ETHIK IN DER SOZIALEN KOMMUNIKATION

PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE
SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL

ETHIK IN DER SOZIALEN
KOMMUNIKATION

I.
EINFÜHRUNG

1. Die Art und Weise, wie die Menschen mit den sozialen Kommunikationsmitteln umgehen, kann positive und negative Auswirkungen nach sich ziehen. Auch wenn es immer wieder heißt — wir werden das hier oft wiederholen —, daß «die Medien» dies oder jenes tun, handelt es sich bei ihnen doch nicht um blinde Naturkräfte außerhalb jeder menschlichen Kontrolle. Denn selbst wenn das Kommunikationsgeschehen oft unbeabsichtigte Folgen hat, hängt es dennoch von der Entscheidung der Menschen ab, ob sie die Medien für gute oder schlechte Zwecke, auf gute oder schlechte Weise benutzen.

Diese Entscheidungen, die für die ethische Frage von zentraler Bedeutung sind, werden nicht nur von den Kommunikationsempfängern — Zuschauern, Hörern, Lesern — getroffen, sondern insbesondere von denjenigen, die die sozialen Kommunikationsmedien kontrollieren und über ihre Strukturen, ihre Politik und ihren Inhalt entscheiden. Zu ihnen gehören Inhaber öffentlicher Ämter und Vorstände, Geschäftsführer, Mitglieder von Regierungsorganen, die Eigentümer von Medienunternehmen, Herausgeber, Verleger, Intendanten und Direktoren von Rundfunk- und Fernsehsendern, Redakteure und Chefredakteure von Zeitungen, Produzenten, Autoren, Korrespondenten und andere. Für sie stellt sich die ethische Frage besonders dringlich: Werden die Massenmedien für gute oder für schlechte Zwecke benutzt?

2. Der Einfluß der Medien ist übermächtig. Hier kommen Menschen mit anderen Menschen und mit Ereignissen in Kontakt und bilden sich ihre Meinungen und Wertvorstellungen. Durch diese Medien übermitteln und empfangen sie nicht nur Informationen und Ideen, sondern oft erfahren sie das Leben selbst als eine durch die Medien vermittelte Erfahrung (vgl. Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Aetatis novae, 2).

Der technologische Wandel macht die Kommunikationsmitttel sehr rasch noch beherrschender und mächtiger. «Das Aufkommen der Informationsgesellschaft ist tatsächlich eine Kulturrevolution» (Päpstlicher Rat für die Kultur, Für eine Pastoral der Kultur, 9); die eindrucksvollen Neuerungen des zwanzigsten Jahrhunderts dürften wohl nur ein Prolog zu dem gewesen sein, was uns das neue Jahrhundert bringen wird.

Die Verbreitung und Vielfalt der Medien, die den Menschen der wohlhabenden Länder zugänglich sind, ist erstaunlich: Bücher und Zeitschriften, Fernsehen und Radio, Filme und Videos, Tonaufzeichnungen, über Funk, Kabel, Satelliten oder Internet übermittelte elektronische Kommunikation. Die Inhalte dieses ungeheuren Stromes an Kommunikation reichen von blossen Nachrichten bis zu reiner Unterhaltung, vom Gebet bis zur Pornographie, von der Kontemplation bis zur Gewalt. Je nachdem, wie sie die Medien nutzen, können Menschen entweder in der Fähigkeit zu Mitleid und Mitgefühl wachsen oder aber in einer narzißhaften, um sich selbst kreisenden Welt von fast betäubend wirkenden Reizen isoliert werden. Nicht einmal Menschen, die den Medien ausweichen, können Kontakte mit anderen Menschen, die sich tief von den Medien beeinflussen lassen, vermeiden.

3. Außer diesen Motiven hat die Kirche noch ihre eigenen Gründe dafür, sich für die sozialen Kommunikationsmittel zu interessieren. Im Licht des Glaubens betrachtet, kann man die Geschichte der menschlichen Kommunikation als eine lange Reise sehen, die von Babel, Schauplatz und Sinnbild des Zusammenbruchs der Kommunikation (vgl. Gen 11,4-8), bis Pfingsten und zur Gabe des Zungenredens (vgl. Apg 2,5-11), also der Wiederherstellung der Kommunikation durch die Kraft des vom Sohn gesandten Geistes, führt. Die Kirche, die in die Welt hinausgesandt wurde, die Frohe Botschaft zu verkünden (vgl. Mt 28,19-20; Mk 16,15), hat den Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums bis ans Ende der Zeiten. Und die Kirche weiß, daß heute für die Glaubensverkündigung der Einsatz der Massenmedien unentbehrlich geworden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret Inter mirifica, 3; Paul VI., Apostol. Schreiben Evangelii nuntiandi, 45; Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, 37; Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Communio et progressio, 126-134; Aetatis novae, 11).

Die Kirche weiß auch, daß sie communio ist, das heißt eine Gemeinschaft aus Personen und eucharistischen Gemeinschaften, die «in der innigen Gemeinschaft der Dreifaltigkeit ihren Ursprung hat und diese widerspiegelt» (Aetatis novae, 10; vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Einige Aspekte der Kirche als Communio). In der Tat gründet sich alle menschliche Kommunikation auf die Kommunikation zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Aber mehr noch: die trinitarische Gemeinschaft erreicht die Menschheit: Der Sohn ist das vom Vater ewig «gesprochene» Wort; und in und durch Jesus Christus, Sohn und fleischgewordenes Wort, teilt Gott Frauen und Männern sich selbst und sein Heil mit. «Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat» (Hebr 1,1-2). Ausgangspunkt der Kommunikation in der Kirche und durch die Kirche ist die Gemeinschaft der Liebe zwischen den göttlichen Personen und ihre Kommunikation mit uns.

4. Die Kirche begegnet den Mitteln der gesellschaftlichen Kommunikation grundsätzlich positiv und ermutigend. Sie bleibt nicht einfach bei Vorurteil und Verurteilung stehen; vielmehr sieht sie diese Mittel nicht nur als Produkte des menschlichen Erfindungsgeistes, sondern auch als großartige Gaben Gottes und echte Zeichen der Zeit (vgl. Inter mirifica, 1; Evangelii nuntiandi, 45; Redemptoris missio, 37). Sie möchte diejenigen, die beruflich im Medienbereich tätig sind, durch die Festlegung positiver Prinzipien, die ihnen bei ihrer Arbeit helfen sollen, unterstützen, während sie gleichzeitig einen Dialog fördert, an dem alle interessierten Seiten — das bedeutet heutzutage praktisch jedermann — teilnehmen können. Diese Zielsetzungen liegen dem vorliegenden Dokument zugrunde.

Wir wiederholen: Die Medien tun nichts von selbst; sie sind Instrumente, Werkzeuge, die so benutzt werden, wie die Menschen sie benutzen wollen. Wenn wir über die Mittel der sozialen Kommunikation nachdenken, müssen wir uns ehrlich der «wesentlichsten» Frage stellen, die der technische Fortschritt aufwirft: «Wird der Mensch als Mensch im Zusammenhang mit diesem Fortschritt wirklich besser, das heißt geistig reifer, bewußter in seiner Menschenwürde, verantwortungsvoller, offener für den Mitmenschen, vor allem für die Hilfsbedürftigen und Schwachen, und hilfsbereiter zu allen?» (Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis, 15).

Wir nehmen als selbstverständlich an, daß die große Mehrheit derer, die in irgendeiner Form im Medienbereich tätig sind, gewissenhafte Menschen sind, die das Richtige tun wollen. Inhaber öffentlicher Ämter, Entscheidungsträger, Intendanten und Direktoren möchten das öffentliche Interesse, so wie sie es verstehen, respektieren und fördern. Leser, Hörer und Zuschauer wollen ihre Zeit gut nutzen für ihre persönliche Entwicklung, damit sie ein glücklicheres, erfüllteres Leben führen können. Eltern sind darauf bedacht, daß das, was durch die Medien in ihre Wohnungen Eingang findet, ihren Kindern zum Nutzen gereicht. Die meisten Medienschaffenden wollen ihre Talente einsetzen, um der Menschheitsfamilie zu dienen, und sind beunruhigt über den in vielen Medienbereichen zunehmenden wirtschaftlichen und ideologischen Druck, die geltenden ethischen Standards zu senken.

Die Inhalte der zahllosen Entscheidungen, die von all diesen Personen im Zusammenhang mit den Massenmedien getroffen werden, unterscheiden sich zwar von Gruppe zu Gruppe und von Mensch zu Mensch, aber alle Entscheidungen haben ethisches Gewicht und sind einer sittlichen Bewertung unterworfen. Voraussetzung für eine richtig getroffene Wahl bzw. Entscheidung ist «die Kenntnis der Grundsätze sittlicher Wertordnung und die Bereitschaft, sie auch wirklich anzuwenden» (Inter mirifica, 4).

5. Die Kirche bringt mehrere Elemente in dieses Gespräch ein.

Sie bringt eine lange Tradition moralischer Weisheit mit, die ihren Ursprung in der göttlichen Offenbarung und im menschlichen Denken hat (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio, 36-48). Dazu gehört ein gehaltvoller und weiter wachsender Bestand an Soziallehre, deren theologischer Horizont ein wichtiges Korrektiv zu der «‘atheistischen‘ Lösung» darstellt, «die den Menschen eines seiner fundamentalen Bausteine, nämlich des geistlichen, beraubt, als auch zu den permissiven und konsumistischen Lösungen, die es unter verschiedenen Vorwänden darauf abgesehen haben, ihn von seiner Unabhängigkeit von jedem Gesetz und von Gott zu überzeugen» (Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, 55). Das ist mehr als ein einfaches Urteil; diese Tradition bietet sich selbst zum Dienst an den Medien an. Zum Beispiel kann »die kirchliche Kultur der Weisheit die Informationskultur der Medien davor bewahren, zu einer sinnlosen Anhäufung von Fakten zu werden» (Johannes Paul II., Botschaft zum 33. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, 1999).

Die Kirche bringt auch noch etwas anderes in das Gespräch ein. Ihr besonderer Beitrag zur menschlichen Ordnung, einschließlich der Welt der sozialen Kommunikation, «ist ihre Sicht von der Würde der Person, die sich im Geheimnis des menschgewordenen Wortes in ihrer ganzen Fülle offenbart» (Centesimus annus, 47). In der Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils «macht Christus, der Herr, Christus, der neue Adam, in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung» (Gaudium et spes, 22).

II.
DIE SOZIALE KOMMUNIKATION
IM DIENST DES MENSCHEN

6. Im Anschluß an die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes (vgl. Nr. 30-31) stellt die Pastoralinstruktion über die sozialen Kommunikationsmittel Communio et progressio mit aller Klarheit fest, daß die Medien berufen sind, der Menschenwürde dadurch zu dienen, da ß sie dem Menschen helfen, ein gutes Leben zu führen und als Person in Gemeinschaft zu leben. Die Medien tun das, indem sie Männer und Frauen ermutigen, sich ihrer Würde bewußt zu sein, auf die Gedanken und Gefühle anderer einzugehen, ein gegenseitiges Verantwortungsgefühl zu entwickeln und in der persönlichen Freiheit, in der Achtung vor der Freiheit der anderen und in der Fähigkeit zum Dialog zu wachsen.

Medien-Kommunikation verfügt über eine ungeheure Macht, Glück und Erfüllung des Menschen zu fördern. Ohne den Anspruch zu erheben, mehr als nur einen kurzen Überblick zu geben, erwähnen wir hier, wie wir es schon bei anderer Gelegenheit getan haben (vgl. Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der Werbung, 4-8), einige positive Seiten in wirtschaftlicher, politischer, kultureller, erzieherischer und religiöser Hinsicht.

7. Wirtschaftlich. Der Markt ist weder eine Sittlichkeitsnorm noch eine Quelle moralischer Werte, und die Marktwirtschaft kann mißbraucht werden; doch der Markt kann dem Menschen dienen (vgl. Centesimus annus, 34), und in einer Marktwirtschaft spielen die Medien eine unverzichtbare Rolle. Die gesellschaftliche Kommunikation unterstützt das Geschäftsleben und den Handel, sie hilft das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, fördert Beschäftigung und Konjunktur, ermutigt zu Verbesserungen in der Qualität bestehender und zur Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen; sie fördert den verantwortlichen Wettbewerb, der den Interessen der Allgemeinheit dient, und ermöglicht den Menschen, durch Informationen über Verfügbarkeit und Eigenschaften von Produkten eine sachkundige Wahl zu treffen.

Mit einem Wort, die heutigen komplexen nationalen und internationalen Wirtschaftssysteme könnten ohne die Medien gar nicht funktionieren. Würde man die Medien abschaffen, würden zum großen Schaden unzähliger Menschen und der ganzen Gesellschaft entscheidende Strukturen der Wirtschaft zusammenbrechen.

8. Politisch. Die Medien-Kommunikation kommt der Gesellschaft zugute, weil sie dem informierten Bürger die Teilnahme am politischen Prozeß erleichtert. Die Medien führen Leute zusammen, die gemeinsame Absichten und Ziele verfolgen, und tragen so zur Bildung und Aufrechterhaltung echter politischer Gemeinschaften bei.

In den heutigen demokratischen Gesellschaften sind die Medien unentbehrlich. Sie liefern Informationen über Probleme und Ereignisse, über Amtsinhaber und Amtsbewerber. Sie ermöglichen den Führungskräften, über dringende Fragen rasche, direkte Verbindung mit der Öffentlichkeit aufzunehmen. Die Medien sind wichtige Instrumente der Verantwortlichkeit, wenn sie Inkompetenz, Korruption und Vertrauensmißbrauch ins Rampenlicht rücken; sie lenken aber die Aufmerksamkeit ebenso auf Beispiele für Kompetenz, Zivilcourage und Pflichteifer.

