Niemals die Augen schließen vor der Behinderung

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Eucharistiefeier auf dem Petersplatz
anlässlich des Jubiläums der Kranken

Homilie von Papst Franziskus am 12. Juni

Vatikanstadt. Papst Franziskus hat am Sonntag, 12. Juni, eine fortwährende Diskriminierung von Menschen mit Behinderung angeprangert und ihre Inklusion gefordert. Zu der Messe anlässlich des Heiligen Jahres waren über 20.000 Menschen mit Behinderung sowie Kranke auf den Petersplatz gekommen. Unter den Behinderten befanden sich Tausende Down-Syndrom-Träger mit ihren Betreuern. Die Feier war der Höhepunkt eines mehrtägigen Events in der Ewigen Stadt. Oft herrsche die Einstellung, die Betroffenen seien im »vergoldeten Gehege« oder in »Reservaten der frömmelnden Fürsorge und des Wohlfahrtsstaates« besser aufgehoben, weil sie dort den »Rhythmus des künstlichen Wohlbefindens« nicht störten, so der Papst. Im Folgenden seine Predigt im Wortlaut:

»Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,19-20). Der Apostel Paulus gebraucht sehr starke Worte, um das Geheimnis des christlichen Lebens auszudrücken: Alles ist in der österlichen Dynamik von Tod und Auferstehung zusammengefasst, die man in der Taufe empfangen hat. Mit dem Eintauchen ins Wasser ist nämlich jeder mit Christus gleichsam gestorben und begraben (vgl. Röm 6,3-4), während er, wenn er wieder daraus auftaucht, das neue Leben im Heiligen Geist zum Ausdruck bringt. Dieser Zustand der Wiedergeburt bezieht das gesamte Leben in all seinen Aspekten ein: Auch Krankheit, Leiden und Tod sind in Christus eingefügt und finden in ihm ihren letzten Sinn. Heute, an dem Tag, der dem Jubiläum derer gewidmet ist, welche die Zeichen der Krankheit und der Behinderung tragen, hat dieses Wort des Lebens in unserer Versammlung eine besondere Resonanz.

In Wirklichkeit sind wir alle früher oder später aufgerufen, uns mit unseren Gebrechlichkeiten und Krankheiten sowie mit denen anderer auseinanderzusetzen, manchmal sogar mit ihnen zu »kollidieren«. Und wie viele verschiedene Gesichter nehmen diese so typisch und dramatisch menschlichen Erfahrungen an! In jedem Fall stellen sie in zugespitzter und drängenderer Weise die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es kann sich auch eine zynische Einstellung in unsere Seele einschleichen, als könne alles gelöst werden, indem man es geduldig erträgt oder indem man sich allein auf die eigenen Kräfte verlässt. Im Gegensatz dazu setzt man andere Male sein ganzes Vertrauen auf die Entdeckungen der Wissenschaft und denkt, dass es sicher irgendwo auf der Welt eine Medizin gibt, die imstande ist, die Krankheit zu heilen. Leider ist es nicht so, und selbst wenn es diese Medizin gäbe, wäre sie nur ganz wenigen Menschen zugänglich.

Die von der Sünde verletzte menschliche Natur trägt die Wirklichkeit der Einschränkung in sich eingeschrieben. Wir kennen den Einwand, der vor allem in diesen Zeiten angesichts eines durch starke physische Einschränkungen gezeichneten Lebens erhoben wird. Man meint, ein kranker oder behinderter Mensch könne nicht glücklich sein, weil er nicht imstande ist, den von der Genuss- und Unterhaltungskultur aufoktroyierten Lebensstil zu verwirklichen. In der Zeit, in der eine gewisse Pflege des Körpers zum Massenmythos und daher zum Geschäft geworden ist, muss das, was unvollkommen ist, verschleiert werden, weil es das Glück und die Unbeschwertheit der Privilegierten gefährdet und das herrschende Modell in Schwierigkeiten bringt. Diese Menschen hält man besser im Abseits; man versteckt sie in irgendeinem – vielleicht vergoldeten – »Gehege« oder in den »Reservaten« der frömmelnden Fürsorge und des Wohlfahrtsstaates, damit sie den Rhythmus des künstlichen Wohlbefindens nicht stören. In einigen Fällen wird sogar die Meinung vertreten, es sei besser, sich baldmöglichst von ihnen zu befreien, weil sie in einer Krisenzeit zu einer unhaltbaren wirtschaftlichen Last werden. Doch in welcher Selbsttäuschung lebt in Wirklichkeit der Mensch von heute, wenn er vor Krankheit und Behinderung die Augen schließt! Er versteht nicht den wahren Sinn des Lebens, der auch die Annahme von Leid und Begrenzung verlangt. Die Welt wird nicht besser, wenn sie nur aus augenscheinlich »perfekten« – um nicht zu sagen perfekt aufgemachten – Menschen besteht, sondern wenn die Solidarität unter den Menschen, die gegenseitige Annahme und die Achtung zunehmen. Wie wahr sind die Worte des Apostels Paulus: »Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen« (1 Kor 1,27)!

