„Ich danke dem Herrn“ – Generalaudienz von Mittwoch, dem 5. Oktober 2016 — Volltext

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Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung
die vollständige Ansprache von Papst Franziskus
bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Wochenende habe ich eine apostolische Reise nach Georgien und Aserbaidschan unternommen. Ich danke dem Herrn, mir dies ermöglicht zu haben und erneuere den zivilen und religiösen Obrigkeiten dieser beiden Länder ein Zeichen meiner Dankbarkeit, insbesondere dem Patriarchen von ganz Georgien Ilia II. – dessen Zeugnis meinem Herzen und meiner Seele sehr gut getan hat – und dem Scheich der kaukasischen Muslime. Ein brüderlicher Dank gilt den Bischöfen, den Priestern und Ordensleute sowie allen Gläubigen, die mir ihre warme Zuneigung spüren ließen.

Diese Reise bildete die Fortsetzung und Vervollkommnung jener, die mich im Juni nach Armenien führte. Auf diese Weise konnte ich – Gott sei Dank – den Plan verwirklichen, alle drei kaukasischen Länder zu besuchen, um die in ihnen lebende katholische Kirche zu bestärken und den Weg in Richtung Frieden und Brüderlichkeit jener Bevölkerungen zu ermutigen. Dies verdeutlichten auch die beiden Mottos dieser letzten Reise: für Georgien lautete es: „Pax vobis“ und für Aserbaidschan „Wir sind alle Brüder“.

Beide Länder verfügen über sehr alte geschichtliche, kulturelle und religiöse Wurzeln. Zugleich durchleben sie jedoch eine neue Phase: So feiern beide in diesem Jahr ihre 25-jährige Unabhängigkeit, nachdem sie einen beträchtlichen Teil des 20. Jahrhunderts unter der sowjetischen Hegemonie gestanden waren. In dieser Phase sind sie in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert. Die katholische Kirche ist dazu aufgerufen, insbesondere im Zeichen der Nächstenliebe und der Förderung der Menschlichkeit gegenwärtig, nahe zu sein. In der Gewissheit, dass Gott der Vater aller ist und wir Brüder und Schwestern sind, versucht sie dies in Gemeinschaft mit den anderen Kirchen und christlichen Gemeinden und im Dialog mit den anderen Religionsgemeinschaften zu tun.

In Georgien verläuft diese Mission selbstverständlich über die Zusammenarbeit mit den orthodoxen Brüdern, die die große Mehrheit der Bevölkerung bilden. Der Umstand, dass mich bei meiner Ankunft am Flughafen von Tbilisi neben dem Präsidenten der Republik auch der verehrte Patriarch Ilia II. erwartete, war ein sehr wichtiges Zeichen. Die Begegnung mit ihm an jenem Nachmittag war bewegend ebenso wie der Besuch der Patriarchenkathedrale am Tag danach, in der die Reliquie der Tunika Christi als Symbol der Einheit der Kirche verehrt wird. Diese Einheit wird bestärkt vom Blut vieler Märtyrer der verschiedenen christlichen Konfessionen. Zu den am meisten geprüften Gemeinden zählt die assyro-chaldäische, mit der ich in Tbilisi einen innigen Gebetsmoment für den Frieden in Syrien, in Irak und im gesamten Mittleren Osten erlebte.

Die Messe mit den katholischen Gläubigen Georgiens – lateinischen, armenischen und assyro-chaldäischen – wurde im Gedenken an die hl. Therese vom Jesuskind, der Schutzpatronin der Missionen – gefeiert: Sie erinnert uns daran, dass wahre Mission nie Proselytismus ist, sondern die Anziehungskraft Christi ausgehend von der tiefen Einheit mit ihm im Gebet, in der Anbetung und der konkreten Nächstenliebe, die Dienst am im kleinsten der Brüder gegenwärtigen Jesus ist. Dies tun die Ordensleute, denen ich in Tbilisi und dann auch in Baku begegnet bin: Sie tun es mit dem Gebet und den karitativen und fördernden Werken. Ich ermutigte sie dazu, mit Gedächtnis, Mut und Hoffnung standhaft im Glauben zu sein. Und dann gibt es christliche Familien: Wie kostbar sind ihre empfangende Gegenwart, ihre Begleitung, ihr Urteilsvermögen und ihre Integration in die Gemeinschaft!

Dieser Stil evangelischer Gegenwart als Samen des Reiches Gottes ist, sofern möglich, noch notwendiger in Aserbaidschan, wo der Großteil der Bevölkerung muslimisch ist und sich die Zahl der Katholiken auf wenige Hunderte beschränkt. Gott sei Dank sind die Beziehungen zu allen jedoch gut. Insbesondere werden brüderliche Bindungen mit den orthodoxen Christen aufrechterhalten. Aus diesem Grund erlebten wir in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, zwei Momente erlebt, die der Glaube im rechten Verhältnis zu halten vermag: die Eucharistie und die interreligiöse Begegnung. Die Eucharistie mit der kleinen katholischen Gemeinde, in der der hl. Geist die verschiedenen Sprachen in Einklang bringt und die Kraft des Zeugnisses spendet; und diese Gemeinschaft in Christi – anstatt hinderlich zu sein – drängt zur Suche nach der Begegnung und dem Dialog mit all jenen, die an Gott glauben, um gemeinsam eine gerechtere und brüderliche Welt zu bauen. In diesem Sinne äußerte ich den Obrigkeiten Aserbaidschans gegenüber die Hoffnung, dass man gute Lösungen für die offenen Fragen finden möge und alle kaukasischen Bevölkerungen im Frieden und in gegenseitiger Achtung leben.

