‪„Das Wort Gottes ist ein Geschenk. Der andere ist ein Geschenk.“

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Reicher Prasser & Armer Lazarus, Kloster Rila, Рилски Манастир, Bulgaria / Wikimedia Commons – Apostoloff, CC BY-SA 3.0 (Cropped)

Botschaft von Papst Franziskus zur Fastenzeit 2017 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in der offiziellen Übersetzung die Botschaft von Papst Franziskus zur Fastenzeit 2017. Der Text wurde am Dienstag im Vatikan der Presse vorgestellt.

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Das Wort Gottes ist ein Geschenk.
Der andere ist ein Geschenk.

Liebe Brüder und Schwestern,

Die österliche Bußzeit ist ein Neuanfang, ein Weg, der zu einem sicheren Ziel führt: zum Pascha der Auferstehung, zum Sieg Christi über den Tod. Und immer richtet diese Zeit eine nachdrückliche Einladung zur Umkehr an uns: Der Christ ist aufgerufen, »von ganzem Herzen« (Joel 2,12) zu Gott zurückzukehren, um sich nicht mit einem mittelmäßigen Leben zufriedenzugeben, sondern in der Freundschaft mit dem Herrn zu wachsen. Jesus ist der treue Freund, der uns nie verlässt, denn auch wenn wir sündigen, wartet er geduldig auf unsere Rückkehr zu ihm und zeigt mit diesem Warten, dass er willig ist, zu vergeben (vgl. Homilie, Domus Sanctae Marthae, 8. Januar 2016).

Die österliche Bußzeit ist der günstige Moment, das Leben des Geistes durch die heiligen Mittel, welche die Kirche uns bietet, zu intensivieren: durch Fasten, Gebet und Almosengeben. Die Grundlage von alldem ist das Wort Gottes, und in dieser Zeit sind wir eingeladen, es mit größerem Eifer zu hören und zu meditieren. Besonders möchte ich hier auf das Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus eingehen (vgl. Lk 16,19-31). Lassen wir uns von dieser so bedeutungsvollen Erzählung anregen: Sie bietet uns den Schlüssel, der uns begreifen lässt, was wir tun müssen, um das wahre Glück und das ewige Leben zu erlangen, und ermahnt uns zu aufrichtiger Umkehr.

1. Der andere ist ein Geschenk

Das Gleichnis beginnt mit einer Vorstellung der beiden Hauptfiguren, doch der Arme wird wesentlich ausführlicher beschrieben: Er befindet sich in einer verzweifelten Lage und hat nicht die Kraft, sich wieder aufzurichten. Er liegt vor der Tür des Reichen und würde gerne von dem essen, was von dessen Tisch fällt; sein Leib ist voller Geschwüre, und die Hunde kommen und lecken daran (vgl. V. 20-21). Ein düsteres Bild also von einem entwürdigten und erniedrigten Menschen.

Die Szene erscheint noch dramatischer, wenn man bedenkt, dass der Arme Lazarus heißt – ein verheißungsvoller Name, der wörtlich bedeutet „Gott hilft“. Er ist daher keine anonyme Figur; er hat ganz deutliche Züge und zeigt sich als ein Mensch, dem eine persönliche Geschichte zuzuordnen ist. Während er für den Reichen gleichsam unsichtbar ist, wird er uns bekannt und fast vertraut, er bekommt ein Gesicht; und als solcher wird er ein Geschenk, ein unschätzbarer Reichtum, ein Wesen, das Gott gewollt hat, das er liebt und an das er denkt, auch wenn seine konkrete Situation die eines Stücks menschlichen Mülls ist (vgl. Homilie, Domus Sanctae Marthae, 8. Januar 2016).

Lazarus lehrt uns, dass der andere ein Geschenk ist. Die rechte Beziehung zu den Menschen besteht darin, dankbar ihren Wert zu erkennen. Auch der Arme vor der Tür des Reichen ist nicht etwa ein lästiges Hindernis, sondern ein Appell, umzukehren und das eigene Leben zu ändern. Der erste Aufruf, den dieses Gleichnis an uns richtet, ist der, dem anderen die Tür unseres Herzens zu öffnen, denn jeder Mensch ist ein Geschenk, sowohl unser Nachbar, als auch der unbekannte Arme. Die österliche Bußzeit ist eine günstige Zeit, um jedem Bedürftigen die Tür zu öffnen und in ihm oder ihr das Antlitz Christi zu erkennen. Jeder von uns trifft solche auf seinem Weg. Jedes Leben, das uns entgegenkommt, ist ein Geschenk und verdient Aufnahme, Achtung und Liebe. Das Wort Gottes hilft uns, die Augen zu öffnen, um das Leben aufzunehmen und zu lieben, besonders wenn es schwach ist. Doch um dazu fähig zu sein, muss man auch ernst nehmen, was das Evangelium uns in Bezug auf den reichen Prasser offenbart.

2. Die Sünde macht uns blind

Mitleidlos stellt das Gleichnis die Gegensätze heraus, in denen sich der Reiche befindet (vgl. V. 19). Diese Gestalt hat im Unterschied zum armen Lazarus keinen Namen; der Mann wird als „reich“ bezeichnet. Sein üppiger Lebensstil zeigt sich in den übertrieben luxuriösen Kleidern, die er trägt. Purpur war nämlich etwas sehr Wertvolles, mehr als Silber und Gold, und daher war er den Gottheiten (vgl. Jer 10,9) und den Königen (vgl. Ri 8,26) vorbehalten. Byssus war ein besonderes Leinen, das dazu beitrug, der Erscheinung einen fast sakralen Charakter zu verleihen. Der Reichtum dieses Mannes ist also übertrieben, auch weil er tagtäglich und gewohnheitsmäßig zur Schau gestellt wird: Er lebte »Tag für Tag herrlich und in Freuden« (V. 19). In ihm scheint in dramatischer Weise die Verdorbenheit durch die Sünde auf, die sich in drei aufeinander folgenden Schritten verwirklicht: Liebe zum Geld, Eitelkeit und Hochmut (vgl. Homilie, Domus Sanctae Marthae, 20. September 2013).

