APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS IN DIE VEREINIGTEN ARABISCHEN EMIRATE

APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
IN DIE VEREINIGTEN ARABISCHEN EMIRATE 

(3.-5. FEBRUAR 2019)

INTERRELIGIÖSE BEGEGNUNG

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Founder’s Memorial (Abu Dhabi)
Montag, 4. Februar 2019

[Multimedia]


 

Al Salamò Alaikum! Der Friede sei mit euch!

Ich danke Seiner Hoheit Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan und dem Großimam von Al-Azhar Dr. Ahmad Al-Tayyib von Herzen für ihre Worte. Ich bin dem Ältestenrat dankbar für das Treffen, das wir gerade in der Scheich-Zayid-Moschee hatten.

Herzlich begrüße Ich auch den Herrn Abd Al-Fattah Al-Sisi, Präsident der Arabischen Republik Ägypten, Land von Al-Azhar. Herzlich begrüße ich die Vertreter des zivilen und religiösen Lebens und das Diplomatische Korps. Gestatten Sie mir auch einen aufrichtigen Dank für den freundlichen Empfang, der mir und unserer Delegation allenthalben zuteilwurde.

Ich möchte auch allen danken, die zur Ermöglichung dieser Reise beigetragen haben und die mit Engagement, Enthusiasmus und Professionalität für dieses Ereignis gearbeitet haben: den Organisatoren, den Mitgliedern des Protokolls, den Sicherheitsleuten und all denen, die auf verschiedene Weise „hinter den Kulissen“ ihren Beitrag geleistet haben. Ein besonderer Dank gilt dem ehemaligen Berater des Großimams Herrn Mohamed Abdel Salam.

Von Ihrem Heimatland aus wende ich mich an alle Länder dieser Halbinsel, an die ich in Freundschaft und Wertschätzung meinen herzlichsten Gruß richten möchte.

Mit dankbarem Herzen gegenüber dem Herrn habe ich die Gelegenheit genutzt, zum achthundertsten Jahrestag des Treffens zwischen dem heiligen Franz von Assisi und Sultan al-Malik al-Kāmil als nach Frieden dürstender Glaubender hierher zu kommen, als Bruder, der zusammen mit seinen Brüdern den Frieden sucht. Den Frieden wollen, den Frieden fördern, Werkzeuge des Friedens sein: dafür sind wir hier.

Das Logo dieser Reise zeigt eine Taube mit einem Olivenzweig. Es ist ein Bild, das an die Geschichte der Sintflut erinnert, die in verschiedenen religiösen Traditionen vorkommt. Nach dem biblischen Bericht bittet Gott Noah, mit seiner Familie in die Arche zu gehen, um die Menschheit vor der Zerstörung zu bewahren. Auch heute müssen wir im Namen Gottes, um den Frieden zu sichern, gemeinsam als eine einzige Familie in eine Arche eintreten, die die stürmischen Meere der Welt befahren kann: die Arche der Brüderlichkeit.

Ausgangspunkt ist dabei die Erkenntnis, dass Gott der Ursprung der einen Menschheitsfamilie ist. Er, der Schöpfer von allem und allen, will, dass wir als Brüder und Schwestern leben und das gemeinsame Haus der Schöpfung bewohnen, das er uns geschenkt hat. Hier, an den Wurzeln des uns gemeinsamen Menschseins, liegt die Brüderlichkeit begründet als Berufung, »die in dem Schöpfungsplan Gottes enthalten ist«[1]. Sie sagt uns, dass wir alle die gleiche Würde haben und dass niemand der Herr oder Sklave anderer sein kann.

Man kann den Schöpfer nicht ehren, ohne die Heiligkeit jedes Menschen und jedes menschlichen Lebens zu bewahren: Jeder Einzelne ist in den Augen Gottes gleichermaßen kostbar. Denn er blickt auf die Menschheitsfamilie ohne jemanden zu bevorzugen oder auszuschließen, sein gütiger Blick schließt alle ein. Deshalb bedeutet die Anerkennung der gleichen Rechte für alle Menschen, den Namen Gottes auf Erden zu verherrlichen. Im Namen Gottes des Schöpfers sind daher alle Formen der Gewalt unweigerlich zu verurteilen, denn es ist eine schwere Entweihung des Namens Gottes, ihn zur Rechtfertigung von Hass und Gewalt gegen den Bruder zu missbrauchen. Es gibt keine Gewalt, die religiös gerechtfertigt werden kann.

Ein Feind der Brüderlichkeit ist der Individualismus, der sich in dem Wunsch ausdrückt, sich selbst und die eigenen Leute über andere zu stellen. Dies ist eine Gefahr, die alle Aspekte des Lebens bedroht, auch den höchsten, dem Menschen angeborenen Vorzug, nämlich seine Offenheit auf das Transzendente hin und die Religiosität. Wahre Religiosität besteht darin, Gott von ganzem Herzen zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Religiöses Verhalten muss daher ständig von der immer wiederkehrenden Versuchung gereinigt werden, andere für Feinde und Gegner zu halten. Jedes Glaubensbekenntnis ist aufgerufen, die Kluft zwischen Freund und Feind zu überwinden, um die Perspektive des Himmels einzunehmen, welche alle Menschen ohne Bevorzugung und Diskriminierung umfasst.

Deshalb möchte ich meine Anerkennung für das Engagement dieses Landes zum Ausdruck bringen, die freie Ausübung der Religion zu tolerieren und zu garantieren sowie Extremismus und Hass zu bekämpfen. Auf diese Weise fördert man die grundlegende Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, die eine unerlässliche Voraussetzung für die Verwirklichung des Menschen darstellt, man stellt damit aber zugleich sicher, dass die Religion nicht missbraucht wird und in Gefahr steht, Gewalt und Terrorismus zuzulassen und damit sich selbst zu verleugnen.

Die Brüderlichkeit drückt sicherlich »auch die Vielfalt und den Unterschied aus, der unter den Geschwistern besteht, obwohl sie durch die Geburt verbunden sind und die gleiche Natur und die gleiche Würde besitzen«[2] Religiöse Pluralität ist ein Ausdruck davon. In diesem Zusammenhang ist die richtige Haltung weder erzwungene Einheitlichkeit noch konzilianter Synkretismus: Als Gläubige sollen wir uns für die gleiche Würde aller engagieren, im Namen des Barmherzigen, der uns geschaffen hat und in dessen Namen ein Miteinander von Gegensätzen und eine Brüderlichkeit bei aller Verschiedenheit gesucht werden muss. Ich möchte hier die Überzeugung der katholischen Kirche bekräftigen: »Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern.«[3]

Allerdings stellen sich verschiedene Fragen: Wie können wir uns gegenseitig in der einen Menschheitsfamilie beschützen? Wie können wir eine nicht-theoretische Brüderlichkeit fördern, damit sie zu echter brüderlicher Zuneigung wird? Wie kann man erreichen, dass die Einbeziehung des anderen Vorrang vor einer Ausgrenzung im Namen der eigenen Zugehörigkeit hat? Wie also können die Religionen Kanäle der Brüderlichkeit sein statt Barrieren der Trennung?

Die Menschheitsfamilie und der Mut zur Andersheit

Wenn wir an die Existenz der Menschheitsfamilie glauben, folgt daraus, dass sie als solche bewahrt werden muss. Wie in jeder Familie geschieht dies vor allem durch einen täglichen und wirklichen Dialog. Dies setzt die eigene Identität voraus, die man nicht aufgegeben muss, um dem anderen zu gefallen. Aber gleichzeitig erfordert es den Mut zur Andersheit[4], was die volle Anerkennung des anderen und seiner Freiheit miteinschließt, und das daraus folgende Bemühen, mich so einzusetzen, dass seine Grundrechte immer und überall und von allen anerkannt werden. Denn ohne Freiheit ist man nicht mehr Kind der Menschheitsfamilie, sondern Sklave. Unter den Freiheiten möchte ich die Religionsfreiheit hervorheben. Sie beschränkt sich nicht nur auf die freie Ausübung der Religion, sondern sieht im anderen wirklich einen Bruder und eine Schwester, einen Sohn und eine Tochter derselben Menschheit, denen Gott Freiheit gewährt und die daher keine menschliche Institution zwingen kann, auch nicht in seinem Namen.

Der Dialog und das Gebet

Der Mut zur Andersheit ist die Seele des Dialogs, der auf der Lauterkeit der Absichten beruht. In der Tat wird Dialog durch die Verstellung beeinträchtigt, die Distanz und Misstrauen wachsen lässt: Man kann nicht Brüderlichkeit verkünden und dann entgegengesetzt handeln. Ein moderner Schriftsteller schrieb: »Wer sich selbst belügt und der eigenen Lüge traut, kommt soweit, dass er gar keine Wahrheit mehr, weder in sich selbst noch in seiner Umgebung, erkennt, und er gelangt schließlich dazu, weder sich selbst noch andere mehr zu achten«[5].

Bei alledem ist das Gebet unerlässlich: Während es den Mut der Andersheit gegenüber Gott verkörpert, reinigt es bei aufrichtiger Absicht das Herz von seiner Selbstbezogenheit. Das Gebet, das mit dem Herzen verrichtet wird, begründet die Brüderlichkeit immer wieder von neuem. Man kann also sagen, »was die Zukunft des interreligiösen Dialogs betrifft, so ist das Erste, was wir tun müssen: beten. Und füreinander beten: Wir sind Brüder! Ohne den Herrn ist nichts möglich; mit ihm wird alles möglich! Möge unser Gebet – jeder seiner eigenen Tradition gemäß –, möge es dem Willen Gottes vollkommen treu sein, der wünscht, dass alle Menschen einander als Brüder erkennen und als solche leben und in der Eintracht der Vielfalt die große Menschheitsfamilie bilden«[6].

Es gibt keine Alternative: Entweder wir bauen die Zukunft gemeinsam oder es gibt keine Zukunft. Vor allem die Religionen können nicht auf die dringende Aufgabe verzichten, Brücken zwischen Völkern und Kulturen zu bauen. Die Zeit ist gekommen, dass die Religionen sich aktiver, mutig, kühn und aufrichtig, dafür einsetzen, der Menschheitsfamilie zu helfen, ihre Fähigkeit zur Versöhnung, ihre Vision der Hoffnung und konkrete Wege zum Frieden weiterzuentwickeln.

Bildung und Gerechtigkeit

So kommen wir wieder auf das Bild der Friedenstaube zurück. Auch der Frieden braucht für seinen Aufstieg Flügel, die ihn tragen. Die Flügel der Bildung und der Gerechtigkeit.

