Tschechien: Prager Kardinal verurteilt LGBT-Ideologie

Kardinal Dominik Duka (ANSA)

Der tschechische Kardinal Dominik Duka hat die Äußerungen des polnischen Erzbischofs Stanislaw Gadecki zu Homosexualität gegen Kritik verteidigt. In einer an diesem Montag veröffentlichten Erklärung wandte er sich gegen eine LGBT-Ideologie, die seiner Ansicht nach eine „atheistische und satanistische Agenda“ verfolge. Das berichtete Radio Prag.

Seine Amtsbrüder in der Slowakei und in Ungarn rief der Prager Kardinal demnach auf, sich hinter Gadecki zu stellen. Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz hatte sich am vergangenen Freitag gegen eine Legalisierung der Homo-Ehe ausgesprochen und zugleich eine LGBT-Ideologie um Homo-, Bi- und Transsexuelle verurteilt. Homosexuelle Menschen seien „unsere Brüder und Schwestern“, betonte Gadecki in einer von der Bischofskonferenz veröffentlichten Erklärung.

Die Achtung bestimmter Menschen könne jedoch nicht „zur Akzeptanz einer Ideologie“ führen, die darauf abziele, die sozialen Gewohnheiten und zwischenmenschlichen Beziehungen zu revolutionieren. Gadecki appellierte an polnische Abgeordnete, sich Plänen zur Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu widersetzen. Die örtlichen Behörden dürften auch keine Entscheidungen treffen, „die unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Diskriminierung die natürliche Geschlechterdifferenz zwischen Männern und Frauen leugnet“.

Predigt führte zu Protesten

Anlass für die Erklärung Gadeckis waren Äußerungen des Krakauer Erzbischofs Marek Jedraszewski, der vergangene Woche in einer Predigt von einer „Regenbogen-Krankheit“ gesprochen hatte, was zu Protesten führte. Manche der Reaktionen zeugten von einem gewissen „ideologischen Totalitarismus“ gegenüber Andersdenkenden, verteidigte der Erzbischof von Posen seinen Krakauer Amtskollegen.

(kna – vm)

LESEN SIE AUCH:

Papst Franziskus: Motu Proprio „Ihr seid das Licht der Welt“ („Vos estis lux mundi“)

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES «MOTU PROPRIO»

VON PAPST
FRANZISKUS

VOS ESTIS LUX MUNDI

 

»Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben« (Mt 5,14). Unser Herr Jesus Christus ruft jeden Gläubigen, ein leuchtendes Vorbild an Tugend, Integrität und Heiligkeit zu sein. Wir alle sind nämlich berufen, in unserem Leben und insbesondere in unserer Beziehung zum Nächsten konkretes Zeugnis für den Glauben an Christus zu geben.

Die Verbrechen sexuellen Missbrauchs beleidigen unseren Herrn, verursachen physische, psychische und spirituelle Schäden bei den Opfern und verletzten die Gemeinschaft der Gläubigen. Damit solche Phänomene in all ihren Formen nicht mehr geschehen, braucht es eine ständige und tiefe Umkehr der Herzen, die durch konkrete und wirksame Handlungen bezeugt wird; diese beziehen alle in der Kirche mit ein, sodass die persönliche Heiligkeit und der moralische Einsatz dazu beitragen können, die volle Glaubwürdigkeit der Verkündigung des Evangeliums und die Wirksamkeit der Sendung der Kirche zu fördern. Dies wird nur mit der Gnade des Heiligen Geistes, der in die Herzen ausgegossen ist, möglich, denn wir müssen immer des Wortes Jesu eingedenk sein: »Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen« (Joh 15,5). Auch wenn schon vieles getan wurde, müssen wir weiter aus den bitteren Lektionen der Vergangenheit lernen, um hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Diese Verantwortung fällt in erster Linie auf die Nachfolger der Apostel, denen Gott die pastorale Leitung seine Volkes anvertraut hat, und fordert von ihnen den Einsatz, den Spuren des Göttlichen Meisters nahe zu folgen. Aufgrund ihres Dienstamtes nämlich leiten sie »die ihnen zugewiesenen Teilkirchen als Stellvertreter und Gesandte Christi durch Rat, Zuspruch, Beispiel, aber auch in Autorität und heiliger Vollmacht, die sie indes allein zum Aufbau ihrer Herde in Wahrheit und Heiligkeit gebrauchen, eingedenk, dass der Größere werden soll wie der Geringere und der Vorsteher wie der Diener« (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 27). Was die Nachfolger der Apostel dringender betrifft, geht auch alle an, die auf verschiedene Weise Dienste in der Kirche übernehmen, die evangelischen Räte leben oder gerufen sind, dem christlichen Volk zu dienen. Daher ist es gut, auf universalkirchlicher Ebene Verfahrensweisen anzuwenden, um diesen Straftaten, die das Vertrauen der Gläubigen verraten, vorzubeugen und entgegenzuwirken.

Mein Wunsch ist es, dass dieser Einsatz in völlig kirchlicher Weise ausgeführt wird und demnach Ausdruck der Gemeinschaft ist, die uns vereint, im gegenseitigen und offenen Hören auf die Beiträge derer, denen dieser Prozess der Umkehr am Herzen liegt.

Deshalb verfüge ich:

 

TITEL 1
ALLGEMEINE BESTIMMUNGEN

 

Art. 1 – Anwendungsbereich

§ 1. Die vorliegenden Normen finden Anwendung im Fall von Meldungen in Bezug auf Kleriker oder auf Angehörige von Instituten des geweihten Lebens oder Gesellschaften des apostolischen Lebens, die Folgendes betreffen:

a)       Straftaten gegen das sechste Gebot des Dekalogs, nämlich:

I.        unter Gewalt oder Drohung oder durch Amtsmissbrauch erfolgter Zwang, sexuelle Handlungen zu vollziehen oder zu erleiden;

II.       der Vollzug sexueller Handlungen mit einer minderjährigen oder mit einer schutzbedürftigen Person;

III.      die Herstellung, die Darbietung, der Besitz oder die Verbreitung von kinderpornographischem Material auch auf telematischem Weg sowie die Anwerbung oder Verleitung einer minderjährigen oder schutzbedürftigen Person, an pornographischen Darbietungen teilzunehmen.

b)       die Verhaltensweisen, die von den in Artikel 6 genannten Personen verwirklicht werden und in Handlungen oder Unterlassungen bestehen, die darauf gerichtet sind, die zivilen Untersuchungen oder kirchenrechtlichen Untersuchungen verwaltungsmäßiger oder strafrechtlicher Natur gegenüber einem Kleriker oder einer Ordensperson bezüglich der unter dem Buchstaben a) dieses Paragraphen genannten Vergehen zu beeinflussen oder zu umgehen.

§ 2. Bezüglich der vorliegenden Normen versteht man unter:

a)       »minderjährig«: jede Person, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder ihr vom Gesetz gleichgestellt wird;

b)       »schutzbedürftige Person«: jede Person im Zustand von Krankheit, von physischer oder psychischer Beeinträchtigung oder von Freiheitsentzug, wodurch faktisch, auch gelegentlich, ihre Fähigkeit zu verstehen und zu wollen eingeschränkt ist, zumindest aber die Fähigkeit, der Schädigung Widerstand zu leisten.

c)        »kinderpornographisches Material«: jede Darstellung einer minderjährigen Person, die unabhängig vom verwendeten Mittel in explizite sexuelle Handlungen, seien sie real oder simuliert, verwickelt ist, oder jede Darstellung der Geschlechtsorgane von Minderjährigen zu vorwiegend sexuellen Zwecken.

