Dokumentiert: Predigt des Erfurter Bischofs Ulrich Neymeyr zu 30 Jahre Mauerfall

Bischof Ulrich Neymeyr Foto: Bistum Mainz via Wikimedia (CC BY-SA 3.0 de)

Von CNA Deutsch/EWTN News

09 November, 2019 / 11:10 AM

Zum 30. Gedenktag des Mauerfalls predigte der Erfurter Bischofs Ulrich Neymeyr im ökumenischen Gottesdienst anlässlich des gemeinsamen Gedenkens des Freistaates Thüringen und des Landes Hessen am 9. November 2019 in Großburschla. CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut:

Wer den 9. November 1989 bewusst miterlebt hat, wird die beglückende, ja fast berauschende Erfahrung nie wieder vergessen. Durch die Medien konnten alle die emotionalen Erfahrungen des Mauerfalls und der Grenzöffnung miterleben. Viele DDR-Bürger fuhren fassungslos über die ehemals martialische und todbringende Grenze. Im Westen wurden Quartiere gemacht für die Besucher aus dem Osten.

Ich war damals Verantwortlicher im Mainzer Priesterseminar und wir wussten: Am nächsten Tag kommen die Erfurter. Am Wochenende haben wir mit ihnen den Psalm 126 gesungen, den wir auch eben miteinander gebetet haben: „Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den anderen Völkern. Der Herr hat an ihnen Großes getan. Ja Großes hat der Herr an uns getan, da waren wir fröhlich.“ (Psalm 126,1-3).

Dieser uralte Psalm besingt die Rückkehr des Volkes Israel aus dem Babylonischen Exil im 6. Jahrhundert vor Christus. Der 1989 regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, hat mit fast denselben Worten gesagt: „Heute Nacht waren wir das glücklichste Volk der Welt.“

Das Volk Israel schreibt die Beendigung der Gefangenschaft in Babylon dem Herrn, also Gott zu. Obwohl sie wussten, dass es der Perserkönig Kyros war, der entsprechend seiner toleranten Religionspolitik den Juden erlaubt hatte, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wiederaufzubauen.

Auch beim Ende der SED-Herrschaft im Jahr 1989 bedankten sich viele gläubige Menschen bei Gott, vor allem jene, die sich in den ökumenischen Friedensgebetsgruppen zusammengetan hatten. Auch sie wussten, dass der Mauerfall nicht nur ihren Gebeten zu verdanken war, sondern auch oppositionellen Gruppen und den vielen Menschen, die überall in der DDR mutig und gewaltlos für eine Veränderung der Verhältnisse demonstriert hatten, weil sie nicht weiterleben wollten mit der Mauer, der Überwachung durch die Staatssicherheit, der ökologischen Katastrophe und der desaströsen Wirtschaft. Die friedliche Revolution ist das Werk vieler, denen Dank und Anerkennung gebührt und auf die alle Deutschen zu Recht stolz sein können und stolz sein sollten.

Als wir im November 1989 den Psalm 126 beteten, habe ich nicht verstanden, warum dieser Psalm so weitergeht: „Wende doch Herr unser Geschick, wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland. Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Sie gehen hin unter Tränen und tragen den Samen zur Aussaat.“ (Psalm 126,4-6). Später habe ich diese Verse verstanden. Denn die Wendeerfahrungen der Menschen im sogenannten „Beitrittsgebiet“ sind mit der Metapher von den „versiegten Bächen im Südland“ (Psalm 126,4) gut beschrieben.

Ich gebe zu, dass ich von diesen Erfahrungen im Westen nicht allzu viel mitbekommen habe, obwohl die Medien darüber berichteten. In den fünf Jahren, in denen ich Bischof von Erfurt bin, habe ich vieles gehört und vieles dazugelernt und ziehe noch einmal meinen Hut vor der Lebensleistung der Menschen hier. Was verharmlosend als „gebrochene Erwerbsbiografie“ bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine brutale Lebenserfahrung für viele Menschen gewesen, an deren Folgen sie noch immer zu tragen haben: Einarbeiten in einen neuen, oft schlecht bezahlten Beruf, langjährige Arbeitslosigkeit und als deren Folge heute eine geringe Rente oder zerrissene Familien.

Auch für die Israeliten war die Zeit nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil äußerst entbehrungsreich und steinig. In dieser Zeit ist der Psalm 126 entstanden. Er erinnert an die beglückende Erfahrung des Endes der Gefangenschaft. Er betet darum, dass Gott das Geschick der Heimgekehrten zum Besseren wendet und er bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass zwar mit Tränen gesät, aber mit Jubel geerntet wird.