Der Apostel Paulus sagt: »Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht« (1Tim 6,10). Sie ist der Hauptgrund für die Verdorbenheit und ein Quell von Neid, Streitigkeiten und Verdächtigungen. Das Geld kann uns schließlich so beherrschen, dass es zu einem tyrannischen Götzen wird (vgl. Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 55). Anstatt ein Mittel zu sein, das uns dient, um Gutes zu tun und Solidarität gegenüber den anderen zu üben, kann das Geld uns und die Welt einer egoistischen Denkweise unterwerfen, die der Liebe keinen Raum lässt und den Frieden behindert.

Das Gleichnis zeigt uns außerdem, dass die Habsucht des Reichen ihn eitel macht. Seine Persönlichkeit geht in der äußeren Erscheinung auf, darin, den anderen zu zeigen, was er sich leisten kann. Doch die Erscheinung tarnt die innere Leere. Sein Leben ist gefangen in der Äußerlichkeit, in der oberflächlichsten und vergänglichsten Dimension des Seins (vgl. ebd., 62).

Die tiefste Stufe dieses moralischen Verfalls ist der Hochmut. Der reiche Mann kleidet sich, als sei er ein König, er täuscht die Haltung eines Gottes vor und vergisst, dass er bloß ein Sterblicher ist. Für den von der Liebe zum Reichtum verdorbenen Menschen gibt es nichts anderes, als das eigene Ich, und deshalb gelangen die Menschen, die ihn umgeben, nicht in sein Blickfeld. Die Frucht der Anhänglichkeit ans Geld ist also eine Art Blindheit: Der Reiche sieht den hungrigen, mit Geschwüren bedeckten und in seiner Erniedrigung entkräfteten Armen überhaupt nicht.

Wenn man diese Gestalt betrachtet, versteht man, warum das Evangelium in seiner Verurteilung der Liebe zum Geld so deutlich ist: »Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon« (Mt6,24).

3. Das Wort Gottes ist ein Geschenk

Das Evangelium vom reichen Prasser und dem armen Lazarus hilft uns, uns gut auf das Osterfest vorzubereiten, das näher rückt. Die Liturgie des Aschermittwochs lädt uns zu einer Erfahrung ein, die jener ähnlich ist, die der Reiche in sehr dramatischer Weise macht. Der Priester spricht beim Auflegen der Asche: »Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.« Beide – der Reiche und der Arme – sterben nämlich, und der Hauptteil des Gleichnisses spielt im Jenseits. Beide entdecken plötzlich eine Grundwahrheit: »Wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch nichts aus ihr mitnehmen« (1Tim6,7).

Auch unser Blick öffnet sich dem Jenseits, wo der Reiche ein langes Gespräch mit Abraham führt, den er »Vater« nennt (Lk16,24.27) und damit zeigt, dass er zum Volk Gottes gehört. Dieses Detail macht sein Leben noch widersprüchlicher, denn bis zu diesem Zeitpunkt war von seiner Beziehung zu Gott keine Rede gewesen. Tatsächlich war in seinem Leben kein Platz für Gott gewesen, da sein einziger Gott er selber gewesen war.

Erst in den Qualen des Jenseits erkennt der Reiche den Lazarus und möchte, dass der Arme seine Leiden mit ein wenig Wasser lindert. Was er von Lazarus erbittet, ähnelt dem, was der Reiche hätte tun können, aber nie getan hat. Doch Abraham erklärt ihm: »Denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden« (V. 25). Im Jenseits wird eine gewisse Gerechtigkeit wieder hergestellt und das Schlechte aus dem Leben wird durch das Gute ausgeglichen.

Das Gleichnis geht noch weiter und vermittelt so eine Botschaft für alle Christen. Der Reiche, der Brüder hat, die noch leben, bittet nämlich Abraham, Lazarus zu ihnen zu schicken, um sie zu warnen. Doch Abraham antwortet: »Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören« (V. 29). Und auf den Einwand des Reichen fügt er hinzu: »Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht« (V. 31).

Auf diese Weise kommt das eigentliche Problem des Reichen zum Vorschein: Die Wurzel seiner Übel besteht darin, dass er nicht auf das Wort Gottes hört; das hat ihn dazu gebracht, Gott nicht mehr zu lieben und darum den Nächsten zu verachten. Das Wort Gottes ist eine lebendige Kraft, die imstande ist, im Herzen der Menschen die Umkehr auszulösen und die Person wieder auf Gott hin auszurichten. Das Herz gegenüber dem Geschenk zu verschließen, das der sprechende Gott ist, hat zur Folge, dass sich das Herz auch gegenüber dem Geschenk verschließt, das der Mitmensch ist.

