Ein Auszug aus dem Römischen Katechismus nach dem Beschluss des Konzils von Trient

AUS DEM NEUNTEN HAUPTSTÜCK:

4. Durch Gottes Vorsehung ist den Engeln der Auftrag gegeben, das Menschengeschlecht zu beschützen

Durch Gottes Vorsehung ist nämlich den Engeln der Auftrag gegeben, dass sie das menschliche Geschlecht beschützen und den einzelnen Men­schen beistehen, damit sie nicht irgend einen bedeutenden Schaden nehmen. Denn wie die Eltern ihren Kindern, wenn diese eine unsichere und gefahr­volle Reise machen müssen, Schützer und Helfer in den Gefahren beigeben: so hat der himmlische Vater auf diesem Wege, auf welchem wir zum himmli­schen Vaterlande pilgern, jedem von uns Engel vorgesetzt, durch deren Hil­fe und Sorgfalt geschützt wir die von den Feinden bereiteten Schlingen ver­meiden und die wider uns gemachten schrecklichen Angriffe zurückschla­gen und unter ihrer Führung den rechten Weg einhalten können, damit kein Irrtum, vom trügerischen Widersacher uns bereitet, uns von dem Wege ab­lenken könne, der zum Himmel führt.

5. Aus welchen Beweisen wir deutlich die Größe des Nutzens einsehen, welcher den Menschen aus dem Schutze der Engel zufließt

Welchen Nutzen aber diese Sorgfalt und ganz besondere Fürsorge Got­tes für die Menschen hat, deren Amt und Verwaltung den Engeln anvertraut ist, deren Natur zwischen Gott und den Menschen in der Mitte steht, ist aus den Beispielen klar, wovon die Heilige Schrift eine Menge liefert. Diese be­zeugen, wie es durch Gottes Güte oft geschehen ist, dass die Engel vor den Augen der Menschen wunderbare Dinge bewirkten, um uns zu mahnen, dass von den Engeln, den Beschützern unseres Heiles, Unzähliges der Art, das nicht in die Augen fällt, zu unserem Nutzen und Heile bewirkt werde. «Der Engel Raphael», der von Gott dem Tobias als Gefährte und Führer auf der Reise beigegeben worden war, führte ihn unversehrt hin und zurück, diente ihm auch zum Beistande, dass er nicht von dem ungeheuren Fische verschlungen wurde, und zeigte ihm, welche Kraft in dieses Fisches Leber, Galle und Herzen sei. Er trieb den Teufel aus, brach und fesselte seine Macht und bewirkte so, dass derselbe dem Tobias nicht schaden konnte. Er lehrte den Jüngling das wahre und gesetzmässige Recht und den Gebrauch der Ehe. Er gab dem blinden Vater des Tobias das Augenlicht wieder.

6. Von dem Engel, durch den der heilige Petrus aus dem Kerker befreit wurde

Desgleichen wird jener Engel, der Befreier des Apostelfürsten, einen reichlichen Stoff bieten, um die andächtige Herde über die wunderbare Frucht der Sorge und des Schutzes der Engel zu belehren, indem die Pfarrer zeigen werden, wie der Engel die Finsternis des Kerkers erleuchtete, den Pe­trus an der Seite berührte und so vom Schlafe aufweckte, die Ketten löste, die Bande zerriss, ihn mahnte, aufzustehen und ihm nach Anlegung der Schuhe und der übrigen Kleidung zu folgen; indem sie lehren werden, dass von demselben Engel Petrus ungehindert durch die Wachen hindurch aus dem Kerker geführt und, nach Öffnung der Tür, in Sicherheit gebracht wur­de. Von solchen Beispielen, wie gesagt, ist die Geschichte der heiligen Bü­cher angefüllt, aus denen wir erkennen, wie zahlreich die Wohltaten sind, welche Gott den Menschen durch die Engel, seine Dolmetscher und Bot­schafter, erweist, die nicht allein in einem bestimmten und besonderen Auf­trage ausgesandt sind, sondern denen von Geburt an unsere Obhut anver­traut ist, und welche zum Schutze des Heiles eines jeden Menschen bestellt sind. Aus der fleißigen Belehrung hierüber wird der Nutzen hervorgehen, dass die Herzen der Zuhörer erhoben und zur Anerkennung und Verehrung der väterlichen Sorge und Vorsehung Gottes für sie aufgemuntert werden.

