Die Gottesfrage – heute – von Gerhard Kardinal Müller

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Einer angesehener Philosoph der Gegenwart, Volker Gerhardt von der  Humboldt-Universität Berlin, hat vor kurzem das Projekt einer „rationalen Theologie“ vorgelegt. Sein Buch trägt den bezeichnenden Titel: „Der Sinn des Seins. Versuch über das Göttliche.“[1]

Es geht darum, schon im Vorfeld des geoffenbarten Glaubens philosophisch die Rationalität des natürlichen Glaubens an die Existenz Gottes aufzuweisen. Von der Analyse des Selbstbewusstseins, das vom Weltbewusstsein nicht zu trennen ist, kommt er zu dem bedenkenswerten Ergebnis: „Solange der Mensch sich als Person begreift, versteht er die Welt, die ihn und seinesgleichen möglich macht. Es ist sein Selbstverständnis, das ihn auf das Weltverständnis rechnen lässt. Sofern er sich darin nicht überschätzt, hat er allen Grund, die ihn und alles andere umfassende Welt, in Anerkennung ihrer ungeheuerlichen Vielfalt und Größe, ihrer Schönheit und Schrecken sowie in ihrer mit jedem Wort und jeder Tat in Anspruch genommenen Möglichkeiten, ‚göttlich‘ zu nennen. Wer sich unter diesen Bedingungen nicht scheut, trotz allem an sich selbst zu glauben, hat einen guten Grund, im Göttlichen an Gott zu glauben.“[2]

Etwas süffisant erzählt Volker Gerhardt in der Einleitung seines Buches, dass der tonangebende Professor der Philosophie an einer großen deutschen Universität den Erstsemestlern autoritativ und alternativlos darzulegen pflegte, dass Gott heute kein Gegenstand der Philosophie mehr sei. Er bediente sich des Nietzsche-Wortes vom „Tod Gottes“, um definitiv zu belegen, dass man sich mit einem nicht existierenden Wesen nicht rational befassen könne. Während seines großen Auftrittes war aber wohl  dem verehrten Herrn Kollegen die Tatsache nicht präsent, dass Nietzsches Wort vom Tod Gottes nicht die Feststellung eines neutralen Forschungsergebnisses ist. Darin zeigt sich vielmehr die Erschütterung des Nihilismus, der unserem Dasein  allen Halt und jede Richtung nimmt. Inzwischen habe besagter Professor jedoch erkannt, dass die Frage nach Gott solange nicht totzukriegen sei als sich Menschen in ihrer fragilen Existenz mit dem Sinn ihres individuellen Daseins und des Daseins der ganzen Menschheit, deren Mitglied ich bin, beschäftigen.

Gott ist also ein lohnenswertes und unausweichliches Thema, die mit der Frage nach mir selbst verbunden ist, ob ich nun an ihn glaube, seine Existenz atheistisch leugne oder skeptisch an Gottes Interesse an mir zweifle.

Völlig abwegig wäre es von vornherein, mit naturwissenschaftlichen Methoden, also more geometrico, die Existenz eines Dings oder lebendigen Wesens jenseits der sinnlichen und erscheinenden Welt als Teil eben dieser Welt beweisen oder widerlegen zu wollen. Denn Gott gehört per definitionem nicht zum Universum. Er ist weder ein Teil der empirischen und phänomenalen Welt noch eine immanente Wirkkraft in ihr, sondern ihr transzendenter Grund. Es gilt vielmehr zu zeigen, dass im Bezug  des menschlichen Geistes auf das Eine und Ganze der Welt die Frage nach dem transzendenten Ursprung und Ziel von Mensch und Welt sinn-voll und damit vernünftig ist.

Den Sinn des Ganzen in seinem transzendenten Grund zu entdecken, heißt nicht, dazu verurteilt zu sein, ihn erfinden zu müssen. Wie sollte uns vergänglichen Wesen dies möglich sein?

Aus dem Glauben an Gott ergibt sich eine andere Konsequenz: Wir müssen uns nicht rechtfertigen, dass es uns überhaupt gibt und dass wir andern den Platz wegnehmen  oder als Kinder, Kranke und Greise ihnen zur Last fallen. Es ist vielmehr so, dass Gott es rechtfertigt, dass es mich gibt und ich der bin, der ich bin.  Sich also für sein Dasein zu entschuldigen, ist eine Beleidigung Gottes. Im Glauben an den gütigen und barmherzigen Gott schwindet das Gefühl, dass alles sinnlos und vergebens sei. Der Apostel drückt dies so aus: „Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes unseres Retters erschein, hat er uns gerettet – nicht weil wir Werke vollbracht  hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens- durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist.“ (Tit 3,4f).