Diese drei Säulen – Erinnerung, Bitte und Hoffnung – verbinden Juden und Christen in ihrer lebendigen Glaubensbeziehung zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der auch der Gott und Vater Jesu ist. Israel ist und bleibt das erwählte Volk Gottes, mit dem Gott einen unwiderruflichen Bund geschlossen hat und das Gott durch die Geschichte begleitet. Auch wir Christen verstehen uns als das Volk eines Bundes, den Gott mit uns geschlossen hat.

Juden und Christen pflegen nicht nur die Erinnerung an beglückende Ereignisse, sondern auch an bedrückende und schuldbeladene Erfahrungen. So vergessen wir auch heute nicht, dass der 9. November auch der Tag des Gedenkens an die Zerstörung jüdischer Gotteshäuser, Einrichtungen und Geschäftshäuser ist. Als am Abend des 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, fand in der Synagoge eine Gedenkveranstaltung für die brennenden Synagogen des 9. November 1938 statt, bei der Rabbiner Ernst Stein das Totengebet sprach. Rabbiner Ernst Stein ist am 21. März dieses Jahres verstorben. Deswegen möchte ich an seine mahnenden Worte zum Mauerfall erinnern:

„Die Mauer war das letzte große, sichtbare und spürbare Ding, das an das große Unheil erinnert hat, das hier in den vorhergegangenen Zeiten der NS-Herrschaft stattgefunden hat. Das war es. Und wenn heute darüber Ballons aufgestiegen werden lassen, so ist das unerträglich, ohne das andere auch zu erwähnen. Die Mauer hatte eine ganz andere Funktion für mich. Sie war ein Zeichen.“

Die Mauer als Mahnmal an die menschenverachtende und judenhassende NS-Diktatur ist vor 30 Jahren gefallen. Das darf nicht heißen, dass die Erinnerungskultur an die Schoa fällt. Wir sind sie den Opfern schuldig und der Kultur in Deutschland heute. Aus diesem Grund gilt auch heute am Tag der Erinnerung an den Mauerfall unser Gedenken den Opfern dieser unmenschlichen Grenze und der SED-Diktatur.

Zur Erinnerung gehören in der jüdisch-christlichen Tradition die Bitte und die Hoffnung; die Bitte, dass Gott immer wieder eingreift, um die Geschicke der Menschen zum Guten zu wenden, und die Hoffnung, dass nicht neue Grenzen gezogen werden, sondern dass sich Grenzen öffnen, die Hoffnung, dass die Fehler, die bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, aufgearbeitet werden können, und die Hoffnung, dass innere Einheit unseres Landes weiter vorankommt.

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Nach Kirchenplünderung in Chile: Bischof fordert Ende der Gewalt

Ein Plünderer mit einer Christus-Statue Foto: Kirche in Not Chile

Mit großer Schärfe hat der Apostolische Administrator von Santiago de Chile, Bischof Celestino Aós, die Plünderung und Profanierung einer Kirche in der Hauptstadt des Landes verurteilt.

Das berichtet ACI Prensa, die spanischsprachige Schwesteragentur von CNA Deutsch.

„Unsere katholische Kirche der Pfarrei Mariä Himmelfahrt wurde gestern Abend geplündert,  die Kirchenbänke und andere Gegenstände wurden entfernt und verbrannt, die Wände wurden mit Beleidigungen und Parolen zerkratzt, die Heiligenstatuen wurden zerstört“, so Aós in einer Stellungnahme.

Leider sei die gewaltsame Schändung kein Einzelfall, sondern einer von mehreren in den vergangenen Tagen, so der Prälat.

Zusammen mit der Gottesmutter Maria drücke er mit den Gläubigen den Schmerz, die Trauer, die Wut und Unruhe aus, die alle angesichts der Verbrechen empfänden – und betone die „absolute Ablehnung“ jedweder Form von Gewalt.

Am vergangenen Freitag, den 8. November, war eine Gruppe von Demonstranten gewaltsam in die Pfarrei Mariä Himmelfahrt eingedrungen, um Bänke, Beichtstühle und religiöse Statuen und Bilder zu stehlen und damit eine Barrikade zu errichten.

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Die Kirche aus dem Jahr 1876 befindet sich in der Nähe der Plaza Italia, wo eine Demonstration gegen die Regierung Sebastián Piñeras stattfand.

Die Gruppe der Demonstranten plünderte nicht nur die Kirche, sondern zündete auch den Hauptsitz der Universität Pedro de Valdivia an, der sich ebenfalls nahe der Plaza Italia befindet.

