Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VIII

Schatten und Licht

 

Überfordert

Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende. Er hatte noch nie dagewesenes Leid über Europa gebracht. Ein Mann und das unmenschliche System, das er geschaffen hatte, hinterließen Witwen, Waisen und Trümmerlandschaften, Millionen Menschen wurden von Haus und Hof vertrieben, verloren ihre Heimat. Sie zahlten für den Größenwahn eines Mannes, der kein Gewissen mehr hatte und der doch zu sagen wagte, er sei das Gewissen der Nation, der im kleinen Kreise zugab, er sei bereit, zwei Millionen junger Menschen zu opfern, um sich Osteuropa einzuverleiben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es ihm gelungen wäre, sich zum Herrn der Welt aufzuschwingen, ein Ziel, auf das er zusteuerte. Er hatte geschworen, den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, nach dem Siege öffentlich hängen zu lassen. Und dieser wäre nicht der einzige gewesen. Am Schluss musste er sich in seiner Reichskanzlei selbst umbringen.

Es war ein Sieg jener Frau, die in der kleinen Kapelle zu Wigratzbad bei Tag und bei Nacht von vielen Menschen angefleht worden war, der Schlange in dieser Zeit den Kopf zu zertreten. Jetzt konnte man aufatmen. Die Hauptgegner waren verschwunden. – Aber andere sollten sie ablösen. An die Stelle des politischen Gegners traten Menschen, von denen eigentlich eher Unterstützung zu erwarten gewesen wäre. Das war die große Enttäuschung in jener Zeit und nicht nur in Wigratzbad, sondern auch an anderen Stätten in Deutschland. Zu erwähnen sei nur Josef Kentenich (1885-1968), der Gründer der marianischen Schönstatt-Bewegung, die ihren Sitz bei Vallendar am Rhein hat. Er musste nach dem Kriege in die Verbannung nach Nordamerika und wurde erst gegen Ende des Konzils von Papst Paul VI. rehabilitiert.

Nicht unerwähnt bleiben darf hier Heroldsbach, ein unscheinbarer Ort bei Bamberg, der in den Jahren von 1949 bis 1952 Hintergrund aufrüttelnder mystischer Vorgänge wurde. Auch dort reagierte die zuständige Behörde abweisend und gegenüber den Seherkindern unangemessen hart, ja grausam. Als große Botschaft schälte sich dort der Aufruf heraus, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend die persönliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen wahrzunehmen. Erst 46 Jahre später rang sich der damalige Erzbischof von Bamberg, Dr. Karl Braun, zu einer unschätzbaren Leistung durch. Anfang 1998 erwirkte er in Rom die Anerkennung von Heroldsbach als Gebetsstätte. Unübersehbar dabei ist, dass Braun in früheren Jahren Mitglied des Domkapitels von Augsburg unter Erzbischof Stimpfle war.

Um der Wahrhaftigkeit willen können, dürfen diese Leiden nicht verschwiegen werden. Dazu hat die Kirche, ein großer Papst, Johannes Paul II., im Jubiläumsjahr 2000 aufgerufen. Am 12. März jenes Jahres hat er vor den Augen der ganzen Welt den Blick auf das Kreuz gerichtet, um Vergebung für die Sünden aller Söhne und Töchter der Kirche gebetet. In seinem Rundschreiben „Novo millennio ineunte„, mit dem er die Kirche auf dieses Jubiläum vorbereitet hatte, war die Rede von der „Reinigung des Gewissens“. Das galt für die ganze Kirche, also auch für alle Lokalkirchen.

Neun Jahre später haben Vertreter anderer Konfessionen sich dankend darauf berufen und sich schützend vor die katholische Kirche gestellt. „Als protestantische Christen und Amerikaner verurteilen wir die groteske Intoleranz, die sich in Verbindung mit der Abtreibungsgesetzgebung gegen die katholische Kirche breit macht“, hieß es in einer Erklärung protestantischer Kirchenführer in den USA. „Papst Johannes Paul II. hat alle Ungerechtigkeiten verurteilt, die Kinder der katholischen Kirche andern gegenüber begangen haben. In gleicher Weise verurteilen wir jetzt alle Selbstgerechtigkeit und Intoleranz gegenüber unseren katholischen Brüdern und Schwestern. Sie sollen unsere entschiedene Stimme gegen diese Intoleranz vernehmen.“ Wahrhaftigkeit zahlt sich immer aus.

Vor diesem Hintergrund muss auch die Geschichte von Wigratzbad gesehen werden. Um der Gerechtigkeit willen ist es allerdings auch unumgänglich hervorzuheben, dass der Kern der Tragödie sich zeitlich vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgespielt hat, durch das vieles verändert wurde, was auch das Charisma von Wigratzbad betraf. Die verantwortlichen Personen in der kirchlichen Hierarchie dürften zum Teil auch überfordert gewesen sein. Zu ungewöhnlich war das, was sich im Allgäu abspielte.

Hauptgegner

25 Jahre musste Antonie Rädler darum ringen, dass in der neu erbauten Kapelle die hl. Messe gefeiert, das Allerheiligste aufbewahrt und das Sakrament der Versöhnung gespendet werden durfte. Dazu wurde die Einwilligung des Oberhirten in Augsburg und das Verständnis des Ortspfarrers gebraucht. Aber gerade bei letzterem fehlte hierzu jeder gute Wille. Im Gegenteil. Er wurde zum Hauptfeind der charismatisch begabten Frau. Es war Hermann Rädler, von 1937 bis 1955 Pfarrer von Wohmbrechts, zu dem kirchlich auch Wigratzbad gehörte. Trotz des gleichen Namens war er mit der Familie nicht verwandt.

In einem Schreiben vom 13.12.1957 hat der damalige Dekan von Lindau, J. Hirschvogel, dem auch die Pfarrei Wohmbrechts unterstand, eine Charakterbeschreibung des Geistlichen geliefert, die im Grunde alles aussagt: „Hermann Rädler war ein durch und durch“ — so hieß es — „liberal eingestellter Kleriker, der eine eigene Meinung vom Christentum hatte, Anhänger des damals bekannten nichtkatholischen Theologen von Marburg, Professor Friedrich Heiler, eines Grenzgängers zwischen Katholizismus und Protestantismus.“ Ein paar Beispiele mögen dies beleuchten.

Er wünschte nicht die öftere hl. Kommunion der Gläubigen. Damit stand er im Gegensatz zu den Aufrufen der damaligen Päpste. Die Gemeinde zählte zu seiner Zeit 850 Gläubige. Der Kommunionempfang im Jahr betrug ca. 3000. Bei der Taufe ließ er grundsätzlich den Exorzismus weg. Und als Anhänger des Theologen Friedrich Heiler war er ein Gegner der Marienverehrung. Als Antonie ihm voller Freude die von einem Benediktiner aus Rom geschenkten Reliquien zeigte, erschien bald darauf in der Lindauer Zeitung ein Artikel über den „Reliquienschwindel“ der Antonie Rädler, eine Falschmeldung, die viele andere Zeitungen aufgriffen. Da Antonie sie niemandem anderen gezeigt hatte, kam als Urheber dieser denunzierenden Fehlinformation nur der eigene Pfarrer in Frage.

Tragischer noch als seine liberale theologische Haltung war seine Einstellung zum Nationalsozialismus. Er war Mitglied der SA (Sturmabteilung), im Volke Braunhemden genannt, einer Kampftruppe, die vor Folter und Einschüchterung politischer Gegner nicht zurückschreckte. Bei seiner Amtseinführung wurde er von der lokalen SA begleitet. Vor der versammelten Gemeinde sagte er: „Ich stehe im Namen und im Auftrag unseres gottbegnadeten Führers Adolf Hitler in dieser gottgeweihten Kirche.“ In seinem Arbeitszimmer hing ein lebensgroßes Bild Adolf Hitlers. Nach dem Zusammenbruch des Systems im Jahre 1945 ließ er es uneinsichtig an der Wand hängen. Erst ein französischer Offizier zwang ihn dazu, das Bild zu entfernen. Man fragt sich heute, musste es erst ein französischer Offizier sein, der das veranlasst hat?

Als Antonie 1938 von der Gestapo abgeführt worden war, suchte ihr Vater weinend Trost beim Pfarrer. Dessen Reaktion zeigt, wie weit sich auch ein Geistlicher verirren kann, der seine Berufung nie verinnerlicht und darum eigentlich nicht verstanden hat: „Glauben Sie etwa“, so fragte er, „dass Antonie nicht am rechten Ort ist? Wollen Sie etwa sagen, dass der Führer etwas anordnet, was nicht recht wäre?“ Der zuständige Polizeibeamte, ein Gesinnungsgenosse des Pfarrers, sprach es später offen gegenüber Antonie aus: „Es war Pfarrer Rädler, der Sie ins Gefängnis gebracht hat. Er war auch der Meinung, die Kapelle brauche man nicht, aber als Heim für die Hitler-Jugend sei sie geeignet.“

Von einem solchen Priester hatte Antonie keine Unterstützung zu erwarten. Die Erlaubnis zur Einweihung der Kapelle wurde von Seiten des Bischofs von der Errichtung einer Kapellenstiftung abhängig gemacht, Hermann Rädler sollte als Kirchenrektor eingesetzt werden. Antonie Rädler hätte praktisch nichts mehr zu sagen gehabt. Nicht einmal das Recht, mit anderen den Rosenkranz zu beten oder ein Marienlied anzustimmen, wäre ihr zugestanden worden. Das machte er in einem Gespräch mit ihrem Notar deutlich. Indirekt warf ihr das Ordinariat Augsburg, von Rädler entsprechend informiert, abergläubische und übersteigerte Andachtsformen vor, die es zu unterlassen gelte.

Wirken der Gnade

Der Oberhirte in Augsburg damals war seit 1938 Bischof Dr. Josef Kumpfmüller (1869-1949). Er war, als er sein Amt antrat, 69 Jahre alt. 1945 setzte er sich, damals 76-jährig, mit anderen mutigen Persönlichkeiten für die kampflose Übergabe der Stadt Augsburg an die heranrückenden amerikanischen Truppen ein, wodurch die Stadt vor großen Schäden bewahrt blieb und viele Menschenleben gerettet wurden. Die Gruppe nannte sich „Friedensbewegung für Augsburg“.

An Hermann Rädler und an Bischof Kumpfmüller lässt sich in Verbindung mit Wigratzbad das geheimnisvolle Wirken der Gnade beobachten. 14 Tage vor seinem Tode ließ Pfarrer Rädler den für Antonie Rädler tätigen leitenden Kurarzt Dr. Konrad Moser zu sich kommen. Er wollte, was Wigratzbad anging, sein Gewissen entlasten und teilte dem Arzt mit, er habe dem Bischof von Augsburg, Dr. Joseph Freundorfer, geschrieben, dass er als Seelsorger wissentlich unwahre und belastende Mitteilungen über Antonie Rädler an das Ordinariat geschickt habe. Aus Gewissensgründen möchte er diese deshalb zurücknehmen. Daraufhin habe ihm Bischof Freundorfer geantwortet, er habe zu seinen Angaben zu stehen, denn nach diesen Aussagen habe er als Bischof Wigratzbad beurteilt. Dabei bleibe es.

Kurz nach seiner Einsetzung als Pfarrer von Wohmbrechts wurde Ludwig Dorn im August 1955 gebeten, Monsignore Dr. Kraft aufzusuchen. Er habe ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. Sie betraf den 1949 verstorbenen Bischof Kumpfmüller. Dieser habe ihn kurz vor seinem Tode zu sich gerufen und folgendes Geständnis abgelegt: „Es tut mir unendlich leid und es reut mich tief, dass ich der Gebetsstätte Maria vom Sieg nicht zur Höhe verholfen habe. Jetzt kann ich es leider nicht mehr tun. Erfüllen Sie mir aber die Bitte, ich bitte Sie inständig darum: Sagen Sie meinem Nachfolger im Amte persönlich, er möge sich für Wigratzbad einsetzen, dass diese Gebetsstätte ehestens öffentlich anerkannt werde und so der neue Bischof sehr bald meine Versäumnisse gut mache.“ Er sei dieser Bitte nachgekommen. Bischof Dr. Joseph Freundorfer (1894-1963) habe ihn als seinen Studienfreund persönlich zu sich eingeladen. Bei dieser Gelegenheit konnte er ihm die letzte Bitte seines Vorgängers vortragen und ihm die Sache Wigratzbad wärmstens empfehlen. Er habe versprochen, sie zu erfüllen. Aber nach sechs Jahren sei immer noch nichts geschehen. Er wolle ihn jetzt bitten, sich der Sache als zuständiger Pfarrer anzunehmen.

Freundorfer hatte das Gegenteil getan. Nachdem Antonie Rädler ihm in einem ausführlichen Brief ihren Standpunkt und ihre begründeten Vorbehalte gegen Pfarrer Hermann Rädler als Stiftungsrat dargelegt hatte, ließ er ihr eine knappe Mitteilung zukommen, die in ihrer Kürze schon eine Kränkung war. Darin hieß es: Eine Schenkung der Kapelle Wigratzbad an die Kirche oder eine kirchliche Stiftung unter den im Brief von Antonie gestellten Bedingungen wird nicht angenommen. Die Zelebration und jede Art von öffentlichen Gottesdiensten in der Kapelle Wigratzbad sind von jetzt an verboten. Dabei blieb es bis zum Tode des Bischofs am 11. April 1963.

Joseph Freundorfer war ein sehr gebildeter Mann. 1926 erwarb er in München mit seiner Arbeit über „Erbsünde und Erbtod beim Apostel Paulus“ den Doktortitel. 1928 habilitierte er sich dort für das Neue Testament. Im Anschluss daran war er in Rom am Bibelinstitut und an der Vatikanischen Bibliothek tätig, außerdem Privatdozent in München, ab 1930 außerordentlicher Professor an der Universität Passau, 1945 ordentlicher Professor.
Als Oberhirte förderte er besonders die Katholische Aktion, über regionale Katholikentage gab er dem religiösen Leben in seinem Gebiet neue Anstöße. Seine Fürsorge erstreckte sich auf den sozialen Wohnungsbau und die Tätigkeit des Familienbundes der deutschen Katholiken. Besondere Bedeutung maß er der katholischen Presse bei und war bemüht, sie zu stärken.

