Gegen das Jonasyndrom – hinein in die Stadt

Papst Franziskus leitet am 21.01.2018 auf dem Militärstützpunkt Las Palmas in Lima (Peru) eine Eucharistiefeier. Zum Abschluss seiner einwöchigen Lateinamerika-Reise hat sich Franziskus für die Ärmsten am Rande der Großstädte eingesetzt. Foto: Alessandra Tarantino/AP/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

Zum Abschluss seiner Reise nach Chile und Peru feierte Papst Franziskus am Sonntagnachmittag eine heilige Messe auf dem Flugfeld „Las Palmas“ in der peruanischen Hauptstadt Lima, die mit neun Millionen Einwohnern eine der Megastädte Lateinamerikas ist.

Die Predigt des Heiligen Vaters im Wortlaut:

»Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe ihr all das zu, was ich dir sagen werde!« (Jona 3,2). Mit diesen Worten wandte sich der Herr an Jona und setzte ihn in Richtung dieser großen Stadt in Bewegung, die kurz davor war, wegen ihrer vielen Übel zerstört zu werden. Auch im Evangelium erblicken wir Jesus, wie er nach Galiläa unterwegs ist, um seine frohe Botschaft zu verkünden (vgl. Mk 1,14). Beide Lesungen zeigen uns, wie Gott auf die Städte von gestern und heute zugeht. Der Herr macht sich auf den Weg: Er geht nach Ninive, nach Galiläa … nach Lima, nach Trujillo, nach Puerto Maldonado … hierher kommt der Herr. Er macht sich auf, um in unsere persönliche, konkrete Geschichte einzutreten. Das haben wir vor kurzem gefeiert: Er ist der Immanuel, der Gott, der immer mit uns sein will. Ja, hier in Lima, oder dort, wo du lebst, im gewohnheitsmäßigen Arbeitsalltag, in der vielversprechenden Erziehung der Kinder, unter deinem Sehnen und Bemühen; in der Vertrautheit des Heims und im ohrenbetäubenden Lärm unserer Straßen. Dort, inmitten der staubigen Wege der Geschichte, kommt der Herr, um dir zu begegnen.

Zuweilen kann uns das Gleiche passieren wie Jona. Unsere Städte können uns mit den schmerzhaften und ungerechten Begebenheiten, die sich täglich wiederholen, in die Versuchung führen zu flüchten, uns zu verstecken, uns zu entziehen. Und die Gründe dazu fehlen weder Jona noch uns. Mit Blick auf die Stadt könnten wir beginnen festzustellen: »Es gibt Bürger, die die angemessenen Mittel für die Entwicklung des persönlichen und familiären Lebens erhalten, andererseits gibt es aber sehr viele „Nicht-Bürger“, „Halbbürger“ oder „Stadtstreicher“«[1], die unsere Wege säumen, die an den Rändern unserer Städte ohne die notwendigen Voraussetzungen leben, um ein würdiges Leben zu führen, und es schmerzt, oftmals festzustellen, dass man unter diesen „überschüssigen Menschen“ oftmals auf viele Kinder und Jugendliche trifft. Man begegnet dem Angesicht der Zukunft.

Und wenn wir diese Dinge in unseren Städten, in unseren Stadtteilen sehen – die ein Raum der Begegnung und Solidarität, der Fröhlichkeit sein könnten –, so endet es darin, etwas hervorzubringen, was wir als Jonasyndrom bezeichnen könnten: einen Raum der Flucht und des Misstrauens (Jona 1,3). Ein Raum für die Gleichgültigkeit, der uns gegenüber den anderen anonym und taub werden lässt, uns in unpersönliche hartherzige Wesen verwandelt und mit dieser Haltung verletzen wir die Seele des Volkes. Benedikt XVI. wies uns darauf hin: »Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. […] Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft«.[2]

Als man Johannes gefangen nahm, begab sich Jesus nach Galiläa, um das Evangelium Gottes zu verkünden. Im Unterschied zu Jona, tritt Jesus angesichts eines schmerzlichen und ungerechten Ereignisses, wie es die Gefangennahme des Johannes war, in die Stadt ein, er betritt Galiläa und beginnt von dieser kleinen Bevölkerung aus, das auszustreuen, was der Beginn der größten Hoffnung sein sollte: Das Reich Gottes ist nahe, Gott ist unter uns. Und das Evangelium selbst zeigt uns die Freude und die Kettenreaktion, die es hervorruft: Es begann mit Simon und Andreas, dann Jakobus und Johannes (vgl. Mk 1,14-20) und von da an ist es über die heilige Rosa von Lima, den heiligen Turibio, den heiligen Martin von Porres, den heiligen Juan Macías, den heiligen Francisco Solano bis zu uns gelangt. Es wurde von dieser Wolke von Zeugen, die an ihn geglaubt haben, verkündet. Es ist zu uns gelangt, um sich erneut als Gegenmittel für die Globalisierung der Gleichgültigkeit einzusetzen. Denn man kann gegenüber dieser Liebe nicht gleichgültig bleiben.

