Der Trick mit dem ‚eucharistischen Hunger’

Archivfoto Walter Kardinal Brandmüller

Der geradezu gewaltsam konstruierte Fall eines ‚eucharistischen Hunger’ leidenden nichtkatholischen Mischehenpartners ist eine peinliche, melodramatische Inszenierung. Ein Gespräch mit Walter Kardinal Brandmüller. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Die deutsche Bischofskonferenz kündigte an: „Die Orientierungshilfe geht davon aus, dass in konfessionsverschiedenen Ehen im Einzelfall der geistliche Hunger nach dem gemeinsamen Empfang der Kommunion so drängend sein kann, dass es eine Gefährdung der Ehe und des Glaubens der Ehepartner nach sich ziehen könnte, ihn nicht stillen zu dürfen. Das gilt insbesondere für die Ehepaare, die ihre Ehe sehr bewusst aus dem gemeinsamen christlichen Glauben leben möchten und deren Ehe schon jetzt die Konfessionen verbindet. Hier kann ein ‚schwerwiegendes geistliches Bedürfnis’ entstehen, das es nach dem Kirchenrecht (auf der Grundlage von c. 844 § 4 CIC) möglich macht, dass der evangelische Ehepartner zum Tisch des Herrn hinzutritt, wenn er den katholischen Eucharistieglauben bejaht.

Deshalb ist die zentrale Aussage des Dokumentes, dass alle, die in einer konfessionsverbindenden Ehe nach einer reiflichen Prüfung in einem geistlichen Gespräch mit dem Pfarrer oder einer mit der Seelsorge beauftragten Person zu dem Gewissensurteil gelangt sind, den Glauben der katholischen Kirche zu bejahen sowie eine ‚schwere geistliche Notlage’ beenden und die Sehnsucht nach der Eucharistie stillen zu wollen, zum Tisch des Herrn hinzutreten dürfen, um die Kommunion zu empfangen. Wichtig ist: Wir sprechen über Einzelfallentscheidungen, die eine sorgfältige geistliche Unterscheidung implizieren.“

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In einem Vortrag an der University of Notre Dame in Sydney (Australien) vom 24. Februar beschreibt und verurteilt der frühere Mitarbeiter der Kongregation für die Glaubenslehre P. Thomas Weinandy OFM den Angriff von präzedenzloser Schwere, den einige der von Papst Franziskus ermutigten „pastoralen“ Theorien und Praktiken gegen die „eine, heilige und apostolische“ Kirche und besonders gegen die Eucharistie, „fons et culmen“ des Lebens der Kirche selbst, hervorbrächten. Dabei bezog er sich vor allem auf umstrittene „liberale“ Interpretationen des Apostolischen Schreibens „Amoris laetitia“, dessen Betonung des „Gewissens des Einzelnen“, der besonderen Situation von „Einzelfällen“ und der „Unterscheidung und Begleitung“, die zu einer Gewissensbildung führen sollen.

Nun spricht auch die deutsche Bischofskonferenz in ihrer pastoralen Orientierungshilfe für die Begleitung von konfessionsverschiedenen Ehepaaren von „Einzelfallentscheidungen, die eine sorgfältige geistliche Unterscheidung implizieren“, „wenn es um einen gemeinsamen Kommunionempfang geht“. Dies führt zu verschiedenen Fragen. Ein grundlegendes Problem bildet der Begriff der „Unterscheidung“: wie soll dieser verstanden werden? Wie die Betonung des „Einzelfalls“?

Die deutschen Bischöfe erklären: „Die Orientierungshilfe geht davon aus, dass in konfessionsverschiedenen Ehen im Einzelfall der geistliche Hunger nach dem gemeinsamen Empfang der Kommunion so drängend sein kann, dass es eine Gefährdung der Ehe und des Glaubens der Ehepartner nach sich ziehen könnte, ihn nicht stillen zu dürfen“.

Nun: was soll man sich unter einem „eucharistischen Hunger“ vorstellen? Hat ein derartiger Begriff einen theologischen Hintergrund? Wie kann es da sogar zu einer „Gefährdung der Ehe und des Glaubens der Ehepartner“ kommen, wenn konfessionsverschiedene Paare nicht gemeinsam die Eucharistie empfangen können? Dann: schließt ein derartiger angenommener „Hunger“ nicht ein, dass sich in der Eucharistie der Gläubige mit der Kirche als „corpus mysticum Christi“ vereint? Sollte man demnach nicht besser mit dem nichtkatholischen Ehepartner „unterscheidend“ darauf hinarbeiten, dass er seinen Glauben an die eine Kirche bekennt, die in der katholischen Kirche „subsistiert“, wie das II. Vatikanische Konzil dies nennt?

Zudem stellt sich die Frage nach der Richtigkeit und Berechtigung des Hinweises auf Can. 844 CIC, besonders §4 und §5. Handelt der Kanon nicht eher von (orthodoxen) Kirchen, die zwar von Rom getrennt sind, aber dasselbe Eucharistieverständnis haben? Und deren Sakramente allesamt „gültig“ sind, da sie das Weihepriestertum kennen? Kann der im Kanon zitierte „Notfall“ einfach „zeitlos“ ausgeweitet werden, ohne damit dem Kanon zu widersprechen oder ihn einfach instrumentalisierend zu verfälschen und zu entleeren?

Es entsteht der Eindruck, dass nun unter der vordergründigen Behauptung des „Einzelfalls“ und des „Notfalls“ schleichend die Tür für eine allgemeine Interkommunion geöffnet werden soll. Dies aber widerspricht in dieser Form der Lehre der Kirche, dabei insbesondere den klaren Aussagen des heiligen Johannes Pauls II. in seine Enzyklika „Ecclesia de Eucaristia“ über die Eucharistie in ihrer Beziehung zur Kirche (17. April 2003) und der Lehre Papst Benedikts XVI, wie sie in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Sacramentum caritatis“ (22. Februar 2007) formuliert ist.

Und es stellt sich die weiterreichende Frage: wie kann/soll man sich diesen Drang zur Interkommunion vorstehen? Ist auch dies vielleicht Zeichen des von Weinandy festgestellten Angriffs auf die Eucharistie, das heißt auf das Wesen und den Mittelpunkt der Kirche? Macht die emotional aufladende Rede vom „eucharistischen Hunger“ und der Gefahr, die sich aus einem Nichtstillen dieses Hungers ergeben soll, nicht ein defizitäres oder wenigstens reduktives Eucharistieverständnis sichtbar, wo es weniger um das „corpus Christi“ geht als vielmehr um einen gemeinschaftlichen Akt des (symbolisch überladenen und ontologisch unterbelichteten) „Mahles“ geht?

Fragen über Fragen, verbunden mit Eindrücken und im Bewusstsein einer sich ausbreitenden relativistischen Mentalität, die die wichtigste Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit zugunsten von anderem Vordergründigen abdrängt und die Substanz als solche schädigen will.

Ein klärendes Wort scheint dringend notwendig zu sein. Der Theologe und Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller ist hierzu wohl der beste Referenzpunkt. Und die Eminenz war bereit, sich in einem ausführlichen „Kamingespräch“ Gedanken zu machen.

Walter Kardinal Brandmüller 

„Es geht also wieder einmal um die Spendung der heiligen Kommunion an nichtkatholische Christen-Ehepartner“, meinte der Kardinal mit seinem milden Lächeln, mit dem der fast 90jährige seinen Blick auf die Wirklichkeit in ihrer Geschichte und Aktualität zu richten gewohnt ist: „Da sollte man vorab einige Fragen stellen: Welche Rolle spielt dabei die Nicht-Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche? Was ist eigentlich ‚Kirche’? Ein Unternehmen zwecks Weltverbesserung? Eine NGO für Lebenshilfe? In diesen oder ähnlichen Fällen wäre unsere Themafrage nach Kriterien wie Nützlichkeit, Machbarkeit, Erfolgschancen zu beantworten“.

„Nun aber ist ‚Kirche’ eine Wirklichkeit“, so Brandmüller weiter, „der diese Begriffe eher fremd sind. Die Kirche ist Werk Gottes, sie ist die sichtbare, erfahrene Gestalt, in welcher der Auferstandene Christus in der Welt sein Erlösungswerk fortsetzt. Das ist festzuhalten, wenn es um Kirche und allem mit ihr Zusammenhängendem geht. Und nun zur Themafrage zurück. Auch hier besteht akuter Klärungsbedarf. Viele sprechen da von ‚Abendmahl’. Da kommen dann Begriffe wie Mahlgemeinschaft, Einladung, Gastfreundschaft etc. ins Spiel. Das alles ist – in gewissem Sinn – wohl wahr. Aber: Eucharistie, Kommunion im katholischen und orthodoxen Verständnis ist etwas wesentlich anderes.

