Kolumbien: FARC-Chef bittet Papst um Vergebung

FARC-Chef Rodrigo Londono Echeverry bei einer Kundgebung Anfang September.

Der Anführer der kolumbianischen Ex-Guerilla FARC, Rodrigo Londono Echeverry, hat Papst Franziskus in einem Brief um Vergebung für das Leid gebeten, das seine Organisation in über 50 Jahren Bürgerkrieg verursacht habe. „Ihre wiederholten Hinweise auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes bewegen mich dazu, Sie um Vergebung anzuflehen für jegliche Träne oder jeden Schmerz, den wir dem Volk Kolumbiens oder einem seiner Mitglieder verursacht haben“, schrieb er in einem am Freitag in kolumbianischen Medien veröffentlichten Brief an den Papst.

Londono alias „Timochenko“ bat um Entschuldigung dafür, dass er den Papst aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich treffen könne. Er versicherte ihm jedoch, dass die FARC „jeglichem Ausdruck von Hass oder Gewalt“ abschwören wollten und die feste Absicht hegten, ihrerseits all jenen zu verzeihen, die bisher ihre Feinde waren. „Wir empfinden die Reue, welche nötig ist, um unsere eigenen Fehler zu sehen und um allen Opfern unserer Handlungen um Vergebung zu bitten“, so der Oppositionspolitiker, der bis vor einem Jahr Rebellenchef war.

Die Grundabsicht seiner Gruppierung sei eine gute gewesen, strich „Timochenko“ hervor: Man habe Gerechtigkeit für die Ausgeschlossenen und Verfolgten Kolumbiens sowie die Überwindung von Ungleichheit und Benachteiligungen angestrebt. Dankbar äußerte er sich für Äußerungen des Papstes, wonach Gott die Ausbeutung armer Länder durch reiche ebenso missfalle wie die Verweigerung von Vielfalt oder die Missachtung der Menschenwürde durch Gewinnstreben.

Seiner Bewunderung für Franziskus verlieh Londono sehr starken Ausdruck. „Seit Sie den ersten Schritt in mein Land gesetzt haben, spüre ich, dass sich endlich etwas ändern wird“, so der marxistische Anführer. Der Papst hinterlasse einen tiefen Eindruck in der Geschichte des Landes, mobilisiere alle Bevölkerungsteile und gebe ihnen eine Botschaft, auch sorge er für „Tränen der Emotion bei Männern, Frauen und Kindern… Nur ein Heiliger wie Sie bringt das zustande“, schrieb Londono.

(kap 09.09.2017 nh)

Messe in Villavicencio: „Die Geburt Mariäs ist der neue Morgen“

Villavicencio, Messe, 8. September 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Predigt von Papst Franziskus — Volltext

Wir dokumentieren in einer vorläufigen Übersetzung die am heutigen Freitag, dem 8. September 2017, von Papst Franziskus bei der Messe mit zwei Seligsprechungen in Villavicencio gehaltene Predigt.

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Deine Geburt, Jungfrau und Gottesgebärerin, ist der neue Morgen, der der ganzen Welt Freude gebracht hat. Denn aus dir ging hervor die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, unser Gott (vgl. Benedictus-Antiphon). Das Fest der Geburt Mariens wirft sein Licht auf uns, so wie das sanfte Morgenlicht die weite Ebene Kolumbiens, diese wunderbare Landschaft, deren Eintrittstor Villavicencio ist, durchflutet und ebenso in der reichen Verschiedenheit der indigenen Völker erstrahlt.

Maria ist der erste Lichtschein, der das Ende der Nacht und vor allem den nahen Tag ankündigt. Ihre Geburt lässt uns die liebevolle, zärtliche, erbarmende Initiative der Liebe erahnen, mit der Gott sich bis zu uns herabneigt und uns zu einem wunderbaren Bund mit ihm ruft, den nichts und niemand zerstören können wird.

Maria war für das Licht Gottes durchlässig und hat den Schein dieses Lichts in ihrem Haus widergespiegelt, das sie mit Josef und Jesus teilte, wie auch in ihrem Volk, in ihrem Land und in jenem gemeinsamen Haus der ganzen Menschheit, das die Schöpfung ist.

Im Evangelium haben wir den Stammbaum Jesu gehört (vgl. Mt 1,1-17), der nicht eine bloße Auflistung von Namen ist, sondern lebendige Geschichte, die Geschichte eines Volks, mit dem Gott auf dem Weg ist. Dadurch, dass er zu einem von uns wurde, verkündete er uns, dass in seinem Blut die Geschichte der Gerechten und Sünder fließt, dass unser Heil nicht ein steriles Heil aus dem Labor ist, sondern konkret aus dem Leben, das unterwegs ist. Diese lange Liste sagt uns, dass wir ein kleiner Teil einer großen Geschichte sind. Sie hilft uns, nicht den Anspruch zu erheben, ganz im Mittelpunkt stehen zu müssen, und sie hilft uns, der Versuchung einer Flucht in eine Spiritualisierung zu widerstehen und uns nicht von den historischen Gegebenheiten zu lösen, in denen wir zu leben haben. Darüber hinaus schließt sie in unsere Heilsgeschichte die dunkleren oder traurigeren Seiten ein, die Augenblicke der Trostlosigkeit und der Verlassenheit, die der Verbannung ähnlich sind.

Die Erwähnung der Frauen – keine von den im Stammbaum genannten Frauen gehört der Hierarchie der großen Frauengestalten des Alten Testaments an – erlaubt uns eine besondere Annäherung: Sie verkünden im Stammbaum, dass in den Adern Jesu auch heidnisches Blut fließt, und sie erinnern uns an Geschichten der Ausgrenzung und der Unterwerfung. In Gemeinschaften, in denen wir immer noch patriarchalische und chauvinistische Haltungen mit uns tragen, ist es gut zu sagen, dass das Evangelium mit der Hervorhebung von Frauen beginnt, die eine Richtung vorgegeben haben und Geschichte geschrieben haben.

Und inmitten all dessen: Jesus, Maria und Josef. Maria machte durch ihr großherziges „Ja“ möglich, dass Gott diese Geschichte auf sich lud. Josef, der Gerechte, ließ nicht zu, dass Stolz, Leidenschaft oder Übereifer ihn von diesem Licht ausschlossen. Aufgrund des Aufbaus der Erzählung wissen wir vor Josef, was mit Maria geschehen ist. Und er trifft Entscheidungen, durch die er seine menschliche Größe unter Beweis stellt, noch bevor der Engel ihm half, all das, was sich um ihn herum zutrug, begreifen zu können. Der Edelmut seines Herzens lässt ihn das, was er vom Gesetz gelernt hat, der Liebe unterordnen. Heute stellt sich Josef dieser Welt, in der die psychische, verbale und physische Gewalt gegenüber der Frau offenkundig ist, als Gestalt eines respektvollen und feinfühligen Mannes dar, der, obwohl er nicht im Besitz aller Informationen ist, sich zugunsten des guten Rufs, der Würde und des Lebens Marias entscheidet. Und in seinem Zweifel, wie er am besten handeln soll, half ihm Gott bei der Wahl mit dem Licht der Gnade für sein Urteil.

Dieses Volk Kolumbiens ist Gottes Volk; auch hier können wir Stammbäume mit ihren Geschichten erstellen; viele sind voll von Liebe und Licht; andere von Auseinandersetzungen, Beleidigungen und auch Tod … Wie viele von euch können von Erfahrungen der Verbannung und der Trostlosigkeit erzählen! Wie viele Frauen sind in Stille allein weitergegangen und wie viele gute Menschen haben versucht, Missgunst und Groll beiseite zu lassen, indem sie Gerechtigkeit mit Güte verbanden. Wie können wir das Licht eintreten lassen? Welches sind die Wege zur Versöhnung? Wie Maria „Ja“ zur ganzen Geschichte sagen und nicht nur zu einem Teil; wie Josef, Leidenschaften und Stolz beiseitelegen; wie Jesus Christus diese Geschichte auf uns laden, annehmen, umarmen, weil wir uns, alle Kolumbianer darin befinden, weil hier das ist, was wir sind … und das, was Gott für uns tun kann, wenn wir „Ja“ zur Wahrheit, zur Güte, zur Versöhnung sagen. Dies ist nur dann möglich, wenn wir unsere Geschichten der Sünde, der Gewalt, der Konflikte mit dem Licht des Evangeliums erfüllen.

