Der Kreuzweg in der Mater Ecclesiae: Zum Fest Mariä Lichtmess

Blick auf das Kloster „Mater Ecclesiae“ von der Peterskuppel. Foto: Paul Badde / Vatican Magazin

Auf das Leben! Benedikt XVI. könnte noch 100 Jahre alt werden im letzten Rastplatz des 264. Nachfolgers vom Apostelfürsten Petrus auf dem langen Weg ins Paradies

Von Paul Badde (Vatican Magazin)

02 February, 2019 / 8:33 AM

Am 16. April 2019 wird Benedikt XVI. – so Gott will – in dem Kloster „Mater Ecclesiae“ auf dem Vatikan-Hügel 92 Jahre alt werden. Von seinem Fenster aus kann er auf den XIII. am 20. Juli 1903 mit 93 Jahren als ältester Papst starb, den es bis dahin gab – und der am Ende selbst alle Hochfeste wie Ostern und Weihnachten nur noch in der Sixtinischen Kapelle feierte und niemals im Petersdom. Auch darum ist Papa Benedictus vor sechs Jahren am 11. Februar 2013 mit einer kurzen lateinischen Erklärung von seinem Amt zurückgetreten. Denn „man kann die Weltkirche heute nicht mehr von der Sixtinischen Kapelle aus regieren“, sagte er in unserem letzten Gespräch vor Jahren. „Heute kann ein Papst nicht so einfach abklingen“.

Er hätte es wohl gekonnt, doch er fühlte sich auch den Aufgaben, die den Päpsten im letzten Jahrhundert – etwa unter seinem heiligen Vorgänger – zugewachsen waren, im Gehorsam verpflichtet. Das war für ihn eben auch die Teilhabe an den überaus anstrengenden Weltjugendtagen, die den zarten Oberhirten schon im Voraus erschreckten. Über diese Herausforderung wollte er sich nicht mehr hinwegsetzen, nachdem er schon seine Wahl am 19. April 2005 nur mit großem Bangen angenommen hatte, weil er der Ansicht war, es sei „zu viel“, einem 77-jährigen am Ende seines Lebens noch einmal diese übermenschlich schwere Aufgabe zuzumuten. Außerdem sei er dafür nicht geeignet. Deshalb hatte ihn das Amt zunächst auch wie die herabfallende Stahlklinge einer Guillotine erschreckt. Dennoch hatte er die Wahl gläubig angenommen und seine Aufgabe nach bestem Vermögen ausgefüllt. Doch 2012 fühlte er seinen Tod nahen und trat dann zurück, bevor er, wie er fürchtete, vielleicht zum ohnmächtigen Pflegefall würde.

Er hatte sich geirrt, wie wir wissen. Stattdessen begann damals nur noch einmal sein letzter persönlicher Kreuzweg in einem neuen Leben „als Mönch“, wie er dachte, im unablässigen Gebet und Gottesdienst. Aber auch das Messopfer kann der Priester aus Leidenschaft seit Monaten schon nicht mehr selber zelebrieren und nur noch sitzend an ihm teilnehmen, in einem Opfer ganz neuer Art. Er hat den Geist des christlichen Abendlands verkörpert, als ein Schwergewicht der Überlieferung und Vernunft, und ist hellwach bis heute. Doch inzwischen fällt ihm das Sprechen schwer, nachdem ihm ein Leben lang das Gespräch und der Gesang und Dialog gleichsam wie das Leben selbst erschienen waren.

Im Besucherzimmer des alten Hochgelehrten erklärt auf einem Gemälde ein Knabe am Strand seinem alten Lieblingsheiligen Augustinus immer noch gerade, es sei leichter, den Ozean mit einer Muschel in ein Grübchen zu füllen, als mit dem Verstand das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu ergründen. Eine bäuerlich-barocke Darstellung der stillenden Gottesmutter erinnert daneben an die ferne bairische Heimat. Seine letzte Kapelle aber ist gar nicht barock, sondern nur ganz besonders schlicht. Vierzehn Kartons des Lübecker Wahlrömers Friedrich Overbeck (1789–1869) zieren hier die Wände, nach deren Vorbild die Majolica-Stationen des Kreuzwegs im Campo Santo Teutonico, dem deutschen Fried-hof neben Sankt Peter, gefertigt wurden, denen Joseph Ratzinger als Kardinal im Gebet so oft nachgegangen ist. Die Stirnseite der Kapelle aber schmückt links neben dem Kreuz in der Mitte eine Ikone der Auferstehung Christi und rechts eine russische Ikone, die Kardinal Roger Etchegaray dem 264. Nachfolger des Apostels Petrus einmal geschenkt hat, die dessen letztes Verlangen in einem einzigen Bild zusammenfasst. Denn hier sehen wir den heiligen Simeon mit dem Christkind im Arm, als der Seher gerade das „Nunc dimittis“ anstimmt, das Abendlob aus den Stundengebeten der Kirche: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht / wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. / Denn meine Augen haben das Heil gesehen, / das du vor allen Völkern bereitet hast, / ein Licht, das die Heiden erleuchtet, / und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ Bis jetzt aber, hat der Herr seinen Knecht noch nicht scheiden lassen.

Bitten wir deshalb um den Beistand des heiligen Joseph für jene letzte Wegstrecke, auf der Benedikt – so Gott will – zwischen Kreuzweg und Fegefeuer vielleicht zum allerältesten Papst werden wird, den die Kirche je erlebt hat, und der sich das Paradies, das er so sehnsüchtig erwartet, seit jeher wie jene Tage vorstellt, als er mit seinem Bruder und seiner Schwester noch der kleinste Bub seiner Eltern war. Auf das Leben!

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Vatican Magazins.

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Kardinal Müller: „Hüter des Glaubens bin ich als Bischof und Priester nach wie vor“

Kardinal Gerhard Ludwig Müller — Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Von Paul Badde

„Gemäß dem Paradox der Menschwerdung können wir sagen, dass Gott ein menschliches Antlitz angenommen hat: das Antlitz Jesu. In ihm sehen wir wirklich, wer Gott ist und wie Gott ist!“ – Das sagte Papst Benedikt XVI. sechs Tage nach seiner Pilgerreise nach Manoppello im September 2006.

In die Reihe der Purpurträger – zuletzt die Kardinäle Koch, Sarah und Tagle – tritt nun auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der am 20. Januar 2019 nach Manoppello, um am Sonntag Omnis Terra die Welt und die Kirche mit der „wahren Ikone“ vom Antlitz Christi zu segnen.

Herr Kardinal, ist der Besuch des vormaligen Hüters des Glaubens angesichts der überwältigenden Vertrauens- und Glaubenskrise der Christenheit ein Versuch, mit einem Akt der Volksfrömmigkeit Wunden zu heilen, die bis auf die Knochen der alten Mutter Kirche gehen? 

