Kardinal Müller: „Benedikt XVI. wird in Geschichte eingehen“

Der emeritierte Papst im Dezember 2015

„In kleinem Kreis“ wird der emeritierte Papst Benedikt XVI. seinen 90. Geburtstag feiern – und dabei wird am Ostermontag, einen Tag nach dem runden Geburtstag, sicher auch Gerhard Ludwig Müller nicht fehlen. Der Kardinal ist Nachfolger Joseph Ratzingers im Amt des Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, und kaum jemand kennt Benedikts Schriften so gut wie er.

„Ich habe schon einiges geschrieben über ihn und bin auch Herausgeber der Gesammelten Werke: 16 Bände.“ Das sagte der deutsche Kurienkardinal im Gespräch mit Radio Vatikan. „Die Ausgabe ist schon weit vorangeschritten. Wer beim Zustandekommen dieser Ausgabe beteiligt ist oder wer sie in den jeweiligen Sprachen gelesen hat, der weiß, dass Papst Benedikt ein großer, bedeutender Theologe ist  und dass er dieses theologische Wissen, diese Erfahrung eingebracht hat in sein Pontifikat. Und dass er mit einem bedeutenden Pontifikat auch in die Geschichte eingehen wird – unabhängig davon, was die eine oder andere interessierte Stimme theologischer Herkunft von sich gibt. Aber die Beurteilung der Kriterien in Geschichte und Theologie sind eben andere, und hier kommt es bei jedem Pontifikat darauf an, wie jemand mit der eigenen Person die Sendung und den Auftrag annimmt, der ihm in der Person des heiligen Petrus von Christus selber übertragen worden ist.“

„Benedikts Rücktritt ist nicht wie der eines Ministers“

In den letzten Jahrhunderten wurde gemeinhin nach dem Tod eines Papstes die Bilanz seines Pontifikats gezogen. Doch mit dem Papst aus Deutschland verhält es sich anders: Er lebt, hat sich aber vor vier Jahren aus dem Petrusdienst zurückgezogen. Wir fragten Kardinal Müller, wie sich denn das Pontifikat Benedikts unter dem Blickwinkel des jetzigen, argentinischen Pontifikats beurteilen lasse.

„Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, weil wir keine vergleichbaren geschichtlichen Kategorien haben… Wenn Benedikt XVI. auf die Ausübung des Primats verzichtet hat und, auf Deutsch gesagt, zurückgetreten ist von diesem Amt, dann ist das ja nicht so, wie wenn ein Präsident eines Staates oder ein Minister zurücktritt, sodass sein Amt der Vergangenheit angehört. Sondern das ist ja auch eine persönliche Beauftragung durch Christus, die jetzt auf diese Weise nicht mehr ausgeübt wird, da wir jetzt einen neuen, anderen Papst haben. Aber Benedikt hat das eben auch so definiert, dass er gerade als emeritierter Papst durch das Gebet und durch sein Wohlwollen dem päpstlichen Auftrag und der Sendung bleibend verbunden ist. Ich glaube auch, dass gerade durch sein Erbe in der Theologie und auch in seinem päpstlichen Lehramt er weiterhin noch wesentliche Orientierung bietet für das Verständnis des katholischen Glaubens.“

Ganze Glaubenskongregation wird gratulieren

Es sei „schön für ihn und für uns“, dass der Geburtstag des emeritierten Papstes dieses Jahr auf den Ostersonntag fällt, urteilt Kardinal Müller – auch wenn an einem solchen Tag natürlich „keine große Gratulations-Tour“ stattfinden könne. „Jedenfalls werden wir ihm von der ganzen Glaubenskongregation aus schreiben, Glückwünsche aussprechen, alles Gute und Gottes Segen wünschen für den Weg, so wie Gott ihn für ihn bestimmt hat.“

(rv 08.04.2017 sk)

Schweiz: Benedikts Amtsverzicht zeigt menschliche Seite

Wurde und wird kontrovers diskutiert: Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI.

Mit seinem Amtsverzicht vor vier Jahren hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. nach Meinung des Historikers Volker Reinhardt die menschliche Seite des Papstamtes betont. „Natürlich kann das ein Schritt zu einem im weitesten Sinn befristeten Amtsverständnis sein“, sagte Reinhardt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA. „Das ist in der Geschichte der Päpste so nicht angelegt“, so der Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Mit seinem neuen Buch „Pontifex“ legte Reinhardt auf knapp 1.000 Seiten eine umfassende Geschichte der Päpste von Petrus bis Franziskus vor.

Das Amt des Stellvertreters Christi auf Erden habe man sich zuvor „eigentlich nur unbefristet vorstellen“ können, so der Historiker. „Man ging davon aus, dass eine solche Mittleraufgabe zwischen Gott und dem Menschen nicht wie mit der Pensionierung eines Beamten enden könnte – eben weil dieses Amt weit über alles Menschliche, alles Irdische herausgehoben war.“ Das Papstamt habe allerdings in seiner Geschichte stets zwischen zwei Extremen geschwankt – „einem Papst, dem nicht Menschliches fremd ist, und einem asketischen, weltabgewandten“.