 

Art. 2 – Annahme der Meldungen und Datenschutz

§ 1. Unter Berücksichtigung der Weisungen, die eventuell von den jeweiligen Bischofskonferenzen, Synoden der Bischöfe der Patriarchatskirchen und der großerzbischöflichen Kirchen oder von den Hierarchenräten der Metropolitankirchen sui iuris in Kraft gesetzt wurden, müssen die Diözesen oder Eparchien – einzeln oder gemeinsam – innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten der vorliegenden Normen ein oder mehrere feste Systeme bestimmen, die der Öffentlichkeit leicht zugänglich sind, um Meldungen einzureichen. Dies kann auch durch die Errichtung einer eigenen kirchlichen Behörde geschehen. Die Diözesen und Eparchien informieren den Päpstlichen Vertreter über die Einrichtung der in diesem Paragraphen genannten Systeme.

§ 2. Die Informationen, von denen in diesem Artikel die Rede ist, werden so geschützt und behandelt, dass die Sicherheit, die Unversehrtheit und die Vertraulichkeit gemäß can. 471, 2° CIC und can. 244 § 2, 2° CCEO gewährleistet ist.

§ 3. Vorbehaltlich der Bestimmung in Artikel 3 § 3 leitet der Ordinarius, der die Meldung erhalten hat, diese unverzüglich an den Ordinarius des Ortes, wo die Taten stattgefunden haben sollen, sowie an den eigenen Ordinarius der angezeigten Person weiter. Beide werden nach Maßgabe des Rechts entsprechend dem, was für den spezifischen Fall vorgesehen ist, vorgehen.

§ 4. Im Sinne dieses Titels sind die Eparchien den Diözesen gleichgestellt und der Hierarch dem Ordinarius.

 

Art. 3 – Meldung

§ 1. Vorbehaltlich der in can. 1548 § 2 CIC und can. 1229 § 2 CCEO vorgesehenen Fälle hat ein Kleriker oder ein Angehöriger eines Instituts des geweihten Lebens oder einer Gesellschaft des apostolischen Lebens jedes Mal, wenn er Nachricht darüber hat oder triftige Gründe zur Annahme hat, dass eine der Taten nach Artikel 1 begangen wurde, die Pflicht, die Tatsache beizeiten dem Ordinarius des Ortes, wo die Taten stattgefunden haben sollen, oder einem anderen Ordinarius gemäß can. 134 CIC und can. 984 CCEO zu melden, unter Vorbehalt der Bestimmung des § 3 dieses Artikels.

§ 2. Jeder kann eine Meldung machen im Hinblick auf die Verhaltensweisen nach Artikel 1, indem er von den Bestimmungen nach dem voranstehenden Artikel oder von jeder anderen geeigneten Art und Weise Gebrauch macht.

§ 3. Wenn die Meldung eine der in Artikel 6 genannten Personen betrifft, wird diese der Autorität gemacht, die auf Grundlage der Artikel 8 und 9 festgestellt wurde. Die Meldung kann immer direkt oder über den Päpstlichen Vertreter an den Heiligen Stuhl gerichtet werden.

§ 4. Die Meldung enthält möglichst alle erforderlichen Umstände, wie Angaben zu Zeit und Ort der Taten, der beteiligten oder informierten Personen, sowie jede andere Gegebenheit, die hilfreich sein kann, um eine genaue Beurteilung der Taten zu gewährleisten.

§ 5. Die Nachrichten können auch ex officio erworben worden sein.

 

Art. 4 – Schutz dessen, der die Meldung macht

§ 1. Die Tatsache, eine Meldung gemäß Art. 3 zu erstatten, stellt keine Verletzung des Amtsgeheimnisses dar.

§ 2. Unbeschadet dessen, was in can. 1390 CIC und cann. 1452 und 1454 CCEO vorgesehen ist, sind Beeinträchtigungen, Vergeltung oder Diskriminierungen aufgrund der Tatsache, Meldung gemacht zu haben, verboten und können die Verhaltensweisen nach Artikel 1 § 1, Buchstabe b) ergänzen.

§ 3. Wer eine Meldung erstattet, dem kann kein Schweigegebot hinsichtlich ihres Inhalts auferlegt werden.

 

Art. 5 – Sorge für die Personen

§ 1. Die kirchlichen Autoritäten setzen sich dafür ein, dass diejenigen, die sagen, verletzt worden zu sein, zusammen mit ihren Familien mit Würde und Respekt behandelt werden; sie bieten ihnen im Besonderen:

a)       Annahme, Gehör und Begleitung, auch mittels spezifischer Dienste;

b)       spirituelle Betreuung;

c)        medizinische, therapeutische und psychologische Betreuung entsprechend dem spezifischen Fall;

§ 2. Das Bild und die Privatsphäre der betroffenen Personen sind genauso geschützt wie die Vertraulichkeit der persönlichen Daten.

 

TITEL 2
BESTIMMUNGEN HINSICHTLICH DER BISCHÖFE
UND GLEICHGESTELLTEN

 

Art. 6 – Subjektsbezogener Anwendungsbereich

Die Verfahrensnormen des vorliegenden Titels betreffen die unter Artikel 1 aufgeführten Verhaltensweisen folgender Personen:

a)       Kardinäle, Patriarchen, Bischöfe und Gesandte des Papstes;

b)       Kleriker, die die pastorale Leitung einer Teilkirche oder einer ihr gleichgestellten lateinischen oder ostkirchlichen Struktur, einschließlich der der Personalordinariate, innehaben oder innehatten, für während der Amtszeit (durante munere) begangene Taten;

c)        Kleriker, die die pastorale Leitung einer Personalprälatur innehatten oder innehaben, für während der Amtszeit (durante munere) begangene Taten;

d)       diejenigen, die oberste Leiter (moderator supremus) von Instituten des geweihten Lebens oder Gesellschaften des apostolischen Lebens päpstlichen Rechts wie auch von Klöstern sui iuris sind oder waren, für während der Amtszeit (durante munere) begangene Taten.

 

Art. 7 – Zuständiges Dikasterium

§ 1. Im Sinne des vorliegenden Titels sind unter »zuständiges Dikasterium« die Kongregation für die Glaubenslehre hinsichtlich der ihr von den geltenden Normen reservierten Straftaten zu verstehen. Hinzu kommen in allen anderen Fällen, je nach Zuständigkeit aufgrund des Eigenrechts der Römischen Kurie:

–            die Kongregation für die Ostkirchen;

–            die Kongregation für die Bischöfe;

–            die Kongregation für die Evangelisierung der Völker;

–            die Kongregation für den Klerus;

–            die Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens.

§ 2. Zur Gewährleistung der besseren Abstimmung informiert das zuständige Dikasterium über die Meldung und den Ausgang der Untersuchung das Staatssekretariat und die anderen unmittelbar betroffenen Dikasterien.

§ 3. Die in diesem Titel erwähnten Mitteilungen zwischen Metropoliten und dem Heiligen Stuhl erfolgen über den Päpstlichen Vertreter.

 

Art. 8 – Verfahren, das im Fall einer Meldung über einen Bischof der Lateinischen Kirche anzuwenden ist

§ 1. Die Autorität, die eine Meldung erhält, leitet diese sowohl an den Heiligen Stuhl als auch an den Metropoliten der Kirchenprovinz weiter, in der die gemeldete Person ihren Wohnsitz hat.

§ 2. Wenn die Meldung den Metropoliten betreffen oder der Metropolitansitz vakant sein sollte, wird diese sowohl an den Heiligen Stuhl als auch an den dienstältesten Suffraganbischof weitergeleitet, für den in diesem Fall die folgenden Bestimmungen hinsichtlich des Metropoliten anzuwenden sind.

§ 3. Falls die Meldung einen Päpstlichen Gesandten betrifft, wird diese direkt dem Staatssekretariat übermittelt.

 

Art. 9 – Verfahren, das gegenüber Bischöfen der Ostkirchen anzuwenden ist

§ 1. Im Fall von Meldungen über einen Bischof einer Patriarchatskirche, einer großerzbischöflichen Kirche oder einer Metropolitankirche sui iuris werden diese an den jeweiligen Patriarchen, Großerzbischof oder Metropoliten der Kirche sui iuris weitergeleitet.