„Uns schmerzen die materiellen Schäden, die letztendlich das Leben der Ärmsten treffen, aber vor allem schmerzen uns die Personen, die verletzt wurden, und die Toten. Für die Verstorbenen richten wir unser Gebet zum Gott der Barmherzigkeit“, erklärte der Prälat.

Der Bischof rief dazu auf, „für die Opfer, für alle, die leiden“ den Schutz der Jungfrau Maria zu erbitten und gemeinsam „drei Ave Maria für die Vergebung unserer Sünden zu beten, denn Gewalt und Ungerechtigkeit sind Beleidigungen Gottes und unsere Brüder und Schwestern. Ich schlage vor, dass sich jeder von uns, jede Gemeinde, zu einer solidarischen Aktion verpflichtet. In unserem Umfeld gibt es Menschen die leiden, die Gesellschaft und Hilfe brauchen.“

„Mit der ganzen Kraft unserer Stimme bitten wir unsere Brüder, unsere Mitbürger im Land, dass diese Gewalt ein Ende habe“, fuhr Aos fort.

„Euch, lieber Pfarrer und liebe Gemeindemitglieder der Pfarrei Mariä Himmelfahrt, gilt unsere Verbundenheit und unsere Solidarität in eurem Schmerz. Euch allen, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, wiederhole ich mit dem Apostel: Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute.“

Am Ende betonte der Bischof, dass „es Zeit ist, zur Jungfrau Maria zu eilen, und unseren Einsatz zu erneuern, Werkzeuge des Friedens zu sein.

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält.“

Susanne Finner trug zur Berichterstattung bei.

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#Splashamama -„Warum ich diese Figuren in den Tiber werfen musste!“

4. November 2019, 09:32

„Mir ging es ausschließlich darum, diesen sichtbaren Verstoß gegen das erste Gebot unmöglich zu machen“ – KATH.NET-Interview mit dem Österreicher Alexander T., der die #Pachamama-Statuen in den Tiber geworfen hat

Wien (kath.net)
In Rom haben sich während der Amazonas-Synode Katholiken dagegen zur Wehr gesetzt, in der katholischen Kirche Santa Maria in Traspontina im Rahmen einer die Synode begleitenden Veranstaltung mehrfach mit sogenannten Pachamama-Figuren „beglückt“ worden zu sein. Aktivisten haben diese aus der Kirche entnommen und dann in den Tiber geworfen. Hauptinitiator der Aktion war Alexander T. – kath.net-durfte mit dem Österreicher ein Gespräch über diese Aktion führen:

kath.net: Du hast gemeinsam mit anderen diese umstrittenen „Pachamama“-Figuren aus der römischen Kirche Santa Maria in Traspontina entfernt und in den Tiber geworfen. Wie kam es zu der Idee und was war Deine Motivation?

Alexander T.:
Als ich das erste Mal von der Synode hörte, habe ich begonnen, mich tiefgehend mit ihr zu beschäftigen. Zum Beginn der Synode bin ich dann nach Rom geflogen, um an mehreren Konferenzen teilzunehmen, die aus diesem Anlass stattgefunden haben. So hatte ich auch die Möglichkeit, mir die Kirche Santa Maria in Traspontina anzusehen. In der Kirche waren viele Freiwillige, die uns ausführlich über die Anliegen der Organisation „REPAM“ informiert haben, sozusagen die Vertretung einiger Indigener aus dem Amazonasgebiet. Vieles, was ich da gehört habe, fand ich wirklich schrecklich. Beispielsweise, dass es nicht gewollt ist, die Indigenen Menschen zu taufen. Auch Bischof Kräutler hat sich dementsprechend geäußert. Dann kam die Sprache auf die Statuen, die dort standen, und mir wurde erklärt, dass es sich hierbei um Fruchtbarkeitssymbole handelt und um die Darstellung von „Mutter Erde“.

Spätestens hier war mir völlig klar, dass es sich um etwas handelt, das im klaren Widerspruch zur katholischen Lehre steht. Als dann am selben Tag noch diese Rituale in den Gärten des Vatikans stattgefunden haben, reifte in mir der Gedanke, diese Statuen aus der Kirche zu entfernen. Zwei Wochen später habe ich dann den Entschluss gefasst, bin hingeflogen und habe es getan.

kath.net: War es notwendig, die Figuren in den Tiber zu werfen?

Alexander: Ich wollte dafür sorgen, dass diese Götzen nicht mehr in der Kirche und zu kirchlichen Zwecken benutzt werden. Daher schien es mir symbolisch am besten, sie in den Tiber zu werfen.

kath.net: Für diese Aktion gab es viel Lob von Katholiken, aber auch viel Kritik, unter anderem von Papst Franziskus selber. Wie gehst Du mit der Kritik um?

