„Der Präfekt hat dem Papst zu dienen“

ARCHIV - Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, spricht am 30.01.2015 auf dem 10. Semperopernball in der Semperoper in Dresden (Sachsen). (zu dpa "Kampf gegen Missbrauch: Deutscher Kardinal in der Kritik" vom 14.03.2017) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Ein Gespräch mit Kardinal Gerhard Müller über den Papst, die Kurie, seine Ausscheiden aus der Glaubenskongregation und seine Zukunftspläne. Von Regina Einig

Eminenz, haben Sie den Eindruck, dass die Nichtverlängerung Ihrer Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation von außen instrumentalisiert worden ist, um gegen Papst Franziskus Stimmung zu machen? Von verschiedenen Seiten sicher. Und ein gewisser Teil der Medien, hinter denen bestimmte ideologische Gruppierungen stehen, jubelt, weil er die Rolle des Präfekten völlig falsch einschätzt. Aber der Präfekt hat dem Papst zu dienen in seinem Dienst an der Einheit der Kirche in der Wahrheit des Evangeliums. Deshalb ist es von vorneherein falsch, die Kirche sozusagen in zwei ideologische Flügel aufzuteilen und die eigene Energie darin zu investieren, dass der eine den anderen überwindet.

Was sagen Sie den Ideologen? Wir sind katholisch, und es gibt nicht konservative und progressive Wahrheiten. Die Wahrheit ist die Wahrheit Gottes – und der müssen wir uns stellen, denn die Wahrheit führt uns in die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,21).

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Nachfolger erlebt? Wir haben die Arbeit in der Glaubens- und Disziplinarabteilung in vollkommener Harmonie ausgeführt. Er ist in seinem theologischen Grundverständnis vom Zweiten Vaticanum, von den Kirchenvätern sowie den großen Theologen des Mittelalters und der Neuzeit geprägt. Wir haben auch die Entwürfe zu Amoris laetitia gemeinsam kommentiert.

Also gibt es zwischen Ihnen keinen Dissens in der Auslegung von Amoris laetitia? Nein. Es ist eigentlich kaum verständlich, dass jemand einen Zweifel daran haben kann, dass die Aussagen eines Papstes immer im Licht und in Konformität mit der Heiligen Schrift, der apostolischen Tradition und den bisherigen Lehrbestimmungen der Päpste und der Konzilien gelesen werden müssen. Sonst steht einer nicht mehr auf dem Boden des katholischen Glaubens. Man lese dazu nur die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung des II. Vatikanums (Dei Verbum 10).

In der Kurie ist ein Umbau im Gange. Wie beurteilen Sie Stimmen, die sagen, dass die Linien Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. verwischt werden sollen? Man sieht allenfalls einige Baustellen, aber welcher Plan dahintersteht, erschließt sich mir bisher nicht. Wichtig ist zu sehen, dass die römische Kurie eine kirchliche Wirklichkeit ist und nicht einfach ein Verwaltungsapparat für eine weltliche Institution (Vgl. das Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe des II. Vatikanums (Christus Dominus 9f). Was Reform heißt, kann einerseits eine strukturelle oder organisatorische Anpassung an die moderne Kommunikation sein. Aber kirchlich betrachtet verstehen wir unter Reform eine innere geistige und geistliche Erneuerung in Christus mit dem Willen, seiner Kirche treu zu dienen.

Täuschen sich diejenigen, die Ihnen Spannungen mit Papst Franziskus nachsagen? Wir Kardinäle dienen der Weltkirche mit dem Papst zusammen unter seiner Leitung. Ich halte es für sehr wichtig, dass sich die Kirche nicht mit politischen Organisationen vergleicht oder wie ein Sozialkonzern oder eine internationale Hilfsorganisation agiert. Sie ist Zeichen und Werkzeug, Sakrament des Heils der Welt in Christus. Die Kirche dient der Wahrheit und steht nicht unter dem Gesetz politischer und ideologischer Machtkämpfe.

Welche Pläne haben Sie für sich nach der Sommerpause? Wie möchten Sie die nächsten Jahre gestalten? Auch wenn ich die alltägliche Arbeit und Verantwortung in der Kongregation nicht mehr habe, bleibe ich Kardinal und Bischof. Bischof, das heißt, dass wir als Diener des Wortes das Evangelium Christi verkünden in der Nachfolge der Apostel und durch unser Gebet die Kirche erbauen. Als Kardinal hat man die besondere Verantwortung auch für die Weltkirche im Senat des Papstes. Insofern wird es inhaltlich nicht anders sein als es auch die Beschreibung der Kongregation ist: den katholischen Glauben zu fördern und zu bewahren in der ganzen Welt. Wie hatte doch damals Kardinal Ratzinger in „Salz der Erde“ geschrieben: „Mir klingen immer die Worte der Bibel wie der Kirchenväter im Ohr, die die Hirten mit großer Schärfe verurteilen, die wie stumme Hunde sind und, um Konflikte zu vermeiden, das Gift sich ausbreiten lassen. Ruhe ist nicht die erste Bürgerpflicht, und ein Bischof, dem es nur darauf ankäme, keinen Ärger zu haben und möglichst alle Konflikte zu übertünchen, ist für mich eine abschreckende Vision.“

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Kardinal Müller wirbt für Dialog mit konservativen Kardinälen

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat neuerlich für einen Dialog mit konservativen Kirchenvertretern in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen geworben. Im Gespräch mit der italienischen Zeitung „il Foglio“ regte Müller ein Treffen mit den Kardinälen Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller und Carlo Caffarra an, bei dem offen über die strittigen Themen gesprochen werden solle. Er habe „bis heute nur Schmähungen und Beleidigungen gegen diese Kardinäle gehört“, sagte Müller. Dies sei „weder die Art noch der Ton, um weiterzukommen“. Die drei Genannten sowie der inzwischen verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner hatten von Papst Franziskus Klarstellungen zu einem möglichen Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene verlangt und Kritik am Papstschreiben „Amoris laetitita“ (2016) geübt.

