Das Ende der Zeit – und die Wiederkunft des Herrn – bei Joseph Ratzinger

durer2_revelation_four_riders_1480413763

Die vier Reiter der Apokalypse, von Albrecht Dürer (Ausschnitt). Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe via Wikimedia (Gemeinfrei)

Symposium der Stiftung Joseph Ratzinger –
Papst Benedikt XVI. an der Päpstlichen Universität Santa Croce
behandelt Eschatologie und Theologie der Hoffnung

Von Angela Ambrogetti

Es ist das wahrscheinlich bedeutendste systematische Werk von Professor Joseph Ratzinger, bevor er Erzbischof von München wurde: Seine Arbeit über die Eschatologie.

Und dieser – der Lehre der letzten Dinge und dem Anbruch einer neuen Welt – war auch das diesjährige internationale Symposium der vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. gewidmet.

Drei Tage trafen sich die Gelehrten an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, der „Santa Croce“, um Analysen und Perspektiven auszutauschen.

Die Präsentation des Gedankenguts Joseph Ratzingers war Paul O’Callaghan, dem Leiter des Fachbereichs Dogmatische Theologie der Santa Croce anvertraut worden.

Der Theologe stellte drei Fragen vor: Die biblische Frage, die Frage nach dem Tod, der Unsterblichkeit und der Auferstehung, und die Frage nach der Bedeutung der Parusie und vor allem des Gerichts; verbunden mit der Vorwegnahme – oder auch nicht – des Reiches Gottes in der Welt durch die christliche Hoffnung.

Gerade die Parusie – die erhoffte Wiederkunft Christi am Ende der Zeit – war das Thema, anhand dessen der Professor sich der Eschatologie Ratzingers näherte. Im Einklang mit dem heiligen Bonaventura glaubt jener Theologe, der später Papst werden sollte, dass „die zukünftige Zeit die grundlegende für den Christen sei… denn die Gegenwart ist wesentlich provisorisch. Daher entspringt die echte Theologie aus dem Leben der Heiligen, die auf die Zukunft hin leben.“

Und er stellt sich die Frage: „Wo bricht in diesem Leben das Reich Gottes ein, wo sieht man es? Hauptsächlich in der Liturgie, in der Eucharistiefeier.“

Theologie der Hoffnung

Ein weiteres fundamentales Thema, so O’Callaghan, ist jenes der „Theologie der Hoffnung“, die ihre Bestätigung in der Enzyklika Spe salvi von Papst Benedikt XVI. finden wird.

Im Text ist die Rede von Lern- und Übungsorten der christlichen Hoffnung: das Gebet, das Leid, das christliche Handeln und am Ende: Das Gericht, das die Christenheit von frühesten Zeiten an bis in das alltägliche Leben hinein bestimmt hat. Die Solidität und Unumstößlichkeit des Gerichtes Gottes verhindert, dass der Mensch denken könnte, dass seine Wahrheit und sein Schicksal in seinen eigenen Händen liegen würden.

Der Professor endet damit, dass „die Position Ratzingers zur Eschatologie sich im Lauf seiner Karriere entfaltet und bereichert, von den ersten geschriebenen Werken an. Aber es bleibt immer die gleiche Grundposition, dass nämlich die Eschatologie in Wahrheit Heil ist. Konkreter: Sie ist die Anwendung des Heilswerkes Christi in der Zeit, bis zu dem Moment, in dem der Vater die Geschichte mit dem Gericht beschließen wird. Mit den Augen des Glaubens und der Hoffnung erwartet der Christ den letzten Augenblick und bereitet sich selbst und die Welt darauf vor. Aber letztendlich ist es allein Gott, der die Welt rettet, Gnade schenkt, Gerechtigkeit schafft und sein Handeln kann nie vom Menschen instrumentalisiert werden.“

Unter den vielen bedeutenden Beiträgen war auch der von Romano Penna, der die Eschatologie des heiligen Paulus darstellte.

Rabbiner und Ontologie

Im Symposium fand auch die hebräische Eschatologie des Alten Testamentes Platz, mit einigen Rabbinern als Gast, darunter Riccardo Di Segni und Giuseppe Momigliano.

Interessant war des weiteren der Raum, der Theologen gegeben wurde, die Themen angesprochen haben, die eng mit der Theologie Joseph Ratzingers verbunden sind, wie beispielsweise die Beziehung zwischen Eschatologie und Ontologie oder der Dialog mit der Zivilgesellschaft in ihrem „etsi Deus non daretur„, das die Debatten der letzten Jahre vor der Wahl des Präfekten der Glaubenskongregation zum Papst gezeichnet hatte.

Viele Beiträge waren mit dem Sinn der theologischen Studien zur Eschatologie heute verbunden – und am Ende wurde die Schließung des Symposiums Kardinal Ravasi anvertraut, der die „Eschatologie Jesu von Nazareths“ veranschaulichte.

Am Vormittag des 26. November fand die Übergabe des Ratzinger-Preises statt, der dieses Jahr an Inos Biffi und erstmals an einen Orthodoxen, den jungen griechischen Theologen Ioannis Kourempeles, verliehen wurde.

Der Theologe hatte 2014 am Treffen des „Neuen Schülerkreises“ in Konstantinopel unter Schirmherrschaft des Patriarchen Bartholomeos I. teilgenommen.

_______

Quelle

Schönborn: Christentums-Sicht Ratzingers gibt Freiheit

Kardinal Schönborn wandte sich zudem gegen die Redeweise vom progressiven Theologieprofessor Joseph Ratzinger und vom konservativen Benedikt XVI. „Ratzinger ist ein sehr freier Mann. Man kann ihn nicht als Konservativen oder Progressiven etikettieren,“ so Schönborn.

Kardinal Christoph Schönborn gab am Wochenende ein ausführliches TV-Interview für italienischen Fernsehsender TV2000 zur Person und zum Denken Benedikts XVI.

Kardinal Christoph Schönborn hat Benedikt XVI. zu dessen 90. Geburtstag für sein Lebenswerk gedankt. „Ich möchte ihm nur ein großes und demütiges Danke für sein gesamtes Werk sagen: als Theologe, als Kardinal, als Präfekt und als Papst“, sagte Schönborn am Wochenende in einem ausführlichen Interview dem katholischen italienischen Fernsehsender TV2000. Benedikt XVI. wurde am Ostersonntag 90 Jahre alt.

Schönborn wandte sich zudem gegen die Redeweise vom progressiven Theologieprofessor Joseph Ratzinger und vom konservativen Benedikt XVI. „Ratzinger ist ein sehr freier Mann. Man kann ihn nicht als Konservativen oder Progressiven etikettieren,“ so Schönborn.

Benedikt XVI. habe in seiner Predigt zum Pontifikatsbeginn im April 2005 gesagt, das Christentum bestehe nicht in einer Moral, sondern in der Freundschaft zu Jesus. Diese einfache und demütige Freundschaft atme aus allen seinen Schriften und Predigten, und diese Sicht gebe ihm Freiheit.

Entschieden wies Schönborn die Bezeichnung Kardinal Joseph Ratzingers als „Panzerkardinal“ zurück, die während seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation von Kritikern in Umlauf gebracht wurde. Dies sei die aller unzutreffendste Bezeichnung für Ratzinger. Der Konzilstheologe Ratzinger sei alles andere als ein Panzerkardinal. Vielmehr sei er eine sanftmütige Person mit einem feinen, nie sarkastischen Humor und einer schönen Ironie, berichtete Schönborn. Er verwies darauf, dass Ratzinger auch ein Mann sei, der auch Tiere sehr liebe, etwa Katzen.

Der Wiener Erzbischof betonte die Kontinuität zwischen Franziskus und seinen beiden Vorgängern Benedikt XVI. und Johannes Paul II. Alle drei hätten einen ausgeprägten Sinn für Volksfrömmigkeit und die Herausforderungen der modernen Welt gehabt, auch wenn sie unterschiedliche Akzente gesetzt hätten. In ihrer Frömmigkeit seien sich Franziskus und Benedikt XVI. denkbar nahe. Der bayerische Katholizismus, der sehr stark in der Volksfrömmigkeit gründe, und die Frömmigkeit von Franziskus ähnelten sich stark.

