Erzbischof Joachim Kardinal Meisner Predigt anlässlich des 125. Geburtstages von Pater Josef Kentenich in Gymnich am 21. November 2010

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, verehrte, liebe Schwestern, liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Herrn!

„Du, Bethlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll“ (Mi 5,1), sagt der Prophet im Hinblick auf das Kommen Christi in Bethlehem. „Du, Gymnich, bist keineswegs die geringste Ortschaft unter den Ortschaften des Erftkreises, denn aus dir ging vor 125 Jah­ren Josef Kentenich hervor, der unserer Kirche und unserem Volk zum Segen geworden ist!

Es ist ein Geheimnis der göttlichen Vorsehung, dass wir diesen großen Christen aus kleinen Verhältnissen in Gymnich am Christkönigsfest feiern dürfen. Wirklich Großes hat der Allmächtige an ihm, an den kleinen Leuten getan. Das ist der Arbeitsstil Gottes.

1. Am 125. Geburtstag von Josef Kentenich, Ihres Gründers der Schönstattfamilie, haben wir uns zur Geburtstagsfeier vor dem Altare Gottes in seiner Heimatkirche versammelt. Wir sehen in ihm nicht nur den Stifter, den Gründer der Schönstattbewegung, sondern ein Landsmann der Gymnicher. Er ist auch ein Rheinländer, und darauf dürfen wir stolz sein.

Das Leben von uns Christen endet ja nicht mit dem Tod – ganz im Gegenteil! Bei den kanonisierten Seligen und Heiligen feiern wir geradezu ihren Todestag als ihren Geburtstag zum Ewigen Leben. Deshalb bedeutet der 125. Geburtstag von Pater Kentenich nicht eine vergangenheitsbezogene Gedächtnisfeier, sondern die gegenwärtige und zukunftsorientierte Begegnung mit diesem großartigen Christen, dem Gründer der Schönstattbewegung.

Das II. Vatikanische Konzil hat unsere geistlichen Bewegungen und Ordensfamilien aufgefordert, sich an ihrem Ursprungscharisma, an ihren Gründergestalten neu zu orientieren. Das bleibt zu allen Zeiten aktuell, weil alles in der Welt dem Verschleiß, dem Verbrauch, der Abnutzung und dem Altwerden unterworfen ist. Deshalb ist Erneuerung und Neuorientierung eine permanente Aufgabe für uns Christen.

Wir sind heute hier zusammengekommen, um einerseits Gott zu danken, dass er Pater Kentenich in dieses Leben gerufen und dass er ihn berufen hat, ihm und uns in dieser unwahrscheinlichen Weise zu dienen. Wir schauen aber auch auf diese große Gestalt des Rheinlandes, den Gründer der Schönstattbewegung, um neue Orientierung in neuen Verhältnissen zu suchen und zu finden.

2. Wie alle Gründergestalten hat Josef Kentenich im Leben der Gottesmutter Maria die authentische Auslegung des Christusgeheimnisses gefunden und praktiziert. Und in der Tat, das Marienleben ist das Grundmodell für das Leben nach den Evangelischen Räten inmitten der Kirche für das Heil der Welt. Damals wie heute und morgen ist und bleibt das so. Drei Kennworte prägen das Marienleben, die auch normativ für unser Dasein als Mitglieder der Schönstattbewegung, aber auch für uns als alle Christen sind. Diese drei Wor­te heißen: „Fiat!“, „Magnificat“, „Beata, quae credidisti“, d.h.: „Mir geschehe!“, „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“, „Glückselig bist du, Maria, weil du geglaubt hast“. Es geht um die Einwilligung, den Lobpreis und die Beglückwünschung, drei Grundantworten des Marienlebens auf das Christusereignis.

3. Zunächst wenden wir uns dem „Fiat“ zu. Vor dem Fiat steht die Herausforderung und die Zumutung Gottes an Maria: „Du sollst die Mutter des Herrn werden“. – „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34), ist die ratlose Antwort Mariens. Damals wie heute stehen wir wie Maria vor den Heraus­forderungen und Zumutungen Gottes. Wir haben alle unsere zahllosen Fragen: „Wie soll es heute geschehen mit der Weitergabe des Glaubens? Wie soll das geschehen mit dem Weiterleben unserer klösterlichen Ge­meinschaften? Wie soll das geschehen mit unserer Berufung in einer sozial total verwandelten Umwelt? Wie soll das geschehen mit der Unauflöslichkeit der Ehe oder mit der zölibatären Lebensform unserer Priester? Wie soll das geschehen mit der Zukunft unseres Volkes, wenn unsere Kinder zu Hunderttausenden getötet werden? Wie soll das alles geschehen? Jeder von uns könnte diese Fragelitanei beliebig erweitern, und jeder von uns hat ja auch seine speziellen Fragen: „Wie soll das geschehen?“ – Wie damals bei Maria.

