Relativismus – neues Gesicht der Intoleranz, so Kardinal Ratzinger

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Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, begrüßt am 30.11.2002 einen Glaubenkongress im Los Jeronimos-Kloster in Murcia.

Interview mit dem neuen Dekan des Kardinalskollegiums
über aktuelle Kirchenthemen

MURCIA, 9. Dezember 2002 (ZENIT.org).- Der Relativismus ist zum neuen Ausdruck der Intoleranz geworden, so Joseph Kardinal Ratzinger, der Präfekt der Glaubenskongregation.

Er äußerte sich spontan zu einigen der aktuell brennendsten Themen der Kirche, als er sich am 30. November mit einer Gruppe Journalisten in der spanischen Stadt Murcia traf, unter denen auch der Korrespondent von Zenit war.

Der Kardinal führte den Vorsitz über den Kongress „Christus, Weg, Wahrheit und Leben“ vom 28. November bis zum 1. Dezember an der katholischen Universität San Antonio von Murcia.

Bei diesem Interview wurde auch zum erstenmal offiziell bekanntgegeben, dass Kardinal Ratzinger nun der Dekan des Kardinalskollegiums ist.

FRAGE: Einige interpretieren nicht selten die Verkündigung Christi als einen Bruch innerhalb des Dialogs mit den anderen Religionen. Wie kann man Christus verkünden und gleichzeitig Dialog führen?

KARDINAL RATZINGER: Ich würde sagen, dass heute der Relativismus ziemlich vorherrschend ist. Wer nicht Relativist ist, scheint intolerant zu sein. Wer glaubt, er habe die wesentliche Wahrheit verstanden, wird als intolerant betrachtet. Aber eigentlich ist dieser Ausschluss der Wahrheit wirklich schwerwiegend intolerant und reduziert die wesentlichen Dinge des Lebens auf den Subjektivismus. Auf diese Weise gibt es über die wesentlichen Dinge keine gemeinsame Anschauung mehr. Jeder könnte und sollte so entscheiden wie er es vermag und so verlieren wir die ethischen Grundlagen unseres gemeinsamen Lebens.

Christus ist der ganz andere im Vergleich mit allen anderen Religionsstiftern und kann nicht auf eine Stufe mit Buddha, Sokrates oder Konfuzius gestellt werden. Er ist wirklich die Brücke zwischen Himmel und Erde, das Licht der Wahrheit, das uns erschienen ist. Das Geschenk, Jesus zu kennen, heißt aber nicht, dass es nicht auch wichtige Fragmente der Wahrheit in anderen Religionen gibt. Im Lichte Christi können wir einen fruchtbaren Dialog von einem Standpunkt aus aufnehmen, von dem wir all diese Fragmente der Wahrheit zur Vertiefung unseres eigenen Glaubens und zu einer wahren geistigen Gemeinschaft der Menschen untereinander beitragen.

FRAGE: Was würden Sie heute einem jungen Theologen sagen?
– Welche Aspekte der Christologie würden sie ihm zum Studium empfehlen?

KARDINAL RATZINGER: Es ist vor allem wichtig, die Heilige Schrift zu kennen, das lebendige Zeugnis der Evangelien, sowohl der synoptischen als auch des Johannesevangeliums, um die wahre Stimme zu vernehmen. Sodann sind die großen Konzilien sehr wichtig, vor allem das Konzil von Chalkedon und die darauffolgenden Konzilien, welche die Bedeutung der großartigen christologischen Formel erklären – wahrer Mensch und wahrer Gott. Das ganz Neue, dass er wirklich der Sohn Gottes ist und trotzdem wahrer Mensch, ist nicht nur Schein, sondern verbindet vielmehr Gott mit den Menschen. Drittens würde ich ihnen empfehlen, das Ostermysterium zu vertiefen: es gilt, das Mysterium der Passion und der Auferstehung des Herrn zu verstehen, um so zu begreifen, was Erlösung bedeutet. Das Novum, dass Gott in der Person Jesu leidet, nimmt unsere Leiden mit hinein. Er nimmt an unserem Leben teil und schafft so den Schritt zum wahren Leben in der Auferstehung. Es geht um das Problem der Befreiung des menschlichen Lebens. Das ist auch heute im Ostermysterium inbegriffen und bezieht sich einerseits auf das konkrete Leben in der Zeit, andererseits ist es in der Liturgie zugegen. Es scheint mir besonders diese Verbindung zwischen Liturgie und Leben sehr zentral zu sein, da sie beide im Ostermysterium begründet sind.

FRAGE: Was hat Kardinal Ratzinger gelernt, was der Theologe Ratzinger nicht schon wusste?

KARDINAL RATZINGER: Das Wesen meines Christusglaubens ist immer dasselbe geblieben: diesen Menschen zu kennen, welcher Gott ist, der mich kennt und der, wie der heilige Paulus sagt, sich für mich hingegeben hat. Er ist hier, um mir zu helfen und mich zu leiten, und diese Glaubenssubstanz war immer dieselbe. Im Laufe meines Lebens habe ich die Kirchenväter gelesen und die großen Theologen sowie die Theologen der Gegenwart. Als ich jung war, war in Deutschland die Theologie Bultmanns maßgeblich, also die existentialistische Theologie, später war es dann die Theologie Moltmanns, sozusagen eine vom Marxismus beeinflusste Theologie. Ich würde sagen, derzeit ist der Dialog mit den anderen Religionen der wichtigste Punkt. Es gilt zu verstehen, wie Christus einerseits der Einzige ist und wie andererseits all den anderen entspricht, die vor ihm da waren und die mit Christus im Dialog sind.

FRAGE: Was muss eine katholische Universität als Trägerin der Wahrheit Christi tun, um dem christlichen Missionsauftrag der Evangelienverkündigung gerecht zu werden?

KARDINAL RATZINGER: Wichtig ist, dass man an einer katholischen Universität nicht nur die Vorbereitung zu einer gewissen Berufsausübung beigebracht bekommt. Eine Universität ist mehr als nur eine Berufsschule, wo man Physik, Soziologie und Chemie lernt … Eine gute Berufsausbildung ist zwar sehr wichtig, aber bliebe es nur hierbei, dann wäre die Universität nichts anderes als ein Gebäude mit verschiedenen Berufsschulen. Sie muss vielmehr als Grundlage die Konstruktion einer fundierten Interpretation der menschlichen Existenz liefern. Im Lichte dieser Grundlage können wir den Raum betrachten, welchen jede Wissenschaft einnimmt, wie auch unser christlicher Glaube, der auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau angesiedelt werden muss.

Daher muss in der katholischen Schule eine Grundlagenbildung in Glaubensfragen gegeben werden und vor allem muss ein interdisziplinärer Dialog zwischen Professoren und Studenten stattfinden, damit sie gemeinsam die Mission eines katholischen Intellektuellen in unserer Welt begreifen können.

FRAGE: Bei der heutigen Suche nach Spiritualität suchen viele Menschen ihr Heil in transzendentaler Meditation. Welcher Unterschied besteht zwischen dieser und der christlichen Meditation?

KARDINAL RATZINGER: Mit einem Wort würde ich sagen, dass das Wesen der transzendentalen Meditation darin besteht, dass der Mensch sich seines eigenen Ichs entledigt und sich mit dem universalen Wesen der Welt vereint. Daher wird er entpersonalisiert. Hingegen verliere ich in der christlichen Meditation meine eigene Persönlichkeit nicht, sondern ich trete in eine personale Beziehung mit der Person Christi; ich trete in Beziehung mit dem „Du“ Christi, und auf diese Weise kann das „Ich“ nicht verloren gehen. Es behält seine Identität und Verantwortung. Gleichzeitig öffnet es sich und tritt in eine tiefere Einheit ein, die Einheit der Liebe, die nicht zerstörerisch ist. Ich würde daher in wenigen Worten etwas vereinfachend sagen, dass die transzendentale Meditation unpersönlich und in diesem Sinne „entpersonalisierend“ ist, während die christliche Meditation „personalisierend“ ist und zu einer tieferen Einheit hin öffnet, welche aus der Liebe geboren wird und nicht aus der Auflösung des „Ich“.

FRAGE: Sie sind Präfekt der Glaubenskongregation, ehemals die Heilige Inquisition. Nun kennen ja die meisten die vatikanischen Dikasterien gar nicht und glauben, deren Aufgabe sei es nur, zu verurteilen. Worin besteht ihre Arbeit?

KARDINAL RATZINGER: Das ist schwierig, in ein paar Worten zu antworten. Wir haben zwei Hauptbereiche, einen disziplinären und einen doktrinären.

Der disziplinäre Bereich deckt die Probleme im Zusammenhang mit Priesterdelikten ab, die es leider in der Kirche gibt. Nun haben wir ja das große Problem der Päderastie, wie sie wissen. In diesem Fall müssen wir vor allem den Bischöfen helfen, eine angemessene Vorgangsweise zu finden, und daher sind wir so eine Art Berufungsgericht. Wenn sich jemand ungerecht von einem Bischof behandelt fühlt, sind wir seine Anlaufstelle.

Der andere Bereich ist eher bekannt, wo es um die Glaubenslehre geht. In diesem Sinne hat Papst Paul VI. unsere Aufgabe als eine „Förderung“ und „Verteidigung“ des Glaubens definiert. Förderung heißt beim Dialog innerhalb der Familie der Theologen auf der ganzen Welt behilflich zu sein, diesen Dialog zu verfolgen und die positiven Strömungen zu unterstützen, aber auch den weniger positiven Tendenzen behilflich zu sein, mit den positiveren Tendenzen in Einklang zu gelangen. Die andere Dimension ist die Verteidigung: im Kontext der heutigen Welt mit ihrem Relativismus und einer tiefen Opposition gegen den Glauben der Kirche vielerorts mit ihrer agnostischen, atheistischen Ideologie etc. kommt es leicht zum Verlust der Glaubensidentität. Wir müssen helfen, die authentischen „Nova“ und wahren Fortschritte von anderen Schritten zu unterscheiden, die zum Verlust der Glaubensidentität führen könnten.

Uns stehen zwei wichtige Instrumente für diese Arbeit zur Verfügung, nämlich die Internationale Theologenkommission mit 30 Theologen, die von den Bischöfen vorgeschlagen und für fünf Jahre ernannt werden. Es sind dies Diskussionsforen für Theologen, um sozusagen zu einem internationalen Verständnis zu gelangen und zwar auch der verschiedenen Theologenschulen untereinander und im Dialog mit dem Kirchlichen Lehramt.

Für uns ist die Zusammenarbeit mit den Bischöfen wesentlich. Wenn möglich sollten die Bischöfe selbst solche Probleme lösen. Doch häufig geht es dabei um Theologen mit internationalem Ruf und daher übersteigen die Probleme die Möglichkeiten der Bischöfe, so dass sie der Kongregation vorgelegt werden. Hier fördern wir den Dialog mit diesen Theologen, um, wenn möglich, zu einer friedlichen Lösung zu gelangen. Nur in ganz wenigen Fällen kommt es zu einer negativen Lösung.

[Original: Italienisch; Übersetzung: Zenit]

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Quelle

Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt

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EINLEITUNG

1. Erfahren in der Menschlichkeit, ist die Kirche immer an den Belangen von Mann und Frau interessiert. In der letzten Zeit wurde viel über die Würde der Frau, über ihre Rechte und Pflichten in den verschiedenen Bereichen der bürgerlichen und der kirchlichen Gemeinschaft nachgedacht. Die Kirche, die besonders durch die Lehre von Johannes Paul II. zur Vertiefung dieses grundlegenden Themas beigetragen hat,1 wird heute von einigen Denkströmungen herausgefordert, deren Ideen oft nicht mit den genuinen Zielsetzungen der Förderung der Frau übereinstimmen.

Nach einer kurzen Darlegung und kritischen Bewertung verschiedener gegenwärtiger anthropologischer Auffassungen möchte das vorliegende Dokument Überlegungen über einige Voraussetzungen für ein rechtes Verständnis der aktiven Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt — bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit — bieten. Diese Überlegungen sind inspiriert von den Lehraussagen der biblischen Anthropologie, die unerlässlich sind, um die Identität der menschlichen Person zu wahren. Sie wollen überdies Ausgangspunkt für einen Weg der Vertiefung innerhalb der Kirche und für den Aufbau eines Dialogs mit allen Männern und Frauen guten Willens sein, in der aufrichtigen Suche nach der Wahrheit und im gemeinsamen Bemühen um die Förderung von immer authentischeren Beziehungen.

 

I.
DAS PROBLEM

2. In den letzten Jahren haben sich in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage neue Tendenzen abgezeichnet. Eine erste Tendenz unterstreicht stark den Zustand der Unterordnung der Frau, um eine Haltung des Protestes hervorzurufen. So macht sich die Frau, um wirklich Frau zu sein, zum Gegner des Mannes. Auf die Missbräuche der Macht antwortet sie mit einer Strategie des Strebens nach Macht. Dieser Prozess führt zu einer Rivalität der Geschlechter, bei der die Identität und die Rolle des einen zum Nachteil des anderen gereichen. Die Folge davon ist eine Verwirrung in der Anthropologie, die Schaden bringt und ihre unmittelbarste und unheilvollste Auswirkung in der Struktur der Familie hat.

Im Sog dieser ersten Tendenz ergibt sich eine zweite. Um jegliche Überlegenheit des einen oder des anderen Geschlechts zu vermeiden, neigt man dazu, ihre Unterschiede zu beseitigen und als bloße Auswirkungen einer historisch-kulturellen Gegebenheit zu betrachten. Bei dieser Einebnung wird die leibliche Verschiedenheit, Geschlecht genannt, auf ein Minimum reduziert, während die streng kulturelle Dimension, Gender genannt, in höchstem Maß herausgestrichen und für vorrangig gehalten wird. Die Verschleierung der Verschiedenheit oder Dualität der Geschlechter bringt gewaltige Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen mit sich. Diese Anthropologie, die Perspektiven für eine Gleichberechtigung der Frau fördern und sie von jedem biologischen Determinismus befreien wollte, inspiriert in Wirklichkeit Ideologien, die zum Beispiel die Infragestellung der Familie, zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören, die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität sowie ein neues Modell polymorpher Sexualität fördern.

3. Die unmittelbare Wurzel der genannten Tendenz findet sich im Kontext der Frauenfrage. Ihre tiefste Begründung muss aber im Versuch der menschlichen Person nach Befreiung von den eigenen biologischen Gegebenheiten gesucht werden.2 Gemäß dieser anthropologischen Perspektive hätte die menschliche Natur keine Merkmale an sich, die sich ihr in absoluter Weise auferlegen: Jede Person könnte und müsste sich nach eigenem Gutdünken formen, weil sie von jeder Vorausbestimmung auf Grund ihrer Wesenskonstitution frei wäre.