Spekulationen, Benedikt XVI. sei von einflussreichen Lobbygruppen im Vatikan zum Rücktritt genötigt worden, bezeichnete Schönborn als „lächerlich“. Ratzinger sei ein freier Mann und nicht auf äußeren Druck hin zurückgetreten.

Zugleich widersprach der Kardinal Auffassungen, Benedikt XVI. hätte nach seinem Rücktritt wieder auf den Status eines Kardinals zurückgestuft werden müssen. Diese Ansicht teil er nicht. Wenn der Bischof von Rom zurücktrete, bleibe er emeritierter Bischof von Rom, so der Kardinal.

Der Ratzinger-Schüler Schönborn erinnerte auch daran, wie er 1972 den damaligen Theologie-Professor Joseph Ratzinger als Doktorand in Regensburg kennenlernte. Als Ratzinger dann Erzbischof von München-Freising geworden sei, sei er zu seinem „Adoptivsohn“ geworden, so Schönborn.

erstellt von: red/kap
19.04.2017
_______

Zu Benedikts 90. Geburtstag: Ein Strauß guter Worte aus seinem eigenen Munde

Papa Benedetto XVI in piazza Duomo a Milano.

Von Paul Badde / Die Tagespost

„Kirchenlehrer“ nennt Erzbischof Gänswein seinen verehrten Dienstherrn im neuen Buch „Über den Wolken„. Fest steht: Benedikt XVI. ist ein homme des lettres, mehr noch, ein Mann nicht nur der Buchstaben, sondern des Fleisch gewordenen Wortes, des Logos Gottes.

Zu seinem biblischen 90. Geburtstag hat Paul Badde dem Jubilar aus den Protokollen seiner spontanen Auskünfte an Journalisten diesen kleinen Strauß höchst frischer eigener Zitate gebunden.

Von einer großen Liebe und Erkenntnis getragen zu sein, ist kein schweres Gepäck, sondern es sind Flügel und es ist schön, ein Christ zu sein. 

Es gibt einen Kirchenvater, der einmal das Sonderbare sah, dass die Kirche im Lauf der Jahre nicht älter, sondern immer jünger wird, weil sie immer mehr dem Herrn entgegengeht, das heißt immer mehr der Quelle entgegen, von der Jungsein,  Neuheit, Erfrischung, die frische Kraft des Lebens kommt.

Wenn ich an meine Jugend denke, dann war dies eine völlig von der heutigen verschiedene Welt. Manchmal denke ich, ich lebe auf einem anderen Planeten, wenn ich die Welt heute mit der vergleiche, die bestand, als ich ein Bub war.

Dass wir in diesem Kontinent leben, der das Weltgeschick bestimmt hat – im Guten und im Bösen – gibt uns den bleibenden Auftrag, wieder das Wahre, das Reine und das Große und Zukunft Gebende zu entdecken und damit weiterhin und auf eine neue und wohl bessere Weise im Dienst der ganzen Menschheit zu stehen.

Wir müssen nicht irgendeinen Gott wiederentdecken, sondern den Gott mit einem menschlichen Antlitz.  Wenn wir Jesus Christus sehen, sehen wir Gott.

Wenn ich Karol Wojtyla  beten gesehen habe, dann habe ich gesehen – und nicht nur verstanden –, dass er ein Mann Gottes war.  Er war grundsätzlich ein Mann, der nicht nur mit Gott, sondern auch in Gott lebte.

Dass es zahlreiche Punkte gibt, wozu der christliche Glaube Nein sagen muss, ist wahr.

Es ist nicht eine katholische Erfindung ist, dass Mann und Frau füreinander geschaffen sind, damit die Menschheit weiterlebt – das wissen eigentlich alle Kulturen.

Was die Abtreibung angeht, gehört sie nicht ins sechste, sondern ins fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten!“

Entstanden ist das Christentum im vorderen Orient. Und lange Zeit hat es dort auch seinen Schwerpunkt gehabt und sich viel weiter nach Asien ausgedehnt, als uns heute nach der Veränderung durch den Islam bewusst ist. Allerdings hat es dann eben dadurch seine Achse erheblich nach dem Westen und nach Europa verschoben. Europa hat dann das Christentum in seiner großen, auch intellektuellen und kulturellen Gestalt weiter ausgebildet. Aber es ist wichtig, an die Christen im Orient zu erinnern, denn im Moment besteht die große Gefahr, dass gerade diese Ursprungsorte des Christentums leer werden von Christen. Dazu treten heute die anderen Kontinente mit gleichem Gewicht in das Konzert der Weltgeschichte ein. Insofern wird die Kirche vielstimmiger und das ist auch gut so, dass die eigenen Temperamente, die eigenen Begabungen Afrikas, Asiens und Amerikas, besonders auch Lateinamerikas, erscheinen können.

Es gibt diesen großen Kampf der Kirche für das Leben. Papst Johannes Paul II. hat ihn zu einem grundlegenden Punkt seines ganzen Pontifikats gemacht. Wir setzen  diese Botschaft fort, dass das Leben ein Geschenk und keine Bedrohung ist.

Das Leben ist schön, es ist nichts Zweifelhaftes, sondern ein Geschenk und das Leben bleibt auch unter schwierigen Bedingungen immer ein Geschenk.

Ich bin überzeugt, dass sich in Brasilien zumindest zum Teil – und zwar zum grundlegenden Teil – die Zukunft der katholischen Kirche entscheidet. Das war für mich immer klar.

In allen Teilen der Welt gibt es überaus viele, die nicht auf das hören wollen, was die Kirche sagt. Wir hoffen, dass es wenigstens an ihr Ohr gelangt; dann können sie auch anderer Meinung sein; aber es ist wichtig, dass sie es zumindest vernehmen, damit sie antworten können. Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch unserem Herrn nicht gelungen ist, dass ihm alle zugehört haben.

Es ist wichtiger, gute Priester zu haben als viele Priester.

Ich würde nicht wirklich von einem Verfall der Religion in Europa sprechen. Sicher befindet sie sich hier in einer Krise, ebenso wie in Amerika und Australien. Doch jetzt, in diesem historischen Augenblick, beginnen wir zu verstehen, dass wir Gott brauchen. Wir können viele Dinge tun, aber wir können unser Klima nicht erschaffen. Wir denken nur, wir könnten es tun, aber wir können es nicht. Wir benötigen das Geschenk der Erde, das Geschenk des Wassers, wir bedürfen des Schöpfers. Der Schöpfer erscheint in seiner Schöpfung wieder und deshalb können wir ohne ihn nicht wirklich glücklich sein, ohne ihn können wir nicht wirklich Gerechtigkeit für die ganze Welt suchen, wir können nicht ohne ein Kriterium leben, an dem wir unsere Ideen messen. Und auch nicht ohne einen Gott leben, der gerecht ist und der uns Licht und Leben schenkt.

Es wird sich zeigen, dass wir immer wieder eine Rückkehr zum Glauben erleben werden, weil der christliche Glaube einfach wahr ist und weil die Wahrheit immer in der Welt des Menschen gegenwärtig sein wird, denn Gott wird immer Wahrheit sein und bleiben. In diesem Sinne bin ich entschieden optimistisch.

Es gibt Dinge, die einfach immer schlecht sind, und Pädophilie ist immer ein Übel.

Jeden Tag haben die Konzilsväter die heilige Messe nach dem alten Ritus gefeiert. Sie waren aber gleichzeitig der Auffassung, dass eine natürliche Entwicklung der Liturgie in diesem Jahrhundert nach erneuerten Kriterien notwendig ist. Die Liturgie ist eine lebendige Realität und bewahrt ihre Identität auch dann, wenn sie sich weiterentwickelt.

