„Der Glaube ist so bedeutsam, dass sie gerade die Christen vernichten wollen“

Schermata_2_2015-06-04_alle_14-23-02-740x493 WIKIMEDIA COMMONS - Bischöfliche Pressestelle Hildesheim (Bph)

Prälat Professor Helmut Moll

Interview mit Prälat Professor Helmut Moll

Teil 1

In diesem Jahr [2015] ist es 15 Jahre alt: das zweibändige Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhundert“. Seit der Erstausgabe lebt das Projekt weiter fort, durch Erweiterungen mit neuen Lebensbildern, durch Vorträge und Ausstellungen. Papst Johannes Paul II. gab 1994 den Auftrag an die gesamte Kirche, ein Blutzeugenverzeichnis über alle Märtyrer des 20. Jahrhunderts zu erstellen. „So konnten mit dem Jahr 2000, dem Heiligen Jahr, die Märtyrer des 20. Jahrhunderts in allen Diözesen, in allen Bischofskonferenzen, in allen fünf Kontinenten dem Vergessen entrissen werden“, erklärt Prälat Helmut Moll, Professor für Exegese und Hagiographie. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte ihn, als er noch bei der Heiligsprechungskongregation tätig war, gebeten, dieses Martyrologium zu erstellen. Im Jahr 1995 kehrte er von Rom nach Köln zurück und das Werk konnte am 18. November 1999 Papst Johannes Paul II. mit Bischof Lehmann [damals Vorsitzender der DBK; Anm. d. Red.] überreicht werden. Michaela Koller sprach mit Prälat Moll, der auch zum Schülerkreis des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zählt, am Rande einer Ausstellungseröffnung im Seniorenwohnheim der Armen- Brüder des heiligen Franziskus in Düsseldorf-Rath.

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Herr Prälat Professor Moll, Sie sprechen regelmäßig bei der Eröffnung der am meisten gefragten Ausstellung der Erzdiözese Köln. Es geht um das deutsche Martyrologium, ein Projekt, das Sie seit mehr als 15 Jahren begleiten. Worum geht es da?

Prälat Moll: Da wir 27 Diözesen haben, versuchten diese jeweils, ihre eigenen Märtyrer, vor allem aus der Nazizeit und aus den Missionen, den Gläubigen bekannt zu machen. Wir hier in Köln haben ein eigenes Martyrologium erstellt, das auch bereits in der sechsten Auflage erschienen ist, sowie eine Ausstellung. Es war ein großes Anliegen Kardinal Meisners, das zu tun, weil es der Papst gewollt hat. Wegen der großen Nachfrage musste die Ausstellung ein zweites Mal angefertigt werden. Sie geht in Pfarreien, Schulen, Akademien, in weltliche Bereiche. Die Ausstellung wird meist von Führungen oder Zeitzeugengesprächen begleitet, mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Welcher Schwerpunkt erwartet uns in der aktuellen Düsseldorfer Ausstellung?

Prälat Moll: Bei der Eröffnung standen die lokalen Märtyrer im Vordergrund. Wir haben derer über zehn. Ich vermute, dass viele Besucher die meisten davon nicht kennen. Auch die alten Menschen kennen die Märtyrer der NS-Zeit nicht, was daran liegt, dass diese Zeit lange nicht aufgearbeitet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen andere Sorgen als die Bewältigung dieser Arbeit. Auch wurde dies lange zurückgehalten, zuweilen auch verdrängt. Es brach sich erst in den sechziger Jahren Bahn, dass an diese großen Gestalten erinnert und auch die NS-Zeit aufgearbeitet wurde.

Jeder Märtyrer ist ein unschuldiges Opfer, aber nicht jedes unschuldige Opfer ist gleich ein Märtyrer den kirchlichen Kriterien zufolge. Welche sind dies?