Müller, bis Anfang Juli Präfekt der Glaubenskongregation, wies eine Kategorisierung in Freund oder Feind des Papstes zurück. „Für einen Kardinal ist es absolut unmöglich, gegen den Papst zu sein“, sagte er. Nichtsdestoweniger hätten Bischöfe „das – ich würde sagen – göttliche Recht, frei zu diskutieren“.

Mit Blick auf die Nichtverlängerung seiner fünfjährigen Amtszeit an der Spitze der Glaubenskongregation sagte Müller, er sei „immer gelassen“ gewesen. Seine Aufgaben habe er über das nötige Maß hinaus erfüllt. Vor allem habe er sich stets loyal gegenüber dem Papst verhalten, „wie es unser Glaube verlangt“. Neben Papsttreue habe er auch theologische Kompetenz eingebracht; darum sei seine Loyalität „nie bloße Lobhudelei“ gewesen.

Papst Franziskus hatte dem 69 Jahre alten deutschen Kardinal kurzfristig bekannt gegeben, dass er seinen Dienstvertrag nicht verlängern werde. Müller will eigenen Angaben zufolge in Rom bleiben und sich der Theologie und der Seelsorge widmen.

(kna 21.07.2017 gs)

Kardinal Müller übt deutliche Kritik an Franziskus

Kurienkardinal Müller kritisiert die Art, wie ihm der Papst sein Aus als Präfekt der Glaubenskongregation mitteilte. Dennoch will sich Müller nicht vor den Karren bestimmter Bewegungen spannen lassen.

Vatikan | Passau – 05.07.2017

Deutliche Kritik an Papst Franziskus hat Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller geäußert. Der „Passauer Neuen Presse“ (Donnerstag) sagte er, Papst Franziskus habe ihm die Entscheidung über die Nichtverlängerung seiner Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation am letzten Tag seines Mandats „innerhalb einer Minute mitgeteilt“, ohne Gründe zu nennen. „Diesen Stil kann ich nicht akzeptieren“, sagte Müller. Auch für den Umgang mit Mitarbeitern in Rom müsse die Soziallehre der Kirche gelten.

Auf die Frage nach seinem momentanen Verhältnis zum Papst verwies Müller auf Äußerungen von Franziskus selbst. Dieser habe gesagt, „dass das Verhältnis persönlich immer sehr gut war“. Dies könne er, Müller, bestätigen. „Das gilt auch heute noch.“ Der Papst habe diese Entscheidung getroffen, die ihm auch zustehe. „Ich werde darauf nicht mit irgendwelchen Aktionen antworten.“

Müller: Ich will Polarisierungen verhindern

Er wolle sich nicht „vor den Karren einer papstkritischen Bewegung spannen“ lassen, auch wenn manche daran dächten. „Ich habe als Kardinal weiterhin die Verantwortung, für die Einheit der Kirche zu sorgen und Polarisierungen so weit wie möglich zu verhindern.“

Eine neue konkrete Aufgabe hat Müller nach eigenem Bekunden noch nicht. Dem Papst bot er sich in dem Interview als Vermittler für ein Gespräch mit den drei noch lebenden Kardinälen an, die öffentlich Zweifel an der Ehelehre von Franziskus angemeldet hatten. Der vierte Unterzeichner eines entsprechenden Briefes, Kardinal Joachim Meisner, war am Mittwoch im niederbayerischen Bad Füssing gestorben.

Linktipp: Erdbeben im Vatikan: Kardinal Müller muss gehen

Die Nachricht machte am Freitagabend die Runde. Papst Franziskus verlängert die Amtszeit von Kardinal Müller als oberstem Glaubenshüter der Kirche nicht. Was hat zur Entscheidung des Papstes geführt?

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Müller sagte, er könnte ein solches Gespräch zwischen den drei Kardinälen und dem Papst moderieren, „weil ich die Kompetenz und auch das Verantwortungsbewusstsein dafür habe“. Der ehemalige Glaubenspräfekt sagte, ihm wäre lieber gewesen, wenn der Brief der Kardinäle mit ihren Zweifeln nicht öffentlich diskutiert worden wäre. Er selbst habe sich „nie auf die eine oder andere Seite geschlagen“, sondern sei immer loyal zum Papst gewesen und wolle es auch in Zukunft bleiben.

Die bisher vorgelegten Interpretationen zum päpstlichen Schreiben „Amoris laetitia“, unter anderem vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn und von Kardinal Walter Kasper, bezeichnete Müller als „nicht überzeugend“. Ein großes Symposium „von wirklichen Fachleuten“ könnte aber dafür sorgen, dass der Spagat zwischen Lehre und Pastoral gelinge.