Den Römern sei ein menschlicher Papst immer viel lieber gewesen. „Sie hatten Angst vor zu ernsten Mönchen auf dem Thron“, so der Professor weiter. Als historische Präzedenzfälle für Papstrücktritte verwies Reinhardt einerseits auf Coelestin V. 1294, der sich „den vielfältigen, auch sehr weltlichen und monetären Aufgaben nicht gewachsen fühlte“. Auch dieser Rücktritt sei damals in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert worden, so der Historiker. Vor allem die radikaleren Befürworter einer konsequenten Armut der Kirche seien davon ausgegangen, dass Coelestin V. zu diesem Schritt gedrängt oder gezwungen worden sei. „Aber dem ist sicher nicht so.“ Auch sei zu belegen, dass manche Päpste, die in sehr hohem Alter starben, in den letzten Monaten oder Jahren „de facto eigentlich gar nicht mehr regiert“ hätten. Dann seien meist Kardinalnepoten eingesprungen, also die wichtigsten Blutsverwandten des Papstes. Reinhardt sprach von „verschleierten Rücktritten“.

Was Franziskus‘ Rolle als „Papst-Revolutionär“ betrifft, so sei diese nicht neu. „Im Laufe der Geschichte haben sich diverse Rollenmuster herausgebildet, fast schon Drehbücher“, sagte Reinhardt. Eine „Klassikerrolle“ sei „der Papst gegen seinen seelenlosen, bürokratischen Apparat“. Der Papst gehe dabei bewusst auf Distanz zu den „administrativen, auch finanziellen Aufgaben und Machenschaften der Kurie“. Gleichwohl sei die Rolle von Papst Franziskus authentisch, „und sie passt zur Persönlichkeit dieses Papstes“, betonte Reinhardt. „Er hat sich diese Rolle nach seiner Neigung ausgesucht.“ Dass es historische Vorbilder gebe, könne „in keiner Weise Papst Franziskus als authentische Persönlichkeit infrage stellen“. Der Historiker verglich Franziskus mit Benedikt XIV. (1740-1758). Dieser sei ganz ähnlich aufgetreten, als „plaudernder Papst zum Anfassen“.

(kna 21.03.2017 mg)

Lombardi: Verschwörungstheorien um Benedikt XVI. „haltlos“

Langjähriger Mitarbeiter von Papst Benedikt XVI.: Pater Lombardi

Der frühere Vatikansprecher und jetzige Präsident der vatikanischen Joseph-Ratzinger-Stiftung Federico Lombardi hat neue Verschwörungstheorien um den Rücktritt Benedikts XVI. als haltlos zurückgewiesen. Konkret bezog er sich auf Mutmaßungen des emeritierten Erzbischofs von Ferrara, Luigi Negri, die US-Regierung unter Barack Obama könne den damaligen Papst zu seinem Amtsverzicht am 28. Februar 2013 gedrängt haben. Solche Äußerungen stifteten „unnötige Verwirrung“, schrieb Lombardi dem Herausgeber des italienischen Blogs „Il Sismografo“ am Mittwoch.

Erzbischof Negri gebe selbst zu, dass er wenig Ahnung von den Fakten habe, bemerkte Lombardi. Er verwies auf die Erklärung, die Benedikt XVI. seinerzeit zu seinem Rücktritt gegeben und die er in einem Interviewband des Journalisten Peter Seewald wiederholt hatte. Niemand habe ihn zu dem Rücktritt gedrängt oder gar versucht, ihn zu erpressen, so Benedikt XVI. in dem Interviewbuch. „Wenn das versucht worden wäre, wäre ich gerade nicht gegangen, weil es nicht sein darf, dass man unter Druck geht.“ Diese Darstellung sei «absolut verschieden von dem, was Negri behauptet», betonte Lombardi. Der frühere Vatikansprecher äußerte sich befremdet, dass Negri „so demonstrativ“ dem widerspreche, was Benedikt XVI. feierlich erklärt und später bekräftigt habe.

Negri spreche zwar gern von seiner „festen Freundschaft“ mit Benedikt XVI., so Lombardi weiter. Vor diesem Hintergrund scheine die entgegengesetzte Darstellung des Sachverhalts ein „merkwürdiger Freundschaftsbeweis“. Absolut zutreffend hingegen sage Negri in dem Interview, dass Benedikt XVI. geistig völlig klar, aber körperlich gebrechlich sei. Eben in jener „perfekten Geistesklarheit“ sei sich Benedikt XVI. vor vier Jahren bewusst gewesen, dass er bald nicht mehr imstande sein würde, lange Zeremonien, Audienzen oder Versammlungen zu leiten, geschweige denn Reisen und Pfarreibesuche zu unternehmen.

Als Grund für den Amtsverzicht Benedikts XVI. (2005-2013) müsse man daher nicht einen «schrecklichen Druck aus Übersee» annehmen, so Lombardi. „Wir können ruhig davon ausgehen, dass es seine sehr weise und vernünftige Entscheidung war, vor Gott und vor den Menschen“. Dafür könnten ihm die Gläubigen dankbar sein, „und auch einige seiner Nachfolger“, fügte Lombardi hinzu.