Der Festtag der heiligen Bernadette ist auch mein Geburtstag. Dies genügt schon als Beweggrund, dass ich mich der kleinen Heiligen, diesem jungen, reinen, demütigen, kleinen Mädchen, mit der die Muttergottes gesprochen hat, sehr eng verbunden fühle.

Der Auftrag des Herrn an den Nachfolger Petri lautet, die „Brüder im Glauben zu stärken“: das zu tun versuche ich.

Die Kirche ist katholisch, das heißt universal, offen für alle Kulturen, für alle Kontinente; sie ist in allen politischen Systemen präsent und so ist die Solidarität ein inneres Prinzip, das grundlegend ist für den Katholizismus.

Natürlich ist die Erbsünde auch in der Kirche da.

Das Problem des Atheismus stellt sich in Afrika fast gar nicht, weil die Wirklichkeit Gottes in den Herzen der Afrikaner so präsent, so real ist, dass nicht an Gott zu glauben, ohne Gott zu leben, nicht als Versuchung auftritt.

Ich denke, dass die wirksamste, am meisten präsente Realität im Kampf gegen Aids gerade die katholische Kirche mit ihren Bewegungen und verschiedenen Strukturen ist.

Als Gläubige sind wir überzeugt, dass das Gebet eine echte Kraft ist: Es öffnet die Welt für Gott. Wir sind überzeugt, dass Gott uns hört und dass er in der Geschichte handeln kann. Ich denke, wenn Millionen Gläubige beten, ist es wirklich eine Kraft, die Einfluss hat und dazu beitragen kann, dass es im Frieden Fortschritte gibt.

Die Pilgerfahrt ist ein wesentliches Element vieler Religionen, auch des Islams, der jüdischen Religion und des Christentums. Sie ist auch ein Bild für unser Leben, das ein Vorwärtsgehen ist, auf Gott hin und so auch auf die Gemeinschaft der Menschheit zu.

Ich würde gemeinsame Tage des Gebets für den Frieden im Nahen Osten vorschlagen, für die Christen und die Muslime gemeinsam, um Möglichkeiten des Dialogs und von Lösungen vorzugeben.

Aus dem Schiffbruch des Paulus ist für Malta das Glück hervorgegangen, den Glauben zu haben; so dürfen auch wir denken, dass die Schiffbrüche des Lebens Gottes Projekt für uns Wirklichkeit werden lassen können und auch nützlich sein können für neue Anfänge in unserem Leben.

Unter dem Neuen, das wir heute in der Botschaft von Fatima entdecken können, ist auch die Tatsache, dass die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.

Ich würde sagen, dass eine Kirche, die vor allem versucht, attraktiv zu sein, schon auf dem falschen Weg ist. Denn die Kirche arbeitet nicht für sich, sie arbeitet nicht dafür, ihre Mitgliedszahlen und damit die eigene Macht zu vergrößern. Die Kirche steht im Dienst eines Anderen, sie dient nicht sich selbst, um stark zu sein, sondern sie dient dazu, die Verkündigung Jesu Christi zugänglich zu machen, die großen Wahrheiten, die großen Kräfte der Liebe, der Versöhnung, die in dieser Gestalt sichtbar geworden sind und die immer von der Gegenwart Jesu ausgehen. In dieser Hinsicht sucht die Kirche nicht die eigene Attraktivität, sondern sie muss für Jesus Christus transparent sein.

Die Pilgerfahrt vereint: Gemeinsam gehen wir auf das Andere zu und so finden wir uns gegenseitig. Die Jakobswege sind ein Element für die Bildung der geistigen Einheit des europäischen Kontinents gewesen.

Der christliche Glaube findet seine Identität nur in der Öffnung zur Vernunft und die Vernunft wird nur sie selbst, wenn sie sich auf den Glauben hin übersteigt. Aber genauso wichtig ist die Beziehung zwischen Glauben und Kunst, weil die Wahrheit, das Ziel der Vernunft, sich in der Schönheit ausdrückt und in der Schönheit sie selbst wird und als Wahrheit erweist. Die Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit ist unauflöslich.

Die Weltjugendtage sind Lichtkaskaden; sie verleihen dem Glauben Sichtbarkeit, sie verschaffen der Gegenwart Gottes in der Welt Sichtbarkeit und verleihen den Mut dazu, Gläubige zu sein.

Man kann alle möglichen Verhaltensweisen, Verfügungen und Aktivitäten einem anderen mit Gewalt aufzwingen, aber nicht die Wahrheit! Die Wahrheit öffnet sich nur gegen die Freiheit hin, in freier Übereinstimmung, und deshalb sind Wahrheit und Freiheit sehr eng miteinander verbunden, die eine ist die Bedingung für die andere.

Die Suche nach der Wahrheit und nach der Würde des Menschen ist die größte Verteidigung der Freiheit.

Die Saat Gottes geht immer schweigsam auf und erscheint nicht sofort in den Statistiken.

Hölderlin hat gesagt: Am meisten vermag doch die Geburt. Und das spüre ich natürlich auch. Ich bin in Deutschland geboren und die Wurzel kann nicht abgeschnitten werden. Ich habe meine kulturelle Formung in Deutschland empfangen. Meine Sprache ist deutsch und die Sprache ist die Weise, in der der Geist lebt und wirksam wird.

Aber bei einem Christen kommt etwas anderes dazu. Er wird in der Taufe neugeboren, in ein neues Volk aus allen Völkern und Kulturen hinein, in dem er nun wirklich ganz zu Hause ist, ohne seine natürliche Herkunft zu verlieren.

Es wäre wichtig zu erkennen, dass in der Kirche zu sein nicht bedeutet, irgendeinem Verein anzugehören, sondern im Netz des Herrn zu sein, in dem er gute und schlechte Fische aus den Wassern des Todes ans Land des Lebens zieht. Es kann sein, dass in diesem Netz ausgerechnet ich neben schlechten Fischen bin und dass ich das spüre, doch bleibt wahr, dass ich da nicht wegen diesem oder jenem bin, sondern weil es das Netz des Herrn ist. Es ist etwas anderes als alle menschlichen Vereine, eine Wirklichkeit, die den innersten Grund meines Seins berührt.

Das Buch „Über den Wolken mit Papst Benedikt XVI.“ ist hier online erhältlich. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der „Tagespost“.

_______

Quelle

Benedikt XVI. – Der stille Anti-Populist

Benedikt XVI. sei die falsche Wahl gewesen, heißt es oft.
Sein Biograf meint: Er war das Beste, was der katholischen Kirche
nach dem großen Johannes Paul II. passieren konnte

Von Peter Seewald

Mit Joseph Ratzinger verbindet sich eine atemberaubende Geschichte, eine Jahrhundertbiografie. Ein Junge aus bescheidenen Verhältnissen, ein Bub aus einem bayerischen Dorf am Rande der Alpen wird das Oberhaupt der größten und ältesten und geheimnisvollsten Institution der Welt, der katholischen Kirche mit ihren 1,3 Milliarden Mitgliedern! Mehr noch: Ein Deutscher wird Pontifex, und das nur 60 Jahre nach dem grausamen Weltschlachten, das dieses Volk über die Erde gebracht hat. Noch dazu war da jemand, der als Schreckgespenst galt, als Totengräber der Kirche. Ich habe heute noch den Aufschrei seiner Gegner im Ohr, die über diese Wahl verzweifelt waren. Und auch nach seinem Rücktritt bietet man eine Formel des Grauens an: Ratzinger sei die falsche Wahl gewesen, heißt es, seine größte Tat war der Amtsverzicht. Nichts wird bleiben von ihm.