§ 2. Falls die Meldung einen Metropoliten einer Patriarchatskirche oder großerzbischöflichen Kirche betrifft, der sein Amt innerhalb des Territoriums dieser Kirchen ausübt, wird diese an den jeweiligen Patriarchen oder Großerzbischof weitergeleitet.

§ 3. In den oben genannten Fällen leitet die Autorität, die die Meldung erhalten hat, diese auch an den Heiligen Stuhl weiter.

§ 4. Falls die gemeldete Person ein Bischof oder Metropolit außerhalb des Territoriums der Patriarchatskirche, der großerzbischöflichen Kirche oder Metropolitankirche sui iuris sein sollte, wird die Meldung an den Heiligen Stuhl weitergeleitet.

§ 5. Falls die Meldung einen Patriarchen, einen Großerzbischof oder einen Metropoliten einer Kirche sui iuris oder einen Bischof der anderen Ostkirchen sui iuris betrifft, wird diese an den Heiligen Stuhl weitergeleitet.

§ 6. Die folgenden Bestimmungen bezüglich des Metropoliten finden Anwendungen auf die kirchliche Autorität, an die die Meldung auf Grundlage des vorliegenden Artikels ergeht.

 

Art. 10 – Anfängliche Pflichten des Metropoliten

§ 1. Ausgenommen den Fall, dass die Meldung offenkundig haltlos ist, bittet der Metropolit das zuständige Dikasterium umgehend um den Auftrag, die Untersuchung einzuleiten. Sofern der Metropolit die Meldung für offenkundig haltlos erachtet, informiert er den Päpstlichen Vertreter darüber.

§ 2. Das Dikasterium trifft unverzüglich Vorkehrungen, jedenfalls innerhalb von dreißig Tagen nach Erhalt der ersten Meldung seitens des Päpstlichen Vertreters oder der Bitte um Beauftragung seitens des Metropoliten, indem es angemessene Anweisungen bezüglich der Vorgehensweise im konkreten Fall gibt.

 

Art. 11 – Übertragung der Untersuchung an eine andere Person als den Metropoliten

§ 1. Sollte das zuständige Dikasterium es für angebracht halten, die Untersuchung einer anderen Person als dem Metropoliten zu übertragen, so wird dieser informiert. Der Metropolit übergibt alle relevanten Informationen und Dokumente an die vom Dikasterium beauftrage Person.

§ 2. In dem im vorhergehenden Paragraphen behandelten Fall sind die folgenden Bestimmungen bezüglich des Metropoliten auf die mit der Durchführung der Untersuchung beauftragten Person anzuwenden.

 

Art. 12 – Durchführung der Untersuchung

§ 1. Nach Erhalt des Auftrags durch das zuständige Dikasterium und unter Beachtung der erhaltenen Anweisungen wird der Metropolit persönlich oder mittels einer oder mehrerer geeigneter Personen:

a)     die bezüglich der Taten relevanten Informationen sammeln;

b)    die für die Untersuchung notwendigen Informationen und Dokumente, die in den Archiven der kirchlichen Behörden aufbewahrt sind, einsehen;

c)     die Mitarbeit anderer Ordinarien oder Hierarchen, wo erforderlich, erhalten;

d)    die Personen und Einrichtungen, auch auf ziviler Seite, die für die Untersuchung nützliche Informationen liefern können, um Auskunft bitten.

§ 2 Wenn es erforderlich sein sollte, eine minderjährige oder schutzbedürftige Person anzuhören, wird der Metropolit dies auf eine angemessene Art und Weise tun, die deren Lage Rechnung trägt.

§ 3. Falls es triftige Gründe zur Annahme gibt, dass die Untersuchung betreffende Informationen oder Dokumente unterschlagen oder vernichtet werden könnten, trifft der Metropolit die für ihre Bewahrung notwendigen Maßnahmen.

§ 4. Auch wenn er auf andere Personen zurückgreift, bleibt der Metropolit dennoch für die Leitung und Durchführung der Untersuchungen wie auch für den genauen Vollzug der im Artikel 10 § 2 enthaltenen Anweisungen verantwortlich.

§ 5. Dem Metropoliten steht ein gemäß can. 483 § 2 CIC und can. 253 § 2 CCEO frei gewählter Notar zur Seite.

§ 6. Der Metropolit ist gehalten, unparteiisch und frei von Interessenskonflikten zu handeln. Falls er meint, sich in einem Interessenskonflikt zu befinden oder nicht imstande zu sein, die notwendige Unparteilichkeit zur Gewährleistung der Integrität der Untersuchung zu bewahren, ist er verpflichtet, sich zu enthalten und den Umstand dem zuständigen Dikasterium zu melden.

§ 7. Für die Person, gegen die ermittelt wird, gilt die Unschuldsvermutung.

§ 8. Sofern es vom zuständigen Dikasterium gefordert wurde, informiert der Metropolit die Person über die Untersuchung zu ihren Lasten, hört sie hinsichtlich der Tatsachen an und lädt sie dazu sein, einen Schriftsatz zur Verteidigung einzureichen. In diesen Fällen kann die Person, gegen die ermittelt wird, von einem Prokurator Gebrauch machen.

§ 9. Alle dreißig Tage übermittelt der Metropolit dem zuständigen Dikasterium ein Informationsschreiben über den Stand der Untersuchungen.

 

Art 13. – Einbeziehung qualifizierter Personen

§ 1. In Übereinstimmung mit den allfälligen Leitlinien der Bischofskonferenz, der Synode der Bischöfe oder des Hierarchenrats über die Art und Weise, dem Metropoliten bei seinen Untersuchungen zu helfen, können die Bischöfe der jeweiligen Provinz einzeln oder gemeinsam Verzeichnisse qualifizierter Personen erstellen, aus denen der Metropolit die geeignetsten auswählen kann, um ihm, den Erfordernissen des Falls entsprechend, in der Untersuchung zu unterstützen, insbesondere unter Beachtung der Mitwirkung, die gemäß can. 228 CIC und can. 408 CCEO von Laien geleistet werden kann.

§ 2. Dem Metropoliten steht es in jedem Fall frei, andere gleichermaßen qualifizierte Personen zu wählen.

§ 3. Jeder, der den Metropoliten in der Untersuchung unterstützt, ist gehalten, unparteiisch und frei von Interessenskonflikten zu handeln. Falls er meint, sich in einem Interessenskonflikt zu befinden oder nicht imstande zu sein, die notwendige Unparteilichkeit zur Gewährleistung der Integrität der Untersuchung zu bewahren, ist er verpflichtet, sich zu enthalten und den Umstand dem Metropoliten zu melden.

§ 4. Die Personen, die den Metropoliten unterstützen, leisten den Eid, den Auftrag angemessen und treu zu erfüllen.

 

Art. 14 – Dauer der Untersuchung

§ 1. Die Untersuchungen müssen innerhalb der Frist von neunzig Tagen oder innerhalb der in den Anweisungen von Artikel 10 § 2 angegebenen Frist abgeschlossen werden.

§ 2. Bei Vorliegen gerechter Gründe kann der Metropolit das zuständige Dikasterium um Fristverlängerung bitten.

 

Art. 15 – Vorbeugende Maßnahmen

Falls die Tatsachen oder die Umstände es erfordern, schlägt der Metropolit dem zuständigen Dikasterium die Anwendung von vorbeugenden Vorkehrungen oder Maßnahmen vor, die gegenüber der Person, gegen die ermittelt wird, angemessen sind.

 

Art. 16 – Einrichtung eines Fonds

§ 1. Die Kirchenprovinzen, die Bischofskonferenzen, die Synoden der Bischöfe und die Hierarchenräte können einen Fond einrichten, der für die Bestreitung der Untersuchungskosten bestimmt ist. Dieser wird nach Vorschrift der cann. 116 und 1303 § 1, 1° CIC und des can. 1047 CCEO eingerichtet und entsprechend den Normen des kanonischen Rechts verwaltet.