Liebe Brüder und Schwestern, die österliche Bußzeit ist die günstige Zeit, um sich zu erneuern in der Begegnung mit Christus, der in seinem Wort, in den Sakramenten und im Nächsten lebendig ist. Der Herr, der in den vierzig Tagen in der Wüste die List des Versuchers überwunden hat, zeigt uns den Weg, dem wir folgen müssen. Möge der Heilige Geist uns leiten, einen wahren Weg der Umkehr zu gehen, um das Geschenk des Wortes Gottes neu zu entdecken, von der Sünde, die uns blind macht, gereinigt zu werden und Christus in den bedürftigen Mitmenschen zu dienen. Ich ermutige alle Gläubigen, diese geistliche Erneuerung auch durch die Teilnahme an den Fastenaktionen zum Ausdruck zu bringen, die viele kirchliche Organismen in verschiedenen Teilen der Welt durchführen, um die Kultur der Begegnung in der einen Menschheitsfamilie zu fördern. Beten wir füreinander, dass wir am Sieg Christi Anteil erhalten und verstehen, unsere Türen dem Schwachen und dem Armen zu öffnen. Dann können wir die Osterfreude in Fülle erleben und bezeugen.

Aus dem Vatikan, am 18. Oktober 2016,
dem Fest des heiligen Lukas

FRANZISKUS

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Quelle

Im Wortlaut: Papstbotschaft zur Fastenzeit 2017

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Die Fastenbotschaft von Papst Franziskus 2017

Hier im Wortlaut die Botschaft von Papst Franziskus zur Fastenzeit 2017 unter dem Titel: Das Wort Gottes ist ein Geschenk. Der andere ist ein Geschenk.Liebe Brüder und Schwestern,

Die österliche Bußzeit ist ein Neuanfang, ein Weg, der zu einem sicheren Ziel führt: zum Pascha der Auferstehung, zum Sieg Christi über den Tod. Und immer richtet diese Zeit eine nachdrückliche Einladung zur Umkehr an uns: Der Christ ist aufgerufen, » von ganzem Herzen « (Joel 2,12) zu Gott zurückzukehren, um sich nicht mit einem mittelmäßigen Leben zufriedenzugeben, sondern in der Freundschaft mit dem Herrn zu wachsen. Jesus ist der treue Freund, der uns nie verlässt, denn auch wenn wir sündigen, wartet er geduldig auf unsere Rückkehr zu ihm und zeigt mit diesem Warten, dass er willig ist, zu vergeben (vgl. Homilie, Domus Sanctae Marthae, 8. Januar 2016).

Die österliche Bußzeit ist der günstige Moment, das Leben des Geistes durch die heiligen Mittel, welche die Kirche uns bietet, zu intensivieren: durch Fasten, Gebet und Almosengeben. Die Grundlage von alldem ist das Wort Gottes, und in dieser Zeit sind wir eingeladen, es mit größerem Eifer zu hören und zu meditieren. Besonders möchte ich hier auf das Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus eingehen (vgl. Lk 16,19-31). Lassen wir uns von dieser so bedeutungsvollen Erzählung anregen: Sie bietet uns den Schlüssel, der uns begreifen lässt, was wir tun müssen, um das wahre Glück und das ewige Leben zu erlangen, und ermahnt uns zu aufrichtiger Umkehr.

1. Der andere ist ein Geschenk

Das Gleichnis beginnt mit einer Vorstellung der beiden Hauptfiguren, doch der Arme wird wesentlich ausführlicher beschrieben: Er befindet sich in einer verzweifelten Lage und hat nicht die Kraft, sich wieder aufzurichten. Er liegt vor der Tür des Reichen und würde gerne von dem essen, was von dessen Tisch fällt; sein Leib ist voller Geschwüre, und die Hunde kommen und lecken daran (vgl. V. 20-21). Ein düsteres Bild also von einem entwürdigten und erniedrigten Menschen.

Die Szene erscheint noch dramatischer, wenn man bedenkt, dass der Arme Lazarus heißt – ein verheißungsvoller Name, der wörtlich bedeutet „Gott hilft“. Er ist daher keine anonyme Figur; er hat ganz deutliche Züge und zeigt sich als ein Mensch, dem eine persönliche Geschichte zuzuordnen ist. Während er für den Reichen gleichsam unsichtbar ist, wird er uns bekannt und fast vertraut, er bekommt ein Gesicht; und als solcher wird er ein Geschenk, ein unschätzbarer Reichtum, ein Wesen, das Gott gewollt hat, das er liebt und an das er denkt, auch wenn seine konkrete Situation die eines Stücks menschlichen Mülls ist (vgl. Homilie, Domus Sanctae Marthae, 8. Januar 2016).

Lazarus lehrt uns, dass der andere ein Geschenk ist. Die rechte Beziehung zu den Menschen besteht darin, dankbar ihren Wert zu erkennen. Auch der Arme vor der Tür des Reichen ist nicht etwa ein lästiges Hindernis, sondern ein Appell, umzukehren und das eigene Leben zu ändern. Der erste Aufruf, den dieses Gleichnis an uns richtet, ist der, dem anderen die Tür unseres Herzens zu öffnen, denn jeder Mensch ist ein Geschenk, sowohl unser Nachbar, als auch der unbekannte Arme. Die österliche Bußzeit ist eine günstige Zeit, um jedem Bedürftigen die Tür zu öffnen und in ihm oder ihr das Antlitz Christi zu erkennen. Jeder von uns trifft solche auf seinem Weg. Jedes Leben, das uns entgegenkommt, ist ein Geschenk und verdient Aufnahme, Achtung und Liebe. Das Wort Gottes hilft uns, die Augen zu öffnen, um das Leben aufzunehmen und zu lieben, besonders wenn es schwach ist. Doch um dazu fähig zu sein, muss man auch ernst nehmen, was das Evangelium uns in Bezug auf den reichen Prasser offenbart.