Nach katholisch-orthodoxer Überzeugung werden in der Feier der Eucharistie – der heiligen Messe – Brot und Wein wahrhaft, wirklich und ihrem Wesen nach in Leib und Blut Jesu Christi verwandelt. Am Abend vor seinem Leiden hat Christus Brot und Wein genommen und es den Jüngern gereicht: Nehmt und esst – trinkt: das ist mein Leib, das ist mein Blut, und: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Gerade aber darum geht es, wenn von Kommunion die Rede ist. Es geht um den wahrhaft, wirklich und dem Wesen nach (also sinnlich nicht wahrnehmbar) gegenwärtigen Christus in der sinnlich wahrnehmbaren Form von Brot und Wein“.

„Kommunion ist also“, unterstrich Brandmüller, „die Vereinigung des erlösten Menschen mit dem im Mysterium gegenwärtigen Christus. Ein Geschehen, das sich in den existentiellen Tiefen des Gläubigen ereignet. Eben darum sagt der Apostel Paulus: ‚Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn’. Wer dies tut, – so der Apostel – ‚der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt’. Das also gilt es zu bedenken, wenn von fallweiser Zulassung zur Kommunion die Rede ist.

Wenn nun das Papier der Bischofskonferenz von Einzelfällen spricht, in denen ebendies möglich sein soll, so ist das an und für sich nur ein taktischer Schritt in Richtung Interkommunion mit Nichtkatholiken überhaupt. Ein Ziel, das vor allem Protestanten, aber auch einige katholische Bischöfe anstreben“. Der Kardinal blickte auf, das Lächlen war einem ernsten Blick gewichen: „Man nennt ein solches Vorgehen auch ‚Salami-Taktik’. Und: steter Tropfen höhlt den Stein. Eine ganz und gar unehrliche ‚Masche’, um zum eigentlichen Ziel zu kommen.

Der geradezu gewaltsam konstruierte Fall eines ‚eucharistischen Hunger’ leidenden nichtkatholischen Mischehenpartners ist eine peinliche, melodramatische Inszenierung, um nicht zu sagen ‚Kitsch’: ‚Man merkt die Absicht und man ist verstimmt’. Ein Christ, der wahrhaft nach der heiligen Kommunion verlangt, und der weiß, dass es keine Eucharistie ohne Kirche und keine Kirche ohne Eucharistie gibt, bittet um Aufnahme in die Kirche. Alles andere wäre fragwürdig und unehrlich. Die Kirche ist kein Selbstbedienungsladen, in dem man auswählt, was gefällt, und das andere im Regal stehen lässt. Hier gilt: ‚Alles, oder nichts’!“

„Alles oder nichts“… nun, genau diesem Anspruch sollte entgangen werden. Brandmüller weiter: „Und nun zieht man – auf einmal spielt sogar das sonst so verachtete Kirchenrecht eine Rolle – den Codex Iuris Canonici heran. In der Tat bestimmt dieser im Can. 844 §3, dass es einem katholischen Priester erlaubt ist, Lossprechung, Krankensalbung und Eucharistie orthodoxen Gläubigen, die in rechter Weise disponiert sind und darum bitten, zu spenden.

Und dann folgt in §4: ‚Wenn Todesgefahr besteht, oder nach dem Urteil des Bischofs oder der Bischofskonferenz eine andere schwere Notlage (!) dazu drängt, können diese Sakramente auch den übrigen, nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehenden Christen, die einen Spender der eigenen Gemeinschaft nicht ansprechen können (!!), und von sich aus darum bitten – sofern sie bezüglich dieser Sakramente den katholischen Glauben bekennen und in rechter Weise disponiert sind (!!) –, gespendet werden’“.

Für den Kardinal „ist offenkundig, dass hier an Situationen wie Todesgefahr, Gefangenschaft usw. gedacht ist. Man denke nur an die Situation in den Gestapogefängnissen nach dem 20. Juli 1944, aber, bitte, nicht an einen undefinierbaren ‚eucharistischen Hunger’. Und: was heißt ‚in rechter Weise disponiert’? Damit ist Freiheit von schwerer Sünde und ehrliche Absicht, das Sakrament zu empfangen, gemeint“. Zu fragen wäre dann für Brandmüller auch, „warum ein Nichtkatholik, der die oben genannten Bedingungen erfüllt, und sich nicht in einer Notlage befindet, nicht einfach um Aufnahme in die Kirche bitten soll.

Und der Kardinal sieht die eigentliche Gefahr: „Der üble Trick bei der genannten Argumentation besteht darin, Regelungen für existentielle Extremsituationen auf den normalen Alltag auszuweiten. Ehrliches ökumenisches Bemühen verschmäht derartige Winkelzüge“. Denn:

„Es ist die Wahrheit, die frei macht. Und ganz zum Schluss: Die Kirche kann mit den Sakramenten nicht einfach tun, was sie will: Der Apostel Paulus sagt: ‚So soll man uns betrachten: als Diener Christi und als Verwalter von Geheimnissen Gottes’. Verwalter. ‚Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich als treu erweisen…’, sagt der Apostel Paulus“.

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Quelle

Der Herr ist auch heute im Boot – auch wenn er zu schlafen scheint

Kardinal Walter Brandmüller zelebriert in Rom eine Messe nach dem alten Ritus am 15. Mai 2011.

Kardinal Brandmüller: Luther, Dubia, Wirrnisse und Verwirrungen. Der Mensch auf dem Thron Gottes? Eine groteske, absurde, apokalyptische Vorstellung. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Zum Ende eines „beschleunigten“ Jahres ein „entschleunigendes“ Gespräch mit dem Kirchenhistoriker und Theologen Walter Kardinal Brandmüller. Ich danke Seiner Eminenz für die Zeit, die er uns geschenkt hat, verbunden mit den besten Wünschen für ein sich aufregend ankündigendes Jahr 2018.

Das Jahr 2017 stand auch unter dem Zeichen des 500. Jahrestags der protestantischen Reformation. Luther und Aspekte des Protestantismus beherrschten eine Vielzahl von systematischen und historischen Auseinandersetzungen. Besonders mit Blick auf die katholische Kirche meinte man feststellen zu können/müssen, vor einer radikalen „Neubewertung“ Luthers zu stehen. Papst Franziskus erklärte noch am 7. Dezember 2017, dass der vom Heiligen Geist erweckte ökumenische Weg dazu geführt habe, „die alten Vorurteile wie jene zu Martin Luther und zur Lage der Katholischen Kirche in jener Zeit aufzugeben“.

In der Oktoberausgabe der Jesuiten-Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ (Faszikel 4016, S. 119-130, 2017, Band IV ) war zu lesen, dass die Wittenbergschen Thesen weder eine Herausforderung noch eine Rebellion gegen die Autorität gewesen seien, sondern „der Vorschlag zur Erneuerung der Verkündigung des Evangeliums, im aufrechten Verlangen nach einer ‚Reform’ in der Kirche“. Für die Jesuiten (und die vom Papst persönlich kontrollierte Zeitschrift) besteht das Problem im Anspruch sowohl der Kirche als auch Luthers, die ganze Wahrheit zu inkarnieren. Es dürfe dennoch die Rolle Luthers als „Glaubenszeuge“ nicht geleugnet werden.

Um welche „Vorurteile“ könnte es sich handeln? Ist somit de facto die Exkommunikation Luthers „post mortem“ aufgehoben? Soll Luther nun zum „Kirchenlehrer authentischer Reform“ erhoben werden? War die Reformation ein Augenblick des „Wirkens des Heiligen Geistes“, wie ein Vertreter der italienischen Bischofskonferenz meinte? Haben die Päpste und die Kirche zusammen mit dem Konzil von Trient gefehlt, indem sie das Luthertum zu einer die Wahrheit des Glaubens gefährdenden Häresie, das heißt Irrlehre erklärt haben?