Versöhnung ist nicht ein abstraktes Wort; wenn dem so wäre, würde sie nur Sterilität, ja Distanz bringen. Sich versöhnen heißt, allen und jedem Menschen, welche das Drama des Konflikts erlebt haben, eine Tür zu öffnen. Wenn die Opfer die verständliche Versuchung zur Rache überwinden, werden sie zu den glaubwürdigsten Vertretern der Prozesse zum Aufbau des Friedens. Es ist nötig, dass einige den Mut fassen, den ersten Schritt in diese Richtung zu tun, ohne darauf zu warten, dass die anderen es tun. Es genügt eine gute Person, damit es Hoffnung gibt! Und ein jeder von uns kann diese Person sein! Dies bedeutet nicht, Unterschiede und Konflikte zu verkennen oder zu verschleiern. Es bedeutet nicht, persönliche oder strukturelle Ungerechtigkeiten zu legitimieren. Der Rückgriff auf die Versöhnung darf nicht dazu dienen, sich Situationen der Ungerechtigkeit zu fügen. Vielmehr ist sie, wie der heilige Johannes Paul II. lehrte, »eine Übereinkunft zwischen Brüdern, die bereit sind, die Versuchungen des Egoismus zu überwinden und das Streben nach Pseudogerechtigkeit aufzugeben; sie ist die Frucht entschlossener, edler und großzügiger Empfindungen, die dazu anleiten, eine Übereinkunft zu erzielen, die sich auf die Anerkennung jedes einzelnen Menschen sowie auf die Werte der zivilen Gesellschaft gründet« (Brief an die Bischöfe von El Salvador, 6. August 1982). Die Versöhnung konkretisiert und verfestigt sich demnach durch den Beitrag aller, sie ermöglicht, die Zukunft aufzubauen und Hoffnung wachsen zu lassen. Jede Friedensbemühung ohne eine ehrliche Verpflichtung zur Versöhnung wird scheitern.

Der Text des Evangeliums, den wir gehört haben, findet seinen Höhepunkt, wenn Jesus Immanuel – „Gott mit uns“ – genannt wird. So wie Matthäus sein Evangelium beginnt, beschließt er es: »Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (28,20). Dieses Versprechen verwirklicht sich auch in Kolumbien: der Bischof von Arauca Jesús Emilio Jaramillo Monsalve und der Märtyrerpriester von Armero Pedro María Ramírez Ramos sind Zeichen dafür, Ausdruck eines Volkes, das dem Morast der Gewalt und des Grolls entkommen will.

In dieser wunderbaren Umgebung liegt es an uns, „Ja“ zur Versöhnung zu sagen; und das „Ja“ möge auch unsere Natur einschließen. Es ist kein Zufall, dass wir unsere Besitzgier und unser Herrschaftsstreben auch an ihr ausgelassen haben. Ein Landsmann von euch besingt es schön: »Die Bäume weinen, sie sind Zeugen so vieler Jahre an Gewalt. Das Meer ist braun, es vermischt Blut mit Erde« (Juanes, Minas piedras). Die Gewalt des von der Sünde verwundeten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken (vgl. Enzyklika Laudato si’, 2). Es liegt an uns, wie Maria „Ja“ zu sagen und mit ihr die »Großtaten des Herrn« zu besingen, weil er, wie er unseren Vätern verheißen hat, allen Völkern und jedem Volk hilft; er hilft Kolumbien, das sich heute versöhnen will, und seiner Nachkommenschaft auf ewig.

[01231-DE.01] [Originalsprache: Spanisch]

SS. Francesco
08-09-2017 Messa Villavicencio-Viaggio Colombia
@Servizio Fotografico – L’Osservatore Romano

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Quelle

Papstansprache an Lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM

Papst Franziskus bei der Ansprache – RV

Ansprache von Papst Franziskus
bei der Begegnung mit dem Leitungskomitee
des Lateinamerikanischen Bischofsrats (CELAM) (rv)

Liebe Mitbrüder,

danke für diese Begegnung und für die herzlichen Willkommensworte des Präsidenten der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz. Hätte es nicht die Erfordernisse des Reiseplans gegeben, so wäre ich gerne am Sitz des CELAM mit euch zusammengetroffen. Ich danke euch für die Liebenswürdigkeit, heute hier anwesend zu sein.

Ich spreche euch meinen Dank aus für das Bemühen, diese kontinentale Bischofskonferenz in ein Zuhause im Dienst der Verbundenheit und der Sendung der Kirche in Lateinamerika zu verwandeln; in ein Antriebszentrum für das Bewusstsein als Jünger und in der Mission; in eine lebendige Referenz für das Verständnis und die Vertiefung der lateinamerikanischen Katholizität, die durch dieses Organ der Verbundenheit über Jahrzehnte des Dienstes Stufe um Stufe umrissen wurde. Und ich nütze die Gelegenheit, um die jüngsten Bemühungen zu ermutigen, die zum Ziel haben, diese kollegiale Fürsorge durch den Solidaritätsfonds der Lateinamerikanischen Kirche zum Ausdruck zu bringen.

Von Aparecida lernen

Vier Jahre ist es her, dass ich in Rio de Janeiro die Gelegenheit hatte, zu euch über das pastorale Erbe von Aparecida zu sprechen, dem bisher letzten synodalen Ereignis der Lateinamerikanischen und Karibischen Kirche. Damals unterstrich ich die fortwährende Notwendigkeit, von seiner Vorgehensweise zu lernen, die wesentlich in der Beteiligung der lokalen Kirchen besteht und in Übereinstimmung mit den Pilgern ist, die unterwegs sind auf der Suche nach dem demütigen Angesicht Gottes, das sich in der aus dem Wasser gefischten Jungfrau Maria, Unserer Lieben Frau von Aparecida, zeigen wollte; diese Vorgehensweise verlängert sich hinein in die Kontinentalmission, die nicht die Summe von programmatischen Initiativen sein will, welche die Terminkalender füllen und zudem wertvolle Energien vergeuden, sondern die Bemühung, die Sendung Jesu ins Herz der Kirche selbst zu legen, so dass diese Sendung zum Kriterium gewandelt wird, um die Effizienz der Strukturen, die Ergebnisse ihrer Arbeit, die Fruchtbarkeit ihrer Diener und die Freude zu messen, die hervorzurufen sie fähig sind. Denn ohne Freude zieht man niemanden an.

In meiner Ansprache hielt ich mich damals bei den – immer noch gegenwärtigen – Versuchungen der Ideologisierung der Botschaft des Evangeliums auf, des kirchlichen Funktionalismus und des Klerikalismus, weil die Erlösung, die Christus uns bringt, immer auf dem Spiel steht. Diese Erlösung muss mit Kraft ans Herz des Menschen gelangen, um seine Freiheit herauszufordern, indem sie ihn zu einem fortwährenden Exodus aus seiner eigenen Selbstbezogenheit hin zur Verbundenheit mit Gott und den Mitbrüdern einlädt.

Mit der unverwechselbaren Stimme des Vaters zum Sohn

Wo Gott in Jesus zum Menschen spricht, tut er das weder mit einem unbestimmten Zuruf wie an einen Fremden, noch mit einer unpersönlichen Einberufung, wie das ein Notar tun würde, noch mit einer Erklärung von zu erfüllenden Vorschriften, wie das jeder beliebige Sakralfunktionär tut. Gott spricht zum Menschen mit der unverwechselbaren Stimme des Vaters zum Sohn, und er respektiert sein Geheimnis, weil er ihn mit seinen eigenen Händen geformt und ihn zur Fülle bestimmt hat. Die größte Herausforderung für uns als Kirche ist es, zum Menschen als Sprachrohr dieser Intimität Gottes zu sprechen, die ihn als Sohn betrachtet – selbst wenn er sich von dieser Vaterschaft Gottes lossagt –, weil wir für Ihn immer wiedergefundene Söhne sind.

Man kann deshalb das Evangelium nicht auf ein Programm im Dienst eines modernen Gnostizismus reduzieren, auf ein Programm des sozialen Aufstiegs oder auf eine Konzeption der Kirche als einer Bürokratie, die sich selbst bereichert, wie man die Kirche auch nicht auf eine nach modernen Unternehmenskriterien durch eine klerikale Kaste geleitete Organisation reduzieren kann.

Gemeinschaft der Jünger

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Jünger Jesu; die Kirche ist Geheimnis (vgl. Lumen Gentium, 5) und Volk (vgl. ebd., 9), oder noch besser: In ihr verwirklicht sich das Geheimnis mitten durch das Volk Gottes hindurch.

Deshalb bestand ich auf der missionarischen Jüngerschaft als einem göttlichen Aufruf für dieses dichte und vielschichtige Heute, einem fortwährenden Aufbrechen mit Jesus, um kennenzulernen, wie und wo der Meister wohnt. Und während wir in seiner Gefährtenschaft aufbrechen, lernen wir den Willen des Vaters kennen, der uns immer erwartet. Nur eine Kirche, die – als Braut, Mutter, Magd – auf den Anspruch verzichtet hat, all das zu kontrollieren, was nicht ihr Werk, sondern das Werk Gottes ist, kann auch dann bei Jesus bleiben, wenn sein Nest und sein Obdach das Kreuz ist.