Die atheistische Überzeugung, dass die Geistesgeschichte und der atemberaubende Fortschritt der Naturwissenschaft und Technik sowie der globalen Digitalisierung des Wissens mit innerer Notwendigkeit in den restlosen Immanentismus und Säkularismus führe, widerspricht der Tatsache, dass der Mensch sich den existentiellen Fragen nach seinem Woher und Wohin immer neu stellen muss und will. Die Frage nach dem Sinn von Sein und dem Ziel unserer Existenz kann darum vom Positivismus nicht als sinnlos abgewiesen und deshalb auch niemals zum Schweigen gebracht werden.[3]

Der Philosoph Robert Spaemann stellt in seinem Buch „Der letzte Gottesbeweis“ fest: „Von den Wissenschaften wurde bisher kein einziges ernsthaftes Argument gegen das Gerücht von Gott vorgebracht, sondern nur von der sogenannten wissenschaftlichen Weltanschauung, dem Szientismus, also dem, was Wittgenstein den Aberglauben der Moderne genannt hat. Die neuzeitliche Wissenschaft ist Bedingungsforschung. Sie fragt nicht, was etwas ist und warum es ist, sondern sie fragt, was die Bedingungen seines Entstehens sind. Sein, Selbstsein aber ist Emanzipation von den Entstehungsbedingungen. Und das Unbedingte, also Gott, kann per definitionem innerhalb einer innerweltlichen Bedingungsforschung nicht vorkommen, so wie der Projektor im Film… Die Alternative lautet also nicht: wissenschaftliche Erklärbarkeit der Welt oder Gottesglaube, sondern nur so: Verzicht auf das Verstehen von Welt, Resignation oder Gottesglaube… Der Glaube an Gott ist der Glaube an einen Grund der Welt, der selbst nicht grundlos, also irrational ist, sondern ‚Licht‘, für sich selbst durchsichtig und so sein eigener Grund.“[4]

Es geht hier nicht um die fachphilosophische Frage, ob dem tranzendentalen oder ontologischen Zugang der Vorrang einzuräumen sei oder ob bei der Untrennbarkeit von Selbsttranszendenz und Welttranszendenz sich der Vernunft im Erkenntnisakt  eine Synthese der beiden Ausgangspunkte empfiehlt. Diese beiden Ansätze führen entweder zu Gott als absolutem Geist, dem unendlichen Bewusstsein seiner Selbst oder zum Sein, das durch sich selbst existiert und keines anderen Grundes zu seiner Verwirklichung bedarf (ipsum esse per se subsistens). Wenn wir in der philosophischen Theologie von der Vernunft als Ort der Eröffnung der Gottesfrage sprechen, meinen wir nicht die instrumentelle Vernunft oder die schiere Intelligenz als Strategie des Überlebens, die uns nach Nietzsche von „findigen Tieren“ nicht wesentlich unterscheidet. Gemeint ist mit dem Terminus „Vernunft“ „das Vermögen, mittels dessen der Mensch sich selbst und seine Umwelt überschreitet und sich auf eine ihm selbst transzendente Wirklichkeit beziehen kann… Glauben, dass Gott ist, heißt, dass er nicht unsere Idee ist, sondern dass wir seine Idee sind.“[5]

Zur Klärung möchte ich schon hier bei aller inneren Bezogenheit der philosophischen und theologischen Gotteserkenntnis auf ihren wesentlichen Unterschied hinweisen. Aufgrund der Offenbarung Gottes sagen wir nicht nur, dass Gott der absolute Geist und das in und für sich bestehende Sein ist. Für den gläubigen Christen gilt darüber hinaus die höchste Erkenntnis, dass Gott die Liebe ist (1 Joh 4,8.16) in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist. Mit Hilfe der Vernunft können wir bis zur Einsicht gelangen, dass Gott Geheimnis und der uns Unbekannte ist, dass ER aber in seiner Selbst-Offenbarung sich uns im Wort zu erkennen und im Heiligen Geist sich uns zu lieben geben kann, wenn er will.[6]