Beide Würdenträger zeigen, dass weder die Weisheit des Alters noch eine hohe theologische Bildung Garantie dafür sein können, ein von Gott geschenktes ungewöhnliches Charisma zu erkennen. Ganz besonders schwierig war es sicher vor dem Zweiten Vaticanum, durch das erst die Stellung der Laien, der Frauen und die Rolle des Charismas aus ihrer stiefmütterlichen Rolle in der Kirche in den Vordergrund rückten. Freundorfer starb 1963 unerwartet in der Nacht zum Gründonnerstag, ohne sich mit Antonie Rädler und besonders mit ihrer Berufung ausgesöhnt zu haben. Im Wege gestanden hat ihm dabei offensichtlich sein hoher Bildungsgrad. Er hatte sich bei seiner Doktorarbeit besonders mit dem Apostel Paulus beschäftigt. Aber gerade Paulus hat die Hirten der Urkirche dazu ermahnt, den Geist nicht auszulöschen (1 Thess 5,16).

Würde der Frau

Was hat es den beiden genannten Oberhirten und vielen Geistlichen so schwer gemacht, zu erkennen, dass durch Antonie Rädler Gott am Handeln war und warum? Das weiß am Ende Gott allein und Er allein ist in der Lage, ein gerechtes, von Barmherzigkeit getragenes Urteil zu fällen. Aus menschlicher Sicht waren es psychologisch gesehen drei ungünstige Voraussetzungen.

Antonie Rädler war eine Frau, dazu eine einfache Frau, ohne höhere Schulbildung. Der Vater war zwar nicht arm, aber auch kein Großunternehmer. Er war Metzger, Antonie hatte lediglich eine Haushaltsschule besucht, ansonsten half sie ihrem Vater im Geschäft. Dass ein so unbedarftes Mädchen die Menschen beeindrucken konnte und durch ihre religiöse Grundeinstellung faszinierte, passte nicht in das Bild der Frau, das damals noch vorherrschend war. Es war ja gerade erst drei Jahrzehnte her, dass Frauen Berufe erlernten und in der Öffentlichkeit für ihre Rechte eintreten durften. Die Kirche spiegelte die Atmosphäre in der Gesellschaft wider.

Das änderte sich erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und ganz besonders mit Papst Johannes Paul II. In seinem berühmten Rundschreiben über die Frau „Mulieris dignitatem“ heißt es in der Einleitung: „Die Würde der Frau und ihre Berufung – ständiges Thema menschlicher und christlicher Reflexion – haben in den letzten Jahren eine ganz besondere Bedeutung gewonnen.“ Das beweisen unter anderem die Beiträge des kirchlichen Lehramtes, die sich in verschiedenen Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils wieder finden, das dann in seiner Schlussbotschaft sagte: „Die Stunde kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluss, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt. In dieser Zeit, in welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel erfährt, können deshalb die vom Geist des Evangeliums erleuchteten Frauen der Menschheit tatkräftig dabei helfen, dass sie nicht in Verfall gerät. Die Worte dieser Botschaft fassen zusammen, was bereits in der Lehre des Konzils … Ausdruck gefunden hatte.“

Antonie war eine „vom Geist des Evangeliums erleuchtete Frau“. Aber das zu erkennen, darin taten sich die Verantwortlichen in der Kirche in jenen Jahren sehr schwer.

Sendung der Laien

Ein weiteres Hindernis, Antonie und ihre Berufung, ihre Absichten und Vorstellungen einzuordnen, war die Tatsache, dass sie dem Laienstand angehörte. Sie war weder Ordensfrau wie Thérèse von Lisieux, Edith Stein oder wie Schwester Faustyna in Krakau, heute unbestritten anerkannte große Mystikerinnen. Wäre es bei ihr bei einer persönlichen Frömmigkeit geblieben, hätte kaum jemand daran Anstoß genommen. Aber ihre Berufung galt der Sorge um die Kirche, um die Menschen, um ihre Erlösung und um ihr Heil, ja um das Heil der Welt. Zugegeben, sehr hohe Ansprüche, die da eine unbedarfte Seele zu erkennen gab.

Erst dem Zweiten Vaticanum ist auf diesem Gebiet ein großer Durchbruch zu verdanken. In der Einleitung zum „Dekret über das Laienapostolat“ heißt es: „Um dem apostolischen Wirken des Gottesvolkes mehr Gewicht zu verleihen, wendet sich die Heilige Synode nunmehr eindringlich an die Laienchristen, von deren spezifischem und in jeder Hinsicht notwendigem Anteil an der Sendung der Kirche sie schon andernorts gesprochen hat. Denn das Apostolat der Laien, das in deren christlicher Berufung selbst seinen Ursprung hat, kann in der Kirche niemals fehlen.

Wie spontan und fruchtbar dieses Wirken in der Frühzeit der Kirche war, zeigt klar die Heilige Schrift selbst (Apg 11, 19-21; 18,26; Röm 16,1-16; Phil 4,3). Unsere Zeit aber erfordert keinen geringeren Einsatz der Laien, im Gegenteil, die gegenwärtigen Verhältnisse verlangen von ihnen ein durchaus intensiveres und weiteres Apostolat. Das dauernde Anwachsen der Menschheit, der Fortschritt von Wissenschaft und Technik, das engere Netz der gegenseitigen menschlichen Beziehungen haben nicht nur die Räume des Apostolates der Laien, die großenteils nur ihnen offenstehen, ins Unermessliche erweitert; sie haben darüber hinaus auch neue Probleme hervorgerufen, die das eifrige Bemühen sachkundiger Laien erfordern.

Dieses Apostolat wird um so dringlicher, als die Autonomie vieler Bereiche des menschlichen Lebens – und zwar mit vollem Recht – sehr gewachsen ist, wenngleich dieses Wachstum bisweilen mit einer gewissen Entfremdung von der ethischen und religiösen Ordnung und mit einer schweren Krise des christlichen Lebens verbunden ist. Zudem könnte die Kirche in vielen Gebieten, in denen es nur ganz wenige Priester gibt oder diese, wie es öfters der Fall ist, der für ihren Dienst notwendigen Freiheit beraubt sind, ohne die Arbeit der Laien kaum präsent und wirksam sein.“

Vor dem Hintergrund dieses Textes erscheint Antonie Rädler geradezu als das Idealbild eines Laienapostels. Sie hat Menschen erreicht, die Priester nicht oder nicht genügend erreichen konnten, ja sie dürfte manchen Geistlichen, z.B. ihren eigenen Ortspfarrer Hermann Rädler mit seiner verblendeten und fanatischen Treue zu Adolf Hitler, durch ihre Treue zur Lehre und zum Geist des Evangeliums korrigiert und dadurch manche Seelen gerettet haben. Als Leiterin der Filiale ihres Vaters in Lindau hat sie das Vertrauen vieler Frauen gewinnen können, diesen nicht nur praktische Ratschläge gegeben, sondern den Samen des Glaubens in ihre Seelen gesenkt. Erst das Konzil hat die Augen vieler Bischöfe und vieler Priester für dieses ungenutzte Potential in der Kirche geschärft.

Natürlich ist es nicht so, als ob vor dem Konzil selbstherrlich herrschende Würdenträger die Energien, die in diesem Stande für die Kirche schlummern, völlig ignoriert hätten. Zu allen Jahrhunderten haben große Persönlichkeiten unter den Laien Einfluss auf das Leben der Kirche gehabt. Aber Zeitgeist, Routine und Überängstlichkeit haben diese Möglichkeit nicht zum Zuge kommen lassen. Darin lag ein Teil der Tragik von Antonie Rädler, die ein Vierteljahrhundert unter dieser mangelnden Weitsicht bitter gelitten hat.

Das Charisma

Die dritte Hürde, die zu nehmen war, war das Charisma. Auch dafür hat das volle Verständnis erst nach dem Zweiten Vaticanum an Boden gewinnen können. Charismen haben schon in der Urkirche eine große Rolle gespielt, wenn auch der Apostel Paulus sie anders genannt hat. Was ist ein Charisma? Früher sprach man von einer „gratia gratis data“ – ein frei gewährtes Geschenk. Heute beschreiben wir es etwas anders. Ein Charisma ist eine von Gott (meist plötzlich) einzelnen Gläubigen gewährte Gnade beziehungsweise Befähigung zum Dienst am Menschen, zum Aufbau der christlichen Gemeinde. Dies geschieht meist unerwartet und es kann auch, aus welchen Gründen auch immer, von Gott zurückgenommen werden. Es muss also nicht unbedingt etwas Dauerhaftes sein. Ein Charisma ist auf Bekenntnis und Zeugnis angelegt, der Charismatiker fühlt sich gedrängt, mitzuteilen.

Ein Charisma ist nicht mit einem Naturtalent zu verwechseln. In den letzten Jahrzehnten hat sich die säkulare Sprache, das säkulare Denken dieses christlichen Begriffes bemächtigt – wie so oft, etwa in der Politik. Es ist eigentlich ein Missbrauch. Dadurch kann die eigentliche Bedeutung im religiösen Bereich Schaden nehmen. Bundeskanzler Willy Brandt wurde in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts so ein politisches „Charisma“ zugesprochen, ab dem Jahre 2008 Barack Obama in den USA.

Charismen gehören zum Wesen der katholischen Kirche. Sie ergänzen das Amt, können es aber nicht ersetzen. Umgekehrt kann eine von Gott gewährte Gnade, Befähigung, nicht vom Amt verfügbar gemacht werden. Bisweilen kommt es zu Spannungen zwischen Charisma und Amt, in Wigratzbad zu beobachten zwischen Antonie Rädler und den beiden Bischöfen J. Kumpfmüller und später J. Freundorfer. Dass es auch anders sein kann, ja sein sollte, hat dann der Nachfolger im Amt, Bischof J. Stimpfle, gezeigt. Charismen sind auf Prüfung durch das Amt angewiesen — eventuell auf Korrektur.

Auf Charismen sollte man mit Dankbarkeit reagieren, nicht mit Missachtung nach dem Motto: „Ich brauche keine Erscheinungen“, wie manche Priester gelegentlich von der Kanzel behaupten. Das Charismatische gehört genauso zur Kirche wie die Sakramente und wie die Bischöfe und Priester. Das Charisma geht auf die aktuellen Bedürfnisse der Kirche ein, deshalb treten zu verschiedenen Zeiten verschiedene Charismen auf. Der große Theologe Karl Rahner nannte sie „Imperative“, „Befehle“ Gottes, wie in der jeweiligen Zeit das Evangelium umzusetzen ist.

Seit einigen Jahrzehnten ist zu beobachten, dass bestimmte Charismen, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt haben, wieder auftreten. Die Zeiten scheinen einander ähnlich zu sein, heute wie vor 2000 Jahren. Charismen ergänzen einander, sie wirken zusammen. Wo sie einander bekämpfen oder abwerten, sind sie unecht. Oberstes Ziel der Charismen ist das Heil des Menschen.

Es ist die Ursünde unserer Zeit geworden, dass man meint, alles lasse sich erklären, wenn nicht heute, dann morgen und wenn nicht morgen, dann übermorgen. So etwas wie Übernatur existiere nicht und Gott sei nur eine Vermutung. Dieses Denken findet schleichend Eingang auch bei Christen.

Die Wurzeln des verhängnisvollen Irrtums liegen in der Meinung, Gott lasse sich wie die Natur erklären oder wie die Natur erforschen. Der Mensch möchte Gott zum Gefangenen von Zeit und Raum machen, wie er einer ist. Aber Gott ist der ganz Andere. Und nur ein Mensch, der versucht, die Welt mit diesen Augen Gottes von einer anderen Ebene zu betrachten, bekommt ein Gespür für das Wirken Gottes, ja er ist in der Lage, dieses Handeln zu erkennen. Gnade, ein Charisma sind nicht nach mathematischen Formeln zu entschlüsseln, sie sind nicht greifbar, sie folgen anderen Gesetzen. Es sind Impulse des Heiligen Geistes.

Was nun war das Charisma bei Antonie? Es war vor allem und zuallererst die Gnade des immerwährenden Gebetes. Schon der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Thessalonicher: „Betet ohne Unterlass“ (5,17). Und nur zwei Zeilen weiter schreibt er: „Löscht den Geist nicht aus“ (5,19), als wolle er einen Zusammenhang herstellen. Bei Antonie ist er da. Als junge Frau hat sie in Lindau ganze Nächte durchgebetet, von niemandem gedrängt, von niemandem eingeladen, aus innerem Impuls. Das unter anderem wurde für die damaligen Machthaber zum Ärgernis, weshalb man sie umbringen wollte. Im 20. Jahrhundert wurde immer weniger gebetet, ein Grund, warum auch die Gottesmutter in ihren Erscheinungen immer wieder dringend und nachhaltig zum Gebet aufruft.

Opfertod auf Golgotha

Zu diesem Charisma gehört auch die Bereitschaft zur Sühne für eigene Vergehen, für die Fehlleistungen anderer und für die Sünden der ganzen Welt. In dieser Hinsicht bestand eine große Seelenverwandtschaft mit der kleinen Thérèse von Lisieux, weshalb es sie instinktiv auf ihrer Reise durch Frankreich dort hingezogen hat. Der Opfertod Jesu am Kreuze war das vollkommene Sühneopfer, das Christus stellvertretend für die ganze Menschheit dargebracht hat. In Ihm hat Gott die Welt mit sich selbst versöhnt.

Sühne hat etwas mit Ungleichgewicht zu tun. Wir wissen aus der Medizin, wie verhängnisvoll Gleichgewichtsstörungen sind. Sie können ein normales Leben unmöglich machen. Störungen des Gleichgewichtes in der Natur können verhängnisvolle Folgen haben, im Kosmos würden sie das Chaos zur Folge haben. Das gilt auch für die Welt des Übernatürlichen.

Diese Offenbarung ist im 20. Jahrhundert auf immer weniger Verständnis gestoßen. Und immer wieder trifft man auf Versuche, den Tod Jesu anders zu deuten, etwa als vollkommene Hingabe oder als Beispiel für eine Welt, die nur für sich selbst lebt. Den Sinn der Sühne versteht nur der, der eine Ahnung von der Unendlichkeit Gottes hat, von der Unendlichkeit seiner Liebe zum Menschen. Gott ist ewige Harmonie. Liebe ist Harmonie, Liebe will Gegenliebe; je größer sie ist, umso größer die Sehnsucht nach einer Antwort nach den gleichen Maßstäben. Sühne ist eine „Erfindung“ der ewigen Liebe, um dem Geschöpf die Möglichkeit zu geben, alles wieder ins Lot zu bringen. Sie ist etwas Urgöttliches.