Nähe und Begegnung sind die Werkzeuge Gottes, der in Christus nahegekommen und uns immer begegnet ist. Das Geheimnis der Kirche ist es, als Sakrament dieser göttlichen Nähe und als beständiger Ort dieser Begegnung Gestalt anzunehmen. Daher kommt die Notwendigkeit der Nähe des Bischofs zu Gott, denn in Ihm findet sich die Quelle der Freiheit und der Kraft des Herzens des Hirten, wie auch die Quelle der Nähe zum Heiligen Volk, das ihm anvertraut worden ist. In dieser Nähe lernt die Seele des Apostels, die Leidenschaft Gottes für seine Söhne greifbar zu machen.

Ein Schatz, der immer noch nicht vollständig freigelegt ist

Aparecida ist ein Schatz, der immer noch nicht vollständig freigelegt ist. Ich bin sicher, dass jeder Einzelne von euch wahrnimmt, wie sehr sich der Reichtum von Aparecida in den Kirchen, die ihr im Herzen tragt, eingewurzelt hat. Wie die ersten durch Jesus in missionarischer Absicht ausgesandten Jünger können auch wir mit Begeisterung erzählen, was wir alles getan haben (vgl. Mk 6,30).

Es ist allerdings notwendig, achtsam zu sein. Die unverzichtbaren Wirklichkeiten des menschlichen Lebens und der Kirche sind niemals ein Denkmal, sondern ein lebendiges Erbe. Es ist viel bequemer, sie in Erinnerungen umzuwandeln, deren Jahrestage man feiert: 50 Jahre Medellín, 20 Jahre Kirche in Amerika, 10 Jahre Aparecida! Es geht stattdessen um etwas anderes: Den Reichtum eines solchen Patrimoniums (pater – munus) zu bewahren und fließen zu lassen, das macht das munus [lat. Aufgabe, Pflicht, Amt, Dienst] unserer bischöflichen Vaterschaft gegenüber der Kirche unseres Kontinents aus.

Ihr alle wisst, dass das erneuerte Bewusstsein davon, dass am Anfang von allem immer die Begegnung mit dem lebendigen Christus steht, es seinen Jüngern abverlangt, dass sie die familiäre Vertrautheit mit ihm pflegen; andernfalls trübt sich das Antlitz des Herrn, die Mission verliert ihre Kraft, die Umkehr in der Pastoral geht zurück. Zu beten und die Vertrautheit mit Christus zu pflegen ist deshalb die unaufschiebbarste Aktivität unserer pastoralen Sendung.

Alleinsein mit dem Herrn

Zu seinen Jüngern, die begeistert waren von der erfüllten Sendung, sagte Jesus: „Kommt ihr allein mit an einen einsamen Ort“ (Mk 6,31). Wir brauchen dieses Alleinsein mit dem Herrn noch mehr, um das Herz der Sendung der Kirche in Lateinamerika in ihrer gegenwärtigen Situation wiederzufinden. Es gibt so viel an innerer und ebenso an äußerer Zerstreuung! Die Vielzahl an Ereignissen, die Fragmentierung der Wirklichkeit, die Augenblicklichkeit und die Geschwindigkeit des Jetzt könnten uns in die Zerstreuung und in die Leere fallen lassen. Die Einheit wiederzufinden, ist ein Gebot.

Wo ist diese Einheit? Immer in Jesus. Was die Mission beständig macht, ist nicht die Begeisterung, die das großmütige Herz des Missionars entflammt, wenngleich sie immer notwendig ist; vielmehr ist es die Gefährtenschaft Jesu mittels seines Geistes. Wenn wir nicht mit Ihm in die Mission aufbrechen, verlieren wir bald den Weg, da wir uns der Gefahr aussetzen, unsere leeren Notwendigkeiten mit seiner Sache zu verwechseln. Wenn nicht Er der Grund unseres Aufbrechens ist, wird es leicht sein, den Mut zu verlieren mitten in der Mühsal des Weges, oder gegenüber dem Widerstand der Adressaten der Mission, oder angesichts der wechselnden Szenarien der Umstände, welche die Geschichte kennzeichnen, oder wegen der Ermüdung der Füße infolge des schleichenden Verschleißes, verursacht durch den Feind.

In einer Situation wie dieser…

Es gehört nicht zur Mission, sich dann der Mutlosigkeit zu überlassen, wenn vielleicht – da die Begeisterung der Anfänge vergangen ist – die Zeit kommt, in der es sehr schwer wird, das Fleisch Christi zu berühren. In einer Situation wie dieser schürt Jesus unsere Ängste nicht. Und da wir wissen, dass wir zu niemand anderem gehen können, weil allein Er Worte ewigen Lebens hat (vgl. Joh 6,68), ist es folglich notwendig, unsere Wahl zu vertiefen.

Was bedeutet es konkret, mit Jesus heute in Lateinamerika in die Mission aufzubrechen? Das Adverb „konkret“ ist nicht ein Detail des literarischen Stils, vielmehr gehört es zum Kern der Frage. Das Evangelium ist immer konkret, niemals eine Übung steriler Spekulationen. Wir kennen wohl die wiederkehrende Versuchung, sich in der Neigung der Gesetzeslehrer zu endlosen Haarspaltereien zu verlieren; sich zu fragen, bis zu welchem Punkt man gehen kann, ohne die Kontrolle über das eigene abgesteckte Territorium oder über die vermeintliche Macht zu verlieren, die diese Abgrenzungen versprechen.

Es ist viel über die Kirche in fortwährendem Zustand der Mission gesprochen worden. Mit Jesus aufzubrechen, ist die Bedingung für eine solche Wirklichkeit. Das Evangelium spricht von Jesus, der – nachdem er vom Vater aufgebrochen ist – mit den Seinen die Felder und Ortschaften Galiläas durchwandert. Es handelt sich nicht um eine nutzlose Wanderung. Während er unterwegs ist, trifft er Menschen; wenn er einen trifft, nähert er sich ihm; wenn er sich ihm nähert, spricht er ihn an; wenn er ihn anspricht, berührt er ihn mit seiner Vollmacht; wenn er ihn berührt, heilt und rettet er ihn. All jene, denen er begegnet, zum Vater zu führen, ist das Ziel seines fortwährenden Aufbrechens, über das wir beständig nachdenken müssen. Die Kirche muss sich die Worte wieder aneignen, die das Wort Gottes in seiner göttlichen Sendung konjugiert. Aufbrechen, um zu begegnen, ohne vorüberzugehen; sich zurücklehnen ohne Nachlässigkeit; berühren ohne Furcht. Es geht darum, dass ihr euch Tag für Tag auf die Arbeit am Feld einlasst, dort, wo das Volk Gottes lebt, das euch anvertraut wurde. Es ist uns nicht erlaubt, uns durch die klimatisierte Luft der Büros, durch die Statistiken und die abstrakten Strategien lähmen zu lassen. Es ist notwendig, sich an den Menschen in seiner konkreten Situation zu wenden; von ihm dürfen wir den Blick nicht abwenden. Die Mission verwirklicht sich in einem Leib an Leib.

Eine Kirche, die fähig ist, Sakrament der Einheit zu sein

Es ist so viel an Zerstreuung in unserem Lebensumfeld zu sehen! Und ich beziehe mich nicht alleine auf die der reichen Vielfalt, die den Kontinent immer charakterisiert hat, sondern auf die Dynamiken der Auflösung. Man muss achtsam sein, um sich nicht in diesen Fallen fangen zu lassen. Die Kirche ist nicht in Lateinamerika, als ob sie die Koffer in der Hand hätte, bereit abzureisen, nachdem sie es ausgeplündert hätte, wie es so viele im Laufe der Zeit getan haben. Die so handeln, schauen mit einem Gefühl der Überlegenheit und der Verachtung auf sein Mestizengesicht; sie trachten danach, seine Seele zu kolonisieren mit denselben gescheiterten und wiederaufbereiteten Formeln einer Vision des Menschen und des Lebens; sie wiederholen gleichbleibende Rezepte und töten so den Patienten, während sie die Ärzte reich machen, die sie schicken; sie wissen nichts von den tiefen Beweggründen, die im Herzen ihres Volkes wohnen und die es stark machen gerade in seinen Träumen, in seinen Mythen, trotz der zahlreichen Ernüchterungen und Misserfolge; sie manipulieren in der Politik und verraten seine Hoffnungen, indem sie hinter sich verbrannte Erde zurücklassen, und ein Terrain, das bereit ist für die ewige Wiederkehr des Gleichen, auch wenn es sich wieder in neuem Gewand präsentiert. Starke Männer und Utopien haben Zauberformeln verheißen, sofortige Antworten, unmittelbare Ergebnisse. Die Kirche muss – ohne menschliche Ansprüche zu stellen und im Respekt gegenüber dem vielgestaltigen Angesicht des Kontinents, das sie nicht als Nachteil, sondern als immerwährenden Reichtum betrachtet – weiterhin demütigen Dienst zum wahren Wohl des lateinamerikanischen Menschen leisten. Sie muss arbeiten, ohne zu ermüden, um Brücken zu bauen, Mauern niederzureißen, die Verschiedenartigkeit zu integrieren, die Kultur der Begegnung und des Dialogs zu fördern, zur Vergebung und zur Versöhnung zu erziehen, zum Sinn für Gerechtigkeit, zur Zurückweisung der Gewalt und zum Mut zum Frieden. Keine dauerhafte Konstruktion in Lateinamerika kann von diesem unsichtbaren, aber wesentlichen Fundament absehen.