Kardinal Brandmüller: Es hat keineswegs erst des “Lutherjahres 2017” bedurft, um jene auf beiden Seiten übliche konfessionalistisch-polemische Geschichtsschreibung zu überwinden, die etwa bis zum 1. Weltkrieg üblich war. Spätestens seit dem Ende der Nazi-Diktatur, unter welcher Katholiken und Protestanten der „Bekennenden Kirche“ gleichermaßen gelitten hatten, hat man auf beiden Seiten zu einer Luther- bzw. Reformationsgeschichtsschreibung gefunden, die sich zu einer sachlich-nüchternen, auf den historischen Quellen und ihrer kritischen Interpretation beruhenden Darstellung verpflichtet wusste. Von der Notwendigkeit einer Neubewertung Luthers katholischerseits zu reden, zeugt also von schlichter Unkenntnis des tatsächlichen Standes der Wissenschaft bzw. der einschlägigen Literatur.

Was nun die berühmten 95 Thesen anlangt, ist zu sagen, dass sie in der Tat im Großen und Ganzen gut katholisch verstanden werden konnten. Sie waren Ausdruck des Protestes eines engagierten Priesters gegen Missverständnisse und Missbrauch des Ablasses.

Es dauerte indes keine drei Jahre, bis Luther in den bekannten drei sogenannten „Kampfschriften“ des Jahres 1520 seinen radikalen Bruch mit elementaren Inhalten des katholischen Glaubens offenbarte – und dies mit bis dahin ungewohnter Heftigkeit und Schärfe. Wie es in ihm zu diesem Bruch kommen konnte, ist eine Frage, die die Forschung bis heute nicht zufriedenstellend klären konnte. Luther indes als Glaubenszeugen – oder wie auch schon geschehen – als „Vater im Glauben“ zu sehen, ist aus den genannten Gründen schlechthin abwegig.

Von „Vorurteilen“ gegenüber Luther ist die Rede? Sie sprechen auch von der Exkommunikation Luthers? Vorurteile? Nun, über einen Mann, der seit 500 Jahren tot ist, kann es wohl nur „Nachurteile“ geben. Da ist zunächst zu sagen, dass Luthers Exkommunikation ein historisches Faktum ist. Wie wollen Sie ein solches aus der Welt schaffen? Und was den Exkommunizierten selbst betrifft – da gilt der Grundsatz aus dem römischen Recht: mors solvit omnia – der Tod löst alles. Darum ist es geradezu naiv, eine Aufhebung der Exkommunikation Luthers zu fordern. Dass eine solche Forderung des Öfteren weithin medialen Applaus findet, zeugt nur von einem eher naiven, gestörten Verhältnis zu Vergangenheit und Geschichte.

Sie fragen, ob Luther zum „Kirchenlehrer authentischer Reform“ erhoben werden sollte? Nun, da wäre zunächst zu klären, was man denn unter „Reform“ versteht. Eines ist dabei klar: der, die oder das Reformierte muss mit dem zu Reformierenden identisch sein. Wenn nicht, dann war da nicht Reform, sondern Veränderung. Die Kirche Jesu Christi kann und soll zwar immer „anders“, nämlich immer vollkommener werden. Luther aber wollte – so der protestantische Kirchenhistoriker Franz Lau – „radikalen Umsturz“. Er hat – so in seiner Schrift „An den Adel deutscher Nation“ – verkündet, drei Mauern niederzureißen.

Die erste Mauer erblickt er in dem auf heiliger Weihe gründendem Priestertum, die zweite im auf Sendung durch Jesus Christus beruhenden Lehramt der Kirche, die dritte in der Existenz des Papsttums. Dass diese „Mauern“ auf festem biblischen Fundament ruhten, interessiert den zornigen Augustiner nicht. Nun, da er diese drei Mauern niedergerissen hat, sieht Luther den ganzen Bau der Papstkirche zusammengestürzt.

Zu behaupten, dass dieser Totalabbruch ein „Werk des Heiligen Geistes“ gewesen sei, ist eine geradezu abenteuerliche Behauptung, die die nur durch schlichte, für einen Bischof mehr als erstaunlicher Ignoranz von Texten und Tatsachen der Geschichte erklärbar ist. Und dann das Konzil von Trient: Es war und bleibt ein Ökumenisches Konzil, und dieses ist mit und unter dem Papst höchstes Organ des kirchlichen Lehramtes, dessen definitiv verkündeter Lehre Unfehlbarkeit eignet… Seine Lehrdekrete gelten für immer.

Das vergangene Jahr stand im Zeichen der Diskussion um das Apostolische Schreiben „Amoris laetitia“, dies nicht zuletzt wegen der fünf von Ihnen zusammen mit den Eminenzen Carlo Caffarra, Raymond Leo Burke und Joachim Meisner vorgebrachten „Dubia“, das heißt Fragen zu klärungsbedürftigen Punkten, bei denen es um das Fundament der universalen und nicht abänderbaren Lehre der Kirche geht. Könnten Sie erklären, worin die Substanz dieser „Dubia“ besteht? 

Kardinal Brandmüller: Die gemäß üblichem Verfahren dem Heiligen Vater und der Glaubenskongregation vorgelegten Fragen (Dubia – Zweifel) haben folgenden Inhalt:
1. Kann eine durch bestehendes Eheband gebundene Person, die mit einem neuen Partner ehelich zusammenlebt (AL Nr. 305, Anm. 351) in gewissen Fällen „Absolution und Kommunion“ empfangen?
2. Gibt es absolute sittliche Gebote bzw. Verbote, die ohne Ausnahme und unter allen Umständen verpflichten? (z. B. Tötung eines Unschuldigen)?
3. Gilt nach wie vor, dass jemand, der dauernd im Ehebruch lebt, sich objektiv im Zustand schwerer Sünde befindet?
4. Gibt es Lebenssituationen, die die moralische Verantwortlichkeit derart vermindern, dass dadurch unsittliches Handeln (hier: Ehebruch) sittlich entschuldigt, gar gerechtfertigt werden kann?
5. Kann eine persönliche Gewissensentscheidung Ausnahmen vom absoluten Verbot in sich unsittlicher Handlungen erlauben?

Wie Sie sehen, betreffen diese Fragen die Grundlagen des Glaubens und der Sittenlehre.
Folgen wir dieser, müssten die Fragen 1, 4, und 5 eindeutig mit Nein, die Fragen 2 und drei mit Ja beantwortet werden.

Die Auseinandersetzung um „Amoris laetitia“ sowie auch die Diskussion um Projekte wie „Ehe für alle“ haben oft deutlich gemacht, dass eine „anthropologische Wende“ eingefordert wird. Kurz: es geht um eine radikale Neuinterpretation dessen, was der Mensch ist und wie er sein kann und soll.

Können Sie mit der Frage etwas anfangen, ob dies nicht vielleicht etwas mit einem defizitären Verständnis von Naturrecht zu tun hat, das sowohl im Bereich der Theologie als auch in den Sphären der Hierarchie festzustellen ist?

Kardinal Brandmüller: Wenn man meint, dass auch gleichgeschlechtliche Personen eine „Ehe“ schließen, dass man mit Hilfe der Chirurgie Geschlechtsumwandlungen und andere Eingriffe in die Natur des Menschen vornehmen dürfe, dann bedeutet dies einen geradezu perversen Aufstand gegen die Schöpfungsordnung, zu der von Gott gewollten und geschaffenen Natur des Menschen. Im Widerspruch zu dieser zu handeln bedeutet Selbstzerstörung des Menschen. Von „Neuinterpretation“ zu reden, wäre verlogene Verharmlosung.

Es ist in der Tat höchst besorgniserregend, dass die ideologische Verwirrung so weit geht, dass man meint, den Subjektivismus auf die Spitze treiben zu können. Das wäre dann das „Nein“ zum eigenen Geschöpf-sein und zum Schöpfer. Der Mensch auf dem Thron Gottes! Eine groteske, absurde, apokalyptische Vorstellung.

Von vielen Seiten wird die in der Kirche herrschende Verwirrung festgestellt oder beklagt. Viele Gläubige, die sich „bisher“ mit geschlossenen Augen „auf Rom verlassen“ konnten, fühlen sich nun in eine Heimatlosigkeit gestoßen und allein gelassen in einer kulturell aufgewühlten Zeit. Dabei geht es nicht so sehr um den Verlust von Sicherheiten als vielmehr um das wahrgenommene Fehlen einer „Stärkung“ auf einem steinigen Weg.

Oft hat man den Eindruck, dass es darum geht, die Fernstehenden darin zu bestärken, dass es gut ist, wo sie stehen, während den Nahestehenden Tadel vorbehalten wird. Was meinen Sie zu dieser historisch doch einzigartigen Lage?