Das lateinische Wort für Bildung „educatio“ bedeutet so viel wie „herausziehen“, „extrahieren“ – das heißt, die wertvollen Ressourcen der Seele ans Licht zu bringen. Es ist erfreulich zu sehen, dass in diesem Land nicht nur in die Gewinnung von Erdressourcen investiert wird, sondern auch in die Ressourcen des Herzens, in die Bildung junger Menschen. Es ist ein Engagement, das, wie ich hoffe, fortgesetzt wird und auch anderswo Verbreitung findet. Auch Bildung geschieht in Beziehungen, in Gegenseitigkeit. Zu der berühmten alten Maxime „Erkenne dich selbst“ müssen wir noch hinzufügen „Erkenne deinen Bruder“: seine Geschichte, seine Kultur und seinen Glauben, denn es gibt keine wahre Selbsterkenntnis ohne den anderen. Als Menschen, und noch mehr als Brüder und Schwestern, wollen wir uns gegenseitig daran erinnern, dass nichts, was menschlich ist, uns fremd bleiben kann[7]. Für die Zukunft ist es wichtig, offene Identitäten zu bilden, die in der Lage sind, die Versuchung zu überwinden, sich auf sich selbst zurückzuziehen und zu erstarren.

In die Kultur zu investieren fördert einen Rückgang des Hasses und ein Wachstum der Zivilisation und des Wohlstands. Bildung und Gewalt verhalten sich umgekehrt proportional. Katholische Einrichtungen – die auch in diesem Land und in der Region sehr geschätzt werden – fördern eine solche Erziehung zum Frieden und zum gegenseitiges Kennenlernen, um Gewalt zu verhindern.

Junge Menschen, die oft von negativen Botschaften und Fake News umgeben sind, müssen lernen, den Verführungen von Materialismus, Hass und Vorurteilen nicht nachzugeben; sie müssen lernen, auf Ungerechtigkeit und auch auf die schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit zu reagieren sowie die Rechte anderer mit der gleichen Kraft zu verteidigen wie ihre eigenen. Sie werden uns eines Tages beurteilen: gut, wenn wir ihnen solide Grundlagen gegeben haben, um neuen kulturellen Austausch zu schaffen; schlecht, wenn wir ihnen nur Trugbilder und die desolate Aussicht auf unheilvolle Auseinandersetzungen einer Unkultur hinterlassen haben.

Gerechtigkeit ist der zweite Flügel des Friedens, der oft nicht durch einzelne Ereignisse beeinträchtigt wird, sondern langsam vom Krebs der Ungerechtigkeit zerfressen wird. Man kann daher nicht an Gott glauben ohne zu versuchen, gerecht mit allen nach der goldenen Regel zusammenzuleben: »Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten« (Mt 7,12).

Frieden und Gerechtigkeit sind nicht voneinander zu trennen! Der Prophet Jesaja sagt: »Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein« (32,17). Der Frieden stirbt, wenn er sich von der Gerechtigkeit löst, aber die Gerechtigkeit erweist sich als falsch, wenn sie nicht universell ist. Eine Gerechtigkeit, die nur für Familienmitglieder, Landsleute und Gläubige desselben Glaubens gilt, ist eine hinkende Gerechtigkeit, sie ist verschleierte Ungerechtigkeit!

Die Religionen haben auch die Aufgabe, daran zu erinnern, dass die Profitgier das Herz träge macht und dass die Gesetze des gegenwärtigen Marktes, die alles und zwar sofort fordern, nicht förderlich sind für die Begegnung, den Dialog, die Familie – wesentliche Dimensionen des Lebens, die Zeit und Geduld brauchen. Mögen die Religionen den Geringsten eine Stimme verleihen – denn sie sind keine Statistik, sondern Brüder und Schwestern – und mögen sie an der Seite der Armen stehen; sie seien Wächter der Brüderlichkeit in der Nacht des Konflikts, sie seien wachsame Mahner, damit die Menschheit ihre Augen nicht vor den Ungerechtigkeiten verschließt und sich nie mit den allzu vielen Dramen der Welt abfindet.

Die Wüste, die blüht

Nachdem ich von der Brüderlichkeit als einer Arche des Friedens gesprochen habe, möchte ich mich nun von einem zweiten Bild inspirieren lassen, dem der Wüste, die uns umgibt.

Wo wir uns hier befinden, hat man die Wüste innerhalb weniger Jahre mit Weitsicht und Weisheit in einen blühenden und gastfreundlichen Ort verwandelt; die Wüste ist von einem undurchdringlichen und unzugänglichen Hindernis zu einem Ort der Begegnung zwischen Kulturen und Religionen geworden. Hier ist die Wüste aufgeblüht, nicht nur für ein paar Tage im Jahr, sondern auf viele Jahre hin. Dieses Land, wo Sand und Wolkenkratzer aufeinander treffen, ist weiterhin ein wichtiger Knotenpunkt zwischen West und Ost, Nord und Süd des Planeten, ein Ort der Entwicklung, wo einst unwirtliche Lebensräume nun den Menschen ganz unterschiedlicher Nationen Arbeitsplätze bescheren.

Doch auch die Entwicklung hat ihre Gegner. Und wie der Individualismus der Feind der Brüderlichkeit war, möchte ich die Gleichgültigkeit als Hindernis für die Entwicklung hervorheben, die blühende Landschaften letztlich in Wüsten verwandelt. Tatsächlich bringt eine rein utilitaristische Entwicklung keinen echten und dauerhaften Fortschritt. Nur eine ganzheitliche und kohärente Entwicklung kann eine menschenwürdige Zukunft ermöglichen. Die Gleichgültigkeit hindert uns daran, die menschliche Gemeinschaft über ihr Gewinnpotential und den Bruder über seine geleistete Arbeit hinaus zu sehen. In der Tat blickt Gleichgültigkeit nicht in die Zukunft; sie achtet nicht auf die Zukunft der Schöpfung, sie kümmert sich nicht um die Würde des Fremden und die Zukunft der Kinder.

In diesem Zusammenhang freue ich mich, dass im vergangenen November hier in Abu Dhabi das erste Forum der Interreligiösen Allianz für sicherere Gemeinschaften über die Würde der Kinder im digitalen Zeitalter stattgefunden hat. Bei dieser Veranstaltung wurde die Botschaft eines Internationalen Kongresses zu dem gleichen Thema wiederaufgenommen, der ein Jahr zuvor in Rom stattgefunden hatte und zu dem ich all meine Unterstützung und Ermutigung gegeben hatte. Deshalb danke ich allen maßgeblichen Verantwortlichen, die sich in diesem Bereich engagieren, und ich verspreche die Unterstützung, die Solidarität und Teilnahme meinerseits sowie der katholischen Kirche in dieser sehr wichtigen Sache des Jugendschutzes in all seinen Formen.

Hier in der Wüste hat sich ein fruchtbarer Weg der Entwicklung aufgetan, der ausgehend von den hier entstandenen Arbeitsplätzen, vielen Menschen verschiedener Völker, Kulturen und Glaubensüberzeugungen Hoffnung gibt. Unter ihnen haben auch viele Christen, die seit Jahrhunderten in der Region präsent sind, hier gute Möglichkeiten gesehen und einen wesentlichen Beitrag zum Wachstum und Wohlstand des Landes geleistet. Über ihre beruflichen Fähigkeiten hinaus bringen sie ihren aufrichtigen Glauben mit ein. Der Respekt und die Toleranz, der sie begegnen, sowie die notwendigen Gottesdienstorte, an denen sie beten, erlauben ihnen jene geistliche Reife, die dann der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Ich ermutige dazu, diesen Weg fortzusetzen, damit diejenigen, die hier leben oder auch nur für kurze Zeit hier sind, nicht nur das Bild der großen, in der Wüste errichteten Bauwerke bewahren können, sondern auch das Bild einer Nation, die alle einbezieht und annimmt.

Mit diesem Geist hoffe ich nicht nur hier, sondern in der ganzen geliebten und sensiblen Region des Nahen Ostens auf konkrete Begegnungsmöglichkeiten: Gesellschaften, in denen Menschen unterschiedlicher Religionen das gleiche Heimatrecht genießen und in denen nur der Gewalt in all ihren Formen dieses Recht abgesprochen wird.

Ein brüderliches Zusammenleben, das auf Bildung und Gerechtigkeit beruht; eine menschliche Entwicklung, die auf einer bereitwilligen Inklusion und auf gleichen Rechten aller beruht: Das sind Samen des Friedens, die aufkeimen zu lassen, die Religionen aufgerufen sind. Wie vielleicht nie zuvor haben sie in dieser heiklen geschichtlichen Situation eine Aufgabe, die nicht mehr aufgeschoben werden kann: einen aktiven Beitrag zur Entmilitarisierung des menschlichen Herzens zu leisten. Das Wettrüsten, die Ausweitung der eigenen Einflussbereiche und eine aggressive Politik zum Nachteil anderer werden nie Stabilität bringen. Krieg schafft nichts als Elend, Waffen nichts als Tod!

Die Brüderlichkeit aller Menschen verlangt von uns als Vertreter der Religionen die Verpflichtung, jegliche Form der Billigung des Wortes Krieg zurückzuweisen. Überlassen wir es seiner erbärmlichen Grobheit. Wir haben seine katastrophalen Folgen vor unseren Augen. Ich denke dabei insbesondere an Jemen, Syrien, Irak und Libyen. Lasst uns gemeinsam, liebe Brüder und Schwestern in der einen von Gott gewollten Menschheitsfamilie, gegen die Logik bewaffneter Macht eintreten, gegen die Monetarisierung von Beziehungen, die Aufrüstung der Grenzen, die Errichtung von Mauern, die Knebelung der Armen; all dem setzen wir die sanfte Kraft des Gebets und ein tägliches Bemühen im Dialog entgegen. Unser heutiges Zusammensein sei eine Botschaft des Vertrauens, eine Ermutigung für alle Menschen guten Willens, damit sie sich nicht mit der Flut an Gewalt und der Austrocknung des Altruismus abfinden. Gott ist bei jedem Menschen, der den Frieden sucht. Und vom Himmel aus segnet er jeden Schritt, der hier auf Erden auf diesem Weg gegangen wird.


[1] Benedikt XVI., Ansprache an die neuen Botschafter beim Heiligen Stuhl, 16. Dezember 2010.

[2] Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages, 1. Januar 2015, 2.

[3] Erklärung Nostra aetate über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, 5.

[4] Vgl.: Ansprache an die Teilnehmer an der Internationalen Friedenskonferenz, Al-Azhar Conference CentreKairo, 28. April 2017.

[5] F.M. Dostojewski, Die Brüder Karamasov, II, 2.

[6] Interreligiöse Generalaudienz, 28. Oktober 2015.

[7] Vgl. Terenz, Heautontimorumenos I, 1, 25.