Kardinal Gerhard Ludwig Müller: Hüter des Glaubens bin ich als Bischof und Priester nach wie vor. Die Glaubenskongregation als Teil der Heiligen römischen Kirche unterstützt den Papst unmittelbar in seiner Aufgabe, den katholischen Glauben in der ganzen Welt zu fördern und zu schützen. Wenn ich auch nicht mehr ihr Präfekt sein darf, so bleibt mir doch die in Weihe von Christus selbst übertragene Mission, für „die Wahrheit des Evangeliums“ (Gal 2,17) einzutreten. Und als Kardinal habe ich den Papst in besonderer Weise zu unterstützen. Unsere heilige Mutter, die hierarchische Kirche (Ignatius von Loyola) ist nicht alt, doch wenn wir unsere Sendung nicht mit Herz und Verstand ausüben, könnten wir einmal „alt aussehen“ und „dumm dastehen“. Ich denke an den Tag, an dem wir vor dem Richterstuhl Gottes Rechenschaft ablegen müssen „und jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“ (2Kor 5,10). Das Problem ist die Verweltlichung des Denkens auch bei höchsten Verantwortungsträgern. Es ist verhängnisvoll, wenn Bischöfe als Fundraiser, Geheimdiplomaten, Medienlieblinge und Politikflüsterer mehr sich wohl fühlen und höheren Orts geschätzt werden, denn als demütige Diener des Wortes (Lk 1,2), „Vorbilder für die Herde“ (1Petr 5,3) und freundliche Vermittler „der gesunden Lehre“ (Titus 1,9). Der Priester ist „Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes“ (Kor 4,1). Inmitten des Volkes erhebt er den Leib und das Blut Christi während der Heiligen Wandlung und weist vor der Heiligen Kommunion auf das „Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ (Joh 1,29).

Und so ist es auch seine heilige Aufgabe, die Gläubigen zu segnen mit dem Bild Christi, das er hoch erhebt. Die Allerheiligste Dreifaltigkeit, die Menschwerdung Gottes, Kreuz und Auferstehung Christi sind die grundlegenden Wahrheiten des christlichen Glaubens. Darum können katholische Priester nur segnen im Zeichen des Kreuzes in Namen des Dreifaltigen Gottes. Wir würden ihn verleugnen, wenn wir nur zivilreligiöse Riten vollziehen und allgemeine Segenssprüche abgeben würden. Denn wir dienen dem Heilsplan Gottes nur, wenn wir beten und bekennen: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. ER hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.“ (Eph 1,3)

Neben Ihnen am Altar werden auch die Erzbischöfe Salvatore Cordileone aus San Francisco in Kalifornien und Bruno Forte aus Chieti Vasto in den Abruzzen als Konzelebranten stehen. Es sind zwei Kirchenmänner aus fast verschiedenen Universen innerhalb der Kirche. Müssen wir diese Auswahl der Konzelebranten als Programm verstehen oder wie erklären Sie die überraschende gemeinsame Pilgerreise? 

Ja, wir gehören der universalen Kirche an, in der Christus die vielen Glieder seines Leibes zu einer Einheit im Geist und Liebe zusammenruft. Drei Bischöfe mit drei Muttersprachen aus drei Ländern und zwei Kontinenten- das ist schon ein herrliches Zeugnis der Katholizität der Kirche. Der hl. Märtyrer und Bischof Ignatius von Antiochien sagte zu Beginn des 2. Jahrhunderts: „Wo der Bischof ist, dort soll die Gemeinde sein, wie da, wo Christus Jesus ist, die katholische Kirche ist. “ (Brief an die Smyrnaer 8,2).

Schon Papst Benedikt XVI hat seine Reise zu dem Bildschleier in Manoppello am 1. September 2006 gegen große Widerstände im Vatikan durchsetzen müssen. Diese Kräfte sind immer noch da, im Vatikan wie in der Weltkirche. Was macht Sie so gelassen, dass Sie deren Hohn und Widerstände nicht zu fürchten scheinen? 

Hohn und Spott, Intrigen und üble Nachreden, Interessenpolitik und Winkelzüge sind nicht die Zierde eines echten Christenmenschen. Es sind diese Machenschaften und das Machtgebaren, die die Glaubwürdigkeit des Episkopates und auch des Vatikans erschüttert haben. Wenn jeder dem Spruch seines Gewissens folgen würde und sich an die Gebote Gottes im Dekalog und die Seligpreisungen Jesu bei der Bergpredigt hält, gäben wir der Welt ein gutes Beispiel, obwohl wir bekennen müssen, dass wir ohne die Gnade nichts vermögen. Miteinander beten ist besser als heimlich schlecht über andere zu reden. Nur wenn wir uns das zu Herzen nehmen, gibt es einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise.

Das geheimnisvolle Bildnis Christi in Manoppello selber schweigt. Was sagt es uns dennoch über die Erbinformationen der katholischen Kirche, von der wir kürzlich lesen mussten, dass in ihnen das Böse, vor dem die Welt zur Zeit so sehr erschrickt, schon von Anfang an gespeichert sei?  

Darauf antworte ich mit dem hl. Paulus: „Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie dahingeben, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort. So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos.“ (Eph 5,25ff). Diese Gnade, die uns rechtfertigt und heiligt, ist die DNA der Kirche. Die Schädigung dieser Erbinformation nennen wir die Sünde, durch die wir Sünder werden, die der „Reinigung und Buße bedürfen“ (II. Vatikanum, Lumen gentium 8). Also nicht die Schuld auf andere, die Kirche, die Vorgänger, den Klerus abwälzen, sondern an die eigene Brust schlagen und beten mea culpa, das würde das binnenkirchliche Klima wesentlich verbessern.

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„Ich werde nicht schweigen“: Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Wiederholt und mit scharfen Worten ist Kardinal Gerhard Ludwig Müller für seine Aussagen zur Kirchenkrise in den vergangenen Tagen angegriffen worden, hat aber auch deutlichen Zuspruch erfahren. EWTN-Romkorrespondent Paul Badde hat den ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation interviewt.

PAUL BADDE: Herr Kardinal, die Schriftlesungen dieser letzten Tage des Kirchenjahres sind überaus apokalyptisch. Wie ist Ihnen da zumute, wenn Sie diese Texte morgens bei der heiligen Messe hören und lesen?

Kardinal Gerhard Ludwig Müller: Ich bin von Natur aus nicht apokalyptisch veranlagt. Ich habe es mehr mit der Eschatologie, die besagt, dass Christus wirklich der Retter der Welt ist. Dem, der Gott liebt, wird am Ende alles zum Guten und Besten gereichen.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Beitrag erscheint, in dem Sie immer noch scharf angegriffen werden wegen Ihres Interviews mit Maike Hickson, in dem Sie den Katechismus der Kirche noch einmal auf traditionelle Weise vorgestellt und verteidigt haben, als einen Kampf um die Wahrheitsfrage. Gibt es eine „Jagd auf Kardinal Müller“?

Wie Sie sagen, handelt es sich um Angriffe auf meine Person und nicht um ernstzunehmende Beiträge in der Sache. Aber das ist immer so. Wenn es um die Macht statt um die Wahrheit geht, bleibt der Anstand auf der Strecke. „Wenn wir Seine Jünger sind, weil wir in Seinem Wort bleiben, dann werden wir die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird uns frei machen.“ (vgl. Joh 8,31f)

Bis vor kurzem waren Sie noch der Glaubenswächter der gesamten katholischen Kirche. Da markieren die Angriffe auf Sie aus dem Raum der Kirche aber eine dramatische Wende, in der auch die Hermeneutik der Kontinuität innerhalb der Kirche zu zerschellen scheint, die Papst Benedikt XVI. noch so leidenschaftlich beschworen hat. Was sagen Sie dazu?

Der Glaube der Kirche eint die Gläubigen, weil sie auf das Wort Gottes hören. Papst Franziskus hat Recht: Wo gespalten wird, da ist nicht der Heilige Geist. Zur Hermeneutik der Reform des Lebensstils und der Kontinuität im Glaubensbekenntnis gibt es keine Alternative.

Warum spielt denn die Debatte um homosexuelle Netzwerke innerhalb der Kirche und des Vatikans in diesem Streit eine offensichtlich anstößige Hauptrolle?

