Benedikt: Kardinal Müller wird weiter dem Glauben dienen

Auch wenn Gerhard Ludwig Müller nicht mehr Präfekt der Glaubenskongregation ist: „Ein Kardinal ist nie einfach im Ruhestand“ – davon zeigt sich sein Freund und Förderer Benedikt XVI. überzeugt.

Vatikanstadt – 27.12.2017

Kardinal Gerhard Ludwig Müller wird auch weiterhin „öffentlich dem Glauben dienen“. Davon zeigt sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. in einem Grußwort zu einer Festschrift anlässlich des 70. Geburtstags des ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation überzeugt. Müller habe nach dem Ende seiner fünfjährigen Amtszeit als Präfekt zwar „kein bestimmtes Amt mehr inne, aber ein Priester und erst recht ein Bischof und Kardinal ist nie einfach im Ruhestand“.

Der emeritierte Papst würdigt in seinem Grußwort das Wirken Müllers in Rom, zunächst als Mitglied der Internationalen Theologenkommission, in der er „vor allem durch den Reichtum Deines Wissens und die von innen her kommende Treue zum Glauben der Kirche aufgefallen“ sei. Nach dem Ruhestand von Kardinal William Levada als Präfekt der Glaubenskongregation sei Müller „der am meisten geeignete Bischof“ für die Nachfolge des US-Amerikaners gewesen. Als Präfekt habe der vormalige Regensburger Bischof sich bemüht, „nicht nur als Gelehrter, sondern als Weiser, als Vater in der Kirche“ zu wirken: „Du hast die klaren Überlieferungen des Glaubens verteidigt, aber im Sinn von Papst Franziskus ein Verstehen dafür gesucht, wie sie heute gelebt werden können.“

Reichtum des Wissens, Treue zum Glauben

In dem vierseitigen Schreiben erinnert sich Benedikt daran, wie ihm Müller 1995 eine Ausgabe seiner „Katholischen Dogmatik für Studium und Praxis der Theologie“ geschenkt hat. In der Dogmatik Müllers sieht der emeritierte Papst das Vorhaben einer kompakten Zusammenstellung des Glaubens der Kirche in einem Band als verwirklicht an. Benedikt selbst hatte einen entsprechenden Plan aufgrund seiner vielfältigen Aufgaben als Konzilstheologe, Erzbischof von München und Freising und schließlich Präfekt der Glaubenskongregation nicht selbst verwirklichen können. Besonders würdigt er Müllers Darstellung des Glaubens der Kirche „als Einheit und Ganzheit“, so dass „die letzte Einfachheit des Glaubens durch alle komplizierten theologischen Überlegungen hindurch sichtbar“ werde.

Dies sei das Merkmal eines guten Theologen, so Benedikt: „Ein großer Theologe wird man meiner Meinung nach nicht dadurch, dass man gescheite und schwierige Details behandeln kann, sondern dadurch dass man imstande ist, die letzte Einheit und Einfachheit des Glaubens darzustellen.“

Das Grußwort ist der Festschrift „Der dreifaltige Gott: Christlicher Glaube im säkularen Zeitalter“ vorangestellt, die anlässlich des 70. Geburtstages von Gerhard Ludwig Müller am 31. Dezember. Es wird vom Leiter der Regensburger Benedikt-XVI.-Stiftung, Christian Schaller, und dem Vallendarer Dogmatiker George Augustine herausgegeben. Zu den Autoren gehören Kardinal Reinhard Marx, der jüngst mit dem Ratzinger-Preis ausgezeichnete Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke und der ehemalige Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, Karl Wallner. Benedikt XVI. selbst bedauert in seinem Grußwort, dass er selbst „nicht mehr in der Lage“ gewesen sei, einen „regelrechten wissenschaftlichen Beitrag zu schreiben“. (fxn)

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Kardinal Müller: Gedanken zum Weihnachtsfest

Kardinal Gerhard Ludwig Müller war von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. Zuvor war er Bischof von Regensburg (2002-2012) und Professor für Dogmatik.  dpa/Lena Klimkeit

Gott wird Mensch: Es ist nur schwer zu begreifen, was das bedeutet, schreibt Kardinal Gerhard Ludwig Müller in seinem Gastbeitrag. Auf katholisch.de erklärt er das Weihnachtsfest.

Weihnachten | Vatikanstadt – 25.12.2017
Als der junge Rhetorik-Professor Augustinus aus Nordafrika in einem Zustand der Desorientierung nach Mailand kam, hörte er die Predigten des katholischen Bischofs Ambrosius. Damals war der spätere Kirchenvater noch ganz in den Banden des Manichäismus gefangen. Zu seiner großen Überraschung stellte er fest, dass die Polemik der Manichäer gegen die angeblich zu fundamentalistische Auffassung der Katholiken vom Christentum nicht zutraf. Die Manichäer bildeten sich viel ein auf ihre höhere, vergeistigte Interpretation der Bibel, so wie auch Augustinus den Glauben Monikas, seiner katholischen Mutter, verachtete und in ihm doch nur einen „Platonismus für das Volk“ erkannte – wie Jahrhunderte später einmal Friedrich Nietzsche das Christentum charakterisieren sollte.

Als Augustinus bei einer Predigt seines geistigen Mentors merkte, dass die Mysterien des christlichen Glaubens weder vergeistigt-idealistisch noch verdinglicht-materialistisch aufzufassen sind, so formuliert er in seinen Bekenntnissen „errötete ich vor Freude, dass ich so lange Jahre nicht gegen den katholischen Kirchenglauben, sondern gegen die Gebilde meines fleischlichen Denkens gebellt hatte.“ (Conf. VI, 3). Für ihn war Jesus abseits von all den gnostischen Spekulationen über einen Christus-Mythos und seine modernen Ableger in den rationalistischen Konstruktionen eines Jesus hinter den Evangelien „nur ein Mann von hervorragender Weisheit“ (Conf. VII, 19).

Das große Geheimnis der Menschwerdung

Und der größte Kirchenvater des lateinischen Kirche fügt in der Rückschau auf die Zeit seines Suchens und Irrens und schließlich seines Findens der Wahrheit hinzu: „Welches Geheimnis aber in dem Satz ‚Das Wort ist Fleisch geworden‘, ( Joh 1,14) lag, konnte ich damals nicht einmal ahnen.“

Wie die Kirche in einem langen Ringen zur endgültigen gedanklichen Klärung und sprachlichen Formulierung des Geheimnisses der Menschwerdung des Sohnes Gottesgelangt war, und was es bedeutet, dass Gott in seinem ewigen Wort unser Fleisch und unsere menschliche Natur angenommen und in Jesus Christus eine echte menschliche Lebensgeschichte gehabt hatte, war Augustinus als einem der größten Theologen durchaus in allen Einzelheiten bekannt. Aber man muss nicht die ganze Bibelexegese, die christologische Dogmengeschichte, die systematische Christologie und Trinitätslehre und die Widersprüche dazu, angefangen vom antiken Philosophen Kelsos bis zum Evolutionstheoretiker Richard Dawkins, durchlaufen haben, um zum Glauben an die Wahrheit und Wirklichkeit der Menschwerdung Gottes zu kommen. Was Augustinus, der von seiner schlichten Mutter in der Welt des gelehrten Wissens und im philosophisch-theologischen Reflexionsniveau um Lichtjahre entfernt war, mit ihr verband, war nicht nur die natürliche Liebe zwischen Sohn und Mutter, sondern der übernatürliche Glaube.