§ 2. Auf Antrag des beauftragten Metropoliten werden ihm die für die Untersuchung notwendigen Summen vom Verwalter des Fonds zur Verfügung gestellt, unbeschadet der Verpflichtung, ihm eine Rechnungslegung beim Abschluss der Untersuchung vorzulegen.

 

Art. 17 – Übermittlung der Akten und des Votums

§ 1. Nach Beendigung der Untersuchung übermittelt der Metropolit dem zuständigen Dikasterium die Akten zusammen mit seinem Votum über die Untersuchungsergebnisse und als Antwort auf die allenfalls ergangenen Anweisungen gemäß Art. 10 § 2.

§ 2. Unbeschadet anschließender Anweisungen des zuständigen Dikasteriums erlöschen die Vollmachten des Metropoliten mit der Beendigung der Untersuchung.

§ 3. Unter Beachtung der Anweisungen des zuständigen Dikasteriums informiert der Metropolit die Person, die angibt, geschädigt worden zu sein, oder ihre gesetzlichen Vertreter auf Anfrage über den Ausgang der Untersuchung.

 

Art. 18 – Anschließende Maßnahmen

Das zuständige Dikasterium verfährt nach Maßgabe des Rechts entsprechend dem, was für den spezifischen Fall vorgesehen ist, außer es verfügt eine zusätzliche Untersuchung.

 

Art. 19 – Einhaltung der staatlichen Gesetze

Die vorliegenden Normen finden Anwendung, ohne die jeweils von den staatlichen Gesetzen festgelegten Rechte und Pflichten zu beeinträchtigen, insbesondere diejenigen in Bezug auf allfällige Meldepflichten an die zuständigen zivilen Behörden.

Die vorliegenden Normen sind für drei Jahre ad experimentum approbiert.

Ich lege fest, dass das vorliegende Apostolische Schreiben in Form eines Motu proprio durch Veröffentlichung im L’Osservatore Romano promulgiert wird, am 1. Juni 2019 in Kraft tritt und dann in den Acta Apostolicae Sedis publiziert wird.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 7. Mai 2019, dem siebten des Pontifikats.

_______

Quelle

„Das sind Leute, die weder glauben noch denken“

Foto Kardinal Müller (c) Paul Badde

13 April 2019, 12:10

Kardinal Müller übt im kath.net-Interview schwere Kritik an den Kritikern des Missbrauchs-Textes von Papst em. Benedikt XVI. und am (offiziell inoffiziellen) DBK-Internetportal

Von Roland Noé

Vatikan (kath.net/rn) „Es ist ein Skandal, dass katholische Bischöfe Plattformen finanzieren und so die Kirchensteuer zweckentfremden, die eindeutig Positionen vertreten, die mit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre im Widerspruch stehen.“ Derart grundsätzlich kritisiert Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, das “offiziell inoffizielle DBK-Internetportal und seine Reaktionen auf das Schreiben des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zum sexuellen Missbrauch in der Kirche. Das Schreiben Benedikts stuft Müller als „die tiefgründigste Analyse der Genese der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche in Fragen der Sexualmoral und intelligenter als alle Beiträge beim Gipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zusammen“ ein.

kath.net: Eminenz, wie werten Sie den Text des emeritierten Papstes über den sexuellen Missbrauch in der Kirche?

Kardinal Müller: Es ist die tiefgründigste Analyse der Genese der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche in Fragen der Sexualmoral und intelligenter als alle Beiträge beim Gipfel der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zusammen.

Es gibt Missbrauch der geistlichen Autorität, wenn kirchliche Obere ihren autoritären oder manipulierenden Stil pseudoreligiös begründen und als den Willen Gottes ausgeben.

Aber Sünden gegen das 6. Gebot des Dekalogs haben ihre Ursache im Missbrauch der uns von Gott gegebenen männlichen oder weiblichen Sexualität.

Diese beiden Sünden miteinander zu vermischen, nur um sexuellen Fehlverhalten zu vertuschen, wäre ein schweres Versagen der kirchlichen Autorität.

Nicht mit Worthülsen wie Klerikalismus oder Forderung nach einer Sexualmoral nach dem egoistischen Lustprinzip kommen wir aus der Krise, sondern nur wenn das Übel beim Namen genannt wird.

Der Zusammenbruch der schon porös gewordenen bürgerlichen Moral in der „globalen sexuellen Revolution“ (Buchtitel von Gabriele Kuby) und der missglückte Versuch einer katholischen Moralbegründung ohne das Naturrecht und die Offenbarung haben bei vielen zu einer Zerrüttung des sittlichen Gewissens geführt.

Gott sei es geklagt auch bei denen, die von Christus den Auftrag erhielten, die Menschen alles zu lehren, was der Herr selbst den Apostel und damit auch ihren Nachfolgern im Bischofs- und Priesteramt geboten hat. (Mt 28,19).

kath.net: Es vergingen nach der Veröffentlichung nur wenige Stunden, bis die altbekannten innerkirchlichen Ratzinger-/Benedikt-Kritiker wieder lautstark ihre Einschätzungen in die Medien brachten. Was denken Sie dazu?

Kardinal Müller: Von Kritikern kann man nicht sprechen, denn das Wort Kritik heißt, geistig anspruchsvolle Dinge zu unterscheiden, um damit einen Beitrag im Verständnis wichtiger Fragen zu leisten.

Das sind Leute, die weder glauben noch denken. Vor allem fehlt ihnen der geringste Anstand.

Es wiederholt sich immer das gleiche Spiel wie bei Stephanus, der Zeugnis von der Wahrheit Christi ablegte: „Und als sie das hörten, wurden sie in ihren Herzen aufs Äußerste empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn“ (Apg 7, 54).

Man spricht von Erneuerung und Reform der Kirche und meint nur die Anpassung an die eigene Dekadenz.

Wer auch nur einen Funken christlicher Liebe in sich hat, kann sich nicht zu solchen unflätigen Pamphleten hinreißen lassen.

Aber wie kann die Liebe die innere Gestalt des Glaubens sein, wenn man den Glauben an den Gott der Offenbarung in Jesus Christus aufgegeben hat, oder höchstens einige Elemente davon noch als Füllmaterial für seine eigene selbstreferentielle Weltanschauung missbraucht.

Es ist ein Skandal, dass katholische Bischöfe Plattformen finanzieren und so die Kirchensteuer zweckentfremden, die eindeutig Positionen vertreten, die mit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre im Widerspruch stehen.

Es ist mir natürlich klar, dass die das anders sehen, weil sie nach eigenem Gutdünken definieren, was katholisch ist. Ihr Weltbild besteht in der primitiven Unterscheidung von progressiv und konservativ.

Den bisher formulierten katholischen Glauben qualifizieren sie als konservativ ab und meinen, nur ihre „progressive“ Sicht wäre die Zukunft der Kirche so wie in den anderen von dieser Ideologie verwüsteten ehemaligen katholischen Ländern.

Also muss man die nach ihrem Maß „konservativen“ Katholiken, die der Heiligen Schrift, der Apostolischen Tradition und dem Lehramt treu sind, entweder kaltstellen oder mundtot machen. Dazu ist ihnen jedes Mittel, auch der Verleumdung und Ehrabschneidung, recht.

Denn sittlich erlaubt ist alles, was dem eigenen Interesse nützt, das ja identisch ist mit dem Gemeinwohl.

Auf der besagten Plattform wurde in gleicher Manier mein Glaubensmanifest“ als eine Sammlung von Halbwahrheiten, der Heiligen Schrift fernen, subjektiven Auswahl, von aus dem Zusammenhang gerissenen Meinungen angeprangert, als ob die Trinität, die Inkarnation, die Sakramentalität der Kirche, die Göttliche Liturgie, die Einheit von Glauben und Moral, das Gericht und das ewige Leben in der „Hierarchie der Wahrheiten“ (II. Vatikanum, Dekret über den Ökumenismus, 11) nicht „das Fundament des Glaubens“ wären.