Jesus rief seine Jünger auf, heute das zu leben, was den Geschmack der Ewigkeit hat: die Liebe zu Gott und zum Nächsten; und er tut es auf die einzige Weise, in der er es tun kann, auf göttliche Weise: Er erweckt die Zärtlichkeit, die barmherzige Liebe und das Mitleid; er öffnet ihre Augen, um die Wirklichkeit auf göttliche Weise anzuschauen. Er lädt sie ein, neue Verbindungen zu knüpfen, neue Bündnisse, die zur Ewigkeit führen.

Jesus zieht mit seinen Jüngern durch die Stadt und beginnt diejenigen, die unter dem Mantel der Gleichgültigkeit zusammengebrochen sind, die von der schweren Sünde der Korruption gesteinigt wurden, zu sehen, ihnen zuzuhören und Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er beginnt, viele Situationen aufzudecken, die die Hoffnung ihres Volkes erstickten, und erweckt neue Hoffnung. Er ruft seine Jünger und lädt sie ein, mit ihm zu gehen, er lädt sie ein, durch die Stadt zu ziehen, aber er ändert ihren Rhythmus, er lehrt sie, das zu sehen, worüber sie bis dahin hinwegsahen, er weist sie auf neue Dringlichkeiten hin. Kehrt um, sagt er ihnen, das Himmelreich bedeutet, in Jesus Gott zu begegnen, der sich mit seinem Leben unter sein Volkes mischt, sich dafür einsetzt und die anderen miteinbezieht, keine Angst zu haben, Geschichte zu machen, eine Geschichte des Heils (vgl. Mk 1,15.21ff).

Jesus zieht weiterhin durch unsere Straßen, er fährt wie damals fort, an unsere Türen, an unsere Herzen zu klopfen, um die Hoffnung und die Sehnsüchte erneut zu entfachen, auf dass die Herabwürdigung durch die Brüderlichkeit überwunden, die Ungerechtigkeit durch die Solidarität besiegt werde und die Gewalt durch die Waffen des Friedens ausgelöscht werde. Jesus fährt fort, uns einzuladen, und will uns mit seinem Geist salben, damit auch wir hingehen, mit dieser Salbung zu salben, welche im Stande ist, die verwundete Hoffnung zu heilen und unseren Blick zu erneuern.

Jesus geht weiter und ruft die Hoffnung wach, die uns von leeren Verbindungen und unpersönlichen Analysen befreit und uns einlädt, uns dort als Sauerteig einzubringen, wo wir sind, wo wir leben, in dieser Ecke unseres Alltags. Das Himmelreich ist unter uns – sagt er uns – es ist dort, wo wir den Mut haben, etwas Zärtlichkeit und Erbarmen zu zeigen, wo wir keine Angst haben, Räume zu schaffen, damit die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen rein werden und die Tauben hören (vgl. Lk 7,22) und so alle, die für uns als verloren galten, sich der Auferstehung erfreuen können. Gott wird niemals müde, sich aufzumachen, um zu seinen Kindern zu kommen. Wie sollen wir die Hoffnung entfachen, wenn die Propheten fehlen? Wie sollen wir uns der Zukunft stellen, wenn uns die Einheit fehlt? Wie soll Jesus an so viele Orte kommen, wenn kühne und mutige Zeugen fehlen?

Heute lädt der Herr dich ein, mit ihm in die Stadt zu gehen, deine Stadt. Er lädt dich ein, sein missionarischer Jünger zu sein, und so Teil dieses großen Flüsterns zu werden, das man weiterhin in den unterschiedlichsten Situationen unseres Lebens hört: Freue dich, der Herr ist mit dir!
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[1] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 74.
[2] Enzyklika Spe salvi, 38.

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

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Der Text der Papstpredigt in Santiago: Der Katalog der Seligpreisungen

Messe in Santiago de Chile (AFP or licensors)

Predigt von Papst Franziskus bei der Messfeier für Frieden und Gerechtigkeit im Parque O’Higgins, Santiago de Chile.

»Als Jesus die vielen Menschen sah« (Mt 5,1). In diesen ersten Worten aus dem Evangelium finden wir die Haltung, mit der Jesus uns entgegengehen will, dieselbe Haltung, mit der Gott sein Volk immer überrascht hat (vgl. Ex 3,7). Die erste Haltung Jesu ist es, nach den Gesichtern der Seinen Ausschau zu halten und sie anzublicken. Diese Gesichter setzen die abgründige Liebe Gottes in Bewegung. Es waren nicht Ideen oder Konzepte, die Jesus bewegten… es sind die Gesichter, die Personen; es ist das Leben, das nach dem Leben ruft, das der Vater uns übermitteln will.