Alexander: Die Kritik galt vor allem meiner vermeintlichen Motivation. Viele sahen dahinter einen Akt gegen die Indigenen oder gegen den Heiligen Vater. Das ist aber nicht der Fall. Mir ging es ausschließlich darum, diesen sichtbaren Verstoß gegen das erste Gebot unmöglich zu machen. Es ist auch gelungen! Bei der Abschlussveranstaltung der Synode waren die Statuen nicht dabei.

kath.net: Bischof Kräutler möchte die nackten ‚Pachamama‘-Figuren auch in der Liturgie integrieren. Was sagst Du dazu?

Alexander: Das ist nicht möglich, wenn wir katholisch bleiben wollen. Entweder wir glauben an den dreifaltigen Schöpfergott, der die Erde geschaffen hat und uns seinen Sohn gesandt hat als Sühnopfer für unsere Sünden. Gott, der uns über alles liebt und uns daher retten will. Oder wir glauben daran, dass „Mutter Erde“ eine Göttin ist, mit all ihren Fehlern. Wenn die Erde Gott wäre, so wären ja auch alle Krankheiten, Missstände, all das physische Leid auch Gott. Gott hat aber alles perfekt geschaffen. Er hat uns zwar die Freiheit geschenkt, uns auch gegen Ihn entscheiden zu können, dennoch hat Er das Schlechte dieser Welt nicht geschaffen.

Daher ist es nicht möglich, die „Pachamamas“ in der Kirche zu nutzen. Es ist überhaupt nicht möglich, sie generell kirchlich als das anzuerkennen, was sie darstellen, nämlich eben jene „Mutter Erde“.

kath.net: Warum jetzt das „Outing“ und sind eventuell noch andere Protestaktionen geplant?

Alexander: Wären Namen und Gesichter früher bekannt gewesen, hätte sich jeder nur auf die Personen gestürzt, die daran beteiligt waren. Wir wollten, dass die Sache selbst im Mittelpunkt steht. Die Synode dient der Beratung des Heiligen Vaters. Da die Synodenväter den traditionellen Standpunkt der Kirche allerdings kaum berücksichtigt haben, wollten wir durch diese Aktion dem Heiligen Vater zeigen, dass viele Gläubige der traditionellen Lehre der Kirche sehr anhängen und überzeugt sind, dass diese nichts an ihrer Gültigkeit verloren hat.

Wir planen, für diese Überzeugungen auch in Zukunft einzutreten, sehen es aber nicht als unsere Aufgabe, Aktionismus zu betreiben. Dennoch wollten wir der Aktion ein Gesicht geben, da wir uns nicht verstecken möchten. Wichtig ist, dass die Menschen wieder die Lehre Christi unseres Herrn verstehen. Dann können sie den Problemen dieser Welt souverän entgegentreten. Wenn die Kirche die Lehre zu Gunsten des Zeitgeists verändert, verlieren die Gläubigen den Halt.

kath.net: Danke für das Interview

Alexander: Why we threw the Pachamama idols into the Tiber river



ODER VIMEO:

Why we threw the Pachamama idols into the Tiber river from kath.net on Vimeo.

Wurf der Pachamama-Statuen in den Tiber

Pachamamafiguren bei offizieller Zeremonie/Vatikanische Gärten in Anwesenheit von Papst Franziskus


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Syrien: Hilfsorganisationen warnen vor humanitärer Krise

Schätzungsweise 450.000 Menschen leben in einem Radius von fünf Kilometern an der syrisch-türkischen Grenze und befinden sich in unmittelbarer Gefahr. (AFP or licensors)

Die jüngste Militäroffensive im Nordosten Syriens droht tausende Zivilisten von Hilfe abzuschneiden, warnen 15 Hilfsorganisationen in einer gemeinsamen Presseaussendung. Die Grundversorgung mit Wasser und medizinischer Hilfe sei bereits unterbrochen, die Flucht habe eingesetzt, Zivilisten bräuchten Schutz.

Schätzungsweise 450.000 Menschen leben in einem Radius von fünf Kilometern an der syrisch-türkischen Grenze und befinden sich in unmittelbarer Gefahr. In der Region leben auch mehr als 90.000 intern vertriebene Menschen, die während des nunmehr seit acht Jahren andauernden Konfliktes in Syrien mindestens schon einmal gezwungen waren, ihr Zuhause zu verlassen.

