Kardinal Müller: Piusbrüder, Frauendiakonat und Entlassungen

Kardinal Müller auf dem Petersplatz

Eine Einigung zwischen der traditionalistischen Piusbruderschaft und dem Vatikan ist laut Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller noch nicht in greifbarer Nähe. „Das braucht Zeit“, sagte der Präfekt der römischen Glaubenskongregation dem katholischen Sender EWTN. Nötig sei eine „tiefere Versöhnung, nicht nur die Unterzeichnung eines Dokuments“. Wer katholisch sein wolle, müsse unter anderem die Konzilien und die übrige kirchliche Lehre sowie die „hierarchische Gemeinschaft mit dem Ortsbischof, der Gemeinschaft aller Bischöfe und dem Heiligen Vater“ akzeptieren.

Zur Streitfrage der Liturgiereform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sagte Müller, es sei seit jeher katholische Auffassung, dass der Papst und Synoden das Recht und die Pflicht hätten, die „äußere Form der Liturgie“ neu zu gestalten. „Die Substanz der Liturgie ist durch die Offenbarung gegeben und kann von niemandem geändert werden“, fügte er hinzu. Das Interview wurde am Donnerstag als Video im Internet veröffentlicht; am Samstag erschienen schriftliche Auszüge in Sozialen Netzwerken.

Diakoninnenweihe „unmöglich“ 

Mit Blick auf eine von Papst Franziskus eingesetzte Studienkommission zu Diakoninnen in der Kirchengeschichte sagte Müller, der Papst beziehe sich dabei nicht auf das dreistufige katholische Weiheamt von Diakon, Priester und Bischof. Es gehe um Frauen, die in der frühen Kirche etwa als Helferinnen bei der Taufe von Frauen oder in karitativen Aufgaben tätig gewesen seien.

Eine Diakoninnenweihe schloss der Kardinal als „unmöglich“ aus. „Das wird nicht kommen“, so Müller. Überdies sei dies auch nicht nötig. Heute seien Frauen in der Kirche in höheren Verantwortungspositionen als die Diakoninnen der Antike.

Mitarbeiter besser behandeln

Ungewöhnlich offene Kritik übte der Kardinal an der angeblichen Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation durch den Papst. Der Schritt war Ende 2016 bekanntgeworden und soll gegen den Willen Müllers erfolgt sein. Er sagte dazu im Interview, diese Geschichte sei wahr. Er wünsche sich „eine bessere Behandlung unserer Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl“. Man dürfe nicht nur über die Soziallehre reden, sondern müsse sie auch respektieren, so der Kardinal.

Müller rückte die Personalentscheidung in die Nähe eines „alten höfischen Gebarens“, das Franziskus selbst kritisierte. Mitarbeiter könne man nur dann entlassen, wenn sie einen Fehler machten oder Voraussetzungen wie Rechtgläubigkeit, integre Lebensführung und Sachkompetenz nicht erfüllten.

(kap 28.05.2017 cs)

Das Verhältnis von Kirche und Staat

Kardinal Gerhard Müller (Links), Msgr. Stanisław Gądecki (Mitte), Pater Federico Lombardi (Rechts) / Foto: E. Bartkiewicz

Vortrag von Gerhard Kardinal Müller bei der Konferenz
„Die Auffassung des Staates in der Perspektive der Lehre
Joseph Kardinal Ratzingers / Benedikts XVI.“
— Volltext

Zum Anlaß des 90. Geburtstages des Papstes emeritus Benedikt XVI. fand am Mittwoch, dem 19. April 2017, in Warschau eine internationale Konferenz zum Thema „Die Auffassung des Staates in der Perspektive der Lehre Joseph Kardinal Ratzingers / Benedikts XVI.“ statt. Organisiert wurde die Tagung von der polnischen Bischofskonferenz, von der Vatikanstiftung „Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ und vom Unterhaus (Sejm) des polnischen Parlaments. Zu den Sprechern gehörte auch der deutsche Kurienkardinal und Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gerhard Müller, dessen Vortrag wir im Folgenden dokumentieren.

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Gerhard Kardinal Müller

Das Verhältnis von Kirche und Staat begleitet als Thema der Theologie und der Staatsphilosophie die 2000-jährige Geschichte des Christentums in allen Ländern rund um den Globus. Es geht dabei nicht nur um Abgrenzung von Zuständigkeiten und Ansprüchen, sondern vielmehr um die gemeinsame Verantwortung gegenüber dem Menschen und der Gesellschaft, zu deren Förderung  Staat und Kirche da sein wollen.

Die anthropologische Basis der Beziehung von Kirche und Staat

Nur im Licht der Bestimmung von Wesen, Weg und Ziel des Menschen können das je Eigenständige von staatlicher Macht und kirchlicher Autorität und die Beziehung zueinander präziser erfasst werden. Wichtig ist auch die Festlegung der Grenzen menschlicher Autorität. Denn der Mensch ist zwar ein ens politicum aber auch ens metaphysicum. Der Mensch ist nicht um des Staates willen da, sondern der Staat um des Menschen willen. Alles, was über die äußere Ordnung der Polis hinausgeht, nämlich: die Moral und Philosophie, die Wissenschaft und Kultur, kann äußerlich vom Staat gefördert werden, überschreitet aber wesentlich den Staat. Denn der Mensch als ein Wesen des Geistes und des Gewissen, überschreitet in Vernunft und Willen die Welt und wird unmittelbar zum Sein und seinen Gründen in der Wahrheit und Gutheit, die mit dem Sein koexistent sind. Das ist das anthropologische Grundgesetz: Der Mensch ist niemals Mittel zum Zweck, sondern er bewegt sich frei und bewusst auf  den Grund des Seins zu. Der Mensch ist in seiner Selbst- und Welttranszendenz eine auf Gott hin offenes Wesen. Eine anthropologische Fundamental-Reflexion führt weiter als die Schlagworte und Stereotypen aus den Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts mit dem liberalen Laizismus und aus dem 20. Jahrhundert mit den totalitären Ansprüchen der politischen Ideologien des Imperialismus, des Rassismus, des Chauvinismus und des Kommunismus. Diese Systeme waren nicht einfache Diktaturen, in denen die rohe Gewalt das Prinzip der Herrschaft ist. Sie versuchten sich an einer Neudefinition und Neuerschaffung des Menschen als homo sovieticus, als Herrenmensch aufgrund der Rasse oder des Besitzes.

Die Grenze der öffentlichen Gewalt, die das eigentliche Prinzip des demokratischen Rechtsstaates ist gegenüber den Ansprüchen auf absolute Verfügungsgewalt der Obrigkeitsstaaten, ist die unveräußerliche und unverletzliche Würde des Menschen. Und die positive Bestimmung des Staates und damit seine wahre Souveränität besteht in der Bereitschaft zum Dienst am Gemeinwohl aller seiner Bürger. Ihr Maß ist die Gerechtigkeit und Recht und damit die Garantie der bürgerlichen Freiheit als materielle Voraussetzung der personalen Freiheit, sich im Gewissen an der Wahrheit und der Liebe Maß zu nehmen.

Am Ursprung des ganzen Thematik steht die denkwürdige Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern, die ihn hinsichtlich des Kirche-Staat-Verhältnisses in eine tödliche Falle locken wollten. Sie fragten ihn, den Juden als Angehörigen eines der römischen Fremdherrschaft unterworfenen, aber in die römische Herrschaft legal eingegliederten Volkes, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Die Anerkennung der Steuerpflicht war gleichbedeutend mit der Anerkennung des römischen Kaisers als legitimen Herrschers eines Volkes, das sich als Gottes Volk und Eigentum verstand. Dahinter verbirgt sich der Konflikt zwischen der Anerkennung von menschlicher und göttlicher Autorität. Es geht nicht um den Wechsel der Herrschaft bei der Annexion oder Abtretung der Provinz eines Reiches an ein anderes Reich, so wie etwa Friedrich II. von Preußen der Kaiserin Maria Theresia in den drei schlesischen Kriegen, freilich um den Preis von Hunderttausenden von Menschenleben, die Provinz Schlesien abgenommen hat.

Es stellt sich in der entscheiden Auseinandersetzung des Sohnes Gottes mit seinen Widersachern die Frage, wem der Mensch mehr gehorchen muss: Gott oder den Menschen? Was auf dem Spiel steht ist – säkular gesprochen – die Gewissens- und Religionsfreiheit und – metaphysisch gedacht – die umfassende Verantwortung des Menschen vor Gott als Schöpfer der Welt, als Ursprung der Wahrheit und als Garant des ewigen Heils.

Jesus lässt sich den Denar mit dem Bild und der Aufschrift des Kaisers zeigen. Darin ist in der Form von Steuern die hoheitliche Autorität des Staates anerkannt und seine gesamte ökonomische und administrative Zuständigkeit für die Gesellschaft symbolisiert. Jeder künftigen Theorie des Kirche-Staat-Verhältnisses liegt nun das Wort Jesu zugrunde: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ (Mt 22,21).

Die Fragesteller zeigten sich keineswegs zufrieden, weil Jesus ihnen nicht in die Falle ging, aber auch weil die absolute Neuheit der Antwort nicht mit ihren vertrauten Kategorien des Ausschlusses und der Konfrontation nicht zu fassen war. Was ist das Neue und Zukunftsweisende  in der Antwort Jesu?

Jesus legitimiert die politische Gewalt und begrenzt  zugleich ihre Zuständigkeit auf die Regelung der materiellen Lebensgrundlagen. Wir sagen mit der späteren Tradition, dass der Staat überhaupt, unabhängig von der Frage nach der Staatsform, nicht religiös-theokratisch oder offenbarungstheologisch, sondern naturrechtlich begründet ist. Das schließt eine unmittelbare Autorisierung staatlicher Autorität durch Gott aus, so dass positive Gesetze und Regierungsmaßnahmen oder Gerichtsurteile nicht Ausdruck des Willens Gottes sein können. Sie haben nur soweit Autorität wie menschliche fehlbare Kompetenz reicht. Positive Gesetze und Entscheidungen müssen nur der Würde und den Grundrechten des Menschen entsprechen, wie sie seiner geist-leiblichen Natur und seiner welthaften, geschichtlichen und sozialen Daseinsform entsprechen.