7. Woraus die Menschen außerdem die väterliche Fürsorge Gottes für die Menschen erkennen

Es wird aber der Pfarrer an dieser Stelle rühmen und ganz besonders preisen die Reichtümer der Güte Gottes gegen das menschliche Geschlecht, der, obgleich wir ihn vom ersten Vater unseres Geschlechtes und unserer Sünde bis auf diesen Tag mit unzähligen Schandtaten und Freveln beleidigt haben, doch gegen uns seine Liebe behält und jene vorzügliche Sorge um uns nicht ablegt. Denn wenn jemand glaubt, dass er die Menschen vergässe, so ist er wahnsinnig und schleudert gegen Gott die unwürdigste Schmähung. Gott zürnte Israel wegen der Gotteslästerung dieses Volkes, welches mein­te, es sei von himmlischer Hilfe verlassen. Denn es steht im Exodus: «Sie ha­ben Gott versucht, indem sie sagten: Ist wohl der Herr unter uns oder nicht?» und bei Ezechiel zürnt Gott demselben Volke, weil es gesagt hatte: «Der Herr sieht uns nicht, der Herr hat die Erde verlassen.» Also müssen die Gläubigen durch diese Zeugnisse von jenem gottlosen Wahne abgeschreckt werden, als könne es der Fall sein, dass Gott die Menschen vergesse. In die­sem Sinne kann man das israelitische Volk bei Isaias über Gott klagen und hingegen Gott dessen törichte Klage in einem liebevollen Gleichnisse widerlegen hören. Denn es heißt dort‘: «Sion sprach: der Herr hat mich ver­lassen und Gott hat mich vergessen.» Ihm antwortet Gott: «Kann denn ein Weib ihres Kindes vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ih­res Leibes? und wenn jene vergessen sollte, so werde doch ich dich nicht vergessen; siehe, in meine Hände habe ich dich geschrieben.»

8. An dem Beispiele des ersten Menschen wird Gottes Güte gegen uns gezeigt

Obwohl das aber durch diese Stelle deutlich bewiesen ist, werden die Pfarrer doch, um das gläubige Volk zur vollen Überzeugung zu bringen, dass es keine Zeit geben könne, wo Gott das Andenken an die Menschen ab­legte, wo er ihnen nicht Erweise seiner väterlichen Liebe gäbe, die Sache durch das überaus glänzende Beispiel der ersten Menschen bestätigen. Denn wenn du vernimmst, wie sie nach der Vernachlässigung und Verlet­zung des göttlichen Befehles gar bitter angeklagt und durch jenes furchtba­re Urteil verdammt worden sind: «Verflucht sei die Erde in deinem Werke; mit vieler Arbeit wirst du von ihr essen alle Tage deines Lebens, Dornen und Disteln wird sie dir tragen und du wirst das Kraut der Erde essen», wenn du sie aus dem Paradiese vertrieben siehst und erfährst, dass, um alle Hoffnung auf Rückkehr abzuschneiden, am Eingange des Paradieses der Cherubim des Gesetzes mit einem flammenden und blitzenden Schwerte aufgestellt wurde, dass von dem die ihm angetane Unbill rächenden Gotte jene mit in­neren und äußeren Mühseligkeiten geschlagen wurden: möchtest du da nicht glauben, es sei um den Menschen geschehen gewesen, oder ihn nicht nur von der göttlichen Hilfe entblößt, sondern auch jedem Elende preisge­geben halten? Und doch, mitten in so großen Zeichen des göttlichen Zorns und der Rache, leuchtete ein Licht der Liebe Gottes zu ihnen auf. «Denn es machte», heißt es, «der Herr Gott dem Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und tat sie ihnen an», was der gewichtigste Beweis dafür war, dass Gott die Menschen nie zu irgend einer Zeit verlassen werde.