Der Glaube ist übernatürlich, weil er uns – vermittelt durch die kirchliche Verkündigung – eingegossen wird vom Heiligen Geist, indem wir ihm frei mit der Vernunft zustimmen. Denn der Glaube an Jesus den Herrn, sein Kreuz und seine Auferstehung gründet in der Botschaft (Röm 10,9). Und wenn wir sie hören, steht der Glaube auf dem Fundament des Wortes Christi, der uns das Geheimnis seiner Person und Sendung erschließt (Röm 10,17).

Christus macht alle Menschen zu Brüder und Schwestern

Der Glaube verbindet einfache und hochgebildete Menschen in der Erkenntnis Jesu und in der Liebe Gottes. Weil Gott wirklich Mensch geworden ist, sind wir in Christus wirklich Brüder und Schwestern. Unsere unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten dienen dem Wohl der Menschen und dem geistlichen Aufbau des Leibes Christi, der Kirche.

Das neue Leben und das ganz andere Verhalten der Christen resultiert nicht aus dem Entschluss, aus eigenen Kräften die Welt der Sünde, des Egoismus, des Bösen, des Leidens und des Todes zu überwinden. Wir waren und sind nicht in der Lage, das Paradies auf Erden zu errichten, ein Schlaraffenland der Arbeit ohne Mühe und der selbst nachwachsenden Güter zu schaffen. Auch können wir keinen Kulturbetrieb organisieren, der höchste geistige Ansprüche erfüllt, indem wir die transzendentale Verwiesenheit des Menschen auf Gott als Ursprung und Ziel allen Seins außer Acht lassen. Weder sozialistische noch kapitalistische Programme der Weltverbesserung werden den neuen Menschen erschaffen.

Dossier Weihnachten: Gott wird Mensch

Alljährlich feiern die Christen am 25. Dezember die Geburt Jesu. Unser Dossier informiert über die Bedeutung von Weihnachten, bekannte Bräuche sowie spannende Hintergründe rund um das Fest.

 Zum Dossier

Weihnachten ist ein Fest der Gnade und des Friedens, wenn wir der Aufforderung folgen: „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24). Der Mensch und die ganze Schöpfung werden wegen der Menschwerdung Gottes erlöst aus aller Verlorenheit und einem Leben ohne Hoffnung. Zugleich werden wir berufen „zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ (Röm 8,21). Weil Gottes ewiger Sohn unser Menschsein sich zu eigen genommen hat, sind wir in ihm zu Söhnen und Töchtern Gottes geworden. Wir dürfen zu Gott durch seinen Sohn – seiner göttlichen Natur nach – und durch unseren Bruder – seiner menschlichen Natur nach – voll Vertrauen sagen: „Abba, Vater!“ (Röm 8,15, Gal 4,6).

Weihnachten bietet eine tröstliche Gewissheit

Wer mit dem Wahrheitssucher Augustinus und vielen Millionen von Mitmenschen bis zum heutigen Tag sich nicht mit Mythen, Ideologien oder von irgendwem ausgeklügelten Erlösungslehren und Wellnessangeboten abspeisen lässt, sondern sich dem Evangelium Christi öffnet, der erfährt an Weihnachten eine tröstliche Gewissheit. Wir werden getragen von einer begründeten Hoffnung. Und wir dürfen die Sendung der Kirche Christi zu allen Menschen mittragen, der seinen Jüngern verheißen hat: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20).

Unglaublich, aber wahr! Das Kind, das ein paar einfache Hirten in der Krippe fanden, ist der Grund großer Freude für das ganze (!) Volk: „Denn heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, Christus, der Herr.“ ( Luk 2,11).

Von Kardinal Gerhard Ludwig Müller

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Kardinal Müller: Wiederzulassung berechtigtes Anliegen, aber…

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller sieht im Papstschreiben „Amoris laetitia“ theologische und formale Schwächen. Mit Blick auf die umstrittene Passage des Schreibens, wonach wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen zu Beichte und Eucharistie zugelassen werden können, sagte Müller, die Stelle bringe ein berechtigtes Anliegen zum Ausdruck. Sie sei aber theologisch nicht genügend durchgearbeitet. „So etwas in einer Fußnote zu verpacken, ist angesichts des Gewichts dieser Thematik nicht genügend“, so Müller. Der Kardinal äußerte sich im ARD Politmagazin „report München“. Papst Franziskus hatte im Juni Müllers erste Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation nicht verlängert.

Ein Bußsakrament bedeute nicht, dass eine Absolution erteilt und alles wieder gut und schön werde, erläuterte der Kardinal weiter. Es setze Bekehrung voraus, einen neuen Anfang und den Willen, nach Gottes Geboten zu leben. Das hätte theologisch besser durchgearbeitet sein müssen, kritisierte der Dogmatiker. Müller wörtlich: „Wenn man auf die Glaubenskongregation gehört hätte, hätte man das Ziel besser erreicht und wäre besser gegen Einwände gewappnet gewesen.“

Gerade erst war bekanntgeworden, dass der Papst einen Kommentar argentinischer Bischöfe zu dieser Fußnote sowie seine eigene zustimmende Antwort darauf in den vatikanischen Akten veröffentlichen und ausdrücklich als „authentisches Lehramt“ definieren will. Beide Dokumente beschreiben Voraussetzungen, Einstellungen, Anliegen und mögliche Vorgehensweisen für Seelsorger, die Ehepaare in komplexen, schwierigen Lebensphasen begleiten – also eher Seelsorge als Dogmatik.

Müller rief dazu auf, aus der Kirchengeschichte zu lernen. Als Beispiel verwies er darauf, mit welcher „Inkompetenz“ der Fall Martin Luther damals angegangen worden sei und wie viele Menschen dazu beigetragen hätten, dass es zur „Katastrophe der Kirchenspaltung“ gekommen sei. Natürlich sei immer alles einmalig. „Aber vielleicht kann man ein paar Lehren daraus ziehen, wie man es nicht hätte machen sollen und wie man es heute nicht machen sollte.“

(kna 06.12.2017 gs)

Warum „Amoris laetitia“ orthodox verstanden werden kann und muss

Kardinal Müller: „Wer glaubt, ein Papst könne die geoffenbarte Wahrheit ändern, verkennt die Natur des päpstlichen Lehramts.“ Foto: KNA

Wie Kardinal Gerhard Müller das postsynodale Papstschreiben
im Vorwort zu einem Buch von Rocco Buttiglione interpretiert.

Von Guido Horst

Rom (DT) In Italien ist in diesen Tagen ein Buch des Philosophen und christdemokratischen Politikers Rocco Buttiglione erschienen, das – den frei ins Deutsche übersetzten – den Titel „Freundschaftliche Antworten auf die Kritiker von Amoris laetita“ trägt und eine Brücke zwischen den scharfen Gegnern des nachsynodalen Schreibens und den Anliegen von Papst Franziskus schlagen will. Das ausführliche Vorwort stammt von Kardinal Gerhard Müller, der es Buttiglione gleich tut: Die „scharfe Kontroverse“, so schreibt der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, die das achte Kapitel von „Amoris laetitia“ zur Folge hatte, sei umso bedauerlicher, da Franziskus, gestützt auf die beiden Bischofssynoden über die Familie 2014 und 2015, „eine zugleich theologische und pastorale Antwort“ auf die Herausforderungen der heutigen Zeit geben und die „mütterliche Hilfe“ der Kirche anbieten wollte, um die Krise von Ehe und Familie im Lichte des Evangeliums Christi zu überwinden. Es sei also nötig, die Abgrenzung der kontroversen Interpretationen des Schreibens zugunsten eines Austausches der Argumente zu überwinden, was der Kardinal dann im Folgenden versucht. Der Text ist lang. An dieser Stelle sei er mit ausführlichen Zitaten und Zusammenfassungen des Gedankengangs Müllers wiedergegeben.