Ich hatte festgestellt, dass 80 Prozent der Opfer von Missbrauchsdelikten durch katholische Kleriker männlich sind. Bekanntlich fürchten Ideologen die Tatsachen wie der Teufel das Weihwasser. Aber ich kenne die Vorgänge und Hintergründe aus vielen Prozessen, die wir von Amts wegen in der Glaubenskongregation geführt haben. Ob es „homosexuelle Netzwerke“ im Vatikan gibt, weiß ich nicht – außer durch die Feststellung, die auf Papst Franziskus selbst zurückgeht.  Aber es gibt hochrangige Vertreter der katholischen Kirche, die über alles Maß hinaus Menschen dieser Tendenz verteidigen und fördern. Wenn aber die Inhalte des katholischen Glaubens in Frage gestellt werden, zeigen sie sich weitherzig und flügellahm. Wer ihrer Agenda folgt, darf sich alles erlauben. Wer auf assistiertes Denken verzichtet, wird von ihnen gnadenlos verfolgt, derzeit nach der Devise „Paulus Adieu – Wucherpfennig okay!“ Das ist mit mir aber nicht zu haben und dazu werde ich nicht schweigen.

Offensichtlich ist die Kirche heute vertikal und horizontal tief gespalten. Gilt aber nicht auch der Glaube selbst, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde Mensch wurde, gekreuzigt wurde, aus dem Grab auferstand und schließlich in der heiligen Eucharistie unter uns leibhaft zugegen ist, nicht auch in der Kirche längst als zu anspruchsvoll oder absurd? Es ist doch auch ein Glaube, den kaum noch ein Theologe teilt. 

Wer die Menschwerdung Gottes leugnet, ist kein katholischer Theologe, sondern höchstens ein Professor auf einer satten Pfründe. Da sollte man wenigstens so ehrlich sein, seine Brötchen woanders zu verdienen. Die Zugehörigkeit zur Kirche kraft Taufe und Glauben ist etwas anderes als Nutznießer im kirchlichen Establishment zu sein. Der Riss geht nicht zwischen Konservativen und Liberalen, was immer diese eher politisch-weltanschaulichen Ausdrücke bedeuten mögen. Die Theologie empfängt ihren Gegenstand vom geoffenbarten Glauben und der Lehre der Kirche. Die Theologie als Wissenschaft richtet sich in ihrer Methode nach ihrem Gegenstand. Ungläubige Theologie unterscheidet sich von gläubiger Theologie wie das hölzerne vom glühenden Eisen.

Wie schauen Sie denn in diesem Jahr vor dem Advent in Ihre Zukunft und in die Zukunft der römisch-katholischen Kirche?

In die Zukunft kann ich nicht schauen. Aber sie ist der nach vorne offene Raum der Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt. Die Kirche hat bestimmt in Deutschland keine große Zukunft, wenn sie wie eine politische Partei agiert und agitiert. Dagegen gilt: Seid stark im Glauben!

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Demut und Anmut: Zum Abschied von Benedikt am 28. Februar 2013

 

Am heutigen Tag vor fünf Jahren verabschiedete sich Papst Benedikt XVI. – EWTN-Romkorrespondent Paul Badde schrieb dazu diesen Abschied unter der Überschrift „Demut und Anmut„.

Rom, 28. Februar 2013, 18.00 Uhr

Der Verzicht Papst Benedikt XVI. auf sein Amt ist ein einmaliges Ereignis, doch ganz ohne Beispiel ist er nicht. Er zieht sich nicht gescheitert, sondern so souverän zurück wie Karl V., der kein Papst, sondern Kaiser war, aber eine der größten Herrschergestalten des Abendlands, als er am 25. Oktober 1555 die Krone ablegte, um sich nach Spanien in ein Kloster zurückzuziehen.

Es war eine der ergreifendsten Szenen der Geschichte Europas. 1530 war Karl V. vom Papst zum letzten römisch-deutschen Kaiser gekrönt worden. Sein Reich, in dem die Sonne nie unterging, erstreckte sich über mehrere Erdteile. In seiner Regierungszeit war es zur Spaltung der Christenheit in Europa gekommen. Auch die Eroberung Mexikos und des Inkareiches, der „Sacco di Roma“ und die Abwehr der Türken fielen unter seine Regentschaft. Nun übergab er in seinem Brüsseler Hof gichtgebeugt, in schwarzem Samt, in Trauerkleidung wie zu seiner eigenen Beerdigung, gestützt auf Wilhelm von Oranien, die Herrschaft an seinen Sohn Philipp. Sein Rückblick zum Abschied muss deshalb hier kurz im Wortlaut zitiert werden.

„Vor vierzig Jahren wurde ich König von Spanien, dann selbst Kaiser – nicht um über noch mehr Reiche zu gebieten, sondern um für das Wohl Deutschlands und der anderen Reiche zu sorgen, der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten und zu schaffen und ihre Kräfte gegen die Türken zu wenden. Große Hoffnungen hatte ich. Nur wenige haben sich erfüllt, und nur wenige bleiben mir. Das hat mich schließlich müde und krank gemacht. Ich habe alle Wirrnisse nach Menschenmöglichkeit bis heute ertragen, damit niemand sagen könnte, ich sei fahnenflüchtig geworden. Aber jetzt wäre es unverantwortlich, die Niederlegung noch länger hinauszuzögern. Meine Kräfte reichen einfach nicht mehr hin. Ich weiß, dass ich viele Fehler begangen habe, große Fehler, erst wegen meiner Jugend, dann wegen des menschlichen Irrens und wegen meiner Leidenschaften, schließlich aus Müdigkeit. Aber bewusst habe ich niemandem Unrecht getan, wer es auch sei. Sollte dennoch Unrecht entstanden sein, geschah es ohne mein Wissen und nur aus Unvermögen: Ich bedaure es öffentlich und bitte jeden, den ich gekränkt haben könnte, um sein Verzeihen.“

Mönch wurde Karl V. danach zwar nicht, doch er zog sich tatsächlich in das Kloster San Jerónimo de Yuste in einen Winkel Spaniens zurück, um sich die letzten drei Jahre seines Lebens von seinem Lager aus in die blutunterlaufenen Augen des verhöhnten Hauptes Christi zu versenken, in das Antlitz des gepeinigten Königs der Könige, vor dem der vormals mächtigste Herrscher Europas am 21. September 1558 schließlich für immer seine Augen schloss. Ecce homo!

Die Parallele sprang in die Augen, als Benedikt XVI. vor zwei Wochen in seiner pelzbesetzten roten Mozetta und der päpstlichen Feststola in seinem Palast vor die anwesenden Kardinäle trat. Er war der erste Papst des neuen Jahrtausends. Auch in seinem „Reich“ ging die Sonne nicht unter, das dennoch nicht ganz von dieser Welt ist. Größer war die römisch-katholische Kirche noch nie. Neue und unerhörte Herausforderungen hatten auf den Pontifex Maximus gewartet. Er war ein oberster Brückenbauer zwischen auseinanderdriftenden Universen, die Benedikt XVI. fest im Blick hatte, als er auf Lateinisch folgende Erklärung vorlas: „Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben. Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen. Im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten. Ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler.“ Nun breche er auf zum Berg des Gebets, zu dem er sich von Gott gerufen fühle.