Die neuzeitliche Entfremdung von Gott in ihrer ganzen Bandbreite angefangen mit der Entpersönlichung Gottes im Pantheismus und Deismus über den resignierten Agnostizismus bis zum aggressiven Neoatheismus, der jede Religion für schädlich und bekämpfenswert hält[7], hat letztendlich zwei Wurzeln:

Da ist zum ersten die philosophische Erkenntnistheorie, die die Reichweite der metaphysischen Vernunft so einschränkt, vor allem bei Kant, dass Gott nur als ein Ideal der reinen Vernunft oder als Postulat der praktischen, d.h. sittlichen Vernunft übrig bleibt. Die Theologie als Wissenschaft ist damit obsolet geworden.

Zum zweiten und damit verbunden ist es die sog. wissenschaftliche Weltanschauung. Sie setzt an bei der modernen Naturwissenschaft, die sich zwar methodisch auf das empirisch Quantifizierbare und mathematisch Beschreibbare also die logische Struktur der Materie, beschränkt, dann aber in Verbindung mit einem monistischen Materialismus alles Seiende und Erkennbare auf das gegenständlich-sinnenhaft Gegebene reduziert. Das Wissen als Kenntnis des Gegenständlichen wird dem Glauben als sinn-erschließendes Erkennen Gottes entgegengestellt. Die paradoxe Folge daraus ist, dass das Wissen zu einem Glauben wird (im Wissenschafts- und Fortschrittsglauben) und der Glaube, der in seinem Wesen eine personale erkennende und freie Beziehung zu Gott auf ein gegenständliches Wissen reduziert wird, wodurch Gott zur notwendigen oder überflüssigen Hypothese wird um die Existenz und Zweckmäßigkeit von Naturprozessen zu erklären (Gott als Erbauer der mechanischen Weltenuhr, intelligenter Naturdesigner oder  Evolutionsprogrammierer).

Der Positivismus als sogenannte „wissenschaftliche Weltanschauung“ zieht die reduktionistische Konsequenz für die Wesensbestimmung des Menschen nach sich: Der Mensch ist nichts anderes als Materie, als eine Maschine, ein Tier und sein Gehirn ist nichts anderes als ein Computer, der einmal durch künstliche Intelligenz überboten wird. Er ist eine Spezies unter anderen mit dem typischen Hang, sich über andere Spezies zu erheben. Darum stehe z.B. ein Tier wegen seiner größeren Intelligenzleistung über einem geisteskranken Menschen oder einem Embryo und Kleinkind, das noch nicht rechnen kann. Es ist klar, dass dann in der Ethik die Differenz zwischen Gut und Böse durch die Kategorie des Nützlichen und Zweckdienlichen und empirisch Überprüfbaren ersetzt wurde. Der empiristische Naturalismus wurde von Paul Henri d’Holbach in seiner Schrift „Système de la nature (1770) auf eine ewig für sich existierende Materie zurückgeführt. Allein nach mechanischen- und heute muss man hinzufügen- nach biologischen und chemikalischen Gesetzmäßigkeiten gibt die Materie sich selbst vermittels der Evolution des Lebendigen ihre Gestaltung in einzelnen Spezies und Lebewesen. Leben und Bewusstsein des Menschen wären nur höhere Formen der sich selbst organisierenden Materie. Die idealen Inhalte des Bewusstseins, wie die Gottesidee und die moralischen Imperative seien nur Produkte der Sinnlichkeit und des Überlebenswillens. Den Ideen unseres Verstandes entspreche also nichts in der Wirklichkeit außer der Materie und der Evolution. Entweder sind sie entwicklungspsychologisch bedingte Relikte aus unserer Kindheitsphase des Individuums oder der Spezies. Oder sie sind- in der gesellschaftspolitischen Tendenz gelesen- Herrschaftsinstrumente der Kirche und des Staates. Erst wenn die Blockaden der Metaphysik und der geoffenbarten Religion, nämlich des Christentums, überwunden seien, habe der Mensch die unverstellte Einsicht in seine Situation und werde frei von Aberglauben und religiösem Fanatismus, womit der Klerus das Volk in Unmündigkeit gefangen hält. Die Toleranz auf dem Boden des Agnostizismus und Relativismus muss -so meinen sie- den starren Dogmenglauben der Kirche hinwegfegen. Und eine lustbetontes Leben befreie uns von der lebens- und leibfeindlichen Gesetzesmoral des Christentums.

