13. JUNI: DER HEILIGE ANTONIUS VON PADUA

Von Br. Andreas-Pazifikus Alkofer OFM Conv.

Der hl. Antonius von Padua wird ca. 1195 – das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt – in Lissabon geboren. Er entstammt einer adeligen Familie. Seine Eltern, Martin und Maria Bulhoes y Taveira de Azevedo (diesen Familiennamen überliefert eine nicht gesicherte Tradition) lassen den späteren Antonius auf den Namen Fernando taufen.

Die Zeit, in die Antonius hineingeboren wird, ist eine politisch, wirtschaftlich und kirchlich turbulente Zeit des Umbruchs, dessen Zentrum vor allem in Italien liegt, an dem gemessen Portugal tiefste Provinz ist. Das Land selbst ist erst seit kurzen von den Arabern zurückerobert worden. Neben der Reconquista der iberischen Halbinsel, die erst 300 Jahre später beendet sein wird, und neben der Vielzahl lokaler politischer Konflikte sorgt auch eine Vielzahl neu entstehender radikaler Armutsbewegungen in der Kirche für Spannungen. Zudem sind diese knapp vier Jahrzehnte der Lebenszeit des Antonius überschattet von immer neuen Ausbrüchen des Kreuzzugsfiebers. Der wirtschaftliche Umbruch, vor allem in Italien und Südfrankreich, der den Namen ‚Frühkapitalismus‘ trägt, tut ein übriges und lässt durch das Wiederaufkommen der Geldwirtschaft und intensivierter Handelsbeziehungen soziale Stände- und Gesellschaftsordnungen in Bewegung geraten. Mit den Folgen all dessen auf das Leben der einfachen Leute wird Antonius sein Leben lang konfrontiert sein.

Von den ersten Lebensjahren, von Kindheit und Jugend des hl. Antonius wissen wir wenig. Sicher ist nur, dass er relativ behütet und in gesicherten Verhältnissen aufwächst und an der Kathedralschule in Lissabon Lesen und Schreiben lernt, was für damalige Verhältnisse keine Selbstverständlichkeit ist. Um 1210, also mit ca. 15. Jahren, tritt Antonius bei den Augustiner-Chorherren in Lissabon ins Kloster ein. Er bleibt dort etwa zwei Jahre, bevor er 1212/13 von Lissabon aus in das Augustiner-Chorherren-Kloster von Coimbra, der damaligen Hauptstadt des Königreiches Portugal, wechselt. Die Gründe für den Wechsel sind nicht gesichert, aber es steht zu vermuten, dass ein zu enger Kontakt mit Familie und Freunden das Klosterleben des Antonius zu häufig gestört hat.

In Coimbra, wo Antonius bis 1220 bleiben wird, erhält er eine gediegene theologische Ausbildung und eignet sich dabei eine außerordentliche Kenntnis der Heiligen Schrift und der Kirchenväter an. Zudem wird er dort, wohl in der letzten Phase seines Aufenthaltes, zum Priester geweiht.

In dieser Zeit lernt Antonius eine Gruppe von Minderbrüdern kennen – so heißen die Mitbrüder der noch jungen Bewegung des hl. Franziskus, die im Gefolge des Heiligen aus Assisi ein Leben in radikaler Evangelium gemäßer Armut leben wollen, ohne persönlichen und gemeinschaftlichen Besitz, ohne festen Wohnsitz. Die Brüder leben seit 1217 in einer kleinen Einsiedelei bei Coimbra, die dem Einsiedler und Wüstenvater Antonius (* 251/252) geweiht ist und ihnen von der Königin auf Zeit zur Verfügung gestellt ist. Ein maßgebliches Moment für den Wechsel des hl. Antonius von den Chorherren in die junge Franziskaner-Gemeinschaft, neben den persönlichen Kontakten mit den Brüdern vor Ort, ist der Martertod einer Gruppe von Franziskanern um den hl. Berard Anfang 1220 in Marokko. Sie waren dorthin über Portugal aufgebrochen, um bei den Moslems zu missionieren. Ihr Tod hinterlässt in Portugal einen tiefen Eindruck und bewegt Antonius zum Übertritt zu den Minderbrüdern. Er nimmt erst jetzt den Namen an, unter dem er später berühmt wird und entlehnt ihn sich von dem Heiligen, an dessen Kapelle die Brüder bei Coimbra leben. Antonius bricht mit dem Ziel, zu missionieren und ebenfalls den Martertod zu finden, sofort nach Nordafrika auf. Doch seine Pläne scheitern. Er erkrankt und wird über den Umweg über Sizilien statt nach Portugal nach Italien verschlagen.

Dort ist er 1221 im Mai beim Mattenkapitel der Franziskaner anwesend (der jährlichen Versammlung aller Brüder an Pfingsten). Allerdings spielt er dort eine untergeordnete Rolle. Man findet keine Aufgabe für ihn, den ausgebildeten Theologen und Priester, von denen es im Orden eigentlich noch nur wenige gibt. So wird er zunächst in eine kleine Einsiedelei bei Forli in Oberitalien geschickt.

In Forlì ändert sich dann auch das Schicksal des Antonius, als er angelegentlich einer Priesterweihe aus dem Stegreif eine staunenerregende Ansprache hält (alle anderen gaben vor, nicht genug vorbereitet zu sein). Von diesem Augenblick an ist der weitere Weg des Antonius vorbestimmt: Er wird Ausbilder, Organisator in Teilen des jungen Ordens und vor allem Prediger. Schon um 1223 beauftragt Franziskus ihn damit, den Brüdern Theologie zu lehren. Dieser Brief des Franziskus an Antonius ist erhalten! Von da an ist Antonius als ‚Theologieprofessor‘ (wenn man das unzeitgemäße Wort verwenden will) und als Prediger in Oberitalien unterwegs. Von 1224 bis 1227 finden wir ihn in Südfrankreich, wo er sich als Kustos um die Neuorganisation der Ordensprovinz kümmert und als Prediger – wie in Italien – vor einen teilweise sehr desolaten und verwirrenden innerkirchlichen Zustand steht. Auch hier gibt es viele Armutsbewegungen, die in ihrer Radikalität die Kirche kritisieren und einfache Gläubige verunsichern. Antonius versucht durch ein authentisches Leben und durch kraftvolle Predigten, dem gegenzusteuern.