Kardinal Brandmüller: Sie sprechen mit Recht von um sich greifender Verwirrung. In dieser vom heiligen Paulus vorhergesehenen Situation – siehe die Briefe an Titus und Timotheus – gilt es, sich an der vom Heiligen Geist geleiteten Überlieferung der Kirche zu orientieren, die ihren aktuellen Niederschlag im Katechismus der Katholischen Kirche gefunden hat. Was immer diesem widerspricht – gleich, von wem der Widerspruch kommt –, ist nicht katholische Wahrheit.

Wer mit dem Katechismus glaubt und danach lebt, ist auf dem rechten Weg. Der, freilich, führt derzeit durch Dunkel, Nebel und unwegsames Gelände.

Nun also Ihre Frage nach den „Fernstehenden“, Menschen also, die den Glauben der Kirche, den Gottes-Glauben nicht kennen oder überhaupt ablehnen: Natürlich kann ein Katholik, ein Priester oder Bischof zumal, sich mit dem Anwachsen der Zahl dieser Menschen nicht zufriedengeben. Ihm muss daran gelegen sein, auch solchen Zeitgenossen – und die sind längst in der Überzahl – den Weg zum Glauben zu zeigen, ohne den es kein ewiges Heil gibt. Jesus selbst predigte nicht „bleibt stehen, wo ihr seid“, sondern: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“. Dass man sich in innerkatholischen Querelen aufreibt anstatt sich um das ewige Heil der vielen zu sorgen, zeugt von einem erschreckenden Mangel der geistlichen Vitalität der Katholiken unserer Tage.

Sie sprechen alsdann von einer „historisch doch einzigartigen Lage“? Darin möchte ich Ihnen nicht ohne Weiteres zustimmen. Zur Zeit der arianischen Krise – die Arianer glaubten nicht, dass Jesus gleichen Wesens mit Gott Vater sei – war der überwiegende Teil der Bischöfe in der östlichen Hälfte des Römischen Reiches dem Irrtum verfallen. Erst durch die Konzilien von Nicaea und Chalkedon konnte diese tödliche Bedrohung des Glaubens überwunden werden: Der Herr war und ist auch heute im Boot – auch wenn er zu schlafen scheint.

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Kardinal Burke spricht die „Dubia“ ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung an

Cardinal Walter Brandmüller and Cardinal Raymond Burke pictured at a Pontifical High Mass in St. Peter’s basilica to mark the 10th anniversary of Summorum Pontificum, Sept. 16, 2017. (Edward Pentin photo)

In der Absicht, zwei kürzlich verstorbene Kardinäle zu ehren, macht der amerikanische Kardinal einen letzten Appell an den Heiligen Vater, um Klarheit zu schaffen, indem er sagt, dass die „ernste“ Situation „sich ständig verschlechtere“ und dass es „dringend“ sei, seine Brüder im Glauben zu bestärken.“

Von Edward Pentin

(Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

 

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia hat Kardinal Raymond Burke dem Heiligen Vater ein letztes Plädoyer für die Klärung wichtiger Aspekte seiner moralischen Lehre gegeben. Er sagte, die Schwere der Situation verschlechtere sich ständig.

In einem Interview vom 14. November mit dem National Catholic Register sagte Kardinal Burke, er wende sich wieder „an den Heiligen Vater und an die ganze Kirche“, um zu betonen, „wie dringlich es ist, den Dienst, den er vom Herrn empfangen hat, auszuüben. Der Papst sollte seine Brüder im Glauben mit einem klaren Ausdruck der Lehre sowohl über die christliche Moral als auch über die Bedeutung der sakramentalen Praxis der Kirche bestärken.“

Am 19. September letzten Jahres unterzeichneten Kardinal Burke zusammen mit den Kardinälen Walter Brandmüller und den kürzlich verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra die Dubia an den Papst. Sie machten die Initiative am 14. November 2016 öffentlich, als klar wurde, dass der Heilige Vater nicht antworten würde.

Auf die Klärung der umstrittenen Passagen aus Kapitel 8 seines nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris Laetitia gerichtet, versuchte die Fünf-Fragen-Dubia – eine uralte und gebräuchliche Praxis zur Klärung von Glaubensrichtungen – unter anderem zu ermitteln, ob die frühere kirchliche Lehre in Kraft bleibe, die verbietet, dass zivil „Wiederverheiratete“ Geschiedene, die sexuelle Beziehungen haben, die Sakramente empfangen können.

Seitdem Amoris Laetitia im April 2016 veröffentlicht wurde, haben einige Bischofskonferenzen auf der Grundlage der Exhortation (des Nachsynodalen Schreibens) gesagt, dass einige zivil wiederverheiratete Geschiedene jetzt die Sakramente je nach ihren persönlichen Umständen empfangen können, während andere, die ihre Position auf die immerwährende Lehre der Kirche gründen, sagen, dass sie es nicht können.

„Die Sorge war und ist, genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte“, sagte Kardinal Burke.

„Weit davon entfernt, dass die Bedeutung unserer Fragen geringer geworden sind“, macht die gegenwärtige Situation sie „noch dringlicher“, fügte er hinzu.

Er machte es in diesem frischen Interview auch deutlich, dass er beabsichtigt, die beiden verstorbenen Kardinäle zu ehren, indem er die Position der Unterzeichner der Dubia unterstreicht und eine Zusammenfassung der Situation gibt.


Ihre Eminenz, in welchem ​​Stadium sind wir seitdem Sie, Kardinal Walter Brandmüller, und die zwei kürzlich verstorbenen Kardinäle, Carlo Caffarra und Joachim Meisner, die Dubia diese Woche vor einem Jahr veröffentlichten?

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia zu Amoris Laetitia, die keinerlei Antwort vom Heiligen Vater erhalten haben, beobachten wir eine zunehmende Verwirrung über die Interpretationsweisen des Apostolischen Schreibens. Daher wird unsere Besorgnis wegen der Situation der Kirche und ihrer Sendung in der Welt immer dringender. Ich bleibe natürlich in regelmäßigen Gesprächen mit Kardinal Walter Brandmüller über diese schwerwiegenden Angelegenheiten. Wir beide bleiben in tiefer Verbundenheit mit den beiden verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra, die im Laufe der letzten Monate verstorben sind. Ich stelle damit noch einmal den Ernst der Lage dar, der sich immer weiter verschlimmert.

Es ist viel über die Gefahren des zweideutigen Charakters von Kapitel 8 von Amoris Laetitia gesagt worden, wobei betont wird, dass es offen ist für viel Interpretation. Warum ist Klarheit so wichtig?

Klarheit in der Lehre impliziert keine Starrheit, welche die Menschen davon abhalten würde, auf dem Pfad des Evangeliums zu gehen, sondern im Gegenteil: Klarheit liefert das Licht, das notwendig ist, um Familien auf dem Weg der christlichen Jüngerschaft zu begleiten. Es ist Dunkelheit, die uns davon abhält, den Weg zu sehen, und die die Evangelisierungshandlung der Kirche behindert, wie Jesus sagt: „Die Nacht kommt, da niemand mehr arbeiten kann“ (Joh 9,4).

Könnten Sie mehr über die aktuelle Situation im Zusammenhang mit der Dubia erzählen?

Die gegenwärtige Situation, weit entfernt davon, die Bedeutung der Dubia (Zweifel) oder Fragen zu verringern, macht sie noch dringender. Es ist überhaupt nicht – wie einige behauptet haben – eine Angelegenheit einer „betroffenen Unwissenheit“, die nur deshalb Zweifel aufwirft, weil sie nicht willens ist, eine gegebene Lehre anzunehmen. Vielmehr war und ist das Anliegen genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte. So ergeben sich die Fragen aus der Anerkennung des Petrusamtes, das Papst Franziskus vom Herrn erhalten hat, um seine Brüder im Glauben zu bestärken. Das Lehramt ist Gottes Geschenk an die Kirche, um Klarheit über Fragen zu schaffen, die das Glaubensgut betreffen. Aussagen, denen diese Klarheit fehlt, können ihrem Wesen nach keine qualifizierten Ausdrücke des Lehramtes sein.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so gefährlich, dass es unterschiedliche Interpretationen von Amoris Laetitia gibt, besonders über die pastorale Behandlung derjenigen, die in irregulären Beziehungen leben, und insbesondere der zivilrechtlich wiederverheirateten Geschiedenen?