Diese Perspektive hat vielfältige Auswirkungen. Zum einen wird dadurch die Meinung bekräftigt, die Befreiung der Frau bringe eine Kritik an der Heiligen Schrift mit sich, die ein patriarchalisches Verständnis von Gott überliefere, das von einer wesentlich männlichen Kultur genährt sei. Zum anderen ist es gemäß dieser Tendenz unwichtig und bedeutungslos, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann angenommen hat.

4. Angesichts dieser Denkströmungen spricht die Kirche hingegen, erleuchtet vom Glauben an Jesus Christus, von aktiver Zusammenarbeit von Mann und Frau bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit.

Um die Grundlage, den Sinn und die Auswirkungen dieser Antwort besser zu verstehen, ist es angebracht, wenigstens kurz auf die Heilige Schrift zurückzugreifen, die auch reich ist an menschlicher Weisheit. In ihr wurde diese Antwort Schritt für Schritt dank des Eingreifens Gottes zum Wohl des Menschen offenbart.3

 

II.
DIE GRUNDAUSSAGEN
DER BIBLISCHEN ANTHROPOLOGIE

5. Eine erste Reihe biblischer Texte, die es zu untersuchen gilt, sind die ersten drei Kapitel der Genesis. Sie führen uns »in den Bereich jenes biblischen ”Anfangs“, wo die über den Menschen als ”Abbild und Gleichnis Gottes“ offenbarte Wahrheit die unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie darstellt«.4

Der erste Text (Gen 1,1-2,4) beschreibt die Schöpfermacht des Wortes Gottes, die bewirkt, dass im ursprünglichen Chaos das eine vom anderen geschieden wird. So erscheinen Licht und Finsternis, Meer und Land, Tag und Nacht, Pflanzen und Bäume, Fische und Vögel, alle »nach ihrer Art«. Ausgehend von Verschiedenheiten, die zugleich neue Beziehungen verheißen, entsteht eine geordnete Welt. Dies ist der allgemeine Rahmen, in den die Erschaffung des Menschen eingeordnet ist. »Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich… Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1,26-27). Der Mensch wird hier als ein Wesen beschrieben, das sich von seinem ersten Anfang an in der Beziehung von Mann und Frau artikuliert. Dieser geschlechtlich differenzierte Mensch wird ausdrücklich »Abbild Gottes« genannt.

6. Der zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,4-25) bekräftigt in unzweideutiger Weise die Wichtigkeit der geschlechtlichen Verschiedenheit. Einmal von Gott geformt und in den Garten gesetzt, um ihn zu bebauen, macht jener, der noch mit dem allgemeinen Ausdruck Mensch beschrieben wird, die Erfahrung einer Einsamkeit, die von den anwesenden Tieren nicht ausgefüllt werden kann. Er braucht eine Hilfe, die ihm entspricht. Dieser Ausdruck bezeichnet hier nicht eine untergeordnete Rolle, sondern eine vitale Hilfe.5 Das Ziel besteht darin, es möglich zu machen, dass das Leben des Menschen nicht in einer fruchtlosen und am Ende tödlichen Beschäftigung nur mit sich selbst versinkt. Es ist notwendig, dass er mit einem anderen, auf seiner Ebene lebenden Wesen in Beziehung tritt. Nur die Frau, die aus demselben «Fleisch» geschaffen und von demselben Mysterium umhüllt ist, gibt dem Leben des Mannes eine Zukunft. Die Erschaffung der Frau durch Gott charakterisiert den Menschen auf seinsmäßiger Ebene als Wesen in Beziehung. In dieser Begegnung fällt auch das Wort, das den Mund des Mannes zum ersten Mal in einem Ausdruck des Staunens öffnet: »Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch« (Gen 2,23).

Der Heilige Vater hat mit Bezug auf diesen Text der Genesis geschrieben: »Die Frau ist ein anderes ”Ich“ im gemeinsamen Menschsein. Von Anfang an erscheinen sie [Mann und Frau] als ”Einheit von zweien“, und das bedeutet die Überwindung der ursprünglichen Einsamkeit, in welcher der Mensch ”keine Hilfe fand, die ihm entsprach“ (Gen 2,20). Handelt es sich hier nur um die ”Hilfe“ bei der Arbeit, beim ”Unterwerfen der Erde“ (vgl. Gen 1,28)? Mit Sicherheit handelt es sich um die Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit seiner Frau verbinden kann, so dass er ”ein Fleisch“ mit ihr wird und deshalb ”Vater und Mutter verlässt“ (vgl. Gen 2,24)«.6

Die vitale Verschiedenheit ist auf die Gemeinschaft ausgerichtet und wird in friedlicher Weise gelebt, wie es im Thema des Nacktseins zum Ausdruck kommt. »Beide, Adam und Eva, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander« (Gen 2,25). Der menschliche Leib, der vom Siegel der Männlichkeit bzw. der Weiblichkeit geprägt ist, »umfasst von ”Anfang“ an auch die Eigenschaft des ”Bräutlichen“, das heißt die Fähigkeit, der Liebe Ausdruck zu geben: jener Liebe, in welcher der Mensch als Person Geschenk wird und — durch dieses Geschenk — den eigentlichen Sinn seines Seins und seiner Existenz verwirklicht«.7 In der weiteren Auslegung dieser Verse der Genesis fährt der Heilige Vater fort: »In dieser seiner Besonderheit ist der Leib Ausdruck des Geistes und dazu gerufen, gerade im Mysterium der Schöpfung in der Gemeinschaft der Personen ”das Ebenbild Gottes“ zu sein«.8

In der gleichen bräutlichen Perspektive versteht man, in welchem Sinn der alte Bericht der Genesis erkennen lässt, wie die Frau in ihrem tiefsten und ursprünglichsten Sein »für den anderen« (vgl. 1 Kor 11,9) da ist. Diese Aussage will in keiner Weise eine Entfremdung heraufbeschwören. Sie bringt vielmehr einen grundlegenden Aspekt der Ähnlichkeit mit der heiligen Dreifaltigkeit zum Ausdruck, deren Personen sich durch das Kommen Christi als Gemeinschaft der gegenseitigen Liebe offenbaren. »In der ”Einheit der zwei“ sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur ”nebeneinander“ oder ”miteinander“, sondern auch einer für den anderen zu leben… Der Text von Gen 2,18-25 weist darauf hin, dass die Ehe die erste und gewissermaßen grundlegende Dimension dieser Berufung ist. Allerdings nicht die einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen auf Erden vollzieht sich im Rahmen dieser Berufung. Aufgrund des Prinzips, dass in der interpersonalen ”Gemeinschaft“ einer ”für“ den anderen da ist, entwickelt sich in dieser Geschichte die Integration dessen, was ”männlich“ und was ”weiblich“ ist, in das von Gott gewollte Menschsein«.9

Die friedliche Schau am Ende des zweiten Schöpfungsberichts ist ein Echo jenes »sehr gut«, das im ersten Bericht die Erschaffung des ersten Menschenpaares abgeschlossen hat. Hier ist die Herzmitte des ursprünglichen Planes Gottes und der tiefsten Wahrheit über Mann und Frau, so wie Gott sie gewollt und geschaffen hat. Diese ursprünglichen Verfügungen des Schöpfers, wie sehr sie auch durch die Sünde entstellt und verdunkelt sind, können niemals zunichte gemacht werden.

7. Die Erbsünde verfälscht die Art, in welcher der Mann und die Frau das Wort Gottes aufnehmen und leben, sowie ihre Beziehung zum Schöpfer. Sofort nachdem Gott dem Menschen den Garten anvertraut hat, gibt er ihm ein positives (vgl. Gen 2,16) und dann ein negatives Gebot (vgl. Gen 2,17), in dem implizit die wesentliche Verschiedenheit zwischen Gott und Mensch ausgesagt wird. Verführt durch die Schlange, wird diese Verschiedenheit vom Mann und von der Frau bestritten. Als Folge davon wird auch die Art verzerrt, in der sie ihre geschlechtliche Verschiedenheit leben. Der Bericht der Genesis stellt so eine Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen den beiden Verschiedenheiten her: Wenn der Mensch Gott als seinen Feind betrachtet, wird auch die Beziehung von Mann und Frau verdorben. Andererseits droht der Zugang zum Antlitz Gottes gefährdet zu werden, wenn die Beziehung von Mann und Frau entstellt wird.

In den Worten, die Gott nach dem Sündenfall an die Frau richtet, kommt in knapper, aber erschütternder Weise zum Ausdruck, welches Gepräge die Beziehungen zwischen Mann und Frau nun haben werden: »Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen« (Gen 3,16). Häufig wird die Liebe durch die bloße Suche nach dem eigenen Ich entstellt, so dass eine Beziehung entsteht, in der die Liebe missachtet und getötet und durch das Joch der Herrschaft des einen Geschlechts über das andere ersetzt wird. Die Geschichte der Menschheit gibt diese Verhältnisse wieder, in denen sich offen die dreifache Begierde ausdrückt, an die der heilige Johannes erinnert, wenn er von der Begierde des Fleisches, der Begierde der Augen und der Hoffart der Welt spricht (vgl. 1 Joh 2,16). In dieser tragischen Situation gehen jene Gleichheit, Achtung und Liebe verloren, die für die Beziehung von Mann und Frau nach dem ursprünglichen Plan Gottes erforderlich sind.

8. Eine Durchsicht dieser grundlegenden Texte macht es möglich, einige Kernaussagen der biblischen Anthropologie zu bekräftigen.

Vor allem muss der personale Charakter des Menschen unterstrichen werden. »Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes geschaffen«.10 Die gleiche Würde der Personen verwirklicht sich als physische, psychologische und ontologische Komplementarität, die eine auf Beziehung angelegte harmonische »Einheit in der Zweiheit« schafft. Nur die Sünde und die in der Kultur eingeschriebenen »Strukturen der Sünde« haben aus dieser Beziehung eine potentielle Konfliktsituation gemacht. Die biblische Anthropologie legt nahe, die Probleme im Zusammenhang mit der Verschiedenheit des Geschlechts auf öffentlicher und privater Ebene in einer Weise anzugehen, die von der gegenseitigen Beziehung und nicht von Konkurrenz oder Rache ausgeht.

Darüber hinaus ist zu unterstreichen, wie wichtig und sinnvoll die Verschiedenheit der Geschlechter als eine dem Mann und der Frau tief eingeschriebene Wirklichkeit ist. »Die Geschlechtlichkeit kennzeichnet Mann und Frau nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der psychologischen und geistigen Ebene und prägt alle ihre Ausdrucksweisen«.11 Sie kann nicht auf einen unbedeutenden biologischen Aspekt reduziert werden, sondern »ist eine grundlegende Komponente der Persönlichkeit; sie ist eine ihrer Weisen zu sein, sich zu äußern, mit den anderen in Kontakt zu treten und die menschliche Liebe zu empfinden, auszudrücken und zu leben«.12 Diese Fähigkeit zu lieben, Abglanz und Bild Gottes, der die Liebe ist, äußert sich auch im bräutlichen Charakter des Leibes, in dem die Männlichkeit bzw. die Weiblichkeit der Person eingeschrieben ist.

Diese anthropologische Dimension der Geschlechtlichkeit kann nicht von der theologischen Dimension getrennt werden. Das menschliche Geschöpf in seiner Einheit von Seele und Leib ist von Anfang an durch die Beziehung zum anderen gekennzeichnet. Diese Beziehung ist immer gut und zugleich entstellt. Sie ist gut, von einer ursprünglichen Güte, die Gott vom ersten Augenblick der Schöpfung an kundgetan hat. Sie ist aber auch entstellt durch die Disharmonie zwischen Gott und Mensch, die mit der Sünde gekommen ist. Diese Verfälschung entspricht jedoch weder dem anfänglichen Plan Gottes über Mann und Frau noch der Wahrheit der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Daraus ergibt sich, dass diese gute, aber verwundete Beziehung der Heilung bedarf.

Welche Wege der Heilung kann es geben? Würden die Probleme im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern nur ausgehend von der durch die Sünde geprägten Situation betrachtet und analysiert, fiele das Denken notwendigerweise in die oben erwähnten Irrtümer zurück. Man muss deshalb die Logik der Sünde durchbrechen und einen Weg suchen, der es möglich macht, diese Logik aus dem Herzen des sündigen Menschen zu beseitigen. Einen klaren Hinweis in diesem Sinn enthält die göttliche Verheißung eines Retters, in welche die »Frau« und ihr »Nachwuchs« einbezogen sind (vgl. Gen 3,15). Diese Verheißung kennt vor ihrer Verwirklichung eine lange Vorbereitung in der Geschichte.

9. Ein erster Sieg über das Böse wird in der Geschichte des Noach geschildert, einem gerechten Mann, der von Gott geführt wird und mit seiner Familie und den verschiedenen Tierarten der Sintflut entkommt (vgl. Gen 6-9). Aber vor allem durch die göttliche Erwählung Abrahams und seiner Nachkommen (vgl. Gen 12,1ff.) wird die Hoffnung auf Heil bekräftigt. So beginnt Gott, sein Antlitz zu enthüllen, damit die Menschheit durch das auserwählte Volk den Weg der Ähnlichkeit mit ihm lerne: den Weg der Heiligkeit und damit der Verwandlung des Herzens. Unter den vielen Weisen, in denen sich Gott — gemäß einer langen und geduldigen Pädagogik — seinem Volk offenbart (vgl. Hebr 1,1), findet sich auch der regelmäßig wiederkehrende Hinweis auf das Thema des Bundes von Mann und Frau. Dies ist paradox, wenn man das Drama, an das die Genesis erinnert und das sich zur Zeit der Propheten auf sehr konkrete Weise wiederholt hat, sowie die Vermischung zwischen Sakralem und Sexualität in den Religionen rund um Israel in Betracht zieht. Dieser Symbolismus scheint aber unerlässlich, um die Weise zu verstehen, in der Gott sein Volk liebt: Er gibt sich als Bräutigam zu erkennen, der Israel, seine Braut, liebt.

Wenn Gott in dieser Beziehung als »eifersüchtiger Gott« (vgl. Ex 20,5; Nah 1,2) beschrieben und Israel als »ehebrecherische« Frau oder als »Dirne« (vgl. Hos 2,4-15; Ez 16,15-34) angeklagt wird, hat dies seinen Grund gerade in der durch das Prophetenwort bekräftigten Hoffnung, das neue Jerusalem als die vollkommen gewordene Braut zu sehen: »Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich« (Jes 62,5). Neu geschaffen in »Gerechtigkeit und Recht«, in »Liebe und Erbarmen« (Hos 2,21), wird jene, die sich abgewandt hat, um Leben und Glück bei falschen Göttern zu suchen, zu dem zurückkehren, der zu ihrem Herzen spricht. Sie wird singen »wie in den Tagen ihrer Jugend« (Hos 2,17), und sie wird hören, wie er verkündet: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl« (Jes54,5). Hier kommt im Wesentlichen dasselbe zum Ausdruck wie an den Stellen, an denen das Buch Jesaja parallel zum Mysterium des Werkes, das Gott durch die männliche Gestalt des leidenden Knechts vollbringt, die weibliche Gestalt von Zion erwähnt, die geschmückt ist mit einer Transzendenz und Heiligkeit, die das Geschenk des für Israel bestimmten Heils ankündigen.