1227 kehrt Antonius aus Frankreich nach Italien zurück und wird beim Mattenkapitel in der Nähe von Assisi zum Provinzialminister der Ordensprovinz der Romagna gewählt. In diesen letzten Jahren bis 1231, in denen er sich unermüdlich um die ihm anvertrauten Mitbrüder kümmert, neue Konvente gründet, bestehende besucht, entstehen seine beiden Predigtwerke, die Sonntagspredigten (1227-1228) und die Festtagspredigten (1230-1231). Letztere kann Antonius nicht mehr vollenden. Beide Reihen, als Handbücher konzipiert, offenbaren deutlich die profunde Kenntnis der Bibel und der Texte der Kirchenväter, die sich Antonius angeeignet hat.

In diesen letzten Lebensjahren entwickelt sich auch immer mehr die Beziehung des Antonius zu Padua, die so etwas wie seine ‚Lieblingsstadt‘ in Norditalien wird. Immer wieder macht er dort Halt bei seinen vielen Reisen. Er sucht die Ruhe und die Erholung, die er als kranker Mann braucht, denn seit 1220 begleiten ihn ständig gesundheitliche Probleme. Diese Beziehung zu Padua erreicht ihren Gipfelpunkt in der Fastenzeit 1231. Antonius predigt jeden Tag in einer der Kirchen Paduas und, als die Kirche zu klein werden, um die Scharen der Hörer zu fassen, auf den Plätzen der Stadt. Diese Fastenpredigten machen Antonius zum untrennbaren Teil der Geschichte dieser Stadt und sind ein durchschlagender Erfolg. Er erreicht sogar, dass ein Gesetz erlassen wird, dass die Schuldner in der Stadt vor dem Verlust ihrer Freiheit bewahren und sie vor Übergriffen von Wucherern schützen soll.

Nach Ostern 1231 zieht sich Antonius, erschöpft und ermüdet von dieser großen Anstrengung, in eine Einsiedelei außerhalb Paduas zurück: nach Camposampiero, wo ein den Franziskanern verbundener Graf, ihm und zwei Begleitern das nötigste zur Verfügung stellt. Am 13. Juni 1231 verschlechtert sich der Zustand des Antonius dramatisch. Die Brüder versuchen, ihn nach Padua zurückzubringen, aber am Abend dieses Tages stirbt Antonius in dem kleinen Vorort Arcella. Die Nachricht vom Tod des Antonius verbreitet sich wie ein Lauffeuer und es setzt, vor allem in Padua, unmittelbar seine Verehrung als Heiliger ein.

Nicht einmal ein Jahr nach seinem Tod wird Antonius von Padua am 30. Mai 1232 durch Papst Gregor IX. in Spoleto dann offiziell heiliggesprochen. 1946 erklärt ihn Papst Pius XII. zum Kirchenlehrer und verleiht ihm den Titel ‚doctor evangelicus‘.

Antonius ist in der Basilika, die man zu seinen Ehren in Padua errichtet, bestattet, die seither zum Ziel für Abertausende von Pilgern geworden ist, die Antonius als ihrem Fürsprecher vertrauen.

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Quelle

Siehe ferner:

Das Zweite Vatikanische Konzil fünfzig Jahre später – Neues Pfingsten oder nicht?

Pater-Raniero-Cantalamessa-Deutungsversuch-des-Zweiten-Vatikanischen-Konzils (1)

15. Dezember 2012 19:23

von Pater Raniero Cantalamessa OFMCap

Freitag, 14. Dezember 2012

ZWEITE ADVENTSPREDIGT

1. Das Konzil: Hermeneutik des Bruches und der Kontinuität

In dieser Meditation möchte ich über den zweiten großen Grund zum Feiern sprechen, den die Kirche in diesem Jahr hat: den fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Über die vergangenen Jahrzehnte haben sich die Versuche, eine Bilanz der Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu ziehen, geradezu exponentiell vervielfältigt[1]. Es wäre überflüssig, dem vielen Gesagten noch mehr hinzuzufügen; mir würde auch die Zeit dazu nicht reichen. Neben diesen analytischen Interpretationsversuchen hat es aber auch Bestrebungen gegeben, eine zusammenfassende Bewertung des Konzils zu geben, oder anders gesagt, einen Schlüssel zu finden, der uns das Verständnis dieses epochalen Ereignisses erschließt. Ich will mich lieber dieser Art von Versuchen anschließen und vielleicht noch einen Schritt weiter gehen, indem ich eine Art Deutungsversuch der verschiedenen vorgeschlagenen „Schlüssel“ unternehme.

Diese lassen sich grob in drei Kategorien aufteilen: manche Beobachter betrachten das Konzil als eine Aktualisierung, andere sprechen von einem Bruch mit der Vergangenheit, wieder andere von einer „Erneuerung in der Kontinuität“. Als Johannes XXIII. der Welt das Konzil ankündigte, verwendete er gleich mehrmals das Wort „aggiornamento“ (Aktualisierung), das seitdem zu einem geflügelten Wort geworden ist. In seiner Eröffnungsrede zum Konzil erklärte der Papst, wie er sich diese Aktualisierung vorstellte:

„Das einundzwanzigste Ökumenische Konzil setzt sich das Ziel, die katholische Lehre intakt, ungeschmälert und unverändert weiter zu vermitteln […]. Wir haben aber nicht nur die Aufgabe, diesen kostbaren Schatz zu hüten; wir müssen auch an dem Werk weiterarbeiten, das unsere Zeit benötigt, indem wir den Weg weiter beschreiten, den die Kirche seit fast zwanzig Jahrhunderten geht […]. Es ist notwendig, dass diese gesicherte und unabänderliche Lehre, der man immer treu zustimmen muss, gemäß den Anforderungen unserer Zeit vertieft und erläutert werde“ [2].