Ein Absolutheitsanspruch des Staates auf den Menschen in seinem sittlichen Gewissen und seiner personalen Transzendenz auf die Wahrheit und Gott widerspricht der Würde des Menschen. Sowohl der altrömische Kaiserkult und jede andere antike und moderne Form von Vergötzung des Staates ist grundsätzlich als unsittlich abzulehnen. Denn die metaphysische und ethische Vernunft sagt uns, dass niemals Menschen die absolute Verfügung über andere Menschen beanspruchen können. Auch christliche Herrscher in der Vergangenheit oder heute Christen, die in einer Demokratie ein öffentliches Amt in der Regierung, im Parlament  oder der Rechtsprechung bekleiden, können nicht Gehorsam von den Bürgern ihrer eigenen oder einer anderen Religion verlangen im Namen Gottes, dem sie sich mit dem übernatürlichen Glauben in Verstand und Freiheit ganz überantworten, sondern nur in Namen des sittlichen Grundgesetzes und der positiven Normen und Gesetze, die legitim und notwendig für alle Bürger gleichermaßen gelten.

Ist der „Kaiser“, d.h. die staatliche Autorität, auf die Regelung des Irdischen eingeschränkt, so kann das Reich und die Herrschaft Gottes den Menschen in seinem ganzen inneren und äußeren Sein umfassen. Universale Gottorientierung und konkrete Weltverantwortung bedingen sich einander wenigstens nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens. Das Reich Gottes ist nicht von der Welt und ihrer Art, sondern es ist Gott in uns, der sich als Ursprung unseres Daseins und als Ziel unserer höchsten Berufung geoffenbart hat, nämlich in seinem Fleisch gewordenen Wort und dem in unser Herz eingegossenen Heiligen Geist.

Der umfassende Anspruch  Gottes auf den Menschen, insofern er sich in Christus als Weg, Wahrheit und Leben für jeden Menschen ohne Ausnahme offenbart hat, ist nicht identisch mit der Autorität seiner Kirche, aber er will durch ihre Botschaft und ihr Leben in der Welt und der Gesellschaft bekannt und ursprünglich verwirklicht werden. Darum  beschränkt sich die Sendung der Kirche nicht auf religiös-spirituelle Angebote und sozial-karitative Initiativen. Ihr Apostolat besteht in der Verkündigung des universalen Heilswillens Gottes, der den Menschen zur Anteilhabe an seiner Wahrheit und seiner Güte beruft im ewigen Leben.

Zugleich ist die Kirche „Zeichen und Schutz der Transzendenz der Person“ (Gaudium et spes 76) gegenüber jedem politischen, religiös und ideologisch verbrämten Totalitätsanspruch von Menschen über Menschen. Nur wo Gott herrscht, wird der Mensch frei, weil allen Seins mächtige Gott durch die Schöpfung, Erlösung und Vollendung des Menschen nichts gewinnt und verliert. Darum bedeutet die Offenbarung seiner Wahrheit und die Mitteilung seiner Gnade immer Erhöhung und Vollendung des Menschen. Endliche Ursachen begrenzen sich und konkurrieren miteinander. Wo Gottes Unendlichkeit und des Menschen Endlichkeit aufeinandertreffen, wird der Mensch nicht gedemütigt, eingeschüchtert und unterdrückt, sondern erhoben zur „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21), dort wird das Sterbliche und Vergängliche von der Unsterblichkeit und der Unvergänglichkeit bekleidet, wird der Tod vom Leben verschlungen. ( 1 Kor 15,55).

Um des irdischen und ewigen Heils des Menschen Willens arbeiten die Christen und die Kirche mit allen Menschen guten Willens in einer pluralistischen Gesellschaft zusammen und leisten ihren Beitrag zum Funktionieren der legitimen staatlichen Einrichtungen. Die Kooperation der Kirche mit dem Staat muss aber immer auch kritisch und in richtiger Distanz betrachtet werden. Denn die Kirche des gekreuzigten und auferstandenen Herrn „setzt ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch ihre Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt wird“. (Gaudium et spes 76). Diese Einsicht des II. Vatikanischen Konzils hatte Papst Benedikt in seiner Rede in Freiburg i. Br. bei seiner Deutschland-Reise 2011 aufgegriffen und damit nur  vorweggenommen, was Papst Franziskus als geistigen Neokolonialismus zurückweist, wenn Entwicklungshilfegelder der EU oder der USA an arme und notleidende Ländern z.B. an die Übernahme der Genderideologie oder die innereuropäischen Hilfen an die menschenrechtswidrige Frühsexualisierung von Kindern gebunden wird. In diesem Zusammenhang ist auch der totalitäre Zugriff auf den Menschen zu nennen und zu bekämpfen, wenn in die Keimbahn und das Leben und die leibliche Integrität der ungeborenen Menschen eingegriffen wird, bei dem Organhandel, bei der neuen Welle der Versklavung von Millionen Menschen, von der Propagierung des assistierten Selbstmordes und generell der gezielten De-Christianisierung und damit Entmenschlichung der westlichen Welt. Über eine allgemeine und theoretische Begründung des Verhältnisses eines säkularen Staates und der Kirche in ihrer übernatürlichen Heilsendung hinaus, fällt der Kirche die prophetische Rolle der Anwältin der Menschenwürde zu , die dem Menschen wesenhaft zukommt von ersten Augenblick der Empfängnis angefangen bis zu seinem letzten Atemzug beim Sterben.

Die Kirche als Anwältin der Menschwürde im säkularen Staat von heute

Bereits Papst Johannes XXIII. hat in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ eine eigene Charta der Menschenrechte vorgelegt und übertrifft dabei die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ durch den deutlichen Akzent, der mit der christlichen Durchdringung der Fragestellung gegeben ist: Der Mensch als Person ist Ausgangspunkt seiner Würde. Damit überwindet die Kirche gerade den horizontalen Begründungsrahmen, der sich jederzeit schnell ändern und anderen Interessen unterworfen werden kann, und führt die Diskussion auf den eigentlichen Kern: Mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet, hat die Person Rechte und Pflichten, die ihr von Natur aus eigen sind. Die Menschenrechte sind nicht in diesen oder jenen subjektiven Bedürfnissen begründet, sondern in der geistig-leiblichen Natur des Menschen. Der unbedingte Respekt von der Person, vor Leib und Leben des Mitmenschen muss von allen als gemeinsame Grundlage des Handelns akzeptiert werden. Dann gibt es eine echte Chance, dass Ungleichheiten bei der Partizipation an den Ressourcen der Erde verschwinden und die für alle Menschen gültige Freiheit zum tragenden Element aller sozialen Ordnungen wird:

„Jedem menschlichen Zusammenleben, das gut geordnet und fruchtbar sein soll, muss das Prinzip zugrunde liegen, dass jeder Mensch seinem Wesen nach Person ist. Er hat eine Natur, die mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist; er hat daher aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Natur hervorgehen. Wie sie allgemein gültig und unverletzlich sind, können sie auch in keiner Weise veräußert werden.“ (Pacem in terris, Nr. 9)

Die Grundidee der Menschenrechte entspricht nicht nur zutiefst dem biblisch-christlichen Verständnis des Menschen, sondern ist die Wurzel, von der alle Initiativen für eine Wertschätzung des menschlichen Lebens ausgehen. Durch die Kirche werden diese Grundlagen hinein in die moderne Welt übersetzt. Unterschiede der ethnischen Herkunft, der politischen Zugehörigkeit oder der kulturellen Identität dürfen nicht zu einer Barriere zwischen den Menschen werden. Jede Form der Ausgrenzung widerspricht dem von der Kirche klar formulierten Person-Begriff.

Die Kirche kann über diese religiösen, nationalen und ideologischen Grenzen hinweg zur Ausbildung eines vorgesetzlichen Konsensus über die Würde und die Rechte des Menschen aktiv beitragen. Die christliche Verantwortung für die Menschenrechte wird deutlich in der Information und der öffentlichen Bewusstseinsbildung in allen Fragen, die das menschliche Leben in seiner Unantastbarkeit betrifft – Einflussnahme auf gesetzliche Regelungen zum Lebensschutz, international agierende kirchliche Hilfsorganisationen, deren Beitrag in den Sofortmaßnahmen und den langfristigen Prozessen nicht nur beschränkt bleiben auf die  materielle Hilfe. Das Engagement der Kirche in Gebieten der Armut, wo die einfachsten Lebensgrundlagen nicht vorhanden sind, hilft den Betroffenen ihren Wert als Menschen wieder oder vielleicht zum ersten mal wahrzunehmen.

Die Ausgestaltung der Menschenrechte auf der Grundlage der Würde der Person ist zutiefst mit der Lehre der Kirche verbunden. So hat das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ eine eigene Interpretation von Menschenrechten vertreten:

„Kraft des ihr anvertrauten Evangeliums verkündet also die Kirche die Rechte des Menschen, und sie anerkennt und schätzt die Dynamik der Gegenwart, die diese Rechte überall fördert. Freilich muss diese Bewegung vom Geist des Evangeliums erfüllt und gegen jede Art falscher Autonomie geschützt werden. Wir sind nämlich der Versuchung ausgesetzt, unsere persönlichen Rechte nur dann für voll gewahrt zu halten, wenn wir jeder Norm des göttlichen Gesetzes ledig wären. Auf diesem Wege aber geht die Würde der menschlichen Person, statt gewahr zu werden, eher verloren.“ (GS 41)

Menschenrechte sind also keine von der Gemeinschaft einiger Staaten konstruierten Regeln – auch wenn sie diese in eine „statutenhafte“ Form bringen – sondern nur entschlüsselbar und dauerhaft als verbindliche Norm der Gesellschaft vorangestellt, wenn sie mit Gott in Verbindung gebracht werden. Menschenrechte, die auf dem Gestus einer politischen Ideologie beruhen, sind zeitlich begrenzt, weil sie jederzeit von den Machthabern auch anders interpretiert und umgesetzt werden können. Eine Verankerung in Gott enthebt sie dem Zugriff und der Beliebigkeit des Menschen. Insofern finden Menschenrechte nur dann eine umfassende Anwendung, wenn der Mensch selbst im Mittelpunkt steht.  Nur wo eine höhere Instanz anerkannt wird, ist der Mensch nicht mehr dem Menschen ausgeliefert oder gefangen im Goldenen Käfig eines „Paradieses auf Erden“, das sich nach allen Erfahrungen als Hölle auf Erden erwiesen hat. Philosophisch gesagt: Gott ist Grund der Würde des Menschen und der Grant seiner Freiheit für  das Tun des Guten und das Meiden des Bösen.