Gott ist heute wie damals an seinen Zumutungen und an seinen Herausforderungen für uns erkennbar. Ist das nicht wirklich ein Erweis göttlichen Vertrauens, dass er uns heute in Kirche und Welt so viel zumutet? Ist das nicht ein Zeichen seines Vertrauens, dass er gleichsam seinen Mut in uns hineininvestiert? Denn auch uns gilt die Antwort an Maria: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Hören wir genau hin! Nichts ist unmög­lich! – Glaubst du das? Das ist die kürzeste Zusammenfassung des ganzen Credos. Bei Gott ist nichts unmög­lich! Gott hat seinen am Kreuz gestorbenen Sohn von den Toten wirklich und wahrhaft auferweckt. Ihm ist alles möglich. Dafür stehen das Leben und Sterben von Pater Kentenich. Wir brauchen nicht darüber zu theoretisieren, wir brauchen nur hinzublicken.

Und ist die fast 100-jährige Geschichte der Schönstattbewegung nicht ein schlagender Beweis für die Richtigkeit des Wortes: „Nichts ist unmöglich!“? Dazu sagt Maria: „Fiat“, dazu gibt sie ihr „Ja“ und „Amen“. Ich sage es noch einmal, das ist die kürzeste Glaubensformel, die unsere Welt am radikalsten verändert hat: „Fiat“ – Kleine Ursache, große Wirkung. Mich ergreift es immer, wenn ich in Kevelaer bin, da gibt es ein klei­nes vergilbtes, schäbiges Gebetbuchbildchen. Das lockt jedes Jahres eine Million Pilger an. – Kleine Ursache, große Wirkung. Glauben Sie das? In ihren kleinen Möglichkeiten verbergen sich Gottes unbegrenzte Mög­lichkeiten, denn bei ihm ist ja nichts unmöglich. Wieder die Frage: „Glaubst du das?“ – „Ja, Herr, ich glaube, aber hilf meinem Unglauben“, das wäre eine redliche Antwort. Denn wir brauchen einen Glauben, der nicht nur uns mit unseren Lasten trägt. Wir brauchen vielmehr einen Überschuss an Glauben, mit dem wir unsere glaubenslosen Zeitgenossen, mittragen müssen, wie Maria. Wir brauchen einen unverschämten Glauben, den Gott mit seiner Erfüllung beantworten kann. Darum lautet das erste Kennwort „Fiat“ – „Mir geschehe“.

4. Das zweite Kennwort ist das „Magnifikat“. Maria steht singend vor uns. Ihr Gründer, Pater Kentenich, ist ein Magnifikat-Mensch, der um seine eigene Kleinheit, aber gleichzeitig um die unwahrscheinliche Größe Gottes wusste. Darum war sein Berufslied trotz aller widrigen Umstände nicht das Miserere, sondern das Magnifikat. Es ist schon eigenartig: Maria ist nie dort zu finden, wo ihr Sohn Triumphe feiert: Bei der Verklä­rung auf dem Berg Tabor fehlt Maria; bei der wunderbaren Brotvermehrung, als man ihn zum König machen wollte, fehlt Maria; beim feierlichen Einzug in Jerusalem am Palmsonntag fehlt Maria; bei der Auferstehung am Ostertag fehlt Maria. Sie fehlt immer dort, wo sie sich im Lichte ihres Sohnes hätte sonnen können. Aber Maria ist immer dort zu finden, wo der Herr im Schatten steht: in der Armut der Krippe von Bethlehem; in der Bedrängnis der Flucht nach Ägypten; in der Demütigung durch seine Verwandten, die ihn für besessen hielten; in der Verlassenheit des Kreuzes auf Golgotha. Es war Petrus, nicht Maria, der den Herrn vom Kreuz fernhalten wollte und sich dafür den schärfsten Tadel aus dem Munde Jesu einhandelte, der über die Lippen Jesu gekommen ist: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! …denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt 16,23). Dort, wo nichts an Ruhm und Anerkennung zu holen ist, steht Maria bei ihrem Sohn. In einem modernen Hymnus heißt dasselbe so: „Kommt, lasst uns die Finsternis singend bestehen, in der er hängt, damit wir darinnen in die Sonne sehen, die uns umfängt!“.