Müller sagte, er habe noch am Dienstagabend, und damit kurz vor dessen Tod – mit Kardinal Meisner telefoniert. „Er sagte mir, dass er sich gesundheitlich gut fühle, zeigte sich aber sehr besorgt über die Situation in der katholischen Kirche“, gibt Müller Meisner wider. Dass der Papst seine Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation nicht verlängert habe, habe Meisner „persönlich bewegt und verletzt“. (KNA)

Linktipp: Kurie vs. Bischofskonferenz

Es gibt Unterschiede in den Ansichten von Papst Franziskus und Kardinal Gerhard Ludwig Müller zur Stellung der Kurie. Liegt in ihnen der Grund für das Aus Müllers als Präfekt der Glaubenskongregation?

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BETRIEBSUNFALL IN DER KURIE

 

DIE TAGESPOST – Guido Horst:

Man hat es im Vatikan sorgfältig registriert, dass Papst Franziskus beim jüngsten Konsistorium am 28. Juni, bei dem er fünf Kirchenmännern das rote Birett überreichte, keinen nicht-öffentlichen Teil der Kardinalsversammlung wollte, bei dem es zu einer Aussprache mit seinen engsten Beratern gekommen wäre. Das gilt auch für das Konsistorium davor im November vergangenen Jahres: Der Papst sucht nicht mehr das freie Gespräch mit den Kardinälen – er weiß, was er dann zu hören bekommen könnte. Seit der Veröffentlichung von „Amoris laetitia“ läuft es nicht mehr rund im roten Senat des Papstes. Auch der Weltepiskopat dividiert sich in der Frage der Zulassung von zivil Wiederverheirateten auseinander und der Riss geht ebenso durch den Vatikan. Die ohne Angabe von Gründen vom Papst angeordnete Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation hat das Klima nochmals verschärft und viele vermuten lassen, dass es noch schlimmer kommen könnte. Das ist jetzt geschehen. Einen für Kurienverhältnisse „jungen“ Glaubenspräfekten nach nur einer Amtszeit nicht mehr zu verlängern, ist nicht mehr schönzureden – auch nicht mit dem Hinweis, dass Franziskus in Zukunft die Leiter der vatikanischen Dikasterien häufiger austauschen will. Dafür waren Sprachlosigkeit und Verstimmung zwischen dem Papst und dem Chef der Glaubenskongregation zu spürbar.

Es hat darum keinen Sinn, nach der „Bilanz“ der Zeit von Müller an der Spitze eines der wichtigsten Dikasterien des Vatikans zu fragen. Er hatte gar keine Gelegenheit, sich richtig einzuarbeiten und zum Partner von Franziskus zu werden, so wie man das aus der Zeit von Johannes Paul II. und seinem Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger gewohnt war. Oft musste Müller lange auf die Audienzen beim Papst warten und Franziskus vertraute anderen an, was eigentlich Chefsache des deutschen Kardinals gewesen wäre: Die Federführung beim Gespräch mit den Pius-Brüdern hatte Erzbischof Guido Pozzo übernommen, der Sekretär der Kommission „Ecclesia Dei“, als seinen Chef-Theologen präsentierte der Papst den Wiener Kardinal Christoph Schönborn und auf die Schlussfassung des postsynodalen Schreibens „Amoris laetitia“ konnte der Glaubenspräfekt so gut wie keinen Einfluss nehmen.

In dieser Situation hat sich Kardinal Müller nicht aufs Schweigen beschränkt. In Interviews und Vorträgen ließ er durchblicken, dass da mehr ist als nur ein dünnes Blatt Papier, das ihn vom Papst trennt. Franziskus erträgt keinen Widerspruch und hatte wenig Verständnis dafür, dass Müller als Glaubenspräfekt ebenso eine Loyalitätspflicht gegenüber der Verkündigung der Vorgänger auf dem Petrusstuhl zu erfüllen hat – gerade auch in Sachen Ehe- und Sakramentenpastoral. Eine offene und ehrliche Aussprache, vielleicht auch ein längeres Hin und Her der Argumente hätte gut getan. Aber dazu kam es nicht. Franziskus griff zu einer drastischen Lösung, die Müller leider den Ruf anhängt, ein abgeschossener Hardliner zu sein. Das alles ist fast tragisch. In seinem Kloster sitzt ein emeritierter Papst, den diese jüngsten Entwicklungen sehr nahe gehen müssen. Es ist keine Zeit, in der man gelöst in die Sommerpause geht.

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Kardinal Müller: Piusbrüder, Frauendiakonat und Entlassungen

Kardinal Müller auf dem Petersplatz

Eine Einigung zwischen der traditionalistischen Piusbruderschaft und dem Vatikan ist laut Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller noch nicht in greifbarer Nähe. „Das braucht Zeit“, sagte der Präfekt der römischen Glaubenskongregation dem katholischen Sender EWTN. Nötig sei eine „tiefere Versöhnung, nicht nur die Unterzeichnung eines Dokuments“. Wer katholisch sein wolle, müsse unter anderem die Konzilien und die übrige kirchliche Lehre sowie die „hierarchische Gemeinschaft mit dem Ortsbischof, der Gemeinschaft aller Bischöfe und dem Heiligen Vater“ akzeptieren.