Seine Biografie scheint überwölbt von einem Kosmos voller Zeichen. Selbst das Wetter spielte da mit, vom Regenbogen über Auschwitz, als er in Birkenau als Papst aus Deutschland das Wort ergriff, bis zum Blitz in die Peterskuppel am Abend seines Rücktritts. Er wurde geboren an einem Karsamstag, zwischen Karfreitag und Ostern. Es war am 16. April aber auch das Patrozinium der kleinen Bernadette Soubirous, der Seherin von Lourdes. Die Madonna von Lourdes hingegen ist die Patronin des 11. Februar, an dem Benedikt XVI. nun seinen Rücktritt erklärte. Am 28. Februar 1982 hatte er sich in München als Erzbischof von München und Freising verabschiedet; einunddreißig Jahre später verabschiedete er sich nun im Vatikan am 28. Februar 2013 als Bischof von Rom und Papst der Weltkirche. Ein Timing nach himmlischer Regie scheint sein Leben zu regieren, in dem der große Konservative sein letztes Amt dennoch wohl nüchterner und moderner betrachtete als viele seiner Vorgänger.

Dass er in seiner Nachfolge des Apostels Petrus den Felsen verkörperte, auf dem Jesus von Nazareth nach katholischem Verständnis die Kirche gegründet hat, mochte er nie bezweifeln. Als Theologe wusste er aber auch, wie schwach Petrus war. Nach dem Zeugnis der Evangelien war er der einzige Mensch, für den Jesus selbst gebetet hat. Doch Fels ist Fels. Als Benedikt XVI. gewahr wurde, dass er zerbröselte, trat er konsequent zurück, um angesichts der vielen Herausforderungen einem felsenfesten Nachfolger den Weg frei zu machen. Er flieht sein Amt nicht, er hat es bereichert. Er verlässt nicht das brennende Rom, er muss sich von Jesus am Stadtrand nicht fragen lassen: „Wohin gehst du?“ (Quo vadis?), sondern er siedelt zum Gebet in den letzten Innenraum der Kirche über. „Du aber, stärke deine Brüder!“, hieß der letzte Auftrag Jesu an Petrus. Diesem Auftrag kommt Benedikt nun im Gebet nach. Sein Martyrium ist damit noch nicht zu Ende. Doch er tritt auch vom Fenster des päpstlichen Palastes zurück, um in den kommenden Jahren dort oben nicht in Konkurrenz zu treten zu der heroischen Agonie seines Vorgängers. Zu dieser Demut gehörte Mut. Und Anmut.

Sein Vermächtnis? „Aufklärung“ ist das deutsche Wort, das darin vielleicht die größte Rolle spielt, wie im Leben Joseph Ratzingers. Der Begriff stand auch wie ein Stern über seinem Pontifikat. Eine radikale Aufklärung der katholischen Kirche über sich selbst bleibt der Nachlass im Werk des zarten Mannes, in seinen verschiedenen Ämtern. Aufklärung über die eigenen Sünden, über alle Formen des Missbrauchs, über die Abwege und Sackgassen der Theologie, über das II. Vatikanische Konzil, den rechten Verstand der Tradition, über die Verwurzelung des Christentums im Judentum, über die überlebensnotwendige Annahme der Herausforderung eines Dialogs der Christenheit mit dem Haus des Islams, eine Aufklärung über die göttliche Liturgie und über das Mysterium des Bösen. Am Schluss hat er sich mit einem Paukenschlag der Aufklärung verabschiedet. Seinem Nachfolger hinterlässt er ein Dossier von drei Kardinälen über den Zustand der Kurie, wie er es selbst bei seinem Dienstantritt nur zu gut hätte gebrauchen können. Glasnost. So transparent wie unter ihm war es im Vatikan noch nie – auch nicht, was das Profil der katholischen Weltkirche betraf.

Das hat nicht allen gefallen, am wenigsten vielen Deutschen. Von einer „Befreiung in Rom“ schrieb Bernd Ulrich nach dem Verzicht Benedikts XVI. auf sein überschweres Amt. Wer den Leitartikel las, konnte darin auch von einer Entlastung erfahren – die allerdings nicht der Papst, sondern die Deutschen durch diesen Schritt erfahren haben. Tatsächlich fällt mit dem Verzicht von dem Land der Reformation eine kulturelle Herausforderung ab, der sich – quer durch die Konfessionen – viele nie gewachsen fühlten. Als Benedikt XVI. am 19. April 2005 gewählt wurde, schien es vielen Beobachtern, als sei der letzte Weltkrieg damit endlich vorbei, den Deutschland im letzten Jahrhundert gegen die ganze Welt begonnen hatte. Beim Ende seines Pontifikats zeigt sich, dass das zerrissene Land noch immer im Krieg mit sich selber liegt. Auch darüber hat Joseph Ratzinger aufgeklärt. Diesen Prozess haben viele nicht mitgemacht. Die Nation war nicht stolz auf ihren größten Sohn in diesem Jahrhundert. Nun ist die deutsche Stunde der Weltkirche abgelaufen. Was seine alte Heimat betrifft, erinnert Benedikts Abschied an den Türhüter in Kafkas Prozess, der am Schluss das Tor mit den Worten schließt: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, dieser Eingang war nur für Dich bestimmt.“

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Zu Benedikts 90. Geburtstag: Ein Strauß guter Worte aus seinem eigenen Munde

Papa Benedetto XVI in piazza Duomo a Milano.

Von Paul Badde / Die Tagespost

„Kirchenlehrer“ nennt Erzbischof Gänswein seinen verehrten Dienstherrn im neuen Buch „Über den Wolken„. Fest steht: Benedikt XVI. ist ein homme des lettres, mehr noch, ein Mann nicht nur der Buchstaben, sondern des Fleisch gewordenen Wortes, des Logos Gottes.

Zu seinem biblischen 90. Geburtstag hat Paul Badde dem Jubilar aus den Protokollen seiner spontanen Auskünfte an Journalisten diesen kleinen Strauß höchst frischer eigener Zitate gebunden.

Von einer großen Liebe und Erkenntnis getragen zu sein, ist kein schweres Gepäck, sondern es sind Flügel und es ist schön, ein Christ zu sein. 

Es gibt einen Kirchenvater, der einmal das Sonderbare sah, dass die Kirche im Lauf der Jahre nicht älter, sondern immer jünger wird, weil sie immer mehr dem Herrn entgegengeht, das heißt immer mehr der Quelle entgegen, von der Jungsein,  Neuheit, Erfrischung, die frische Kraft des Lebens kommt.

Wenn ich an meine Jugend denke, dann war dies eine völlig von der heutigen verschiedene Welt. Manchmal denke ich, ich lebe auf einem anderen Planeten, wenn ich die Welt heute mit der vergleiche, die bestand, als ich ein Bub war.

Dass wir in diesem Kontinent leben, der das Weltgeschick bestimmt hat – im Guten und im Bösen – gibt uns den bleibenden Auftrag, wieder das Wahre, das Reine und das Große und Zukunft Gebende zu entdecken und damit weiterhin und auf eine neue und wohl bessere Weise im Dienst der ganzen Menschheit zu stehen.

Wir müssen nicht irgendeinen Gott wiederentdecken, sondern den Gott mit einem menschlichen Antlitz.  Wenn wir Jesus Christus sehen, sehen wir Gott.

Wenn ich Karol Wojtyla  beten gesehen habe, dann habe ich gesehen – und nicht nur verstanden –, dass er ein Mann Gottes war.  Er war grundsätzlich ein Mann, der nicht nur mit Gott, sondern auch in Gott lebte.

Dass es zahlreiche Punkte gibt, wozu der christliche Glaube Nein sagen muss, ist wahr.

Es ist nicht eine katholische Erfindung ist, dass Mann und Frau füreinander geschaffen sind, damit die Menschheit weiterlebt – das wissen eigentlich alle Kulturen.