Das gehörte über Jahrhunderte, ja über zwei Jahrtausende für Christen zum ganz selbstverständlichen Glaubensgut, wie es in einem Lied zum Ausdruck kommt: „Preis Dir, Du Sieger auf Golgotha, Sieger auf ewig, halleluja.“ Golgotha, das Sühneopfer gilt als Sieg. In der Liturgie wird es festgehalten. Worauf es jedoch ankommt ist, dass es im praktischen Leben des gläubigen Menschen verinnerlicht wird, dass es als Aufruf zur Nachfolge Jesu akzeptiert wird.

Aus eben diesem Grunde sind Kreuzzüge für die christliche Botschaft etwas absolut Unerträgliches. Das Christentum ist eine Religion des Kreuzes, der Islam – wie viele politische Bewegungen – eine Religion des Schwertes. Es hat das römische Imperium in den ersten drei Jahrhunderten nicht durch Gewalt, nicht durch Terroranschläge erobert, sondern durch das Beispiel seiner Märtyrer und den Opfergeist seiner Familien.
Das beständige und intensive Gebetsleben ist ein Hinweis dafür, dass es im Herzen von Antonie brannte, Gott aus den Tiefen der eigenen Seele heraus zu antworten. Und der größte Beweis für eine große Liebe ist die Bereitschaft zur Sühne für die unendlichen Enttäuschungen, die der Mensch Gott bereitet hat.

Von den frühesten Jahren bis zum Bau der eindrucksvollen Sühnekirche in Wigratzbad zieht sich diese Einstellung wie ein roter Faden durch ihr Leben. Die Mystik von Wigratzbad ist Sühnemystik.

Eng damit verbunden ist die Pflege des Gewissens. Seit 200 Jahren erleben wir eine Demontage des Gewissens. Ganz zynisch hat es Adolf Hitler betrieben, als er sich als das „Gewissen der Nation“ bezeichnet hat. Die anderen brauchten nur zu gehorchen. Diese Erosion des Gewissens geht weiter, sie hat horrende Ausmaße angenommen. Über raffinierte Sprachregelung wurden Urbegriffe wie Sünde, Familie, Ehe, Vater, Mutter, Keuschheit, Liebe verfremdet, es wird ihnen ein anderer Inhalt unterstellt. Aus dem Gewissen wurde z.B. das Über-Ich mit negativem Beigeschmack.

Antonie ist – im Gegensatz zu diesem Trend – unter großen Opfern ihrem Gewissen treu geblieben, selbst wenn sie der Familie widersprechen musste. An ihr demonstriert der Himmel die große Verantwortung des einzelnen Menschen für sich und die Welt. Die Sühnekirche von Wigratzbad ist ein Monument des Gewissens, der Stimme Gottes im Menschen. Noch Paulus konnte sich vor fast 2000 und der große Augustinus vor 1600 Jahren darauf berufen, dass auch die Heiden ein Gewissen haben. Heute ist es bei vielen Christen verkümmert oder ausgelöscht. Glaube wird nach eigenem Gutdünken gelebt.

Am Schluss der charismatischen Befähigungen sei bei Antonie noch die Seelenschau genannt, eine Gabe, die heiligmäßigen Personen gegeben wird, um sie sicher durch den Dschungel menschlicher Verirrungen, Versuchungen und Fallen zu leiten. Inzwischen setzt man mehr auf die Psychologie und die Psychiatrie, mit meist zweifelhaftem Ergebnis, wie sich leicht aus dem allernächsten Umfeld belegen ließe. Bei Johannes lesen wir: „Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen, denn er wusste, was im Menschen ist“ (Joh 2,24-25). Und in den Schriften der Visionärin Maria Valtorta sagt Jesus zu Petrus: „Traue nie der Zukunft eines Menschen.“ Etwas von diesem Wissen über den Menschen schenkt der Himmel auch mystischen Naturen. Gelegentlich wurde es bei Antonie beobachtet.
Dass Bischof Josef Stimpfle das Charisma Antonies erkannte, obwohl er der weitaus jüngste unter den drei Bischöfen war, die mit ihr zu tun hatten, legt die Vermutung nahe, diese Dimension des menschlichen Daseins müsse ihm aus eigener Erfahrung vertraut gewesen sein.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VII

Gejagd und versteckt

Erstes Messopfer

Am 1. September 1939 brach der verhängnisvolle Zweite Weltkrieg aus. Ein Volk, katholisch geprägt wie kein anderes in Europa, wurde überfallen. Es sollte knapp 40 Jahre später nach mehreren Jahrhunderten den ersten Papst stellen, der kein Italiener war. Bis dahin werden jedoch noch viele Leiden den ganzen Kontinent überfluten.

Einen Monat später, im Oktober, erteilten die Behörden die schriftliche Erlaubnis zur Öffnung der Kapelle und zu ih­rem Ausbau. In Wigratzbad ließ man keine Zeit verstreichen. Es wurde mit Hochdruck an der Vollendung gearbeitet. An­fang Dezember konnte ein Türmchen aufgerichtet werden. Die Glocke erhielt den Namen Bernadette. Sie wurde von G.R. Frommknecht geweiht und aufgezogen. Eingraviert wurde der Spruch: „Maria siegt, siegt immer!“ Die Turmspitze sollte eine Statue der Gottesmutter aus Bronze krönen. Antonie hol­te sie aus Kisslegg. Sie zierte einst die Brunnensäule vor der dortigen Pfarrkirche. In einer Nacht war sie von Gegnern he­runtergerissen und in Stücke geschlagen worden. Antonie er­bat sich vom Pfarrer die Trümmer, ließ die Teile zusammen­schweißen und auf die Spitze des Turms stellen. Worauf man allerdings noch warten musste, das war die Weihe und die Erlaubnis, in der Kapelle die hl. Messe zu feiern.

Diese Möglichkeit eröffnete sich einige Monate später. Und es sollte ein Geistlicher aus Sibratshofen sein, Pfarrer Ernst Ritter, ein Priester mit Leib und Seele, der zu den Verfolgten des Regimes gehörte. Zweimal schon war er von der Gehei­men Staatspolizei eingekerkert worden. Nach einjähriger Haft wurde er jetzt von einem Sondergericht zum Konzentrations­lager Dachau verurteilt. Es gelang ihm, seinen Schwestern eine Mitteilung zukommen zu lassen mit der Bitte, für ihn in Wi­gratzbad zu beten. Das taten sie zwei Tage und zwei Nächte hindurch. Am dritten, am Feste des hl. Josef, wurde der Ver­urteilte plötzlich aus der Haft entlassen. Noch in der Kleidung eines Sträflings fuhr er nach Wigratzbad. Vor der „Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg“ betete er den ganzen Nach­mittag und die Nacht hindurch. Am Morgen fuhr er zu sei­nem Oberhirten nach Augsburg und bat um die Erlaubnis, in Wigratzbad aus Dankbarkeit das hl. Messopfer feiern zu dürfen. Die Bitte wurde ihm gewährt.

Es war selbst ein Verfolgter und Gedemütigter, der in der Sühnenacht vom 24. auf den 25. März 1940 die Kapelle ein­weihte. Eine große Schar von Betern war dabei. Und ausge­rechnet an einem der größten Marienfeste, Mariä Verkündi­gung, wurde in der Kapelle zum ersten Mal das hl. Messopfer gefeiert. Das alles war von einer großen, nicht zu übersehen­den Symbolik.

Auf die zweite hl. Messe musste man allerdings anderthalb Jahre warten. Das war anlässlich der Hochzeit von Antonies Bruder Andreas. Er hatte darum im Ordinariat gebeten und die Erlaubnis erhalten. Auch diese Feier wurde zu einem be­sonderen Erlebnis für die zahlreich Mitfeiernden.

Der größer werdende Zustrom an Pilgern wurde für An­tonie allerdings zu einem Damoklesschwert, das ständig über ihrem Haupte schwebte. Ihre Gegner ruhten nicht, und zu ihnen gehörte vor allem der eigene Ortspfarrer. Das ist ohne Zweifel eines der bittersten Kapitel im Leben der charisma­tisch begnadeten Frau. Und man würde der Kirche, die sich seit den letzten Päpsten mehr denn je der Wahrheit über die eigene Geschichte verpflichtet fühlt, in unserer Zeit keinen Dienst erweisen, wollte man das verschweigen.

Tödliche Anklagen

Zwei Jahre waren in Wigratzbad seit der Einweihung vergan­gen. Da versammelten sich im Hause des Bürgermeisters von Hergatz ein paar Gleichgesinnte, unter ihnen der Ortspfarrer und sein Küster, der auch Fleischbeschauer in der Gemeinde war, um darüber zu beraten, wie man Antonie aus dem Wege räumen und ihr Werk auslöschen könnte. Man kam auf die Idee, sie der Schwarzschlachtung zu bezichtigen. Darauf stand die Todesstrafe. Ausgerechnet der Küster, in seiner Eigenschaft als Fleischbeschauer, sollte die Anzeige erstatten. Die Familie Rädler wurde beschuldigt, in drei Kriegsjahren 50 Stück Vieh unter der Hand geschlachtet zu haben. Antonie trage dabei die Hauptverantwortung. Dem Küster wurde versichert, dass ihm nichts geschehen werde, falls herauskäme, dass an den Vorwür­fen nichts dran sei. Von der Sitzung erfuhren die Rädlers über eine Frau, die im Nachbargebäude des Bürgermeisters wohnte und Gelegenheit hatte, unauffällig mitzuhören, was in der Sit­zung beschlossen wurde. Nach dem Kriege hat der Mann seine Beschuldigungen widerrufen. Aber für die große Beterin von Wigratzbad hätten diese der sichere Tod sein können oder die Entsendung in das berüchtigte Konzentrationslager Auschwitz, in dem die bekannte Mystikerin Edith Stein vergast wurde.

Die Anzeige hatte zur Folge, dass zwei Tage vor dem Palm­sonntag, dem sog. Schmerzensfreitag, im Jahre 1942, ein Po­lizeibeamter auftauchte, Antonie verhaftete und zum Amts­gericht in Lindau brachte. Sie wurde in einer Einzelzelle un­tergebracht. Man wusste von Augsburg her um ihren Einfluss auf Mitgefangene. Sie durfte niemanden empfangen, nieman­dem schreiben, sie durfte nie an die frische Luft.

Die zermürbenden Verhöre aus dem Jahre 1938 in Augs­burg wiederholten sich. Sie dauerten von 8 bis 17 Uhr. Die Tobsuchtsanfälle des vernehmenden Zollfahnders zeigten, wie fanatisch ergeben viele Menschen dem unmenschlichen Sys­tem waren. Die Torturen hatten zur Folge, dass Antonie bis­weilen zusammenbrach.

In der Nacht ließ man gefangene Soldaten in ihre Zelle, in der Erwartung, sie würden sich auf sie stürzen, sich an ihr vergehen. Man hätte sie dann der Prostitution beschuldigt. Sie betete zwanzig Rosenkränze am Tag. Die Soldaten vermochten nicht, sich ihr zu nähern, eine geheimnisvolle Macht hielt sie zurück. Außerdem musste die Gefangene die Zellen der Häft­linge putzen, deren Boden mit den Sekreten der Geschlechts­kranken verunreinigt war. Man hoffte, sie würde sich anste­cken. Grauenvoll waren die großen Feste, besonders Pfingsten. An diesen Tagen wurden die Gefangenen sich selbst überlas­sen, die sich dann sexuellen Ausschweifungen hingaben. Von ihrer Zelle aus musste sie alles mitanhören.

Am meisten litt Antonie darunter, dass sie auf die hl. Kom­munion verzichten musste. Ihre Bitte an einen Wächter, ihr einen Priester zu besorgen, beantwortete dieser mit Spott. Als ein Amtsgerichtsrat in ihre Zelle kam, ein Protestant, trug sie ihm ihre Bitte vor. Der zeigte Verständnis und versprach, et­was für sie zu tun. Tatsächlich kam der Kaplan der Stadtpfarr­kirche zu ihr. Dieser behandelte sie jedoch von oben herab, spendete ihr aber doch die heiligen Sakramente.

Die qualvolle Haft dauerte vom 25. März bis zum 2. Juli, dem Fest Mariä Heimsuchung, also dreieinhalb Monate. In der Nacht zum 2. Juli hatte Antonie einen Traum. Die Gottesmut­ter stand vor ihr, nahm sie an der Hand und sagte: „Komm!“ Während sie den Rosenkranz betete, fragte Antonie immer wieder: „Wohin soll ich denn mit dir gehen? Wirke ein Wun­der. Nimm mich heim zur Grotte!“ Und es trat ein. Noch am gleichen Tage wurde sie ins Amtsgericht nach Wangen gerufen. Der Richter händigte ihr ein Telegramm aus, das aus Mün­chen eingetroffen war. Es war vom Sondergericht und lautete: „Antonie Rädler ist sofort zu entlassen!“ Der Richter erklärte ihr die Hintergründe, die zeigen, dass es in diesem System im­mer wieder Beamte gegeben hat, die von der Unschuld Anto­nies überzeugt waren: „Ihr Verteidiger, ein Oberamtsrichter, hat sich telefonisch an das Sondergericht in München gewandt und verlangt, dass ihm nach fünf Monaten endlich die Akten zum Fall Antonie Rädler zugestellt werden. Daraufhin hat München die Entlassung veranlasst. Bei einer Person, die sich eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht hat, geschieht so etwas außerordentlich selten. Ich gratuliere Ihnen.“

Kurzes Atemholen

Am Nachmittag war Antonie wieder daheim. Es sollte für sie nur ein kurzes Atemholen sein. Sie ging zur Grotte und stellte fest, dass sie schön geschmückt und das Ziel vieler Beter geblieben war. Man hatte viel für die Gefangene gebetet.

Zwei Tage später kam ein Polizist und brachte ihr die Schlüs­sel zur Kapelle. Er hatte die Anweisung, dafür zu sorgen, dass das Harmonium aus der Kapelle entfernt wurde, damit es kei­nen Schaden nehme. Antonie und ihre Brüder nahmen die Gelegenheit wahr, auch den „Herrn im Elend“, die Gnaden­statue der Unbefleckten Empfängnis und den hl. Josef in Si­cherheit zu bringen. Umsonst protestierte der Beamte. Die Statuen wurden in Antonies Zimmer gebracht und zur Ver­ehrung aufgestellt.