Als er die vielen Menschen sah, traf Jesus auf die Gesichter der Menschen, die ihm folgten, und das Schönste ist es zu sehen, dass sie ihrerseits im Blick Jesu das Echo ihres Suchens und Sehnens finden. Aus dieser Begegnung entsteht dieser Katalog der Seligpreisungen, die der Horizont sind, dem zu folgen wir eingeladen und herausgefordert sind. Die Seligpreisungen entstehen nicht aus einer passiven Haltung angesichts der Realität; ebenso wenig können sie nicht von einem Zuschauer kommen, der zu einem traurigen Aufzeichner von Statistiken des Geschehenden wird. Sie gehen nicht von Unheilspropheten aus, die sich daran erfreuen, Hoffnungslosigkeit zu säen. Und auch nicht aus Trugbildern, die uns mit einem „Klick“ in einem Augenblick Glück versprechen. Im Gegenteil, die Seligpreisungen haben ihren Ursprung im mitfühlenden Herzen Jesu, das den Herzen der Menschen begegnet, die nach einem gesegneten Leben suchen und sich danach sehnen; von Menschen, die mit dem Leid vertraut sind; die die Bestürzung und den Schmerz kennen, der entsteht, wenn „der Boden unter den Füßen bebt“ oder „die Träume weggespült werden“ und die Arbeit eines ganzen Lebens zusammenbricht; aber noch besser kennen sie die Beharrlichkeit und den Kampf um das Vorwärtskommen, das Wiederaufbauen und das Wiederanfangen.

Wie sehr kennt sich das chilenische Herz mit Wiederaufbau und Neuanfang aus; wie sehr wisst ihr um das Aufstehen nach so vielen Stürzen! An dieses Herz wendet sich Jesus; für dieses Herz sind die Seligpreisungen gemeint!

Die Seligpreisungen entstehen nicht aus nörglerischen Haltungen und auch nicht aus dem „billigen Geschwätz“ derjenigen, die glauben, alles zu wissen, aber sich für nichts und niemandem einsetzen wollen und schließlich jede Möglichkeit lahmlegen, Wandlungs- und Wiederaufbauprozesse in unseren Gemeinschaften, in unserem Leben anzustoßen. Die Seligpreisungen kommen aus dem barmherzigen Herzen, das nicht müde wird zu hoffen. Und es erfährt: Die Hoffnung ist »der neue Tag, die Ausrottung des Stillstands, das Abschütteln einer negativen Niedergeschlagenheit« (Pablo Neruda, El habitante y su esperenza, 5).

Wenn Jesus den Armen, den Weinenden, den Trauernden, den Geduldigen, denjenigen, der vergeben hat, seligpreist … rottet er schließlich die lähmende Bewegungslosigkeit desjenigen aus, der glaubt, dass die Dinge sich nicht ändern können, desjenigen, der aufgehört hat, an die verwandelnde Macht von Gott Vater und an seine Brüder zu glauben, insbesondere an seine gebrechlichsten, an die verworfenen Brüder. Wenn Jesus die Seligpreisungen verkündet, so rüttelt er diese Resignation, den negativen Zusammenbruch auf, der uns glauben macht, dass man besser lebt, wenn man vor den Problemen flüchtet, wenn wir die anderen meiden; wenn wir uns in unseren Bequemlichkeiten verstecken oder einschließen, wenn wir in einem betäubenden Konsumismus einschlafen (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 2): diese Resignation, die uns dazu führt, uns von allen zu isolieren, abzuspalten, zu trennen; uns angesichts des Lebens und des Leidens der anderen blind zu stellen.

Die Seligpreisungen sind dieser neue Tag für alle, die weiterhin auf die Zukunft setzen, weiter träumen, weiter sich vom Geist Gottes berühren und antreiben lassen.

Stellen wir uns einmal vor, dass Jesus vom Cerro Renca oder der Puntilla kommt und zu uns sagt: Selig seid ihr … Ja, selig seid ihr; selig seid ihr, die ihr euch vom Geist Gottes anstecken lasst und für diesen neuen Tag kämpft und arbeitet, für dieses neue Chile, denn euch wird das Himmelreich gehören. »Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden« (Mt 5,9).

Angesichts der Resignation, die unsere lebenswichtigen Verbindungen wie billiges Gerede unterhöhlt und uns spaltet, sagt uns Jesus: Selig, die sich für die Versöhnung einsetzen. Glücklich, die fähig sind, sich die Hände schmutzig zu machen und dafür zu arbeiten, dass die anderen in Frieden leben können. Glücklich, die sich abmühen, um keine Spaltung zu säen. Auf diese Weise macht uns die Seligpreisung zu Friedensstiftern; sie lädt uns ein, uns dafür zu engagieren, dass der Geist der Versöhnung Raum unter uns gewinne. Willst du Glück? Willst du Seligkeit? Glücklich sind, die dafür arbeiten, dass andere ein glückliches Leben führen können. Willst du Frieden, so arbeite für den Frieden.

Ich kann nicht umhin, diesen großen Hirten Santiagos zu erwähnen, der einmal bei einem Te Deum sagte: »„Wenn du den Frieden willst, arbeite für die Gerechtigkeit“ … Und wenn jemand uns fragt: „Was ist die Gerechtigkeit?“ oder auch, ob sie vielleicht nur darin besteht, „nicht zu stehlen“, werden wir ihm sagen, dass es eine andere Gerechtigkeit gibt: die nämlich, die verlangt, dass jeder Mensch als Mensch behandelt wird« (Card. Raúl Silva Henríquez, Homilie bei der ökumenischen Feier des Te Deum, 18. September 1977).