Laut den Vereinten Nationen sind im Nordosten Syriens rund 1,65 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Gleichzeitig mussten Hilfsorganisationen ihre Programme teilweise aussetzen und Mitarbeiter evakuieren. Durch die anhaltende Krise in Idlib und den immensen Bedarf an humanitärer Hilfe im gesamten Land stehen Hilfsorganisationen bereits am Rande ihrer Kapazitäten.

Völkerrecht muss respektiert werden

Die 15 Hilfsorganisationen – darunter CARE, Ärzte der Welt, Aktion gegen den Hunger, Handicap International, International Rescue Committee, NRC Flüchtlingshilfe, Oxfam und World Vision – fordern die Konfliktparteien dazu auf, das humanitäre Völkerrecht uneingeschränkt zu respektieren und in besiedelten Gebieten keine explosiven Waffen einzusetzen. Es müsse dringend sichergestellt werden, dass alle Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung ergriffen werden, genauso wie dafür gesorgt werden müsse, dass Hilfsgüter uneingeschränkt zu den Betroffenen gelangten.

Menschen, die in den umkämpften Gebieten lebten, so die Hilfsorganisationen, dürften nicht von dort vertrieben werden. Gleichzeitig dürften geflüchtete Familien in der Türkei nicht zu einer Rückkehr nach Syrien gezwungen werden. Eine erzwungene Rückkehr berge große Gefahren, und die vor Ort tätigen humanitären Organisationen könnten kaum ausreichend Hilfe leisten. Nach Angaben der türkischen Regierung stammen schätzungsweise 83 Prozent der drei Millionen Syrer in der Türkei nicht aus dem Nordosten von Syrien.

Sicherheitslage in der Region sehr fragil

Die Sicherheitslage in der Region sei sehr fragil. Zehntausende Kämpfer und ihre Familien würden in Camps festgehalten. Alle Kinder hätten ein Recht auf Schutz und humanitäre Hilfe, schreiben die Hilfsorganisationen. Herkunftsländer müssten sich deshalb darum kümmern, die etwa 9.000 Kinder aus rund 40 Nationen im Nordosten von Syrien schnell wieder zurück nach Hause zu holen.

Die internationale Gemeinschaft müsse zudem jetzt dringend eine Lösung des Konfliktes einfordern. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen müsse die Notwendigkeit der Zurückhaltung durch alle Konfliktparteien betonen und die Bedeutung des Schutzes der Zivilbevölkerung und den uneingeschränkten Zugang zu humanitärer Hilfe bekräftigen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen trat zum Thema am Donnerstag zusammen.

(pm – pr)

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Einmarsch in Tel Abyad (AFP or licensors)

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) fordert, sämtliche Zahlungen Deutschlands und der Europäischen Union an die Türkei unverzüglich einzustellen, bis die türkische Militärintervention in Nordsyrien gestoppt wird.

Insbesondere dürfe Europa die Einrichtung der vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gewollten Schutzzone in Nordsyrien weder direkt noch indirekt unterstützen, so die vom deutschen Göttingen aus operierende Organisation.

„Europa darf keinesfalls aus Angst vor Flüchtlingen Verbrechen gegen die Menschlichkeit fördern“, erklärte GfbV-Direktor Ulrich Delius am Donnerstag. Ziel der sogenannten Schutzzone sei ein völkerrechtswidriger Bevölkerungsaustausch.

“ Bisherige Proteste sind halbherzig ”

Die bisherigen Proteste der EU gegen die türkische Militäroffensive seien halbherzig und wenig überzeugend, kritisiert die GfbV. So sei es anmaßend und realitätsfremd, wenn die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini Kurden und die türkische Regierung gleichermaßen zur Mäßigung auffordere, anstatt den Aggressor zu benennen und in die Pflicht zu nehmen. Einfache Appelle zur Mäßigung könnten den Schutz der Zivilbevölkerung vor neuer Gewalt nicht gewährleisten.

Das türkische Religionsministerium hat zudem angekündigt, am Freitag solle in allen Moscheen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) in Deutschland für eine schnelle und erfolgreiche Besetzung Nordostsyriens gebetet werden. Dies müsse die Bundesregierung scharf verurteilen.

Verbrechen nicht schönreden

„Schwere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen an der Zivilbevölkerung dürfen in Deutschland nicht schöngeredet oder verherrlicht werden“, so Delius. „Erst recht nicht schon wieder in DITIB-Moscheen, in denen bereits die völkerrechtswidrige Invasion des syrischen Afrin im Januar 2018 verherrlicht wurde.“

Die DITIB steht wegen ihrer Nähe zum türkischen Religionsministerium und dem Machtapparat Erdogans seit Jahren in Deutschland in der Kritik.

(pm – sk)