9. Kulturell. Die sozialen Kommunikationsmittel bieten den Menschen Zugang zu Literatur, Theater, Musik und Kunst, die ihnen sonst nicht zugänglich wären, und fördern auf diese Weise die menschliche Entwicklung im Hinblick auf Wissen, Weisheit und Schönheit. Wir meinen damit nicht nur Darbietungen klassischer Werke und Forschungsergebnisse, sondern auch gesunde volkstümliche Unterhaltung und nützliche Informationen, welche die Familien zusammenführen, den Menschen bei der Lösung ihrer Alltagsprobleme helfen, kranke, ans Bett gefesselte und ältere Menschen innerlich aufrichten und Lebensmüdigkeit und Langeweile vertreiben.

Die Medien ermöglichen es auch ethnischen Gruppen, ihre kulturellen Traditionen in Ehren zu halten und zu pflegen, sie mit anderen zu teilen und sie an die jüngeren Generationen weiterzugeben. Im besonderen führen sie Kinder und Jugendliche in ihr Kulturerbe ein. Wie die Künstler, so dienen auch die Medienschaffenden dem Gemeinwohl durch Bewahrung und Bereicherung des Kulturerbes von Nationen und Völkern (vgl. Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 4).

10. Erzieherisch. Die Medien sind in vielen Bereichen, von der Schule bis zum Arbeitsplatz, und in vielen Lebensabschnitten wichtige Erziehungsinstrumente. Kinder im Vorschulalter, die in die Grundkenntnisse des Lesens und Rechnens eingeführt werden, junge Menschen, die eine Berufsausbildung oder den Erwerb eines akademischen Grades anstreben, ältere Menschen, die sich in ihren letzen Lebensjahren noch einmal auf die Schulbank setzen — sie und viele andere haben über diese Medien Zugang zu einer reichen und ständig wachsenden Palette von Bildungsmitteln.

Die Medien gehören in vielen Klassenzimmern zu den Standardinstrumenten im Unterricht. Und au ßerhalb der Schulmauern überwinden die Medien, einschlie ßlich des Internet, die trennenden Schranken weiter Entfernungen und der Isolation und erschließen Dorfbewohnern in entlegenen Gegenden, in Klausur lebenden Ordensleuten, ans Haus gefesselten Kranken, Gefangenen und vielen anderen neue Lernmöglichkeiten.

11. Religiös. Das religiöse Leben vieler Menschen wird durch die Medien außerordentlich bereichert. Sie bringen Nachrichten und Informationen über religiöse Ereignisse, Ideen und Persönlichkeiten; sie sind Instrumente der Glaubensverkündigung und Katechese. Tagaus, tagein bieten sie Menschen, die in ihren Häusern oder in Heimen eingeschlossen sind, Anregung, Ermutigung und Gelegenheit zum Gottesdienst.

Manchmal tragen die Medien auf ungewöhnliche Weise zur geistlichen Bereicherung der Menschen bei. So schaut sich zum Beispiel ein riesiges Fernsehpublikum überall auf der Welt wichtige Ereignisse im Leben der Kirche regelmäßig über Satellit aus Rom an und nimmt gewissermaßen daran teil. Und im Laufe der Jahre haben die Medien die Worte und Bilder von den Pastoralbesuchen des Heiligen Vaters zu Millionen und Abermillionen Menschen getragen.

12. In all diesen Umfeldern — wirtschaftlich, politisch, kulturell, erzieherisch, religiös — wie auch in anderen Situationen können die Medien dazu benutzt werden, menschliche Gemeinschaft aufzubauen und zu erhalten. Und in der Tat sollte alle Kommunikation offen sein für die Gemeinschaft der Menschen untereinander.

«Um Bruder und Schwester zu werden, ist es notwendig sich zu kennen. Um sich kennenzulernen, ist jedoch ein umfassenderer und tieferer Austausch untereinander erforderlich» (Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gemeinschaften des apostolischen Lebens, Brüderliches Leben in Gemeinschaft, 29). Kommunikation, die echter Gemeinschaft dient, ist «mehr als nur Äußerung von Gedanken oder Ausdruck von Gefühlen; im Tiefsten ist sie Mitteilung seiner selbst in Liebe» (Päpstliche Kommission für die Instrumente der Sozialen Kommunikation, Pastoralinstruktion Communio et Progressio, 11).

Eine Kommunikation dieser Art sucht das Wohlergehen und die Erfüllung der Mitglieder der Gemeinschaft im Hinblick auf das Gemeinwohl aller. Es bedarf aber der Beratung und des Dialogs, um dieses Gemeinwohl zu erkennen. Deshalb ist es für alle, die mit gesellschaftlicher Kommunikation zu tun haben, unumgänglich, sich in diesem Dialog zu engagieren und sich der Wahrheit darüber, was gut ist, zu unterwerfen. Auf diese Weise können die Medien ihrer Verpflichtung gerecht werden, «Zeugnis zu geben von der Wahrheit über das Leben, über die Würde des Menschen, über den wahren Sinn unserer Freiheit und gegenseitigen Abhängigkeit» (Johannes Paul II., Botschaft zum 33. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, 1999).

III.
SOZIALE KOMMUNIKATION
DIE DAS WOHL
DES MENSCHEN VERLETZT

13. Die Medien können aber auch dazu benutzt werden, Gemeinschaft zu verhindern und das ganzheitliche Wohl von Menschen zu verletzen. Das geschieht, wenn sie Menschen entfremden oder an den Rand drängen und isolieren; wenn sie Menschen in entartete, um falsche, zerstörerische Werte gebildete Gemeinschaften hineinziehen; wenn sie Feindseligkeit und Konflikte fördern, andere dämonisieren und eine Gesinnung des «wir» gegen «sie» schaffen; wenn sie das Niedrige und Menschenunwürdige in einem falschen Glanz präsentieren, während sie von dem, was erhebt und adelt, entweder gar keine Notiz nehmen oder es herabsetzen; wenn sie Falschinformation und Desinformation verbreiten, Trivialisierung und Bagatellisierung fördern. Stereotypen bzw. Klischeevorstellungen — auf Grund rassischer und ethnischer Zugehörigkeit, des Geschlechts, des Alters und anderer Faktoren, einschlie ßlich der Religion — sind in den Massenmedien bedauerlicherweise allgemein verbreitet. Oft läßt die soziale Kommunikation auch unbeachtet, was wirklich neu und wichtig ist, einschließlich der Frohbotschaft des Evangeliums, und konzentriert sich auf das, was vorübergehend «in Mode» ist.

Mißbräuche gibt es in jedem der schon oben erwähnten Bereiche.

14. Wirtschaftlich. Die Medien werden manchmal zur Errichtung und Erhaltung von Wirtschaftssystemen benutzt, die der Gewinnsucht und Geldgier dienen. Ein typisches Beispiel ist der Neoliberalismus: «Gestützt auf eine rein ökonomische Auffassung vom Menschen, sieht er — zum Schaden der Würde und Achtung der einzelnen Menschen und der Völker — den Profit und das Gesetz des Marktes als seine einzigen Parameter an» (Johannes Paul II., Ecclesia in America, 156). Unter diesen Umständen werden die Kommunikationsmittel, die allen zugute kommen sollten, zum Vorteil einiger weniger ausgebeutet.

Der Globalisierungsprozeß kann «außergewöhnliche Möglichkeiten zu immer größerem Wohlstand» hervorbringen (Centesimus annus, 58); aber mit diesem Prozeß geht die Tatsache einher, ja gehört als Bestandteil zu ihm, daß manche Nationen und Völker unter Ausbeutung und Ausgrenzung leiden und dadurch im Kampf um Entwicklung immer weiter zurückfallen. Diese sich ausbreitenden Nester von Not und Elend inmitten des Überflusses sind Brutstätten von Neid, Ressentiment, Spannungen und Konflikten. Das unterstreicht den dringenden Bedarf an «wirksamen internationalen Kontrollund Leitungsorganen, die die Wirtschaft auf das Gemeinwohl hinlenken» (Centesimus annus, 58).

Angesichts schwerwiegender Ungerechtigkeiten darf es Medienschaffenden nicht genügen, einfach zu sagen, ihre Aufgabe bestehe darin, über die Dinge zu berichten, wie sie sind. Das ist zweifellos ihre Aufgabe. Aber es gibt Fälle von menschlichem Leid, die von den Medien weithin ignoriert werden, während über andere durchaus berichtet wird; und insofern das eine von den Medienschaffenden getroffene Entscheidung widerspiegelt, läßt sich darin eine nicht zu rechtfertigende Selektivität erkennen. In einem noch grundsätzlicheren Sinn sind Strukturen und Politik der Kommunikation sowie die Verteilung der erforderlichen Technologie Faktoren, die dazu beitragen, manche Menschen «informationsreich», andere aber «informationsarm» zu machen, und das in einer Zeit, wo der Wohlstand, ja das Überleben von der Information abhängen.

Auf diese Weise tragen dann die Medien oft zu den Ungerechtigkeiten und Unausgewogenheiten bei, die zu dem Leid führen, von dem sie berichten. «Es gilt, die Barrieren und Monopole zu durchbrechen, die so viele Völker am Rande der Entwicklung liegenlassen. Es gilt, für alle — einzelne und Nationen — die Grundbedingungen für die Teilnahme an der Entwicklung sicherzustellen» (Centesimus annus, 35). Kommunikation und Informationstechnologie, Hand in Hand mit entsprechender Ausbildung zu ihrem Gebrauch, ist eine dieser Grundbedingungen.

15. Politisch. Skrupellose Politiker benutzen die Massenmedien für ihre Demagogie und Täuschung zur Unterstützung der Unrechtma ßnahmen und Unterdrückung in Gewaltregimen. Sie schalten Gegner aus und entstellen und unterdrücken durch Propaganda und Verdrehung systematisch die Wahrheit. Anstatt die Menschen zusammenzubringen, dienen die Medien dann dazu, sie voneinander zu trennen, indem sie Spannungen und Verdächtigungen und damit die Voraussetzung für Konflikte erzeugen.

Selbst in Ländern mit demokratischen Systemen ist es ganz normal, daß führende Politiker die öffentliche Meinung mit Hilfe der Medien manipulieren, anstatt durch sachkundige Information die Teilnahme am politischen Prozeß zu fördern. Die Regeln der Demokratie werden zwar beachtet, doch aus dem Bereich von Werbung und Public Relations entlehnte Techniken werden im Namen einer Politik angewandt, die einzelne Gruppen ausbeutet und Grundrechte, einschließlich des Rechtes auf Leben, verletzt (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 70).

Oft machen die Massenmedien auch den ethischen Relativismus und Utilitarismus populär, die der heutigen Kultur des Todes zugrunde liegen. Sie machen sich häufig zu Komplizen der aktuellen «Verschwörung gegen das Leben», «indem sie jener Kultur, die die Anwendung der Empfängnisverhütung, der Sterilisation, der Abtreibung und selbst der Euthanasie als Zeichen des Fortschritts und als Errungenschaft der Freiheit hinstellt, in der öffentlichen Meinung Ansehen verschaffen, während sie Positionen, die bedingungslos für das Leben eintreten, als freiheits- und entwicklungsfeindlich beschreibten» (Evangelium vitae, 17).

16. Kulturell. Kritiker tadeln häufig die Oberflächlichkeit und den schlechten Geschmack der Medien; auch wenn ihre Darbietungen nicht freudlos und langweilig zu sein brauchen, sollten sie jedoch auch nicht geschmacklos und herabwürdigend sein. Zu sagen, die Medien spiegeln die Standards des Publikums wider, ist keine Entschuldigung; denn die Medien beeinflussen ja auch nachdrücklich die Meinungen des Publikums und sind deshalb geradezu verpflichtet, die Maßstäbe zu heben und nicht zu senken.

Das Problem nimmt verschiedene Formen an. Anstatt komplizierte Angelegenheiten sorgfältig und wahrheitsgemäß zu erklären, weichen die Nachrichtenmedien ihnen aus oder vergröbern sie. Die Unterhaltungsmedien produzieren zersetzende, enthumanisierende Darbietungen, wozu auch die ausbeuterische Behandlung von Sexualität und Gewalt gehört. Es ist äußerst verantwortungslos, zu ignorieren oder als unwesentlich abzutun, daß «Pornographie und sadistische Gewaltanwendung entarteter Sexualität die menschlichen Beziehungen verderben, das Ehe- und Familienleben untergraben, antisoziales Verhalten fördern und den moralischen Zusammenhalt der Gesellschaft aufweichen» (Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Pornographie und Gewalt in den Kommunikationsmedien. Eine pastorale Antwort, 10).

Auf internationaler Ebene ist auch die durch die sozialen Kommunikationsmedien ausgeübte kulturelle Vorherrschaft ein wachsendes ernstes Problem. Traditionelle kulturelle Ausdrucksformen werden manchenorts vom Zugang zu den Publikums-Medien praktisch ausgeschlossen und stehen vor der Auslöschung; unterdessen verdrängen die Werte der säkularisierten Wohlstandsgesellschaften in zunehmendem Maße die althergebrachten Werte von Gesellschaften, die ärmer und schwächer sind. In Anbetracht dieser Situation sollte besondere Aufmerksamkeit darauf verwendet werden, Kinder und Jugendliche mit Medienangeboten zu versorgen, die sie in lebendigen Kontakt mit ihrem Kulturerbe bringen.