Nichts wird bleiben? Stimmt das? Haben die Kardinäle sich blenden lassen und auf einen bösen Geist gehört, als sie Joseph Ratzinger mit großer Mehrheit in einem der kürzesten Konklave der Geschichte zu ihrem Oberhirten machten? Ich möchte hier eine Gegenthese aufstellen: Ratzinger war das Beste, was der katholischen Kirche nach dem großen Johannes Paul II. passieren konnte. Kein anderer hatte die Erfahrung, die Qualität, die Kapazität, die Autorität, das Geschick, die Noblesse, den Kopf, das Herz und nicht zuletzt den starken Glauben und die notwendige Demut, um das Erbe eines Jahrhundertpapstes wie Karol Wojtyla fortsetzen zu können. Beide waren das Dream-Team, das über den Tod des Polen hinaus in einer Art Doppelpontifikat dafür Sorge trug, dass im Sturm der Zeit das Schiff Kirche auf Kurs blieb. Und ich denke, der Tag ist nicht mehr allzu fern, an dem man vom deutschen Papst nicht nur als einem bedeutenden Gelehrten sprechen wird, einem Vor-Denker, als den vermutlich größten Theologen, der jemals auf dem Stuhl Petri saß, sondern vom Kirchenlehrer der Moderne schlechthin, der nicht nur mit seiner Weisheit überzeugte, sondern durch die Authentizität eines Lebens, mit dem er versuchte, der Welt die Nachfolge Christi zu zeigen.

Was prägte Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. als Mensch, als Theologe, als Papst? Da ist zunächst die Herkunft aus einem im Glauben besonders festen katholischen Elternhaus. Für seine Entscheidung zum Priesterberuf, so bekannte Ratzinger, sei auch „die kraftvolle, entschieden religiös ausgerichtete Persönlichkeit unseres Vaters ausschlaggebend“ gewesen. Eines Mannes, der anders dachte, „als man damals denken sollte, und das mit einer souveränen Überlegenheit“. Da ist die Verwurzelung in der liberalen und sinnhaften Religiosität des bayerischen Katholizismus und die Faszination eines Kindes für die Geheimnisse des katholischen Kultes. Da ist die Erfahrung einer antichristlichen, atheistischen Diktatur, die das jüdische Volk ausrotten und anstelle der Kirche ein „deutsches Christentum“ nach Nazi-Vorstellungen setzen will; einer Zeit, in der nicht nur Bekennermut gefragt ist, sondern auch die Notwendigkeit, seine christliche Überzeugung erklären zu können. Es geht dabei auch um die Frage, ob die Wahrheit ein objektives Element der Schöpfung ist, oder ob sie verhandlungsfähig ist, je nach Zeitgeschmack und der Abstimmung durch die Mehrheit der oft so verführbaren Massen.

Und was die Kirche betrifft, so schreibt sich dem Jungen damals eine Grunderfahrung ein, dass nämlich „die bloße institutionelle Garantie nichts nützt, wenn nicht die Menschen da sind, die sie aus innerer Überzeugung heraus tragen“. Da ist nach dem Kriegsende von 1945 die Stunde Null mit all der Hoffnung und einer Stimmung des Aufbruchs. Man spricht vom „katholischen Frühling“, der der jungen Bundesrepublik dann tatsächlich auch ihre Gestalt und Verfassung gibt. Eine neue Gesellschaft, ein Europa mit Zukunft, so der breite gesellschaftliche Konsens nach der tödlichen Erfahrung des Atheismus, könne nur auf der Basis der abendländischen Wurzeln und der christlichen Weltanschauung gebaut werden. Da ist der junge Professor als neuer Stern am Himmel der Theologie. Er will Neues wagen, heraus aus alten Schemen. Als 35-jähriger Konzilsberater gibt Ratzinger dem Zweiten Vatikanum wesentliche Impulse und lässt einen Johannes XXIII. sagen, dass jener junge Deutsche mit seinem Konzept genau das zum Ausdruck gebracht habe, was er beabsichtigt habe, es so aber nicht formulieren konnte.

Da ist dann aber auch der frühe Kritiker einer kirchlichen Entwicklung, die in Teilen in eine Richtung geht, die von den Vätern des Konzils so nicht gewollt war. Und nicht nur er, auch andere maßgebliche progressive Theologen des Konzils, ob ein Ives Congar oder ein Henry de Lubac, kommen zu dieser Überzeugung. Denn Progressivität wurde anders verstanden. Als Erneuerung aus den Wurzeln, und nicht als ein billiger, selbstgebastelter Neubau, den man anstelle des alten setzt – und in dem am Ende nichts mehr zueinanderpasst. Man hat Ratzinger vorgehalten, er habe sich nach dem Umbruch der 60er Jahre und der Studentenrebellion völlig gewandelt. Er habe in Tübingen ein Trauma erlebt und dann die Richtung geändert. Sein Haupt- und Dauergegner Hans Küng wurde nicht müde, bei jedem Interview noch hinzuzufügen, Ratzinger habe Karriere machen wollen. Er habe ein Amt angestrebt und die damit verbundene Macht.

Bis heute lässt sich allerdings kein triftiger Beleg für diese Thesen finden. Weder gibt es das Trauma Ratzingers aus 1968 – wohl die bittere Erfahrung eines Massendrucks, die ihn an das Tabula rasa aus der Nazizeit erinnerte –, noch gab es eine Flucht. Und auch keine Änderung der Linie oder gar den Versuch, möglichst schnell auf der Karriereleiter der Kirche nach oben zu klettern. Wer sich nur ein klein wenig mit der Biografie und vor allem mit der Theologie Ratzingers beschäftigt, sieht, dass es bei ihm eine fast schon unfassbare Kontinuität gibt. Seine Haltung und seine einmal gefundene Theologie können, oft fast wortgleich, zurückverfolgt werden bis hin zu den ersten Probe-Predigten, die er noch als Student hielt. Und dass Ratzinger aus dem Lebensweg als Professor, den er sich erträumt hatte und den er als seine ureigenste Aufgabe ansah, herausgerissen wurde und zum Erzbischof von München und dann zum Präfekten der Glaubenskongregation bestimmt wurde, gehört ganz gewiss nicht zu den persönlichen Sternstunden, sondern zum persönlichen Drama des Joseph Ratzinger. Denn von nun an beginnt die Geschichte eines Dieners, von dem der große Theologe Eugen Biser sagte, dieser habe mehr von seinem Lebensglück geopfert, als die meisten Menschen es sich überhaupt vorstellen könnten.

Es kam der 19. April 2005. Ratzinger sagt, an diesem Tag habe er ein „Fallbeil“ auf sich niedersausen sehen. Dass er als neugewählter Pontifex nur ein sehr kurzes Pontifikat leiten würde, war für ihn so sicher wie das Amen in der Kirche. Er hatte seine Kräfte nicht sehr hoch eingeschätzt. In zwei, drei Jahren, so sein Gedanke, werde ihn der Herr zu sich holen. So gesehen hat er all das zuerst angepackt, was ihm angesichts der gewaltigen Glaubenskrise, dem Niedergang des Christentums, der sich über den gesamten Westen ausbreitete, als das Dringlichste erschien, nämlich die Erneuerung und Festigung dieses Glaubens. Organisatorische Dinge stellte er hinten an. Für leere Gesten oder reine Effekthascherei war er ohnehin nie zu haben. Als der „kleine Papst“, der einem großen folge, stellte er sich in die Tradition der Vorgänger. Und wurde damit zum Scharnier zwischen der Welt von Gestern und der Welt von Morgen, ein echter Brückenbauer also in Zeiten des Umbruchs, wo es vor allem auch darauf ankommt, nicht die Orientierung und den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Benedikt XVI. zeigte sich als der Anti-Populist schlechthin. Nicht um das, was die Mode der Zeit und was die Medien wollen ging es ihm, sondern um das, was Gott will. Vor allem eines wollte Benedikt XVI.: Die Menschen in einer Zeit der Gottesferne, ja, der „Gottesfinsternis“, wie manche schon formulieren, wieder mit Jesus Christus bekannt machen, sie zu Ihm führen, zu seiner Gnade, seiner Barmherzigkeit, aber sie auch an seine Mahnungen erinnern, den Vorgaben der Gebote Gottes, wie sie im Dekalog überliefert sind. Kennzeichnend dafür ist alleine schon seine erste Enzyklika, die wie ein Programm auch den Akzent seines Pontifikates zum Ausdruck bringen wollte: Deus caritas est, Gott ist Liebe. Viele der Reformen, die Papst Franziskus nun weiterführen kann, wurden von Benedikt ins Werk gesetzt. Gleich zu Beginn nahm er die Tiara aus dem päpstlichen Wappen, Zeichen auch für die weltliche Macht des Amtes. Er führte erstmals Bischofssynoden ein, die kollegial auf Dialog angelegt wurden. Er nahm die Reinigung des vatikanischen Finanzwesens in Angriff, ermunterte die Ortskirchen zu mehr Selbstständigkeit, begründete Themenjahre wie das „Priesterjahr“ und das „Jahr des Glaubens“, und berief, auch dies ein Novum, einen Protestanten zum Vorsitzenden des päpstlichen Rates der Wissenschaften. Benedikt arbeitete im Stillen, auch an Dingen, die bei seinem Vorgänger liegengeblieben waren. Er wusch den Gefangenen die Füße und las den Mächtigen die Leviten. Aufsehen erregten seine Anklagen gegen einen Turbokapitalismus, der auf gnadenlose Profitmaximierung setzt. Die Würde des Menschen ist unantastbar, erklärte er, das Leben heilig, und zwar an seinem Beginn genauso wie an seinem Ende.