Das Konzil will mit Nachdruck die Achtung vor dem Menschen einschärfen und formuliert eindrucksvoll: „Alle müssen ihren Nächsten ohne Ausnahme als ein ´anderes Ich´ ansehen, vor allem auf sein Leben und die notwendigen Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens bedacht.“ (GS 26)

Was aus der Passage aus „Gaudium et Spes“ für eine christliche Erfassung von Menschenrechten folgt, kann an einigen Texten von Johannes Paul II. erörtert werden:

„Eine wahre Demokratie ist nur in einem Rechtsstaat und auf der Grundlage einer richtigen Auffassung vom Menschen möglich … Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie die Geschichte beweist, leicht in einen offenen oder hinterhältigen Totalitarismus.“ (Centesimus Annus 46)

Die modernen Verfassungen, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs  und den ungeheuren Gräueltaten der totalitären Staaten entstanden sind, verankern die Grundrechte, die der Demokratie eine solide rechtsstaatliche Grundlage in der Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.

„Unter den vorrangigsten Rechten sind zu erwähnen: das Recht auf Leben, zu dem wesentlich das Recht gehört, nach der Zeugung im Mutterschoß heranzuwachsen; das Recht, in einer geeinten Familie und in einem sittlichen Milieu zu leben, das für die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit geeignet ist; das Recht seinen Verstand und seine Freiheit in der Suche und Erkenntnis der Wahrheit zur Reife zu bringen; das Recht an der Arbeit zur Erschließung der Güter der Erde teilzunehmen und daraus den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen; das Recht auf freie Gründung einer Familie und auf Empfang und Erziehung der Kinder….“ (Centesimus Annus 47)

Es geht nicht um abstrakte Modelle, mit denen man das Verhältnis von Kirche und Staat theoretisch beschreiben kann, sondern es geht um die Zukunft unserer Völker in den Nationen und Staaten und vor allem um die Zukunft des Projektes „Europa“. Nicht die ökonomischen Interessen halten die europäischen Bürger in der Schicksalsgemeinschaft zusammen und schon gar nicht eine agnostisch-atheistische Ideologie, die sich als Staatsphilosophie etablieren will in den europäischen Institutionen. Sie ist zum Untergang verurteilt und wird viele Menschen mit sich in den Abgrund der Frustration und Desillusion reißen.

Die metaphysische Grundfrage ist, ob es mit dem Grund des Seins und seiner Repräsentationen in den konkreten Dingen Nichts ist, dem wir verzweifelt einen Sinn zuschreiben müssen, oder ob der Grund des Seins Vernunft ist?

Das ist unsere Überzeugung, dass im Ganzen der Welt, der Geschichte, der Gesellschaft und jedes einzelnen Menschen sich die schöpferische Vernunft ihres Gottes und Schöpfers manifestiert. Nicht der Geist, der stetes verneint, sondern der Spiritus Creator bejaht und trägt alles.

In seiner Rede im Deutschen Bundestag am 22. September 2011 bezeichnete Papst Benedikt XVI. das religiös-kulturelle Erbe des Christentums in Verbindung mit dem Vernunftdenken der Griechen und dem Rechtsdenken Roms als die Quelle für die Gestaltung der Saaten und besonders Europas.

„Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden… Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechtes gesetzt, die zu verteidigen uns in unsere historischen Stunde aufgegeben ist.“

Das kulturelle Erbe des Christentums ist die beste Versicherung gegen neu aufkommende totalitäre Ideologien, die die Menschenwürde bedrohen und eines rechtsstaatliche Demokratie und eine pluralistische Gesellschaft zerstören würden.

Die Sendung der Kirche besteht darin, dass der Mensch am Ende alles Gott übereignet, von dem er alles empfangen, damit Christus als Alpha und Omega von Welt und Mensch erkannt wird. Die Rolle der Kirche innerhalb und überhalb der Staatlichen Ordnung umschreibt das II. Vatikanische Konzil in seiner großangelegten Pastoral Konstitution über die Kirche in der Welt von heute so:“ Während sie selbst der Welt hilft oder von dieser vieles empfängt, strebt die Kirche nach dem einen Ziel, nach der Ankunft des Reiches Gottes und der Verwirklichung des Heils der ganzen Menschheit. Alles aber, was das Volk Gottes in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft der Menschenfamilie an Gutem mitteilen kann, kommt letztlich daher, dass die Kirche das ‚allumfassende Sakrament des Heils‘ ist, welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht.“ (Gaudium et spes 45).

(Mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle der polnischen Bischofskonferenz)

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Quelle

Kard. Müller: Entscheid zu Medjugorje könnte noch dauern

Medjugorje

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, hat eine „womöglich noch lange Wartezeit“ auf eine endgültige Entscheidung des Vatikan über eine Anerkennung der berichteten Marienerscheinungen von Medjugorje in Aussicht gestellt. Ein pastorales Phänomen dürfe nicht auf falsche Grundlagen gebaut sein, sagte er im Interview mit der polnischen katholischen Nachrichtenagentur KAI.

Die Glaubenskongregation würde die behaupteten rund 42.000 bisherigen Erscheinungen seit 1981 derzeit genau und im Hinblick auf eine Entscheidung durch den Papst untersuchen, sagte Müller. Es gäbe keine Fristsetzung für einen Abschluss der Forschungen über den übernatürlichen Charakter der Ereignisse von Medjugorje, so Müller weiter. Seine Kongregation werde sich dabei nicht unter Druck setzen lassen. Eine „nuancierte Position“ aus dem Vatikan sei dringendst nötig.

Der bosnische Wallfahrtsort Medjugorje – Ziel von jährlich 2,5 Millionen Pilgern aus aller Welt – ist auch derzeit wieder Gegenstand einer vatikanischen Untersuchung. Der polnische Erzbischof Henryk Hoser hat dazu in den vergangenen zwei Wochen die vom Franziskanerorden geleitete Seelsorge vor Ort erkundet und soll im Auftrag von Papst Franziskus Richtlinien für die künftige Pilgerbetreuung erstellen. Ausdrücklich geht es dabei nicht um die Marienerscheinungen. Als „ein Licht für die heutige Welt“ beschreibt der Erzbischof von Warschau-Praga Medjugorje gegenüber dem italienischen Fernsehsender „Canale 5“.

(kap 11.04.2017 gbs)

Kardinal Koch über das Buch „Der Papst: Sendung und Auftrag“ von Kardinal Müller

„Der Papst. Sendung und Auftrag“: Unter diesem lapidaren, programmatischen Titel hat der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ein 600 Seiten starkes Buch geschrieben. Gestern Abend wurde es von Kardinal Kurt Koch in der Bibliothek von Santa Maria dell’Anima vorgestellt, dem Kolleg der deutschsprachigen Kirche in Rom.

CNA veröffentlicht den Wortlaut der Rede von Kardinal Koch, wie sie der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

DER PAPST. SENDUNG UND AUFTRAG“

Präsentation des Buches von Gerhard Kardinal Müller

„Der Papst. Sendung und Auftrag“ – ein bescheidener Titel und ein voluminöses Werk von sechshundert eng bedruckten Seiten: dies ist das Buch von Gerhard Kardinal Müller, das Ihnen kurz vorzustellen mir Ehre und Freude bedeutet. Das Ungleichgewicht zwischen Titel und Umfang könnte zunächst die Frage provozieren, was man denn auf sechshundert Seiten über den Papst sagen kann. Die Antwort ist relativ einfach: Man kann deshalb so viel über den Papst sagen, weil man sehr viel Anderes mit bedenken und mit aussagen muss, wenn man über den Papst spricht. Im Buch von Kardinal Müller begegnet uns eine perspektivenreiche Mischung von historischen und theologischen Aussagen über das einzigartige Amt des Papstes, eingehenden Analysen von päpstlichen Lehrschreiben und zahlreichen Kommentierungen der Situation des Glaubens und der Kirche heute. Dies alles beansprucht bereits viel Raum. Hinzu kommt, dass Kardinal Müller in seinem Buch nicht nur vom Papst als Person und seinem Amt handelt, sondern den Papst in einen grossen Kontext hinein stellt, den ich kurz umreissen möchte:

Der Papst ist Nachfolger des Apostels Petrus. Deshalb muss von Simon Petrus und seiner Sonderstellung im Kreis der Apostel die Rede sein, die ihm von Jesus übergeben worden ist und die auch der Nachfolger des Petrus in der heutigen Kirche einnimmt. Den Primat als Hirte der universalen Kirche hat der Papst nur inne, weil er Bischof der Diözese Rom ist. Es muss deshalb auch von der besonderen Bedeutung Roms und vom Verhältnis gesprochen werden, das zwischen dem Bischof und dem ihm anvertrauten Bistum besteht. Das Bistum Rom ist eine Diözese unter vielen anderen. Damit stellt sich die Frage, wie sich die verschiedenen Diözesen untereinander und zum Bistum Rom verhalten, und damit auch die Frage nach dem Verhältnis der Vielheit der Ortskirchen und der Einheit der Universalkirche. Daraus ergibt sich von selbst die Frage, in welcher Beziehung die Bischöfe zueinander und zum Bischof von Rom stehen. Dies ist genauer die Frage nach dem Verhältnis zwischen Episkopat und Papsttum, zwischen bischöflicher Kollegialität und Primat des Bischofs von Rom. Da sowohl das Bischofsamt als auch der Primat des Papstes zur theologisch begründeten Verfassung der Kirche göttlichen Rechts gehören, versteht es sich leicht, dass man über den Papst nicht reden kann, ohne darüber Auskunft zu geben, was unter Kirche zu verstehen ist. Da es ausserhalb der Katholischen Kirche andere christliche Gemeinschaften gibt, die sich ebenfalls als Kirche, freilich in einem anderen Sinn, verstehen, erhebt sich die ökumenische Frage, wie ein Konsens über das Kirchenverständnis erreicht werden kann, wie die anzustrebende Einheit der Kirche zu verstehen ist und welche Bedeutung dem Papst in der wieder gewonnenen Einheit zukommen wird. Um diese Frage glaubwürdig beantworten zu können, braucht es eine klare Rechenschaft darüber, was Kirche in katholischer Sicht ist, nämlich das universale Sakrament des dreifaltigen Gottes für die Menschheit und die Welt. Da der Begriff der Sakramentalität seinem Wesen nach die Vermittlung von Unsichtbarem und Sichtbarem einschliesst, weist er zurück auf die heilsgeschichtliche Beziehung Gottes zu den Menschen und zur Welt, die ihre deutlichste Konkretisierung in der Inkarnation des Gottessohnes im geschichtlichen Menschen Jesus von Nazareth gefunden hat. Da das Grundgeheimnis der Inkarnation einer rein positivistischen Vernunft verschlossen bleiben muss, sondern nur mit den Augen des Glaubens eingesehen werden kann, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Vernunft. Denn auch Sendung und Auftrag des Papstes können nicht einfach mit rein menschlichen oder politischen Kriterien erfasst werden, sondern brauchen eine theologische Durchdringung.

Mit diesen nur kurz angesprochenen Fragen und Perspektiven, die einer theologischen Kettenreaktion gleich kommen, hoffe ich, verdeutlichen zu können, dass die Frage nach Auftrag und Sendung des Papstes nur im Kontext des Grundverständnisses von Wesen, Gestalt und Mission der Kirche geschichtlich-theologisch beantwortet werden kann und dass deshalb im Buch von Kardinal Müller stets die ganze Theologie präsent ist: angefangen von der Theologie des Papsttums über die Ekklesiologie und Ökumenische Theologie über die Christologie und Trinitätslehre bis hin zur theologischen Erkenntnislehre. Diesem umfassenden Anspruch hat sich Kardinal Müller selbst verpflichtet, wenn er im Vorwort als Ziel seiner Arbeit angibt, er wolle „im Hinblick auf die Bedeutung des Nachfolgers Petri für die Kirche Gottes in der Welt von heute“ aus seiner Sicht „als Theologe, Bischof und Präfekt der mit dem Lehramt des Papstes engstens verbundenen römischen Kongregation meine Erfahrungen und Beobachtungen, aber auch Reflexionen und Hinweise zu Ursprung, Wesen und Sendung des Nachfolgers Petri zu einem Gesamtbild zusammenfügen“ (15). Um dieses anvisierte Gesamtbild vor Augen zu bekommen, um die Fülle des im Buch versammelten Inhalts zu verdeutlichen und in diesem Sinn das grosse Werk von Kardinal Müller zu würdigen, scheint es mir angezeigt, uns wenigstens in kurzen Strichen dem Aufbau des Buches zuzuwenden und die zwölf Kapitel – selbst eine apostolische Zahl – zu vergegenwärtigen und bei jedem Kapitel auf ein Grundanliegen aufmerksam zu machen, das das ganze Buch durchzieht.

Das erste Kapitel „Die Päpste meiner Lebensgeschichte“ bietet zunächst einen biographischen Zugang zum Thema. Im Blick auf die sieben Päpste, die Kardinal Müller erlebt hat und erlebt, beschreibt er sein persönliches Heranwachsen als Christ, Priester und Theologe und seine Verantwortung als Bischof und Kardinalpräfekt. Dabei scheint jeweils eine persönliche Beziehung zu diesen Päpsten auf, die für Kardinal Müller zu seinem Glauben an Jesus Christus und seinem Leben und Wirken in der Kirche selbstverständlich hinzu gehört. Damit ist bereits ein erster Hinweis gegeben, dass der Titel des Buches nicht, wie man erwarten könnte, „Papsttum“ oder „Papstamt“ heisst, sondern „Der Papst“. Damit soll der Vorrang der Person vor der Institution zum Ausdruck gebracht und deutlich werden, dass das Papstamt keine unpersönliche Institution, sondern eine Folge von Personen ist, die jene Sendung verwirklichen, die der erhöhte Herr ihnen in einer individuellen Weise aufgetragen hat. Der tiefste Grund für diesen Primat der Person vor der Institution liegt deshalb in der Christologie. Denn Jesus hat einen konkreten Menschen, nämlich seinen Jünger Simon, der sich zu ihm als Messias bekannt hat, zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche bauen wird. Der persönliche Glaube des Petrus und die persönliche Beauftragung durch Jesus gehören deshalb unlösbar zusammen, wie dies Papst Leo der Grosse sehr tief zum Ausdruck gebracht hat: „Wie für immer gilt, was Petrus von Christus geglaubt hat, so besteht auch immerdar, was Christus in Petrus eingesetzt hat“ (277). Diese Wechselbeziehung gilt deshalb auch für den Nachfolger des Petrus. Sie kommt dadurch zum Ausdruck, dass, während die Bischöfe ganz allgemein Nachfolger der Apostel sind, nur Petrus Nachfolger eines bestimmten Apostels ist, nämlich des Simon Petrus. Wie bei ihm liegt seine besondere Verpflichtung darin, den Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes mit seinem Wort und seinem Leben zu bezeugen, oder mit den Worten von Kardinal Müller: „Der Papst trägt die höchste Verantwortung für das Christus-Bekenntnis der Kirche“ (217).

Das zweite Kapitel „Die Mission des Papstes im universalen Heilsplan Gottes“ liest sich wie ein Präludium des ganzen Buches. Wie bei einer Oper in der Ouvertüre bereits alle Motive angetönt werden, die in ihr anschliessend breit entfaltet werden, so lässt sich auch dieses Kapitel als Ouvertüre des ganzen Buches verstehen. Es macht unmissverständlich deutlich, dass der Notenschlüssel der Oper wie der Ouvertüre ein theologischer ist. Denn die Aufgabe und der Primat des Bischofs von Rom sind von Christus gestiftet, sie sind deshalb göttlichen Rechts und gehören zum Wesen der Kirche. Nur in diesem christologischen Licht können Sendung und Auftrag des Bischofs von Rom adäquat verstanden werden.

Das relativ kleine, aber gewichtige dritte Kapitel „Das Papsttum als Tatsache der Geschichte und der Offenbarung“ beschäftigt sich mit Fragen der theologischen Erkenntnislehre, vor allem mit dem Problem, wie Ereignisse und Entwicklungen in der Kirchengeschichte, die auch rein profanhistorisch beschrieben werden, in ihrer Bedeutung für den Glauben erfasst werden können. Denn ein  blosser Dualismus von profaner und theologischer Papstgeschichte würde auch inhaltlich zur gefährlichen Alternative führen, ob der Primat des Bischofs von Rom in einer göttlichen Verheissung gründet oder bloss eine zufällige geschichtliche Erscheinung darstellt. Demgegenüber muss eine theologische Hermeneutik von der doppelten Tatsache ausgehen, dass auf der einen Seite das Papsttum zu Rom in der Offenbarung Gottes begründet ist, dass aber auf der anderen Seite gerade diese göttliche Stiftung mit bisher 266 Menschen als Amtsinhaber nach dem Apostel Petrus keineswegs von der Dramatik der Geschichte unberührt ist. Mit diesen beiden Seiten des Papsttums wird freilich die Grundüberzeugung des christlichen Glaubens berührt, dass das Endgültige Gottes in die Geschichte der Menschen eingegangen und in ihr gegenwärtig ist. Wer in dieser Grundüberzeugung lebt, wird auch im Blick auf das Papsttum viel gelassener mit der grossen, bereits bei Simon Petrus feststellbaren und bis zum Ende der Welt bestehen bleibenden Spannung zwischen dem göttlichen Auftrag des päpstlichen Primates und der menschlichen Schwachheit seiner Amtsinhaber umgehen können. Und er wird dankbar sein für den gesunden Mittelweg, den ihm Kardinal Müller präsentiert, indem er sowohl den heute vor allem in deutschsprachigen Ländern verbreiteten antirömischen Affekt als auch den spiegelverkehrten papalistischen Affekt als mit der katholischen Lehre vom Papst für unvereinbar hält. In dieser Sinnrichtung legt Kardinal Müller beispielsweise auch ein Plädoyer für die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung des Papstes als „Stellvertreter Christi“ ab. Denn „wer ihn so anspricht, bekennt seinen Glauben an die Autorität, die Jesus dem Papst verliehen hat und erinnert den Papst immer daran, dass nicht er es ist, dem die Ehre gilt, sondern dem, der ihn gesandt hat“ (220). Mit diesem Beispiel wird sichtbar, dass sich im Buch von Kardinal Müller nicht nur eine klare Theologie des Papstamtes findet, sondern auch die Entfaltung einer praktischen Spiritualität in der Ausübung dieses Amtes.

