Christus und die Gewalt – Eine Betrachtung über den Unterschied zwischen prinzipieller und gradueller Annäherung an den Frieden.

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Von Bischof Stefan Oster OSB

Es gibt eine sehr tiefe, aber zugleich erschreckende Aussage von Jesus im Johannes-Evangelium (10,7-10) „Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Jesus formuliert hier einen Absolutheitsanspruch, der seine eigene Person und sein erlösendes Handeln in den Mittelpunkt stellt – und von allen anderen dramatisch abgrenzt. Er allein ist demnach in der Lage zu befreien, zu nähren, in die Gemeinschaft mit dem Vater zu führen. Warum? Weil er sein Leben gibt, in absoluter, in göttlicher Hingabe, in radikaler Gewaltlosigkeit. Die Offenbarung von Jesu Liebe und die Berührung mit ihr vermag im Menschen eine Sehnsucht zu wecken, ein Vertrauen, das ihn befähigt, dieser absoluten Freiheit zu folgen und sich von ihr verwandeln zu lassen – hinein in die Fähigkeit zur Liebe und zur Gewaltlosigkeit, die von ihm kommt.  Sie befähigt das Menschenherz zum erlösten, zum befreiten Dasein – durch die innere Verbundenheit mit Christus und das gläubige Vertrauen auf ihn.

Dieses Begegnungsgeschehen reicht radikal in den Abgrund der menschlichen Existenz: „Neugeburt, Werden wie ein Kind, neue Schöpfung, vom Tod zum Leben“ sind die Metaphern und Begriffe der Hl. Schrift für diese durch Christus erwirkte, existenzielle Umkehr und Erneuerung. Und Jesus sagt im zitierten Evangelium zumindest indirekt: Alle anderen Versuche, den Menschen real in die Beziehung zu Gott, dem Vater, hinein zu befreien und zwar so, dass sie zugleich den Menschen tiefer zu sich selbst und zum anderen führen, müssen letztlich scheitern. Sie scheitern an der Unfähigkeit des Menschen aus sich selbst existenziell so frei zu sein, dass sein eigenes Herz Abstand davon nehmen könnte, sich zuerst um sich selbst zu kümmern und dies notfalls auch mit Gewalt.

DAS MENSCHENHERZ – EIN ABGRUND

Denn der unerlöste Mensch vollzieht diese egozentrische Selbstsorge – wenn es darauf ankommt und der Druck hoch genug ist – auch unter Missachtung der Freiheit und der Rechte der Anderen. Das Herz des Menschen ist im unerlösten Zustand ein Abgrund. Die biblische Menschheitsgeschichte nach dem Verlassen des Paradieses (Gen 4,8) beginnt mit einem Brudermord. Das will sagen: Im Herzen eines jeden wohnt seither nicht nur aber auch ein ichhaftes, begierliches, besitzergreifendes und vor allem in der Bedrängnis auch gewaltbereites Wesen. Und dieses Menschenwesen und Menschenherz ist nicht mehr das, was Gott bei der Erschaffung des Menschen gemeint hatte. Wäre es anders, wir hätten den Erlöser und sein am Kreuz für uns durchstoßenes Herz nicht nötig. Aber unser durchschnittliches, auch religiöses Bewusstsein ist sich in der Regel weder der Tiefe der Sünde und ihrer Folgen in unserem Leben bewusst, noch der Abgründigkeit des Angebotes der vergebenden Liebe Gottes, die am Kreuz offenbar wird.