Zur Streitfrage der Liturgiereform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sagte Müller, es sei seit jeher katholische Auffassung, dass der Papst und Synoden das Recht und die Pflicht hätten, die „äußere Form der Liturgie“ neu zu gestalten. „Die Substanz der Liturgie ist durch die Offenbarung gegeben und kann von niemandem geändert werden“, fügte er hinzu. Das Interview wurde am Donnerstag als Video im Internet veröffentlicht; am Samstag erschienen schriftliche Auszüge in Sozialen Netzwerken.

Diakoninnenweihe „unmöglich“ 

Mit Blick auf eine von Papst Franziskus eingesetzte Studienkommission zu Diakoninnen in der Kirchengeschichte sagte Müller, der Papst beziehe sich dabei nicht auf das dreistufige katholische Weiheamt von Diakon, Priester und Bischof. Es gehe um Frauen, die in der frühen Kirche etwa als Helferinnen bei der Taufe von Frauen oder in karitativen Aufgaben tätig gewesen seien.

Eine Diakoninnenweihe schloss der Kardinal als „unmöglich“ aus. „Das wird nicht kommen“, so Müller. Überdies sei dies auch nicht nötig. Heute seien Frauen in der Kirche in höheren Verantwortungspositionen als die Diakoninnen der Antike.

Mitarbeiter besser behandeln

Ungewöhnlich offene Kritik übte der Kardinal an der angeblichen Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation durch den Papst. Der Schritt war Ende 2016 bekanntgeworden und soll gegen den Willen Müllers erfolgt sein. Er sagte dazu im Interview, diese Geschichte sei wahr. Er wünsche sich „eine bessere Behandlung unserer Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl“. Man dürfe nicht nur über die Soziallehre reden, sondern müsse sie auch respektieren, so der Kardinal.

Müller rückte die Personalentscheidung in die Nähe eines „alten höfischen Gebarens“, das Franziskus selbst kritisierte. Mitarbeiter könne man nur dann entlassen, wenn sie einen Fehler machten oder Voraussetzungen wie Rechtgläubigkeit, integre Lebensführung und Sachkompetenz nicht erfüllten.

(kap 28.05.2017 cs)

Das Verhältnis von Kirche und Staat

Kardinal Gerhard Müller (Links), Msgr. Stanisław Gądecki (Mitte), Pater Federico Lombardi (Rechts) / Foto: E. Bartkiewicz

Vortrag von Gerhard Kardinal Müller bei der Konferenz
„Die Auffassung des Staates in der Perspektive der Lehre
Joseph Kardinal Ratzingers / Benedikts XVI.“
— Volltext

Zum Anlaß des 90. Geburtstages des Papstes emeritus Benedikt XVI. fand am Mittwoch, dem 19. April 2017, in Warschau eine internationale Konferenz zum Thema „Die Auffassung des Staates in der Perspektive der Lehre Joseph Kardinal Ratzingers / Benedikts XVI.“ statt. Organisiert wurde die Tagung von der polnischen Bischofskonferenz, von der Vatikanstiftung „Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ und vom Unterhaus (Sejm) des polnischen Parlaments. Zu den Sprechern gehörte auch der deutsche Kurienkardinal und Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gerhard Müller, dessen Vortrag wir im Folgenden dokumentieren.

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Gerhard Kardinal Müller

Das Verhältnis von Kirche und Staat begleitet als Thema der Theologie und der Staatsphilosophie die 2000-jährige Geschichte des Christentums in allen Ländern rund um den Globus. Es geht dabei nicht nur um Abgrenzung von Zuständigkeiten und Ansprüchen, sondern vielmehr um die gemeinsame Verantwortung gegenüber dem Menschen und der Gesellschaft, zu deren Förderung  Staat und Kirche da sein wollen.

Die anthropologische Basis der Beziehung von Kirche und Staat

Nur im Licht der Bestimmung von Wesen, Weg und Ziel des Menschen können das je Eigenständige von staatlicher Macht und kirchlicher Autorität und die Beziehung zueinander präziser erfasst werden. Wichtig ist auch die Festlegung der Grenzen menschlicher Autorität. Denn der Mensch ist zwar ein ens politicum aber auch ens metaphysicum. Der Mensch ist nicht um des Staates willen da, sondern der Staat um des Menschen willen. Alles, was über die äußere Ordnung der Polis hinausgeht, nämlich: die Moral und Philosophie, die Wissenschaft und Kultur, kann äußerlich vom Staat gefördert werden, überschreitet aber wesentlich den Staat. Denn der Mensch als ein Wesen des Geistes und des Gewissen, überschreitet in Vernunft und Willen die Welt und wird unmittelbar zum Sein und seinen Gründen in der Wahrheit und Gutheit, die mit dem Sein koexistent sind. Das ist das anthropologische Grundgesetz: Der Mensch ist niemals Mittel zum Zweck, sondern er bewegt sich frei und bewusst auf  den Grund des Seins zu. Der Mensch ist in seiner Selbst- und Welttranszendenz eine auf Gott hin offenes Wesen. Eine anthropologische Fundamental-Reflexion führt weiter als die Schlagworte und Stereotypen aus den Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts mit dem liberalen Laizismus und aus dem 20. Jahrhundert mit den totalitären Ansprüchen der politischen Ideologien des Imperialismus, des Rassismus, des Chauvinismus und des Kommunismus. Diese Systeme waren nicht einfache Diktaturen, in denen die rohe Gewalt das Prinzip der Herrschaft ist. Sie versuchten sich an einer Neudefinition und Neuerschaffung des Menschen als homo sovieticus, als Herrenmensch aufgrund der Rasse oder des Besitzes.