Vielleicht darf ich fragen: „Wo haben wir unseren Standort? Wo ist denn Ihr Platz in der Heilsgeschichte Ihres Lebens?“ Josef Kentenich ist gleichsam ein Platzanweiser, und er führt die Regie. Ich bin der Meinung, nicht nur bei den Mitgliedern der Schönstattbewegung, sondern bei uns allen. Er stellte sich ausnahmslos neben die Mühseligen und Beladenen, neben all diejenigen, die in den Augen dieser Welt nichts gelten, aber mit denen sich Gott gleichsam in Jesus Christus identifiziert, indem er sagt: Was ihr für einen meiner ge­ringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (vgl. Mt 25,40). Das bleibt heute genauso aktuell wie vor 125 Jahren.

Unsere Kirche sitzt heute permanent auf der Anklagebank, weil sie sich an die Wahrheit Gottes gebunden weiß, für die Unantastbarkeit der ungeborenen Kinder und der alt gewordenen und der krank gewordenen Menschen, ohne Wenn und Aber. Stellen wir uns – wie Pater Kentenich – schützend vor die Wahrheit Gottes oder verkriechen wir uns ängstlich in die Mauselöcher der Feigheit und der Menschenfurcht? Die Menschen lächeln mitunter mitleidig über uns, weil wir noch an Gott glauben können. Gott würde doch unser Leben eingrenzen. Genau das Gegenteil ist der Fall! Unser Leben wird entgrenzt durch Gott. Siedeln wir uns deswe­gen auf Dauer an der Klagemauer dieser Welt an? „Kommt, lasst uns die Finsternis singend bestehen, in der er hängt, auf dass wir darinnen die Sonne sehen, die uns umfängt!“ – wie Maria, wie Josef Kentenich. Er war ein Sänger des Magnifikats, und er war kein Fachmann in Sachen Miserere. Das möge in Gegenwart und Zukunft bei in der Schönstattbewegung so bleiben!

5. Das dritte Kennwort Mariens heißt „Beata, quae credidisti“ – „Selig bist du, Maria, weil du geglaubt hast“. Maria glaubt im Mangel der Menschen an die Fülle Gottes. Deshalb sagt sie ja bei der Hochzeit zu Kana: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Und daraufhin wandelt der Herr das Wasser hinauf in Wein, der das Herz des Menschen erfreut. Und am Gründonnerstag wandelt er dann den Wein hinauf in sein eigenes Blut, das den Ewigkeitsdurst des Menschen stillt. Darum steht Maria unter dem Herzen ihres Sohnes am Kreuz, aus dem Blut und Wasser fließt (vgl. Joh 19,34), wie Johannes sagt. Maria löst diese Bewegung in Kana aus, die sich auf Golgotha vollendet. Sie führt die Menschen zu den vollen Krügen und an das offene Herz des Herrn. Alle Substanz ist zur Transsubstantiation da. Die Transsubstantiation aber ist zur Kommunion be­stimmt. Was heißt das? – Wasser wird in Wein gewandelt, und der Wein in Christi Blut. Er gibt uns Communio mit Christus, sodass wir seine Blutsverwandten werden mit ihm und mit Maria. „Wir kochen alle nur mit Wasser“, wie man zu sagen pflegt. Aber wie Maria sollen wir das Wasser unserer Tränen, das Wasser unserer Sorgen und Nöte, die Wasser unseres Versagens und unserer Verluste ihm hinhalten. Er vermag alles zu ver­wandeln, und zwar immer höher hinauf: Schuld in Vergebung; Verzweiflung in Hoffnung; Mangel in Fülle.

Gerade in der gegenwärtigen Situation unserer geistlichen Bewegungen und Ordensfamilien, wo wir ei­gentlich immer nur Rückgänge, Kleiner-werden und Geringer-werden zu registrieren haben, sind wir beru­fen, dagegen anzugehen. Dabei ist Pater Kentenich Ihnen und uns gleichsam eine Vorarbeiter. Es ist uns ge­rade in der heutigen Situation wirksam aufgetragen, Positives aus dem Negativen unseres Lebens zu machen. Das Kreuz war das Handwerkszeug in den Händen von Pater Kentenich. Und das Kreuz ist das Plus geworde­ne Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Und darum war Pater Kentenich ein Plustyp, ein solcher Plus­mensch. Gerade am Kreuz wird alle Sinnlosigkeit in Sinn umqualifiziert, alles Negative ins Positive umgestif­tet, jedes Minus ins Plus verwandelt. Sie sind seine Nachfolger, und darum ist unsere Berufung nie, Minusty­pen zu sein. Dann würden Sie die Berufung von Pater Kentenich verraten. Ihre Berufung ist es, Plusmenschen zu sein. Wir müssen das Minus– wie Maria – dem Herzen des Herrn hinhalten, anstatt nur über das Negative zu schimpfen. Wir wollen vielmehr helfen, es ins Positive zu verwandeln: alle Schwäche in Kraft; alle Resignation in Hoffnung; alle Kritik in Lobpreis. Dann heißt es auch für uns: „Selig bist du, weil du an die verwan­delnde Osterkraft des Kreuzes Christi geglaubt hast“.