Kommunikation über die Kulturgrenzen hinweg ist wünschenswert. Die Gesellschaften können und sollten voneinander lernen. Doch sollte kulturübergreifende Kommunikation nicht auf Kosten der Schwächeren gehen. Heute «sind selbst die am wenigsten verbreiteten Kulturen nicht mehr isoliert. Sie profitieren von vermehrten Kontakten, leiden aber auch unter dem Druck eines starken Trends zu Gleichförmigkeit» (Päpstlicher Rat für die Kultur, Für eine Pastoral für die Kultur, 33). Der Umstand, daß nun soviel Kommunikation nur in eine Richtung — nämlich von den entwickelten Nationen zu den in Entwicklung befindlichen und zu den armen Ländern — fließt, wirft ernsthafte ethische Fragen auf. Haben die Reichen nichts von den Armen zu lernen? Sind die Starken taub für die Stimmen der Schwachen?

17. Erzieherisch. Die Medien können, anstatt das Lernen zu fördern, die Menschen zerstreuen und ablenken und sie zur Zeitverschwendung veranlassen. Kinder und Jugendliche kommen auf diese Weise besonders zu Schaden, aber auch Erwachsene leiden darunter, seichten, minderwertigen und kitschigen Medienangeboten ausgesetzt zu sein. Eine der Ursachen dieses Vertrauensmi ßbrauchs durch die Medienschaffenden ist die Geldgier, der es mehr um den Profit als um die Menschen geht.

Manchmal werden die Medien auch als Werkzeuge der Indoktrination eingesetzt, um das Wissen der Menschen zu kontrollieren und ihnen den Zugang zu der Information zu verwehren, die sie nach dem Willen der zuständigen Stellen nicht erhalten sollen. Das ist eine Entartung echter Erziehung, die ja bestrebt ist, das Wissen und die Fähigkeiten der Menschen zu erweitern und ihnen bei der Verfolgung wertvoller Ziele behilflich zu sein, nicht aber ihren Horizont einzuengen und ihre Kräfte in den Dienst einer Ideologie einzuspannen.

18. Religiös. Im Beziehungsverhältnis zwischen der Medien-Kommunikation und der Religion gibt es auf beiden Seiten Versuchungen.

Auf der Seite der Medien treten diese Versuchungen folgendermaßen in Erscheinung: Die Medien ignorieren religiöse Ideen und Erfahrungen oder drängen sie ins Abseits; sie behandeln Religion mit Verständnislosigkeit, vielleicht sogar Verachtung, als ein Objekt der Neugier, das keine ernsthafte Beachtung verdient; sie fördern auf Kosten des überlieferten Glaubens religiöse Modetorheiten; sie gehen mit anerkannten religiösen Gruppen feindselig um; sie wägen die Angemessenheit von Religion und religiöser Erfahrung nach weltlichen Maßstäben ab und begünstigen religiöse Ansichten, die dem weltlichen Geschmack entsprechen, gegenüber jenen, die das nicht tun; sie versuchen, die Transzendenz in die Grenzen des Rationalismus und Skeptizismus einzuschließen. Die heutigen Medien spiegeln oft den postmodernen Zustand eines menschlichen Geistes wider, »der in die Grenzen seiner Immanenz eingeschlossen ist, ohne irgendeinen Bezug zur Transzendenz zu haben» (Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio, 81).

Die Versuchungen auf der Seite der Religion sehen so aus: Die Religion macht sich von den Medien ein ausschließlich verurteilendes und negatives Bild; sie kann nicht verstehen, daß vernünftige Maßstäbe einer guten Medienpraxis wie Objektivität und Unparteilichkeit eine Sonderbehandlung für institutionelle Interessen der Religion ausschließen können; sie bietet religiöse Botschaften auf eine emotionale, manipulative Art an, als handelte es sich um Konkurrenzerzeugnisse im Überangebot eines Marktes; sie gebraucht die Medien als Instrumente für Kontrolle und Vorherrschaft; sie übt unnötige Heimlichtuerei und verstößt andererseits gegen die Wahrheit; sie spielt die Forderung des Evangeliums nach Umkehr, Buße und einer Besserung des Lebens herunter, während sie an deren Stelle eine farblose Religiosität setzt, die den Menschen wenig abverlangt; sie unterstützt Fundamentalismus, Fanatismus und religiöse Exklusivität, Haltungen, die Verachtung und Feindseligkeit gegenüber anderen nähren.

19. Kurz gesagt, die Medien können für gute oder schlechte Zwecke benutzt werden — das ist eine Frage der getroffenen Entscheidung. «Man darf niemals vergessen, daß mediale Kommunikation nicht ein utilitaristisches Tun ist, einfach darauf gerichtet, zu motivieren, zu überreden oder zu verkaufen. Noch weniger ist sie ein Vermittler für Ideologie. Die Medien können gelegentlich die Menschen auf Konsumeinheiten oder konkurrierende Interessengruppen reduzieren oder Zuschauer, Leser und Hörer als bloße Zahlen manipulieren, von denen man sich einen Vorteil verspricht – ob Verkauf von Produkten oder politische Unterstützung; all das zerstört die Gemeinschaft. Es ist die Aufgabe von Kommunikation, Menschen zusammenzubringen sowie ihr Leben zu bereichern, und nicht, sie zu isolieren und auszubeuten. Die Mittel der sozialen Kommunikation können — richtig genutzt — dazu beitragen, eine menschliche Gemeinschaft zu schaffen und aufrechtzuerhalten, die auf Gerechtigkeit und Liebe beruht; und insoweit sie das tun, werden sie Zeichen der Hoffnung sein» (Johannes Paul II., Botschaft zum 32. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 1998).

IV.
EINIGE WICHTIGE
ETHISCHE PRINZIPIEN

20. Ethische Prinzipien und Normen, die in anderen Bereichen von Belang sind, gelten auch für die soziale Kommunikation. Sozialethische Prinzipien wie Solidarität, Subsidiarität, Gerechtigkeit, Gleichheit und Verantwortlichkeit bei der Verwendung öffentlicher Geldmittel sowie in Ausübung öffentlicher Vertrauensfunktionen sind immer anzuwenden. Kommunikation muß immer wahrheitsgetreu sein, weil die Wahrheit wesenhaft zur Freiheit des einzelnen und zur echten Gemeinschaft unter den Menschen gehört.

Die Ethik in der sozialen Kommunikation bezieht sich nicht nur auf das, was auf Kinoleinwänden und Fernsehschirmen, in Radiosendungen, in der Presse und im Internet erscheint, sondern muß auch für viele andere Aspekte gelten. Die ethische Dimension betrifft nicht nur den Inhalt der Kommunikation (die Botschaft) und den Kommunikationsprozeß (wie die Kommunikation zustande kommt), sondern auch grundsätzliche Struktur- und System-Fragen, die häufig grosse politische Fragen im Zusammenhang mit der Verbreitung hochentwickelter Technologien und Produkte (wer soll reich und wer soll arm an Information sein?) einschließen. Diese Fragen bringen weitere mit sich, mit politischen und wirtschaftlichen Folgen im Hinblick auf Eigentum und Kontrolle. Zumindest in den offenen Gesellschaften mit Marktwirtschaft besteht das ethische Problem aller darin, den Gewinn gegen den Dienst im Interesse der Allgemeinheit — im Sinne eines umfassenden Verständnisses von Gemeinwohl — abzuwägen.

Auch für die Menschen guten Willens ist nicht immer unmittelbar klar, wie ethische Prinzipien und Normen auf bestimmte Fälle anzuwenden sind. Dazu sind Überlegungen, Diskussionen und Dialog nötig. In der Hoffnung, unter Medienpolitikern, beruflich im Medienbereich Tätigen, Ethikern und Moraltheologen, Medien-Rezipienten und anderen das Nachdenken und den Dialog zu fördern, legen wir folgende Überlegungen vor.

21. In allen drei Bereichen — Botschaft, Prozeß, Struktur- und System-Fragen — gilt folgendes ethische Grundprinzip: Der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen sind Ziel und Maßstab für den Umgang mit den Medien. Kommunikation sollte von Mensch zu Mensch und zum Vorteil der Enntwicklung des Menschen erfolgen.

Ganzheitliche Entwicklung erfordert ausreichend materielle Güter und Produkte, aber auch eine gewisse Berücksichtigung der «geistigen Dimension» (vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis, 29; 46). Allen gebührt die Möglichkeit, zu wachsen und zu gedeihen, indem sie aus der großen Palette von materiellen, intellektuellen, emotionalen, moralischen und geistlichen Gütern schöpfen. Der einzelne Mensch hat eine unveräußerliche Würde und Bedeutung und darf nicht im Namen kollektiver Interessen geopfert werden.

22. Das erste Prinzip wird durch ein zweites ergänzt: Das Wohl der Menschen läßt sich nicht unabhängig vom Gemeinwohl der Gemeinschaft verwirklichen, der sie angehören. Dieses Gemeinwohl sollte ausschließlich als Gesamtsumme wertvoller gemeinsamer Zielsetzungen verstanden werden, für deren Erreichung sich alle Mitglieder der Gemeinschaft miteinander einsetzen; und der Dienst an diesen Zielsetzungen ist der Grund für das Bestehen der Gemeinschaft selbst.

Darum sollten die sozialen Kommunikationsmittel, auch wenn sie mit Recht die Bedürfnisse und Interessen besonderer Gruppen im Auge haben, zum Beispiel nicht im Namen des Klassenkampfes, des übertriebenen Nationalismus, der rassischen Überheblichkeit, der ethnischen Säuberung und ähnlichem eine Gruppe gegen die andere aufbringen. Die Tugend der Solidarität, «die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl einzusetzen» (Sollicitudo rei socialis, 38), sollte alle Bereiche des sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Lebens beherrschen.

Medienschaffende und Entscheidungsträger im Medienbereich müssen sich auf allen Ebenen in den Dienst an den tatsächlichen Bedürfnissen und Interessen sowohl der einzelnen wie der Gruppen stellen. Es gibt einen dringenden Bedarf an Gerechtigkheit auf internationaler Ebene, wo die ungerechte Verteilung materieller Güter zwischen Nord und Süd durch eine schlechte Verteilung der Kommunikationsmittel und der Informationstechnologie, von denen die Produktivität und der Wohlstand abhängen, verschärft wird. Ähnliche Probleme gibt es auch in den reichen Ländern, »wo der ununterbrochene Wandel in den Produktionsweisen und im Konsumverhalten bereits erworbene Kenntnisse und langjährige Berufserfahrungen abwertet und ein ständiges Bemühen der Umschulung und Anpassung erfordert», so daß «jene, denen es nicht gelingt, mit der Zeit Schritt zu halten, leicht an den Rand gedrängt werden» (Centesimus annus, 33). Es bedarf natürlich einer breiten Beteiligung am Entscheidungsprozeß nicht nur in bezug auf die Botschaften und die Prozesse der sozialen Kommunikation, sondern auch hinsichtlich der System-Fragen und der Verteilung der Geldmittel. Wer auf diesem Gebiet Entscheidungen trifft, hat die ernste moralische Pflicht, die Bedürfnisse und Interessen all derer zur Kenntnis zu nehmen, die besonders verwundbar sind: der Armen, der Alten, der Ungeborenen, der Kinder und Jugendlichen, der Unterdrückten und Ausgegrenzten, der Frauen und der Minderheiten, der Kranken und Behinderten sowie der Familien und der religiösen Gruppen. Insbesondere sollten heute die internationale Gemeinschaft und das internationale Medien-Interesse großzügig und umfassend den Nationen und Regionen gegenübertreten, wo das, was die Massenmedien tun bzw. unterlassen, sie teilhaben läßt an der Scham über das Fortbestehen von Übeln wie Armut, Analphabetentum, politische Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte, Konflikten zwischen Religionen, zwischen religiösen und gesellschaftlichen Gruppen und Unterdrückung der einheimischen Kulturen.

23. Jedenfalls glauben wir nach wie vor, daß «die Lösung der Probleme, die aus dieser ungeregelten Kommerzialisierung und Privatisierung entstanden sind, nicht in einer staatlichen Medienkontrolle liegt, sondern in einer umfassenderen Regelung, die den Normen des öffentlichen Dienstes entspricht, sowie in größerer öffentlicher Verantwortlichkeit. In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß, obwohl sich der rechtlich-politische Rahmen, worin die Medien bestimmter Länder funktionieren, gegenwärtig deutlich bessert, es andere Gegenden gibt, wo das Eingreifen seitens der Regierung nach wie vor ein Instrument der Unterdrückung und Ausschließung ist» (Aetatis novae, 5).

Man muß immer für die Freiheit der Meinungsäußerung eintreten, denn «wenn die Menschen ihrer Natur folgend untereinander Erkenntnisse und Meinungen austauschen, üben sie ihr ureigenstes Recht aus und erfüllen zugleich eine Pflicht gegenüber der Gesellschaft» (Communio et progressio, 45). Von einem ethischen Standpunkt aus betrachtet, ist diese Voraussetzung jedoch keine absolute, unverjährbare Norm. Es gibt ganz offensichtlich Fälle, wo kein Recht zur Kommunikation besteht; dazu gehören z.B. Verleumdung und Rufschädigung; Botschaften, die den Haß und Konflikt zwischen einzelnen und Gruppen zu schüren versuchen; Obszönitäten und Pornographie; die krankhafte Beschreibung der Gewalt. Auch die freie Meinungsäußerung sollte Prinzipien wie Wahrheit, Korrektheit und Achtung vor der Privatsphäre einhalten.

Die Medienschaffenden sollten sich, in Zusammenarbeit mit den Vertretern der Öffentlichkeit, aktiv für die Entwicklung und Stärkung moralischer Verhaltensnormen für Medienberufe einsetzen. Religiösen Körperschaften und anderen Gruppen steht es zu, sich an diesem ständigen Bemühen zu beteiligen.