Auch das Evangelium von diesem Sonntag (vgl. Lk 7,36-8.3) verweist auf eine besondere Situation der Schwäche. Die Sünderin wird verurteilt und ausgegrenzt, während Jesus sie annimmt und verteidigt: »Sie hat viel Liebe gezeigt« (vgl. V. 47). Das ist die Schlussfolgerung Jesu, der auf das Leiden und die Tränen dieser Frau achtet. Seine Zärtlichkeit ist ein Zeichen der Liebe, die Gott denen vorbehält, die leiden und ausgeschlossen sind. Es gibt nicht nur das physische Leiden; heute ist eine der häufigsten Pathologien auch jene, die den Geist ergreift. Es ist ein Leiden, welches das Gemüt einbezieht und es traurig stimmt, weil ihm die Liebe fehlt. Die Pathologie der Traurigkeit. Wenn man in den wichtigen Beziehungen enttäuscht oder verraten wird, dann entdeckt man, dass man verwundbar, schwach und wehrlos ist. Dann wird die Versuchung, sich in sich selbst zu verschließen, sehr stark, und man läuft Gefahr, die Gelegenheit des Lebens zu verpassen: trotz allem zu lieben – trotz allem zu lieben!

Das Glück, das jeder sich wünscht, kann im Übrigen in vielen Formen seinen Ausdruck finden und kann nur erreicht werden, wenn wir fähig sind zu lieben. Das ist der Weg. Es ist immer eine Frage der Liebe; einen anderen Weg gibt es nicht. Die wahre Herausforderung ist die, mehr zu lieben. Wie viele behinderte und leidende Menschen öffnen sich wieder dem Leben, sobald sie entdecken, dass sie geliebt werden! Und wie viel Liebe kann aus einem Herzen entspringen, auch nur für ein Lächeln! Die Therapie des Lächelns. Dann kann uns die Gebrechlichkeit selbst zum Trost und zur Stütze werden in unserer Einsamkeit. Jesus hat uns in seinem Leiden bis zur Vollendung geliebt (vgl. Joh 13,1); am Kreuz hat er die Liebe offenbart, die sich rückhaltlos verschenkt. Was könnten wir Gott vorwerfen wegen unserer Krankheiten und Leiden, das nicht bereits in das Antlitz seines gekreuzigten Sohnes eingeprägt ist? Zu seinem körperlichen Schmerz gesellen sich die Verspottung, die Ausgrenzung und die herablassende Bemitleidung, während er mit der Barmherzigkeit antwortet, die alle annimmt und ihnen vergibt: »Durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes 53,5; 1 Petr 2,24). Jesus ist der Arzt, der mit der Arznei der Liebe heilt, denn er nimmt unser Leiden auf sich und erlöst es. Wir wissen, dass Gott unsere Krankheiten verstehen kann, denn er selbst hat sie persönlich erlebt (vgl. Hebr 4,15).

Die Weise, wie wir die Krankheit und die Behinderung leben, ist ein Anzeichen für die Liebe, die zu geben wir bereit sind. Die Weise, wie wir uns mit dem Leiden und der Einschränkung auseinandersetzen, ist ein Maßstab für unsere Freiheit, den Erfahrungen des Lebens Sinn zu ver­leihen, auch wenn sie uns widersinnig und unverdient erscheinen. Lassen wir uns daher von diesen Bedrängnissen nicht verwirren (vgl. 1 Thess 3,3). Wir wissen, dass wir in der Schwachheit stark werden (vgl. 2 Kor 12,10) und die Gnade empfangen können, das, was in uns an den Leiden Christi noch fehlt, für die Kirche, seinen Leib, zu ergänzen (vgl. Kol 1,24) – ein Leib, der nach dem Bild des auferstandenen Herrn die Wundmale als Zeichen seines harten Kampfes behält, doch es sind Wundmale, die von der Liebe für immer verklärt sind.

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Quelle: Osservatore Romano 24/2016