Ehe und Familie in Casti Connubii und Humanae Vitae

Bild: siehe: katholisch-informiert.ch

Michael F. Hull

Die Kirche hat sich seit jeher mit Ehe und Familie befasst. Die Jahrhunderte hindurch hat sie unbeirrt die Unauflöslichkeit der Ehe verteidigt, unabhängig davon ob diese von sekulären oder religiösen Glauben gefährdet wurde; auch im 19. und 20. Jahrhundert hat sich die Kirche weiterhin für Ehe und Familie eingesetzt. Liest man die Zeichen ihrer Zeit, so haben Papst Pius XI. in Casti Connubii (31.Dezember 1930) und Papst Paul VI. in Humanae Vitae (25.Juli 1968), die Heiligkeit der Ehe und der Familie angesprochen, mit besonderer Hervorhebung der grössten Gefährdung der sie in diesen Zeiten ausgesetzt ist: die künstliche Geburtenkontrolle.

In modernen Zeiten kann die schrittweise Akzeptanz der künstlichen Geburtenkontrolle, die ein Hieb ins Herz von Ehe und Familie ist, an Hand eines Blicks auf die Anglikanische Gemeinschaft erklärt werden. 1908 beschrieb die Lambeth Konferenz der Anglikanischen Bischöfe die künstliche Geburtenkontrolle als „demoralisierend für und entgegengesetzt dem nationalen Wohlergehen“ (Resolution 41; vgl. nr. 42-43). 1930 gestattete die Lambeth Konferenz die Verwendung der künstlichen Geburtenkontrolle, wobei der Einsatz derselben „von christlichen Prinzipien“ bedingt sein sollte (Resolution 15; vgl. nr 13+17), aber Lambeth anerkannte auch, dass die Verwendung von empfängnisverhütenden Mitteln zu mehr Unzucht führen würde und empfahl einen kontrollierten Verkauf davon (Resolution 18). 1959 schliesslich verkündete Lambeth, dass Eltern das Recht und die Verantwortung haben über die Anzahl ihrer Kinder zu entscheiden, unter „weiser Beachtung der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Familie, ebenso unter der bedachten Berücksichtigung der verschiedenen Erfordernisse und Probleme der Gesellschaft und der Forderungen zukünftiger Generationen“ (Resolution 115, vgl nr 113). Mit anderen Worten, Lambeth veränderte seine Stellungnahme von einem anfänglichen Verbot der künstlichen Geburtenkontrolle soweit, dass sie praktisch dazu überging sie zu empfehlen. Mutati mutandis , war die Gesellschaft der gleichen Ansicht. In den jeweiligen historischen Zusammenhängen reagierten Pius und Paulus sehr schnell mit der Bekräftigung der unabänderlichen Wahrheit über Ehe und Familie.

Ehe

Die Ehe ist eine göttliche Institution. Pius schreibt: „Wenn nun aber auch die Ehe ihrem Wesen nach von Gott stammt, so hat doch auch der Wille des Menschen, und zwar in hervorragender Weise, seinen Anteil an ihr. Denn die einzelne Ehe entspringt, sofern sie die eheliche Verbindung zwischen diesem Mann und dieser Frau ist, dem freien Jawort der beiden Brautleute.“(CC5) Natürlich ist der freie Wille und die Bereitschaft der Brautleute erforderlich um eine Ehe zu verwirklichen, denn „diese freie Willensentscheidung, durch die jeder Teil das der Ehe eigentümliche Recht gibt und nimmt, ist zu einer wahren Eheschließung derart notwendig, dass sie durch keine menschliche Macht ersetzt werden kann“. (CC6) Paulus schreibt, dass „weit davon entfernt, das bloße Produkt des Zufalls oder Ergebnis des blinden Ablaufs von Naturkräften zu sein, ist die Ehe in Wirklichkeit vom Schöpfergott in weiser Voraussicht so eingerichtet, dass sie in den Menschen seinen Liebesplan verwirklicht. Darum streben Mann und Frau durch ihre gegenseitige Hingabe, die ihnen in der Ehe eigen und ausschließlich ist, nach jener personalen Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig vollenden, um mit Gott zusammenzuwirken bei der Weckung und Erziehung neuen menschlichen Lebens. Darüber hinaus hat für die Getauften die Ehe die hohe Würde eines sakramentalen Gnadenzeichens, und bringt darin die Verbundenheit Christi mit seiner Kirche zum Ausdruck“ (HV8).

Den Hl Augustin zitierend (De Genesi ad litteram, Bd 9, Kap 7, nr 12) identifiziert Pius die drei Gaben der Ehe in der Nachkommenschaft, der ehelichen Treue und in der Gnade des Sakramentes (CC nr10). Die erste und vorrangige Gabe ist die Zeugung von Kindern (CC nr. 11-18; vgl Gen 1:28 und 1 Tim 5:14). Durch die Zeugung der Kinder werden Mann und Frau zu Helfern Gottes in der Fortführung des menschlichen Geschlechts. Sie übernehmen die Aufgabe der Hütung und Erziehung der Kinder. Das edle Wesen der Ehe übergibt Gottes neue Kinder in die Hände der Eltern.

Die zweite Gabe der Ehe ist die gegenseitige Treue der Eheleute (CC19). In der Ehe sind Mann und Frau so eng zu einer Einheit verbunden, dass sie „ein Fleisch“ werden (Matt 19:3-6 und Eph 5:25; Col 3:19 und CC nr 20-30). Paulus sagt über die Ehe: „Weiterhin ist es Liebe, die aufs Ganze geht; jene besondere Form personaler Freundschaft, in der die Gatten alles grossherzig miteinander teilen, weder unberechtigte Vorbehalte machen noch ihren eigenen Vorteil suchen. Wer seinen Gatten wirklich liebt, liebt ihn um seiner selbst willen, nicht nur wegen dessen, was er von ihm empfängt. Und es ist seine Freude, dass er durch seine Ganzhingabe bereichern darf. (HV9)

Die dritte Gabe der Ehe ist die sakramentale Gnade. Christus erhob die Institution der Ehe zum Sakrament, wo diese zwischen zwei getauften Menschen geschlossen wird, – also zu einer heiligenden Gnade und zur Darstellung der Einheit Christi mit der Kirche (vgl CC nr 31-43); und HV nr 8). Wie der Hl Paulus auf Gen 2:24 Bezug nehmend schreibt, „keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis, ich beziehe es auf Christus und die Kirche. (Eph 5:29-32) Und Pius sagt: „Die Gläubigen öffnen sich deshalb von selbst dadurch, dass sie sich aufrichtigen Sinnes das Jawort geben, die Schatzkammer der sakramentalen Gnade, um daraus die übernatürlichen Kräfte zu schöpfen, die sie befähigen, ihre Pflichten und Aufgaben treu, heilig und beharrlich bis zum Tode zu erfüllen.“ (CC 43; vgl HV nr 8+9)

Diese drei Gaben – die Zeugung der Kinder, die eheliche Treue und, für die Getauften, die sakramentale Gnade – sind die untrennbaren und grundlegenden Elemente der Ehe. Da das Thema des Tages weder Treue noch Gnade war, haben Pius und Paulus nocheinaml das Übel der künstlichen Geburtenkontrolle hervorgehoben, die die wichtigste Gabe der Ehe bedroht und zerstört. Noch einmal greift Pius auf den Hl Augustinus zurück, der schreibt: „Geschlechtsverkehr mit dem legitimen Ehegatten ist unrechtmässig und verwerflich wenn die Zeugung der Nachkommenschaft verhindert wird. Onan, der Sohn Judas, tat dies und der Herr tötete ihn dafür“ (De adulteris conjugiis Bd 2, nr.12; vgl Gen 38:8-10; CC nr 55; HV nr 11-14).

Seinen Blick auf Lambeth 1930 und ähnlichen Stellungnahmen richtend, sagt Pius: „Da nun noch vor kurzem einige in offenkundiger Abweichung von der in ununterbrochener Folge von Anfang an überlieferten christlichen Lehre geglaubt haben, amtlich und feierlich über solches Tun anders lehren zu sollen, erhebt die katholische Kirche, von Gott selbst zur Lehrerin und Wächterin der Unversehrtheit und Ehrbarkeit der Sitten bestellt, inmitten dieses Sittenverfalls, zum Zeichen ihrer göttlichen Sendung, um die Reinheit des Ehebundes von solch schimpflicher Makel unversehrt zu bewahren, durch Unseren Mund laut ihre Stimme und verkündet von neuem: Jeder Gebrauch der Ehe, bei dessen Vollzug der Akt durch die Willkür der Menschen seiner natürlichen Kraft zur Weckung neuen Lebens beraubt wird, verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur, und die solches tun, beflecken ihr Gewissen mit schwerer Schuld“ (CC nr 48). Das Ergebnis dieser schweren Sünde ist die Vereitelung des wahren Ehebundes, und demzufolge, das Ende der Familie.