Als jedoch das Konzil voranschritt, schälten sich bald zwei entgegengesetzte Sichtweisen heraus, die nur den einen oder den anderen der beiden Aspekte betonten, von denen der Papst gesprochen hatte, nämlich die Kontinuität oder das Neue gegenüber der Vergangenheit. Unter denen, die sich zur zweiten Sichtweise bekannten, wurde der Begriff „Aktualisierung“ schon bald mit „Bruch“ gleichgesetzt, wobei man diesen Bruch positiv oder negativ bewertete, je nachdem, welche Einstellung man vertrat. Die sogenannten Progressisten begrüßten alles Neue als einen Sieg über veraltete Positionen; die eher Konservativen betrachteten es jedes Mal als eine Katastrophe für die ganze Kirche.

Zwischen diesen beiden Parteien – die sich darin einig waren, dass das Konzil einen Bruch darstelle, im Urteil über diesen Bruch jedoch entgegengesetzte Meinungen vertraten – liegt die Bewertung der Päpste, die immer von einer „Erneuerung in der Kontinuität“ gesprochen haben. In seiner Enzyklika „Ecclesiam Suam“ greift Paul VI. das von Johannes XXIII. verwendete Wort „Aktualisierung“ wieder auf und sagt, er wolle es als „Leitfaden“ seinen Amtes nehmen[3]. Zu Beginn seines Pontifikats wiederholte Johannes Paul II. dieses Urteil seines Vorgängers[4] und sprach sich bei verschiedenen Gelegenheiten in diesem Sinne aus. Aber vor allem unser jetziger Papst Benedikt XVI. machte deutlich, was die Kirche mit „Erneuerung in der Kontinuität“ meint. In seiner bekannten Ansprache an die Römische Kurie am 22. Dezember 2005, wenige Monate nach seiner Papstwahl, erklärte er:

„Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem großen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, dass zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die »Hermeneutik der Reform«“.

Der Heilige Vater gibt zu, dass es eine gewissen Diskontinuität – einen Bruch also – gegeben hat; dieser Bruch aber hat nichts mit den Grundsätzen und Wahrheiten des christlichen Glaubens zu tun; er betrifft gewisse historische Entscheidungen. Zu diesen gehört zum Beispiel die Konfliktsituation zwischen der Kirche und der modernen Welt, die ihren Höhepunkt erlebte, als Pius IX. die Moderne im Block verurteilte, jedoch auch in jüngerer Vergangenheit spürbar wurde, wie zum Beispiel im Verhältnis zwischen Kirche und Wissenschaft, im neuen Verhältnis zu anderen Religionen und der damit verbundenen Frage der Gewissensfreiheit, nicht zuletzt auch im Drama des Holocausts, das eine neue Einstellung gegenüber dem jüdischen Volk erforderlich machte. Benedikt XVI. schreibt:

„Es ist klar, dass in all diesen Bereichen, die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und dass in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, dass, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird. Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform.“

Wenn wir von der Ebene der Grundsätze und Werte auf die chronologische Ebene übergehen, dann kann man sagen, dass das Konzil zwar einen Bruch und eine Diskontinuität mit der jüngeren Vergangenheit der Kirche darstellt, jedoch eine Kontinuität mit ihrer frühen Vergangenheit. In vielerlei Hinsicht, besonders in Hinblick auf die zentrale Idee dessen, was die Kirche eigentlich ist, hat das Konzil eine Rückbesinnung auf ihre Anfänge, auf die Quellen der Bibel und der Patristik herbeiführen wollen.

Diese Betrachtungsweise des Konzils als „Erneuerung in der Kontinuität“ hat einen wichtigen Vorgänger im Essay „Über die Entwicklung der christlichen Lehre“ von Kardinal Newman gehabt. Nicht zuletzt deswegen wurde Kardinal Newman oft als der „abwesende Vater des Zweiten Vatikanischen Konzils“ bezeichnet. Newman zeigt, dass man bei keinem großen Weltbild, sei es eine Philosophie oder eine Religion wie das Christentum,

„von ihren Anfängen her sagen kann, welche Möglichkeiten sie erschließt und welche Ziele sie anstrebt […]. Je nachdem, welchen neuen Beziehungen sie gegenüber steht, tauchen Gefahren und Hoffnungen auf und alte Grundsätze erscheinen in neuer Form. Sie verändert sich mit ihnen, um doch immer sich selbst treu zu bleiben. In einer übernatürlichen Welt gehen die Dinge anders; aber hier auf Erden bedeutet Leben Veränderung, und die Vollkommenheit ist das Ergebnis zahlreicher Anpassungen“ [5].

Papst Gregor der Große hatte diese Überzeugung in gewisser Weise bereits vorweg genommen, als er über die Heilige Schrift aussagte: „Cum legentibus crescit“ (Sie wächst mit denen, die sie lesen)[6], was bedeutet, dass sie umso mehr wächst, je mehr sie gelesen und nachgelebt wird, denn dadurch erheben sich neue Fragen und neue Herausforderungen. Die Glaubenslehre verwandelt sich also, aber nur, um sich selbst immer treu zu bleiben; sie passt sich der historischen Situation an, um im Inhalt immer gleich zu bleiben, wie Benedikt XVI. es ausdrückte.

Ein einfaches, aber klares Beispiel ist die sprachliche Anpassung. Jesus sprach die Sprache seiner Zeit; nicht Hebräisch, denn das war die gelehrte Sprache der Heiligen Schrift (vergleichbar mit dem, was für uns Latein wäre), sondern Aramäisch, die Sprache des Volkes. Diesem Grundsatz treu bleiben kann selbstverständlich nicht bedeuten, dass man allen künftigen Generationen das Evangelium auf Aramäisch verkündet, sondern dass man es den Griechen auf Griechisch, den Römern auf Latein, den Armeniern auf Armenisch, den Kopten auf Koptisch verkündet usw. bis auf den heutigen Tag. Wie Newman sagte: gerade indem man sich anpasst, bleibt man dem Geist der Ursprünge treu.

2. Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig

Bei aller Achtung und Bewunderung für das gewaltige Pionierwerk von Kardinal Newman, kann man anderthalb Jahrhunderte später und nach allem, was die Christenheit in der Zwischenzeit erlebt hat, doch auch einen Mangel nicht übersehen, der seinem Essay innewohnt: das fast völlige Fehlen jedes Hinweises auf den Heiligen Geist. In seiner Beschreibung des Werdegangs der christlichen Lehre übersieht Newman die überragende Rolle, die Jesus dem Heiligen Geist zuschreibt: den Jüngern jene Wahrheiten zu verkünden, die sie im Moment „noch nicht tragen“ können und sie „in die ganze Wahrheit“ zu führen (vgl. Joh 16,12-13).
Denn was sonst ermöglicht es uns, das Paradoxon zu lösen und von einer Erneuerung in der Kontinuität, einem Verharren in der Aktualisierung zu sprechen, wenn nicht das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche? Der heilige Irenäus war sich dessen vollkommen bewusst, als er schrieb, die Offenbarung sei wie ein

„wertvoller Stoff in einer kostbaren Vase, der dank dem Geist Gottes sich immer wieder verjüngt und auch die Vase verjüngt, die ihn enthält“ [7].

Der Heilige Geist offenbart uns keine neuen Worte und führt keine neuen Sakramente und Institutionen ein, sondern erneuert und belebt immer wieder die Worte, Sakramente und Institutionen, die Jesus geschaffen hat. Er schafft keine neuen Dinge, aber er erneuert alle Dinge!
Die mangelnde Berücksichtigung des Heiligen Geistes erklärt viele der Schwierigkeiten, die bei der Aufnahme des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgekommen sind. Die Tradition, in deren Namen einige Gläubige das Konzil abgelehnt haben, war eine Tradition, in der der Heilige Geist keine Rolle spielte. Sie war eine Ansammlung von Überzeugungen und Handlungen, die ein für alle Mal festgelegt waren; etwas ganz anderes als die Welle der apostolischen Verkündigung, die durch die Jahrhunderte zieht und, wie jede Welle, nur in Bewegung wahrgenommen werden kann. Die Tradition einfrieren und die Welle an einem willkürlich gewählten Punkt ihrer Bahn aufhalten hätte bedeutet, aus der „lebendigen Tradition“, von der Irenäus spricht, eine tote Tradition zu machen. Der Dichter Charles Péguy hat diese große theologische Wahrheit in Verse gefasst:

„Jesus hat uns keine toten Worte gegeben,
die wir in kleinen (oder großen) Schachteln verschließen
und in ranzigem Öl aufbewahren müssen
wie ägyptische Mumien.
Jesus Christus hat uns keine Wortkonserven zum aufbewahren gegeben.
Er hat uns lebendige Worte gegeben, die wir ernähren müssen […].
Wir kranke und weltbezogene Menschen sind es,
die jene lebend in die Zeit gebrachten Worte
pflegen und durch die Zeit am Leben erhalten müssen“ [8].

Ich muss aber gleich noch hinzufügen, dass die Dinge in der Gegenpartei kaum besser lagen. Hier sprach man gerne vom „Geist des Konzils“; nur, dass damit leider nicht der Heilige Geist gemeint war. Unter „Geist des Konzils“ verstand man jenen Mut zur Innovation, von dem man bedauernd annahm, er werde aufgrund des Widerstands der Konservativen und dem daraus resultierenden Zwang zum Kompromiss nicht in die Konzilstexte eingehen können.

Und nun will ich über das sprechen, was meiner Meinung nach der Schlüssel zum Verständnis des Konzils ist. Der heilige Thomas von Aquin schreibt, indem er einen gewagten Gedanken des heiligen Augustinus bezüglich der Worte des Apostels Paulus über den Buchstaben und den Geist aufgreift (vgl. 2 Kor 3,6):

„Das Wort ‚Buchstabe‘ bezeichnet hier alle geschriebenen Gesetze, die außerhalb des Menschen bleiben, selbst die ethischen Vorschriften, die wir in den Evangelien finden. Deshalb würde auch der Buchstabe der Evangelien töten, wenn es nicht von der belebenden Gnade des Glaubens erfüllt wäre“ [9].

Im gleichen Zusammenhang schreibt der heilige Kirchenlehrer auch:

„Das neue Gesetz besteht hauptsächlich in der Gnade des Heiligen Geistes, die den Gläubigen zuteil wird“[10].

Die Vorschriften des Evangeliums sind auch „neues Gesetz“, jedoch in einem materiellen Sinn, d.h. dem Inhalt nach; die Gnade des Heiligen Geistes hingegen ist die Form des neuen Gesetzes, die uns überhaupt erst die Kraft gibt, diese Vorschriften einzuhalten. Sie ist das, was Paulus als „das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus“ bezeichnet (vgl. Röm 8,2). Es handelt sich hierbei um einen universellen Grundsatz, der für jedes Gesetz gilt. Wenn sogar die Vorschriften des Evangeliums ohne die Gnade des Heiligen Geistes „tötender Buchstabe“ wären, was müssen wir dann erst von den Vorschriften der Kirche oder, in unserem Beispiel, von den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils halten? Die „Umsetzung“ des Konzils darf also nicht durch eine wörtliche und fast automatische Einhaltung seiner Entschlüsse stattfinden, sondern „in seinem Geiste“, worunter wir den Heiligen Geist und nicht irgendeinen vage definierten und subjektiv formbaren „Konzilgeist“ verstehen müssen. Johannes Paul II. schrieb schon 1981:

„Das ganze Erneuerungswerk der Kirche, das das II. Vatikanische Konzil so providentiell vorgelegt und eingeleitet hat – eine Erneuerung, die ‚Aktualisierung‘ und zugleich Festigung dessen sein muss, was für die Sendung der Kirche von bleibender und konstitutiver Natur ist –, kann nur im Heiligen Geist verwirklicht werden, das heißt mit dem Beistand seines Lichtes und seiner Kraft“ [11].