Gott segne Armenien, Georgien und Aserbaidschan und begleite den Weg seines heiligen pilgernden Volkes in jenen Ländern.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Generalaudienz, 5. Oktober 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Berufung zu Offenheit und Begegnung

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Am 2. Oktober traf Papst Franziskus in der „Heydar-Aliyev“-Moschee in Baku (Aserbaidschan) mit dem Scheich und Repräsentanten der anderen Religionsgemeinschaften des Landes zusammen. In seiner Ansprache betont der Heilige Vater die Bedeutung der Religionen als Sinnstifter. Von Papst Franziskus

Hier zusammen zu sein, ist ein Segen. Ich möchte dem Ratspräsidenten der kaukasischen Muslime, der uns mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit Gastfreundschaft gewährt, sowie den örtlichen religiösen Würdenträgern der russisch-orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinden danken. Es ist ein bedeutendes Zeichen, dass wir uns hier an diesem Ort des Gebetes in brüderlicher Freundschaft begegnen – ein Zeichen, das jene Harmonie zum Ausdruck bringt, die die Religionen gemeinsam aufbauen können, ausgehend von den persönlichen Beziehungen und dem guten Willen der Verantwortlichen. Beweis dafür sind hier zum Beispiel die konkrete Hilfe, die der Ratspräsident der Muslime in mehreren Fällen der katholischen Gemeinschaft gewährt hat, und die weisen Ratschläge, die er ihr in familiärer Gesinnung mitteilt. Hervorzuheben sind auch das gute Verhältnis, das die Katholiken in konkreter Brüderlichkeit und täglicher liebevoller Zuneigung mit der orthodoxen Gemeinschaft verbindet – ein Vorbild für alle –, sowie die herzliche Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde.

Von dieser Eintracht profitiert Aserbaidschan, das sich durch seine Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft auszeichnet – Gaben, die ich an diesem denkwürdigen Tag, für den ich sehr dankbar bin, erfahren konnte. Hier ist man bestrebt, das bedeutende Erbe der Religionen zu bewahren, und zugleich sucht man nach einer größeren und fruchtbaren Öffnung. So findet zum Beispiel auch der katholische Glaube Raum und Harmonie unter den anderen, wesentlich zahlreicher vertretenen Religionen. Das ist ein konkretes Zeichen, das zeigt, wie nicht der Gegensatz, sondern die Zusammenarbeit hilft, bessere und friedliche Gesellschaften aufzubauen. Unser Zusammensein liegt auch in der Kontinuität mit den zahlreichen Begegnungen, die in Baku stattfinden, um den Dialog und die Multikulturalität zu fördern. Wenn man der Aufnahme und der Integrierung die Türen öffnet, dann öffnen sich die Türen der Herzen jedes Einzelnen und die Türen der Hoffnung für alle.

Ich bin zuversichtlich, dass dieses Land als „Tor zwischen Ost und West“ (Johannes Paul II., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie [22. Mai 2002]: L?Osservatore Romano [dt.] Jg. 32, Nr. 22 [31. Mai 2002], S. 7) immer seine Berufung zu Offenheit und Begegnung pflegen wird; es sind dies unerlässliche Bedingungen, um haltbare Brücken des Friedens und eine menschenwürdige Zukunft aufzubauen. Die Brüderlichkeit und das Miteinander, die wir mehren möchten, werden bei denen, die Trennungen hervorheben, Spannungen neu entfachen und aus Gegensätzen und Streitigkeiten Gewinn ziehen wollen, keinen Beifall finden; von denen, die das Gemeinwohl anstreben, werden sie jedoch inständig erfleht und erwartet. Und vor allem sind sie dem mitleidigen und barmherzigen Gott wohlgefällig, der will, dass die Söhne und Töchter der einen Menschheitsfamilie enger miteinander verbunden und immer im Dialog sind. Ein großer Dichter, ein Sohn dieses Landes, hat geschrieben: „Wenn du Mensch bist, mische dich unter die Menschen, denn den Menschen geht es gut in gegenseitiger Gesellschaft“ (Nizami Ganjavi, Das Alexanderbuch, I, Über den eigenen Zustand und den Lauf der Zeit). Sich den anderen zu öffnen, macht nicht ärmer, sondern es bereichert, denn es hilft, menschlicher zu sein: sich als aktiven Teil eines größeren Ganzen zu erkennen und das Leben als ein Geschenk für die anderen zu verstehen; als Ziel nicht die eigenen Interessen zu betrachten, sondern das Wohl der Menschheit; ohne Schwärmereien und ohne Formen von Interventionismus zu handeln, ohne schädliche Einmischungen und Zwangsmaßnahmen zu vollziehen, sondern stattdessen immer die geschichtlichen Entwicklungen, die Kulturen und die religiösen Traditionen zu respektieren.

Gerade die Religionen haben eine große Aufgabe, nämlich die Menschen auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens zu begleiten und ihnen zu helfen zu begreifen, dass die begrenzten Fähigkeiten des Menschen und die Güter dieser Welt niemals zu absoluten Größen werden dürfen. Wieder ist es Nizami, der schreibt: „Setze nicht endgültig auf deine Kräfte, solange du im Himmel keine Wohnung gefunden hast! Die Früchte der Welt sind nicht ewig, verehre nicht das Vergängliche!“ (Leila und Madschnun, Der Tod Madschnuns auf Leilas Grab). Die Religionen sind berufen, uns begreifen zu lassen, dass die Mitte des Menschen außerhalb seiner selbst liegt, dass wir auf die endlose Höhe hin ausgestreckt sind und zum anderen hin, der unser Nächster ist. Dorthin soll das Leben sich auf den Weg machen: zur erhabensten und zugleich konkretesten Liebe. Sie muss der Gipfel jedes echten religiösen Strebens sein, denn – wie noch einmal der Dichter sagt – „Liebe ist das, was sich nie ändert, Liebe ist das, was kein Ende hat“ (ebd. Die Verzweiflung des Madschnun). Die Religion ist also für den Menschen eine Notwendigkeit, um sein Ziel zu verwirklichen, ein Kompass, um ihn zum Guten hin zu orientieren und ihn vom Bösen abzuhalten, das immer an der Tür seines Herzens lauert (vgl. Gen 4, 7). In diesem Sinn haben die Religionen eine Erziehungsaufgabe, nämlich zu helfen, das Beste des Menschen zum Vorschein zu bringen.

