Das Geheimnis des Judenknaben von Krakau

Es war im Jahre 1918.

Der Erste Weltkrieg hatte meine El­tern, wie so viele andere Polen, um ihr ganzes Vermögen gebracht. Ich war deshalb als Student gezwungen, irgend­eine bezahlte Beschäftigung zu suchen. Ich hätte sonst nicht weiterstudieren können.

Jemand riet mir, mich einer jüdischen Dame vorzustellen, die einen Privatleh­rer für ihren zwölfjährigen Sohn Daniel suche, der sich auf das zweite Gymna­sium vorbereiten müsse.

Ich war indes kein Judenfreund. Ich sollte erst später erfahren, daß es viele gute, anständige und sogar wahrhaft fromme Juden gibt.

Die Geschichte des Propheten Jonas

Die jüdische Dame vertraute mir ihren Knaben an, und ich nahm mir vor, meine Pflicht so treu wie möglich zu erfüllen, denn ich hatte von meinem Vater gelernt, alles, was ich tun mußte, gut zu tun. Manchmal kam Daniel zu mir, manchmal fand der Unterricht in seinem Hause statt.

Eines Tages traf ich meinen Schüler in seinem Zimmer mit einem jüdischen Gebetbuche in der Hand.

Ich durchblätterte das Buch. Es war hebräisch geschrieben. Unter jedem Satze aber stand die deutsche Übersetzung. Aus dieser erkannte ich, daß es sich um die biblische Erzählung des Propheten Jonas handle, doch war dieselbe, meiner Ansicht nach, ganz falsch ausgelegt. Etwas unwillig darü­ber, gab ich Daniel das Buch zurück, indem ich murmelte:

„Das ist ja Betrug!“

Der Junge war sehr erstaunt über meine Bemerkung und frug sogleich:

„Warum ist das Betrug? Ist etwa der jüdische Gottesdienst nicht gut? Und wie steht es denn mit dem katholischen Gottesdienst?“

Er überschüttete mich förmlich mit Fragen über die katholische Religion. Vor allem interessierte ihn die Person Jesu Christi.

Durch seine vielen Fragen ermüdet, antwortete ich schließlich beinahe är­gerlich:

„Was kümmert dich denn alles das? Du wirst doch nie ein Christ werden. Studiere lieber, denn dazu komme ich hierher. Du wirst sonst dein Examen nicht bestehen und deine Mutter wird böse auf mich sein!“

Betroffen schwieg der Knabe einige Minuten. Doch es dauerte nicht lange, so bestürmte er mich mit neuen Fragen und ruhte nicht, bis ich ihm das Verspre­chen gab, ihn einmal in unsere Kathe­drale mitzunehmen.

Ich bestimmte für diesen Kirchenbe­such den 7. Mai 1918, den Festtag unseres polnischen Bischofes St. Stanis­laus.

Ein Wunder der Gnade

Der Knabe holte mich am abgemach­ten Tage in meiner Wohnung ab.

Fröhlich plaudernd spazierten wir zum Warvelhügel, auf welchem sich die Kathedrale erhebt. Während des Auf­stieges zur Anhöhe machte ich meinen Schüler auf verschiedene Denkmäler aufmerksam und erklärte sie ihm. Im selben Augenblick, als wir die Kathe­drale betraten, erklang ein silberhelles Glöcklein. Wahrscheinlich — so dachte ich — wird auf einem der vielen Altäre soeben die heilige Wandlung gefeiert. Ich achtete aber nicht weiter darauf und blieb nach einigen Schritten stehen, überlegend, was ich meinem Schüler zuerst zeigen wolle.

Als ich mich dann nach ihm umwand­te, sah ich etwas Merkwürdiges: Da­niel, der Judenknabe, kniete auf dem Boden! Sein Gesicht war blaß, seine Augen waren unverwandt auf einen einzigen Punkt gerichtet.

Erschrocken faßte ich ihn an der Schulter und frug: „Daniel, bist du krank?“

Er gab mir aber keine Antwort. Er schien der Weltvollkommen entrückt zu sein.

Sein Antlitz leuchtete in überirdischer Schönheit und seine Lippen flüsterten etwas, als ob er mit einem Unsichtbaren spräche.

Ich näherte mein Ohr seinem Munde, um einige Sätze aufzufangen, aber ich konnte nichts verstehen und weiß heute noch nicht, welche Sprache er damals redete.

Man kann sich meine Verlegenheit vorstellen! Umso mehr, da das eigenar­tige Benehmen des Buben mehreren Frauen auffiel und eine derselben halb­laut bemerkte: „Er ist ein Jude!“

So vergingen einige Minuten. Wäh­renddessen schritt ein Priester an uns vorbei, der in seinen Händen feierlich die hl. Wegzehrung zu einem Kranken trug. Daniel verfolgte, noch immer kniend, den Priester unverwandt mit entzückten Blicken.

Nachdem der Geistliche die Kirche mit dem hochwürdigsten Gute verlas­sen hatte, stand Daniel ruhig auf und ging, ohne sich um mich zu kümmern, geradewegs zur Seitenkapelle des Ste­phan Bathory, wo das Allerheiligste aufbewahrt wird. Dabei strahlte sein Antlitz, so daß er mich unwillkürlich an ein Bild des hl. Stanislaus Kostka erin­nerte. Dort kniete er beim Gitter erneut nieder und betete länger als eine Vier­telstunde, die Augen unausgesetzt, wie verklärt, auf den Tabernakel gerichtet.

Ich wagte nicht, ihn zu stören, son­dern wartete, bis er zu sich kommen würde. Zuerst beunruhigte mich der Gedanke, ob Daniel vielleicht plötzlich das Opfer einer Sinnesverwirrung sei. Dann aber gewann ich allmählich die feste Überzeugung, Gott der Herr wirke hier ein Wunder der Gnade.

Auf dem Heimweg

Endlich erhob sich Daniel, gab mir ein Zeichen, daß er heimgehen wolle und verließ die Kathedrale sehr gesam­melt. Er hatte von allen Kunstwerken und Schönheiten des Domes nichts gesehen, schien aber dennoch voll und ganz befriedigt zu sein.

Auf dem Heimwege suchte ich durch vorsichtiges Fragen zu erfahren, was denn geschehen sei.

Daniel antwortete jedoch auswei­chend, begann aber immer wieder aufs neue vom lieben Heiland zu sprechen. Unaufhörlich und mit ungeheurem Nachdruck versicherte er:

„Der Herr Jesus ist sehr schön und gut!“

Sooft er dies sagte, flog eine leichte Röte über sein Antlitz — ein Widerschein inniger Liebe zum göttlichen Erlöser, die in seinem Herzen glühte.

Ich gestehe, daß dieses Erlebnis mich gewaltig packte und meinen damals zeimlich schwachen katholischen Glau­ben mächtig aufrüttelte. Trotzdem ver­gaß ich das Vorgefallene bald wieder und dachte, vielleicht sei alles lediglich eine Einbildung Daniels oder meiner­seits gewesen.

Daniel sagt seinen Tod voraus

Ich fuhr fort, wie früher, meinen Schü­ler zu unterrichten, ohne mein Verhalten ihm gegenüber irgendwie zu ändern. Da erklärte mir Daniel eines Tages of­fen, daß er katholisch werden möchte.

Eindringlicher als je suchte er die katholischen Glaubenswahrheiten ken­nenzulernen und stellte mir eine ganze Reihe von Fragen. Zuletzt bat er mich, ich solle ihn taufen.

Da wurde ich ernstlich böse, spottete über sein „kindisches“ Verlangen und ermahnte ihn, zu studieren, denn die Zeit der Prüfung nähere sich , und seine Kenntnisse seien noch sehr mangelhaft.

Daniel blieb ruhig und entgegnete mit großer Bestimmtheit, daß er gar keine Prüfungen mehr zu machen habe, da er am 8. September sterben werde. Vor­her müsse er aber noch unbedingt die hl. Taufe empfangen.

Spöttisch lachend gab ich zur Ant­wort:

„Lieber Junge, du wirst länger leben als ich. Und was die Taufe anbelangt, so kannst du ja deine Mutter fragen, was sie dazu meint!“

Ich ließ nicht mehr mit mir reden. Doch alle meine Bemühungen, Daniel im Latein und in andern Fächern rascher voranzubringen, waren vergeblich.

Gegen Ende des Schuljahres erklärte ich daher seiner Mutter ohne Umschwei­fe, daß ich ihn nicht ins Examen schik­ken werde, daß er auf alle Fälle erst nach den Ferien zur Prüfung fähig sei.

Dann begannen die Sommerferien, in denen ich Daniel nicht mehr sah.

Am 7. September aber, als ich an alles andere als an meinen früheren Schüler dachte, suchte mich dessen jüdische Mutter auf.

Ich meinte, sie wolle mich bitten, den Privatunterricht mit Daniel wieder zu beginnen. Ich empfing sie wenig freund­lich. Ja, ich rückte gleich heraus, ich sei nicht geneigt, mich mit ihrem Jungen neuerdings abzuplagen.

Da sagte sie mir, sie komme wegen etwas ganz anderem. Daniel sei krank und habe inniges Verlangen geäußert, mich unbedingt heute noch zu sehen.

In diesem Augenblick fielen mir die Worte des Knaben wieder ein:

„Ich werde am 8. September ster­ben!“

Sogleich versprach ich der Mutter, seinem Wunsche noch an diesem Abend zu entsprechen.

Ich traf Daniel zwar im Bette an, fand aber nichts Beunruhigendes in seinem Zustande. Daher glaubte ich nicht an seinen baldigen Tod, zumal seine Mut­ter mir erklärte, der Arzt messe diesem momentanen Unwohlsein keine Bedeu­tung bei.

Als wir allein waren, schaute mich Daniel mit ernsten Blicken an und sagte, daß ich ihn jetztunbedingttaufen müsse, weil sein Ende nahe sei. Gleichzeitig versprach er mir, wenn ich seinen Wil­len tue, werde er mir ein Geheimnis mitteilen.

Ich zögerte und überlegte, was ich machen solle. Daniel flehte mich an.

Ich war immer noch unentschlossen. Aber die Kraft, mit welcher der Junge in mich drang, besiegte schließlich mei­nen Widerstand. Ich erklärte mich be­reit, ihm die Nottaufe zu spenden unter der Bedingung, daß er sich später in der Kirche zum Nachholen der feierli­chen Zeremonien anmelde.

Auch fügte ich hinzu, daß ich mich vor dem Zorne seiner Mutter fürchte, denn sie hatte ja keine Ahnung von seiner katholischen Gesinnung. Daniel versuchte, mir meine Bedenken zu nehmen, indem er versicherte, er werde der Mutter nichts erzählen.

„Außerdem“, so meinte er lächelnd, „werde ich ja morgen für immer zu reden aufhören!“

Dann sprang er plötzlich aus dem Bette, ergriff eine volle Wasserflasche und drückte sie mir in die Hand.

Dabei wiederholte er die Bitte, die wie ein von Gott eingegebener Befehl klang:

„Taufen Sie mich! Taufen Sie mich!“

Da goß ich zitternd das Wasser über Daniels Haupt mit den Worten:

„Daniel, ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heili­gen Geistes!“

Jetzt war Daniel überglücklich und begann nun, ohne eine diesbezügliche Frage abzuwarten, mir zu erzählen, daß ihm damals in der Kathedrale Jesus erschienen sei. Der liebe Heiland sei überaus schön, freundlich und unbe­schreiblich gütig gewesen und habe ihm den Tag seines Todes vorausgesagt mit der Aufforderung, sich vorher tau­fen zu lassen.

Ich hörte Daniel aufmerksam zu, konnte aber noch immer nicht glauben, daß er am nächsten Tage sterben wer­de, denn er hatte gar nichts von einem Sterbenden an sich, weder in seinen Bewegungen, noch in seiner Stimme. Beim Abschied versprach ich andern­tags wiederzukommen.

Am 8. September 1918 — Fest Mariä Geburt — abends 5 Uhr starb Daniel

Als ich am 8. September gegen 5 Uhr abends wiederum das jüdische Haus betrat, traf ich die Mutter in heller Ver­zweiflung.

Der Arzt war soeben bei ihrem einzi­gen Kinde gewesen. Er vermochte zwar keine Krankheit festzustellen, aber des­sen Puls ging so schwach, daß keine Hoffnung auf Genesung mehr vorhan­den war.

Daniel lag friedlich da. Sein Ange­sichtverriet sein inneres Glück. Er freute sich über mein Kommen und sagte fröh­lich:

„Sehen Sie, ich werde jetzt sogleich sterben!“

„Wenn du stirbst“, antwortete ich, „wird dich der Heiland unverzüglich zu sich in den Himmel nehmen!“

Bei diesen Worten neigte Daniel sein Haupt zur Seite und hauchte lächelnd seine Seele aus … Auf dem Totenbette glich er wahrhaft einem Heiligen.

(Der Privatlehrer, der so ergreifend dieses wunderbare eucharistische Er­lebnis seines Schülers schilderte, änder­te sofort nach dessen Tode sein gottlo­ses Leben, wurde ein eifriger Katholik und später sogar ein ausgezeichneter Priester. 0 unerforschliche Allmacht, Größe und Güte Gottes!)

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(Quelle: Jugend-Sendbote des göttlichen Herzens Jesu, November 1929, Feldkirch)

Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh. 1, 41)

4. Augustin Maria Hermann Cohen († 20. Januar 1871)

Hermann Cohen, der spätere berühmte Prediger aus dem Karmeliterorden P. Augustin Maria, wurde in der Hansestadt Hamburg am 10. November 1821 als Sohn des jüdischen Kauf­manns David Abraham Cohen und der Rosalia, geb. Benjamin, geboren.

Der kleine Hermann Cohen war nicht bloß überaus musik­begabt, sondern auch sehr aufnahmefähig für das Religiöse, das ihn im Gottesdienst der Synagoge unwillkürlich ansprach. In der Rückerinnerung schrieb er später: »Wenn ich den Rabbiner die Stufen des Heiligtums hinaufsteigen, den Vorhang wegziehen und die Tür zum Thora-Schrein öffnen sah, war ich in feierlicher Erwar­tung… Die Leviten zogen eine große, mit hebräischen Buchstaben übersäte, mit einer königlichen Krone geschmückte Pergament­rolle hervor. Man trug sie auf ein Pult, faltete sie auseinander und las die heiligen Schriftstellen vor…« Der kleine Hermann begriff nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Niemand beantwortete ihm seine vielen Fragen. Wie um sich zu entschädigen, lud er manchmal seine kleine Schwester ein, mit ihm zu beten. Dann sangen sie Lieder und Psalmen und riefen — in Nachahmung der Großen — den Gott Israels an.1)

Mit zunehmendem Alter ließ Hermann die tief veranlagte religiöse Struktur seines Wesens mehr und mehr unbeachtet, unbe­wußt vielleicht, um die Distanz zwischen ihm, dem Juden, und seinen christlichen Mitschülern in dem von protestantischen Lehrern und Erziehern geleiteten Kollegium in Hamburg nicht allzu stark zu spüren. Denn er hatte wegen seiner Abstammung und Religion schon manchen Spott zu erleiden.

Bereits mit viereinhalb Jahren hatte er seine Eltern bestürmt, ihn wie seinen älteren Bruder Albert das Klavierspiel erlernen zu lassen, worin er bald glänzende Fortschritte machte. Bereits mit zwölf Jahren gab er ein erstes öffentliches Konzert. Der Erfolg war durchschlagend. Das »Wunderkind« wurde bald von einer Adels­familie zur anderen weitergereicht und mit Schmeicheleien über­häuft, die seine Eitelkeit und seinen Ehrgeiz immer mehr ent­flammten. Die Mutter war auf ihren Liebling stolz und vergaß bei seiner Erziehung auf alle gesunden Grundsätze, was sich dann charakterlich am jungen Hermann Cohen sehr negativ auswirkte.