2. Die Sünde macht uns blind

Mitleidlos stellt das Gleichnis die Gegensätze heraus, in denen sich der Reiche befindet (vgl. V. 19). Diese Gestalt hat im Unterschied zum armen Lazarus keinen Namen; der Mann wird als „reich“ bezeichnet. Sein üppiger Lebensstil zeigt sich in den übertrieben luxuriösen Kleidern, die er trägt. Purpur war nämlich etwas sehr Wertvolles, mehr als Silber und Gold, und daher war er den Gottheiten (vgl. Jer 10,9) und den Königen (vgl. Ri 8,26) vorbehalten. Byssus war ein besonderes Leinen, das dazu beitrug, der Erscheinung einen fast sakralen Charakter zu verleihen. Der Reichtum dieses Mannes ist also übertrieben, auch weil er tagtäglich und gewohnheitsmäßig zur Schau gestellt wird: Er lebte » Tag für Tag herrlich und in Freuden « (V. 19). In ihm scheint in dramatischer Weise die Verdorbenheit durch die Sünde auf, die sich in drei aufeinander folgenden Schritten verwirklicht: Liebe zum Geld, Eitelkeit und Hochmut (vgl. Homilie, Domus Sanctae Marthae, 20. September 2013).

Der Apostel Paulus sagt: » Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht « (1 Tim 6,10). Sie ist der Hauptgrund für die Verdorbenheit und ein Quell von Neid, Streitigkeiten und Verdächtigungen. Das Geld kann uns schließlich so beherrschen, dass es zu einem tyrannischen Götzen wird (vgl. Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 55). Anstatt ein Mittel zu sein, das uns dient, um Gutes zu tun und Solidarität gegenüber den anderen zu üben, kann das Geld uns und die Welt einer egoistischen Denkweise unterwerfen, die der Liebe keinen Raum lässt und den Frieden behindert.

Das Gleichnis zeigt uns außerdem, dass die Habsucht des Reichen ihn eitel macht. Seine Persönlichkeit geht in der äußeren Erscheinung auf, darin, den anderen zu zeigen, was er sich leisten kann. Doch die Erscheinung tarnt die innere Leere. Sein Leben ist gefangen in der Äußerlichkeit, in der oberflächlichsten und vergänglichsten Dimension des Seins (vgl. ebd., 62).

Die tiefste Stufe dieses moralischen Verfalls ist der Hochmut. Der reiche Mann kleidet sich, als sei er ein König, er täuscht die Haltung eines Gottes vor und vergisst, dass er bloß ein Sterblicher ist. Für den von der Liebe zum Reichtum verdorbenen Menschen gibt es nichts anderes, als das eigene Ich, und deshalb gelangen die Menschen, die ihn umgeben, nicht in sein Blickfeld. Die Frucht der Anhänglichkeit ans Geld ist also eine Art Blindheit: Der Reiche sieht den hungrigen, mit Geschwüren bedeckten und in seiner Erniedrigung entkräfteten Armen überhaupt nicht.

Wenn man diese Gestalt betrachtet, versteht man, warum das Evangelium in seiner Verurteilung der Liebe zum Geld so deutlich ist: » Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon « (Mt 6,24).

3. Das Wort Gottes ist ein Geschenk

Das Evangelium vom reichen Prasser und dem armen Lazarus hilft uns, uns gut auf das Osterfest vorzubereiten, das näher rückt. Die Liturgie des Aschermittwochs lädt uns zu einer Erfahrung ein, die jener ähnlich ist, die der Reiche in sehr dramatischer Weise macht. Der Priester spricht beim Auflegen der Asche: » Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst. « Beide – der Reiche und der Arme – sterben nämlich, und der Hauptteil des Gleichnisses spielt im Jenseits. Beide entdecken plötzlich eine Grundwahrheit: » Wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch nichts aus ihr mitnehmen « (1 Tim 6,7).

Auch unser Blick öffnet sich dem Jenseits, wo der Reiche ein langes Gespräch mit Abraham führt, den er » Vater « nennt (Lk 16,24.27) und damit zeigt, dass er zum Volk Gottes gehört. Dieses Detail macht sein Leben noch widersprüchlicher, denn bis zu diesem Zeitpunkt war von seiner Beziehung zu Gott keine Rede gewesen. Tatsächlich war in seinem Leben kein Platz für Gott gewesen, da sein einziger Gott er selber gewesen war.

Erst in den Qualen des Jenseits erkennt der Reiche den Lazarus und möchte, dass der Arme seine Leiden mit ein wenig Wasser lindert. Was er von Lazarus erbittet, ähnelt dem, was der Reiche hätte tun können, aber nie getan hat. Doch Abraham erklärt ihm: » Denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden« (V. 25). Im Jenseits wird eine gewisse Gerechtigkeit wieder hergestellt und das Schlechte aus dem Leben wird durch das Gute ausgeglichen.

Das Gleichnis geht noch weiter und vermittelt so eine Botschaft für alle Christen. Der Reiche, der Brüder hat, die noch leben, bittet nämlich Abraham, Lazarus zu ihnen zu schicken, um sie zu warnen. Doch Abraham antwortet: » Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören « (V. 29). Und auf den Einwand des Reichen fügt er hinzu: » Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht « (V. 31).