Den Frieden auf einen Schlag durch Nähe, durch Verbundenheit säen! Dadurch, dass wir auf einen Schlag aus unseren Häusern kommen und die Gesichter anschauen, dem begegnen, dem es schlecht geht, der nicht als Person, als würdiger Sohn dieses Landes behandelt wurde. Dies ist die einzige Weise, die wir haben, um eine Zukunft des Friedens zu schmieden, um wieder ein Geflecht der Wirklichkeit zu weben, das sich nicht auftrennt. Der Arbeiter für den Frieden weiß, dass es oftmals notwendig ist, große oder subtile Engherzigkeit oder Machtstreben zu überwinden, die aus dem Anspruch entstehen, aufzusteigen und „sich einen Namen zu machen“, um Ansehen auf Kosten anderer zu erlangen. Der Arbeiter für den Frieden weiß, dass es nicht genügt zu sagen: Ich tue niemandem etwas Schlechtes, wie der heilige Alberto Hurtado sagte: »Es ist sehr gut, nichts Schlechtes zu tun, aber es ist sehr schlecht, nichts Gutes zu tun« (Meditación radial, April 1944).

Den Frieden aufzubauen ist ein Prozess, der uns zusammenruft und unsere Kreativität anregt, um Beziehungen zu pflegen, die im Nachbarn nicht einen Fremden, einen Unbekannten sehen, sondern einen Sohn dieses Landes.

Empfehlen wir uns der Unbefleckten Jungfrau, die vom Cerro San Cristobal diese Stadt behütet und begleitet. Sie möge uns helfen, den Geist der Seligpreisungen zu leben und zu ersehnen; damit man in allen Ecken dieser Stadt gleichsam wie ein Flüstern höre: »Selig die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden« (Mt 5,9).

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Teresa de Los Andes (1900-1920)

Heiligtum, Auco, Chile / Wikimedia Commons – Rodrigo Pizarro, CC BY-SA 2.0

Karmelitin und Heilige

Teresa de Los Andes ist nicht nur die erste chilenische Heilige, sondern auch die erste Heilige aus dem Karmeliterorden außerhalb Europas.

Juanita Fernández Solar wurde am 13. Juli 1900 in Santiago geboren. Sie wuchs in einer wohlhabenden, gläubigen Familie auf und wurde im christlichen Glauben erzogen. Schon als Jugendliche fühlte sie die Berufung zu einem gottgeweihten Leben. Sie studierte die Heilige Schrift und die Schriften der Heiligen, so z.B. der heiligen Theresa von Lisieux, und verspürte immer stärker den Wunsch, sich einer Ordensgemeinschaft anzuschließen. Sie nahm schließlich Kontakt zu Mutter Angelica, der Priorin der Karmeliterinnen in Los Andes, auf.

Als ihre Mutter von ihren Plänen erfuhr, versuchte sie, ihre Tochter von der Idee abzubringen. Auch die restlichen Familienmitglieder sprachen ihre Zweifel aus. Am 7. Mai 1919 trat sie dennoch den Karmeliterinnen bei und nahm den Namen Teresa de Jesus an. Schnell gewöhnte sie sich in die Ordensgemeinschaft und das Klosterleben ein.

In der Osterwoche des Jahres 1920 erkrankte Teresa de Los Andes schwer und starb am 12. April. Sie wurde am 3. April 1987 vom heiligen Johannes Paul II. in Santiago heiliggesprochen. Jährlich pilgern rund 100.000 Gläubige zu ihrem Heiligtum in Auco.

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Diese Wallfahrt ist nur für Mutige: Pilgern zum Heiligtum der Jungfrau von Las Peñas

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Pilger am Ende ihrer extremen Wallfahrt. Foto: ACI Prensa

Es ist eine der extremsten Wallfahrten überhaupt: Sie führt über steinige Wege, durch einen Fluss, über schmale Brücken aus Holz, durch enge Schluchten und durch eine weite, trockene Ebene. Am Ende wartet auf den Pilger das Heiligtum unserer Lieben Frau vom Rosenkranz von Las Peñas – was so viel bedeutet wie „die Felsen – in Arica im Norden Chiles.

Die Gläubigen begeben sich jedes Jahr am ersten Sonntag im Oktober, dem sogenannten „großen Fest“, und am 8. Dezember, dem Tag der Unbefleckten Empfängnis Mariens, dorthin. Auf einem unebenen Weg, der sich über 20 Kilometer erstreckt und für den man circa 4 Stunden braucht, je nach dem Wandertempo der jeweiligen Person.

Nach ungefähr zwei Stunden kommt man nach Humagata, einem alten Bauerndorf aus der Kolonialzeit, zu dem auch eine kleine Kirche zählt, in der ein Bild des heiligen Jakobus aufbewahrt wird. In diesem Bereich ist der Weg sehr holprig und zeichnet sich durch das Zick-Zack der Strecke aus.