Was noch ausstand, war die Gerichtsverhandlung. Der Va­ter wurde aus Altersgründen vom Erscheinen entbunden, An­tonie stand allein vor dem Richter. Vergeblich versuchte man ihr etwas nachzuweisen, nicht einmal auf Indizien konnte man sich stützen. Nur aufgrund des Verdachtes wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, angerechnet wurden nur zwei Monate Haft, „weil sie sich nicht zu ihrer Schuld bekannt ha­be“. Bis zum Antritt der Haft durfte sie heimkehren. Ihr Ver­teidiger hoffte auf Strafaufschub, aber Anträge dieser Art wur­den zurückgewiesen.

Vor dem Antritt der Strafe musste sie noch einmal nach München, um einer Gerichtsverhandlung wegen Schwarz­schlachtung beizuwohnen. Es war Psychoterror reinsten Was­sers. Aber der Freund des Vaters, ein Ministerialrat, ließ ihr eine heimliche Nachricht zukommen, auf keinen Fall nach Hause zurückzukehren. Er hatte erfahren, dass Antonie nach Auschwitz gebracht und dort umgebracht werden sollte. So begann eine moderne Odyssee, die ihresgleichen sucht.

Antonie tauchte erst einmal bei ihrem Vetter, Pfarrer von Hindelang, unter. Nach einer Woche musste sie weiterziehen, um den Geistlichen nicht zu gefährden. Sie konnte sich bei einem Freund des Vaters in Heimenkirch verstecken. Dieser brachte sie in einem Dachstübchen unter und versorgte sie. Er konnte den Spiritual des Herz-Jesu-Heims, Pater Pius von Weingarten, bewegen, ihr die hl. Kommunion zu bringen. Aber der Geistliche bekam kalte Füße und redete mit goldener Zunge auf sie ein, sich den Behörden zu stellen und die Strafe anzutreten. Ein Fluchtversuch sei unmöglich, alle Straßen be­wacht, die Familie gefährdet, man würde zwei Personen an ih­rer statt einsperren und hinrichten. In allen Polizeizeitungen sei sie mit Lichtbild ausgeschrieben. Ohne Anmeldung be­komme sie außerdem auch keine Lebensmittelkarten.

Es kam der letzte Abend, an dem sie Abschied nehmen soll­te. Während sie vor einem Herz-Jesu-Bild den schmerzhaften Rosenkranz betete, wurde es plötzlich in der kleinen Stube taghell, sie sah den Erzengel Michael und hörte vom Bild her die Stimme Jesu: „Bleibe ruhig! Dir passiert gar nichts. Du brauchst nicht ins Gefängnis zu gehen. Kein Haar wird dir gekrümmt wer­den. Deinen Angehörigen geschieht auch nichts. Du wirst ab­geholt. Folge! Die Engel begleiten dich. Vertraue! Vertraue!“

Antonie betete den Rosenkranz zu Ende. Da kam Pater Pius und brachte ihr die hl. Kommunion, „die letzte ihres Lebens“ – wie er sagte –, und erteilte ihr den Sterbeablass. Und es entwickelte sich ein kurzer Dialog zwischen dem Priester und einer „ungebildeten“ Laiin, der dennoch Geschichte machen sollte. „Sie täuschen sich, Herr Pater! Mir geschieht gar nichts und auch meiner Familie nicht!“ Dann erzählte sie dem Be­nediktinermönch von der Erscheinung des Erzengels. Dieser blieb skeptisch und meinte selbstsicher: „Sie irren sich. Die Angst verwirrt Sie. Sie haben sich das nur eingebildet, Satan verblendet Sie. Es nützt Ihnen nichts, die Augen vor der Wirk­lichkeit zu verschließen.“ – „Nein, Herr Pater“, widersprach Antonie, „die Mutter Gottes hat mich noch nie in die Irre ge­führt. Auch diesmal nicht. Ich glaube, dass der liebe Gott auf die Fürbitte Mariens, der Mutter vom Sieg, ein Wunder wirkt. Maria ist die Siegerin und macht alle Machenschaften des Teufels zunichte.“ – „Möchte es so sein“, meinte der Pater zum Abschluss und versprach noch einmal zu kommen. „Um 14 Uhr müssen Sie den harten Weg antreten“ (das heißt sich stellen). Dann gab er ihr den Reisesegen. Er hatte sich geirrt, denn es kam anders.

Im Bregenzer Wald

Kurz vor Mittag, gegen 11 Uhr, betrat der Hausherr uner­wartet mit einem Mann das Zimmer. Was dieser ihr erzählte, passt in die von Geheimnissen umgebene Geschichte von Wi­gratzbad. Er komme aus dem Bregenzerwald, aus einem ganz verlassenen Winkel. Seiner Frau sei Antonie von Wigratzbad her bekannt. Sie seien kinderlos und wohnten dort allein, ein Anwesen, von Wald umgeben, kein Weg führe dorthin. In der letzten Nacht seien beide, er und seine Frau, geweckt wor­den. Jedem wurde getrennt gesagt: „Holt sofort Antonie Räd­ler zu euch!“ Der Frau wurde zusätzlich eingeschärft: „Drän­ge deinen Mann, er soll sofort die Antonie ins Haus aufneh­men!“ Dem Mann dagegen: „Fürchte nichts! Hole die Antonie in dein Haus, aber sofort. Vertraue!“

Wie aber die Antonie holen, wenn niemand wusste, wo sie sich aufhielt. Also machte der Mann sich in den frühen Mor­genstunden auf den Weg, um das Haus der Familie Rädler aufzusuchen. Dort war man sehr überrascht, denn seit vier Wochen hatte man keine Nachricht von ihr. Den Eltern war der Aufenthaltsort wegen der vielen Verhöre durch die Ge­stapo nicht genannt worden, aus Furcht, sie könnten überlis­tet werden. Nur die Schwiegertochter, die Frau von Martin, wusste um den Ort. So konnte sie dem Mann aus dem Bre­genzerwald den Weg weisen.

Dieser bestellte nun Antonie für den anderen Morgen vor eine bestimmte Ortschaft und gab ihr eine Skizze in die Hand. An Ort und Stelle werde er ihr ein Zeichen mit der Hand geben und einen Jauchzer tun. Im Abstand von 20 Metern sollte sie ihm folgen. Der Weg werde steinig sein, Schluchten hinunter und Höhenwege hinauf führen. Nachdem alles er­klärt worden war, nahm er ihre Wäsche und Kleider mit und machte sich auf den Heimweg.

Es war bereits dunkel, als Antonie sich am Feste des hl. Erzengels Michael auf den Weg machte, verschleiert und als alte Frau verkleidet. Aber das Überwachungsnetz des Polizeistaates war dicht gesponnen. Plötzlich wurde sie angehalten. Eine Taschenlampe leuchtete auf, zwei Männer verlangten ihre Ausweispapiere. Antonie erschrak zu Tode. Sollte alles umsonst gewesen sein? Der Schweiß kam ihr aus allen Po­ren. Und wieder trat etwas Eigenartiges ein. Einer der Män­ner klopfte seinem Kameraden auf die Schulter und sagte: „Lass sie laufen! Das ist sie nicht.“ Ohne weitere Kontrollen kam Antonie durch den Sperrgürtel. So viel Aufwand um ei­ne Frau, die nichts anderes im Sinne hatte, als die Verehrung der Gottesmutter zu verkünden und zu beten.

Am frühen Morgen traf sie dann wie verabredet den Mann und folgte ihm in die entlegene Hütte in den Bregenzerwald. Trotz der Abgeschiedenheit kamen ab und zu doch befreun­dete Jäger ins Haus. Und sie tauchten plötzlich auf. Aus die­sem Grunde blieb sie ständig eingeschlossen und durfte kein Licht anzünden. Sie nutzte die Zeit, um die junge Geschichte der Gebetsstätte niederzuschreiben.

Ende Oktober wurde Antonie plötzlich von einer inneren Unruhe erfasst. Sie spürte, dass Gefahr im Verzuge war und dass sie das Haus sofort verlassen musste. Mitten in der Nacht brach sie auf, die Hausfrau konnte ihr nur noch den Weg zur Landstraße zeigen. Dann musste sie die einsame Beterin ih­rem Schicksal überlassen.

Antonie fand Zuflucht bei treuen Bekannten, aber immer nur für ein paar Tage. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war zu groß. Schließlich drängte es sie innerlich mit aller Gewalt nach Hause. Aber was für ein Zuhause war es jetzt geworden! Sie versteckte sich zunächst im Holzstadel und wurde dort von ihrer Schwägerin entdeckt. Ohne lange zu zögern, bas­telte man an einem Versteck. Man verbarg sie in früheren Taubenschlägen unmittelbar unter dem Dach. Dann wurde die Scheidewand zwischen Haus und Heustadel durchbro­chen, die Öffnung durch Bretter so geschlossen, dass sie von innen gut verschlossen werden konnte. Das erwies sich auch als notwendig, denn schon zwei Tage später wurde das ganze Haus von der Polizei durchsucht.

Sie wurde nie von jemandem entdeckt, obwohl im Hause eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie untergebracht worden war. Außerdem hatte man Serben und Polen als Hilfen im Haus und in der Landwirtschaft eingewiesen. Für Antonie war der enge, dunkle Unterschlupf ein Martyrium. Sie konnte nie aufrecht sitzen. Im Winter war es unmittelbar unter den Dachziegeln unerträglich kalt und im Sommer unerträglich heiß. Ab und zu konnte sie in die Küche im obersten Stock­werk ausweichen.

Von Ende 1943 bis April 1945 lebte sie und die ganze Fa­milie in Todesangst. Alle wussten, was sie erwartete, für den Fall, dass man sie entdecken würde. An dieser Gefahr kam sie zweimal haarscharf vorbei. Einmal stürmte die Geheime Staatspolizei unerwartet das Haus. Antonie schaffte es nicht, ihr Versteck aufzusuchen. Sie war bei den kranken Kindern ihres Bruders, konnte nur noch unter die Bettdecke der Kin­der kriechen und diese schreien lassen, als ein Beamter das Zimmer betreten wollte. Er zog sich zurück, ohne Antonie entdeckt zu haben. Er muss mit Blindheit geschlagen gewesen sein. Erstaunlich in dieser Situation, dass die beiden Kinder, ein achtjähriges Mädchen und ein vierjähriger Junge, die täg­lich mit der Tante zusammen waren, sich auch sonst gegen­über anderen Kindern nie verraten haben und das Geheim­nis zu hüten wussten.

Ein zweites Mal, es war schon gegen Kriegsende, im März/ April 1945, betrat überraschend ein Polizeibeamter aus Op­fenbach das Haus und stürmte die Treppe hinauf. Er gab vor, einen gefangenen Polen zu suchen. Schon hatte er die Klinke in der Hand, da rief die Mutter von unten, er sei an der fal­schen Tür, er müsste die nächste hinein.

Langsam und qualvoll neigte sich das „tausendjährige Reich“ seinem Ende zu. Blinder Fanatismus hatte sich sein eigenes Grab gegraben. Aber ein wildes Tier ist noch im Todeskampf gefährlich. Das bekam Martin, Antonies Bruder, zu spüren. Obwohl klar war, dass das Ende nicht mehr aufzuhalten war, wurde er noch in den letzten Tagen bei der Partei verleumdet. Das zeigt den erschreckenden Verlust des Gewissens bei den verführten Menschen. Er trachte angeblich einem Feldwe­bel, dem die Überwachung der Brücke über die Laiblach ob­lag, nach dem Leben. Eine absurde Behauptung. Sie hatte je­doch zur Folge, dass 200 Soldaten aus Konstanz nach Wigratz­bad abkommandiert wurden. 80 SS-Männer und 45 Gestapobeamte wurden im Hause der Familie Rädler einquartiert. Die Besatzung blieb vier Wochen und demolierte, was zu de­molieren war.

Dass bei dieser Menschenmenge im Hause Antonie nie ent­deckt wurde, kann als Wunder besonderer Art bezeichnet werden. Der Schutz des Himmels war offensichtlich. Zwei Geistliche, die aus dem KZ befreit zurückkehrten, feierten das hl. Messopfer in der Kapelle und brachten Antonie heimlich in einer Kapsel das Allerheiligste für den Fall, dass man sie doch noch ergreifen und zum Tode führen würde. Damit war man in den letzten Tagen besonders schnell bei der Hand.

Unterhalb des Hauses, der Kapelle und in der Umgebung wurden Schützengräben ausgehoben und auf die anrücken­den Franzosen geschossen. Das machte die Gebäude zur be­sonderen Zielscheibe für die andere Seite, die nicht mehr aufzuhalten war.

„Um dieser hohen Frau willen“

Immer mehr flüchtende deutsche Soldaten durchzogen Wigratzbad und die umliegenden Gemeinden. Sie hatten die Sinnlosigkeit des Kampfes vor Augen. Da ließ der Bürger­meister von Hergatz ein Gemeindeblatt mit der Aufforderung verteilen, man solle keinen deutschen Soldaten in den Häu­sern aufnehmen, sie seien dessen nicht würdig: „Schickt sie in die Wälder.“ Das war jener Mann, der an der Sitzung teil­genommen hatte, auf der beschlossen worden war, Antonie der Schwarzschlachtung zu bezichtigen und damit dem siche­ren Tode auszuliefern. Jetzt ereilte ihn genau dieses Schick­sal. Die Blätter kamen in die Hände des SS-Kommandanten. Der geriet in Wut, ließ den Bürgermeister ergreifen, verhör­te ihn drei Stunden im Hause der Familie Rädler und verur­teilte ihn schließlich zum Tode durch Erhängen.

Von einem Nebenzimmer aus konnte die Familie alles mit­hören. Sie hatten ihrem Todfeind verziehen und beteten jetzt für ihn, dass doch seine Seele gerettet werde. Vor dem Hause des Bürgermeisters stand einmal ein Kreuz, es wurde als an­gebliches Verkehrshindernis entfernt, auf seine Anweisung hin. Jetzt wurde an dieser Stelle ein Galgen errichtet. Der erste Versuch einer Hinrichtung ging daneben. Daraufhin musste er sich selbst den Strick um den Hals legen. Es waren Gesin­nungsgenossen, die ihn umbrachten.