Ägypten: „Franziskus’ Reden in Kairo waren Meilensteine“

Papst Franziskus in Ägypten

Die Ägyptenreise von Papst Franziskus wird noch lange nachwirken, davon ist Joachim Schroedel überzeugt. Der Pfarrer der deutschsprachigen Markusgemeinde in Kairo lobte im Gespräch mit Radio Vatikan an diesem Sonntag vor allem die Reden des Papstes.

„Die Texte, die uns der Heilige Vater hinterlassen hat, müssen noch intensiv studiert werden. Er hat uns mit seinen Ansprachen an den Staatspräsidenten, an den Scheich der al-Azhar und natürlich an seinen „Kollegen“ Tawadros II. große, große Geschenke gemacht. Das waren Meilensteine, die nicht genug analysiert und gelobt werden können!“

Natürlich habe Franziskus auch wieder sprechende Gesten vollzogen, etwa seine Umarmung mit dem Großimam Ahmed al-Tayyeb. Von der Substanz her sei diese Brüderlichkeit, von der schon das Schreiben „Ecclesia in Medio Oriente“ Benedikts XVI. von 2012 spreche, allerdings „nichts Neues“. „Aber was er dem Großscheich und auch dem Präsidenten ins Stammbuch geschrieben hat, ist sehr lesenswert und sehr, sehr wichtig.“

„Dialog ohne Hintergedanken – das zielt sehr genau“

Franziskus habe vor allem erklärt, wie er sich Dialog vorstelle – und dass dazu auch „die Aufrichtigkeit der Absichten“ gehöre. „Und wenn er dann natürlich sagt: Wir sind Weggefährten, wir müssen aufrichtig sein und ohne Hintergedanken einen Dialog führen, dann zielt das sehr genau auf das, was derzeit gerade von al-Azhar, die ja nicht gerade die progressivste Theologie vertritt, wahrgenommen werden muss.“

Deutliche Worte hat der Papst auch am Samstag bei seiner Messfeier gefunden: Da rief er die Gläubigen dazu auf, sich nicht einzuigeln und auf die anderen zuzugehen. „Hier in Ägypten ist es natürlich von besonderer Brisanz, dass man nicht denkt: Wir sind die Besseren – wir Katholiken, meinetwegen, wir 250.000 mit Rom Unierten, wir sind doch noch mal etwas Besseres als die Orthodoxen, weil wir zu Rom gehören… Das hört  man halt manchmal.“

„Papst trat viel bescheidener auf als Präsidenten oder Religionsführer“

Da klage Franziskus zu Recht Bescheidenheit, Demut und Offenheit für andere ein, findet Pfarrer Schroedel. Vor allem habe der Papst aber in Ägypten durch sein eigenes bescheidenes Auftreten überzeugt. „Die Demut, wie er sich mit einem Golfwagen hat durch die Gegend fahren lassen – das sind gewaltige Zeichen für die Ägypter. Sie sehen gerade in diesem Papst einen dem Volk nahen und zugewandten Menschen – ganz anders, als ihre Präsidenten und manchmal auch ihre Religionsführer sich gebärden.“

Ob die Sicherheitsvorkehrungen während der Reise übertrieben waren, weiß Schroedel nicht zu beurteilen. „Der Heilige Vater hat sich sicherlich gewundert, wie stark er geschützt worden ist. Wahrscheinlich hat er sich gedacht: Das alles wegen mir?“ Der Pfarrer hat schon viele Staatsbesuche in Kairo am Rande mitbekommen, nach seinem Eindruck waren die Sicherheitsmaßnahmen nie so massiv wie diesmal. „Kairo war eine Festung, und wir kamen alle kaum durch, weil eben alle Straßen gesperrt waren… Stellen Sie sich vor: Auf dem Weg vom Flughafen Richtung Stadtmitte waren alle Autos, die dort geparkt worden, binnen weniger Stunden abgeschleppt worden! Das ist für Kairo kaum vorstellbar.“

„Kairo war eine Festung“

Besucher von Papst-Events hätten alle ihre Handys abgeben müssen, berichtet Schroedel, weil sich per Handy nun mal Bomben zünden ließen. Darum gebe es leider kaum private Handyfotos vom Papst. „Aber okay: Wir haben’s überstanden, und der Papst auch! Und wir sind so dankbar, dass der Papst so viele Begegnungspunkte hatte. In 27 Stunden so ein Mammutprogramm durchzuziehen, das hat er mit Bravour gemacht.“

Die Medien haben, so erzählt Pfarrer Schroedel, intensiv über die Visite aus Rom berichtet, vor allem das Fernsehen. „Sehr, sehr viele haben die Übertragungen gesehen, die wirklich immens waren. Es wurde praktisch alles übertragen, was der Papst gemacht hat – in den englischsprachigen, aber natürlich auch in den arabischsprachigen Programmen.“ Die Menschen seien beeindruckt gewesen von der Freundlichkeit des Papstes – etwa, dass er immer wieder „al-salamu alaikum“ gesagt habe… was eigentlich „ein Gruß der Moslems“ sei. „Deswegen mussten wir gestern etwas lachen, als er bei uns Priestern und Ordensleuten war – da hat er auch „al-salamu alaikum“, und alle haben brav geantwortet. Aber das ist normalerweise nicht der Gruß zwischen Christen. Nun gut, wir haben uns gefreut, dass er zeigt: Ich bin bei euch.“

„Papst hat Sisi an die Schlagworte der Revolution von 2011 erinnert“

Dass der Papst sich vor den Karren von Präsident al-Sisi habe spannen lassen, findet Schroedel überhaupt nicht – „im Gegenteil!“ „Er hat zum Beispiel gleich am Anfang die drei Schlagworte der Revolution vom 25. Januar 2011 erwähnt, nämlich Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Das war wahrscheinlich genau die Äußerung, die Sisi nicht hören wollte. Später hat der Papst dann an unveräußerliche Menschenrechte, Gleichheit aller Bürger, Religions- und Meinungsfreiheit, die Rolle der Frau erinnert. Also, das waren richtig klare, gute Forderungen.“

Auch diese Papstansprache an Ägyptens Regierung und Gesellschaft sollte man sich doch noch einmal in Ruhe durchlesen, findet Schroedel. „Da steckt viel, viel positiver Brennstoff drin.“ Und er urteilt, Franziskus habe offensichtlich einen „guten Redenschreiber“, das habe sich in Kairo gezeigt.

(rv 30.04.2017 sk)

Papstansprache vor Priestern und Ordensleuten

Papst Franziskus beim Gebetratreffen mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen

Ansprache von Papst Franziskus
beim Gebet mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen.
(rv)

Seligkeiten,
liebe Brüder und Schwestern,
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]

„Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen uns über ihn freuen. Christus hat den Tod für immer besiegt, wir wollen uns über ihn freuen!“ (vgl.Ps 118,24).

Ich freue mich, bei euch an diesem Ort zu sein, an dem die Priester ausgebildet werden und der das Herz der katholischen Kirche in Ägypten bildet. Ich freue mich, in euch, den Priestern, Ordensmännern und Ordensfrauen der kleinen katholischen Herde in Ägypten, den „Sauerteig“ zu grüßen, den Gott für dieses gesegnete Land bereitet, damit in ihm – in Gemeinschaft mit unseren orthodoxen Brüdern – sein Reich wachse (vgl. Mt 13,13).

Ich möchte euch vor allem für euer Zeugnis und für all das Gute danken, das ihr jeden Tag mit eurer Tätigkeit inmitten vieler Herausforderungen und oft unter geringem Trost vollbringt. Ich möchte euch auch ermutigen! Habt keine Angst vor der Last des Alltags, vor der Last der schwierigen Umstände, die einige von euch ertragen müssen. Wir verehren das heilige Kreuz, Werkzeug und Zeichen unserer Erlösung. Wer vor dem Kreuz wegläuft, läuft vor der Auferstehung weg.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32).

So geht es darum, zu glauben, die Wahrheit zu bezeugen, auszusäen und zu pflegen, ohne auf die Ernte zu spekulieren. Wir sammeln nämlich die Früchte einer Reihe von anderen Gottgeweihten und Laien, die großmütig im Weinberg des Herrn gearbeitet haben: Eure Geschichte ist voll davon!

Und inmitten vieler Gründe zur Entmutigung, inmitten vieler Propheten der Zerstörung und der Verdammung, inmitten vieler negativer und verzweifelter Stimmen sollt ihr eine positive Kraft, sollt ihr Licht und Salz dieser Gesellschaft sein; seid ihr die Lokomotive, die einen Zug vorwärts zieht, geradeaus, dem Ziel entgegen; seid ihr Aussäer der Hoffnung, Brückenbauer und Arbeiter des Dialogs und der Eintracht.

Dies ist möglich, wenn die Gottgeweihten den Versuchungen, denen sie tagtäglich auf ihrem Weg begegnen, nicht nachgeben. Ich will einige unter den bedeutsamsten hervorheben.

1. Die Versuchung, sich mitreißen zu lassen und nicht zu führen. Der Gute Hirt hat die Pflicht, die Herde zu leiten (vgl. Joh 10,3-4), sie auf die saftige Weide und zu den Wasserquellen zu führen (vgl. Ps 23). Er darf sich nicht von der Enttäuschung und vom Pessimismus mitreißen lassen: „Was kann ich schon tun?“ Er ist immer voller Entschlossenheit und Tatkraft, wie eine Quelle, die sprudelt, selbst wenn sie ausgetrocknet ist; er besitzt immer die Herzlichkeit zu trösten, selbst wenn sein Herz niedergeschlagen ist; er ist ein Vater, wenn ihn seine Kinder dankbar behandeln, aber vor allem auch, wenn sie ihm keine Anerkennung erweisen (vgl. Lk 15,11-32). Unsere Treue dem Herrn gegenüber darf nie von menschlicher Dankbarkeit abhängen. „Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ (Mt 6,4.6.18).

2. Die Versuchung, sich immerfort zu beklagen. Es ist leicht, stets die anderen anzuklagen – wegen der Versäumnisse der Vorgesetzten, wegen der kirchlichen und gesellschaftlichen Zustände, wegen des Mangels an Möglichkeiten… Die Gottgeweihten aber sind jene, die mit der Salbung des Heiligen Geistes jedes Hindernis in eine Gelegenheit verwandeln und nicht jede Schwierigkeit in eine Entschuldigung! Wer sich ständig beklagt, ist in Wirklichkeit einer, der nicht arbeiten will. Daher wandte sich der Herr an die Hirten mit den Worten: „Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark“ (Hebr 12,12; vgl. Jes 35,3).