Kurz bevor man das Heiligtum erreicht, kommt man zum Paso Caracol – dem „Schneckenpass“. Warum er so genannt wird, erschließt sich jedem, der einen Blick darauf geworfen hat: Enge Kurven schrauben sich zu einer Spirale sehr steiler und schmaler Pfade. Einige gehen den Weg des Nachts, um die Hitze zu vermeiden und in Gruppen, da man sich leicht verirren kann.

Zwischen Freitag, dem 30. September und Sonntag, dem 2. Oktober kamen mehr als 50.000 Menschen zum Heiligtum, dazu noch 25 Bruderschaften aus Chile und Peru, die Tänze aufführen, um das Bildnis der allerseligsten Jungfrau zu verehren, das sich in einer Felsnische befindet.

Die Pilger tanzen und singen unentwegt, begleitet von Musikgruppen, die Tag und Nacht vor der Kirche stehen.

Gleichzeitig formt sich eine lange Schlange von Gläubigen in der Ortschaft, die stundenlang warten, um das Bild der Jungfrau der Felsen auf dem Hauptaltar zu grüßen, zu berühren, um ihr zu danken und Gnaden und Hilfe zu erbitten.

Während der Festtage wurde die Vorabendmesse im Heiligtum gefeiert, der mehrere Prozessionen folgten, die mit der traditionellen Eucharistiefeier endeten, der Monsignore Moisés Arisha, der Bischof von Arica, vorstand.

In seiner Predigt ermutigte der Bischof die Anwesenden zu „einem Glauben, der stark wie ein Fels ist, wie der Fels, auf den unsere ´Mutter zwischen den Felsen´ sich niedergelassen hat und von hier aus unseren Glauben zu bezeugen und zu feiern.“

Nach der Messfeier wurde das Bild der heiligen Jungfrau unter Freudengesängen und Tänzen gekrönt.

Das Fest der Jungfrau von Las Peñas findet hauptsächlich in diesem Heiligtum in der Ebene von Livílcar statt, das sich landeinwärts in 95 Kilometer Entfernung von Arica und auf einer Höhe von ungefähr 1.300 Metern befindet.

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Imagen de la Virgen de las Peñas

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Wir müssen die Dimension des Heiligen in der Liturgie zurückerobern

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Eine Rede von Joseph Kardinal Ratzinger

vom 13. Juli 1988 vor den Bischöfen Chiles

Als erstes möchte ich Ihnen von ganzem Herzen für Ihre liebenswürdige Einladung danken, Ihr Land zu besuchen, und auch für diese Gelegenheit zu brüderlicher Begegnung und Dialog. Ich mache mir keine Illusionen, ein Land während eines Aufenthalts von einigen wenigen Tagen kennenlernen zu können, aber dennoch ist es mir sehr wichtig, die Gelegenheit zu haben, die Orte zu sehen, wo Sie arbeiten, und in gewissem Maße selbst die Atmosphäre des kirchlichen Lebens hier zu erfahren.

Ich möchte Ihnen mit diesen Worten den Dialog sehr ans Herz legen, den wir miteinander führen wollen. Ich nutze im allgemeinen die Gelegenheit einer solchen Begegnung, um kurz einige der wichtigsten Fragen der Arbeit der Kongregation zu erläutern. Doch das durch die Bischofsweihen vom 30. Juni offensichtliche Schisma bewegt mich dazu, dieses Mal mit dieser Gewohnheit zu brechen. Heute möchte ich einfach einige Dinge kommentieren, die den Fall Mgr. Lefebvres betreffen. Statt mich bei den Ereignissen aufzuhalten, scheint es mir von größerer Tragweite und Wichtigkeit, die Lehren, die die Kirche aus den gesamten Geschehnissen für heute und für morgen ziehen kann, zu beurteilen. Zu diesem Zweck möchte ich zuerst einige Bemerkungen zu der Haltung des Heiligen Stuhls während der Gespräche mit Mgr. Lefebvre voranschicken, und danach möchte ich dann auf die allgemeinen Ursachen näher eingehen, die zu dieser Situation geführt haben und die, über den besonderen Fall hinaus, uns alle betreffen.