Auf diese Weise kommt das eigentliche Problem des Reichen zum Vorschein: Die Wurzel seiner Übel besteht darin, dass er nicht auf das Wort Gottes hört; das hat ihn dazu gebracht, Gott nicht mehr zu lieben und darum den Nächsten zu verachten. Das Wort Gottes ist eine lebendige Kraft, die imstande ist, im Herzen der Menschen die Umkehr auszulösen und die Person wieder auf Gott hin auszurichten. Das Herz gegenüber dem Geschenk zu verschließen, das der sprechende Gott ist, hat zur Folge, dass sich das Herz auch gegenüber dem Geschenk verschließt, das der Mitmensch ist.

Liebe Brüder und Schwestern, die österliche Bußzeit ist die günstige Zeit, um sich zu erneuern in der Begegnung mit Christus, der in seinem Wort, in den Sakramenten und im Nächsten lebendig ist. Der Herr, der in den vierzig Tagen in der Wüste die List des Versuchers überwunden hat, zeigt uns den Weg, dem wir folgen müssen. Möge der Heilige Geist uns leiten, einen wahren Weg der Umkehr zu gehen, um das Geschenk des Wortes Gottes neu zu entdecken, von der Sünde, die uns blind macht, gereinigt zu werden und Christus in den bedürftigen Mitmenschen zu dienen. Ich ermutige alle Gläubigen, diese geistliche Erneuerung auch durch die Teilnahme an den Fastenaktionen zum Ausdruck zu bringen, die viele kirchliche Organismen in verschiedenen Teilen der Welt durchführen, um die Kultur der Begegnung in der einen Menschheitsfamilie zu fördern. Beten wir füreinander, dass wir am Sieg Christi Anteil erhalten und verstehen, unsere Türen dem Schwachen und dem Armen zu öffnen. Dann können wir die Osterfreude in Fülle erleben und bezeugen.

Aus dem Vatikan, am 18. Oktober 2016,

dem Fest des heiligen Lukas

 

(rv 07.02.2017 ord)

Radikale Umkehr auf dem Weg unseres Lebens

Radikale Umkehr

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet
am 28. Februar, 3. Fastensonntag

Papst Franziskus sprach nach dem Angelus vom Drama der Flüchtlinge und bat um die Zusammenarbeit aller Nationen. Auf unserem Bild eine Mutter, die mit ihrem Kind an der griechisch-mazedonischen Grenze vor dem Tränengas flieht.

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Jeden Tag finden wir in der Berichterstattung schlechte Nachrichten: Morde, Unfälle, Katastrophen… Im heutigen Abschnitt aus dem Evangelium erwähnt Jesus zwei tragische Ereignisse, die zu jener Zeit für viel Aufsehen gesorgt hatten: eine blutige Repression durch römische Soldaten im Tempel und der Einsturz des Turms von Schiloach in Jerusalem, der 18 Todesopfer gefordert hatte (vgl. Lk 13,1-5).

Jesus kennt die abergläubische Mentalität seiner Zuhörer und weiß, dass sie jene Art von Begebenheiten falsch interpretieren. Denn sie denken: Wenn jene Menschen so grausam ums Leben gekommen sind, ist dies ein Zeichen dafür, dass Gott sie aufgrund einer von ihnen begangenen schweren Schuld gestraft hat; so als sage man: »Sie haben es verdient.« Und die Tatsache, von dem Unglück verschont geblieben zu sein, war dagegen gleichbedeutend damit, sich »in Ordnung« zu fühlen. Sie »haben es verdient«, bei mir hingegen ist alles »in Ordnung«.

Jesus weist diese Sicht eindeutig zurück, da Gott die Tragödien nicht zulässt, um aufgrund einer Schuld zu bestrafen, und er sagt, dass jene armen Opfer in der Tat nicht schlechter waren als die anderen. Vielmehr fordert er dazu auf, diesen schmerzlichen Geschehnissen eine Mahnung zu entnehmen, die alle betrifft, weil wir alle Sünder sind. Denen nämlich, die ihn angesprochen hatten, sagt er: »Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt« (V. 3).

Auch heute können wir angesichts gewisser Kümmernisse und tragischer Ereignisse in die Versuchung geraten, die Verantwortung auf die Opfer oder sogar Gott selbst »abzuladen«. Doch das Evangelium lädt uns zum Nachdenken ein: Welche Vorstellung von Gott haben wir uns gemacht? Glauben wir wirklich, dass Gott so ist, oder ist das nicht vielmehr unsere Projektion, ein Gott »nach unserem Bild und Gleichnis«? Im Gegensatz dazu ruft uns Jesus auf, das Herz zu ändern, eine radikale Umkehr auf dem Weg unseres Lebens zu vollziehen und dabei die Kompromisse mit dem Bösen aufzugeben – und solche Kompromisse mit dem Bösen schließen wir alle –, die Heucheleien – ich glaube, dass in uns allen wenigstens ein Stückchen von Heuchelei liegt –, um entschlossen den Weg des Evangeliums einzuschlagen. Aber sieh an, erneut kommt es da zur Versuchung, sich zu rechtfertigen: »Ja wieso sollten wir uns bekehren? Sind wir nicht im Grunde tüchtige Leute?« Wie oft haben wir das gedacht: »Nun, alles in allem bin ich ein tüchtiger Mann, eine tüchtige Frau – ist es nicht so? –, sind wir denn keine auch einigermaßen praktizierende Gläubige?« Und wir meinen, dass wir so gerechtfertigt sind.