(kna 09.03.2017 cs)

Benedikt XVI. stand beim Rücktritt nicht unter äußeren Druck

Pater Federico Lombardi SJ / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

Ehemaliger Pressesprecher des Heiligen Stuhls
weist die jüngsten Erklärungen von Erzbischof Luigi Negri zurück

Bei seinem Rücktritt sei Papst Benedikt XVI. nicht unter äußeren Druck gestanden und es gebe auch überhaupt kein Geheimnis zu offenbaren. Mit diesen ganz klaren Worten hat der ehemalige Direktor der vatikanischen Pressestelle und aktueller Präsident der vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger – Benedikt XVI, Pater Federico Lombardi SJ, jüngste Behauptungen des Erzbischofs emeritus von Ferrara-Comacchio (Italien), Luigi Negri, eindeutig zurückgewiesen.

Auf der Nachrichtenseite „Il Sismografo“ reagiert der Jesuitenpater auf die Äußerungen Negris in einem Interview mit der Nachrichtenseite „Rimini 2.0“, in dem der emeritierte Erzbischof am 6. März bezüglich des Rücktritts von Benedikt XVI. nicht nur von einer „großen Verantwortung innerhalb und außerhalb des Vatikans“ spricht, sondern auch vom ‪„massiven Druck“ auf den deutschen Papst, insbesondere von der Regierung des damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Pater Lombardi zufolge schaffen die Worte Negris nur „unnötige Verwirrung“.

Der ehemalige vatikanische Pressesprecher erinnert auch an die Aussagen Benedikts im jüngsten Interviewbuch des deutschen Journalisten Peter Seewald, in dem er ganz klar bestätigt, er habe die Entscheidung seines Rücktritts in voller Freiheit und Verantwortung getroffen und es kein Geheimnis gebe.

„Mir scheint, es sei nicht notwendig an schrecklichen Druck jenseits des Atlantiks zu denken“, sagte Lombardi. Man könne stattdessen ruhig davon ausgehen, dass es eine sehr weise und vernünftige Entscheidung gewesen sei, „vor Gott und vor den Menschen“.

Der Ratzinger-Papst sei sich einfach darüber bewusst gewesen, dass er lange öffentliche Zeremonien, lange Audienzen, komplexe Versammlungen, Synodenversammlungen sowie Auslandsreisen und Pfarrbesuche nicht mehr bewältigen könne. Erzbischof Negri selbst, der sich als ein Freund Benedikts bezeichnet, beschreibt den Papst emeritus als körperlich zerbrechlich, aber geistig völlig hell, ​be​merkt der Jesuit. (pdm)

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Quelle

Als der Blitz einschlug: Georg Gänswein über den „Jahrtausendschritt“ von Papst Benedikt

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Von CNA Deutsch/EWTN News

Die Aula Magna in der Päpstlichen Universität Gregoriana war bis auf den letzten Platz gefüllt, der Applaus gewaltig: Erzbischof Georg Gänswein hat heute Abend offen, persönlich  und deutlich über den Heiligen Vater aus Bayern und dessen Zeit als Papst gesprochen. Anlass der bemerkenswerten Rede war die Vorstellung des neuen Buchs über das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. von Roberto Regoli, das der Präfekt des Päpstlichen Hauses zusammen mit Andrea Riccardi vorstellte, dem Gründer von San’t Egidio. CNA dokumentiert die Rede von Erzbischof Gänswein in deutscher Fassung.

In einem der letzten Gespräche, die der Papst-Biograph Peter Seewald aus München mit Benedikt XVI. führen konnte, hat er ihn zum Abschied gefragt: „Sind Sie nun das Ende eines Alten oder der Beginn eines Neuen?“ Die Antwort des Papstes war kurz und bestimmt: „Beides“ – Der Recorder war wohl schon ausgeschaltet. Darum taucht dieser letzte  Dialog in keinem Buch Peter Seewalds auf, auch nicht in dem berühmten „Licht der Welt“, sondern nur in einem Interview mit dem Corriere della Sera, bei dem der Biograph sich nach der Verzichtserklärung Benedikts XVI. an diese Schlüssel-Worte erinnerte, die jetzt gewissermaßen als Motto über dem Werk Roberto Regolis stehen, das  wir heute hier in der Gregoriana vorstellen dürfen.

Und knapper lässt sich das Pontifikat von Benedikt XVI. vielleicht kaum fassen, muss ich gestehen, der diesen Papst ja  in all diesen Jahren aus nächster Nähe als einen klassischen „homo historicus“ erleben durfte, als einen Abendländer schlechthin, der den Reichtum der katholischen Tradition des Westens verkörperte wie kein Mensch sonst, der mir in den Sinn kommt – und der doch gleichzeitig so überaus kühn das Tor für einen neuen Abschnitt jener Zeitenwende geöffnet hat, wie es sich vor 5 Jahren noch kaum einer vorstellen konnte. Seitdem leben wir in einer historischen Epoche, die in der 2000-jährigen Kirchengeschichte ohne Beispiel ist. Wie seit den Tagen des Petrus kennt die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche zwar auch heute immer noch nur einen einzigen rechtmäßigen Papst. Doch heute leben wir seit drei Jahren mit zwei lebenden Nachfolgern Petri unter uns – beide konkurrenzlos untereinander, doch beide mit einer außerordentlichen Präsenz! Hinzufügen dürfen wir noch, dass der Geist Joseph Ratzingers davor ja auch schon das lange Pontifikat des heiligen Johannes Paul II. entscheidend geprägt hat, dem er für fast ein Vierteljahrhundert treu als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre diente. Viele empfinden diese neue Situation heute immer noch als eine Art göttlichen Ausnahmezustandes.