Die wesentliche Einheit

Die Kirche kennt, wie wenige sonst, jene weisheitliche Einheit, die jeglicher Realität in Lateinamerika vorausgeht. Sie lebt alltäglich zusammen mit jenem Moralvorrat, auf dem das existentielle Gebäude des Kontinents ruht. Ich bin sicher, dass ihr – während ich davon spreche – diese Wirklichkeit benennen könntet. Mit ihr müssen wir beständig im Dialog sein. Wir dürfen den Kontakt mit diesem Moralsubstrat nicht verlieren, mit diesem vitalen Humus, der dem Herzen unserer Menschen innewohnt, in dem man die fast unterschiedslose, aber zugleich vielsagende Mischung seines Mestizengesichts wahrnimmt: weder ausschließlich indigen, noch spanisch, noch portugiesisch, noch afroamerikanisch, sondern mestizisch, lateinamerikanisch!

Guadalupe und Aparecida sind programmatische Manifestationen dieser göttlichen Kreativität. Wir wissen, dass dies die Basis ist, auf die sich die Volksfrömmigkeit unseres Volkes stützt; es ist Teil seiner anthropologischen Einzigartigkeit; es ist eine Gabe, mit der Gott sich unseren Menschen zu erkennen geben wollte. Die glänzendsten Seiten der Geschichte unserer Kirche wurden genau dann geschrieben, wenn man es verstand, aus diesem Reichtum zu leben, zu diesem verborgenen Herzen zu sprechen, das pochend – wie ein kleines Licht, das aufflammt unter der augenscheinlichen Asche – den Sinn für Gott und für seine Transzendenz bewahrt, die Heiligkeit des Lebens, die Achtung der Schöpfung, die Bande der Solidarität, die Lebensfreude, die Fähigkeit, bedingungslos glücklich zu sein.

Das tiefgründige Lateinamerika

Um zu dieser tiefgründigen Seele zu sprechen, um zum tiefgründigen Lateinamerika zu sprechen, muss die Kirche beständig von Jesus lernen. Das Evangelium sagt, dass er nur in Gleichnissen sprach (vgl. Mk 4,34). Bilder, die einbeziehen und teilnehmen lassen, die die Hörer Seines Wortes in Personen seiner göttlichen Erzählungen verwandeln. Das Gott treue Heilige Volk in Lateinamerika versteht keine andere Weise, über Ihn zu sprechen. Wir sind eingeladen, in die Mission nicht mit kalten Konzepten aufzubrechen, die sich mit dem Möglichen zufriedengeben, sondern mit Bildern, die ihre Kräfte im Herzen des Menschen beständig vervielfachen und entfalten und es so verwandeln in Korn, eingesät in gute Erde, in Sauerteig, der seine Fähigkeit steigert, aus dem Teig Brot zu machen, in Saatkorn, das die Kraft des fruchtbaren Baums in sich birgt.

Eine Kirche, die fähig ist, Sakrament der Hoffnung zu sein

Viele jammern über einen gewissen Mangel an Hoffnung im heutigen Lateinamerika. Uns ist die „Jammermentalität“ nicht erlaubt, denn die Hoffnung, die wir haben, kommt von oben. Außerdem wissen wir, dass das lateinamerikanische Herz durch die Hoffnung unterwiesen worden ist. Wie ein brasilianischer Liedermacher sagte: „Die Hoffnung ist eine Seiltänzerin; sie tanzt auf dem Seil mit einem Regenschirm“ (João Bosco, O Bêbado e a Equilibrista). Wenn man meint, dass sie zu Ende ist: Siehe, hier ist sie neuerlich, wo man sie am wenigsten erwartete. Unser Volk hat gelernt, dass keine Enttäuschung groß genug ist, um es zu beugen. Es folgt dem gegeißelten und sanftmütigen Christus; es versteht es, das Pferd abzusatteln, bis es Tag wird; und es verharrt in der Hoffnung auf seinen Sieg, weil es sich – im Grunde – dessen bewusst ist, dass es nicht völlig dieser Welt angehört.

Es besteht kein Zweifel, dass die Kirche in diesen Landen in besonderer Weise ein Sakrament der Hoffnung ist, doch ist es notwendig, über die Konkretisierung dieser Hoffnung zu wachen. Je transzendenter sie ist, desto mehr muss sie das immanente Gesicht jener verwandeln, die sie besitzen. Ich bitte euch, dass ihr über die Konkretisierung der Hoffnung wacht und mir gestattet, euch einige ihrer in dieser lateinamerikanischen Kirche bereits sichtbaren Gesichter in Erinnerung zu bringen.

Die Hoffnung in Lateinamerika hat ein junges Gesicht

Oftmals wird von den Jugendlichen gesprochen – man trägt Statistiken über den Kontinent der Zukunft vor –, manche bieten Nachrichten an über ihre angebliche Dekadenz und darüber, wie verschlafen sie angeblich sind; andere nützen ihr Potential als Konsumenten; nicht wenige tragen ihnen die Rolle als Handlanger des Drogenhandels und der Gewalt an. Lasst euch nicht gefangen nehmen von diesen Karikaturen über Eure Jugendlichen. Blickt in ihre Augen und sucht in ihnen den Mut der Hoffnung. Es ist nicht wahr, dass sie bereit sind, die Vergangenheit zu wiederholen. Öffnet ihnen konkrete Räume in den Teilkirchen, die euch anvertraut worden sind, investiert Zeit und Ressourcen in ihre Ausbildung. Bietet ihnen wirksame und zielgerichtete Erziehungsprogramme an, indem ihr von ihnen – wie die Eltern von ihren Kindern – die Ergebnisse ihrer Leistungsfähigkeit verlangt und indem ihr ihr Herz in der Freude der Tiefgründigkeit, nicht der Oberflächlichkeit erzieht. Gebt euch nicht mit rhetorischen Phrasen oder in den Pastoralplänen niedergeschriebenen Handlungsoptionen zufrieden, die niemals in die Praxis umgesetzt werden.

Ich habe gerade Panama, die Landenge dieses Kontinents, für den Weltjugendtag 2019 ausgewählt. Bei dieser Veranstaltung werden wir dem Vorbild der Jungfrau Maria folgen, die ausruft: „Siehe, ich bin die Magd“, und: „es erfülle sich in mir“ (Lk 1,38). Ich bin sicher, dass sich in allen Jugendlichen eine Landenge verbirgt, dass es in den Herzen all unserer jungen Leute ein kleines und langgezogenes Stück Land gibt, das man durchwandern kann, um ihnen auf eine Zukunft hin voranzugehen, die Gott allein kennt und die Ihm gehört. Uns obliegt es, ihnen große Vorschläge zu präsentieren, um in ihnen den Mut zu wecken, ihr Leben gemeinsam mit Gott zu wagen und sich, wie die Jungfrau Maria, verfügbar zu machen.

Die Hoffnung in Lateinamerika hat ein weibliches Gesicht

Es ist nicht notwendig, dass ich mich ausführlich verbreite, um über die Rolle der Frau auf unserem Kontinent und in unserer Kirche zu sprechen. Von ihren Lippen haben wir den Glauben gelernt; fast mit der Muttermilch ihrer Brüste haben wir uns die Charakterzüge unserer mestizischen Seele und die Immunität gegenüber jeglicher Hoffnungslosigkeit angeeignet. Ich denke an die indigenen oder dunkelhäutigen Mütter, ich denke an die Mütter in der Stadt mit ihrer dreifachen Arbeitsbelastung, ich denke an die Großmütter, die Katechistinnen sind, ich denke an die gottgeweihten Frauen und an die so diskreten Kunsthandwerkerinnen des Guten. Ohne die Frauen würde die Kirche des Kontinents die Kraft verlieren, fortwährend zu neuem Leben zu erstehen. Es sind die Frauen, die mit sorgfältiger Geduld das Feuer des Glaubens entfachen und es wiederanfachen. Es ist eine ernste Pflicht, die kirchliche und soziale Kraft dessen, was sie verwirklichen, zu erfassen, zu respektieren, aufzuwerten und zu fördern. Sie begleiteten Jesus während seiner Mission; sie zogen sich nicht zurück vom Fuß des Kreuzes; in Verlassenheit warteten sie darauf, dass die Nacht des Todes den Herrn des Lebens zurückgebe; sie fluteten die Welt mit der Gegenwart des Auferstandenen. Wenn wir eine neue und lebendige Phase des Glaubens auf diesem Kontinent erleben wollen, werden wir sie nicht erreichen ohne die Frauen. Ich bitte euch, die Frauen dürfen nicht auf Dienstmägde unseres widerspenstigen Klerikalismus reduziert werden; im Gegenteil, sie sind Protagonisten der lateinamerikanischen Kirche: in ihrem Aufbrechen mit Jesus; in ihrem Durchhalten selbst im Leiden ihres Volkes; in ihrem Sich-Festhalten an der Hoffnung, die den Tod besiegt; in ihrer freudigen Weise, der Welt zu verkünden, dass Christus lebt und auferstanden ist.