Im Gebrauch dieser Weise der Offenbarung ist das Hohelied zweifellos von herausragender Bedeutung. In den Worten einer ganz und gar menschlichen Liebe, welche die Schönheit der Leiber und das Glück der gegenseitigen Suche besingt, kommt auch die göttliche Liebe für sein Volk zum Ausdruck. Die Kirche ist deshalb nicht in die Irre gegangen, wenn sie in der kühnen Verbindung des ganz und gar Menschlichen mit dem ganz und gar Göttlichen durch die Verwendung derselben Ausdrücke das Mysterium ihrer Beziehung zu Christus erkannt hat.

Das ganze Alte Testament hindurch nimmt eine Heilsgeschichte Gestalt an, bei der sowohl männliche als auch weibliche Gestalten mitwirken. Die Begriffe von Bräutigam und Braut oder auch von Bund, durch die sich die Dynamik des Heils auszeichnet, haben gewiss eine offenkundig bildliche Dimension, sind aber doch viel mehr als bloße Metaphern. Das hochzeitliche Vokabular berührt nämlich das Wesen der Beziehung, die Gott mit seinem Volk aufbaut, auch wenn diese Beziehung über das hinausgeht, was mit der menschlichen Erfahrung der Hochzeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Zugleich sind in der Art, in der etwa die Weissagungen des Jesaja männliche und weibliche Rollen bei der Ankündigung und Verheißung des Heilswerkes durch Gott miteinander verknüpfen, die konkreten Bedingungen der Erlösung im Spiel. Dieses Heil weist den Leser sowohl auf die männliche Gestalt des leidenden Knechts als auch auf die weibliche Gestalt von Zion hin. In den Weissagungen des Jesaja wechseln die Gestalt von Zion und jene des Gottesknechts einander ab, bevor sie am Ende des Buches in der geheimnisvollen Schau der Stadt Jerusalem gipfeln, die ein Volk an einem einzigen Tag gebiert (vgl. Jes 66,7-14): Prophetie der großen Neuheit, die Gott dabei ist zu verwirklichen (vgl. Jes 48,6-8).

10. Im Neuen Testament gehen alle diese Verheißungen in Erfüllung. Auf der einen Seite umfasst und verwandelt Maria, die auserwählte Tochter Zions, als Frau das Brautsein des Volkes Israel, das auf den Tag seines Heils wartet. Auf der anderen Seite kann man im Mannsein des Sohnes erkennen, wie Jesus in seiner Person all das aufnimmt, was der alttestamentliche Symbolismus auf die Liebe Gottes zu seinem Volk angewandt hatte, die als die Liebe eines Bräutigams zu seiner Braut beschrieben wird. Jesus und Maria, seine Mutter, sichern so nicht nur die Kontinuität des Alten Testaments mit dem Neuen, sondern ragen darüber hinaus, weil mit Jesus Christus »die ganze Neuheit«13 sichtbar wird, wie der heilige Irenäus sagt.

Dieser Aspekt wird besonders durch das Johannesevangelium herausgestrichen. Bei der Hochzeit in Kana zum Beispiel wird Jesus von seiner Mutter — die »Frau« genannt wird — gebeten, für das Zeichen des neuen Weines der zukünftigen Hochzeit mit der Menschheit zu sorgen (vgl. Joh 2,1-12). Diese messianische Hochzeit verwirklicht sich unter dem Kreuz, wo — wieder in Gegenwart der Mutter, die als »Frau« angesprochen wird — aus dem geöffneten Herzen des Gekreuzigten das Blut/der Wein des Neuen Bundes strömt (vgl. Joh19,25-27.34).14 Es ist deshalb nicht überraschend, dass Johannes der Täufer auf die Frage, wer er sei, sich »Freund des Bräutigams« nennt, der sich freut, wenn er die Stimme des Bräutigams hört, und der bei seinem Kommen zurücktreten muss: »Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden« (Joh 3,29-30).15

In seinem apostolischen Wirken entfaltet Paulus den ganzen hochzeitlichen Sinn der Erlösung, wenn er das christliche Leben als hochzeitliches Mysterium begreift. Er schreibt an die von ihm gegründete Kirche von Korinth: »Ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen« (2 Kor 11,2).

Im Brief an die Epheser wird die bräutliche Beziehung zwischen Christus und der Kirche aufgegriffen und ausführlich vertieft. Im Neuen Bund ist die geliebte Braut die Kirche. Im Brief an die Familien lehrt der Heilige Vater: »Diese Braut, von der der Epheserbrief spricht, vergegenwärtigt sich in jedem Getauften und ist wie eine Person, die vor dem Blick ihres Bräutigams erscheint: Er hat ”die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben… So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5,25-27)«.16

Bei der Betrachtung der Vereinigung von Mann und Frau, wie sie im Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt beschrieben wird (vgl. Gen 2,24), ruft der Apostel aus: »Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (Eph 5,32). Die in der Kraft der Taufgnade gelebte Liebe von Mann und Frau wird nun zum Sakrament der Liebe Christi und der Kirche, zum Zeugnis für das Mysterium der Treue und der Einheit, aus dem die »neue Eva« geboren wird und von dem sie auf ihrem irdischen Pilgerweg lebt, während sie auf die Vollendung der ewigen Hochzeit wartet.

11. Die christlichen Eheleute, die in das Paschamysterium eingetaucht und zu lebendigen Zeichen der Liebe Christi und der Kirche gemacht wurden, sind in ihrem Herzen erneuert. Sie können die Beziehungen meiden, die von der Begierde und der Tendenz, den anderen zu beherrschen, geprägt sind, welche der Bruch mit Gott durch die Sünde im ersten Menschenpaar hinterlassen hatte. Die Güte der Liebe, nach der sich das verwundete menschliche Herz immerfort gesehnt hatte, offenbart sich durch sie mit neuen Akzenten und Möglichkeiten. In diesem Licht kann Jesus im Zusammenhang mit der Frage nach der Scheidung (vgl. Mt 19,3-9) an die Forderungen des Bundes zwischen Mann und Frau erinnern, wie Gott sie am Anfang stellte, also vor dem Einbruch der Sünde, der die nachfolgenden Anordnungen des mosaischen Gesetzes gerechtfertigt hatte. Dieses Wort Jesu will in keiner Weise eine starre, unbarmherzige Ordnung auferlegen, sondern ist in Wirklichkeit die Ankündigung einer »frohen Botschaft«, der Botschaft der Treue, die stärker ist als die Sünde. In der Kraft der Auferstehung ist der Sieg der Treue über die Schwächen, die erlittenen Verwundungen und die Sünden des Ehepaares möglich. In der Gnade Christi, der ihr Herz erneuert, werden Mann und Frau fähig, sich von der Sünde zu befreien und die Freude der gegenseitigen Hingabe zu erkennen.

12. »Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr… Mann und Frau«, schreibt der heilige Paulus an die Galater (3,27-28). Der Apostel erklärt hier nicht, dass die Unterscheidung von Mann und Frau hinfällig ist, von der er an anderer Stelle sagt, dass sie zum Plan Gottes gehört. Er will vielmehr sagen, dass in Christus die Rivalität, die Feindschaft und die Gewalt, welche die Beziehung von Mann und Frau entstellt haben, überwunden werden können und überwunden wurden. In diesem Sinn wird die Unterscheidung von Mann und Frau mehr als je zuvor bekräftigt, welche die biblische Offenbarung übrigens bis zum Ende begleitet. In der letzten Stunde der gegenwärtigen Geschichte erscheinen in der Offenbarung des Johannes «ein neuer Himmel« und »eine neue Erde« (Offb 21,1), und es taucht in der Vision die weibliche Gestalt der Stadt Jerusalem auf, »bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat« (Offb 21,2). Die Offenbarung schließt mit dem Wort des Geistes und der Braut, die um das Kommen des Bräutigams beten: »Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20).

Mannsein und Frausein sind so als ontologisch zur Schöpfung gehörend offenbart und deshalb dazu bestimmt, über die gegenwärtige Zeit hinaus Bestand zu haben, natürlich in einer verwandelten Form. Auf diese Weise charakterisieren sie die Liebe, die niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13,8), wenngleich die zeitliche, irdische Ausdrucksweise der Geschlechtlichkeit in ihrer Hinordnung auf die durch Zeugung und Tod geprägten Lebensbedingungen vergänglich ist. Für diese Form der zukünftigen Verwirklichung des Mann- und Frauseins will die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ein prophetisches Zeichen sein. Jene, die zölibatär leben, nehmen eine Wirklichkeit des Daseins vorweg, die jene eines Mannes bzw. einer Frau bleibt, aber nicht mehr den gegenwärtigen Begrenzungen der ehelichen Beziehung unterworfen sein wird (vgl. Mt 22,30). Für jene, die in der Ehe leben, ist dieser Stand zudem ein Hinweis und ein prophetisches Zeichen für die Vollendung, die ihre Beziehung in der Begegnung mit Gott von Angesicht zu Angesicht finden wird.

Mann und Frau sind von Beginn der Schöpfung an unterschieden und bleiben es in alle Ewigkeit. In das Paschamysterium Christi eingefügt, erfahren sie ihre Verschiedenheit nicht mehr als Ursache von Uneinigkeit, die durch Leugnung oder Einebnung überwunden werden müsste, sondern als Möglichkeit zur Zusammenarbeit, die in der gegenseitigen Achtung der Verschiedenheit zu verwirklichen ist. Von hier aus eröffnen sich neue Perspektiven für ein tieferes Verständnis der Würde der Frau und ihrer Rolle in der menschlichen Gesellschaft und in der Kirche.

 

III.
DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER GESELLSCHAFT

13. Unter den Grundwerten, die mit dem konkreten Leben der Frau verbunden sind, ist jener zu erwähnen, den man ihre »Fähigkeit für den anderen« genannt hat. Trotz der Tatsache, dass eine gewisse Strömung des Feminismus Ansprüche »für sie selber« einfordert, bewahrt die Frau doch die tiefgründige Intuition, dass das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz.

Diese Intuition ist mit ihrer physischen Fähigkeit verbunden, Leben zu schenken. Die gelebte oder potentielle Fähigkeit zur Mutterschaft ist eine Wirklichkeit, die die weibliche Persönlichkeit zutiefst prägt. Sie hilft ihr, sehr schnell Reife, Sinn für die Bedeutung des Lebens und die damit verbundene Verantwortung zu erlangen. Sie entfaltet in ihr den Sinn und die Ehrfurcht gegenüber dem Konkreten, das sich den Abstraktionen entgegenstellt, die für das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft oft tödlich sind. Schließlich besitzt die Frau auch in den aussichtslosesten Situationen — Vergangenheit und Gegenwart sind dafür Zeugen — eine einzigartige Fähigkeit, in den Widerwärtigkeiten standzuhalten, in extremen Umständen das Leben noch möglich zu machen, einen festen Sinn für die Zukunft zu bewahren und durch Tränen an den Preis jedes Menschenlebens zu erinnern.

Auch wenn die Mutterschaft eine zentrale Bedeutung für die weibliche Identität hat, ist es aber nicht richtig, die Frau nur unter dem Aspekt der biologischen Fortpflanzung zu sehen. In dieser Hinsicht kann es schwerwiegende Übertreibungen geben, welche die biologische Fruchtbarkeit mit vitalistischen Ausdrücken verherrlichen und oft mit einer gefährlichen Abwertung der Frau verbunden sind. Die christliche Berufung zur Jungfräulichkeit, die gegenüber der alttestamentlichen Tradition und den Ansprüchen vieler menschlicher Gesellschaftssysteme eine echte Herausforderung ist, hat in dieser Hinsicht größte Bedeutung.17 Diese Berufung widerlegt radikal jeden Anspruch, die Frauen in ein bloß biologisches Schicksal einzuschließen. Wie die Jungfräulichkeit durch die leibliche Mutterschaft daran erinnert wird, dass zur christlichen Berufung immer die konkrete Selbsthingabe an den anderen gehört, so wird die leibliche Mutterschaft durch die Jungfräulichkeit an ihre wesentlich geistliche Dimension erinnert: Um dem anderen wirklich das Leben zu schenken, darf man sich nicht mit der physischen Zeugung begnügen. Dies bedeutet, dass es Formen der vollen Verwirklichung der Mutterschaft auch dort geben kann, wo keine physische Zeugung erfolgt.18

In dieser Perspektive wird die unersetzliche Rolle der Frau in allen Bereichen des familiären und gesellschaftlichen Lebens verständlich, bei denen es um die menschlichen Beziehungen und die Sorge um den anderen geht. Hier zeigt sich deutlich, was der Heilige Vater den Genius der Frau genannt hat.19 Dies beinhaltet vor allem, dass die Frauen aktiv und auch fest in der Familie, »der anfänglichen und in gewissem Sinn ”souveränen“ Gesellschaft«,20gegenwärtig sein sollen. Besonders hier wird nämlich das Antlitz eines Volkes geformt, hier eignen sich seine Glieder die grundlegenden Kenntnisse an. Sie lernen lieben, weil sie selber umsonst geliebt werden; sie lernen jede andere Person achten, weil sie selber geachtet werden; sie lernen das Antlitz Gottes kennen, weil sie dessen erste Offenbarung von einem Vater und einer Mutter erhalten, die ihnen ihre ganze Zuwendung schenken. Jedes Mal, wenn diese Grunderfahrungen fehlen, wird der ganzen Gesellschaft Gewalt angetan und bringt die Gesellschaft dann ihrerseits vielfältige Formen der Gewalt hervor. Dies beinhaltet darüber hinaus, dass die Frauen in der Welt der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens gegenwärtig sein und zu verantwortungsvollen Stellen Zugang haben sollen, die ihnen die Möglichkeit bieten, die Politik der Völker zu inspirieren und neue Lösungen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme anzuregen.