Doch ist es jetzt schon Zeit für eine Bilanz des Pontifikats von Benedikt XVI.? Päpste im Allgemeinen können wohl nur im Nachhinein der Kirchengeschichte sinnvoll bewertet und eingeordnet werden. Als Beispiel dafür führt Roberto Regoli selbst an einer Stelle Gregor VII. an, den großen Reform-Papst des Mittelalters, der am Ende seines Lebens im Exil in Salerno starb – gescheitert nach dem Urteil vieler Zeitgenossen. Doch gerade er – Gregor VII. – war es, der das Gesicht der Kirche in den Streitfragen seiner Zeit für Generationen, die nach ihm kamen, entscheidend geprägt hat. Umso wagemutiger erscheint deshalb heute Professor Regoli bei seinem Versuch, eine Einschätzung des Pontifikats Benedikts XVI. schon zu dessen Lebzeiten vorzunehmen.

Die Menge des kritischen Materials, die er dafür gesichtet und ausgewertet hat, ist überwältigend und einschüchternd. Denn ungeheuer präsent ist und bleibt Benedikt ja auch in seinem eigenen Schrifttum, sei es als Papst, der drei Bücher zu Jesus Christus und 16 (!) dicke Bände von „Insegnamenti“ allein in seinem Pontifikat hinterlassen hat, oder sei es als Kardinal oder Professor Ratzinger, dessen Werke eine kleine Bibliothek füllen könnten. So mangelt es auch nicht an Fußnoten in diesem Werk Roberto Regolis und noch weniger an Erinnerungen, die er in mir wach ruft. Denn ich war ja dabei, als Benedikt XVI. am Ende seiner Amtszeit seinen Fischerring ablegte, wie es nach dem Tod eines Papstes üblich ist, obwohl er in diesem Fall selbst noch lebte! Ich war dabei, als er entschied, seinen Namen hingegen nicht mehr zurück zu geben. Er ist nicht mehr zu Joseph Ratzinger geworden, wie Papst Coelestin V., der am 13. Dezember 1294 nach wenigen Monaten im Amt wieder zu Pietro di Morrone wurde.

Seit dem 11. Februar 2013 ist das Papstamt deshalb nicht mehr, was es vorher war. Fundament der katholischen Kirche wird es bleiben. Doch diesen Grund hat Benedikt XVI. nachhaltig verändert in seinem Ausnahmepontifikat, von dem der nüchterne Kardinal Sodano gleich nach der überraschenden Rücktrittserklärung in einer ersten Reaktion überaus bewegt und fast fassungslos ausrief, die Nachricht habe „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ unter den versammelten Kardinälen eingeschlagen. Das war am Morgen jenes Tages, an dessen Abend tatsächlich ein kilometerlanger Blitz mit unglaublichem Getöse in die Spitze der Kuppel des Petersdoms über dem Grab des Apostelfürsten einschlug. Dramatischer ist wohl selten eine Zeitenwende aus dem Kosmos begleitet worden. Doch am Morgen dieses 11. Februar beendete Kardinaldekan Angelo Sodano seine Antwort auf die Erklärung Benedikts XVI. auch schon mit einer ersten und ähnlich kosmischen Einschätzung von dessen Pontifikat, als er am Ende sagte: „Gewiss, die Sterne des Himmels werden immer weiter funkeln und so wird auch immer der Stern Ihres Pontifikats unter uns leuchten„.

Ähnlich leuchtend und erhellend ist die wohlrecherchierte Darstellung Don Regolis der verschiedenen Phasen des Pontifikats. Vor allem von dessen Anfang im Konklave vom April 2005, aus dem Joseph Ratzinger nach einer der kürzesten Wahlen der Kirchengeschichte nach nur vier Wahlgängen als Papst hervorging – und zwar nach dem dramatischen Ringen einer so genannten „Salz-der-Erde-Partei“ (Salt of Earth Party) um die Kardinäle López Trujíllo, Ruini, Herranz, Rouco Varela oder Medina und der so genannten „Sankt Gallen-Gruppe“, um die Kardinäle Danneels, Martini, Silvestrini oder Murphy-O’Connor, die Kardinal Danneels von Brüssel erst kürzlich noch amüsiert  „als eine Art Mafia-Club“ bezeichnet hat. Die Wahl folgte freilich auch einem Ringen, dem der Kardinaldekan Ratzinger seine historische Predigt vom 18. April 2005 in Sankt Peter quasi als Notenschlüssel voran gesetzt hatte, wo  er „der Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv erachtet und als letztes Maß nur das eigene ich und seinen Willen gelten lässt, als anderes Maß wahrer Menschlichkeit den Sohn Gottes und wahren Menschen“ entgegen setzte. Dieser Teil der klugen Analyse Roberto Regolis liest sich teilweise heute schon wie ein spannender Krimi aus gar nicht so fernen Tagen – während sich die „Diktatur des Relativismus“ heute längst überwältigend auf vielen Kanälen der neuen Medien manifestiert, an die im Jahr 2005 noch kaum zu denken war.