Die Hoffnung in Lateinamerika kommt durch das Herz, den Geist und die Hände der Laien

Ich möchte wiederholen, was ich vor kurzem der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika gesagt habe. Es ist ein Gebot, den Klerikalismus zu überwinden, der die Christgläubigen Laien infantilisiert und die Identität der geweihten Amtsträger verarmen lässt.

Auch wenn viel an Anstrengung eingesetzt wurde und bereits einige Schritte gemacht wurden, so liegen doch die großen Herausforderungen des Kontinents offen auf dem Tisch und warten immer noch auf die klare, verantwortliche, kompetente, visionäre, artikulierte und bewusste Konkretisierung eines Standes christlicher Laien, die als Gläubige bereit sind, mitzuwirken: an den Prozessen einer authentischen menschlichen Entwicklung; an der Konsolidierung der politischen und sozialen Demokratie; an der strukturellen Überwindung der endemischen Armut; am Aufbau eines nichtausschließenden Wohlstandes, gegründet auf dauerhaften Reformen, die geeignet sind, das soziale Wohl zu bewahren; an der Überwindung der Ungleichheit und an der Bewahrung der Stabilität; am Entwurf von nachhaltigen Modellen der wirtschaftlichen Entwicklung, die Rücksicht nehmen auf die Natur und auf die wahre Zukunft des Menschen, die mit dem maßlosen Konsumismus nicht gelöst wird; sowie auch an der Zurückweisung der Gewalt und in der Verteidigung des Friedens.

Und noch etwas: In diesem Sinne muss die Hoffnung immer mit den Augen der Armen und von der Situation der Armen her auf die Welt blicken. Die Hoffnung ist arm wie das Weizenkorn, das stirbt (vgl. Joh 12,24), aber sie hat die Kraft, die Pläne Gottes auszusäen.

Der selbstgenügsame Reichtum beraubt den menschlichen Geist oft der Fähigkeit, zu sehen – sei es die Realität der Wüste, seien es die dort verborgenen Oasen. Er bietet Gebrauchsanweisungs-Antworten an und wiederholt „Talkshow“-Überzeugungen; er stammelt die leere Projektion seiner selbst, ohne sich auch nur im geringsten der Realität anzunähern. Ich bin sicher, dass in diesem schwierigen, aber vorübergehenden Moment, den wir erleben, die Lösungen für die vielschichtigen Probleme, die uns herausfordern, aus der christlichen Einfachheit hervorgehen, die sich vor den Reichen verbirgt und sich den Demütigen zeigt: die Reinheit des Glaubens an den Auferstandenen, die Wärme der Gemeinschaft mit Ihm, die Brüderlichkeit, die Großzügigkeit und die konkrete Solidarität, die ebenfalls aus der Freundschaft mit Ihm erwächst.

Und all das möchte ich in einem Satz zusammenfassen, den ich euch als Synthese und Andenken an diese Begegnung dalasse: Wenn wir unserem Lateinamerika vom CELAM aus dienen wollen, müssen wir es mit Leidenschaft tun. Heute braucht es Leidenschaft. Das Herz in alles legen, was wir tun; Leidenschaft eines verliebten jungen und eines weisen alten Menschen; Leidenschaft, die die Ideen in durchführbare Träume verwandelt; Leidenschaft in der Arbeit unserer Hände; Leidenschaft, die uns wandelt in beständige Pilger in unseren Teilkirchen, wie es – erlaubt mir, an ihn zu erinnern – der heilige Toribio de Mogrovejo war, der sich nicht in seinem Bischofssitz einrichtete: Von den 24 Jahren seiner Amtszeit als Bischof verbrachte er 18 mitten unter den Völkern seiner Diözese. Bitte, Brüder, ich bitte euch um Leidenschaft, Leidenschaft, das Evangelium zu verkünden.

Euch, bischöfliche Mitbrüder des CELAM, die Ortskirchen, die ihr repräsentiert, und das gesamte Volk Lateinamerikas und der Karibik vertraue ich dem Schutz der Jungfrau Maria an – angerufen unter den Namen von Guadalupe und Aparecida – in der ungetrübten Gewissheit, dass Gott, der zu diesem Kontinent durch das mestizische und dunkelhäutige Gesicht seiner Mutter gesprochen hat, nicht aufhören wird, sein gütiges Licht im Leben aller aufstrahlen zu lassen.

Amtszeit als Bischof verbrachte er 18 mitten unter den Völkern seiner Diözese. Bitte, Brüder, ich bitte euch um Leidenschaft, Leidenschaft, das Evangelium zu verkünden.

Euch, bischöfliche Mitbrüder des CELAM, die Ortskirchen, die ihr repräsentiert, und das gesamte Volk Lateinamerikas und der Karibik vertraue ich dem Schutz der Jungfrau Maria an – angerufen unter den Namen von Guadalupe und Aparecida – in der ungetrübten Gewissheit, dass Gott, der zu diesem Kontinent durch das mestizische und dunkelhäutige Gesicht seiner Mutter gesprochen hat, nicht aufhören wird, sein gütiges Licht im Leben aller aufstrahlen zu lassen.

(rv 07.09.2017 ord)

Begegnung mit den Behörden: „Die Wunden heilen und Brücken bauen“

Begegnung Mit Behörden, Kolumbien, 7. September 2017

Papstrede bei der Begegnung im Präsidentenpalast „Casa de Nariño“ — Volltext

Papst Franziskus begab sich um 9.00 Uhr (Lokalzeit; 16.00 Uhr MESZ) von der Apostolischen Nuntiatur mit dem Wagen zum Präsidentenpalast „Casa de Nariño“. Bei seiner Ankunft wurde der Papst vom Präsidenten, Juan Manuel Santos Calderón, empfangen. Nachdem die militärischen Ehren abgehalten und die Hymnen gespielt worden waren, betrat der Heilige Vater die „Plaza de Armas“.

In seiner Ansprache verwies Papst Franziskus auf die Reisen seiner Vorgänger und erklärte, wie diese, den Glauben mit dem kolumbianischen Volk teilen zu wollen. Glaube und Hoffnung seien grundlegend, um Schwierigkeiten zu überwinden. Kolumbien bezeichnete der Papst als ein in vielerlei Hinsicht gesegnetes Land. Besonders hob er die Vielfalt der Natur hervor, die es zu schützen gelte.

Mit Blick auf die Geschichte des Landes betonte der Papst, wie bedeutsam es sei, den Frieden, den Weg der Versöhung und die Würde des Menschen ins Zentrum politischen, sozialen und gesellschaftlichen Handelns zu stellen. Der Papst stellte fest, dass viel Zeit mit Hass und Rache vergangen sei.

Ausdrücklich forderte Papst Franziskus, die am Rande der Gesellschaft Lebenden, die von ihr ausgeschlossenen Menschen, die Armen, ethnische Minderheiten und die Frauen in die Gesellschaft einzubinden. „Wir alle sind nötig, um die Gesellschaft zu schaffen und zu formen.“

Wir übernehmen in der offiziellen Übersetzung die Worte von Papst Franziskus.

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Herr Präsident,
verehrte Mitglieder der Regierung der Republik und des Diplomatischen Corps,
sehr geehrte Verantwortungsträger und Vertreter des öffentlichen Lebens,
meine Damen und Herren,

herzlich grüße ich den Präsidenten Kolumbiens, Herrn Dr. Juan Manuel Santos, und danke ihm für seine liebenswürdige Einladung, dieses Land in einem besonders bedeutsamen Moment seiner Geschichte zu besuchen. Ich grüße die Mitglieder der Regierung der Republik und des Diplomatischen Corps. Und Sie, verehrte Vertreter des öffentlichen Lebens, bitte ich, dem ganzen kolumbianischen Volk meine herzlichen Grüße auszurichten, gleich in diesen ersten Augenblicken meiner Apostolischen Reise.

Mit meinem Besuch in Kolumbien folge ich den Spuren meiner Vorgänger, des seligen Paul VI. und des heiligen Johannes Paul II. Wie sie, bewegt mich das Verlangen, mit meinen kolumbianischen Brüdern und Schwestern das Geschenk des Glaubens zu teilen, der so stark in diesen Regionen verwurzelt ist, wie auch die Hoffnung, die im Herzen aller schlägt. Nur so, mit Glauben und Hoffnung, können die zahlreichen Schwierigkeiten auf dem Weg überwunden und ein Land aufgebaut werden, dass Heimat und Zuhause für alle Kolumbianer ist.