„Eine seltsame Verkehrung der Fronten“

Zunächst stellt der Kardinal fest, dass „Amoris laetitia“ einen Parteienstreit zur Folge hatte: „Während von einer Seite die Rechtgläubigkeit des Papstes, des obersten Lehrers der Christenheit, in Frage gestellt wird, ergreifen andere die Gelegenheit, den Papst für einen von ihnen gewollten radikalen Paradigmenwechsel der katholischen Moral- und Sakramententheologie in Anspruch zu nehmen. Eine seltsame Verkehrung der Fronten ist wahrzunehmen. Die sich selbst als liberal-progressistisch rühmenden Theologen, die vorher zum Beispiel hinsichtlich der Enzyklika ,Humanae vitae‘ das Lehramt des Papstes grundsätzlich in Frage gestellt haben, erheben jetzt jede seiner Aussagen, die ihnen genehm ist, fast in den Rang eines Dogmas. Und andere Theologen, die sich streng dem Lehramt verpflichtet fühlen, unterwerfen ein lehramtliches Dokument gleichsam den Regeln einer akademischen Prüfung.“

Damit sei eine für die Kirche dramatische Lage entstanden, die durchaus mit der zur Zeit Martin Luthers zu vergleichen sei. Die kirchliche Situation heute, so Müller, „mit der Gefahr ihrer inneren Verweltlichung und Politisierung ist nicht unähnlich der brisanten Lage im späten Mittelalter, die zur Reformation und Kirchenspaltung des sechzehnten Jahrhunderts geführt hat. Der große Historiker des Konzils von Trient, Hubert Jedin, schreibt dazu: ,Das Wort Reform verdeckte die Häresie und die entstehende Kirchenspaltung; und nichts hat die Kirchentrennung so gefördert wie die Illusion, die sich über ihr Vorhandensein täuschte.‘ Nur die dogmatische Klarheit in der Lehre und der mutige Dienst der Hirten an der Einheit der Kirche kann sowohl die Ausbreitung von Irrlehren als auch spalterische Tendenzen verhindern“, schreibt Kardinal Müller.

In diesem Zusammenhang biete Rocco Buttiglione als treuer Katholik und ausgewiesener Moraltheologe mit den in seinem Band gesammelten Artikeln und Aufsätzen eine klare und überzeugende Antwort. „Es geht hier nicht um die gesamte Rezeption von ,Amoris laetitia‘, sondern nur um die kontroverse Interpretation einiger Passagen im achten Kapitel. Er bietet aufgrund der klassischen Kriterien der katholischen Theologie eine argumentierende und nie polemisierende Antwort auf die fünf Dubia der Kardinäle. Er zeigt, dass der schwere Vorwurf seines Freundes und langjährigen Mitstreiters Josef Seifert an den Papst, nicht einwandfrei rechtgläubige Thesen vorzutragen oder zuzulassen, nicht den Tatsachen entspricht.“ Müller meint damit die Aussage Seiferts, „Amoris laetitia“ sei eine moraltheologische Atombombe, die das ganze Lehrgebäude der Kirche zum Einsturz zu bringen drohe. Seifert war daraufhin vom Erzbischof von Granada als Leiter des spanischen Ablegers seiner Internationalen Akademie für Philosophie entlassen worden.

Eine „Atombombe“ ist „Amoris laetitia“ sicher nicht

Zwei zentrale Aussagen, so Müller, kennzeichneten Buttigliones Argumentation: „Erstens: Die dogmatischen Lehren und pastoralen Hinweise des achten Kapitels von ,Amoris laetitia‘ können und müssen orthodox verstanden werden. Zweitens: ,Amoris laetitia‘ bedeutet keine lehramtlichen Kehrtwende zu einer Situationsethik und damit einen Widerspruch zur Enzyklika ,Splendor veritatis‘ von Papst Johannes Paul II.“ Auch für den Kardinal steht es außer Frage, dass die Theorie haltlos sei, das subjektive Gewissen könne sich im Hinblick auf seine Interessen und Befindlichkeiten an die Stelle der objektiven Norm des natürlichen Sittengesetzes und der Sakramente setzen und deshalb sei die Lehre von der Existenz eines „intrinsecum malum“ und objektiven bösen Tuns obsolet geworden. Stattdessen hält Müller mit Blick auf den zweiten „Zweifel“ der vier Dubia-Kardinäle fest: „Es bleibt die Lehre von ,Veritatis splendor‘ (Art. 56; 79) auch im Vergleich mit ,Amoris laetitia‘ (Art. 303f.) gültig, dass es absolute moralische Normen gibt, die keine Ausnahmen zulassen.“

Dass es aber zu der Verwirrung um „Amoris laetitia“ kommen konnte, führt der Kardinal auch auf ein Missverständnis der Natur der Lehrbefugnis der Päpste zurück: „Der Grund, warum es zu diesen kontradiktorischen Auslegungen von ,Amoris laetitia‘ kommen konnte, besteht in einem Missverständnis der Rolle und Funktionsweise des bischöflichen und päpstlichen Lehramtes. Angesichts der protestantischen Fundamentalopposition gegen die Existenz und Natur des kirchlichen Lehramtes, das letztverbindlich die Wahrheiten der eschatologisch-definitiven Selbstmitteilung Gottes als Wahrheit und Leben jedem Katholiken zu glauben vorlegen kann, hat sich seit dem siebzehnten Jahrhundert gelegentlich eine Art von katholischem Lehramtspositivismus eingeschlichen, der nicht weniger gefährlich ist für den katholischen Glauben als seine Leugnung überhaupt. In seiner extremen Form besagt er: Etwas ist wahr, weil und indem es der Papst zu glauben vorlegt; und nicht weil es wahr und in der Offenbarung (in ihrer Objektivation in der Heiligen Schrift und der Apostolischen Überlieferung ) enthalten ist, kann und muss es auch vom Papst verbindlich gelehrt werden.“