Im vierten Kapitel „Der Urheber der Kirche ist auch der Stifter des Papsttums“ geht es um das biblische Fundament von Sendung und Auftrag des Papstes, nämlich um die Gestalt des Petrus und die einmalige Beziehung Jesu zu ihm in der biblischen Tradition. Dabei fällt auf, dass Kardinal Müller in die Darstellung des exegetischen Befunds bereits streng dogmatische Begriffe aus späteren kirchlichen Lehrentscheidungen einbezieht. So redet er von der „Unfehlbarkeit Petri im Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu“ (195), Im Blick auf die Rede des Petrus in der pfingstlichen Versammlung spricht er von der „ersten Lehrentscheidung ex cathedra Petri“ (214) oder im Blick auf das Handeln des Petrus bei der Apostelwahl nach dem Ausscheiden des Judas vom „ersten primatialen und zugleich kollegialen Akt“. Diese Terminologie mag beim ersten Lesen irritieren. Doch mit dieser Irritation soll die Überzeugung zum Ausdruck gebracht werden, dass das Papsttum nicht auf einer späteren Entscheidung der Kirche aufruht, sondern seinen Grund in der Heiligen Schrift hat, wie es explizit heisst: „Der petrinische Apostolat und damit das Papsttum gründet in der Beziehung zwischen zwei Personen: nämlich Jesus, dem Christus, dem menschgewordenen Sohn des ewigen Vaters, und Simon, den er zum Petrus, dem Fels machte, auf den der Herr Seine Kirche gebaut hat und weiter erbaut bis zu seiner Wiederkunft“ (169). Zur Erläuterung dieser Überzeugung werden nicht nur die klassischen Primatsstellen im Matthäusevangelium behandelt, sondern werden die Gestalt des Petrus und seine Sonderstellung in der ganzen Breite der neutestamentlichen Botschaft dargestellt. Nicht nur in diesem Kapitel, sondern im ganzen Buch ist die Heilige Schrift die am meisten zitierte Quelle, was zeigt, dass Kardinal Müller seine Theologie massgeblich aus dem Wort Gottes nährt.

Das fünfte Kapitel „Der römische Primat in der apostolischen Tradition“ zeichnet den geschichtlichen Übergang vom in der Heiligen Schrift begründeten Primat des Petrus zum petrinischen Primat der Ortskirche von Rom mit ihrem Bischof als Vorsteher und Leiter nach. Es wird dargestellt, wie sich der römische Primat im Leben der Kirche gestaltet hat, wie dieser Primat mit der Zeit theologisch reflektiert und gelehrt worden ist, wie sich die dogmatische Primatslehre in der ungeteilten Christenheit konsolidiert hat und worin die zunehmenden Spannungen in der katholischen Kirche zwischen Ost und West begründet gewesen sind. Kardinal Müller sieht die entscheidenden Ursachen für die grösser werdende Entfremdung zwischen Ost und West nicht in der Theologie und Spiritualität des Papsttums, wie sie vor allem in der überragenden Papstgestalt Gregor des Grossen exemplifiziert wird, sondern in ihrer Überlagerung durch politische Faktoren, sei dies im Osten durch die starken Eingriffe der byzantinischen Kaiser bis in Glaubensfragen hinein oder sei dies im Westen durch die Zentralisierung und Verrechtlichung der Kirche nach dem Vorbild der kaiserlichen Regierung im Imperium. Nach dem Urteil von Kardinal Müller ist deshalb das so genannte ost-westliche „politisch und nicht theologisch begründet“ (284), und gilt der orthodoxe Widerstand der „mittelalterlichen theologisch-politischen Theorie der päpstlichen Universalmonarchie von Gregor VII. bis Bonifatius VIII. als ihren profiliertesten Vertretern“. Über sie urteilt Kardinal Müller, dass sie „nicht Bestandteil der katholischen Glaubenslehre vom Primat des Papstes“ ist und dass deshalb auch das gegenwärtige ökumenische Gespräch historische Formen einer ungesunden Liaison von politischer Macht und geistlichem Dienst überwinden und sich „exakt auf die Glaubensfrage konzentrieren“ muss (292). Damit ist ein hilfreicher Weg für die notwendige Verständigung zwischen Katholischer Kirche und Orthodoxie gewiesen. Das ganze Kapitel zeigt denn auch, dass neue Lösungen von alten Konflikten nur auf der Basis einer profunden Geschichtskenntnis möglich sind.

In den Kapiteln sieben und acht stehen die Lehrentscheidungen hinsichtlich des petrinischen Primates des Bischofs von Rom beim Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil im Vordergrund. Das siebte Kapitel „Das Dogma vom Lehr- und Jurisdiktionsprimat des römischen Papstes“ behandelt die Lehrkanones der Konstitution Pastor aeternus und weist nach, dass es sich bei den Definitionen des Ersten Vatikanischen Konzils nicht um Neuerfindungen der Kirche handelt, zu denen die Kirche von den damaligen Zeitumständen gleichsam genötigt worden wäre, sondern dass mit ihnen das, was im Glaubensbewusstsein der Kirche bereits präsent ist, in den formalen Rang eines Dogmas erhoben worden ist. In diesem Kapitel wird besonders deutlich, dass Kardinal Müller im Blick auf die Interpretation von Lehrentscheidungen eine Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches als mit dem katholischen Glaubensverständnis nicht kompatibel hält, dass er sich vielmehr leiten lässt von einer Hermeneutik der Reform, die auch Neuerungen und Weiterentwicklungen, aber in einer grundlegenden Kontinuität in der Tradition der kirchlichen Lehre kennt. Dies gilt auch für das Verhältnis zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil. Bei letzterem setzt Kardinal Müller den Akzent auf die „Integration des Papsttums in Kirche und Bischofskollegium“. Damit steht vor allem das wechselseitige Ineinander von Episkopat, der ebenfalls göttlichen Rechts ist, und Primat als dem konkreten Prinzip der Einheit des Episkopats und der Ortskirchen im Vordergrund, wobei dieses Ineinander nur glaubwürdig gelebt werden kann, wenn die historischen und bis heute nachwirkenden Extreme einerseits eines Papalismus und Kurialismus und andererseits eines Episkopalismus und Konziliarismus überwunden werden. Die wechselseitige Integration von Episkopat und Primat weist von selbst wieder zurück auf die unverwechselbare und letztlich analogielose Verfassungsstruktur der Katholischen Kirche, die am ehesten mit einer Ellipse mit zwei Brennpunkten, der Vielheit der Ortskirchen und der Einheit der Universalkirche, zu vergleichen ist. Demgemäss ist, mit Kardinal Müller gesprochen, die Gesamtkirche „weder eine nachträgliche Summe von Teilkirchen, noch sind die Teilkirchen Unterabteilungen der Gesamtkirche. Die Kirche ist der eine Leib Christi als corpus oder communio ecclesiarum. Es handelt sich um eine innere Verschränkung von Gesamtkirche und Teilkirche, die vom Gesamtepiskopat mit dem Bischof von Rom als dem Nachfolger Petri geleitet und repräsentiert wird“ (382). Nur in diesem ekklesiologischen Gesamtkontext leuchtet Sendung und Auftrag des Papstes ein, die stets im Licht einer geistlichen Erneuerung überprüft werden müssen. Diesem Anliegen dient ein eigener Abschnitt in diesem Kapitel, der dem Dienst und der Reform der römischen Kurie gewidmet ist, die ganz im Dienst des Primats des Bischofs von Rom steht und sich nicht als Zwischeninstanz zwischen den Bischöfen und dem Papst verstehen darf.

Drei Kapitel beschäftigen sich nicht explizit mit Theologie und Praxis des petrinischen Primats, sondern behandeln grundlegende Dimensionen der Sendung der ganzen Kirche, für die freilich der Papst eine besondere Verantwortung trägt. Das neunte Kapitel „Der Papst – Zeuge für die Würde jedes Menschen“ zeigt, dass die ganze Kirche am prophetischen Amt Jesu Christi teilhat und die besondere Verantwortung des kirchlichen Lehramts darin besteht, die Vorschriften des natürlichen Sittengesetzes in Erinnerung zu rufen. Dazu gehören vor allem das Eintreten für die Würde jedes Menschen, die Anwaltschaft für die Menschenrechte, die aktuelle Interpretation der katholischen Soziallehre und die ökologische Sorge für die Schöpfung als das gemeinsame Haus und die Verantwortung für die Armen, die in der Verkündigung von Papst Franziskus einen ganz besonderen Stellenwert einnehmen. Das zehnte Kapitel „Der Papst – Hüter der Wahrheit Gottes und Hirte der Menschen“ betont die Verantwortung des Papstes für die Wahrheit Gottes und des Menschen angesichts der heute starken Tendenzen eines grenzenlosen Relativismus, und es nimmt von daher Bezug auf das Grundanliegen von Papst Benedikt XVI. nach einer glaubwürdigen Synthese zwischen der Vernunft des Glaubens und dem Glauben der Vernunft, und zwar in der Glaubensüberzeugung, dass die Freiheit des Menschen in der Wahrheit Gottes ihren festen Grund hat: „Der Papst bietet in seinem Christus-Bekenntnis der ganzen Menschheit den Dienst, dass er daran erinnert: Gott ist der Grund der Wahrheit und der Freiheit des Menschen“ (443). Das zwölfte Kapitel „Der Papst – Lehrer der Vollendung des Menschen in Gott“ bietet im Grunde eine eingehende Interpretation der ersten Enzyklika von Papst Franziskus über den Glauben „Lumen fidei“ und der Enzykliken von Papst Benedikt XVI. über die christliche Hoffnung „Spe salvi“ und die christliche Liebe „Deus caritas est“. Dieses Kapitel steht nicht zufälligerweise am Schluss des Buches, weil damit vollends deutlich wird, dass der eigentliche Sinn und das letzte Ziel der Kirche und damit auch des petrinischen Primats darin besteht, in den Menschen Glaube, Hoffnung und Liebe zu ermöglichen und ihnen die Wege zu zeigen, die zum ewigen Leben führen.