Welche riesigen Lebensbereiche warten heute bei uns auf solche Verwandlungen ins Positive! Wir werden deshalb als Christen, namentlich Sie auch als Mitglieder der Schönstattbewegung, in nächster Zukunft nie arbeitslos werden. Alle Substanz ist zur Transsubstantiation bestimmt, alle Transsubstantiation aber zur Kom­munion, alle Substanz zur Verwandlung, das Verwandelte zur Kommunion. Verwandelte Menschen braucht unsere Umwelt, wie Pater Kentenich. Gerade in Ihrer speziellen Berufung als Schönstätter sind Sie heute in unsere Kirche und Gesellschaft mehr denn je gefragt. Es kann darum mit Ihnen wie mit Maria und wie mit Josef Kentenich kein schlechtes Ende nehmen – im Gegenteil! Zu dieser marianischen Berufung darf man Sie alle beglückwünschen! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

 

Empfang für Joachim Kardinal Meisner – Abschied aus dem Amt nach 25 Jahren

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Das II. Vatikanisches Konzil als Auftrag an Schönstatt

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Jubiläumsmotiv 2015 der Schönstatt-Bewegung in Deutschland (Grafik: Kiess)

Liebe Mitglieder und Freunde unserer Schönstatt-Bewegung!

Vor einem Jahr [2014] standen wir in Schönstatt kurz vor der Feier des 100. Jubiläums. Die Spannung stieg täglich, bis schließlich die Feiern in Schönstatt und Rom unsere Hoffnungen und Erwartungen mehr als erfüllten. In diesem Jahr dürfen wir weit stiller und besinnlicher andere wichtige Ereignisse unserer Geschichte wahrnehmen und nachbetrachten. Es jährt sich zum 50. Mal die Rückkehr Pater Kentenichs aus dem Exil. So fallen der Beginn seines Wirkens für die Schönstatt-Bewegung und seine letzte Schaffensphase im erinnernden Gedenken zusammen.

Am 17. September 1965 kam Pater Josef Kentenich nach 14 Jahren Verbannung aus seinem Exil in Milwaukee zurück nach Europa. Seine Rückkehr war die prompte Antwort auf die Bitte um seine Heimkehr, die sich mit der Einweihung des „Heiligtums der Einheit“ in Cambrai (Frankreich) verband. Ein Telegramm am Tag nach der Einweihung veranlasste ihn, seinen Koffer zu packen und sofort aus den USA nach Rom zu reisen. Dort wusste niemand etwas von dem Telegramm. Beim gerade stattfindenden II. Vatikanischen Konzil gab es Bemühungen um seine Rehabilitierung, die durch seine überraschende Rückkehr mehr belastet als gefördert wurden. Dennoch gelang es, dass er am 22. Oktober durch Papst Paul VI. rehabilitiert wurde und schließlich am Heiligen Abend 1965 wieder nach Schönstatt zurückkehren konnte.

II. Vatikanisches Konzil als Auftrag an Schönstatt

Kurz nach Ende des Konzils am 22.12.1965 hatte Pater Kentenich die Gelegenheit einer besonderen Audienz bei Papst Paul VI. Dieser drückte Anerkennung und Wohlwollen für ihn und sein Werk aus. Pater Kentenich erinnert sich: „Ich stehe da und höre still zu. Wenn ich Ihnen aber etwas wiedergeben sollte, könnte ich verzweifelt wenig sagen. Wissen Sie, weshalb? Es war eine einzige Lobrede.“1 Dann antwortete er dem Heiligen Vater: „Ich verspreche dem Papst im Namen der ganzen Familie, mich mit der Familie dafür einzusetzen, dass die postkonziliare Sendung der Kirche möglichst vollkommen verwirklicht würde. […] unter dem Schutze der Gottesmutter als Mutter der Kirche.“2 Das II. Vatikanische Konzil, das in der jüngeren Kirchengeschichte das einschneidendste Ereignis war, ist auch in der Schönstatt-Geschichte zu einem Wendepunkt und Neuanfang geworden. Wo es bisher Argwohn und Verdächtigungen gab, war nun Wohlwollen, Anerkennung und Freundschaft zu spüren.