Man darf aber in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die Überschneidung von zwei Tätigkeiten — Familie und Arbeit — bei der Frau andere Merkmale annimmt als beim Mann. Deshalb stellt sich die Aufgabe, die Gesetzgebung und die Organisation der Arbeit mit den Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie zu harmonisieren. Hier geht es nicht nur um eine rechtliche, wirtschaftliche und organisatorische Frage, sondern vor allem um eine Frage der Mentalität, der Kultur und der Ach- tung. Erforderlich ist eine gerechte Wertschätzung der Arbeit, welche die Frau in der Familie leistet. So könnten die Frauen, die es freiwillig wünschen, ihre ganze Zeit der häuslichen Arbeit widmen, ohne sozial gebrandmarkt und wirtschaftlich bestraft zu werden. Jene hingegen, die auch andere Tätigkeiten verrichten möchten, könnten dies in einem angepassten Arbeitsrhythmus tun, ohne vor die Alternative gestellt zu werden, ihr Familienleben aufzugeben oder einer ständigen Stresssituation ausgesetzt zu sein, die weder dem persönlichen Gleichgewicht noch der Harmonie in der Familie förderlich ist. Johannes Paul II. hat darüber geschrieben: »Es wird einer Gesellschaft zur Ehre gereichen, wenn sie es der Mutter ermöglicht, sich ohne Behinderung ihrer freien Entscheidung, ohne psychologische oder praktische Diskriminierung und ohne Benachteiligung gegenüber ihren Kolleginnen der Pflege und Erziehung ihrer Kinder je nach den verschiedenen Bedürfnissen ihres Alters zu widmen«.21

14. Es ist jedoch angebracht, daran zu erinnern, dass die eben erwähnten fraulichen Werte vor allem menschliche Werte sind: Die menschliche Verfassung, sowohl des Mannes als auch der Frau, die als Abbild Gottes erschaffen wurden, ist nämlich eine und unteilbar. Nur weil die Frauen spontaner mit den genannten Werten übereinstimmen, können sie ein Aufruf und ein bevorzugtes Zeichen für diese Werte sein. Letztlich ist aber jeder Mensch, ob Mann oder Frau, dazu bestimmt, »für den anderen« da zu sein. In dieser Perspektive ist das, was man »Fraulichkeit« nennt, mehr als ein bloßes Attribut des weiblichen Geschlechts. Der Ausdruck beschreibt nämlich die grundlegende Fähigkeit des Menschen, für den anderen und dank des anderen zu leben.

Deshalb muss die Förderung der Frau innerhalb der Gesellschaft als eine Vermenschlichung verstanden und gewollt werden, welche durch die dank der Frauen neu entdeckten Werte Wirklichkeit wird. Jede Perspektive, die sich als Kampf der Geschlechter ausgeben möchte, ist nur Illusion und Gefahr: Sie würde in Situationen der Abkapselung und der Rivalität zwischen Männern und Frauen enden und eine Ichbezogenheit fördern, die von einem falschen Freiheitsverständnis genährt wird.

Unbeschadet der Bemühungen zur Förderung der Rechte, welche die Frauen in der Gesellschaft und in der Familie anstreben, wollen diese Anmerkungen eine Perspektive korrigieren, in der die Männer als Feinde betrachtet werden, die zu besiegen wären. Die Beziehung zwischen Mann und Frau kann ihre gerechte Ordnung nicht in einer Art misstrauischer, defensiver Gegnerschaft finden. Es ist notwendig, dass diese Beziehung im Frieden und im Glück der ungeteilten Liebe gelebt wird.

Auf einer mehr konkreten Ebene müssen die sozialpolitischen Maßnahmen — bezüglich der Erziehung, der Familie, der Arbeit, dem Zugang zu Dienstleistungen, der Mitwirkung am bürgerlichen Leben — auf der einen Seite jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung bekämpfen und auf der anderen Seite die Bestrebungen und Bedürfnisse eines jeden wahrzunehmen und zu erkennen wissen. Die Verteidigung und die Förderung der gleichen Würde und der gemeinsamen persönlichen Werte müssen mit der sorgsamen Anerkennung der gegenseitigen Verschiedenheit harmonisiert werden, wo dies von der Verwirklichung des eigenen Mann- oder Frauseins gefordert wird.

 

IV.
DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER KIRCHE

15. Was die Kirche betrifft, ist das Zeichen der Frau mehr denn je zentral und fruchtbar. Dies hängt mit der Identität zusammen, welche die Kirche von Gott erhalten und im Glauben angenommen hat. Diese »mystische«, grundlegende, seinshafte Identität muss man beim Nachdenken über die entsprechenden Rollen des Mannes und der Frau in der Kirche gegenwärtig halten.

Seit den ersten christlichen Generationen betrachtet sich die Kirche als Gemeinschaft, die von Christus gezeugt wurde und durch eine Beziehung der Liebe an ihn gebunden bleibt, deren vorzüglichster Ausdruck die hochzeitliche Erfahrung ist. Daraus ergibt sich, dass die erste Aufgabe der Kirche darin besteht, in der Gegenwart dieses Mysteriums der Liebe Gottes zu bleiben, das in Jesus Christus offenbar wurde, es zu betrachten und zu feiern. In dieser Hinsicht ist Maria in der Kirche der grundlegende Bezugspunkt. Man könnte mit einer Metapher sagen, dass Maria der Kirche den Spiegel reicht, in dem sie ihre eigene Identität erkennen soll, aber auch die Einstellungen des Herzens, die Haltungen und die Taten, die Gott von ihr erwartet.

Marias Dasein ist für die Kirche eine Einladung, ihr Sein im Hören und Aufnehmen des Wortes Gottes zu verankern. Der Glaube ist nämlich nicht so sehr die Suche des Menschen nach Gott, sondern vielmehr die Anerkennung des Menschen, dass Gott zu ihm kommt, ihn heimsucht und zu ihm spricht. Dieser Glaube, gemäß dem »für Gott nichts unmöglich ist« (vgl. Gen 18,14; Lk 1,37), lebt und wächst im demütigen, liebenden Gehorsam, mit dem die Kirche zum Vater sagen kann: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38). Der Glaube weist immerfort auf Jesus hin: »Was er euch sagt, das tut!« (Joh 2,5). Der Glaube geht mit Jesus den Weg bis unter das Kreuz. In der Stunde der tiefsten Finsternis harrt Maria mutig und getreu aus, weil sie mit einzigartiger Gewissheit auf das Wort Gottes vertraut.

Von Maria lernt die Kirche die Vertrautheit mit Christus. Maria, die das kleine Kind von Betlehem in ihren Händen getragen hat, lehrt die unendliche Demut Gottes erkennen. Sie, die den gemarterten, vom Kreuz abgenommenen Leib Jesu in ihre Arme genommen hat, zeigt der Kirche, wie sie sich aller Menschen annehmen soll, die in dieser Welt durch Gewalt und Sünde entstellt sind. Von Maria lernt die Kirche die Bedeutung der Macht der Liebe, wie Gott sie im Leben seines vielgeliebten Sohnes zeigt und offenbart: »Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind… und erhöht die Niedrigen« (Lk 1,51-52). Von Maria empfangen die Jünger Christi den Sinn und den Geschmack für den Lobpreis vor dem Werk der Hände Gottes: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk1,49). Sie lernen, dass sie in der Welt sind, um das Andenken an diese »Großtaten« zu bewahren und den Tag des Herrn wachsam zu erwarten.

16. Auf Maria schauen und sie nachahmen, bedeutet aber nicht, die Kirche einer Passivität preiszugeben, die von einer überwundenen Auffassung der Weiblichkeit inspiriert ist, und sie einer Verwundbarkeit auszusetzen, die gefährlich ist in einer Welt, in der vor allem die Herrschaft und die Macht zählen. Der Weg Christi ist nämlich weder der Weg der Herrschaft (vgl. Phil 2,6) noch der Weg der Macht im weltlichen Sinn (vgl. Joh 18,36). Vom Sohn Gottes kann man lernen, dass diese »Passivität« in Wirklichkeit der Weg der Liebe ist, dass sie eine königliche Macht darstellt, die jede Gewalt besiegt, dass sie »Passion« ist, welche die Welt von Sünde und Tod erlöst und die Menschheit neu schafft. Der Gekreuzigte, der den Apostel Johannes seiner Mutter anvertraut, lädt seine Kirche ein, von Maria das Geheimnis jener Liebe zu lernen, die triumphiert.

Der Hinweis auf Maria und ihre Haltungen des Hörens, des Aufnehmens, der Demut, der Treue, des Lobpreises und der Erwartung verleiht der Kirche in keiner Weise eine Identität, die in einem zufälligen Modell der Weiblichkeit gründet, sondern stellt sie in die Kontinuität mit der geistlichen Geschichte Israels. In Jesus und durch Jesus werden diese Haltungen zur Berufung eines jeden Getauften. Unabhängig von den Verhältnissen, den Lebensständen, den verschiedenen Berufungen — mit oder ohne öffentliche Verantwortung — machen die genannten Haltungen einen wesentlichen Aspekt der Identität des christlichen Lebens aus. Auch wenn es sich dabei um Einstellungen handelt, die jeden Getauften prägen sollten, zeichnet sich die Frau dadurch aus, dass sie diese Haltungen mit besonderer Intensität und Natürlichkeit lebt. So erfüllen die Frauen eine Rolle von größter Wichtigkeit im kirchlichen Leben. Sie rufen allen Getauften diese Haltungen in Erinnerung und tragen auf einzigartige Weise dazu bei, das wahre Antlitz der Kirche, der Braut Christi und der Mutter der Gläubigen, zu offenbaren.

In dieser Perspektive wird auch verständlich, wie die Tatsache, dass die Priesterweihe ausschließlich Männern vorbehalten ist,22 die Frauen in keiner Weise daran hindert, zur Herzmitte des christlichen Lebens zu gelangen. Die Frauen sind berufen, unersetzliche Vorbilder und Zeugen dafür zu sein, wie die Kirche als Braut mit Liebe auf die Liebe des Bräutigams antworten muss.

 

SCHLUSS

17. In Jesus Christus ist alles neu gemacht worden (vgl. Offb 21,5). Es gibt aber keine Erneuerung in der Gnade ohne die Bekehrung der Herzen. Im Blick auf Jesus und im Bekenntnis, dass er der Herr ist, geht es darum, den Weg der Liebe zu erkennen, der die Sünde besiegt und den er seinen Jüngern weist.

So wird die Beziehung des Mannes zur Frau umgestaltet und die dreifache Begierde, von der der erste Johannesbrief spricht (vgl. 1 Joh 2,16), hat nicht mehr die Oberhand. Man muss das Zeugnis annehmen, das vom Leben der Frauen ausgeht und Werte offenbart, ohne die sich die Menschheit in Selbstgenügsamkeit, in Machtträumen und im Drama der Gewalt einsperren würde. Auch die Frau muss sich bekehren lassen und die einzigartigen, in der Liebe zum anderen so wirksamen Werte anerkennen, deren Trägerin sie als Frau ist. In beiden Fällen handelt es sich um die Bekehrung des Menschen zu Gott, so dass sowohl der Mann als auch die Frau Gott in Wahrheit anerkennen als ihre »Hilfe«, als Schöpfer, der voll Erbarmen ist, als Erlöser, der »die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16).

Eine solche Bekehrung kann es nicht ohne demütiges Gebet geben, um von Gott jenen klaren Blick zu erhalten, der sowohl die eigene Sünde als auch die heilende Gnade erkennt. In besonderer Weise muss man die Jungfrau Maria anrufen, die Frau nach dem Herzen Gottes, »gesegnet mehr als alle anderen Frauen« (vgl. Lk 1,42) und dazu auserwählt, den Menschen, Männern und Frauen, den Weg der Liebe zu offenbaren. Nur so kann in jedem Mann und in jeder Frau, nach der je eigenen Gnade, das »Abbild Gottes« sichtbar werden, jenes heilige Bild, mit dem sie ausgezeichnet sind (vgl. Gen 1,27). Nur so kann die Straße des Friedens und des Staunens wiedergefunden werden, welche die biblische Tradition in den Versen des Hohenliedes bezeugt, in denen die Leiber und die Herzen in denselben Jubel ausbrechen.

Die Kirche weiß um die Macht der Sünde, die in den Einzelnen und in den Gesellschaftssystemen am Werk ist und manchmal dazu führen könnte, die Hoffnung auf das Gutsein von Mann und Frau zu verlieren. Aber auf Grund ihres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Christus weiß sie noch mehr um die Kraft der Vergebung und der Hingabe trotz aller Wunden und Ungerechtigkeiten. Der Friede und das Staunen, auf die sie die Männer und Frauen von heute mit Vertrauen hinweist, sind der Friede und das Staunen, die im Garten der Auferstehung unsere Welt und die ganze Geschichte erleuchtet haben mit der Offenbarung: »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,8.16).

Papst Johannes Paul II. hat das vorliegende Schreiben, das in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz approbiert und seine Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 31. Mai 2004, dem Fest Mariä Heimsuchung.

+ Joseph Card. Ratzinger
Präfekt

+ Angelo Amato, SDB
Titularerzbischof von Sila
Sekretär


1Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981): AAS 74 (1982) 81-191; Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988): AAS 80 (1988) 1653-1729; Brief an die Familien (2. Februar 1994): AAS 86 (1994) 868-925; Brief an die Frauen (29. Juni 1995): AAS 87 (1995) 803-812; Katechesen über die menschliche Liebe (1979-1984): Insegnamenti II (1979) – VII (1984); Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983): Ench. Vat. 9, 420-456; Päpstlicher Rat für die Familie, Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung. Orientierungshilfen für die Erziehung in der Familie (8. Dezember 1995): Ench. Vat. 14, 2008-2077.

2Zur komplexen Frage des Gender vgl. auch Päpstlicher Rat für die Familie, Familie, Ehe und »de-facto« Lebensgemeinschaften (26. Juli 2000), 8: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache (22.Dezember 2000), 8.

3 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 21: AAS 91 (1999) 22: »Diese Öffnung für das Geheimnis, die ihm [dem biblischen Menschen] von der Offenbarung zukam, war schließlich für ihn die Quelle einer wahren Erkenntnis, die seiner Vernunft das Eintauchen in die Räume des Unendlichen erlaubte, wodurch er bis dahin unverhoffte Verständnismöglichkeiten erhielt«.

4Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS 80 (1988) 1662; vgl. hl. Irenäus, Adversus haereses, 5, 6, 1; 5, 16, 2-3: SC 153, 72-81; 216-221; hl. Gregor von Nyssa, De hominis opificio, 16: PG 44, 180; In Canticum homilia, 2: PG 44, 805-808; hl. Augustinus, Enarratio in Psalmum, 4, 8: CCL 38,17.

5Das hebräische Wort ezer, das mit Hilfe übersetzt wird, bezeichnet eine Hilfeleistung, die nur eine Person einer anderen Person gewährt. Der Ausdruck hat in keiner Weise den Beigeschmack des Minderwertigen oder Zweckdienlichen, wenn man bedenkt, dass auch Gott in seinem Verhältnis zum Menschen manchmal ezer genannt wird (vgl. Ex 18,4; Ps 10,14).

6 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS 80 (1988) 1664.

7 Johannes Paul II., Katechese Der Mensch als Person wird Geschenk in der Freiheit der Liebe (16. Januar 1980), 1: Insegnamenti III, 1 (1980) 148.

8Johannes Paul II., Katechese Die Begehrlichkeit des Leibes entstellt die Beziehungen zwischen Mann und Frau (23. Juli 1980), 1: Insegnamenti III, 2 (1980) 288.

9 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 7: AAS 80 (1988) 1666.