3. Die Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils

Hat dieses ersehnte „neue Pfingstereignis“ wirklich stattgefunden? Ian Ker, ein bekannter Newman-Experte, hat bewiesen, dass Kardinal Newman für das Verständnis nicht nur des Konzils selbst, sondern auch der Zeit danach einen wichtigen Beitrag geleistet hat. Als im Verlauf des Ersten Vatikanischen Konzils 1870 das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit definiert wurde, machte Kardinal Newman eine Überlegung über den Sinn der Konzile im Allgemeinen und ihrer Definitionen. Er kam dabei zu dem Schluss, dass ein Konzil manchmal Folgen nach sich ziehen kann, die in ihrem Umfang von den Teilnehmern des Konzils selbst nicht abgeschätzt werden können. Man erwartet von den Entscheidungen, die man trifft, eine viel größere oder auch eine viel geringere Wirkung als die, die dann in Wirklichkeit eintritt.

Auf diese Weise wendete Newman seine allgemeine Idee von der Entwicklung der christlichen Lehre auf den Spezialfall der Konzile an. Ein Dogma, wie überhaupt jede große Idee, kann man erst verstehen, nachdem man seine Folgen und geschichtlichen Entwicklungen gesehen hat. Newman verwendet hier das Gleichnis eines Flusses, der erst nach einer Weile sein Bett findet: niemand könnte an der Quelle schon sagen, wie sein Verlauf sein wird [12]. So erging es auch dem Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit, das vielen Zeitgenossen als viel folgenschwerer erschien, als es sich dann in der Anwendung durch die Kirche und die Päpste selbst erwiesen hat. Nie wurde durch dieses Dogma jedes zukünftige ökumenische Konzil überflüssig gemacht, wie manche Zeitgenossen befürchteten oder hofften: Das Zweite Vatikanische Konzil ist der beste Beweis dafür[13].
All dies findet eine interessante Bestätigung in Gadamers hermeneutischem Prinzip der „Wirkungsgeschichte“, wonach man, um einen Text begreifen zu können, die Folgen berücksichtigen muss, die dieser Text in der Geschichte bewirkt hat[14]. Es ist das, was auf exemplarisch klare Weise mit der spirituellen Interpretation der Heiligen Schrift geschieht. Diese Interpretationsweise erklärt den Bibeltext nicht nur im Lichte dessen, was davor war, wie es die historisch-philologische Betrachtung tut, sondern auch im Lichte dessen, was danach kam: Sie erklärt eine prophetische Vision im Lichte ihrer Verwirklichung in Christus, das Alte Testament im Lichte des Neuen.

Diese Gedanken werfen ein ganz unerwartetes Licht auf die Zeit nach dem Konzil. Auch in diesem Fall müssen wir die wichtigsten Folgen des Geschehens vielleicht an einer ganz anderen Stelle suchen als dort, wohin wir unsere Blicke gerichtet haben. Wir hatten unsere Augen auf die Veränderung der Strukturen und Institutionen gerichtet, auf die neue Verteilung der Machtverhältnisse, auf die in der Liturgie zu verwendende Sprache, und haben dabei gar nicht gemerkt, wie unbedeutend all diese Veränderungen im Vergleich zu dem sind, was der Heilige Geist da vorbereitete. Wir haben geglaubt, die alten Tonkrüge mit unseren eigenen Händen zerschlagen zu können, während Gott uns seine eigene Art vorführte, alte Tonkrüge zu erneuern: sie mit jungem Wein zu füllen.

Auf die Frage, ob es ein neues Pfingstereignis gegeben habe, müssen wir daher ohne Zögern antworten: Ja! Und woran erkennen wir dies am besten? An der Erneuerung in der Qualität des christlichen Lebens, die überall dort eingetreten ist, wo dieses Pfingstereignis aufgenommen wurde. Das doktrinär wichtigste Faktum des Zweiten Vatikanischen Konzils sind die ersten zwei Kapitel der dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“, in denen die Kirche definiert wird als Sakrament und Volk Gottes, das unter der Leitung des Heiligen Geistes voran schreitet, beseelt von seinen Charismen und unter der Führung der Hierarchie. Die Kirche ist also Mysterium und Institution; „Koinonia“ und „Hierarchia“. Johannes Paul II. hat die Verwirklichung dieser Vision als Hauptaufgabe der Kirche zu Beginn des neuen Jahrtausends bezeichnet[15].

Die Frage, die wir uns stellen, ist: Wo ist diese Vision der Kirche aus den Dokumenten heraus ins Leben übergegangen? Wo ist sie „Fleisch und Blut“ geworden[16]? Wo wird das christliche Leben „nach dem Gesetz des Heiligen Geistes“ gelebt, in Freude und Überzeugung, aus freier Wahl und nicht aus Zwang? Wo wird das Wort Gottes in höchsten Ehren gehalten, wo zeigen sich die Charismen, wo macht man sich am meisten Gedanken über die Neuevangelisierung und die Einheit der Christen?

Da es sich um verborgene Dinge handelt, die sich in den Herzen der Menschen zutragen, kennt letztlich nur Gott allein die Antwort auf diese Fragen. Wir müssen auf dieses neue Pfingstereignis die Worte beziehen, die Jesus über das Reich Gottes sagte:

„Man kann nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21).

Aber wir können trotzdem nach Zeichen Ausschau halten, wobei uns auch die Wissenschaft der Religionssoziologie zu Hilfe kommt. Und wenn wir mit diesen Mitteln suchen, dann ist die Antwort, die sich von vielen Seiten erhebt: in den kirchlichen Bewegungen!

Ich will von Anfang an eines klarstellen: zu den kirchlichen Bewegungen zählen, dem Wesen wenn auch nicht der Form nach, auch alle Pfarreien, Glaubensvereine und neue Gemeinden, in denen eben diese Koinonia, diese christliche Lebensqualität verwirklicht ist. Daher darf man keinen Konflikt zwischen kirchlichen Bewegungen und Pfarrgemeinden sehen; sie konkurrieren nicht, sondern gehören zusammen; beide versuchen, auf unterschiedlichen Wegen, das selbe Vorbild christlichen Lebens zu verwirklichen.