Das sechste Kapitel „Der protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“ habe ich übersprungen und nehme seinen Inhalt jetzt zusammen mit dem elften Kapitel „Der Papst – Wegbereiter der Einheit der Christen in der Kirche Gottes.“ Denn beide Kapitel behandeln das ökumenische Problem. Während im sechsten Kapitel gezeigt wird, dass in der Reformation Martin Luthers nicht zufälligerweise der Papst zum Stein des Anstosses geworden und deshalb die Lehre der Katholischen Kirche vom römischen Primat vom Reformator bestritten worden ist, wird im elften Kapitel noch grundsätzlicher ausgeführt, dass die eigentliche Differenz zwischen dem katholischen und evangelischen Glaubensverständnis im Kirchenbegriff liegt, wie sie bereits vom grossen Tübinger Theologen Johann Adam Möhler sensibel formuliert worden ist: „Die Katholiken lehren: die sichtbare Kirche ist zuerst, dann kommt die unsichtbare: jene bildet erst diese. Die Lutheraner sagen dagegen umgekehrt: aus der unsichtbaren geht die sichtbare hervor, und jene ist der Grund von dieser.“ Und Möhler stellt anschliessend fest: „In diesem scheinbar höchst unbedeutenden Gegensatze ist eine ungeheure Differenz ausgesprochen“ (481). Von daher erscheinen das katholische Verständnis der Kirche als sacramentum salutis mundi und das evangelische Verständnis der Kirche als creatura verbi als zwei Ansatzpunkte, die sich als inkompatibel erweisen. Die eigentliche Differenz beginnt jedenfalls bei der „Frage nach der kirchlich-sakramentalen Vermittlung der ein für alle Mal bewirkten Versöhnung der Menschen mit Gott durch Jesus Christus und die Gegenwart des Heils im Heiligen Geist“ (311). Kardinal Müller ist freilich zuversichtlich, dass bei dieser ökumenischen Grundfrage mehr Konsens erreicht werden könnte, insofern auf der einen Seite das evangelische Verständnis auch eine Korrektur für eine einseitig auf die sichtbare Gestalt der Kirche konzentrierte katholische Ekklesiologie bedeutet und weil auf der anderen Seite nach katholischem Verständnis die Kirche nur Instrument der Heilsvermittlung ist, während der Mittler des Heils Jesus Christus selbst ist: Die Erlösung und Rechtfertigung des Menschen wird „kausaliter allein von Gott durch Christus im Heiligen Geist“ bewirkt, sie wird aber „instrumentaliter durch Wort und Sakrament in der kirchlich sakramental verfassten Gemeinschaft der Glaubenden wirksam vergegenwärtigt für die Menschen in ihrer Zeit“ (314-315). Die in der evangelischen Sicht betonte Unmittelbarkeit des einzelnen zu Gott und die in der katholischen Sicht hervorgehobene sakramentale Vermittlung durch die Kirche brauchen deshalb nicht sich ausschliessende Gegensätze zu bleiben.

Die in den Kapiteln sechs und elf behandelten Fragen stehen auch im Mittelpunkt des in diesem Jahr stattfindenden Gedenkens der Reformation vor fünfhundert Jahren. Wenn das Buch von Kardinal Müller über den Papst in diesem Jahr des Reformationsgedenkens erscheint, will er bewusst auch auf die nach wie vor offenen ökumenischen Fragen hinweisen, zu denen die Frage des Papstamtes in besonderer Weise gehört. Die Ausführungen von Kardinal Müller dokumentieren das ökumenische Interesse, das er seit seiner Promotion über „Bonhoeffers Theologie der Sakramente“ an den Tag gelegt und in seiner Eigenschaft als Präsident der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz weiterverfolgt hat. Die beiden Kapitel beziehen sich eingehend auf die ökumenischen Dialoge zwischen Katholiken und Lutheranern und bieten einen guten Überblick über die ökumenische Situation vor allem in Deutschland. Als einem, der nicht aus Deutschland stammt, sei mir allerdings der Hinweis erlaubt, dass es Reformation nicht nur im Singular gibt und dass Deutschland nicht das einzige Reformationsland ist.

Damit soll keineswegs gesagt sein, dass das Buch noch umfangreicher hätte werden sollen. Es bietet auf jeden Fall grosse Hilfen für das ökumenische Gespräch vor allem über das Papstamt, über das Papst Paul VI. geurteilt hat, es sei „das schwerwiegendste Hindernis auf dem Weg des Ökumenismus“. Damit das Papstamt auch zu einer ökumenischen Möglichkeit werden kann, dazu braucht es gewiss noch viel theologische Arbeit. Einen viel versprechenden Weg finde ich im Buch von Kardinal Müller bei seinem Hinweis, dass die eucharistische Ekklesiologie einen Ansatz bietet, der auch ökumenisch fruchtbar gemacht werden kann: Die eucharistische Ekklesiologie ist „nicht ein theologisches Gedankenkonstrukt, sondern die Basis aller ökumenischen Suche nach der Einheit aller Christen in der einen Kirche und in der einen Eucharistie“ (238). Der Primat des Bischofs von Rom lässt sich theologisch in der Tat am besten von jenem weltweiten Netz von Eucharistiegemeinschaften her verstehen, das die Kirche ist. Als eucharistischer Primat der Liebe ist er in der Kirche um eine Einheit besorgt, die eucharistische Gemeinschaft ermöglicht und schützt und wirksam verhindert, dass ein Altar gegen einen anderen Altar gestellt wird. Dabei versteht es sich von selbst, dass beim Bischof von Rom sein Vorsitz in der Liebe und sein Vorsitz im Glauben unlösbar zusammengehören. Der Vorsitz in der Liebe gründet im Vorsitz im Glauben und seiner Wahrheit. Umgekehrt muss der Vorsitz im Glauben Vorsitz in der Liebe sein, da die Lehre der Kirche zur Liebe führen will und führt.

Der Primat des Bischofs von Rom ist, wie vor allem Papst Benedikt XVI. gelehrt hat, nicht allein eine juridische oder rein äusserliche Zutat zur eucharistischen Ekklesiologie, sondern ist in ihr selbst begründet. Wenn darüber ein ökumenischer Konsens erreicht werden könnte, dann wäre der Primat des Bischofs von Rom nicht mehr das „schwerwiegendste Hindernis auf dem Weg des Ökumenismus“, sondern Promotor der ökumenischen Verständigung und Garant der Einheit der Kirche. Dazu gehört auch, dass der Bischof von Rom, dessen Auftrag darin besteht, die Kirche zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes zu verpflichten, sich selbst als der exemplarisch Gehorsame erweist, wie dies die Kongregation für die Glaubenslehre in ihren Erwägungen über den „Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche“ ausgesprochen hat: „Der römische Bischof steht – wie alle Gläubigen – unter dem Worte Gottes und unter dem katholischen Glauben. Er ist Garant für den Gehorsam der Kirche und in diesem Sinn servus servorum. Er entscheidet nicht nach eigener Willkür, sondern ist Stimme für den Willen des Herrn, der zum Menschen in der von der Überlieferung gelebten und interpretierten Schrift spricht. Mit anderen Worten: Die episkope des Primats hat die Grenzen, die aus dem Gesetz Gottes und der in der Offenbarung enthaltenen, unantastbaren göttlichen Stiftung der Kirche hervorgehen.“

Die Erwägungen der Glaubenskongregation aus dem Jahre 1998 und damit unter der Leitung des damaligen Kardinal Joseph Ratzinger hat Kardinal Müller wohl deshalb seinem Buch als Anhang mitgegeben, weil sie konzis zusammenfassen, worum es ihm in seinem Buch über den Papst geht. Der Bischof von Rom kann sich nicht im Sinne einer Monarchie politischer Art als Herrscher verstehen, der sich nur nach seinem Willen richten würde. Er kann aber seinen Dienst auch nicht auf einen blossen Ehrenvorrang beschränken. Sein Primat ist vielmehr letztverbindlicher Dienst am Glauben und glaubwürdiger Dienst an der Liebe und so Dienst an der Einheit der Kirche. Damit leuchtet der tiefste Grund auf, dass die Katholische Kirche das Papstamt als ein grosses Geschenk, das sie von Christus erhalten hat, versteht, ein Geschenk freilich, das sie nicht für sich behalten, sondern in ökumenischer Offenheit mit der ganzen Christenheit teilen möchte.

Die Wahrheit und Schönheit dieses Geschenks des Herrn an seine Kirche hat Kardinal Müller in umfassender und tiefer Weise zum Leuchten gebracht. Das macht den grossen Wert seines Buches aus, und dafür sei ihm – stellvertretend für die hier Anwesenden und stellvertretend für alle, die jetzt mit der Lektüre dieses faszinierenden Buches beginnen werden – herzlich gedankt.

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Quelle

Kardinal Müller: Nein zu aktiver Sterbehilfe

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Kardinal Gerhard Ludwig Müller

„Schlimm“ und „traurig“: So kommentiert Kardinal Gerhard Ludwig Müller die Tatsache, dass in Belgien aktive Sterbehilfe gesetzlich erlaubt ist und immer mehr Gruppen offensteht. Der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation betonte in einem Interview mit der belgischen Zeitung „Tertio“, das Leben sei ein Geschenk und stehe nicht in der Verfügung des Einzelnen. Wörtlich sagte der deutsche Kurienkardinal: „Es ist nicht unsere Aufgabe, zu entscheiden, ob ein Leben noch Wert hat.“

Müller äußert sich in dem Interview auch zum christlichen Verständnis von Barmherzigkeit, einer Schlüsselvokabel im Denken des Papstes. Barmherzigkeit sei „kein Freibrief, um zu sündigen oder weiter in Sünde zu leben“, so der Kardinal. Er betonte auch, dass die Kirche keinesfalls an der Unauflöslichkeit der Ehe rüttle. Es gebe „keine Umstände, in denen Ehebruch keine Todsünde wäre“, sagte Müller. Dem habe auch Papst Franziskus in seinem Schreiben Amoris Laetitia nicht widersprochen.