Als der reiche Kaufmann David Abraham Cohen durch harte Schicksalsschläge verarmte, verließ ihn seine Gemahlin und ging mit ihren Kindern nach Paris. Am 5. Juli 1834 dort angekommen, konnte Hermann Cohen unter der Leitung des berühmten Pia­nisten und Komponisten Franz Liszt († 1886) seine musikalische Fertigkeit ganz stark vervollkommnen. Bald wurde das »Wunder­kind« der Liebling der Pariser Salons.

Durch Franz Liszt kam Hermann Cohen in Verbindung mit anderen berühmten Personen, u. a. auch mit der Schriftstellerin Dudevant, bekannter unter dem Namen George Sand († 1876), die im Sinn heutiger emanzipierter Frauen ihr unleugbar großes Talent dazu benützte, um in ihren Romanen allen Grundsätzen der Sitt­lichkeit und des christlichen Glaubens den Krieg zu erklären.

Hermann Cohen verschlang die Romane dieser Frau. Das Gift, das er aus ihnen in sich aufnahm, verfehlte nicht seine Wirkung. »Die Nattern unreiner Begierden erhoben sich über meinem Haup­te.« So gestand er später.

Durch seine Konzerte und durch Erteilung von Musikunterricht verdiente Hermann Cohen viel Geld und erlangte so die Mittel, um allen Launen und Begierden in Paris, mehrere Monate lang in Genf (1834/35) und dann wieder in Paris nachgeben zu können. Hermann Cohen geriet zuletzt in Paris in einen Kreis von Künstlern, die ihn zu jeglicher Ausschweifung verleiteten. Es erfaßte ihn überdies noch die Spielsucht. Ganze Nächte verbrachte er in den Spielhöhlen von Paris. Dazu kamen unruhevolle Reisen nach Hamburg, nach England, nach Italien und immer wieder zurück nach Paris.

Wie es damals in seinem Inneren aussah, hat er später selbst in einem Brief an den wunderbar bekehrten Juden P. Alphons Maria Ratisbonne in folgender Weise berichtet: »Nachdem ich ganz Deutschland durchzogen und das Geld, das ich gewonnen, ebenso schnell wieder verschwendet hatte, kehrte ich nach Paris zurück und nahm bald wieder eine glänzende Stellung ein. Alles gelang mir mit unglaublichem Erfolg und ich wurde der Liebling und das Schoßkind des Publikums. Was das Glück Reizendes und die Welt Verführerisches an sich hat, bemächtigte sich meines Geistes; so lebte ich in den Tag hinein. So viel Schönes und Bewundernswertes eine solche Lebensweise in den Augen vieler haben mag, mich befriedigte sie nicht. Ich fühlte vielmehr eine ständige Unruhe. An einem Freitag im Monat Mai des Jahres 1847 ließ mich der Fürst Ney von Moskowa bitten, für ihn die Leitung eines Chores von Dilettanten in der Pariser Kirche Saint‘ Valére bei einem katho­lischen Gottesdienst zu übernehmen. Ich tat es. Im Augenblick, als der Segen gegeben wurde, fühlte ich zum ersten Mal eine sehr leb­hafte, aber unbeschreibliche Erregung in meiner Seele. Am darauf­folgenden Freitag hatte ich bei dem gleichen Anlaß dieselbe Empfindung, nur noch viel stärker, und ich fühlte, wie eine schwere Last meinen ganzen Körper niederdrückte und mich nötigte, mich zu verneigen und mich gegen meinen Willen zur Erde zu beugen.«2)

Die Unruhe, die sich von da an mit bisher nie empfundener Gewalt seiner bemächtigte, trieb ihn an, seinen Widerwillen zu überwinden und den Beschluß zu fassen, sich über seinen seelischen Zustand mit einem katholischen Priester auszusprechen. Gleich­wohl konnte er sich damals noch nicht seiner bisher gewohnten Lebensweise entziehen; lärmende Vergnügungen, Feste aller Art, die Kontakte mit George Sand und mit Franz Liszt in den zusam­men mit diesem veranstalteten Konzerten übten noch immer ihren verderblichen Einfluß auf ihn aus.

Da endlich wandte er sich an den Priester Abbé Legrand. Diesem teilte er mit, was sich mit ihm zugetragen hatte. Am Ende der Aus­sprache gab ihm der Priester ein Lehrbuch der katholischen Religion, die »Darlegungen der christlichen Lehre« von Lhomond.

Durch die Lektüre dieses Buches kam Hermann Cohen auf den Gedanken, sonntags der hl. Messe beizuwohnen. Er führte diesen Vorsatz aus, auch am Sonntag, 8. August 1847, an dem er wegen eines Konzerts nach Ems in Deutschland reisen mußte.

Was da nun passierte, berichtete er wieder P. Alphons Maria Ratisbonne in folgender Weise: »Ich begab mich zur Messe. Da fesselten wie bisher schon immer die Zeremonien des Meßopfers meine Aufmerksamkeit. Nach und nach fing durch die Gesänge und Gebete des hl. Meßopfers die mir zwar unsichtbare, aber doch von mir gefühlte Gegenwart einer übermenschlichen Macht an, mich in eine Aufregung und Verwirrung und heilige Furcht zu ver­setzen. Mit einem Wort, es gefiel der göttlichen Gnade, sich mit aller Gewalt über mich zu ergießen. Bei der Erhebung der heiligen Hostie fühlte ich auf einmal, wie aus meinen Augen eine Flut von Tränen auszubrechen begann, die dann in wohltuender Fülle un­aufhörlich über meine Wangen rannen. O glückseliger Augenblick, o Augenblick, ewig denkwürdig für meine Seele! Du hast noch nicht aufgehört, meinem Geist gegenwärtig zu sein mit all den himmlischen Empfindungen, die mir von oben geschenkt wurden!

Sogar jetzt noch rufe ich den allmächtigen und barmherzigen Gott inbrünstig an, er möge mir verleihen, daß die süße Erinnerung an die Schönheit dieses Augenblicks ewig meinem Herzen einge­graben bleibe mit den unauslöschlichen Malen eines Glaubens, der all den Gnadenerweisen und Wohltaten entspricht, mit denen Gott mich zu überhäufen sich herabgelassen hat. Ohne Zweifel fühlte ich damals, was der hl. Augustinus im Garten von Cassiacum in jenem Augenblick gefühlt haben muß, als er jenes denkwürdige ›Tolle! Lege!‹ (Nimm und lies!) vernahm, und was Sie, mein teurer Pater, in der Kirche Sant’Andrea delle fratte in Rom an jenem 20. Januar 1842 gefühlt haben müssen, als die seligste Jungfrau sich herabließ, Ihnen zu erscheinen. Ich erinnere mich, in meiner Kind­heit zwar geweint zu haben, aber nie, gar nie waren mir solche Tränen bekannt. Während sie strömten, fühlte ich die schneidend­sten Gewissensbisse über mein ganzes vergangenes Leben, und plötzlich, ganz von selbst, wie unter einem inneren Schauer, fing ich an, innerlich mit aller Geschwindigkeit, Gott eine Beichte abzu­legen über all die ungeheuren Fehltritte, die ich seit den Jahren meiner Jugend begangen hatte. Ich sah sie wie in einem aufgeschla­genen Buch zu tausenden, wie sie abscheulich einander gedrängt folgten und den ganzen Zorn des ewigen Richters verdienten. Doch bald folgte darauf eine von mir bisher noch nie empfundene Beruhi­gung meiner Seele in der Überzeugung, daß der barmherzige Gott mir verzeihe, daß er seinen Blick von meinen Vergehen abwenden werde, daß er wegen meiner aufrichtigen Zerknirschung und wegen meiner mit bitterem Schmerz verbundenen heftigen Reue mit mir Mitleid haben werde. Ja, ich fühlte, daß Gott mir Gnade erwiesen und als Sühne jenen festen Entschluß angenommen habe, ihn fort­an über alles zu lieben und mich in Zukunft ganz zu ihm zu bekeh­ren. Beim Verlassen jener Kirche in Ems war ich eigentlich schon Christ, . . . ein solcher Christ, wie man es sein kann, wenn man die heilige Taufe noch nicht empfangen hat . .

Hermann Cohen kehrte nun, von der Gnade Gottes ganz durch­drungen, nach Paris zurück. »Eine hochgestellte, fromme Dame ­so schreibt er in einem anderen Brief — gewahrte mein inneres Glück und ermahnte mich, nachdem sie vom Geschehen gehört hatte, all die kostbaren Gnaden, die sich über mich ergossen haben, der Vermittlung der seligsten Jungfrau zuzuschreiben und ihr eine ganz besondere Verehrung zu schenken . . . Seit dieser Zeit danke ich alle Schritte, die ich auf dem Weg Christi so glücklich getan habe, unserer gemeinsamen Mutter, dieser guten und heiligen Jungfrau, der Zuflucht der Sünder, die ich alle Tage inbrünstig und vertrauensvoll anrufe.«

Noch im selben Jahr 1847, am 28. August, dem Fest des hl. Augustinus, empfing Hermann Cohen die von ihm sehnlichst gewünschte hl. Taufe in der Kapelle Unserer Lieben Frau von Sion in Paris, deren Vorsteher Theodor Maria Ratisbonne, der Bruder von Alphons Maria Ratisbonne, war.

In einem Brief an Alphons Maria Ratisbonne hat Hermann Cohen die Augenblicke seiner Taufe beschrieben. Als der Tauf­priester in der Form von drei Kreuzeichen das Taufwasser über seine Stirne goß im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes und unter Anrufung der seligsten Jungfrau, des heiligen Augustinus und des hl. Heinrich, da sprang Hermann Cohen auf einmal, wie von einem elektrischen Schlag getroffen, auf; er geriet in den Zustand der Verzückung und schaute nun den unendlichen Raum, das unermeßliche Licht, die Schar der Kerubim und Engel, alle Heiligen und auf seinem Thron in ewiger Jugend strahlend unseren Herrn Jesus Christus, seine jungfräuliche Mutter zu seiner Rechten.

Wörtlich schreibt Hermann Cohen in seinem Brief an Alphons Maria Ratisbonne: »Mein teurer Pater, wie wage ich es nur, Ihnen das schildern zu wollen, was ich damals gesehen habe! Wahrlich, ich sollte das Papier zerreißen, auf dem ich Ihnen schreibe, denn es enthält auch nicht annähernd ein Bild von dem, was mir wirklich erschien! Ich habe das Paradies der streitenden Kirche gesehen. Es war keine bloße Vision, es war ein wirkliches Sehen, ja, Sehen! Gott ließ durch eine Gnade, für die ich keine Bezeichnung habe, zu, daß ich elender Erdenwurm einen Augenblick lang begriff oder sah, was ich mir kaum wieder ins Gedächtnis zurückzurufen wage. Aber bei Ihrer aszetischen Bildung werden Sie mit Ihrer Einbil­dungskraft ergänzen können, was ich jetzt so schlecht ausgedrückt habe . . . Ich fühle seit damals in mir einen süßen Frieden; mein Geist ist ganz ruhig; ich bin wie ein Kind auf dem Schoß seiner Mutter. Ich will nichts mehr und fürchte nichts mehr, ich lasse mich lenken, wie man will. Ich kümmere mich auch darüber nicht, was andere von mir glauben werden. Ich verrichte jetzt alle meine Auf­gaben so gut, wie ich nur kann, ganz unbefangen und froh, und sehe dabei ganz vom Erfolg ab. Ich richte mich selbst jetzt nicht mehr, fürchte aber auch nicht mehr, gerichtet zu werden. Es gibt keine eitle Beunruhigung mehr in mir.«4)

In einem anderen Brief schrieb Hermann Cohen: »Seit meiner Taufe bin ich vom Herrn täglich mit vielen Süßigkeiten, Tröstungen und himmlischen Gnadenerweisen überhäuft worden. Ich befinde mich oft wie in einem Strom geistlicher Freude . . .«5) Seine Briefe überschrieb er fortan mit dem gewählten Wahlspruch »Alles für Jesus!« und es war ihm ganz ernst damit.

Am 8. September, am Fest Mariae Geburt, im Jahre 1847, empfing Hermann Cohen die erste hl. Kommunion und zugleich das Skapulier, am 2. Dezember 1847 wurde er vom Pariser Erz­bischof gefirmt.

Zu Ehren des Altarssakramentes gründete er mit fünfzehn Männern, die ebenso wie er, »der Bekehrte der Eucharistie«, von dankbarer Liebe zum eucharistischen Heiland erfüllt waren, am 6. Dezember 1848 die »Gemeinschaft von der nächtlichen Anbe­tung des hl. Altarssakramentes« in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg zu Paris. Er verfaßte auch Gesänge zu Ehren der hl. Eucharistie; im Vorwort zu diesen Gesängen schrieb er: »O an­gebeteter Jesus, laß meine Lieder mit den Hymnen vereint werden, die Dir in Paris gesungen werden! Denn in dieser Stadt hast Du, verborgen unter dem Schleier der hl. Eucharistie, mir die ewigen Wahrheiten enthüllt. Das erste Geheimnis, das Du mir geoffenbart hast, war Deine wirkliche Gegenwart im Heiligsten Sakrament. Habe ich nicht, als ich noch Jude war, mich dem heiligen Tisch nahen wollen, um Dich in mein Herz, das außer sich war, auf­zunehmen? Habe ich nicht deshalb so laut um die Taufe gebeten, um mich mit Dir zu vereinen? Voll Unruhe und Sehnsucht nach die­sem schönsten Tag meines Lebens weinte ich aus Eifersucht, wenn ich andere die hl. Kommunion empfangen sah, und verschlang mit meinen Augen die heilige Hostie, in der Deine Liebe zu uns Men­schen Dich, den unendlichen Gott festhält! . . . Was Du getan hast, um mich zu trösten, da ich unter solchen Schmerzen noch warten mußte, das darf ich hier nicht sagen. ›Mein Geheimnis gehört mir!‹ Endlich wurde ich dann zu diesem himmlischen Mahl zugelassen und schöpfte daraus eine Kraft, wie ich eine solche mir selbst gegen­über noch nicht kannte. Dieses göttliche Fleisch bildete mich in einen neuen Menschen um; dieses Wundermittel schützte mich ge­gen die Angriffe einer verführerischen Welt; dieser Schatz zog mich von all dem weg, was mich früher an sich gefesselt hielt. Ein immer brennenderer Durst trieb mich zu dieser Quelle lebendigen Was­sers, und einem hungernden Bettler gleich fühlte ich ein glühendes Verlangen nach dieser Nahrung der Auserwählten. Um Dich nach Wunsch zu betrachten, entschwanden mir die Stunden des Tages zu schnell; ich sammelte Gläubige um mich, die vom gleichen Feuer brannten, und wir gingen hin, die Nächte in Deinen Kirchen zu ver­bringen. Ein heiliger Priester führte uns dabei an; am Abend setzte seine Hand Dich auf den Altar — und die Morgenröte fand uns noch hingesunken auf den Knien vor Deinem Glanze. Unbeschreibliche Nächte! Meine Zunge soll mir am Gaumen kleben bleiben und mei­ne Hand soll verdorren, wenn ich je euer vergessen würde! In die­sen himmlischen Nächten hast Du mich, o mein Jesus, mit so unwi­derstehlicher Gewalt, mit so süßem, zärtlichem und liebenswürdi­gem Zauber an Dich gezogen, so daß der letzte Faden zwischen mir und der Welt zerriß, und ich mich beeilte, um mich — fern von der Hast und Unruhe der Stadt — in Deine Arme zu werfen, um ganz und ungeteilt für immer für Dich zu leben.«6)

Noch vor seiner Taufe im Jahre 1847 hatte Hermann Cohen den Entschluß gefaßt, sich im Priesterberuf Gott zur Verfügung zu stellen. In jenen Nächten aber, die er vor dem Allerheiligsten in Anbetung verbrachte, wurde ihm zusätzlich die Berufung zum Ordensstand klar. Es zog ihn schließlich unwiderstehlich zum refor­mierten Karmeliterorden.