Die christliche Grunderfahrung ist aber genau diese: Sie ist zuerst Begegnung mit Jesus, der fleischgewordenen Liebe Gottes, dem Gekreuzigten für uns. Diese Erfahrung in der Gemeinschaft seiner Kirche setzt frei und verwandelt. Und wenn Jesus nun im zitierten Evangelium sagt, dass alle, die vor ihm kamen, Diebe und Räuber gewesen seien, die im Letzten auch nur gestohlen, geschlachtet und vernichtet haben, dann ließe sich die Frage stellen: „Wie Jesus? Meinst Du mit ‚vor mir‘ auch Abraham, auch Mose, auch die Propheten, auch Johannes den Täufer? Alles Diebe und Räuber?“ Die Antwort wäre: Im Grunde ja, auch wenn deren Dienst als Vermittler für die Menschen auf Gott hin, von Gott selbst schon geführt und unterstützt wurde. Aber auch deren Dienst blieb in einer Art Vorläufigkeit, weil auch diese großen biblischen Gestalten selbst nicht „die Tür“ waren und auch nicht der „gute Hirte“ schlechthin. Auch in ihren Herzen blieb die Neigung zur Selbstaneignung der Schafe – vor allem deshalb, weil sie selbst nicht Vergebung der Sünden leisten und auch nicht im Letzten für sich selbst beanspruchen konnten. Erst in Christus hat Gott alles mit sich versöhnt und unsere Sünden vergeben und auf sich genommen (2 Kor 5,19). Und schon der Kleinste in diesem Reich der Versöhnung, im Himmelreich (Mt 11,11), ist größer als Johannes der Täufer –  sagt Jesus. Obgleich doch laut demselben Jesus niemand vor Johannes gelebt hat, der größer gewesen wäre als dieser.

ES GIBT NUR EINE LÖSUNG: DIE GEKREUZIGTE LIEBE

Es gibt nur einen, einen einzigen, der diese Spannung auflösen konnte: Radikale, gottmenschliche Pro-Existenz als tiefsten Ausdruck seines Selbstseins, seiner Sendung vom Vater her: Jesus, der Christus. Erst Jesus kann das ichsüchtige und damit im Tiefsten auch gewaltbereite Menschenherz zu einer Liebe befreien, die nicht mehr sich selbst meint, die auch nicht mehr ihre eigene Ehre sucht, die geduldig und langmütig ist, sich an der Wahrheit freut, nicht den eigenen Vorteil sucht, sich nicht aufbläht, nicht prahlt, sondern alles glaubt, alles hofft, allem stand hält. Eine Liebe, die niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13). Diese (!) Liebe gibt es nicht ohne ihn.

Und wenn dem entgegnet würde: Steht nicht in eurem Evangelium: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“? (Mt 10,34) – dann ist aus dem Zusammenhang des ganzen Evangeliums zugleich völlig klar, dass Jesus hier die Entschiedenheit der Menschen für ihn meint, die um dieser Wahrheit willen auch den Bruch mit der eigenen Herkunft und Familie zu riskieren bereit sind – und die damit bereit sind, auch das Schwert gegen sich selbst zu akzeptieren: „Ihr werdet von allen gehasst werden“ (Lk 21,17). Hier geht es um eine Entschiedenheit, die zugleich immer noch weiß, dass sie selbst nicht zum Schwert greifen darf, denn die, die das tun, „werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26, 52). Und wer uns weiterhin auf die vielen Stellen der Gewaltausübung in unserem Alten Testament verweisen würde, dem dürfen wir sagen: Unser Schlüssel, das Alte Testament zu lesen, ist Jesus selbst, der Gewaltlose, der auch sein eigenes Volk, zu dem er als Erlöser gekommen ist, als der Gottesknecht des Jesaja-Buches in die neue Freiheit der gewaltlosen Liebe führen will: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf“ (Jes 53,7).

Von dort her lässt sich aus der Sicht des christlichen Glaubens über andere Religionen folgendes sagen: Ja, es gibt in ihnen nicht Weniges, „was wahr und heilig“ ist. Und die Kirche „lehnt nichts von alledem ab“. Aber sie kann dennoch nicht aufhören, Jesus als den „Weg, die Wahrheit und das Leben“ schlechthin zu verkünden (vgl. die Zitate aus dem Konzilsdokument Unitatis redintegratio, 2). Nehmen wir nun diesen Befund ernst, so müssen wir aus christlicher Sicht sagen, dass es in keiner anderen Weltanschauung oder Religion ein Verstehen von Liebe und Freiheit aus dieser Tiefe gibt, die allein Jesus, der Gottmensch, schenken kann und schenken will. Erst die radikale Hingabe Jesu ist an ihr selbst schon radikale Gewaltlosigkeit aus existenzieller Freiheit – und ermöglicht dasselbe für die von ihm Befreiten.