Kolumbien ist ein in vieler Hinsicht gesegnetes Land. Seine üppige Natur erlaubt nicht nur die Bewunderung seiner Schönheit, sondern lädt auch zu Umsicht und Respekt hinsichtlich seiner Biodiversität ein. Kolumbien steht an zweiter Stelle in der Welt, was die Biodiversität betrifft. Und wenn man es durchstreift, kann man kosten und sehen, wie gut der Herr ist (vgl. Ps 34,9), der euch eine so immense Vielfalt an Flora und Fauna geschenkt hat in seinen Regenwäldern und in den Trockengebieten, im Chocó, an den Cali-Klippen oder in Gebirgszügen wie denen von Macarena und an vielen anderen Orten. Gleichfalls überschwänglich ist seine Kultur; und was das Wichtigste ist, dass Kolumbien reich an der menschlichen Wärme seiner Bevölkerung ist, Männer und Frauen mit einem gastfreundlichen und gutherzigen Geist; standhafte und mutige Menschen, wenn es darum geht, Hindernisse zu überwinden.

Diese Begegnung gibt mir Gelegenheit, meine Hochachtung für die Anstrengungen zum Ausdruck zu bringen, die in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden, um der bewaffneten Gewalt ein Ende zu bereiten und Wege der Versöhnung zu finden. Im letzten Jahr ist man gewiss in besonderer Weise vorangekommen; die gemachten Schritte haben Hoffnung wachsen lassen in der Überzeugung, dass die Suche nach dem Frieden eine immer offene Sache ist, eine Aufgabe, die keine Ruhepause zulässt und den Einsatz aller erfordert. Diese Arbeit verlangt von uns, in der Anstrengung nicht nachzulassen, die Einheit der Nation aufzubauen. Sie trägt uns auf, trotz der Hindernisse, der Unterschiede und der verschiedenen Ansätze bezüglich der Art und Weise, ein friedliches Zusammenleben zu erlangen, weiter darum zu ringen, dass eine »Kultur der Begegnung« gefördert wird. Diese verlangt, dass der Mensch, seine höchste Würde und die Achtung des Gemeinwohls ins Zentrum allen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Handelns gestellt werden. Möge diese Anstrengung uns von der Versuchung fernhalten, nach Vergeltung und bloß kurzfristigen Sonderinteressen zu streben. Wir haben soeben singen gehört: „Den Weg zu gehen braucht seine Zeit“. Das ist „auf lange Sicht“. Je schwerer der Weg ist, der zum Frieden und zur Verständigung führt, umso mehr Beharrlichkeit müssen wir einsetzen, um den anderen anzuerkennen, die Wunden zu heilen, Brücken zu bauen, Beziehungen zu knüpfen und einander zu helfen (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 67).

Der Wahlspruch dieses Landes lautet: »Freiheit und Ordnung«. Diesen beiden Worte enthalten eine ganze Lehre. Die Bürgerinnen und Bürger müssen in ihrer Freiheit geachtet und durch eine stabile Ordnung geschützt werden. Es gilt nicht das Gesetz des Stärkeren, sondern die Stärke des von allen gebilligten Gesetzes, welche das friedliche Zusammenleben leitet. Man braucht gerechte Gesetze, die diese Harmonie garantieren können und die Konflikte überwinden helfen, die dieses Land jahrzehntelang zerrissen haben. Diese Gesetze erwachsen nicht aus der praktischen Erfordernis, die Gesellschaft zu ordnen, sondern aus dem Anliegen, die strukturellen Ursachen für die Armut zu beseitigen, die Ausschließung und Gewalt erzeugen. Nur so wird man von einer Krankheit genesen, die die Gesellschaft anfällig und unwürdig macht und sie immer an die Schwelle neuer Krisen führt. Vergessen wir nicht, dass die Ungleichverteilung der Einkünfte die Wurzel der sozialen Übel ist (vgl. ebd, 202).

In dieser Weise ermutige ich Sie, den Blick auf all jene zu richten, die heute von der Gesellschaft ausgeschlossen und an den Rand gedrängt werden, jene, die für die Mehrheit nicht zählen und zurückgesetzt sowie in die Ecke gedrängt werden. Wir alle sind nötig, um die Gesellschaft zu schaffen und zu formen. Das macht man nicht nur mit einigen, die „reines Blut“ haben, sondern mit allen. Und hierin wurzelt die Größe und die Schönheit eines Landes, dass in ihm alle in Betracht kommen und alle wichtig sind. – Wie diese Kinder hier, die mit ihrer Spontaneität diese Zeremonie sehr viel menschlicher gemacht haben. Wir alle sind wichtig. – In der Verschiedenheit liegt der Reichtum. Ich denke an die erste Reise von Petrus Claver von Cartagena nach Bogotá mit der Durchquerung des Río Magdalena: Sein Staunen ist das unsere. Damals wie heute haftet unser Blick auf den verschiedenen Ethnien und Bewohnern der entferntesten Gebiete, den Campesinos. Wir schauen auf die Schwächsten, auf diejenigen, die ausgebeutet und geschunden werden, jene, die keine Stimme haben, weil man sie ihnen geraubt oder nicht gegeben bzw. nicht zuerkannt hat. Wir richten den Blick auch auf die Frau, ihren Beitrag, ihr Talent, ihr Muttersein mit den zahlreichen Aufgaben. Kolumbien braucht die Teilnahme aller, um sich mit Hoffnung der Zukunft zu öffnen.

In Treue zu ihrer Sendung engagiert sich die Kirche für den Frieden, die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl. Sie ist sich bewusst, dass die Prinzipien des Evangeliums eine bedeutsame Dimension des sozialen Gefüges Kolumbiens darstellen und daher viel zum Wachstum des Landes beitragen können. Insbesondere der heilige Respekt vor dem menschlichen Leben, vor allem dem schwächsten und wehrlosen, ist ein Eckstein für den Aufbau einer gewaltfreien Gesellschaft. Überdies müssen wir die gesellschaftliche Bedeutung der Familie hervorheben, wie sie von Gott als Frucht der Liebe der Ehegatten ersonnen ist, der »Ort, wo man lernt, in der Verschiedenheit zusammenzuleben und anderen zu gehören« (ebd., 66). Und bitte hören Sie auf die Armen und die Leidenden! Schauen Sie sie an und lassen Sie sich in jedem Moment von ihren von Schmerz zerfurchten Gesichtern und ihren flehenden Händen anfragen. An ihnen lernt man wirklich Lektionen des Lebens der Menschlichkeit und der Würde. Denn die in Ketten schmachten, verstehen ja die Worte dessen, der am Kreuze starb, wie es in Ihrer Nationalhymne heißt.

Meine Damen und Herren, Sie haben eine schöne und edle Mission vor sich, die zugleich eine schwierige Aufgabe ist. Im Herzen eines jeden Kolumbianers klingen die Worte des großen Landsmanns Gabriel García Márquez nach: »Und dennoch ist angesichts von Unterdrückung, Plünderung und Verlassenheit unsere Antwort – das Leben. Weder Sintfluten noch Seuchen, weder Hungersnöte noch Umstürze, nicht einmal die ewigen, Jahrhunderte und Aberjahrhunderte dauernden Kriege vermochten die beharrlichen Vorzüge des Lebens gegenüber dem Tod zu verringern. Ein Vorzug, der sich verstärkt und beschleunigt.« Sie ist also möglich, fährt Gabo fort: »Die neue und mitreißende Utopie eines Lebens, bei dem niemand – bis zur Art des Todes – über einen anderen entscheiden darf, eines Lebens, in dem Liebe wirklich wahr und Glück möglich ist und in dem die zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Sippen endlich und für immer eine zweite Chance auf Erden bekommen« (Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1982).

Es ist viel Zeit mit Hass und Rache vergangen … Die Einsamkeit, immer in Konfrontation zu leben, währt schon Jahrzehnte und riecht alt wie hundert Jahre. Wir wollen nicht, dass irgendeine Form der Gewalt jemals mehr ein Leben einschränke oder auslösche. Ich wollte selbst hierher kommen, um Ihnen zu sagen, dass Sie nicht allein sind und dass wir viele sind, die Sie bei diesem Schritt begleiten. Diese Reise will ein Anreiz für Sie sein, ein Beitrag, der jedem den Weg hin zur Versöhnung und zum Frieden ein wenig ebnet.

Sie sind in meine Gebete hineingenommen. Ich bete für Sie und für die Gegenwart und Zukunft Kolumbiens.