Am 16. Juli 1849 reiste Hermann Cohen von Paris nach Agen zum Hauptkloster der Unbeschuhten Karmeliten in Frankreich und bat dort um Aufnahme. Nach entsprechender Einstimmung in Exerzitien wurde er in das Noviziat zu Broussey bei Bordeaux auf­genommen. Als es dort nach einem Monat der Vorbereitung zu sei­ner Einkleidung kommen sollte, erhielt er von den Ordensvorge­setzten einen negativen Bescheid, wahrscheinlich wegen seiner bis­herigen Lebensweise und weil die Zeit, die seit seiner Bekehrung verstrichen war, noch zu kurz war. Da reiste Hermann Cohen kurz entschlossen nach Rom, um dort persönlich dem Ordensgeneral die Bitte um Aufnahme in den Karmeliterorden vorzutragen. Am 16. September 1849, gerade am Vorabend des Tages, an dem sich die Provinziale des Ordens zu einem Generalkapitel versammelten, kam Hermann Cohen in der Ewigen Stadt an. Er begab sich sofort zum Ordensgeneral und setzte diesem die Beweggründe seiner Bitte um Aufnahme in den Orden so überzeugend auseinander, daß er daraufhin die Erlaubnis erhielt. Er kehrte dann in aller Eile nach Broussey zurück, wo er nun am 6. Oktober 1849 als Karme­liter-Novize eingekleidet wurde. Am 7. Oktober 1850 legte er zum ersten Mal die zeitliche Profeß ab. Es folgte ein Jahr intensivsten Theologie-Studiums. Am Karsamstag des Jahres 1851 empfing er die Priesterweihe und vertauschte nun für immer den Namen Hermann mit dem Namen »Augustin Maria vom allerheiligsten Sakrament«. Am Ostersonntag 1851 feierte er seine Primiz und schon begann er als Apostel der hl. Eucharistie zu wirken, er predigte über den Segen der häufigen hl. Kommunion.

Fortan wirkte er — vor allem im Süden und Westen Frankreichs ­als wortgewaltiger Prediger, dem mit der Gnadenhilfe Gottes viele Bekehrungen gelangen. Vor allem, wenn er jüdische Stammes-genossen zur Bekehrung bringen und zur Taufe führen konnte, schlug ihm das Herz jedesmal höher. Seine eigene Bekehrung hatte in ganz Frankreich, ja weit über seine Grenzen hinaus Aufsehen erregt. Nun fanden durch seine ergreifenden Predigten andere Juden ebenfalls den Messias Jesus Christus. So konnte er in Toulon einen 36jährigen Juden taufen. In Lyon bestärkte er die Zwillings­brüder Joseph und Augustin Lehmann in ihrem Entschluß, Christen zu werden; beide wurden später sogar ausgezeichnete Priester. Den bekehrten jüdischen Maler Bernhard Maria Bauer (* 1829 in Budapest) begeisterte er für den Eintritt in den Orden der Unbeschuhten Karmeliten.

Auch in der eigenen Verwandtschaft gelangen P. Augustin Maria Cohen Bekehrungen. So konnte er seine leibliche Schwester, Frau A. Raunhein, geborene Cohen, und deren Sohn Georg zur Taufe führen, ebenso seinen Bruder Albert Cohen. Daß er den formellen Übertritt zum katholischen Glauben bei seiner jüdischen Mutter nicht mehr erreichte, die am 3. Dezember 1855 starb, schmerzte ihn sehr. Er schrieb damals an einen Freund: »Meine arme Mutter ist tot und ich verbleibe in Ungewißheit. Allein es ist so viel gebetet worden, daß man hoffen kann, es sei in ihren letzten Augenblicken zwischen Gott und ihrer Seele etwas vorgegangen, das uns nicht bekannt ist.«7) Dem heiligen Pfarrer von Ars, Johannes Maria Vianney, mit dem er freundschaftlich verbunden war, vertraute P. Augustin bei einer Begegnung seine Sorge um das ewige Los seiner Mutter an. Dieser tröstete ihn mit den Worten: »Hoffen Sie, hoffen Sie! An einem Tag der Unbefleckten Empfängnis werden Sie einen Brief erhalten, der Ihnen zum großen Trost gereichen wird.« 8) Sechs Jahre später erhielt er diesen angekündigten Brief, in welchem ihm ein Jesuit Mitteilung machte über den Seelenzustand seiner Mutter vor ihrem Sterben; sie sei der Konversion ganz nahe gewesen, auch wenn es formell nicht mehr dazu kam.

Die Sprache P. Augustin Cohens war schlicht und einfach und ohne große Rhetorik, aber es stand dahinter der starke, ergriffene Glaube des Predigers, der wie ein Gefäß voll überfließenden, kost­baren Inhalts war, das nichts für sich behielt, sondern alles in die Herzen der Menschen hinüberfließen ließ, vor allem eine glühende Liebe zur hl. Eucharistie. Wer einmal den beredten Worten P. Augustin Cohens über das »Geheimnis des Glaubens« gelauscht hatte, ließ sich gern hineinziehen in die innige Verehrung und Anbetung des Altarssakramentes, wie er selbst sie seit seiner Be­kehrung pflegte. Was ihn auf seinen Predigtreisen nie losließ, war sein Bestreben, die nächtliche Anbetung des heiligsten Sakra­mentes weiter zu verbreiten.

Über seine Predigttätigkeit hinaus bekam P. Augustin Maria Cohen von seinen Ordensoberen Aufträge zur Neu- oder Wieder­errichtung von Karmel-Klöstern. Seine Predigttätigkeit aber setzte der »Bekehrte der hl. Eucharistie« schließlich auch über Frankreich hinaus fort in Italien, besonders auch in Rom, in Deutschland und auch in England, vor allem in London, in dessen Nähe durch das Bemühen von P. Augustin der Karmeliterorden erstmalig seit der Reformation wieder Fuß fassen konnte. Obwohl er als Prior des Karmeliterordens in London genug zu tun hatte, ließ er sich doch nicht daran hindern, von London aus nacheinander auch Irland, Schottland, Belgien und Deutschland zu besuchen, um dort Pre­digten oder Vorträge zu halten. Es war — menschlich gesprochen ­unerklärlich, wie der oft kranke Ordenspriester all das zu leisten vermochte. Die Jahre von 1862 bis 1868 waren jedenfalls von rast­loser Tätigkeit gekennzeichnet.

Dann durfte er nach Frankreich zurückkehren und einige Monate als Einsiedler in dem von ihm errichteten Kloster in Tarasteix neue Kräfte sammeln. Da traf ihn ein hartes Augen­leiden, das fast zur Erblindung führte. Die tägliche Waschung der Augen mit Lourdes-Wasser brachte Heilung. Dafür hielt P. Augustin in Lourdes dann eine Dankmesse. In einer Ansprache berichtete er den Zuhörern von seiner wunderbaren Heilung. In Lourdes sprach er mit der hl. Bernadette lange; er bewahrte ihr stets ein lebhaftes Interesse. Von Lourdes kehrte er mit vielen Gnaden bereichert in seine Einsiedelei in Tarasteix zurück.

Hier erlebte er noch eine dreifache erwähnenswerte Unter­brechung seines Einsiedlerlebens:

Erstens mußte er in der Fastenzeit 1869 auf Verlangen des Bischofs Mermillod die Fastenpredigten in Genf halten; 30 Jahre zuvor hatte diese Stadt in der französischen Schweiz sein ausge­lassenes, vergnügungssüchtiges Leben gesehen. Nun predigte er hier mit tiefer Reue und innerer Ergriffenheit und machte gut, was er einst in dieser Stadt gefehlt hatte.

Eine zweite Unterbrechung seines Einsiedlerlebens in Tarasteix wurde durch das Sterben seines Vaters veranlaßt: Im August 1869 wurde P. Augustin Cohen plötzlich nach Wildbad in Deutschland gerufen. Seitdem er in den Karmeliterorden eingetreten war, hatte ihn sein Vater nicht mehr sehen wollen, er hatte ihn verflucht und enterbt. Die Nähe des Todes aber erinnerte Herrn David Abraham Cohen an seinen Sohn Hermann; er brachte es nicht übers Herz, die Welt zu verlassen, ohne seinen Sohn noch einmal wiedergesehen zu haben; so ließ er ihm schreiben, daß er ihm verzeihe; er bat ihn, schnellstens zu ihm zu kommen, jedoch nicht im Mönchsgewand. Ungeachtet wichtiger Arbeiten, die P. Augustin gerade aufge­tragen waren, zögerte er nicht und reiste ab zu einem rührenden Wiedersehen von Vater und Sohn. Aber die Hoffnung auf Bekeh­rung seines Vaters erfüllte sich nicht. Der Sterbende sprach zwar zu seinem Sohn: »Ich verzeihe Dir die drei großen Fehler Deines Lebens, daß Du katholisch geworden bist, daß Du Deine Schwester katholisch gemacht hast und daß Du Deinen Neffen Georg getauft hast.« Aber er ging am 10. August 1869 in die Ewigkeit hinüber, ohne dem Judentum entsagt zu haben. P. Augustin aber hoffte, daß der barmherzige Gott seinem Vater gnädig gewesen sei.

Eine dritte Unterbrechung seines Einsiedlerlebens in Tarasteix hatte die Erstkommunion der Nichte von P. Augustin, der Tochter Maria seines Bruders Albert zum Anlaß. Im Pensionat der Sacré-Coeur-Schwestern in Vaals fand diese Feier am 3. Mai 1870 statt.

Nach Tarasteix zurückgekehrt, fand P. Augustin das Dekret seiner Ernennung zum ersten Definitor seiner Ordensprovinz und zum Novizenmeister vor. Er begab sich sofort an den Ort des Novi­ziates, nach Broussey. Hier aber war ihm kein langes Bleiben mehr gegönnt. Der Krieg zwischen Preußen und Frankreich brach aus. P. Augustin erkannte die bedrohliche Lage, in die er als gebürtiger Deutscher seine französischen Mitbrüder bringen würde, weil die Wut gegen alle Deutschen, die sich in Frankreich aufhielten, sehr schnell anschwoll. Um durch seine Nationalität den Haß des Pöbels gegen die Klöster nicht noch mehr zu steigern, zog es P. Augustin vor, Frankreich zu verlassen. Er wandte sich zuerst in die Schweiz. In Genf bat ihn Bischof Mermillod, sich der vielen Flüchtlinge in Montreux seelsorglich anzunehmen. Er tat es mit viel Erfolg. Mitte November 1870 bat ihn aber Bischof Mermillod, die noch wichti­gere Aufgabe zu übernehmen und die vielen in Preußen inter­nierten französischen Staatsbürger seelsorglich zu betreuen. Am 24. November 1870 verließ er Montreux und schlug sich nach Deutschland durch, um die Feldkaplanstelle in Spandau zu über­nehmen, wo etwa 8000 gefangene Franzosen ihn erwarteten. Im Dienste dieser Menschen verbrauchte er seine letzten Kräfte, bis er — von den Blattern angesteckt — erst 50jährig am 20. Januar 1871 starb, nachdem er vorher in der heiligen Wegzehrung noch mit seinem vielgeliebten eucharistischen Herrn vereint worden war. Was P. Augustin seit seiner Bekehrung bis zu seinem Heimgang allzeit am tiefsten zu beglücken und bei Prüfungen und Heim­suchungen am meisten zu trösten vermochte, war die hl. Eucha­ristie und alles, was er für die Verbreitung der Verehrung und An­betung des Heiligsten Sakramentes zu tun vermochte. Er empfand in seinem Herzen ein ganz starkes Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott für dieses kostbare Geschenk der Eucharistie, so daß er nicht genug die Menschen, mit denen er zu tun hatte, dafür begeistern konnte.

Die Wandlung des Juden Hermann Cohen vom Lebemann und gefeierten Künstler zum schlichten, demütigen, in Liebe zum eucharistischen Heiland glühenden Mönch im Orden der Unbe­schuhten Karmeliter hat er selbst einmal in folgender Weise zusammengefaßt: »Ich habe die Welt durchlaufen, ich habe die Welt gesehen, ich habe die Welt geliebt . . . Nur eins habe ich in der Welt gelernt, daß man das wahre Glück in ihr nicht findet.

Da offenbarte mir Maria das Geheimnis der hl. Eucharistie. Und ich erkannte: Die Eucharistie ist das Leben, das Glück.

Ich habe keine andere Mutter als die Mutter der schönen Liebe, die Mutter der hl. Eucharistie. Sie hat mir die Eucharistie gegeben, und diese hat mir schließlich das Herz geraubt.

Wißt ihr, warum man Mönch wird? Um diese verkannte Liebe zu rächen. Im Opfer der hl. Eucharistie und im Opfer der Ordens­profeß wird die Seele nicht vom Leibe getrennt. Beide opfern sich zusammen. Sie werden nicht durch das Schwert getrennt, um ihr Opfer bis zum letzten Tag fortsetzen zu können. Dann aber reise ich in jenes Land des Karmels, wo nur noch Milch und Honig fließen. Das ist die ewige Kommunion .«9)

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1)  vgl. Sr. Maria Baptista a Spiritu Sancto, Künstler und Karmelit (Wiesbaden 1957), S. 16; diesem Buch ist das Allermeiste entnommen.

2)  zitiert nach Rosenthal D. A., Convertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert, I. Bd., S. 663 — 664.

3)  zitiert nach Rosenthal D. A., a. a. 0., I. Bd., S. 664 — 665.

4)  zitiert nach Rosenthal D. A., a. a. 0., I. Bd., S. 666.

5)  zitiert nach Rosenthal D. A., a. a. 0., I. Bd., S. 667.

6)  zitiert nach Rosenthal D. A., a. a. 0., I. Bd., S. 667 — 668.

7)  vgl. Sr. Maria Baptista, a. a 0., S. 102.

8)  vgl. Sr. Maria Baptista, a. a 0., S. 103.

9)  vgl. Sr. Maria Baptista, a. a 0., S. 183 —184.

Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh. 1, 41)

3. Theodor Maria und Alphons Maria Ratisbonne (†1884)

Diese beiden jüdischen Brüder, die vor allem durch die Messias-Mutter Maria, die größte »Tochter Sions«, zum christlichen Glauben und in ihm zum Messias fanden, wollten nach ihrer Bekehrung durch die Vermittlung Mariens dem Volk, dem sie ent­stammten, zur wahren Wiedergeburt verhelfen. Sie gründeten dazu die Ordenskongregation »Unserer Lieben Frau von Sion«, die heu­te noch im weiblichen Zweig überaus segensreich wirkt und viel zur Verständigung zwischen Christentum und Judentum beiträgt.

1. Theodor Maria Ratisbonne 1) († 10. Jänner 1884)

Der ältere der beiden Brüder wurde am 28. Dezember 1802 als zweites der neun Kinder des reichen jüdischen Bankiers August Ratisbonne († 1830) und der Adelheid Cerfbeer († 1818) in Straß­burg geboren, wohin im 18. Jahrhundert die Ratisbonne’s aus Regensburg — daher ihr Name — gekommen waren.

Die Kinder dieser reichen jüdischen Familie wuchsen in einem sehr liberalen Judentum auf, von dem sich aber sowohl Theodor, als auch Alphons in der Zeit ihres Universitätsstudiums in religiöser Hinsicht immer mehr distanzierten, während sie in völkischer Hin­sicht mit dem Judentum durch Hilfsbereitschaft armen, zugewan­derten Juden gegenüber verbunden blieben.