Noch in der Nacht kam seine Frau zur Familie Rädler und bat diese inständig, sich beim SS-Kommandanten dafür zu verwenden, dass man den Toten vom Galgen nehmen dürfe, damit den eigenen Kindern der schreckliche Anblick erspart bliebe. Es war schwer, ihn umzustimmen, aber schließlich gab er nach. Der Tote wurde auf einem Schubkarren nach Wohmbrechts gefahren und verscharrt.

Übrigens haben die größten Feinde Antonies einen tragi­schen Tod gefunden. Zu ihnen gehörte auch der Kreisleiter der Partei aus Lindenberg. Er wurde von befreiten Polen aus dem Auto geholt, zu Tode getrampelt und unter die Erde ge­bracht.

Der letzte entscheidende Tag brach an. Es war der 29. April, ein Sonntag. Die SS schickte alle Bewohner in die Wälder. Die Brücke über die Laiblach wurde gesprengt, ein französischer Panzer in Brand geschossen und dessen Besatzung getötet. Bei Einbruch der Nacht verließ dann der größte Teil der Besatzung den Ort. Nur eine kleine Abteilung schoss noch nach Mitter­nacht aus den Schützengräben. Dann verschwanden auch sie.

Antonie hatte niemand von der Familie fliehen lassen. In der Dämmerung schlichen sie zur Kapelle hinauf und bete­ten in der Unterkirche die ganze Nacht hindurch. Wenn die Gottesmutter es zulasse, dass sie alle sterben, dann wollten sie ihr Leben aufopfern, damit später eine noch größere Ka­pelle entstehen möge zur Verherrlichung der Siegerin in allen Schlachten Gottes, meinte sie.

Die heranrollenden französischen Panzer eröffneten ein ohrenbetäubendes Feuer auf Wigratzbad. Martin befand sich gerade noch unten im Elternhaus, da durchschlug eine Gra­nate die Hauswand und entzündete einen Holzstoß. Mit nas­sen Tüchern konnte der Sohn das Feuer löschen. Gegen 2 Uhr suchte er das Haus noch einmal auf und traf dort zu seiner großen Überraschung auf den SS-Kommandanten, zwei Sol­daten und eine Sekretärin. Mit vorgehaltener Pistole jagte er Martin aus dem Hause, worauf dieser in die Unterkirche zu­rückkehrte. Der ganze Weg war mit Granaten übersät, die nicht krepiert waren.

Von innerer Unruhe gedrängt verließ Martin im Morgen­grauen noch einmal die Unterkirche, nahm eine Stange und ein weißes Tuch mit und stieg zur zerstörten Brücke hinun­ter, wobei er jeden Augenblick damit rechnen musste, von einer Kugel getroffen zu werden.

Unten erwartete er den ersten französischen Panzer. Ihm entstieg ein Offizier, der fließend deutsch sprach. Er staunte über den Mut des Mannes und fragte, ob noch deutsche Sol­daten im Ort seien. Martin verneinte. „Ihr habt die Brücke über die Laiblach gesprengt. Ich habe den Befehl, zur Strafe den Ort und die ganze Umgebung dem Erdboden gleich zu machen“, sagte der Offizier. Martin beteuerte, dass es die SS gewesen sei. Sie selber hätten über Jahre unter dem schreckli­chen Regime gelitten. Trotz der Auseinandersetzung mit die­sem gottlosen Reich hätten sie dort oben die Kapelle erbaut zu Ehren der Gottesmutter vom Siege, unzählige Nächte da­rin gebetet um den Sieg über ihre Feinde.

Und dann kam zwischen dem Deutschen und dem Fran­zosen ein Gedankenaustausch zustande, der nur in der Welt Gottes möglich ist. ,Verschonen Sie uns und diesen Ort, wie Sie in gleicher Lage Lourdes verschonen würden. Schauen Sie die Madonna dort oben auf dem Türmchen. Ihr zuliebe, verschonen Sie uns!“ Der Offizier blieb hart: „Aber ihr habt die Brücke zerstört!“ Martin schlug einen Ausweg vor. Er woll­te dem Offizier eine Brücke über den Fluss zeigen. Wenn man sie verstärken würde, könnten Panzer darüber rollen und der Vormarsch wäre gesichert. Der Franzose ließ sich die Brücke zeigen und ordnete dann an, sie den Erfordernissen anzu­passen. Etwa fünfzehn Minuten ging er, mit sich selbst rin­gend, auf und ab. Martin startete einen neuen Versuch: „Tun Sie es der hohen Frau zuliebe. Sie wird Sie dafür beschützen bei Tag und bei Nacht!“ Der Offizier schaute zum Türmchen: „Um dieser hohen Frau willen verschone ich diese Kapelle und diesen Ort!“ Dann gab er den Befehl zur Feuereinstellung.

Maria hatte Verständigung bewirkt zwischen einem Deut­schen und einem Franzosen und Leben gerettet. Sie war zur Brücke geworden. Ein Gegenpol zum SS-Kommandanten und dem Bürgermeister, beide auf Hitler eingeschworen. Dies wurde beiden zum Verhängnis. Am Ende zerstört das Böse sich selbst.

Wigratzbad war gerettet. Kein Schuss fiel mehr. Die einrü­ckende französische Einheit konnte es nicht fassen, dass die Geschosse nicht explodiert waren, alle Häuser standen und kein Mensch ums Leben gekommen war.

Die Bewohner kamen aus den Wäldern zurück, weinten vor Freude. Die Heimat war ihnen erhalten geblieben. Anto­nie schlug vor, neunmal neun Tage jeden Abend in der Ka­pelle einen Psalter, d.h. drei Rosenkränze zu beten.

Am darauf folgenden Sonntag hörten die Menschen in der Kirche von Opfenbach aus dem Munde ihres Pfarrers Mans­netter von der Kanzel ein klares Bekenntnis. Wenn ihnen die Heimat erhalten geblieben sei, dann verdanke man es der Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg in Wigratzbad. Dort sei viele Stunden bei Tag und bei Nacht gebetet worden, „mehr gebetet als im ganzen Land“.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VI

Gefängnis und Terror

 

„Theater muss aufhören”

Zwei Tage nach dem schockierenden Gespräch mit ihrem Pfarrer hielt ein Wagen vor dem Haus der Familie Rädler. Ihm entstiegen vier Männer der berüchtigten Geheimen Staatspoli­zei und verlangten in barschem Ton, mit Antonie zu sprechen. Sie war gerade erst von einer Beerdigung zurückgekommen und hatte noch nichts gegessen. Sie durfte es auch jetzt nicht. Im Gegenteil. Man begann sofort mit einem Verhör, durch das sie erst einmal eingeschüchtert werden sollte.

Es sei eine große Anzahl von Anzeigen bei ihnen über sie eingegangen, behaupteten sie. Sie hätte für den Bau der Kapel­le ohne Genehmigung gesammelt. Antonie blieb ruhig. Sie sei­en falsch unterrichtet, antwortete sie. Das Geld für die Kapelle stamme von ihrem Vater und von ihrer Taufpatin, außerdem hätte sie ein Darlehen aufgenommen und werde es verzinst zu gegebener Zeit zurückzahlen. Für ihre Behauptungen einer unerlaubten Sammlung sollten sie Beweise erbringen.

Daraufhin wurde das Haus vom Dach bis zum Keller durch­sucht, das Büro des Vaters durchwühlt, Böden aufgerissen, Dokumente beschlagnahmt. Vergeblich. Belastendes Material fanden sie nicht. Die Kapelle wurde mit der Bemerkung ge­schlossen: „Dieses Theater muss aufhören!“ Gegen 21 Uhr be­fahlen sie Antonie, ins Auto zu steigen. Sie durfte nicht ein­mal die Kleidung wechseln. In großer Ungewissheit über ihr Schicksal blieb die Familie zurück.

Trotz der vorgerückten Stunde fuhren sie zur bereits er­wähnten Cäcilia Geyer, die einen wichtigen Anstoß für die Erweiterung der Grotte gegeben hatte und holten sie aus dem Bett. Antonie blieb unter Bewachung im Wagen zurück. Der aus dem Schlaf gerissenen Frau warfen die Beamten vor, sie hätte Antonie Rädler 10 000 Mark für den Bau der Kapelle in Wigratzbad gegeben. Aber diese sei eine Schwindlerin und sie, Frau Geyer, habe sich mitschuldig gemacht. Sie werde al­les bezahlen müssen, bettelarm werden und ins Armenhaus kommen.

Erstaunlicherweise ließ sich die einfache Bäuerin nicht ein­schüchtern. Wenn jemand als Schwindler bezeichnet werden müsste, dann seien sie es, nicht die Antonie. Diese habe gear­beitet und gebetet, sie sei eine ehrbare Frau. Zwar habe sie ihr 2000 Mark für den Bau geschenkt, aber das sei der Wunsch ihres Mannes gewesen. Und was die Erscheinung der Gottes­mutter angehe, so habe sie, Cäcilia Geyer, diese tatsächlich ge­habt. Und sie hätte ihr gesagt: „Ich werde der höllischen Schlan­ge den Kopf zertreten. Ich kann alle zerschmettern, die gegen die Sache sind.“ Ein Schwindel liege hier nicht vor. Im Übri­gen verbiete sie sich in ihrem Hause solche Bemerkungen. Und wenn Gott ein Opfer von ihr fordere, so sei sie dazu be­reit. Die Kapelle, zu Ehren der Gottesmutter erbaut, sei es wert. Drei Stunden haben die Männer die Frau in der Mangel ge­habt, verhört und bedrängt. Aber sie hat sich zur Wehr ge­setzt und ist zuweilen so laut geworden, dass man es im Auto hören konnte. Als die Beamten schließlich gingen, machten sie ihr zur Auflage, am nächsten Tag eine Bescheinigung der Bank vorzulegen, dass die Summe tatsächlich die gewesen sei, die sie, Cäcilia Geyer, angegeben hatte.

Wie bewundernswert der Mut dieser Frauen war, kann je­mand ermessen, der diese Zeit nicht nur erlebt hat, sondern mit seiner Familie selber Opfer jenes Regimes gewesen war und noch heute, in reifem Alter, unter den zugefügten seeli­schen Wunden leidet.

Nach dem unerfreulichen Abstecher ins Haus Geyer brach­ten die Männer der Geheimen Staatspolizei Antonie in das Rathaus von Wangen und steckten sie in eine der Gefängniszellen, die es dort gab. Zu essen erhielt sie nichts. Sie war be­reits den ganzen Tag ohne Nahrung geblieben. Hinzu kam, dass sie die vorausgegangenen Tage schwer gearbeitet hatte, um die Einweihung der Kapelle am 8. Dezember, wie sie ge­hofft hatte, vorzubereiten. Eines konnte sie noch, schlafen.

Zwei Tage vergingen. Danach brachten dieselben Männer sie ins Polizeipräsidium nach Augsburg. Die Zelle, in die man sie sperrte, war ohne Tageslicht. Auf einem dürftigen Bretter­gestell konnte sie sich etwas niederlegen. In dieser Dunkel­heit, von aller Welt isoliert und verlassen, dankte sie der Got­tesmutter, dass sie nun tatsächlich teilhaben durfte am Leiden Christi. Sie war ungebrochen und legte ihr Schicksal in die Hände der „Jungfrau, mächtig bei Gott“.

Hier ist ein kleines Detail bemerkenswert. Da man ihr auch die Handtasche abgenommen hatte, bat sie zwischendurch einen der Beamten, ihr aus der Tasche den Rosenkranz zu bringen. Und wider Erwarten erfüllte der ihr diesen beschei­denen Wunsch, nicht ahnend, welche „Waffe“ er ihr damit in die Hand gab. Für einen kurzen Augenblick zeigte einer der Männer ein menschliches Gesicht.

Im „Katzenstadel“

Am nächsten Tag, es war ein Samstag, wurde Antonie in das gefürchtete Gefängnis „Katzenstadel“ gebracht. Dort kam sie zunächst in eine Zelle mit zwei Frauen, die den letzten Rest an Würde verloren hatten. Es war sehr kalt und Antonie fror bis auf die Knochen. Am Montag wurde sie dann einer Grup­pe von 16 Frauen zugeteilt, die Weihnachtstüten klebten. Die meisten von ihnen waren Prostituierte. Antonie wurde mit Spott empfangen. Nun bekam sie zu Gesicht, wie tief Men­schen fallen können. Es wurde geflucht, gestritten, sich ge­prügelt. Antonie blieb schweigsam, auf Fragen antwortete sie nicht. Im Raum herrschte ein fürchterlicher Gestank, denn alle mussten ihre Notdurft in einen offenen Kübel verrichten. Gelüftet wurde nicht.

Zur Mittagszeit wurde unter einer Türklappe das Essen hi­neingeschoben. Alle füllten ihre Blechschüsseln. Da ging An­tonie zur Initiative über. Sie betete laut das Tischgebet. Ge­lächter war die Antwort. Sie blieb jedoch ruhig und sagte: „Wir sind doch Menschen, wir sind keine Tiere, die ihren Schöp­fer nicht kennen. Betet mit oder schweigt wenigstens!“ Einige schwiegen, andere wurden noch ausfälliger. Antonie zeigte Würde auch unter diesen unmenschlichen Bedingungen. Das musste Wirkung zeigen bei Menschen, denen man jede Würde absprechen wollte.

In der Freizeit forderte sie die Mitgefangenen auf, mit ihr den Rosenkranz zu beten. Wer mitmachen wollte, dem ver­sprach sie ein Stück von ihrer Brotration. Zwei bis drei erklär­ten sich bereit, aber sie kannten weder das Vaterunser noch das Ave Maria. Antonie schrieb sie ihnen auf einem Stück Papier auf. Dann sprach sie ihnen Mut zu und versicherte ihnen, sie würden bald die Auswirkungen des Betens spüren, sie würden andere Menschen werden, aus ihrer Not herauskommen.

Antonies Haltung flößte den Gefangenen Vertrauen ein. Eine nach der anderen kam auf sie zu, offenbarten ihr ihre in­nere Not, baten um einen Rat. Streitigkeiten wurden geschlich­tet. Eine ganz andere Atmosphäre machte sich unter den Häft­lingen breit. Es vergingen keine zwei Wochen, da äußerten alle, bis auf eine Protestantin, den Wunsch, zu beichten. Im Hause gab es eine Kapelle, in der alle zwei Wochen eine hl. Messe ge­feiert wurde. Daher erbat Antonie bei der Gefängniswärterin einen Priester. Es kam ein sehr gütiger und einfühlsamer Pater.