Ich lege Wert auf die korrekte Bezeichnung: „kirchliche Bewegungen“, nicht „Laienbewegungen“! Die meisten dieser Bewegungen zählen nämlich Personen aus beiden Armen der Kirche zu ihren Mitgliedern: Laien, aber auch Bischöfe, Priester, Ordensmänner und -Frauen. Sie alle zusammen sind „das Volk Gottes“, wie es in der „Lumen Gentium“ gemeint ist. Wenn sich mit ihnen der Päpstliche Rat für die Laien befasst, dann aus einem rein praktischen Grund: Weil es eine Kongregation für den Klerus schon viel länger gibt.

Johannes Paul II. sah in diesen Bewegungen und Pfarrgemeinden einen echten Frühling der Kirche[17]. Auch Benedikt XVI. hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten ähnlich geäußert[18]. In der Chrisam-Messe am Gründonnerstag 2012 sagte der Papst:

„Wer auf die Geschichte der Nachkonzilszeit hinschaut, der kann die Dynamik der wahren Erneuerung erkennen, die in lebendigen Bewegungen oft unerwartete Gestalten angenommen hat und die unerschöpfliche Lebendigkeit der heiligen Kirche, die Anwesenheit und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes geradezu greifbar werden lässt.“

Wer nach den Zeichen dieses neuen Pfingstereignisses sucht, kann das Phänomen nicht übersehen, das man als „Charismatische Erneuerung“ bezeichnet, auch wenn es sich im engeren Sinn nicht um eine kirchliche Bewegung handelt, da sie keinen Gründer, keine Organisationsstruktur und keine eigene Spiritualität besitzt. Sie ist eher wie ein Strom der Gnade, der sich auf den gesamten Körper der Kirche verteilt.

Als Kardinal Suenens, einer der Hauptakteure des Zweiten Vatikanischen Konzils, 1973 zum ersten Mal von der Charismatischen Erneuerung hörte, war er gerade dabei, ein Buch mit dem Titel „Der Heilige Geist – Quelle unserer Hoffnung“ zu schreiben. In seinen Memoiren erzählt er:

„Ich unterbrach meine Arbeit an diesem Buch. Es schien mir eine Frage der elementarsten Konsequenz, dass ich erst beobachten müsse, was der Heilige Geist gerade wirkte, so erstaunlich es auch zu sein schien. Dieses Neuerwachen der Charismen interessierte mich auf ganz besondere Weise, weil das Konzil ein solches Erwachen ja gewünscht hatte.“

Und nachdem er persönlich diese Erfahrung gemacht hatte, die heute von Millionen von Menschen geteilt wird, schrieb er:

„Plötzlich scheinen Paulus und die Apostelgeschichte etwas Lebendiges und Gegenwärtiges geworden zu sein; was authentisch und wahr an der Vergangenheit ist, scheint vor unseren Augen erneut zu geschehen. Es ist die Wiederentdeckung des Wirkens des Heiligen Geistes, der immer am Werk ist, wie Jesus es verheißen hatte. Es ist ein neuer Ausbruch des Pfingstgeistes, eine Freude, die der Kirche fremd geworden war“ [19].

Die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinden schöpfen ganz gewiss die Möglichkeiten und Erwartungen nicht aus, die das Konzil ins Leben gerufen hat. Aber sie sind eine Antwort auf eine dieser Erwartungen, auf die wichtigste vielleicht, zumindest aus der Sicht Gottes. Sie sind nicht frei von Schwächen und zum Teil auch Verirrungen; aber welche große Erneuerung hat es je in der Kirche gegeben, die nicht mit menschlichen Fehlern behaftet gewesen wäre? Ist nicht im 13. Jahrhundert etwas ganz ähnliches geschehen, als die Bettelorden aufkamen? Auch damals waren es die Päpste, allen voran Innozenz III., die als erste die Gnade des Augenblicks erkannten und aufnahmen und alle Bischöfe dazu aufforderten, es ebenso zu tun.

4. Ein eingehaltenes Versprechen

Worin also, so fragen wir uns, liegt die Bedeutung des Konzils und aller Dokumente, die es hervorgebracht hat: die Bedeutung der Konstitutionen „Dei Verbum“, „Lumen Gentium“, „Gaudium et Spes“, „Nostra Aetate“ usw.? Sollen wir sie einfach beiseitelegen und warten, dass der Heilige Geist für uns arbeitet? Die Antwort finden wir in den Worten, mit denen Augustinus das Verhältnis von Gesetz und Gnade erklärt:

„Das Gesetz wurde uns gegeben, damit wir die Gnade suchen, und die Gnade wurde uns gegeben, damit wir das Gesetz einhalten“ [20].

Der Heilige Geist enthebt uns also nicht von der Pflicht, dem Gesetz, das heißt in unserem Fall den Dekreten des Konzils, Folge zu leisten. Im Gegenteil, er selbst ist es, der uns den Ansporn gibt, diese Dekrete zu studieren und anzuwenden. Tatsächlich sind es, abgesehen von der akademischen Welt, für die diese Dokumente ein Studienobjekt sind, gerade die oben erwähnten kirchlichen Bewegungen, die die Konzilsdekrete am meisten zu schätzen wissen.

Ich habe das an mir selbst erfahren. Mein Vorurteil gegen das Judentum und die reformierten Kirchen, das sich in mir in den Jahren meiner Ausbildung geformt hatte, habe ich nicht deshalb überwunden, weil ich „Nostra Aetate“ gelesen habe, sondern weil auch ich im kleinen und mit der Hilfe einiger Mitbrüder die Erfahrung des neuen Pfingstereignisses gemacht habe. Erst danach habe ich das Bedürfnis verspürt, „Nostra Aetate“ wieder zu lesen, genau wie ich die Konstitution „Dei Verbum“ erst dann aufmerksam gelesen habe, als der Geist in mir eine neue Liebe zu Gottes Wort und zur Evangelisierung erweckt hatte. Diesen Weg kann man jedoch in beide Richtungen gehen. Um uns der Sprache des heiligen Augustinus zu bedienen: die einen finden im geschriebenen Wort einen Ansporn, den Heiligen Geist zu suchen, die anderen werden vom Geist dazu angehalten, das Wort zu beachten.