In seinen autobiographischen »Erinnerungen« (»Souvenirs«)2) schrieb Theodor Ratisbonne: »In dem Maß, als mein Verstand reifte, warf ich das Joch des mosaischen Gesetzes ab . . . Bald machte mich der Name Jude sogar erröten . . . Ich zog mich aus den jüdischen gottesdienstlichen Versammlungen immer mehr zurück. Mein Vater, obwohl Präsident des jüdischen Konsistoriums, ging selbst nie hin, außer wenn er durch irgendeine Feierlichkeit dazu verpflichtet war. Ich lebte schließlich ohne Religion. Oft sagte ich mir: ›Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt und weiß nicht, weshalb ich auf der Welt bin. Was ist der Sinn des Lebens und zu welchem Zweck bin ich auf diese Erde gesetzt worden?‹ Diese Fragen, die noch tausend andere wachriefen und tausend Theorien erzeugten, bemächtigten sich meiner Seele und beherrschten sie bald aus­schließlich. Ich meinte, es müßte doch irgendeine Schule geben, in der mir das Geheimnis der gegenwärtigen und zukünftigen Pro­bleme enthüllt werden könnte . . . Aber keine Stimme antwortete auf meine Fragen, auf meine Bedürfnisse. Ich las Rousseau und verschlang ohne Unterschied alle Ansichten und Paradoxe dieses verführerischen Pädagogen . . . Ich meinte dann, die Lösung meiner Zweifel in der Philosophie zu finden, und las Locke, Voltaire, Volney u. a. . . . Durch mein Grübeln über das Gute und Böse, über Macht und Ohnmacht Gottes und über das Problem des Weltalls war ich — wenn schon nicht zum offenen Gottesleugner — so doch im höchsten Maß zum Skeptiker geworden . . . Um das Maß meines Unglücks voll zu machen, nahm ich schließlich meine Zuflucht zu Männern, die für gelehrt galten und mich in meiner ausdörrenden Ungläubigkeit noch weiter bestärkten. Sie gaben mir recht und vermehrten durch ihren Sarkasmus die Abneigung und die Vor­urteile, die man mir seit meiner Kindheit gegen das Christentum eingeflößt hatte. Ich erwähne dies alles nur, um zu zeigen, in welchen Abgrund ich gestürzt war. In einem jener Augenblicke tiefsten Schmerzes rief ich einmal in der Bitterkeit meiner Seele aus: ›O Gott, wenn du wirklich existierst, laß mich doch die Wahrheit er­kennen, und im voraus schwör‘ ich dir, ihr mein Leben zu weihen‹«

In dieser seelischen Zerrissenheit geriet Theodor Ratisbonne im Jahre 1823 durch den ihm bis dahin unbekannten jüdischen Jus-Studenten Julius Lewel unter den Einfluß des Straßburger Philoso­phie-Professors E. M. Bautain († 1867), der selbst zuerst stark vom Rationalismus befallen gewesen war, dann aber, 1819 bis 1820, durch das eifrige Lesen der Hl. Schrift eine fast schroffe Wende vom Rationalismus zum christlichen Offenbarungsglauben vollzogen hatte, wie er in seiner 1827 in Straßburg herausgebrachten Bekennt­nisschrift »La morale de l’Evangele à la morale des philosophes« aufgezeigt hat.

Theodor Ratisbonne wurde tief beeindruckt von einem privaten Seminar Bautains, das er zusammen mit einem katholischen Iren, einem orthodoxen Russen und dem Juden Julius Lewel im Hause des heiligmäßigen Fräuleins Louise Humann in der Straßburger »Rue de la Toussaint« mitmachen konnte. Dieses Fräulein Humann war die Schwester eines Freundes des Mainzer Bischofs Colmar; sie war nach dem Tod dieses aus Straßburg stammenden großen Bischofs im Jahre 1818 wieder in ihre Heimat Straßburg zurückgekehrt. In ihrer Wohnung fand nun dieses Philosophie-Seminar Bautains statt, von dem Theodor Ratisbonne in seinen »Erinnerungen« geschrieben hat: »Mit Entzücken nahmen wir das einfache und belebende Wort unseres Lehrers Bautain auf, das aus der Fülle seines Herzens sprudelte. Es war nicht ein Lehren wie das irgendeines anderen Professors, es war eine wahrhaftige Ein­weihung in die Mysterien des Menschen und der Natur. Wir hörten mit Überraschung und Bewunderung die Enthüllungen jener allge­meinen Wahrheit, die dieser Lehrer aus der lebendigen Quelle der Heiligen Schrift schöpfte, aus der er selbst Stärke, Kraft und Macht gewonnen hatte. Diese Vorträge bewirkten mehr als Erleuchtung meines Verstandes, sie erwärmten mein Herz, erweckten meinen Willen und machten das Eis schmelzen, das sich um meine Seele ge­lagert hatte. Der Einfluß des Christentums umgab mich allmählich von allen Seiten und durchdrang mich, ohne daß ich es merkte.«

Der Einfluß dieses Prof. Bautain auf den 25jährigen Juden Theodor Ratisbonne muß damals ganz stark gewesen sein. Schließ­lich war es so weit, daß er schreiben konnte: »Meine Seele war für Jesus Christus gewonnen und ich sehnte mich nach der Taufe, deren Notwendigkeit mir klar geworden war.«

Aufschlußreich ist in dieser seelischen Entwicklung hin zum Glauben an Christus, wie ihm nach seinem Geständnis auch die Be­deutung der Marienverehrung immer mehr aufging. Er schreibt davon in seinen »Erinnerungen«: »Je mehr man sich mit Jesus Christus verbindet, umso mehr erfährt man auch das ganz große Bedürfnis, auch seine Mutter zu ehren und zu preisen; es ist ja die Mutterschaft Marien, die uns von Jesus eine vollkommene Kennt­nis schenkt, sie ist der lebendige Ort, der uns in Beziehung zu Ihm bringt; durch sie ist ja Gott ein Menschenkind geworden, durch sie wird der Mensch ein Gotteskind; die Marienverehrung ist, wenn sie tief und sinnvoll durchgeführt wird, ein Indiz des wahren Glaubens, ist Vorbedingung für unseren geistlichen Fortschritt und ist gleich­sam ein Kanal des Gebetes und der Gnade, das Geheimnis süßester und fruchtbarster Tröstungen.«

Der Taufe stand noch eine große Schwierigkeit entgegen: Theodor Ratisbonne berichtet darüber so in seinen »Erinnerun­gen«: »Die göttliche Vorsehung hatte mich in eine schwierige Lage versetzt, die ein zurückhaltendes, vorsichtiges Vorgehen verlangte. Mein Vater hatte nämlich gewünscht, daß ich die Leitung der Schulen übernehme, die er — als Vorsitzender des jüdischen Konsistoriums — 1825 für jüdische Kinder gegründet hatte; die Not der aus den Ostgebieten und aus Afrika zugewanderten armen, meist ungebildeten Juden und ihrer Kinder war groß. Es hatte meinem erwachenden christlichen Glauben und meiner alten Eigenliebe große Opfer gekostet, diese Aufgabe zu übernehmen, zumal sie mich mit allem, was die Synagoge an unedlen Elementen in sich schloß, wieder in Verbindung bringen mußte. Aber die Auf­munterung meines Lehrers Bautain, die Aussicht auf das Gute, das ich dabei vielleicht wirken könnte, und das Bedürfnis, das Licht des wahren Glaubens, das in mir aufzuleuchten begonnen hatte, weiter zu verbreiten, bestimmte mich, dieses wohltätige Werk zu über­nehmen, dem ich mich nun ganz hingab. Meine Jus-Studien waren beendet und ich hatte bereits eine Advokatur am Gerichtshof in Colmar erhalten. Da ich mich aber dem Jus-Studium nur aus Ruhmsucht und Ehrgeiz gewidmet hatte, glaubte ich, dem Advo­katenstand ebenso entsagen zu müssen, wie ich dem Beruf eines Bankiers entsagt hatte. Ich beschäftigte mich damals mit den Natur­wissenschaften und mit der Medizin, aber eigentlich nur deshalb, um weiter an der Seite meines geliebten Professors Bautain bleiben zu können. Zwei jüdische Freunde taten dasselbe. Die gemeinsame Beschäftigung und Zielsetzung schmiedete uns sehr zusammen. Unsere Absicht ging dahin, das Medizinstudium richtig zum Ab­schluß zu bringen, um dann eines Tages die ärztliche Kunst unent­geltlich auszuüben und die Summe unserer Kenntnisse gemein­schaftlich nur für das Wohl der Armen zu investieren. Wir drei hatten das große Verlangen, Gutes zu tun und uns dazu einem wohltätigen Werk zu widmen. Aber keiner von uns ahnte den höheren Beruf, für den uns Gott ohne unser Wissen vorbereitete.«

Vorerst also widmete sich Theodor Ratisbonne zusammen mit seinen beiden jüdischen Freunden Julius Lewel und Isidor Goschler mit großem Erfolg der Leitung der jüdischen Schule in Straßburg. Da Theodor Ratisbonne aber mit seinen beiden Freunden immer mehr christlichen Geist in seine schulische Tätigkeit einfließen ließ, schöpfte man in jüdischen Kreisen bald Verdacht, daß hier manches im Sinn des Judentums nicht mehr in Ordnung sei. So trennten sich zuerst die beiden Freunde von dem Unternehmen und entschlossen sich zur Konversion. Schließlich tat auch Theodor Ratisbonne den entscheidenden Schritt und ließ sich am Kar­samstag, 14. April 1827, taufen.

Er selbst schildert das große Ereignis so: »Ich ging vom Judentum zum Christentum über, von der Synagoge zur Kirche, von Mose zu Jesus Christus, vom Tod zum Leben. Ja, es war das wahre Leben, das mich nun durchdrang, als das Taufwasser über meine Stirne floß. Ich empfand ein unaussprechliches Gefühl von Freude, Frei­heit, Würde und Dankbarkeit; die ganze Natur schien mich anzu­lächeln und ein neues Licht schien die Welt zu erleuchten; ich sah alle Dinge von einem ganz neuen Gesichtspunkt aus und mein Glück, nun der großen christlichen Familie angehören zu dürfen, war so groß, daß ich mich nur ganz schwer zurückhalten konnte, um es nicht allen, dene ich nach der Taufe begegnete, laut zu verkünden.«

Dem Vater, der vom getanen Schritt seines Sohnes noch nichts Sicheres wußte, sondern nur vermutete und ihn eines Tages fragte, ob er etwa Christ geworden sei, gestand Theodor Ratisbonne: »Ja, Vater, ich bin Christ, und mein Glaube ist es, der mich nun dazu drängt, allen Annehmlichkeiten des bisherigen Lebens zu entsagen, um mich ganz der Wiedergeburt meiner jüdischen Brüder zu widmen.«

Er wandte sich nun dem Theologiestudium zu, um Priester zu werden. Der Straßburger Bischof J. F. Lepape de Trévern (+ 1842) nahm ihn und seine beiden Freunde Julius Lewel und Isidor Goschler in das zu Molsheim errichtete Priesterseminar auf, nach­dem sie vorher unter Leitung von Professor Bautain, der schon 1826 Priester geworden war, noch Schriftexegese, Kirchengeschichte und Patrologie sowie die anderen theologischen Fächer studiert hatten. Am 18. Dezember 1830 wurde Theodor Ratisbonne zum Priester geweiht.

Er wirkte dann zuerst für kurze Zeit als Vikar an der Kathedrale von Straßburg. Schon bald aber übertrug ihm und seinen beiden Freunden der Bischof die Leitung und den Unterricht im Knabenseminar. Dann erteilte er in Straßburg mit seinen Freunden an einer höheren Schule Unterricht, von 1836 bis 1840 widmete er sich einem intensiven Studium der Kirchenväter und der geistlichen Schriftsteller des Mittelalters und schrieb in dieser Zeit eine Biogra­phie des großen Marienverehrers des 12. Jahrhunderts, des hl. Bernhard v. Clairvaux.3)

Im Jahre 1840 verließ Theodor Ratisbonne Straßburg und ging nach Paris, wo er bald seinen Lieblingsplan, »an der geistigen Wiedergeburt der Juden zu arbeiten«, aufnahm.

Er stellte sich hier dem berühmten Abbé Charles Desgenettes († 1860), dem Pfarrer an der Kirche »Unserer Lieben Frau vom Sieg« (»Notre-Dame des Victoires«) zur Verfügung. Diesem Pfarrer war es sehr zu Herzen gegangen, daß seine mitten im Trubel der Pariser Vergnügungslokale gelegene Kirche einen ganz verschwin­dend geringen Zuspruch von Gläubigen hatte. Als er völlig entmu­tigt am 3. Dezember 1836 die hl. Messe feierte, vernahm er die Worte: »Weihe deine Pfarrei dem heiligsten Herzen Marien!« Er tat es. Von da an gelang ihm eine völlige Umwandlung seiner Pfa­rrei. Der Besuch der hl. Messe hob sich in erstaunlicher Weise. Noch einen Fingerzeig von oben bekam er: Er nahm die Prägung der sogenannten »Wundertätigen Medaille«, wie sie die Gottesmut­ter im Jahre 1830 im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul in der Pariser »Rue du Bac« der Novizin Katharina Labouré aufgetragen hatte, in Angriff und betrieb die Versendung dieser Medaille in alle Welt. Zugleich aber gründete er die Bruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder, die in kurzer Zeit einen ganz großen Aufschwung nahm und vom Hl. Stuhl am 16. Dezember 1836 bestätigt und bald schon als weltweites katholisches Werk zur Erzbruderschaft erhoben wurde. Von dieser Gnadenstätte »Unserer Lieben Frau vom Sieg« in Paris ging in der Folgezeit ein wahrer Siegeslauf in der Ausbrei­tung der Verehrung des heiligsten, unbefleckten Herzens Mariae aus; bis zum Jahre 1896 waren der Erzbruderschaft bereits 18.883 Bruderschaften in aller Welt angeschlossen. Auch die Verbreitung der »Wundertätigen Medaille« gelang von da aus in wenigen Jahren millionenfach.

Wen könnte es da verwundern, daß sich der 1827 getaufte, 1830 (im Jahr der Erscheinung Mariens vor der hl. Katharina Labouré) zum Priester geweihte Jude Theodor Ratisbonne ganz besonders zu dieser Pariser Gnadenstätte hingezogen fühlte, um dort für die Bekehrung seiner jüdischen Volksgenossen, vor allem auch für die seines von Haß gegen die katholische Kirche glühenden Bruders Alphons zu beten und zu arbeiten.3) Kaum hatte Theodor Ratisbonne als Vizedirektor der Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder sein eifriges Beten, Opfern und Arbeiten aufgenommen, stellte sich ein wahrhaft wunderbarer Erfolg ein, als am 20. Januar 1842 seinem dem Christentum feindlich gesinnten Bruder Alphons in der Kirche »Sant’Andrea delle fratte« in Rom eine völlig unerwartete Erschei­nung Mariens zuteil wurde, und zwar in jener Gestalt, wie sie auf der »Wundertätigen Medaille« dargestellt ist.