Schon der Name, den sich der neue Papst unmittelbar nach seiner Wahl gab, war danach ein Programm. Joseph Ratzinger wurde nicht zu Johannes Paul III., wie es sich viele vielleicht gewünscht hätten. Sondern er knüpfte an Benedikt XV. an, den glück- und erfolglosen großen Friedenspapst aus den Schreckensjahren des Ersten Weltkriegs – und an den heiligen Benedikt von Nursia, den Mönchsvater und Vater Europas. Für die Jahre davor könnte ich als Kronzeuge dafür auftreten, dass sich Kardinal Ratzinger niemals nach dem höchsten Amt der katholischen Kirche gedrängt hatte – sondern schon lebhaft von einem Lebensabend träumte, wo er beschaulich noch einige letzte Bücher schreiben wollte. Alle Welt weiß, dass es anders kam. Bei der Wahl wurde ich dann in der Sixtinischen Kapelle Zeuge, wie er die Wahl als einen „wahren Schock“ und „Schrecken“ erlebte, oder wie ihm „schwindlig“ wurde, als er „die Guillotine“ der Entscheidung auf sich herabstürzen sah, womit ich kein Geheimnis verrate, seit Benedikt XVI. dies selbst schon bei seiner ersten Audienz vor deutschen Pilgern öffentlich gemacht hat. So verwundert nicht, dass er auch der erste Papst war, der gleich nach seiner Wahl um das Gebet der Gläubigen für ihn bat, woran wir in diesem Buch noch einmal erinnert werden.

Faszinierend und berührend ist, wie Regoli die verschiedenen Amtsjahre skizziert und dabei noch einmal die Souveränität der Amtsführung wach ruft, mit der Benedikt XVI. gleich zu Anfang schon seinen erbitterten alten Widersacher Hans Küng ebenso zum Gespräch nach Castel Gandolfo einlud wie Oriana Fallaci, die agnostische und kämpferische jüdische Grande Dame der säkularen Medien Italiens, oder wie er den protestantischen Schweizer Nobelpreisträger Werner Arber zum ersten nichtkatholischen Präsidenten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften berufen hat, wobei Regoli auch nicht die mangelnde Menschenkenntnis verschweigt, die dem genialen Theologen in den Schuhen des Fischers oft vorgeworfen wurde, der schwierige Texte und Bücher so genial zu beurteilen wusste und vor Peter Seewald im Jahr 2010 gleichwohl freimütig einräumte, dass er Entscheidungen über Personen so schwierig finde, weil „keiner dem anderen ins Herz schauen“ könne. Wie wahr!

Zutreffend bezeichnet Regoli aber eben jenes Jahr 2010 als ein „schwarzes Jahr“ für den Papst, und zwar im Zusammenhang mit dem tragischen Unfalltod Manuela Camagnis, einer der vier Memores aus der kleinen „päpstlichen Familie“. Das kann ich nur bestätigen. Gegen diesen Schicksalsschlag waren die medialen Aufreger jener Jahre – von der Affäre um den traditionalistischen Bischof Williamson bis zu einer Welle immer gehässigerer Angriffe gegen ihn – zwar nicht nichts, doch sie erreichten das Herz des Papstes nicht so sehr wie der Tod Manuelas, die so urplötzlich aus unserer Mitte fortgerissen wurde. Benedikt war kein Papstdarsteller und noch weniger ein gefühlloser Papstautomat, er war und blieb auch auf dem Thron Petri ganz und gar Mensch – oder in den Worten Conrad Ferdinand Meyers: er war „kein ausgeklügelt Buch“, er war ein „Mensch mit seinem Widerspruch“. So habe ich ihn tagtäglich erlebt und geschätzt. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Nach der letzten Enzyklika „Caritas in veritate“ vom 4. Dezember 2009 will Regoli dann aber beobachten, wie ein in liturgischer, ökumenischer und kirchenrechtlicher Hinsicht dynamisches, innovatives und antriebstarkes Pontifikat plötzlich „entschleunigt“ erscheint, wie blockiert, als würde es in einem Sumpf stecken. Das kann ich so nicht bestätigen, auch wenn der Gegenwind in den nachfolgenden Jahren zugenommen hat. Seine Reisen ins Vereinigte Königreich (2010), nach Deutschland und in die Lutherstadt Erfurt (2011) oder in den brennenden Nahen Osten zu den beunruhigten Christen des Libanon (2012) in diesen letzten Jahren waren allesamt ökumenische Meilensteine. Sein entschiedenes Vorgehen in der Aufarbeitung der Missbrauchsproblematik ist und bleibt wegweisend. Und wann hat es je einen Papst gegeben, der neben seinem überschweren Amt auch noch Bücher über Jesus von Nazareth schrieb, die vielleicht noch einmal als seine wichtigste Hinterlassenschaft gelten werden?

Danach muss ich hier nicht ausführen, wie er, den der plötzliche Tod Manuela Camgagnis so getroffen hatte, auch später an dem Verrat Paolo Gabrieles litt, der ja auch derselben „päpstlichen Familie“ angehört hatte. Und doch, das muss ich hier einmal in aller Deutlichkeit sagen, ist Benedikt am Schluss nicht wegen des armen und fehl geleiteten Kammerdieners zurückgetreten oder wegen der Schmankerln aus seinem Haus, die in der so genannten Vatileaks-Krise wie Falschgeld in Rom in den Verkehr kamen und im Rest der Welt wie wahre Goldstücke gehandelt wurden. Es war kein Verräter oder „Rabe“ oder irgendein Journalist, der ihn zu dieser Entscheidung hätte bewegen können. Dafür war dieser Skandal dann doch etwas zu klein und dieser wohl bedachte Jahrtausendschritt Benedikts XVI. um so vieles größer.