Der Katholik glaubt an Gott, nicht an den Papst

Daraus ergibt sich für Müller: „In Wirklichkeit ist der Papst nicht eine Glaubensquelle. Dem lebendigen Lehramt der Kirche ist die Offenbarung nicht zu eigen gegeben, sondern nur zur verbindlichen Erklärung anvertraut. Der Papst erfreut sich nur der ,assistentia spiritus sancti‘ und nicht einer Illumination oder Inspiration durch die göttliche Wahrheit. Denn der Katholik glaubt dem sich offenbarenden Gott und nicht dem Papst, wenn von diesem auch das Glaubensbekenntnis der Kirche in der Bezeugung durch die Apostel und ihrer legitimen Nachfolger letztverbindlich zu glauben vorgelegt wird.“ Das habe auch Folgen dafür, wie „Amoris laetitia“, und hier besonders das achte Kapitel, zu lesen sind: „In den lehramtlichen Dokumenten ist klar zu unterscheiden zwischen dem vorgelegten Glaubensinhalt und den beigefügten theologischen Argumentationen. Selbst wenn Glaubensinhalt und Glaubensreflexion nicht immer und leicht adäquat zu unterscheiden sind, können sie dennoch gegenüber den Gläubigen nicht die gleiche Verbindlichkeit entfalten. Als Dokument des päpstlichen Lehramtes erfreut sich Papst Franziskus als Autor von ,Amoris laetitia‘ zweifelslos des Beistandes des Heiligen Geistes. Dabei richtet sich der Verbindlichkeitsgrad der einzelnen Aussagen nach dem Grad der in Anspruch genommenen Lehrautorität. Da wir in der Christologie keine Monophysiten und Nestorianer sind, muss aber bei der Interpretation der lehramtlichen Glaubensvorlage zwischen der darin erhaltenen göttlichen Autorität und der menschlichen Vermittlung der Glaubensaussage unterschieden werden, wenn auch beide Faktoren nicht zu trennen sind. Selbst die Heilige Schrift als Gottes Wort im Menschenmund kann – unbeschadet ihrer Funktion als ,norma normans non normata‘ – hinsichtlich ihrer menschlichen Sprechweise historisch-kritisch ausgelegt werden. Deshalb kann man unter dem Gesichtspunkt der theologisch-argumentativen Darstellung des Glaubens auch ein päpstliches Lehrschreiben der historischen Kritik unterziehen, ohne an der Verbindlichkeit des Glaubensaussage, die von der Autorität Gottes gestützt wird, zu zweifeln.“

Auf „Amoris laetitia“ angewandt bedeutet das für den Kardinal, dass man das ein oder andere an dem Schreiben kritisieren kann: „Nicht immer geglückte Sprachbilder (zum Beispiel die Gebote Gottes wie Felsbrocken auf andere werfen) und vorschnelle Psychologisierungen von theologischen Positionen mit Legalismus und Pharisäertum fördern eher die Befremdung über den Stil von ,Amoris laetitia‘, als dass sie Verständnis für das pastorale Anliegen des Papstes wecken (vgl. AL 305). Wer für die Klarheit und Wahrheit der Glaubenslehre einsteht gerade im Zeitalter des Relativismus und Agnostizismus, hat es nicht verdient als Rigorist, Pharisäer, Legalist und Pelagianer apostrophiert zu werden.“ Dennoch hält Müller daran fest: „Eine genaue Analyse zeigt, dass der Papst in ,Amoris laetitia‘ keine Lehre verbindlich zu glauben vorgelegt hat, die in offenem oder impliziten Gegensatz steht zur klaren Lehre der Heiligen Schrift und den definierten Dogmen der Kirche bezüglich der Sakramente der Ehe, der Buße und der Eucharistie. Vielmehr wird die Glaubenslehre über die innere und äußere Unauflösbarkeit der sakramentalen Ehe gegenüber allen anderen Formen, die sich von ihr ,radikal kontradiktorisch‘ (AL 292) abheben, bekräftigt und den Fragen des pastoralen Umgangs mit Personen in eheähnlichen Verhältnissen zugrunde gelegt.“

Schuldlos vom ersten Ehepartner verlassen

Wie aber löst Kardinal Müller die Missverständnisse auf, die „Amoris laetitia“ offensichtlich ausgelöst hat? Hier muss ausführlicher zitiert werden. „Das Spezifikum, worum es im achten Kapitel geht“, so Müller, „ist die pastorale Sorge um des Heil derjenigen Katholiken, die in irgendeiner Weise eheähnlich mit einem Partner zusammenleben, der nicht ihr rechtmäßiger Ehegatte ist. Die Lebenssituationen sind so verschieden und komplex und der Einfluss ehefeindlicher Ideologien und Lebensformen ist oft übermächtig. Der einzelne Christ kann sich schuldlos in der schweren Krise des Verlassen-Seins befinden und keinen anderen Ausweg wissen, als sich einem wohlwollenden Menschen anzuvertrauen, woraus sich eheähnliche Beziehungen ergeben. So bedarf es im ,Forum internum‘ einer besonderen geistlichen Unterscheidungskompetenz des Beichtvaters, um jenseits von billiger Anpassung an den relativistischen Zeitgeist und kalter Applikation der dogmatischen Vorgaben und kirchenrechtlichen Bestimmungen einen Weg der Umkehr und Hinwendung zu Christus zu finden, der der Person gerecht wird – aber eben im Licht der Wahrheit des Evangeliums und mit Hilfe der zuvorkommenden Gnade.“

Wie ein konkreter Ausnahmefall aussehen kann

Dabei ist laut Müller der Tatsache Rechnung zu tragen, „dass auch bei vielen Katholiken eine krasse Unkenntnis über das Ehesakrament um sich greift“. Und so nennt der Kardinal den Fall, in dem das achte Kapitel und Fußnote 351 auch auf wiederverheiratete Geschiedene angewandt werden können: „Es kann bei einer späteren Bekehrung (eines ,Taufscheinkatholiken‘) der Fall eintreten, dass ein Christ in seinem Gewissen überzeugt ist, dass seine erste Verbindung, selbst wenn sie in Form einer kirchlichen Trauung erfolgte, nicht gültig war als Sakrament und dass seine jetzige eheähnliche Verbindung mit Kindern und einem gedeihlichen Zusammenleben mit seinem Partner eine reale Ehe ist vor Gott. Vielleicht kann das aus physischen oder mentalitätsmäßigen kulturellen Kontexten kirchenrechtlich nicht aufgewiesen werden. Die hier auftretende Spannung zwischen dem öffentlich-objektiven Status der ,zweiten‘ Ehe und der subjektiven Schuld kann möglicherweise unter den gegebenen Voraussetzungen den Weg zur heiligen Kommunion über die seelsorgerliche Beratung im ,Forum internum‘ und dem Bußsakrament eröffnen.“ Diesen Worten Kardinal Müllers zufolge ist es also völlig verfehlt, „Amoris laetitia“ als moraltheologische Atombombe zu bezeichnen oder den Papst der Häresie zu bezichtigen. Allerdings macht der Text Müllers auch klar, dass „Amoris laetitia“ nur dann in der Tradition des bisherigen päpstlichen Lehramts steht, wenn man das Schreiben eng auslegt und nicht dazu nutzt, Wiederverheirateten grundsätzlich den Weg zum Empfang der Sakramente zu öffnen.

Grundsätzlich ist für den ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation klar: „Der Papst selbst warnt in ,Amoris laetitia‘ vor falschen Interpretationen der Seelsorger ,in den spezifischen Fällen‘, die niemals und unter keinen Umständen die Lehre über die von Gott gestiftete Unauflöslichkeit der gültigen, sakramentalen Ehe in Frage stellen dürfen und damit die Qualifikation des Ehebruchs als Todsünde verdunkeln würden (AL 307). Jeder Relativismus widerspricht diametral der lehramtlichen Autorität des Papstes in ,Amoris laetitia‘.“

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Lesen Sie dazu:

 

Kardinal Müller: Rom muss in Übersetzungsfragen entscheiden


Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat sich in die Debatte darüber eingeschaltet, welche Rolle Bischofskonferenzen und dem Vatikan im Umgang mit Übersetzungen liturgischer Texte aus dem Lateinischen zukommen.