2. Alphons Maria Ratisbonne († 6. Mai 1884)

In einem Brief an Abbé Charles Degenettes, den Pfarrer der Kirche »Unserer Lieben Frau vom Sieg« in Paris, hat der am 1. Mai 1812 in Straßburg geborene Alphons Ratisbonne über seine Kindheit folgendes geschrieben: »Ich begann meine Studien auf dem Gymnasium zu Straßburg, wo ich größere Fortschritte in der Verderbnis des Herzens als in geistiger Ausbildung machte. Um das Jahr 1827 — ich war damals fünfzehn Jahre alt — wurde meine Familie von einem ganz harten Schlag getroffen. Mein Bruder Theodor, auf den man große Hoffnungen gesetzt hatte, war Christ geworden und bald darauf, trotz der lebhaftesten Vorstellungen, die man ihm machte, und trotz der großen Betrübnis, die er verur­sacht hatte, noch weiter gegangen, er wurde Priester und begann in derselben Stadt unter den Augen meiner untröstlichen Familie seine priesterliche Tätigkeit. So jung ich damals war, so empörte mich doch die Handlungsweise meines Bruders und ich hatte einen Haß gegen sein Priesterkleid und seinen Charakter. Im Umgang mit zwar christlich getauften, aber ebenso lauen Jünglingen wie ich aufgewachsen, hatte ich bisher weder Sympathie für das Christen­tum noch Antipathie dagegen empfunden, aber die Konversion meines Bruders, die ich als eine unerklärliche Tollheit und Dumm­heit betrachtete, ließ mich an den Fanatismus der Katholiken glauben und dagegen ganz große Abscheu empfinden .«5)

Nach dem Gymnasium studierte Alphons Ratisbonne Jus in Paris und wurde Advokat, er trat dann aber in das Bankgeschäft seines reichen Onkels Louis Ratisbonne (1780 — 1855) ein, der alles auf­bot, um ihn an sich zu fesseln. »Ich aber liebte nur die Vergnü­gungen, das Geschäftliche langweilte mich, die Comptoirluft erstickte mich; ich war der Ansicht, daß man auf der Welt sei, um zu genießen; und obgleich mich bisher ein gewisses natürliches Scham­gefühl von unedlen Genüssen und Gesellschaften ferngehalten hatte, träumte ich nur von Festlichkeiten und Zerstreuungen und überließ mich ihnen leidenschaftlich . . . Ich beschäftigte mich zwar sehr eifrig mit dem Los meiner armen jüdischen Glaubens­genossen, hatte aber selber keinen Glauben. Ich war Jude nur dem Namen nach, ich glaubte nicht einmal an Gott, öffnete auch nie ein religiöses Buch; im Hause meines Onkels so wenig wie bei meinen Brüdern und Schwestern wurde je auch nur die geringste Vorschrift des Judentums befolgt. So gab es denn eine Leere in meinem Herzen und trotz allen Überflusses war ich nicht glücklich; es fehlte mir etwas; aber dieses etwas wurde mir gegeben, wenigstens glaubte ich es: Meine Nichte Flora (1824 — 1915), die Tochter meines ältesten Bruders Adolph, war mir seit unseren Kinderjahren zugedacht. Anmutig hatte sie sich entwickelt; in ihr erblickte ich meine ganze Zukunft, die ganze Hoffnung auf ein Glück, das mir beschieden sei. Als daher meine Familie in Übereinstimmung mit unserer gegenseitigen Zuneigung die so lang ersehnte Ver­bindung festsetzte, meinte ich, daß fortan nichts mehr zu meinem Glück fehlen würde. In der Tat sah ich nach der Verlobungsfeier meine ganze Familie auf dem Gipfel der Freude . . . Ein einziges Familienmitglied war mir verhaßt; es war dies mein Bruder Theodor. Sein Priestergewand stieß mich ab, seine Nähe mißfiel mir, seine ernste, nachdrückliche Sprache reizte meinen Zorn . . .

Ich wollte ihn nicht mehr sehen und nährte einen bitteren Haß gegen die katholischen Priester, gegen Kirchen und Klöster, vor allem gegen die Jesuiten, deren Erwähnung allein schon meine Wut hervorrief. Glücklicherweise verließ mein Bruder 1840 Straßburg. Er wurde nach Paris an die Kirche »Notre-Dame des Victoires« berufen, wo er, wie er beim Abschied sagte, nicht aufhören würde, für die Bekehrung seiner Brüder und Schwestern zu beten . . .

Wegen des zarten Alters meiner Braut — sie war erst sechzehn Jahre alt—wurde es für angemessen erachtet, die Hochzeit noch hinauszu­schieben. Ich sollte unterdessen eine Vergnügungsreise machen.« 6)

Es war zunächst eine Kreuzfahrt von Marseille nach Neapel. Neujahrstag 1842. An diesem Tag kam Alphons Ratisbonne zu­fällig in eine katholische Kirche. »Ich glaube, es wurde Messe ge­lesen; wie dem auch sei, ich blieb aufrecht stehen, an eine Säule gelehnt, und mein Herz schien sich zu öffnen und eine unbekannte Luft einzuatmen. Ich betete auf meine Weise, unbekümmert um das, was um mich herum vor sich ging. Ich betete für meine Braut, für meinen Onkel, für meinen 1830 verstorbenen Vater, für meine gute Mutter, die ich mit sechs Jahren (1818) allzu früh verloren hatte, für alle, die mir teuer waren, und bat Gott um seinen Bei­stand für meine Pläne zur Verbesserung des Loses der Juden, ein Gedanke, der mich unaufhörlich verfolgte. Meine Traurigkeit schwand wie eine schwarze Wolke, die der Wind verjagt und ver­scheucht; eine unaussprechliche Ruhe erfüllte auf einmal meine Seele und ich empfand einen süßen Trost, als ob eine Stimme mir sagte: ›Dein Gebet wird erhört‹. Wahrlich, es ist hundertfach erhört worden!«

Statt — wie geplant — nach Sizilien und dann nach Malta weiterzu­reisen, wie er es mit seiner Braut ausgemacht hatte, fuhr er am 5. Januar 1842 nach Rom, um dort die verschiedenen Sehenswür­digkeiten zu bewundern. Spätestens am 20. Januar wollte er für die Weiterreise nach Sizilien und Malta wieder in Neapel sein. In ver­hältnismäßig großer Eile besuchte er zuerst das antike Rom und die Galerien der Ewigen Stadt, dann die wichtigsten Kirchen und die Katakomben. Immer hatte er dabei vor, möglichst Negatives über die katholische Kirche in seinem Tagebuch zu notieren. Darum suchte er auch das römische Judenviertel, das Ghetto, auf und zeigte sich entsetzt über seinen Anblick: »Ich schauderte vor Ent­setzen und fragte mich, ob ein ganzes Volk dafür, daß es vor 1800 Jahren einen einzigen Menschen getötet hatte, eine so barba­rische Behandlung und so endlose Vorurteile verdient habe . . . Ich kann ohne Übertreibung sagen, daß ich in meinem Leben nicht so erbittert gegen das Christentum gewesen bin als seit dem Besuch im Ghetto. Ich hörte nicht auf, mich in Spöttereien und Lästerungen über den Katholizismus zu ergehen.«

Am 8. Januar 1842 redete ihn ganz unerwartet im römischen Corso ein einstiger Schulkamerad, der protestantische Baron Gustav de Bussierre an. Durch dieses zufällige Zusammentreffen kam es dann zur nicht geplant gewesenen Verlängerung des Rom­aufenthalts. Der ehemalige Schulkamerad lud ihn in seine Woh­nung ein. Dabei lernte er dann auch dessen Bruder, den 1802 in Straßburg geborenen Baron Theodor de Bussierre kennen, der 1837 aus dem Protestantismus zum Katholizismus konvertiert hatte und ein bedeutender Erforscher des katholischen Elsaß wurde. Es kam auch mit diesem zu einem Treffen in dessen Wohnung und dabei dann zu einem höchst eigenartigem Gespräch, das Alphons Ratisbonne selber so geschildert hat: »Ich betrachtete Baron Theodor de Bussierre als einen Frömmler im schlimmen Sinn und war froh, ihn im Gespräch wegen der Lage der römischen Juden verhöhnen zu können. Das war für mich wie eine Erleichterung. Aber mein Angriff auf die katholische Kirche lenkte nun unser Gespräch auf das religiöse Gebiet. Der Baron sprach nun von der Erhabenheit der katholischen Kirche, während ich darauf nur mit ironischen Bemerkungen und Anschuldigungen gegen die Kirche reagierte, wie ich solche von den Gegnern des christlichen Glaubens gehört oder in ihren Schriften gelesen hatte. In der Hitze des Gefechtes suchte ich zuletzt meine gottlose Hetze aus Achtung vor der anwesenden Frau de Bussierre und den zwei kleinen Kindern, die neben uns spielten, zu mäßigen. Da setzte nun der Baron ein und meinte: ›Da Sie den angeblichen christlichen Aberglauben so sehr verabscheuen und sich zu ganz freisinnigen Ansichten beken­nen mit ihrem aufgeklärtem Geist, so erlaube ich mir die Frage: Würden Sie vielleicht den Mut aufbringen, um sich einer recht harmlosen, unschuldigen Probe zu unterziehen?‹ ›Welcher Probe?‹ So fragte ich. Und der Baron darauf: ›Sie sollten nur einen Gegen­stand bei sich tragen, den ich Ihnen geben würde! Hier ist er: eine Medaille der seligsten Jungfrau Maria. Das erscheint Ihnen sicher lächerlich, nicht wahr? Aber ich lege großen Wert auf diese Medail­le.‹ Meine Antwort darauf lautete: ›Der Vorschlag — ich gestehe es ­befremdet mich, weil er sonderbar und kindisch ist!‹ Auf diesen Ausgang unseres Gesprächs war ich in keiner Weise vorbereitet und meine erste Reaktion war dann noch Achselzucken und La­chen. Aber es überkam mich dabei der Gedanke, diese Angelegen­heit könnte ein köstliches Kapitel für meine Reiseschilderung abge­ben. So willigte ich spaßhalber ein, die Medaille als Beweisstück für den katholischen Aberglauben anzunehmen; ich würde sie meiner Braut überbringen. Gesagt, getan! Baron de Bussierre hängte mir die Medaille um den Hals, und zwar nicht ohne Mühe, denn der Knoten war zu kurz und das Band paßte nicht. Durch anhaltendes Ziehen bekam ich schließlich die Medaille auf meine Brust und rief dann lachend aus: ›So, nun bin ich also apostolischer und römischer Katholik!‹ Es war der böse Geist, der durch meinen Mund so prophezeite. Baron de Bussierre triumphierte jetzt kindlich wegen des errungenen bescheidenen Sieges und wollte daraus weitere Vorteile ziehen. Er sagte: ›Nun müssen wir die Probe aber noch vervollständigen! Es gilt nämlich noch, morgens und abends das so­genannte ‘Memorare’ (›Gedenke, o mildreichste Jungfrau . . .‹) herzusagen, ein kurzes, aber sehr wirksames Gebet, das der hl. Bernhard von Clairvaux an die seligste Jungfrau Maria gerichtet hat.‹ ›Was wollen Sie denn mit Ihrem ‘Memorare’?, rief ich aus, ›lassen wir doch diese Dummheiten!‹ Im selben Augenblick fühlte ich, wie meine ganze Erbitterung gegen den katholischen Glauben in mir wieder hochkam, zumal mich der Name des hl. Bernhard wieder an meinen verhaßten Bruder Theodor erinnerte, der die Lebensgeschichte dieses Heiligen niedergeschrieben hatte . . . Ich bat den Baron, es bei dem Bisherigen bewenden zu lassen. Aber mein Gesprächspartner beharrte darauf und meinte, daß dann, wenn ich mich weigern würde, dieses kurze Gebet herzusagen, ich die Probe vereiteln und den Beweis für die freiwillige Verstocktheit liefern würde, die man den Juden vorwerfe. Ich wollte der Sache nicht zu viel Gewicht beimessen und sagte schließlich: ›Nun gut, ich verspreche Ihnen auch noch, dieses Gebet herzusagen; wenn es nichts nützt, so wird es wenigstens nichts schaden.‹ Baron de Bussierre holte nun den Gebetszettel und ersuchte mich, ihn daheim abzuschreiben. Ich sagte es zu. Wir trennten uns dann. Den Abend dieses Tages verbrachte ich im Theater. Dabei vergaß ich die Medaille und das ‘Memorare’. Dieses Gebet aber tauchte an den folgenden Tagen in meiner Erinnerung immer wieder auf; wäh­rend des Gehens wiederholte ich ohne Aufhören die Worte des ‘Memorare’. Woher kam das nur, o Gott, daß jene Worte sich so le­bendig und stark meinem Geist eingeprägt hatten? Ich konnte mich ihrer nicht mehr erwehren. Immer wieder kamen sie mir in den Sinn, ständig wiederholte ich sie, so ähnlich wie es einem mit Arien ergeht, die einen verfolgen und quälen und die man gegen seinen Willen immer wieder vor sich hinsummt.«

Am letzten Tag seines verlängerten Romaufenthalts vor der geplanten Rückfahrt nach Neapel — es war der unvergeßliche 20. Januar 1842 — machte Alphons Ratisbonne nochmals bei Baron Theodor de Bussierre einen Besuch und mit ihm dann noch einen Gang durch die Straßen Roms. Der Baron wollte im Kloster des Minimitenordens bei der Kirche Sant’Andrea delle fratte wegen eines Todesfalls für die Familie La Ferronays reservierte Plätze bei dem in dieser Kirche stattfindenden Trauergottesdienst erbitten. Er bat Alphons Ratisbonne, inzwischen in der Kirche auf ihn zu warten. Da geschah nun an diesem das Wunderbare, das er selbst dann ausführlich bei einer »Enquette« auf dem römischen Vikariat geschildert und in mehreren Briefen beschrieben hat. Hier aber sei festgehalten, was Baron Theodor de Bussierre erlebt hat: »Als ich in die Kirche zurückkam, sah ich einen Augenblick lang nichts von Ratisbonne, dann erblickte ich ihn auf den Knien liegend in der dem heiligen Schutzengel geweihten Seitenkapelle. Ich trat zu ihm hin und stieß ihn drei- oder viermal leise an, bevor er meine Gegen­wart bemerkte . . . Ich richtete ihn in die Höhe und zog ihn aus der Kirche hinaus. Dann fragte ich ihn, was denn geschehen sei, und wohin er zu gehen wünsche. ›Fahren Sie mich hin, wohin Sie wollen‹ , rief er aus, ›nach dem, was ich gesehen habe, gehorche ich.‹ Ich drang in ihn, mir doch zu sagen, was er damit meine, aber er ver­mochte es nicht, denn seine Aufregung war noch zu stark und zu tief. Er zog die ‘wundertätige Medaille’ hervor und bedeckte sie mit Küssen und Tränen. Ich brachte ihn dann auf sein Zimmer. Trotz meiner wiederholten Fragen konnte ich auch dort nichts als ein paar Ausrufungen aus ihm herausbekommen, die von tiefen Seufzern unterbrochen waren. ›0 wie groß ist mein Glück! Wie gut ist der Herr! Welch eine Fülle von Gnade und Seligkeit! Wie bedauerns­wert ist das Los derer, die Ihn nicht kennen!‹ Beim Gedanken an die Ketzer und Irrgläubigen brach er dann wieder in Tränen aus. Zuletzt fragte er mich, ob ich ihn nicht für wahnsinnig halte. ›Doch nein‹, rief er aus, ›ich bin bei vollem Verstand, ich bin nicht von Sin­nen!‹ Allmählich beruhigte sich die wilde Bewegung; dann legte Ratisbonne seine Anne um mich und umschlang mich. Sein Gesicht war leuchtend, ich möchte fast sagen: verklärt; er bat mich dann, ihn zu einem Beichtvater zu führen; er verlangte zu wissen, wann er die heilige Taufe empfangen könne, denn nun halte er es nicht mehr aus, ohne sie zu leben. Er sagte noch, daß er mir keine weitere Er­klärung geben könne, bis er die Erlaubnis dazu von einem Priester erhalten habe. ›Denn was ich zu sagen habe, ist von solcher Art, daß ich es nur auf den Knien liegend sagen kann.‹ Ich führte ihn so­gleich in die Jesuitenresidenz bei der Kirche Gesù zu P. Philippe de Villefort SJ, der ihn ersuchte, sich auszusprechen. Ratisbonne nahm seine Medaille hervor, zeigte sie uns und rief: ›Ich habe sie ge­sehen, ich habe sie gesehen!‹ Dabei war er von seinen Gefühlen wieder ganz hingerissen. Bald darauf aber ruhiger geworden, konn­te er sich aussprechen: ›Ich war seit einem Augenblick in der Kirche (Sant’Andrea delle fratte), so sagte er, als ich mich auf einmal von einer unaussprechlichen Unruhe ergriffen fühlte. Ich erhob meine Augen. Da war plötzlich das ganze Kirchengebäude vor meinen Blicken verschwunden; eine einzige Kapelle vereinte gleichsam alles Licht in sich; und inmitten dieses Lichtglanzes erschien vor mir auf dem Altar groß, leuchtend, voll Majestät und Süßigkeit die Jungfrau Maria, so wie sie auf der Medaille dargestellt ist; eine un­widerstehliche Gewalt trieb mich nun zu ihr hin. Die Jungfrau machte mir ein Zeichen mit der Hand, ich solle niederknien; sie schien mir dann zu sagen: So ist es gut. Sie hat weiter nicht mit mir gesprochen, ich habe aber alles verstanden . . .‹