50 Jahre nach dem Konzil wird diskutiert, was das Konzil gebracht und ob es sein Ziel erreicht habe. Wir erleben in den Jahrzehnten seit dem Konzil einen starken Rückgang der traditionellen Glaubenspraxis und eine Welle von Kirchenaustritten. Daraus schließen die einen, dass die Reformen verkehrt waren und zu stark mit der Tradition gebrochen hätten. Andere meinen, dass die Reformen nicht weit genug gegangen seien. Gemeinsam ist beiden die Sorge um die Zukunft der Kirche und die Weitergabe des Glaubens. Wie widersprüchlich man die Dinge sehen kann!

Ein geistlicher Dialog

Um richtig zu verstehen und zu deuten, glaube ich, ist es nötig, alle Stimmen zu hören. Im Dialog, im Aufeinander-Hören, können Menschen mit ihrer Sichtweise ihren Teil der Wahrheit zum Ganzen beitragen, sich gegenseitig ergänzen und korrigieren. Die Gemeinschaft der Gläubigen, – die Kirche als in Christus geeinte geistliche Wirklichkeit -, wird vom Heiligen Geist gelenkt. Die Suche nach Gottes Plänen für uns heute braucht Gebet, Einheit und Austausch. Erzbischof Robert Zollitsch hat 2010 zu einem Dialogprozess in der deutschen Kirche aufgerufen, der in den Jahren 2011 bis 2015 stattfand und in diesem Monat in Würzburg zu Ende gekommen ist. Es ging um eine Standortbestimmung 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil. Durch die Pfingstnovene, die zu Tausenden verbreitet wurde, haben wir diesen Gesprächsprozess im Gebet unterstützt. Gewiss bleibt die Frage, wie viel Wirkung diese Initiative hat, die in der eigenen kirchlichen Öffentlichkeit wenig ins Bewusstsein gekommen ist. Stattdessen prägen Schlagzeilen über Skandale einerseits wie auch positiv wahrgenommene Ereignisse in der Weltkirche um Papst Franziskus andererseits das Klima.

Viele Christen sind mit einem solchen geistlichen Dialogprozess nicht vertraut. Wir sind Sachdiskussionen oder rein fromme Andachten gewohnt. Für kirchliche Gremien ist es oft schon viel, wenn sie ein Gebet am Anfang einer Sitzung sprechen. Man arbeitet so, wie es im Beruf gefordert ist: planen, organisieren, diskutieren, machen … Dass man all das tun kann (und muss) und gleichzeitig auf eine tiefere geistliche Ebene kommen könnte, ist vielen fremd. Aber wie anders können wir darauf vertrauen, dass es Jesus Christus ist, der die Kirche führt, und nicht allein wir Menschen?

Vermutlich sind noch Jahrzehnte abzuwarten, bis eine Mehrheit in Übereinstimmung sagen wird, dass das Konzil ein notwendiges und zukunftsweisendes Ereignis war. Ich persönlich glaube daran. Ich sehe die jetzige Situation der Kirche als Folge einer Entwicklung, die lange vor dem Konzil begonnen hat. Es ist nicht Ursache einer Misere, sondern der Beginn einer Antwort, die noch lange nicht voll gegriffen hat. Pater Kentenich sieht sich und Schönstatt vom II. Vatikanischen Konzil bestätigt. Nach dem Konzil hat es die Kirche leichter, Schönstatt anzuerkennen. Kardinal Bea3 , der sich sehr für Pater Kentenich eingesetzt hatte, sagte zu ihm: „Ohne das Konzil wären Sie nie verstanden worden“.4

Die „Stimme“ Schönstatts in der Kirche

Auch in der Schönstattfamilie finden sich verschiedene kirchliche Positionen. Das führt notwendigerweise zu Spannungen. Pater Kentenich konnte so mit Spannungen umgehen, dass sie schöpferisch wurden. Was sagt Schönstatt zu dieser oder jener Frage? Wo ist unser Platz im Spektrum der Kirche? Wir brauchen die Fähigkeit, gemeinsam Antworten zu finden als Frucht eines Dialogs, der Spannungen aushält und schöpferisch wird. Das gelingt, wenn wir rückgebunden bleiben an Jesus Christus, um Seinen Geist bitten und im Liebesbündnis geeint sind.