Das meldet die „Passauer Neue Presse“ vorab zu einem Interview der Zeitung mit dem ehemaligen Präfekt der Glaubenskongregation. Kardinal Müller habe wörtlich gesagt:

„Die letzte Autorität im Zweifelsfall kann nicht bei den Bischofskonferenzen liegen. Das würde die Einheit der katholischen Kirche im Glauben, im Bekenntnis und im Gebet zerstören.“

Neu aufgeworfen hat die Frage das Schreiben Magnum Principium. Papst Franziskus veröffentlichte das Motu Proprio am 9. September und setzte damit die bisherhige Regelung, Liturgam Authenticam, außer Kraft. Das neue Schreiben gibt den Ortsbischöfen mehr Autorität, und räumt der zuständigen Behörde in Rom die Rolle ein, nicht mehr eine Recognitio zu erteilen, sondern eine Confirmatio.

In einer Erklärung dazu betonte der Präfekt der zuständigen Kongregation für den Gottesdienst, Kardinal Robert Sarah, dass Rom weiterhin nicht nur Übersetzungen bestätige, sondern auch genehmigen müsse. Diese Sicht beantwortete Papst Franziskus prompt in einem veröffentlichten Schreiben an Kardinal Sarah.

Verwässerung des heiligen Originals?

Kardinal Müller erklärte dazu nun gegenüber der PNP, er bedauere es sehr, „dass bei der Frage der richtigen und treuen Übersetzung der originalen lateinischen Liturgiesprache des römischen Ritus solche Friktionen entstanden sind“. Er habe es „oftmals erlebt, dass die von den Bischöfen herangezogenen Übersetzer die biblischen und liturgischen Texte unter dem Vorwand der besseren Verständlichkeit verwässert haben“.

Dazu gehörten auch und gerade „hoch anspruchsvolle Lehren“, etwa der stellvertretenden Sühnetod Jesu am Kreuz: Dieser würden „in manchen Ländern wegrationalisiert oder auf ethische Appelle heruntergebrochen und so des katholischen Heilsrealismus entkleidet“.

Die zentrale Frage, und Anliegen auch gegenteiliger Meinungen zum Thema, ist ein besseres Verständnis der Liturgie – eine mögliche Antwort bietet das Zweite Vatikanische Konzil: Dieses betont in Sacrosanctum Concilium, dass in der Liturgie die zentrale Rolle des Lateinischen zu bewahren ist, und die Christgläubigen müssen, so das Dokument weiter, ihren Teil der Liturgie  „auch lateinisch miteinander sprechen oder singen können„.

Eine bessere Bildung der Gläubigen in der Liturgie hat auch Papst Franziskus just am heutigen Mittwoch in der Generalaudienz gefordert.

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„Keine Macht im Himmel und auf der Erde“ – Kardinal Müller tut, was der Papst verweigert: Antwort auf die „Dubia“ zu Amoris laetitia

Kardinal Müller im EWTN-Interview: „Papst kann keine Lehre vertreten, die den Worten Jesu Christi widerspricht“.

Kardinal Müller zu Amoris laetitia:

„Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene ist unmöglich. Keine Macht im Himmel und auf der Erde, weder ein Engel noch ein Papst, kann das Ehesakrament ändern“

(Rom) Während sich Papst Franziskus weiterhin in Schweigen hüllt, antwortete Kardinal Gerhard Müller, der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, auf die Dubia (Zweifel) von vier namhaften Kardinälen der Kirche.

Die Kardinäle Brandmüller, Burke, Caffarra und Meisner hinterlegten am 19. September 2016 im Vatikan zum umstrittenen nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia vier Dubia mit fünf Fragen an Papst Franziskus. Nachdem Franziskus auch nach zwei Monaten weder eine Antwort gab noch sonst eine direkte Reaktion zeigte, machten die vier Kardinäle in ihrer Not ihre Zweifel öffentlich. Das war ein Stich ins Wespennest, denn seither mußten sie jede Art von unrühmlichen Angriffen und ungerechtfertigter Kritik gegen ihre Person ertragen. Die engsten Mitarbeiter des päpstlichen Umfeldes verschwendeten viel Zeit und Energie damit, die vier Einbringer der Dubia öffentlich abzukanzeln und zu behaupten, daß der Papst weder antworten müsse noch solle noch brauche, denn es sei ohnehin alles bereits gesagt, weshalb es wohl an den vier Kardinälen liegen müsse, die nicht verstehen wollten.

Währenddessen schwieg Franziskus, obwohl die fünf Fragen so formuliert sind, daß sie mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden können, was den Papst natürlich nicht daran hindert, ausführlicher darauf einzugehen. Inzwischen sind viereinhalb Monate vergangen, und der sonst ziemlich redselige Franziskus schweigt noch immer. Ein Papst, der aus nicht nachvollziehbaren Gründen keine Antwort gibt, wenn er zu zentralen Glaubensfragen um Auskunft und Klärung gebeten wird, wird zunehmender als Last für die Kirche empfunden. Das Schweigen ermöglicht und fördert einen Wildwuchs an Spekulationen, der noch beklemmender ist und zeigt, wie groß die Verunsicherung durch Amoris laetitia unter den Gläubigen bereits ist.

Glaubenspräfekt gab zu verstehen, daß ihm die Antwort nicht schwerfalle

Die vier Kardinäle hatten ihre Dubia im September nicht nur dem Papst, sondern auch Glaubenspräfekt Müller übermittelt. Dieser gab im Herbst zu erkennen, daß ihm eine Antwort – im Gegensatz zu Franziskus – nicht schwerfallen würde, er aber ohne päpstliche Bewilligung nicht antworten könne.

Nun hat der ehemalige Bischof von Regensburg doch einen Versuch unternommen, jene „Klarheit“ zu schaffen, die von den vier Kardinälen gefordert wird. Da der Glaubenspräfekt nicht offiziell antworten kann, wählte er einen inoffiziellen Weg: Er gab dem Monatsmagazin Il Timone ein Interview. Eine delikate Sache in einer Zeit, in der man von bestimmten Kirchenkreisen schnell als „Papst-Gegner“ abgestempelt wird. In dem Interview erwähnt der Glaubenspräfekt die Dubia mit keinem Wort, antwortet aber genau und offensichtlich mit Bedacht auf die Fragen der vier Kardinäle.

Müller-Interview: „Die Wahrheit ist nicht verhandelbar“

Das Interview mit dem Titel: “Die Wahrheit ist nicht verhandelbar” führten Chefredakteur Riccardo Cascioli und Lorenzo Bertocchi.

  • Der Glaubenspräfekt „spart nicht mit Seitenhieben gegen jene Bischöfe, die, anstatt ihren Brüdern Führer zu sein, mit ihren ‚Sophismen‘ Gefahr laufen, als „Blinde Blinde zu führen“, so der Vatikanist Sandro Magister. Ein Auszug aus dem Interview.

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? Il Timone: Kann es einen Widerspruch zwischen der Lehre und dem persönlichen Gewissen geben?

Kardinal Müller: Nein, das ist unmöglich. Ein Beispiel: Man kann nicht sagen, daß es Umstände gibt, in denen ein Ehebruch keine Todsünde wäre. Für die katholische Lehre ist ein Miteinander von Todsünde und rechtfertigender Gnade unmöglich. Um diesen absurden Widerspruch zu überwinden, hat Christus für die Gläubigen das Sakrament der Buße und der Versöhnung mit Gott und der Kirche eingesetzt.