24. Ein weiteres, bereits erwähntes, wichtiges Prinzip betrifft die Teilnahme der Öffentlichkeit am Entscheidungsprozeß über Medienpolitik. Diese Beteiligung auf allen Ebenen sollte systematisch organisiert und wirklich repräsentativ sein und nicht zugunsten bestimmter Gruppen umgelenkt werden. Dieses Prinzip gilt auch, ja vielleicht noch mehr, dort, wo die Medien im Privateigentum stehen und Gewinn- und Erwerbszwecken dienen.

Im Interesse der Beteiligung der Öffentlichkeit ist es an den Medienschaffenden, «sich mit den Menschen kommunikativ auszutauschen und nicht nur zu ihnen zu sprechen. Dazu gehört die Kenntnis der Nöte und Bedürfnisse der Menschen, das Wissen um ihre Probleme, und alle Kommunikationsformen müssen mit dem Einfühlungsvermögen dargeboten werden, das die menschliche Würde verlangt» (Johannes Paul II., Ansprache an die Experten der Massenmedien, Los Angeles, 15. September 1987).

Auflagenhöhe, Einschaltquoten und Einnahmen zeigen, zusammen mit der Marktforschung, manchmal am besten die Stimmung des Publikums an; sie sind in der Tat die einzigen Daten, die das Gesetz des Marktes braucht, um handeln zu können. Zweifellos kann man auf diese Weise die Stimme des Marktes hören. Doch sollten die Entscheidungen über die Medien-Inhalte und -Politik nicht allein dem Markt und den Wirtschaftsfaktoren, das heißt dem Gewinn, überlassen werden; denn auf Gewinne allein kann man sich weder stützen, um das öffentliche Interesse im allgemeinen, noch im besonderen die legitimen Interessen von Minderheiten zu schützen.

In gewissem Maße kann man auf diesen Einwand mit dem sogenannten »Nischen»-Konzept antworten, mit dem sich manche Zeitschriften, Programme, Rundfunkstationen und Fernsehsender an besondere Leser-, Hörer- und Zuschauergruppen wenden. Der Ansatz ist bis zu einem gewissen Punkt berechtigt. Die Diversifizierung und Spezialisierung, d.h. die Medien einem Pubklikum entsprechend zu organisieren, das sich in immer kleinere, auf Wirtschaftsfaktoren und Konsummodellen beruhende Einheiten aufsplittert, sollten aber nicht allzu weit getrieben werden. Die sozialen Kommunikationsmittel müssen ein «Areopag» bleiben (vgl. Enzyklika Redemptoris missio, 37), ein Forum für den Austausch von Gedanken und Informationen, das Solidarität und Frieden fördert, indem es die einzelnen Menschen und Gruppen verbindet. Besonders das Internet ruft eine gewisse Sorge hervor hinsichtlich «seiner radikal neuen Konsequenzen: Verlust des eigentlichen Wertes der Informationsmittel; undifferenzierte Uniformität bei den Botschaften, die so zu bloßer Information verkürzt werden; Fehlen eines verantwortungsvollen Feedback und eine gewisse Verzagtheit in den zwischenmenschlichen Beziehungen» (Für eine Pastoral der Kultur, 9).

25. Aber die Medienschaffenden sind nicht die einzigen, die ethische Pflichten haben. Auch das Publikum, die Medien-Rezipienten, also die Zuschauer, Hörer und Leser, haben Verpflichtungen. Die Medienschaffenden, die Verantwortung zu übernehmen versuchen, verdienen ein Publikum, das sich seiner eigenen Verantwortlichkeiten bewußt ist.

Die erste Pflicht der Medien-Nutzer sollte in der Unterscheidung und in der Auswahl bestehen. Sie sollten sich über die Medien, über ihre Strukturen, Arbeitsweisen und Inhalte informieren und nach gesunden ethischen Kriterien eine verantwortungsvolle Wahl darüber treffen, was sie lesen, sehen oder hören wollen. Was heute alle nötig haben, sind Formen einer ständigen Medienerziehung, sei es durch persönliches Studium, sei es durch die Teilnahme an einem organisierten Programm oder beides zusammen. Die Erziehung zum Umgang mit den Massenmedien bringt den Menschen nicht in erster Linie die Techniken bei; sie soll ihnen vielmehr helfen, sich Maßstäbe des guten Geschmacks und ein wahrheitsgemäßes moralisches Urteil zu bilden. Es handelt sich also um einen Aspekt der Gewissensbildung.

Die Kirche sollte durch ihre Schulen und ihre Bildungsprogramme eine Medienerziehung dieser Art anbieten (vgl. Aetatis novae, 28; Communio et progressio, 107). Die folgenden, ursprünglich an die Institute des geweihten Lebens gerichteten Worte finden eine weiter reichende Anwendung: »Angesichts des Einflusses [der Massenmedien] erzieht sich eine Gemeinschaft dahin, mit der evangeliumsgemäßen Klarheit und inneren Freiheit dessen, der gelernt hat, Christus zu kennen (vgl. Gal 4,17-23), diese Mittel zum persönlichen und gemeinschaftlichen Wachstum zu nutzen. Tatsächlich vertreten die Medien eine Mentalität und eine Einstellung zum Leben — und drängen sie oftmals geradezu auf —, die in ständigem Gegensatz zum Evangelium stehen. Von vielen Seiten wird hier nach einer eingehenderen Schulung zur kritischen Rezeption und Nutzung der Medien gerufen (Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 34).

Desgleichen haben Eltern die ernste Pflicht, ihren Kindern dabei zu helfen, daß sie die sozialen Kommunikationsmittel zu bewerten und zu benutzen lernen, indem sie das Gewissen der Kinder richtig bilden und ihre Kritikfähigkeit entwickeln (vgl. Johannes Paul II., Familiaris consortio, 76). Um des Wohles ihrer Kinder und um ihres eigenen Wohles willen müssen sich die Eltern die Fertigkeiten urteilsfähiger Zuschauer, Hörer und Leser aneignen und praktizieren, indem sie als Vorbilder für den besonnenen Umgang mit den Medien fungieren. Die Kinder und Jugendlichen sollten, dem Alter und den Umständen entsprechend, zur Medienbildung angeleitet werden, damit sie der billigen Versuchung zu unkritischer Passivität, dem von ihren Spielgefährten und Schulkameraden ausgeübten Druck und der kommerziellen Ausbeutung widerstehen. Die Familien, Eltern und Kinder zusammen, werden es hilfreich finden, in Gruppen zusammenzukommen und die von der sozialen Kommunikation geschaffenen Probleme und Möglichkeiten zu studieren und zu erörtern.

26. Außer der Förderung der Medienerziehung haben die Einrichtungen, Agenturen und Sendeprogramme der Kirche hinsichtlich der sozialen Kommunikationsmittel noch weitere wichtige Verantwortlichkeiten. Zuallererst sollte die kirchliche Kommunikationspraxis beispielhaft sein und höchste Wertmaßstäbe hinsichtlich Wahrhaftigkeit, Verantwortlichkeit und Sensibilität für die Menschenrechte sowie andere wichtige Prinzipien und Normen widerspiegeln. Darüber hinaus sollten die sozialen Kommunikationsmedien der Kirche engagiert sein, die Fülle der Wahrheit über die Bedeutung des menschlichen Lebens und der Geschichte zu vermitteln, und zwar so, wie sie in dem geoffenbarten Wort Gottes enthalten ist und vom kirchlichen Lehramt formuliert wurde. Die Hirten der Kirche sollten zum Einsatz der sozialen Kommunikationsmittel für die Verbreitung des Evangeliums ermutigen (vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 822,1).

Die Vertreter der Kirche sollen in ihren Beziehungen zu den Journalisten ehrlich und offen sein. Auch wenn die Fragen mitunter «peinlich oder beunruhigend sind, insbesondere dann, wenn sie absolut nicht der Botschaft entsprechen, die wir verteidigen müssen», muß man sich darüber im klaren sein, daß »solche befremdlichen Fragen ja von einem Großteil unserer Zeitgenossen gestellt werden» (Für eine Pastoral der Kultur, 34). Alle, die im Namen der Kirche sprechen, sollen auf diese anscheinend unbequemen Fragen glaubwürdig und wahrheitsgemäß antworten, damit die Kirche heute glaubwürdig zu den Menschen spricht.

Die Katholiken haben wie andere Bürger das Recht, sich frei zu äußern, und somit auch das Recht auf Zugang zu den Kommunikationsmedien. Das Recht auf Meinungsäußerung schließt ein, daß Meinungen, die das Wohl der Kirche betreffen, ausgesprochen werden unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten, des Respektes gegenüber den Hirten und unter Beachtung des Gemeinwohls und der Würde der Personen (vgl. Codex des kanonischen Rechtescan. 212,3; can. 227). Niemand hat jedoch das Recht, im Namen der Kirche zu sprechen oder einen entsprechenden Eindruck zu erwecken, wenn er nicht dazu beauftragt ist. Persönliche Ansichten sollten nicht als Lehre der Kirche ausgegeben werden (vgl. ebd., can. 227).

Es wäre ein guter Dienst an der Kirche, wenn mehr von ihren Amtsträgern und Funktionsinhabern eine Ausbildung in Kommunikation erhielten. Das gilt nicht nur für die Seminaristen, für die in der Ausbildung stehenden Ordensleute und für junge katholische Laien, sondern für das Personal der Kirche im allgemeinen. Wenn die Medien «neutral, offen und ehrlich» sind, bieten sie gut vorbereiteten Christen »eine missionarische Rolle an vorderster Front» an, und es ist wichtig, daß die Betreffenden «gut geschult und unterstützt werden». Die Hirten sollten ihren Gläubigen über die Massenmedien und ihre mitunter widersprüchlichen und sogar destruktiven Botschaften Orientierungshilfen anbieten (vgl. ebd., can. 822, 2.3).

Solche Überlegungen beziehen sich auf die kircheninterne Kommunikation. Ein wechselseitiger Fluß von Informationen und Meinungen zwischen Hirten und Gläubigen, die Freiheit der Meinungsäußerung mit Gesprür für das Wohl der Gemeinschaft und für die Rolle des Lehramtes bei dessen Förderung und eine verantwortungsvolle öffentliche Meinung — das alles sind wichtige Äußerungen des «Grundrechtes auf Dialog und auf Information innerhalb der Kirche» (Aetatis novae, 10; vgl. Communio et progressio, 120).

Das Recht zur Meinungsäußerung muss mit Achtung vor der geoffenbarten Wahrheit und der Lehre der Kirche und vor den kirchlichen Rechten anderer wahrgenommen werden (vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 212, 1.2.3, can. 220). Wie andere Gemeinschaften und Institutionen, sieht sich auch die Kirche bisweilen veranlaßt — ja manchmal dazu gezwungen —, Geheimhaltung und Verschwiegenheit zu üben. Aber das sollte nicht zum Zweck der Manipulation und Kontrolle geschehen. In der Glaubensgemeinschaft «stehen die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, im Dienste ihrer Brüder, damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen» (II. Vatikan. Konzil, Lumen gentium, 18). Ein Weg, um diese Einsicht zu verwirklichen, ist der richtige Umgang mit den Kommunikationsmedien.

V.
SCHLUSS

27. Am Beginn des dritten christlichen Jahrtausends ist die Menschheit daran, ein weltumspannendes Netzwerk zu schaffen für die unverzügliche Übermittlung von Informationen, Gedanken und Werturteilen zu Wissenschaft, Handel, Erziehung, Unterhaltung, Politik, Kunst, Religion und jedem anderen Bereich.

Dieses Netzwerk ist bereits vielen Menschen zugänglich: zu Hause, in den Schulen und am Arbeitsplatz, ja, in der Tat überall, wo sie sich aufhalten. Es ist eine Alltäglichkeit, sich Ereignisse — von Sportveranstaltungen bis hin zu Kriegen —, die sich zeitgleich auf der anderen Seite des Planeten abspielen, auf dem Bildschirm anzuschauen. Man hat direkten Zugriff auf Datenbestände, die für viele Gelehrte und Studenten noch vor kurzem unerreichbar waren. Ein Einzelner kann die Höhen menschlichen Geistes und menschlicher Tugend erklimmen oder aber in den Abgrund menschlicher Erniedrigung stürzen, während er allein vor einem «Monitor» (Computer-Tastatur und Bildschirm) sitzt. Die Kommunikationstechnologie erzielt ständig neue Durchbrüche mit einem enormen Potential für Gutes und Schlechtes bei der Anwendung. Mit zunehmender Interaktion verwischt sich die Unterscheidung zwischen Medienschaffenden und -rezipienten. Notwendig ist eine ständige Untersuchung bezüglich der Auswirkungen und insbesondere der ethischen Folgen der neu auftauchenden Medien.

28. Aber trotz ihrer ungeheuren Macht sind die Kommunikationsmittel nur Medien und werden es auch bleiben, das hei ßt Instrumente, Werkzeuge, die für gute wie für schlechte Verwendung zur Verfügung stehen. Die Medien erfordern keine neue Ethik; sie erfordern die Anwendung bereits festgelegter ethischer Prinzipien auf die neue Situation. Und das ist eine Aufgabe, in der jeder eine Rolle zu spielen hat. Ethik in den Medien ist nicht eine Aufgabe, die allein die Spezialisten angeht, seien es Spezialisten in sozialer Kommunikation oder Spezialisten in Moralphilosophie; vielmehr muß es zu einem eingehenden, alle Beteiligten einschließenden Nachdenken und Dialog kommen, den dieses Dokument anzuregen und zu unterstützen sucht.