Und wir tragen als Leiter eine große Verantwortung, der Suche des Menschen, der sich heute oft in den schwindelerregenden Paradoxien unserer Zeit verliert, echte Antworten zu bieten. Tatsächlich sehen wir, wie in unseren Tagen einerseits der Nihilismus derer grassiert, die an nichts mehr glauben, außer an die eigenen Interessen, Nutzen und Vorteile, und das Leben wegwerfen, indem sie sich nach dem Spruch richten: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt“ (vgl. F. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasow, XI, 4.8.9). Andererseits treten immer mehr die starren und fundamentalistischen Reaktionen derer zutage, die mit verbaler und tätlicher Gewalt extreme und radikalisierte Haltungen durchsetzen wollen, die denkbar weit entfernt sind vom lebendigen Gott.

Im Gegensatz dazu sind die Religionen, die ja helfen, das Gute zu erkennen und durch Werke, Gebet und die Mühe der Arbeit an sich selbst praktisch umzusetzen, dazu berufen, die Kultur der Begegnung und des Friedens aufzubauen, die aus Geduld, Verständnis und bescheidenen konkreten Schritten besteht. So wird der menschlichen Gesellschaft gedient. Diese ist ihrerseits stets gehalten, die Versuchung zu überwinden, sich des religiösen Faktors zu bedienen: Die Religionen dürfen niemals instrumentalisiert werden und dürfen nicht dafür herhalten, Konflikte und Gegensätze zu begünstigen.

Fruchtbar ist hingegen eine ehrbare Verbindung zwischen Gesellschaft und Religionen, eine respektvolle Allianz, die aufgebaut und gehütet werden muss und die ich mit einem Bild symbolisieren möchte, das diesem Land viel bedeutet. Ich beziehe mich auf die wertvollen, künstlerisch gestalteten Glasfenster, die es seit Jahrhunderten in dieser Gegend gibt und die nur aus Holz und buntem Glas bestehen (Shebeke). Bei ihrer handwerklichen Fertigung gibt es eine einzigartige Besonderheit: Es werden weder Klebstoff noch Nägel verwendet, sondern Holz und Glas werden zusammengehalten, indem sie in langer, sorgfältiger Arbeit ineinander verschachtelt werden. So hält das Holz das Glas, und das Glas lässt Licht einfallen. Genauso ist es Aufgabe jeder Zivilgesellschaft, die Religion zu unterstützen, die das Einfallen eines zum Leben unerlässlichen Lichtes ermöglicht. Und darum ist es notwendig, der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren. Es dürfen also nicht die künstlichen „Klebstoffe“ verwendet werden, die den Menschen zwingen zu glauben, indem man ihm ein bestimmtes Credo aufoktroyiert und ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, und es dürfen in die Religion auch nicht die äußeren „Nägel“ der weltlichen Interessen und der Macht- und Geldgier eindringen. Denn Gott darf nicht für partielle Interessen und egoistische Zwecke angerufen werden, er kann keine Form von Fundamentalismus, Imperialismus oder Kolonialismus rechtfertigen. Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes! Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen.

Ehren wir dagegen die umsichtige göttliche Barmherzigkeit uns gegenüber mit dem beharrlichen Gebet und dem konkreten Dialog, der eine „notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften“ ist (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 250). Gebet und Dialog stehen in einer engen Wechselbeziehung zueinander: Sie führen zur Öffnung des Herzens und streben dem Wohl der anderen zu, bereichern und stärken sich also gegenseitig. Fest überzeugt und in Kontinuität mit den Zweiten Vatikanischen Konzil „mahnt [die katholische Kirche] ihre Söhne [und Töchter], dass sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen [den Bekennern anderer Religionen] finden, anerkennen, wahren und fördern“ (Erkl. Nostra aetate, 2). Kein „versöhnlicher Synkretismus“ und keine „diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251), sondern mit den anderen sprechen und für alle beten: das sind unsere Mittel, um Lanzen in Winzermesser zu verwandeln (vgl. Jes 2, 4), um Liebe aufkommen zu lassen, wo Hass herrscht, und Vergebung, wo Verletzung schmerzt, damit wir nicht müde werden, Wege des Friedens zu erflehen und zu gehen.

Wege eines wahren Friedens, der auf gegenseitige Achtung, Begegnung und ein Miteinander-Teilen, auf den Willen, über Vorurteile und Schuld der Vergangenheit hinauszukommen, sowie auf die Absage an Heuchelei und parteiliche Interessen gegründet ist; eines dauerhaften Friedens, der beseelt ist von dem Mut, die Barrieren zu überwinden, die Situationen von Armut und Ungerechtigkeit auszurotten, die Verbreitung von Waffen und die ungerechten Profite auf Kosten der anderen anzuzeigen und ihnen Einhalt zu gebieten.

Allzu viel Blut schreit vom Boden der Erde, unseres gemeinsamen Hauses, zu Gott (vgl. Gen 4, 10). Jetzt sind wir aufgefordert, eine Antwort zu geben, die nicht mehr hinausgezögert werden kann, und gemeinsam eine Zukunft des Friedens aufzubauen: Es ist nicht der Moment gewaltsamer und schroffer Lösungen, sondern die drängende Stunde, geduldige Prozesse der Versöhnung einzuleiten. Die wirkliche Frage unserer Zeit ist nicht die, wie wir unsere Interessen verfolgen können – das ist nicht die wirkliche Frage! –, sondern welche Lebensperspektiven wir den kommenden Generationen bieten, wie wir eine Welt hinterlassen können, die besser ist als die, welche wir empfangen haben. Gott und die Geschichte selbst werden uns fragen, ob wir uns heute für den Frieden eingesetzt haben; schon jetzt fragen uns traurig danach die jungen Generationen, die sich eine andere Zukunft erträumen. Mögen die Religionen in der Nacht der Konflikte, die wir durchmachen, Morgenröte des Friedens, Samen der Wiedergeburt unter den Verwüstungen des Todes, unermüdlich tönender Widerhall des Dialogs und Wege der Begegnung und der Versöhnung sein, um dorthin zu gelangen, wo die offiziellen Vermittlungsversuche keinen Erfolg zu erzielen scheinen.

