JOHANNES PAUL II. (25. März 1992): PASTORES DABO VOBIS

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Auszug aus dem ‹nachsynodalen apostolischen Schreiben „Pastores Dabo Vobis“ von Johannes Paul II. an die Bischöfe, Priester und Gläubigen über die Priesterausbildung im Kontext der Gegenwart› vom 25. März 1992:

SCHLUSS

82. „Ich gebe euch Hirten nach meinem Herzen“ (Jer 3,15).

Noch heute ist diese Verheißung Gottes lebendig und wirksam in der Kirche: sie empfindet sich zu jeder Zeit als glückliche Empfängerin dieser prophetischen Worte; sie sieht deren Verwirklichung täglich in vielen Teilen der Erde, oder besser: in vielen Menschenherzen, besonders den jungen. Und sie wünscht angesichts der ernsten und dringenden eigenen Bedürfnisse und derjenigen der Welt, daß sich diese göttliche Verheißung an der Schwelle des dritten Jahrtausends in neuer Weise erfüllt, in immer größerer Weite, Stärke, Wirksamkeit: wie eine außerordentliche Ausgießung des Pfingstgeistes.

Die Verheißung des Herrn ruft im Herzen der Kirche das Gebet hervor, das vertrauensvolle und glühende Flehen in der Liebe des Vaters, der, ebenso wie er Jesus, den Guten Hirten, die Apostel, ihre Nachfolger und eine ungezählte Schar an Priestern gesandt hat, auch weiterhin den Menschen von heute seine Treue und Güte kundtun wird.

Und die Kirche ist bereit, auf diese Gnade zu antworten. Sie spürt, daß die Gabe Gottes nach einer gemeinsamen und großherzigen Antwort verlangt: das ganze Volk Gottes soll unermüdlich für Priesterberufungen beten und arbeiten; die Priesteramtskandidaten sollen sich mit großer Ernsthaftigkeit darauf vorbereiten, die Gabe Gottes anzunehmen und zu leben, im Bewußtsein, daß die Kirche und die Welt sie unbedingt brauchen; sie sollen Christus, den Guten Hirten, lieben, ihr Herz nach dem seinen formen, bereit sein, als sein Abbild auf die Straßen der Welt hinauszugehen, um allen Christus, den Weg, die Wahrheit und das Leben, zu verkündigen.

Einen besonderen Aufruf richte ich an die Familien: daß die Eltern und besonders die Mütter dem Herrn freigebig ihre Söhne schenken, die er zum Priestertum beruft, und daß sie mit Freude am Weg ihrer Berufung mitwirken, im Wissen darum, daß sie so ihre christliche und kirchliche „Fruchtbarkeit“ vergrößern und vertiefen und daß sie – in einem gewissen Sinne – die Seligpreisung der Jungfrau und Mutter Maria erfahren können: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42). Und den jugendlichen von heute sage ich: Achtet noch mehr auf die Stimme des Geistes, laßt die großen Erwartungen der Kirche und der Menschheit in der Tiefe des Herzens wiederklingen, fürchtet euch nicht, euren Geist dem Ruf Christi des Herrn zu öffnen, spürt, daß der liebvolle Blick Jesu auf euch gerichtet ist und antwortet mit Begeisterung auf die vorgelegte Möglichkeit radikaler Nachfolge.

Die Kirche antwortet auf die Gnade mit der Verpflichtung, die die Priester übernehmen, um jene Weiterbildung zu verwirklichen, die die Würde und Verantwortung, die ihnen im Sakrament der Weihe übertragen wird, verlangen. Alle Priester sind gerufen, das einzig Dringende ihrer Formung in der jetzigen Stunde zu erkennen: die Neuevangelisierung braucht neue Verkünder, und das sind die Priester, die sich verpflichten, ihr Priestertum als besonderen Weg zur Heiligkeit zu leben.

Die Verheißung Gottes ist es, der Kirche nicht irgendwelche Hirten zuzusichern, sondern Hirten „nach seinem Herzen“. Das „Herz“ Gottes hat sich uns vollkommen offenbart im Herzen Christi, des Guten Hirten. Und das Herz Christi hat auch heute Mitleid mit der Menge und gibt das Brot der Wahrheit, das Brot der Liebe und des Lebens (vgl. Mk 6,30 ff), und es wünscht, in anderen Herzen zu schlagen – in denen der Priester: „Gebt ihr ihnen zu“ (Mk 6,37). Die Leute haben das Bedürfnis, der Anonymität und der essen Furcht zu entgehen; das Bedürfnis, erkannt und beim Namen gerufen zu werden; sicher auf den Pfaden des Lebens zu gehen; wiedergefunden zu werden, wenn sie verlorengehen; geliebt zu werden; das Heil als höchste Gabe der Liebe Gottes zu empfangen: genau dies tut Jesus, der Gute Hirte; er – und die Priester zusammen mit ihm.