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Quelle

Papst an Kolumbiens Bischöfe: Keine „Kaste von Funktionären“

Papst Franziskus spricht zu Kolumbiens Bischöfen

Papst Franziskus hat die Bischöfe Kolumbiens dazu aufgerufen, Hirten zu sein und nicht Funktionäre, sich nicht den Machthabenden anzubiedern, auf geheime Vorhaben zu verzichten und dem Land zu helfen, „mutig den ersten Schritt auf dem Weg zum endgültigen Frieden zu tun“. In einer langen und artikulierten Rede äußerte sich der Papst vor den 130 Bischöfen Kolumbiens in Bogota; es war das erste Mal bei einer Reise von Franziskus, dass die Ansprache an den Episkopat eins zu eins öffentlich übertragen wurde.

Franziskus machte das Motto seiner Kolumbienreise, „Tun wir den ersten Schritt“, zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Der erste Schritt, das sei jener Gottes auf den Menschen zu. Diesen ersten Schritt müssten die Bischöfe „mit heiliger Furcht und Ergriffenheit“ behüten, keinesfalls dürfe der Weg hin zur Logik einer weltlichen Macht führen.

„Gott geht uns voraus; wir sind die Reben, nicht der Weinstock. Deshalb bringt nicht die Stimme dessen zum Schweigen, der uns gerufen hat. Glaubt nicht, dass die Summe eurer armseligen Tugenden oder die Schmeicheleien der jeweiligen Mächtigen den Erfolg der euch von Gott anvertrauten Aufgabe garantieren. Im Gegenteil: Bettelt im Gebet, damit ihr denen etwas schenken könnt, die sich immerfort an euer Herz als Hirte wenden.“

Um ihre Identität als „Sakrament des ersten Schrittes Gottes greifbar zu machen“, sei es Aufgabe der Bischöfe, ständig aus sich selbst „herauszugehen“. Franziskus nannte dies geradezu eine „Bedingung für die Ausübung des apostolischen Dienstes“: die „Bereitschaft, sich Jesus zu nähern und alles hinter uns zu lassen, was wir waren“.

Bischöfe sind keine „Kaste von Funktionären“

„Passt euch nicht dem Maßstab derer an, die gerne möchten, ihr wärt bloß eine Kaste von Funktionären, die sich dem Diktat der Gegenwart beugen. Heftet hingegen euren Blick auf die Ewigkeit dessen, der euch erwählt hat, und seid bereit, das endgültige Urteil aus seinem Mund zu hören.“

Franziskus würdigte die Kirche Kolumbiens als besonders vielfältig. Unterschiedliche pastorale Sensibilitäten und regionale Eigenheiten seien bereichernd. Zugleich mahnte der Papst die kolumbianischen Bischöfe zu Einheit und Transparenz. „Bemüht euch ständig um die Bewahrung der Gemeinschaft unter euch. Werdet nicht müde, sie durch den offenen und brüderlichen Dialog aufzubauen, und meidet heimliche Projekte wie die Pest.“

Kolumbien braucht seine Bischöfe

Kolumbien brauche seine Bischöfe besonders für die Arbeit am Frieden, fuhr der Papst sinngemäß fort. Die Bischöfe sollten „ohne Angst das verwundete Fleisch eurer Geschichte und eures Volkes“ berühren – „in Demut, ohne Geltungssucht und mit ungeteiltem Herzen, frei von Kompromissen und Unterwürfigkeiten“. Gott allein sei der Herr, „wir Bischöfe dürfen keinem anderen Zweck dienen“.

Und Franziskus nannte eine Reihe von Herausforderungen für Kolumbien: der Weg zum endgültigen Frieden, Versöhnung, Ablehnung der Gewalt, „Überwindung der Ungleichheiten, welche die Wurzel vielen Leidens ist“, Verzicht auf Korruption, Festigung der Demokratie, „wofür Armut und Ungleichheit überwunden werden müssen“. Zum Meistern all dieser Herausforderungen brauche Kolumbien seine Bischöfe, sagte der Papst; Bischöfe, denen das Gewissen ihrer Gläubigen ein Anliegen ist.

„Ihr seid weder Fachleute noch Politiker, ihr seid Hirten. Christus ist das Wort der Versöhnung, das in unsere Herzen eingeschrieben ist. Ihr habt die Kraft, es nicht nur von den Kanzeln, in kirchlichen Dokumenten oder in Zeitschriftenartikeln verkünden zu können, sondern noch mehr in den Herzen der Menschen, im verborgenen Heiligtum ihrer Gewissen, in der glühenden Hoffnung, dass es sie dazu führt, die Stimme des Himmels zu hören, die sagt: Friede.“

Bischöfe sollen auf konkreten Menschen schauen und nicht auf ihre Idee von Menschen

Ebenso bat der Papst die Bischöfe, „steht auf den konkreten Menschen zu blicken“ und nicht „einem Begriff vom Menschen“ zu dienen. Menschen seien gebildet aus Fleisch und Knochen, aber auch aus „Geschichte, Glaube, Hoffnung, Empfindungen, Enttäuschungen, Frustrierungen, Schmerzen, Wunden“. Franziskus rief die Bischöfe dazu auf, für die Bildung von Laien zu sorgen, die kolumbianische Familie zu stärken, die Jugendlichen wertzuschätzen und ihren Fragen großherzige Räume zu öffnen. Überdies sollten sie ihren Priestern Väter sein und darauf achten, ob diese wirklich Jesus nachfolgten oder eher auf wirtschaftliches Auskommen, Doppelleben oder Karriere aus seien. Auch die Ordensleute sollten die Bischöfe nicht vernachlässigen, die in ihrer Lebensform eine „Ohrfeige für jede Form von Weltlichkeit“ seien.

Am Ende seiner Rede ging Franziskus – eher überraschend an dieser Stelle – auf den Schatz ein, den das Amazonasgebiet und die dort beheimateten Indigenen für Kolumbien und die Kirche darstellen. Er forderte die Bischöfe dazu auf, „die Kirche in Amazonien nicht sich selbst zu überlassen“ und würdigte die „arkane Weisheit“ der Indigenen, von der es zu lernen gelte. „Ich frage mich, ob wir noch fähig sind, von ihnen die Unantastbarkeit des Lebens und die Achtung der Natur zu lernen sowie das Bewusstsein, dass die instrumentelle Vernunft nicht genügt, um das Leben des Menschen zu erfüllen und auf die tiefe Suche, die ihn anfragt, zu antworten.“

(rv 07.09.2017 gs)

Kolumbien will Frieden: „Zeitpunkt für Papstbesuch ist ideal“

Im Einsatz für den Frieden: Hochkommissiar Sergio Jaramillo (2. vl)

Wenn Papst Franziskus im September in das um Frieden ringende Kolumbien kommt, dann könnte der Zeitpunkt dafür nicht besser gewählt sein. Das sagt der Mann, der in Kolumbien auf Regierungsseite das Friedensabkommen mit den FARC-Rebellen ausverhandelt hat. Hochkommissar Sergio Jaramillo äußerte sich vor Journalisten deutschsprachiger Medien, die auf Einladung des bischöflichen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat vor der Papstreise Kolumbien besuchten. „Ich habe das Gefühl, dass es die Absicht des Vatikans und besonders des Papstes ist, in diesem einmaligen historischen Moment eine Friedensbotschaft abzusetzen, die über das Abkommen mit den FARC und die aktuelle politische Debatte hinausgeht“, sagte Jaramillo. „Mein Eindruck ist, der Papst will in diesem kritischen Moment des Lebens in Kolumbien zu einem tiefen Nachdenken über das einladen, was der Friede für alle ist.“

Abkommen nach fünf Jahrzehnten Gewalt

Das Abkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), der ältesten und größten Rebellenorganisation Lateinamerikas, war vergangenen August nach vierjährigen Verhandlungen in Havanna zustande gekommen. Es zog einen Schlussstrich unter mehr als 50 Jahre bewaffneten Konflikt mit den FARC und wird nun nach und nach umgesetzt, auch wenn die Bevölkerung bei einem Referendum im September das Friedensabkommen mit hauchdünner Mehrheit abgelehnt hatte. Die katholische Kirche in Kolumbien, die großen Rückhalt in allen Teilen der Gesellschaft genießt, setzte sich auf beiden Seiten stark für die Friedensverhandlungen ein. Als es allerdings zum Referendum über das Abkommen kam, riet die Kirche ihren Gläubigen nicht zum „Ja“, sondern zu einer „Gewissensentscheidung“. Heute wäre es hilfreich, wenn die Kirche wieder mit einem eindeutigen „Ja“ für den Friedenskurs einstünde, sagt der Regierungsmann Jaramillo.