Die Kirche braucht Schönstatt, das haben wir beim Jubiläum immer wieder gehört. Die Kirche braucht unsere Pädagogik; sie braucht unsere Sicht des Menschen; sie braucht unsere heiligen Orte. Sie braucht unser Apostolat, unsere missionarischen Einsätze, unsere Werke. Sie braucht unser Kirchenbild und unsere Vision. Sie braucht aber vor allem das gelebte Liebesbündnis; sie braucht uns als Familie, die das lebt und schenkt, wofür sie steht.

Im September gedenken wir auch des Heimgangs von Pater Kentenich am 15.9.1968. Auf seinem Sarkophag steht „Dilexit Ecclesiam – Er liebte die Kirche“.

Ich wünsche Ihnen viel Segen zum Bündnistag und die Zuversicht, dass Gott seine Kirche auch heute in die Zukunft führt!

P. Lothar Herter

Schönstatt–Bewegung Deutschland

1 Vortrag in Münster am 3. Januar 1966.
2 Ebd.
3 Augustin Kardinal Bea SJ (1881-1968) war ein Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche.
4 Zum Kirchenbild Pater Kentenichs:  Peter Wolf (Hrsg.), Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs. Ausgewählte Texte, Patris­ Verlag, Vallendar­ Schönstatt.

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Predigt von Kardinal Cláudio Hummes anlässlich der Gedenkmesse zur 100-Jahr-Feier der Priesterweihe Pater Kentenichs

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Verehrte Schönstattfamilie, liebe Mitbrüder im Priesteramt, Brüder und Schwestern,

es ist für mich eine große Freude, bei Ihnen sein zu dürfen und dieser heiligen Messfeier, mit der wir die 100-Jahr-Feier der Priesterweihe Ihres Gründers seligen Angedenkens, Pater Kentenich, begehen, vorzustehen. Ich darf mich bei den Verantwortlichen der Schönstattfamilie herzlich für die Einladung zu diesem Ereignis bedanken.

Der Rahmen, in dem diese Gedenkfeier stattfindet – am vergangenen 11. Juni wurde in Rom vom Papst das Priester-Jahr beendet – ist meiner Meinung nach bedeutungsvoll. Dieses besondere Jahr sollte eine Zeit der vertieften Reflexion über die priesterliche Identität sein und dazu führen, dass diese Identität auf neue Weise gelebt wird. Zu diesem Zweck sollten die Priester in ihrer Spiritualität und in ihrem Eifer bei der Wahrnehmung ihres Dienstes gestärkt werden. Hier darf ich, nebenbei gesagt, auch für den wertvollen Beitrag danken, den Ihre Priestergemeinschaften während der Tage des Abschlusstreffens in Rom mit dem Abend, der in der Audienzhalle gestaltet wurde, geleistet haben. Nun bietet uns auch die Gedenkfeier zum hundertsten Jahrestag der Priesterweihe Pater Kentenichs eine gute Gelegenheit, um über das Priestertum nachzudenken. Dazu möchte ich auf einige Gedanken eingehen, die der Heilige Vater bei der Predigt geäußert hat, die er am vergangenen 11. Juni bei der Konzelebration mit 15.000 Priestern auf dem Petersplatz im Rahmen der Abschlussfeier des Priester-Jahres hielt. In seiner Predigt führt uns der Papst zurück zu den Quellen, die das geweihte Priestertum in Gott, ja, in der Tiefe der barmherzigen Liebe Gottes zur Menschheit, hat.

So führt der Papst aus: „Die Religionen der Welt haben […] immer gewusst, dass es letztlich nur einen Gott gibt. Aber dieser Gott war weit weg. Er überließ allem Anschein nach die Welt anderen Mächten und Gewalten, anderen Gottheiten. Mit ihnen musste man sich arrangieren. Der eine Gott war gut, aber doch fern. Er war nicht gefährlich, aber auch nicht hilfreich. So brauchte man sich mit ihm nicht zu beschäftigen.“ In der heiligen Schrift, schon im Alten Testament, vor allem aber in der Jesusgestalt, die uns die Evangelien vermitteln, hat sich uns der wahre und einzige Gott offenbart, und zwar ein Gott, der die Liebe ist, der eine Gemeinschaft von drei Personen ist, die sich unendlich lieben und von dieser gegenseitigen Liebe leben, wir sprechen von dem Gott, der der Schöpfer aller Dinge ist, der auch die Menschheit grenzenlos liebt und sich uns allen nähert, von dem Gott, „der mich kennt, mich liebt und sich um mich sorgt. »Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich« (Joh 10,14). Das Wunderbare und Unerhörte daran ist, dass Gott uns wirklich liebt und sich daher jedem einzelnen von uns naht. Ja; „Gott kennt mich, sorgt sich um mich. Dieser Gedanke [- so der Papst -] sollte uns richtig froh werden lassen. Lassen wir ihn tief in uns eindringen. Dann begreifen wir auch, was es bedeutet: Gott will, dass wir als Priester seine Sorgen um die Menschen an einem kleinen Punkt der Geschichte mittragen. Wir wollen als Priester Mitsorgende mit seiner Sorge um die Menschen sein, sie dieses Sich-Kümmern Gottes praktisch erlebbar werden lassen.“