Die Grenze der öffentlichen Gewalt, die das eigentliche Prinzip des demokratischen Rechtsstaates ist gegenüber den Ansprüchen auf absolute Verfügungsgewalt der Obrigkeitsstaaten, ist die unveräußerliche und unverletzliche Würde des Menschen. Und die positive Bestimmung des Staates und damit seine wahre Souveränität besteht in der Bereitschaft zum Dienst am Gemeinwohl aller seiner Bürger. Ihr Maß ist die Gerechtigkeit und Recht und damit die Garantie der bürgerlichen Freiheit als materielle Voraussetzung der personalen Freiheit, sich im Gewissen an der Wahrheit und der Liebe Maß zu nehmen.

Am Ursprung des ganzen Thematik steht die denkwürdige Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern, die ihn hinsichtlich des Kirche-Staat-Verhältnisses in eine tödliche Falle locken wollten. Sie fragten ihn, den Juden als Angehörigen eines der römischen Fremdherrschaft unterworfenen, aber in die römische Herrschaft legal eingegliederten Volkes, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Die Anerkennung der Steuerpflicht war gleichbedeutend mit der Anerkennung des römischen Kaisers als legitimen Herrschers eines Volkes, das sich als Gottes Volk und Eigentum verstand. Dahinter verbirgt sich der Konflikt zwischen der Anerkennung von menschlicher und göttlicher Autorität. Es geht nicht um den Wechsel der Herrschaft bei der Annexion oder Abtretung der Provinz eines Reiches an ein anderes Reich, so wie etwa Friedrich II. von Preußen der Kaiserin Maria Theresia in den drei schlesischen Kriegen, freilich um den Preis von Hunderttausenden von Menschenleben, die Provinz Schlesien abgenommen hat.

Es stellt sich in der entscheiden Auseinandersetzung des Sohnes Gottes mit seinen Widersachern die Frage, wem der Mensch mehr gehorchen muss: Gott oder den Menschen? Was auf dem Spiel steht ist – säkular gesprochen – die Gewissens- und Religionsfreiheit und – metaphysisch gedacht – die umfassende Verantwortung des Menschen vor Gott als Schöpfer der Welt, als Ursprung der Wahrheit und als Garant des ewigen Heils.

Jesus lässt sich den Denar mit dem Bild und der Aufschrift des Kaisers zeigen. Darin ist in der Form von Steuern die hoheitliche Autorität des Staates anerkannt und seine gesamte ökonomische und administrative Zuständigkeit für die Gesellschaft symbolisiert. Jeder künftigen Theorie des Kirche-Staat-Verhältnisses liegt nun das Wort Jesu zugrunde: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ (Mt 22,21).

Die Fragesteller zeigten sich keineswegs zufrieden, weil Jesus ihnen nicht in die Falle ging, aber auch weil die absolute Neuheit der Antwort nicht mit ihren vertrauten Kategorien des Ausschlusses und der Konfrontation nicht zu fassen war. Was ist das Neue und Zukunftsweisende  in der Antwort Jesu?

Jesus legitimiert die politische Gewalt und begrenzt  zugleich ihre Zuständigkeit auf die Regelung der materiellen Lebensgrundlagen. Wir sagen mit der späteren Tradition, dass der Staat überhaupt, unabhängig von der Frage nach der Staatsform, nicht religiös-theokratisch oder offenbarungstheologisch, sondern naturrechtlich begründet ist. Das schließt eine unmittelbare Autorisierung staatlicher Autorität durch Gott aus, so dass positive Gesetze und Regierungsmaßnahmen oder Gerichtsurteile nicht Ausdruck des Willens Gottes sein können. Sie haben nur soweit Autorität wie menschliche fehlbare Kompetenz reicht. Positive Gesetze und Entscheidungen müssen nur der Würde und den Grundrechten des Menschen entsprechen, wie sie seiner geist-leiblichen Natur und seiner welthaften, geschichtlichen und sozialen Daseinsform entsprechen.

Ein Absolutheitsanspruch des Staates auf den Menschen in seinem sittlichen Gewissen und seiner personalen Transzendenz auf die Wahrheit und Gott widerspricht der Würde des Menschen. Sowohl der altrömische Kaiserkult und jede andere antike und moderne Form von Vergötzung des Staates ist grundsätzlich als unsittlich abzulehnen. Denn die metaphysische und ethische Vernunft sagt uns, dass niemals Menschen die absolute Verfügung über andere Menschen beanspruchen können. Auch christliche Herrscher in der Vergangenheit oder heute Christen, die in einer Demokratie ein öffentliches Amt in der Regierung, im Parlament  oder der Rechtsprechung bekleiden, können nicht Gehorsam von den Bürgern ihrer eigenen oder einer anderen Religion verlangen im Namen Gottes, dem sie sich mit dem übernatürlichen Glauben in Verstand und Freiheit ganz überantworten, sondern nur in Namen des sittlichen Grundgesetzes und der positiven Normen und Gesetze, die legitim und notwendig für alle Bürger gleichermaßen gelten.