Die Familie

Auch die Familie ist eine göttliche Institution, denn aus der Ehe heraus entsteht die Familie. Die Familie entsteht durch den Ausdruck der Liebe im Vollzug der Ehe, ein Akt, der immer gleichzeitig vereinend (Liebe) und zeugend (Leben) ist. Sollte im ehelichen Akt entweder die vereinende oder die zeugende Dimension fehlen, so folgen der Zerfall der Ehe und, gezwungenermassen, der Familie. Jede Frustration oder Unterdrückung des Lebens-erzeugenden Potential eines Menschen innerhalb des ehelichen Aktes wirkt sich nicht nur auf die prokreative Dimension der Ehe aus, sondern auch auf die vereinende. „Jede Sünde, die in Bezug auf die Nachkommenschaft begangen wird, ist in gewissem Sinne auch eine Sünde gegen die eheliche Treue, da diese beiden Gaben eng miteinander verbunden sind“ (CC nr 72). Verliert man eine der beiden, so sind beide Gaben verloren.

Die Familie muss sich ganz dem Willen Gottes hingeben, was die Anzahl der Kinder anbelangt, die ihr geschenkt werden. Besonders schädlich ist die Auffassung, der nach eine Familie dem Leben als solches gegenüber offen zu sein hat, dass aber jeder eheliche Akt der Ehegatten dies nicht zu sein braucht. Mit anderen Worten, mehr als durch Abstinenz oder Berücksichtigung der natürlichen biologischen Rhythmen, behindern die Eheleute einen Teil oder ihre gesamten ehelichen Beziehungen durch die künstliche Geburtenkontrolle, sich somit zu Richtern über das Leben erhebend, an Gottes statt. Leider führt eine falsche Prioritätenordnung – die oft mit wirtschaftlichen oder sozialen Sorgen begründet wird, von denen viele missverstandene Forderungen falscher Philosophien und des Säkular-Humanismus sind – dazu, dass die Eheleute vergessen ihre vorrangige Priorität, die Anerkennung ihrer Pflichten vor Gott, dem Richter über das Leben, zu achten. „Daraus folgt, dass sie bei der Aufgabe, das Leben weiterzugeben, keineswegs ihrer Willkür folgen dürfen, gleichsam als hinge die Bestimmung der sittlich gangbaren Wege von ihrem eigenen und freien Ermessen ab. Sie sind vielmehr verpflichtet, ihr Verhalten auf den göttlichen Schöpfungsplan auszurichten, der einerseits im Wesen der Ehe selbst und ihrer Akte zum Ausdruck kommt, den anderseits die beständige Lehre der Kirche kundtut „(HV 10).

Doch die Lehre der Kirche ist unmissverständlich: Jeder einzelne eheliche Akt muss zur Entstehung neuen Lebens führen können. Nur mit dieser Bereitschaft sind die vereinenden und prokreativen Aspekte der Ehe unvergleichlich; nur durch diese Bereitschaft vereinen sich Ehemann und Ehefrau wahrhaft in Gott, auf dass neues Leben in der Welt entstehen kann und die sie verbindende Liebe gestärkt werde, in der Kinder in Heiligkeit und Wahrheit gehütet und erzogen werden.

Nur ein unbedingter Gehorsam der natürlichen Gesetze gewährleistet wahre Ordnung und Wohlergehen der menschlichen Familie und der Gesellschaft insgesamt. Da die einzelnen Familienkerne die Bausteine, ja die Zellen der menschlichen Gesellschaft sind, ebnet ihre Integrität den Weg für und bestimmt das Wohlergehen der menschlichen Gesellschaft im Allgemeinen. Da die Familie und die menschliche Gesellschaft dem Staat untergeordnet sind, baut auch das Wohlergehen des Staates auf ihnen auf. Das Versagen seitens Familien, Gesellschaften und Staaten in der Beachtung des Naturgesetzes in Bezug auf die Gabe der Zeugung innerhalb der Ehe, führt zur moralischen Dekadenz. Im 21. Jahrhundert ist die trennende Unterscheidung zwischen vereinendem und prokreativem Wesen der menschlichen Sexualität ein vorherrschender Faktor in einer Reihe von moralischen Übeln: Scheidung, Ehebruch, Unzucht, Homosexualität, Sterilisation, Genmanipulation und Mutilation (z.B. in vitro Befruchtungen und menschliches Klonen), Abtreibung und Kindermord (euphemistisch „Teilgeburt-Abtreibung“ genannt). Doch nicht nur diese, denn aus diesen primären Übeln entsteht ein Übermass sekundärer psychologischer und soziologischer Behinderungen, wie Persönlichkeitspaltung, soziale Ausgrenzung, und ein alles umfassendes Gefühl von Ziellosigkeit und Wertlosigkeit im menschlichen Bestehen. Durch die in unserer zeitgenössischen Welt immer grösser werdende Trennung zwischen dem vereinenden und dem prokreativen Aspekt der Ehe, steigert sich das Potential einer moralischen Degeneration exponentiell, jenes von Sodom und Gomorrah übertreffend.

Damit soll jedoch nicht gesagt werden, dass es einfach ist, Gottes Willen zu gehorchen. Die andauernde Tradition der Kirche, durch Pius und Paulus im Wortlaut der Enzykliken festgehalten, anerkennt, dass die Gott-gegebenen Rechte und grossen Verantwortungen eine Herausforderung sind. Die Familie hat das Recht auf die Unterstützung der Gesellschaft und des Staates (CC nr. 69-77; und HV nr. 22+23). Die moralische und konkrete Unterstützung der Gesellschaft und des Staates zugunsten der Familie ist nicht nur eine Angelegenheit von Barmherzigkeit, sondern der Gerechtigkeit. Die Last, die von den Familien bei der Hütung und Erziehung der Kinder getragen wird, ist das einzige Mittel durch das Gesellschaft und Staat eine Zukunft in dieser Welt haben. Und trotz einer so grossen Bürde, die auf ihnen lastet, können die Familien Trost erhalten aus den Worten des Herrn, der sagt „nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“ (Matth. 11:29-30).

Indem sie unablässig ihre Lehre gegen die künstliche Geburtenkontrolle betont, übt die Kirche einen unermesslichen Dienst zugunsten der Menschheit aus. Die Kirche ist dazu verpflichtet, die ihr anvertraute Wahrheit klar und direkt zu formulieren, einschliesslich jener Wahrheiten, die die Menschen, die guten Willens sind durch den rechten Verstand erfassen können. Paul VI. schreibt, dass „die Kirche aber, die es nicht überrascht, dass sie ebenso wie ihr göttlicher Stifter gesetzt ist „zum Zeichen, dem widersprochen wird“, dennoch zu ihrem Auftrag steht, das gesamte Sittengesetz, das natürliche und evangelische, demütig, aber auch fest zu verkünden. Die Kirche ist ja nicht Urheberin dieser beiden Gesetze; sie kann deshalb darüber nicht nach eigenem Ermessen entscheiden, sondern nur Wächterin und Auslegerin sein; niemals darf sie etwas für erlaubt erklären, was in Wirklichkeit unerlaubt ist, weil das seiner Natur nach dem wahren Wohl des Menschen widerspricht.“ (HV nr 18). Indem die Kirche lehrt, dass die künstliche Geburtenkontrolle „schamlos und lasterhaft“ ist (vgl CC nr 54; HV nr.14) sieht sie sich auch „ebenso wie ihr göttlicher Stifter ‚als Zeichen, dem widersprochen wird’ auf dem Weg zur Verdammnis“ (HV nr 18; vgl. Lukas 2:34) den unsere Welt eingeschlagen hat.

Eigentlich befinden wir uns, am Anfang des 21. Jahrhunderts, vor dem moralischen Ruin. Der grassierende Ungehorsam gegenüber den Gottes- und Naturgesetzen in Bezug auf die künstliche Geburtenkontrolle, fordert Rache. Die Vergehungen gegen Ehe und Familie erschrecken die Struktur unserer menschlichen Gesellschaft. Indem wir die Gottesgabe der Zeugungsfähigkeit missachten, bedrohen wir das Überleben unserer Art. Scott Elder unterstreicht in „Europe’s Baby Bust“ (National Geographic, September 2003), dass der Ansicht der Vereinten Nationen nach „die Bevölkerung Europas in den nächsten fünfzig Jahren um mehr als 90 Milionen Menschen schrumpfen wird, ungefähr die doppelte Anzahl von Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges in der gesamten Welt ihr Leben verloren haben.“ Elder verweist auch darauf, dass Europa, mit einer Fertilitätsquote unter 2,1 – die zur Gewährleistung der Erhaltung der bestehenden Bevölkerung erforderliche Quote – wahrscheinlich einen konstanten globalen demografischen Rückgang verursachen wird: „ eine Entwicklung, die man seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr beobachtete, seit der Zeit des Schwarzen Todes, der Pest“: Heute müssen wir vielleicht mehr denn je die Heiligkeit von Liebe und Leben verkünden um nicht das Schicksal Onans zu erleiden, und zwar nicht durch Gottes, sondern durch unsere eigene Hand.