Mögen die Religionen besonders in dieser geschätzten kaukasischen Region, die zu besuchen ich so ersehnt habe und in die ich als Pilger des Friedens gekommen bin, aktive Mittel zur Überwindung der Tragödien der Vergangenheit und der Spannungen von heute sein. Mögen die unschätzbaren Reichtümer dieser Länder erkannt und genutzt werden: Die alten und immer neuen Schätze der Weisheit, Kultur und Religiosität der Kaukasusvölker sind eine reiche Ressource für die Zukunft der Region und insbesondere für die europäische Kultur – kostbare Güter, auf die wir nicht verzichten können. Danke.

Quelle – © Copyright – Libreria Editrice Vaticana

Die Papstansprache an Bischöfe und Diplomatisches Korps

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Am Rand des Papstbesuchs in Georgien

Die Ansprache des Papstes bei der Begegnung mit Bischöfen und Priestern,
Vertretern des öffentlichen Lebens und dem Diplomatischen Korps
in Mzcheta in der orthodoxen Swetizchoweli-Kathedrale,
am 1. Oktober 2016.

 

Heiligkeit,
Herr Premierminister,
sehr geehrte geistliche und zivile Würdenträger,
verehrte Mitglieder des Diplomatischen Korps,
liebe Bischöfe und Priester,
liebe Brüder und Schwestern,

auf dem Höhepunkt meiner Pilgerreise in das Land Georgien bin ich Gott dankbar, dass ich in diesem heiligen Gotteshaus in innerer Sammlung verweilen darf. Hier möchte ich auch von Herzen für die Aufnahme danken, die mir zuteil geworden ist, sowie für Ihr bewegendes Glaubenszeugnis und das gute Herz der Georgier. Heiligkeit, mir kommen die Psalmworte in den Sinn: » Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Das ist wie köstliches Salböl, das vom Kopf hinabfließt « (Ps 133,1-2). Lieber Bruder, möge der Herr, der uns die Freude bereitet hat, einander zu begegnen und mit dem heiligen Kuss zu begrüßen, über uns das duftende Salböl der Eintracht ausgießen und unseren Weg und den Weg dieses geschätzten Volkes mit reichen Gnaden überströmen.

Die georgische Sprache ist reich an bedeutungsvollen Ausdrücken, welche die Brüderlichkeit, die Freundschaft und die Nähe zwischen den Menschen beschreiben. Darunter gibt es einen, der – ganz edel und echt –die Bereitschaft zeigt, den anderen zu vertreten, ihn gleichsam auf sich zu nehmen, ihm mit dem eigenen Leben zu sagen: Ich möchte an deiner Stelle stehen: shen genatsvale. In der Gebetsgemeinschaft und der geistigen Verbundenheit die Freuden und Ängste miteinander zu teilen und einer des anderen Last zu tragen (vgl. Gal 6,2) – diese brüderliche christliche Haltung möge den Weg unseres Miteinanders kennzeichnen.

Diese großartige Kathedrale, die viele Schätze des Glaubens und der Geschichte hütet, lädt uns ein, der Vergangenheit zu gedenken. Und das ist überaus notwendig, denn » der Niedergang des Volkes beginnt da, wo die Erinnerung an die Vergangenheit aufhört « (Ilia Tschawtschawadse, Das Volk und die Geschichte, in Iweria, 1888). Die Geschichte Georgiens ist wie ein altes Buch, das auf jeder Seite von heiligen Zeugen und christlichen Werten erzählt, welche die Seele und die Kultur des Landes geprägt haben. Gleichwohl erzählt dieses kostbare Buch auch von Gesten großer Offenheit, Aufnahme und Integration. Das sind unschätzbare und stets geltende Werte, für dieses Land und für die gesamte Region. Es sind Schätze, welche die christliche Identität gut zum Ausdruck bringen. Diese bleibt als solche erhalten, wenn sie fest im Glauben verankert und zugleich immer offen und ansprechbar ist, niemals starr und verschlossen.

Die christliche Botschaft – dieser heilige Ort erinnert daran – ist im Laufe der Jahrhunderte der Pfeiler der georgischen Identität gewesen: Sie hat inmitten vieler Erschütterungen Beständigkeit geschenkt, auch wenn das Land sich leider nicht selten in der Situation befand, bitter sich selbst überlassen zu sein. Doch der Herr hat das geliebte Land Georgien nie verlassen, denn er ist » treu in all seinen Worten, voll Huld in all seinen Taten. Der Herr stützt alle, die fallen, und richtet alle Gebeugten auf « (Ps 145,13-14).