Leider ähnelt ein jeder von uns sehr einem Baum, der jahrelang vielfache Beweise für seine Unfruchtbarkeit geliefert hat. Zu unserem Glück aber ist Jesus wie jener Weingärtner, der mit seiner grenzenlosen Geduld noch einen Aufschub für den fruchtlosen Feigenbaum erwirkt: »Lass ihn dieses Jahr noch stehen«, sagt er zum Besitzer des Weinbergs, »vielleicht trägt er doch noch Früchte« (V. 8-9). Ein »Jahr« der Gnade: die Zeit des Dienstes Christi, die Zeit der Kirche vor seiner glorreichen Wiederkunft, die Zeit unseres Lebens, dessen Rhythmus von einer gewissen Anzahl von Fastenzeiten bestimmt wird, die uns als Gelegenheiten zur Einsicht und zum Heil angeboten werden, die Zeit eines Jubeljahres der Barmherzigkeit. Die unbesiegbare Geduld Jesu! Ihr, habt ihr an die Geduld Gottes gedacht? Habt ihr auch an seine beharrliche Sorge um die Sünder gedacht? Wie sehr sollten sie uns zur Ungeduld uns selbst gegenüber herausfordern! Es ist nie zu spät, umzukehren, nie! Bis zum letzten Moment: die Geduld Gottes, der uns erwartet. Erinnert euch an jene kleine Geschichte der heiligen Therese vom Kinde Jesus, als sie für jenen zum Tode verurteilten Mann betete, einen Verbrecher, der den Trost der Kirche nicht empfangen wollte, er lehnte den Priester ab, er wollte nicht: er wollte so sterben. Und sie betete im Konvent. Und als der Mann dann so weit war, hat er sich gerade in dem Moment, in dem er getötet werden sollte, an den Priester gewandt, das Kruzifix genommen und es geküsst. Die Geduld Gottes! Und dasselbe tut er auch mit uns, mit uns allen! Wie oft – wir wissen es nicht, wir werden es im Himmel wissen – wie oft sind wir doch an dem Punkt da angelangt [an dem wir zu fallen drohen] und der Herr rettet uns: er rettet uns, weil er große Geduld mit uns hat. Und das ist seine Barmherzigkeit. Nie ist es zu spät, umzukehren, doch es ist dringlich, es ist an der Zeit! Wir wollen heute beginnen.

Die Jungfrau Maria stehe uns bei, damit wir unsere Herzen der Gnade Gottes, seiner Barmherzigkeit zu öffnen vermögen. Und sie helfe uns, niemals die anderen zu verurteilen, sondern uns von den täglichen Unglücken anregen zu lassen, um eine ernste Gewissenserforschung zu halten und uns zu bessern.

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Quelle: Osservatore Romano 9/2016

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS ZUR ÖSTERLICHEN BUSSZEIT 2015

„Macht euer Herz stark“: Dieses Motto gibt Papst Franziskus der bevorstehenden Fastenzeit. Es ist ein Zitat aus dem Jakobus-Brief des Neuen Testaments (5,8). Der Vatikan stellte an diesem Dienstag die Papstbotschaft zur Fastenzeit vor. Hier finden Sie den Text im offiziellen deutschen Wortlaut.

Papst Franziskus

»Macht euer Herz stark« (Jak 5,8)

Liebe Brüder und Schwestern!

die österliche Bußzeit ist eine Zeit der Erneuerung für die Kirche, für die Gemeinschaften wie für  die einzelnen Gläubigen. Vor allem aber ist sie eine  »Zeit der Gnade« (2 Kor6,2). Gott verlangt nichts  von uns, das er uns nicht schon vorher geschenkt  hätte: »Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat« (1 Joh4,19). Er ist uns gegenüber nicht gleichgültig. Jeder von uns liegt ihm am Herzen,  er kennt uns beim Namen, sorgt sich um uns und  sucht uns, wenn wir uns von ihm entfernen. Jedem Einzelnen von uns gilt sein Interesse; seine Liebe  hindert ihn, gleichgültig gegenüber dem zu sein,  was uns geschieht. Es kommt allerdings vor, dass wir, wenn es uns gut geht und wir uns wohl fühlen,  die anderen gewiss vergessen (was Gott Vater niemals tut); dass wir uns nicht für ihre Probleme, für ihre Leiden und für die Ungerechtigkeiten interessieren, die sie erdulden … Dann verfällt unser Herz der Gleichgültigkeit: Während es mir relativ gut  geht und ich mich wohl fühle, vergesse ich jene,  denen es nicht gut geht. Diese egoistische Haltung der Gleichgültigkeit hat heute ein weltweites Ausmaß angenommen, so dass wir von einer Globalisierung der Gleichgültigkeit sprechen können.

Es handelt sich um einen Missstand, dem wir als  Christen begegnen müssen. Wenn das Volk Gottes sich zu seiner Liebe bekehrt, findet es die Antworten auf jene Fragen, die  ihm die Geschichte beständig stellt. Eine der drängendsten Herausforderungen, auf die ich in dieser  Botschaft eingehen möchte, ist die der »Globalisierung der Gleichgültigkeit«. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten  und gegenüber Gott ist eine reale Versuchung auch  für uns Christen. Wir haben es daher in jeder österlichen Bußzeit nötig, den Ruf der Propheten zu hören, die ihre Stimme erheben und uns wachrütteln.  Gott ist die Welt nicht gleichgültig, er liebt sie  so sehr, dass er seinen Sohn für die Rettung jedes  Menschen hingibt. In der Menschwerdung, im irdischen Leben, im Tod und in der Auferstehung des  Sohnes Gottes öffnet sich ein für alle Mal die Tür  zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und  Erde. Und die Kirche ist gleichsam die Hand, die  diese Tür offenhält, indem sie das Wort verkündet,  die Sakramente feiert und den Glauben bezeugt,  der in der Liebe wirksam ist (vgl. Gal5,6). Dennoch neigt die Welt dazu, sich in sich selbst zu verschließen und diese Tür zufallen zu lassen, durch  die Gott in die Welt und die Welt zu Gott kommt.