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Quelle

Humanae vitae: Aktualität und Prophetie einer Enzyklika

23 Januar 2018, 13:00
Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: ‚Nur die Augen des Herzens können die Erfordernisse einer großen Liebe erfassen, die fähig ist, die Ganzheit des Menschseins zu umfassen’.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) 1968-2018: das laufende Jahr präsentiert sich als Jahr wichtiger Eckpunkt in der Geschichte der Gegenwart. Nicht nur die sogenannte 68ger-Revolution steht auf dem Programm, sondern auch die Veröffentlichung wichtiger Schriften. Zu diesen gehört die „Einführung in das Christentum“ des jungen Theologen Joseph Ratzinger, der es vier Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil und mitten in den heftigsten Wirren der Nachkonzilszeit für notwendig hielt, wieder in das „einzuführen“, was an und für sich seit fast 2000 Jahren in seiner Dimension bekannt sein sollte. Mit anderen Worten: ein Skandalbuch, das die Notwendigkeit zum Ausdruck bringt, angesichts der sich immer mehr breitmachenden Wirrnis in die Fundamente des Glaubens, des Glaubensbekenntnisses einzudringen.

Wenn nämlich die Christen nicht beim Glaubensbekenntnis anfangen, dann verfälscht sich das Christentum in frömmelnde Deklamation von Überzeugungen, verliert damit jedoch jede Möglichkeit, einen Wahrheitsanspruch vernünftig hören zu lassen. Das „Aufregende“ des „Ich glaube“ bestand für Ratzinger darin, es Fleisch und Blut annehmen zu lassen, den Menschen zur Notwendigkeit der Umkehr zu führen, ihn aus seiner relativistischen und subjektiven, aber armen Sicherheit herauszureißen und ihn dem kosmischen Atem der Kirche und der Geschichte Gottes mit der Menschheit zu übereignen.

Im selben Kontext ist die Eingebung des seligen Papstes Paul VI. zu nennen. Paul VI. versuchte mit dem „Jahr des Glaubens“, das er 1967 anlässlich der 1900-Jahr-Feier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus ausgerufen hatte, und vor allem mit seinem „Credo des Gottesvolkes“ im Jahr 1968 als Akt der obersten Autorität des Nachfolgers des Petrus, dem nachkonzikiaren Dammbruch entgegenzuwirken. Gerade aber im deutschsprachigen Raum fand sein „Symbolon“ kein Gehör und keine Verbreitung.

Paul VI. hatte beabsichtigt, dem katholischen Glauben einen Kompass zu schenken, als er die Glaubenskrise in ihrem machtvollen und von teuflischen Kräften getriebenen Aufstieg kommen sah. Dem Nebel des Satans, den er später als Rauch auch in die Kirche eindringen sah, sollte die Helle des wegweisenden Leuchtturms der Wahrheit entgegengesetzt werden. Denn die Grundpfeiler des katholischen Dogmas und des katholischen Glaubens standen auf dem Spiel.

Und dann „Humanae vitae“, im Symbol-Jahr der „sexuellen Revolution“, die durch die künstliche Empfängnisregelung möglich geworden war. Hinein in den künstlichen Rausch dieses Moments sprach der Papst sein Wort zur ganzheitliche Bedeutung und anthropologischen Dimension der menschlichen Sexualität, die sich weder im Ausleben von relativen Bedürfnissen verwirklicht noch auf eine rein aus der Fortpflanzung kommende Dimension beschnitten werden darf. Der Papst bezahlte seinen dem Zeitgeist diametral entgegengesetzten Mut mit heftigen und auch beleidigenden Anfeindungen in und außerhalb der Kirche. Im mit Häme ausgesprochenen Namen „Pillen-Paul“ fanden sie dann ihre Zusammenfassung. Und in der Tat: der mit „Humanae vitae“ ausgebrochene Sturm ließ Paul VI. seine Einsamkeit und Verlassenheit verspüren, so sehr, dass er in den kommenden zehn Jahren seines Pontifikats keine Enzyklika mehr schreiben sollte.

Und heute? Die Winde haben sich nicht gelegt, dies vor allem nicht in einer Kirche, die nun meint, entsprechend der „konkreten Lebenssituationen“ der Menschen, wie sie in der Welt sind, ihre Lehre formuliere zu können oder zu müssen. Und „Humanae vitae“, vom heiligen Johannes Paul II. und dessen Nachfolger Benedikt XVI. in ihrer prophetischen Dimension erkannt, steht da im Weg. Denn: der anthropologische Entwurf und Anspruch lässt sich nicht auf weltlichen Bedürfnissen entsprechende Haltungen relativieren.

So steht die Enzyklika erneut im Kreuzfeuer, soll nun im Licht von „Amoris laetitia“ gelesen werden, dies mit dem Ziel, objektive ethische und moralische Kriterien auf die Möglichkeit einer subjektiven Befindlichkeit oder „Gewissenssituation“ zu reduzieren. Es wird abzuwarten sein, wie weit sich die „Erneuerer“, die sich nicht scheuen, auch den heiligen Thomas von Aquin zu missbrauchen, vordrängen und wie weit sie es „im Licht“ der Zweideutigkeit eines umstrittenen päpstlichen Dokuments nicht unterlassen werden, eine Theologie und Ethik des „2+2 kann auch mal 5 sein“ vorwärts zu bringen.

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Zehn Jahre sind vergangen, seit es im Jahr 2008 zu verschiedenen Veranstaltungen, Tagungen und Symposien gekommen war, die sich anlässlich des 40. Jahrestages des Veröffentlichung der Enzyklika Papst Pauls VI. „Humanae vitae“ mit den verschiedenen Dimensionen dieser prophetischen Äußerung des Lehramtes auseinandergesetzt hatten.

In seiner Botschaft an die Tagung des Päpstlichen Instituts „Johannes Paul II.“ 
für Studien über Ehe und Familie (Lateranuniversität, Rom), fasste Papst Benedikt XVI. am 2. Oktober 2008 die Grundproblematik der auch innerkirchlich nicht leichten Auseinandersetzung mit „Humanae vitae“ zusammen:

„Wir können uns fragen“, so Benedikt XVI.: „Warum finden es die Welt und auch viele Gläubige heute so schwer, die Botschaft der Kirche zu verstehen, welche die Schönheit der ehelichen Liebe in ihrem natürlichen Offenbarwerden erhellt und verteidigt? Gewiss, die technische Lösung erscheint auch bei den großen menschlichen Fragen oft als die leichteste, aber sie verbirgt in Wirklichkeit die Grundfrage, welche den Sinn der menschlichen Sexualität und die Notwendigkeit einer verantwortlichen Beherrschung betrifft, damit ihre Ausübung Ausdruck personaler Liebe werden kann. Die Technik kann die Reifung der Freiheit nicht ersetzen, wenn die Liebe im Spiel ist. Im Gegenteil, wie wir wohl wissen, ist nicht einmal die Vernunft ausreichend: Es muss das Herz sein, das sieht. Nur die Augen des Herzens können die Erfordernisse einer großen Liebe erfassen, die fähig ist, die Ganzheit des Menschseins zu umfassen.“

Paul VI. habe sagen wollen, so Benedikt XVI. weiterführend in seinem jüngsten Interviewbuch mit Peter Seewald „Licht der Welt“: „Wenn man Sexualität und Fruchtbarkeit grundsätzlich voneinander trennt, wie es durch die Anwendung der Pille geschieht, dann wird Sexualität beliebig. Dann sind in der Folge auch alle Arten von Sexualität gleichwertig. Dieser Auffassung, die die Fruchtbarkeit als etwas anderes betrachtet, womöglich so, dass man die Kinder rational produziert und sie nicht mehr als ein natürliches Geschenk sieht, ist ja auch sehr schnell die Gleichbewertung der Homosexualität gefolgt.“

Benedikt XVI. anerkennt in seiner Botschaft jedoch auch die Tatsache, dass es auf dem Weg des Ehepaares zu schwerwiegenden Umständen kommen kann, die es anraten lassen, die Abstände zwischen den Geburten der Kinder zu vergrößern oder diese gar auszusetzen. Die Nutzung der Kenntnis der natürlichen Fruchtbarkeitsrhythmen der Frau gestatteten es so dem Ehepaar, „das zu verwalten, was der Schöpfer in seiner Weisheit in die Natur des Menschen eingeschrieben hat, ohne den unversehrten Sinn der sexuellen Hingabe zu stören“:

„Auf diese Weise werden die Eheleute in Achtung der vollen Wahrheit ihrer Liebe deren Ausdrucksform in Einklang mit diesen Rhythmen abstimmen können, ohne der Ganzheit der Selbsthingabe etwas zu nehmen, welche die fleischliche Vereinigung zum Ausdruck bringt. Dies erfordert offensichtlich eine Reife der Liebe, die nicht unmittelbar ist, sondern einen Dialog und ein gegenseitiges Aufeinanderhören sowie eine einzigartige Beherrschung des Sexualtriebes auf einem Weg des Wachstums in der Tugend mit sich bringt“.