Nachdem wir P. Villefort wieder verlassen hatten, begaben wir uns, um Gott unseren Dank darzubringen, zuerst nach S. Maria Maggiore, der Hauptkirche der seligsten Jungfrau Maria, und dann nach St. Peter. Es wäre unmöglich, die Gemütsbewegungen zu beschreiben, die er in diesen Kirchen empfand. Er, drückte mir warm die Hand und sagte: ›Jetzt begreife ich die Liebe, mit der sie dieselbe schmücken . . . Wie gut ist es hier doch zu sein, man möchte niemals mehr fortgehen . . . Es ist nicht die Erde, es ist der Vorhof des Himmels!‹ Beim Sakramentsaltar überwältigte ihn dann der Gedanke an die wahre, reale Gegenwart Jesu im heiligsten Sakra­ment in solchem Maß, daß er knapp daran war ohnmächtig zu werden. Ich mußte ihn wegführen, so schrecklich erschien es ihm, noch im Zustand der Erbsünde in der Gegenwart des lebendigen Gottmenschen zu weilen. Er beeilte sich, in die Kapelle der selig­sten Jungfrau zu kommen und sagte dann zu mir: >Hier habe ich keine Furcht, ich fühle mich hier unter dem Schutz einer unbegrenz­ten Gnade!‹ Ich fragte ihn wieder und wieder über die näheren Um­stände seiner ihm zuteil gewordenen wunderbaren Erscheinung . . . Alles, was er wußte, bestand darin, daß er sich in der Kirche vor der Schutzengelkapelle plötzlich auf den Knien liegend befunden habe! Im ersten Augenblick habe er dann die Himmelskönigin in allem Glanz ihrer unbefleckten Schönheit gewahren können; doch er ha­be den Glanz dieses himmlischen Lichtes nicht ertragen können. Noch dreimal habe er versucht, die Mutter der Barmherzigkeit an­zublicken, dreimal habe er vergebens versucht, seine Augen höher zu erheben als bis zu ihren heiligen Händen, von denen in leuchten­den Strahlen ein Strom von Gnaden floß. ›O mein Gott‹ — so rief er aus — ›ich, der ich noch vor einer halben Stunde gelästert hatte, ich, der ich einen so tödlichen Haß gegen die katholische Kirche gehegt hatte! Alle, die mich kennen, wissen, daß ich — menschlich ge­sprochen — die zwingendsten Gründe hätte, Jude zu bleiben, denn meine Familie ist jüdisch, meine Braut ist Jüdin, mein Onkel (dessen Bank ich erben sollte) ist Jude . . . Wenn ich nun Katholik werde, opfere ich alle meine bisherigen Interessen und Zukunfts­hoffnungen, die ich auf Erden habe, und dennoch muß ich den großen Schritt tun . . .«‹

Die Kunde von dem wunderbaren Ereignis verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit in allen Kreisen Roms und wurde über­all mit größter Anteilnahme, ja mit Begeisterung aufgenommen. Diese Kunde gelangte aber auch sehr bald nach Paris zu P. Theodor Ratisbonne und nach Straßburg, wo sie gleichfalls tiefen Eindruck machte, in Paris im positiven, in Straßburg begreiflicherweise im negativen Sinn.

In Anbetracht der wunderbaren Umwandlung, die mit Alphons Ratisbonne vor sich gegangen war, hielt sich der Jesuit P. Villefort für berechtigt, von der Regel, die sonst einen längeren Katechu­menen-Unterricht bei einem Erwachsenen erfordert, abzusehen und dem heißen Wunsch des Taufbewerbers nach der heiligen Taufe schon nach Verlauf von nur zehn Tagen zu entsprechen, was auch im römischen Vikariat (Ordinariat) genehmigt wurde. Der berühmte Kardinal Giuseppe Mezzofanti, das staunenswerteste Sprachengenie, das im vorigen Jahrhundert lebte — er war im römi­schen Vikariat mit der Prüfung der erwachsenen Taufbewerber beauftragt — war erstaunt über die Fülle des Lichtes, das in die Seele des gläubig gewordenen Juden eingegossen worden war.

Die Taufe mit der anschließenden Firmung und Erstkommunion fand in der Kirche Gesù am 31. Januar 1842 statt, unter Anteil­nahme von überaus vielen andächtigen, aber auch neugierigen Menschen. Abbé Felix Dupanloup, damals berühmter geistlicher Rhetorikprofessor an der Sorbonne in Paris, später Bischof von Orleans, hielt bei dieser Tauffeier die Ansprache; sie war, wie man ihrem festgehaltenen Wortlaut entnehmen kann, begreiflicher­weise ein »Lobgesang zum Preis der Barmherzigkeit Gottes und auf die mütterliche Liebe der seligsten, unbefleckt empfangenen Gottesmutter, der großen Fürsprecherin« und Vermittlerin aller Gnaden. Alphons Ratisbonne bat, auf den Namen Maria getauft zu werden und nannte sich fortan fast immer nur mit diesem Namen, während er in die Geschichte als Alphons Maria (oder französisch: als Marie-Alphonse) eingegangen ist.

Der gegen die katholische Kirche einst haßerfüllte Jude war nun wie sein Bruder Theodor ein bis zu seinem Lebensende unerschüt­terlich treuer Sohn der katholischen Kirche. Er brach mit seinen früheren Plänen, auch mit der geplanten Vermählung mit seiner Nichte Flora Ratisbonne. Er teilte ihr mit, daß er wegen seiner Bekehrung zum katholischen Glauben nicht mehr zu seinem gege­benen Versprechen stehen könne. In einem Antwortbrief vom 14. Februar 1842 schrieb ihm Flora Ratisbonne zurück, sie sei bitter enttäuscht und sehr schmerzlich berührt, hoffe aber, daß er, Onkel Alphons, seinen törichten Schritt bald bereuen und rückgängig machen werde. Er aber schrieb ihr am 6. März 1842, sein Schritt sei endgültig, zumal er auch noch katholischer Priester werden wolle wie sein Bruder Theodor, aber er werde sie wie ein Bruder weiter lieben und viel für sie beten.

Nach den großen römischen Erlebnissen fuhr Alphons Maria Ratisbonne für einige Zeit nach Juilly bei Paris, um sich da in stiller Zurückgezogenheit letzte Klarheit zu verschaffen für seinen weite­ren Lebensweg. Am 12. April 1842 teilte er froh dem Pfarrer Ch. Desgenettes von »Notre-Dame des Victoires« in Paris mit: »Meine Familie hat mir nun volle Freiheit zugestanden. So will ich diese meine Freiheit ganz dem Dienste Gottes weihen, ich opfere Ihm fortan mein ganzes Leben, um der Kirche und meinen jüdi­schen Brüdern unter dem Patronat der seligsten Jungfrau Maria zu dienen.« Am 20. Juni 1842 trat er dann in Toulouse in den Jesuite­norden ein. Am 20. Januar 1843, dem ersten Jahrestag seiner Be­kehrung, schrieb er an den Jesuiten-Ordensgeneral P. Roothaan, der nach Freiwilligen für die China-Mission suchte: »Ich bin bereit, senden Sie mich!« Nach der Weisung seiner Vorgesetzten setzte er aber sein Noviziat fort und verbrachte dann in Laval das Scholasti­kat , um Theologie zu studieren und sich auf die heiligen Weihen vorzubereiten. Am 24. September 1848 wurde er in Laval zum Prie­ster geweiht.

3. »Notre-Dame de Sion«,
das Werk der beiden Brüder Ratisbonne:7)

Der bekehrte Alphons Maria Ratisbonne hatte bald nach seiner Taufe an seinen Bruder Theodor geschrieben, die seligste Jungfrau, die ihn so wunderbar zur Bekehrung geführt habe, habe ihn gleich­zeitig verstehen lassen, daß diese Gnade in einem gewissen Sinn auch für das jüdische Volk bestimmt sei. Darum drängte er seinen Bruder Theodor, ein Katechumenat für jüdische Kinder zu errich­ten, weil er wußte, daß unter den armen Juden, die vor kurzem aus Nordafrika und Osteuropa nach Frankreich gekommen waren, so manche für ihre Kinder eine christliche Erziehung wünschten. Theodor Ratisbonne, von seinem Bruder beeinflußt, überlegte; er selbst war seit seiner Bekehrung im Jahre 1827 von den Verheißun­gen betroffen, die sich in der Hl. Schrift auf die Zukunft des jüdischen Volkes beziehen und die sich vor allem im Römerbrief des hl. Paulus (Röm 11,1.15.16) finden: »Hat etwa Gott sein Volk verworfen? Keineswegs! . . . Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben; dann wird ganz Israel gerettet werden . . .« Darum wollte Theodor Ratisbonne für die Rettung der Juden etwas unternehmen. Auch durch die Gottesmutter, die Gnadenmutter vom Sieg, wurde er, der ja damals (1842) schon Direktor der »Erzbruderschaft Unserer Lieben Frau vom Sieg für die Bekehrung der Sünder« war, immer wieder zu einem geistlichen Hilfswerk für die Juden angeregt. Eines Tages betete Theodor Ratisbonne, wie er selbst in seinen »Erinnerungen« festgehalten hat, so zu Maria: »Vielgeliebte Mutter, ich will alles tun, was du mir sagst. Wenn dies nun das deli­kate Werk sein sollte, das du meinem Bruder Alphons inspiriert hast und zu dem er mich bewegen will, so laß mich das durch ein Zeichen wissen. Schick‘ mir nur ein einziges jüdisches Kind, und ich weiß dann: Das ist das Zeichen, daß es so der Wille Gottes ist!« So hatte er am Morgen gebetet. Und am Abend des gleichen Tages noch teilte ihm der Direktor der Lazaristen, Herr M. Aladel, in einem Brief mit, eine sterbenskranke jüdische Frau habe ihm an­vertraut, sie möchte ihre Kinder christlich erziehen lassen; er frage an, ob er, Theodor Ratisbonne, sich nicht für dieses gute Werk in­teressieren würde. Beim Lesen dieses Briefes kam ihm sofort der Gedanke, das sei das Zeichen, das ihm die Gottesmutter auf sein Gebet hin gegeben habe. Theodor Ratisbonne ließ nun zwei Elsäs­serinnen, Sophie Stouhlen und Louise Weywada, deren Seelen­führer er schon in Straßburg gewesen war, nach Paris kommen. Diese begannen unter seiner Leitung, sich um die christliche Erzie­hung jüdischer Kinder zu sorgen. So entstand im September 1843 das Katechumenat für jüdische Mädchen, das am Anfang der »Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion« steht. Theodor Ratisbonne hatte dabei anfangs gar nicht an die Gründung einer Schwesternkongregation gedacht, er wollte nur eine kleine Gemeinschaft von Frauen schaffen, die nach dem Bei­spiel der Urgemeinde von Jerusalem ein Herz und eine Seele wären und sich dem Erziehungswerk widmen würden, das Gott ihnen an­vertraute. Doch diese Frauen baten, als ihre Zahl größer geworden war, die Weihe und äußere Zeichen von Ordensschwestern zu be­kommen. Schon 1846 gewährte ihnen der Gründer ihren Wunsch, weil er in ihm eine Eingebung des Hl. Geistes erkannte. Bereits 1847 erließ Papst Pius IX. das »Decretum laudis«, das Dekret der lobenden Anerkennung für diese neu entstandene Schwestern­kongregation, die im Lauf der folgenden Jahre viel leistete für die geistige Wiedergeburt der Juden und am 8. September 1863 bereits die definitive Approbation durch den Heiligen Stuhl erhielt.

Durch das schöne Aufblühen der Schwesternkongregation er­mutigt, beschloß Theodor Ratisbonne, für denselben Zweck auch einen männlichen Zweig dieser Kongregation zu gründen. Sein Bruder Alphons sollte ihm dabei helfen. Papst Pius IX. hieß das gut. So schied Alphons Maria Ratisbonne, der bisher segensreich im Jesuitenorden gewirkt hatte, mit Erlaubnis des Papstes und im Einverständnis seiner bisherigen Ordensoberen am 18. Dezember 1852 aus dem Jesuitenorden aus, fühlte sich aber sein weiteres Leben lang immer dankbar mit der Gesellschaft Jesu verbunden. Er arbeitete fortan an der Seite seines Bruders Theodor in Paris, drängte aber immer mehr, daß das große Werk für die Rettung der Juden von Paris aus auch in das Stammland des Judentums nach Jerusalem verpflanzt werde.

Am 12. September 1855 kam Alphons Maria Ratisbonne erst­malig ins Heilige Land. Er gründete dann unter größten Schwierig­keiten drei Häuser für die Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion und für ihre Waisenkinder. Man muß sich diese Schwierig­keiten ein kleinwenig ausmalen: Der größte Teil der ehrwürdigen Denkmäler der Heilsgeschichte lag damals in Palästina in Trüm­mern, die Straßen Jerusalems waren weithin verödet und verlassen, das Land war unter türkischer Herrschaft total verarmt, die Bevöl­kerung, sowohl die jüdische als auch die arabische, war meist bettel­arm und ungebildet; die Beziehungen zu den zivilen Autoritäten waren für einen Christen äußerst schwierig und kompliziert, denn alle Erlaubnisse mußten in Konstantinopel eingeholt werden. An kirchlichen Einrichtungen gab es damals in Jerusalem nur ein paar Häuser der Franziskaner an bestimmten heiligen Stätten des Lebens Jesu; die einzige Schwesternkongregation, die in Jerusalem anwesend war und dort wirkte, war erst 1848 dorthin gekommen; es waren die St. Josephs-Schwestern.

Mit Hilfe des Lateinischen Patriarchen Giuseppe Valerga († 1872) gelang es nun Alphons Maria Ratisbonne, in einem ge­mieteten Haus eine erste Niederlassung der Sions-Schwestern zu errichten.

Bald machte er sich auf die Suche nach einem passenden Grund­stück für den Bau eines Klosters und eines Waisenhauses. Geheim­nisvoll waren dabei die Wege der göttlichen Vorsehung, denn sie führten nach langem vergeblichem Suchen dazu, gerade die Ruinen bei der einstigen Burg Antonia beim sogenannten Ecce-Homo­-Bogen am Anfang des Kreuzweges Jesu zu erwerben, also genau dort, wo einst die verhetzten Juden geschrien hatten: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« Ratisbonne selbst bekannte: »Ja, das war der Ort, der für das Werk bestimmt war, das in Jerusa­lem zu gründen ich mich berufen gefühlt hatte. Ich kniete an dieser Stätte nieder und gelobte dem mit Dornen gekrönten Heiland, keine Ruhe mehr kennen zu wollen, bis das Werk vollendet sei.« Er kehrte nach Europa zurück, um die große Kaufsumme von 70.000 Fr. für diesen Bauplatz zu sammeln. 17 Monate lang bettelte er in Frankreich und Belgien von Tür zu Tür, um die Summe zusam­menzubringen, da er selbst bettelarm geworden war und er von seinem Onkel Louis Ratisbonne († 1855) — entgegen dem ursprüng­lichen Plan — nicht als Erbe des großen Vermögens eingesetzt wurde.

Am 20. Januar 1862, genau 20 Jahre nach seiner wunderbaren Bekehrung in Sant’Andrea delle fratte in Rom, konnte Alphons Maria Ratisbonne den Schwestern und ihren Waisenkindern Kloster und Waisenhaus beim Ecce-Homo-Bogen schlüsselfertig übergeben. In den Jahren 1866 bis 1867 machte sich der seelen­eifrige Priester nochmals auf eine Bettelreise, diesmal vor allem nach Deutschland, um die Gelder zu sammeln für eine Ecce-Homo-­Kirche neben dem Kloster der Schwestern; am 3. April 1868 wurde diese Kirche eingeweiht. Schließlich wurde 1873 noch das »Haus St.-Peter-Ratisbonne« erbaut als Ausbildungs- und Lehrwerkstätte für Buben. Auch ein Haus am Ort der Begegnung zwischen Maria und ihrer greisen Verwandten Elisabeth in Ain Karim oder St. Johann im Gebirge hatte Ratisbonne 1860 erworben und als Er­holungsstätte für erkrankte Schwestern ausgebaut.