Er war der „erste grüne Papst“, wie man ihn nannte. Es genügt nicht, fordere er dabei, es bei den üblichen Umweltthemen zu belassen, es gebe auch eine Ökologie des Menschen, die im Einklang mit den Evidenzen des Weltalls, im Einklang mit der Schöpfung stehen müsse. Ein historischer Akt ohnegleichen, dass mit Papst Benedikt erstmals ein katholisches Kirchenoberhaupt die Wirkstätte Luthers besuchte. Im interreligiösen Dialog verteidigte er den Islam gegen jene Kräfte, die die Religion für eigene Zwecke instrumentalisieren. Für die jüdische Welt verkündeten hochrangige Repräsentanten, nie sei die Beziehung zwischen dem Judentum und der katholischen Kirche besser gewesen als unter Benedikt XVI. Joseph Ratzinger habe bereits als Glaubenspräfekt die theologischen Grundlagen gelegt für die Aussöhnung zwischen Altem und Neuem Testament. Und noch eines – Stichwort „Regensburger Rede“: Dieser Papst hat gezeigt, dass Religion und Wissenschaft, Glaube und Vernunft, keine Gegensätze sein dürfen. Dass gerade auch die Vernunft der Garant dafür ist, die Religion vor dem Abgleiten in irre Phantasien und in gewalttätigen Fanatismus zu schützen.

Gewiss, Benedikt XVI. hat nicht alles richtig gemacht. Seine Umsetzung etwa der liturgischen „Reform der Reform“ war zögerlich und ohne den nötigen Schwung. Was besonders unverständlich war bei jemandem, der erklärt hatte, die Frage der Liturgie sei für die Kirche gewissermaßen eine Frage von Leben und Tod. Im Kampf gegen den Relativismus blieben die Waffen eher stumpf. Der Aufruf zur „Entweltlichung“ von Kirche und Glauben, ein Thema, das Ratzinger bereits in den 50er Jahren genau so formuliert hatte wie er es als Papst tat, wurde von den eigenen Leuten überhört oder bewusst missverstanden. Beim Nachfolger Franziskus versteht man den Begriff anscheinend plötzlich – oder man getraut sich nicht mehr, wegzuhören.

Als die ersten Nachrichten über die furchtbaren Missbrauchsskandale anzeigten, dass sich hier eine Lawine entwickelt, mochte man die Reaktionen Benedikts zunächst als zu wenig deutlich und zögerlich beurteilen. Im Nachhinein anerkannten selbst seine Kritiker, dass es dem zupackenden und kompromisslosen Management dieses Papstes zu verdanken war, dass sich eine der größten Krisen in der Geschichte der katholischen Kirche nicht auch zu einem Fanal des Untergangs entwickeln konnte. Seine Fehler gesteht Benedikt unumwunden ein. Keiner hat sich je so demütig und selbstkritisch über sein Pontifikat geäußert wie er. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich dann aber sogenannte „Skandale“ wie Vatileaks eher als laues Lüftchen, denn als schwerwiegendes Versagen. Man sieht dies gerade auch bei seinem Nachfolger, wo Dinge wie Vatileaks 2 in der medialen Beobachtung kaum eine Rolle spielen.

Papst Benedikt XVI. hat das Amt in einer einzigartigen Noblesse ausgeübt und damit über viele Jahre hinweg, bis zur Williamson-Affäre, einen „Benedetto-Effekt“ ausgelöst, den niemand für möglich hielt. Mit den Millionen von Menschen, die seine Plätze füllten. Mit den Enzykliken und Büchern, die Auflagen in astronomischer Höhe erreichten. Bei ihm wusste jeder, dass das, was er verkündete, vielleicht unbequem oder manchmal nicht mehr zeitgemäß erscheinen mag, aber verlässlich der Lehre des Evangeliums entspricht. Dass alles, was er sagt und tut, der Lehrmeinung der Kirche, der Kontinuität mit den Vätern und den Reformen des 2. Vatikanischen Konzils entspricht. Weil dieser Papst obendrein ein sehr musischer Mensch ist, ein Poet, ein Künstler, waren die Begegnung mit ihm häufig wie eine musikalische Meditation, schön und erfüllend. Wie er es allerdings schaffte, in seinem hohen Alter zusätzlich zu seinem Mega-Amt und angesichts vieler gesundheitlicher Handicaps auch noch eine dreiteilige Christologie schreiben zu können, um damit gewissermaßen den Kreis seines Lebenswerkes abzuschließen, weiß nur der Heilige Geist.

Ist Ratzinger „lediglich“ der große Theologe? Jemand, den die Welt als einen bedeutenden Intellektuellen würdigt, dessen kluge Analysen unverzichtbare Orientierungshilfen gaben? Nein. Das wäre viel zu kurz gesprungen. Die schönste Zeit seines beruflichen Lebens, sagt Ratzinger, war seine Zeit als Kaplan in München-Bogenhausen, der Pfarrgemeinde des Widerstandskämpfers Alfred Delp. Denn dieser Mensch ist eben auch und zuvorderst ein Priester. Und ein Priester war er auch als Bischof von Rom. Er habe sich, so bekennt er in unserem Interview-Buch „Letzte Gespräche“, in erster Linie als Hirte gesehen. Gemäß dem Auftrag Jesu: „Weide meine Schafe“. Und tatsächlich kommt diese Präferenz bereits in seiner Namenswahl zum Ausdruck: Benedictus, das heißt: der Gesegnete und zugleich der, der auch selber segnet.

Joseph Ratzinger hat dabei nie eine eigene Lehre entwickelt. Seine Theologie ist ganz von der Schrift und von den Vätern geprägt, im Gegensatz etwa zur eher spekulativen Theologie eines Karl Rahner. Den Begriff der Offenbarung Gottes wollte er dabei nicht nur auf die Bibel begrenzt sehen. Für ihn ist sie gleichwohl auch in der Tradition, der Überlieferung, den Inspirationen der Väter und Heiligen, im lebendigen Glauben gegeben. Benedikt, der sich bei seinem Amtsantritt als „einfacher Arbeiter im Weinberg“ des Herrn vorstellte, erwies sich als der „stille Papst“. Zwischen seinem lauten Vorgänger und seinem lauten Nachfolger war er ein Mann der leisen Töne. Er bestach durch seine noble Art, seinen hohen Geist, die Redlichkeit der Analyse und die Tiefe und Schönheit seiner Katechese. Nicht eine kühle Professoren-Religion wollte er anbieten.