(pm tertio 01.03.2017 sk)

Kardinal Müller: Dem Papst ist nicht mit Personenkult gedient

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Papst Franziskus und Kardinal Müller

Befreiungstheologie, Wahrheit Gottes und Freiheit des Menschen, Ökumene, Kapitalismuskritik, ewiges Leben: Würden Sie vermuten, dass ein Buch, das diese Inhalte vereint, den Titel „Der Papst“ trägt? An diesem Montag ist ein solches Buch erschienen, der Autor ist kein Geringerer als der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Wir baten ihn zum Interview.

Gleich zu Beginn betont der deutsche Kurienkardinal, er wolle nicht über „das Papsttum“ schreiben, also eine anonyme Institution. Papst, das sei eine Abfolge von Menschen, die personale Beziehung hat Vorrang, so Kardinal Müller im Interview gegenüber Radio Vatikan. „Es gibt viele Bücher über ‚das Papsttum’, oder über die Päpste, aber es ist wichtig, dass man diese Sendung als eine Sendung von Personen auffasst und nicht von einer Institution redet. Jesus hat selber zu Simon gesagt ‚du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen’. Es ist eine personale Relation, welche dieses besondere Amt ausmacht.“ Das Buch ist insgesamt ein theologisch-spiritueller Gang durch das Papstamt, „von mir als alteingesessenem Theologieprofessor, da erwartet man halt so ein Buch“, sagt Müller lachend.

„Eine Gefahr heute, in den Medien: dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt“

Kardinal Müller beginnt aber zunächst biographisch, mit seiner persönlichen Geschichte der Päpste, von der Jugend an. Er wolle nicht nur eine theologische Abhandlung vorlegen, sondern bewusst auch als reflektierter Gläubiger schreiben, so Müller, „dass wir also nicht etwas errichten, was seine lebendigen Wurzeln verloren hat und dann wie ein toter Baum vielleicht schön anzusehen ist, aber ohne Leben in der Landschaft herum steht.“

Die katholische Kirche sei keine „Papstkirche“, das Zentrum ist Christus selber, betont Kardinal Müller. „Es muss auch nicht alles auf Rom hin konzentriert sein“, verweist er auf das Zweite Vatikanische Konzil. Dementsprechend ausführlich zitiert der Autor in seinem Buch immer wieder vor allem das Dokument Gaudium et Spes. „Man muss einerseits betonen, wie wichtig der Papst für die Einheit der gesamten Kirche im Glauben ist, aber andererseits darf man das nicht zentralistisch auffassen. Man kann nicht dem Papst dienen, wenn man einen Personenkult um ihn herum betreibt. Das ist sicherlich eine Gefahr heute, in den Medien, dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt, während die Sichtweise von der natürlichen Verfassung der Kirche her eigentlich andersherum ist.“ Die konkrete Versammlung – ob nun die biblischen „zwei oder drei“ oder auch fünfzig – sei das Ursprüngliche, zunächst in der Familie, dann in der Gemeinde und von da aus weite sich das. Das Konkrete vor Ort dürfe nicht als nachgeordnet erscheinen.

Christus hat einfache Menschen gewählt

Papstverherrlichung schade dem Amt mehr, als sie ihm nutze. „Wir kennen das ja schon von Paulus her, dass er Petrus als den Ersten anerkannt hat, aber doch in einer wichtigen Frage der praktischen Umsetzung kritisch etwas zu ihm gesagt hat. Das äußere Verhalten muss mit der inneren Haltung überein stimmen, das begleitet die Geschichte der Päpste. Es war die Wahl Christi selber, dass er nicht die Schönsten und Mächstigsten zu seinen Aposteln gemacht hat, sondern einfache Menschen, die sich auch bewusst sind, dass sie keine Übermenschen sind, sondern die immer der Gnade Gottes bedürfen.“

Kardinal Müller warnt deswegen auch vor überzogenen Erwartungen, weil diese bei – voraussehbarer – Nichterfüllung ins Gegenteil umschlagen. Die Schwächen gehörten aber zum Menschen, „ein erwachsener Christ muss umgehen können mit den Schwächen und Grenzen der offiziellen Repräsentanten der Kirche.“ Verehrung und Anerkennung sei für einen Katholiken dem Papst gegenüber selbstverständlich, auch dem konkreten Papst, nicht nur dem Amt – aber bitte nicht übertreiben.

Reform: wieder Fahrt gewinnen

Kardinal Müller zitiert an dieser Stelle in seinem Buch einen Theologen des 16. Jahrhunderts, Melchior Cano, also aus einer Zeit der nötigen Kirchenreform. Um Reform geht es auch ihm, Müller, wenn sie auch anders gelagert ist als vor 500 Jahren. Damals sei es um tiefgreifende Schwächen, auch strukturelle, der Kirche gegangen, „während ich heute unter Kurienreform eher verstehen würde, dass wir alle neu motiviert werden und nicht in die bürgerliche Bequemlichkeit zurück fallen. Was wir heute unter Reform verstehen ist die Frage, wie wir wieder Fahrt gewinnen, wenn es um die großen Herausforderungen der Säkularisierungen geht. Es geht darum, dass wir positiv die Fülle des Glaubens und der Hoffnung, die uns geschenkt worden ist, werbend, einladend, ermöglichend in den großen gesellschaftlichen Diskurs einbringen.“

Aber auch die äußeren Zeichen des Papsttums verändern sich, sagt Kardinal Müller, das Papsttum nehme natürlich immer auch die Züge seiner Zeit an, weil es auf konkrete Umstände Antwort geben müsse. „Das hat aber nichts mit einer von einigen befürchteten De-Sakralisierung des Bischofsamtes oder des Papstamtes zu tun. Es wäre ja auch nicht möglich, einen reinen Funktionalismus aufzubauen. Die Kirche ist Leib Christi und Volk Gottes und nicht eine von uns gemachte soziale Organisation mit ihren einzelnen Abteilungen, die innerweltliche Verbesserungsvorschläge einbringt.“

Ausrichtung auf Seelsorge und die Würde des Menschen

Konkret wird gerade der aktuelle Papst gegenüber den sozialen und ökologischen Herausforderungen heute, was Kardinal Müller in seinem Buch mit einer ausführlichen Betrachtung der Enzyklika Laudato Si’ beantwortet. „Die Ausrichtung auf die Seelsorge, eine konstruktive und aufbauende Gesellschaftskritik, die Soziallehre, die Befreiungstheologie nicht nur als fünftes Rad am Wagen eines politischen Programms sondern als echte Theologie, die von Gott her Entscheidendes beiträgt zur Unterstreichung oder Wiederherstellung der Menschenwürde in vielen Teilen der Welt: Das alles gehört innerlich zusammen und ist nicht nur eine äußerliche Kombination. Es gehört so untrennbar zusammen wie Gottes- und Nächstenliebe.“

 

Gerhard Ludwig Müller: Der Papst. Sendung und Auftrag. Das Buch ist im Verlag Herder erschienen und kostet etwa 30 Euro.

 

(rv 20.02.2017 ord)

NACHFOLGER PETRI UND STELLVERTRETER CHRISTI

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Der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Kardinal Müller befasst sich in seinem aktuellen Werk mit dem Papstamt.

Von Helmut Hoping

 

Passend zum Lutherjahr 2017 legt der Präfekt der Glaubenskongregation ein gut sechshundert Seiten starkes Buch über Sendung und Auftrag des Papstes vor. Zu Beginn steht ein sehr persönlich gehaltenes Kapitel zu den Päpsten seiner Lebensgeschichte – von Pius XII. bis Franziskus. En passant werden dabei auch die Theologen gestreift, die ihn besonders beeinflusst haben, darunter Johann Adam Möhler (1796–1838), Henri de Lubac (1896–1991), Hans Urs von Balthasar (1905–1988), der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez, Kardinal Lehmann und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.

In seinen Ausführungen zum aktuellen Pontifikat von Franziskus zitiert der oberste Glaubenshüter des Vatikans sein Statement in der außerordentlichen Bischofssynode zur Familie von 2015. Mit seiner klaren Darlegung der katholischen Ehelehre sowie der Warnung, in die Substanz des Ehesakraments einzugreifen, liest es sich wie ein Kommentar zu den widersprüchlichen Interpretationen des achten Kapitels von Amoris laetitia. Es ist nicht der einzige aktuelle Bezug des Papstbuches.

Die weiteren Kapitel behandeln die klassischen Themen einer Theologie des Papstamtes: Geschichte des Lehr- und Leitungsprimats des römischen Bischofs, Verhältnis von Papst und Bischofskollegium, ordentliches und außerordentliches Lehramt, Papsttum und die christliche Ökumene. Die Schlusskapitel beschäftigen sich mit dem Papst als Anwalt der Würde des Menschen und analysieren die Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die göttlichen Tugenden.

Der Papst als oberster Lehrer und Hirte der Kirche

Der Bischof von Rom ist der Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi. Als der universale Hirte, der seine Mitbrüder im Glauben zu stärken hat, ist er zugleich das konkrete Prinzip der Einheit des Episkopats und der Ortskirchen. Wie die universale Kirche, der er vorsteht, ist er an die Regel des Glaubens, die Schrift und die authentische Glaubensüberlieferung gebunden.

Die episkopale Verfassung der Kirche als Gemeinschaft von Ortskirchen, die durch einen Bischof geleitet werden, ist göttlichen Rechts und kann daher vom Papst nicht aufgehoben werden. Mehrfach betont Kardinal Müller, dass der einzelne Bischof Amt und Vollmacht durch seine Weihe erhält. Das Bischofskollegium existiert aber nicht ohne sein Haupt, bei dem der Primat der Lehre und der Leitung der gesamten Kirche liegt, der mit den Prinzipien einer recht verstandenen Synodalität zusammenzudenken ist.

Da das lehramtliche Handeln des Nachfolgers Petri als oberstem Lehrer des Glaubens nicht den Interessen der vatikanischen Diplomatie untergeordnet werden dürfe, findet es der Glaubenspräfekt fragwürdig, dass das Staatssekretariat im Zuge der nachkonziliaren Kurienreform den Kongregationen der Kurie vorangestellt wurde.