I. Die Haltung des Heiligen Stuhls in den Gesprächen mit Lefebvre

In dem aufrichtigen Bemühen darum, einen angemessenen Lebensraum für seine Bewegung innerhalb der Kirche zu schaffen, haben wir in den letzten Monaten viel Arbeit in das Problem von Lefebvre investiert. Der Heilige Stuhl ist aus diesem Grunde von vielen Seiten kritisiert worden. Man sagte, der Heilige Stuhl habe dem Druck des Schismas nachgegeben; der Heilige Stuhl habe das Zweite Vatikanische Konzil nicht mit der angemessenen Kraft verteidigt; während der Heilige Stuhl mit großer Härte gegen die progressistischen Bewegungen vorgehe, zeige er zu viel Verständnis für die konservative Rebellion. Die spätere Entwicklung der Ereignisse hat diese Behauptungen deutlich genug widerlegt. Der Mythos der Härte des Vatikans angesichts der progressistischen Vergehen ist letzten Endes ein leeres Hirngespinst. Bisher hat man vor allem Ermahnungen ausgesprochen und in keinem Falle kanonische Strafen im eigentlichen Sinne verhängt. Die Tatsache, daß Lefebvre zum Schluß den unterschriebenen Vertrag gekündigt hat, zeigt, daß der Heilige Stuhl trotz der wirklich weitgehenden Konzessionen ihm nicht die umfassende Freiheit gewahrt hat, die er wollte. Im grundlegenden Teil der Übereinkünfte hatte Lefebvre anerkannt, daß er das Zweite Vatikanum und die Aussagen des postkonziliaren Lehramtes akzeptieren muß, und zwar mit der Autorität, die dem jeweiligen Dokument zukommt. Es ist widersinnig, daß gerade diejenigen, die keine Gelegenheit ausgelassen haben, um vor aller Welt ihren Ungehorsam – gegenüber dem Papst und den Aussagen des Lehramtes in den letzten 20 Jahren – zu verkünden, gerade diejenigen sind, die diese Haltung als zu lau verurteilen und fordern, einen totalen Gehorsam gegenüber dem Zweiten Vatikanum zu verlangen. Man hat auch behauptet, daß der Vatikan Lefebvre ein Recht auf Uneinigkeit zugestanden habe, was man den Komponenten progressistischer Tendenz dauernd verweigere. In Wahrheit war das Einzige, was man in der Übereinkunft – entsprechend Lumen Gentium Nr. 25 – bestätigte, die einfache Tatsache, daß nicht alle Dokumente des Konzils den gleichen Rang haben. Im Vertrag wurde außerdem explizit vorgesehen, daß die öffentliche Polemik vermieden werden muß, und es wurde eine positive Haltung der Achtung gegenüber den Maßnahmen und öffentlichen Erklärungen gefordert. Man hat jedoch der Priesterbruderschaft ebenso das Recht eingeräumt, dem Heiligen Stuhl – wobei dessen Entscheidungsbefugnis unangetastet bleibt – Schwierigkeiten in Fragen der Interpretation und der Reformen im juristischen und liturgischen Bereich darzulegen. Dies alles zeigt sicher ausreichend, daß Rom in diesem schwierigen Dialog die Großzügigkeit in allem, worüber sich sprechen läßt, mit der Festigkeit im Wesentlichen vereint hat. Die Erklärung, die Mgr. Lefebvre selbst für die Zurücknahme seiner Zustimmung gab, ist sehr aufschlußreich. Er erklärte, er habe nun begriffen, daß der unterzeichnete Vertrag nur darauf abziele, sein Werk in die ‚Kirche des Konzils‘ zu integrieren. Die Katholische Kirche in der Einheit mit dem Papst ist für ihn die ‚Kirche des Konzils‘, die sich ihrer eigenen Vergangenheit entäußert hat. Es scheint, als könne er nicht mehr sehen, daß es sich einfach um die Katholische Kirche mit der Gesamtheit der Tradition, zu der auch das Zweite Vatikanische Konzil gehört, handelt.

II. Überlegungen über die tieferen Ursachen des Falls Lefebvre

Das Problem, das uns Lefebvre vorgelegt hat, endet aber nicht mit dem Bruch vom 30. Juni. Es wäre zu bequem, in eine Art Triumphalismus zu verfallen und zu denken, das Problem existiere nicht mehr von dem Augenblick an, da die Bewegung Lefebvres sich klar von der Kirche getrennt hat. Ein Christ kann und darf sich über eine (Kirchen-)Spaltung niemals freuen. Auch wenn die Schuld mit Sicherheit nicht dem Heiligen Stuhl zuzuweisen ist, haben wir dennoch die Pflicht, uns zu fragen, welche Fehler wir gemacht haben, welche Fehler wir (noch immer) machen. Die Normen, mit denen man seit der Erscheinung des Dekrets über den Ökumenismus im Zweiten Vatikanum die Vergangenheit bewertet, müssen logischerweise auch in der Gegenwart Gültigkeit haben. Eine der fundamentalen Entdeckungen der ökumenischen Theologie ist, daß Schismen nur dann entstehen können, wenn in der Kirche einige Wahrheiten und einige Werte des christlichen Glaubens nicht mehr gelebt und geliebt werden. Die an den Rand gedrängte Wahrheit verselbständigt sich, und von der Ganzheit der kirchlichen Struktur entwurzelt, bildet sich in ihrem Umfeld dann die neue Bewegung. Die Tatsache, daß nicht wenige Menschen außerhalb des engen Kreises der Mitglieder der Priesterbruderschaft Lefebvres in diesem Mann eine Art Leitbild oder zumindest nützlichen Lehrer sehen, muß uns zu denken geben. Es reicht nicht, sich auf politische Motive oder auf Nostalgie und andere sekundäre Gründe kultureller Art zu berufen. Diese Gründe würden nicht ausreichen, um auch und besonders junge Menschen anzuziehen, die aus sehr verschiedenen Ländern mit den unterschiedlichsten politischen oder kulturellen Voraussetzungen stammen. Sicher bemerkt man überall die engstirnige, einseitige Betrachtungsweise. Trotzdem wäre das Phänomen insgesamt nicht denkbar, wenn es nicht auch eine Reihe positiver Elemente gäbe, die in der heutigen Kirche im allgemeinen nicht den erforderlichen Lebensraum finden. Aus allen diesen Gründen sollten wir diese Situation vor allem als einen Anlaß zur Gewissensprüfung betrachten. Wir müssen uns ernsthaft zu den Mängeln in unserer Seelsorge befragen lassen, auf die alle diese Ereignisse hinweisen. So werden wir denen einen Platz bieten können, die innerhalb der Kirche fragen und suchen, und so wird es uns gelingen, das Schisma aus dem Innern der Kirche selbst heraus überflüssig zu machen. Ich möchte gerne drei Aspekte nennen, die meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen.