Botschaft von Papst Benedikt XVI. an den Internationalen Kongress zum Thema „Humanae vitae: Aktualität und Prophetie einer Enzyklika“, 2. Oktober 2008: 

An Msgr. Livio Melina
Dekan des Päpstlichen Instituts »Johannes Paul II.«
für Studien über Ehe und Familie

Mit Freude habe ich erfahren, daß das Päpstliche Institut, dessen Dekan Sie sind, zusammen mit der Katholischen Universität »Sacro Cuore« einen Internationalen Kongreß anläßlich des 40. Jahrestages der Veröffentlichung der Enzyklika Humanae vitae veranstaltet hat. Es handelt sich dabei um ein wichtiges Dokument, das sich mit einem der wesentlichen Aspekte der ehelichen Berufung und dem aus ihr hervorgehenden spezifischen Weg der Heiligkeit auseinandersetzt. Da die Eheleute das Geschenk der Liebe empfangen haben, sind sie dazu berufen, sich ihrerseits vorbehaltlos einander zu schenken. Nur so sind die den Ehegatten eigenen und ausschließlich ihnen vorbehaltenen Akte wirklich Akte der Liebe, die eine echte personale Gemeinschaft bilden, während sie sie ein Fleisch werden lassen. Somit formt die Logik der Totalität der Hingabe die eheliche Liebe in ihrem Innern und wird dank der sakramentalen Ausgießung des Heiligen Geistes das Mittel, um im eigenen Leben eine wahre eheliche Liebe zu verwirklichen.

Die Möglichkeit, neues menschliches Leben zu zeugen, ist in der ganzheitlichen Selbstschenkung der Eheleute inbegriffen. Wenn nämlich jede Form der Liebe darauf ausgerichtet ist, die Fülle zu verbreiten, aus der sie lebt, so hat die eheliche Liebe eine eigene Art, sich mitzuteilen: die Zeugung von Kindern. Demgemäß ähnelt sie nicht nur der Liebe Gottes, die sich mitteilen will, indem sie Menschen ins Leben ruft, sondern hat Anteil an ihr. Diese kommunikative Dimension durch eine auf die Verhinderung der Fortpflanzung ausgerichtete Handlung auszuschließen heißt, die innere Wahrheit der ehelichen Liebe zu leugnen, durch die das göttliche Geschenk mitgeteilt wird: »Will man nicht den Dienst an der Weitergabe des Lebens menschlicher Willkür überlassen, dann muß man für die Verfügungsmacht des Menschen über den eigenen Körper und seine natürlichen Funktionen unüberschreitbare Grenzen anerkennen, die von niemand, sei es Privatperson oder öffentliche Autorität, verletzt werden dürfen« (Humanae vitae, 17). Dies ist der wesentliche Kern der Lehre, die mein verehrter Vorgänger Paul VI. an die Eheleute richtete und die der Diener Gottes Johannes Paul II. seinerseits zu vielen Anlässen bekräftigt hat, indem er deren anthropologisches und moralisches Fundament erhellte.

Im Abstand von 40 Jahren seit der Veröffentlichung der Enzyklika können wir besser verstehen, wie entscheidend dieses Licht für das Verständnis des großen »Ja« ist, das die eheliche Liebe einschließt. In diesem Licht sind die Kinder nicht mehr Gegenstand einer menschlichen Planung, sondern sie werden als eine wahre Gabe anerkannt, die in einer Haltung verantwortlicher Großherzigkeit Gott gegenüber anzunehmen ist, der ersten Quelle des menschlichen Lebens. Dieses große »Ja« zur Schönheit der Liebe bringt gewiß die Dankbarkeit mit sich, sowohl der Eltern, wenn sie das Geschenk eines Kindes empfangen, als auch des Kindes in dem Wissen, daß sein Leben einer so großen und Geborgenheit schenkenden Liebe entspringt.

Anderseits ist es wahr, daß es auf dem Weg des Ehepaares zu schwerwiegenden Umständen kommen kann, die es anraten lassen, die Abstände zwischen den Geburten der Kinder zu vergrößern oder diese gar auszusetzen. Und an dem Punkt wird die Kenntnis der natürlichen Fruchtbarkeitsrhythmen der Frau für das Leben der Eheleute wichtig. Die Beobachtungsmethoden, die es dem Ehepaar erlauben, die Perioden der Fruchtbarkeit zu bestimmen, gestatten es ihm, das zu verwalten, was der Schöpfer in seiner Weisheit in die Natur des Menschen eingeschrieben hat, ohne den unversehrten Sinn der sexuellen Hingabe zu stören. Auf diese Weise werden die Eheleute in Achtung der vollen Wahrheit ihrer Liebe deren Ausdrucksform in Einklang mit diesen Rhythmen abstimmen können, ohne der Ganzheit der Selbsthingabe etwas zu nehmen, welche die fleischliche Vereinigung zum Ausdruck bringt. Dies erfordert offensichtlich eine Reife der Liebe, die nicht unmittelbar ist, sondern einen Dialog und ein gegenseitiges Aufeinanderhören sowie eine einzigartige Beherrschung des Sexualtriebes auf einem Weg des Wachstums in der Tugend mit sich bringt.

In dieser Perspektive und im Wissen, daß der Kongreß auch auf Initiative der Katholischen Universität »Sacro Cuore« hin stattfindet, liegt es mir daran, besondere Wertschätzung dafür zum Ausdruck zu bringen, was diese universitäre Einrichtung zur Unterstützung des Internationalen Instituts »Paolo VI« zur Forschung über die menschliche Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit und für eine verantwortliche Fortpflanzung (ISI) tut. Die Universität stiftete es meinem unvergeßlichen Vorgänger Papst Johannes Paul II. und wollte auf diese Weise eine sozusagen institutionalisierte Antwort auf den Appell geben, den Papst Paul VI. unter Nummer 24 der Enzyklika an die »Männer der Wissenschaft« gerichtet hatte. Es ist nämlich Aufgabe des ISI, die Kenntnis der Methoden sowohl zur »natürlichen« Regulierung der menschlichen Fruchtbarkeit als auch für eine »natürliche« Überwindung einer eventuellen Unfruchtbarkeit fortschreiten zu lassen. Heute kann »dank des Fortschritts der biologischen und medizinischen Wissenschaften […] der Mensch über immer wirksamere therapeutische Mittel verfügen, aber er kann auch neue Macht erwerben, mit unvorhersehbaren Folgen für das menschliche Leben an seinem Beginn selbst und in seinen ersten Stadien« (Instruktion Donum vitae, 1). In dieser Perspektive haben sich »viele Forscher […] im Kampf gegen die Unfruchtbarkeit eingesetzt. Einige sind, unter vollständiger Wahrung der Würde der menschlichen Fortpflanzung, zu Ergebnissen gelangt, die vorher unerreichbar schienen. Die Wissenschaftler müssen also ermutigt werden, mit ihren Forschungen fortzufahren, um den Ursachen der Sterilität vorzubeugen und ihnen abhelfen zu können, so daß die unfruchtbaren Ehepaare in Achtung ihrer personalen Würde und der des Ungeborenen zur Fortpflanzung gelangen« (Instruktion Donum vitae, 8). Gerade dies ist das Ziel, das sich das ISI »Paolo VI« und weitere ähnliche Zentren, ermuntert von der kirchlichen Autorität, gesetzt haben.

Wir können uns fragen: Warum finden es die Welt und auch viele Gläubige heute so schwer, die Botschaft der Kirche zu verstehen, welche die Schönheit der ehelichen Liebe in ihrem natürlichen Offenbarwerden erhellt und verteidigt? Gewiß, die technische Lösung erscheint auch bei den großen menschlichen Fragen oft als die leichteste, aber sie verbirgt in Wirklichkeit die Grundfrage, welche den Sinn der menschlichen Sexualität und die Notwendigkeit einer verantwortlichen Beherrschung betrifft, damit ihre Ausübung Ausdruck personaler Liebe werden kann. Die Technik kann die Reifung der Freiheit nicht ersetzen, wenn die Liebe im Spiel ist. Im Gegenteil, wie wir wohl wissen, ist nicht einmal die Vernunft ausreichend: Es muß das Herz sein, das sieht. Nur die Augen des Herzens können die Erfordernisse einer großen Liebe erfassen, die fähig ist, die Ganzheit des Menschseins zu umfassen. Deshalb wird der Dienst, den die Kirche in ihrer Ehe- und Familienseelsorge bietet, immer die Ehepaare dahin führen, daß sie mit dem Herzen den wunderbaren Plan verstehen, den Gott in den Leib des Menschen eingeschrieben hat, wobei sie ihnen bei der Annahme dessen hilft, was ein wahrer Weg der Reife mit sich bringt.

Der Kongreß, an dem ihr teilnehmt, stellt daher ein wichtiges Moment der Reflexion und der Sorge für die Ehepaare und die Familien dar; er bietet dabei die Frucht jahrelanger Forschungsarbeit sowohl innerhalb des anthropologischen und ethischen als auch des rein wissenschaftlichen Bereichs hinsichtlich der wirklich verantwortlichen Fortpflanzung. In diesem Licht kann ich euch nur beglückwünschen und der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß diese Arbeit reiche Frucht bringe und dazu beitrage, die Eheleute mit immer größerer Weisheit und Klarheit auf ihrem Weg zu stützen; so sollen sie in ihrer Sendung ermuntert werden, in der Welt glaubhafte Zeugen der Schönheit der Liebe zu sein. Während ich die Hilfe des Herrn auf den Verlauf der Kongreßarbeiten herabrufe, übermittle ich mit diesen Wünschen allen einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, 2. Oktober 2008

Benedikt XVI., Caritas in veritate, 15: 

Die Enzyklika Humanae vitae unterstreicht die zweifache Bedeutung der Sexualität als Vereinigung und als Zeugung und gründet damit die Gesellschaft auf das Fundament des Ehepaares, eines Mannes und einer Frau, die sich gegenseitig annehmen in ihrer Unterschiedenheit und Komplementarität; eines Paares also, das offen ist für das Leben.