Ist der „Kaiser“, d.h. die staatliche Autorität, auf die Regelung des Irdischen eingeschränkt, so kann das Reich und die Herrschaft Gottes den Menschen in seinem ganzen inneren und äußeren Sein umfassen. Universale Gottorientierung und konkrete Weltverantwortung bedingen sich einander wenigstens nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens. Das Reich Gottes ist nicht von der Welt und ihrer Art, sondern es ist Gott in uns, der sich als Ursprung unseres Daseins und als Ziel unserer höchsten Berufung geoffenbart hat, nämlich in seinem Fleisch gewordenen Wort und dem in unser Herz eingegossenen Heiligen Geist.

Der umfassende Anspruch  Gottes auf den Menschen, insofern er sich in Christus als Weg, Wahrheit und Leben für jeden Menschen ohne Ausnahme offenbart hat, ist nicht identisch mit der Autorität seiner Kirche, aber er will durch ihre Botschaft und ihr Leben in der Welt und der Gesellschaft bekannt und ursprünglich verwirklicht werden. Darum  beschränkt sich die Sendung der Kirche nicht auf religiös-spirituelle Angebote und sozial-karitative Initiativen. Ihr Apostolat besteht in der Verkündigung des universalen Heilswillens Gottes, der den Menschen zur Anteilhabe an seiner Wahrheit und seiner Güte beruft im ewigen Leben.

Zugleich ist die Kirche „Zeichen und Schutz der Transzendenz der Person“ (Gaudium et spes 76) gegenüber jedem politischen, religiös und ideologisch verbrämten Totalitätsanspruch von Menschen über Menschen. Nur wo Gott herrscht, wird der Mensch frei, weil allen Seins mächtige Gott durch die Schöpfung, Erlösung und Vollendung des Menschen nichts gewinnt und verliert. Darum bedeutet die Offenbarung seiner Wahrheit und die Mitteilung seiner Gnade immer Erhöhung und Vollendung des Menschen. Endliche Ursachen begrenzen sich und konkurrieren miteinander. Wo Gottes Unendlichkeit und des Menschen Endlichkeit aufeinandertreffen, wird der Mensch nicht gedemütigt, eingeschüchtert und unterdrückt, sondern erhoben zur „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21), dort wird das Sterbliche und Vergängliche von der Unsterblichkeit und der Unvergänglichkeit bekleidet, wird der Tod vom Leben verschlungen. ( 1 Kor 15,55).

Um des irdischen und ewigen Heils des Menschen Willens arbeiten die Christen und die Kirche mit allen Menschen guten Willens in einer pluralistischen Gesellschaft zusammen und leisten ihren Beitrag zum Funktionieren der legitimen staatlichen Einrichtungen. Die Kooperation der Kirche mit dem Staat muss aber immer auch kritisch und in richtiger Distanz betrachtet werden. Denn die Kirche des gekreuzigten und auferstandenen Herrn „setzt ihre Hoffnung nicht auf Privilegien, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden. Sie wird sogar auf die Ausübung von legitim erworbenen Rechten verzichten, wenn feststeht, dass durch ihre Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt wird“. (Gaudium et spes 76). Diese Einsicht des II. Vatikanischen Konzils hatte Papst Benedikt in seiner Rede in Freiburg i. Br. bei seiner Deutschland-Reise 2011 aufgegriffen und damit nur  vorweggenommen, was Papst Franziskus als geistigen Neokolonialismus zurückweist, wenn Entwicklungshilfegelder der EU oder der USA an arme und notleidende Ländern z.B. an die Übernahme der Genderideologie oder die innereuropäischen Hilfen an die menschenrechtswidrige Frühsexualisierung von Kindern gebunden wird. In diesem Zusammenhang ist auch der totalitäre Zugriff auf den Menschen zu nennen und zu bekämpfen, wenn in die Keimbahn und das Leben und die leibliche Integrität der ungeborenen Menschen eingegriffen wird, bei dem Organhandel, bei der neuen Welle der Versklavung von Millionen Menschen, von der Propagierung des assistierten Selbstmordes und generell der gezielten De-Christianisierung und damit Entmenschlichung der westlichen Welt. Über eine allgemeine und theoretische Begründung des Verhältnisses eines säkularen Staates und der Kirche in ihrer übernatürlichen Heilsendung hinaus, fällt der Kirche die prophetische Rolle der Anwältin der Menschenwürde zu , die dem Menschen wesenhaft zukommt von ersten Augenblick der Empfängnis angefangen bis zu seinem letzten Atemzug beim Sterben.

Die Kirche als Anwältin der Menschwürde im säkularen Staat von heute

Bereits Papst Johannes XXIII. hat in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ eine eigene Charta der Menschenrechte vorgelegt und übertrifft dabei die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ durch den deutlichen Akzent, der mit der christlichen Durchdringung der Fragestellung gegeben ist: Der Mensch als Person ist Ausgangspunkt seiner Würde. Damit überwindet die Kirche gerade den horizontalen Begründungsrahmen, der sich jederzeit schnell ändern und anderen Interessen unterworfen werden kann, und führt die Diskussion auf den eigentlichen Kern: Mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet, hat die Person Rechte und Pflichten, die ihr von Natur aus eigen sind. Die Menschenrechte sind nicht in diesen oder jenen subjektiven Bedürfnissen begründet, sondern in der geistig-leiblichen Natur des Menschen. Der unbedingte Respekt von der Person, vor Leib und Leben des Mitmenschen muss von allen als gemeinsame Grundlage des Handelns akzeptiert werden. Dann gibt es eine echte Chance, dass Ungleichheiten bei der Partizipation an den Ressourcen der Erde verschwinden und die für alle Menschen gültige Freiheit zum tragenden Element aller sozialen Ordnungen wird:

„Jedem menschlichen Zusammenleben, das gut geordnet und fruchtbar sein soll, muss das Prinzip zugrunde liegen, dass jeder Mensch seinem Wesen nach Person ist. Er hat eine Natur, die mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist; er hat daher aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Natur hervorgehen. Wie sie allgemein gültig und unverletzlich sind, können sie auch in keiner Weise veräußert werden.“ (Pacem in terris, Nr. 9)

Die Grundidee der Menschenrechte entspricht nicht nur zutiefst dem biblisch-christlichen Verständnis des Menschen, sondern ist die Wurzel, von der alle Initiativen für eine Wertschätzung des menschlichen Lebens ausgehen. Durch die Kirche werden diese Grundlagen hinein in die moderne Welt übersetzt. Unterschiede der ethnischen Herkunft, der politischen Zugehörigkeit oder der kulturellen Identität dürfen nicht zu einer Barriere zwischen den Menschen werden. Jede Form der Ausgrenzung widerspricht dem von der Kirche klar formulierten Person-Begriff.

Die Kirche kann über diese religiösen, nationalen und ideologischen Grenzen hinweg zur Ausbildung eines vorgesetzlichen Konsensus über die Würde und die Rechte des Menschen aktiv beitragen. Die christliche Verantwortung für die Menschenrechte wird deutlich in der Information und der öffentlichen Bewusstseinsbildung in allen Fragen, die das menschliche Leben in seiner Unantastbarkeit betrifft – Einflussnahme auf gesetzliche Regelungen zum Lebensschutz, international agierende kirchliche Hilfsorganisationen, deren Beitrag in den Sofortmaßnahmen und den langfristigen Prozessen nicht nur beschränkt bleiben auf die  materielle Hilfe. Das Engagement der Kirche in Gebieten der Armut, wo die einfachsten Lebensgrundlagen nicht vorhanden sind, hilft den Betroffenen ihren Wert als Menschen wieder oder vielleicht zum ersten mal wahrzunehmen.

Die Ausgestaltung der Menschenrechte auf der Grundlage der Würde der Person ist zutiefst mit der Lehre der Kirche verbunden. So hat das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ eine eigene Interpretation von Menschenrechten vertreten:

„Kraft des ihr anvertrauten Evangeliums verkündet also die Kirche die Rechte des Menschen, und sie anerkennt und schätzt die Dynamik der Gegenwart, die diese Rechte überall fördert. Freilich muss diese Bewegung vom Geist des Evangeliums erfüllt und gegen jede Art falscher Autonomie geschützt werden. Wir sind nämlich der Versuchung ausgesetzt, unsere persönlichen Rechte nur dann für voll gewahrt zu halten, wenn wir jeder Norm des göttlichen Gesetzes ledig wären. Auf diesem Wege aber geht die Würde der menschlichen Person, statt gewahr zu werden, eher verloren.“ (GS 41)

Menschenrechte sind also keine von der Gemeinschaft einiger Staaten konstruierten Regeln – auch wenn sie diese in eine „statutenhafte“ Form bringen – sondern nur entschlüsselbar und dauerhaft als verbindliche Norm der Gesellschaft vorangestellt, wenn sie mit Gott in Verbindung gebracht werden. Menschenrechte, die auf dem Gestus einer politischen Ideologie beruhen, sind zeitlich begrenzt, weil sie jederzeit von den Machthabern auch anders interpretiert und umgesetzt werden können. Eine Verankerung in Gott enthebt sie dem Zugriff und der Beliebigkeit des Menschen. Insofern finden Menschenrechte nur dann eine umfassende Anwendung, wenn der Mensch selbst im Mittelpunkt steht.  Nur wo eine höhere Instanz anerkannt wird, ist der Mensch nicht mehr dem Menschen ausgeliefert oder gefangen im Goldenen Käfig eines „Paradieses auf Erden“, das sich nach allen Erfahrungen als Hölle auf Erden erwiesen hat. Philosophisch gesagt: Gott ist Grund der Würde des Menschen und der Grant seiner Freiheit für  das Tun des Guten und das Meiden des Bösen.

Das Konzil will mit Nachdruck die Achtung vor dem Menschen einschärfen und formuliert eindrucksvoll: „Alle müssen ihren Nächsten ohne Ausnahme als ein ´anderes Ich´ ansehen, vor allem auf sein Leben und die notwendigen Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens bedacht.“ (GS 26)

Was aus der Passage aus „Gaudium et Spes“ für eine christliche Erfassung von Menschenrechten folgt, kann an einigen Texten von Johannes Paul II. erörtert werden:

„Eine wahre Demokratie ist nur in einem Rechtsstaat und auf der Grundlage einer richtigen Auffassung vom Menschen möglich … Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie die Geschichte beweist, leicht in einen offenen oder hinterhältigen Totalitarismus.“ (Centesimus Annus 46)

Die modernen Verfassungen, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs  und den ungeheuren Gräueltaten der totalitären Staaten entstanden sind, verankern die Grundrechte, die der Demokratie eine solide rechtsstaatliche Grundlage in der Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.