Respekt verdient Regolis Darstellung dieser Vorgänge auch deshalb, weil er erst gar nicht den Anspruch erhebt, diesen letzten rätselhaften Schritt ganz erklären und ergründen zu wollen, und er bereichert die wuchernde Legendenbildung auch nicht mit neuen Spekulationen, die mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun haben. Und ich muss gestehen, dass auch mir, als einem Zeugen aus nächster Nähe, für diesen spektakulären und unerwarteten Schritt Benedikts XVI. nur immer wieder neu jene berühmte und geniale Formel einfällt, mit der Johannes Duns Scotus im Mittelalter Gottes Ratschluss für die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter begründete:

Decuit, potuit, fecit„.

Das heißt auf Deutsch: Es geziemte sich, weil es sinnvoll war. Er (Gott) konnte es, also tat er es. – Übertragen auf den Entschluss zum Rücktritt lese ich diese Formel so. Es geziemte sich, weil Benedikt XVI. gewahr wurde, dass ihm die nötige Kraft für das überschwere Amt abhanden kam. Er konnte es, weil er die Möglichkeit emeritierter Päpste für die Zukunft schon seit langem theologisch grundlegend durchdacht hatte. So tat er es dann.

Im Wesentlichen war der epochale Rücktritt des Theologenpapstes deshalb ein Schritt nach vorn, als er am 11. Februar 2013 auf Lateinisch vor den überraschten Kardinälen die neue Institution eines „Papstes emeritus“ in die katholische Kirche mit den Worten einführte, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, „den Petrusdienst in angemessener Weise auszuüben“. Das Schlüsselwort dieser Erklärung ist der Begriff Munus Petrinum, das hier – wie meistens – als Petrusdienst übersetzt wurde. Doch das lateinische Munus hat eine vielfältige Bedeutung. Es kann Dienst, Aufgabe, Leitung, oder Geschenk heißen – bis hin zu Wunderwerk. Als Teilhabe an einem solchen „petrinischen Dienst“ aber verstand und versteht Benedikt seine Aufgabe vor und nach dem Rücktritt bis heute. Er hat seinen Stuhl geräumt, doch diesen Dienst hat er mit seinem Schritt vom 11. Februar 2013 eben nicht verlassen. Er hat das personale Amt stattdessen ergänzt um eine kollegiale und synodale Dimension, als einen quasi gemeinsamen Dienst, als wollte er damit auch noch einmal die immanente Einladung jenes Mottos wiederholen, das Joseph Ratzinger sich schon als Erzbischof von München und Freising gab und als Bischof von Rom natürlich beibehalten hat: „cooperatores veritatis„. Das heißt auf Deutsch „Mitarbeiter der Wahrheit“. Denn es ist kein Singular, sondern eine Pluralform, entnommen dem 3. Johannesbrief, wo es im Vers 8 heißt: „Darum sind wir verpflichtet, solche Männer aufzunehmen, damit auch wir zu Mitarbeitern für die Wahrheit werden.“

Seit der Wahl seines Nachfolgers Franziskus am 13. März 2013 gibt es also keine zwei Päpste, aber de facto ein erweitertes Amt – mit einem aktiven und einem kontemplativen Teilhaber. Darum hat Benedikt XVI. weder den weißen Talar noch seinen Namen abgelegt. Darum ist seine korrekte Anrede auch heute noch „Heiliger Vater“ (in Italiano: Santità), und darum zog er sich auch nicht in ein abgelegenes Kloster zurück, sondern in das Innere des Vatikans – als sei er nur beiseite getreten, um seinem Nachfolger und einer neuen Etappe in der Geschichte des Papsttums Raum zu geben, den er mit diesem Schritt bereichert hat um das Kraftwerk seines Gebets und Mitleidens in den Vatikanischen Gärten.

Es war der „am wenigsten erwartete Schritt im zeitgenössischen Katholizismus“, wie Regoli schreibt, als eine Möglichkeit freilich, die Kardinal Ratzinger schon am 10. August 1978 in München in einer Predigt aus Anlass des Todes Pauls VI. öffentlich reflektiert hatte. 35 Jahre später ist er dann selbst vor dem Petrus-Amt nicht geflohen, was ihm nach seiner irreversiblen Annahme des Amtes im April 2005 völlig unmöglich gewesen wäre. Er hat dieses Amt  stattdessen erneuert und in einem Akt außerordentlichen Wagemutes (auch gegen wohl meinende und durchaus kompetente Berater), und mit letzter Kraft, potenziert, wie ich hoffe. Dies kann aber nur die Geschichte erweisen. Doch das wird bleiben in der Kirchengeschichte, in der der weltberühmte Theologe auf dem Stuhl Petri im Jahr 2013 zum ersten „Papa emeritus“ der Geschichte wurde. Seitdem ist seine Rolle – schon wieder – auch völlig anders als etwa die des heiligen Papstes Coelestin V., der nach seinem Rücktritt im Jahr 1294 wieder Eremit werden wollte und stattdessen Gefangener seines Nachfolgers Bonifaz VIII. wurde (dem wir heute die Einführung der Jubeljahre in der Kirche verdanken). Einen Schritt wie den von Benedikt XVI. hat es eben noch nie gegeben. Darum wundert wieder nicht, dass er darum von manchen als revolutionär empfunden wurde oder aber als überaus evangeliumsgemäß, während andere das Papsttum dadurch säkularisiert sehen wie nie zuvor und damit kollegialer und funktionaler oder auch einfach menschlicher und weniger sakral. Wieder andere sind der Ansicht, dass Benedikt XVI. das Amt mit diesem Schritt – theologisch und historisch-kritisch gesprochen – quasi entmythologisiert hat.