29. Die sozialen Kommunikationsmittel können Menschen in Gemeinschaften verbinden, wo Sympathie und gemeinsame Interessen herrschen. Werden diese Gemeinschaften von Gerechtigkeit, Anstand und Achtung vor den Menschenrechten geprägt sein, werden sie sich um das Gemeinwohl bemühen? Oder werden sie egoistisch und selbstbezogen sein, auf Kosten anderer dem Nutzen einzelner — wirtschaftlicher, rassischer, politischer und religiöser — Gruppen verpflichtet? Wird die neue Technologie allen Nationen und Völkern dienen, während sie die Kulturtraditionen eines jeden von ihnen respektiert? Oder wird sie ein Werkzeug sein, um die Reichen noch reicher und die Mächtigen noch mächtiger zu machen? Die Entscheidung liegt bei uns.

Die Kommunikationsmittel können auch dazu mißbraucht werden, um zu trennen und zu isolieren. Die Technologie erlaubt es Menschen zunehmend, Pakete von Informationen und Dienstleistungen zusammenzustellen, die einzig und allein für sie bestimmt sind. Darin liegen echte Vorteile, es erhebt sich jedoch eine unausweichliche Frage: Wird das Massenmedienpublikum der Zukunft aus einer Menge von Leuten bestehen, die nur auf einen hören? Auch wenn die neue Technologie die individuelle Selbständigkeit zu fördern vermag, hat sie andere, weniger wünschenswerte Folgen. Statt eine die ganze Welt umspannende Gemeinschaft zu bilden, könnte sich das »Netz» der Zukunft als ein riesiges, aufgesplittertes Netzwerk isolierter Individuen entpuppen — menschliche Wesen in ihren Zellen, die sich statt untereinander mit Daten austauschen? Was würde in einer solchen Welt aus der Solidarität, was würde aus der Liebe werden?

Die menschliche Kommunikation hat bestenfalls ernste Grenzen, ist mehr oder weniger unvollkommen und in der Gefahr zu scheitern. Es ist für die Menschen mühsam, sich konsequent auf ehrliche Weise so untereinander auszutauschen, daß kein Schaden angerichtet und den besten Interessen aller gedient wird. In der Welt der Massenmedien werden zudem die der Kommunikation innewohnenden Schwierigkeiten oft durch Ideologien, durch Profitgier und politische Kontrolle, durch Rivalitäten und Konflikte zwischen Gruppen und durch andere gesellschaftliche Mißstände noch verstärkt. Die heutigen Medien steigern zwar enorm die Leistungsfähigkeit und Reichweite, die Quantität und Geschwindigkeit der Kommunikation; aber sie machen die Disposition des Geistes für den Geist eines anderen, des Herzens für das Herz eines anderen nicht weniger zerbrechlich, nicht weniger empfindlich, nicht weniger anfällig für ein Scheitern.

30. Die besonderen Beiträge, welche die Kirche in die Diskussion über diese Fragen einbringt, bestehen, wie wir schon gesagt haben, in einer Auffassung von der menschlichen Person und ihrer unvergleichlichen Würde, ihren unverletzbaren Rechten und in einer Auffassung von der menschlichen Gemeinschaft, deren Glieder durch die Tugend der Solidarität beim Streben nach dem gemeinsamen Wohl aller untereinander verbunden sind. Diese beiden Sichtweisen sind besonders dringend erforderlich zu einer Zeit, wo man «die Bruchstückhaftigkeit von Angeboten feststellen mu ß, die unter der Vortäuschung der Möglichkeit, zum wahren Sinn des Daseins zu gelangen, das Vergängliche zum Wert erheben. So kommt es, da ß viele ihr Leben fast bis an den Rand des Abgrunds dahinschleppen, ohne zu wissen, worauf sie eigentlich zugehen» (Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio, 6).

Angesichts dieser Krise erscheint die Kirche als »erfahren in den Fragen, die den Menschen betreffen», und diese Erfahrung «veranlaßt sie, ihre religiöse Sendung notwendigerweise auf die verschiedenen Bereiche auszudehnen», in denen Menschen wirken (Johannes Paul II., Enzyklika Sollicitudo rei socialis, 41; vgl. Paul VI., Populorum progressio, 13). Sie darf die Wahrheit über den Menschen und die menschliche Gemeinschaft nicht für sich behalten; sie muß sie frei mit anderen teilen und sich dabei immer bewußt sein, daß die Menschen nein sagen können zur Wahrheit und zur Kirche.

Während die Kirche darum bemüht ist, hohe ethische Standards beim Umgang mit den sozialen Kommunikationsmitteln nachhaltig zu fördern, sucht sie den Dialog und die Zusammenarbeit mit anderen: mit Inhabern öffentlicher Ämter, zu deren besonderer Pflicht der Schutz und die Förderung des Gemeinwohls der politischen Gemeinschaft gehört; mit Männern und Frauen aus der Welt der Kultur und der Künste; mit Wissenschaftlern und Lehrern, die in der Ausbildung der Medienschaffenden und des Publikums der Zukunft arbeiten; mit Mitgliedern anderer Kirchen und religiöser Gruppen, die den Wunsch der Kirche teilen, daß die Medien zur Ehre Gottes und zum Dienst an der Menschheit eingesetzt werden (vgl. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Richtlinien für die ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit im Kommunikationswesen); und besonders mit den Medienschaffenden, also Autoren, Redakteuren, Reportern, Korrespondenten, Schauspielern, Produzenten, dem technischen Personal, zusammen mit den Eigentümern, Geschäftsführern und Entscheidungsträgern in diesem Bereich.

31. Die menschliche Kommunikation hat trotz ihrer Grenzen etwas vom schöpferischen Tun Gottes an sich. «Der göttliche Künstler kommt dem menschlichen Künstler» — und wir könnten sagen, auch dem Medienschaffenden — «liebevoll entgegen und gibt ihm einen Funken seiner überirdischen Weisheit weiter, indem er ihn dazu beruft, an seiner Schöpfungskraft teilzuhaben»; wenn Künstler und Medienschaffende das begreifen, können sie »sich selbst, ihre Berufung und ihre Sendung in letzter Tiefe erfassen» (Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 1).

Der christliche Medienschaffende hat insbesondere eine prophetische Aufgabe, eine Berufung: Er muß sich klar und deutlich gegen die falschen Götter und Idole von heute — Materialismus, Hedonismus, Konsumdenken, engherziger Nationalismus usw. — aussprechen, indem er für alle sichtbar einen Bestand moralischer Wahrheit hochhält, der gegründet ist auf die Würde und die Rechte des Menschen, auf die Präferenz-Option für die Armen, auf die universale Bestimmung der Güter, auf die Liebe zu den Feinden und auf die bedingungslose Achtung vor jedem menschlichen Leben, vom Augenblick der Empfängnis bis zum natürlichen Tod; und indem er sich die vollkommenere Verwirklichung des Reiches Gottes in der Welt zum Ziel setzt, während ihm bewußt bleibt, daß am Ende der Zeiten Jesus alle Dinge wiederherstellen und sie wieder dem Vater übergeben wird (vgl. 1 Kor 15,24).

32. Auch wenn diese Überlegungen an alle Menschen guten Willens, nicht nur an die Katholiken gerichtet sind, erscheint es angemessen, zum Abschluß von Jesus als Vorbild für die Medienschaffenden zu sprechen. «In dieser Endzeit» hat Gott der Vater «zu uns gesprochen durch den Sohn» (Hebr 1,2); und dieser Sohn teilt uns jetzt und immer die Liebe des Vaters und den letzten Sinn unseres Lebens mit.

«Während seines Erdenwandels erwies sich Christus als Meister der Kommunikation. In der Menschwerdung nahm er die Natur derer an, die einmal die Botschaft, welche in seinen Worten und seinem ganzen Leben zum Ausdruck kam, empfangen sollten. Er sprach ihnen aus dem Herzen, ganz in ihrer Mitte stehend. Er verkündete die göttliche Botschaft verbindlich, mit Macht und ohne Kompromiß. Andererseits glich er sich ihnen in der Art und Weise des Redens und Denkens an, da er aus ihrer Situation heraus sprach» (Communio et progressio, 11).

Während des öffentlichen Lebens Jesu strömten die Menschen zusammen, um ihn predigen und lehren zu hören (vgl. Mt 8,1, 18; Mk 2,2; 4,1; Lk 5,1 usw.), und er lehrte sie «wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat» (Mt 7,29; vgl. Mk 1,22; Lk 4,32). Er erzählte ihnen über den Vater und verwies zugleich auf sich selbst, indem er erklärte: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6) und «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen» (Joh 14,9). Er verschwendete keine Zeit mit müßigem Gerede oder mit seiner Selbstverteidigung, auch nicht, als er angeklagt und verurteilt wurde (vgl. Mt 26,63; 27,12-14; Mk 15,5; 15,61). Denn seine »Nahrung» war es, den Willen des Vaters zu tun, der ihn gesandt hat (Joh 4,34), und mit allem, was er sagte und tat, nahm er darauf Bezug.

Jesus verkündete seine Lehre oft in Form von Gleichnissen oder lebendigen Geschichten, die tiefe Wahrheiten in einer einfachen Alltagssprache zum Ausdruck brachten. Nicht nur seine Worte, sondern seine Taten, insbesondere seine Wunder, waren Akte der Kommunikation, durch die er die Aufmerksamkeit auf seine Identität lenkte und die Macht Gottes offenbarte (vgl. Paul VI., Evangelii nuntiandi, 12). In seinen Botschaften bewies er Achtung vor seinen Zuhörern, teilnehmendes Interesse für ihre Situation und ihre Bedürfnisse, Mitleid für ihre Leiden (vgl. Lk 7,13) und die feste Entschlossenheit, ihnen das, was sie zu hören nötig hatten, auf eine Weise zu sagen, die ihre Aufmerksamkeit anziehen und ihnen helfen würde, ohne Zwang oder Kompromiß, ohne Täuschung oder Manipulation die Botschaft zu empfangen. Andere lud er ein, ihm ihre Herzen und Sinne zu öffnen, denn er wußte, daß sie auf diese Weise zu ihm und zum Vater hingezogen werden würden (vgl. Joh 3,1-15; 4,7-26).

Jesus lehrte, daß Kommunikation ein moralischer Akt ist: »Denn wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil er Gutes in sich hat, und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil er Böses in sich hat. Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen; denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen, und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden» (Mt 12, 34-37). Er warnte streng davor, die «Kleinen» zum Bösen zu verführen, und sagte, für einen, der das tut, «wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde» (Mk 9,42; vgl. Mt 18.6; Lk 17,2). Er war ganz und gar rein, ein Mensch, von dem gesagt werden konnte, »in seinem Mund war kein trügerisches Wort», und: «Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter» (1 Petr 2,22-23). Er verlangte von den anderen Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit und verurteilte Heuchelei, Unehrlichkeit und jede Art von betrügerischer, falscher Mitteilung: «Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen» (Mt 5,37).

33. Jesus ist Vorbild und Maßstab für unsere Kommunikation. Für alle, die im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel engagiert sind, seien es die Politiker und Entscheidungsträger oder die Medienschaffenden, die Medien-Rezipienten oder die Inhaber irgendeiner anderen Rolle, ist die Schlußfolgerung klar: «Legt deshalb die Lüge ab, und redet untereinander die Wahrheit; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden… Uber eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt» (Eph 4,25.29). Der Dienst am Menschen, der Aufbau einer auf Solidarität, Gerechtigkeit und Liebe gegründeten menschlichen Gemeinschaft und das Aussprechen der Wahrheit über das menschliche Leben und seine endgültige Erfüllung in Gott waren, sind und bleiben der eigentliche Kern der Ethik in der sozialen Kommunikation.

Vatikanstadt, 4. Juni 2000, Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, Jubiläum der Journalisten.

John P. Foley
Präsident

Pierfranco Pastore
Sekretar

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Quelle

Papst Franziskus: Botschaft zum 52. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel

»Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32).

Fake News und Journalismus für den Frieden

Liebe Brüder und Schwestern,

im Plan Gottes ist die Kommunikation eine wesentliche Art und Weise, Gemeinschaft zu leben. Der Mensch, Abbild und Ebenbild des Schöpfers, hat die Fähigkeit, das Wahre, das Gute und das Schöne zum Ausdruck zu bringen und es mit den anderen zu teilen. Er hat die Fähigkeit, von seiner Erfahrung und von der Welt zu erzählen, und so die Grundlagen für das Gedächtnis und das Verständnis der Ereignisse zu schaffen. Wenn sich der Mensch aber von Hochmut und Egoismus leiten lässt, kann es passieren, dass er seine Kommunikationsgabe auf eine entstellte Weise nutzt, wie schon die biblischen Erzählungen von Kain und Abel oder vom Turm zu Babel zeigen (vgl. Gen 4,1-16; 11,1-9). Diese Entstellung kommt in einer Verdrehung der Wahrheit auf individueller wie auch kollektiver Ebene zum Ausdruck. Dabei wird die Kommunikation doch erst in der Treue zur Logik Gottes zum Raum, in dem die eigene Verantwortung für die Wahrheitssuche und den Aufbau des Guten zum Ausdruck kommt! In einem zusehends von Schnelllebigkeit geprägten und in ein digitales System eingebetteten Kommunikationskontext, können wir heute das Phänomen der „Falschmeldungen“ beobachten, der sogenannten Fake News: ein Phänomen, das nachdenklich stimmt und mich dazu veranlasst hat, diese Botschaft dem Thema der Wahrheit zu widmen, wie es meine Vorgänger seit Paul VI. schon mehrere Male getan haben (vgl. Botschaft 1972: Die sozialen Kommunikationsmittel im Dienst der Wahrheit). So möchte ich einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Verpflichtung bringen, der Verbreitung von Falschmeldungen zuvorzukommen, den Wert des Journalistenberufes neu zu entdecken und uns wieder auf die persönliche Verantwortung zu besinnen, die ein jeder von uns bei der Mitteilung der Wahrheit trägt.