a) Das Heilige und das Profane

Es gibt viele Gründe, die dazu geführt haben können, daß viele Menschen Zuflucht in der alten Liturgie suchen. Ein erster und wichtiger Grund liegt in der Bewahrung der Würde und des Heiligen. Nach dem Konzil haben viele absichtlich die „Entsakralisierung“ zum Programm erhoben, indem sie erklärten, daß das Neue Testament den Tempelkult abgeschafft habe: Der Vorhang des Tempels, der im Augenblick des Kreuztodes Christi zerriß, bedeute – ihrer Meinung nach – das Ende des Heiligen. Der Tod Jesu außerhalb der Mauern, d.h. vor aller Augen, ist nun der wahre Kult. Der Kult, wenn er überhaupt existiert, besteht in der Nicht-Sakralität des täglichen Lebens, in der gelebten Liebe. Von diesen Überlegungen getrieben, hat man die priesterlichen Gewänder beiseite gelegt; man befreite die Kirchen weitestgehend vom Glanz, der an das Heilige erinnert; und wo dies möglich war, reduzierte man die Liturgie durch Grüße, gemeinsame Zeichen der Freundschaft und ähnliche Dinge auf die Sprache und Gesten des normalen Lebens.

Dennoch verkannte man mit diesen Theorien und dieser Praxis völlig den wahren Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament; man hatte vergessen, daß diese Welt noch nicht das Königreich Gottes ist und daß „der Heilige Gottes“ (Joh. 6,69) weiterhin noch im Gegensatz zur Welt steht; daß wir der Läuterung bedürfen, um uns Ihm zu nähern; daß das Profane auch nach dem Tod und der Auferstehung Jesu nicht zum Heiligen geworden ist. Der Auferstandene ist nur denjenigen erschienen, deren Herz sich Ihm, dem Heiligen, öffnete: er hat sich nicht jedem gezeigt. Aus dieser Welt hat man den neuen Raum des Kultes geöffnet, auf den wir uns alle beziehen; auf diesen Kult, der darin besteht, sich der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu nähern, zu dessen Füßen sich die Frauen niederwarfen und den sie anbeteten (Mt.28,9). Ich will jetzt nicht weiter auf diesen Punkt eingehen, sondern direkt die Schlußfolgerung ziehen: Wir müssen die Dimension des Heiligen in der Liturgie zurückerobern. Die Liturgie ist kein Festspiel, kein gemütliches Zusammensein. Es ist vollkommen unwichtig, ob es dem Priester gelingt, seine eindrucksvollen Ideen oder phantasievollen Nachtgedanken zu verwirklichen. Die Liturgie bedeutet, den dreimal heiligen Gott unter uns zu vergegenwärtigen, sie ist der brennende Dornbusch und die Verbindung Gottes mit dem Menschen in Jesus Christus, dem Toten und dem Auferstandenen. Die Größe der Liturgie besteht nicht darin, eine interessante Unterhaltung zu bieten, sondern darin, daß uns der Völlig-Andere berührt, den wir nicht herbeiholen könnten. Er kommt, weil Er will. Mit anderen Worten, das Wesentliche der Liturgie ist das Geheimnis, das im gemeinsamen Ritus der Kirche begangen wird; alles andere ist Nebensache. Die Menschen spüren dies im Innern und fühlen sich betrogen, wenn das Mysterium in Unterhaltung verwandelt wird, wenn der Hauptdarsteller in der Liturgie nicht mehr der lebendige Gott ist, sondern der Priester oder liturgische Animateur.

b) Der nicht der Willkür unterliegende Glaube und seine Fortdauer.

Das Zweite Vatikanische Konzil gegen Mgr. Lefebvre als Wertvolles und Verbindendes der Kirche zu verteidigen ist und bleibt eine Notwendigkeit. Aber es gibt eine einengende Haltung, die das Zweite Vatikanum isoliert und die Opposition hervorgerufen hat. Viele Ausführungen vermitteln den Eindruck, daß nach dem Vatikanum II jetzt alles anders ist und das Frühere alles keine Gültigkeit mehr haben kann, oder, in den meisten Fällen, diese nur noch im Lichte des Vatikanum II hat. Das Zweite Vatikanische Konzil behandelt man nicht als Teil der lebendigen Tradition der Kirche, sondern direkt als Ende der Tradition und so, als fange man ganz bei Null an. Die Wahrheit ist, daß das Konzil selbst kein Dogma definiert hat und sich bewußt in einem niedrigeren Rang als reines Pastoralkonzil ausdrücken wollte; trotzdem interpretieren es viele, als wäre es fast das Superdogma, das allen anderen die Bedeutung nimmt.