Antonie selbst bereitete alle auf das Sakrament der Buße vor. Sie stand als Letzte in der Reihe. Als sie dran kam, verriet ihr der Geistliche, wie beeindruckt er sei. „Sie mussten in dieses Gefängnis kommen“, bekannte er, „Sie haben große Bekeh­rungen erreicht.“ Kurze Zeit darauf wurde der Geistliche ver­setzt und die Gefängnisseelsorge abgeschafft.

Als auch Antonie von ihnen Abschied nehmen musste, weinten alle. Sie versprachen, jeden Tag den Rosenkranz zu be­ten, sie seien ganz andere Menschen geworden, eine große in­nere Ruhe sei in ihnen eingekehrt. Sie wäre für sie zum Schutz­engel geworden.

Danach wurde sie wieder ins Polizeipräsidium gebracht, von morgens bis abends verhört. Während dieser Verhöre ließ man sie bis zu zehn Stunden ohne Unterbrechung stehen, sie bekam weder zu essen noch zu trinken. Vorher hatte man ihr einige Kartoffeln in der Schale und etwas Kraut gegeben. Jetzt nahmen die Beamten vor ihren Augen Wurst- und Schinken­brötchen zu sich. Man wollte sie zermürben und eine Aussage erpressen, die eine Verurteilung erleichtert hätte. Es ging ih­nen vor allem um eine Liste der Wohltäter. Antonie blieb im Vertrauen auf den Beistand des Heiligen Geistes ruhig, zeigte sogar einen Hauch von Humor. Die Wohltäter seien im Her­zen Jesu und Mariens eingetragen. Dort sollten sie nachfor­schen. Sie zeigte Stehvermögen, hörte auf eine innere Stimme, die ihr sagte: Ich werde an deiner Seite bleiben. Alle Fragen wirst du ohne nachzudenken richtig beantworten.

Aber eine schwere Krise blieb ihr dennoch nicht erspart. Es war am 7. Dezember, am Vorabend des Festes der Unbe­fleckten Empfängnis. Der Psychoterror, die physischen Be­lastungen hatten an ihrer Substanz gezehrt. Die Nerven ver­sagten. Den ganzen Tag über musste sie weinen. Eine innere Nacht brach über sie herein, eine tiefe Gottverlassenheit, sie hatte den Eindruck, der Himmel habe sie vergessen. Sie sah keine Zukunft mehr, die erschien ihr schwarz und ohne Hoff­nung. Man hatte ihr mit dem Konzentrationslager gedroht, die Eltern glaubte sie in höchster Gefahr. Je tiefer die Nacht, umso tiefer ihre innere Not.

Da schlug um Mitternacht vom Kirchturm die Glocke. Beim zwölften Schlag wurde es hell in der Zelle. Aus einer Wolke trat die Unbefleckte Empfängnis heraus und sagte: „Fürchte dich nicht! Ich habe alles in den Händen. Du wirst bald aus dem Gefängnis entlassen werden.

Bete täglich zum Jesuskind:

gnadenreiches Jesuskind, sei hochgepriesen und segne uns! Durch deine heilige Mutter bitten wir dich: Aus aller Not und Bedrängnis errette uns! Zum vollkommenen Sieg und wahren Glück und Frieden führe uns mit deiner Allmacht, Weisheit und Güte. Um die Verdienste deines ersten (zweiten, dritten … zwölften) Lebensjahres willen bitten wir dich: Eile uns zu Hilfe auch durch die Schar all deiner Engel und Heiligen!“

Was wollte Maria, die Mutter Jesu, mit diesem Gebet er­reichen? Bei ihr hat jede Geste, jede Aussage eine tiefe Dimen­sion. Das Leiden Jesu ist für jeden Christen ein Begriff. Da­runter verstehen wir, was Menschen ihm am letzten Tag sei­nes irdischen Lebens angetan haben, den grauenvollen Tod am Kreuze, und was diesem vorausgegangen war an seelischer und körperlicher Folter. Weniger gegenwärtig sind den gläu­bigen Menschen, was er bereits während der Jahre der Ver­kündigung auf sich genommen hatte, den Hass der Mächtigen, der Theologen und der Priesterkaste im Tempel zu Jerusalem. Wenig, ja fast kaum wird bedacht, welche Leiden bereits die Jahre seiner Kindheit durchzogen haben. Die Mordabsicht des Königs Herodes, die mühsame Flucht nach Ägypten, Jahre der Heimatlosigkeit als Flüchtlingskind in Ägypten. Später die Jahre in Nazareth, das Zusammenleben mit Menschen, die keine Engel waren, sondern voller Fehler, Laster und Neid, die ihm, dem Sündenlosen, oft ein Gräuel gewesen sein müssen.

Es ist eine Gefangene, die gerade die Niederungen des Menschlichen ausleben musste, der Maria dieses Gebet, das heißt diese Betrachtung anempfiehlt.

Antonie begann damit sofort. Sie betete zwölf Vaterunser und zwölf Ave Maria. Nach dem Namen Jesu fügte sie jeweils das empfohlene Gebet hinzu. Dann machte sie drei Kniebeu­gen mit den Worten „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Die Kniebeugen sollten eine Sühne sein für jene, die nicht mehr bereit sind, vor dem sich demü­tigenden Gott im Stall das Knie zu beugen. Es ist kein niedli­ches Kindlein-Jesu-Gebet. Dahinter steckt die Offenbarung, was es für den ewigen, unendlich seligen Gott bedeuten muss­te, in Raum und Zeit einzutauchen und als Mensch alles auf sich zu nehmen, was Menschen auf dieser Erde an Qualen und Leiden zugemutet wird, oft schon als Kind.

Neue Register

Den ganzen 8. Dezember hindurch weinte Antonie, dies­mal erfüllt von innerem Glück. Auf diese Weise gestärkt, stell­te sie sich mit erhobenem Haupt wieder ihren Folterknech­ten. Nun zogen sie neue Register. Der Bischof sei über sie in­formiert. Auch er habe zugegeben, dass es auf der ganzen Welt nicht üblich sei, so lange und so viel zu beten. Er billige es nicht. Aber die Frau aus Wigratzbad blieb unbeeindruckt. Sie machte zunächst ein Fragezeichen hinter diese Behauptung des Oberhirten. Dann erläuterte sie ihre eigene Überzeugung. Jedes Gebet, jedes Ave Maria habe einen großen zeitlichen und ewigen Wert, mit jedem Ave komme Gnade und Segen auf die Erde. Deshalb bete sie länger und ausdauernder als viele andere und werde es auch weiterhin tun.

Es war der 9. Dezember. Da erinnerten die Beamten An­tonie daran, dass sie doch am 8. Dezember die Kapelle habe weihen lassen wollen. Daraus sei ja nun nichts geworden. Wo bleibe da der Sieg der Maria vom Sieg? Aber es konnte sie nicht aus der Ruhe bringen. Die Antwort musste selbst ihre zynischen Gegner verblüffen. „Und sie wird doch siegen. Sie siegt immer! Aber sie hat Zeit. Die Kapelle wird eingeweiht werden, wenn sie es bestimmt. Niemand vermag sich ihr zu widersetzen. Sie ist Herrin über Himmel, Erde und Hölle. Sie kann alle zerschmettern, die ihr widerstehen.“

Die Beamten wussten nicht mehr weiter. Sie zeigte eine Intel­ligenz, eine Schlagfertigkeit, die schon die Gegner von Lour­des im 19. Jahrhundert bei der Seherin Bernadette, einem ganz einfachen Mädchen, beobachten konnten. Dahinter steht ei­ne Intelligenz nicht von dieser Welt. Sie machte die Beamten auf Widersprüche aufmerksam, zog ihre Behauptungen ins Lächerliche. Am Ende gingen die Männer wieder zu Beschimp­fungen über. Predigen könne sie besser als ein Pfarrer. Sie sei eine Hexe, sie gehöre auf den Scheiterhaufen. Ein Pfarrer solle sie einsegnen und dann herunterbrennen.

Antonie tat erstaunt. Im 20. Jahrhundert glaubten die Her­ren noch an Hexen! Sie sollten Acht geben, nicht selber auf einem Scheiterhaufen zu landen. Denkt man an das Feuer, das ein paar Jahre später als Bombenhagel viele Städte Deutsch­lands in Wüsten verwandelte, so könnte die Anspielung An­tonies gegenüber dem einen oder anderen Gegner sogar ei­ne Prophezeiung gewesen sein. Wohl noch am selben Abend erschien ihr der „Herr im Elend“ und sagte: „Ich erlöse dich bald!“

Beim letzten Verhör forderte man von ihr das Versprechen, nie mehr zur Grotte zu gehen und dort zu beten. Dann würde man sie sofort entlassen. Antonie wies das Ansinnen zurück. Sie bete nicht um irgendwelcher Sensationen willen, sondern sei felsenfest überzeugt, dass gerade das gemeinsame Gebet zur Gottesmutter ihr und allen nütze, für die sie bete, übrigens auch dem deutschen Volk. Sollte sie heimkommen, würde ihr erster Gang zur Grotte sein. Eine Welle von Wut war die Reak­tion. Man werde sie dorthin bringen, wo ihr Hören und Sehen vergehen könnte. ‚Wir werden sehen, ob Maria siegt oder wir.“ Sie sei bereit, eher den Tod zu wählen, als nicht mehr zur himmlischen Mutter zu gehen, versicherte sie ihren Peinigern.

Dann kam ein letzter Versuch. Ihr Bruder sei bei ihnen ge­wesen und hätte schriftlich versprochen, er werde dafür sor­gen, dass sie nicht mehr vor der Grotte beten werde. Auch diese Behauptung stellte Antonie in Frage. Sie sei volljährig und lasse sich von ihm nichts befehlen. Sie werde wieder be­ten und vorbeten. Ihre Gegner waren vorerst am Ende ihres Lateins. Man brachte sie ins Gefängnis zurück. Diesmal nur für einige Stunden. Dann öffneten sich die Tore. Sie hörte das befreiende „Sie sind entlassen!“

Es war der 18. Dezember 1938, das Fest Mariä Erwartung. Es waren 27 Tage, die sie als Gefangene erlebt hatte, um der Madonna willen, aber, was sie nicht wissen konnte, es sollte noch lange nicht das Ende sein. Ihr erster Gang war, wie hätte es anders sein können, in eine Kirche. Dann suchte sie eine Verwandte auf, bei der sie nach vier Wochen erstmals wieder eine normale Mahlzeit einnehmen konnte. Die Familie wurde benachrichtigt. Um 16 Uhr wollte sie mit dem Schnell­zug kommen, jedoch nicht im nahen Hergatz aussteigen, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Man holte sie in Rö­thenbach ab. Daheim weinten alle vor Freude.

Für Cäcilia Geyer, die bei der Verhaftung Antonies knapp einem solchen Schicksal entgangen war, sollte sich bald der Himmel öffnen. Ein paar Wochen später, es war im Februar 1939, beaufsichtigte sie die Kinder einer Nachbarsfamilie. Plötzlich wurde ihr unwohl, sie stand auf und ging heim, traf dort eine Krankenschwester an und bat diese, den Pfarrer zu holen. Nach dem Empfang der Sterbesakramente rief sie aus: „Dass doch alle Menschen einen so schönen Tod sterben könn­ten!“ Dann schlief sie ein. Am darauf folgenden Morgen klopf­ten vier Beamte der Geheimen Staatspolizei an ihre Türe. Sie wollten sie ins „Irrenhaus“ (wie man es damals nannte) brin­gen. Zu Gesicht bekamen sie eine Tote. Gott hatte ihr vieles erspart. Für das zukünftige erhabene Bild von Wigratzbad stand ein weiteres Mosaiksteinchen zur Verfügung.

Über Verhöre, Isolation, physische Belastungen wie Hun­ger und Kälte versuchte man in Augsburg Antonie zu zermür­ben. Gleichzeitig wurde über die Presse eine Kampagne ge­startet, die ihr Ansehen in der Öffentlichkeit ruinieren soll­te. Die Presse befand sich in jenen Jahren vollständig in der Hand der Partei, sie hatte nicht unparteiisch zu informieren, sondern parteiisch zu propagieren. Wer in ihre Mühlen ge­riet, dem konnte kaum mehr jemand helfen.

Reliquien beschlagnahmt

In der Öffentlichkeit wagte man noch nicht, die Gottes­mutter zu verunglimpfen, also versuchte man es auf Umwe­gen. Antonie wurde Reliquienschwindel vorgeworfen, in Ver­bindung mit einer vorgetäuschten Marienerscheinung. So et­was kommt immer an. Was aber war wirklich geschehen? Der Benediktinerpater Athanasius Miller OSB, ansässig in Rom, bekannt durch eine Psalmenübersetzung, erholte sich in je­dem Jahr einige Zeit in Wangen. Regelmäßig besuchte er auch die Familie Rädler. Bei einem dieser Aufenthalte schenkte er Antonie zwei große versiegelte Kapseln mit kleinen Reliquien von Märtyrern und Heiligen. Die entsprechenden kirchlichen Echtheitserklärungen waren dabei.

Glücklich über so ein Geschenk zeigte sie es einfältig aus­gerechnet dem Ortspfarrer Rädler, von dessen tragischer theo­logischer und politischer Verirrung sie noch nichts ahnte. Er verriet bei dieser Gelegenheit eine große Verachtung der Hei­ligenverehrung: „Ich gehe gleich zu Gott Vater. Ich brauche keine Vermittlung.“

Kurz darauf erschien im „Völkischen Beobachter“, der füh­renden Zeitung des Regimes, ein Artikel über Antonie, Wi­gratzbad und die Reliquien, wie er ordinärer und zynischer nicht hätte ausfallen können. Es entsprach dem Stil der Heraus­geber und des Propagandaministeriums. Die Zeitung schrieb, Antonie hätte behauptet, in den Kapseln befinde sich das Herz eines Heiligen, in Wirklichkeit hätte die Polizei dort nur einen Lumpen gefunden. Der Schwindel hätte ihr 40 000 Mark ein­gebracht. In einer großen Versammlung wurde die Bevölke­rung von Wangen „aufgeklärt“ — so jedenfalls nannte man es.