Bleiben wir aber „davor“, also vor Jesus oder außerhalb der Christuserfahrung – und versuchen, den Menschen dennoch in den Glauben und zum Beispiel in ein sittlich gutes, friedliches Leben zu führen, so bleiben uns dafür nur das Lehren von Glaubensinhalten etwa aus Büchern oder das gute Beispiel, das Lehren von religiösen oder staatlichen Gesetzen, von Moral und Ethik. Nun ist aber gerade die tiefste Überzeugung zum Beispiel des Apostels Paulus, dass alles dieses alleine, oder schlicht „das Gesetz“ alleine (Röm 8,3) niemals wirklich befreit. Es befreit nicht von Ichsucht, nicht von Selbstgerechtigkeit, nicht von Gottferne und auch nicht von Gewaltbereitschaft. Es vermittelt bestenfalls Annäherung, bleibt aber ungenügend, der Mensch bleibt unerlöst. Nur Christus befreit und die bleibende Verbindung mit ihm. Deshalb sagt er Sätze wie: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10,37) – und „getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5).

UND WAS IST MIT DER GEWALT IM CHRISTENTUM?

Von dorther müssen wir im Blick auf unseren eigenen Glauben feststellen: Wo immer ein Mensch im Namen Jesu aggressive Gewalt ausgeübt hat oder ausübt, tut er dies nicht wegen dieses Evangeliums, sondern trotz des Evangeliums! Also unter seiner Missachtung. Es gibt zum Beispiel vom Evangelium her keinerlei Lizenz zur Eroberung anderer Länder mit den Mitteln der Kriegführung im Namen des Glaubens – obgleich es sie in der Geschichte real gegeben hat und wir Buße dafür getan haben oder tun müssen. Aber schon sehr lange ist die Zahl der Menschen, die im Namen Jesu Gewalttaten begehen, auf einen sehr geringen Bruchteil all derjenigen Gewalttaten zurück gegangen, die im Namen anderer Glaubensrichtungen heute begangen werden. In einem ernsthaft gelebten Christentum, dem es tatsächlich um Nachfolge und Jüngerschaft geht,  kann sich im Grunde niemand mehr vorstellen, dass ein Christ einen anderen Menschen ermordet und dabei ausruft: Jesus ist groß!

Ausübung von aggressiver Gewalt im Namen Jesu kann deshalb nur als dramatisches Missverständnis Jesu vorkommen. Gleichwohl kommt sie vor, wo Menschen nicht zum Verständnis und zur genuin christlichen Erfahrung durchdringen – und dann aus diesem Mangel zur Durchsetzung ihrer Ziele seinen Namen missbrauchen. Würden sie tatsächlich zur authentischen Erfahrung „seines Namens“ durchdringen, würde sogleich einsichtig, dass der Unterschied ein prinzipieller und nicht mehr nur ein gradueller ist. Das Wachstum des Christentums verdankt sich besonders am Anfang seiner Geschichte und dann immer und immer wieder der Haltung derjenigen Christen, die auch unter den Bedingungen der Verfolgung und des Martyriums ihr Leben aus Glauben und Liebe verschenkt haben. Und sie verdankt sich nicht der Eroberung anderer Länder mit den Mitteln der Gewalt. Freilich: Die Verwandlung des Christen ist selbst ein Weg, selbst ein Reifungsprozess, ist selbst eine Abfolge von Hinfallen und wieder Aufstehen, ein Weg vom Sünder zum Gerechtfertigten. Selbst der Weg der Kirche als Ganzer ist so ein Prozess: Sie ist die „semper reformanda“, die immer wieder zu erneuernde, immer wieder neu an Jesus und seiner hingebenden Liebe Maß nehmende Kirche. Erlösung beginnt zwar in dieser Zeit, vollendet sich aber nicht in ihr.