Es handelt sich nicht um eine bloß individuelle Moral: Humanae vitae zeigt die starken Verbindungen auf, die zwischen der Ethik des Lebens und der Sozialethik bestehen, und hat damit eine lehramtliche Thematik eröffnet, die nach und nach in verschiedenen Dokumenten Gestalt gewonnen hat, zuletzt in der Enzyklika „Evangelium vitae“ Papst Johannes Pauls II.

Die Kirche betont mit Nachdruck diesen Zusammenhang zwischen der Ethik des Lebens und der Sozialethik, denn sie weiß: Unmöglich »kann eine Gesellschaft gesicherte Grundlagen haben, die – während sie Werte wie Würde der Person, Gerechtigkeit und Frieden geltend macht – sich von Grund auf widerspricht, wenn sie die verschiedensten Formen von Mißachtung und Verletzung des menschlichen Lebens akzeptiert oder duldet, vor allem, wenn es sich um schwaches oder ausgegrenztes Leben handelt«.

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Quelle

Siehe dazu auch:

‚Erschütternde Untreue der österreichischen Bischöfe‘

Katholischer Philosoph Josef Seifert übt schwere Kritik an der österreichischen Bischofskonferenz und an Kardinal Schönborn, weil diese zum 50. Jubiläum von Humanae Vitae nur Gegner auf den Websites und via kathpress zu Wort kommen lassen

Wien (kath.net)
Der bekannte österreichische, katholische Philosoph Josef Seifert hat gegenüber dem US-Magazin „OnePeterFive“ schwere Kritik an der österreichischen Bischofskonferenz und an Kardinal Schönborn geübt, weil diese zur 50-Jahresfeier von Humanae vitae via Kathpress nicht weniger als fünf Artikel von Moraltheologen und anderen Katholiken veröffentlichen ließen, die die Enzyklika mehr oder weniger offen angreifen. Seifert kritisierte in dem Zusammenhang vor allem den Wiener Kardinal, weil dieser noch 2008 in einem Hirtenwort die Mariatroster Erklärung mit ihrem „verwaschenen doppelzüngigen Lob“ als Irrtum bezeichnet habe. Wörtlich stellte Seifert fest: „Sie stellen nicht nur die zentrale Aussage und in Humanae Vitae verkündete Wahrheit, dass jeder Akt der Empfangnisverhütung in sich schlecht ist, in Frage, sondern führen zur Unterstützung ihres Irrtums auch noch allgemeinere schwerste und geradezu absurde Irrtümer an, wie etwa den des Moraltheologen Lintner, der behauptet, das moralische Gesetz müsse sich einer Entwicklung unterwerfen, wenn ein Großteil der Menschen ihm nicht folgt und sich nicht nach HV richtet. Wird etwa der Ehebruch gut, weil sehr viele Menschen ihre Ehe brechen? Wird die Abtreibung gut oder zu einer weniger schweren Sünde, ja ist sie nicht mehr ein himmelschreiendes Verbrechen, weil Millionen sie begehen? Wird das Gebot, Gott über alles zu lieben, außer Kraft gesetzt, weil ein Großteil der Menschen es heute bricht? Nichts könnte absurder sein als ein solcher historischer ethischer Relativismus. Und doch finden wir diesen absurden Irrtum sogar auf bischöflichen Webseiten zur 50 Jahresfeier von Humanae Vitae.“

Der bekannte österreichische Philosoph hoffe, dass die österreichischen Bischöfe endlich die Wahrheit der 2008 von Kardinal Schönborn ausgesprochenen Worte begreifen und einstimmig die verkehrte Maria Troster Erklärung widerrufen werden und sich kompromisslos und klar für die Wahrheit der Lehren von Humanae Vitae und Familaris Consortio aussprechen werden. „Empfängnisverhütung ist aus vielen Gründen in sich schlecht (nicht nur, weil die Pille zwei frühabtreibende Wirkungen hat und daher in einem erheblichen Prozentsatz ihrer Anwendung Mord ist und weil Verhütung den prokreativen vom unitiven Sinn des ehelichen Aktes loslöst).“ Wörtlich meint Seifert dann: „Was für eine Schande für die Kirche in Österreich, das 50. Jubiläum von Humanae Vitae in der Kirche Österreichs durch eine Orgie ihrer Gegner auf bischöflichen Webseiten zu begehen!“

Der Philosoph fragt sich, warum die österreichischen Bischöfe nicht Artikel auf ihre Webseite setzen und Redner „zu einer Tagung über Humanae Vitae einladen, die, wie der exzellente österreichische Priester, Pfarrer und Professor in Heiligenkreuz Helmut Prader, Humanae Vitae wunderbar begründen und eine ausgedehnte Pastoral betreiben, die die Wahrheit dieser Enzyklika vielen Ehepaaren und Brautpaaren in beglückender und klarer Form vermittelt? „Auch Weihbischof Andreas Laun, der vielleicht als einziger österreichischer Bischof durchwegs klare Worte über Humanae Vitae gesprochen hat, sowie Bischof Athanasius Schneider, der durch seine schlichte Klarheit unter allen Bischöfen der Welt herausragt und sich oft in wunderbarer Weise zu HV geäußert hat, sollte zu einer solchen Jubiläums-Tagung über Humane Vitae als Redner eingeladen werden und ihre Vorträge oder Aufsätze sollten die bischöflichen österreichischen Webseiten zieren und von der gegenwärtigen Schmach der dort publizierten Aufsätze befreien.“

Vgl. dazu auch: Kardinal Schönborn 2008: ‚Europa hat dreimal Nein zu seiner eigenen Zukunft gesagt‘

Archivvideo: KATH.NET-Interview mit Prof. Seifert

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Artikel auf http://www.kath.net/news/64516, 19 Juli 2018, 16:01

Neue Details zur Entstehung von „Humanae Vitae“

Papst Paul VI. (Giovanni Battista Montini)

In den vatikanischen Archiven sind neue Details zur Entstehungsgeschichte der Enzyklika „Humanae Vitae“ aufgetaucht. Das berichtet der Internetauftritt „Vatican Insider“.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Die Enzyklika, die Papst Paul VI. vor genau fünfzig Jahren veröffentlichte, verbot Katholiken die künstlichen Methoden der Empfängnisverhütung, vor allem die „Pille“. Damit sorgte der Text für eine jahrzehntelange Kontroverse. Jetzt stellt sich heraus, dass Paul auch eine vertrauliche Umfrage unter Bischöfen aus aller Welt durchgeführt hat, bevor er die Enzyklika veröffentlichte.

„Die Stimme Unserer Enzyklika Humanae Vitae hat großes Echo ausgelöst“ – das sagte der Montini-Papst am 4. August 1968 bei einem Angelusgebet mit gewohntem Understatement. Da war ihm längst ein Sturm des Widerspruchs entgegengebraust, wie es ihn in der neueren Kirchengeschichte selten gegeben hat. Auch Bischofskonferenzen hatten die Verbindlichkeit des Textes in Zweifel gezogen.

Vorgeschichte der Enzyklika fast wie ein Krimi

„Wir wissen, dass viele Unsere Lehre nicht wertgeschätzt haben und dass viele ihr widersprechen. Wir können auch dieses Unverständnis, selbst diese Opposition in einem gewissen Sinn verstehen. Unser Wort ist nicht einfach, es entspricht nicht dem, was heute leider weit verbreitet ist… Wir wollen einfach daran erinnern, dass die von Uns bekräftigte Norm gar nicht die Unsere ist, sondern dass sie zu den Strukturen des Lebens, der Liebe und der menschlichen Würde gehört, die sich also aus dem Gesetz Gottes ergibt.“

Dass sich Paul VI. seine Entscheidung in „Humanae Vitae“ nicht leichtgemacht hat, war schon bisher bekannt. Mehrere Kommissionen berieten jahrelang, und die Auseinandersetzung, die schon auf dem Konzil begonnen hatte, liest sich heute „phasenweise fast wie ein Krimi“, urteilt der Südtiroler Ethikprofessor Martin Lintner, Autor eines neuen Buches „Von Humanae Vitae bis Amoris Laetitia“.

Nur zwölf Prozent der Bischöfe gaben dem Papst eine Antwort

Bisher unbekannt war das Durchführen einer Umfrage unter Bischöfen durch Paul VI. Ans Licht gebracht hat es der Theologe Gilfredo Marengo vom Päpstlichen Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie. Im Auftrag von Franziskus untersucht er die Entstehung von „Humanae Vitae“, dabei stieß er, wie er jetzt in einem Buch ausführt, auf Dokumente zur ersten Bischofssynode vom Herbst 1967.

Paul VI. forderte bei dieser Gelegenheit die etwa 200 anwesenden Bischöfe dazu auf, ihm schriftlich ihren Standpunkt zur Empfängnisverhütung darzulegen. Erstaunlich ist, dass nur zwölf Prozent der Bischöfe auf diese Bitte reagierten: 25 schriftliche Antworten gingen beim Papst ein. 18 Bischöfe traten dafür ein, die Entscheidung in die Hände der Eheleute zu legen. In dieser Richtung äußerten sich unter anderem – besonders ausführlich – die Kardinäle Döpfner (München) und Suenens (Brüssel), darüber hinaus John Krol (Philadelphia) und Aloisio Lorscheider (Brasilia).