Prälat Moll: Die drei Hauptkriterien zur Festlegung des Martyriums sind in der Heiligen Schrift des Neuen Testamentes verankert. Sie sind dann in der Zeit der griechischen und lateinischen Kirchenväter noch weiter ausdifferenziert worden. Aber erst Papst Benedikt XIV. hat in einem vierbändigen Werk die Kriterien detailliert festgelegt. Die drei wesentlichen Kriterien lauten: Erstens ist ein Märtyrer ein Christ, der eines gewaltsamen Todes stirbt, was auch heißen kann, dass er zum Beispiel vor Hunger stirbt. Zweitens muss er Zeugnis für Christus gegeben haben. Es genügt nicht, die Hakenkreuzfahne nicht ausgehängt zu haben. Das taten auch Kommunisten nicht. Dieses Zeugnis ist vielfältig, aber es muss erkennbar und eindeutig sein. Das dritte Kriterium ist das schwierigste: Der Christ muss bereit sein, für seinen Glauben zu leiden und sogar den Tod auf sich zu nehmen. Evangelische Christen haben weitere und bisweilen davon abweichende Kriterien.

Christen sind ja die am meisten verfolgte Minderheit. Ist es nicht manchmal schwierig festzustellen, ob ein Christ als Christ oder allgemein als Angehöriger einer Minderheit umgebracht wurde?

Prälat Moll: Schauen Sie, acht von zehn Verfolgten heutzutage sind Christen. Offensichtlich ist unser christlicher Glaube so bedeutsam für die Gesellschaft, dass sie gerade die Christen vernichten wollen. Warum wollen sie das? Weil sie ein Menschenbild haben, das bedeutet, sich für die Schwachen einzusetzen, das die körperlich und geistig Behinderten miteinschließt. Dieses Menschenbild ist nicht nur innerweltlich, sondern auch transzendental.

Wenn Sie so auf 15 Jahre deutsches Martyrologium zurückblicken, würden Sie dann sagen, dass es sich um ein lebendiges Projekt handelt?

Prälat Moll: In der Tat. Wir haben noch so viele Zeitzeugen, die ich bei meinen Vorträgen oder Ausstellungen mitnehme. Wir haben so viele Verwandte, die mit ihren Tagebüchern, Fotoalben, Briefen noch so viel über Blutzeugen aus der NS-Zeit oder aus der Mission erzählen können. In ganz Deutschland ist das Interesse am Martyrologium anhaltend: Ich werde  demnächst in Trier, Darmstadt und Hamburg Vorträge halten, so dass die Märtyrer zunehmend dem Vergessen entrissen werden.

Teil 2

Das zweibändige Werk ist in diesem Jahr in sechster, erweiterter und neu strukturierter Auflage erschienen und Sie durften es Papst Franziskus überreichen. Welche Lebensbilder sind neu hinzugekommen?

Prälat Moll: Unser deutsches Martyrologium hat vier Bereiche: den Nationalsozialismus mit 400 Blutzeugen, zweitens die deutschsprachigen Märtyrer des Kommunismus, Volksdeutsche (Russlanddeutsche und Donauschwaben) zusammen etwa hundert, drittens das Keuschheitsmartyrium, wo Frauen in eindeutiger Weise von Männern belästigt, missbraucht und umgebracht wurden und schließlich die Missionsmärtyrer aus den verschiedenen Orden und Kongregationen. Aus den Missionsgebieten haben wir in den letzten drei Auflagen viele neue Lebensbilder gewonnen, weil die Archive vorher noch nicht ausgewertet oder die Informationen weit entfernt in Papua-Neuguinea oder Afrika zu bekommen waren. Wir haben darin aus allen vier Bereichen 250 neue Namen aufnehmen können. Es sind für mich großartige Zeugnisse von Männern und Frauen, Priestern und Laien, Ordensleuten und Christen aus den Neuen Geistlichen Gemeinschaften, die in der heutigen Zeit der Neuevangelisierung lebendige Beispiele für die Verbreitung des Glaubens darstellen.