3. Die Versuchung der Geschwätzigkeit und des Neids. Die Gefahr ist ernst, wenn sich die Gottgeweihten vom Neid beherrschen lassen und zu solchen werden, die die anderen mit Geschwätz verletzen, anstatt den Kleinen behilflich zu sein zu wachsen und sich über die Erfolge der Brüder und Schwestern zu freuen. Wenn sie anfangen, jene zu niederzumachen, die gerade wachsen, anstatt sich selbst um das Wachstum zu bemühen; anstatt den guten Beispielen zu folgen, verurteilen sie diese und bringen ihnen Geringschätzung entgegen. Der Neid ist ein Krebsgeschwür, der in kurzer Zeit jeden Körper zerstört: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben“ (Mk 3,24-25). In der Tat, „Durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“ (Weish 2,24). Und das Geschwätz ist dabei das Mittel und die Waffe.

4. Die Versuchung, sich mit den anderen zu vergleichen. Der Reichtum besteht in der Verschiedenheit und der Einzigartigkeit eines jeden von uns. Das Vergleichen mit jenen, denen es besser geht, führt uns oft dazu, in Groll zu verfallen; das Vergleichen mit jenen, denen es schlechter geht, führt uns oft dazu, in Hochmut und Faulheit zu verfallen. Wer dazu neigt, sich immer mit den anderen zu vergleichen, lähmt sich am Ende selbst. Lernen wir vom heiligen Petrus und vom heiligen Paulus, die Verschiedenheit der Charaktere, der Charismen und der Meinungen im Hinhören und in der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist zu leben.

5. Die Versuchung des „Pharaonismus“, das heißt das Herz zu verhärten und sich gegenüber dem Herrn sowie den Brüdern und Schwestern zu verschließen. Es ist die Versuchung zu denken, über den anderen zu stehen und sie sich so aus Geltungsbedürfnis unterzuordnen; die Überheblichkeit zu besitzen, sich bedienen zu lassen, statt zu dienen. Von Anfang an ist das eine allgemeine Versuchung unter den Jüngern, die – so sagt es das Evangelium – „auf dem Weg miteinander darüber gesprochen hatten, wer der Größte sei“ (Mk 9,34). Das Gegenmittel für dieses Gift ist: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35).

6. Die Versuchung des Individualismus. Wie ein bekanntes ägyptisches Sprichwort sagt: „Ich, und nach mir die Sintflut“. Es ist die Versuchung der Egoisten, die auf dem Weg ihr Ziel verlieren und anstelle der anderen an sich selbst denken und dabei keinerlei Scham empfinden, ja vielmehr sich selbst rechtfertigen. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, der Leib Christi, in dem die Rettung eines Gliedes mit der Heiligkeit aller verknüpft ist (vgl. 1 Kor 12,12-27; Lumen gentium, 7). Der Individualist hingegen gibt Grund zum Ärgernis und zum Konflikt.

7. Die Versuchung, ohne Kompass und ohne Ziel zu laufen. Die Gottgeweihten verlieren ihre Identität und beginnen „weder Fisch, noch Fleisch“ zu sein. Sie leben mit einem zwischen Gott und der Weltlichkeit geteiltem Herzen. Sie vergessen ihre erste Liebe (vgl. Offb 2,4). Ohne eine klare und feste Identität zu haben, laufen diese Gottgeweihten in Wirklichkeit ohne Orientierung und zerstreuen die anderen, anstatt sie zu führen. Eure Identität als Söhne und Töchter der Kirche ist jene, Kopten zu sein – das heißt, in euren ehrwürdigen und alten Wurzeln verankert zu sein – und Katholiken zu sein – das heißt, Teil der einen und universalen Kirche zu sein: wie ein Baum – je tiefer er in der Erde verwurzelt ist, desto höher ragt er in den Himmel!

 

Liebe Gottgeweihte, diesen Versuchungen zu widerstehen, ist nicht einfach, aber es ist möglich, wenn wir in Jesus eingepfropft sind: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Je mehr wir in Christus verwurzelt sind, desto lebendiger und fruchtbarer sind wir! Nur so können die Gottgeweihten das Wunder, die Leidenschaft der ersten Begegnung bewahren, die Attraktivität und die Dankbarkeit in ihrem Leben mit Gott und in ihrer Mission. Von der Qualität unseres geistlichen Lebens hängt jene unserer Weihe ab.

Ägypten hat die Kirche mit dem unvergleichlichen Schatz des monastischen Lebens bereichert. Ich ermahne euch deshalb, euch ein Beispiel am heiligen Eremiten Paulus zu nehmen, am heiligen Antonius, an den heiligen Wüstenvätern, den zahlreichen Mönchen, die mit ihrem Leben und ihrem Beispiel die Tore des Himmels für viele Brüder und Schwestern geöffnet haben; und so könnt auch ihr Licht und Salz sein, das heißt Ursache des Heiles für euch selbst und für alle anderen, gläubig und nichtgläubig, insbesondere für die Geringsten, die Notleidenden, die Verlassenen und die Ausgegrenzten.

Die Heilige Familie beschütze und segne euch alle, euer Land und alle seine Bewohner. Aus der Tiefe meines Herzens wünsche ich einem jeden von euch alles Gute und durch euch grüße ich alle Gläubigen, die Gott eurer Sorge anvertraut hat. Der Herr gewähre euch die Früchte seines Heiligen Geistes: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22-23).

Ihr werdet in meinem Herzen und in meinem Gebet immer gegenwärtig sein. Nur Mut und weiter mit dem Heiligen Geist! „Dies ist der Tag den der Herr gemacht hat, wir wollen uns an ihm freuen“ (Ps 118,24) Und vergesst bitte nicht, für mich zu beten!

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Quelle

„Der wahre Gott ruft zur bedingungslosen Liebe“

Ägypten-Reise, Höflichkeitsbesuch Beim Staatspräsidenten, 28. April 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Rede von Papst Franziskus
an die Autoritäten Ägyptens
sowie an die Vertreter des Diplomatischen Corps,
28. April 2017 — Volltext

Wir übernehmen in der offiziellen Übersetzung die heutige Rede von Papst Franziskus an die Autoritäten Ägyptens sowie an die Vertreter des Diplomatischen Corps.

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Herr Präsident,
Herr Großiman von Al-Azhar,
ehrenwerte Mitglieder der Regierung und des Parlaments,
verehrte Botschafter und Mitglieder des Diplomatischen Korps,
meine Damen und Herren,

Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]

Ihnen, Herr Präsident, danke ich für Ihre herzlichen Willkommensworte wie auch für die freundliche Einladung, Ihr geliebtes Land zu besuchen. Mir ist Ihr Besuch in Rom im November 2014 in lebendiger Erinnerung, ebenso die brüderliche Begegnung mit Seiner Heiligkeit Papst Tawadros II. im Jahr 2013 und mit dem Großimam der Al-Azhar-Universität Dr. Ahmad Al-Tayyib vergangenes Jahr.

Ich freue mich, in Ägypten zu sein, einem Land von sehr alter und erhabener Kultur, deren Spuren wir noch heute bewundern können, die in ihrer überwältigenden Größe die Jahrhunderte herauszufordern scheinen. Dieses Land bedeutet viel für die Geschichte der Menschheit und für die Tradition der Kirche, nicht nur aufgrund seiner glanzvollen geschichtlichen Vergangenheit – der Pharaonen, der Kopten und Muslime –, sondern auch weil viele Patriarchen in Ägypten lebten oder hier durchgezogen sind. In der Tat wird es an zahlreichen Stellen in der Heiligen Schrift erwähnt. In diesem Land tat Gott sich kund, »wo [er] dem Mose seinen Namen offenbarte«[1], und auf dem Berg Sinai vertraute er seinem Volk und der Menschheit die göttlichen Gebote an. Auf ägyptischem Boden fand die Heilige Familie – Jesus, Maria und Josef – Zuflucht und Gastfreundschaft.

Die großzügig erwiesene Gastfreundschaft vor mehr als zweitausend Jahren bleibt im gemeinsamen Gedächtnis der Menschheit und ist Quell weiter anhaltenden reichen Segens. Ägypten ist also ein Land, das wir in gewisser Weise alle als unseres ansehen! Und wie ihr sagt: „Misr um al dugna“ / „Ägypten ist die Mutter der Welt“. Auch heute finden hier Millionen von Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern wie Sudan, Eritrea, Syrien und Irak Aufnahme, und mit lobenswertem Einsatz versucht man, sie in die ägyptische Gesellschaft zu integrieren.

Aufgrund seiner Geschichte und seiner besonderen geographischen Lage nimmt Ägypten eine unersetzbare Rolle im Nahen Osten und im Gesamt der Länder ein, die nach Lösungen für brennende und komplexe Probleme suchen. Diese müssen jetzt angegangen werden, um ein noch schlimmeres Abdriften in die Gewalt zu vermeiden. Ich beziehe mich auf jene blinde und unmenschliche Gewalt, die von verschiedenen Faktoren verursacht wird: von der dumpfen Begierde nach Macht, vom Waffenhandel, von schwerwiegenden sozialen Problemen und vom religiösen Extremismus, der den heiligen Namen Gottes gebraucht, um unerhörte Blutbäder und unglaubliches Unrecht zu verüben.

Diese Bestimmung und diese Aufgabe Ägyptens stellen auch den Grund dar, der das Volk dazu gebracht hat, ein Ägypten zu fordern, in dem es niemandem an Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit fehlt. Gewiss wird diese Zielsetzung Realität, wenn alle gemeinsam gewillt sind, die Worte in Taten, die gerechtfertigten Bestrebungen in konkreten Einsatz, das geschriebene Recht in angewandte Gesetze umzuwandeln, und so die angeborene Genialität dieses Volkes zur Geltung bringen.

Ägypten hat demnach eine einzigartige Aufgabe: auch den Frieden in der Region zu stärken und zu festigen, selbst wenn es auf eigenem Boden durch blinde Gewalt verwundet wird. Solche Formen der Gewalt lassen ungerechterweise viele Familien leiden und um ihre Söhne und Töchter trauern; einige von ihnen sind hier anwesend.

Meine Gedanken wenden sich besonders allen zu, die in den letzten Jahren ihr Leben gegeben haben, um ihr Heimatland zu schützen: die jungen Menschen, die Mitglieder der Streitkräfte und der Polizei, die koptischen Bürger und alle Unbekannten, die aufgrund verschiedener terroristischer Taten gefallen sind. Ich denke auch an die Ermordungen und Drohungen, die eine Flucht der Christen aus dem nördlichen Sinai verursacht haben. Ich bringe den zivilen und religiösen Verantwortungsträgern sowie allen, die diesen schwer geprüften Menschen Aufnahme und Unterstützung gewährt haben, meine dankbare Anerkennung zum Ausdruck. Ich denke ebenso an diejenigen, die von den Anschlägen auf die koptischen Kirchen im vergangenen Dezember wie auch unlängst in Tanta und Alexandrien getroffen wurden. Ihren Familienangehörigen und ganz Ägypten gilt mein aufrichtiges Beileid, und ich bitte den Herrn, dass er den Verletzten baldige Genesung schenke.

