Der Irrglaube des Bischofs von Hildesheim

Dieser Irrglaube von Bischof Wilmer trat bereits in der Antike auf und wurde auch sogleich erfolgreich bekämpft, und zwar von keinem geringeren als dem Heiligen Augustinus.-

Die Monatskolumne von Sebastian Moll 

Die Zeiten sind ernst. Das merkt man spätestens dann, wenn man sich in einer theologischen Debatte auf die Seite von Kardinal Woelki schlagen muss. Aber was soll man anderes tun, wenn der Kölner Kardinal den Bischof von Hildesheim zurechtweist, weil dieser der Kirche nun im Zuge des Missbrauchsskandals tatsächlich auch noch ihre Heiligkeit absprechen will? Viele fragen sich seither, wer oder was den Bischof wohl geritten haben mag, eine solch absurde Aussage zu treffen. Viel spannender erscheint mir allerdings die Frage, welche Art von theologischer Ausbildung dieser genossen bzw. nicht genossen haben mag, wenn er nicht weiß, dass unser Bekenntnis zur Heiligkeit der Kirche, wie es seit den frühesten Konzilen ausgesprochen wird, nichts mit dem Glauben an Sündlosigkeit der Kirche oder ihrer Glieder zu tun hat.

Dieser Irrglaube trat bereits in der Antike auf und wurde auch sogleich erfolgreich bekämpft, und zwar von keinem geringeren als dem Heiligen Augustinus. In seinem (oft unterschätzten) Werk Über den Glauben und die Werke schreibt der Bischof von Hippo: „Der Herr selbst hat ein unvergleichliches Beispiel der Geduld gegeben, da er bis zu seinem Leiden den Teufel sogar unter den zwölf Aposteln ertrug. Er sagte: ‚Lasst beides wachsen bis zur Ernte, damit ihr nicht etwa, wenn ihr das Unkraut sammeln wollt, zugleich den Weizen mit ausreißt‘ […] Eben diese Vorschriften bestärken uns so sehr darin, dass wir auch das Unkraut in der Kirchen wuchern sehen und darin trotzdem weder ein Hindernis für unsern Glauben oder unsere Liebe erblicken, noch einen Grund, der uns die Kirche verlassen ließe […] Vielmehr sollten wir uns der Gleichnisse der Heiligen Schrift entsinnen, der göttlichen Weissagungen und der zuverlässigen Beispiele, durch die vorausgesagt und bewiesen ist, dass die Bösen mit den Guten in der Kirche vermischt sein werden bis an das Ende der Welt, bis zu der Zeit des Gerichts, und dass den Guten, die nicht in ihre Taten einstimmen, aus der Einheit mit ihnen und aus ihrer Teilhabe an den Sakramenten kein Schaden erwachsen wird.“

Wohl der Kirche, die solche Bischöfe vorzuweisen hat! Übrigens haben auch die Kirchen der Reformation diesen Grundsatz niemals aufgegeben oder uminterpretiert. Im Augsburger Bekenntnis der Lutheraner (1530) heißt es beispielsweise: „Ebenso, obwohl die christliche Kirche eigentlich nichts anderes ist als die Versammlung aller Gläubigen und Heiligen, jedoch in diesem Leben unter den Frommen viele falsche Christen und Heuchler, auch öffentliche Sünder bleiben, sind die Sakramente gleich wohl wirksam, auch wenn die Priester, durch die sie gereicht werden, nicht fromm sind; wie denn Christus selbst sagt: „Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Pharisäer.‘“ Und in den 39 Artikeln der Anglikanischen Kirche lesen wir: „Obwohl in der sichtbaren Kirche die Bösen immer mit den Guten vermischt sind und manchmal auch böse Menschen das Predigtamt und die Verwaltung der Sakramente ausüben, können wir – insofern diese nicht in ihrem eigenen, sondern in Christi Namen handeln und nach seinem Auftrag und in seiner Vollmacht ihren Dienst verrichten – ihren Dienst sowohl beim Hören des Wortes Gottes als auch beim Empfang der Sakramente annehmen.“

