dieser Ansatz ein pastorales Problem dar. Es ist allgemein bekannt, dass Jugendliche aus freizügigen Haushalten sich normalerweise danach sehnen, dass sich die Eltern ausreichend darum kümmern, Grenzen zu setzen und Anweisungen zu geben, selbst wenn sie gegen diese Richtung rebellieren. In ähnlicher Weise kann die Kirche als Mutter und Lehrerin nicht durch Nachlässigkeit oder Feigheit diese notwendige Rolle der Begrenzung und Leitung verlieren (vgl. § 178). In dieser Hinsicht geht § 171, der auf die Mutterschaft der Kirche verweist, nicht weit genug. Es bietet nur eine hörende und begleitende Rolle, während es die des Lehrens eliminiert.

III. Eine partielle theologische Anthropologie

Bei der Diskussion der menschlichen Person im IL wird der Wille nicht erwähnt. Die menschliche Person wird an zahlreichen Stellen auf „Intellekt und Begehren“, „Vernunft und Affektivität“ reduziert (§ 147). Die Kirche lehrt jedoch, dass der Mensch, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes, einen Intellekt und einen Willen besitzt, während er mit dem Rest des Tierreiches einen Körper mit seinem Einfluss teilt. Es ist der Wille, der grundsätzlich auf das Gute gerichtet ist. Die theologische Konsequenz dieser eklatanten Unterlassung ist außerordentlich wichtig, da der Sitz des sittlichen Lebens im Willen und nicht in den Wechselfällen des Affekts liegt. Andere Beispiele sind §114 und §118.

IV. Eine relativistische Auffassung von Berufung

Im gesamten Dokument wird der Eindruck vermittelt, dass die Berufung die Suche nach privater Bedeutung und Wahrheit betrifft. Beispiele beinhalten:

  • § 129. Was ist unter „persönliche Form der Heiligkeit“ oder „eigene Wahrheit“ zu verstehen? Dies ist Relativismus. Während die Kirche sicherlich die persönliche Aneignung von Wahrheit und Heiligkeit vorschlägt, ist die Bibel sehr klar, dass Gott, die Erste Wahrheit, Eins ist; der Teufel ist Legion.
  • § 139 vermittelt den Eindruck, dass die Kirche den Menschen die (einzige) Wahrheit den Menschen nicht vorschlagen kann, dass sie selbst entscheiden müssen. Die Rolle der Kirche besteht nur in Begleitung. Diese falsche Demut birgt die Gefahr, die legitimen Beiträge, die die Kirche leisten kann und soll, zu verringern.
  • §157. Warum sollte es in der Kirche darum gehen, „Wege zu unterstützen, die Lebensstile zu verändern?“ Dies in Verbindung mit Ermahnungen für Jugendliche, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen (§62) und sich einen Sinn zu schaffen (§7, §68-69), vermittelt den Eindruck diese absolute Wahrheit ist nicht in Gott gefunden.

V. Ein verarmtes Verständnis von christlicher Freude

Die christliche Spiritualität und das moralische Leben sind auf die affektive Dimension reduziert, am deutlichsten in § 130, die durch eine sentimentale Auffassung von „Freude“ belegt wird. Freude scheint ein rein affektiver Zustand zu sein, eine glückliche Emotion, manchmal begründet im Körper oder in der menschlichen Liebe ( §76), manchmal im sozialen Engagement (§90). Trotz seines ständigen Verweises auf „Freude“ beschreibt das IL es nirgends als Frucht der theologischen Tugend der Nächstenliebe. Die Nächstenliebe wird auch nicht als die richtige Reihenfolge der Liebe charakterisiert, indem Gott an die erste Stelle gesetzt wird und dann alle anderen Lieben in Bezug auf Gott angeordnet werden.

  • Die theologische Konsequenz daraus ist, dass es im IL keine Theologie des Kreuzes gibt. Christliche Freude steht nicht im Gegensatz zum Leiden, das ein notwendiger Bestandteil eines kreuzbeladenen Lebens ist. Das Dokument vermittelt den Eindruck, dass der wahre Christ im umgangssprachlichen Sinne jederzeit „glücklich“ sein wird. Es beinhaltet ferner den Fehler, dass das spirituelle Leben selbst immer zu gefühlter (affektiver) Freude führen wird. Das seelsorgerische Problem, das sich daraus ergibt, kommt in §137 am deutlichsten zum Ausdruck: Ist es die Rolle der Kirche, dass sich die Jugend „von Ihm [Gott] geliebt fühlt“ oder ihnen hilft, zu wissendass sie geliebt werden, egal wie sie es fühlen?

Neben den obigen Überlegungen gibt es noch andere schwerwiegende theologische Bedenken im IL, darunter: ein falsches Verständnis des Gewissens und seiner Rolle im moralischen Leben; eine falsche Dichotomie zwischen Wahrheit und Freiheit; falsche Äquivalenz zwischen dem Dialog mit LGBT-Jugendlichen und dem ökumenischen Dialog; und eine unzureichende Behandlung des Missbrauchsskandals.

Charles J. Chaput, OFM Cap., Ist der Erzbischof von Philadelphia und Mitglied des Ständigen Rates der Synode der Bischöfe. Seine Amtszeit endet im Oktober.

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Quelle