Herr Präsident, verehrte Damen und Herren,

ich kann nur die mutigen Bemühungen zur Verwirklichung von zahlreichen nationalen Projekten bestärken wie auch die vielen Initiativen zugunsten des Friedens innerhalb und außerhalb des Landes, die unternommen wurden im Hinblick auf die erhoffte Entwicklung in Wohlstand und Frieden, nach der sich das Volk sehnt und die es verdient.

Entwicklung, Wohlstand und Frieden sind unverzichtbare Güter, für die sich jedes Opfer lohnt. Es sind auch Ziele, die ernsthafte Tätigkeit, überzeugten Einsatz, eine angemessene Arbeitsweise und vor allem bedingungslosen Respekt vor den unveräußerlichen Menschenrechten wie die Gleichheit aller Bürger sowie die Religions- und Meinungsfreiheit ohne jeden Unterschied verlangen.[2] Diese Zielsetzungen erfordern eine besondere Aufmerksamkeit für die Rolle der Frau, der jungen Menschen, der Ärmsten und der Kranken. In Wirklichkeit misst sich die wahre Entwicklung am Einsatz für den Menschen, dem Herzstück einer jeden Entwicklung, für seine Bildung, Gesundheit und Würde; denn die Größe jeder Nation offenbart sich in der Sorge, die sie tatsächlich den Schwächsten der Gesellschaft angedeihen lässt: Frauen, Kinder, alte Menschen, Kranke, Behinderte, Minderheiten. Keine Person und keine gesellschaftliche Gruppe soll ausgeschlossen oder ins Abseits gestellt werden.

Angesichts einer heiklen und komplexen globalen Situation, die an das denken lässt, was ich einen „stückweisen Weltkrieg“ genannt habe, ist es notwendig zu bekräftigen: Man kann keine Kultur aufbauen, ohne jede Ideologie des Bösen und der Gewalt zurückzuweisen wie auch jegliche extremistische Interpretation, die sich anmaßt, den anderen auszuschalten und die Verschiedenheiten zunichte zu machen, indem sie den heiligen Namen Gottes missbraucht und beleidigt. Sie, Herr Präsident, haben darüber mehrfach und bei verschiedenen Anlässen deutlich gesprochen. Dies verdient, gehört und beherzigt zu werden.

Wir alle haben die Pflicht, die jungen Generationen zu lehren, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, es nicht nötig hat, von uns Menschen beschützt zu werden; vielmehr ist er es, der die Menschen beschützt; er will niemals den Tod seiner Kinder, sondern ihr Leben und ihr Glück. Er kann die Gewalt weder verlangen noch rechtfertigen, vielmehr verabscheut er sie und verwirft sie[3]. Der wahre Gott ruft zur bedingungslosen Liebe, zur unentgeltlichen Vergebung, zur Barmherzigkeit, zur absoluten Achtung vor jedem Leben, zur Brüderlichkeit unter seinen Kindern, Gläubigen wie Nichtgläubigen.

Wir haben die Pflicht, gemeinsam zu bekräftigen, dass die Geschichte denen nicht verzeiht, die die Gerechtigkeit verkünden und die Ungerechtigkeit praktizieren; sie vergibt nicht denen, die von der Gleichheit sprechen und die, die verschieden sind, verwerfen. Wir haben die Pflicht, die Verkäufer falscher Hoffnungen in Bezug auf das Jenseits zu entlarven, die den Hass predigen, um den Einfachen ihr gegenwärtiges Leben und ihr Recht, in Würde zu leben, zu stehlen, indem sie diese gleichsam verheizen und sie ihrer Fähigkeit zur Wahlfreiheit und zu einem verantworteten Glauben berauben. – Herr Präsident, Sie haben mir vor einigen Minuten gesagt, dass Gott der Gott der Freiheit ist. Und das ist wahr! – Wir haben die Pflicht, die mörderischen Ideen und die extremistischen Ideologien zu demontieren, indem wir die Unvereinbarkeit zwischen wahrem Glauben und Gewalt, zwischen Gott und den Todestaten bekräftigen.

Die Geschichte ehrt hingegen die Erbauer des Friedens, die mutig und gewaltlos für eine bessere Welt kämpfen: »Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden« (Mt 5,9).

Ägypten, das zur Zeit Josefs die anderen Völker von der Hungersnot errettete (vgl. Gen 41,57), ist demnach gerufen, auch heute diesen geliebten Landstrich vor der Hungersnot der Liebe und der Brüderlichkeit zu bewahren; es ist gerufen, jede Gewalt und jede Form von Terrorismus zu verurteilen und zu besiegen; es ist gerufen, das Weizenkorn des Friedens allen Herzen zu geben, die nach friedlichem Zusammenleben, würdiger Arbeit und menschlicher Bildung hungern. Ägypten, das den Frieden aufbaut und zugleich den Terrorismus bekämpft, ist gerufen, unter Beweis zu stellen: „AL DIN LILLAH WA AL WATàN LILGIAMIÀ“ / „Der Glaube ist für Gott, die Heimat ist für alle“, wie die Devise der Revolution vom 23. Juli 1952 lautet. Es zeigt auf, dass man in Eintracht mit den anderen glauben und leben kann, indem man mit ihnen die grundlegenden menschlichen Werte teilt und die Freiheit und das Leben aller achtet[4]. Die besondere Rolle Ägyptens ist notwendig, um zu bekräftigen, dass dieses Gebiet, Wiege der drei großen Religionen, von der langen Nacht des Leids aufwachen kann, ja muss, um noch einmal die höchsten Werte der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit auszustrahlen, die die feste Grundlage und der für den Frieden verpflichtende Weg sind[5]. Von den großen Nationen kann man nicht wenig erwarten!

In diesem Jahr wird der 70. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Arabischen Republik Ägypten begangen. Ägypten war eines der ersten arabischen Länder, das solche diplomatischen Beziehungen aufgenommen hat. Diese Beziehungen waren immer von Freundschaft, Wertschätzung und gegenseitiger Zusammenarbeit gekennzeichnet. Ich hoffe, dass mein Besuch sie festigen und stärken möge.

Der Friede ist ein Geschenk Gottes, aber er ist auch Werk des Menschen. Er ist ein Gut, das erbaut und geschützt werden muss, in der Achtung des Prinzips, das die Gesetzeskraft und nicht die Kraft der Gewalt[6] vertritt. Frieden für dieses geliebte Land! Frieden für diese gesamte Region, insbesondere für Palästina und Israel, für Syrien, für Libyen, für den Jemen, für den Irak, für den Südsudan; Frieden allen Menschen guten Willens!

Herr Präsident, meine Damen und Herren,

ich möchte an alle ägyptischen Bürger, die hier in diesem Saal symbolisch anwesend sind, einen herzlichen Gruß richten und sie väterlich umarmen. Ich grüße ebenso die christlichen Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern, die in diesem Land leben: Koptisch-Orthodoxe, Griechisch-Orthodoxe, Armenisch-Orthodoxe, Protestanten und Katholiken. Der heilige Markus, der dieses Land evangelisiert hat, möge euch schützen und helfen, die von unserem Herrn so sehr ersehnte Einheit (vgl. Joh 17,20-23) zu erbauen und zu erreichen. Eure Präsenz in dieser Heimat ist weder neu noch zufällig, sondern geschichtsträchtig und von der Geschichte Ägyptens nicht zu trennen. Ihr seid wesentlicher Bestandteil dieses Landes und habt im Lauf der Jahrhunderte eine Art einzigartige Beziehung entwickelt, eine besondere Symbiose, die für andere Nationen als Beispiel genommen werden kann. Ihr habt gezeigt und zeigt, dass man zusammenleben kann, in gegenseitigem Respekt und in fairer Auseinandersetzung, und dabei im Unterschied ein Quell des Reichtums und niemals ein Grund zum Streit gefunden wird[7].

Danke für den warmherzigen Empfang. Ich bitte Gott den Allmächtigen und Einzigen, alle ägyptischen Bürger mit seiner göttlichen Segensfülle zu beschenken. Er möge Ägypten Frieden und Wohlstand, Fortschritt und Gerechtigkeit verleihen und segne alle seine Kinder!

„Gesegnet ist Ägypten, mein Volk“, sagt der Herr im Buch Jesaja (19,25).

Shukran wa tahìah misr! [Danke und es lebe Ägypten!]

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FUSSNOTEN

[1] Johannes Paul II., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, 24. Februar 2000.

[2] Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte; Ägyptische Verfassung von 2014, Kapitel III.

[3] »Wer Gewalttat liebt, den hasst seine [Gottes] Seele« (Ps 11,5).

[4] Vgl. Ägyptische Verfassung von 2014, Art. 5.

[5] Vgl.  Botschaft zum Weltfriedenstag 2014, 4.

[6] Vgl. Ansprache bei der Begegnung mit den Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens Palästinas, Bethlehem, 25. Mai 2014.

[7] Vgl. Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 24 und 25.

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Quelle

„Durch Wasser und Blut“

Besuch Bei Tawadros II., 28. April 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papstansprache beim Treffen mit dem
koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II.
Volltext

Am Schluß seines ersten Reisetages besuchte Papst Franziskus am heutigen Freitag, dem 28. April 2017, den koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II. in seiner Residenz bei der Kairoer Markus-KathedraleEr hielt dabei eine Ansprache, die wir hier in der offiziellen Übersetzung übernehmen.

Nach der Unterzeichnung des Entwurfs einer gemeinsamen Erklärung, begaben Franziskus und Tawadros II. sich zur nahegelegenen Boutrosiya-Kirche, die sich auf dem Gelände der Markus-Kathedrale befindet. Bei der Kirche, die am 11. Dezember 2016 Ziel eines blutigen Attentats war, bei dem insgesamt 29 Menschen getötet wurden, hielt Franziskus auf Spanisch ein spontanes Gebet. 

„Herr Jesus, ich bitte Dich, segne uns. Segne meinen Bruder, Papst Tawadros II., und segne alle Brüder, die Bischöfe, die hier sind. Segne alle christlichen Brüder. Führe uns auf den Weg der Nächstenliebe, des Zusammenarbeitens, des gemeinsamen Tisches der Eucharistie. Amen“, so sprach er.

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Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!
[
Al Massih kam, bilhakika kam!]