Der Dichter Thomas S. Eliot hat Verse geschrieben die, wenn wir sie auf die 50-Jahr-Feier des Konzils beziehen, den Sinn der Umwandlungen dieses letzten halben Jahrhunderts beleuchten können:

„Wir dürfen in unserer Suche nie rasten
Und am Ende unserer Suche
Steht der Punkt, von wo aus wir begannen
Und wir werden jenen Ort zum ersten Mal kennen lernen“ [21]

Nach so viel Suchen, so vielen Debatten und verschiedenen Meinungen, werden auch wir dorthin zurückgeführt, wo wir vor fünfzig Jahren standen: zum Konzil. Aber die ganze Arbeit um das Verständnis des Konzilsereignisses war nicht vergebens, weil wir in einem tieferen Sinn erst jetzt in der Lage sind, „den Ort zum ersten Mal kennen zu lernen“, das heißt, die wahre Bedeutung des Konzils abzuschätzen, die den Konzilsvätern selbst verborgen bleiben musste.

Wir dürfen heute sagen, dass der Baum, der aus dem Konzil erwachsen ist, tatsächlich zum Samen passt, dem er entsprang. Denn woraus ist das Zweite Vatikanische Konzil entsprungen? Die Worte, mit denen Johannes XXIII. die Rührung beschrieb, die „das Aufblühen im Herzen und auf den Lippen allein des Wortes ‚Konzil‘“ begleitete[22], tragen alle Anzeichen einer prophetischen Inspiration. In seiner Ansprache zum Abschluss der ersten Periode des Konzils bezeichnete er das Konzil als

„ein neues, lang ersehntes Pfingstereignis, das die Kirche mit großen geistigen Kräften bereichern wird“ [23].

Heute, 50 Jahre später, können wir nur feststellen, dass Gott sein Versprechen eingehalten hat, das er der Kirche durch den Mund seines demütigen Dieners, des seligen Johannes XXIII., damals gab. Wenn es uns manchmal so scheint, als sei es übertrieben, von einem neuen Pfingstereignis zu sprechen, angesichts der vielen Probleme und Streitigkeiten, die nach dem Konzil und gerade wegen des Konzils in der Kirche aufgekeimt sind, dann müssen wir nur die Apostelgeschichte noch einmal durchlesen und dabei feststellen, dass Probleme und Streitigkeiten auch das erste Pfingstereignis begleiteten. Kaum weniger als heute!

***

[1] Vgl. Il Concilio Vaticano II. Recezione e attualità alla luce del Giubileo, a cura di R. Fisichella, Ed. San Paolo 2000.
[2] Johannes XXIII., Eröffnungsrede zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Nr. 6,5.
[3] Paul VI., Enzyklika Ecclesiam Suam, Nr. 52.
[4] Johannes Paul II., Generalaudienz vom 1. August 1979.
[5] J.H. Newman, An Essay on the Development of Christian Doctrine, I. Teil, n.1.
[6] Gregor der Große, Kommentar zu Hiob XX,1 (CC 143 A, S. 1003).
[7] Hl. Irenäus, Gegen die Irrlehren, III, 24,1.
[8] Ch. Péguy, Le Porche du mystère de la deuxième vertu, La Pléiade, Paris 1975, S. 588 ff.
[9] Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I-IIae, q. 106, a. 2.
[10] Ebd., q. 106, a. 1; vgl. auch Augustinus, De Spiritu et littera, 21, 36.
[11] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben A Concilio Constantinopolitano I, 25. März 1981, Nr. 7.
[12] Newman, op. cit. S. 46.
[13] Ein noch deutlicheres Beispiel ist das, was beim ökumenischen Konzil von Ephesos im Jahr 431 geschah. Die Definition Mariens als die „Theotokos“, die Mutter Gottes, sollte in den Absichten des Konzils und vor allem ihres Verfechters Kyrill von Alexandria einzig und allein dazu dienen, die Einheit der Person Christi festzulegen. Tatsächlich aber wurde sie zum Auftakt jener unermesslich reichen Blüte der Marienverehrung und der Errichtung der ersten Marienkirchen, darunter auch die Basilika Santa Maria Maggiore in Rom. Die Einheit der Person Christi wurde in einem anderen Kontext und viel deutlicher dann im Konzil von Chalcedon 451 definiert.
[14] Vgl. H.G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1960.
[15] Johannes Paul II., Novo millennio ineunte, Nr. 42.
[16] I. Ker, art. cit. S. 727.
[17] Johannes Paul II., Novo millennio ineunte, Nr. 46.
[18] Vgl. z.B. seine Ansprache an die kirchlichen Bewegungen zur Pfingstvigil 2006 in: The Beauty of Being a Christian. Movements in the Church. Proceedings of the Second World Congress on the Ecclesial Movements and New Communities (Frascati 31. Mai – 1. Juni 2006), Rom, Libreria Editrice Vaticana, 2007.
[19] Kard. L.-J. Suenens, Memories and Hopes, Dublin, Veritas 1992, S. 267.
[20] Augustinus, De Spiritu et littera ,19,34.
[21] T.S. Eliot, Four Quartets V, The Complete Poems and Plays, Faber & Faber, London 1969, S.197:
“We shall not cease from exploration
And the end of our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time”-
[22] Johannes XXIII., Ansprache zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, 11. Oktober 1962, Nr. 3,1.
[23] Johannes XXIII., Ansprache zum Abschluss der ersten Konzilsperiode, 8. Dezember 1962, Nr. 3,6.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]
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Der heilige Bruder Konrad Birndorfer von Parzham, OFMCap, Altötting

1-Br Konrad Altötting

Der heilige Bruder Konrad von Parzham, Altötting

Necrolog

in: Analecta Ordinis Minorum Capuccinorum, Rom Vol. X., 1894, 351 – 352.
(übersetzt von P. Simpert Kienle, April 2005)
„In Altötting in Bayern starb fromm im Herrn am 21. April 1894 Bruder Konrad Birndorfer von Parzham, Diözese Passau, Laienbruder, im Alter von 75 Jahren, 43 Jahre im Orden.