In einer radikal religionskritisch gewendeten Aufklärung war man davon überzeugt, dass erst der gesellschaftlich und pädagogisch durchgeführte Atheismus die Menschheit von allen Übeln befreie und eine helle Zukunft vorbereite. Statt der Theonomie war Autonomie, statt Theozentrik war Anthropozentrik angesagt. Ähnliche Konsequenzen ergeben sich aus den im Sinne des monistischen Materialismus interpretierten Erkenntnisse der Neurologie. Wenn allen, auch den abstraktesten Denkleistungen des menschlichen Gehirns eine messbare materielle Energie zugrundliegt, dann ist das Gehirn nichts anderes als ein Computer, der Informationen verarbeitet. Der Geist wäre nur ein Epiphänomen der Materie. Verbunden mit der Evolutionsbiologie würde die Neurophysiologie gleichsam empirisch beweisen, dass der Mensch weder eine Vernunft hat, die transzendenzfähig ist und die Wahrheit von der Lüge unterscheiden kann, noch über einen Willen verfügt, der in spontaner Freiheit das Gute anzielen und das Böse verabscheuen kann. Was wahr und gut ist, wird von der Mehrheit bzw. auch von der Minderheit der aufgeklärten Bürger für den noch unmündigen Rest entschieden.

Dagegen kann man fragen, wenn es keinen Geist gibt, wem dann diese Theorie noch einleuchten soll? Denn jede Erkenntnis setzt den ontologischen Unterschied zwischen Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt voraus.

Der Positivismus in den Natur-, Gesellschafts-, und Geschichtswissenschaften und der Kritische Rationalismus macht die philosophische und theologische Reflexion der existentiellen Grundfragen nach dem Woher und Wozu der menschlichen Existenz obsolet. Statt der Freude des Evangeliums nistet sich aber bei einem solchen Menschenbild eine kollektive Depression in den Herzen ein. Bertrand Russel (1872-1970), einer der Väter der Analytischen Philosophie, drückte das transzendenzlose Zeitgefühl, das dem monistischen Naturalismus eigen ist, aus, indem er von der „Welt als Zufallstreffer im Wechsel der Sonnensysteme sprach“.[8] Unter Berufung auf  das Gefühl, das einen bei den Erkenntnissen der Astrophysik und der Evolutionsforschung beschleichen mag, formulierte Jacques Monod die erschütternde Verlorenheit des Menschen in den unendlichen Räumen und Zeiten des Kosmos: „Der alte Bund ist zerbrochen, der Mensch weiß endlich, dass er in der teilnahmslosen Unermesslichkeit des Universums allein ist, aus dem er zufällig hervortrat.“[9] Es bleibt nur der Ausweg, im kurzen Erdendasein das Beste aus sich zu machen, bevor man dem ewige Vergessen anheimfällt. Das Gefühl der Abwesenheit Gottes in der trostlosen Weite der Räume und Zeiten auf unserem winzigen Planeten,  findet in uns seinen Widerhall, wenn der Mensch sein tragisches Dasein resigniert verloren gibt oder den Schmerz der Vergänglichkeit rauschhaft betäubt.

Die namenlose Bestattung der Toten, wie sie leider von manchen gewählt wird, ist nur die erschütternde Konsequenz dieses existentiellen Nihilismus. Während die Nutzbarmachung meiner Asche als Humus im Kreislauf der Natur kein Akt der Liebe ist, stellt das Versinken in der ewigen Anonymität nur den absurden Verzicht dar auf meine Würde als Sohn und Tochter des liebenden Vaters im Himmel. Die biblische Erfahrung hingegen mit dem Gott Israels, der sein Volk beschützt und befreit, drückt eine tröstliche Gewissheit aus: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich beim Namen gerufen. Mein bist Du.“ (Jes 43,1).

Wenn Christen auch -historisch gesehen- mit verantwortlich waren am Verlust der Glaubwürdigkeit der Offenbarung, indem sie ihre Religion mit gesellschaftlichen und staatlichen Zwecken -wie zum Beispiel die gallikanische Kirche im Ancien régime- verknüpften oder die Inhalte des Glaubens mit überholten naturwissenschaftlichen Weltbildern zu stützen versuchten, so bleibt doch ein systematischer Komplex der radikalen Immanentisierung unserer Auffassung der ganzen Wirklichkeit übrig.