Wojtyla – der spätere Johannes Paul II. – äußerte sich ausführlich

Ausführlich schrieb aber auch einer der nur sieben Bischöfe, die ein Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung befürworteten: der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla, der später als Johannes Paul II. Nachfolger Pauls VI. wurde. Schon bisher war bekannt, dass Wojtyla in dieser Angelegenheit eine sogenannte „Krakauer Denkschrift“ an Paul VI. geschickt hatte.

Der Montini-Papst setzte sich nach reiflicher Überlegung über das Mehrheitsvotum dieser Bischofsumfrage wie auch über die Mehrheitsvoten zweier Kommissionen hinweg. Noch einmal O-Ton Paul VI. zu seinem Verbot der Pille:

„Es ist keine Norm, die die soziologischen oder demographischen Bedingungen unserer Zeit ignoriert; sie steht auch nicht per se einer vernünftigen Begrenzung der Zahl der Geburten, der Forschung oder der wirklich verantwortlichen Elternschaft entgegen… Es ist einfach eine anspruchsvolle, strenge moralische Norm, die heute noch gilt. Sie verbietet den Einsatz von Mitteln, die absichtlich die Empfängnis verhindern und die dadurch die Reinheit der Liebe und die Mission des ehelichen Lebens herabwürdigen. Wir haben aus der Pflicht Unseres Amtes und aus pastoraler Liebe gesprochen.“

Paul VI. steht vor der Heiligsprechung

Am 25. Juli jährt sich zum 50. Mal die Veröffentlichung von „Humanae Vitae“, Pauls siebter und bis heute umstrittenster Enzyklika. Im Oktober wird Papst Franziskus seinen Voränger Paul feierlich heiligsprechen – bei einer Bischofssynode.

(vatican news – sk)

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Quelle

Bischof Vitus Huonder: Humanae vitae — Ein bleibendes Paradigma — 50 Jahre danach

 

Chur, 22. Juni 2018, Gedenktag des Hl. Thomas Morus

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Vor 50 Jahren veröffentlichte Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae. Von diesem Schreiben wissen die meisten nur so viel, dass der Papst die Empfängnisverhütung ablehnte. Dieses Nein zur Verhütung löste damals die vielleicht grösste Autoritätskrise innerhalb der Kirche aus. Die Emotionen gingen hoch. Nur wenige hörten genauer hin und wollten wissen, worum es Paul VI. dabei ging. Die meisten erkannten nicht, dass es dem Papst vor allem darum ging, die Heiligkeit von Ehe und Familie zu schützen. Heute, 50 Jahre später, betonen viele Kommentatoren die prophetische Bedeutung dieser Enzyklika. Denn alle Befürchtungen, welche Paul VI. äusserte, sind eingetroffen. Auch das Apostolische Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus findet in Nr. 68 lobende und ermutigende Worte in Bezug auf die Enzyklika von Paul VI.

Eigenschaften der ehelichen Liebe

Paul VI., von Papst Franziskus 2014 seliggesprochen, geht in seinem Schreiben von einer Gesamtschau des Menschen aus, der als Mann und Frau von Gott geschaffen ist. In der Liebe von Mann und Frau soll etwas von der Liebe der göttlichen Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes erfahrbar werden. Von dieser Gesamtschau her ergibt sich die Eigenart der ehelichen Liebe. Der Papst nennt vier Eigenschaften dieser Liebe:

1. Diese Liebe ist vollmenschlich, das heisst sinnenhaft und geistig zugleich. «Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: so werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung» (Humanae vitae, 9).

2. Diese Liebe ist Es geht in ihr um eine personale Freundschaft, die den anderen ohne Vorbehalt liebt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern nimmt den anderen als Ganzen so an, wie er ist.

3. Als Abbild der Treue Gottes zum Menschen ist die eheliche Liebe treu und ausschliesslich bis zum Ende des Lebens: «So wie sie Braut und Bräutigam an jenem Tag verstanden, da sie sich frei und klar bewusst durch das gegenseitige eheliche Jawort aneinander gebunden haben» (Humanae vitae, 9).

4. Als wirksames Zeichen der schöpferischen Liebe Gottes ist diese Liebe schliesslich fruchtbar. Hier zitiert Paul VI. die Nummer 50 der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et Spes) des 2. Vatikanischen Konzils: «Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiss die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr bei» (Humanae vitae, 9).

Ist das nicht eine Kennzeichnung der ehelichen Liebe, wie sie sich alle im Grunde ihres Herzens vorstellen und wünschen: vollmenschlich, ganzheitlich, treu und ausschliesslich sowie fruchtbar? Mit diesen Eigenschaften können die ehelichen Beziehungen gelingen.

Verantwortete Elternschaft nach Humane Vitae

Bei der Weitergabe des Lebens dürfen die Eltern unmittelbar mit dem Schöpfergott zusammenwirken. Denn im Moment der Zeugung schenkt Gott dem Kind die unsterbliche Seele. Verantwortete Elternschaft im Sinn der Kirche überlässt den Ehegatten die Entscheidung über die Zahl ihrer Kinder und über den Abstand der Geburten. Sie ermutigt die Eltern zu einer grösseren Kinderzahl, aber sie respektiert auch berechtigte Gründe für wenige Kinder.

Wenn die Kirche einerseits für verantwortete Elternschaft eintritt und andererseits die Verhütung ablehnt, wie soll dann die Familienplanung geschehen? Die Kirche empfiehlt und fördert die sogenannte natürliche Empfängnisregelung. Dabei lernen die Frauen, die fruchtbaren und unfruchtbaren Phasen ihres Zyklus sicher zu unterscheiden. Dieser Zyklus ist ein Teil der Schöpfungsordnung. Wenn die Ehegatten aus berechtigten Gründen auf die Weitergabe des Lebens verzichten wollen, wählen sie für ihr Zusammenkommen die unfruchtbare Phase des Zyklus und üben an den relativ wenigen fruchtbaren Tagen Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit ist nicht eine Zeit ohne Liebe, sondern eine Zeit, in der die Liebe auf andere Weise zum Ausdruck gebracht wird. Durch dieses leibliche Verhalten respektieren die Gatten den inneren Zusammenhang von ehelicher Liebe und Weitergabe des Lebens. Sie lernen im Gespräch miteinander zu bleiben und auf einander Rücksicht zu nehmen.

Wo liegt in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Empfängnisregelung und Empfängnisverhütung? Die Absicht ist ja gleich. In beiden Fällen wollen die Eheleute kein Kind. Aber das frei gewählte Handeln ist anders.

Bei der Empfängnisregelung ändern die Gatten aus Gründen der Verantwortung das Sexualverhalten. Wenn sie das Leben nicht weiterschenken können, leben sie periodisch, d.h. während den fruchtbaren Tagen der Frau, enthaltsam. Um sich selbst beherrschen zu können, brauchen sie die Tugend der Selbstdisziplin oder Mässigung (die temperantia).

Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Ich liebe dich ganz so, wie du bist. Weil du in diesen Tagen fruchtbar bist und weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können, verzichten wir an diesen (wenigen) Tagen auf geschlechtliche Beziehungen, und ich zeige dir meine Liebe auf andere Weise.

Bei der Empfängnisverhütung ändern die Gatten das Sexualverhalten nicht, trotz der Einsicht, eine Empfängnis sei zu vermeiden. Sie verhindern jedoch die unerwünschten Folgen dieses Verhaltens. Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Zur Zeit liebe ich dich nicht so, wie du bist. Ich liebe vor allem deinen Leib nicht ganz. Denn deine Fruchtbarkeit lehne ich ab, weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können. Da ich dennoch nicht auf geschlechtliche Beziehungen verzichten will, müssen wir verhindern, dass es trotz unserer Fruchtbarkeit zu einer Empfängnis kommt.

Somit geht es nicht um einen Unterschied der Methode, sondern um objektiv verschiedene Handlungsweisen. Natürliche Empfängnisregelung bzw. Natürliche Familienplanung ist im Grunde keine Methode. Sie liefert nur Hinweise, wann Enthaltsamkeit angesagt ist. In der Enthaltsamkeit drückt sich die Entscheidung leiblich aus, auf die Weitergabe des Lebens aus verantwortbaren Gründen zu verzichten. So ist die Enthaltsamkeit ein leiblicher Akt der Liebe. Bei der Empfängnisverhütung hingegen ist der Leib nicht mehr in die Verantwortung eingebunden, sondern er wird zum Objekt von Massnahmen degradiert. Es geht also um die Frage, womit der Mensch seine Geschlechtlichkeit «steuert»: ob er es mit seinem Charakter, mit Selbstbeherrschung, tut oder ob er die Steuerung einem Verhütungsmittel bzw. einem Dritten, z.B. dem Arzt, überlässt.

Wenn die Gatten in unfruchtbaren Tagen geschlechtlich verkehren, bringen sie ihre eheliche Liebe zum Ausdruck. Sie sind in der Berufung vereint, das Leben verantwortlich weiterzugeben. Es verantwortlich weitergeben, kann eben auch heissen, es noch nicht oder nicht mehr weiterzugeben. In diesem Sinne ist die Empfängnisverhütung weder verantwortlich noch besitzt sie einen elterlichen Sinngehalt. Sie kann nicht der auch leibliche Ausdruck einer Liebe sein, die der Weitergabe des Lebens dient.