Die zarte und mitfühlende Gegenwart des Herrn ist hier in besonderer Weise durch das Zeichen des Heiligen Rocks dargestellt. Das Geheimnis des Untergewands, » das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war « (Joh 19,23), hat von Anfang an die Aufmerksamkeit der Christen angezogen. Ein antiker Kirchenvater, der heilige Cyprian von Karthago, hat gesagt, dass in dem ungeteilten Untergewand Jesu jenes » Band der Eintracht« aufscheint, » das untrennbar vereint «, jene » Einheit, die von oben kommt, das heißt vom Himmel und vom Vater, und die schlechterdings nicht zerrissen werden konnte « (De catholicae Ecclesiae unitate, 7: SCh 1 [2006], 193). Der Heilige Rock, ein Geheimnis der Einheit, ermahnt uns, tiefen Schmerz über die Spaltungen zu empfinden, die sich im Laufe der Geschichte zwischen den Christen vollzogen haben: Es sind regelrechte Risswunden, die dem Leib des Herrn zugefügt wurden. Doch die „Einheit, die von oben kommt“, und die Liebe Christi, der uns zusammengeführt hat, indem er uns nicht nur sein Gewand, sondern seinen eigenen Leib schenkte, drängen uns zugleich, nicht aufzugeben und uns nach seinem Beispiel selbst als Opfer darzubringen (vgl. Röm 12,1): Sie treiben uns an zu aufrichtiger Liebe und zu gegenseitigem Verständnis, dazu, die Risswunden wieder zu schließen, beseelt von einem Geist lauterer christlicher Brüderlichkeit. All das verlangt ein sicherlich geduldiges Voranschreiten, das in Vertrauen zum anderen und in Demut geübt werden muss, aber ohne Angst und ohne den Mut zu verlieren, sondern in der frohen Gewissheit, welche die christliche Hoffnung uns im Voraus genießen lässt. Sie spornt uns an zu glauben, dass die Gegensätze behoben und die Hindernisse beseitigt werden können; sie lädt uns ein, uns niemals Gelegenheiten zu Begegnung und Dialog entgehen zu lassen und das bereits Bestehende gemeinsam zu hüten und zu verbessern. Ich denke zum Beispiel an den laufenden Dialog in der Gemischten Internationalen Kommission und an andere nützliche Gelegenheiten zum Austausch.

Der heilige Cyprian sagte auch, dass das Untergewand Christi, » einzigartig, ungeteilt und ganz aus einem einzigen Stück bestehend, die untrennbare Einmütigkeit unseres Volkes – von uns Christen – bezeichnet, die wir uns mit Christus bekleidet haben « (ebd. 195). Der Apostel Paulus bestätigt ja, dass alle, die auf Christus getauft sind, Christus gleichsam als Gewand angezogen haben (vgl. Gal 3,27). Darum sind wir trotz unserer Grenzen und jenseits jeder späteren geschichtlichen und kulturellen Unterscheidung berufen, » „einer“ in Christus Jesus « (Gal 3,28) zu sein und nicht die Unstimmigkeiten und die Trennungen unter den Getauften an die erste Stelle zu setzen, denn was uns eint, ist wirklich viel mehr als das, was uns trennt.

In dieser Patriarchalbasilika empfangen viele Brüder und Schwestern die Taufe. Für dieses Sakrament hat die georgische Sprache ein Wort, das sehr schön das in Christus empfangene neue Leben zum Ausdruck bringt: Es bezeichnet eine Erleuchtung, die allem Sinn verleiht, weil sie aus der Dunkelheit herausführt. Auch das Wort für „Erziehung“ entspringt im Georgischen der gleichen Wurzel und ist daher eng mit der Taufe verwandt. So lässt der Adel der Sprache an die Schönheit eines christlichen Lebens denken, das von Anfang an lichtvoll ist und so bleibt, wenn es im Licht des Guten verharrt und die Finsternis des Bösen verwirft; wenn es durch die Bewahrung der Treue zu den eigenen Wurzeln sich nicht einem Sich-Verschließen beugt, welches das Leben verdunkelt, sondern immer bereit bleibt, aufzunehmen und zu lernen und sich von allem Guten und Wahren erleuchten zu lassen. Mögen die glänzenden Reichtümer dieses Volkes erkannt und gewürdigt werden; möchten wir doch immer mehr in der Lage sein, die Schätze, die Gott jedem schenkt, miteinander zu teilen und uns gegenseitig zum Wachstum im Guten zu verhelfen!

Von Herzen versichere ich Ihnen mein Gebet, dass der Herr, der alles neu macht (vgl. Offb 21,5), auf die Fürsprache der heiligen Brüder Petrus und Andreas, der Märtyrer und aller Heiligen die Liebe unter den Christgläubigen mehre und die erhellende Suche nach allem, was uns einander näher bringt und miteinander versöhnt und vereint, steigere! Mögen Brüderlichkeit und Zusammenarbeit auf allen Ebenen zunehmen; mögen das Gebet und die Liebe uns immer mehr dazu führen, den Herzenswunsch des Herrn anzunehmen, der allen gilt, die durch das Wort der Apostel an ihn glauben: » Alle sollen eins sein« (vgl. Joh 17,20-21).

(rv 01.10.2016 mg)

Papstmesse: Georgiens Frauen Vorbild einer Kirche des Trostes

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Franziskus bei der Messe im Stadion von Tiflis

Franziskus hat in Georgien zu einer Kirche der Nächstenliebe aufgerufen und die Katholiken des Landes zu Offenheit und Dialog aufgefordert. An der Messe im Micheil-Meschi-Stadion nahm entgegen den Ankündigungen doch keine offizielle Delegation der georgisch-orthodoxen Kirche teil, auch Patriarch Ilia II. blieb dem Gottesdienst fern. Es war das bislang größte Treffen des Papstes mit Katholiken in Georgien.

Herzlicher Empfang im überschaubaren Rahmen: Das für rund 30.000 Menschen ausgelegte Sportstadion war lange nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch war die Freude der anwesenden Katholiken hör- und sichtbar: Franziskus-Rufe, viele Fotos und Winken begleiteten die Papst-Einfahrt ins Sportstadion im offenen Papamobil. In seiner Predigt zeichnete der Papst einmal mehr die Vision einer barmherzigen Kirche, die für die Menschen da sein und hinausgehen muss. Kirche soll Trost spenden – ausgehend vom Buch Jesaja erinnerte Franziskus an den Auftrag der Nächstenliebe und rief zur Gewissenserforschung auf. Jeder Christ solle sich fragen: „Ich bin in der Kirche, bin ich auch Überbringer des Trostes Gottes? Verstehe ich es, den anderen als Gast aufzunehmen und den zu trösten, den ich müde und enttäuscht sehe? Auch wenn er Betrübnis erleidet und auf Verschlossenheit stößt, ist der Christ immer aufgerufen, dem, der sich aufgegeben hat, Hoffnung zuzusprechen, den Entmutigten aufzurichten, das Licht Jesu zu bringen, die Wärme seiner Gegenwart, die Stärkung seiner Vergebung. (…) Den Trost Gottes empfangen und bringen: dieser Auftrag der Kirche ist dringend.“

Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids erteilte Franziskus ebenso entschieden eine Absage wie einer negativen Weltsicht, die Menschen in Erstarrung verfallen lasse und den Glauben an Gott schwäche: „Wenn sich (…) die Tür des Herzens schließt, kommt Sein Licht nicht an und man bleibt im Dunkel. Dann gewöhnen wir uns an den Pessimismus, an die Dinge, die nicht in Ordnung sind, an die Gegebenheiten, die sich nie ändern werden. Und am Ende verschließen wir uns in der Traurigkeit, in den Katakomben der Angst, allein in uns selbst. Wenn wir hingegen die Türen des Trostes aufreißen, tritt das Licht des Herrn ein!“

Absage an kirchliches Mikroklima

Die Kirche und jeder Christ müssten Hoffnung spenden, schärfte Franziskus seinen Zuhörern ein. Wer Trost suche, müsse Gott in seinem Leben „die Türen öffnen“. In der Glaubenspraxis seien diese „Türen des Trostes“ das Evangelium, Gebet und Anbetung sowie Beichte und Eucharistie. Die Kirche dürfe sich bei ihrem Auftrag aber nicht in sich selbst verschließen, mahnte der Jesuit: „Es tut nicht gut, sich an ein in sich geschlossenes kirchliches „Mikroklima“ zu gewöhnen; es tut uns gut, weite und offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen, indem wir in unserem Leben den demütigen Mut aufbringen, die Türen zu öffnen und aus uns selbst hinauszugehen.“ Ebenso dürfe die Institution heute nicht zum Sklaven einer Unternehmenslogik werden, die am eigentlichen Auftrag der Kirche vorbeigehe: „Selig die Hirten, die sich nicht auf das hohe Ross der Logik des weltlichen Erfolgs setzen, sondern dem Gesetz der Liebe folgen: durch Aufnahme, Zuhören und Dienen. Selig die Kirche, die sich nicht auf die Kriterien des Funktionalismus und der Organisationseffizienz verlässt und sich nicht um Imagepflege kümmert.“

Voraussetzung für diesen Modus des Dienens sei Demut, so Franziskus, „Kleinheit im Herzen“. So bestehe die „wahre Größe“ des Menschen doch darin, „sich vor Gott klein zu machen“, klein wie ein Kind. „Die Kinder, die keine Probleme haben, Gott zu verstehen, können uns vieles lehren: Sie sagen uns, dass er große Dinge mit dem vollbringt, der ihm keinen Widerstand leistet, der einfach und ehrlich ist und ohne Falschheit. Das zeigt uns das Evangelium, wo große Wunder mit kleinen Dingen gewirkt werden.“

Georgiens Frauen machen es vor

Am Gedenktag der heiligen Theresia vom Kinde Jesu hob der Papst die große Bedeutung der georgischen Frauen für die Glaubensgemeinschaft hervor. In einer Region, die bis heute mit politischen und ethnischen Spannungen zu kämpfen hat, seien es „Großmütter und Mütter“, „die beständig den Glauben, der von der heiligen Nino in diesem Land ausgesät wurde, hüten und weitergeben und das frische Wasser der Tröstung Gottes in viele Situationen der Wüste und des Konflikts hineintragen.“ Theresia stehe für einen solchen „kleinen Weg“ zu Gott, führte der Papst aus. Die junge Heilige und Kirchenlehrerin habe mit Demut, Hingabe und Dankbarkeit für den Nächsten gewirkt und sei so zu einer Expertin in der „Wissenschaft der Liebe“ geworden. Und er appellierte an die Pilger: „Kleine, geliebte Herde von Georgien, die du dich so der Nächstenliebe und der Bildung widmest, nimm die Ermutigung des Guten Hirten an, vertrau dich ihm an, der dich auf die Schultern nimmt und dich tröstet!“

(rv 01.10.2016 pr)

Der Papst im Patriarchenpalais: „Die Liebe richtet uns auf“

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Franziskus mit seinem Geschenk, dem Codex Pauli für den georgischen Patriarchen.

Papst Franziskus hat bei seinem Besuch am Sitz des orthodoxen Patriarchen in Tiflis die Brüderlichkeit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche bekräftigt. „Angesichts einer Welt, die nach Barmherzigkeit, Einheit und Frieden dürstet, verlangt sie von uns, dass diese Bande zwischen uns frischen Schwung und neues Feuer erhalten. Der Friedenskuss und unsere brüderliche Umarmung sind schon ein beredtes Zeichen davon.“

Das Verhältnis der georgisch-orthodoxen Kirche zu den orthodoxen Schwesterkirchen und anderen christlichen Konfessionen gilt als schwierig. Bei seiner Ankunft am Flughafen von Tiflis war Papst Franziskus von mehreren Dutzend Demonstranten mit Transparenten empfangen worden, die ihn als „nicht willkommen“ bezeichneten. Bereits in den vergangenen Tagen hatten ultrakonservative Anhänger der georgisch-orthodoxen Kirche vor der diplomatischen Vertretung des Heiligen Stuhls in Tiflis gegen den Papstbesuch protestiert. Patriarch Ilia II. verurteilte diese Kundgebungen.

Der 83-jährige Patriarch, seit 1977 an der Spitze der georgisch-orthodoxen Kirche, sprach seinerseits von einer brüderlichen Verbundenheit der Kirchen von Tiflis und Rom. Die Anwesenheit des Papstes nannte er einen „historischen Besuch“ und eine Stärkung für ganz Georgien. Der Begegnung wohnten auch Vertreter anderer Konfessionen wie etwa der armenischen Kirche sowie Repräsentanten nichtchristlicher Religionen bei.