„Ich empfehle allen, die zuviel reden …“

? Il Timone: Über diese Frage wird rund um die Debatte über das nachsynodale Schreiben Amoris laetitia viel diskutiert.

Kardinal Müller: Amoris laetitia ist eindeutig im Licht der gesamten Lehre der Kirche zu interpretieren. […] Es gefällt mir nicht, das ist nicht korrekt, daß viele Bischöfe Amoris laetitia auf ihre eigene Weise interpretieren, so wie sie die Lehre des Papstes verstehen. Das geht mit der katholischen Glaubenslehre nicht. Das Lehramt des Papstes wird nur durch ihn selbst oder durch die Kongregation für die Glaubenslehre interpretiert. Der Papst interpretiert die Bischöfe, nicht die Bischöfe den Papst. Das hieße ja, die Struktur der katholischen Kirche auf den Kopf zu stellen. Allen jenen, die zuviel reden, empfehle ich zuerst die Lehre [der Konzile] über das Papsttum und den Episkopat zu studieren. Der Bischof, als Lehrer des Wortes, muß als erster gut gebildet sein, um nicht in Gefahr zu geraten, als ein Blinder andere Blinde an der Hand zu führen.

„Keine Macht im Himmel und auf der Erde kann das ändern“

? Il Timone: Das Schreiben Familiaris consortio des heiligen Johannes Paul II. sieht vor, daß Paare von wiederverheirateten Geschiedenen, die sich nicht trennen können, enthaltsam leben müssen, damit sie zu den Sakramenten zugelassen sind. Hat das noch Gültigkeit?

Kardinal Müller: Natürlich. Das kann gar nicht geändert werden, weil es nicht nur ein positives Gesetz von Johannes Paul II. ist, sondern – wie er es ausgedrückt hat – ein konstitutives Element der christlichen Moraltheologie und der Sakramententheologie ist. Die Verwirrung in diesem Punkt betrifft auch die fehlende Anerkennung der Enzyklika Veritatis splendor mit der klaren Lehre über das „intrinsece malum“. […] Für uns ist die Ehe Ausdruck der Teilhabe an der Einheit zwischen Christus dem Bräutigam mit Seiner Braut der Kirche. Das ist nicht, wie einige während der Synode gesagt habe, nur eine vage Analogie. Nein! Das ist die Substanz des Sakraments, und keine Macht im Himmel und auf der Erde, weder ein Engel noch ein Papst noch ein Konzil noch ein Gesetz der Bischöfe hat die Vollmacht, es zu ändern.

„Aufgabe der Bischöfe ist es nicht, Verwirrung zu stiften“

?    Il  Timone: Wie  kann das Chaos durch die unterschiedlichen Interpretationen beseitigt werden, die dieser Passage von Amoris laetitia gegeben werden?

Kardinal Müller: Ich lege allen nahe, nachzudenken, indem zuerst die Lehre der Kirche studiert wird, ausgehend vom Wort Gottes in der Heiligen Schrift, das zur Ehe sehr klar ist. Ich würde auch raten, sich auf keine Kasuistik einzulassen, die leicht Mißverständnisse erzeugen kann, vor allem das, daß auch das Eheband erlöschen würde, wenn die Liebe stirbt. Das sind Sophismen: Das Wort Gottes ist sehr klar, und die Kirche akzeptiert es nicht, die Ehe zu säkularisieren. Die Aufgabe der Priester und Bischöfe ist es nicht, Verwirrung zu stiften, sondern Klarheit zu schaffen. Man kann sich nicht nur auf kleine Stellen in Amoris laetitia beziehen, sondern muß alles in seiner Gesamtheit lesen mit dem Zweck, das Evangelium der Ehe und der Familie für die Menschen anziehender zu machen. Nicht Amoris laetitia hat eine Interpretations-Verwirrung provoziert, sondern einige verwirrte Interpreten. Alle müssen wir die Lehre Christi und Seiner Kirche verstehen und akzeptieren und zugleich bereit sein, den anderen dabei zu helfen, sie zu verstehen und auch in schwierigen Situationen in die Praxis umzusetzen.

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Es bleibt das Problem, daß Franziskus schweigt und die „blinden Führer“ unterstützt

Der Vatikanist Sandro Magister schreibt dazu: „Soweit Kardinal Müller, der unter die von ihm ins Visier genommenen ‚verwirrten Interpreten‘ von Amoris laetitia zwangsläufig auch die argentinischen Bischöfe der Region Buenos Aires miteinbezogen haben muß.

Denen schrieb Franziskus allerdings mit voller Zustimmung: ‚Das Geschriebene ist sehr gut und gibt den Sinn des VIII. Kapitels von Amoris laetitia genau wieder. Das ist die einzig mögliche Interpretation …“

Zu den „verwirrten Interpreten“ ist nach den Ausführungen von Kardinal Müller auch Erzbischof Bruno Forte zu nennen, der auf päpstliche Wunsch hin Sondersekretär beider Bischofssynoden über die Familie war. Der Papst-Vertraute Forte gilt als Autor der umstrittenen Passagen zur Homosexualität im Schlußbericht der ersten Synode von 2014. Die Tageszeitung Il Sole 24 Ore veröffentlichte am 29. Januar ein Interview mit Forte, in dem er Amoris laetitia ganz auf der Interpretationslinie von Kardinal Schönborn darlegte, die Papst Franziskus ebenfalls als „authentisch“ bezeichnet hatte.

Wenige Stunden nachdem das Interview von Kardinal Müller erschienen war, veröffentlichten zudem die deutschen Bischöfe ihre Richtlinien zur Umsetzung von Amoris laetitia. Diese liegen nicht auf der Linie von Kardinal Müller, sondern auf der entgegengesetzten Linie der Kirchenprovinzen Buenos Aires und Malta, die wiederverheirateten Geschiedenen in „Einzelfällen“ die Zulassung zu den Sakramenten erlaubt.

Vertreter des „unmöglichen Widerspruchs“ berufen sich auf Papst Franziskus

Kardinal Müller hat recht, daß es keine Autorität gibt, die Vollmacht hätte, das Ehesakrament zu ändern. Das gilt um so mehr, solange Papst Franziskus nichts Gegenteiliges erklärt, was Ausgangspunkt für einen ungeheuren Konflikt in der Kirche sein würde. Wenn das Schweigen des Papstes zu den Dubia der vier Kardinäle dennoch nicht die Linie von Kardinal Müller stärkt, dann aus dem einfachen Grund, daß dieses Schweigen jenen Kräften in der Kirche in die Hand spielt, die „Gefahr laufen, Blinde zu sein, die andere Blinde führen“, wie es der Glaubenspräfekt formulierte. Das Schweigen von Franziskus fassen diese Kräfte als päpstliche Aufforderung zum Handeln im Widerspruch zur kirchlichen Lehre und Praxis auf. Dabei fühlen sie sich den Rücken durch Franziskus gestärkt. Das Ergebnis legten die Bischöfe von Malta vor, die ihre „Kriterien“, mit denen sie wiederverheiratete Geschiedene zum Kommunionempfang einladen, unter Berufung auf Papst Franziskus und Amoris laetitia vorlegten.