Wie schon gesagt, empfiehlt die Kirche die natürliche Empfängnisregelung. Damit sie erlaubt ist, müssen berechtigte Gründe vorliegen. Auch die natürliche Empfängnisregelung kann missbraucht werden durch eine verhütende Gesinnung.

Prophetische Bedeutung von Humanae Vitae

Paul VI. hat schon vor 50 Jahren die Befürchtung geäussert, die Verhütungsmentalität werde zu einer Destabilisierung von Ehe und Familie führen. Die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung werde dazu führen, dass Männer die Frauen nicht mehr als Person respektierten, sondern als ein Objekt der Triebbefriedigung ansehen würden. Regierungen würden versucht sein, sich in die Freiheit der Eltern einzumischen. Sie könnten Verhütung als Druckmittel in der Bevölkerungspolitik einsetzen. Alle Voraussagen des Papstes haben sich erfüllt. Die sexuelle Freizügigkeit schon der Jugendlichen behindert deren persönliche Reifung. Die Destabilisierung der Ehen und damit der Familien hat stark zugenommen. Das führt wiederum zu Bindungsangst und Bindungsunfähigkeit. Die Abtreibungen lassen sich mit Verhütung nicht wirksam bekämpfen. Dazu kommt, dass die Grenze zwischen Abtreibung und Verhütung fliessend geworden ist. Manche Verhütungsmittel wirken auch frühabtreibend. Sie verhindern nämlich die Einnistung des Embryos in die Gebärmutter. Reiche Nationen haben die Entwicklungshilfe an die Bedingung geknüpft, dass Verhütung zur Pflicht gemacht wird. Die demographische Lage ist inzwischen besorgniserregend. Die europäischen Völker ersetzen die Generationen nicht mehr. Sie sind zu sterbenden Völkern geworden. Allein um die Generationen zu ersetzen, braucht es etwas mehr als zwei Kinder pro Familie.

Die Entkoppelung von Sexualität und Fruchtbarkeit hat nicht nur zu einer Sexualität ohne Fortpflanzung geführt, sondern immer mehr auch zur Fortpflanzung ohne Sexualität. Auch das ist eine äusserst problematische Entwicklung. Die neuen Fortpflanzungstechnologien verbrauchen nämlich unzählige Embryonen. Sie zerstören das Leben von Kindern in ihrer ersten Lebensphase. Dabei sind sie nicht einmal besonders effizient. Zudem gibt es inzwischen auf der Basis von verfeinerten Zyklusstudien Behandlungen von unfreiwillig unfruchtbaren Paaren, welche eine höhere Erfolgsrate aufweisen als die In-Vitro-Fertilisation.

Verhütung gehört zur Kultur des Todes, von welcher der heilige Papst Johannes Paul II. immer wieder gesprochen hat. Viele sind sich dessen nicht bewusst, weil ihnen diese Zusammenhänge nicht aufgezeigt wurden. Es geht deshalb heute unter neuerlicher Berufung auf die Enzyklika Humanae vitae darum aufzuzeigen, wie die Kirche die Schöpfungsordnung versteht.

Paul VI. war sich bewusst, dass diese Lehre der Kirche von vielen abgelehnt werden würde. Aber die Kirche muss damit rechnen, dass sie wie schon ihr Stifter zum Zeichen gesetzt ist, dem widersprochen wird (vgl. Lk 2,34). Doch es geht der Kirche um die Würde des Menschen: «Indem sie das eheliche Sittengesetz unverkürzt wahrt, weiss die Kirche sehr wohl, dass sie zum Aufbau echter menschlicher Kultur beiträgt; darüber hinaus spornt sie den Menschen an, sich nicht seiner Verantwortung dadurch zu entziehen, dass er sich auf technische Mittel verlässt; damit sichert sie die Würde der Eheleute. Indem die Kirche so dem Beispiel und der Lehre unseres göttlichen Erlösers getreu vorgeht, zeigt sie, dass ihre aufrichtige und uneigennützige Liebe den Menschen begleitet: sie will ihm helfen in dieser Welt, dass er wirklich als Kind am Leben des lebendigen Gottes teilhat, der aller Menschen Vater ist» (Humanae vitae,18).

Humanae Vitae neu entdecken

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Der christliche Geist kann sich in den Familien nur dann entfalten, wenn wir in der Ehe und in der Familie die Schöpfungsordnung wieder ganz zu respektieren lernen. Nehmen wir die Wahrheit ernst, welche in der Enzyklika Humanae vitae enthalten ist. Das wird für die Ehepaare und die Familien, ja für die Kirche sowie für unsere Gesellschaft ein Segen sein.

Maria, «die Heilige unter den Heiligen, die Hochgebenedeite» (Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exultate, 176), begleite uns mit ihrer Fürsprache und ihrer mütterlichen Fürsorge. Mit diesem Wunsch grüsse ich herzlich und lasse allen meinen bischöflichen Segen zukommen

+ Vitus Huonder Bischof von Chur

 

Weiterführende Informationen zur natürlichen Empfängnisregelung:

  • Institut für Natürliche Empfängnisregelung iner.org
  • Interessengemeinschaft für natürliche Familienplanung Schweiz / Fürstentum Liechtenstein www.ignfp.ch

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Quelle

Humanae Vitae – ein Plädoyer für die Ehe Auszug aus „Paul VI. – Ein Papst im Zeichen des Widerspruchs“

Papst Paul VI. 1977

Eine neue Diskussion ist entbrannt über Humanae Vitae – während gleichzeitig ihr Autor, Papst Paul VI. auf dem Weg zur Heiligsprechung ist. In seinem 2014 erschienen Buch „Paul VI. – Ein Papst im Zeichen des Widerspruchs“ widmet der bekannte Vatikanist und Historiker Ulrich Nersinger der Enzyklika ein Kapitel, das CNA Deutsch hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Patrimonium-Verlags veröffentlicht.

Die Latinisten des Papstes versehen für gewöhnlich ihre Arbeit ohne allzu große Aufregung. Die Ansprachen, Schreiben, Ernennungsdekrete und kirchliche Verfügungen, die sie in die Sprache Ciceros, die auch die Sprache der Kirche ist, zu übersetzen haben, stellen für sie keine unüberwindbaren Anforderungen dar. Die Texte übersetzen sie routiniert und zügig. Grammatik und Syntax beherrschen sie perfekt, und sie sind geschickt darin, neue lateinische Vokabeln aus der Taufe zu heben. Im Sommer des Jahres 1968 aber verlangt man von ihnen die Tugend der Geduld. Unter den Latinisten des Vatikans befindet sich der Augustiner-Chorherrenabt Karl Egger, ein Südtiroler, der den Papst seit den Dreißiger Jahren persönlich kennt. Die Arbeit an der Enzyklika, die in diesen Tagen auszufertigen ist, ist an sich kein Problem. Doch der  Ordensmann fragt sich, ob ein entscheidender Passus des Apostolischen Schreibens schon feststeht. Denn definitiven Text kennt er noch nicht, doch er weiß bereits, wie ersten beiden Worte der Enzyklika lauten: „Humanae Vitae“.

Seit einigen Jahrzehnten hat sich die katholische Kirche mit der künstlichen Empfängnisverhütung auseinanderzusetzen. Am letzten Tag des Jahres 1930 hat ihr Papst Pius XI. (1922-1939) durch sein Rundschreiben Casti Connubii eine unmissverständliche Absage erteilt; sein unmittelbarer Nachfolger, Pius XII.  bekräftigt diese Entscheidung im Oktober 1951 in einer berühmt gewordenen Ansprache an katholische Hebammen. Papst Johannes XXIII. muss sich in seinem Pontifikat mit einer neuen Entwicklung, der sogenannten „Antibabypille“, auseinandersetzten. 1963 beruft er eine sechsköpfige Studienkommission ein; Papst Paul VI. stockt dieses Gremium auf und ergänzt es durch weitere Experten und katholische Ehepaare. Das Konzil will die heikle Frage selbst behandeln, doch der Pontifex sieht sich in die Pflicht genommen. So müssen die Väter der Kirchenversammlung feststellen: „Bestimmte Fragen, die noch anderer sorgfältiger Untersuchungen bedürfen, sind auf Anordnung des Heiligen Vaters der Kommission für das Studium des Bevölkerungswachstums, der Familie und der Geburtenhäufigkeit übergeben worden, damit, nachdem diese Kommission ihre Aufgabe erfüllt hat, der Papst eine Entscheidung treffe. Bei diesem Stand der Doktrin des Lehramtes beabsichtigt das Konzil nicht, konkrete Lösungen unmittelbar vorzulegen.“