Der harte Kern des spezifischen Atheismus, wie er auf dem Hintergrund und im strikten Widerspruch zum abendländischen Christentum entstanden ist, scheint mir der als unüberwindbar empfundene Gegensatz zwischen Gnade und Freiheit zu sein. Bleibt der menschlichen Freiheit noch Raum, wenn Gott alles ist und allein wirkt, oder muss der Mensch sich einem übermächtigen Gott gegenüber erst freikämpfen?

Paradigmatisch für die westliche Religionskritik aus dem Geist des Empirismus und Sensualismus seit David Hume bis Ludwig Feuerbach und Sigmund Freud ist die Meinung Bertrand Russels, die Religion, insbesondere das Christentum, sei das Ergebnis einer Krankheit, die aus Angst entstanden ist. Judentum, Christentum und Islam seien Sklavenreligionen, weil sie bedingungslose Unterwerfung verlangten. „Die ganze Vorstellung vom herrschenden Gott stammt aus den orientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die eines freien Menschen unwürdig ist.“[10] Bei allem Respekt dürfte man doch eine bessere Bibelkenntnis erwarten. Wo bleibt die Erinnerung, dass  der Gott Israels sich offenbart als Befreier seines Volkes aus dem Sklavenhaus Ägyptens oder der babylonischen Gefangenschaft? Im Neuen Testament ist die Befreiung der ganzen Schöpfung „aus der Sklaverei und Verlorenheit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21) die Frucht  der Erlösungstat Christi am Kreuz.

Der Gott, der hier abgelehnt wird, ist nur die Hypothese idealistischer Spekulation oder des falschen Ansatzes der Gnadenlehre oder der Lückenbüßer naturwissenschaftlicher Forschung, jedoch nicht der lebendige und barmherzige Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi, der uns das Sein schenkt und uns in seiner Liebe vollenden will.

In der Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ erfasst das II. Vatikanum die Systematik des real existierenden Atheismus in seinen verschiedenen Spielformen und Auswüchsen in diesem Sinne. Dem Glauben, dass Gott Ziel und Ursprung von Mensch und Welt sei, setzt der Atheismus entgegen, dass der Mensch sich selbst Ursprung und Ziel sei. Der Mensch müsse und könne sich selbst erschaffen und erlösen. Darum muss er sich von allen kreatürlichen Vorgaben befreien, sich zumindest wie ein Demiurg selbst mental und psychisch konditionieren sowie physisch und sozial modellieren. Religion, also Gottesbezug in welcher historischen Form auch immer, gilt ihm als Ausdruck der Entfremdung des Menschen von sich selbst oder als ein Mittel, um ihn unmündig zu halten. Religion ist Opium des Volkes. Der Erlösung durch Gottes herrliche Gnade wird das selbstgeschaffene Paradies auf Erden gegenübergestellt, das die Menschheit  bisher allerdings nur als eine Hölle auf Erden kennenlernen durfte.

Der postulatorische Atheismus wendet sich gegen ein Phantom, indem er verkennt, dass göttliche Gnade die menschliche Freiheit schafft, fördert und vollendet, weil das Wesen Gottes nicht pure Macht ist, die an sich hält, sondern Liebe, die sich verschenkt.

Denn seine Allmacht äußert sich und wird erfahren als Gabe des Seins, durch das wir an seinem Leben und seiner Erkenntnis teilhaben. Denn Gott gewinnt nichts und verliert nichts, wenn er uns ins Dasein ruft und wenn in unseren Herzen die Sehnsucht auf die Vereinigung mit ihm weckt. Denn Gott ist Liebe.

Es mag sein, dass der neuzeitliche Mensch durch die tiefe Verstörung über die Spaltung der abendländischen Christenheit und die entsetzlichen Religionskriege in England, Frankreich, Deutschland, der Schweiz und anderswo in seinem Glauben an der Gott der Liebe zuinnerst verstört wurde. Aber neben der Kränkung durch die falsche Meinung, die Gnade behindere Freiheit und Selbstbestimmung, liegt der Tendenz zum postulatorischen Atheismus doch der „Wille zur Macht“ zugrunde, der verbunden ist mit der Ermächtigung, sich selbst zum Gesetz des Seins und des Guten zu machen. Die atheistischen Politideologien seit der französischen Revolution bis heute faszinieren die Massen, weil sie absolute Macht sein wollen über die Natur, die Geschichte, die Gesellschaft, bis ins Innerste der Gedanken und des Gewissens jedes einzelnen Menschen (deshalb: der Abhörwahn der Geheimdienste bei allen Telefonen, SMS, Twitter und Facebooks.