Mit diesen Worten wies der Heilige Vater auf die Quelle hin, die das Priestertum in der Liebe hat, d.h. das Priestertum entsprang aus dem Herzen Gottes, das die Menschheit liebt. Ein Gott, der uns liebt, sich um uns kümmert und nicht will, dass wir verloren gehen. Ausgehend von dieser Tatsache muss der Priester seinen priesterlichen Dienst verstehen – sei es der Dienst des Wortes, sei es der Heiligungsdienst, wie auch jener des Vorsitzes der Gemeinschaft der Gläubigen. Auf diese Weise wird die pastorale Fürsorge konkret. Deshalb hat der auferstandene Jesus Petrus dreimal die Frage gestellt: „Petrus, liebst du mich?“ und Petrus antwortete: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe“, woraufhin Jesus erwiderte: „Weide meine Schafe“. Die Liebe ist  stets die grundlegende Voraussetzung, um Priester und Hirt sein zu können. In seinem Leben, seinem Zeugnis und seinem pastoralen Wirken muss der Priester in der Geschichte und für jeden Menschen sichtbarer und dauerhafter Widerschein sein für die Nähe Gottes, für die leidenschaftliche Liebe Gottes zu jeder menschlichen Person, für dieses Sich-Kümmern um jeden einzelnen von uns – alles Eigenschaften, die unseren Gott, den wahren Gott, den Jesus Christus  uns offenbart hat, auszeichnen. Welch hohe Würde, Priester zu sein! Aber auch: was für eine Verantwortung! Durch uns Priestern müssen die Menschen die freundliche und väterliche Nähe Gottes erfahren dürfen.

In der schon erwähnten Predigt hat der Heilige Vater, indem er bekräftigte, dass Gott im Priester den Menschen nahe bleiben wollte, gesagt, dass “Gott sich eines armseligen Menschen bedient, um durch ihn für die Menschen da zu sein und zu handeln. Diese Kühnheit Gottes, der sich Menschen anvertraut, Menschen zutraut, für ihn zu handeln und da zu sein, obwohl er unsere Schwächen kennt – die ist das wirklich Große, das sich im Wort »Priestertum« verbirgt. […]. So wird diese Gabe [die uns Priestern zugekommen ist] zum Auftrag, dem Mut und der Demut Gottes mit unserem Mut und unserer Demut zu antworten.“ Diese Worte des Heiligen Vaters, sind Worte, die uns Priestern Mut machen und uns besser verstehen lassen, welch eine große Gabe das Priestertum ist und worin das wahre Wesen dieser Gabe Besteht.

Wenden wir uns nun der Botschaft zu, die uns die Lesungen, die wir gerade gehört haben, bei dieser Eucharistiefeier zukommen lassen.

Die Frage, die Jesus seinen Jüngern im Evangelium vom heutigen Sonntag stellt, ist auch an jeden von uns gerichtet. Zusammen mit Petrus sind wir bereit, auf die Frage nach dem Geheimnis Jesu zu antworten: „Du bist der Messias, Du bist der Sohn Gottes.“

Nun ist Jesus als Sohn des lebendigen Gottes in der Tat der messianische König und Priester des Neuen Bundes.

In diesem Jahr haben wir Priester, die wir heute hier versammelt sind, mit allen Priestern der Weltkirche dieses Bekenntnis des Petrus erneuert und uns zu eigen gemacht. Wir haben Jesus versprochen, in seinem Dienst unser Bestes zu geben und so für die Kirche und für die Menschen dieser Zeit da zu sein.

Dieses ausdrückliche Bekenntnis zu Jesus und die Bereitschaft, das Evangelium zu leben und zu verkünden, verbindet die Hirten und das ganze Volk Gottes untereinander.