Die infame Gottlosigkeit, die sich hier aufspreizt, ist nicht zu überbieten, wenn man das Verbrechen und die Todsünde des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen benutzt, um zu ihrer angeblichen Vermeidung homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen zu segnen, den Zölibat der Priester und Gelübde der Ordensleute lächerlich zu machen und die Sünden gegen die von Gott verfügte Unauflöslichkeit der Ehe zu bagatellisieren.

_______

Quelle

Kardinal Müller bezeichnet Kritiker seines Manifests als „politische Strategen und theologische Ignoranten“.

Cardinal Gerhard Ludwig Muller (Getty)

Der Kardinal sagte auch, das Motiv für sexuellen Missbrauch sei nicht der priesterliche Zölibat, sondern „unbeherrschtes sexuelles Verlangen“.

Kardinal Gerhard Müller hat Kritiker seines „Manifests des Glaubens“ – insbesondere jener, die ihn beschuldigen, als „Anti-Papst“ zu handeln – als „politische Strategen und theologische Ignoranten“ bezeichnet.

In einem Interview für den Catholic World Report sagte Kardinal Müller, die Kritiker hätten seine früheren Arbeiten unter päpstlicher Obergewalt offenbar nicht gelesen. Er fügte hinzu: „Dieselben Leute, die kritisch oder sogar feindlich gegenüber den Päpsten Johannes Paul II. Und Benedikt XVI. waren, die sie als Verräter des Geistes des Zweiten Vatikanischen Konzils angeprangert haben, rufen jetzt Papst Franziskus an.“

Kardinal Müller hat sein Manifest im vergangenen Monat veröffentlicht, weil „viele Christen sich der grundlegenden Lehren des Glaubens nicht mehr bewusst sind, so dass die Gefahr wächst, den Weg zum ewigen Leben zu verpassen.“

Das Dokument bekräftigte die traditionelle kirchliche Lehre zu Themen wie der Kommunion für Geschiedene und Wiederverheiratete und der Kommunion für Protestanten.

Es gab jedoch scharfe Kritik von Anhängern von Papst Franziskus, darunter Kardinal Walter Kasper, der Müller mit Martin Luther verglich: „Einer, der sich zu Recht für Reformen in der Kirche einsetzt, diese jedoch hinter dem Rücken des Papstes verfolgen und gegen ihn durchsetzen will.”

Kardinal Müller schlug jedoch im Interview mit dem Catholic World Report zurück und beschuldigte Kritiker, Papst Franziskus als „Vehikel für ihre linksliberale Agenda zur Entsakramentalisierung der Kirche“ zu verwenden.

„Wenn es um die sexuellen Verbrechen einiger Priester geht“, fuhr er fort, „halten sie den priesterlichen Zölibat oder die Sakramentalität der bischöflichen und priesterlichen Ämter für verantwortlich, anstatt auf den Zusammenbruch des priesterlichen Ethos und der sexuellen Moral in den achtziger Jahren zu achten, an welchen die intellektuellen Vorgänger dieser Kritiker schuld waren.“

In Bezug auf die Kirchenreform sagte der Kardinal, dass echte Reform „geistige und moralische Erneuerung in Christus bedeutet und nicht die Entchristlichung der Kirche oder ihre Umwandlung in eine NGO, in der die globale Erwärmung wichtiger ist als das Bewusstsein, dass Gott die Quelle und das Ziel des Menschen und der ganzen Schöpfung ist.“

Er sagte auch, warnte davor, das Wort „Klerikalismus“ zu missbrauchen, als er versuchte, die Ursachen der Missbrauchskrise zu finden, und sagte, der Begriff werde als „Schlachtruf gegen das von Gott eingesetzte Amt“ verwendet.

„Worum es beim Begriff „Klerikalismus“ geht, ist der Missbrauch von Autorität, um persönliche Vorteile durch die Unterstützung von Freunden zu erlangen, die trotz ihrer Inkompetenz und Unwürdigkeit Positionen in der Kirche einnehmen.

„Das Motiv des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen und kirchlichen Untergebenen ist jedoch nicht der Durst nach Macht über andere, sondern das ungebührliche sexuelle Verlangen, das zur Lustsünde führt und die Opfer entmenschlicht.“

Das beste Mittel gegen die Krise, sagte er, war nicht das Reden um Veränderung von Strukturen, sondern einfach für den Erhalt des traditionellen Unterrichts.

„Die sakramentale Konstitution der Kirche, der Gehorsam gegenüber den Zehn Geboten und die Treue gegenüber dem Ruf eines getauften, ordinierten oder verheirateten / unverheirateten Christen – dies ist der beste Schutz gegen alle Formen des Ungehorsams gegenüber unserem Schöpfer und Erlöser und gegen die Verletzung der Liebe Gottes und des Nächsten, diese Liebe, die alle Gebote umfaßt.“

_______

Quelle

(Übersetzung ins Deutsche von mir [POS]

Als Rebe im Weinstock bleiben

 

28 Februar 2019, 10:31

Fluctuat nec mergitur… Austritt aus der Kirche? Der eigentliche Ausstieg aus der Kirche geschieht im Abfall vom katholischen Glauben. Ein Gespräch mit Walter Kardinal Brandmüller. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Fünfundzwanzig Prozent mehr Kirchenaustritte: in Bayern verließen im Jahr 2018 rund ein Viertel mehr Katholiken und Protestanten ihre Kirchen, als dies im Vorjahr der Fall war. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm wollten sich zu diesen Zahlen, die aus 57 bayerischen Städten mit je mindestens 20.000 Einwohnern vorliegen, nicht äußern.

Fünfundzwanzig Prozent weniger Christen mit „offizieller“ Bindung an ihre Kirchen: trotz des auf der Welt einzigartigen deutschen Kirchensteuersystems und den damit verbundenen Widersprüchen erschreckende Zahlen. Und natürlich beginnt erneut die Suche nach „Gründen“ für ein Phänomen, das in Deutschland in besonderer Weise empirisch messbar ist, denn: gewiss schwindet auch anderswo im Westen die Kirchenbindung, doch dies ist nur in Deutschland (und in Österreich und der Schweiz) mit steuerlich belegbaren Zahlen zu verfolgen. Denn nirgendwo anders kann man aus der Kirche „austreten“.

Besorgte Hirten und Ideologen: beide sind sie schnell bei der Hand, wenn es um die Darstellung von Gründen geht. Alte Themen wie Zölibat, Morallehre und Anspruch auf Wahrheit in einem universalen und absoluten Sinn: gern werden „Ursachen“ in diesen zumeist politisch interessierten Bereichen verortet. Aber die Thematik bedarf einer breiter angelegten Herangehensweise, worüber wir mit dem Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller gesprochen haben.

Eminenz, jenseits der Fragen nach den „Gründen“ für den vor den deutschen Steuerbehörden vollzogenen „Austritt“ aus der Kirche stellt sich in erster Linie eine andere Frage: wer sind die Menschen, die diesen Schritt gehen? Und um dies zu verstehen drängt sich angesichts der neuen „apokalyptischen“ Zahlen eine weitere Frage auf: wer sind die Menschen, die NICHT austreten? 

Brandmüller: Nun, das ist viel auf einmal gefragt! Sehen wir es der Reihe nach an!

Zunächst: Wer sind die „Ausgetretenen“? Da sind nicht wenige, die nie zuvor im Leben eine bewusste Glaubensentscheidung getroffen haben, die sich einfach vom einstmals katholischen Mainstream haben mittragen lassen. Nun vollziehen sie unter dem Eindruck kirchlicher Skandale nur öffentlich, was sie ohnehin längst praktiziert haben, indem sie kaum am Leben der Kirche – Gebet, Sakramente, Sonntagsmesse – teilgenommen haben. Nun, da alle Welt von Skandalen in der Kirche redet, erklären sie vor dem Standesamt ihren Kirchenaustritt.

In manchen Fällen führen Auseinandersetzungen rechtlicher, finanzieller Art, auch persönliche Ressentiments, Konflikte mit „dem Pfarrer“ etc. zu diesem Entschluss.