Und nun, am Ende dieses Schreibens, richte ich den Blick auf die Vielzahl der Anwärter auf das Priestertum, der Seminaristen und der Priester, die in allen Teilen der Welt, auch unter schwierigen, manchmal dramatischen Bedingungen, immer aber in dem freudigen Bemühen der Treue zum Herrn und in unermüdlichem Dienst an seiner Herde, täglich ihr eigenes Leben hingeben für das Wachstum des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in den Herzen und in der Geschichte der Männer und Frauen unserer Zeit.

Ihr, meine lieben Priester, tut dies, weil der Herr selbst euch mit der Kraft seines Geistes dazu berufen hat, den unschätzbaren Schatz seiner Liebe, die die des Guten Hirten ist, in den zerbrechlichen Gefäßen eures ganz schlichten Lebens zu tragen.

In Gemeinschaft mit den Synodenvätern und im Namen aller Bischöfe der Welt und der ganzen Kirchengemeinschaft drücke ich die volle Anerkennung aus, die eure Treue und euer Dienst verdienen (233).

Und während ich euch allen die Gnade wünsche, jeden Tag das durch die Auflegung der Hände (vgl. 2 Tim 1,6), von Gott empfangene Geschenk zu erneuern; die Tröstung der tiefen Freundschaft, die euch an Jesus bindet und miteinander vereint, zu empfinden; die Freude über das Wachstum der Herde Gottes auf eine immer größere Liebe zu ihm und zu jedem Menschen hin zu erfahren; die ermutigende Überzeugung zu pflegen, daß der, der dieses gute Werk in euch begonnen hat, es auch zur Vollendung bringen wird bis zum Tag Jesu Christi (vgl. Phil 1,6), wende ich mich mit euch allen gemeinsam und mit jedem einzelnen von euch im Gebet an Maria, die Mutter und Erzieherin unseres Priestertums.

Jeder Aspekt der priesterlichen Ausbildung kann auf Maria bezogen werden, als den Menschen, der mehr als jeder andere der Berufung Gottes entsprochen hat; die Magd und Jüngerin des Wortes geworden ist, bis sie in ihrem Herzen und in ihrem Fleische das fleischgewordene Wort empfangen hat, um es der Menschheit zu schenken; die gerufen wurde zur Erziehung des einzigen und ewigen Hohenpriesters, der gehorsam wurde und sich ihrer mütterlichen Autorität unterwarf. Mit ihrem Beispiel und ihrer Fürsprache wacht die heiligste Jungfrau weiterhin über die Entwicklung der Berufungen und des priesterlichen Lebens in der Kirche.

Daher sind wir Priester gerufen, in einer festen und zugleich zartfühlenden Marienfrömmigkeit zu wachsen, indem wir sie durch die Nachahmung ihrer Tugenden und häufiges Gebet bezeugen.

Maria, Mutter Jesu Christi und Mutter der Priester,
empfange diesen Namen, den wir Dir entgegenbringen,
um Deine Mutterschaft zu feiern
und mit Dir das Priestertum
Deines Sohnes und Deiner Söhne zu betrachten,
Heilige Gottesmutter.

Mutter Christi,
dem Messias und Priester hast Du einen menschlichen Leib geschenkt
durch die Kraft des Heiligen Geistes,
zum Heil der Armen und der im Herzen Betrübten:
behüte die Priester in Deinem Herzen und in der Kirche,
Mutter des Erlösers.

Mutter des Glaubens,
Du hast den Menschensohn zum Tempel geleitet
in Erfüllung der den Vätern gegebenen Verheißung:
empfiehl die Priester Deines Sohnes
dem Vater zu seiner Verherrlichung,
Arche des Bundes.

Mutter der Kirche,
inmitten der jünger im Abendmahlssaal hast Du zum Heiligen Geist gebetet
für das Neue Volk und die Hirten:
erhalte dem Priesterstand
die Früchte der Gaben,
Königin der Apostel.

Mutter Jesu Christi,
Du warst bei Ihm in den Anfängen seines Lebens
und seiner Sendung;
Ihn, den Meister, hast Du in der Menschenmenge gesucht,
Ihm bist Du beigestanden, da er von der Erde erhöht wurde
und sich hingab als das eine und ewige Opfer;
Du hattest Johannes bei Dir, Deinen Sohn:
nimm an, die von Anfang an gerufen sind,
schütze ihr Wachsen,
begleite Deine Söhne in ihrem Leben und Dienst,
Mutter der Priester.

Amen!

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 25. März, dem Fest Mariä Verkündigung des Jahres 1992, dem vierzehnten Jahr meines Pontifikates.

JOHANNES PAUL II.

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Quelle (Lesen Sie, wenn möglich, das ganze Dokument!)