Papst Franziskus nannte den orthodoxen Patriarchen in seiner Ansprache mehrfach „geliebter Bruder”. „Geliebter Bruder, lassen wir uns wieder neu vom Herrn Jesus anschauen, lassen wir uns weiter von seiner Einladung anziehen, das zurückzulassen, was uns davon abhält, gemeinsam Verkünder seiner Gegenwart zu sein,“ fuhr Franziskus fort.

Unterstützt würden die Kirchen von der Liebe, die der Herr verkörpere. Auch der große Dichter Georgiens aus dem 12. Jahrhundert, Schota Rustaweli, habe von dieser Liebe geschrieben: „Hast du gelesen, wie die Apostel über die Liebe schreiben, von ihr sprechen, sie loben? Erkenne es, wende deinen Sinn diesen Worten zu: Die Liebe richtet uns auf“. Franziskus: „Tatsächlich richtet uns die Liebe des Herrn auf, da sie uns erlaubt, uns über die Missverständnisse der Vergangenheit, über die Berechnungen der Gegenwart und über die Angst vor der Zukunft zu erheben.“

Franziskus schenkte dem Patriarchen einen über 400-seitigen „Codex Pauli“ anlässlich des 2.000. Geburtstages des Völkerapostels Paulus. Darin sind zahlreiche Illustrationen insbesondere aus Manuskripten der Abtei von Sankt Paul vor den Mauern abgebildet. Franziskus hob das kulturelle Erbe Georgiens hervor, das sich auf dieser Liebe gründe, sei es in der Musik, der Malerei, der Architektur und dem Tanz. „Sie, geschätzter Bruder, haben ihr einen würdigen Ausdruck verliehen, vor allem durch die Abfassung edler heiliger Hymnen; einige davon existieren sogar in lateinischer Sprache und sind der katholischen Tradition besonders teuer. Diese Hymnen bereichern Ihren Glaubens- und Kulturschatz, der ein einzigartiges Geschenk an die Christenheit und an die Menschheit darstellt und der allgemein eine größere Bekanntheit und Wertschätzung verdient.“

Franziskus erinnerte an die vielen Mönche und die zahlreichen Märtyrer Georgiens, deren Fürsprache auch heute noch die verfolgten Christen in der Welt tröste. Er erinnerte an die heilige Nino, deren besonderes Zeichen das Kreuz aus dem Holz eines Weinstocks war. „Damit aber das Evangelium auch heute Frucht bringt, wird von uns verlangt, geliebter Bruder, dass wir noch fester im Herrn bleiben und untereinander eins sind.“

(rv 30.09.2016 cz)

Franziskus erneut im Kaukasus

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Besucht Georgien und Aserbaidschan: Papst Franziskus nach seiner Ankunft auf dem Rollfeld des Flughafens von Tiflis. Foto: CNA

Der Papst lobt Georgien als „Brücke zwischen Europa und Asien“
und mahnt zum Frieden unter den Völkern.

Von Stephan Baier

 

Tiflis (DT) Mit einer Rede im Präsidentenpalast Georgiens hat Papst Franziskus am Freitagnachmittag in Tiflis (Tbilisi) seine zweite Kaukasus-Reise begonnen. Die erste führte ihn im Juni nach Armenien, nun besucht der Heilige Vater innerhalb von drei Tagen das orthodox geprägte Georgien und das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan. Georgien füge sich „auf fruchtbare und besondere Weise in den Schoß der europäischen Zivilisation ein“, sagte Franziskus vor Vertretern der Regierung, der Zivilgesellschaft und der Diplomatie. Das Land sei „eine natürliche Brücke zwischen Europa und Asien, ein Scharnier“. Der Papst mahnte zugleich eine „Gesinnung gegenseitiger Wertschätzung“ und – mit Blick auf die russische Aggression gegen Georgien und die gewaltsame Abspaltung zweier Gebiete – die „Achtung der souveränen Sonderrechte jedes Landes im Rahmen des internationalen Rechts“ sowie ein „friedliches Zusammenleben unter den Nationen“ an.

Auch auf die ökumenisch angespannte Lage ging Franziskus im Präsidentenpalast ein. Die katholische Kirche sei seit Jahrhunderten im Land präsent und teile „die Freuden und die Sorgen des georgischen Volkes“, sagte der Papst, der die Orthodoxie daran erinnerte, dass „das gemeinsame Zeugnis der christlichen Tradition uns vereint“. Die georgische Orthodoxie gehört zu den Ökumene-Skeptikern unter den 14 autokephalen orthodoxen Kirchen und war aus diesem Grund dem Panorthodoxen Konzil auf Kreta ferngeblieben. Wenige Tage vor dem Papstbesuch sagte Patriarch Elias II. nun in Tiflis das ursprünglich geplante gemeinsame Gebet mit dem Papst ab. Dogmatische Verschiedenheiten stünden dem noch entgegen, meinte der kranke und gebrechliche, seit 1977 amtierende Patriarch, den Kenner des Landes für den am meisten Aufgeschlossenen unter den orthodoxen Hierarchen Georgiens halten. „In der Tradition der georgischen Gastfreundschaft“ wolle man den Papst empfangen, „und zwar wie einen Staatsführer“, teilte das Patriarchat mit.

Bischof Giuseppe Pasotto, der als Apostolischer Administrator für die Katholiken des lateinischen Ritus in der Kaukasus-Region zuständig ist, sagte am Donnerstag im Gespräch mit der „Tagespost“ in Tiflis, es habe eine „sehr kleine Demonstration gegen den Papstbesuch gegeben“, von rund 40 oder 50 Personen, begleitet von orthodoxen Priestern. Das sei für die Stimmung im Lande nicht repräsentativ. Der Patriarch habe daraufhin einen Brief an die Priester geschrieben, sie sollten nicht gegen den Papstbesuch demonstrieren: „Er hat uns nicht sehr verteidigt, aber doch ein wenig“, so Pasotto. Der Bischof räumte ein, dass „die georgisch-orthodoxe Kirche eine der am meisten verschlossenen in der orthodoxen Welt“ sei. Darum habe sie nicht am Panorthodoxen Konzil auf Kreta teilgenommen. Auch das jüngst verabschiedete Dokument von Chieti, das sogar die Zustimmung der russischen Orthodoxie fand, sei von der georgischen Orthodoxie nicht angenommen worden.