Die Kirche begegnet dem kämpferischen und oft menschenverachtenden Atheismus in seiner staatlichen, akademischen und medialen Macht nicht mit den gleichen Mitteln. Da nach unserer Überzeugung, Gott auch diejenigen Menschen liebt, die ihn noch nicht kennen und sogar verleugnen, ist nach den richtigen Mitteln zu suchen, um den Menschen den Zugang zum Geheimnis des Seins und der Liebe zu eröffnen, das sich uns in Gott dem  Schöpfer, Erlöser und Vollender mitgeteilt hat… Es ist, wie das Konzil sagte die „situationsgerechte Darlegung der Lehre und das integre Lebensbeispiel der Kirche und ihrer Glieder“ [11].

Den Vor- und Fehlurteilen des neuzeitlichen Atheismus gegenüber erklärt das II. Vatikanum:  „Die Kirche hält daran fest, dass die Anerkennung Gottes der Würde des Menschen keineswegs widerstreitet, da diese Würde eben in Gott selbst gründet und vollendet wird. Denn der Mensch ist vom Schöpfergott mit Vernunft und Freiheit als Wesen der Gemeinschaft geschaffen; vor allem aber ist er als dessen Kind zur eigentlichen Gemeinschaft mit Gott und zur Teilnahme an dessen Seligkeit berufen. Außerdem lehrt die Kirche, dass durch die eschatologische Hoffnung die Bedeutung der irdischen Aufgaben nicht gemindert wird, dass vielmehr ihre Erfüllung durch neue Motive unterbaut wird. Wenn dagegen das göttliche Fundament und die Hoffnung auf das ewige Leben schwinden, wird die Würde des Menschen aufs schwerste verletzt, wie sich heute oft bestätigt, und die Rätsel von Leben und Tod, Schuld und Schmerz bleiben ohne Lösung, so dass die Menschen nicht selten in Verzweiflung stürzen. Jeder Mensch bleibt vorläufig sich selbst eine ungelöste Frage, die er dunkel spürt. Denn niemand kann in gewissen Augenblicken, besonders in den bedeutenderen Ereignissen des Lebens, diese Frage gänzlich verdrängen. Auf diese Frage kann nur Gott die volle und sichere Antwort geben; Gott, der den Menschen zu tieferem Nachdenken und demütigerem Suchen aufruft.“[12]

Nur so gibt es einen Ausweg aus der „Dialektik der Aufklärung“ (1944)[13] mit ihrem Umschlag in den Despotismus totalitärer Ideologien und der Tragödie des „atheistischen Humanismus“ (1950).“[14]

Dieser Einsicht kann nur sich verschließen, wer die dramatisch zugespitzte Situation der Welt von heute verkennt. Papst Franziskus sagt oft, dass wir uns schon wie in einem 3.Weltkrieg befinden. Er meint damit die „Globalisierung der Verantwortungslosigkeit“.[15] Denken wir nur im globalen Zusammenhang an die Bürgerkriege, die Genozide, die Entwürdigung von Kindern, Frauen und Männern zu Sex- und Arbeitssklaven, die Massenflucht und Migration von Millionen, Hunger und Armut bei der Hälfte der Menschheit, die unzählbare Schar von Kindern und Jugendlichen ohne menschliche Wärme und teilnehmende Erziehung und Berufschancen, die Scheidungswaisen, den entfesselten Kapitalismus, der alles und alle der Diktatur des ökonomischen Nutzens und Profits unterwirft, den weltweit agierenden Terrorismus in kriminellen Banden und Staaten und das organisierte Verbrechen, die bewusste Destabilisierung der Rechtsordnung und die Unterordnung des Gemeinwohls unter die Gruppeninteressen sogar in den etablierten Demokratien.

In unserer technisch so effizienten Zivilisation springt die Krise der Moderne und Postmoderne jedem Sehenden in die Augen[16].