Das Ereignis, das wir am heutigen Tag feiern, ist auch ein Zeichen dafür, in welchem Maß und in welch fruchtbarer Weise sich der Diener Gottes, Pater Josef Kentenich, von unserem Herrn Jesus Christus in den Dienst hat nehmen lassen. Sein priesterliches Leben hat sich auf diejenigen, die seiner geistlichen Familie angehören, aber auch darüber hinaus, auf viele Menschen ausgewirkt:

„Leidenschaftlich für Gott und den Menschen“ da sein – dieses edle Vorhaben gehört zu seinem Vermächtnis an die Kirche. Er liebte die Kirche und auch ihr Priestertum als das Heiligtum des dreifaltigen Gottes. Er nahm die Kirche aber auch in ihrer menschlichen Dimension wahr. Seine pastorale Erfahrung ließ ihn immer wieder erkennen, dass die Priester der Kirche „aus den Menschen ausgewählt“ sind.

Es war ihm daher wichtig, die Kirche und ihre Priester stets „unter dem Schutze Mariens“  zu wissen. Ihrer mütterlichen Liebe ist die ganze Kirche, einschließlich ihrer Priester, anvertraut.

Betrachten wir nun einen Moment die priesterliche Gestalt Pater Kentenichs.

Über Jahrzehnte hinweg widmete er den Seelsorgern mit großer Aufmerksamkeit seine Fürsorge und gründete mehrere Priestergemeinschaften. Sein ganzes Wirken zielte auf eine Erneuerung der Kirche ab. Dieser Impuls deckt sich mit den Absichten des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in die Spätphase seines Lebens fiel.

In den Dokumenten, die von seinem Dialog mit denjenigen zeugen, die in der Kirche Verantwortung tragen, kommt auch die Bedeutung und der Stil der Priesterausbildung zur  Sprache. So spricht er zum Beispiel von der Eigenständigkeit der Laiengemeinschaften  in  der Kirche sowie von den charismatischen Aufbrüchen, welche die Kirche braucht. In den Charismen dieser Aufbrüche kann die moderne Welt von innen her aufgeschlossen werden für Gott und für alles Göttliche.

Nun muss sich aber die Hingabe an den Geist Christi auch im Dienst an den Menschen auswirken, insbesondere im Dienst an den Armen und Leidenden. Hineingenommen in die Sohnschaft Jesu, haben wir die Aufgabe, in dieser Zeit zu bezeugen, dass Gott lebendig ist und uns persönlich in den vielfältigen Herausforderungen und Krisen unserer Tage zur Seite steht. Das kann uns nur gelingen, wenn wir den Plänen Gottes Vertrauen schenken und indem wir uns vom Geist des Evangeliums Christi, des Erlösers der Menschen, erfüllen lassen.

Aus dem Leben Pater Kentenichs wissen wir, dass er die Mutter des Erlösers gebeten hat, sie möge ihm ihr Herz und das Herz ihres Sohnes weit öffnen. Wenn wir auf den geistlichen und geistigen Reichtum schauen, den der Gründer der Schönstattbewegung sammeln und schenken durfte, ahnen wir, dass Jesus und Maria seine Bitte erhört haben. Die Lebensenergien, die in ihm und durch ihn wirksam waren, gehen auf die schöpferische und leidensbereite Liebe Christi und Mariens selbst zurück.

Der heutige Tag steht unter dem Motto der leidenschaftlichen Liebe zu Gott und den Menschen. Diese Leidenschaft der Liebe haben wir in den modernen Herausforderungen der Gesellschaft alle nötig, um heute mit Freude Christen sein zu können. Die Öffnung der säkularen Welt für Gott und das Göttliche geschieht nicht zunächst durch Reflexion, sondern durch jene Liebe, die bereit ist, den Weg Christi zu gehen.

Deshalb lade ich uns alle dazu ein, in dem Sinne eins zu sein, wie es dem Ruf entspricht,  den der hl. Paulus an uns richtet. Bilden wir in der Einheit der Glieder des Leibes der Kirche eine einzige Gemeinschaft: Männer und Frauen, Priester und Laien in dieser Kirche, stets in Verbindung mit all jenen Gliedern des Leibes, welche die priesterliche Sendung Christi mittragen. So wird Kirche zur Familie, zu einer Familie, die Heimat und Geborgenheit schenkt.

Tragen wir das Gewand Christi, das wir angezogen haben, und bewähren wir uns darin in der Welt von heute:

In der Freude über unsere Erwählung, in der Würde eines frei gewählten Weges, in einem Bündnis gegenseitiger Liebe in dem Netzwerk der verschiedenen Berufungen, in der vertrauensvollen Verbundenheit und Zusammenarbeit mit allen, die Christus zu seinen Zeugen berufen hat.

Amen.

Cardeal Cláudio Hummes Arcebispo Emérito de São Paulo

Prefeito da Congregação para o Clero

20. Juni 2010

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