All dies legt Roberto Regoli in seinem Panorama des Pontifikats auf eine Weise frei wie noch kein Autor vor ihm. Der bewegendste Teil meiner Lektüre des Werkes von Professor Regoli war aber vielleicht die Stelle, wo er in einem ausführlichen Zitat an jene letzte Generalaudienz Benedikts XVI. am 27. Februar 2013 erinnert, wo der scheidende Papst  auf dem Petersplatz sein Pontifikat  zum Abschied unter unvergesslich makellosem, blauem Himmel in folgenden Worten zusammen fasste:

Es war eine Wegstrecke der Kirche, die Momente der Freude und des Lichtes kannte, aber auch Momente, die nicht leicht waren; ich habe mich gefühlt wie Petrus mit den Aposteln im Boot auf dem See Genezareth: Der Herr hat uns viele Sonnentage mit leichter Brise geschenkt, Tage, an denen der Fischfang reichlich war, und es gab Momente, in denen das Wasser aufgewühlt war und wir Gegenwind hatten, wie in der ganzen Geschichte der Kirche, und der Herr zu schlafen schien. Aber ich habe immer gewußt, daß in diesem Boot der Herr ist, und ich habe immer gewußt, daß das Boot der Kirche nicht mir, nicht uns gehört, sondern ihm. Und der Herr läßt sie nicht untergehen; er ist es, der sie lenkt, sicherlich auch durch die Menschen, die er erwählt hat, denn so hat er es gewollt. Das war und ist eine Gewißheit, die durch nichts verdunkelt werden kann.

Persönlich, muss ich gestehen, könnten mir bei diesen Worten jetzt noch die Tränen kommen, zumal ich aus nächster Nähe bezeugen kann, wie unbedingt Papst Benedikt die Worte des heiligen Benedikt für sich und seinen Dienst übernommen hat, gemäß denen der „Liebe zu Christus nichts vorzuziehen ist“ (nihil amori Christi praeponere), wie es in jener Regel heißt, wie sie uns von Papst Gregor dem Großen überliefert wurde. Als Zeitzeuge aber bin ich jetzt noch fasziniert von der Präzision dieser letzten Analyse auf dem Petersplatz, die so poetisch klang und doch nichts anderes als prophetisch war. Denn es sind ja Worte, die heute auch Papst Franziskus ohne weiteres sofort unterschreiben könnte und würde. Nicht die Päpste, sondern Christus, der Herr selbst und kein anderer ist der Besitzer des  Schiffleins Petri in den sturmgepeitschten Wellen, wo wir immer wieder neu befürchten, der Herr sei eingeschlafen und er nehme keinen Anteil an unserer Not – der doch jeden Sturm mit einem einzigen Wort zum Verstummen bringen kann, wo uns allerdings mehr als die hohen Wellen und das Heulen des Windes wohl vor allem unser Unglaube, unser Kleinglaube und unsere Ungeduld immer wieder neu in Panik versetzen.

So gibt dieses Buch noch einmal einen tröstenden Blick frei auf die ruhige Unbeirrtheit und Gelassenheit Benedikts XVI. am Steuer des Schiffes Petri in den dramatischen Jahren von 2005 bis 2013. Gleichzeitig hat Don Regoli mit dieser aufklärenden Chronik nun aber auch selbst Anteil genommen an dem oben erwähnten munus Petri. Wie vor ihm schon Peter Seewald und andere ist auch Roberto Regoli hiermit nun als Priester, Professor und Gelehrter mit eingetreten in jenen erweiterten petrinischen Dienst um die Nachfolger des Apostels Petrus, wofür wir ihm heute und hier von Herzen danken wollen.

Roberto Regoli, Oltre la crisi della Chiesa, („Jenseits der Krise der Kirche“) ist erschienen bei Lindau.

Benedikt XVI: Vier Jahre nach seinem Rücktritt. Vier Jahre des Gebets.

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Benedikt beim Entzünden der Osterkerze in der Osternacht im Petersdom am Samstag, 7. April 2012. Foto: L’Osservatore Romano/CNA Deutsch

Von Marco Mancini

Es ist, als wäre es erst gestern gewesen. Es war ein Feiertag im Vatikan: Der 11. Februar ist der „Geburtstag“ des Vatikanstaates. Ein grauer Wintertag, kein besonders kalter, in Rom. Ein ganz normaler Tag, bis am späten Vormittag mit einigen knappen Zeilen – in perfektem Latein – Papst Benedikt XVI. der Welt seine Entscheidung mitteilte. Der Rücktritt vom Papstamt.