In den Ländern deutscher Zunge ist es zudem die Kirchensteuer – deren Problematik wir hier aussparen – die, als odios empfunden, als Austrittsmotiv dient. Hinzu kommt religiöse Unkenntnis, geistige Orientierungslosigkeit, die es nicht wenigen unmöglich macht, kirchliche Verhältnisse zutreffend zu beurteilen. Durch den Kirchenaustritt wird nun amtlich festgestellt, was längst Lebenswirklichkeit ist.

Der scharfe Wind, der derzeit durch den Baum „Kirche“ fährt, fegt nur die längst verwelkten dürren Blätter hinweg. Die Äste werden kahl. Wenn nur etwa 5% bis 10% der kirchensteuerzahlenden Katholiken am Sonntag den Weg zur Kirche finden, dann ist klar, wie viele von ihnen wirklich glauben und ihren Glauben leben.

Nun aber gibt es unter den „Ausgetretenen“ gar manche, die ihren Kirchenaustritt aus ganz entgegengesetzten Motiven vollziehen: es ist ihr Protest gegen einen in bürokratischen Strukturen verkrusteten Apparat, für dessen Funktionäre Glaubenswahrheit, sittliche Normen des Evangeliums, Sakramente und Anbetung Gottes, wenn überhaupt, sodann eine Nebenrolle spielen.

Diese „Ausgetretenen“ sind Menschen, die am Sonntag lieber eine Stunde mit dem Auto fahren, um eine würdig gefeierte heilige Messe zu erleben. Damit sind wohl im Wesentlichen die Austrittsmotive genannt.

Was kann man unter „Austritt“ verstehen, das heißt: welche Art von Willenserklärung? Zweifellos: die Gläubigen werden immer weniger, die Kirchen immer reicher mit immer größeren Einnahmen. Ist nicht letztlich auch das ein Grund für eine verkehrte Wahrnehmung der Kirche?

Und dann: Wie würden sie das Kirchenverständnis dessen beschreiben, der sich zu einem „Austritt“ entschließt? Ist es möglich, hier etwas zu verallgemeinern? Woran scheiterte die Kirche in den vergangenen 60 Jahren bei der Vermittlung des Kirche-Seins?

Brandmüller: Im Grunde geht es hier um die Frage „Was ist Kirche?“. Im landläufigen Verständnis eine Art NGO mit religiös-folkloristisch-caritativen Programm?

Keine Frage: Wenn mir an einer solchen NGO etwas nicht passt, dann gehe ich eben.
Aber Kirche ist doch etwas ganz anderes! In eindrucksvoller Weise beschreibt die Konstitution des II. Vatikanischen Konzils „Lumen Gentium“ die Kirche als „Hausgemeinschaft“ Gottes, „Volk Gottes“, „Leib Christi“ – kurzum: nicht ein Gebilde von Menschenhand, sondern Werk und Werkzeug Jesu Christi zur Erlösung der Menschheit, des Universums. Schiff des Fischers Petrus ist sie auch, um den stürmischen See zu überqueren. Natürlich kann einer da aussteigen…

Überdies: Der eigentliche Ausstieg aus der Kirche geschieht im Abfall vom katholischen Glauben. Das aber hat dann nichts mehr mit dem Kirchensteueramt zu tun, sondern mit dem lebendigen Gott.

Natürlich kann einer diesen Schritt tun. Aber mit welchen Konsequenzen! Jesus sagt – so das Johannesevangelium Kapitel 15 – „Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben…“ Nur wenn sie mit dem Weinstock verbunden ist, kann aber die Rebe Frucht bringen. Wenn sie aber vom Weinstock getrennt wird, verdorrt sie und wird verbrannt Und nun meint der heilige Augustinus: „Eines von beiden kommt der Rebe zu, entweder der Weinstock oder das Feuer. Wenn sie nicht im Weinstock ist, muss sie im Feuer sein; damit sie also nicht im Feuer sei, möge sie im Weinstock sein…“

Verstehen Sie jetzt, dass ich gar nichts anderes kann als in der Kirche, als Rebe im Weinstock zu bleiben? Und das allen Skandalen zum Trotz.

Eminenz, vor kurzem konnten Sie Ihren 90. Geburtstag feiern und auf ein reiches und bewegtes Leben als Priester, Professor, Historiker im Dienst des Heiligen Stuhls, als Bischof und Kardinal zurückblicken, dem unerwartet in einem Alter noch besondere Verantwortung zuteil wurde, in dem andere einfach ihr Pension genießen.

Gerade der Historiker jedoch zeichnet sich durch einen breit angelegten Blick aus, der sich von Relativitäten des Moments nicht so leicht beeindrucken lässt. Was sagt uns der Historiker zur aktuellen Wirklichkeit und zu den notwendigen Reinigungsprozessen und Prozessen der Umkehr?

Wenn man nicht nur Kirchengeschichte studiert, sondern auch zwanzig Jahre im Zentrum des Geschehens gelebt und Verantwortung getragen hat, dann hat man nicht nur viel selbstlosen Dienst, Frömmigkeit und Glaubenstreue erlebt, sondern auch viel Schlimmes. Da hat man gelernt, in, an und mit der Kirche zu leiden. Aber „austreten“? Das hieße existentiell ins Nichts zu fallen – und das, im Augenblick des Todes für ewig…

Was mich – nebst nicht wenig anderem – dennoch mit Zuversicht erfüllt, ist die wachsende Schar junger Leute, die in voller Kenntnis der gegenwärtigen Skandale und Probleme entschlossen sind der Kirche, dem Herrn als Priester oder im Ordensstand zu dienen. Sie wissen oft aus Erfahrung, dass der kirchliche Apparat sie mit Misstrauen, ja Abneigung betrachtet. Sie haben erlebt, dass aus dem Priesterseminar entlassen wurde, wer den Rosenkranz betete etc.

So sind in den letzten Jahrzehnten geistliche Gemeinschaften entstanden, besonders in Frankreich, die in entschiedener Treue zum Glauben der Kirche dienen wollen. Der Heilige Geist ist am Werk – auch heute.

Das Wappen der Stadt Paris zeigt ein Schiff auf hochgehenden Wogen der Seine. Dahinter die Devise: Fluctuat nec mergitur – von den Wogen hin und hergeworfen – das Schiff geht nicht unter! Wie viel mehr gilt das von der Kirche!

Dem Autor auf Twitter folgen!
https://player.vimeo.com/video/318515469

_______

Quelle

Aber zuerst müssen wir dem Willen Gottes gehorsam sein

22 Dezember 2018, 12:30

Es ist klar, dass diese Verbrechen instrumentalisiert werden, um eine andere Agenda zu befördern –

Ein Gastbeitrag von Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Rom (kath.net/LifeSiteNews.com )
Die Gretchenfrage ist heute, ob wir die Kirche als Werk Gottes, also mit der DNA Christi ausgestattet und darum als wesenhaft heilig glauben (vgl. LG 8) oder als ein historisches Gebilde sehen, das die Mächtigen in der kirchlichen Bürokratie nach ihren subjektiven, oft sehr dürftigen Vorstellungen umformen können. Diese meinen, die Kirche upzudaten, in Wirklichkeit liefern sie die Kirche der Bedeutungslosigkeit aus, wie Beispiele in und außerhalb der katholischen Kirche zur Genüge beweisen. Wer hat Bischöfen die Vollmacht gegeben, sich eine Kirche nach ihrem Bild und Gleichnis zu schaffen? Und warum sollte irgend jemand seine Hoffnung im Leben und Sterben auf diese seichten Daseinsdeutungen setzen, die wenig mehr mit dem Evangelium und dem Glaubensbekenntnis zu tun haben, das wir bei unserer Taufe ablegten.