9. Es wird bewiesen, dass die Güte Gottes durch keine, wenn auch noch so große Missetaten der Menschen erschöpft werden kann

Den Kern dieses Satzes —, «dass Gottes Liebe durch keine Beleidigung von seiten der Menschen jemals erschöpft werden kann», hat David mit je­nen Worten ausgedrückt‘: «Wird wohl Gott in seinem Zorne seine Barm­herzigkeiten verschließen?» Dies hat Habakuk erklärt, da er, Gott anre­dend, also spricht‘: «Wenn du erzürnt sein wirst, so wirst du der Barmher­zigkeit gedenken.» Dies hat Michäas so ausgesprochen: «Welcher Gott ist dir gleich, der du wegnimmst die Ungerechtigkeit und hinweghebst die Sün­den des Überbleibsels deines Erbes? Er lässt nicht aus seinen Grimm, weil er an Barmherzigkeit Wohlgefallen hat» Und ganz so ist es auch; wenn wir uns für völlig verloren und der Hilfe Gottes beraubt halten, da am meisten sucht uns und sorgt Gott für uns nach seiner unermesslichen Güte; denn er hält im Zorne das Schwert der Gerechtigkeit zurück und hört nicht auf, die uner­schöpflichen Strifft,einer Barmherzigkeit auszuschütten.

10. Welches der dritte Grund ist, durch welchen Gott die Wohltat seiner Vaterliebe zum menschlichen Geschlecht in reichlichem Maße zeigt

Die beste Offenbarung der besonderen Weise der Liebe und des Schutzes Gottes für das Menschengeschlecht ist die Weltschöpfung und -Regierung. Aber doch ragt jenes Werk der Erlösung des Menschen soweit unter den beiden obigen hervor, dass der allermildtätigste Gott und unser Vater die höchste Güte gegen uns durch diese dritte Wohltat im Übermaße geoffen­bart hat. Daher wird der Pfarrer seinen geistlichen Kindern diese ausge­zeichnete Liebe Gottes zu uns erklären und unaufhörlich ihren Ohren ein­prägen, damit sie erkennen, dass sie, weil sie erlöst sind, in wunderbarer Wei­se Söhne Gottes geworden sind; «denn er hat», sagt Johannes, «ihnen die Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden»; und: «Sie sind aus Gott gebo­ren.» Daher wird die Taufe, welche wir als das erste Unterpfand und Denk­mal unserer Erlösung haben, das Sakrament der Wiedergeburt genannt: denn durch dasselbe werden wir zu Söhnen Gottes geboren. Denn der Herr selbst sagt: «Was geboren ist aus dem Geiste ist Geist»; und: «Ihr müsst von neuem geboren werden.» Desgleichen der Apostel Petrus: «Die ihr wiedergeboren seid nicht aus verweslichem Samen, sondern aus unverwesli­chem durch das Wort des lebendigen Gottes.»

11. Vermöge einer ausgezeichneten Wohltat sind wir durch die Erlösung Kinder Gottes geworden

Kraft dieser Erlösung haben wir auch den Heiligen Geist empfangen und sind der Gnade Gottes gewürdigt worden, ein Geschenk, durch das wir zu Söhnen Gottes angenommen worden sind, wie der Apostel Paulus an die Römer geschrieben hat: «Ihr habt nicht empfangen den Geist der Knecht­schaft wiederum in Furcht, sondern empfangen den Geist der Annahme an Kindes Statt, in welchem wir rufen: Abba, Vater.» Seine Kraft und die Wirk­samkeit der Adoption erklärt der heilige Johannes auf folgende Art: «Sehet, welche Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Söhne Gottes heißen und sind.»