10Ebd., 6: a.a.O. 1663.11 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983), 4: Ench. Vat. 9, 423.

12Ebd.

13 Hl. Irenäus, Adversus haereses, 4, 34, 1: SC 100, 846: »Omnem novitatem attulit semetipsum afferens«.

14 Die alte exegetische Tradition sieht in Maria zu Kana die »figura Synagogae« und die »inchoatio Ecclesiae«.

15 Das vierte Evangelium vertieft hier ein Thema, das schon bei den Synoptikern zu finden ist (vgl. Mt 9,15 und Parallelstellen). Zum Thema Jesus, der Bräutigam, vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 18: AAS 86 (1994) 906-910.

16Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 19: AAS 86 (1994) 911; vgl. Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 23-25: AAS 80 (1988) 1708-1715.

17Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 16: AAS 74 (1982) 98-99.

18Ebd., 41: a.a.O. 132-133; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae (22. Februar 1987), II, 8: AAS 80 (1988) 96-97.

19Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Frauen (29. Juni 1995), 9-10: AAS 87 (1995) 809-810.

20Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 17: AAS 86 (1994) 906.

21Enzyklika Laborem exercens (14. September 1981), 19: AAS 73 (1981) 627.

22Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis (22. Mai 1994): AAS 86 (1994) 545-548; Kongregation für die Glaubenslehre, Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre (28. Oktober 1995): AAS 87 (1995) 1114.  

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Quelle

Dr. Kurt Koch: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers

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Kardinal Kurt Koch / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

Prof. Josef Kreiml über das neueste Buch des Kardinals

Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, weilte erst im vergangenen September in Regensburg. Anlass war die Errichtung des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg sowie ein zweitägiges und hochkarätig besetztes internationales ökumenisches Symposium zum Thema „Dialog 2.0 – Braucht der Dialog neue Impulse?“, das im Diözesanzentrum Obermünster in Regensburg stattfand. Nun hat Kardinal Kurt Koch den Band „Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI.“ im Verlag Herder, Freiburg, publiziert. Prof. Dr. Josef Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie, künftiger Direktor des Institutum Marianum Regensburg (IMR) und Priester der Diözese Regensburg, beschreibt, worum es in dem Buch geht. Einen der hier veröffentlichten Vorträge hat Kardinal Koch übrigens 2013 in Regensburg gehalten.

Im Vorwort betont der Verfasser, dass Joseph Ratzinger seine Theologie immer „als Mit-Denken mit der ganzen Kirche und als kirchlichen Dienst an der objektiven Wahrheit des Glaubens“ verstanden hat. Jesus Christus hat sich als Liebe und als Logos offenbart. Im Dienst an der glaubwürdigen Bewährung dieses Bundes zwischen Liebe und Vernunft „liegt das große Erbe, das Joseph Ratzinger als Theologe und als Papst hinterlässt“.

Der Text „Ein hörendes Herz haben. Zur prophetischen Dimension der Theologie Benedikts XVI.“ enthält die Predigt, die der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen 2012 im Freiburger Münster gehalten hat. Darin fragt Kurt Koch nach den biblischen Kennzeichen eines Propheten (Freundschaft mit dem lebendigen Gott, im Dienst eines Anderen stehen, prophetisch-marianische Kirche). Die Aufgabe eines wahren Propheten ist es, „sich selbst und die ganze Kirche immer wieder zum Gehorsam gegenüber dem Evangelium zu verpflichten, und zwar gegen alle Versuchungen zur Anpassung an den Zeitgeist und zur Verwässerung des lebendigen Wortes Gottes“. In ihrer gehorsamen Grundhaltung ist Maria das Urbild der Kirche. Die Mutter des Herrn ist „die wahre Prophetin“.

Der Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes

In seinem Vortrag „Offenbarung der Liebe Gottes und Leben der Liebe in der Glaubensgemeinschaft der Kirche“ (Universität Freiburg 2012; S. 18-53) führt der Kardinal aus, dass die Kirche Volk Gottes vom Leib Christi her ist. Joseph Ratzingers Theologie ist „im Kern Offenbarungstheologie“. Gerade in seiner Eschatologie zeigt sich, dass Benedikt XVI. eine personbezogene Theologie im Dienst an der Glaubensfreude entwickelt hat. Die Schönheit der Heiligkeit und die Schönheit der Kunst öffnen den Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes.

Den Vortrag „Theologie und Papst des Konzils. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. und das Zweite Vatikanische Konzil“ (S. 54-93) hat Kardinal Koch 2013 in Regensburg gehalten: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers. Papst Benedikt XVI. werde als „großer Interpret“ des Zweiten Vatikanums in die Geschichte eingehen; er erweist sich als „ein ganz konsequenter Papst“ dieses Konzils.

Im Vortrag „Die Heiligen und die Theologie im Denken von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ (S. 94-114), den Kardinal Koch 2013 in Rom gehalten hat, zeigt der Verfasser, dass die Heiligen die wahren Repräsentanten der Kirche sind. Sie sind authentische Interpreten des Wortes Gottes und glaubwürdige Zeugen des Glaubens. Theologie und Spiritualität müssen sich gegenseitig befruchten.

Ein weiterer Text des Kardinals ist dem Thema „Gottes Antlitz in Jesus Christus schauen. Grundlinien der existenziellen Christologie von Benedikt XVI.“ (S. 115-140) gewidmet: Darin zeigt der Verfasser, dass das Beten Jesu der „Ort seiner Identität“ ist. Während Mose nur den Rücken des Herrn sehen konnte, hat sich Gott in Jesus Christus „von Angesicht zu Angesicht gezeigt“.

Pontifikat: christozentrisch und evangelisch

Im Aufsatz „Einheit in Christus und in seinem Leib. Ökumenisches Lehramt im Pontifikat von Papst Benedikt XVI.“ (S. 141-165) zeigt Kardinal Koch, dass es Benedikt XVI. als „vorrangige Verpflichtung“ des Petrusnachfolgers gesehen hat, „mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten“. Das Pontifikat Benedikts war „konsequent ökumenisch“, weil es „ein ganz christozentrisches und evangelisches Pontifikat“ gewesen ist.

Den Vortrag „Begegnung zwischen biblischem Glauben und griechischem Geist. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und die Welt der Orthodoxie“ (S. 166-190) hat der Kardinal 2014 in Konstantinopel gehalten: Es gibt eine „innere Nähe“ Ratzingers zur orthodoxen Theologie. Diese besteht darin, dass Benedikt XVI. mit der Orthodoxie die Anerkennung des Glaubens und der ekklesialen Struktur des ersten Jahrtausends als Kriterium für die Bewährung von Glauben und kirchlichem Leben auch in der Gegenwart teilt. Die Begegnung zwischen dem biblischen Glauben und dem griechischen Denken ist providentiell gewesen. Sie stellt die Vernunft auch heute vor neue Herausforderungen.

In seinem Beitrag „,Was ist Wahrheit?῾ Joseph Ratzingers Kernfrage angesichts der Diktatur des Relativismus“ (S. 191-208) fragt der Kardinal nach Implikationen der Wahrheitsfrage in der Theologie. Entscheidend ist, ob der Mensch nach Wahrheit sucht und in der Wahrheit lebt.

Ein weiterer Aufsatz des Schweizer Kardinals gilt dem Thema „Stern der Neuevangelisierung. Marianische Dimension des Missionsauftrags in der Sicht von Benedikt XVI.“ (S. 209-229): In seiner Homilie bei der Eröffnung der Bischofssynode im Oktober 2012 hat Papst Benedikt der Gottesmutter den Titel „Stern der Neuevangelisierung“ zugesprochen. Zwischen dem marianischen Glaubensgeheimnis und der Dynamik der missionarischen Tätigkeit der Kirche besteht kein Gegensatz. Die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. haben das Konzil unter einer „marianischen Leitperspektive“ gesehen. Es war der ausdrückliche Wunsch von Johannes XXIII., dass das Zweite Vatikanum – gemäß dem damaligen liturgischen Kalender – am Fest der Mutterschaft Marias eröffnet wurde. Zwischen der Mission des Sohnes und der Sendung seiner Mutter besteht eine tiefe innere Einheit. Die Mission der Kirche müsse mit einem „marianischen Notenschlüssel“ versehen werden. Neuevangelisierung ist die logische Konsequenz, die sich aus der Freude am Glauben von selbst ergibt.

Die Gottesfrage in modernen Gesellschaften

Abschließend beleuchtet der Kardinal „das Erbe des Pontifikats von Benedikt XVI.“ (S. 230-240): In diesem Vortrag aus dem Jahr 2013 betont er, dass der papa emerito die Kirche vornehmlich durch sein Lehren geleitet hat. Papst Benedikt wird man „gewiss als einen der großen Kirchenlehrer in Erinnerung behalten“. Wenn die Wahrheit nur eine mathematische Formel wäre, würde sie sich von selbst aufdrängen. Weil sie jedoch Liebe ist, verlangt sie den Glauben. „Im klaren Bewusstsein, dass die Frage nach Gott für die Zukunftsfragen der Menschheit von grundlegender Bedeutung ist, hat Papst Benedikt mit seinen großen Reden wesentlich dazu beigetragen, dass die Gottesfrage in den modernen Gesellschaften wach gehalten wird“ (S. 234). Die „entscheidende Herzmitte“ des Pontifikats von Benedikt XVI. besteht in der Christozentrik seiner Verkündigung.

Summa summarum: Mit diesem Buch legt der Schweizer Kardinal, der das Wirken von Papst Benedikt seit Jahrzehnten intensiv wahrgenommen hat, ein überaus kompetentes Werk vor. Dem Verfasser gelingt es, die entscheidenden theologischen und pastoralen Einsichten des emeritierten Papstes klar zu benennen und damit einer breiten Rezeption dieses Theologenpapstes den Weg zu bereiten. Prof. Dr. Josef Kreiml

Kurt Kardinal Koch, Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI., 240 Seiten, Verlag Herder, Freiburg 2016, ISBN 978-3-451-37533-0, 26 Euro.

(Quelle: Webseite des Bistums Regensburg, 28.12.2016)

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Quelle

24.10.1998 – Ansprache von Kardinal Ratzinger zum 10-jährigen Bestehen des Motu proprio Ecclesia Dei

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Zehn Jahre Motu proprio Ecclesia Dei – welche Bilanz können wir in diesem Augenblick ziehen?   Ich denke, zunächst und vor allem gibt es da Grund zur Dankbarkeit.   Die verschiedenen Gemeinschaften, die auf dem Boden des Motu proprio entstanden sind, haben der Kirche eine große Zahl von Priester- und Ordensberufen geschenkt, die mit Eifer und Freude und in tiefer innerer Einheit mit dem Papst den Dienst für das Evangelium in dieser Zeit tun.   Sie haben viele Gläubige in der Freude an der Liturgie und in der Liebe zur Kirche bestärkt oder sie neu geschenkt.   In nicht wenigen Bistümern der Welt vollzieht sich ihr Dienst in einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den Bischöfen und in einem guten, brüderlichen Verhältnis mit den Gläubigen, die sich in der erneuerten Form der Liturgie zu Hause fühlen.   All dies muß in dieser Stunde Grund zur Dankbarkeit sein.

Aber es wäre unrealistisch zu verschweigen, daß es an vielen Orten nach wie vor Schwierigkeiten gibt, weil Bischöfe, Priester und Gläubige die Anhänglichkeit an die alte Liturgie – die liturgischen Bücher von 1962 – als ein Element der Spaltung ansehen, das den Frieden der Gemeinden stört und Vorbehalte in der Annahme des Konzils wie überhaupt im Gehorsam gegen die rechtmäßigen Hirten der Kirche vermuten läßt.   Unsere Frage muß sein: Wie können diese Schwierigkeiten überwunden werden wie kann Vertrauen geschaffen werden, so daß sich die Gruppen und Gemeinschaften, die die alte Liturgie lieben, friedvoll und fruchtbar ins gemeinsame Leben der Kirche einfügen können?   Diesen Fragen liegt eine andere voraus: Was ist der eigentliche Grund für das Mißtrauen oder gar für die Ablehnung eines Fortbestehens der alten Formen liturgischen Feierns?   Zweifellos kann es da zunächst vortheologische Gründe geben, die am Temperament der einzelnen Menschen, am Gegensatz der Charaktere oder an anderen äußeren Umständen hängen.   Aber sicher gibt es auch tiefer liegende und weniger zufällige Ursachen für die Probleme.

Die beiden Begründungen, die am meisten genannt werden, sind mangelnder Gehorsam dem Konzil gegenüber, das nun einmal die liturgischen Bücher erneuert habe sowie die Spaltung der Einheit, die sich aus den unterschiedlichen Formen der Liturgie ergebe.   Beide Gründe lassen sich zunächst verhältnismäßig leicht auflösen.   Das Konzil hat zwar nicht selbst die liturgischen Bücher erneuert, wohl aber hat es den Auftrag zu deren Revision erteilt und dafür einige Grundsätze festgelegt.   Vor allem aber hat es eine Wesensbestimmung von Liturgie gegeben, die das innere Maß der einzelnen Reformen vorgibt und zugleich den beständigen Maßstab rechten liturgischen Feierns ausdrückt.   Der Gehorsam gegenüber dem Konzil wäre dann verletzt, wenn diese wesentlichen inneren Maßstäbe mißachtet und die normae generales beiseite geschoben würden, die in den Abschnitten 34 – 36 der Liturgiekonstitution formuliert sind.   Nach diesen Maßstäben ist sowohl die Feier der Liturgie nach den alten wie nach den neuen Büchern zu beurteilen, denn das Konzil hat – wie schon gesagt – nicht Bücher vorgeschrieben oder abgeschafft, sondern Grundnormen gegeben, die in allen Büchern respektiert werden müssen.   In diesem Zusammenhang ist an die Feststellung von Kardinal Newman zu erinnern, daß die Kirche nie in ihrer Geschichte rechtgläubige Formen von Liturgie einfach abgeschafft oder verboten hat – das wäre dem Geist der Kirche durchaus fremd.   Eine rechtgläubige Liturgie ist ja nie eine bloß pragmatisch geschaffene Zusammenstellung von Zeremonien, die man dann positivistisch heute so und morgen anders verfügen könnte.   Rechtgläubige Formen eines Ritus sind lebendige Wirklichkeiten, die aus dem liebenden Dialog der Kirche mit ihrem Herrn gewachsen sind, Lebensgestalten der Kirche, in denen sich der Glaube, das Beten und das Leben von Generationen verdichtet und in denen das Miteinander von Gottes Handeln und Antwort des Menschen Form gefunden hat. Solche Riten können absterben, wenn das sie tragende Subjekt in der Geschichte verschwindet oder sich mit seinem Erbe einem anderen Lebensraum einfügt.   Die Autorität der Kirche kann in wechselnden geschichtlichen Situationen den Gebrauch solcher Riten umschreiben und einschränken, aber sie verbietet sie nie einfach.   So hat das Konzil den Auftrag zu einer Erneuerung der liturgischen Bücher und damit auch ritueller Gestaltungen gegeben, aber nicht ein Verbot von Büchern formuliert.   Der Maßstab des Konzils ist zugleich weiträumiger und anspruchsvoller er fordert alle zur Selbstprüfung heraus.