Was die Abtreibung angeht, gehört sie nicht ins sechste, sondern ins fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten!“

Entstanden ist das Christentum im vorderen Orient. Und lange Zeit hat es dort auch seinen Schwerpunkt gehabt und sich viel weiter nach Asien ausgedehnt, als uns heute nach der Veränderung durch den Islam bewusst ist. Allerdings hat es dann eben dadurch seine Achse erheblich nach dem Westen und nach Europa verschoben. Europa hat dann das Christentum in seiner großen, auch intellektuellen und kulturellen Gestalt weiter ausgebildet. Aber es ist wichtig, an die Christen im Orient zu erinnern, denn im Moment besteht die große Gefahr, dass gerade diese Ursprungsorte des Christentums leer werden von Christen. Dazu treten heute die anderen Kontinente mit gleichem Gewicht in das Konzert der Weltgeschichte ein. Insofern wird die Kirche vielstimmiger und das ist auch gut so, dass die eigenen Temperamente, die eigenen Begabungen Afrikas, Asiens und Amerikas, besonders auch Lateinamerikas, erscheinen können.

Es gibt diesen großen Kampf der Kirche für das Leben. Papst Johannes Paul II. hat ihn zu einem grundlegenden Punkt seines ganzen Pontifikats gemacht. Wir setzen  diese Botschaft fort, dass das Leben ein Geschenk und keine Bedrohung ist.

Das Leben ist schön, es ist nichts Zweifelhaftes, sondern ein Geschenk und das Leben bleibt auch unter schwierigen Bedingungen immer ein Geschenk.

Ich bin überzeugt, dass sich in Brasilien zumindest zum Teil – und zwar zum grundlegenden Teil – die Zukunft der katholischen Kirche entscheidet. Das war für mich immer klar.

In allen Teilen der Welt gibt es überaus viele, die nicht auf das hören wollen, was die Kirche sagt. Wir hoffen, dass es wenigstens an ihr Ohr gelangt; dann können sie auch anderer Meinung sein; aber es ist wichtig, dass sie es zumindest vernehmen, damit sie antworten können. Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch unserem Herrn nicht gelungen ist, dass ihm alle zugehört haben.

Es ist wichtiger, gute Priester zu haben als viele Priester.

Ich würde nicht wirklich von einem Verfall der Religion in Europa sprechen. Sicher befindet sie sich hier in einer Krise, ebenso wie in Amerika und Australien. Doch jetzt, in diesem historischen Augenblick, beginnen wir zu verstehen, dass wir Gott brauchen. Wir können viele Dinge tun, aber wir können unser Klima nicht erschaffen. Wir denken nur, wir könnten es tun, aber wir können es nicht. Wir benötigen das Geschenk der Erde, das Geschenk des Wassers, wir bedürfen des Schöpfers. Der Schöpfer erscheint in seiner Schöpfung wieder und deshalb können wir ohne ihn nicht wirklich glücklich sein, ohne ihn können wir nicht wirklich Gerechtigkeit für die ganze Welt suchen, wir können nicht ohne ein Kriterium leben, an dem wir unsere Ideen messen. Und auch nicht ohne einen Gott leben, der gerecht ist und der uns Licht und Leben schenkt.

Es wird sich zeigen, dass wir immer wieder eine Rückkehr zum Glauben erleben werden, weil der christliche Glaube einfach wahr ist und weil die Wahrheit immer in der Welt des Menschen gegenwärtig sein wird, denn Gott wird immer Wahrheit sein und bleiben. In diesem Sinne bin ich entschieden optimistisch.

Es gibt Dinge, die einfach immer schlecht sind, und Pädophilie ist immer ein Übel.

Jeden Tag haben die Konzilsväter die heilige Messe nach dem alten Ritus gefeiert. Sie waren aber gleichzeitig der Auffassung, dass eine natürliche Entwicklung der Liturgie in diesem Jahrhundert nach erneuerten Kriterien notwendig ist. Die Liturgie ist eine lebendige Realität und bewahrt ihre Identität auch dann, wenn sie sich weiterentwickelt.

Der Festtag der heiligen Bernadette ist auch mein Geburtstag. Dies genügt schon als Beweggrund, dass ich mich der kleinen Heiligen, diesem jungen, reinen, demütigen, kleinen Mädchen, mit der die Muttergottes gesprochen hat, sehr eng verbunden fühle.

Der Auftrag des Herrn an den Nachfolger Petri lautet, die „Brüder im Glauben zu stärken“: das zu tun versuche ich.

Die Kirche ist katholisch, das heißt universal, offen für alle Kulturen, für alle Kontinente; sie ist in allen politischen Systemen präsent und so ist die Solidarität ein inneres Prinzip, das grundlegend ist für den Katholizismus.

Natürlich ist die Erbsünde auch in der Kirche da.

Das Problem des Atheismus stellt sich in Afrika fast gar nicht, weil die Wirklichkeit Gottes in den Herzen der Afrikaner so präsent, so real ist, dass nicht an Gott zu glauben, ohne Gott zu leben, nicht als Versuchung auftritt.

Ich denke, dass die wirksamste, am meisten präsente Realität im Kampf gegen Aids gerade die katholische Kirche mit ihren Bewegungen und verschiedenen Strukturen ist.

Als Gläubige sind wir überzeugt, dass das Gebet eine echte Kraft ist: Es öffnet die Welt für Gott. Wir sind überzeugt, dass Gott uns hört und dass er in der Geschichte handeln kann. Ich denke, wenn Millionen Gläubige beten, ist es wirklich eine Kraft, die Einfluss hat und dazu beitragen kann, dass es im Frieden Fortschritte gibt.

Die Pilgerfahrt ist ein wesentliches Element vieler Religionen, auch des Islams, der jüdischen Religion und des Christentums. Sie ist auch ein Bild für unser Leben, das ein Vorwärtsgehen ist, auf Gott hin und so auch auf die Gemeinschaft der Menschheit zu.

Ich würde gemeinsame Tage des Gebets für den Frieden im Nahen Osten vorschlagen, für die Christen und die Muslime gemeinsam, um Möglichkeiten des Dialogs und von Lösungen vorzugeben.

Aus dem Schiffbruch des Paulus ist für Malta das Glück hervorgegangen, den Glauben zu haben; so dürfen auch wir denken, dass die Schiffbrüche des Lebens Gottes Projekt für uns Wirklichkeit werden lassen können und auch nützlich sein können für neue Anfänge in unserem Leben.

Unter dem Neuen, das wir heute in der Botschaft von Fatima entdecken können, ist auch die Tatsache, dass die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.

Ich würde sagen, dass eine Kirche, die vor allem versucht, attraktiv zu sein, schon auf dem falschen Weg ist. Denn die Kirche arbeitet nicht für sich, sie arbeitet nicht dafür, ihre Mitgliedszahlen und damit die eigene Macht zu vergrößern. Die Kirche steht im Dienst eines Anderen, sie dient nicht sich selbst, um stark zu sein, sondern sie dient dazu, die Verkündigung Jesu Christi zugänglich zu machen, die großen Wahrheiten, die großen Kräfte der Liebe, der Versöhnung, die in dieser Gestalt sichtbar geworden sind und die immer von der Gegenwart Jesu ausgehen. In dieser Hinsicht sucht die Kirche nicht die eigene Attraktivität, sondern sie muss für Jesus Christus transparent sein.

Die Pilgerfahrt vereint: Gemeinsam gehen wir auf das Andere zu und so finden wir uns gegenseitig. Die Jakobswege sind ein Element für die Bildung der geistigen Einheit des europäischen Kontinents gewesen.

Der christliche Glaube findet seine Identität nur in der Öffnung zur Vernunft und die Vernunft wird nur sie selbst, wenn sie sich auf den Glauben hin übersteigt. Aber genauso wichtig ist die Beziehung zwischen Glauben und Kunst, weil die Wahrheit, das Ziel der Vernunft, sich in der Schönheit ausdrückt und in der Schönheit sie selbst wird und als Wahrheit erweist. Die Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit ist unauflöslich.