Während Theodor Ratisbonne von Paris aus für die weitere Aus­breitung der Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion wirkte, durch seine Tätigkeit als Generaldirektor der »Erzbruderschaft der christlichen Mütter« und durch seinen selbst­losen, seeleneifrigen Einsatz für die Bekehrung der Sünder auch unter den Juden arbeitete und ein wahrhaft heiligmäßiges Leben führte bis zu seinem Tod am 10. Januar 1884, blieb Alphons Maria Ratisbonne in Jerusalem dort ganz seiner Aufgabe und Sendung für die Bekehrung der Juden hingegeben.

Dabei lebte er immer aus jenem Gnadenwunder, das ihm am 20. Januar 1842 in »Sant’Andrea delle fratte« in Rom zuteil gewor­den war. Ergreifend ist, wie er einmal in einem Brief vom 20. Januar 1869 als Ziel seines geistlichen Lebens und Strebens dies angibt: »Toute ma vie doit reproduire les phénomènes de l’ordre surnaturel: la Croix et Marie« (»Mein ganzes Leben muß die Phänomene der übernatürlichen Ordnung wiederspiegeln: das Kreuz und Maria«). Und wie er einmal in einem Brief vom 12. Dezember 1871 sein Glaubensbekenntnis in prägnanter Kürze zusammenfaßt in die Worte: »Je crois à la Résurrection, à la divine misericorde, à l’amour de Marie et à la vie éternelle.« (»Ich glaube an die Auferstehung, an die göttliche Barmherzigkeit, an die Liebe Marien und an das ewige Leben.«) Seiner Dankbarkeit gegenüber der unbefleckt empfangenen Gottesmutter Maria gab er in seiner testamentarischen Verfügung in ergreifender Weise so Ausdruck: »Maria ist das Wort, das fortan meine ganze innere Gesinnung zum Ausdruck bringt, Maria ist der einzige Name, den ich in der Taufe empfangen habe, Maria ist darum auch der einzige Name, der auf meinem Grabstein eingraviert sein soll, Maria ist der Name für meine Danksagung in der Ewigkeit!«

Am 6. Mai 1884 wurde P. Alphons Maria Ratisbonne im irdischen Jerusalem von seiner vielgeliebten Schutzpatronin zum ewigen Lohn in das himmlische Jerusalem heimgeholt, nachdem er wenige Stunden vor seinem Tod zu den ihn umgebenden Sions-­Schwestern gesagt hatte: »La Très Sainte Vierge m’appelle et j’ai besoin d’elle. Rien que Marie! Pour moi, c’est tout. Marie! Tout est là.« (»Die heiligste Jungfrau ruft mich und ich brauche sie. Nichts als Maria! Für mich ist sie alles. Maria! Alles ist hier!«).

Begraben wurde er am 8. Mai in Ain Karim. Auf seinem Grab­stein steht dort tatsächlich nichts anderes, als was er testamentarisch gewünscht hatte: »Père Marie«. Gedeutet aber hat er diese zwei Wörter so: »Das erste Wort sagt, daß ich ein Sünder war, das zweite aber spricht von der Barmherzigkeit Marias gegen mich.«

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1)  vgl. D. A. Rosenthal, Theodor Ratisbonne, in: Convertitenbilder aus dem neun­zehnten Jahrhundert, III. Bd., 1. Abteilung (Schaffhausen 1869), S. 141 — 162.

2)  vgl. Band I der »Sources des Sion« (Generalat der Kongregation von Notre-Dame de Sion, Roma 1977): Theodor Ratisbonne, Mes Souvenirs.

3)  Theodor Ratisbonne, Histoire de sainte Bernard et de son siècle, 2 Bände, Paris 1841.

4)  vgl. D. A. Rosenthal, Alphons Maria Ratisbonne, in: Convertitenbilder aus dem neunzehnten Jahrhundert, HI. Bd., 1. Abteilung, S. 94 — 236;

Sr. M. Carmelle, N. D. de Sion, L’évènement du 20 Janvier 1842 et Marie-Alphonse Ratisbonne, Rom 1977.

5)  vgl. D. A. Rosenthal, a. a. 0., S. 196.

6)  vgl. D. A. Rosenthal, a. a. 0., S. 197.

7)  vgl. F. Holböck, Wunder der Bekehrung (Meersburg 1984), S. 40 — 48.

Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gesehen!“ (Joh. 1,41)

2. Der ehrwürdige Franz Maria Paul Libermann († 2. Februar 1852)

Es ist sicher berechtigt, unter den großen jüdischen Konvertiten den ehrwürdigen Diener Gottes Franz Maria Paul Libermann zu nennen, nicht bloß weil er der Gründer einer Ordensgemeinschaft, nämlich der Kongregation vom Herzen Mariae war, die zusammen mit der ihr angeschlossenen Kongregation vom Heiligen Geist besonders viel für die Missionierung des schwarzen Kontinents geleistet hat 1), sondern weil er seit seiner Bekehrung aus dem Judentum ganz augenfällig von der seligsten Jungfrau Maria geführt wurde und sie innig verehrt hat. 2)

Um das Leben dieses heiligmäßigen Judenkonvertiten zu ver­stehen, muß zuerst kurz auf das seines älteren Bruders Samson Libermann hingewiesen werden. Dieser wurde 1801 in Zabern im Elsaß als ältester Sohn des Rabbiners Lazarus Libermann und dessen Frau Lia Susanna Haller geboren. Der Vater war wegen seines besonders großen Talmud-Wissens und wegen seiner über­aus strengen jüdischen Orthodoxie bei seinen jüdischen Glaubens­genossen sehr angesehen. Seine fünf Söhne, voran den ältesten, Samson, und den zweitältesten, Jakob, aus dem später der ehr­würdige Diener Gottes Franz Maria Paul wurde, der am 24. März 1803 das Licht der Welt erblickte, erzog dieser Rabbiner besonders gründlich in der jüdischen Religion; ja, der Vater wünschte gar sehr, daß alle seine fünf Söhne Rabbiner würden. Am Ende seiner rabbinischen Studien bekam dann aber Samson Libermann plötz­lich großen Widerwillen gegen die sture talmudische jüdische Theo­logie, er gab — zum größten Verdruß des Vaters — dieses Studium auf, studierte Medizin und wurde Arzt und erwarb sich als solcher in Straßburg sehr bald großes Ansehen.

Nachdem Samson Libermann die Fesseln engherzigen talmu­dischen Judentums abgeschüttelt hatte, verfiel er weltanschaulich in das andere Extrem. Nun zogen ihn vor allem die atheistischen Schriftsteller Voltaire und Rousseau an. Dabei kam er so weit, daß er schließlich überhaupt nichts mehr glaubte. Nur aus Neugier und purem literarischem Interesse suchte er in dieser Zeit auch die christliche Glaubenslehre kennenzulernen. Diese berührte ihn ei­genartigerweise schnell ganz stark. So erzählte er später aus diesem Lebensabschnitt, er sei damals eines Tages mit Freunden an einem Wegkreuz vorübergekommen, sei davor stehen geblieben und habe zu seinen Begleitern gesagt: »Es ist doch eigentlich ein großartiger Gedanke: ein Gott, der für die Menschen stirbt! Ob ich daran glauben könnte?«

In dieser Zeit kam von Tag zu Tag stärker eine eigenartige Un­ruhe in ihm auf. Weder die ärztliche Praxis, noch sein glückliches Eheleben konnten ihn von dieser Unruhe befreien. Er steckte damit seine junge Gattin an. Auch sie empfand immer entschie­denere Abneigung gegen den toten Kult des talmudischen Juden­tums; beide Gatten unterhielten sich oft über religiöse Themen, ohne sich dabei wirklich trösten oder belehren zu können. Da fand Samson Libermann eines Tages in einer protestantischen Familie ein Neues Testament. Er begann es — zusammen mit seiner Frau ­zu lesen und begeisterte sich mehr und mehr für das Christentum, und zwar so sehr, daß er — zusammen mit seiner Gattin — schließlich gelobte, für den Fall, daß Gott ihnen einen Sohn schenken würde, diesen nicht beschneiden, sondern taufen zu lassen. Um diesbezüg­lich gut beraten zu werden, wandte sich der Arzt Dr. Samson Liber­mann in Straßburg an den Präsidenten des lutherischen Konsisto­riums namens Hofner, der sich eines großen Ansehens als Theologe erfreute. Er setzte diesem seine Ideen auseinander und fragte ihn, was er zu tun habe, damit das Kind, das seine Frau erwartete, ge­tauft würde. Die enttäuschende Antwort des lutherischen Theolo­gen aber lautete: »Mein lieber Herr Doktor, warum diese Eile, Ihr Kind taufen zu lassen? Die Taufe ist doch keine so wichtige, wesent­liche Sache. Ich rate Ihnen für den Augenblick, nicht daran zu denken. Später werden Sie sehen, was zu tun ist.« Diese Antwort bewirkte, daß Dr. Samson Libermann fortan nur noch Abneigung gegen den Protestantismus empfand.

Um diese Zeit, im Jahre 1821, beschäftigte sich das jüdische Konsistorium in Straßburg mit der Gründung einer jüdischen Schule. Dr. Samson Libermann wurde in das Gründungskomitee berufen und zu dessen Sekretär gewählt. Er gab sich dieser Aufgabe mit großem Eifer hin. Dabei unterstützten ihn zwei weitere Komitee-Mitglieder, ein junger jüdischer Advokat namens Mayer und ein Kaufmann namens Dreyfuß. Diese drei Männer gelangten bei der ideellen Vorbereitung der geplanten jüdischen Schule immer mehr zur Überzeugung, daß jedes Bestreben, den Juden im Elsaß kulturell aufwärtszuhelfen, illusorisch sei, wenn es nicht gelänge, die Juden wenigstens an die Schwelle des Christentums zu führen. Das Bedürfnis nach der Wahrheit trieb diese drei Männer, vor allem Dr. Samson Libermann, zu einer eigenartigen Aktion, nämlich zu einem Appell an den katholischen Klerus Frankreichs, sich seiner jüdischen Mitbürger anzunehmen. Es geschah dies in einer von Dr. Samson Libermann ausgearbeiteten und von ihm und den beiden anderen Juden unterzeichneten Denkschrift. Sie ist nicht nur ein Beitrag zur Kenntnis der jüdischen Zustände im Elsaß von damals, sie ist auch ein klarer Beweis für die damals begonnene Konversionsbewegung im Judentum hin zum Christentum.

Der berühmte Kardinal Johannes Baptist Pitra († 1889) hat diese Denkschrift fast im vollen Wortlaut in sein »Leben des ehrwürdigen Dieners Gottes Franz Maria Paul Libermann«3), des jüngeren Bruders von Dr. Samson Libermann, aufgenommen. Der Anfang dieser Denkschrift lautet:

»Alle erleuchteten Menschen bewundern seit langer Zeit jene frommen und mutigen Geistlichen, die ihrem Vaterland und den Vorteilen, die dieses ihnen bietet, freiwillig entsagen und in fremden Ländern ihr Vermögen und ihre Gesundheit der mora­lischen und religiösen Bekehrung der wilden, über die weite Fläche des Erdkreises zerstreuten Völkerschaften opfern. Glücklich jenes Volk, das sich solcher Männer rühmen kann, die durch ihre über­zeugende Beredsamkeit den heilsamen Balsam einer Religion, die den Menschen auf seine richtige Höhe stellt, in die Herzen ihrer armen, heidnischen Mitmenschen einführen! Es ist erwiesen, daß durch den religiösen Eifer dieser Apostel Gottes bereits Tausende wilder Menschen aus dem Zustand der Vertierung herausgeführt und zu gleicher Höhe mit den zivilisierten Europäern emporgeführt und befähigt worden sind, all die glücklichen Eindrücke des schönsten aller Glaubensbekenntnisse, nämlich des Christentums, in sich aufzunehmen . . .«

Nach dieser »Captatio benevolentiae« wendet sich die Denk­schrift dem jüdischen Volk zu. Es heißt da nun: »Wenn es dem Erlöser des Menschengeschlechtes gefallen hat, unter den Juden geboren zu werden, zu leben und zu sterben, warum sollten es die­jenigen, die (als katholische Geistliche) berufen sind, die himm­lische Lehre des Erlösers zu verkünden, es nun unter ihrer Würde finden, das unglückliche Volk der Juden in den Bereich ihrer frommen, großmütigen Arbeiten einzubeziehen? Haben Eure jüdischen Landsleute, Eure jüdischen Mitbürger etwa weniger An­recht auf Eure wohltätigen Bestrebungen als die Wilden an den Ufern des Mississippi? O Ihr heiligen Diener eines Gottes des Friedens und der Barmherzigkeit, die Ihr in Eurem brennenden Eifer den weiten Ozean überquert, in der Hoffnung, einige verirrte Menschen auf den Weg des Heiles zurückzuführen, . . . wollet doch einen teilnehmenden Blick auf Eure jüdischen Brüder werfen! Habt Mitleid mit ihrer Verblendung und Hartnäckigkeit, zieht von ihren Augen die verhüllende Binde, gebt sie der Gesellschaft wieder und Ihr werdet die doppelte Genugtuung haben, ver­kommene Seelen wiedergeboren und dem Staat nützliche Bürger gewonnen zu haben!«

Als Hauptmittel zur Erreichung dieses Zweckes schlug der Ver­fasser der Denkschrift, Dr. Samson Libermann, nachdem er alle etwaigen Einwände gegen das Unternehmen im voraus zu ent­kräften und zu widerlegen versucht hatte, die Bildung einer Gesell­schaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden vor, an dessen Spitze der führende katholische Klerus stehen sollte.

Nach Erörterung der wichtigsten Mittel und Wege, wie die Er­reichung des großen Zieles angebahnt werden müßte, schließt der Verfasser des Sendschreibens mit den Worten: »Das Mittel, das wir soeben flüchtig entworfen haben, wird — wir sind zutiefst davon überzeugt — die schönsten Resultate zeitigen, wenn es die Billigung derer erlangt, deren Urteil wir es unterbreiten. Und wenn diese sich entschließen, sich ernst damit zu beschäftigen, werden wir einer Einladung zu einer Besprechung gerne Folge leisten, um dem Pro­jekt die nötige Entwicklung zu verschaffen, und wir werden uns dann immer Glück wünschen, die Idee eines so großen, verdienst­vollen Werkes gehabt zu haben.«

Wem wurde nun diese Denkschrift überreicht? Da der Bischöf­liche Stuhl von Straßburg damals unbesetzt war, wußten die drei jüdischen Freunde nicht, an wen sie sich damit wenden sollten. Da machten sie die Bekanntschaft eines hohen Offiziers namens Brissac, der vor kurzem erst vom Judentum zur katholischen Kirche übergetreten war. Er übernahm es, die Denkschrift dem Bischof Jauffret von Metz zu überreichen. Dieser ausgezeichnete Bischof starb aber kurz darauf am 12. Mai 1823. Die unter seinen Papieren aufgefundene Denkschrift wurde nun dem neuen Bischof von Straßburg, Bischof C. P. M. Tharin überreicht. Dieser begriff die Tragweite des Dokuments, ließ Dr. Samson Libermann und die beiden Mitunterzeichner der Denkschrift zu sich kommen und hatte dann mehrere Unterredungen mit ihnen. Schließlich übergab er die Angelegenheit seinem Generalvikar Bruno Franz Leopold Liebermann (t 1844).

Dieser vorbildliche, bibelkundige und überaus seeleneifrige Priester entledigte sich der ihm übertragenen Aufgabe so vortreff­lich, daß bereits im Jahr darauf, 1824, Dr. Samson Libermann mit seiner Gattin und die beiden Freunde Mayer und Dreyfuß in die katholische Kirche aufgenommen werden konnten.

Dr. Samson Libermann bemühte sich nun mit viel Liebe um die Bekehrung seiner Brüder. Zwei davon, Felkel und Samuel, lebten damals in Paris. Dr. Samson Libermann empfahl sie dem ehemali­gen Rabbiner Paul David Drach. Dieser widmete den beiden Brüdern viel Zeit und Liebe, die Gott bald mit bestem Erfolg krönte, denn die beiden Brüder Felkel und Samuel Libermann konnten bereits 1825 in die katholische Kirche aufgenommen werden.