„Unter den vorrangigsten Rechten sind zu erwähnen: das Recht auf Leben, zu dem wesentlich das Recht gehört, nach der Zeugung im Mutterschoß heranzuwachsen; das Recht, in einer geeinten Familie und in einem sittlichen Milieu zu leben, das für die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit geeignet ist; das Recht seinen Verstand und seine Freiheit in der Suche und Erkenntnis der Wahrheit zur Reife zu bringen; das Recht an der Arbeit zur Erschließung der Güter der Erde teilzunehmen und daraus den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen; das Recht auf freie Gründung einer Familie und auf Empfang und Erziehung der Kinder….“ (Centesimus Annus 47)

Es geht nicht um abstrakte Modelle, mit denen man das Verhältnis von Kirche und Staat theoretisch beschreiben kann, sondern es geht um die Zukunft unserer Völker in den Nationen und Staaten und vor allem um die Zukunft des Projektes „Europa“. Nicht die ökonomischen Interessen halten die europäischen Bürger in der Schicksalsgemeinschaft zusammen und schon gar nicht eine agnostisch-atheistische Ideologie, die sich als Staatsphilosophie etablieren will in den europäischen Institutionen. Sie ist zum Untergang verurteilt und wird viele Menschen mit sich in den Abgrund der Frustration und Desillusion reißen.

Die metaphysische Grundfrage ist, ob es mit dem Grund des Seins und seiner Repräsentationen in den konkreten Dingen Nichts ist, dem wir verzweifelt einen Sinn zuschreiben müssen, oder ob der Grund des Seins Vernunft ist?

Das ist unsere Überzeugung, dass im Ganzen der Welt, der Geschichte, der Gesellschaft und jedes einzelnen Menschen sich die schöpferische Vernunft ihres Gottes und Schöpfers manifestiert. Nicht der Geist, der stetes verneint, sondern der Spiritus Creator bejaht und trägt alles.

In seiner Rede im Deutschen Bundestag am 22. September 2011 bezeichnete Papst Benedikt XVI. das religiös-kulturelle Erbe des Christentums in Verbindung mit dem Vernunftdenken der Griechen und dem Rechtsdenken Roms als die Quelle für die Gestaltung der Saaten und besonders Europas.

„Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden… Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechtes gesetzt, die zu verteidigen uns in unsere historischen Stunde aufgegeben ist.“

Das kulturelle Erbe des Christentums ist die beste Versicherung gegen neu aufkommende totalitäre Ideologien, die die Menschenwürde bedrohen und eines rechtsstaatliche Demokratie und eine pluralistische Gesellschaft zerstören würden.

Die Sendung der Kirche besteht darin, dass der Mensch am Ende alles Gott übereignet, von dem er alles empfangen, damit Christus als Alpha und Omega von Welt und Mensch erkannt wird. Die Rolle der Kirche innerhalb und überhalb der Staatlichen Ordnung umschreibt das II. Vatikanische Konzil in seiner großangelegten Pastoral Konstitution über die Kirche in der Welt von heute so:“ Während sie selbst der Welt hilft oder von dieser vieles empfängt, strebt die Kirche nach dem einen Ziel, nach der Ankunft des Reiches Gottes und der Verwirklichung des Heils der ganzen Menschheit. Alles aber, was das Volk Gottes in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft der Menschenfamilie an Gutem mitteilen kann, kommt letztlich daher, dass die Kirche das ‚allumfassende Sakrament des Heils‘ ist, welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht.“ (Gaudium et spes 45).

(Mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle der polnischen Bischofskonferenz)

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Quelle

Kard. Müller: Entscheid zu Medjugorje könnte noch dauern

Medjugorje

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, hat eine „womöglich noch lange Wartezeit“ auf eine endgültige Entscheidung des Vatikan über eine Anerkennung der berichteten Marienerscheinungen von Medjugorje in Aussicht gestellt. Ein pastorales Phänomen dürfe nicht auf falsche Grundlagen gebaut sein, sagte er im Interview mit der polnischen katholischen Nachrichtenagentur KAI.

Die Glaubenskongregation würde die behaupteten rund 42.000 bisherigen Erscheinungen seit 1981 derzeit genau und im Hinblick auf eine Entscheidung durch den Papst untersuchen, sagte Müller. Es gäbe keine Fristsetzung für einen Abschluss der Forschungen über den übernatürlichen Charakter der Ereignisse von Medjugorje, so Müller weiter. Seine Kongregation werde sich dabei nicht unter Druck setzen lassen. Eine „nuancierte Position“ aus dem Vatikan sei dringendst nötig.

Der bosnische Wallfahrtsort Medjugorje – Ziel von jährlich 2,5 Millionen Pilgern aus aller Welt – ist auch derzeit wieder Gegenstand einer vatikanischen Untersuchung. Der polnische Erzbischof Henryk Hoser hat dazu in den vergangenen zwei Wochen die vom Franziskanerorden geleitete Seelsorge vor Ort erkundet und soll im Auftrag von Papst Franziskus Richtlinien für die künftige Pilgerbetreuung erstellen. Ausdrücklich geht es dabei nicht um die Marienerscheinungen. Als „ein Licht für die heutige Welt“ beschreibt der Erzbischof von Warschau-Praga Medjugorje gegenüber dem italienischen Fernsehsender „Canale 5“.

(kap 11.04.2017 gbs)