Im Juni 1965 kommt die vom Papst eingesetzte Kommission zu dem Mehrheitsbeschluss, Paul VI. zu empfehlen, den Gläubigen unter bestimmten Voraussetzungen die Nutzung künstlicher Verhütungsmittel zu erlauben. Der Papst beauftragt nun zusätzlich Bischöfe und Theologen mit der Behandlung der Problematik. Kardinäle, Bischöfe, Professoren und die Medien versuchen nun,  Einfluss auf den Pontifex zu nehmen. Am 25. Juli 1968 erfolgt die Veröffentlichung der Enzyklika Humanae Vitae über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlischen Lebens“. Der Papst verbleibt in der Tradition der Kirche:  „Die eheliche Liebe zeigt sich uns in ihrem wahren Wesen und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen; von Gott, der ‚Liebe ist, von ihm, dem Vater, ’nach dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen trägt’. Weit davon entfernt, das bloße Produkt des Zufalls oder Ergebnis des blinden Ablaufs von Naturkräften zu sein, ist die Ehe in Wirklichkeit vom Schöpfergott in weiser Voraussicht so eingerichtet, dass sie in den Menschen seinen Liebesplan verwirklicht. Darum streben Mann und Frau durch ihre gegenseitige Hingabe, die ihnen in der Ehe eigen und ausschließlich ist, nach jener personalen Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig vollenden, um mit Gott zusammenzuwirken bei der Weckung und Erziehung neuen menschlichen Lebens.Darüber hinaus hat für die Getauften die Ehe die hohe Würde eines sakramentalen Gnadenzeichens, und bringt darin die Verbundenheit Christi mit seiner Kirche zum Ausdruck.“

Über Wesen und die  Zielsetzung des ehelichen Aktes sagt der Papst: „Jene Akte, die eine intime und keusche Vereinigung der Gatten darstellen und die das menschliche Leben weitertragen, sind, wie das letzte Konzil betont hat, ‚zu achten und zu ehren’; sie bleiben auch sittlich erlaubt bei vorauszusehender Unfruchtbarkeit, wenn deren Ursache keineswegs im Willen der Gatten liegt; denn die Bestimmung dieser Akte, die Verbundenheit der Gatten zum Ausdruck zu bringen und zu bestärken, bleibt bestehen. Wie die Erfahrung lehrt, geht tatsächlich nicht aus jedem ehelichen Verkehr neues Leben hervor. Gott hat ja die natürlichen Gesetze und Zeiten der Fruchtbarkeit in seiner Weisheit so gefügt, dass diese schon von selbst Abstände in der Aufeinanderfolge der Geburten schaffen. Indem die Kirche die Menschen zur Beobachtung des von ihr in beständiger Lehre ausgelegten natürlichen Sittengesetzes anhält, lehrt sie nun, dass ‚jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss’.“

Körperliche Vereinigung und Fortpflanzung gehören für den Papst zusammen: „Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind. Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz den Sinngehalt gegenseitiger und wahrer Liebe, und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist. Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.“

Dass sich nun säkulare Stimmen gegen die Entscheidung aus dem Vatikan wenden – von der Titulierung „Pillen-Paul“ durch eine deutsche Boulevardzeitung bis hin zu wissenschaftlichen Abhandlungen – , hat der Papst geahnt. Die Tatsache aber, dass katholische Bischofskonferenzen öffentlich in Opposition zum Heiligen Stuhl treten, schmerzt den Pontifex. Die Erklärungen von Königstein (Deutschland), Maria Trost (Österreich) und Solothurn (Schweiz) liest er mit ungläubigem Kopfschütteln. Persönlich enttäuscht sah er sich von Kardinälen Julius Döpfner und Franz König, denen er in der Vergangenheit eine hohe Wertschätzung entgegengebracht hat. Tröstend empfindet er das Memorandum, das ihm Karol Wojtyla, der Erzbischof von Krakau und spätere Johannes Paul II., mit der Bitte gesandt hat, an der bisherigen Lehre der Kirche zur Empfängnissverhütung festzuhalten; dankbar ist er, dass sich der Bischof von Vittorio Veneto (Norditalien), Monsignore Albino Luciani, der ihm als Johannes Paul I. auf dem Stuhl des heiligen Petrus nachfolgen sollte, an seine Seite stellte – ein Bischof, der bis zum Entscheid des Papstes Formen der Verhütung nicht generell negativ gegenüberstand.

Im dritten Millennium findet eine Neubesinnung auf Humanae Vitae statt. 2008 hält der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, der Wiener Kardinal Christoph Schönborn  im Abendsmahlsaal in Jerusalem bei der Gemeinschaftstagung der Bischöfe Europas eine bemerkenswerte Predigt: „Wir Bischöfe, verschlossen hinter den Türen wegen der Angst, nicht wegen der Angst vor den Hebräern, sondern wegen der Presse, und auch wegen des Unverständnisses unserer Gläubigen. Wir hatten nicht den Mut! In Österreich hatten wir „Die Mariatroster Erklärung“ – wie in Deutschland „Die Königsteiner Erklärung“. Das hat den Sinn des Lebens im Volke Gottes geschwächt, dies hat entmutigt, sich für das Leben zu öffnen. Wie dann die Welle der Abtreibung gekommen ist, war die Kirche geschwächt, da sie nicht gelernt hatte, diesen Mut des Widerstands, den wir in Krakau gesehen haben, den Papst Johannes Paul II. während seines ganzen Pontifikates gezeigt hat, diesen Mut, JA zu sagen zu Gott, zu Jesus, auch um den Preis der Verachtung. Wir waren hinter den verschlossenen Türen, aus Angst. Ich denke, auch wenn wir damals nicht Bischöfe waren, so müssen wir diese Sünde des europäischen Episkopats bereuen, des Episkopats, der nicht den Mut hatte, Paul VI. mit Kraft zu unterstützen, denn heute tragen wir alle in unseren Kirchen und in unseren Diözesen die Last der Konsequenzen dieser Sünde.“

In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera sagte Papst Franziskus im Jahre 2014 über Paul VI. und Humanae Vitae: „Seine Genialität war prophetisch, er hatte den Mut, sich gegen die Mehrheit zu stellen, die moralische Disziplin zu verteidigen, eine kulturelle Bremse zu ziehen… Die Frage ist nicht, ob man die Lehre ändert, sondern, ob man in die Tiefe geht und dafür sorgt, dass die Pastoral die einzelnen Lebenslagen und das, wozu die Menschen jeweils imstande sind, berücksichtigt.“

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Kardinal Müller: „Humanae Vitae wird von zwei Heiligen gestützt“

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Bei einem Vortrag an der Lateranuniversität hat der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, die Enzyklika „Humanae Vitae“ von Papst Paul VI. gewürdigt. Gleich zwei Päpste, die heilig seien, würden die Theologie in dieser Enzyklika verkörpern, sagte er.

 

Mario Galgano – Vatikanstadt

Paul VI. und Johannes Paul II. sind die beiden Stützen von Humanae Vitae, so Kardinal Müller. Es gehe darum, das „Heil der Menschen“ in den Mittelpunkt zu setzen und nicht einen Streit unter Gläubigen hervorzurufen. Die Kirche sei nämlich keine politische Partei oder eine „sonstige menschliche Organisation“. Deshalb sei das kirchliche Lehramt so wichtig, fügte Müller an.

Der Papst als Verteidiger des Lehramtes trage deshalb eine große Verantwortung. Denn als Nachfolger Petri müsse er „die Einheit im Glauben“ nicht nur verkörpern, sondern sie auch stärken.

„Wer Humanae Vitae in die Tiefe studiert sowie die nachfolgenden Dokumente des Lehramtes, die sich darauf stützen, der wird feststellen, wie menschenliebend diese Enzyklika ist. Wir sehen auf der anderen Seite, welche negativen Entwicklungen es geben kann, wenn Regierungen stattdessen das Eheverständnis umkehren. Damit zerstören sie sich selbst.“

Der emeritierte deutsche Kurienkardinal warf Parteien und Regierungen, die eine antikatholische Haltung einnähmen, vor, dass diese sich als „Herren über die Körper der Menschen“ sähen. Die Kirche lehre hingegen, dass nur Gott der Herr über die Menschen sei, weil er der Schöpfer des Lebens sei. Der Mensch sei ein „Verantwortungsträger“, der das Leben als Geschenk erhalten habe.

Eine Kehrtwende mit Papst Franziskus gebe es diesbezüglich nicht und wer ihn der Häresie bezichtige, der liege falsch, so Kardinal Müller. „Es ist aber legitim, vom Papst klare Worte zu verlangen. Ich habe ein Vorwort zu einem Buch von Rocco Buttiglione zu Amoris Laetitia geschrieben und darin habe ich klar festgehalten, dass solche Vorwürfe gegen Franziskus falsch sind.“ Es sei somit, so Kardinal Müller, wichtig, die Rolle der Glaubenskongregation zu stärken, weil die heutige Welt einer klaren Stimme des Lehramtes bedürfe.

Nun ist Kardinal Müller aber nicht mehr Präfekt der Glaubenskongregation – und auf die Frage, ob der Papst diesbezüglich falsch gehandelt habe, antwortet der Kardinal:

„Ich habe bisher nicht über Papst Franziskus gesprochen, sondern einzig über mich, und ich kann sagen, dass ich öffentlich verbal angegriffen wurde. Diese Stimmen kamen von Leuten, die meiner Meinung nach nicht gute Berater des Papstes sind, weil sie öffentlich Kardinäle angreifen. Sie fühlen sich wie die Zensurbehörde der Kirche, aber die Kardinäle brauchen so etwas nicht. Niemand hat das Recht, sie anzugreifen und unnötige Polemik gegen die Kirche zu führen.“

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