So darf sich die Hand, die die Kirche ist, niemals  wundern, wenn sie zurückgewiesen, eingezwängt  und verletzt wird. Das Volk Gottes bedarf daher einer Erneuerung,  um nicht gleichgültig zu werden und um sich nicht  in sich selbst zu verschließen. Ich möchte euch drei  Schritte für diese Erneuerung nahelegen, über die  ihr nachdenken sollt.

1. »Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit« (1 Kor 12,26 ) – Die Kirche

Die Liebe Gottes, die diese tödliche Selbstverschließung der Gleichgültigkeit aufbricht, wird uns  von der Kirche durch ihre Lehre und vor allem durch  ihr Zeugnis entgegengebracht. Bezeugen kann man  aber nur, was man vorher erfahren hat. Ein Christ  ist, wer sich von Gott mit dessen Güte und Barmherzigkeit, mit Christus selbst bekleiden lässt, um  wie dieser zum Diener Gottes und der Menschen zu  werden. Daran erinnert uns deutlich die Liturgie des Gründonnerstags mit dem Ritus der Fußwaschung.  Petrus  wollte  nicht,  dass  Jesus  ihm  die  Füße  wasche, aber dann verstand er, dass Jesus nicht bloß  ein Beispiel dafür sein will, wie wir einander die  Füße waschen sollen. Diesen Dienst kann nur tun,  wer sich vorher von Christus die Füße hat waschen  lassen. Nur dieser hat »Anteil« an ihm (Joh13,8)  und kann so dem Menschen dienen. Die österliche Bußzeit ist eine geeignete Zeit, um sich von Christus dienen zu lassen und so wie  er zu werden. Das geschieht, wenn wir das Wort  Gottes hören und die Sakramente, insbesondere  die Eucharistie, empfangen. Durch diese werden wir das, was wir empfangen: Leib Christi. In diesem Leib findet jene Gleichgültigkeit, die sich so  oft unserer Herzen zu bemächtigen scheint, keinen Raum. Denn wer Christus gehört, gehört einem einzigen Leib an, und in ihm begegnet man  einander nicht mit Gleichgültigkeit. »Wenn darum  ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein  Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit  ihm« (1 Kor 12,26).

Die Kirche ist communio sanctorum, weil die  Heiligen an ihr teilhaben, aber auch weil sie Gemeinschaft an heiligen Dingen ist: an der Liebe  Gottes, die in Christus offenbar geworden ist, und  an allen seinen Gaben. Zu diesen gehört auch die  Antwort derer, die sich von dieser Liebe erreichen  lassen. In dieser Gemeinschaft der Heiligen und  der Teilhabe am Heiligen besitzt keiner etwas nur  für sich, sondern was er hat, ist für alle. Und weil  wir in Gott verbunden sind, können wir auch etwas für die Fernen und diejenigen tun, die wir aus  eigener Kraft niemals erreichen könnten, denn mit  ihnen und für sie beten wir zu Gott, damit wir uns  alle seinem Heilswirken öffnen.

2. »Wo ist dein Bruder?« (Gen 4,9)– Die Gemeinden und die Gemeinschaften

Das in Bezug auf die Weltkirche Gesagte muss  notwendigerweise in das Leben der Pfarrgemeinden und Gemeinschaften übersetzt werden. Gelingt  es in solchen kirchlichen Bereichen, sich als Teil  eines einzigen Leibes zu erleben? Ein Leib, der  zugleich empfängt und teilt, was Gott schenken  möchte? Ein Leib, der seine schwächsten, ärmsten  und kleinsten Glieder kennt und sich um sie sorgt?  Oder flüchten wir uns in eine universale Liebe, die  sich in der weiten Welt engagiert, aber Lazarus, der  vor der eigenen verschlossenen Tür sitzt, vergisst?  (vgl. Lk16,19-31) Um das, was Gott uns schenkt, empfangen und  vollkommen fruchtbar machen zu können, müssen wir die Grenzen der sichtbaren Kirche in zwei  Richtungen überschreiten. Zum einen, indem wir uns betend mit der Kirche des Himmels verbinden. Wenn die irdische  Kirche betet, entsteht eine Gemeinschaft des gegenseitigen Dienstes und des Guten, die bis zum  Angesicht Gottes reicht. Mit den Heiligen, die ihre  Fülle in Gott gefunden haben, bilden wir einen Teil  jenes Miteinanders, in dem die Gleichgültigkeit  durch die Liebe überwunden ist. Die Kirche des  Himmels ist nicht triumphierend, weil sie sich von  den Leiden der Welt abgewandt hat und sich ungestört der Freude hingibt. Vielmehr können die Heiligen schon sehen und sich darüber freuen, dass sie  mit dem Tod und der Auferstehung Jesu die Gleichgültigkeit, die Hartherzigkeit und den Hass ein für  alle Mal überwunden haben. Solange dieser Sieg der  Liebe nicht die ganze Welt durchdrungen hat, sind  die Heiligen noch mit uns als Pilger unterwegs. In der Überzeugung, dass die Freude im Himmel über  den Sieg der gekreuzigten Liebe nicht vollkommen  ist, solange auch nur ein Mensch auf der Erde leidet und stöhnt, schrieb die heilige Kirchenlehrerin  Terese von Lisieux: »Ich rechne bestimmt damit, im  Himmel nicht untätig zu bleiben. Mein Wunsch ist,  weiter für die Kirche und die Seelen zu arbeiten«  (Brief Nr. 254 vom 14. Juli 1897).