Eure Heiligkeit, lieber Bruder,

vor kurzem haben wir das große Hochfest Ostern begangen, die Mitte des christlichen Lebens. Dieses Jahr hatten wir die Gnade, es am selben Tag zu feiern. Wir haben so im Gleichklang die Botschaft der Auferstehung verkündet und dabei auf gewisse Weise wieder die Erfahrung der ersten Jünger gemacht: An jenem Tag »freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen« (Joh 20,20). Diese Osterfreude wird heute durch das Geschenk vermehrt, im Gebet gemeinsam den Auferstandenen anbeten zu können und in seinem Namen einander erneut den heiligen Friedenskuss und den Friedensgruß zu geben. Dafür danke ich sehr: Auf meinem Weg hierher als Pilger war ich gewiss, den Segen eines Bruders zu empfangen, der mich erwartet hat. Groß war die Vorfreude, uns wieder zu treffen: Ich habe nämlich den Besuch Eurer Heiligkeit in Rom kurz nach meiner Wahl, am 10. Mai 2013, in lebendiger Erinnerung. Dieses Datum wurde zum glücklichen Anlass, jedes Jahr den Tag der koptisch-katholischen Freundschaft zu begehen.

In der Freude darüber, unseren ökumenischen Weg brüderlich fortzusetzen, möchte ich vor allem an jenen Meilenstein in den Beziehungen zwischen dem Stuhl Petri und dem Stuhl des Markus erinnern, nämlich die Gemeinsame Erklärung, die vor über vierzig Jahren von unseren Vorgängern am 10. Mai 1973 unterzeichnet wurde. »Nach einer jahrhundertelangen, schwierigen geschichtlichen Entwicklung«, in der »theologische Unterschiede entstanden sind, die von nichttheologischen Faktoren« und von einem zunehmend allgemeinen Misstrauen »genährt und verstärkt wurden«, ist man an jenem Tag mit Gottes Hilfe dazu gelangt, gemeinsam anzuerkennen, dass Christus »vollkommener Gott in Bezug auf seine Gottheit und vollkommener Mensch in Bezug auf seine Menschheit ist« (Gemeinsame Erklärung des Heiligen Vaters Paul VI. und Seiner Heiligkeit Amba Shenouda III., 10. Mai 1973). Aber nicht weniger aktuell und weniger wichtig sind die unmittelbar vorausgehenden Worte, mit denen wir »unseren Herrn und Gott, der unser aller Erlöser und König ist, bekannt haben, Jesus Christus«. Mit diesen Aussagen haben der Stuhl des Markus und der Stuhl Petri die Herrschaft Jesu feierlich verkündet: Gemeinsam haben wir bekannt, dass wir alle Jesus angehören und Er unser alles ist.

Darüber hinaus haben wir verstanden, dass wir als die Seinen nicht mehr daran denken können, jeder für sich auf seinem Weg voranzuschreiten. Denn so würden wir seinen Willen verraten, dass die Seinen »alle […] eins sein« sollen, »damit die Welt glaubt« (Joh17,21). Im Angesicht des Herrn, der wünscht, dass wir »vollendet« sind »in der Einheit« (17,23), ist es uns nicht mehr möglich, uns hinter den Vorwänden unterschiedlicher Interpretationen und auch nicht hinter Jahrhunderten einer Geschichte und von Traditionen, die uns einander entfremdet haben, zu verstecken. Wie Seine Heiligkeit Johannes Paul II. hier sagte: »In dieser Hinsicht dürfen wir keine Zeit verlieren! Unsere Gemeinschaft in dem einen Herrn Jesus Christus, in dem einen Heiligen Geist und in der einen Taufe ist bereits eine tiefe und fundamentale Wirklichkeit« (Ansprache bei der ökumenischen Begegnung, Kairo, 25. Februar 2000). Es gibt in diesem Sinn nicht nur eine Ökumene der Gesten, Worte und Bemühungen, sondern eine schon wirksame Gemeinschaft, die jeden Tag in der lebendigen Beziehung mit dem Herrn Jesus wächst und im Glauben, den wir bekennen, verwurzelt ist sowie in unserer Taufe wahrhaft begründet ist und darin, dass wir in ihm »neue Schöpfung« (2 Kor 5,17) sind: kurzum, es ist »ein Herr, ein Glaube, eine Taufe« (Eph 4,5). Von hier gehen wir immer aus, um das Kommen des so ersehnten Tags zu beschleunigen, an dem wir in voller und sichtbarer Gemeinschaft am Altar des Herrn versammelt sein werden.

Auf diesem leidenschaftlichen Weg, der, wie das Leben, nicht immer einfach und geradlinig ist – der Herr aber fordert uns auf, darauf weiter zu gehen –, sind wir nicht allein. Es begleitet uns eine unermessliche Schar von Heiligen und Märtyrern, die schon in voller Einheit uns dazu drängt, hier unten ein lebendiges Abbild des »Jerusalem oben« (Gal 4,26) zu sein. Unter ihnen freuen sich heute gewiss auf besondere Weise die Heiligen Petrus und Markus über unsere Begegnung. Das Band, das sie vereint, ist groß. Es genügt, daran zu denken, dass der heilige Markus das Glaubensbekenntnis des Petrus in die Mitte seines Evangeliums stellte: »Du bist der Christus!« Es war die Antwort auf die immer aktuelle Frage Jesu: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mk 8,29). Auch heute wissen viele Menschen keine Antwort auf diese Frage zu geben; es fehlt selbst an denen, die sie stellen, und vor allem an denen, die sie mit der Freude, Jesus zu kennen, beantworten – dieselbe Freude, mit der wir in der Gnade ihn gemeinsam bekennen.

Gemeinsam sind wir also gerufen, den Herrn zu bezeugen und der Welt unseren Glauben zu bringen, vor allem in der Weise, die dem Glauben eigen ist: das heißt den Glauben leben, weil die Gegenwart Jesu im Leben vermittelt wird und die Sprache der unentgeltlichen und konkreten Liebe spricht. Als orthodoxe Kopten und Katholiken können wir immer mehr diese gemeinsame Sprache der Liebe sprechen: Bevor wir eine wohltätige Initiative ergreifen, wäre es schön, uns zu fragen, ob wir sie mit unseren Brüdern und Schwestern unternehmen können, mit denen wir den Glauben an Jesus teilen. Wenn wir die Gemeinschaft im konkreten Alltag durch unser gelebtes Zeugnis aufbauen, so wird der Geist es nicht versäumen, von der Vorhersehung bestimmte ungeahnte Wege zur Einheit zu eröffnen.

Eben mit diesem konstruktiven apostolischen Geist fahren Eure Heiligkeit fort, der koptisch-katholischen Kirche eine echte und brüderliche Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Für diese Nähe danke ich sehr. Sie hat ihren lobenswerten Ausdruck im Nationalen Rat der Christlichen Kirchen Ausdruck gefunden, den Sie ins Leben gerufen haben, damit die an Christus Glaubenden immer mehr gemeinsam wirken können zum Wohl der gesamten Gesellschaft Ägyptens. Ich habe auch die großzügige Gastfreundschaft bei der 13. Begegnung der Gemischten Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und den Orthodoxen Orientalischen Kirchen sehr geschätzt, die auf Ihre Einladung hin letztes Jahr hier stattgefunden hat. Es ist ein schönes Zeichen, dass die nächste Begegnung dieses Jahr in Rom abgehalten wird, gleichsam als Ausdruck einer besonderen Kontinuität zwischen den Stühlen des Markus und des Petrus.

In der Heiligen Schrift scheint Petrus irgendwie die Zuneigung des Markus zu erwidern, indem er ihn »mein[en] Sohn« (1 Petr 5,13) nennt. Aber die brüderliche Verbundenheit des Evangelisten und seine apostolische Tätigkeit betreffen auch den heiligen Paulus, der vor seinem Märtyrertod in Rom von der nützlichen Hilfe des Markus zum Dienst spricht (vgl. 2 Tim 4,11) und ihn mehrfach erwähnt (vgl. Phlm 24; Kol 4,10). Brüderliche Liebe und gemeinsame Sendung: das ist die Botschaft, die uns das Wort Gottes und unsere Anfänge übermitteln. Wir haben die Freude, die Saat des Evangeliums weiterhin zu begießen und mit Gottes Hilfe gemeinsam wachsen zu lassen (vgl. 1 Kor 3,6-7).

Das Reifen unseres ökumenischen Weges wird auf geheimnisvolle und mehr denn je aktuelle Weise auch von einer wahren und eigentlichen Ökumene des Blutes getragen. Der heilige Johannes schreibt, dass Jesus »durch Wasser und Blut gekommen ist« (1 Joh 5,6); wer an ihn glaubt, »besiegt die Welt« (1 Joh 5,5). Durch Wasser und Blut: wenn wir ein neues Leben in unserer gemeinsamen Taufe leben, ein Leben in beständiger Liebe für alle, auch auf Kosten der Hingabe des Blutes. Wie viele Märtyrer in diesem Land haben von den ersten Jahrhunderten des Christentums an den Glauben auf heroische Weise bis zum Äußersten gelebt, indem sie lieber ihr Blut vergossen, als den Herrn zu verleugnen und den Verlockungen des Bösen oder auch nur der Versuchung nachzugeben, dem Bösen mit dem Bösen zu antworten. Das ehrwürdige Martyrologium der Koptischen Kirche bezeugt dies gut. Erst kürzlich ist leider das unschuldige Blut wehrloser Gläubiger auf grausame Weise vergossen worden. Lieber Bruder, wie das himmlische Jerusalem eines ist, so ist unser Martyrologium eines; eure Leiden sind auch unsere Leiden, und ihr unschuldiges Blut vereint uns. Setzen wir uns, gestärkt durch euer Zeugnis, dafür ein, uns der Gewalt zu widersetzen, indem wir das Gute predigen und säen und so die Eintracht wachsen lassen und die Einheit bewahren. Beten wir, dass die vielen Opfer den Weg in eine Zukunft in der vollen Einheit untereinander und des Friedens aller auftun.

Die wunderbare Geschichte der Heiligkeit dieses Landes ist nicht nur aufgrund des Opfers der Märtyrer eine besondere. Als kaum die Verfolgungen der Antike zu Ende gegangen waren, kam eine Lebensform auf, die in Hingabe an den Herrn nichts für sich zurückhielt: In der Wüste nahm das Mönchtum seinen Anfang. So folgte auf die großen Zeichen, die Gott in der Vergangenheit in Ägypten und am Roten Meer gewirkt hatte (vgl. Ps 106,21-22), das Wunder eines neuen Lebens, das die Wüste in Heiligkeit erblühen ließ. In Verehrung für dieses gemeinsame Erbe bin ich als Pilger in dieses Land gekommen, wohin der Herr selbst sich gerne hinbegibt: Hier kam er in Herrlichkeit auf den Berg Sinai hinab (vgl. Ex 24,16); hier fand er in Demut Zuflucht als Kind (vgl. Mt 2,14).