Als Bub aus der Provinz hat er nie vergessen, woher er kam, und wie bei seinem großen Meister Augustinus, mit dem ihm nicht nur die Suche nach der Wahrheit verband, ging es ihm als einem Theologen des Volkes um die Einfachheit im Glauben, der den Menschen hilft, Gott und damit auch sich selbst zu erkennen. Er habe stets versucht, so erklärte er, mitzudenken mit den bedeutenden Lehrern des Christentums und dennoch „nicht Halt zu machen in der alten Kirche, sondern die großen Höhepunkte des Denkens festzuhalten“. „Mein Grundimpuls war“, sagt er, „unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen und diesem Kern Kraft und Dynamik zu geben. Dieser Impuls ist die Konstante meines Lebens.“

_______

Quelle

D: Ratzinger-Predigten enorm nachgefragt

Benedikt XVI. bei einer Messfeier. Archivbild von 2013

Es gibt eine enorme Nachfrage nach Predigten von Benedikt XVI. Das sagt der Regensburger Bischof und Direktor des Papst-Benedikt-Instituts, Rudolf Voderholzer der Zeitung Die Tagespost. Die Texte seien überreich an Anregungen und von beispielhafter spiritueller Tiefe, so Voderholzer. Am Regensburger Papst-Benedikt-Institut wird die Werkausgabe Joseph Ratzingers erarbeitet. Am Ostersonntag wurde der frühere Papst 90 Jahre alt.

Auch junge Theologen spürten, dass in Ratzingers Werk „die Bedeutung des Glaubens“ aufleuchte, betonte der Bischof. In den Schriften Ratzingers gingen Wahrheitssuche und Schönheit des Glaubens einher mit existenziellem Tiefgang. Er sei überzeugt, so Voderholzer, dass Benedikt „zu den ganz großen Predigern auf dem Stuhl Petri gezählt werden wird“.

(kna 16.04.2017 ord)

Ein Kirchenlehrer der Moderne

Der Autor des Papst-Buches „Licht der Welt“, Peter Seewald, am 15. November 2010 in seiner Wohnung in München.

Peter Seewald führt seit 25 Jahren immer wieder lange Gespräche mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Der Publizist findet, dass der emeritierte Papst in seiner Heimat noch nicht genug gewürdigt wird. Im Interview spricht Seewald über die zwei Bilder, die es von dem bald 90-Jährigen gibt.

Benedikt XVI. | Bonn – 12.04.2017

Frage: Herr Seewald, haben Sie Benedikt XVI. seit dem Erscheinen Ihres letzten gemeinsamen Interviewbuchs im September 2016 getroffen?

Seewald: Ja, ich habe ihn im Dezember besucht und werde nochmal im Mai hinfahren, wenn der Trubel um seinen 90. Geburtstag vorbei ist. Diese Treffen dauern rund eine Stunde und ich habe immer Fragen im Gepäck, denn die Menschen wissen immer noch viel zu wenig über Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. So kommt es eigentlich nie zu einem klassischen Plausch. Jede Begegnung ist auch immer ein Arbeitstreffen. Wir sind ja keine Freunde geworden. Für meine journalistische Arbeit ist die kritische Distanz unerlässlich; Hofberichterstattung hat keinen Wert.

Frage: Wie geht es dem emeritierten Papst? Was treibt ihn rum?

Seewald: Er antwortet auf die Frage immer mit einem „wie es einem alten Mann halt so geht“. Man sieht natürlich, dass er gebrechlicher geworden ist. Er ist bei Begegnungen geistig ganz da, spricht aber inzwischen etwas langsamer und hat natürlich nicht mehr ganz das Elefantengedächtnis, das ihm früher zur Verfügung stand. Wenn man ihn trifft, spürt man die Aura seines unvergleichlichen Lebenswegs und seiner Demut und Milde.

Frage: Sie haben für insgesamt vier Bücher lange Interviews mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. geführt – in einem Zeitrahmen von 20 Jahren. Was hat sich an der Person in der Zeit geändert?

Seewald: Unsere erste Begegnung für ein Porträt fand 1992 statt. Also darf ich ihn sogar schon ein Vierteljahrhundert journalistisch begleiten. In so einer langen Zeit konnte ich viele kritische Dinge nachprüfen, etwa das Bild des „Panzerkardinals“: Keiner, der ihn kennt, würde dieses Bild bestätigen.

An seiner Person hat sich immer nur das Alter geändert – und die neuen Aufgabenstellungen etwa als Erzbischof, Kardinal in der Glaubenskongregation und als Papst. Ratzingers Leben ist von einer unglaublichen Konstanz geprägt. Die ersten Predigten, die er als Student schrieb, beinhalten schon das, was er in den folgenden Jahrzehnten auch verkündet hat. Ich habe keine großen Brüche festgestellt und halte die Theorie von zwei Ratzingers, einem früheren modernen, der später konservativ und reaktionär wurde, für eine Legende. Außer Hans Küng würde wohl niemand unterstreichen, dass es einen theologischen Bruch gab. Es gibt allerdings einen Ratzinger, wie ihn die Medien zeichnen und einen anderen, der er wirklich ist. Die Papstwahl und das Amt konnten das der Welt eindrucksvoll vor Augen führen.

Frage: Was hat er der Welt mitgegeben?

Seewald: Im Gegensatz zu fast allen anderen Päpsten, gibt es bei Ratzinger eine Bedeutung, die er nicht nur aus seiner Amtszeit bezieht. Sein Werk war bereits vor dem Pontifikat wegweisend. Zu seinem Vermächtnis gehört, dass er die Menschen in einer Zeit der Gottferne wieder zur Barmherzigkeit Jesu Christi führen wollte – ohne dabei die biblischen Mahnungen und Gebote zu unterschlagen. Benedikt hat das Pontifikat in dem Bewusstsein angepackt, dass ihm nur wenige Jahre bleiben und dass er beim Dringendsten anfangen muss. Angesichts des Niedergangs des Christentums in der westlichen Welt war ihm die Erneuerung und Festigung des Glaubens am wichtigsten. Er sagt, sein Grundimpuls sei, unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen. Organisatorische Dinge hat er hintenan gestellt und für leere Gesten und Effekthascherei war Ratzinger ohnehin nie zu haben.

Frage: Was ist für Sie das größte Vermächtnis von Benedikt XVI.?

Seewald: Sein Vermächtnis ist die Erneuerung des Glaubens, dass er uns den ganzen Jesus gezeigt hat – den historischen und den Jesus des Glaubens. Ratzinger ist ein bedeutender Intellektueller, ein großer Vordenker unserer Zeit und ich kann mir vorstellen, dass er in Zukunft als der „Kirchenlehrer der Moderne“ bezeichnet werden wird. Er überzeugt nicht nur mit seiner Weisheit, sondern auch mit seiner Authentizität und dem persönlichen Beispiel seines Lebens. Und in der heutigen Zeit muss man betonen, dass Ratzinger der Antipopulist schlechthin ist. Ihm ging es nie darum, was gerade die Mode oder die Medien wollten, sondern darum, was Gott will. Wo es heute nur um Show und Emotion geht und Fakten nichts zählen, haben wir in Ratzinger einen Mann, der sich zuallererst der Wahrheit und der Botschaft des Evangeliums verpflichtet sah.

Frage: In den letzten Jahren sind unter den Titeln Ihrer Interview-Bände „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ eher die historischen Romane von Daniel Wolf bekannt. Wurmt Sie das?

Seewald: Nein, es kann ja jeder schreiben, was er will. Die Nachfrage nach diesen Büchern zeigt, dass es ein ungebrochenes Interesse an der katholischen Kirche gibt, die immer auch geheimnisvoll ist. So etwas stößt mir nur auf, wenn historische Romane durch eine ideologische Brille geprägt sind und Fakten manipuliert werden. Außerdem muss man über Deutschland hinaus schauen: Meine vier Interviewbücher mit Ratzinger/Benedikt sind in über 30 Sprachen übersetzt worden, haben weltweit Millionenauflagen. Man muss sich von der Vorstellung trennen, als würde sich niemand für ihn interessieren oder als hätte er keine Anhänger. Die „Letzten Gespräche“ mit ihm landeten sofort auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Da kann ich nicht meckern.