In diesem letzten Abschnitt kommt es noch einmal zum Ausdruck: Die Kirche ist heilig, weil Christus heilig ist. Die Kirche ist heilig von ihrem Auftrag, von ihrer Stiftung her, nicht aufgrund der Moral ihrer Mitglieder oder Amtsträger. „Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung.“ (Lumen Gentium) Diesen Weg gilt es auch und gerade angesichts des unsagbaren Schreckens des sexuellen Missbrauchs zu gehen. Wer hingegen meint, deshalb die Kirche verlassen zu müssen – was ja im Grunde die einzig logische Konsequenz aus der Haltung des Hildesheimer Hirten wäre – hat nichts, aber auch gar nichts verstanden.

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Sensationell: Kirche nicht mehr heilig – Drewermann Prophet

 

17 Dezember 2018, 12:00
Wenn Bischof Heiner Wilmer den Esoteriker Eugen Drewermann zum Propheten ernennen möchte, ist dies nur zynisch. Die Aussagen von Wilmer gehören definitiv von der Kongregation für die Glaubenslehre überprüft – Der Montagskick von Peter Winnemöller

Linz (kath.net)
Wer einen ungefähren Blick auf das gegenwärtige Ausmaß der Erschütterung im Episkopat haben möchte, lese jüngste Stellungnahmen von Bischöfen zum Missbrauchsskandal in den deutschen Bistümern. Päderasten im Priesterrock hatten sich zuweilen jahrelang ungehindert und ungestraft an Kindern sexuell vergangen. Es wurde vertuscht und unterdrückt. Opfer wurden nicht selten durch solche Vorgehensweise erneut zu Opfern. Geistliche Macht wurde nicht nur zum Begehen der Straftaten, sondern auch zu deren Verdunkelung gebraucht.

Manche Bischöfe verlieren über diesen von ihren zum Teil verstorbenen Vorgängern verschuldeten Skandal jegliches Maß. Dabei zeigen sie zuweilen eine erstaunliche theologische und philosophische Schwäche. Da spricht der eine von der Kirche als „Täterorganisation“ (Bischof Georg Bätzing, Limburg) und ein anderer fabulierte jüngst im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger darüber, der Missbrauch von Macht stecke in der DNA der Kirche (Bischof Heiner Wilmer, Hildesheim). Beide Bischöfe sind neu im Amt und man ist geneigt, ihnen die Erschütterung abzunehmen. Was man nicht wahrhaben möchte ist die offensichtliche Inkompetenz, den Sachverhalt klar zu benennen.

Fakt ist: Es sind einzelne Personen durch ihr zuweilen schwer sündiges handeln schuldig geworden. Dazu kommt: Verantwortliche in der Verwaltung der jeweiligen Bistümer bis hinauf zu einzelnen Bischöfen sind persönlich zum Teil ebenfalls schwer schuldig geworden, indem sie derartige Taten nicht angemessen geahndet und die Täter nicht aus dem Verkehr gezogen haben.

Ein falsch verstandener Korpsgeist im Klerus wurde zu einem mehrschichtigen Verhängnis, das der Kirche nun als Bumerang in den Rücken fliegt. Statt also angemessene Worte zu finden, geben diese Bischöfe in lehrmäßig fragwürdiger Weise das Ansehen der Kirche der Lächerlichkeit preis.

In dem Zusammenhang dann, wie es Bischof Heiner Wilmer tat, den Esoteriker Eugen Drewermann zum Propheten zu ernennen ist einfach nur zynisch. Das auch bei Psychologen methodisch umstrittene Buch „Kleriker“ ist keinesfalls ein Schlüssel zum Verstehen dessen, was wir unter dem Begriff Missbrauchsskandal zusammenfassen.

Die fragwürdigen tiefenpsychologischen Thesen Drewermanns haben sich in keiner Weise als hilfreich zum Verstehen klerikaler Strukturen erwiesen. Als Priester des Bistums Hildesheim darf man sich jetzt durchaus Sorgen machen, wenn der eigene Bischof ein solches Werk lobpreist.