Zum ordentlichen Lehramt des Papstes heißt es, dass auch der Stellvertreter Christi irren und sündigen könne, wenn er etwa an der Aufgabe schuldig werde, den Glauben treu zu verkünden und auszulegen. Eine Aussage ist nicht schon deshalb wahr, weil sie vom Papst stammt, sondern weil sie der Glaubenslehre der Kirche entspricht. Der Nachfolger Petri könne etwa „nicht die inhärenten Zulassungsbedingungen zu den Sakramenten“ ändern und „einem Katholiken im Stand der Todsünde ohne dessen Reue und Vorsatz, die Sünde von da an zu meiden, die sakramentale Absolution erteilen und ihm den Empfang der heiligen Kommunion erlauben, ohne sich an der Wahrheit des Evangeliums und dem Heil der so in die Irre geführten Gläubigen zu versündigen“.

Die Fülle der Vollmacht verlangt vom Papst „strengste Gewissensprüfung vor dem Herrn der Kirche“ und die Bereitschaft, „auf den brüderlichen Rat der Mitbischöfe“ zu hören. Zudem hat er „von den Kardinälen und engsten Mitarbeitern der Kurie konstruktive Kritik entgegenzunehmen“. Die römische Kurie ist aber „keine Zwischeninstanz zwischen dem Papst und den Bischöfen“.

Unfehlbare Irrtumsfreiheit kommt dem Papst nur dann zu, wenn er den Glauben der Kirche in seinem außerordentlichen Lehramt letztverbindlich vorträgt und auslegt. Diese vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigte Form des Lehramtes der Kirche beruht auf ihrer Unfehlbarkeit im Glauben. Dieser könne nicht durch Umfragen festgelegt werden; was an Auffassungen im Volk Gottes im Dissens zur geoffenbarten und von der Kirche vorgelegten Glaubenslehre stehe, sei kein Ausdruck des sensus fidelium. Scharfe Kritik übt Kardinal Müller an der These von der „Lebenswirklichkeit“ als Offenbarungsquelle, an der die Lehre der Kirche angeblich zu messen sei.

Zurückgewiesen wird auch die These vom Kontinuitätsbruch zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil, die für den Glaubenspräfekten einen häretischen Widerspruch gegen die Einheit der Offenbarung und die Einzigkeit der Kirche darstellt. Gegen eine falsche Hermeneutik des letzten Konzils seien seine Dokumente von den beiden dogmatischen Konstitutionen über die Offenbarung und die Kirche her zu interpretieren. Ausführlicher hätte man dabei auf die umstrittene These von den zwei kontradiktorischen Ekklesiologien des Konzils eingehen können.

Die vom Konzil vorgenommene Integration des Papstamtes in das Ganze der Kirche und des Episkopats bedeute keine Relativierung. Ebenso wenig sei an die Stelle der bischöflich verfassten Kirche, mit dem Papst als ihrem sichtbaren Prinzip der Einheit, eine demokratisierte Kirche getreten. „Die Kirche ist kein Volk, das sich eine Verfassung gibt und seine Regierung wählt.“

Als Luther seine polemische Schrift „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“ veröffentlichte, waren seit den Ablassthesen von 1517 nahezu drei Dezennien vergangen. Luther wollte anfänglich die Kirche erneuern, doch sah er die hierarchisch und sakramental verfasste Kirche schon bald in einem grundlegenden Widerspruch zur Rechtfertigung allein durch Glaube und Gnade. Luthers Rechtfertigungslehre hätte nach dem Urteil Kardinal Müllers nicht zwangsläufig zum Bruch mit der katholischen Kirche führen müssen. Die Ablehnung der kirchlichen Hierarchie und damit einhergehend der „protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“ hatten aber die Kirchenspaltung zur Folge.

Der Glaubenspräfekt neigt nicht dazu, die Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den reformatorischen Kirchen zu nivellieren, er vertritt aber auch keine Ekklesiologie der Profile, die vor allem das Trennende betont. Er weiß, worin die Konfessionskirchen übereinkommen, weiß aber auch um die nur schwer zu überbrückende Kluft zwischen dem evangelischen und dem katholischen Kirchenverständnis. Johann Adam Möhler, der öfter zitiert wird, sprach mit Blick auf das sakramentale Kirchenverständnis von einer „ungeheuren Differenz“, Kardinal Müller von „nur schwer kompatiblen Ansätzen“.

Ziel der Ökumene ist die Versöhnung der Gegensätze

Gelegentlich gewinnt man heute den Eindruck, das Ziel der Ökumene sei nicht mehr die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung, sondern das, was man „versöhnte Verschiedenheit“ nennt – ein anderes Wort dafür, dass man sich gegenseitig anerkennt wie man ist. Der Glaubenspräfekt erinnert an die bleibende Gültigkeit der katholischen Prinzipien des Ökumenismus, die das Konzilsdekret Unitatis redintegratio formuliert. Ziel der Ökumene sei „nicht versöhnte Verschiedenheit – mit dem Ton auf bleibende Verschiedenheit –, sondern die Versöhnung der Gegensätze in einer tieferen Communio in Christus: Unus et totus Christus, caput et membra.“

Damit meinte Kardinal Müller keine Rückkehrökumene, wie sie bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten wurde, wohl aber eine sichtbare Einheit als Gemeinschaft von Kirchen, die immer mehr eine Kirche werden.

Es fällt auf, dass Papst Franziskus für das Verhältnis der christlichen Kirchen nicht mehr wie das Zweite Vatikanische Konzil das Bild der konzentrischen Kreise verwendet, mit der katholischen Kirche als Zentrum des inneren Kreises, sondern das Bild des Polyeder, der kein sichtbares Zentrum besitzt.

Eigens würdigt Kardinal Müller das historische Treffen von Franziskus und Kyrill, dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche: Eine Union der katholischen Kirche und der Kirchen der Orthodoxie liegt nach Meinung von Kardinal Müller im Bereich des Möglichen, auch wenn sie durch unterschiedliche kulturelle Mentalitäten und noch bestehende Lehrdifferenzen bezüglich der Stellung des Papstes erschwert wird.

Was den Primat des Papstes betrifft bleibe ökumenisch gültig, was Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ut unum sint (1995) schreibt: Die volle Gemeinschaft der Kirchen verlange die Communio mit dem Nachfolger Petri, doch sei es nötig, „eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet.“ Wie Joseph Ratzinger mehrfach betonte, dürfe man von den mit Rom nicht verbundenen Kirchen des Ostens in Bezug auf die Lehre vom päpstlichen Primat nicht mehr verlangen, als in der Theologie bis zur ersten Millenniumswende gegeben war.

Als universaler Hirte führt der Papst die Herde Christi durch die Zeit und tritt als Anwalt der Würde des Menschen und Lehrer seiner Vollendung für die Verteidigung des natürlichen Sittengesetzes sowie der Menschenrechte ein. Dazu gehört das in der Kirche längere Zeit umstrittene Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit, was eine ausführlichere Behandlung verdient hätte.

Zur Aufgabe des Nachfolgers Petri gehört es ebenso, die Wahrheit Gottes und des Menschen zu verteidigen, wie sie sich im Licht der Offenbarung zeigt. In der Relativierung der Wahrheit sieht Kardinal Müller die größte Gefahr für die Freiheit des Menschen. Mit Benedikt XVI. fordert er eine neue Synthese von Glaube und Vernunft.

Am Ende des Papstbuches stehen Ausführungen zu den Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Dabei geht Kardinal Müller von einer Aussage des „Katechismus der Katholischen Kirche“ aus: „Das universale ordentliche Lehramt des Papstes und der in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfe lehrt die Gläubigen die zu glaubende Wahrheit, die zu lebende Liebe und die zu erhoffende Seligkeit“ (KKK 2034).

Der cantus firmus der Enzyklika Lumen fidei (2013) über den Glauben ist das „Licht des Glaubens“, das sich an Christus, dem „Licht der Völker“ entzündet – eine Anspielung auf die Konzilskonstitution Lumen gentium. Den Glauben, der in der Lage ist, die eindimensionale Vernunft zu weiten, hat der Nachfolger Petri fortiter et suaviter (kraftvoll und mild) zu verkünden, so wie die Wahrheit Gottes den Menschen zu überzeugen vermag. Die christliche Hoffnung, die sich auf die Vollendung des Reiches Gottes im ewigen Leben bei Gott richtet, wird mit der Enzyklika Spe salvi (2007) von politischen Erlösungstheorien abgegrenzt.

Die Enzyklika Deus caritas est (2005) über die Liebe hat von den Lehrschreiben über die göttlichen Tugenden nicht ohne Grund die größte Aufmerksamkeit gefunden. Denn die christliche Religion ist die Religion der Liebe: „Wir haben die Liebe Gottes erkannt und ihr geglaubt“ (1 Johannes 4, 16). Die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes, die Franziskus zum Hauptthema seines Pontifikats gemacht hat, sieht der Glaubenspräfekt in der Kontinuität zur Enzyklika Deus caritas est. Gleichzeitig beobachtet er in der ortskirchlichen Lehrverkündigung die Gefahr einer fragwürdigen Auffassung der göttlichen Barmherzigkeit, die den inneren Zusammenhang von Liebe und Wahrheit, Gerechtigkeit und vergebender Liebe auseinanderzureißen droht.

Mit seiner Mischung aus theologischem Traktat De papa, Analysen päpstlicher Lehrschreiben und Kommentaren zur Lage des Glaubens ist die Lektüre des Buches von Kardinal Müller sehr zu empfehlen. Unter den Lesern, so ist zu wünschen, wird auch Papst Franziskus sein. Das Vorwort des Buches ist auf das Fest cathedra Petri 2017 datiert, zu dem es in den Buchhandel kommt.

Gerhard Kardinal Müller: Der Papst – Sendung und Auftrag. Herder, Freiburg, 2017, 608 Seiten, gebunden,

ISBN 978-3-451-37758-7, EUR 29,99

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