Kurienerzbischof Georg Gänswein und Autor Peter Seewald haben das neue Interviewbuch „Letzte Gespräche“ mit Benedikt XVI. vorgestellt. Katholisch.de war live dabei. Eine Dokumentation.

 katholisch.de

Frage: An dem von Ihnen erwähnten Interviewband „Letzte Gespräche“, das im September 2016 erschienen ist, gab es auch Kritik: An Benedikt und daran, ob das Buch nicht Geschichtsschreibung betreiben wolle. Was entgegnen Sie darauf?

Seewald: Das muss man differenziert sehen. Zuerst sollte man – gerade in Deutschland – zuhören, was der emeritierte Papst uns zu sagen hat. Zum anderen kann ich nachvollziehen, dass es Bedenken gab, warum er nochmal in die Öffentlichkeit tritt, aber das habe ich im Vorwort des Buches erklärt: Die Interviews waren zunächst nicht für ein eigenständiges Buch gedacht, sondern als Information für die Arbeit an einer Biografie. Ich konnte Benedikt aber überzeugen, den Text zu veröffentlichen, weil die Spekulationen und Verschwörungstheorien über seinen Rücktritt noch immer gewaltig waren. Ich fand es wichtig, dass ein solch historischer Schritt noch einmal erklärt wird, und zwar von der Person, die ihn vollzogen hat.

Ich finde auch, dass die Kritik von einigen genutzt wurde, um den deutschen Papst noch einmal einen vor den Karren zu fahren. Da wurde sogar behauptet, der emeritierte Papst würde selbstgefällig sein. Dabei ist das ganze Buch ein Ausdruck seiner Demut und Selbstkritik. Noch nie hat ein Papst sich so selbstkritisch über seine Arbeit geäußert. Es ist ein wichtiges Buch und eine große Chance, auf eine Jahrhundertbiografie des ersten deutschen Papstes seit 500 Jahren zurückzublicken.

Frage: Beim Stichwort Demut fragen Theologen immer wieder an, warum ein emeritierter Papst weiterhin mit „Heiliger Vater“ angeredet werden soll und weiße Papstgewänder trägt

Seewald: Also, wenn man nichts Besseres zu tun hat… Das ist eine typisch deutsche Meckerei und Besserwisserei. Ich verstehe nicht, warum man sich nicht mit den Inhalten auseinandersetzt und ob er nicht vielleicht mit einigen Aussagen Recht hat. Wer dem emeritierten Papst vorschreiben möchte, wie er sich nennen lassen und anziehen soll, sollte sich Gedenken machen, ob ein Joseph Ratzinger nicht vielleicht über das Wesen des Papsttums besser Bescheid weiß, als man selbst und niemand anderer besser geeignet wäre, hier die richtigen Maßstäbe zu setzen. Es ist ja ein Novum und es gibt kein Beispiel, wie ein emeritierter Papst weiterzuleben hat.

Frage: Was wünschen Sie Benedikt zum 90. Geburtstag?

Seewald:  Der emeritierte Papst ist kein Rentner, der jetzt Rosen züchtet, sondern ist weiter für die Kirche da und trägt ihre Sorgen durch das Gebet mit. Mit seiner umfangreichen Korrespondenz und den vielen Besuchen hat er für einen 90-Jährigen leider ein noch straffes Programm. Ich wünsche ihm noch ganz, ganz viele sonnige Tage bei guter Gesundheit und dann eine gute Sterbestunde. Vor allem wünsche ich ihm viele Nachahmer, die sich von seinem Werk, seiner Botschaft, seiner Gottes- und Menschenliebe, seiner Poesie, und von seinem authentischen Leben in der Nachfolge Christi inspirieren lassen und auf diese Weise ihren ganz eigenen Weg zu Gott finden. Ich schließe mich da Papst Franziskus an, der sagte, Benedikt XVI. sei ein großer Papst gewesen, dessen Geist von Generation zu Generation immer größer und mächtiger in Erscheinung treten wird. Hoffen wir, dass seine Arbeit auch in seiner Heimat so gewürdigt und wertgeschätzt wird, wie sie es verdient. Bei ihm wusste jeder, dass das, was er verkündet – auch wenn es unbequem oder nicht zeitgemäß erscheinen mag –, immer verlässlich der Lehre des Evangeliums entspricht und in Kontinuität zur Lehre der Kirchenväter und der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils steht. Diese Verlässlichkeit ist in einer Zeit des Umbruchs und der Orientierungslosigkeit von unschätzbarem Wert.

Von Agathe Lukassek

_______

Quelle

Relativismus – neues Gesicht der Intoleranz, so Kardinal Ratzinger

1553539_404

Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, begrüßt am 30.11.2002 einen Glaubenkongress im Los Jeronimos-Kloster in Murcia.

Interview mit dem neuen Dekan des Kardinalskollegiums
über aktuelle Kirchenthemen

MURCIA, 9. Dezember 2002 (ZENIT.org).- Der Relativismus ist zum neuen Ausdruck der Intoleranz geworden, so Joseph Kardinal Ratzinger, der Präfekt der Glaubenskongregation.

Er äußerte sich spontan zu einigen der aktuell brennendsten Themen der Kirche, als er sich am 30. November mit einer Gruppe Journalisten in der spanischen Stadt Murcia traf, unter denen auch der Korrespondent von Zenit war.

Der Kardinal führte den Vorsitz über den Kongress „Christus, Weg, Wahrheit und Leben“ vom 28. November bis zum 1. Dezember an der katholischen Universität San Antonio von Murcia.

Bei diesem Interview wurde auch zum erstenmal offiziell bekanntgegeben, dass Kardinal Ratzinger nun der Dekan des Kardinalskollegiums ist.

FRAGE: Einige interpretieren nicht selten die Verkündigung Christi als einen Bruch innerhalb des Dialogs mit den anderen Religionen. Wie kann man Christus verkünden und gleichzeitig Dialog führen?

KARDINAL RATZINGER: Ich würde sagen, dass heute der Relativismus ziemlich vorherrschend ist. Wer nicht Relativist ist, scheint intolerant zu sein. Wer glaubt, er habe die wesentliche Wahrheit verstanden, wird als intolerant betrachtet. Aber eigentlich ist dieser Ausschluss der Wahrheit wirklich schwerwiegend intolerant und reduziert die wesentlichen Dinge des Lebens auf den Subjektivismus. Auf diese Weise gibt es über die wesentlichen Dinge keine gemeinsame Anschauung mehr. Jeder könnte und sollte so entscheiden wie er es vermag und so verlieren wir die ethischen Grundlagen unseres gemeinsamen Lebens.

Christus ist der ganz andere im Vergleich mit allen anderen Religionsstiftern und kann nicht auf eine Stufe mit Buddha, Sokrates oder Konfuzius gestellt werden. Er ist wirklich die Brücke zwischen Himmel und Erde, das Licht der Wahrheit, das uns erschienen ist. Das Geschenk, Jesus zu kennen, heißt aber nicht, dass es nicht auch wichtige Fragmente der Wahrheit in anderen Religionen gibt. Im Lichte Christi können wir einen fruchtbaren Dialog von einem Standpunkt aus aufnehmen, von dem wir all diese Fragmente der Wahrheit zur Vertiefung unseres eigenen Glaubens und zu einer wahren geistigen Gemeinschaft der Menschen untereinander beitragen.

FRAGE: Was würden Sie heute einem jungen Theologen sagen?
– Welche Aspekte der Christologie würden sie ihm zum Studium empfehlen?