Die Dissertation und Habilitation des suspendierten und aus der Kirche ausgetretenen Priesters Drewermann erschien, wie Bischof Wilmer erwähnt als Trilogie unter dem Titel „Strukturen des Bösen“.

Dieser Zyklus bezieht sich allerdings keineswegs auf die Kirche an sich, sondern legt in drei verschiedenen Aspekten die Sündenfallerzählung aus.

Eine weitere theologische Figur, die „casta meretrix“ wird im Interview verwirrend fehlgedeutet. Es geht darum, die Heiligkeit der Kirche zu bestreiten. Allein das ist für einen Bischof der Kirche ein unerhörter Vorgang. Es hat an dieser Stelle schon fast diabolische Züge (von grch. diaballo = durcheinanderwerfen), da Ambrosius von Mailand (übrigens als einziger der lateinischen und griechischen Kirchenväter) diese Figur gerade dazu verwendet, die Heiligkeit der Kirche zu begründen und erläutern. Nachzulesen bei Ambrosius von Mailand: Expositio in Lucam III 23 (http://www.unifr.ch/bkv/werk121.htm).

Kardinal Giacomo Biffi folgend ist somit der Ausdruck “casta meretrix “ in keiner Weise ein Hinweis auf etwas Sündiges und Verwerfliches. Der Begriff will nicht nur im Adjektiv, sondern auch im Nomen auf die Heiligkeit der Kirche hinweisen. Diese Heiligkeit, so der Kardinal weiter, bestehe darin, „ohne Zögern und ohne Inkohärenz Christus nachzufolgen, ihrem Bräutigam (“casta”), wie auch im Willen der Kirche, alle zu erreichen, um alle zum Heil zu bringen (“meretrix”)“. Es handelt sich um das Gegenteil dessen, was der Bischof von Hildesheim behauptet, der hier dem Interviewer ganz offensichtlich in eine plumpe Falle gegangen ist. Für einen Bischof sollte das zumindest peinlich sein, da das Interview ja nachträglich noch autorisiert worden ist. Was machen die Mitarbeiter des Bischofs eigentlich den lieben langen Tag? Den Begriff „casta meretix“ in eine Suchmaschine einzugeben, sollte nicht die ganz große Herausforderung sein.

Es kommt aber noch besser. „Wir werden“, sagt der Bischof im autorisierten Interview wörtlich, „den Glauben an die, heilige Kirche‘ in Zukunft nur noch dann redlich bekennen können, wenn wir mitbekennen: Diese Kirche ist auch eine sündige Kirche.“ Ein solcher Satz gehört definitiv von der Kongregation für die Glaubenslehre überprüft und falls nötig beanstandet. Es geht nicht an, dass ein Bischof der Kirche einen Satz aus dem Credo ganz offen untergräbt.

Als Gläubiger kann man ruhig bleiben. Was das Credo von Nicäa / Konstantinopel über die Kirche aussagt, ist und bleibt die Wahrheit. Die Heiligkeit ist, auch wenn ein deutscher Provinzbischof anderes vorgibt zu glauben, immer noch eines der vier Attribute der Kirche. Diese ist einig, heilig, katholisch und apostolisch.

Bis zum Erweis des Gegenteils gilt jeder, auch jeder Bischof, als rechtgläubig. Das sei hier bei aller Kritik festgestellt. Dieser Kommentar ist also nicht geeignet, als Urteil angesehen zu werden. Es geht darum, das Ausmaß der Erschütterung festzustellen und das ist allerdings nötig(!) eindeutige Kritik an einschlägigen Fehlreaktionen zu üben.

Es braucht im Episkopat wieder eine klare Sprache – auch wider den Zeitgeist. Es braucht eine saubere theologisch und philosophisch begründete Redeweise von den Vorkommnissen und den zu ziehende Konsequenzen. Es ist niemandem gedient, wenn als Folge des Skandals, vor lauter Panik eine gesunde Ekklesiologie oder gar die Theologie des sakramentalen Amtes über Bord geworfen wird.

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