Den Klarstellungen durch Kardinal Müller im Interview mit Il Timone kommt eine besondere Bedeutung zu, weil sie Klarheit schaffen. Das durch Amoris laetitia entstandene Problem lösen sie nicht. Und will man dem Papst nicht unterstellen, er wüßte nicht, was er tut, dann muß man – was seine Intention angeht – wohl oder übel zur Kenntnis nehmen, daß er genau jenen „unmöglichen Widerspruch“ (Kardinal Müller) will und fördert, den die Bischöfe von Buenos Aires, Malta und Deutschland vertreten und damit große Verwirrung in das gläubige Volk tragen.

Erzbischof Bruno Forte war es, der am 2. Mai 2016 im Stadttheater von Vasto Amoris laetitia präsentierte und dabei eine bezeichnende und bis heute unwidersprochene Enthüllung zum Ablauf der Bischofssynode und zu den Inhalten des Schlußberichts und des nachsynodalen Schreibens machte. Papst Franziskus habe ihm für die Formulierung des Schlußberichts zur Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen folgenden Auftrag erteilt:

  • „Wenn wir ausdrücklich von Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene sprechen, wer weiß, was die uns dann für ein Casino [einen Wirbel] machen. Wir reden deshalb nicht direkt Mach es so, daß die Prämissen gegeben sind, die Schlußfolgerungen ziehe dann ich.“

 

Text: Giuseppe Nardi, Bild: Il Timone

Veröffentlicht am 02.02.2017 von Katholisches.Info

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Quelle

Was bedeutet Reform in der Kirche?

Gerhard Ludwig Kardinal Müller ist Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche. Er war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. 25.10.2017 Foto: KNA

Nur der erste Schritt zur Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils? Eine Betrachtung zum Reformationsgedenken.

Von Gerhard Kardinal Müller

Als „Reformation“ bezeichnet in einer groß angelegten Studie der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch die Epoche zwischen 1490–1700, als deren Ergebnis die religiöse und politische Zersplitterung der abendländischen Christenheit vor uns steht. Je nach Standpunkt fällt die Bewertung dieser geschichtlichen Vorgänge unterschiedlich und gegensätzlich aus. Manche sehen ganz vom Inhalt des christlichen Glaubens ab und deuten die protestantische Reformation zusammen mit der katholischen Reform und Gegenreformation als Pluralisierungsprozess am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit. Im Sinne eines linearen Fortschrittsglaubens wird die historische Reformation zum Vorläufer und Ideengeber einer Entwicklung, die sich in der Aufklärung und Neuzeit vollendet. Was aber ist das Wesen der Neuzeit: Der Mensch ohne Gott oder der Mensch im freien Gegenüber zu Gott? Die Reformation führt demnach unter Absehung ihres eigentlichen religiösen Anliegens letztlich zu einer säkularen Weltsicht hin, in der die religiöse Option überhaupt und die christliche speziell selbst nur eine unter vielen ist.

Somit wäre die Reformation nur der erste Schritt zu einer Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils, die mit der eschatologischen Selbstoffenbarung Gottes ein für allemal in die Welt eingetreten ist. Die Reformatoren wollten dagegen nicht den Weg zu einer Entchristlichung der Gesellschaft und einer Entkirchlichung der Christengemeinde bahnen. Sie wollten die Erneuerung der Kirche gemäß dem Evangelium wie sie es verstanden. Damit traten sie zwar in einen Gegensatz zur katholischen Sicht auf Evangelium und Kirche, aber sie bildeten keine Koalition mit der beginnenden säkularen Kultur seit der Renaissance, wie sie kulturprotestantische Interpretation des historischen Ereignisses der protestantischen Reformation und der Revolution gegen die katholische Kirche es wollte.

Darum sind die alten konträren und polemischen Charakterisierungen einer evangelischen Kirche des Evangeliums, der Freiheit, des Gewissens, des Wortes gegenüber der katholischen Kirche des Gesetzes, des Gehorsams, der Autorität und der Sakramente, wie sie aus einer oberflächlichen Interpretation der Gerechtigkeit aus dem Glauben oder den Werken stammen, der Sache nach hinfällig.

Die Christen aller Konfessionen sind aber trotz aller Kontroversen, was Lehre, Leben und Verfassung der Kirche angeht, eins im Glauben an die endgültige und unüberholbare Selbstmitteilung Gottes in seinem Wort, dem Sohn des Vaters, der unser Fleisch angenommen und durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten das Reich Gottes für immer aufgerichtet hat. Unter diesem Gesichtspunkt verbindet das gemeinsame Bekenntnis zur Gottessohnschaft und der einzigen Heilsmittlerschaft Christi das katholische und das evangelische Christentum und trennt die Kirche nicht in eine vermeintlich mittelalterlich rückständige und eine vermeintlich der Moderne kompatible Form ihrer geschichtlichen Realisierung. Die Kirche als sakramentales Zeichen und Werkzeug der gekommenen und sich im kommenden Christus erfüllenden Gottesherrschaft kann durch die Mächte des Todes und des Bösen nicht überwältigt werden. So hat Jesus es seinen Jüngern mit Simon Petrus an der Spitze einst bei Cäsarea Philippi verheißen (vgl. Matthäus 16, 18). Wenn in Christus die Fülle der Zeiten gekommen ist, kann es über ihn hinaus nichts Neues geben, das ihn überholt oder das seine Botschaft veralten lässt. Die Kirche ist aber als der Leib Christi mit ihrem Haupt so eng verbunden, dass sie immer an seinem Leben Anteil hat und durch seinen Geist verlebendigt wird, so dass sie nie völlig von ihm abgetrennt werden kann, und sozusagen einer Neugeburt und Neustiftung bedürfte. „Denn Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie dahingegeben, um sie durch das Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen.“ (Epheser 5, 25f).

So wie die Ehe von Mann und Frau in Christus unauflösbar ist und trotz möglicher Krisen immer aus dem Quell der Liebe erneuert wird, so wendet sich Christus von der Kirche nicht ab trotz der Sünden und Verfehlungen ihrer Glieder. So wie der Ehemann mit seiner Frau ein Leib ist, so gilt auch von Christus, dem Haupt der Kirche, dass „er seinen eigenen Leib nicht hasst, sondern die Kirche nährt und pflegt, denn sie ist sein Leib“ (Epheser 5, 29). Reform bedeutet nicht Veränderung der von Christus seiner Kirche eingestifteten Lebensvollzüge in Martyria, Leiturgia und Diakonia, sondern die Erneuerung der Glieder des Leibes Christi im Leben, das vom Haupt auf den Leib seiner Kirche übergeht. Reform ist kein Weg zurück ad fontes im Sinne des Humanismus und der Renaissance mit dem Überlegenheitsdünkel derer, die die griechischen, hebräischen und lateinischen Urtexte der Bibel, der Kirchenväter und der heidnischen Autoren der Antike philologisch sich besser aneignen konnte als ihre Vorfahren auf den Lehrstühlen oder gar als das gemeine Volk. Erneuerung in Christus ist ein Weg nach vorn dem kommenden Herrn entgegen, damit wir wie die klugen Jungfrauen dem Bräutigam mit brennenden Lampen entgegengehen und zum Herrn in den Hochzeitssaal eintreten dürfen (vgl. Matthäus 25, 10).