Über welche Lebenszeugnisse sprechen Sie im Rahmen der aktuellen Ausstellung in Düsseldorf?

Prälat Moll: Einer der bekanntesten Düsseldorfer Glaubenszeugen ist der Fabrikant Leo Statz, den so gut wie jeder Düsseldorfer kennt. Er kam aus Bilk und war von Beruf Fabrikant von Mineralwasser und Hochprozentigem. Er war ein echter Rheinländer, in den Karnevalsgesellschaften engagiert. Statz hat kein Blatt vor den Mund genommen und wurde unter den Nazis schnell bekannt, weil er bei der Fronleichnamsprozession auch gleich hinter dem Allerheiligsten mitging, wie es in den Akten hieß. Er wurde wegen angeblicher Zersetzungspropaganda 1943 zum Tode verurteilt, hielt vor seiner Enthauptung noch eine Lebensbeichte ab und empfing die Heilige Kommunion. Mehrere Denkmäler hier erinnern an ihn. Zu nennen ist auch sein Vetter Erich Klausener, der bereits 1934 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, sowie Adalbert Probst, der Führer der katholischen Jugendbewegung, sowie einer der mutigsten Priester der gesamten Nazizeit, Pfarrer Franz Boehm. Er hat sogar den Bürgermeister exkommuniziert. Zu erwähnen wäre auch noch der Kolping-Bezirkspräses Johannes Flintrop aus Mettmann und der katholische Sozialethiker Benedikt Schmittmann.

Stimmt es, dass die Redaktion des Martyrologiums lange überlegt hat, in dem Kapitel über die Märtyrer aus der Nazizeit auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg aufzunehmen?

Prälat Moll: Die Überlegungen, ob der Attentäter des 20. Juli 1944 aufgenommen werden könnte oder nicht, haben zwei Jahre gedauert, denn man muss an den drei Hauptkriterien Maß nehmen. Ich habe mich mit Zeitzeugen, konkret mit dem „Taschenträger“ Philipp Freiherr von Boeselager unterhalten, sowie mit Historikern sowie mit Kardinal Meisner und die Heiligsprechungskongregation Rücksprache gehalten. Die Historiker waren unter sich gespalten. Der „Taschenträger“ berichtete, er sei sonntags selten zur Kirche gegangen. Der tiefere Grund, ihn schließlich nicht aufzunehmen, ist jedoch ein anderer: Ein Märtyrer stirbt, um Zeugnis für Christus abzulegen. Dagegen hat Stauffenberg eigentlich ein Zeichen für das nationale Deutschland gesetzt. Es war weniger ein Zeichen für den Glauben, als für ein anderes Deutschland. Zudem war er im Kreis um den Philosophen Stefan George, der Gedanken hatte, die mit dem christlichen Glauben kaum in Übereinstimmung zu bringen sind.

Da wir in diesem Jahr intensiv auf die Familie als Institution in der Kirche geschaut haben, interessieren auch mögliche Märtyrerehepaare…

Prälat Moll: Ja, da ist das Essener Ehepaar Kreulich. Der Mann Bernhard war in der Industrie beschäftigt, die Frau Maria war Hausfrau. Die Ehe blieb kinderlos. Beide waren engagierte Christen. Sie wurden denunziert und in Berlin umgebracht. Vergleichbares gilt für das aus dem Judentum konvertierte Ehepaar Fritz und Margarethe Bing, das im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Darüber hinaus haben wir eine ganze Reihe von verheirateten, wie etwa Nikolaus Groß, der Vater von sieben Kindern war, oder Bernhard Letterhaus. Wir haben aus der Zeit des Nationalsozialismus eine ganze Reihe verheirateter Laien, die für Christus ihr Leben gelassen haben und ins deutsche Martyrologium aufgenommen worden sind.

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[Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“. Paderborn 1999, 6. Auflage 2015]

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Quelle: Teil 1Teil 2