DER UNTERSCHIED ZWISCHEN PRINZIPIELL UND GRADUELL

Und hier sind wir beim Kern des Problems der Diskussion um Gewalt im Namen von Glauben und Religion: Es gibt aus meiner Sicht keine andere Weltanschauung oder Religion, die zu dieser prinzipiellen Erfahrung, zu diesem prinzipiell neuen Anfang real durchstößt, es sei denn der christliche Glaube. Ich respektiere sehr, dass zum Beispiel der Buddhismus in diese Nähe findet, bleibe aber bei der Überzeugung, dass es auch hier eher eine graduelle und keine prinzipielle Annäherung gibt, zumal die Befreiung aus dem Inneren des Menschen selbst kommen soll. Ich verehre den Hindu Mahatma Gandhi und seinen Weg der Gewaltlosigkeit, aber mir scheint, dass es eher der sehr angestrengte Weg eines Einzelnen war. Und ich bin ebenso erstaunt über die mystisch-spirituelle Seite des Islam und ihre Suche nach der barmherzigen und gewaltlosen Liebe Gottes. Aber der prinzipielle Unterschied liegt aus unserer Sicht in der Person des Erlösers selbst, der als der ganz Andere sich in diese geschaffene Welt gewissermaßen von außen, von oben hinein inkarniert hat, um ihr diese prinzipiell andere Erfahrung als Befreiung zu ermöglichen! Erlösung ist also kein Geschehen, das in dieser gebrochenen Welt nur mit den Mitteln eben dieser Welt zu erringen wäre. Der Erlöser ist in dieser Welt bleibend auch der Unterschiedene zur Welt, er ist der Gottmensch.

Wir ringen nun im Westen darum, auch unter dem Eindruck des Terrorismus, ob und welches Gewaltpotenzial Religionen und Weltanschauungen ermöglichen und freisetzen können und welchen Beitrag sie zum Frieden leisten können. Aus dem Gesagten wird deutlich, dass der Beitrag der Christen zum Frieden daher der grundlegendste sein kann und folglich von seinem Verpflichtungcharakter her für uns auch sein müsste.  Könnten andere Formen der Weltdeutung in derselben Weise dazu beitragen, wäre das aus der Sicht von uns Christen tatsächlich schon erlösend –  aber am einzigen Erlöser vorbei. Deshalb bin ich hier skeptisch. Und skeptisch macht auch, dass die wahrhaftig Radikalen unter den Christen die Heiligen sind, die großen Liebenden, die am tiefsten Glaubenden, die Gewaltlosen und Friedfertigen, diejenigen mit dem reinen Herzen (Mt 5,3-11). Während wir in anderen Religionen aus meiner Sicht schneller geneigt sind, Radikalität und Gewaltbereitschaft zusammen zu denken, schließt im Christentum die eine die andere geradewegs aus.

Aber genau deshalb wird das Ringen um die Befreiung des eigenen Ich zur Liebe und zur Befreiung von der Bereitschaft zur persönlichen oder gemeinschaftlichen Gewalt in nichtchristlichen Religionen und Weltdeutungen wohl immer nur eine graduelle bleiben müssen und wohl nie eine prinzipielle werden können; einfach weil dort die schon durch Christus geschenkte, prinzipielle Grundlage zu ihrer Ermöglichung nicht gesehen wird. Und folglich wird es dort immer auch bei Versuchen bleiben, in denen das Ich des Menschen alleine oder gemeinschaftlich, Selbstbefreiung von eben diesem Ich zu erreichen sucht – mit den begrenzten Mitteln, die ein immer schon korrumpiertes Ich eben nur hat. Ein solches Ich, das es in uns allen (!) gibt, steckt aber im Münchhausen-Dilemma. Es kann sich nicht selbst am eigenen Schopf aus dem Schlamassel der eigenen Gewaltbereitschaft ziehen, auch nicht unter noch so großer eigener Anstrengung; eine Anstrengung, die am Ende nicht selten eben selbst wieder gewaltsam wird – und sei es gegen sich selbst. Auch im Religiösen frisst die selbstgemachte Revolution ihre Kinder – wie ehedem im pseudoreligiösen Versuch, den humanen Sozialismus zu verwirklichen; und übrigens auch noch in einem pseudoreligiös missverstandenen Christentum. Wie nähern wir uns also der Freiheit von Gewalt an? Wie nähern wir uns der unbedingten Anerkennung der Religionsfreiheit, der Gewissensfreiheit an? Wie dem Respekt gegenüber der unbedingten Würde von denen, die wirklich anders aussehen, anders denken, anders glauben, anders orientiert sind, ein anderes Geschlecht haben, anders handeln als ich es für richtig hielte?