Es ist offensichtlich, dass einige von Amoris Laetitia’s Angaben über wesentliche Aspekte des Glaubens und der Ausübung des christlichen Lebens verschiedene Interpretationen erhalten haben, die voneinander abweichen und manchmal miteinander unvereinbar sind. Diese unbestreitbare Tatsache bestätigt, dass diese Hinweise ambivalent sind und eine Vielzahl von Lesarten zulassen, von denen viele im Gegensatz zur katholischen Lehre stehen. Die Fragen, die wir Kardinäle aufgeworfen haben, richten sich auf das, was genau der Heilige Vater gelehrt hat und wie seine Lehre mit dem Glaubensgut (depositum fidei) harmoniert, da das Lehramt nicht über dem Wort Gottes steht, sondern ihm dient, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt und weil es alles, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Schatz des Glaubens schöpft. (2. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 10).

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Fortsetzung folgt!

Walter Kardinal Brandmüller: Der Papst: Glaubender – Lehrer der Gläubigen

Kardinal Walter Brandmüller zelebriert in Rom eine Messe nach dem alten Ritus am 15. Mai 2011.

Das Petrus-Bekenntnis von Caesarea Philippi „Du bist der Messias, der Sohn  des Lebendigen Gottes“ war Voraussetzung dafür gewesen, daß Jesus Simon,  den Sohn des Jonas, zum Felsen machte, auf den Er seine Kirche bauen wollte. Auf das Bekenntnis des Glaubens des Apostels antwortet Jesus mit der einzigartigen Berufung des Petrus.

Im Blick darauf wird klar, welch grundlegende Bedeutung dem Glauben des Petrus für die entstehende Kirche zukam. Das gilt natürlich in analoger Weise auch für den Petrusnachfolger, den Papst. Auch der Papst ist zuallererst „Hörer des Wortes“ (K. Rahner), ein Glaubender, und nur als solcher kann er Garant  und Lehrer des Glaubens für die Kirche sein. Aber auch als oberster Lehrer und Hirte steht er nicht der Kirche gegenüber – oder gar über ihr. Obgleich (sichtbares) Haupt der Kirche, ist der Papst doch in organischer Verbindung Glied an dem einen Leib.

Verhält es sich so, dann wird verständlich, daß es im vitalen Interesse der Kirche liegt, daß sie sich des genuinen, authentischen Glaubens eben jenes Mannes sicher sein kann, der Nachfolger des Apostelfürsten Petrus und Träger seiner Vollmacht ist.1

I.

Es sind ebensolche Überlegungen, die dazu geführt haben, daß schon seit dem Ende des 5. Jahrhunderts der Brauch bekannt ist, daß der neugewählte römische Bischof sein Glaubensbekenntnis mitteilt.2

Als bekanntestes Beispiel hierfür mag jene Synodica genannt werden, mit welcher Gregor der Große den Patriarchen des Ostens seine Wahl zum Nachfolger Petri bekanntgab3, und mit der ein ausführliches Glaubensbekenntnis verbunden war. Häufig wird daraus die Hervorhebung der ersten vier Konzilien zitiert, denen Gregor ebensolche Autorität zumißt wie den vier Evangelien.4

Als letzter scheint Leo III. (705-816) eine Synodica versandt zu haben.5

Dieser Brauch war Ausdruck des Wissens darum, daß die Gemeinschaft des Glaubens, die Zustimmung zum gemeinsamen Glauben, die entscheidende Grundlage und Voraussetzung kirchlicher Gemeinschaft ist: das consortium fidei apostolicae, die Gemeinsamkeit des Apostolischen Glaubens.6

Von der Versendung der Synodica ist indes zu unterscheiden die Professio fidei, die vor der Wahl zum Papst abzulegen war.

Diese Forderung ist erstmals durch den Liber Diurnus7 bezeugt. Wie auch immer im einzelnen die Redaktionsgeschichte dieser Formularsammlung von frühmittelalterlichen Papsturkunden etc. zu rekonstruieren ist – sie enthält Formulare für das Glaubensbekenntnis des neugewählten Papstes, das dieser vor und nach der Weihe zum Bischof abzulegen hatte.8

Es sind offenbar die Jahre 682-685 und des näheren die Weihe Benedikts II. am 26. Juni 684, denen diese Formulare zuzuordnen sind, Jahre, in denen die Nachwehen der christologischen Auseinandersetzungen und besonders der Verurteilung von Papst Honorius noch immer spürbar waren.9

Vor diesem Hintergrund ist also sowohl besonders die Tatsache, daß diese Texte überhaupt entstanden sind, als auch ihr Inhalt zu verstehen. Ihre erklärte Absicht war, dem consortium fidei apostolicae förmlichen Ausdruck zu verleihen – jener Gemeinschaft im apostolischen Glauben, die Papst und Gläubige der Kirche verbindet.

Der erste dieser Texte10 mit der Überschrift Indiculum Pontificis ist in der Form einer Anrede des eben zum Nachfolger Gewählten an den Vorgänger, den Erst-Apostel Petrus, stilisiert. Ihm bekennt der Gewählte den rechten durch Christus begründeten und Petrus übergebenen, durch dessen Nachfolger bis auf ihn, den unwürdigen Neugewählten, weitergereichten wahren Glauben, den er in der heiligen Kirche vorgefunden hat, den er bis aufs Blut beschützen wolle.

Dieser Glaube umfaßt die Mysterien der Trinität und der Inkarnation wie auch die übrigen „Dogmata“ der Kirche, wie sie durch die allgemeinen Konzilien, die constitutiones der Päpste und die bewährten Lehrer der Kirche niedergelegt sind. Da geht es um die Konzilien von Nicaea, Konstantinopel, Ephesus, Chalkedon und Konstantinopel II. Deren Lehre werde er usque ad annum (soll wohl heißen: unum) apicem unverkürzt bewahren. Ebenso wolle er es mit dem unter seinem Vorgänger gefeierten Konzil halten.

Nicht weniger verpflichtet sich der Electus, alle Dekrete seiner Vorgänger zu bestätigen und zu bewahren.

Es ist auffallend, wie nachdrücklich – besonders im letzten Absatz des Textes – das strikte Bewahren des Vorgefundenen, Überlieferten betont wird: Er verspricht, die heiligen Canones und Bestimmungen unserer Päpste als göttliche und himmlische Gebote zu bewahren.11 Dabei wird nicht einmal zwischen dem ein für allemal gültigen unantastbaren Glaubensgut und dem wandelbaren Zeitbedingten unterschieden. Der aus diesen Formulierungen sprechende Traditionalismus ist wohl Ausdruck der durch die dogmatischen Auseinandersetzungen – Dreikapitelstreit und Monotheletismus – verursachten Unsicherheit und Verwirrung, der es entgegenzuwirken galt.

Da der Text Papst Agatho als Vorgänger des Eidesleistenden nennt, könnte letzterer entweder der hl. Leo II. oder der hl. Benedikt II. gewesen sein.12

Damit aber nicht genug. Es folgt im Liber Diurnus das Formular für die päpstliche Professio fidei nach Empfang der Weihe zum Bischof in Form einer ausführlichen Encyclica: „Episcopus sanctae catholicae atque ecclesiae urbis et apostolicae Romae … universae plebi…“ (Bischof der heiligen katholischen Kirche und der Kirche der Stadt und des apostolischen Rom …).13

Der Papst teilt seine Wahl mit. Wenn er, so fährt der Text fort, auch des Amtes unwürdig sei, so ist in uns dennoch die heilbringende unversehrte Vollgestalt des evangelischen und apostolischen Glaubens.14 Ebenso werde er die spiritales regulas – die geistlichen Regeln – seiner Vorgänger bewahren und sich dabei auf ihre heilsamen Lehren stützen. Er wolle gewissenhaft um die Festigkeit der christlichen Religion und des katholischen Glaubens besorgt sein. Eben jenes Glaubens, den die Apostel überliefert und den deren Schüler und ihre Nachfolger, die Päpste, unverändert bewahrt und verteidigt haben, indem sie die Form dieser Apostolischen Überlieferung – „huius apostolice traditionis normam“ – unverbrüchlich bewahrt haben.