Der Postmoderne liegt wegen des fehlenden Transzendenzbezuges im wesentlichen ein defizitäres Menschenbild zugrunde, das zur fatalen Konsequenz vor allem der Entsolidarisierung und Entsozialisierung führt. Wenn der Mensch auf ein Produkt der mit sich selbst spielenden Materie oder ein Konstrukt der Gesellschaft reduziert wird oder nur als Teilnehmer an sozialen Netzwerken oder als Rentenzahler etwas gilt, dann ist er seines Subjektseins, seiner Personalität beraubt, weil er zum Mittel der industriellen Produktion, der politischen Macht oder zum Biomaterial der Forschung verzweckt wurde. Hinter einer glänzenden Fassade der schönen neuen Welt zeigt sich das ganze Ausmaß des Elends: die Einsamkeit, die Isolation, das seelische Leiden, die zunehmende Gewalt und Brutalität, der Egozentrismus, die Orientierung am Eigennutz und der egomanischen Selbstverwirklichung, die verweigerte primäre Kommunikation in den Familien.

Alle Entwürfe, die das irreduzible Eigensein des Menschen als Person leugnen -d.h. die Geistigkeit und Unsterblichkeit der Seele als substantiale Form seiner geist-leiblichen Natur und ihrer Entfaltung in Geschichte und Kultur- und die ihn von seiner wesentlichen Relation zum transzendenten Gott abschneiden und ihn so der absoluten Herrschaft von Menschen über Menschen ausliefern, kommen- bei aller Widersprüchlichkeit untereinander- überein im Relativismus der Wahrheitsfrage. Die Leugnung der objektiven Wahrheit führt nicht zur Freiheit, denn das Gegenteil der Wahrheit ist die Lüge. Die Wahrheit ist ebenso wenig der Grund von Intoleranz wie die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit den Klassenkampf hervorruft. Und der Relativismus begründet nicht die Toleranz und die freie In-Beziehung-Setzung des erkennenden Menschen zur Wahrheit der Wirklichkeit und des Seins, sondern -wie  zurecht formuliert wurde- führt zur Diktatur derer, die für sich den Durchblick reklamieren oder sich für die einzig guten Menschen halten. Der Relativismus widerspricht sich selbst, indem er für sich apodiktisch absolute Geltung beansprucht und zugleich die Existenz und Erkennbarkeit von Wahrheit außer seiner eigenen verneint.

Es gibt gewiss viele Welt- und Daseinsdeutungen, wie das II. Vatikanum in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute sagt: Aber es wächst angesichts der globalen politischen, ökonomischen, moralischen und religiösen Krise „die Zahl derer, die die Grundfragen stellen oder mit neuer Schärfe spüren: Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Schmerzes, des Bösen, des Todes… Was kann der Mensch der Gesellschaft geben, was von ihr erwarten? Was kommt nach diesem irdischen Leben?“[17]

Die Kirche vertritt ein Menschenbild, das sehr wohl seine wesentlichen Inhalte aus der jüdisch-christlichen Tradition bezieht, das aber auch in seiner positiven und konstruktiven Ausrichtung mit vielen Menschen guten Willens und anderer religiöser und ethischer Traditionen zu einer Aktionsgemeinschaft zusammenfinden kann.

Rational können alle Ergebnisse der modernen Natur- und Geschichtswissenschaften mit den Erkenntnissen aus der Offenbarung in eine Synthese gebracht werden, ohne dass ein Christ und Zeitgenosse in zwei geistigen Welten leben müsste. Aber darüber hinaus ist die christliche Botschaft das Evangelium der Liebe. Die Wahrheit der Wahrheit ist nicht die  Macht, sondern die Liebe. Macht ohne Dienst, Reichtum ohne Freigebigkeit, Eros ohne Agape können nie das Herz des Menschen erfüllen. Es kommt an auf die Annahme seiner selbst und die Liebe zum Nächsten, weil jeder von Gott schon bedingungslos angenommen und geliebt ist.

Die Erfahrung Gottes als Sinn und Ziel des Menschen bedeutet das Ende der Dialektik der Negativität und allen Wahn-Sinns in der Weltgeschichte.

Nur der Glaube an Gott kann das Ganze der Wirklichkeit in den Blick nehmen, weil er eine Teilhabe am unendlichen Geheimnis Gottes ist, das sich vorerst nur in „Spiegel und Gleichnis“ (1 Kor 13,12) zu erkennen gibt. Denn Gottes Geheimnis steht nicht vor uns wie ein undurchdringliches Dickicht, ein schwarzes Loch oder das  nichtende Nichts. Es ist lichte Überfülle und lauter Güte. Wir sehen die Welt in seinem Licht. Aber wir können nicht direkt in die Sonne schauen, obwohl wird alles durch ihr Licht sehen.