„Einerseits scheint mir, die Kirche hat eine extrem wichtige Rolle bei der Herstellung des Friedens in den Weiten des Landes gespielt. Jetzt mit dem Friedensprozess bewährt sich diese langjährige Arbeit. Beim Verhandlungsprozess selbst war die Kirche immer sehr gut informiert und zeigte viel Interesse. Dann aber wurde sie wegen der politischen Verwirrung nach der Volksabstimmung zögerlicher, so scheint mir. Und ich glaube, dass jetzt mit dem Papstbesuch ein guter Moment ist, dass die Kirche in Kolumbien sich wieder zu Gehör bringt und uns alle zum Frieden ermutigt.“

Papstbesuch soll auch Kirche zum Weitermachen ermutigen

Was die Umsetzung des Friedensabkommens betrifft, hat die Regierung – Jaramillo zufolge – die größere Verantwortung und auch größere Verpflichtungen als die Rebellen, „weil sie es ist, die es letztlich umsetzen muss“. Die Rebellen haben Ende Juni infolge des Abkommens alle Waffen abgegeben. Ihre Anliegen, darunter ganz zentral der Zugang zu Boden und lebenswürdige Bedingungen für Kleinbauern, wollen sie nun mit politischen Mitteln durchsetzen: Aus der FARC soll eine (Links-)Partei werden, so sieht es das Abkommen vor.

Viele Ex-Rebellen sind allerdings enttäuscht vom bisherigen Gang der Umsetzung und beschuldigen die Regierung, ihren Verpflichtungen nicht nachzukommen. Jaramillo weist das zurück, zugleich räumt er ein, die Umsetzung gehe langsam vonstatten und sei von einer Reihe anderer Probleme überlagert. „Die Herausforderungen sind sehr groß, wir brauchen nicht naiv zu sein. Was in Kolumbien vorging, war ja nicht nur ein Konflikt zwischen der Regierung und den FARC. Es gibt auch die Koka-Plantagen, den illegalen Raubbau von Mineralien, eine Reihe von Interessen, die der Umsetzung des Abkommens entgegenstehen.“ Es werde lange dauern, sagt der Hochkommissar, der übrigens in Heidelberg studierte, und verweist auf das Beispiel der deutschen Wiedervereinigung.

Ungewöhnliche Gesten für den Frieden aus dem Vatikan

Papst Franziskus hatte die Friedensverhandlungen für Kolumbien aufmerksam verfolgt, freilich ohne sich von Rom aus groß einzumischen. Dennoch markierte er sein Interesse an einem Abkommen mit ungewöhnlichen Gesten. Zum einen versprach er einen Besuch im Fall des Abschlusses eines Friedensvertrags, zum anderen empfing er im Dezember 2016 in Rom den amtierenden Premier Manuel Santos zusammen mit dessen Vorgänger Álvaro Uribe. Die beiden Politiker verfolgen sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit den FARC-Rebellen, der Konservative Uribe zeigte eine Politik der harten Hand. Sein ursprünglicher politischer Ziehsohn Santos schwenkte nach seiner Wahl zum Präsidenten radikal um und leitete die letztlich erfolgreichen Verhandlungen mit den Rebellen ein. Jaramillo sagt, er denke nicht, dass die Doppelaudienz beim Papst irgendwelche Auswirkungen auf Kolumbien hatte. „Uribe hat seine Position nicht geändert. Nicht einmal der Papst konnte da etwas erreichen. Warten wir ab, wie sich das jetzt auf den kommenden Wahlprozess auswirkt.“

Die nächste Wahl in Kolumbien findet im Frühjahr 2018 statt, ihr Ausgang ist ebenso offen wie das Schicksal des Friedensprozesses: Rund die Hälfte der Kolumbianer sehen das Abkommen mit den FARC-Rebellen kritisch, einige verdienen gut am Bürgerkrieg, andere können ihnen angetanes Unrecht einfach nicht verzeihen. Der Friedens-Hochkommissar der Regierung Santos ist dennoch zuversichtlich. „Der Prozess ist weit fortgeschritten“, sagt Sergio Jaramillo. „Ich glaube nicht, dass eine Rückkehr zum Status quo möglich wäre.“

Papst Franziskus besucht Kolumbien von 6. bis 11. September. Das Motto der Pasptreise lautet „Demos el primer paso“ – zu Deutsch: „Tun wir den ersten Schritt.“

(rv 08.08.2017 gs)

Zehntausende auf der Flucht aus Maduros Venezuela

Flüchtige Venzolaner werden im kolumbianischen Cúcuta versorgt

Die verheerende Lage in Venezuela sorgt für einen immensen Flüchtlingsstrom nach Kolumbien. „Eine Diaspora ohnegleichen“ nennen das die Migrationsverantwortlichen des lateinamerikanischen Bischofsrates Celam. Genaue Zahlen hat niemand in der Hand; klar ist aber, dass die Zustände in Maduros Venezuela, das gerade in die Diktatur abgleitet, nicht dazu angetan sind, den Exodus zu stoppen.

Sie fliehen vor dem Hunger, vor den Unruhen, vor der Gewalt – das sagt Pater Francesco Bortignon über die Migranten aus Venezuela im Interview mit Radio Vatikan. Der Italiener lebt seit 21 Jahren in Kolumbien, nahe an der Grenze im Nordwesten des Landes. Dort ist er als Pfarrer von Cúcuta und Leiter des lokalen Flüchtlingszentrums Casa de Paso tätig. „Die Lage an der Grenze ist wirklich schwierig und kompliziert; heute ist die Lage so, morgen wieder anders. Vor allem seit der Wahl des Verfassungskonvents in Venezuela hat sich die Lage verschärft.“

Wobei an dieser Grenze immer schon ein ziemliches Hin und Her geherrscht hat, sagt Pater Bortignon. „Die Lage ist vor zwei Jahren eskaliert, da wurden zwischen vier und fünf Millionen Kolumbianer, die in Venezuela lebten und arbeiteten, richtiggehend deportiert. Venezuela hat auch Leute verjagt, die schon seit zehn, zwanzig, dreißig Jahren im Land lebten. Man hat ihnen die Papiere weggenommen und sie deportiert.“

Ironie des Schicksals: Jetzt, zwei Jahre nach dem Rauswurf der Kolumbianer, kommen viele Venezolaner selbst schutzsuchend nach Kolumbien. „Sie flüchten auch vor der extremen Gewalt durch bewaffnete Gruppen; das sind in der Regel Paramilitärs, die vom venezolanischen Staat unterstützt werden. In unserem Zentrum für Migranten sind im Lauf des letzten Jahres etwa 2.500 Menschen angekommen, aber für dieses Jahr, also für die letzten sechs Monate, hat niemand exakte Zahlen. Vor kurzem hat man hier in der Nähe die San-Antonio-Brücke wieder geöffnet: Da zogen dann täglich zwischen 25- und 30.000 Menschen drüber!“

Nicht alle Flüchtenden wollen in Kolumbien bleiben. „Es sieht jetzt so aus, als blieben höchstens fünf Prozent der Venezolaner hier in der Grenzregion. Die anderen wollen weiter ins Landesinnere oder in andere Länder wie Ecuador, Chile und Peru.“

Bortignon hört sich immer neue Geschichten an, die die Flüchtlinge aus Venezuela mitbringen. Geschichten von Hunger und von Unsicherheit. „Zum Beispiel dieser junge Mann, 24 oder 25 Jahre alt. Der erzählte mir, dass er zur Armee gehörte; er war in der Anti-Drogen-Abteilung, es war seine erste Erfahrung. Sein Team hatte einen großen Drogenhändler ausfindig gemacht; sie hatten ihn schon in ihre Gewalt gebracht, da kam auf einmal Befehl von oben, ihn wieder freizulassen. Ein paar Tage später habe man ihm dann angeboten, bei einer Flugreise als Aufpasser mitzufliegen. Er sagte Nein, weil er verstanden hatte, dass da Drogen transportiert wurden. In derselben Nacht rief ihn ein Freund an und sagte ihm: Hau ab, nimm die Beine in die Hand, du stehst schon auf der schwarzen Liste, die sind hinter dir her.“

Vor kurzem haben kirchliche Helfer einer Frau mit sechs Kindern zu einer Unterkunft verholfen, erzählt Pater Bortignon. „Kurz darauf musste die älteste Tochter zu einer Beerdigung eines Verwandten nach Venezuela – von da kam sie mit fünf Kindern einer anderen Schwester zurück. Und eine Woche später kam dann eine weitere Schwester, ebenfalls mit fünf Kindern.“ Familien-Nachzug auf Lateinamerikanisch.

„Wir helfen den Migranten auf zweierlei Weise. Im Migrantenzentrum bieten wir ein Dach über dem Kopf und warme Mahlzeiten; ein paar unserer Leute sorgen für psychologische und legale Hilfe. Dann gibt es eine andere Art von Hilfe, die unsere Pfarrei leistet, die schon seit dreißig Jahren ein Programm für Menschen in Schwierigkeiten hat. Wir haben zum Beispiel ein Schulprogramm, das sich um etwa 4.500 Kinder kümmert, und ein Büro, das dafür sorgt, dass jemand Zugang zu Gesundheitsleistungen und zum Schulwesen bekommt.“

(rv 07.08.2017 sk)