Und nun folgt die Reihe der Konzilien, die diesen Glauben formuliert haben. Bei deren Nennung werden jeweils die Namen der einberufenden Kaiser und der Päpste genannt, wie auch die Zahl der teilnehmenden Bischöfe. Insbesondere werden die dort formulierten Glaubenslehren im einzelnen genannt wie auch die Namen der diesen widersprechenden und darum verurteilten Irrlehrer. Damit folgt unser Text dem Vorbild früherer Konzilien, beginnend mit dem Chalcedonense (451), die in je verschiedener Form ebenso verfahren sind.15

Zudem enthält unsere Encyclica ausführliche Formulierungen der christologischen und trinitätstheologischen Aussagen namentlich des 2. und 3. Constantinopolitanums (553 und 680).16

Schließlich bedroht der Papst jeden mit dem Anathem, der es wagen sollte, etwas dieser evangelischen Überlieferung oder dem orthodoxen Glauben und der Unversehrtheit der christlichen Religion Entgegengesetztes zu behaupten.

Dieses Glaubensbekenntnis sei abgelegt worden, damit die vollkommene Aufrichtigkeit unseres Glaubens der Klarheit eures Glaubens umso deutlicher aufscheine – ut sinceritas perfectae nostrae (sc. Fidei vestrae) claritati manifestius clareat. Nun legt der Papst diese Urkunde mit seiner Unterschrift versehen am Grab des hl. Petrus nieder.17

Wie lange dieser Brauch geübt wurde, ist schwer festzustellen. Jedenfalls hat Kardinal Deusdedit den Text in seine Collectio canonum aufgenommen, die er in den Jahren 1083-1087, also zur Zeit Gregors VII., veröffentlicht hat.18

II.

Es dauerte indes lange, ehe man sich um die Wende zum 15. Jahrhundert dieses Brauches, dieses Textes wieder erinnerte. Die Kirche war seit dem 20. September 1378 durch das sogenannte Abendländische Schisma zuerst in zwei, dann, nach dem Fehlschlag eines Konzils zu Pisa im Jahre 1409, in drei Blöcke – Obedienzen – zerbrochen. Am Vorabend des Konzils von Konstanz, das die Einheit wiederherstellen sollte, griffen die Reformer auf eine „Professio fidei“ zurück, deren Wortlaut man – fälschlich – Bonifaz VIII. (1294-1303) zuschrieb.19 In Wirklichkeit handelte es sich um einen damals ad hoc formulierten Text, der auf Vorlagen aus dem Liber Diurnus beruhte. Das so zustande gekommene Formular eines päpstlichen Glaubensbekenntnisses legte man denn auch den Beratungen  des  Konstanzer  Reformatoriums  zu  Grunde20,  als  deren  Ergebnis das Konzil am 9. Oktober 1417 in seiner 39. Sitzung das Dekret „Quanto Romanus Pontifex“ verbschiedete:21

„Je herausragender die Gewalt des Papstes unter den Sterblichen ist, desto mehr ziemt es sich für ihn, daß er durch klare Bande des Glaubens und durch die Beachtung der Regeln bei der Feier der kirchlichen Sakramente gebunden ist. Damit also beim künftigen römischen Bischof schon in den ersten Anfängen seiner Kreation der volle Glaube in seiner einzigartigen Leuchtkraft erstrahle, bestimmen und verordnen wir, daß hinfort jeder zum römischen Bischof zu Wählende vor der öffentlichen Verkündigung seiner Wahl folgendes feierliche Bekenntnis ablegt: Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Im Jahre eintausend usw. Nach der Geburt unseres Herrn bekenne ich, N. N., nach meiner Wahl zum Papst vor dem allmächtigen Gott, dessen Kirche ich  unter seinem Schutz zur Leitung übernehme, und vor dem seligen Erstapostel Petrus feierlich mit Herz und Mund: Solange ich in meiner Zerbrechlichkeit hier auf Erden lebe, werde ich den katholischen Glauben standhaft bekennen und festhalten gemäß den Überlieferungen der Apostel, der Generalkonzilien und der übrigen heiligen Väter, besonders aber der heiligen acht Universalkonzillien, nämlich erstens des Konzils von Nicaea, zweitens des Konzils von Konstantinopel, drittens des Konzils von Ephesus, viertens des Konzils von Chalkedon, fünftens und sechstens der Konzilien von Konstantinopel, siebtens des Konzils von Nicaea und achtens des Konzils von Konstantinopel, dann aber auch der Generalkonzilien im Lateran, von Lyon und Vienne.

Ich werde diesen Glauben bis zum kleinsten Häkchen unversehrt bewahren und ihn mit Leib und Leben bekräftigen, verteidigen und predigen. Ich werde auch die in der katholischen Kirche überlieferte Form der Feier der kirchlichen Sakramente in jeder Hinsicht befolgen und beachten.

Dieses mein feierliches Bekenntnis, auf mein Geheiß vom Notar und Skriniar der heiligen römischen Kirche geschrieben, habe ich eigenhändig unterzeichnet. Ich bringe es dir, dem allmächtigen Gott, mit reinem Sinn und demütigem Gewissen auf dem Altar N. N. aufrichtig dar. In Gegenwart folgender Personen ….. Geschehen am usw.“

Dieser Text ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Vergleicht man ihn mit der Vorlage im Liber diurnus und mit den Entwürfen des Konstanzer Reformausschusses22, fällt auf, daß von den Kompetenzansprüchen der Kardinäle und anderen die in Entwürfen enthaltenen, die Kirchenregierung betreffenden rechtlichen Themen im Konstanzer Dekret nichts mehr zu finden ist.

Besonders fällt nun ins Auge, daß im Unterschied zu den Formularen des Liber Diurnus in der Konstanzer Professio fidei keine Glaubensinhalte – wie etwa Trinität oder Inkarnation – Gegenstand des Bekenntnisses sind. Es werden hier vielmehr nur Autoritäten aufgelistet, die den apostolischen Glauben dargelegt und gegenüber den verschiedenen im Laufe der Zeit aufgetretenen Irrtümern abgegrenzt haben, und eben diesen Glauben verbürgen. Darum genügte es, sich in diesem eher theologisch-technischen Text auf Autoritäten zu berufen.

Diese sind die Apostolische Tradition, Allgemeine Konzilien und „andere heilige Väter“. Im Einzelnen geht es um die acht ökumenischen Konzilien des Altertums – unter die merkwürdigerweise das Konzil von 869/70 gezählt wird – denen das Lateranense IV., das II. Konzil von Lyon 1276 und das Konzil von Vienne 1311/12 gleichgeordnet werden. Daß bei dieser Aufzählung die ersten drei Lateranensia und das 1. Lugdunense (1245) fehlen, soll nicht bedeuten, daß man diese nicht als ökumenisch betrachtet hätte: Es war vielmehr die Tatsache, daß auf ihnen keine Glaubensfragen entschieden wurden, der Grund dafür, daß sie in einem Glaubensbekenntnis nicht zu nennen waren.23

Nun also hatte der Neugewählte zu bekennen und zu beschwören, daß er den von diesen Konzilien etc. verkündeten Glauben bis zum kleinsten Buchstaben bekräftigen, predigen und verteidigen werde bis aufs Blut. Dasselbe verspricht er bezüglich der Sakramente und deren in der katholischen Kirche überliefertem Ritus.

Nun ist zum näheren Verständnis dieses Dekrets zu beachten, daß es in einer Situation formuliert und verabschiedet wurde, die durch heftige Spannungen im Verhältnis von Primat, Kardinälen und Episkopat charakterisiert war. Diese finden Ausdruck in der Einleitung des Dekrets. Dort wird einerseits die unter Sterblichen einmalige Gewaltenfülle des Papstes hervorgehoben, zugleich aber betont, daß er eben deswegen durch die Bande des Glaubens gebunden und zur Beobachtung des Ritus der kirchlichen Sakramente verpflichtet sei. „Damit aber beim künftigen Römischen Bischof … der volle Glaube in seiner einzigartigen Leuchtkraft erstrahle“, habe er beim Amtsantritt das oben genannte Glaubensbekenntnis abzulegen. Der Papst steht also nicht über ihr, sondern in der Kirche, auch er ist Glaubender unter Gläubigen.

Das auf Konstanz folgende Konzil von Pavia-Siena (1423/24) hat das Thema der Professio fidei Papae nicht noch einmal aufgegriffen, wohl aber tat dies das Konzil von Basel und zwar in seiner 23. Sitzung vom 26. März 1436 – also vor dem Bruch mit Papst Eugen IV.

In dieser Sitzung, die dem Thema der „Reform des Hauptes“ gewidmet war, wurde zunächst der Konstanzer Text wiederholt, wobei der Reihe der verbindlichen Konzilien das gegenwärtig tagende Basiliense hinzugefügt wurde. Dann aber auch das Versprechen, den katholischen Glauben zu schützen, Häresien und Irrtum zu bekämpfen sowie für Sittlichkeit und Frieden im christlichen Volk Sorge zu tragen. Ebenso verspricht der Papst – offenbar in Befolgung des Konstanzer Dekrets Frequens –, die Reihe der Konzilien fortzusetzen.