Die Geheime Staatspolizei beschlagnahmte die Reliquien und ließ sie im Ordinariat von Augsburg überprüfen. Dort wurde die Echtheit festgestellt. Die kirchlichen Siegel waren nicht aufgebrochen. Auf eine Korrektur in der „Westallgäuer Nationalsozialistischen Zeitung“ in Lindau, die den irrefüh­renden Bericht gebracht hatte, wartete man vergebens. Im Ge­genteil. Im Februar 1939 setzte die Presse noch nach. Der „Stuttgarter Kurier“ und das „Münchener Tagblatt“ berichte­ten, Antonie hätte ihre betagte Mutter durch Öffnen des Gas­hahnes getötet und dann sich selbst. Unverständlicherweise haben damals sogar Kirchenblätter diese Horrorgeschichten übernommen. Auch Zeitungen im Ausland wie in der Schweiz, in Frankreich, Italien und Amerika ließen sich in diese Kam­pagne hineinziehen und wiederholten die Berichte.

Die Verleumdete blieb unbeirrt. Kaum daheim, drängte es sie am Nachmittag zur Kapelle, trotz beschwörender Bitten der Familie, die neue Schikanen befürchtete. Aber sie stand vor einem verschlossenen Tor. Bei ihrer Verhaftung waren die Schlüssel mitgenommen worden. Da rief sie durch ein an­gelehntes Fenster in den Raum: „Herr im Elend! Lass doch als allmächtiger Gott die Kapelle öffnen, damit ich zu euch hinein kann.“ Am anderen Tag wurde Antonie zur Polizei­station nach Opfenbach gerufen. Man habe per Express ein Päckchen mit dem Vermerk erhalten: Sofort auszuhändigen! Es waren die Schlüssel zur Kapelle.

Diffamierungen, Beschuldigungen, öffentlicher und indi­vidueller Psychoterror hatten zur Folge, dass jetzt noch mehr Beter bei Tage und in der Nacht zur Kapelle strömten. Man steht heute, nach weit über einem halben Jahrhundert, fas­sungslos vor dem ungleichen Kampf einer schwachen Frau mit einer der brutalsten Staatsmaschinerien des 20. Jahrhun­derts, die sich außerdem noch in einem Siegesrausch befand. Einer solchen Auseinandersetzung ist nur jemand gewachsen, hinter dem eine Macht nicht von dieser Welt steht. Und bei Antonie war es eine Frau, die Frau nach den Träumen Gottes, die in Wigratzbad als „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg“ angerufen werden möchte, nicht ihretwillen, sondern um des Menschen willen, die uns dazu auffordert, über die Sprache Gottes nachzudenken, die nicht die unsere ist, in die wir aber mit seiner Hilfe hineinwachsen sollen.

Der abermalige Ansturm der Beter stachelte die Gegner erneut an. Sie wollten eine Gerichtsverhandlung, und die wurde dann endlich auf den 27. Juni 1939 festgesetzt. Sie fand in Weiler statt. Die Anklage lautete: Verstoß gegen das Sammel­verbot, illegaler Opferstock in der Kapelle. Was heute noch überrascht: Der Oberstaatsanwalt Dr. Helmer war ihr wohl­gesonnen. Er kam zu einem Verhör selbst nach Wigratzbad, um der Familie die Angst vor einer neuen Untersuchungs­haft zu nehmen.

In seiner Schlussrede stellte er ihr ein gutes Zeugnis aus. „Sie steht vor uns als ein absolut ehrbares, tadelloses und durchaus zuverlässiges Mädchen.“ Dann warf er ihr allerdings vor – sicherlich ein Zugeständnis an das Regime, in dessen Diensten er stand –, „in ihrer übertriebenen Religiosität im Zeitalter der Aufklärung eine Stätte der Volksverdummung errichtet zu haben. Sie selbst gibt zu gesagt zu haben, Wer immer zur Verherrlichung Mariens beiträgt, wird den Segen und den Lohn des Himmels erlangen. Aus diesem Grunde muss die Beschuldigte bestraft werden. Sie hat diese Strafe bereits in einer zu Unrecht auferlegten Haft in den Monaten November/Dezember im Jahre 1938 abgebüßt. Es sind von ihr 31 Mark für die Kosten der Verhandlung zu entrichten.“

Ungeachtet dieses glücklichen Ausgangs gingen die An­griffe auf Antonie und die Gebetsstätte weiter. Der Weg der Sühne, den sie eingeschlagen hatte, war für sie noch lange nicht zu Ende. Welt- und Kirchenpresse wetteiferten miteinander, die Menschen durch Falschberichte von Wigratzbad fernzu­halten. Von den Kanzeln wurde sie verdächtigt, die Wallfahrt zur Grotte verboten. Erst die Einweihung der Sühnekirche im Jahre 1976 durch Bischof Josef Stimpfle setzte diesen Kam­pagnen ein Ende. Aber bis dahin waren es noch 37 lange Jahre. Für das kurze menschliche Leben fast eine Ewigkeit.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Südtirol: Neuer Seliger steht für politisches Christentum ein

Josef Mayr-Nusser – RV

Sie nannten ihn Pepi: Josef Mayr-Nusser wurde am 27. Dezember 1910 bei Bozen geboren. Er war in der schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ehrenamtlich sehr aktiv und wurde Präsident der Katholischen Jungmänner und der Bozner Vinzenzkonferenz. 1939 waren die Südtiroler vor die Wahl gestellt, nach Deutschland überzusiedeln und die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, oder in Italien zu verbleiben und Kultur und Staat Italiens anzuerkennen. Pepi entschloss sich im Zug dieser so genannten Option dazu, anders als die Mehrheit der Südtiroler, in der Heimat zu bleiben und wurde damit zum „Dableiber”. Als 1943 Südtirol von den deutschen Truppen besetzt wurde, wurde Pepi zur deutschen Wehrmacht einberufen. Mit 80 anderen Südtirolern kam er nach Konitz in Ostpreußen, wo man alle der Waffen-SS zuteilte. Pepi machte die Ausbildung mit. Doch einen Tag vor der Eidesleistung erklärte er, dass er den Eid aus Gewissensgründen nicht leisten könne. Entgegen aller Hoffnungen wurde er in Danzig wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und sollte in Dachau erschossen werden. Doch Pepi erlag noch während des Transports am 24. Februar 1945 im Viehwaggon seinen Strapazen. Sein Leichnam wurde 1958 nach Südtirol überführt. Seine letzte Ruhestätte findet er nun im Bozner Dom, wo an diesem Samstag er seliggesprochen wird.

Um 10 Uhr wird Kardinal Angelo Amato, der Präfekt der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse, mit zur Zeit zwölf angesagten Bischöfen zur Seligsprechungsfeier in den Dom einziehen. Der Südtiroler Bischof Ivo Muser bezeichnet diesen Tag als „Tag der Freude und des Glücks“, wie er nur wenigen anderen Ortskirchen zuteilwird. Er verbinde mit diesem Tag auch die große Hoffnung, dass diese Freude weit über den Samstag hinaus reichen werde.„Das ist meine ganz große Hoffnung, dass die Auseinandersetzung mit Joseph Mayr-Nusser nicht auf zwei Tage beschränkt bleibt, so wichtig und so erfreulich diese beiden Tage für uns alle sind. Entscheidend wäre es – und das ist für mich auch eine pastorale Priorität – dass wir uns mit dieser Gestalt auseinandersetzen. Ich sag es auch bewusst so, dass wir uns von dieser Gestalt herausfordern und provozieren lassen, weil diese Gestalt hat uns Entscheidendes zu sagen über unsere Einstellung zum Leben und wie sehr der eigene Glaube sich hineinsagen muss in unsere Beziehungen, in unsere Arbeit, auch in unsere politischen Entscheidungen.“Was dieser Selige gerade auch unserer Zeit zu sagen hat, ist für den Bischof weiter:„Joseph May-Nusser wäre nicht einverstanden mit einem Credo, das heute von vielen vertreten wird: Glaube ist Privatangelegenheit. Joseph Mayr-Nusser war nicht der Überzeugung, der Glaube gehört nur in die eigenen vier Wände hinein oder in die Sakristei: „Der Glaube muss sich zeigen, der Glaube muss sich auswirken“. Deswegen redet er so oft in seinen Briefen oder auch in seinen Vorträgen an die Jugendlichen, es geht um das Zeugnis geben, es geht dafür, dass der Christ einsteht für das, was er vom Evangelium erkannt hat und genau darin liegt seine Aktualität – Glaube ist nicht etwas Privates, Glaube ist in diesem Sinne tatsächlich immer auch politisch.“ Dies sei natürlich nicht parteipolitisch oder tagespolitisch zu verstehen, so Bischof Muser. Denn „die Verquickung zwischen Thron und Altar“ wie in alten Zeiten wolle keiner wieder erleben.„Aber der Glaube,“ so der Bischof weiter, „ist zutiefst politisch. Es geht darum, dass gläubige Menschen versuchen von ihrer Haltung, von ihrer Einstellung her die Gesellschaft mitzugestalten. Hoffentlich so mitzugestalten, dass ein doppeltes Ja, das für Joseph Mayr-Nusser fundamental war, dass ein doppeltes Ja deutlich wird, ein entschiedenes Ja zu Gott und aus diesem entschiedenen Ja zu Gott heraus ein entschiedenes Ja für den Menschen, vor Allem auch für jene Menschen, die nicht an der Sonnenseite des Lebens stehen und die oft keine Stimme in unserer Gesellschaft und auch in unserer Politik haben.“

(radio grünewelle/rv 17.03.2017 mg)

Pius XII. rettete zwei Drittel aller römischen Juden

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Papst Pius XII. (1939-58) – RV

Neue Erkenntnisse in Sachen „Pius XII. und die Judenverfolgung“: Historiker und Vatikanmitarbeiter haben aus vor kurzem wiederentdeckten Dokumenten in vatikanischen und römischen Archiven den Einsatz des Pacelli-Papstes während des Zweiten Weltkriegs für die Juden der Stadt Rom neu einschätzen können. Bei einer Konferenz in Rom mit dem Titel: „Pius XII.: Die schwarze Legende geht bald zu Ende“ wurden auch konkrete Zahlen genannt: Etwa zwei Drittel aller Juden Roms wurden dank der Hilfe von Pius XII. vor den Nazi-Schergen gerettet. Über 4.000 Juden seien damals in über 235 Klöstern und kirchlichen Einrichtungen in Rom untergebracht – sprich versteckt – worden. In weiteren 160 vatikanischen Einrichtungen hätten ebenfalls viele Juden Zuflucht gefunden. Weitere 1.600 Juden seien damals von einer mit dem Vatikan verbundenen Organisation in Sicherheit gebracht worden. Es handelte sich um die „Organisation für die Hilfe an jüdische Auswanderer – Delasem“, die vom Vatikan im Geheimen finanziert wurde.

Kardinal Dominique Mamberti ist Präfekt der Apostolischen Signatur und hat an der Konferenz zu Pius XII. teilgenommen. Im Gespräch mit Radio Vatikan sagt er: „Er hat als Papst die Kirche in einer sehr komplizierten Zeit geleitet und hat sehr viel für den internationalen Frieden unternommen. Vor allem hat er die Kirche in die Moderne geführt. Das wahre Gesicht des Pacelli-Papstes ist also komplett anders als das, was die ,schwarze Legende‘ über ihn verbreiten wollte.“

Noch vor Hochhuth: sowjetische Propaganda

Mit „schwarzer Legende“ meinen Kardinal Mamberti und auch die Organisatoren der Konferenz das Bild von Pius XII., das der deutsche Schriftsteller Rolf Hochhuth in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Werk „Der Stellvertreter“ vermittelte. Autor der Studien, die die neuesten Zahlen zu Pius XII. und zur Rettung der römischen Juden nennt, ist der katholische Diakon Domenico Oversteyns. Er sagt gegenüber Radio Vatikan, dass das „falsche Bild“ über Pius XII. ursprünglich von der sowjetischen Propaganda verbreitet worden sei. Diese habe bereits vor dem Tod von Pius 1958 damit angefangen, die „Stille des Papstes“ während der Nazi-Zeit „anzuprangern“.

Damals fand diese antipäpstliche Propaganda wenig Rückhalt, weil man das Engagement und die Friedenstexte des Papstes kannte und noch vor Augen hatte. Oversteyns: „Pius XII. hat die Juden Roms bereits vor dem 16. Oktober 1943 gerettet (damals fand eine massenhafte Verhaftung von Juden statt, Anm. d. Red.), indem er um die Hilfe von 48 Klöstern bat. Er rief auch weitere Klöster auf, ihre Tore für die verfolgten Juden zu öffnen. Insgesamt gibt es mindestens 198 direkte Eingriffe von Pius XII., der die Freilassung von oder die Hilfe für Juden und Deportierte erbat. Allein bei jener schrecklichen Verhaftungswelle wurden daraufhin 60 Menschen befreit.“

Der Weg zur Seligsprechung ist nicht nur wegen der neuen Erkenntnisse einfacher geworden, urteilt Jesuitenpater Anton Witwer, Postulator des Seligsprechungsprozesses, im Interview mit Radio Vatikan: „Der heroische Tugendgrad wurde bereits bestätigt, jeder Gläubige kann ihn somit ins Gebet aufnehmen. Was noch fehlt für die Seligsprechung, ist aber das Wunder. Damit dies geschieht, müssen wir Pius XII. in unsere Gebeten aufnehmen. Er ist wahrlich eine eindrückliche Persönlichkeit gewesen, und zwar nicht nur als Papst. Er hat als Mensch in tiefgründiger Weise die Nächstenliebe und die Liebe zu Gott gelebt.“

(rv 04.03.2017 mg)

Faire jüdische Stellungnahmen für die katholische Kirche und Papst Pius XII.

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Pius XII., Besuch An Stadtviertel San Lorenzo Nach Bombardierung, 13. August 1943 / Wikimedia Commons, Public Domain

‪„Pave the Way‪“ bemüht sich seit Jahren um Differenzierung

Die kontroverse Debatte um eine mögliche Seligsprechung  von Papst Pius XII. reißt nicht ab. Einwände gegen diesen Pontifex gibt es von verschiedenen Seiten, häufig von ‪„Reformkatholiken‪“, bisweilen melden sich auch kritische jüdische Stimmen zu Wort. Für etliche progressive Theologen scheint es schon zu genügen, daß Pius XII. ein ‪„‪vorkonziliarer Papst“ war, um starke Skepsis auszulösen. Auch von bürgerlicher Seite hört man manchmal den Einwand, Pius XII. sei zu sehr ‪„entrückt‪“, vom Typ her sehr aristokratisch, insgesamt zu wenig volkstümlich gewesen.