Dieser Eindruck wird besonders durch Ereignisse des täglichen Lebens verstärkt. Was früher als das Heiligste galt – die überlieferte Form der Liturgie – scheint plötzlich als das Verbotenste und das Einzige, was man mit Sicherheit ablehnen muß. Man duldet keine Kritik an den Maßnahmen der nachkonziliaren Zeit; wo aber die alten Normen oder die großen Glaubenswahrheiten – zum Beispiel die leibliche Jungfräulichkeit Marias, die körperliche Auferstehung Jesu, die Unsterblichkeit der Seele etc. – im Spiel sind, da reagiert man entweder überhaupt nicht, oder nur in extrem abgeschwächter Form. Ich selbst habe als Professor sehen können, wie selbst der Bischof, der vor dem Konzil einen einwandfreien Professor wegen seiner etwas ungehobelten Reden ablehnte, sich nach dem Konzil nicht in der Lage sah, einen anderen Professor abzulehnen, der offen einige fundamentale Glaubenswahrheiten leugnete. Das führt bei vielen Menschen dazu, daß sie sich fragen, ob die Kirche von heute wirklich noch die gleiche ist wie gestern, oder ob man sie nicht ohne Warnung gegen eine andere ausgetauscht hat. Der einzige Weg, das Vatikanum II glaubwürdig zu machen, besteht darin, es klar als das darzustellen, was es ist: ein Teil der ganzen und einzigen Tradition der Kirche und ihres Glaubens.

c) Die Einzigkeit der Wahrheit

Abgesehen von den liturgischen Fragen, die wir jetzt beiseite lassen, sind die zentralen Konfliktpunkte gegenwärtig der Angriff gegen das Dekret über die Religionsfreiheit und den sogenannten Geist von Assisi. Hier zieht Lefebvre die Grenzen zwischen seiner Position und derjenigen der Katholischen Kirche von heute. Es ist nicht nötig, ausdrücklich hinzuzufügen, daß seine Aussagen in diesem Bereich nicht akzeptiert werden können. Aber wir werden uns hier nicht mit seinen Irrtümern beschäftigen, sondern wir wollen uns fragen, wo es in uns selbst an Klarheit mangelt. Für Lefebvre handelt es sich um einen Kampf gegen den ideologischen Liberalismus, gegen die Relativierung der Wahrheit. Natürlich teilen wir nicht seine Meinung, daß der Text des Konzils über die Religionsfreiheit oder das Gebet von Assisi nach der gewollten Intention des Papstes Relativierungen sind. Aber die Wahrheit ist, daß in der spirituellen Bewegung der nachkonziliaren Zeit oft die Frage der Wahrheit vergessen, ja sogar unterdrückt wurde; vielleicht liegt hier das Kernproblem der heutigen Theologie und Seelsorge. Die „Wahrheit“ erschien plötzlich ein zu hoher Anspruch, ein „Triumphalismus“, den man sich jetzt nicht mehr erlauben konnte. Dieser Prozeß zeigt sich klar in der Krise, in die das Ideal und die Praxis der Mission geraten sind. Wenn wir nicht die Wahrheit aufzeigen, wenn wir unseren Glauben verkünden und wenn diese Wahrheit nicht mehr unbedingt zur Rettung des Menschen erforderlich ist, dann verlieren die Missionen ihren Sinn. Als Folge davon zog und zieht man die Schlußfolgerung, daß man sich in Zukunft nur noch darum bemühen muß, daß die Christen gute Christen sind, die Moslems gute Moslems, die Hindus gute Hindus etc. Aber wie kann man wissen, wann jemand ein „guter“ Christ oder „guter“ Moslem ist? Der Gedanke, daß alle religiösen Ausdrucksweisen eigentlich nur Symbole des letzten Endes Unverstehbaren sind, gewinnt auch in der Theologie rasch an Boden und dringt bereits tief in die liturgische Praxis ein. Dort, wo dieses Phänomen auftritt, wird der Glaube an sich verlassen, denn er besteht ja gerade darin, mich der Wahrheit, soweit ich sie erkannt habe, anzuvertrauen. So haben wir sicher alle Veranlassung, auch in diesem Bereich auf den richtigen Weg zurückzukehren. Wenn es uns gelingt, wieder die Gesamtheit des Katholischen in diesen Punkten zu zeigen und zu leben, dann können wir damit rechnen, daß das Schisma von Lefebvre nicht von langer Dauer sein wird.

Diese Rede hielt Kardinal Ratinger dreizehn Tage nach den unerlaubten Bischofsweihen von Erzbischof Marcel Lefebvre. Sie erschien in der chilenischen Zeitschrift der Bewegung „Comunione e Liberazione“.

Private Übertragung aus dem Spanischen von Elke Zdarsky.

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