Nun aber folgt eine Neuerung: Diese seine Professio fidei und die dazugehörigen Versprechen sollten dem Papst jeweils an seinem Wahl- bzw. Krönungstag in  der Messe vom Ersten der Kardinäle laut vorgelesen, ja vorgehalten werden. So sollte der Papst an das erinnert werden, was er einst bei seiner Wahl bekannt und gelobt hatte. Es ist eine lange, ausführliche, eindrucksvolle Ermahnung an den Papst, der nicht vergessen solle, daß er die Stelle dessen vertritt, der sein Leben für seine Schafe hingegeben hat.24

Obgleich nun dieses Dekret mit aller Autorität, die einem Konzilsdekret zukommt, ausgestattet war, hat es dennoch keine historische Wirkung gezeitigt. Es ist auch nicht in die kirchenrechtliche Überlieferung oder Gesetzgebung eingegangen. Grund dafür war wohl der Umstand, daß mit der endgültigen Bereinigung des Schismas und der Wiederherstellung der Einheit kein Anlaß mehr gegeben war, das Dekret zu urgieren.

III.

Blicken wir nun zurück, so zeigt es sich, daß alle die erwähnten Professiones fidei der Päpste – jene des Liber Diurnus, die der Konzilien von Konstanz, Basel und Trient wie schließlich jene Pauls VI. jeweils Reaktionen auf ernste, bedrohliche Krisen des Glaubens waren. Antworten der Päpste auf Gefährdungen des genuinen katholischen Glaubens in je gewandeltem historischem Kontext.

Für die im Liber Diurnus enthaltene Professio fidei des zu wählenden und dann des gewählten Papstes wurde der historische Kontext durch die seit dem Konzil von Nicaea (325) nicht mehr zur Ruhe gekommenen christologischen bzw. trinitätstheologischen Auseinandersetzungen und zuletzt den Streit um den Monotheletismus bestimmt. Diese hatten sich in heftigen Konflikten geäußert, und noch das 3. Konzil von Konstantinopel beschäftigt. In dieser Situation wurden die Päpste Leo II. (682) und Benedikt II. (684)25 gewählt – Jahre, in denen mit großer Wahrscheinlichkeit unser Text formuliert wurde. Unter eben diesen Umständen war ein eindeutiges, artikuliertes Glaubensbekenntnis des neugewählten Papstes für die Einheit der Kirche auf der Grundlage des wahren, klar formulierten Glaubens von existentieller Bedeutung.

Unter wesentlich anderen, doch für die Einheit der Kirche gleichermaßen bedeutenden Umständen – nämlich des Schismas – verabschiedete das inzwischen tatsächlich ökumenisch gewordene Konzil von Konstanz am 9. Oktober 1417 sein  Dekret  über  die  vom  neugewählten  Papst  zu  leistende  Professio  fidei Quanto Romanus Pontifex“ samt dem Text dieser Professio.26 Das Konzil befand sich am Vorabend der endlich möglichen Wahl eines neuen, allgemein anerkannten Papstes vor dem – hoffentlich gelingenden – letzten Schritt hin zur Wiedervereinigung der Kirche, mit der nach vier Jahrzehnten der Verwirrungen und Konflikte neue Einheit und Frieden erhofft wurde. Im Rückblick auf diese schlimme Zeit war die Notwendigkeit eines festen Bezugspunktes, in der Gestalt des neuen Papstes, und seines öffentlichen Glaubensbekenntnisses evident. Dieses Dekret – ebenso wie das Dekret „Frequens“ mit seinem Kapitel „Si vero“,  die in der gleichen Sitzung verkündet wurden, – waren Instrumente eines Krisenmanagements, das schließlich zum Erfolg führte.27

In derselben Perspektive ist die Professio fidei Tridentina Papst Pauls IV. zu sehen, die dieser mit der Bulle Iniunctum nobis vom 13. November 1565 der Kirche vorgelegt hat. Dies war der entscheidende Schritt, mit dem der Papst die Kirche aus einer Zeit konfessioneller Verwirrung zu neuer Klarheit des Glaubensbekenntnisses herausgeführt hat. Da, wo die  verantwortlichen  geistlichen wie  weltlichen  Amtsträger,  besonders Priester  und  Lehrer,  den Eid auf dieses Bekenntnis abgelegt hatten, begann der neue Aufschwung der Kirche, die Tridentinische Reform.28

In einer vergleichbaren Situation, nämlich in den Wirren um das rechte Verständnis des 2. Vatikanischen Konzils, da der selige Papst Paul VI. im Rückblick am 30. Juni 1972 sogar beklagen mußte, daß der Rauch Satans bis ins Innere der Kirche eingedrungen sei29, hat er in großer Sorge um die Wahrheit und Klarheit des Glaubens zum Abschluß des „Jahres des Glaubens“ am 30. Juni 1968 sein

„Credo des Gottesvolkes“ verkündet.30 Als erster hat er damit vor Zehntausenden von Gläubigen sein persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt und dieses dann der gesamten Kirche vorgelegt. Es war dies auf dem Höhepunkt der 1968er-Kulturrevolution, die auch in der Kirche tiefgreifende Auswirkungen hatte. Diese gingen so weit, daß es auf dem Deutschen Katholikentag desselben Jahres zu Essen31 zu wütenden Demonstrationen gegen die Enzyklika Pauls VI. Humanae vitae kam (25.7.1968) – ein lehramtliches Dokument, dessen prophetischer Charakter, dessen providentielle Bedeutung seither mehr und mehr erkannt werden.

Wieder einmal in der Geschichte hatte sich die Unerschütterlichkeit des Felsens Petri, hatte sich die Cathedra Petri als Leuchtturm über der Brandung der Zeitirrtümer erwiesen.

IV.

Wer immer diesen historischen Befund im Lichte unserer Gegenwart bedenkt, mag sich fragen, welche Folgerungen sich daraus für die Kirche unserer Tage ergeben könnten.

 

Anmerkungen

  1. Zum Verhältnis Papst–Kirche vgl. umfassend G. Müller, Der Papst – Sendung und Auftrag, Freiburg i. Br. 2017.
  2. G. Buschbell, Die Professiones fidei der Päpste, in: Römische Quartalschrift 10 (1896) 251-297; 421-450. Eine Reihe von Beispielen findet sich bei Ph. JAFFÉ, Regesta Romanorum Pontificum, 2. Aufl. hrsg. v. S. Löwenfeld, F. Kaltenbrunner, P. E. Wahl, I Leipzig 1885.
  3. Die Synodica (sc. Epistula), mit der Gregor seine Wahl anzeigt (Februar 591): CCSL 140, 22-32, hier 32.
  4. Ibidem.
  5. Buschbell 264.
  6. Zu diesem Begriff vgl. P. Conte, Il „Consortium fidei Apostolicae“ tra Vescovo di Roma e vescovi nel secolo VII, in: Il primato del Vescovo di Roma nel primo millennio, ed. M. Maccarrone (= Pontificio Comitato di Scienze Storiche) 1991, 363-431.
  7. Vgl. Th. FRENZ, Papsturkunden des Mittelalters und der Neuzeit, Stuttgart 22000, 50f.: I documenti pontifici nel medioevo e nell’età moderna, Città del Vaticano 1989; Repertorium fontium historiae medii aevi, VII Romae 1997, 260f.
  8. H. Foerster, Liber Diurnus Romanorum Pontificum, Bern 1958, 221-231.
  9. Conte 416f. Zu Benedikt II. vgl. O. Bertolini, in: Enciclopedia dei Papi, I Roma 2000, 621-624; G. Kreuzer, Die Honoriusfrage im Mittelalter und in der Neuzeit (= Päpste und Papsttum 8) Stuttgart 1975f.
  10. Foerster 421-424. Der Text endet: „…Ego qui supra xx indignus presbiter et dei gratia electus huius apostolicae sedis rome ecclesiae hanc professionem meam … faciens et ius iurandum corporaliter offerens tibi beatae petre apostolorum princeps pura mente et conscientia obtulit.“ Man beachte das fehlerhafte Latein dieser Texte! Der Begriff „Indiculum“ ist wohl eine späte Nebenform von Indiculus, was indes „Verzeichnis“ bedeutet.
  11. „Sacrosque canones et constituta pontificum nostrorum ut divina et caelestia mandata.“
  12. Conte 416.
  13. Foerster 224-231.
  14. „Evangelicae tamen atque apostolicae fidei salutaris integritas inlibata… in nobis est“
  15. Vgl. Conciliorum oecumenicorum generaliumque Decreta… = COGD I 133-138.
  16. COGD I 175-188; 195-202.
  17. Foerster, 221.
  18. Repertorium fontium historiae medii aevi IV (1976) 182.
  19. Vgl. Ph. H. Stump, The Reforms of the Council of Constance (1414-1418), Leiden – New York – Köln 1994, 115f. Der Bonifaz-Text ebd. 321-323.
  20. Zum Gang der Verhandlungen Stump 125-127.
  21. Stump 388; COGD II/1 (2013) 614f. Der deutsche Text: Dekrete der oekumenischen Konzilien II, Hrsg. V. J. Wohlmuth etc., Paderborn 2000, 442.
  22. Vgl. Stump, 321-323.
  23. Zu diesem Problem W. Brandmüller, Zum Problem der Ökumenizität von Konzilien, in: Annuarium Historiae Conciliorum 41(2009) 275-312, hier 309.
  24. COGD II/2 965-968.
  25. Susi, in: EP I 617-620; Bertolini, in: EP I 621-624.
  26. COGD II/1 614f.
  27. Zum Kontext: W. Brandmüller, Das Konzil von Konstanz 1414-1418, II Paderborn etc.; Text der Dekrete: COGD II/1 608f. – 610 – 614; vgl. Brandmüller, Konstanz II 335- 355.
  28. Text: Denzinger – P. Hünermann, Enchiridion symbolorum etc., Friburgi i. Br. 37 1991, 587-589.
  29. Homilie Pauls VI. vom 29.6.1972.
  30. Acta Apostolicae Sedis 60 (1968) 433-445; N. Suffi (a cura), Tutti i principali documenti, Latino-Italiano, Vaticano 2002, 912ff.
  31. Vgl. D. A. Seeber – G. Adler, Katholikentag im Widerspruch. Ein Bericht über den 82. Katholikentag in Essen, Freiburg 1968.