1. Was ist an „Falschmeldungen“ falsch?

Fake News ist ein umstrittener, vieldiskutierter Begriff. Normalerweise ist damit die im Internet oder in den traditionellen Medien verbreitete Desinformation gemeint: gegenstandslose Nachrichten also, die sich auf inexistente oder verzerrte Daten stützen und darauf abzielen, den Adressaten zu täuschen, wenn nicht gar zu manipulieren. Die Verbreitung solcher Nachrichten kann gezielt erfolgen, um politische Entscheidungen zu beeinflussen oder Vorteile für wirtschaftliche Einnahmen zu erlangen.

Die Wirksamkeit der Fake News liegt vor allem in ihrer mimetischen Natur, in ihrer Fähigkeit der Nachahmung also, um glaubhaft zu erscheinen. Darüber hinaus sind solche Meldungen, die zwar falsch, aber plausibel sind, verfänglich: indem sie sich Stereotype und Vorurteile zunutze machen, die in einem bestimmten sozialen Gefüge vorherrschen, ist es ihnen nämlich ein Leichtes, die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen auf sich zu lenken und Gefühle anzusprechen, die schnell und unmittelbar ausgelöst werden können: Angst, Verachtung, Wut und Frustration. Die Verbreitung solcher Meldungen erfolgt durch manipulative Nutzung der sozialen Netzwerke und dank deren spezifischer Funktionsweise: so erhalten auch Inhalte, die eigentlich jeder Grundlage entbehren, eine so große Sichtbarkeit, dass der Schaden selbst dann nur schwer eingedämmt werden kann, wenn von maßgeblicher Seite eine Richtigstellung erfolgt.

Die Schwierigkeit, Fake News aufzudecken und auszumerzen, hat auch mit dem Umstand zu tun, dass die Interaktion der Personen oft innerhalb homogener digitaler Räume erfolgt, zu denen divergierende Meinungen oder Blickwinkel nicht durchdringen können. Diese Logik der Desinformation führt also nicht nur dazu, dass es zu keiner gesunden Auseinandersetzung mit anderen Informationsquellen kommt, welche Vorurteile in Frage stellen und einen konstruktiven Dialog entstehen lassen könnte, sondern dass man sogar riskiert, sich zum unfreiwilligen Verbreiter parteiischer Meinungen zu machen, die jeder Grundlage entbehren. Das Drama der Desinformation ist die Diskreditierung des anderen, seine Stilisierung zum Feindbild bis hin zu einer Dämonisierung, die Konflikte schüren kann. Falschmeldungen gehen also mit intoleranten und zugleich reizbaren Haltungen einher und führen nur zur Gefahr, dass Arroganz und Hass eine immer weitere Verbreitung finden. Denn das ist es, wozu die Falschheit letztlich führt.

2. Wie erkennt man Fake News?

Niemand von uns kann sich der Verantwortung entziehen, solchen Unwahrheiten entgegenzutreten. Das ist kein leichtes Unterfangen, da sich die Desinformation oft auf sehr gemischte Inhalte stützt, die gewollt evasiv und unterschwellig irreführend sind, und sich mitunter raffinierter Mechanismen bedienen. Lobenswert sind daher Bildungsinitiativen, die lehren, wie man den Kommunikationskontext einordnen und beurteilen kann, ohne sich dabei zum ungewollten Verbreiter von Desinformation zu machen, sondern diese stattdessen aufdeckt. Lobenswert sind ebenso institutionelle und rechtliche Initiativen, die die Eindämmung dieses Phänomens durch entsprechende normative Maßnahmen vorantreiben, wie auch das Bestreben seitens der Technologie- und Medienunternehmen, mit Hilfe neuer Kriterien nachzuweisen, wer sich hinter den Millionen von digitalen Profilen versteckt.

Der Schutz vor den Mechanismen der Desinformation und das Erkennen derselben macht jedoch auch eine sorgfältige Unterscheidung erforderlich. Es geht hier nämlich darum, das aufzudecken, was man als die „Logik der Schlange“ bezeichnen könnte, die sich überall verstecken und jederzeit zubeißen kann. Es handelt sich um die Strategie der »schlauen Schlange«, von der das Buch Genesis spricht und die sich an den Anfängen der Menschheit zum Urheber der ersten „Fake News“ (vgl. Gen 3,1-15) gemacht hat. Die tragische Konsequenz war der Sündenfall, der dann den ersten Brudermord zur Folge hatte (vgl. Gen 4) und zahllose andere Formen des Bösen gegen Gott, den Nächsten, die Gesellschaft und die Schöpfung. Die Strategie dieses gerissenen »Vaters der Lüge« (Joh 8,44) ist nichts anderes als eben die Mimesis: eine gefährliche Verführung, die sich mit vielversprechenden, aber unwahren Argumenten ins Herz des Menschen schleicht. So wird im Bericht vom Sündenfall ja auch erzählt, wie sich der Verführer der Frau nähert und vorgibt, ein Freund zu sein und ihr Wohl am Herzen zu haben. Das Gespräch mit ihr beginnt er mit einer Aussage, die zwar wahr ist, aber doch nur zum Teil: »Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?« (Gen 3,1). In Wahrheit hatte Gott dem Adam aber nicht gesagt, dass er von keinem Baum essen dürfe, sondern nur von einem nicht: »Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen« (Gen 2,17). Das stellt die Frau der Schlange gegenüber zwar richtig, auf ihre Provokation geht sie aber dennoch ein: »Nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben!« (Gen 3,3). Diese Antwort hat einen legalistischen, pessimistischen Beigeschmack: Nachdem die Frau dem Fälscher Glauben geschenkt hat, lässt sie sich von seiner Darlegung der Fakten anziehen und wird in die Irre geführt. So schenkt sie ihm zunächst Aufmerksamkeit, als er ihr versichert: »Nein, ihr werdet nicht sterben!« (Gen 3,4). Danach erhält die Dekonstruktion des Verführers einen glaubhaften Anstrich: »Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse« (Gen 3,5). Und so wird die väterliche Ermahnung Gottes, die das Gute zum Ziel hatte, am Ende diskreditiert, um der verlockenden Versuchung des Feindes nachgeben zu können: »Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war …« (Gen 3,6). Diese biblische Erzählung lässt uns also eine Tatsache erkennen, die für unser Thema wesentlich ist: keine Desinformation ist harmlos. Im Gegenteil: dem zu vertrauen, was falsch ist, hat unheilvolle Folgen. Schon eine scheinbar leichte Verdrehung der Wahrheit kann gefährliche Auswirkungen haben.

Was hier ins Spiel kommt, ist nämlich unsere Gier. Fake News verbreiten sich oft rasend schnell, wie ein Virus, der nur schwer eingedämmt werden kann. Und der Grund dafür liegt nicht so sehr in der für die sozialen Netzwerke typischen Logik der Weitergabe, sondern eher in der unersättlichen Gier, von der sich der Mensch nur allzu leicht beherrschen lässt. Die wahre Wurzel der wirtschaftlichen und opportunistischen Hintergründe der Desinformation ist unser Hunger nach Macht und Besitz, unsere Vergnügungssucht – eine Gier, die uns letztlich auf einen Schwindel hereinfallen lässt, der noch viel tragischer ist als jede seiner Ausdrucksformen: den Schwindel des Bösen, der sich von Falschheit zu Falschheit seinen Weg bahnt in unser Herz und es seiner Freiheit beraubt. Und das ist auch der Grund, warum Erziehung zur Wahrheit Erziehung zur Unterscheidung bedeutet: Erziehung dazu, das Verlangen und die Neigungen, die uns bewegen, einordnen und abwägen zu lernen, damit es uns nie an Gutem fehlen möge, sodass wir dann auf die erstbeste Versuchung hereinfallen.

3. »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32)

Durch die ständige Verunreinigung mit einer irreführenden Sprache wird die Innerlichkeit des Menschen letztendlich verdunkelt. Dostojewski hat hierzu etwas Bemerkenswertes geschrieben: »Wer sich selbst belügt und an seine eigene Lüge glaubt, der kann zuletzt keine Wahrheit mehr unterscheiden, weder in sich noch um sich herum; er achtet schließlich weder sich selbst noch andere. Wer aber niemand achtet, hört auch auf zu lieben und ergibt sich den Leidenschaften und rohen Genüssen, um sich auch ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen. Er sinkt unweigerlich auf die Stufe des Viehs hinab, und all das, weil er sich und die Menschen unaufhörlich belogen hat« (Die Brüder Karamasow, II, 2).

Was also tun? Das radikalste Mittel gegen den Virus der Falschheit ist es, sich von der Wahrheit reinigen zu lassen. Aus christlicher Sicht ist die Wahrheit nicht nur eine begriffliche Realität, die das Urteil über die Dinge betrifft und sie als wahr oder falsch definiert. Bei der Wahrheit geht es nicht nur darum, verborgene Dinge ans Licht zu bringen, „die Realität zu enthüllen“, wie der altgriechische Begriff für die Wahrheit nahelegt: aletheia (von a-lethès, das „Unverborgene“). Wahrheit hat mit dem ganzen Leben zu tun. In der Bibel hat sie auch die Bedeutung von Stütze, Beständigkeit, Zuversicht, worauf schon die Wurzel ‘aman schließen lässtvon der sich auch das liturgische Amen herleitet. Die Wahrheit ist das, worauf man sich stützen kann, um nicht zu fallen. In diesem relationalen Sinn ist das einzig Zuverlässige und Vertrauenswürdige; das einzige, worauf wir zählen können; das einzig „Wahre“ der lebendige Gott. So kann Jesus ja auch sagen: »Ich bin die Wahrheit« (Joh 14,6). Der Mensch entdeckt nun die Wahrheit immer wieder neu, wenn er sie in sich selbst als Treue und Zuverlässigkeit dessen, der ihn liebt, erfährt. Das allein befreit den Menschen: »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32).

Befreiung von der Falschheit und Suche nach Beziehung: das sind die zwei Elemente, die nicht fehlen dürfen, wenn unsere Worte, unsere Gesten wahr, authentisch und glaubwürdig sein sollen. Wenn wir die Wahrheit erkennen wollen, müssen wir zwischen dem unterscheiden, was der Gemeinschaft und dem Guten zuträglich ist, und dem, was dagegen dazu neigt zu isolieren, zu spalten, Gegensätze zu schüren. Die Wahrheit erlangt man also nicht, wenn man sie als etwas auferlegt, das fremd und unpersönlich ist; sie entspringt vielmehr den freien Beziehungen zwischen den Personen, im gegenseitigen Zuhören. Zudem muss die Wahrheit immer wieder neu aufgespürt werden, weil sich überall etwas Falsches einschleichen kann, auch wenn man Dinge sagt, die wahr sind. So mag eine schlüssige Argumentation zwar auf unleugbare Fakten gestützt sein – wird sie aber dazu genutzt, den anderen zu verletzten, ihn in den Augen Dritter abzuwerten, dann wohnt ihr nicht die Wahrheit inne, wie richtig diese Argumentation auch erscheinen mag. Die Wahrheit der Aussagen erkennt man an ihren Früchten: daran also, ob sie Polemik, Spaltung und Resignation auslösen – oder eine gewissenhafte und reife Diskussion, einen konstruktiven Dialog und ein fruchtbares Schaffen.

4. Der Friede liegt in der wahren Nachricht

Das beste Mittel gegen die Falschheit sind nicht die Strategien, sondern die Personen: Personen, die frei von Begierde sind und daher die Bereitschaft haben, zuzuhören und die Wahrheit durch die Mühe eines ehrlichen Dialogs zutage treten lassen. Personen, die – vom Guten angezogen – bereit sind, die Sprache verantwortungsvoll zu gebrauchen. Wenn der Ausweg aus der Verbreitung von Desinformation also die Verantwortung ist, dann sind hier vor allem jene auf den Plan gerufen, denen die Verantwortung beim Informieren schon von Berufs wegen auferlegt ist: die Journalisten, die die Hüter der Nachrichten sind. In der Welt von heute übt der Journalist nicht nur einen Beruf aus: er hat eine Mission. Trotz der Kurzlebigkeit der Nachrichten und im Strudel der Sensationspresse darf er nie vergessen, dass im Zentrum der Nachricht der Mensch steht – und nicht, wie schnell eine Nachricht verbreitet wird und welche Wirkung sie auf das Publikum hat. Informieren hat mit „formen“ zu tun, betrifft das Leben der Menschen. Das ist auch der Grund, warum die Sorgfalt bei den Quellen und der Schutz der Kommunikation eigenständige Prozesse sind, die wirklich zur Entwicklung des Guten beitragen, Vertrauen schaffen und Wege der Gemeinschaft und des Friedens erschließen.

Ich möchte daher alle dazu einladen, einen Journalismus für den Frieden voranzutreiben, womit ich nicht einen Journalismus meine, dem es nur um „Schönfärberei“ geht, der das Vorhandensein schwerwiegender Probleme leugnet und einen süßlichen Tonfall annimmt. Nein, ich meine einen Journalismus, der sich nicht verstellt; der der Unwahrheit, der Effekthascherei und dem prahlerischen Reden den Kampf ansagt; ein Journalismus, der von Menschen und für Menschen gemacht ist; der sich als ein Dienst versteht, der allen Menschen zugutekommt, vor allem jenen – und das ist in unserer heutigen Welt der Großteil –, die keine Stimme haben; ein Journalismus, dem es nicht nur darum geht, Nachrichten so schnell und lukrativ wie möglich „an den Mann zu bringen“, sondern der die tatsächlichen Ursachen der Konflikte zu erforschen sucht, um ihre Wurzeln verstehen und durch die Anregung guter Handlungsweisen überwinden zu können; ein Journalismus, der sich nicht vom Strudel der Sensationsgier und der verbalen Gewalt mitreißen lässt, sondern lieber nach alternativen Lösungen sucht.