Die Weltjugendtage sind Lichtkaskaden; sie verleihen dem Glauben Sichtbarkeit, sie verschaffen der Gegenwart Gottes in der Welt Sichtbarkeit und verleihen den Mut dazu, Gläubige zu sein.

Man kann alle möglichen Verhaltensweisen, Verfügungen und Aktivitäten einem anderen mit Gewalt aufzwingen, aber nicht die Wahrheit! Die Wahrheit öffnet sich nur gegen die Freiheit hin, in freier Übereinstimmung, und deshalb sind Wahrheit und Freiheit sehr eng miteinander verbunden, die eine ist die Bedingung für die andere.

Die Suche nach der Wahrheit und nach der Würde des Menschen ist die größte Verteidigung der Freiheit.

Die Saat Gottes geht immer schweigsam auf und erscheint nicht sofort in den Statistiken.

Hölderlin hat gesagt: Am meisten vermag doch die Geburt. Und das spüre ich natürlich auch. Ich bin in Deutschland geboren und die Wurzel kann nicht abgeschnitten werden. Ich habe meine kulturelle Formung in Deutschland empfangen. Meine Sprache ist deutsch und die Sprache ist die Weise, in der der Geist lebt und wirksam wird.

Aber bei einem Christen kommt etwas anderes dazu. Er wird in der Taufe neugeboren, in ein neues Volk aus allen Völkern und Kulturen hinein, in dem er nun wirklich ganz zu Hause ist, ohne seine natürliche Herkunft zu verlieren.

Es wäre wichtig zu erkennen, dass in der Kirche zu sein nicht bedeutet, irgendeinem Verein anzugehören, sondern im Netz des Herrn zu sein, in dem er gute und schlechte Fische aus den Wassern des Todes ans Land des Lebens zieht. Es kann sein, dass in diesem Netz ausgerechnet ich neben schlechten Fischen bin und dass ich das spüre, doch bleibt wahr, dass ich da nicht wegen diesem oder jenem bin, sondern weil es das Netz des Herrn ist. Es ist etwas anderes als alle menschlichen Vereine, eine Wirklichkeit, die den innersten Grund meines Seins berührt.

Das Buch „Über den Wolken mit Papst Benedikt XVI.“ ist hier online erhältlich. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der „Tagespost“.

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„Zahl der Widersprüche ist beschränkt“: Was der FSSPX noch zur Versöhnung mit Rom fehlt

Interview mit Pater Franz Schmidberger,
Regens des Priesterseminars der Piusbruderschaft

Nach der Beichte jüngst auch die Eheschließung: Mittlerweile können katholische Paare in Gottesdiensten der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) gültig heiraten. Stimmen also Spekulationen in den Medien, dass die Piusbruderschaft schon bald in den Rang einer Personalprälatur erhoben wird? Was steht aus Sicht der Piusbrüder noch einer Versöhnung im Weg? Und: Was ist dran an dem Gerücht, dass Papst Franziskus in Fatima eine solche bekanntgeben will? Antworten von Pater Franz Schmidberger, Regens des Priesterseminars „Herz Jesu“ und ehemaliger Distriktoberer der Bruderschaft in Deutschland und Österreich.

PAUL BADDE: Herr Pater Schmidberger, in das Priesterseminar der Erzdiözese von München und Freising ist zuletzt, wie ich gehört habe, ein einziger Priesternachwuchskandidat eingetreten. – Wie sieht die Situation bei Ihnen  im Priesterseminar „Herz Jesu“ von der Priesterbruderschaft Pius X. aus?

SCHMIDBERGER: Unser Seminar zählt im Augenblick 31 Seminaristen, von denen einer ein Pastoraljahr in einem Priorat in den USA verbringt. Die gute Hälfte von ihnen stammt aus dem deutschen Sprachraum, die andere Hälfte vor allem aus den Ländern des Ostens: Polen, Tschechien, Litauen, Russland und Ungarn. Im Herbst 2016 hatten wir 9 Eintritte, darunter vier Deutsche. Deshalb planen wir einen Erweiterungsbau. Natürlich gibt es auch immer den einen oder anderen Abgang, wie man dies bei einem lebendigen Organismus nicht anders erwarten kann. Schließlich geht es ja bei der Erneuerung der Kirche nicht um Quantitäten, sondern um die Heranbildung eines gut geschulten, frommen und seeleneifrigen Klerus. Und in diesem Sinn werden unsere jungen Leute, einmal zum Priester geweiht, unsere Stellungen im deutschen Sprachraum und in den Ländern des Ostens wesentlich stärken und festigen. Die Ausbildung in unserem Seminar könnte auch beispielhaft für andere Seminare sein. Um sich davon zu überzeugen, brauchen Sie nur unseren Seminarfilm anzuschauen.

BADDE: Wie erklären Sie diesen Unterschied und was bedeutet er für die Zukunft der Kirche in Deutschland?

SCHMIDBERGER: Die „Konzilskirche“ in Deutschland ist ein auslaufendes Modell. Von geistiger Konkursverwaltung zu sprechen ist nicht übertrieben. Man kann darum jedem jungen Mann, der zum Priestertum berufen ist, sagen: „Lass die Toten die Toten begraben; du aber, verkünde das Evangelium und arbeite für das Leben in den Seelen und für die Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern.“

BADDE: Es ist immer wieder zu hören, dass eine vollständige Aussöhnung der Bruderschaft mit Rom kurz bevor stehe. Es würden nur noch letzte Unterschriften fehlen, sonst sei alles wohl vorbereitet. Was können Sie uns als sicher mitteilen?

SCHMIDBERGER: Was die zukünftige Struktur der Priesterbruderschaft St. Pius X. bei einer Anerkennung von Rom anbetrifft, so ist diese im Wesentlichen tatsächlich ausgearbeitet. Man wird aber noch über eine lehrmäßige Erklärung sprechen müssen, insbesondere bezüglich des II. Vatikanischen Konzils. Das Datum für eine endgültige Regelung liegt selbstverständlich in erster Linie bei der göttlichen  Vorsehung, die alles lenkt und leitet. Es braucht eben viel Geduld, aber auch den festen Willen, mit Energie auf dieses Ziel hinzuarbeiten zum Wohle der ganzen Kirche.

BADDE: Als wir das letzte Mal – im Februar 2012 – miteinander sprachen, ließen Sie durchblicken, dass „die Zeit für Sie arbeite“ , trotz Ihres Zögerns vor Benedikt XVI, der Ihnen bis dahin so weit entgegen gekommen war wie noch kein Papst zuvor. Ein Jahr nach unserem Gespräch trat Benedikt als Papst zurück, den Sie mit Ihrem Erzbischof Williamson in die bis dahin schwerste Krise seines Pontifikats gestürzt hatten.  Wie haben Sie damals auf die Nachricht des Rücktritts reagiert und was hat er in der Priesterbruderschaft bewirkt?

SCHMIDBERGER: Wir alle haben unter den inakzeptablen Äußerungen von Bischof Williamson gelitten. Natürlich sahen wir sehr wohl, wie die Feinde der Kirche diese benützt haben, um auf den Papst einzuschlagen, wie er dies ja auch selber in seinem Brief an die Bischöfe gesagt hat. Wir haben seinen Rücktritt bedauert, umso mehr, als er mit Summorum Pontificum der Kirche einen großen Dienst erwiesen und dann auch mit der Rücknahme des Exkommunikationsdekrets 2009 einen weiteren Schritt auf eine Normalisierung hin getan hat.