KARDINAL RATZINGER: Es ist vor allem wichtig, die Heilige Schrift zu kennen, das lebendige Zeugnis der Evangelien, sowohl der synoptischen als auch des Johannesevangeliums, um die wahre Stimme zu vernehmen. Sodann sind die großen Konzilien sehr wichtig, vor allem das Konzil von Chalkedon und die darauffolgenden Konzilien, welche die Bedeutung der großartigen christologischen Formel erklären – wahrer Mensch und wahrer Gott. Das ganz Neue, dass er wirklich der Sohn Gottes ist und trotzdem wahrer Mensch, ist nicht nur Schein, sondern verbindet vielmehr Gott mit den Menschen. Drittens würde ich ihnen empfehlen, das Ostermysterium zu vertiefen: es gilt, das Mysterium der Passion und der Auferstehung des Herrn zu verstehen, um so zu begreifen, was Erlösung bedeutet. Das Novum, dass Gott in der Person Jesu leidet, nimmt unsere Leiden mit hinein. Er nimmt an unserem Leben teil und schafft so den Schritt zum wahren Leben in der Auferstehung. Es geht um das Problem der Befreiung des menschlichen Lebens. Das ist auch heute im Ostermysterium inbegriffen und bezieht sich einerseits auf das konkrete Leben in der Zeit, andererseits ist es in der Liturgie zugegen. Es scheint mir besonders diese Verbindung zwischen Liturgie und Leben sehr zentral zu sein, da sie beide im Ostermysterium begründet sind.

FRAGE: Was hat Kardinal Ratzinger gelernt, was der Theologe Ratzinger nicht schon wusste?

KARDINAL RATZINGER: Das Wesen meines Christusglaubens ist immer dasselbe geblieben: diesen Menschen zu kennen, welcher Gott ist, der mich kennt und der, wie der heilige Paulus sagt, sich für mich hingegeben hat. Er ist hier, um mir zu helfen und mich zu leiten, und diese Glaubenssubstanz war immer dieselbe. Im Laufe meines Lebens habe ich die Kirchenväter gelesen und die großen Theologen sowie die Theologen der Gegenwart. Als ich jung war, war in Deutschland die Theologie Bultmanns maßgeblich, also die existentialistische Theologie, später war es dann die Theologie Moltmanns, sozusagen eine vom Marxismus beeinflusste Theologie. Ich würde sagen, derzeit ist der Dialog mit den anderen Religionen der wichtigste Punkt. Es gilt zu verstehen, wie Christus einerseits der Einzige ist und wie andererseits all den anderen entspricht, die vor ihm da waren und die mit Christus im Dialog sind.

FRAGE: Was muss eine katholische Universität als Trägerin der Wahrheit Christi tun, um dem christlichen Missionsauftrag der Evangelienverkündigung gerecht zu werden?

KARDINAL RATZINGER: Wichtig ist, dass man an einer katholischen Universität nicht nur die Vorbereitung zu einer gewissen Berufsausübung beigebracht bekommt. Eine Universität ist mehr als nur eine Berufsschule, wo man Physik, Soziologie und Chemie lernt … Eine gute Berufsausbildung ist zwar sehr wichtig, aber bliebe es nur hierbei, dann wäre die Universität nichts anderes als ein Gebäude mit verschiedenen Berufsschulen. Sie muss vielmehr als Grundlage die Konstruktion einer fundierten Interpretation der menschlichen Existenz liefern. Im Lichte dieser Grundlage können wir den Raum betrachten, welchen jede Wissenschaft einnimmt, wie auch unser christlicher Glaube, der auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau angesiedelt werden muss.

Daher muss in der katholischen Schule eine Grundlagenbildung in Glaubensfragen gegeben werden und vor allem muss ein interdisziplinärer Dialog zwischen Professoren und Studenten stattfinden, damit sie gemeinsam die Mission eines katholischen Intellektuellen in unserer Welt begreifen können.

FRAGE: Bei der heutigen Suche nach Spiritualität suchen viele Menschen ihr Heil in transzendentaler Meditation. Welcher Unterschied besteht zwischen dieser und der christlichen Meditation?

KARDINAL RATZINGER: Mit einem Wort würde ich sagen, dass das Wesen der transzendentalen Meditation darin besteht, dass der Mensch sich seines eigenen Ichs entledigt und sich mit dem universalen Wesen der Welt vereint. Daher wird er entpersonalisiert. Hingegen verliere ich in der christlichen Meditation meine eigene Persönlichkeit nicht, sondern ich trete in eine personale Beziehung mit der Person Christi; ich trete in Beziehung mit dem „Du“ Christi, und auf diese Weise kann das „Ich“ nicht verloren gehen. Es behält seine Identität und Verantwortung. Gleichzeitig öffnet es sich und tritt in eine tiefere Einheit ein, die Einheit der Liebe, die nicht zerstörerisch ist. Ich würde daher in wenigen Worten etwas vereinfachend sagen, dass die transzendentale Meditation unpersönlich und in diesem Sinne „entpersonalisierend“ ist, während die christliche Meditation „personalisierend“ ist und zu einer tieferen Einheit hin öffnet, welche aus der Liebe geboren wird und nicht aus der Auflösung des „Ich“.

FRAGE: Sie sind Präfekt der Glaubenskongregation, ehemals die Heilige Inquisition. Nun kennen ja die meisten die vatikanischen Dikasterien gar nicht und glauben, deren Aufgabe sei es nur, zu verurteilen. Worin besteht ihre Arbeit?

KARDINAL RATZINGER: Das ist schwierig, in ein paar Worten zu antworten. Wir haben zwei Hauptbereiche, einen disziplinären und einen doktrinären.

Der disziplinäre Bereich deckt die Probleme im Zusammenhang mit Priesterdelikten ab, die es leider in der Kirche gibt. Nun haben wir ja das große Problem der Päderastie, wie sie wissen. In diesem Fall müssen wir vor allem den Bischöfen helfen, eine angemessene Vorgangsweise zu finden, und daher sind wir so eine Art Berufungsgericht. Wenn sich jemand ungerecht von einem Bischof behandelt fühlt, sind wir seine Anlaufstelle.

Der andere Bereich ist eher bekannt, wo es um die Glaubenslehre geht. In diesem Sinne hat Papst Paul VI. unsere Aufgabe als eine „Förderung“ und „Verteidigung“ des Glaubens definiert. Förderung heißt beim Dialog innerhalb der Familie der Theologen auf der ganzen Welt behilflich zu sein, diesen Dialog zu verfolgen und die positiven Strömungen zu unterstützen, aber auch den weniger positiven Tendenzen behilflich zu sein, mit den positiveren Tendenzen in Einklang zu gelangen. Die andere Dimension ist die Verteidigung: im Kontext der heutigen Welt mit ihrem Relativismus und einer tiefen Opposition gegen den Glauben der Kirche vielerorts mit ihrer agnostischen, atheistischen Ideologie etc. kommt es leicht zum Verlust der Glaubensidentität. Wir müssen helfen, die authentischen „Nova“ und wahren Fortschritte von anderen Schritten zu unterscheiden, die zum Verlust der Glaubensidentität führen könnten.

Uns stehen zwei wichtige Instrumente für diese Arbeit zur Verfügung, nämlich die Internationale Theologenkommission mit 30 Theologen, die von den Bischöfen vorgeschlagen und für fünf Jahre ernannt werden. Es sind dies Diskussionsforen für Theologen, um sozusagen zu einem internationalen Verständnis zu gelangen und zwar auch der verschiedenen Theologenschulen untereinander und im Dialog mit dem Kirchlichen Lehramt.

Für uns ist die Zusammenarbeit mit den Bischöfen wesentlich. Wenn möglich sollten die Bischöfe selbst solche Probleme lösen. Doch häufig geht es dabei um Theologen mit internationalem Ruf und daher übersteigen die Probleme die Möglichkeiten der Bischöfe, so dass sie der Kongregation vorgelegt werden. Hier fördern wir den Dialog mit diesen Theologen, um, wenn möglich, zu einer friedlichen Lösung zu gelangen. Nur in ganz wenigen Fällen kommt es zu einer negativen Lösung.

[Original: Italienisch; Übersetzung: Zenit]

_______

Quelle