Reform im theologischen Sinn hat nichts mit dem Mythos des Goldenen Zeitalters in grauer Vorzeit zu tun, das man wieder herstellen will. Auch jede Deutung der Kirchengeschichte nach dem Schema des Abfalls vom reinen Ursprung oder der bloß positiven Entfaltung nach vorne hin, scheitert am Glauben an die eschatologische Gegenwart des Heils in Christus und dem Wissen um die Dramatik von Welt- und Kirchengeschichte zwischen der civitas Dei und der civitas terrena. Christus ist das unvergängliche Licht Gottes in der Welt. Aber die Kirchengeschichte bewegt sich zwischen Licht und Schatten. „Die Kirche ,schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Korinther 11, 26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird …“ (Lumen Gentium 8) Auf die Frage der Gnostiker, was denn mit Christus unüberbietbar Neues gekommen sei, antwortete Irenäus von Lyon im zweiten Jahrhundert: „Er hat nur Neues gebracht, indem er, der Angekündigte, sich selbst brachte, um den Menschen zu erneuern und zu beleben“. Omnem novitatem attulit semetipsum afferens… quoniam novitas veniet innovatura et vivificatura hominem. (Adversus haer. IV, 34, 1)

Christus kann durch innerweltlichen Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Gesellschaftsordnung weder überboten noch eingeholt werden. Die Fülle des Heils und der Wahrheit ist allen Menschen in Christus von Gott seinem Vater für immer vermittelt worden. Im Heiligen Geist wird die Kirche zu einer immer tieferen Einsicht in die geoffenbarte Wahrheit eingeführt. Darum gibt es trotz der Fülle der Zeiten, die in Christus verwirklicht worden ist, einen gemeinschaftlichen und individuellen Fortschritt und eine jeweils andere Form der Inkulturation des Christentums und damit das Entstehen neuer christlicher Kulturformen. Er handelt sich – der inkarnatorischen und sakramentalen Präsenz der Wahrheit und des Heils gemäß – nicht um eine mechanische Weitergabe, sondern um eine lebendige Tradition der apostolischen Lehre, die lebt und geistiges und geistliches Leben weckt. Das kirchliche Lehramt hat darum weder eine konservative noch eine innovative Funktion je für sich. Im Zusammenwirken beider zeigen sich vielmehr die Treue zur Endgültigkeit der Offenbarung und das Wachstum der Kirche im lebendigen Glauben ihrer Glieder.

Das Zweite Vatikanische Konzil bringt dieses Spannungsgefüge auf den Begriff, wenn es in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei verbum“ erklärt: „Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr ,eigenes Lehramt überliefert‘ (Irenäus von Lyon, Adv. haer. II,3,1)… Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Progressus; es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lukas 2, 19.51), durch die innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.“ (DV 7 und 8)

Nach der in den Worten Jesu begründeten katholischen Glaubensüberzeugung widerspricht eine Vielheit von entgegengesetzten Konfessionen der Einheit der Kirche in der geoffenbarten Wahrheit. Da die Kirche der Leib Christi ist, der von Christus selbst als Haupt dieses Leibes in den vielen Glieder zusammengehalten wird, kann es im Glauben und im sakramentalen Leben nur eine Kirche geben. Die Kirche ist ein „Geist und Leib“ und es gilt: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Epheser 4, 4ff).

Auch Martin Luther, Huldrych Zwingli und Jean Calvin, die diese historische Epoche der Reformation wesentlich beeinflusst und auf den Weg gebracht haben und darum als „Reformatoren“ bezeichnet werden, wollten keineswegs die Einheit der Kirche zugunsten einer Vielzahl von Konfessionen aufgeben. Ihr Ziel war die Reform und Erneuerung der bestehenden und von Christus in der Geschichte gestifteten Kirche im Geiste ihres göttlichen Gründers und ihres lebendigen Hauptes. Ihre Methode war die Reinigung der Kirche Christi von dogmatischen Irrtümern, die eine das Heil gefährdende Praxis von Missständen und Missbräuchen hervorgebracht hätten. Nicht die Verbesserung des moralischen und geistlichen Lebens und die Modernisierung der menschlichen Einrichtungen der Kirche (Universitäten, Armenpflege, Auswahl und Ausbildung der geeigneten Kandidaten für das geistliche Amt) und der Kampf gegen die Verweltlichung der Kirche war Anlass zur Trennung der Anhänger Luthers, Zwinglis und Calvins von der Kirche um den Papst und die Bischöfe, sondern die Behauptung, die Kirche habe im Glauben schwer geirrt und habe durch ein falsches Sakramentenverständnis das Heil der Gläubigen in die größte Gefahr gebracht, bedeutete den Wendepunkt von einer Reform in der Kirche zur Reformation, die eine andere Kirche hervorbrachte.

Hier stehen wir an dem Punkt, an dem katholisches und protestantisches Verständnis von Reform der Kirche auseinandergehen. Wenn die Kirche von der Offenbarung abfallen kann und allein die Heilige Schrift das Kriterium für die rechte Lehre und Praxis ist, dann gilt es, die Kirche dem Wort Gottes gemäß zu reinigen und zu reformieren in Lehre, Leben und Verfassung. Wenn aber nach katholischer Lehre die Kirche nicht von der Offenbarung abfallen kann, dann kann es Reform nur geben in der Gestalt der Erneuerung und der Vertiefung. Protestantisch gibt es eine Reformation der Kirche, also eine tiefgreifende Umformung der Kirche nach Gottes Wort. Katholisch dagegen gibt es eine Reform in der Kirche, indem Papst und Bischöfe, Priester und Ordensleute und alle Laien in ihrem Leben aufgerufen sind, ihrer Berufung besser zu entsprechen. Weil die Reformatoren überzeugt waren, dass die Kirche mit dem Papst und den Bischöfe an der Spitze in der zentralen Lehre von der Erlösung und der Rechtfertigung des Sünders vom Evangelium Christi abweiche, kamen sie zur Überzeugung von der Notwendigkeit einer Reformation und substanziellen Umformung der Kirche, die einer ganz anderen Kategorie von Reform angehört, wie sie bisher in der Kirche durchgeführt worden waren.

Es sei erinnert an Reformen in der katholischen Kirche wie zum Beispiel die karolingische Renaissance, die im wesentlichen eine Reform der theologischen Bildungseinrichtungen bedeutete. Die Gregorianische Reform zielte auf die Befreiung der Kirche aus dem Korsett der Feudalgesellschaft und des Eigenkirchenwesens. Ihre Ziele waren der Kampf gegen Simonie, Laieninvestitur und für den Priesterzölibat. Es gab die großen Klosterreformen (Gorze, Cluny, Hirsau, Windsheim, Melk) und die neu entstehenden Orden, die einem spezifischen Charisma entsprechen und eine Antwort auf besondere Herausforderungen angesichts von kirchlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen entsprechen. Es sind bekannt die Reformen der Studienordnungen und Seminarien nach dem Trienter Konzil. Wir kennen die Bischöfe, die dem Trienter Ideal des Hirten mit apostolischem Eifer entsprechen wollten (Kardinal Carlo Borromäus von Mailand, Erzbischof Toribio von Mongrovejo; Kardinal Gregorio Barbarigo von Padua).

In den großen Ordensgründungen des heiligen Dominikus und des heiligen Franziskus ging es um die Erneuerung der apostolischen Predigt, eine angemessene Seelsorge in der aufstrebenden Stadtkultur und für die akademischen Jugend wie auch um das Lebensideal der evangelischen Armut und Demut. Im 19. und 20. Jahrhundert hat die Kirche mit neuen Orden und der Entwicklung ihrer Sozialllehre großartige Beispiele ihrer Anpassungsfähigkeit ihrer Mentalität und Struktur gegeben.

Fortsetzung folgt

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