BADDE: Dennoch scheint die Zeit Ihrer Einschätzung von damals Recht zu geben – zumindest was die Annäherung der Bruderschaft mit Rom betrifft und umgekehrt. Was hat Papst Franziskus, das Papst Benedikt nicht hatte?

SCHMIDBERGER: Nicht die Zeit gibt uns Recht, sondern die Gnade Gottes in ihrem Wirken in der Zeit, die jene nicht verlässt, welche glauben, lehren und beten, wie die Kirche immer geglaubt, gelehrt und gebetet hat. Lesen Sie das demnächst erscheinende Buch von Prälat Georg May mit dem Titel „300 Jahre gläubige und ungläubige Theologie“; dann werden Sie die richtige Einschätzung bezüglich der heutigen Lage gewinnen.

Papst Franziskus hat zu unserer eigenen Überraschung uns gegenüber ein ausgesprochenes Wohlwollen. Andererseits hat er mit seiner Geringschätzung der Lehre in der Kirche viel Verwirrung gestiftet, aber wiederum auch der Konzilsideologie ein Ende bereitet. Und genau hier liegt die Möglichkeit zu einer Verständigung. Da der Papst an die Ränder geht, ist es logisch, wenn er jene nicht vergisst, die als treue Söhne der Kirche jahrelang marginalisiert worden sind.

BADDE: Gleichwohl tragen die wichtigsten Dokumente der Annäherung heute die Unterschrift Kardinal Müllers, der als Erzbischof von Regensburg Ihr schärfster Opponent in Deutschland war. In allem Streit scheint er die Konstante Ihrer Debatten geblieben zu sein. Wie deuten Sie dieses Paradox?

SCHMIDBERGER: Es ist vor allem der Papst und auch der Sekretär der Kommission Ecclesia Dei, Erzbischof Pozzo, die in einer echten Hirtensorge sich unsrer annehmen und einen jetzt schon 40 Jahre lange dauernden Konflikt beenden wollen. Wenn Kardinal Müller dieses Bemühen mitträgt, dann können wir uns darüber nur freuen. Vielleicht sind dem Kardinal auch in Rom die Augen für die Katastrophe in der Kirche aufgegangen und sucht er nach Verbündeten im Kampf gegen die Zerstörer.

BADDE: Vor sechs Jahren zitierten Sie vor mir  die Ansprache von Papst Benedikt an die Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 24. September 2011, wo er sagte: „Die eigentliche Krise der Kirche in der katholischen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, werden alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben.“ Und Sie kritisierten, dass durch das Konzil eben nicht der Geist der Kirche die Welt durchdrungen habe, sondern umgekehrt sei  der Geist der Welt in die Kirche eingedrungen. Scheint der Prozess eines derart verstandenen  „aggiornamento“ aber nicht gerade unter Papst Franziskus an sein Ziel zu kommen, der Ihnen nun die Türen in Rom weiter öffnet als jeder seiner Vorgänger? Erklären Sie uns bitte diesen Widerspruch.

SCHMIDBERGER: Wiederholen wir: Die Verwirrung in der Kirche ist groß, vielleicht größer als je zuvor in ihrer ganzen Geschichte. Wir erleben einen wahren Zusammenbruch in der Theologie, der Moral, der Disziplin, der Liturgie und der Spiritualität. Man darf  ohne Übertreibung vom großen Glaubensabfall sprechen. Schlechte Ratgeber bieten dabei verderbliche Falschlösungen an, wie z.B. die Weihe von viri probati oder auch das Frauendiakonat. Gewiss darf man das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche nicht übersehen, der sich menschlicher Werkzeuge bedient und vielleicht unsere Bruderschaft als die größte geschlossene religiöse Gruppe benützen will, die eben aus einem Guss heraus auf diesen Zusammenbruch antworten will und in einem bescheidenen Rahmen antworten kann. Jedenfalls haben wir ein Gesamtkonzept für eine wahre Neuevangelisierung.

BADDE: Ohne vorbehaltlose Anerkennung der Konzilsdekrete wird die Bruderschaft des heiligen Pius X in der „una sancta catholica ecclesia“ keine Heimat finden, erst recht nicht, nachdem inzwischen auch die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. heilig und selig gesprochen worden sind, woran die Bruderschaft mit vernünftigen Argumenten des Glaubens nicht mehr rütteln kann.  Bisher – so hatte es den Anschein – forderten Sie  immer die Umkehr Roms. Ist inzwischen aber nicht auch die Bruderschaft umgekehrt und was können Sie uns dazu sagen?

Erzbischof Lefebvre hat im Konzil immer drei Teile unterschieden: Einen Löwenanteil, der mit der bisherigen Lehre der Kirche vollkommen übereinstimmt, einen zweiten Teil an Zweideutigkeiten, die dringend eines klärenden Wortes bedürfen, und schließlich eine verhältnismäßig beschränkte Zahl von Widersprüchen, die so nicht stehenbleiben dürfen, wie z.B. gewisse Aussagen im Dekret über den Ökumenismus oder in der Erklärung über die Religionsfreiheit. Natürlich ergibt sich hier ein Fragezeichen bezüglich der Kanonisation der zwei Konzilspäpste und auch Johannes Paul II. mit dem Skandal der Assisi-Treffen und daraus folgend der Diktatur des Relativismus. In diese Frage Licht zu bringen wird dann unter anderem die theologische Arbeit sein, die nach einer kirchenrechtlichen Anerkennung der Bruderschaft auf uns alle wartet.

BADDE: Nun verdichten sich die Gerüchte, dass Papst Franziskus die Priesterbruderschaft anlässlich seiner Reise nach Fatima wieder ganz in den Schoß der Mutter Kirche heimholen und die praktische Trennung beenden will. Was halten Sie von diesen Gerüchten?

SCHMIDBERGER: Wahrscheinlich ist hier eher der Wunsch der Vater des Gedankens oder des Gerüchtes.

BADDE: Fürchten Sie in dem Fall aber nicht eine enorme Zerreißprobe und mögliche Spaltung der Bruderschaft, weil ein nicht geringer Teil von Ihnen diesen Schritt womöglich nicht mehr mitmachen will – nach all den Jahren ihrer leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit Rom?

SCHMIDBERGER: Bei einer Regularisierung unserer Beziehung zu Rom würde uns vielleicht der eine oder andere Mitbruder verlassen; viele werden es aber bestimmt nicht sein. Bei der Bischofskonsekration 1988 waren es 17. Jedenfalls sehe ich nicht die Gefahr einer Spaltung.

ZAITZKOFEN , 17 April, 2017 / 9:29 AM (CNA Deutsch).-

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„Worte verwehen, Bilder bleiben“: Omnis Terra – ein neues Fest für das heilige Schweißtuch

manopello

Monsignore Americo Ciani in Manoppello. Foto: CNA/Paul Badde

Nach über 300 Jahren ist am 15. Januar in Manoppello erstmals ein neues Fest eingeführt worden und eine neue Prozession – und ein  Segen mit dem Heiligen Schweißtuch. Pikant: Für die Zelebration war ein prominenter Kanoniker aus Sankt Peter in Rom nach Manoppello gekommen.