Eure Heiligkeit, lieber Bruder, derselbe Herr schenke uns, dass wir uns heute gemeinsam als Pilger der Gemeinschaft und als Verkünder des Friedens aufmachen. Auf diesem Weg möge uns diejenige an der Hand nehmen, die Jesus hierher begleitet hat und die seit dem Altertum von der großen theologischen Tradition Ägyptens als Theotokos – Gottesgebärerin – angerufen wurde. In diesem Ehrentitel verbinden sich auf wunderbare Weise die Menschheit und die Gottheit, denn in der Mutter ist Gott für immer Mensch geworden. Die heilige Jungfrau Maria, die uns immer zu Jesus führt, die vollkommene Symphonie des Göttlichen mit dem Menschlichen, möge weiter ein Stück Himmel auf unsere Erde bringen.

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Al Salamò Alaikum! Papstansprache bei der Friedenskonferenz

Franziskus auf dem Weg zur internationalen Friedenskonferenz

Ansprache von Papst Franziskus
bei der internationalen Friedenskonferenz,
während seiner Reise nach Ägypten. 

Al Salamò Alaikum! / Der Friede sei mit euch!

Es ist ein großes Geschenk, heute hier zu sein und an diesem Ort zu Beginn meines Besuchs in Ägypten mich im Rahmen dieser Internationalen Friedenskonferenz an Sie zu wenden. Ich danke dem Großimam für die Planung und Organisation der Konferenz wie auch für die freundliche Einladung. Ich möchte Ihnen gerne einige Gedanken darlegen, die ich aus der ruhmreichen Geschichte dieses Landes schöpfe, das über die Jahrhunderte in der Welt als Land der Kultur und Land der Bündnisse in Erscheinung getreten ist.

Land der Kultur. Seit der Antike war die an den Ufern des Nils entstandene Kultur ein Synonym für Zivilisation: In Ägypten erreichte das Licht des Wissens einen hohen Stand und ließ ein unschätzbares kulturelles Erbe entstehen, das in Weisheit und Geist, mathematischen und astronomischen Errungenschaften sowie bewundernswerten Formen der Architektur und der bildenden Kunst bestand. Mit der Wissenssuche und dem Stellenwert der Bildung trafen die antiken Bewohner dieses Landes Entscheidungen, die sich für die weitere Entwicklung als fruchtbar erwiesen. Solche Entscheidungen sind auch für die Zukunft notwendig, Entscheidungen des Friedens und für den Frieden, weil es ohne eine angemessene Bildung der jungen Generationen keinen Frieden geben wird. Und es wird keine angemessene Bildung für die jungen Menschen von heute geben, wenn das Bildungsangebot nicht der Natur des Menschen als offenes und relationales Wesen entspricht.

Tatsächlich wird Bildung zur Lebensweisheit, wenn sie fähig ist, aus dem Menschen – der mit dem ihn transzendierenden Sein wie auch mit seiner Umgebung in Verbindung steht – sein Bestes herauszuholen und dabei Persönlichkeiten zu formen, die nicht auf sich selbst bezogen sind. Die Weisheit sucht den anderen und überwindet die Versuchung, sich zu versteifen oder zu verschließen; offen und in Bewegung, demütig und zugleich forschend, kann sie die Vergangenheit wertschätzen und diese mit der Gegenwart in Dialog setzen, ohne auf eine entsprechende Hermeneutik zu verzichten. Diese Weisheit bereitet eine Zukunft vor, in der man nicht danach strebt, dass die eigene Seite vorherrscht, sondern dass der andere als integrierender Bestandteil von sich gesehen wird; in der Gegenwart wird sie nicht müde, Gelegenheiten für Begegnung und Austausch ausfindig zu machen; von der Vergangenheit lernt sie, dass aus Bösem nur Böses und aus Gewalt nur Gewalt hervorgeht in einer Spirale, aus der es am Ende kein Entrinnen gibt. Während sie die Gier nach missbräuchlicher Macht ablehnt, stellt diese Weisheit die Würde des Menschen, der in Gottes Augen wertvoll ist, und eine des Menschen würdige Ethik in den Mittelpunkt. Dabei weist sie die Angst vor dem anderen und die Furcht vor der Erkenntnis durch die Mittel, mit denen der Schöpfer sie ausgestattet hat, zurück.[1]

Gerade im Bereich des Dialogs, vor allem des interreligiösen Dialogs, sind wir immer aufgerufen, gemeinsam zu gehen in der Überzeugung, dass die Zukunft aller auch von der Begegnung der Religionen und Kulturen abhängig ist. In diesem Sinn gibt uns die Arbeit des Gemischten Komitees für den Dialog zwischen dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dem Komitee von Al-Azhar für den Dialog ein konkretes und ermutigendes Beispiel. Drei grundlegende Ausrichtungen können, wenn sie gut miteinander verbunden werden, für den Dialog hilfreich sein: die Verpflichtung zur Wahrung der Identität, der Mut zur Andersheit und die Aufrichtigkeit der Absichten. Verpflichtung zur Wahrung der Identität, weil ein echter Dialog nicht auf der Basis von Zweideutigkeiten oder der Preisgabe des Guten geführt werden kann, um dem anderen zu gefallen; Mut zur Andersheit, weil derjenige, der sich – kulturell oder religiös – von mir unterscheidet, nicht als Feind angesehen und behandelt werden darf, sondern als Weggefährte aufgenommen werden soll in der echten Überzeugung, dass das Wohl eines jeden im Wohl aller besteht; die Aufrichtigkeit der Absichten, weil der Dialog als authentischer Ausdruck des Humanen nicht eine Strategie ist, um Hintergedanken zu verwirklichen, sondern ein Weg der Wahrheit, und diesen geduldig zu gehen lohnt sich, um Konkurrenz in Zusammenarbeit zu verwandeln.

Die Erziehung zur respektvollen Offenheit und zum aufrichtigen Dialog mit dem anderen in Anerkennung seiner Rechte und grundlegenden Freiheiten, vor allem der Religionsfreiheit, stellt den besten Weg dar, um gemeinsam die Zukunft aufzubauen und um Förderer von Kultur zu sein. Denn die einzige Alternative zur Kultur der Begegnung ist die Unkultur des Streits. Und um der Barbarei derer, die Hass schüren und zur Gewalt aufhetzen, wirklich entgegenzutreten, ist es erforderlich, Generationen zu begleiten und heranreifen zu lassen, die auf die brandstiftende Logik des Bösen mit dem geduldigen Wachstum des Guten antworten: junge Menschen, die wie gut gepflanzte Bäume im Boden der Geschichte verwurzelt sind und nebeneinander in die Höhe wachsen und so jeden Tag die von Hass verpestete Luft in den Sauerstoff der Brüderlichkeit umwandeln.

In dieser sehr dringenden und spannenden Herausforderung der Kultur sind wir – Christen wie Muslime und alle gläubigen Menschen – gerufen, unseren Beitrag zu leisten: Wir »leben unter der Sonne des einen barmherzigen Gottes. […] So können wir uns gegenseitig […] Brüder und Schwestern […] nennen. […] Denn ohne Gott wäre das Leben des Menschen wie der Himmel ohne die Sonne«.[2] Es möge die Sonne einer neuen Brüderlichkeit im Namen Gottes aufgehen, und von dieser sonnenbeschienenen Erde steige die Morgenröte einer Kultur des Friedens und der Begegnung auf. Dafür möge der heilige Franz von Assisi Fürsprache einlegen, der vor acht Jahrhunderten nach Ägypten kam und Sultan Malik al Kamil begegnete.

Land der Bündnisse. In Ägypten ist nicht nur die Sonne der Weisheit aufgegangen; auch das vielfarbige Licht der Religionen hat dieses Land erleuchtet: Hier waren über die Jahrhunderte die Unterschiede der Religion »eine Form gegenseitiger Bereicherung im Dienst an der einen nationalen Gemeinschaft«.[3] Verschiedene Glaubensrichtungen sind sich begegnet und unterschiedliche Kulturen sind zusammengekommen, ohne sich zu vermischen, haben aber erkannt, wie wichtig es ist, sich für das Gemeinwohl zu verbünden. Bündnisse dieser Art sind heute mehr denn je dringlich. Wenn ich darüber spreche, möchte ich dafür gerne als Symbol den „Berg des Bundes“ verwenden, der sich in diesem Land erhebt. Der Sinai erinnert uns vor allem daran, dass ein echter Bund auf Erden nicht auf den Himmel verzichten kann, dass die Menschheit nicht den Vorsatz fassen kann, sich in Frieden zu treffen, wenn sie Gott von ihrem Horizont ausschließt, und sie kann auch nicht auf den Berg steigen, um sich Gottes zu bemächtigen (vgl. Ex 19,12).

Es handelt sich um eine aktuelle Botschaft angesichts des gegenwärtigen Fortbestehens eines gefährlichen Paradoxes. Einerseits neigt man nämlich dazu, die Religion in die Privatsphäre zu verbannen, ohne sie als konstitutive Dimension des Menschen und der Gesellschaft anerkennen zu wollen; andererseits vermischt man die religiöse und die politische Sphäre, ohne diese entsprechend zu unterscheiden. Es besteht die Gefahr, dass die Religion von der Sorge um weltliche Angelegenheiten aufgesaugt und von den Schmeicheleien weltlicher Mächte in Versuchung geführt wird, die sie in Wirklichkeit instrumentalisieren. In einer Welt, die viele nützliche technische Mittel, aber gleichzeitig so viel Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit globalisiert hat und die sich in einem rasanten Fluss befindet, der schwer zu ertragen ist, nimmt man die Sehnsucht nach den großen Sinnfragen wahr, die von den Religionen aufgezeigt werden und die Erinnerung an die eigenen Ursprünge wecken: die Berufung des Menschen, der nicht dazu da ist, um sich in der Vorläufigkeit der irdischen Dinge zu erschöpfen, sondern um dem Absoluten entgegenzugehen, zu dem er unterwegs ist. Aus diesen Gründen ist die Religion besonders heutzutage nicht ein Problem, sondern Teil der Lösung: Gegen die Versuchung, uns einem oberflächlichen Leben zu überlassen, wo alles hier unten entsteht und endet, erinnert sie uns daran, dass es notwendig ist, den Geist dem Höchsten zuzuwenden, um zu lernen, wie man die Stadt der Menschen erbaut.

In diesem Sinne möchte ich mich, gleichsam nochmals im Geiste den Blick auf den Berg Sinai gerichtet, auf jene Gebote beziehen, die dort erlassen wurden, bevor sie auf Stein geschrieben wurden.[4] In der Mitte der „zehn Worte“ ertönt der Befehl an die Menschen und Völker aller Zeiten »Du sollst nicht töten« (Ex 20,13). Gott, Freund des Lebens, hört nicht auf, den Menschen zu lieben, und deswegen ermahnt er ihn, als Grundbedingung für jeden Bund auf der Erde dem Weg der Gewalt entgegenzutreten. Zur Umsetzung dieser Aufforderung sind – vor allem und heute auf besondere Weise – die Religionen gerufen. Denn während wir dringend des Absoluten bedürfen, ist es unabdingbar, jegliche Verabsolutierung auszuschließen, welche Formen von Gewalt rechtfertigen würde. Die Gewalt ist nämlich die Verneinung jeder authentischen Religiosität.