Der Papst habe uns eine kleine Überraschung bereitet: Das waren die ersten Worte von Pater Federico Lombardi, Leiter des Presse-Amtes des Heiligen Stuhls. Und in der Tat war es so. Eine schmerzliche Entscheidung, „frei getroffen“ und vor allem geheimgehalten, bis Benedikt – vor den zum Konsistorium versammelten Kardinälen – sie öffentlich machte.

Es scheint wie gestern. Seitdem ist Benedikt – Gott sei Dank – nicht verschwunden. Er ist im Vatikan geblieben; im Gebet verharrend, betend für die Kirche und vor allem für seinen Nachfolger, Papst Franziskus.

Diesen würdigte Benedikt wörtlich als „Heiligen Vater“, anlässlich des 65. Jubiläums der Priesterweihe im vergangenen Juni im Vatikan; einen Vater, der, so hoffe er, auf dem Weg der Barmherzigkeit voranschreiten könne.

Bei dieser Gelegenheit gedachte in Dankbarkeit der bayerische Pontifex emeritus auch des Geschenks der Priesterweihe – seiner eigenen wie der seines Bruders, Georg. Und die Kirche gedenkt, vier Jahre nach seiner Amtsaufgabe, dankbar des Geschenks seines Pontifikates. Wie Papst Franziskus sagte, ist Jospeh Ratzinger nicht zuletzt ein Mann, der gegen den Schmutz in der Kirche kämpfte: „er ist ein tapferer Mann“.

Durch seine Aufgabe des Amtes und durch sein Gebet, schreibt Franziskus, erteile Benedikt „uns die offensichtlichste Lehre“ einer Theologie auf den Knien. Zurückgezogen im Kloster Mater Ecclesiae, legt Benedikt XVI. weiterhin Zeugnis des entscheidenden Punktes ab, der den Kern priesterlichen Dienstes ausmacht, den Diakone, Priester und Bischöfe niemals vergessen dürfen: das Gebet. Die erste und wichtigste Pflicht ist nicht, was gerade ansteht, sondern für andere zu beten, ohne Unterbrechung, mit Körper und Seele – so wie heute der emeritierte Papst.

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Quelle

Pater Lombardi zum Jahrestag des Rücktritts von Benedikt XVI.

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Benedikt XVI. & Neue Kardinäle, 19. November 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Eine Präsenz, die die Kirche begleitet

Das schönste Zeugnis von Benedikt XVI. ist die Art und Weise, wie der Papst emeritus seinen Ruhestand lebt, ‪„im Gebet“ und ‪„mit dem Gespür der Nähe der Begegnung mit Gott“. Dies erzählte Pater Federico Lombardi SJ gegenüber Radio Vatikan anläßlich des vierten Jahrestags der Ankündigung des überraschenden Rücktritts von Papst Benedikt, am 11. Februar 2013.

Der Papst emeritus lebe seinen Dienst der Begleitung im Gebet des Lebens der Kirche und auch der Solidarität mit seinem Nachfolger im Kloster ‪„Mater Ecclesiae“ in den Vatikanischen Gärten ‪in Gebet, in Zurückgezogenheit und mit extremer Diskretion, sagte der ehemalige Pressesprecher des Heiligen Stuhls und aktuelle Präsident des Aufsichtsrates der vatikanischen Stiftung „Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“

Im Interview mit Alessandro Gisotti des italienischen Programms von Radio Vatikan beschreibt P. Lombardi Joseph Ratzinger als „perfekt“ hellwach und präsent, sowohl intellektuell als spirituell und geistlich.

Der Papst emeritus habe keine besondere Krankheiten, man sehe die Gebrechlichkeit, die mit dem Alter zunehme, aber er stehe, bewege sich im Haus, sagte der italienische Jesuitenpater. „Man begegnet ihm wie einer im Laufe der Zeit etwas gebrechlicher gewordenen, alten Person, aber er ist völlig präsent und sehr angenehm bei der Begegnung“, erklärte Lombardi weiter.

Für den ehemaligen Pressesprecher des Heiligen Stuhls ist das schönste Zeugnis von Benedikt XVI. ‪„dieses Gespür der Nähe der Begegnung mit Gott, seine Art und Weise, das Alter als eine Zeit der Vorbereitung und des sich Vertrautmachen – so würde ich sagen – mit dem Herrn zu erleben.“

‪„Ich denke, es ist sehr schön einen Papst emeritus zu haben, der für die Kirche betet, für seinen Nachfolger. Wir erleben es als eine Präsenz, die uns begleitet, die uns tröstet, die uns beruhigt“, so Lombardi.

Papst Franziskus spüre ‪„ganz gewiss“ die Unterstützung dieser betenden Präsenz, ist sich der Jesuitenpater sicher. Er nähre diese Beziehung mit gelegentlichen Besuchen, Telefonanrufen, sowie mit vielen Zeichen der Vertrautheit, des Respekts und der Verbundenheit. ‪„Es ist eine große Freude für alle und ein schönes Beispiel von Einheit in der Kirche“, betonte Federico Lombardi.

[Übersetzt von Paul De Maeyer]

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