Der Himmel hatte ein Fenster geöffnet für dieses  neue Fest,  zumindest die Wolken – und Petrus und der Erzengel Michael – anders lässt es sich kaum sagen. Tage lang hatte es geschneit in den Abruzzen. Beim Heiligtum des Heiligen Gesichts lag der Schnee am letzten Mittwoch noch einen halben Meter hoch. Dann kam Wind auf und trocknete  den Schnee weg. Am Freitag erschien ein Regenbogen über der Basilika.  Am Samstag leuchtete der Ort im klarsten Winterlicht. Am Sonntag schließlich kamen die Wolken zurück, doch das Klima war perfekt, als Pater Paolo das Reliquar nach dem feierlichen Hochamt aus seinem Schrein über dem Tabernakel herab trug und auf dem Altar absetzte für eine völlig neue Liturgie der Verehrung, wie sie der heilige Schleier hier noch nie erlebt hatte.

Aus Palermo war der alte Jesuitenpater Pfeiffer durch den Winter herbei geeilt, der den hauchfeinen Bildschleier in diesem abgelegenen Kirchlein vor Jahrzehnten mit dem legendären Schleier der Veronika aus der alten Petersbasilika identifiziert hat. Natürlich war Schwester Blandina Schlömer zugegen, die ihn darauf gebracht hatte. Aus Rom war Don Americo Ciani nach Manoppello gekommen, um der Feier vorzustehen. Der Kanoniker des Petersdoms  ist mit dem Reliquar aus dem Vatikan  bestens vertraut, das dort seit der Regierungszeit Papst Urban VIII (1623 – 1644) dieses Original ersetzt – freilich ohne dass dies jemals vom Erzpriester des Petersdoms oder einem seiner Kanoniker offiziell eingeräumt worden wäre.

Eigentlich ein Konflikt der Ansprüche, könnte man meinen. An diesem Tag löste er sich in Wohlgefallen an dem Antlitz Gottes auf. Würdiger hätte der Schleier auch im Petersdom nicht verehrt werden können. Weihrauch, Kerzen, ein wundervoller Chor unter dem Maestro Nicola Costantini, für eine neue Liturgie des großen Segens; es fehlte an nichts.

Das neue Fest ist eine Schöpfung des Kapuzinerpaters Carmine Cucinelli, des Rektors der Basilika, der Monsignor Ciani nun am 15. Januar einen Zugang zu dem Sanctum Sudarium bereitete, von dem selbst Papst Benedikt XVI bei seinem Besuch hier am 1. Septembers 2006 nur hätte träumen können.

Pater Carmine hatte entschieden, am Sonntag „Omnis Terra“, dem zweiten Sonntag nach dm Fest der Epiphanie,  in Manoppello an die erste Prozession Papst Innozenz III. im Jahr 1208 wieder anzuknüpfen – und an die erste feierliche Erinnerung dieser Prozession  im letzten „Jahr der Barmherzigkeit“, als er mit Manoppelleser Bürgern und den Erzbischöfen Gänswein und Farhat in den Basiliken von Sankt Peter und Santo Spirito in Sassia am 16. und 17. Januar 2016 denselben  Sonntag erstmals wieder zum Lob des menschlichen Gesichtes Gottes feierte, das sich seit 2000 Jahren auf geheimnisvolle Weise in diesem Sanctum Sudarium findet, das im 1. Jahrtausend in Byzanz als „Mandylion“ verehrt wurde.

Ein Anlass kam noch dazu. Zur bislang letzten Änderung des Festkalenders von Manoppello kam es, als Bürger  des Städtchens Anfang des 18. Jahrhunderts die Kapuziner nach einer Serie von Erdbeben baten, zu dem ersten Fest des Antlitzes am Tag der Verklärung Christi am 6. August (mit einer kleinen Prozession)  noch ein zweites Fest mit einer längeren Prozession einzuführen.

So geschah es erstmals im Jahr 1712 – vor über dreihundert Jahren – als der dritte Sonntag im Mai als zweiter Festtag eingeführt wurde, der für lange Zeit an zwei Tagen im Mai die meiste Aufmerksamkeit auf die verborgene Reliquie lenkte, die den Rest des Jahres weggeschlossen war. Nun hat die letzte Serie von Erdbeben in Italien – und die Sorge vor noch größeren Naturkatastrophen – den Rektor bewogen, dieses dritte Fest einzuführen.

Monsignor Americo Ciano (* 1935) aus Bellegra im Latium war 14  Jahre lang Sekretär der Apostolischen Bibliothek des Vatikans, 14 Jahre lang Professor für katechetische Unterweisung an der Lateran-Universität und der Urbaniana – und elf Jahre lang Richter des „Apostolischen Tribunals“ der „Rota Romana“. Weltweit am  bekanntesten wurde er allerdings, als er vor zwei Jahren Willy Herteleer, einen auf der Straße gestorbenen flämischen Vagabunden,  mit allen Ehren auf dem ehrwürdigen Campo Santo Teutonico zwischen Fürsten und Dichtern beerdigte.

Pater Carmine stellte ihn nun als den „Sakristan der Veronika des Vatikans“ vor,  der dort mit dem kostbaren Reliquiar Papst Urban VIII. schon sehr oft die Gläubigen von Sankt Peter am Passionssonntag gesegnet hat, der nun erstmals die unverhüllt wahre Ikone, quasi als „nacktes Gesicht“, zu den Gläubigen trug und auf den Vorplatz der Basilika, wo er die Stadt und das Land  und alle Städte  von Jerusalem bis Rom mit dem Gesicht Christi segnete.

Ein Gebet Pater Carmines für alle Opfer der Erdbeben hatte die Prozession eingeleitet und eine neue Litanei des Heiligen Gesichts der deutschen Schwester Petra-Maria Steiner. Zuvor hatte  Mons. Ciani In seiner Predigt wie selbstverständlich von dem Sanctum Sudarium und dem Mandylion gesprochen und räumte nachher in einem Interview freimütig ein, dass der heilige Schleier im Sacco di Roma 1527 aus dem Petersdom verschwunden sei – ein höchst eifersüchtig gehütetes Geheimnis. „Worte verwehen, Bilder bleiben“ hieß es lakonisch in seiner Predigt.

Am Abend des selben Tages war Manoppello wieder unter Schnee begraben, in der Nacht wurde die Autobahn nach Rom gesperrt. Am Montag fiel der Strom und die Heizung in dem Konvent der Basilika aus. Pater Pfeiffer konnte bislang nicht nach Palermo zurück kehren. Geblieben ist das bisher intimste Fest des heiligen Schweißtuchs, das von nun an Jahr für Jahr neue  Fotos und Filmaufnahmen des wertvollsten Bildes der Welt generieren wird, mit dem die Erde bis an ihre Enden (omnis terra) am Sonntag wieder erstmals seit Jahrhunderten gesegnet wurde.

Hört der Streit um das nicht von Menschenhand geschaffene „Bild“ vom Antlitz Christi damit nun auf? Das wohl eher nicht. Es hat erwiesener Maßen keinerlei Farbspuren. Dennoch ist erst vor Monaten in Deutschland ein fußnotenstarker professoraler Wälzer erschienen, in denen wieder einmal nachgewiesen werden soll, dass es sich bei dem „volto santo“ um eine „mittelalterliche Tüchlein-Malerei“ handeln soll – obwohl eine Reihe der maßgeblichen Autoren des Werkes die wahre Ikone von Manoppello niemals mit eigenen Augen gesehen haben.

Wen soll es wundern? Während diese Zeilen erstmals im Netz erscheinen, zittert die Erde wieder mit der Stärke 5.3 in Mittelitalien, dass sogar in Rom die Häuser  wackeln. „Vor dem Herrn erbebe, du Erde, / vor dem Antlitz des Gottes Jakobs,“ heißt es im Psalm 114, der jedes Jahr in der ganzen jüdischen Welt am Seder gebetet und gesungen wird, das heißt am Vorabend des Pessach-Festes vom „Vorübergang des Herrn“.

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