Als religiöse Verantwortungsträger sind wir also gerufen, die Gewalt zu entlarven, die sich hinter einem vermeintlichen sakralen Charakter verbirgt, während sie die Egoismen verabsolutiert anstatt die authentisch Öffnung auf das Absolute hin zu fördern. Wir sind gehalten, die Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte zu brandmarken und die Versuche aufzudecken, jegliche Form von Hass im Namen der Religion zu rechtfertigen, und sie als götzendienerische Verfälschung Gottes zu verurteilen: Sein Name ist heilig, er ist Gott des Friedens, Gott salam.[5] Deshalb ist nur der Frieden heilig und kann im Namen Gottes keine Gewalt verübt werden, weil sie seinen Namen verunehren würde.

Gemeinsam wiederholen wir von hier aus, diesem Land der Begegnung zwischen Himmel und Erde, diesem Land von Bündnissen zwischen Völkern und zwischen Gläubigen, ein deutliches und eindeutiges „Nein“ zu jeglicher Form von Gewalt, Rache und Hass, die im Namen der Religion oder im Namen Gottes begangen werden. Gemeinsam bekräftigen wir die Unvereinbarkeit von Gewalt und Glaube, von Glauben und Hassen. Gemeinsam erklären wir die Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens gegen jegliche Form von physischer, sozialer, erzieherischer oder psychologischer Gewalt. Der Glaube, der nicht aus einem aufrechten Herzen und einer echten Liebe zum Barmherzigen Gott hervorgeht, ist eine Form konventioneller oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit, die den Menschen nicht befreit, sondern ihn erdrückt. Sagen wir gemeinsam: Je mehr man im Glauben an Gott wächst, desto mehr wächst man in der Nächstenliebe.

Aber die Religion ist gewiss nicht nur gerufen, das Böse zu entlarven; sie trägt in sich die Berufung, den Frieden zu fördern, heute wahrscheinlich mehr denn je.[6] Ohne versöhnlichen Synkretismen[7] nachzugeben, ist es unsere Aufgabe, füreinander zu beten und dabei Gott um das Geschenk des Friedens zu bitten, einander zu begegnen, Dialog zu führen und die Eintracht im Geiste der Zusammenarbeit und der Freundschaft zu fördern. Als Christen »können [wir] aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«.[8] Darüber hinaus erkennen wir an, dass inmitten eines ständigen Kampfes gegen das Böse, das die Welt damit bedroht, nicht mehr »der Raum der wahren Brüderlichkeit« zu sein, Gott denen, »die der göttlichen Liebe glauben, […] die Sicherheit [gibt], dass allen Menschen der Weg der Liebe offensteht und dass der Versuch, eine allumfassende Brüderlichkeit herzustellen, nicht vergeblich ist«.[9] Im Gegenteil, er ist wesentlich: Denn es dient zu kaum etwas oder zu nichts, die Stimme zu erheben und eilig wieder aufzurüsten, um sich zu schützen: Heute sind Erbauer des Friedens nötig, nicht Aufwiegler von Konflikten; Feuerwehrleute und nicht Brandstifter; Prediger von Versöhnung und nicht Aufrufer zur Zerstörung.

Mit Befremden sehen wir die Tatsache, dass man sich einerseits im Namen von rücksichtslosen Zielsetzungen von der Realität der Völker entfernt. Andererseits treten als Reaktion darauf Arten eines demagogischen Populismus auf, die gewiss nicht hilfreich sind, den Frieden und die Stabilität zu festigen: gewaltsame Aufhetzung wird den Frieden nicht gewährleisten, und jede einseitige Handlung, die nicht konstruktive und von allen mitgetragene Entwicklungen einleitet, ist in Wahrheit ein Geschenk an die Befürworter von Radikalismen und Gewalt.

Um Konflikten vorzubeugen und Frieden aufzubauen, ist es wesentlich, sich für die Beseitigung der Situationen der Armut und der Ausbeutung einzusetzen – hier nämlich fassen Extremisten einfacher Fuß – und die Geldflüsse und Waffenlieferungen an diejenigen, die zur Gewalt anstiften, zu stoppen. Um noch tiefer an der Wurzel anzusetzen, ist es notwendig, die Verbreitung von Waffen zum Stillstand zu bringen. Wenn sie einmal hergestellt und im Umlauf sind, werden sie früher oder später auch Verwendung finden. Nur wenn wir die trüben Manöver, die das Krebsgeschwür des Kriegs nähren, transparent machen, kann man deren wahren Gründen vorbeugen. Zu dieser dringenden und schweren Aufgabe sind die Verantwortlichen der Nationen, der Institutionen und der Medien verpflichtet wie auch wir als Verantwortliche für Kultur. Wir sind nämlich von Gott, der Geschichte und der Zukunft zusammengerufen, Friedensprozesse einzuleiten – jeder in seinem Bereich. So entziehen wir uns nicht der Aufgabe, solide Grundlagen für Bündnisse zwischen den Völkern und den Staaten zu schaffen. Ich verleihe meinem Wunsch Ausdruck, dass dieses edle und geliebte Land Ägypten mit der Hilfe Gottes weiterhin seiner Berufung zur Kultur und zum Bündnis entsprechen kann, indem es dazu beiträgt, die Friedensprozesse für dieses geschätzte Volk und für den gesamten Nahen Osten fördern.

Al Salamò Alaikum! /Der Friede sei mit euch!

 


[1] »Im Übrigen kann sich eine Ethik der Brüderlichkeit und der friedlichen Koexistenz von Menschen und von Völkern nicht auf die Logik der Angst, der Gewalt und der Verschlossenheit gründen, sondern muss auf Verantwortung, Achtung und aufrichtigem Dialog beruhen«: Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden, Botschaft zum Weltfriedenstag 2017, 5.

[2] Johannes Paul II., Ansprache an die muslimischen Autoritäten, Kaduna (Nigeria), 14. Februar 1982.

[3] Ders., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, Kairo, 24. Februar 2000.

[4] Sie waren »als immerwährendes und überall gültiges universales Sittengesetz in das menschliche Herz eingeschrieben.« Sie bieten die »wahre Grundlage für das Leben des einzelnen Menschen, der Gesellschaften und der Nationen«. Sie sind »allein die Zukunft der menschlichen Familie. Sie bewahren den Menschen vor der zerstörenden Macht des Egoismus, Hasses und der Verlogenheit. Sie zeigen ihm alle falschen Götter, die ihn zum Sklaven machen: Gott ausschließende Eigenliebe, Machtgier und Vergnügungssucht, die die Rechtsordnung umstürzen und unsere menschliche Würde und die unseres Nächsten erniedrigen«: Ders., Homilie während des Wortgottesdienstes auf dem Berg Sinai, Katharinenkloster, 26. Februar 2000.

[5] Vgl. Ansprache in der Moschee von Koudoukou, Bangui (Zentralafrikanische Republik), 30. November 2015.

[6] »Mehr vielleicht als je zuvor in der Geschichte ist die innere Verbindung zwischen einer aufrichtigen religiösen Haltung und dem großen Gut des Friedens allen deutlich geworden«: Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und der Weltreligionen, Assisi, 27. Oktober 1986.

[7] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251.

[8] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Erklärung Nostra aetate, 5.

[9] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 37-38.

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Quelle

„Die unersetzbare Rolle Ägyptens“: Papst trifft Regierung

Franziskus beim Treffen mit Präsident Al-Sisi und weiteren Politikern

Und wieder begann der Papst mit dem Friedensgruß: Wie auch schon bei seiner ersten Ansprache in Ägypten sprach er Präsident und Regierung samt dem versammelten Diplomatischen Corps mit „Al Salamò Alaikum! / Der Friede sei mit euch!“ an, als er sich im Kairoer Hotel Al-Màsah an die staatlichen Autoritäten wandte.

Ägypten habe in der Geschichte der Religion und der ganzen Welt immer eine bedeutende Rolle gespielt, der Papst zitierte Mose und die Patriarchen des Volkes Israel. Diese Gastfreundschaft sei aber nicht eine Sache der Vergangenheit: „Auch heute finden hier Millionen von Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern wie Sudan, Eritrea, Syrien und Irak Aufnahme, und mit lobenswertem Einsatz versucht man, sie in die ägyptische Gesellschaft zu integrieren.“

Der Papst sprach die „unersetzbare Rolle“ des Landes für den gesamten Nahen Osten und die Lösung von Problemen dort an. „Diese Bestimmung und diese Aufgabe Ägyptens stellen auch den Grund dar, der das Volk dazu gebracht hat, ein Ägypten zu fordern, in dem es niemandem an Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit fehlt“, ein Hinweis auf die jüngere Vergangenheit des Landes und den so genannten ‚arabischen Frühling’.

Ägypten habe die Aufgabe, den Frieden in der Region zu stärken, „selbst wenn es auf eigenem Boden durch blinde Gewalt verwundet wird“. Er gedachte der Opfer von Gewalt in der Bevölkerung und unter Sicherheitskräften. „Ich denke ebenso an diejenigen, die von den Anschlägen auf die koptischen Kirchen im vergangenen Dezember wie auch unlängst in Tanta und Alexandrien getroffen wurden.“

Der Papst sprach von Entwicklung, Wohlstand und Frieden, er sprach von unveräußerlichen Menschenrechten sowie der Gleichheit aller Bürger. Religions- und Meinungsfreiheit und die Rolle der Frauen: alles Themen, die er in seiner Ansprache aufgriff. „Angesichts einer heiklen und komplexen globalen Situation, die an das denken lässt, was ich einen ,stückweisen Weltkrieg‘ genannt habe, ist es notwendig zu bekräftigen: Man kann keine Kultur aufbauen, ohne jede Ideologie des Bösen und der Gewalt zurückzuweisen wie auch jegliche extremistische Interpretation, die sich anmaßt, den anderen auszuschalten und die Verschiedenheiten zunichte zu machen, indem sie den heiligen Namen Gottes missbraucht und beleidigt.“ Ägypten sei gerufen, Frieden in der Region zu säen, man kann „in Eintracht mit den anderen glauben und leben, indem man mit ihnen die grundlegenden menschlichen Werte teilt und die Freiheit und das Leben aller achtet.“ Friede sei ein Geschenk Gottes, aber auch ein Werk der Menschen, betonte Papst Franziskus:

„,Gesegnet ist Ägypten, mein Volk‘, sagt der Herr im Buch Jesaja (19,25). Shukran wa tahìah misr! / Danke und es lebe Ägypten!“

(rv 28.04.2017 ord)