12. Was die Christen, die bereits zu Söhnen Gottes gemacht worden sind, nach so vielen empfangenen Erweisen der väterlichen Liebe dem Vater dagegen leisten sollen

Nach diesen Erklärungen ist das gläubige Volk zu mahnen, was es selbst dem liebreichsten Vater, Gott, dagegen schuldet, damit es einsehe, welche Liebe und Kindlichkeit, welchen Gehorsam und Ehrfurcht man dem Schöp­fer, Regierer und Erlöser zollen, mit welcher Hoffnung und welchem Ver­trauen man ihn anrufen muss. Aber zur Belehrung der Unwissenheit und zur Berichtigung der verkehrten Meinung jener, welche nur das Glück und einen günstigen Lebenslauf als Beweis dafür ansehen, dass Gott uns seine Liebe bewahrt, wenn wir aber durch Unglück und Leiden von Gott geprüft werden, dies für ein Zeichen seiner gegen uns feindlichen Gesinnung und des gänzlich von uns abgewendeten göttlichen Wohlgefallens halten, muss gezeigt werden, dass, wenn uns die Hand des Herrn trifft, der Herr dies kei­neswegs in feindseliger Weise tut, vielmehr durch Schlagen heilt, und dass die von Gott kommende Züchtigung eine Arznei ist. Denn er züchtigt die Sünder, um sie durch dieses Zuchtmittel besser zu machen und sie durch die gegenwärtige Ahndung vor dem ewigen Untergang zu befreien. Denn er sucht zwar mit der Rute unsere Missetaten heim und mit Schlägen unsere Sünden, seine Barmherzigkeit aber nimmt er nicht von uns weg. Daher sind die Gläubigen zu ermahnen, bei derlei Züchtigung die Vaterliebe Gottes an­zuerkennen und jenen Ausspruch beim geduldigen Job im Gedächtnisse und im Munde zu haben: «Er verwundet und heilt; er schlägt, und seine Hände werden gesund machen»; jenes Wort häufig zu gebrauchen, welches Jere­mias in der Person des israelitischen Volkes schrieb: «Du hast mich gezüch­tigt und ich ward gestraft, wie ein unbändiges Kalb. Bekehre mich, so werde ich bekehrt: du bist der Herr mein Gott», das Beispiel des Tobias vor Augen zu haben, welcher, da er in jener Plage der Blindheit die schlagende Vater­hand Gottes gefühlt hatte, ausrief: «Ich preise dich, Herr Gott Israels, denn du hast mich gezüchtigt, und du hast mich geheilt.»

13. Man muss den Gläubigen einprägen, dass Gott uns niemals vergisst

Hierbei haben sich die Gläubigen besonders zu hüten, dass sie nicht, wenn sie, von welchem Ungemach auch immer betroffen, von welchem Leiden auch immer darniedergebeugt sind, vermeinen, Gott wisse das nicht; denn er sagt selbst: «Kein Haar von euerem Haupte wird zugrunde gehen.» Ja sie sollen sich selbst vielmehr mit jenem Troste des göttlichen Wortes trösten, welches in der Apokalypse gesprochen ist: «Die ich liebe, strafe und züchti­ge ich»; sollen Beruhigung finden in der Ermahnung des Apostels an die He­bräer: «Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn; und ver­zage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst; denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er; er schlägt aber jedes Kind, das er aufnimmt. Wenn ihr außer Zucht wäret, so wäret ihr Bastarde und keine Kinder. Die Väter unseres Fleisches hatten wir zu Züchtigern und erwiesen ihnen Ehrfurcht: werden wir nicht um viel mehr dem Vater der Geister gehorchen und leben?»

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Aus dem von mir [POS] 1970 [in dem von mir gegründeten PETRUS-VERLAG] als Taschenbuch neu herausgegebenen „RÖMISCHEN KATECHISMUS – Catechismus romanus“, dem „Katechismus nach dem Beschlusse des Konzils von Trient für die Pfarrer“ (auf Befehl der Päpste Pius V. und Klemens XIII. herausgegeben – übersetzt nach der zu Rom 1855 veröffentlichten Ausgabe mit Sachregister)