Auch wir haben Anteil an den Verdiensten und  der Freude der Heiligen, und diese nehmen teil an  unserem Ringen und an unserer Sehnsucht nach  Frieden und Versöhnung. Ihre Freude über den Sieg  des auferstandenen Christus gibt uns die Kraft, die  vielen Formen der Gleichgültigkeit und der Hartherzigkeit zu überwinden. Zum anderen ist jede christliche Gemeinschaft  dazu aufgerufen, die Schwelle zu überschreiten, die  sie in Beziehung setzt zu der Gesellschaft, die sie  umgibt, sowie zu den Armen und Fernen. Die Kirche ist von ihrem Wesen her missionarisch, nicht in  sich selbst zurückgezogen, sondern ausgesendet zu allen Menschen. Diese Sendung ist das geduldige Zeugnis für Ihn,  der die ganze Wirklichkeit und jeden Menschen zum  Vater führen will. Die Mission ist das, worüber die  Liebe nicht schweigen darf. Die Kirche folgt Jesus  Christus auf dem Weg, der sie zu jedem Menschen  führt, bis an die Grenzen der Erde (vgl. Apg1,8). So  können wir in unserem Nächsten den Bruder und die  Schwester sehen, für die Christus gestorben und auferstanden ist. Was wir empfangen haben, das haben  wir auch für sie empfangen. Und ebenso ist das, was  diese Brüder besitzen, ein Geschenk für die Kirche  und für die ganze Menschheit. Liebe Brüder und Schwestern, wie sehr möchte  ich, dass die Orte, an denen sich die Kirche zeigt –  unsere Gemeinden und besonders unsere Gemeinschaften –, zu Inseln der Barmherzigkeit im Meer  der Gleichgültigkeit werden!

3. »Macht euer Herz stark« ( Jak 5,8) – Der einzelne Gläubige

Auch wir als Einzelne sind der Versuchung der  Gleichgültigkeit ausgesetzt. Wir sind von den erschütternden Berichten und Bildern, die uns das  menschliche Leid erzählen, gesättigt und verspüren  zugleich unser ganzes Unvermögen einzugreifen.  Was können wir tun, um uns nicht in diese Spirale  des Schreckens und der Machtlosigkeit hineinziehen zu lassen? Erstens können wir in der Gemeinschaft der irdischen und der himmlischen Kirche beten. Unterschätzen wir nicht die Kraft des Gebetes von so vielen! Die  Initiative 24 Stunden für den Herrn, von der ich hoffe,  dass sie am 13. und 14. März in der ganzen Kirche,  auch auf Diözesanebene, gefeiert wird, möchte ein  Ausdruck dieser Notwendigkeit des Betens sein.

Zweitens können wir mit Gesten der Nächstenliebe  helfen und dank der zahlreichen Hilfswerke der Kirche  sowohl die Nahen als auch die Fernen erreichen. Die  österliche Bußzeit ist eine geeignete Zeit, um dieses  Interesse dem anderen gegenüber mit einem vielleicht  auch nur kleinen, aber konkreten Zeichen unserer Teilnahme am gemeinsamen Menschsein zu zeigen. Drittens schließlich ist das Leid des anderen ein  Aufruf zur Bekehrung, weil das Bedürfnis des Bruders mich an die Zerbrechlichkeit meines eigenen Lebens, an meine Abhängigkeit von Gott und von den  Mitmenschen erinnert. Wenn wir demütig die Gnade  Gottes erbitten und die Grenzen unserer Möglichkeiten annehmen, dann werden wir auf die unendlichen  Möglichkeiten vertrauen, die die Liebe Gottes in sich  birgt.  Und  wir  werden  der  teuflischen  Versuchung  widerstehen, die uns glauben macht, wir könnten uns  selbst und die Welt ganz alleine retten.

Um die Gleichgültigkeit und unseren Allmachtswahn zu überwinden, möchte ich alle darum bitten,  diese österliche Bußzeit als einen Weg der »Herzensbildung« zu gehen, wie Benedikt XVI. sich ausdrückte (Enzyklika Deus caritas est, 31). Ein barmherziges  Herz zu haben, bedeutet nicht ein kraftloses Herz zu  haben. Wer barmherzig sein will, braucht ein starkes, ein festes Herz, das für den Versucher verschlossen,  für Gott aber offen ist. Ein Herz, das sich vom Heiligen Geist durchdringen und auf die Wege der Liebe führen lässt, die zu den Brüdern und Schwestern führen. Im Grunde ein armes Herz, das um die eigene  Armut weiß und sich für den anderen hingibt. Deswegen, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich mit euch in dieser österlichen Bußzeit Christus bitten: »Fac cor nostrum secundum cor tuum –  Bilde unser Herz nach deinem Herzen« (Gebetsruf  aus der Herz-Jesu-Litanei). Dann werden wir ein  starkes und barmherziges, waches und großmütiges  Herz haben, das sich nicht in sich selbst verschließt  und nicht in den Schwindel der Globalisierung der  Gleichgültigkeit verfällt.

Mit diesem Wunsch sage ich mein Gebet zu, damit  jeder Gläubige und jede kirchliche Gemeinschaft den  Weg der österlichen Bußzeit fruchtbringend beschreite. Und ich bitte euch, für mich zu beten. Möge der  Herr euch segnen und die Muttergottes euch behüten!

Aus dem Vatikan, am 4. Oktober 2014, dem Fest des heiligen Franziskus von Assisi –

Franziskus

(rv 27.01.2015 sk)