Von größter Bedeutung sei die katholische Universität in Tiflis, wo auch orthodoxe Laien Theologie studieren. Das seien „Samen für einen Wandel in der Zukunft“. Als Papst Johannes Paul II. Georgien 1999 besuchte, habe das Patriarchat den Gläubigen noch ausdrücklich verboten, zur Messe mit dem Papst zu gehen, diesmal jedoch seien rund die Hälfte der 60 000 Besucher der Papst-Messe am Samstag orthodox. Es gebe unter den Orthodoxen ein sehr großes Interesse am Besuch des Papstes. Er glaube aber, dass die Früchte dieses Papstbesuchs erst in fünf oder zehn Jahren sichtbar sein werden.

Pasotto berichtete im Gespräch mit dieser Zeitung von Diskriminierungen, etwa beim Bau von katholischen Kirchen: Wo der orthodoxe Priester sich dagegenstelle, wage der örtliche Bürgermeister nicht, den Katholiken die Zustimmung zum Kirchenbau zu geben. Auf die Frage, warum der Papst eine Region mit so wenigen Katholiken besuche, meinte Pasotto: „Um zu sehen, wie es dem Herzen geht, misst der Arzt den Puls an der Hand, also an der Peripherie des Körpers. Der Papst macht es genauso, wenn er an die Peripherie der Kirche geht.“ Als er vor zwei Jahren gehört habe, dass Franziskus Armenien besuchen werde, habe er im Vatikan deponiert, der Papst könne nicht nach Armenien gehen, ohne auch nach Georgien und Aserbaidschan zu reisen. „Das sind drei völlig verschiedene Länder derselben Region: Armenien ist armenisch-apostolisch, Georgien orthodox, Aserbaidschan ist muslimisch. Aber diese Länder bilden eine Einheit in ihrer Verschiedenheit.“

Der armenisch-katholische Erzbischof Raphael Minassian meinte am Donnerstagabend im Gespräch mit der „Tagespost“, beim Papstbesuch im Juni in Armenien sei die mit Rom verbundene Kirche an den Rand gedrängt worden. „Wir sollten gar nicht existieren“, so der unierte Erzbischof des armenischen Ritus mit Blick auf die Dominanz der armenisch-apostolischen Kirche beim Besuch von Franziskus in Armenien. Ähnliches drohe jetzt auch in Georgien, wo die armenisch-katholische Kirche mit rund 120 000 Gläubigen die größte unter den katholischen Ritengemeinschaften sei: „die Mehrheit in der Minderheit“. Unter den Katholiken des armenischen, chaldäischen und lateinischen Ritus gebe es allerdings keinerlei Spannungen.

Georgiens Staatspräsident Giorgi Margwelaschwili begrüßte den Papst am Freitag ausdrücklich als „Staatsoberhaupt der Vatikanstadt“ und rühmte die „besonderen Beziehungen unserer beider Länder“. Georgien sei sich stets der Unterstützung bewusst, die es vom Vatikan „auch in schwierigen Zeiten, nicht zuletzt während der jüngsten militärischen Aggression Russlands im August 2008“ erhalten habe. Der Präsident erinnerte auch daran, dass bereits die Apostel das Evangelium in Georgien predigten. „Georgien ist nicht nur ein Teil der europäischen Zivilisation, sondern einer der Architekten dieser Zivilisation“, so Margwelaschwili. Der Besuch des Papstes solle auch „eine kraftvolle Botschaft für die Sicherung von Frieden und Wohlstand in unserer Region“ sein.

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Quelle

Papst Franziskus ist nach Georgien abgeflogen

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Papst Franziskus beim Abflug in Rom

Um 9 Uhr römischer Zeit ist Papst Franziskus vom Flughafen Rom-Fiumicino nach Tiflis abgeflogen. Es ist seine 16. Auslandsreise in seinem Pontifikat. An Bord des Airbus A321 der Alitalia befinden sich neben rund zwei Dutzend Vatikanmitarbeitern etwa 70 Journalisten. Gut drei Monate nach seiner Armenien-Reise bricht Papst Franziskus an diesem Freitag erneut in den Kaukasus auf: Neben Georgien wird er am Sonntag Aserbaidschan besuchen.

In der georgischen Hauptstadt Tiflis wird er am Freitag um 13 Uhr römischer Zeit von Staatspräsident Giorgi Margwelaschwili empfangen, bevor er mit dem Patriarchen der Georgischen Orthodoxen Apostelkirche, Ilia II., zusammenkommt. Wie der Vatikan im Vorfeld erklärte, steht die Reise ganz im Zeichen des Friedens.

Der Papst fliegt über das Territorium von acht Staaten – Italien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Serbien, Bulgarien, Türkei und Georgien. Beim Überfliegen der Länder veröffentlicht das vatikanische Staatssekretariat jeweils eine Grußadresse an das dortige Staatsoberhaupt. Im Telegramm an Italiens Präsident Sergio Mattarella hebt Franziskus den Zweck seiner Reise hervor. Er wolle den Dialog zwischen Kulturen und Religionen fördern sowie den Weg zur Einheit der Christen bestärken, heißt es.

Am Sonntag reist der Papst dann weiter in das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan. Das Land liegt seit Ende der 80er Jahre im Konflikt mit Armenien um die vorwiegend von Armeniern bewohnte Region Berg-Karabach. Erst im April war der seit langem schwelende Konflikt wieder gefährlich aufgeflammt. Nach seinem Besuch in Armenien hatte Papst Franziskus beide Länder aufgerufen, weiter an einer Beilegung des Konflikts zu arbeiten.

(rv/afp/kna 30.09.2016 mg)