Diese Kirchenführer sollten einmal nachlesen, was sie bei der Bischofsweihe bekannt und versprochen haben. Es ist der geoffenbarte Glaube, der uns rechtfertigt und selig macht und nicht die Privatmeinung der „Diener des Wortes“ (Lk 1,2), die sie eigentlich sein sollten. Über die katholische Lehre in der Sexualethik kann und soll man diskutieren unter der Voraussetzung, dass man ihren Ursprung im heiligen Willen Gottes anerkennt. Aber zuerst müssen wir dem Willen Gottes gehorsam sein.

Was in biblischer Zeit als Sünde qualifiziert wurde, kann heute nicht zu einer Tugend umdefiniert werden. Und was das Handeln des „Neuen Menschen“ betrifft, „der nach Gottes Bild geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 54,24), so kann aus dem Weiß der Gnade nicht das Schwarz der Sünde gemacht werden.

Paulus ermahnt in den Briefen an die künftigen bischöflichen Hirten, im Glauben und im Leben „an der gesunden Lehre“ festzuhalten. Ein Bischof hat nur dann Autorität, wenn er die Lehre der Kirche ganz und unverkürzt vorträgt. „Wenn einer etwas anderes lehrt und sich nicht an die gesunden Worte Jesu Christi, unseres Herrn, hält und an die Lehre, die unserer Frömmigkeit entspricht, der ist verblendet.“ (1 Tim 5,3).

Es ist schon erstaunlich, mit welch wütender Leidenschaft Menschen mit einer sittlich ungeordneten Lebenspraxis vor Allgemeinurteilen geschützt werden, während man die vielen Priester, die sich nichts zu schulden kommen lassen, der kollektiven Verachtung preisgibt. Dass sich Ideologen den Tatsachen verschließen, die nicht in ihr Weltbild pasen, ist bekannt. Die Aufarbeitung des Themas sexueller Missbrauch von Jugendlichen unter 18 Jahren und die notwendigen Maßnahmen der Prävention, können nicht an der Tatsache vorbeischauen, dass über 80% der Opfer sexuellen Missbrauchs Jungen und junge Männer sind.

Wenn sich ein Vorgesetzter an den ihm anvertrauten Seminaristen oder Novizen vergeht, dann ist das gegenseitige Einvernehmen keine Minderung, sondern ein perfide Steigerung der Sünde, weil zusätzlich auch das Gewissen eines für seine Taten verantwortlichen Untergebenen korrumpiert worden ist. Man hat ihn zu einem Komplizen der Sünde herabgewürdigt.

Zum Thema Gewaltenteilung: Wo es um menschliche Gewalt über Menschen geht, darf diese nie absolut sein wie beim Sonnenkönig. Sie muss aufgeteilt sein und sich wechselseitig kontrollieren. Die Vollmacht Christi wird den Bischöfen weitergegeben, die in seiner Autorität handeln. Gottes Autorität kann aber nicht aufgeteilt werden. Denn es ist der Apostel und in seiner Nachfolge die Bischöfe und teilhabend daran auch die Presbyter, die in seiner Person als Hirten, Lehrer und Priester handeln (LG 19; PO 2). Die Rede von der Gewaltenteilung in der Kirche verrät eine politisiertes Verständnis von Kirche und apostolischem Amt. Es gibt aber einen Machtmissbrauch, wenn Bischöfe als Arbeitgeber und Chefs der Verwaltung ihre Macht nach ihrem Gusto und ihren persönlichen Interessen (willkürliche Entlassung von Mitarbeitern; Promotion ihrer Schützlinge; unkontrolliertes Finanzgebaren; Kumpanei mit Medienvertretern) ausüben.

Im Generellen: die Homophilen spielen sich als die zu Unrecht Beschuldigten auf („den Homosexuellen wird die Schuld am Kindesmissbrauch in die Schuhe geschoben, wo es doch der Klerikalismus ist“), d.h. man will das sakramentale Priestertum mit der Missbrauchskrise aus den Angeln heben. Es ist klar, dass diese Verbrechen instrumentalisiert werden, um eine andere Agenda zu befördern.

Der Beitrag erschien ursprünglich bei https://www.lifesitenews.com

_______

Quelle

Siehe dazu auch:

Schlussdokument der Synode: Emmaus, Jugend, Kirche im Aufbruch

Abschnitt für Abschnitt abgestimmt: Die Versammlung der Bischofssynode hat zum Abschluss ihrer Beratungen ein Dokument verabschiedet. Es wurde an diesem Samstagabend veröffentlicht und Papst Franziskus übergeben. Lesen Sie hier eine ausführliche Zusammenfassung.

P. Bernd Hagenkord – Vatikanstadt

Das Dokument ist das Ergebnis eines Unterscheidungsprozesses: Das Vorbereitungsdokument, die Beiträge von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, Änderungsvorschläge und Wortmeldungen sind in die Formulierungen eingegangen. Die Synode hat nicht nur über den Prozess der Unterscheidung und Entscheidung beraten, sie hat ihn gleichzeitig auch angewandt. Selbstredend finden sich nicht alle in den Debatten und Äußerungen gemachten Punkte wieder, das Dokument bemüht sich sichtbar um eine Beschränkung aufs Thema.

Den Regeln für die Synode gemäß wurde es zunächst vollständig verlesen und anschließend Abschnitt für Abschnitt abgestimmt, als approbiert gilt der Abschnitt, der zwei Drittel der Stimmen der Anwesenden erreicht hat. Tatsächlich übersprangen alle Abschnitte des Textes bei der Abstimmung diese Hürde.

Sprache, Struktur und ein biblischer Schlüssel

Die Sprache des Dokuments ist nicht jugendlich. Sie ist kirchlich, was der Natur des Textes geschuldet ist.

Die Struktur des 60 Seiten langen Textes ist aus dem Vorbereitungsdokument, dem Instrumentum Laboris, übernommen: Erkennen – Interpretieren – Wählen, also der Blick auf die Realitäten der Jugend der Welt, die Deutung und dann das Umsetzen. Was hinzugekommen ist, ist ein biblischer Deutungsschlüssel. Die Emmaus-Geschichte (Lk 24) war immer wieder Teil der Debatten; so gibt die Strukturierung anhand dieser Geschichte die Bedeutung wieder, welche der Blick auf Jesus, die Bekehrung der Jünger und das miteinander Gehen auch biblisch in den Debatten hatten.

Der erste Teil: „Er ging mit ihnen“ – das Erkennen

Großer Wert wird auf die kulturelle Verschiedenheit gelegt. Ein weiter Bogen spannt sich im ersten Teil des Dokuments auf: von der Gleichberechtigung der Geschlechter über die Jugendarbeit der Pfarreien, über Formen des wirtschaftlichen und sozialen Ausschlusses, die Säkularisierung, die Bildung bis hin zur Ausbildung von Ordensleuten und Priestern. Das öffnet einen weiten Blick auf die ganz verschiedenen Realitäten der Jugend in der Welt.

Viele Formulierungen beginnen mit „viele Synodenteilnehmer haben unterstrichen“ oder ähnlichen Wendungen – auch das ein Beleg für die Diversität der Welt. Es kommen auch Phänomene vor, die vielleicht nicht von allen geteilt oder überall vorhanden sind.

Drei besondere „Scharniere“ werden ausdrücklich und ausführlich genannt: Zuerst die digitale Umwelt, welche die Welt immer mehr prägt und eine eigene Realität wird, mit den positiven wie mit den negativen Seiten. Zweitens wird die Situation der Migranten und Flüchtlinge erörtert – für viele ein Paradigma, um die Welt heute überhaupt verstehen zu können. Die Kirche könne und müsse hier eine prophetische Rolle einnehmen.

Ein drittes Scharnier wird von der Missbrauchsfrage gebildet. Die verschiedenen Formen des Missbrauchs werden genannt und die Notwendigkeit der Aufarbeitung von der Wurzel an betont. Es braucht „rigorose Mittel der Prävention“, heißt es im Text. Dank geht an diejenigen, welche den Mut hatten und haben, den Missbrauch zu benennen und aufzudecken.