OHNE CHRISTUS BLEIBT NUR FORTWÄHRENDE ANSTRENGUNG ZUR ANNÄHERUNG

Wir spüren, dass auch eine solche graduelle Annäherung an die Gewaltlosigkeit Anstrengung verlangt. Und wir spüren vielleicht auch, dass sie nur unter der Voraussetzung halbwegs gelingen kann, dass sich für diese Anstrengung viele, möglichst alle, gewinnen lassen. Aber auch dann, wenn eine solche Anstrengung von Vielen erbracht würde, bliebe dem Menschen so etwas wie ein in der Tiefe letztlich doch gewaltbereiter „Untergrund“ – der vor allem unter Druck oder in Not und Unsicherheit wieder freigesetzt würde – einfach weil der unerlöste Mensch so gestrickt ist. Die Herausforderung zum prinzipiellen Gewaltverzicht aus Liebe, kann der Mensch nicht aus sich meistern. Daher wird es Formen von vermeintlich legitimer Gewalt in anderen Glaubenserfahrungen bleibend geben, etwa die Demonstration der eigenen Überlegenheit und der gleichzeitigen Verachtung der Anderen, etwa die physische Unterdrückung von Frauen, etwa die physische Bestrafung von Andersgläubigen oder vom eigenen Glauben Abgefallenen, von Ehebrechern oder anderen Menschen, die sich aus der Sicht der Religion vergehen. Und wenn es das bleibend und vermeintlich sogar legitim gibt, dann wird der Unterschied zwischen diesen Formen von Gewalt einerseits und dem Terror im Namen der Religion andererseits immer nur ein gradueller sein können. Und folglich werden die Grenzen zwischen beiden notwendig auch fließend bleiben und müssten als klare Abgrenzung gegeneinander immer nur mit großer Anstrengung und großem Konsens in den verschiedenen Gruppen und Kontexten je neu errungen werden. Aber sie werden nicht prinzipiell werden können! Die Grenze, der Unterschied könnte erst dann prinzipiell werden, wenn auch diese prinzipielle Gefangenschaft jedes Menschen in seiner von einem selbstherrlichen Ich dominierten, bleibenden letzten Gewaltbereitschaft auch tatsächlich erkannt und überführt würde und mit ihm jede Form aggressiver Gewalt – egal gegen wen.

Und eben dort, wo diese Erkenntnis und Überführung sich tatsächlich ereignete, dort wäre die Nähe zum einzig möglichen Befreier aus dieser Gefangenschaft schon mit Händen und Herzen fassbar. Meine Überzeugung deshalb: Die Welt hat nichts nötiger als Christus, den Gewaltlosen, und sein Evangelium von der Versöhnung mit Gott, dem Vater. Sie hat nichts mehr nötig als die Bekehrung zu ihm. Christus ist nämlich – gewaltlos – für alle Menschen gestorben. Die Verkündigung dieses Evangeliums kann von der Seite der Verkündiger deshalb auch immer nur gewaltlos, im Respekt vor der Andersheit des Anderen und in Liebe sich ereignen. Andernfalls wäre es Verrat am Erlöser selbst. Allerdings: Je weniger sich diese Bekehrung zu Christus real ereignet, umso nötiger wird dennoch immer neu: Anstrengung zu Begegnung, Dialog, Bewusstseinsbildung, Zusammenarbeit, Friedensinitiativen – und damit einhergehend die auf lange Sicht womöglich ermüdende Erfahrung, dass wir aus eigenen Kräften und ohne Christus auch in den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen immer nur graduellen und nie prinzipiellen Verzicht auf Gewalt erreichen können.

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