Wir werden auf diesen Punkt zurückkommen müssen.   Zunächst ist aber noch das Argument der Störung der Einheit zu bedenken.   Da muß man wohl zwischen der theologischen und der praktischen Seite der Frage unterscheiden.   Was das Theoretische, das Grundsätzliche angeht, so hat es immer mehrere Formen von lateinischen Riten gegeben, die mit der Vereinheitlichung der Lebensräume in Europa allmählich zurückgetreten sind, aber bis zum Konzil gab es neben dem römischen den ambrosianischen Ritus, den Ritus von Toledo, den Ritus der Dominikaner, vielleicht auch noch andere, mir nicht bekannte.   Niemand hat daran Anstoß genommen, daß die Dominikaner, die ja durchaus in unseren Pfarreien gegenwärtig waren, die Messe etwas anders feierten als der Pfarrer.   Wir wußten, daß die eine Weise so katholisch war wie die andere und freuten uns des Reichtums der Überlieferungen.   Des weiteren ist zu sagen, daß die Freiräume der Kreativität, die der neue Meßordo läßt, nicht selten überdehnt werden und daß der Unterschied zwischen den einzelnen örtlichen Anwendungen der neuen Bücher oft größer ist als der Unterschied zwischen alten und neuen Büchern, wenn sie in ihrem eigenen Bestand an Texten und Riten streng beobachtet werden.   Ein lateinisches Hochamt nach dem alten und nach dem neuen Missale ist für den liturgisch weniger gebildeten Christen kaum zu unterscheiden, während der Unterschied zwischen der getreulich nach dem neuen Meßbuch gefeierten Liturgie und den „kreativ“ ausgeweiteten Formen muttersprachlicher Zelebration gewaltig sein kann.

Damit haben wir aber die Ebene des Theoretischen schon überschritten und sind im Bereich des Praktischen angelangt, wo natürlich die Dinge komplizierter sind, weil es sich ja um das Miteinander von lebendigen Menschen handelt.   Die Aversionen sind – wie mir scheint – deshalb so groß, weil man die beiden Weisen liturgischen Feierns mit zwei unterschiedlichen spirituellen Haltungen verbindet, zwei verschiedenen Weisen, die Kirche und das Christsein überhaupt zu verstehen.   Das hat mancherlei Gründe.   Es liegt zuallererst aber daran, daß man die beiden liturgischen Gestalten an äußeren Elementen ihrer Form mißt und von daher dann auch zu gegensätzlichen Grundhaltungen kommt.   Als wesentlich für die erneuerte Liturgie sieht der Durchschnittschrist an, daß sie muttersprachlich ist, daß sie in Zuwendung zum Volk gefeiert wird, daß Gestaltungsfreiheiten sind und daß Laien aktive Funktionen in der Liturgie ausüben.   Als wesentlich für die Feier nach den alten Büchern sieht man an, daß sie in lateinischer Sprache erfolgt, daß der Priester zum Altar gewendet steht, daß der Ritus streng vorgegeben ist und daß die Gläubigen in stillem Beten der Messe folgen, ohne selbst aktive Funktionen auszufüllen.   Die Phänomenologie der Liturgie ist entscheidend für ihre Aufnahme, nicht das, was sie selbst als das Wesentliche versteht.   Damit freilich mußte man rechnen, daß der Gläubige die Liturgie von den konkreten Formen ihrer Erscheinung her deutet, von ihr her spirituell bestimmt wird und nicht ohne weiteres ihre tieferen Schichten wahrnimmt.   Zu den eben aufgezählten Gegensätzen ist nämlich zu sagen, daß sie aus Geist und Buchstaben des Konzils keineswegs abzuleiten sind.   Die Konzilskonstitution selbst spricht überhaupt nicht von der Zuwendung zum Altar oder zum Volk.   Sie sagt über die Sprache, daß das Latein bewahrt werden müsse, aber der Muttersprache mehr Raum zu geben sei, besonders „in den Lesungen und Hinweisen (admonitionibus) und in einigen Orationen und Gesängen“ (36 § 2).   Was die Beteiligung der Laien angeht, so betont das Konzil zunächst ganz allgemein, daß die Liturgie ihrem Wesen nach vom ganzen Leib Christi, Haupt und Glieder, getragen wird (7), daß daher ihre Feier „den ganzen mystischen Leib der Kirche angeht“ (26) und daß sie demgemäß auf „gemeinschaftliches Feiern mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen angelegt“ ist (27).   Das wird dann so konkretisiert: „Bei den liturgischen Feiern soll jeder, sei er Liturge oder Gläubiger, in der Ausübung seiner Aufgaben nur das und all das tun, was ihm aus der Natur der Sache und gemäß den liturgischen Regeln zukommt“ (28).   „Um die tätige Teilnahme zu fördern, soll man den Akklamationen des Volkes, dem Psalmengesang, den Antiphonen, den Liedern sowie den Handlungen und den Körperhaltungen Sorge zuwenden.   Auch das heilige Schweigen soll zu seiner Zeit eingehalten werden“ (30).

Diese Maßgaben des Konzils müssen allen zu denken geben.   Es gibt gerade in Kreisen mancher moderner Liturgiker Tendenzen, zwar den konziliaren Ansatz aufzugreifen, ihn aber in einer Weise einseitig weiter zu entwickeln, daß die Intentionen des Konzils auf den Kopf gestellt scheinen.   Die Stellung des Priesters wird von manchen aufs rein Funktionale reduziert.   Die Tatsache, daß der ganze Leib Christi Subjekt der Liturgie ist, wird dahin umgebogen, daß die jeweilige Gemeinde das eigentliche Subjekt der Liturgie sei und darin die Rollen verteile.   Es gibt eine bedenkliche Tendenz, den Opfercharakter zu minimalisieren, das Moment des Mysteriums und überhaupt das Sakrale über dem Anliegen schneller Verständlichkeit fast ganz verschwinden zu lassen.   Schließlich ist die Tendenz zu beobachten, durch eine einseitige Betonung des gemeindlichen Charakters des Gottesdienstes eine Fragmentierung der Liturgie herbeizuführen, die jeweils Sache der Gemeinde sei, die selbst ihre Feier entscheide.   Es gibt aber gottlob inzwischen auch einen großen Überdruß an den banalen Rationalismen und Pragmatismen solcher Theoretiker und Praktiker der Liturgie und eine entschiedene neue Zuwendung zum Mysterium, zur Anbetung, zum sakralen, zum kosmischen und eschatologischen Charakter der Liturgie, wofür die Oxford-Declaration on Liturgy von 1996 ein eindrucksvolles Beispiel ist.   Andererseits muß man zugeben, daß die Feier der alten Liturgie oft zu sehr ins Individualistische und Private abgesunken war, daß die Gemeinschaft von Priester und Volk ungenügend gewesen ist.   Ich habe großen Respekt vor unseren Vorfahren, die während der stillen Liturgie aus ihren Meßbüchem ihre Meßandachten beteten, aber als ideale Form liturgischer Feier kann man dies gewiß nicht ansehen.   Vielleicht sind solche reduktionistische Weisen liturgischer Feier sogar der eigentliche Grund dafür, weshalb in vielen Ländern das Verschwinden der alten liturgischen Bücher überhaupt nicht als ein einschneidender Vorgang empfunden wurde. Man war gar nicht mit der Liturgie selbst in Berührung gekommen.   Der Schmerz über eine hastig und oft äußerlich durchgeführte Reform ist da entstanden, wo die Liturgische Bewegung Liebe zur Liturgie geschaffen und wesentliche Postulate des Konzils, nämlich die betende Einbeziehung aller in das gottesdienstliche Geschehen vorweggenommen hatte.   Wo es gar keine Liturgische Bewegung gab, ist die Liturgiereform zunächst schmerzlos vor sich gegangen.   Unbehagen ist erst da und dort aufgestiegen, wo willkürliche Kreativität das Mysterium verschwinden ließ.   Deswegen ist es wichtig, daß bei der Feier der Liturgie nach den alten Büchern die wesentlichen Maßstäbe der Liturgiekonstitution eingehalten werden, die ich eben zitiert habe.   Wenn diese Liturgie wirklich die Gläubigen mit ihrer Schönheit und Tiefe erreicht, dann wird sie geliebt, dann steht sie aber auch in keinem unversöhnlichen Gegensatz zu den neuen Büchern, wo diese wiederum in wahrhaft konzilsgemäßer Form angewandt werden.

Natürlich bleiben unterschiedliche spirituelle und theologische Akzentuierungen bestehen, aber die sind dann nicht mehr gegensätzliche Weisen des Christseins, sondern Reichtum des einen Glaubens.   Als vor etlichen Jahren das Stichwort einer neuen Liturgischen Bewegung in die Debatte geworfen wurde, wodurch das Auseinanderdriften beider liturgischen Formen gebremst und ihre innere Konvergenz neu sichtbar werden solle, haben einige Freunde der alten Liturgie gefürchtet, dies sei ein Trick, um doch endlich die alten Bücher ganz verabschieden zu können.   Solche Ängstlichkeiten sollten aufhören.   Wenn in beiden Weisen des Feierns deutlich die Einheit des Glaubens und die Einzigkeit des Mysteriums erscheint, kann das für alle nur Grund der Freude und der Dankbarkeit sein.   Je mehr wir alle aus solcher Gesinnung heraus glauben, leben und handeln, desto mehr werden wir auch die Bischöfe überzeugen können, daß die Präsenz der alten Liturgie nicht ein Störungselement und eine Bedrohung der Einheit ist, sondern eine Gabe, die dem Aufbau des Leibes Christi dient, dem wir alle verpflichtet sind.   So möchte ich Sie, liebe Freunde, ermutigen, die Geduld nicht zu verlieren, das Vertrauen zu bewahren und aus der Gabe der Liturgie die Kraft zum Zeugnis zu nehmen, das Christus hineinträgt in diese unsere Zeit.

Josef Kardinal RATZINGER
Präfekt der Glaubenskongregation

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Ratzinger-Stiftung: Eschatologie-Tagung und Ratzinger-Preis

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Benedikt XVI. und P. Federico Lombardi

Es ist ein Highlight für Ratzinger-Experten, Bibelforscher und Theologen aus aller Welt: das internationale Symposium „Eschatologie: Analyse und Perspektiven“ an diesem Donnerstag und Freitag in Rom. Ausgerichtet von der Stiftung Joseph Ratzinger-Benedikt XVI. beschäftigt sich die hochkarätige Tagung an der römischen Universität Santa Croce mit den Grundfragen menschlichen Daseins – im Neuen und Alten Testament wie auch im Denken Ratzingers. Auch zwei Rabbiner sind unter den gelehrten Gästen, Riccardo Di Segni aus Rom und Moshe Idel aus Jerusalem. Pater Federico Lombardi, ehemaliger Vatikansprecher und heute Vorsitzender des Verwaltungsrates der vatikanischen Stiftung, erklärt im Interview mit Radio Vatikan:

„Die Frage der Eschatologie, die die letzten Fragen unseres Lebens und unserer Geschichte betrifft, das Ewige Leben, den Tod, das Gottesgericht, sind Themen, die oft ein wenig beiseitegelassen wurden, weil sie nicht leicht zu konfrontieren sind. Dabei betreffen sie uns ganz konkret, auf extrem tiefe Weise, denn die Frage des Lebensendes, des Lebenssinns und des Lebens nach dem Tod ist etwas extrem Wichtiges. Und im christlichen Leben kann dieser Aspekt absolut nicht vernachlässigt werden.“

Die „Lehre von den letzten Dingen“, wie die Eschatologie auch genannt wird, ist ein Steckenpferd des Theologen Joseph Ratzinger: Sein Buch „Eschatologie: Tod und Ewiges Leben“ gilt als Standardwerk zum Thema und ist, so sagte er es einmal selbst, sein „am besten durchgearbeitetes Werk“. Auch in der Enzyklika „Spe salvi“ hatte der deutsche Papst die Themen der christlichen Hoffnung und des Ewigen Lebens behandelt. Sie beschäftigen ihn bis heute, was sich zum Beispiel im letzten Interview des Journalisten Peter Seewald mit dem emeritierten Papst gezeigt habe, so Lombardi:

„Gerade in dieser seiner letzten Lebensphase bereitet sich der emeritierte Papst, wie er es uns erklärte, auf die Begegnung mit Gott vor, und da sind diese Themen natürlich von großer Bedeutung für ihn und kommen in ihm wieder hoch. Im Buch „Letzte Gespräche“ (Interviewbuch von P. Seewald mit dem emeritierten Papst, Anm. d. Red.) sieht man, dass sein theologisches Studium der letzten Fragen in Kontinuität mit seiner existentiellen und spirituellen Erfahrung steht, auch in dieser letzten Phase seines Lebens. Es handelt sich also um eine Theologie, die im Glauben gelebt wurde und mit der christlichen Erfahrung verbunden ist.“

Dass diese Theologie bei Ratzinger nicht abstrakt, sondern „gelebt“ sei, aus der Erfahrung gewachsen sei, hob auch Papst Franziskus hervor, erinnert Lombardi: Ratzingers Theologie sei eine Theologie „auf Knien“, hatte der Nachfolger des deutschen Papstes gelobt.