Von einer Reihe jüdischer Vertreter wird seit langem Kritik am Pacelli-Papst geübt, weil er  – so wird behauptet  –  zur Judenvernichtung der Nationalsozialisten geschwiegen und insofern versagt habe.

Dieser Aspekt wird allerdings nicht von allen jüdischen Persönlichkeiten und Vereinigungen so rigide beurteilt. Der bekannte Physiker Albert Einstein schrieb am 23. Dezember 1940  im „Time Magazin‪“ über die katholische Kirche: „Nur die Kirche blieb aufrecht stehen, um den Kampagnen Hitlers zur Unterdrückung der Wahrheit den Weg zu versperren.‪“

Einstein bekennt in seiner Stellungnahme, daß er nie ein besonderes Interesse für die katholische Kirche hegte, jetzt aber „große Zuneigung und Bewunderung‪“ empfinde, da „allein die Kirche den Mut und die Hartnäckigkeit gehabt hat,  auf der geistigen Wahrheit und moralischen Freiheit zu bestehen.‪“    – Der jüdische Nobelpreisträger fügte hinzu: „Ich muß sagen, daß ich das, was ich einst verachtete, jetzt bedingungslos lobe.‪“

Nach dem Tod von Pius XII. veröffentlichte Golda Meier, die israelische Außenministerin und spätere Ministerpräsidentin, einen positiven Nachruf, in welchem sie den verstorbenen Papst als einen „großen Diener des Friedens‪‪“ bezeichnete; er habe ‪„während der zehn Jahre des Nazi-Terrors, als unser Volk furchtbare Qualen erlitt, seine Stimme für die Opfer erhoben und die Henker verurteilt.‪‪“ –  Auch die Rabbiner von Rom, Jerusalem, London und Frankreich sowie der Großteil der jüdischen Vereinigungen schloß sich der Würdigung Meirs an.

‪„Pave the Way‪“ bemüht sich um Differenzierung

Um ein faires Geschichtsbild hinsichtlich Pius XII. kümmert sich seit Jahren die jüdische Stiftung „Pave the Way‪“. Anläßlich seines 50. Todestages veranstaltete diese amerikanische Vereinigung vom 15. bis 17. September 2009 eine Studientagung im Vatikan, wobei vor allem die positive Rolle untersucht wurde, die Pius XII. bei der Rettung tausender von Juden gespielt hatte.

„Pave the Way‪“ ging bereits Anfang Februar 2009 einen eigenständigen Weg jenseits des üblichen Medienmainstreams, als sich diese jüdische Vereinigung schützend vor Papst Benedikt XVI. stellte und die Schlammschlacht gegen ihn verurteilte, die wegen der Aufhebung der Exkommunikation hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. und absurder Äußerungen von Weihbischof Williamson erfolgte.

Am 18. September 2009 hielt Papst Benedikt eine Ansprache an die Teilnehmer einer Pave-the-Way-Tagung in Castel Gandolfo. Dabei erklärte er über den Ablauf dieses Symposiums:

„Ich weiß, daß viele herausragende Gelehrte sich an den Überlegungen beteiligt haben, deren Gegenstand das vielfältige Wirken meines geschätzten Vorgängers  – des Dieners Gottes Pius XII. –  in der schwierigen Zeit um den Zweiten Weltkrieg war…Sie haben unvoreingenommen die geschichtlichen Fakten analysiert und sich allein mit der Suche nach der Wahrheit befaßt.

‪„‪In den vergangenen fünf Jahrzehnten ist sehr viel über ihn geschrieben und gesagt worden, und nicht alle wirklichen Aspekte seines Wirkens wurden im rechten Licht untersucht. Die Absicht Ihres Symposiums bestand darin, einige dieser Lücken zu schließen durch eine sorgfältige Untersuchung vieler seiner Stellungnahmen und Interventionen, besonders zugunsten der Juden, die in jenen Jahren in ganz Europa zur Zielscheibe wurden, dem kriminellen Plan derer entsprechend, die sie von der Erdoberfläche tilgen wollten.

‪„‪Nähert man sich diesem edlen Papst ohne ideologische Vorurteile, wird man nicht nur von seinem erhabenen geistlichen und menschlichen Charakter ergriffen, sondern darüber hinaus auch von der Vorbildlichkeit seines Lebens und dem außerordentlichen Reichtum seiner Lehre. So wird man auch die menschliche Weisheit und die tiefe Hirtensorge schätzen, die ihn in den langen Jahren seines Amtes geleitet haben und insbesondere bei der Organisation der Hilfe für das jüdische Volk.‪‪“

Der Papst bedanke sich sodann bei der Stiftung „Pave the Way‪“ für ihre Forschungsarbeit und ihre „beständigen Aktivitäten‪‪“ zugunsten des Friedens und der Verständigung.  Er beendete seine Ansprache mit den Worten: „Mit diesen Gedanken rufe ich auf Sie und die Arbeiten Ihres Symposiums die Fülle des göttlichen Segens herab.‪“

Auch in Yad Vashem ändert sich die frühere Betrachtungsweise

Aber auch in Israel findet inzwischen ein gewisses Umdenken statt. Avner Shalev, der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, erklärte im Mai 2009, sein Dokumentations-Center habe neue Unterlagen aus den vatikanischen Archiven erhalten, die das in den Medien verbreitete Bild von Pius XII. ‪„‪zutiefst verändern“ könnten.

Demnach erteilte dieser Papst während des Zweiten Weltkrieges persönlich die Anweisung, verfolgte Juden in einem Kloster bei Rom zu verstecken. Aus Dankbarkeit dafür ließ sich der römische Großrabbiner Israel Zolli nach dem 2. Weltkrieg auf den Vornamen Eugenio taufen, als er in die katholische Kirche übertrat.  (Der bürgerliche Name von Papst Pius XII. lautete Eugenio Pacelli.)

Am 25. Januar  2010 veröffentlichte der bedeutende französische Philosoph Bernard-Henri Levy ein deutliches Plädoyer für Pius XII. in ‪„‪The Huffington Post“, worin er zugleich den damals vielfach attackierten Papst Benedikt verteidigt. Dieser jüdische Schriftsteller, in Frankreich unter dem Kürzel ‪„‪BHL“ bekannt, wurde von der linken ‪„‪ taz“ ‪am 13.4.2007 in einem ansonsten kritischen Text als ‪„‪der Popstar unter Frankreichs Intellektuellen“ bezeichnet.

BHLs Artikel vom 25.1.2010 beginnt mit den Worten: ‪„Es ist Zeit, der Unaufrichtigkeit ein Ende zu setzen‪‪“ –  und er kritisiert, daß ein Papst aus der Sicht der meisten Medien heute alles sein dürfe, ‪„‪nur nicht konservativ‪“.

Der Philosoph wendet sich gegen den ‪„‪Chor der Falsch-Informierer‪“ und verweist auf die päpstliche Enzyklika ‪„Mit brennender Sorge‪“, die er als ‪„‪eines der stärksten und aussagekräftigsten Anti-Nazi-Manifeste“ würdigt. Der spätere Papst Pius XII. und damalige päpstliche Nuntius in Deutschland, Kardinal Pacelli, sei ‪„‪Mit-Autor“ dieses eindrucksvollen Dokumentes gewesen, das unter Papst Pius XI. erschien und 1937 von den kath. Kanzeln in Deutschland verlesen wurde.

Einen Tag vor BHLs Pius-Verteidigung war ein ähnlicher Artikel in der bekannten israelischen Tageszeitung ‪„‪Haaretz“ zu lesen. Am 24. Januar 2010  wurde Papst Pius XII. in einem ausführlichen Bericht unter dem Titel ‪„Der vielgeschmähte Papst‪“ vehement in Schutz genommen.

Auch ‪„Haaretz‪“ erwähnt seine Mitarbeit an der Enzyklika ‪„‪Mit brennender Sorge“, die den Nationalsozialismus wortgewaltig verurteilt habe: ‪„‪Die Enzyklika wurde nach Deutschland geschmuggelt und am 21. März 1937 von den katholischen Kanzeln verlesen.“ –  Die anspruchsvolle Zeitung zitiert aus einem Nazi-Dokument, wonach dieses päpstliche Rundschreiben ‪„‪eines der schwersten Angriffe auf die deutsche Regierung“ sei, zumal es ‪„die katholischen Bürger zum Aufstand gegen die Autorität des Staates‪“ auffordere.

Sodann verweist ‪„‪Haaretz“ auf diverse Dokumente, die für Pius XII. sprechen, auch darauf, daß die Nazis äußerst unzufrieden waren, als Kardinal Pacelli zum Papst gewählt wurde. Am 4.3.1939 schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch: ‪„Mittags mit dem Führer. Es ist zu prüfen, ob wir das Konkordat mit Rom im Lichte der Wahl Pacelli als Papst kündigen sollten.‪“

Abschließend schreibt die bekannte israelische Tageszeitung, es sei wohl nur in einer ‪„rückständigen Welt‪“ wie der heutigen möglich, einen so ‪„‪einzigartigen Mann“, der so vielen Juden und Nazi-Opfern beigestanden habe, derart unfair zu schmähen.

Diese Aussagen verdeutlichen, daß es auch unter Juden durchaus unterschiedliche Ansichten über Papst Pius XII. und die Rolle der katholischen Kirche in der NS-Diktatur gibt. Das Plädoyer für eine faire und differenzierte Würdigung dieses Papstes schließt natürlich eine begründete Sachkritik nicht aus, lehnt aber Diffamierungen ab, wie sie in oberflächlichen Medien nicht selten zu lesen sind.

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Quelle

Zum Jahrestag der Hinrichtung Alfred Delps SJ

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Alfred Delp SJ, Gedenktafel, Amt Für Lastenausgleich, Wöchnerinnenheim, Mannheim / Wikimedia Commons – Graf Foto, CC BY-SA 3.0

Wo Konflikt ist, muss gefochten werden,
ohne Kompromiss und Feigheit – Haben wir dazu noch den Mut?

Im Januar 1945 begann vor dem Volksgerichtshof unter Roland Freisler der Prozess wegen Hochverrats. Am 11. Januar wurde der Beschuldigte, Alfred Delp, zum Tode verurteilt. Am 2. Februar 1945, vor 72 Jahren, wurde der Jesuit im Gefängnis in Berlin-Plötzensee erhängt. Seine Asche wurde auf Feldern um Berlin verstreut. Es war verboten, eine Todesanzeige zu veröffentlichen.

Prägung im Bund Neudeutschland

Was war geschehen? Am 15. September 1907 war Alfred Friedrich Delp in Mannheim geboren worden. Katholisch getauft, dann protestantisch erzogen, prägt ihn der Bund Neudeutschland. Der Bund hatte nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs den Auftrag, junge Menschen im neuen demokratischen Staatswesen zu Verantwortlichkeit zu erziehen. Die Jesuiten nahmen sich des Bundes an. Gleich nach dem Abitur 1926 tritt Alfred Delp in den Jesuitenorden ein, wo seine intellektuelle Begabung geschätzt wurde. Er studierte Theologie und Philosophie und promovierte mit einer Arbeit über Martin Heidegger. Als Erzieher und Lehrer wirkte er sodann am Kolleg St. Blasien der Jesuiten im Schwarzwald.

Fechten im Konflikt: ohne Feigheit!

1937 wurde er zum Priester geweiht, wirkte als Arbeiterseelsorger und als Publizist bei der von den Jesuiten herausgegebenen Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“, die 1939 verboten wurde. Dann war er als Seelsorger tätig. Nach dem Verbot der Zeitschrift sowie der Enteignung des Redaktionsgebäudes durch die Nationalsozialisten zog er sich nach München-Bogenhausen zurück. Er wirkte als Kirchenrektor an der Kirche St. Georg in der Pfarrei Heilig Blut sowie als Beauftragter der Fuldaer Bischofskonferenz für überdiözesane Männerseelsorge. Früh hatte sich Alfred Delp mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Seine in der Folge kritischen Predigten wurden geschätzt. Die Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus hatte er rasch erkannt: „Wo Konflikt ist, muss gefochten werden, ohne Kompromiss und Feigheit.“

Ungewissheit der bevorstehenden Todesstunde

1941 begegnete er in Berlin Helmuth James Graf von Moltke, der ihn für seinen „Kreisauer Kreis“ gewann, wo er als Experte für Gesellschaft und Wirtschaft des von diesem Kreis geplanten deutschen Staates nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur fungierte. Er erarbeitete die Grundlinien einer katholischen Soziallehre für die Neuordnung der Gruppe, verfasste Denkschriften zur Arbeiterfrage sowie zum Bauerntum und stellte Kontakte zu Münchener Widerstandskreisen her. Nach Stauffenbergs Attentat vom 20. Juli 1944 wurden die Mitglieder des Kreises verhaftet. Im Gegensatz zu anderen Kreisauern war Delp aber nicht an den eigentlichen Umsturzplänen, die dem Attentat vorausgingen, beteiligt. Er wurde am 28. Juli festgenommen und nach Berlin in die Strafanstalt Tegel gebracht. Dort wurde er schwer misshandelt und gefoltert. Mit der Ungewissheit seiner bevorstehenden Todesstunde leben zu müssen, nahm er geistlich gefasst auf. Nach seinem Tode wurden die gesammelten Aufzeichnungen und Briefe aus dem Gefängnis unter dem Titel „Im Angesicht des Todes“ veröffentlicht.

Blick auf P. Delp: Und was ist mit uns?

Alfred Delps mutiges Sterben (es war ihm zuvor angeboten worden, aus dem Orden der Jesuiten auszusteigen!) lässt die nicht immer angenehm zu beantwortende Frage aufkommen: Haben wir heute noch die Kraft, kompromisslos zu fechten, auch wenn es um ein Thema geht, das nicht nur nicht in der Strömung der Zeit liegt, sondern bei dem uns der Wind ins Gesicht bläst? Und, was auch aus dem Blick auf Alfred Delp hervorgeht: Haben wir das kommunikative und argumentative Rüstzeug dazu?

(Quelle: Webseite des Bistums Regensburg, 01.02.2017)

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Quelle