Lassen wir uns also von einem Gebet im Geiste des heiligen Franziskus inspirieren und wenden wir uns an Den, der die Wahrheit selbst ist:

Herr, mache uns zum Werkzeug deines Friedens.
Lass uns das Böse erkennen, das sich in eine Kommunikation einschleicht, die nicht Gemeinschaft schafft.
Gib, dass wir das Gift aus unseren Urteilen zu entfernen wissen.
Hilf uns, von den anderen als Brüder und Schwestern zu sprechen.
Du bist treu und unseres Vertrauens würdig; gib, dass unsere Worte Samen des Guten für die Welt sein mögen:
wo Lärm ist, lass uns zuhören;
wo Verwirrung herrscht, lass uns Harmonie verbreiten;
wo Zweideutigkeit ist, lass uns Klarheit bringen;
wo es Ausschließung gibt, lass uns Miteinander schaffen;
wo Sensationssucht herrscht, lass uns Mäßigung wählen;
wo Oberflächlichkeit ist, lass uns wahre Fragen stellen;
wo es Vorurteile gibt, lass uns Vertrauen verbreiten;
wo Aggressivität herrscht, lass uns Respekt bringen;
wo es Falschheit gibt, lass uns Wahrheit schenken.
Amen.

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Quelle

Das Leiden in einem weiteren Horizont erleben

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Papst Franziskus, WJT 2016 / CCEW – Mazur, CC BY-NC-SA

Papst veröffentlicht Botschaft
zum 51. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel

Anlässlich des 51. Welttags der sozialen Kommunikationsmittel hat Papst Franziskus zu einer konstruktiven Kommunikation aufgerufen. Vorurteile sollten zurückgewiesen und eine Kultur der Begegnung gefördert werden. Es sollte einerseits das „Drama des Leidens“ nicht ignoriert werden. Das Oberhaupt der katholischen Kirche warnte vor einem naiven Optimismus.

„Ich wünsche mir im Gegenteil, dass wir alle versuchen, das Gefühl des Unmuts und der Resignation zu überwinden, das uns oft befällt, uns in Apathie versetzt und Ängste erzeugt oder den Eindruck erweckt, dass dem Übel keine Grenzen gesetzt werden können“, schrieb Franziskus. Er warnte vor der Logik, derzufolge nur schlechte Nachrichten beeindruckten, Leid und Böses nur spektakulär dargestellt würden. Das Gewissen könnte dabei betäubt werden. Vielmehr sollte die Wirklichkeit mit bewusstem Vertrauen betrachtet werden.

„Ich möchte alle dazu einladen, den Frauen und Männern unserer Zeit Berichte anzubieten, die von der Logik der „guten Nachricht“ geprägt sind“, schrieb er hingegen. Nichts müsse dabei ausgeblendet werden. „Diese gute Nachricht, die Jesus selber ist, ist nicht deswegen gut, weil es in ihr kein Leiden gibt, sondern weil auch das Leiden in einem weiteren Horizont erlebt wird: als wesentlicher Bestandteil seiner Liebe zum Vater und zur Menschheit“, heißt es in der Botschaft weiter.

Demnach könnten Feindseligkeiten und das Kreuz die Rettung durch Gott nicht vereiteln, sondern verwirklichen. Er erinnerte daran, dass bei Gott das Scheitern das Vorspiel der viel größeren Erfüllung aller Dinge in der Liebe sein könne. Die Logik von Ostern müsse sich auch in der Kommunikation widerspiegeln. Er tue dies durch viele lebendige Kanäle, durch Menschen, die sich mitten im Drama der Geschichte von der Guten Nachricht leiten ließen. „Sie sind wie Leuchttürme im Dunkel dieser Welt, die den Kurs erhellen und neue Wege des Vertrauens und der Hoffnung auftun“, bemerkt er abschließend.

Der Volltext der Botschaft ist hier abrufbar.

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Quelle

„Wie Leuchttürme im Dunkel dieser Welt“

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Leuchtturm / Pixabay CC0 – Pexels, Public Domain

Botschaft von Papst Franziskus
zum 51. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in der offiziellen Übersetzung die Botschaft von Papst Franziskus zum 51. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Der Text wurde am Dienstag, dem 24. Januar 2017, dem Gedenktag des hl. Franz von Sales, vom Heiligen Stuhl veröffentlicht.

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«Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir» (Jes 43,5).
Hoffnung und Zuversicht verbreiten in unserer Zeit

Dank des technischen Fortschritts hat sich der Zugang zu den Kommunikationsmitteln so entwickelt, dass sehr viele Menschen die Möglichkeit haben, augenblicklich Nachrichten zu teilen und sie flächendeckend zu verbreiten. Diese Nachrichten können gut oder schlecht sein, wahr oder falsch. Schon unsere Vorväter im Glauben sprachen vom menschlichen Geist als einer Mühle, die vom Wasser bewegt niemals angehalten werden kann. Wer aber mit dem Mahlen beauftragt ist, hat die Möglichkeit zu entscheiden, ob Korn oder Taumellolch gemahlen wird. Der Geist des Menschen ist immer aktiv und kann nicht aufhören, das zu „mahlen“, was er aufnimmt, aber es ist an uns zu entscheiden, welches Material wir dazu liefern (vgl. Johannes Cassian, Brief an Abt Leontius).

Mein Anliegen ist es, dass diese Botschaft alle diejenigen erreicht und ermutigt, die sowohl im Beruf als auch in den persönlichen Beziehungen jeden Tag viele Nachrichten „mahlen“, um ein wohlriechendes und gutes Brot denen anzubieten, die sich von den Früchten ihrer Kommunikation ernähren. Ich möchte alle zu einer konstruktiven Kommunikation aufrufen, welche Vorurteile über den anderen zurückweist und eine Kultur der Begegnung fördert, dank derer man lernen kann, die Wirklichkeit mit bewusstem Vertrauen anzuschauen.

Ich glaube, dass es nötig ist, den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen und die Spirale der Furcht aufzuhalten, die ein Ergebnis der Angewohnheit ist, sein Augenmerk ganz auf die „schlechten Nachrichten“ (Kriege, Terror, Skandale und jegliche Art menschlichen Scheiterns) zu richten. Natürlich geht es nicht darum, ein Informationsdefizit zu fördern, bei dem das Drama des Leidens ignoriert würde, und genauso wenig darum, in einen naiven Optimismus zu verfallen, der sich vom Skandal des Übels nicht anrühren lässt. Ich wünsche mir im Gegenteil, dass wir alle versuchen, das Gefühl des Unmuts und der Resignation zu überwinden, das uns oft befällt, uns in Apathie versetzt und Ängste erzeugt oder den Eindruck erweckt, dass dem Übel keine Grenzen gesetzt werden können. In einem Kommunikationssystem, wo die Logik gilt, dass eine gute Nachricht keinen Eindruck macht und deswegen auch gar keine Nachricht ist, und wo es leicht geschieht, dass die Tragödie des Leides und das Geheimnis des Bösen in spektakulärer Weise dargestellt werden, kann man zudem versucht sein, das Gewissen zu betäuben und in die Hoffnungslosigkeit abzugleiten.

Deswegen möchte ich einen Beitrag leisten zur Suche nach einem offenen und kreativen Kommunikationsstil, der niemals bereit ist, dem Bösen eine Hauptrolle zuzugestehen, sondern versucht, die möglichen Lösungen aufzuzeigen und so die Menschen, denen die Nachricht übermittelt wird, zu einer konstruktiven und verantwortungsvollen Herangehensweise anzuregen. Ich möchte alle dazu einladen, den Frauen und Männern unserer Zeit Berichte anzubieten, die von der Logik der „guten Nachricht“ geprägt sind.

Die gute Nachricht

Das menschliche Leben ist nicht bloß eine unpersönliche Chronik von Ereignissen, sondern es ist Geschichte – eine Geschichte, die erzählt werden will, indem man sich für einen Deutungsschlüssel entscheidet, der imstande ist, die wichtigsten Dinge auszuwählen und zu sammeln. Die Wirklichkeit hat in sich selbst keinen eindeutigen Sinngehalt. Alles hängt von dem Blick ab, mit dem sie eingefangen wird, von der „Brille“, die wir wählen, um sie zu betrachten: Wenn wir die Linsen wechseln, erscheint auch die Wirklichkeit anders. Wovon können wir also ausgehen, um die Wirklichkeit mit der richtigen „Brille“ zu sehen?

Für uns Christen kann die geeignete Brille, um die Wirklichkeit zu entschlüsseln, nur die der guten Nachricht sein, ausgehend von der Guten Nachricht schlechthin: dem » Evangelium[s] von Jesus Christus, dem Sohn Gottes « (Mk 1,1). Mit diesen Worten beginnt der Evangelist Markus seinen Bericht: mit der Verkündigung der „guten Nachricht“, bei der es um Jesus geht. Doch weit mehr als nur Information über Jesus zu sein, ist sie die Frohe Botschaft, die Jesus selbst ist. Wenn man das Evangelium liest, entdeckt man nämlich, dass der Titel dieses Werkes seinem Inhalt entspricht – vor allem aber, dass dieser Inhalt die Person Jesu selbst ist.

Diese gute Nachricht, die Jesus selber ist, ist nicht deswegen gut, weil es in ihr kein Leiden gibt, sondern weil auch das Leiden in einem weiteren Horizont erlebt wird: als wesentlicher Bestandteil seiner Liebe zum Vater und zur Menschheit. In Christus hat Gott sich mit jeder menschlichen Situation solidarisiert und uns offenbart, dass wir nicht alleine sind, weil wir einen Vater haben, der seine Kinder niemals vergessen kann. » Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir « (Jes 43,5): Das ist das tröstliche Wort eines Gottes, der sich von jeher in die Geschichte seines Volkes einbringt. In seinem geliebten Sohn geht dieses Versprechen Gottes – » ich bin mit dir « – so weit, all unsere Schwachheit anzunehmen, bis dahin, unseren Tod zu sterben. In Ihm werden auch die Dunkelheit und der Tod ein Ort der Gemeinschaft mit dem Licht und dem Leben selbst. So entsteht gerade dort, wo das Leben die Bitterkeit des Scheiterns erfährt, eine Hoffnung, die jedem zugänglich ist. Es ist eine Hoffnung, die nicht trügt, denn » die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen « (Röm 5,5) und lässt das neue Leben aufkeimen aus dem Samenkorn, das ins Erdreich gefallen ist. In diesem Licht wird jedes neue Drama, das in der Geschichte der Welt geschieht, auch Schauplatz einer möglichen guten Nachricht. Denn der Liebe gelingt es immer, den Weg der Nähe zu finden und Herzen zu entflammen, die sich innerlich anrühren lassen, Menschen, die fähig sind, nicht zu verzagen, und Hände, die bereit sind aufzubauen.

Das Vertrauen auf das Samenkorn des Reiches

Um seine Jünger und die Menschenmenge in diese evangeliumsgemäße Mentalität einzuführen und ihnen die richtige „Brille“ zu geben, mit der man der Logik der Liebe, die stirbt und aufersteht, näher kommen kann, bedient sich Jesus der Gleichnisse, in denen das Reich Gottes oft mit einem Samenkorn verglichen wird, das seine Lebenskraft gerade dann entfaltet, wenn es in der Erde stirbt (Mk 4,1-34). Auf Bilder und Metaphern zurückzugreifen, um die demütige Macht des Reiches zu verkünden, bedeutet nicht, ihre Bedeutung und Dringlichkeit herunterzuspielen. Es ist die barmherzige Art und Weise, die dem Hörer den Freiraum lässt, sie anzunehmen und auch auf sich selbst zu beziehen. Außerdem ist es der privilegierte Weg, um die unermessliche Würde des österlichen Geheimnisses auszudrücken, denn es sind die Bilder – mehr als die Begriffe –, welche die paradoxe Schönheit des neuen Lebens in Christus vermitteln. Dieses neuen Lebens, wo die Feindseligkeiten und das Kreuz die Rettung durch Gott nicht vereiteln, sondern verwirklichen, wo die Schwachheit stärker ist als jede menschliche Stärke, wo das Scheitern das Vorspiel der viel größeren Erfüllung aller Dinge in der Liebe sein kann. Genau so reift und vertieft sich nämlich die Hoffnung auf das Reich Gottes: » Wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst « (Mk 4,26-27).

Das Reich Gottes ist schon mitten unter uns, wie ein Samenkorn, das dem oberflächlichen Blick verborgen ist und dessen Wachsen in der Stille geschieht. Wer Augen hat, die vom Heiligen Geist gereinigt sind, kann es aufkeimen sehen und lässt sich die Freude am Reich durch das immer gegenwärtige Unkraut nicht nehmen.

Die Horizonte des Geistes

Die Hoffnung, die auf der guten Nachricht, die Jesus selber ist, beruht, lässt uns den Blick erheben und ermuntert uns, ihn im liturgischen Rahmen des Himmelfahrtsfestes zu betrachten. Während es scheint, als entferne sich der Herr von uns, weiten sich in Wirklichkeit die Horizonte der Hoffnung. Tatsächlich kann in Christus, der unser Menschsein bis zum Himmel erhebt, jede Frau und jeder Mann die volle Freiheit besitzen, » durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch « (Hebr 10,19-20). Durch die » Kraft des Heiligen Geistes « können wir » Zeugen « sein und Künder einer neuen, erlösten Menschheit, » bis an die Grenzen der Erde « (Apg 1, 7-8).