Lange sträubte sich noch der für das Rabbinat in Metz ausgebil­dete Jakob Libermann gegen die Konversion. Aber gerade dieser nahm dann seine — wieder unter der Leitung des genannten Konver­titen Paul David Drach — erfolgte Hinkehr zum Christentum ganz besonders ernst. Er nahm in der am Heiligen Abend 1826 in Paris empfangenen Taufe die Namen Franz Maria Paul an.

Ihm gelang es dann, daß auch der letzte noch im Judentum lebende Bruder David Libermann nach Paris kam und dort die heilige Taufe empfing. Franz Maria Paul Libermann schrieb ihm damals: »Entsagen wir uns selbst, entsagen wir unserer Eigenliebe; widersagen wir dem Satan, seiner Hoffart und seinen Werken. Wir widersagen dem Satan, indem wir unser Herz Gott allein schenken und Jesus zusammen mit seiner jungfräulichen Mutter mit der größten Zärtlichkeit unserer Seele lieben . . . Bitten wir unseren Herrn Jesus Christus und die heiligste Jungfrau, damit wir die Gnade erlangen, unser heiliges Versprechen, das allein uns zu wahren Christen macht, vollkommen zu erfüllen: Alles für Gott und Maria!«4

Franz Maria Paul Libermann hat später auch fünf von den sechs Kindern seines ältesten Bruders Dr. Samson Libermann die Gnade des Ordensberufes erbetet: vier seiner Nichten traten in die Kon­gregation der Schwestern von den heiligsten Herzen Jesu und Mariae ein, ein Neffe aber wurde Mitglied der Kongregation vom heiligsten Herzen Mariae.

Franz Maria Paul Libermann selbst entschloß sich bald nach sei­ner Taufe, sein Leben ganz Gott und Maria im Priesterstand zu wei­hen. Er trat in das Priesterseminar von Saint Sulpice in Paris ein. 5)

Bei den Sulpizianern wurde eine ganz besondere christozentri­sche Marienverehrung gepflegt; der von seiner Empfängnis bis zu seiner Geburt im jungfräulichen Schoß Mariens lebende Christus stand im Mittelpunkt dieser Frömmigkeit. Seit dem Jahre 1665 wurde in den von den Sulpizianern geleiteten Priesterseminaren ein eigenes Fest des Innenlebens Mariens 6), etwa gleichbedeutend mit einem Fest des Herzens Mariae, gefeiert. Im Pariser Seminar von Saint Sulpice erbaute Franz Maria Paul Libermann seine Studien­kollegen durch tiefe marianische Frömmigkeit; zugleich verstand er es in ganz überraschender Weise, alle für ihren heiligen Beruf zu begeistern.

Während er sich aber auf die höheren Weihen vorbereitete, erlitt er einen epileptischen Anfall; das verhinderte nun den Empfang der höheren Weihen. Er ertrug aber diese harte Prüfung in so ergreifen­der Weise, daß die Vorgesetzten ihn nicht als unfähig für den Priesterberuf wegschickten, sondern ihm das Anerbieten machten, auf dem Landhaus des Priesterseminars zu Issy bei Paris, wo die Kandidaten der Philosophie wohnten, auf unbestimmte Zeit seinen Aufenthalt zu nehmen. Acht Jahre lang übte hier Franz Maria Paul Libermann ein segensreiches Apostolat unter den Priesterkandida­ten von Saint Sulpice aus. Die Vorgesetzten konnten später erklären, daß seit der Zeit Jean-Jacques Oliers († 1657), des Gründers der Sulpizianer, kein größerer Eifer in Saint Sulpice ge­herrscht habe, als in den Jahren, in denen Franz Maria Paul Libermann in Issy sich aufhielt.

Als die in der Französischen Revolution unterdrückte und damals wieder errichtete Priesterkongregation des hl. Johannes Eudes († 1680) einen Novizenmeister suchte, wurde Franz Maria Paul Libermann, obwohl er nur die niederen Weihen empfangen hatte, von seinen Vorgesetzten in Saint Sulpice für dieses Amt in Vorschlag gebracht. Fast zwei Jahre lang wirkte er nun als Novizen­meister der jungen Eudisten-Kleriker in Rennes, bis er die Erkenntnis empfing, daß er selbst zum Gründer einer neuen religiö­sen Genossenschaft unter dem Patronat Mariens zur Bekehrung der Neger berufen sei.

In Issy hatte Franz Maria Paul Libermann bei seinem Weggang nach Rennes zwei Freunde zurückgelassen: Frederic Le Vavasseur, den 1811 auf der Insel Bourbon geborenen Sohn eines Plantagenbe­sitzers, und Eugen Tisserand, den Sohn einer Kreolin und eines früheren Gouverneurs von San Domingo; beide bereiteten sich auf das Priestertum vor, um später an der Bekehrung der Negersklaven zu arbeiten. Die Vorgesetzten von Saint Sulpice billigten die Pläne dieser beiden Kleriker. Die Angelegenheit wurde dem Gebet der Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae an der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris, wo neben dem berühmten Abbé Charles Dufriche-Desgenettes († 1860) der aus dem Juden­tum bekehrte Priester Theodor Maria Ratisbonne († 1884) wirkte, warm empfohlen.

Als nun Franz Maria Paul Libermann vom geplanten Werk seiner beiden Freunde in Issy erfuhr, war er rasch entschlossen, sich an diesem Werk zu beteiligen. Er legte seine Stelle als Novizen­meister in Rennes nieder und begann, zusammen mit den beiden Freunden die Kongregation der Missionäre vom heiligsten Herzen Mariae zu gründen. In der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris wurde der Plan fixiert und der Gottesmutter durch Abbé Desgenettes dem Mutterherzen Mariae anempfohlen. Wie bei den beiden bekehrten jüdischen Brüdern Theodor und Alphons Ratisbonne, so spielt auch im Leben des mit ihnen nicht bloß durch Seelenverwandtschaft, sondern auch durch Blutsverwandtschaft verbundenen Franz Maria Paul Libermann das Heiligtum Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris eine große, ja entscheidende Rolle. Kardinal Joh. B. Pitra meint sogar in seinem Leben des ehr­würdigen Dieners Gottes Franz Maria Paul Libermann 7), daß »der eigentliche Gründungstag der von P. Libermann geschaffenen Kongregation der Missionäre vom heiligsten Herzen Mariae der 2. Februar 1839 gewesen sei, an welchem der ehrwürdige Gründer der Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder, Abbé Desgenettes, zum ersten Mal vor der versam­melten Gemeinde die Stimme erhob, um ihr das Seelenheil der schwarzen Rasse ganz warm ans Herz zu legen. Weder dieses Datum, noch diese Tatsache kann uns bedeutungslos erscheinen, noch kann dies vergessen werden. Man merkte es der Stimme des ehrwürdigen Priesters an, daß sie feierlicher als sonst klang, da er in der ihm eigenen Weise schilderte, wie sehr sein Herz ergriffen sei von dem unglücklichen Los so vieler Tausender verlassener Seelen, und als er den Mitgliedern seiner Erzbruderschaft erklärte, daß es hier (bei der Gründung der Kongregation der Missionare vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Neger) um etwas Großes und des Unbefleckten Herzens der erhabenen Jungfrau Maria Würdiges gehe . . . Wie könnte auch, wenn nicht in der Kirche, so doch wenigstens in unserem (französischen) Vaterland ein gutes Werk genannt werden, das nicht in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg in Paris entweder seine Wiege oder seinen Rettungsanker oder seinen Mittel- und Sammelpunkt gefunden hätte? Man hat ja mit Recht gesagt: wenn Paris das Haupt Frankreichs ist, so ist Notre-Dame des Victoires sein Herz und die Erzbruderschaft vom heiligsten Herzen Mariae zur Bekehrung der Sünder ist die Bundesgenossenschaft der christlichen Seelen, archi­sodalitas orbis universi.«

Wie ging es nun weiter mit Franz Maria Paul Libermann? Er reiste in Begleitung des Subdiakons De la Brunière, der sich gleich­falls der Negermission widmen wollte, nach Rom, um dort in der Propaganda fide die Angelegenheit vorzutragen. Sein geistlicher Vater Paul-Louis-Bernard Drach, der damals schon Bibliothekar an der Propaganda war, führte Libermann eines Tages im Jahre 1840 bei Papst Gregor XVI. ein. Dieser hieß den Plan, den Liber­mann ihm vortrug, gut. Ein volles Jahr brachte Libermann nun in der Ewigen Stadt zu, um die Konstitution und die Regeln der beab­sichtigten Genossenschaft auszuarbeiten. Schließlich kam es zu konkreten Verhandlungen mit der Leitung der Propaganda-Kon­gregation, um die volle Genehmigung für die zu gründende Kon­gregation von Priestern zu erhalten, die unter dem Schutz des heiligsten Herzens Mariae den Negern in Afrika und Amerika Hilfe bringen sollten. Es gab aber noch der Schwierigkeiten genug, bevor die Gründung der Genossenschaft und der Beginn der missionari­schen Arbeit in die Tat umgesetzt werden konnte. Das letzte große Hindernis war die epileptische Krankheit, die Libermann immer noch quälte und für den Empfang der Priesterweihe irregulär machte. In dieser Not wollte sich Libermann in einer Wallfahrt nach Loreto die Hilfe der Gottesmutter erbitten. Tatsächlich wurde er von der Epilepsie befreit, so daß seiner Priesterweihe schließlich nichts mehr im Wege stand. Im Jahre 1841 wurde er vom Bischof von Amiens zum Priester geweiht. Seinem Bruder Dr. Samson Libermann schrieb er am Priesterweihetag, 18. September 1841: »Misericordias Domini in aeternum cantabo. Lieber Bruder . . . Ich habe Euch die große Barmherzigkeit und unaussprechliche Güte Unseres Herrn Jesus Christus gegen einen unwürdigen Diener, der nicht einmal Seinen heiligen Namen auszusprechen wert ist, zu ver­künden. Soeben, diesen Morgen, bin ich zum Priester geweiht worden. Gott weiß, was ich an diesem großen Tag empfangen habe, Gott allein weiß es. Denn weder Mensch noch Engel vermag es zu begreifen. Bittet Ihn, daß es zu Seiner größeren Ehre, zum Heil und zur Heiligung der Seelen und zur Erbauung der Kirche gereiche, daß ich nun doch noch das Priestertum erlangt habe . . . Nächsten Samstag, um 7 Uhr, werde ich das hl. Opfer in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg zu Paris auf dem Altar der Erzbruderschaft feiern. Vereinigt Eure Meinung mit der meinigen, ich werde Euer dabei ganz besonders gedenken. Denkt auch an unsere ungläubigen Verwandten und an die schwachen Christen! . . . Liebet Unseren Herrn und Seine hochheilige Mutter mit ganzer Seele! Ganz der Eurige in ihrer heiligen Liebe: Fr. Libermann, Priester.« 8)

Im selben Jahr noch nahm die Kongregation vom Heiligsten Herzen Mariae einen sehr realen Anfang und begann zu wachsen, 1848 wurde sie mit der Kongregation vom Hl. Geist vereint. Liber­mann blieb der Generalobere auch der vereinten Ordenskongre­gation und wurde als solcher in den folgenden Jahren ein überaus erfolgreicher Wiedererwecker der afrikanischen Missionen.

In den nur zwölf Jahren seines Priesterlebens hat der jüdische Konvertit P. Libermann die Kirche mit einer neuen Ordenskongre­gation bereichert, ein blühendes Noviziat für Missionspriester und -brüder in der ehemaligen Abtei Notre-Dame de Garde gegründet, sein gedeihendes Ordensinstitut mit der ansehnlichen Kongre­gation vom Hl. Geist verbunden, die wichtige Mission von Guinea ins Leben gerufen und zur Entfaltung gebracht, die Gründung dreier Apostolischer Vikariate betrieben, die Errichtung dreier Diözesen durchgesetzt, den Wirkungskreis seiner Ordenskongre­gation nach Amiens, Paris, Bordeaux, Cayenne, auf die Insel Mauritius und Bourbon und bis nach Australien ausgedehnt, seine teuersten Söhne in großer Zahl durch das erlittene Martyrium Gott zum Opfer gebracht, der Kirche mehr als 60 Apostel gegeben, die mit ihrem Schweiß und ihren Tränen selbst die fernsten Inseln Ozeaniens benetzten. Dazu war er auch in der Innenmission in Paris und Amiens und an anderen Orten Frankreichs und vor allem auch in der Priesterseelsorge erfolgreich tätig. Dabei bewährte er sich auch als einer der besten aszetischen Schriftsteller Frankreichs im vorigen Jahrhundert. Es sind nicht bloß 528 Briefe der Seelen­leitung an Priesterkandidaten und Ordensleuten von ihm erhalten, sondern auch Abhandlungen über das Gebet und das geistliche Leben insgesamt, dazu auch ein Kommentar zu einzelnen Kapiteln des Johannes-Evangeliums.

Bei allem unermüdlichen Einsatz war immer das Unbefleckte Herz Mariae das große Leitbild, an das sich P. Libermann richtete. Man kann wirklich mit Recht sagen: Was die beiden jüdischen Brüder Ratisbonne für die Bekehrung der Juden gewirkt haben, das wirkte P. Franz Maria Paul Libermann für die Bekehrung der Neger. Und wie die beiden Brüder Ratisbonne ihr Apostolat und ihr ganzes priesterliches Leben und Wirken nach ihrer Konversion ganz und gar unter den Schutz Mariens gestellt haben, so hat es auch P. Libermann getan.

Nach den ungemein segensreich und tatenvoll verlaufenen zwölf Priesterjahren im Leben P. Libermanns hätte man meinen können, dieses Priesterleben stehe erst an seinem Anfang. Gott hatte anders darüber beschlossen. Er sandte ihm eine langwierige, schwere Krankheit. Gegen Ende Januar 1852 traten dabei äußerst beun­ruhigende Symptome auf. P. Libermanns Bruder, der Arzt Dr. Samson Libermann, war sofort auf die erste Nachricht von der schweren Erkrankung seines geliebten Bruders von Straßburg nach Paris ans Krankenlager geeilt. Aber er konnte nicht mehr helfen, sondern konnte sich nur noch an dem gottergebenen Leiden seines Bruders erbauen. Am Fest Mariae Lichtmeß, 2. Februar 1852, trat der Tod ein, während die Kommunität, zur Vesper des Festes in der Hauskapelle versammelt, gerade im Magnificat der Gottesmutter deutlich vernehmbar die Worte sang: ». . . et exaltavit humiles«. Die Weissagung Mariens in ihrem Magnificat, daß Gott den Stolzen widersteht, die Demütigen aber erhöht, ist sicher bei Franz Maria Paul Libermann am Ende seiner Erdenpilgerfahrt in Erfüllung gegangen.

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1) Vgl. Kardinal Joh. B. Pitra OSB, Leben des ehrwürdigen Dieners Gottes Franz Maria Paul Libermann (Stuttgart 1893); L. Dohmen, Der ehrwürdige Franz Maria Libermann (Speyer 1947); David August Rosenthal, Convertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert, III. Bd., 1. Teil, S. 83 —125.

2) H. Barré, Spiritualité mariale du Venerable F. M. P. Libermann, in: H. du Manoir Maria, Band III (Paris 1954), p. 379 — 401.

3)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 11 — 16.

4)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 45 — 46.

5)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 42 — 43.

6)  vgl. D. M. Montagna: Maria, in: Dizionario degli Istituti di perfezione, V/925.

7)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 210.

8)  vgl. Kardinal Joh. B. Pitra, a. a. 0., S. 287 — 288.

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Quelle: [Univ-Prof. Prälat Dr.] Ferdinand Holböck: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh. 1,41) – Die selige Edith Steiin und andere Judenkonvertiten vor und nach ihr. Salzburg 1986.