Unser lieber Mitbruder stammt von frommen christlichen Eltern ab und zeigte schon als Kind unzweifelhafte Zeichen echter Frömmigkeit. Als erwachsener verzichtete er auf das reiche väterliche Erbe und trat, um dem göttlichen Ruf zu folgen, in den Kapuzinerorden ein. Schon kurz nach seiner feierlichen Profess wurde Br. Konrad wegen seiner Reife und Zuverlässigkeit das schwierige Amt des Pförtners im Konvent Altötting anvertraut, einem Konvent, der alle anderen in der Provinz überragt an Zahl der Mitbrüder, der Werkstätten und der Seelsorgsaufgaben, denn zur Gnadenstätte der Seligen Jungfrau Maria kommen alljährlich mehr als 300 000 Gläubige aus allen Gegenden Deutschlands und Österreichs.

An diesem Ort war Br. Konrad mehr als 40 Jahre als Pförtner tätig in aller Sorgfalt, Klugheit und mit unbesiegbarer Geduld. Seine Aufgabe als demütiger, frommer, Gott hingegebener, einfacher, gereifter und arbeitsamer Bruder erfüllte er so, dass er mit Recht von allen seinen Oberen und Mitbrüdern wie auch von den Weltleuten sehr geschätzt und beliebt war. Niemand hörte unseren Pförtner murren, missgelaunt schimpfen, andere herabsetzen, voreilig verurteilen, noch hörte man von ihm ein unnützes oder überflüssiges Wort, obwohl er im Laufe der vielen Jahre es mit unzählig vielen Menschen zu tun bekam. Sein Dienst nahm Bruder Konrad voll in Anspruch, so dass ihm nicht selten die Zeit zur gemeinsamen Mahlzeit mit den Brüdern fehlte. Mit wahrhaft mütterlicher Liebe versorgte er hungrige Kinder, arme Wanderburschen, Arbeitslose und alle, die an die Pforte kamen und um Brot, um Speise und Trank baten. Mit aufmerksamer Liebe war er bemüht um den Dienst für alle, die aus irgendeinem Grund zum Konvent kamen und er wies niemand ab.

Im Buch der Psalmen ist zu lesen (Ps 50,14): „Bring Gott als Opfer dein Lob und erfülle dem Höchsten deine Gelübde.“ Bruder Konrad vollzog äußerlich und innerlich das geistliche Opfer, denn er opferte Gott seine Seele. Er hungerte und dürstete Tag und Nacht nach der Erfüllung des Willens Gottes durch den vollen Ordensgehorsam. Einen besonderen Platz unter den übrigen Tugenden nahm bei unserem Bruder die Keuschheit ein. Er stellt sein Leben unter strenge Wachsamkeit und Enthaltsamkeit und ging immer mit gesenktem Kopf und zur Erde gesenkten Blicken. In der treuen Nachfolge seines armen seligen Vaters Franziskus nahm er die Hingabe seines zeitlichen Besitzes aus der Jugendzeit niemals zurück. Mit aufrichtigem und standhaftem Herzen achtete er die irdischen Dinge gering in Gesinnung und Tat, um die himmlischen Schätze zu erlangen.

Alle unsere Mitbrüder sind sich darüber einig, dass unser Bruder Konrad immer das Himmlische gesucht hat, und sie bewunderten seine Demut, seinen Gebetsgeist, der ihm wie angeboren schien, seinen Eifer für Gottes Ehre und seine Beharrlichkeit in guten Werken. Zum Göttlichen Offizium, auch in der Nacht, eilte er immer als einer der ersten trotz seiner mehr als 70 Jahre. Besonders glücklich schätzte er sich, wenn er über die gewohnten Gebetsübungen hinaus die eine oder andere Stunde länger vor dem Allerheiligsten verbringen konnte. Es war ihm gestattet, täglich zum Tisch des Herrn zu gehen und diese Gnade war für unseren Bruder die Seligkeit des Paradieses. Damit er die heilige Kommunion in größerer Ruhe und mit reichlicherer Frucht empfangen konnte, kam er täglich zu ganz früher Stunde zum Empfang. Überaus zärtlich verehrte und liebte er die jungfräuliche Gottesmutter Maria und schmückte ihr Bild regelmäßig mit frischen Blumen. Um der Verehrung seiner himmlischen Mutter zu genügen, erbat er von seinen Oberen die besondere Erlaubnis,

1) täglich früh um 5 Uhr die Gnadenkapelle aufzusuchen und dort dem Priester bei der hl. Messe zu ministrieren;

2) nachmittags in dieser Kapelle eine Stunde Anbetung vor dem Allerheiligsten zu halten und die Gottesmutter zu verehren. Wenn der beste Ordensmann der ist, der am besten betet, so erfüllte Bruder Konrad das alles genau: Sein Geist ließ niemals ab vom Gebet.

Aus diesen wenigen Ausführungen wird klar, dass Bruder Konrad ein wahrhaft verehrungswürdiger Ordensmann war. Auch in vorgerücktem Alter war er keineswegs müßig, sondern verrichtete seine Arbeiten und frommen Übungen bis zum letzten Atemzug. Keine seiner Pflichten vernachlässigte er auch nur im Geringsten, bis die Kräfte dieses guten Bruders durch heftiges Fieber und Erkrankung der Lunge erschöpft waren. Darum wurde er in die Zelle (sie heißt „Muttergottes-Zelle“) gebracht. Drei Tage später, nachdem er mit großer Andacht die Sakramente empfangen hatte, hat unser lieber Bruder Konrad als guter Pförtner seinem anklopfenden Herrn bereitwillig geöffnet und ihn mit Liebe empfangen. So gab er seinen Leib der Erde, seine Seele aber Gott zurück zur Krönung mit dem herrlichen Glanz seiner Ewigkeit. Um 8 Uhr abends an einem Samstag starb er im Konvent St. Anna in Altötting im Ruf eines überaus frommen Ordensmannes.“

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Quelle: www.bruder-konrad.de

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