Ratzinger-Preis geht erstmals an einen orthodoxen Theologen

Nach Abschluss des Symposiums wird am Samstagmorgen dann zum sechsten Mal der Joseph Ratzinger-Preis vergeben. Die Stiftung zeichnet damit herausragende Theologen aus, deren wissenschaftliche Arbeiten die Disziplin vorangebracht haben und das Denken Joseph Ratzingers berücksichtigen. Seit der ersten Vergabe im Jahr 2011 habe sich das internationale Spektrum der Preisträger verbreitert, berichtet Federico Lombardi. Unter den bisher 13 vergebenen Auszeichnungen seien elf in verschiedene Länder gegangen:

„Das bedeutet, dass sich das Komitee bemüht hat, den Blick auf die theologische Arbeit in der Welt auch auf andere Länder zu richten, auf unterschiedliche Regionen und Situationen, und auch jenseits der katholischen Kirche. Bereits in der Vergangenheit war ja einer der Preise an einen Anglikaner gegangen, und dieses Jahr ist einer der Preisträger orthodox: der griechisch-orthodoxe Professor Kourempeles.“

Der Grieche Ioannis Kourempeles ist der erste orthodoxe Wissenschaftler, der in diesem Jahr mit dem Joseph-Ratzinger-Preis geehrt wird. Der Dogmatik-Professor von der Aristoteles Universität von Thessaloniki, der unter anderem in Deutschland studierte, konzentriert sich in seiner Arbeit unter besonderer Berücksichtigung des Denkens Joseph Ratzingers auf Möglichkeiten fruchtbarer Wechselwirkung zwischen katholischer und orthodoxer Theologie. Der zweite Preisträger, eine Koryphäe im Bereich der Theologie, ist der Mailänder Theologie-Historiker Inos Biffi, der auf eine lange Reihe einschlägiger Publikationen zu verschiedenen geschichtlichen Epochen und Figuren der Kirchengeschichte zurückblicken kann. Er wird am Samstag im Vatikan für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Neue Initiativen der Stiftung in Sicht

Im Interview mit Radio Vatikan weist Pater Federico Lombardi weiter auf kommende Initiativen der Stiftung hin: So werde im Dezember an der Päpstlichen Universität Gregoriana eine italienische Ausgabe von Joseph Ratzingers „Opera Omnia“ zum Zweiten Vatikanischen Konzil vorgestellt. Darüber hinaus bereite man für das kommende Jahr in Zusammenarbeit mit der Gregoriana eine Tagung über den heiligen Bonaventura vor, verriet der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Joseph Ratzinger-Stiftung. In diesem Kontext werde es eine Neuausgabe der Ratzinger-Studien über den Heiligen geben. Im Dezember 2017 finde dann eine Ökologie-Tagung in Costa Rica statt, die man in Zusammenarbeit mit der katholischen Universität Costa Ricas ausrichte: Dabei gehe es zwei Jahre nach Erscheinen der Enzyklika „Laudato si“ um eine Rückschau auf die Ausführungen Benedikt XVI. und des aktuellen Papstes Franziskus zum Schutz der Schöpfung. In 2018 finde schließlich an der Universität Lumsa in Rom voraussichtlich eine Tagung zu den Grundlagen des Rechts im Denken Joseph Ratzingers statt, fuhr Lombardi fort: Der deutsche Papst habe Grundlegendes zum Thema beigetragen, ein Beispiel sei etwa die Rede Benedikt XVI. vor dem Deutschen Parlament.

Der Ratzinger-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Der Stiftungsfonds wird aus Erlösen der Werke Joseph Ratzingers sowie aus öffentlichen und privaten Spenden gespeist.

(rv 13.11.2016 pr)

KURZBIOGRAPHIE SEINER HEILIGKEIT BENEDIKT XVI.

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Der Heilige Vater Joseph Ratzinger – ab 1977 Kardinal, ab 1981 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, ab 2002 Dekan des Kardinalskollegiums – wurde am 16. April 1927 in Marktl am Inn im Gebiet der Diözese Passau geboren.

Sein Vater war Gendarmerie-Kommissar und stammte aus einer Familie niederbayerischer Landwirte, deren finanzielle Situation eher bescheiden war. Seine Mutter war eine Handwerkertochter aus Rimsting am Chiemsee. Vor ihrer Heirat war sie als Köchin in verschiedenen Hotels tätig.

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Joseph in Traunstein, einer kleinen Stadt in der Nähe der österreichischen Grenze, ungefähr 30 Kilometer von Salzburg entfernt. In dieser Umgebung, die er selbst einmal »mozartlich« nannte, erhielt er seine christliche, menschliche und kulturelle Bildung.

Seine Jugendzeit war nicht einfach. Der Glaube und die Erziehung in seiner Familie haben ihn auf die harte Erfahrung der mit dem nationalsozialistischen Regime verbundenen Probleme vorbereitet: Er mußte einmal selbst mit ansehen, wie sein Pfarrer vor der Feier der heiligen Messe von den Nazis zusammengeschlagen wurde; er hat das Klima der Feindseligkeit gegenüber der katholischen Kirche in Deutschland erlebt.

Aber gerade in dieser schwierigen Situation hat er die Schönheit und Wahrheit des Glaubens an Christus entdeckt. Dabei hat seine Familie, die fortwährend ein klares, in der bewußten Zugehörigkeit zur Kirche verwurzeltes Zeugnis der Güte und der Hoffnung gegeben hat, eine grundlegende Rolle gespielt. Gegen Ende der Tragödie des Zweiten Weltkriegs wurde er zu den Hilfsdiensten der Flugabwehr eingezogen.

Von 1946 bis 1951 studierte er Philosophie und Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule zu Freising und an der Universität München.

Am 29. Juni 1951 wurde er zum Priester geweiht.

Kaum ein Jahr später begann Joseph Ratzinger seine Lehrtätigkeit an derselben Freisinger Hochschule, an der er studiert hatte.

Sein Doktorat in Theologie schloß er 1953 mit einer Dissertation über das Thema »Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche« ab.

Er habilitierte 1957 bei dem bekannten Münchener Fundamentaltheologen Gottlieb Söhngen mit einem Werk über »Die Geschichtstheologie des hl. Bonaventura«.

Nach einem Lehrauftrag in Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Freisinger Hochschule setzte er seine Lehrtätigkeit in Bonn (1959–1963), in Münster (1963–1966) und in Tübingen (1966–1969) fort. Von 1969 an war er Professor der Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg, wo er auch die Aufgabe des Vizerektors der Universität ausübte.

Seine intensive wissenschaftliche Tätigkeit führte ihn zur Übernahme wichtiger Ämter innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz und der Internationalen Theologenkommission.

Unter seinen zahlreichen und qualifizierten Veröffentlichungen fand die Einführung in das Christentum (1968), eine Sammlung von Universitätsvorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis, ein besonderes Echo. 1973 wurde dann sein Buch Dogma und Verkündigung veröffentlicht, eine Sammlung von Aufsätzen, Betrachtungen und Homilien zur Pastoral.

Auf breite Resonanz stieß seine öffentliche Rede vor der Katholischen Akademie Bayern über das Thema: »Warum bin ich noch in der Kirche?« Mit seiner gewohnten Klarheit erklärte er: »Nur in der Kirche ist es möglich, Christ zu sein, und nicht neben der Kirche«.

Die Reihe seiner wichtigen Veröffentlichungen setzte sich im Laufe der Jahre fort. Seine stets treffenden Publikationen stellen einen Bezugspunkt für viele Menschen dar, ganz besonders für die, die sich einem tiefergehenden Studium der Theologie widmen. Man denke zum Beispiel an das Buch Zur Lage des Glaubens aus dem Jahr 1985 und an Salz der Erde von 1996. Es soll auch an das Buch Vom Wiederauffinden der Mitte erinnert werden, das aus Anlaß seines 70. Geburtstags entstand.

Eine Erfahrung von zentralem Stellenwert im Leben des Hirten Ratzinger war seine Teilnahme am Zweiten Vatikanischen Konzil in der Funktion eines Konzilsberaters, was er als eine Bestätigung seiner theologischen Berufung betrachtete.

Am 24. Mai 1977 ernannte ihn Papst Paul VI. zum Erzbischof von München und Freising.

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Am 28. Mai desselben Jahres erhielt er die Bischofsweihe und war damit nach 80 Jahren der erste Diözesanpriester, der die pastorale Leitung dieser großen bayerischen Diözese übernahm. Als bischöfliches Motto wählte er »Mitarbeiter der Wahrheit.«

Im Konsistorium am 27. Juni 1977 kreierte ihn der Papst zum Kardinal mit der Titelkirche »Santa Maria Consolatrice al Tiburtino«.

Kardinal Joseph Ratzinger nahm an der Fünften Generalversammlung der Bischofssynode (1980) über das Thema »Die christliche Familie in der Welt von heute« als Referent teil. In seinem Einführungsvortrag gab er eine inhaltsreiche und treffende Analyse der Situation der Familie in der Welt. Dabei sprach er über die Krise der traditionellen Kultur angesichts einer technischen und rein vernunftbetonten Denkweise. Er beließ es aber nicht bei seiner Kritik an negativen Aspekten, sondern hob hervor, daß die Wiederentdeckung des wahren christlichen Personalismus wie ein Sauerteig wirke, welcher die eheliche Erfahrung vieler Ehepartner befruchte. Außerdem lud er dazu ein, zu einer richtigen Bewertung der Rolle der Frau zu gelangen, die zu den fundamentalen Fragen der Reflexion über Ehe und Familie gezählt werden müsse. Im zweiten Teil seines Vortrags behandelte er den Plan Gottes für die Familie von heute und erinnerte vor allem daran, daß Männlichkeit und Fraulichkeit Ausdruck der Gemeinschaft von Personen und ursprüngliches Zeichen für die liebende Hingabe des Schöpfers seien.

Daraus folge, so betonte er, daß die Liebe des Mannes und der Frau weder eine private, noch profane, noch rein biologische Angelegenheit sei, sondern etwas Heiliges, etwas, das in einen »Lebensstand« und somit zu einer neuen, dauerhaften und verantwortlichen Lebensform führe. Ehe und Familie, so unterstrich er mit Nachdruck, hätten in gewisser Weise Vorrang im öffentlichen Leben, und letzteres müsse das der Ehe und Familie innewohnende Recht und sein innerstes Geheimnis achten. Im dritten Teil ging der Purpurträger die mit der Familie verbundenen pastoralen Probleme an: von der Bildung einer Gemeinschaft von Personen bis zur Zeugung des Lebens, von der elterlichen Aufgabe der Erziehung bis zur Notwendigkeit der Vorbereitung der Jugendlichen zur Ehe und zum Familienleben, von sozialen bis hin zu den kulturellen und moralischen Aufgaben. Im Angesicht der Herrschaft des Materialismus, des Hedonismus und der Permissivität könne die Familie vor der Welt von einer neuen Menschlichkeit Zeugnis geben (vgl. die Zusammenfassung in O.R. dt., Nr. 40, 3.10.1980, S. 4–5).

Er wirkte auch als delegierter Präsident der Sechsten Versammlung (1983) mit dem Thema »Versöhnung und Buße im Sendungsauftrag der Kirche«. In seinem Beitrag zu den Arbeiten bekräftigte er die von der Kongregation für die Glaubenslehre bezüglich des Sakraments der Versöhnung festgesetzten pastoralen Normen. Er ging speziell auf Probleme ein, die mit zwei im Verlauf der Versammlung immer wieder aufgeworfenen Fragen verbunden waren: Die eine Frage bezog sich auf die Verpflichtung, schwere Sünden auch dann zu beichten, wenn sie schon durch eine Generalabsolution vergeben wurden; die andere betraf die persönliche Beichte als wesentliches Element des Sakraments (in O.R. dt., Nr. 43, 28.10.1983, S. 5).

Seine Ausführungen stellten für alle Bischofssynoden einen fundamentalen Beitrag dar, der den Reflexionen als Bezugspunkt diente.

Am 25. November 1981 ernannte Johannes Paul II. ihn zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre. Er wurde auch Präsident der Päpstlichen Bibelkommission und der Internationalen Theologenkommission. Am 15. Februar 1982 verzichtete hat er dann auf die pastorale Leitung der Erzdiözese von München und Freising.

Sein Dienst als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre war unermüdlich, und es ist ein schwieriges Unterfangen, sein Werk im Rahmen einer Biographie aufzuzählen. Sein unermüdliches Wirken als Mitarbeiter Johannes Pauls II. erwies sich als sehr wertvoll.

Unter den vielen Wirkungsbereichen muß auf seine Rolle als Präsident der Kommission für den Katechismus der Katholischen Kirche hingewiesen werden.

Am 5. April 1993 wurde er zum Kardinalbischof der suburbikarischen Diözese Velletri- Segni erhoben.

Am 6. November 1998 wurde er zum Vizedekan des Kardinalskollegiums ernannt und am 30. November 2002 zu dessen Dekan, womit er als Titel die suburbikarische Kirche von Ostia in Besitz nahm. Bis zu seiner Wahl auf den Stuhl Petri war er Mitglied des Rates der Zweiten Sektion des Staatssekretariats, der Kongregation für die Orientalischen Kirchen, für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, für die Bischöfe, für die Evangelisierung der Völker, für das Katholische Bildungswesen, des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika und der Päpstlichen Kommission »Ecclesia Dei«.

Anläßlich des 50. Jahrestages seiner Priesterweihe übermittelte ihm Johannes Paul II. ein Schreiben, in dem er sich auf das Zusammenfallen seines Jubiläums mit dem liturgischen Hochfest der hll. Apostel Petrus und Paulus bezieht und ihm mit Worten, die in gewisser Weise »prophetisch« waren, vor Augen führt, wie »in Petrus … das Prinzip der Einheit verdeutlicht [wird], das auf seinem festen Glauben als Fels des Apostelfürsten gründet. In Paulus [zeigt sich] die dem Evangelium innewohnende Notwendigkeit, jeden Menschen und jedes Volk zum Glaubensgehorsam zu rufen.

Diese zwei Dimensionen verbinden sich allerdings zum gemeinsamen Zeugnis der Heiligkeit, die die hochherzige Hingabe der beiden Apostel in ihrem Dienst an der makellosen Braut Christi gefestigt hat«. Sodann fragt Johannes Paul II.: »Sind in diesen beiden Komponenten nicht auch die Grundausrichtungen des Lebensweges zu erkennen, den die göttliche Vorsehung für Sie, Herr Kardinal, bestimmt hat, indem sie Sie zum Priestertum berief?« (in O.R. dt., Nr. 28, 13.7.2001, S. 8).

Kardinal Ratzinger wurden in diesem Jahr 2005 die Meditationen des Kreuzwegs am Kolosseum anvertraut. An diesem unvergeßlichen Karfreitag hat Johannes Paul II., der sich in seiner Schwäche fest an das Kruzifix klammerte und dabei geradezu zu einer »Ikone« des Leidens wurde, in stiller Andacht die Worte dessen gehört, der sein Nachfolger auf dem Stuhl Petri werden sollte. Es hatte eine tiefe Bedeutung, daß das Leitmotiv des Kreuzwegs das Wort Jesu war, mit dem er am Palmsonntag – gleich nach seinem Einzug in Jerusalem – auf die Frage einiger Griechen, die ihn sehen wollten, antwortete: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht« (Joh 12,24). Mit diesen Worten gibt der Herr selbst seiner Passion eine »eucharistische« und »sakramentale« Deutung. Es zeige sich – so erläuterte der Kardinal in seinen Betrachtungen –, daß der Kreuzweg nicht einfach eine Kette des Schmerzes, der unheilvollen Dinge sei, sondern ein Geheimnis, nämlich der Prozeß, in dem das Weizenkorn in die Erde fällt und Frucht bringt. Mit anderen Worten, es zeigt sich, daß die Passion Selbsthingabe ist; dieses Opfer bringt Frucht und wird sodann eine Gabe für alle.