Das Vertrauen auf das Samenkorn des Gottesreiches und auf die Logik von Ostern muss auch unsere Weise der Kommunikation prägen. Dieses Vertrauen ist es, das uns fähig macht, in den vielfältigen Formen, in der die Kommunikation heute geschieht, mit der Überzeugung zu arbeiten, dass es möglich ist, die gute Nachricht, die in der Wirklichkeit jeder Geschichte und auf dem Antlitz jedes Menschen gegenwärtig ist, zu entdecken und zu beleuchten.

Wer sich glaubend vom Heiligen Geist leiten lässt, wird fähig, in jedem Ereignis das auszumachen, was zwischen Gott und der Menschheit geschieht, und erkennt, wie Er selbst auf dem dramatischen Schauplatz dieser Welt die Handlung einer Heilsgeschichte schreibt. Der Faden, mit dem diese heilige Geschichte gewebt wird, ist die Hoffnung, und ihr Weber ist niemand anderes als der Heilige Geist, der Tröster. Die Hoffnung ist die demütigste aller Tugenden, weil sie verborgen bleibt in den Falten des Lebens. Aber sie ist der Hefe gleich, die den gesamten Teig fermentiert. Wir nähren sie, indem wir immer wieder die Gute Nachricht lesen, jenes Evangelium, das in unzähligen Editionen „neu aufgelegt“ wurde in den Leben der Heiligen, jener Frauen und Männer, die zu Ikonen der Liebe Gottes geworden sind. Auch heute sät der Heilige Geist in unserem Innern die Sehnsucht nach dem Reich aus. Und er tut das durch viele lebendige „Kanäle“, durch die Menschen, die sich mitten im Drama der Geschichte von der Guten Nachricht leiten lassen. Sie sind wie Leuchttürme im Dunkel dieser Welt, die den Kurs erhellen und neue Wege des Vertrauens und der Hoffnung auftun.

Aus dem Vatikan, am 24. Januar 2017, dem Fest des heiligen Franz von Sales

Franziskus

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PAPST FRANZISKUS ZUM 50. WELTTAG DER SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL

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BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM
50. WELTTAG DER SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL 

Kommunikation und Barmherzigkeit – eine fruchtbare Begegnung

 

Liebe Brüder und Schwestern,

das Heilige Jahr der Barmherzigkeit lädt uns ein, über die Beziehung zwischen Kommunikation und Barmherzigkeit nachzudenken. Tatsächlich ist die mit Christus, der lebendigen Inkarnation des barmherzigen Gottes, vereinte Kirche berufen, die Barmherzigkeit als kennzeichnendes Merkmal all ihren Seins und Handelns zu leben. Was wir sagen und wie wir es sagen, jedes Wort und jede Geste müsste imstande sein, das Mitleid, die Zärtlichkeit und die Vergebung auszudrücken, die Gott allen entgegenbringt. Die Liebe ist von Natur aus Kommunikation, sie führt dazu, sich zu öffnen und sich nicht abzuschotten. Und wenn unser Herz und unsere Gesten von der Nächstenliebe, von der göttlichen Liebe beseelt sind, wird unsere Kommunikation eine Überbringerin der Kraft Gottes sein.

Wir sind aufgerufen, als Kinder Gottes mit allen in Verbindung zu treten, ohne jemanden auszuschließen. In besonderer Weise gehört es wesenhaft zur Sprache und zum Handeln der Kirche, Barmherzigkeit zu übermitteln, so dass sie die Herzen der Menschen anrührt und sie auf dem Weg zur Fülle des Lebens unterstützt. Diese Lebensfülle allen zu bringen, ist Jesus Christus ja vom Vater gesandt und zu uns gekommen. Es geht darum, die Wärme der Mutter Kirche in uns aufzunehmen und um uns zu verbreiten, damit Jesus erkannt und geliebt wird – jene Wärme, die den Worten des Glaubens Substanz verleiht und in der Verkündigung wie im Zeugnis den „Funken“ entzündet, der sie lebendig macht.

Die Kommunikation hat die Macht, Brücken zu bauen, Begegnung und Einbeziehung zu fördern und so die Gesellschaft zu bereichern. Wie schön ist es, wenn man sieht, wie Menschen bemüht sind, ihre Worte und Gesten sorgfältig zu wählen, um Unverständnis zu überwinden, das verwundete Gedächtnis zu heilen und Frieden und Harmonie zu schaffen. Worte können Brücken spannen zwischen Menschen, Familien, sozialen Gruppen und Völkern. Und das im physischen wie im digitalen Bereich. Mögen daher Worte und Taten so beschaffen sein, dass sie uns helfen, aus den Teufelskreisen von Verurteilungen und Rache auszusteigen, die Einzelne und Nationen weiterhin gefangen halten und zu hasserfüllten Äußerungen führen. Das Wort des Christen entspringt dagegen dem Wunsch, Gemeinschaft wachsen zu lassen, und versucht selbst dann, wenn es das Böse unnachgiebig verurteilen muss, niemals die Beziehung und die Kommunikation abzubrechen.

Ich möchte daher alle Menschen guten Willens einladen, die Macht der Barmherzigkeit, zerrissene Beziehungen zu heilen und in die Familien und die Gemeinschaften wieder Frieden und Harmonie zu tragen, neu zu entdecken. Wir alle wissen, wie alte Verwundungen und lange gehegter Groll Menschen gefangen halten und sie daran hindern können, Kontakt aufzunehmen und sich zu versöhnen. Und das gilt auch für die Beziehungen unter den Völkern. In all diesen Fällen ist die Barmherzigkeit imstande, eine neue Art in Gang zu setzen, miteinander zu sprechen und in Dialog zu treten. Shakespeare hat das wortgewandt zum Ausdruck gebracht: »Die Barmherzigkeit ist keine Pflicht. Sie fällt vom Himmel, wie die Erquickung des Regens auf die Erde träufelt. Sie ist ein zweifacher Segen: Sie segnet den, der sie gewährt, und den, der sie empfängt« (Der Kaufmann von Venedig, 4. Akt, 1. Szene).

Es ist zu hoffen, dass auch die Sprache der Politik und der Diplomatie sich inspirieren lässt von der Barmherzigkeit, die niemals etwas als verloren aufgibt. Ich appelliere vor allem an diejenigen, die im institutionellen und im politischen Bereich sowie auf dem Gebiet der Meinungsbildung Verantwortung tragen, immer wachsam zu sein in Bezug auf ihre Äußerungen über Andersdenkende oder -handelnde und auch über die, die einen Fehler begangen haben mögen. Allzu leicht gibt man der Versuchung nach, solche Situationen auszunutzen und auf diese Weise Öl ins Feuer des Misstrauens, der Angst und des Hasses zu gießen. Dagegen braucht es Mut, um die Menschen auf Versöhnungsprozesse hin auszurichten, und gerade dieser positive und kreative Wagemut ist es, der echte Lösungen für alte Konflikte und die Gelegenheit zur Verwirklichung eines dauerhaften Friedens bietet. »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden […] Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden« (Mt 5,7.9).

Wie wünsche ich mir, dass unsere Art der Kommunikation wie auch unser Dienst als Hirten der Kirche niemals den hochmütigen Stolz des Triumphes über einen Feind zum Ausdruck brächten, noch diejenigen demütigten, die die Mentalität der Welt als Verlierer betrachtet, die auszuschließen sind! Die Barmherzigkeit kann helfen, die Widrigkeiten des Lebens zu mildern, und denen, die nur die Kälte des Urteils erfahren haben, Wärme schenken. Möge der Stil unserer Kommunikation so geartet sein, dass er die Logik der krassen Trennung nach Sündern und Gerechten überwindet. Wir können und müssen über Situationen der Sünde – Gewalt, Korruption, Ausbeutung usw. – richten, aber wir dürfen nicht über Menschen richten, denn allein Gott kann das Innerste ihres Herzens deuten. Unsere Aufgabe ist es, den zu ermahnen, der einen Fehler begeht, indem wir die Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit gewisser Verhaltensweisen anprangern, mit dem Ziel, die Opfer zu befreien und den Gefallenen aufzuheben. Das Johannesevangelium sagt uns: »Die Wahrheit wird euch befreien« (8,32). Diese Wahrheit ist letztlich Christus selbst, dessen sanfte Barmherzigkeit das Maß ist für unsere Art, die Wahrheit zu verkünden und die Ungerechtigkeit zu verurteilen. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Wahrheit mit Liebe zu bekräftigen (vgl. Eph 4,15). Nur mit Liebe gesprochene und von Sanftmut und Barmherzigkeit begleitete Worte treffen die Herzen von uns Sündern. Harte oder moralistische Worte laufen Gefahr, diejenigen, die wir zur Umkehr bewegen und in die Freiheit führen möchten, weiter zu entfernen, indem wir ihre innere Haltung der Weigerung und Abwehr stärken.

Manche meinen, eine auf Barmherzigkeit gegründete Sicht der Gesellschaft sei unentschuldbar idealistisch oder übertrieben nachsichtig. Doch versuchen wir einmal, an unsere ersten Erfahrungen von Beziehung im Schoß der Familie zurückzudenken. Unsere Eltern haben uns mehr für das, was wir sind, geliebt und geschätzt, als für unsere Fähigkeiten und unsere Erfolge. Die Eltern wollen natürlich das Beste für ihre Kinder, aber ihre Liebe ist nie abhängig vom Erreichen der Ziele. Das Elternhaus ist der Ort, wo du immer aufgenommen wirst (vgl. Lk 15,11-32). Ich möchte alle ermutigen, die menschliche Gesellschaft nicht als einen Raum zu verstehen, in dem Fremde Konkurrenz machen und versuchen sich durchzusetzen, sondern vielmehr als ein Haus oder eine Familie, wo die Tür immer offen steht und man versucht, einander anzunehmen.

Dafür ist es grundlegend, zuzuhören. Kommunikation bedeutet Miteinander-Teilen, und das verlangt das Zuhören, die Aufnahme. Zuhören ist viel mehr als hören. Das Hören betrifft den Bereich der Information; das Zuhören verweist hingegen auf den der Kommunikation und verlangt Nähe. Das Zuhören gestattet uns, die richtige Haltung einzunehmen, indem wir die ruhige Situation des Zuschauers, des Nutzers und des Konsumenten verlassen. Zuhören bedeutet auch, fähig zu sein, an Fragen und Zweifeln Anteil zu nehmen, einen Weg Seite an Seite zu gehen, sich von jedem Allmachtsdünkel zu lösen und die eigenen Fähigkeiten und Gaben demütig in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen.

Zuhören ist niemals leicht. Manchmal ist es bequemer, sich taub zu stellen. Zuhören bedeutet, dem Wort des anderen Aufmerksamkeit zu schenken, den Wunsch zu haben, es zu verstehen, ihm Wert beizumessen, es zu respektieren und zu hüten. Beim Zuhören vollzieht sich eine Art von Martyrium, ein Opfer des eigenen Selbst, in dem sich die heilige Geste erneuert, die Mose vor dem brennenden Dornbusch vollbrachte: auf dem „heiligen Boden“ der Begegnung mit dem anderen, der zu mir spricht, sich die Sandalen ausziehen (vgl. Ex 3,5). Zuhören zu können ist eine unsägliche Gnade, eine Gabe, die man erflehen muss, um sich dann darin zu üben, sie anzuwenden.

Auch E-Mail, SMS, soziale Netze und Chat können Formen ganz und gar menschlicher Kommunikation sein. Nicht die Technologie bestimmt, ob die Kommunikation authentisch ist oder nicht, sondern das Herz des Menschen und seine Fähigkeit, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel gut zu nutzen. Die sozialen Netze sind imstande, Beziehungen zu begünstigen und das Wohl der Gesellschaft zu fördern, aber sie können auch zu einer weiteren Polarisierung und Spaltung unter Menschen und Gruppen führen. Der digitale Bereich ist ein Platz, ein Ort der Begegnung, wo man liebkosen oder verletzen, eine fruchtbare Diskussion führen oder Rufmord begehen kann. Ich bete darum, dass das in Barmherzigkeit gelebte Jubiläumsjahr »uns offener [mache] für den Dialog, damit wir uns besser kennen und verstehen lernen. Es überwinde jede Form der Verschlossenheit und Verachtung und vertreibe alle Form von Gewalt und Diskriminierung« (Verkündigungsbulle Misericordiae vultus, 23). Auch im Netz wird eine wirkliche Bürgerschaft aufgebaut.  Der Zugang zu den digitalen Netzen bringt eine Verantwortung für den anderen mit sich, den wir nicht sehen, der aber real ist und seine Würde besitzt, die respektiert werden muss. Das Netz kann gut genutzt werden, um eine gesunde und für das Miteinander-Teilen offene Gesellschaft wachsen zu lassen.

Die Kommunikation, ihre Orte und ihre Mittel haben für viele Menschen zu einer Horizonterweiterung geführt. Das ist ein Geschenk Gottes, und es ist auch eine große Verantwortung. Ich definiere diese Macht der Kommunikation gerne als ein „Nahesein“. Die Begegnung von Kommunikation und Barmherzigkeit ist in dem Maße fruchtbar, in dem es ein Nahesein hervorbringt, das sich des anderen annimmt, ihn tröstet, heilt, begleitet und mit ihm feiert. In einer geteilten, aufgesplitterten, polarisierten Welt eine Kommunikation in Barmherzigkeit zu pflegen bedeutet, einen Beitrag zu leisten zu einem guten, freien und solidarischen Nahesein unter Kindern Gottes und Brüdern und Schwestern im Menschsein.

Aus dem Vatikan, am 24. Januar 2016, dem Fest des hl. Franz von Sales

 

Franziskus

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