“Größere Rolle von Frauen in der Kirche – ein unausweichlicher Wandel”

Ein eigenes Kapitel gehört der Frage nach der Identität. Hier werden Familie, Kultur und Freundschaft debattiert. Hierher gehört auch das Thema Sexualität und die Bedeutung der „Logik des Evangeliums“ für das eigene Gefühlsleben. Es wird auch deutlich betont, dass viele Jugendliche Probleme und Unverständnis für die Morallehre der Kirche zeigen.

Zur Identitäts-Frage gehört auch die „Wegwerf-Kultur“: Junge Menschen seien von ihr geprägt, gehörten aber auch zu ihren ersten Opfern. Die Kirche müsse hier zur Bekehrung aufrufen.

Zum Abschluss des ersten Teils wird dann ein Blick auf das „Jung-Sein heute“ geworfen, auch das geprägt von der Unterschiedlichkeit der Situationen und Kulturen. Spiritualitäten kommen hier vor, Liturgie und die ganz verschiedenen Zugangsweisen zu Jesus. Was aber allen jungen Menschen gemeinsam eigen sei, das sei der Wunsch, die eigene Kreativität einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Das gelte auch für den Glauben und die Kirche.

Ein eigener Punkt wird der Überzeugung der jungen Menschen gewidmet, dass Frauen eine größere Rolle und größere Wertschätzung zustehe. Der Text spricht von einem „unausweichlichen Wandel“, vor dem die Kirche hier stehe.

Zweiter Teil: „Ihre Augen wurden aufgetan“ – das Deuten

Was bedeutet dieser weitgespannte Bogen der Lebenswelten junger Menschen heute? Dieser Frage widmet sich der zweite Teil des Dokuments. Die jungen Menschen fühlten eine „gesunde Unruhe“, die es zu respektieren und zu begleiten gelte. „Junge Menschen sind den Hirten oft voraus“, hier liege eine wichtige Quelle für die Erneuerung der Kirche.

Autorität wird zum Beispiel gesehen als „wachsen lassen“ – eine Sichtweise, die ganz dem Handeln Jesu entspreche. Es brauche Freiheit, damit authentische Lebensentscheidungen getroffen werden könnten, es brauche Anleitung zur Verantwortlichkeit, es brauche Raum, um sich für den Glauben entscheiden zu können. Christen und damit auch die jungen Christen seien zur Freiheit berufen, so der Text.

“Alles Leben ist Berufung”

Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage der Berufung: Berufung sei kein Schicksal, dem man sich unterwerfen müsse, sie sei ein „Angebot aus Liebe“. Es brauche als ersten Schritt eine „Reinigung“ der kirchlichen Sprache, wenn es um Berufung gehe. „Alles Leben ist Berufung“ hatte Papst Paul VI. formuliert, das gelte es auch heute in eine „Kultur der Berufung“ umzusetzen.

Ausführlich werden die verschiedenen Dimensionen von Berufung besprochen – mündend in der Einsicht, dass in einer pluralistischen Welt voller Optionen und in Lebenswegen voller Brüche Berufungen schwierig zu leben und zu halten sind. Deswegen nimmt der Text-Teil zur Begleitung einen breiten Raum ein. Der ganze Reichtum und die verschiedenen Dimensionen des Begleitens werden aufgeblättert. „Die Synode erkennt die Notwendigkeit der Förderung einer integralen Begleitung an, in der geistliche gut mit den menschlichen und sozialen Aspekten integriert sind“, so der Text.

Den Abschluss dieses Teils bildet das Sprechen über den Begriff, der vielleicht wie kein zweiter das Pontifikat von Papst Franziskus prägt: Unterscheidung. Diese sei „konstitutiv für die Kirche“. Die Gemeinschaft als Horizont, das Gewissen als zentraler Ort und die Vertrautheit mit Jesus als Voraussetzung werden besprochen. Den Abschluss einer jeden Unter-scheidung müsse dann eine Ent-scheidung bilden, eine Wahl. Und damit geht das Dokument den Schritt zum dritten Teil.

Dritter Teil: „Noch in derselben Stunde brachen sie auf“ – das Wählen

Die vorherigen Überlegungen machen es bereits deutlich: Es ist schwierig, in einem für die ganze Kirche gedachten Text konkrete Überlegungen anzustellen. Der Text beginnt mit der gemeinsam getroffenen Entscheidung, junge Menschen als Priorität des Handelns der Kirche zu sehen. Das bedeutet, Zeit, Energie und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Eine zweite Entscheidung gleich zu Beginn: Das soll alles mit den jungen Menschen geschehen, nicht nur für sie.

Gleich im folgenden Abschnitt wird aber festgestellt, dass die Umsetzung bei den Ortskirchen liegen muss, die Diversität der Kirche lässt gar nichts anderes zu. Damit spiegelt das Dokument die neuen Regeln der Synode wieder, die Papst Franziskus im August erlassen hatte.

Viel Wert gelegt wird auf den „synodalen Prozess“ gelegt und darauf, dass Synodalität die Kirche selbst wie auch ihr verkündendes Handeln charakterisiert. Der Text skizziert im Folgenden, was das bedeuten kann.

Unter den Vorschlägen für die Konkretion vor Ort finden sich etwa Überlegungen zu einer erneuerten Weise, den Glauben weiter zu geben: nicht als Lehrstruktur, sondern in einem Miteinander. Die Zentralität der Liturgie wird genauso betont wie der diakonale Einsatz.

“Homosexuellen Menschen dabei helfen, in Freiheit und Verantwortung ihre Tauf-Berufung zu leben”

Weil es in den Synoden-Beratungen immer auch um Berufung und Berufungen ging, findet diese Dimension des kirchlichen Lebens ebenfalls ihren Niederschlag. Vor allem wendet man sich gegen das Fragmentieren des kirchlichen Lebens: hier für Jugend, da für Universität, dort für Kultur. Die Dinge müssten wieder zusammengeführt werden.

Neben diesen noch eher abstrakt bleibenden Überlegungen werden sieben Bereiche angeführt, die als „drängende Herausforderungen“ bezeichnet werden. Die digitale Umwelt gehört dazu, genauso wie die Migration: Hier gelte es „Mauern nieder zu reißen und Brücken zu bauen“. Die Beteiligung von Frauen auch in der Leitung der Kirche sei eine Frage der Gerechtigkeit, so Punkt drei. Viertens geht es um klare und offene Worte auf dem Gebiet der Sexualität; gleichzeitig müsse die Kirche sich klar gegen Diskriminierung wenden. Homosexuellen Menschen müsse geholfen werden, in „Freiheit und Verantwortung ihre Tauf-Berufung zu leben“.

Ein fünfter Punkt in diesem Abschnitt ist der Einsatz für Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung; das müsse sich auch in der Leitung und Gestaltung des kirchlichen Lebens wiederfinden. Sechstens geht es um interkulturelle und interreligiösen Dialog und siebtens um die Ökumene.

Abschließend dringt der Text darauf, für all diese Bereiche die richtige Aus- und Weiterbildung anzubieten. Hier macht die Synode drei konkrete Vorschläge: Zum einen sollten Laien, Ordensleute und Priester gemeinsam ausgebildet werden. Zweitens müsse die Seelsorge mit jungen Menschen fester Bestandteil der Ausbildung von Priestern und Ordensleuten werden. Und drittens solle die Erfahrungsdimension fest in der Ausbildungsordnung für Priester verankert werden.

Nach der Synode: Ab in die Ortskirche

Von der Synode und ihrem Dokument gewollt ist eine kreative Umsetzung der Ideen und Vorschläge vor Ort, kulturell verschieden und nicht an einem vorgegebenen Raster ausgerichtet. Damit geht das, was hier in Rom vor zwei Jahren begonnen und mit der Versammlung der Bischofssynode seinen Höhepunkt gefunden hat, nun vor Ort weiter. Da, wo Jugendliche, Glauben und Berufung wirklich sind und leben.

(vatican news)

LESEN SIE AUCH:

_______

Quelle