Seine Meditationen, die am Abend des Karfreitags vor der eindrucksvollen Kulisse des Kolosseums erklangen, haben sich im Bewußtsein der Menschen eingeprägt. So lautete seine bewegende Einladung zur Betrachtung der neunten Station: »Müssen wir nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muß? Wie oft wird das heilige Sakrament seiner Gegenwart mißbraucht, in welche Leere und Bosheit des Herzens tritt er da oft hinein? Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen ihn gar nicht wahr? Wie oft wird sein Wort verdreht und mißbraucht? Wie wenig Glaube ist in so vielen Theorien, wie viel leeres Gerede gibt es? Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit?« Sodann folgte ein Gebet, das aus seinem Herzen kam: »Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist. Und auf deinem Ackerfeld sehen wir mehr Unkraut als Weizen. Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen. Wir selber verraten dich immer wieder nach allen großen Worten und Gebärden. Erbarme dich deiner Kirche. … Du bist aufgestanden – auferstanden und du kannst auch uns wieder aufrichten. Heile und heilige deine Kirche. Heile und heilige uns« (in O.R. dt., Nr. 14, 8.4.2005, S. 11–12).

Kaum 24 Stunden vor dem Tod Johannes Pauls II. erhielt er in Subiaco den von der Stiftung »Vita e famiglia« [Leben und Familie] verliehenen »St.-Benedikt-Preis für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa«. In seiner Ansprache gebrauchte er Worte, die heute besonders vielsagend sind: »Wir brauchen Menschen wie Benedikt von Nursia, der sich in einer Zeit der Ausschweifung und Dekadenz in die äußerste Einsamkeit zurückzog und dem es so gelang, nach vielen Läuterungen, die er ertragen mußte, wieder ans Licht aufzusteigen. Er kam zurück und gründete Montecassino, die Stadt auf dem Berg, welche die Kraft aufbrachte, aus vielen Trümmern eine neue Welt zu formen. So wurde Benedikt, wie Abraham, Vater vieler Völker.«

Als Dekan des Kardinalskollegiums war er Hauptzelebrant der am Freitag, dem 8. April, gefeierten Totenmesse für Johannes Paul II. auf dem Petersplatz. Man kann sagen, daß seine Homilie die große Treue zum Papst und seiner Sendung ausdrückte. »›Folge mir nach!‹, sagt der auferstandene Herr als letztes Wort zu Petrus, zu dem Jünger, der erwählt war, seine Schafe zu weiden. ›Folge mir nach!‹ – Dieses lapidare Wort Christi kann als Schlüssel gelten zum Verständnis der Botschaft, die vom Leben unseres geliebten verstorbenen Papstes Johannes Paul II. ausgeht, dessen sterbliche Hülle wir heute als Samen der Unsterblichkeit in die Erde senken, während unser Herz voll Trauer ist, aber auch voll froher Hoffnung und tiefer Dankbarkeit.«

»Folge mir nach!« war das Schlüsselwort, der Leitgedanke der Predigt, die Kardinal Ratzinger bei den Exequien des Heiligen Vaters an die ganze Welt richtete. Ein Wort, das die Sendung Johannes Pauls II. beschreibt und zur gleichen Zeit ein Aufruf ist, der an jeden einzelnen ergeht.

»›Folge mir nach!‹ Mit dem Auftrag, seine Herde zu weiden, kündete Christus dem Petrus sein Martyrium an.« Dies sind die eindringlichen Worte Kardinal Ratzingers in seiner bewegenden und ergreifenden Predigt zum Begräbnis von Johannes Paul II. »Mit diesem abschließenden und zusammenfassenden Wort des Dialogs über die Liebe und über den Sendungsauftrag des universalen Hirten verweist der Herr auf einen anderen Dialog, der im Zusammenhang mit dem Letzten Abendmahl stattgefunden hat. Bei diesem Anlaß hatte Jesus gesagt: ›Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. Petrus sagte zu ihm: ›Herr, wohin willst du gehen?‹ Jesus antwortete ihm: ›Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen‹ (Joh13,33.36). Vom Abendmahl geht Jesus zum Kreuz, zur Auferstehung – er tritt in das österliche Geheimnis ein; Petrus kann ihm noch nicht folgen.

Jetzt – nach der Auferstehung – ist dieser Augenblick, dieses ›später‹ gekommen. Während er die Herde Christi weidet, tritt Petrus in das österliche Geheimnis ein, geht dem Kreuz und der Auferstehung entgegen. Der Herr sagt es mit diesen Worten: ›Als du noch jung warst, … konntest [du] gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst‹ (Joh 21,18). In den ersten Jahren seines Pontifikats ging der Heilige Vater, noch jung und stark, unter der Führung Christi in alle Länder der Welt. Später aber vereinte er sich immer tiefer mit dem Leiden Christi, verstand er immer mehr die Wahrheit der Worte: ›Ein anderer wird dich gürten…‹ Und gerade in dieser Vereinigung mit dem leidenden Herrn verkündete er unermüdlich mit neuer Eindringlichkeit das Evangelium, das Geheimnis der Liebe, die bis zum Äußersten geht (vgl. Joh 13,1).«

Kardinal Ratzinger fuhr fort: »Er hat uns das österliche Geheimnis als Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit aufgezeigt. … Der Papst [hat] vereint mit Christus gelitten und geliebt, und deshalb ist die Botschaft seines Leidens und seines Schweigens so beredt und fruchtbar gewesen«. Er schloß mit Worten, die in gewisser Weise eine Zusammenfassung des Pontifikats Johannes Paul II. waren, aber auch seiner eigenen Sendung als treuer, direkter und enger Mitarbeiter des Papstes als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre seit 1981: »Göttliche Barmherzigkeit: Der Heilige Vater hat den reinsten Widerschein der Barmherzigkeit Gottes in der Mutter Gottes gefunden. Er, der im Kindesalter die Mutter verloren hatte, hat um so mehr die göttliche Mutter geliebt. Er hat die Worte des gekreuzigten Herrn gehört und auf sich persönlich bezogen: ›Siehe deine Mutter!‹ Und er hat wie der Lieblingsjünger gehandelt: Er hat sie in seinem tiefsten Innern aufgenommen – ›Totus tuus‹. Und von der Mutter hat er gelernt, Christus ähnlich zu werden. Für uns alle bleibt es unvergeßlich, wie der Heilige Vater, vom Leiden gezeichnet, am letzten Ostersonntag seines Lebens noch einmal am Fenster des Apostolischen Palastes erschienen ist und zum letzten Mal den Segen ›Urbi et orbi‹ erteilt hat. Wir können sicher sein, daß unser geliebter Papst jetzt am Fenster des Hauses des Vaters steht, uns sieht und uns segnet. Ja, segne uns, Heiliger Vater. Wir vertrauen deine liebe Seele der Mutter Gottes, deiner Mutter, an, die dich jeden Tag geführt hat und dich jetzt in die ewige Herrlichkeit ihres Sohnes, Jesus Christus unseres Herrn, führen wird« (in O.R. dt., Nr. 15, 15.4.2005, S. 2–3).

Am Vortag seiner Wahl auf den Heiligen Stuhl, am Montagmorgen, dem 18. April, wenige Stunden vor Beginn des Konklaves, das ihn wählen sollte, feierte er gemeinsam mit den Kardinälen in der Vatikanbasilika die heilige Messe »pro eligendo Romano Pontifice«. »In dieser verantwortungsvollen Stunde«, mahnte er in der Homilie, »hören wir mit besonderer Aufmerksamkeit auf das, was der Herr uns mit seinen eigenen Worten sagt.« Er verwies auf die Lesungen der Liturgie und erinnerte daran, daß »die göttliche Barmherzigkeit … dem Bösen eine Grenze [setzt]. … Jesus Christus ist die göttliche Barmherzigkeit in Person: Christus begegnen heißt, der Barmherzigkeit Gottes begegnen. Der Auftrag Christi ist durch die priesterliche Salbung zu unserem Auftrag geworden; wir sind aufgerufen, ›das Jahr der Barmherzigkeit des Herrn‹ nicht nur mit Worten, sondern mit dem Leben und mit den wirksamen Zeichen der Sakramente zu verkünden.« Er unterstrich, daß »die Barmherzigkeit Christi … keine billig zu habende Gnade [ist], sie darf nicht als Banalisierung des Bösen mißverstanden werden. Christus trägt in seinem Leib und in seiner Seele die ganze Last des Bösen, dessen ganze zerstörerische Kraft. Er verbrennt und verwandelt das Böse im Leiden, im Feuer seiner leidenden Liebe.« Dann fügte er hinzu: »Je mehr wir von der Barmherzigkeit des Herrn berührt werden, um so mehr solidarisieren wir uns mit seinem Leiden, werden wir bereit, ›das, was an den Leiden Christi noch fehlt‹ (Kol 1,24), in unserem Leib zu ergänzen.«

Dann mahnte er: »Wir sollen nicht Kinder im Zustand der Unmündigkeit bleiben. … Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen … Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. Jeden Tag entstehen neue Sekten, und dabei tritt ein, was der hl. Paulus über den Betrug unter den Menschen und über die irreführende Verschlagenheit gesagt hat (vgl. Eph4,14). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ›vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen‹, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt.

Wir haben jedoch ein anderes Maß: den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren Humanismus. ›Erwachsen‹ ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen.« Zum Abschluß erinnerte er daran, daß »unser Amt … ein Geschenk Christi an die Menschen [ist], um seinen Leib – die neue Welt – aufzubauen. Leben wir also unser Amt als Geschenk Christi an die Menschen! Aber in dieser Stunde beten wir vor allem inständig zum Herrn, daß er uns nach dem großen Geschenk Papst Johannes Pauls II. wieder einen Hirten nach seinem Herzen schenke, einen Hirten, der uns zur Erkenntnis Christi, zu seiner Liebe, zur wahren Freude führt« (in O.R. dt., Nr. 16, 22.4.2005, S. 3).

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PAPST FRANZISKUS: „MEINE VERBINDUNG ZU IHM“

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Franziskus und Benedikt bei der Eröffnung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit im Petersdom.

Vorwort von Papst Franziskus
zu einer Biographie über Papst Benedikt XVI.

Diese ausführliche Biographie meines Vorgängers Benedikt XVI. ist begrüßenswert: Sie bietet eine zuverlässige und ausgewogene Gesamtschau auf sein Leben und auf die Entwicklung seines Denkens.

Wir alle in der Kirche sind Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. zu großem Dank verpflichtet für die Tiefe und die Ausgewogenheit seines theologischen Denkens, das er stets im Dienst der Kirche gelebt hat – bis hin zu den höchsten Ämtern: als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre während des langen Pontifikats Johannes Pauls II. und anschließend als Hirte der Gesamtkirche. Mit seinem Glauben und seiner Bildung hat er, vor allem im Laufe der letzten drei Jahrzehnte, einen grundlegenden Beitrag geleistet zu einem Lehramt der Kirche, das in der Lage ist, auf die Erwartungen unserer Zeit zu antworten. Außerdem haben der Mut und die Entschlossenheit, mit denen er schwierigen Situationen entgegengetreten ist, den Weg gewiesen, um in Demut und Wahrhaftigkeit sowie im Geist der Erneuerung und der Läuterung eine Antwort auf diese Situationen zu finden.

Ich möchte erneut betonen, dass in diesen ersten Jahren meines Pontifikats meine geistliche Verbindung zu ihm immer ganz besonders tief war und ist. Seine diskrete Gegenwart und sein Gebet für die Kirche sind mir in meinem Dienst eine Stütze und ein beständiger Trost.

Oft habe ich an die letzte Audienz zurückgedacht, in der er sich – am 28. Februar 2013 – von den Kardinälen verabschiedet hat und jene bewegenden Worte sprach: »Unter euch … ist auch der zukünftige Papst, dem ich schon heute meine bedingungslose Ehrerbietung und meinen bedingungslosen Gehorsam verspreche.« Damals konnte ich nicht wissen, dass ich damit gemeint sein würde. Bei allen Begegnungen mit ihm habe ich jedoch nicht nur Ehrerbietung und Gehorsam erfahren können, sondern auch herzliche geistliche Nähe, die Freude, gemeinsam zu beten, aufrichtige Brüderlichkeit, Verständnis und Freundschaft und auch die Bereitschaft zu Ratschlägen. Wer versteht besser als er die Freuden, aber auch die Schwierigkeiten des Dienstes an der Universalkirche und an der heutigen Welt, und kann dem geistig nahe sein, der vom Herrn berufen ist, ihre Last zu tragen? Daher ist mir sein Gebet besonders wertvoll und bin ich dankbar für seine Freundschaft.

Für die Kirche ist die Gegenwart eines emeritierten Papstes neben dem amtierenden Papst eine Neuheit. Und da sie einander lieben, ist es eine schöne Neuheit. Es bringt in gewissem Sinne besonders deutlich die Kontinuität des Petrusamtes zum Ausdruck: ohne Unterbrechung, gleichsam die Glieder einer einzigen, von der Liebe zusammengeschweißten Kette.

Das heilige pilgernde Volk Gottes hat das sehr gut verstanden. Jedes Mal, wenn der emeritierte Papst auf meine Einladung hin in der Öffentlichkeit erschienen ist und ich ihn vor aller Augen umarmen konnte, waren die Freude und der Beifall der Anwesenden aufrichtig und stark. Ich war Benedikt XVI. sehr dankbar, dass er an der Eröffnung des Jubiläums der Barmherzigkeit teilgenommen und gleich nach mir die Heilige Pforte durchschritten hat. Und ein Interview mit ihm, das vor nicht allzu langer Zeit veröffentlicht wurde (vgl. L’Osservatore Romano dt., Nr. 14, 8.4.2016, S. 4-5) und in dem er als »Zeichen der Zeit« die Tatsache betont, dass »die Idee der Barmherzigkeit Gottes immer beherrschender in den Mittelpunkt rückt« und der Mensch von heute »auf Barmherzigkeit wartet«, zeigt noch einmal sehr deutlich, dass die barmherzige Liebe Gottes der rote Faden ist, der die letzten Pontifikate zutiefst vereint. Sie ist die vordringliche Botschaft, die die Kirche im Aufbruch in die Randgebiete einer Welt trägt, die von Kriegen, Unrecht und der Verachtung des Menschen gezeichnet ist.

Die Sendung der Kirche und der Petrusdienst sind im natürlichen Wandel der Zeiten und Menschen stets Verkündigung der barmherzigen Liebe Gottes zur Welt. Das ganze Leben Joseph Ratzingers, sein Denken und sein Werk, war stets auf dieses Ziel ausgerichtet, und ich bemühe mich, mit Gottes Hilfe, in dieselbe Richtung weiterzugehen.

Elio Guerriero, italienischer Journalist, über 20 Jahre Direktor der italienischen Ausgabe der Zeitschrift Communio, hat eine Biographie des emeritierten Papstes Benedikt XVI. herausgegeben. Das Werk mit dem Titel »Servitore di Dio e dell’umanità. La biografia di Benedetto XVI« (Mailand, Mondadori, 2016, 542 S.) ist auf Italienisch seit dem 30. August im Buchhandel erhältlich. Papst Franziskus hat dazu das Vorwort verfasst.

(Orig. ital. in O.R. 25.8.2016)