Im Brief an die Römer besteht Paulus darauf, dass die Menschen in ihrer „Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit“ sowie in ihrem „Niederhalten der Wahrheit“ sich nicht entschuldigen können mit ihrer Unkenntnis der Existenz Gottes. Denn „seit der Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen: Seine ewige Macht und Gottheit.“ (Röm 1,20). Auch die Heiden, denen nicht wie den Juden am Sinai die Gebote geoffenbart worden sind, kennen das natürliche, d..h in der Vernunft zugängliche Sittengesetz, weil es ihnen ins Herz eingeschrieben wurde und sie es in ihren Gedanken  hin und her erwägen (Röm 2,14ff).

Gott bleibt das Geheimnis über uns. Er ist das Subjekt der Offenbarung seiner Herrlichkeit in den Werken der Natur und der Geschichte. Durch die Propheten und zuletzt unüberbietbar in seinem Sohn spricht er zu uns von Person zu Person. Wir können zu ihm sprechen im Bekenntnis und Gebet. Die Kirche kann von ihm sprechen und Zeugnis geben in einer dialogischen Verkündigung.

Gerade im Bekenntnis zum trinitarischen Gott zeigt sich das proprium christianum. Der Trinitätsglaube  unterscheidet das Christentum vom alttestamentlich-jüdischen und vom koranischen Monotheismus wie auch vom spekulativen Monotheismus.

Der unitarische Monotheismus kann nicht dem trinitarischen Monotheismus die Logik absprechen. Denn seine Konsistenz besteht in der göttlichen Logik der Liebe, die das Wesen Gottes in den Relationen der drei göttlichen Personen zueinander vollzieht, die aber sein Wesen nicht zerteilen, sondern es in ewig verwirklichen. Dies übersteigt menschliches Erkennen, das durch die Selbstoffenbarung dennoch erhoben wird zur analogen Teilnahme an Gottes Selbsterkenntnis im seinem Wort, das unser Fleisch annahm, und zur Vereinigung mit ihm in der Liebe des Heiligen Geistes.

Gotteskindschaft in Christus und Gottesfreundschaft im Heiligen Geist sind die wesentlichen Bezugspunkte des christlichen Menschenbildes. Die Kirche glaubt, dass die Größe des Geheimnisses des Menschen erst im Licht Christi voll erkannt wird und nur in ihm das Rätsel von Schmerz und Tod uns nicht überwältigt.

Die Gottesfrage ist für den Menschen von heute gewiss eine intellektuelle aber noch mehr eine existentielle Herausforderung. Im Angesicht des Todes steht der Glaube vor seiner letzen Prüfung.

Vom damals 39jährigen Dietrich Bonhoeffer berichtet der Lagerarzt, der ihn auf dem letzten Gang zur Hinrichtung im Konzentrationslager Flossenbürg am 9. April 1945 begleitete:

„Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor der Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig die Treppe zum Galgen.“ [18]

Und sein letztes Wort im Angesicht des Todes war: „Das ist das Ende- für mich der Beginn des Lebens.“[19]

 

[1] Berlin, 2.Aufl. 2015.

[2] Ebd. 340.

[3] Eine grundlegende Analyse der geistigen und religiösen Situation der Zeit bietet Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a.M. 2009.

[4] München 2007,11.

[5] Robert Spaemann, Der letzte Gottesbeweis, München 2007,20.

[6] Thomas von Aquin, De pot. q.7 a.5. ad 14.

[7] Vgl. dazu die treffende Analyse bei Alexander Kissler, Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam, München 2008.

[8] Warum ich kein Christ bin, München 1963, 24.

[9] Zufall und Notwendigkeit, München 1971,219.

[10] Warum ich kein Christ bin, München 1963, 36.

[11] Gaudium et spes 21.

[12] Gaudium et spes 21.

[13] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Frankfurt a.M. 1969.

[14] Henri de Lubac, Über Gott hinaus, Einsiedeln  1984.

[15] Apost.Exhort. Evangelii gaudium (2913),art.52-75.

[16]Vgl. die tiefgreifende Studie von Matthew Fforde, Entsozialisierung. Die Krise der Postmoderne, Freiburg i.Br. 2016.

[17] Gaudium et spes 10.

[18] Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe-Christ- Zeitgenosse, München 1983, 1038.

[19] Ebd. 1037.

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Quelle