 

Walter Kardinal Brandmüller lehrte Neuere und Mittelalterliche Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg und war von 1998 bis 2009 Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft in Rom.

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Quelle: PDF-Datei „Der Papst: Glaubender – Lehrer der Gläubigen“

 

Kardinal Müller wirbt für Dialog mit konservativen Kardinälen

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat neuerlich für einen Dialog mit konservativen Kirchenvertretern in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen geworben. Im Gespräch mit der italienischen Zeitung „il Foglio“ regte Müller ein Treffen mit den Kardinälen Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller und Carlo Caffarra an, bei dem offen über die strittigen Themen gesprochen werden solle. Er habe „bis heute nur Schmähungen und Beleidigungen gegen diese Kardinäle gehört“, sagte Müller. Dies sei „weder die Art noch der Ton, um weiterzukommen“. Die drei Genannten sowie der inzwischen verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner hatten von Papst Franziskus Klarstellungen zu einem möglichen Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene verlangt und Kritik am Papstschreiben „Amoris laetitita“ (2016) geübt.

Müller, bis Anfang Juli Präfekt der Glaubenskongregation, wies eine Kategorisierung in Freund oder Feind des Papstes zurück. „Für einen Kardinal ist es absolut unmöglich, gegen den Papst zu sein“, sagte er. Nichtsdestoweniger hätten Bischöfe „das – ich würde sagen – göttliche Recht, frei zu diskutieren“.

Mit Blick auf die Nichtverlängerung seiner fünfjährigen Amtszeit an der Spitze der Glaubenskongregation sagte Müller, er sei „immer gelassen“ gewesen. Seine Aufgaben habe er über das nötige Maß hinaus erfüllt. Vor allem habe er sich stets loyal gegenüber dem Papst verhalten, „wie es unser Glaube verlangt“. Neben Papsttreue habe er auch theologische Kompetenz eingebracht; darum sei seine Loyalität „nie bloße Lobhudelei“ gewesen.

Papst Franziskus hatte dem 69 Jahre alten deutschen Kardinal kurzfristig bekannt gegeben, dass er seinen Dienstvertrag nicht verlängern werde. Müller will eigenen Angaben zufolge in Rom bleiben und sich der Theologie und der Seelsorge widmen.

(kna 21.07.2017 gs)

Vatikan: „Keine öffentliche brüderliche Zurechtweisung“

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Amoris Laetitia – immer noch in der Debatte

Der deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller kann sich keine „brüderliche Korrektur“ von Kardinälen dem Papst gegenüber in der Öffentlichkeit vorstellen. Das sagte er jetzt dem Internetportal „Vatican Insider“. Es gebe auch kein Ultimatum gegenüber Franziskus. Brandmüller ist einer der Unterzeichner eines Briefs von vier Kardinälen an den Papst. Darin werden „dubia“, Zweifel, zu mehreren Punkten im Papstschreiben Amoris Laetitia aufgeworfen. Es geht u.a. um die Frage, ob nun wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen zu den Sakramenten gehen dürfen oder nicht.

Der deutsche Kardinal, ein früherer Präsident der vatikanischen Historikerkommission, äußerte sich zu einem Interview, das US-Kardinal Raymond Leo Burke – ebenfalls ein Unterzeichner des „dubia“-Briefs – kürzlich gegeben hat. Burke habe „nicht gesagt, dass eine eventuelle brüderliche Korrektur, wie sie etwa im Galaterbrief (2,11-14) angesprochen wird, öffentlich zu erfolgen hat“, so Brandmüller. Der US-Kardinal habe auch „kein Ultimatum ausgesprochen, sondern lediglich gesagt, man solle jetzt erstmal an Weihnachten denken und danach dann diese Frage angehen“.

Eine eventuelle „brüderliche Korrektur“ des Papstes durch Kardinäle solle nicht öffentlich, sondern „in camera caritatis“ erfolgen, gibt Brandmüller Burkes Absicht wieder. Burke handle mit diesem Vorschlag „vollkommen autonom“; es könne allerdings sein, dass andere Kardinäle ähnlich dächten. Wörtlich sagte Brandmüller: „Wir Kardinäle warten auf eine Antwort auf die Zweifel. Ein Ausbleiben der Antwort könnte in weiten Teilen der Kirche als Weigerung gedeutet werden, sich klar und deutlich zur überlieferten Lehre zu bekennen.“

Zur Tatsache, dass das Schreiben der vier Kardinäle an den Papst veröffentlicht worden ist, erläuterte der Kardinal: „Die „dubia“ sollen die Debatte in der Kirche fördern, und das geschieht ja auch.“

(vatican insider 27.12.2016 sk)

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Quelle

Vier Kardinäle bitten Papst um Klärung zu Wiederverheirateten

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Amoris Laetitia

Vier Kardinäle haben offenbar an Papst Franziskus appelliert, mehr Klarheit über den kirchlichen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen zu schaffen. Nach dem päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“ gebe es „eine ernste Verunsicherung vieler Gläubiger und eine große Verwirrung“, heißt es in einem Brief, den mehrere Online-Medien am Montag im Wortlaut veröffentlichten.

Auch unter Theologen und Bischöfen gebe es einander widersprechende Interpretationen. Die Unterzeichner bitten den Papst, „die Ungewissheiten zu beseitigen und Klarheit zu schaffen“. Sie selbst lassen Zweifel daran erkennen, dass eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen nun möglich sei.

Die angeblich vier Unterzeichner sind der frühere Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller, der frühere Erzbischof von Bologna, Carlo Caffarra, und US-Kardinal Raymond Leo Burke, der geistliche Patron des Malteserordens. Das im April veröffentlichte päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ bildete den Abschluss der beiden Bischofssynoden über Ehe und Familie.

Die Unterzeichner betonen, dass sie keine „Gegner des Heiligen Vaters“ seien. Ihre Anfrage entspringe vielmehr „der tiefen kollegialen Verbundenheit mit dem Papst und aus der leidenschaftlichen Sorge für das Wohl der Gläubigen“. Sie legen dem Papst insgesamt fünf Punkte mit Bitte um Klärung vor. Hierbei geht es neben dem Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene auch um grundsätzliche Fragen, etwa ob die von Johannes Paul II. (1978-2005) verkündete Lehre von ausnahmslos gültigen absoluten moralischen Normen weiter Bestand hat.

(kna 14.11.2016 sk)

Siehe auch: