Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 1

Pojavnik Ivan

[DAS MYSTERIUM DES KONZILS — ERSTER TEIL]

„Die Größe eines Papstes sollte sich nicht nur nach der persönlichen Heiligkeit bemessen, sondern auch nach der umfassenden und genauen Sicht der Probleme seiner Epoche, nach der Höhe der vorgegebenen Ziele und nach der moralischen Kraft, um sie zu verfolgen.“1

„Wenn auch die Päpste des vergangenen Jahrhunderts und der Gegen­wart, da sie alle den göttlichen Geist widerspiegelten, eine allgemeine Übereinstimmung hervorbrachten, so besaß doch jeder seine persönliche Eigenart.“2

Als Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi auf Erden ist jeder Papst ein Geheimnis. Die letzten Päpste leuchteten als große Sterne am Firma­ment des Römischen Papsttums, ja am Himmel der Kirche. Sie sind vor allem deshalb groß, weil sie „der Einheit des Glaubens und der Gemein­schaft“ dienten und so die ununterbrochene Verbreitung der Wahrheit und der Liebe garantierten. Mit anderen Worten: Sie dienten dem Heils­plan Gottes für die Menschheit. Sie erstrahlten aufgrund jenes Dienstes, der den wesentlichen und radikalen Sinn der Kirche selbst ausmacht; sie waren sich bewußt, daß sie in den Stürmen innerhalb und außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft nicht ohne schwere Leiden für die Sache Gottes und die Seelen kämpfen mußten.

Die letzten Nachfolger Petri, „deren wir heute gedenken, lassen um offenkundig und trostvoll spüren, daß der von Christus, dem Messias

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1 Pius XII., Ansprache vom 11. 7. 1954, in: Discorsi e radiomessaggi di Sua SanSantità Pio XII, XVI (1954/55) 74.

2 Johannes XXIII., Ansprache vom 18. 6. 1961, in: Discorsi, messaggi, colloqui del Santo Padre Giovanni XXIII, I (1960/61) 565; vgl. Paul VI., Ansprache vom 22. 6. 1963, in: Insegnamenti di Paolo VI, I (1963) 3-4; Johannes Paul II., Ansprache vom 6. 11. 1983, in: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, VI, 2 (1983) 1000: Pius XII. und Johanne XXIII. „strahlten in hellem Licht am Firmament des Römischen Papsttums“; Johannes XXIII., Ansprache vom 9. 11. 1958, in: Discorsi I, 513: „Wir alle stehen unter dem wohltuenden Einfluß der großen Päpste des letzte Jahrhunderts“; vgl. Pius XII., Ansprache vom 13. 5. 1942, in: Discorsi IV, 70.

Die Kursivsetzungen stimmen mit denen im Original überein und wurden von den Päpsten selbst vorgenommen. Die Unterstreichungen wurden bei der Übersetzung eingefügt.

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und Erlöser, verwirklichte und der Kirche anvertraute Heilsplan Gottes sich in der Zeit von Papst zu Papst nun fortsetzt und in der Geschichte der Menschheit voranschreitet, bis er in die Ewigkeit einmündet.“3

„Man begegnet oft der Meinung, das II. Vatikanische Konzil bezeichne eine neue Epoche im Leben der Kirche. Das ist wahr, aber zugleich ist kaum zu übersehen, daß die Konzilsversammlung viel aus den Erfahrungen und Überlegungen der vorhergehenden Periode geschöpft hat, besonders aus dem gedanklichen Erbe Pius XII. In der Geschichte der Kirche sind »das Alte« und »das Neue« stets tief miteinander verflochten. Das »Neue« er­wächst aus dem »Alten«, das »Alte« findet im »Neuen« einen vollkomme­neren Ausdruck. Das traf auch für das II. Vatikanische Konzil und für das Wirken der mit der Konzilsversammlung verbundenen Päpste zu, ange­fangen von Johannes XXIII., über Paul VI. und Johannes Paul I., bis hin zum gegenwärtigen Papst.“4

Nach einem Plan der göttlichen Vorsehung sind die letzten Nachfolger Petri eng mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verbunden. In Verbin­dung mit dem Konzil zeigt sich ganz besonders ihre geistige Größe und die prophetische Rolle ihres universellen Lehramtes, mit dem sie die Kir­che und die Menschheit erleuchteten. Ihr Lehramt war auch ein entschei­dender Faktor bei der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils und in der ersten Phase seiner Verwirklichung. Die letzten Nachfolger Petri sind unsere Väter im Glauben. Den Spuren der Päpste Pius XI., Pius XII. und Johannes XXIII. folgend, will ich einige Züge ihrer Persönlich­keit, ihres Lehramtes und ihres Wirkens aufzeigen.


I. DER HEILIGE VATER PIUS XI. (1922-1939)

1. Ein Papst mit Weitblick

Papst Pius XI. beschäftigte sich nicht nur mit „der Wissenschaft aus kurzsichtigem Blick“, sondern auch und vor allem „mit der Wissenschaft aus dem Weitblick“, der fernliegende Dinge anvisiert. Er war immer auf

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3 Johannes Paul II., Ansprache vom 6. 11. 1983, 2 ,1000.

4 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio Millennio adveniente, 10. 11. 1994, Nr. 18.

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den Spuren dessen, was darüber, was jenseits und höher liegt: also vom Besonderen zum Allgemeinen, von der Wirkung zur Ursache, von den unmittelbaren Ursachen zu den entfernteren Ursachen, von den Zweit­ursachen zu den Erstursachen, zur Ursache der Ursachen.“5

„Mit der wachsamen Unbeirrbarkeit, die vom festen Blick auf den Him­mel getragen war, richtete Pius XI. – auf dem Stuhl Petri wie auf dem höchsten Gipfel der von ihm erstiegenen Alpen sitzend – sein Blick auf die verwirrte Welt der Völker. Diese waren untereinander zerstritten und hatten Gott und seinen Christus, den Friedensstifter im Himmel und auf Erden, vergessen. Und er erflehte den Völkern, gleichsam als Krönung seines Pontifikats, den Frieden Christi im Reich Christi.“6

Pius XI. war ein großer Beobachter des Erdkreises und der Menschen seiner Zeit, und dies sowohl im kleinen wie im großen Rahmen seiner Geschichte und seiner Geographie. Indem er die menschliche Kurzsichtig­keiten überschritt, war er immer auf der Suche nach Spuren der göttli­chen Vorsehung. Mit der „teleskopischen“ Glaubenssicht drang er in den „Himmel Gottes“ ein und untersuchte das übernatürliche Universum der Kirche. Mit teleskopischen Blicken drang er in die zeitgenössische Welt der Menschen ein, ja in alle Wirklichkeiten und umfaßte sie oft.

Wir weisen hier auf einige wichtige Grundlinien der Beobachtungen Pius XI. hin und zwar in der Perspektive, die sich zum Zweiten Vatika­nischen Konzil hin öffnet.

„Das Merkmal unserer Zeit – alle wissen und spüren es – ist das der Bewegung, des leidenschaftlichen und unablässigen Wirkens. Heute voll­bringt man in wenigen Tagen, wofür man früher Jahre brauchte, – und in wenigen Jahren geht man Wege, die zuvor Jahrhunderte erforderten. Die Welt eilt mit rasender Geschwindigkeit dahin, und aufgrund der Schnel­ligkeit ihres Laufes – motus in fine velocior (der Gang ist gegen Ende schneller) – könnte man sagen, daß sie auf ihr Ende zueilt. Dies ist das Geheimnis Gottes, doch es ist gewiß, daß wir in einem Lauf, der so schnell ist wie nie

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5 Pius XI., Ansprache vom 16. 12. 1923, in: Discorsi di Pio XI, I (1922-1928) 176.

6 Pius XII., Ansprache vom 11. 2. 1940, in: Discorsi I, 530; Pius XI., Casti connubii, in: E. Momigliano (Hrsg.), Tutte le Encicliche dei Sommi Pontefici, Milano 1990, I, 873: „Wir beobachten von der hohen Warte Unseres Aposto­lischen Amtes mit Vaterblick die gesamte Welt“; vgl. Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 812: Der Papst beobachtet wie von einem höchsten Beobachtungspunkt die ganze Menschheit

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zuvor, mitgerissen werden.“7

Vom Tod des heiligen Papstes Pius X. (1914) bis zum Tod des Papstes Pius XI. (1939) „verging ein Vierteljahrhundert: ein Vierteljahrhundert voller Ereignisse und Entwicklungen, für die in einem anderen Zeitalter das Werk von Jahrhunderten nicht genügt hätte.“8

Die Zeit von Pius XI. war von den großen Fortschritten der Menschheit auf materiellem Gebiet, insbesondere aber auf dem Gebiet der Naturwis­senschaften geprägt. Die sozialen Kommunikationsmittel stellten damals eine blendende Neuheit dar. Doch der schon erwähnte Fortschritt wurde nicht von einer entsprechenden geistigen und moralischen Entwicklung der Menschen und Nationen begleitet. Im Gegenteil, die vom Orkan des Ersten Weltkriegs geschlagene Menschheit setzte größtenteils mit noch eiligerem Schritt ihren Weg auf dem Abhang des Irrtums und des Lasters fort.

In der alten christlichen Welt schritt jeden Tag der Prozeß der Ent­christlichung fort. In Europa kam der übertriebene Nationalismus und Totalitarismus auf, die eine Form des Abfalls von Christus und seiner Kirche sind. Der Papst stellte fest, daß die Welt wieder heidnisch gewor­den war. Das Neuheidentum erstand aus dem Zerfall des Christentums. Es materialisierte das ganze Leben und war götzendienerischer und un­moralischer als das antike Heidentum.

Von seiner Warte aus verfolgte der Nachfolger Petri sorgfältig die un­geheure Entwicklung des ganzen Erdkreises. Das Gesicht der Erde änder­te sich: nämlich die geschichtliche und geographische Gestaltung der Menschheit in ihrer inneren und äußeren Ordnung. Dieser Prozeß bezog auch die Kirche ein, die das größte Faktum der Geschichte ist.

„Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir Zeugen eines kaltblütig genau geplanten Kampfes des Menschen gegen »alles, was Gott oder Heilig­tum heißt« (2 Thess 2,4).“9

Die Welt, die sich Gott widersetzt, steht im Gegensatz zur Heiligkeit. Sie steht unter der Herrschaft der dreifachen Begierde: sie verschließt sich in ihrer erschreckend raffinierten Hochmütigkeit sowie in der Begierlichkeit des Fleisches und der Sinnlichkeit sowie in der Gier nach den irdischen Gütern. Heute sieht man, was man in der Geschichte bisher noch nicht gesehen hat, nämlich den organisierten und systematischen Kampf vieler Menschen gegen die Religion und gegen Gott und dies in allen Völkern und in allen Teilen der Erde. Der Kampf zielt hauptsächlich ab auf die völlige Zerstörung des christlichen Glaubens und insbesondere der Katho­lischen Kirche. Der marxistische Kommunismus führt diesen Kampf im Osten und vom Osten aus in der ganzen Welt. Im Westen bekämpfen die Freimaurerei und der Liberalismus systematisch die Katholische Kirche.

Der kämpferische Atheismus, dessen Ziel die völlige Ausrottung jeder Religion ist, ist ein großes Zeichen im Gesamtdenken des 20. Jahrhun­derts. Er zeigt, daß das „Geheimnis der Gesetzwidrigkeit“ (2 Thess 2,7) mehr denn je am Werk ist. Er zeigt darüber hinaus, daß sich der Satan wie nie zuvor mit seinem höllischen und irdischen Anhang gegen den Gott­menschen erhoben hat und daher gegen Gott und gegen den Menschen (die Menschheit), um möglichst viele Seelen ins ewige Verderben zu stür­zen.

Wo der Glaube an Gott und die Gottesfurcht nachlassen, fällt auch jedes moralische Gesetz, und es gibt kein Heilmittel mehr, das den schrittwei­sen, aber unvermeidlichen Verfall der Völker, der Familien, des Staates und der menschlichen Zivilisation aufhalten könnte.

Die traurigen Ereignisse des systematischen und immer weiter verbrei­teten Kampfes gegen den Herrn und seine Kirche „kündigen und zeigen jetzt schon »den Anfang der Wehen« an, die der »Widersacher« bringen wird, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, erhebt“ (2 Thess 2,4).10

Die antiken, heidnischen Völker erkannten das natürliche Sittengesetz

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7 Pius Xl., Ansprache vom 19. 3. 1923, in: Discorsi I,107; ders., Ansprache vom 13. 2. 1933, in: Discorsi II, 827: „Jede Zeit hat unvermeidlich ihre Merkmale, das »geschichtliche Klima», wie man heute sagt. Vor allem der Lärm von Dingen und Ereignissen, die in rasender Schnelligkeit aufeinanderfolgen, heben heute die Zeit fast auf und überbrücken die Entfernungen. Wle oft sieht man erwählte Seelen, die sich in der äußeren, zu oberflächlichen Geschäftigkeit versehren, denn ihnen fehlt jede Nahrung für das innere Leben. Wehe uns, wenn unser Leben so lau, es wäre trotz aller scheinbaren Verheißungen letztlich zur Unfruchtbarkeit bestimmt.“

8 Pius XII., Ansprache vom 20.8.1938, in: Discorsi 1, 297.

9 Pius XI., Divini Redemptoris, in: Encicliche I, 1092; vgl. ders., Charitate Christi, in: Encicliche 1,1002f. 974; vgl. ders., Ansprache vom 15. 8. 1928, in: Discorsi I, 818; vgL ders., Ansprache vom 13. 3. 1933, in: Discorsi II, 859f; vgl, ders., Ansprache vom 3. 9. 1936, in: Discorsi III, 547: Der Kampf gegen den Glauben und gegen Gott in der Welt ist so groß wie nie zuvor; Johannes Paul II., Ansprache vom 17. 3. 1989, 538; vgl. Pius XI., Ansprache vom 24. 12. 1935, in: Discorsi III, 419: Von Rußland verbreitet sich der Atheismus in der geistigen Atmosphäre der Völker; vgl. Pius XI., Mit brennender Sorge, in: Encicliche I,1073: Die Welt ist schwer krank.

10 Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 820; vgl. ders., Charitate Christi compulsi, in: Encicliche 1009.

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an, das Gott in die Seele eines jeden Menschen eingeprägt hat, und wur­den so zurückgehalten. Doch wenn man dem Herzen der Menschen die Gottesidee entreißt, dann werden sie notwendigerweise von ihren Leiden­schaften zur grausamsten Barbarei getrieben. Dies lehrt die Geschichte dieses Jahrhunderts, das „ein von gierigstem Egoismus und schrecklich­sten Kriegen geschlagenes Jahrhundert ist.“11

Die Menschheit ist bereits schwer krank. Der Kampf gegen Gott, das letzte Fundament jeder Ordnung, führt zum Umsturz jeder Ordnung. Daraus gehen geistige, moralische, kriegerische und wirtschaftliche Welt­katastrophen hervor. Dank seiner teleskopischen Glaubenssicht sah Pius XI. nicht nur das unmittelbare Bevorstehen des Zweiten Weltkriegs vor­aus, sondern auch das Ende der Welt.

2. Papst Pius XI.: Ein Bergsteiger und ein Bibliothekar

Die geschichtliche Epoche von Pius XI. „war eine Zelt des Reifens und zugleich des Übergangs, in der die Katholische Kirche, vor allem in Italien, sich ihrer selbst und ihrer Wurzeln erneut bewußt wurde und sich für den entschiedenen Eintritt in eine neue Epoche der Geschichte nun vorbereitete.“12

Zur Lösung der scheinbar unlösbaren Problems „brauchte es einen Bergsteiger-Papst, einen Bergsteiger – frei von Schwindelanfällen -, der es gewohnt war, steilste Anstiege zu bewältigen, ebenso dachten wir manchmal, wir bräuchten vielleicht auch einen Bibliothekar Papst.“13

Pius XI. war ein „Bergsteiger-Papst“ und ein „Bibliothekar-Papst“. Er war in der patristischen und mittelalterlichen katholischen Kultur verwurz-

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11 Paul VI., Ansprache vom 29.3. 1972, 317.

12 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des internationalen und interdisziplinären Kolloquiums über „Achille Ratti, Papst Pius XI.“(3), in; OR (dt) 17 (1989) 11; Pius XII., Ansprache vom 11.2.1940, in: Discorsi I, 529-530: „Auf den ruhmreichen Seiten der Kirchengeschichte ist der Name Pius XI. verzeichnet als Mittelpunkt neuer Zeiten, als Abschluß und Siegel einer weniger glorreichen als stürmischen Vergangenheit und Anfang und Vorzeichen einer Zukunft, die aus der Vergangenheit die Kraft und den Schwung zu umfassenderen und tieferen Siegen des Glaubens schöpfte,“

13 Pius XI., Ansprache vom 13.2.1929, in : Discorsi II, 17, vgl. Paul VI., Ansprache vom 4.6.1965, 322-323, vgl Johannes XXIII., Ansprache vom 31.3.1963, in Discorsi V, 434: Achille Ratti, der spätere Pius XI., war ein unerschrockener und mutiger Vorläufer des Alpinismus; Johannes Paul II., Ansprache vom 21.5.1983, 1, 1294-1295: Achille Ratti wurde im Jahr 1857 geboren. „Im Jahr 1888 wurde er unter die Professoren der berühmten Ambrosianischen Bibliothek von Mailand aufgenommen, deren Präfekt er von 1907-1914 war, als Papst Benedikt XV. ihn zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek ernannte und dann 1918 zum Apostolischen Visitator in Polen.“

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zelt. Und zugleich war er für die neuen Zeiten aufgeschlossen, ja er stand in ihrem Mittelpunkt. Er trug der geschichtlichen und geographischen Entwicklung der Kirche und der Menschheit Rechnung, und als Bergsteiger-Papst bahnte er neue Wege auf den Berg des Herrn, um eine neue Beziehung zwischen der übernatürlichen und der natürlichen Ord­nung, zwischen der Kirche und der menschlichen Gesellschaft, zwischen dem Evangelium und der Kultur, zwischen dem Glauben und der Ver­nunft herzustellen.

In der starken und feinfühligen Seele Pius‘ XI. verbanden sich die apo­stolische Größe eines Ambrosius mit der mystischen Glut einer Theresa vom Kinde Jesu. Der Papst sorgte sich um höchste geistige Aufstiege auf den Berg des Herrn. Die Aufstiege auf die verschneiten Alpen waren davon nur Bilder. Dank des steilen Anstieges verwandelte sich Pius XI. selbst in einen hohen Berg der Katholischen Kirche des 20. Jahrhunderts.

„Bei Pius XI. bewundern die nachkommenden Generationen die Größe des Verstandes, den Umfang des Wissens, die Vielfältigkeit und Beweg­lichkeit seiner Haltungen, die hervorragende Überlegenheit des Gelehrten, des Lehrers und des Hirten.“14

Pius XI. hinterließ der Kirche das großartige Erbe einer Lehre, die aus dem liebevollen und weisen Versuch hervorgeht, das göttliche Denken mit dem menschlichen zu verbinden. Er wollte es konkret und nicht abstrakt in der Sprache des modernen Menschen ausdrücken. Das ist zugleich auch die pastorale Ausrichtung der Lehre des großen Papstes. Er war ein Mann des Studiums und von vorzüglicher Bildung. Er stieg den Berg des Herrn hinauf und verstand es, die „Wissenschaft aus dem Weitblick“ und die „Wissenschaft aus dem kurzsichtigen Blick“, die Weisheit des Evangeli­ums und die Errungenschaften des modernen Denkens harmonisch zu verbinden.

„Es wurde behauptet, der Irrtum sei eine Teilwahrheit oder eine verrin­gerte Wahrheit, und das ist zutiefst und erschütternd wahr.“15

Die Katholische, das heißt die universale Kirche besitzt eine Gesamt­schau der Welt (eine Weltanschauung). Die Tragödie der modernen Welt

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14 Pius XII., Ansprache vom 18. 12. 1949, in: Discorsi XI, 318; zum Bibliothekar-Papst; vgl. Johannes Paul II, Ansprache vom 17. 3. 1989, a. a. O.; Paul VI., Ansprache vom 17. 6. 1964, 395; ders., Ecclesiam suam, in: Encicliche 11, 1707.

15 Pius XI., Ansprache vom 23.3. 1926, in: Discorsi I, 560.

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besteht im Vergessen und in der Unkenntnis der Universalien und dem­zufolge bedeutet sie ein Sich-Verschließen in partiellen Weltanschauun­gen. Dank seiner universalen Bildung eröffnete Pius XI. neue Wege, um die katholische Gesamtschau zu erneuern. Seine Modernisierung der vati­kanischen Warte und die Einrichtung des „Radio Vatikan“ sind ebenfalls Zeichen der neuen Zeiten.

3. Ein vielseitiger Papst

„Bereits in der ersten Enzyklika beschrieb Pius XI. das Programm sei­nes Pontifikats mit den Worten: »Der Friede Christi im Reich Christi« (Ubi Arcano, 23. Dezember 1922).

Die Leitlinien seines Pontifikats sind vielfältig und in großen Doku­menten aufgezeichnet: der Einsatz »für den Frieden«, zu dem er ange­sichts des erwachenden Nationalismus aufrief, indem er die Bemühungen unterstützte, eine internationale Schiedsinstanz zu organisieren und dem Rüstungswettlauf Einhalt zu gebieten; – die »Missionstätigkeit« mit der Inkulturation des Christentums in verschiedenen Völkern und den Auf­bau der Kirche mit dem einheimischen Klerus; – die verantwortliche »In­tegration der Laien in das Apostolat« durch die Ermutigung des Zusam­menschlusses in katholischen Vereinigungen. Pius XI. war der Papst der Katholischen Aktion, die er in dunklen Zeiten zäh verteidigte; – die »Ju­genderziehung«; – die christliche Sicht von der »Ehe«, der »Arbeit und des sozialen Lebens«; – die mutige Verkündigung der Menschenrechte gegen die ersten Rassengesetze des Nationalsozialismus und die Verurteilung dieser abwegigen Ideologie zugleich mit der Verurteilung des atheisti­schen Kommunismus. – Bereits dem Ende nahe, opferte er sein Leben für den Frieden in Europa. – Er liebte Italien, denn er wollte dessen religiöses und ziviles Wohl. Deshalb führte er die schwierigen Verhandlungen zum Abschluß der Lateranverträge, die die »römische Frage« lösten und sein großes Werk waren. – Ebenfalls nicht zu vergessen ist, daß er auch die Hoffnung ausgesprochen hatte, das 1870 unterbrochene Vatikanische Konzil wiederaufnehmen zu können.

Ein wirklich großer, vielseitiger Papst, der eine tiefe Spur in einer stür­mischen und verheißungsvollen Zeit hinterließ: der Papst des Königtums Christi.“16

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16 Johannes Paul II., Ansprache vor dem Angelus am Sonntag, den 12. Februar (3) in: OR (dt) 7 (1989) 3; vgl. Brief vom 1. 10. 1989, 2, 720.

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Pius XI. widersetzte sich mit apostolischem Starkmut den mächtigen totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts, die im Gegensatz zum wahren Fortschritt der Nationen und der Menschheit standen. Mit heldenhaftem Mut verteidigte er die Rechte der Kirche und der einzelnen Menschen. Und er förderte alle Übereinkünfte, die den Frieden und die Menschen­rechte retten konnten. Auf große Resonanz stießen die Enzykliken Mit brennender Sorge (1937) und Divini Redemptoris (1937). Mit der ersten En­zyklika wandte sich der Papst gegen den Nationalsozialismus und mit der zweiten gegen den atheistischen Kommunismus. In der Enzyklika Quadragesimo anno (1931) zum 40. Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. entwickelte er die katholische Soziallehre weiter und zwar im Hinblick auf die Errichtung der christlichen Gesellschaftsordnung.

In der Enzyklika Divini Illius Magistri (1929) forderte Pius XI. gegen das staatliche Monopol das Recht der Familie und der Kirche auf Erziehung der Jugendlichen ein.

In der Enzyklika Casti connubii (1930) wandte sich Papst Pius XI. nicht nur klar gegen die Ehescheidung, die Abtreibung, die Mittel zur Emp­fängnisverhütung, die Ehe „auf Probe“ und wies auf ihre Schäden hin, sondern er sprach sich vor allem für die natürliche Erhabenheit und christliche Heiligkeit der ehelichen Liebe und der Familie als Institution aus.

In den letzten Jahrhunderten identifizierten die katholischen Laien die Kirche allzuoft mit der Hierarchie. Infolgedessen war ihre Einstellung die Einstellung eines Empfangenden und nicht die eines Handelnden, der eine besondere Verantwortung trägt. Im 19. Jahrhundert wuchs dank der Entwicklung der Lehre über die Kirche das Bewußtsein der Laien von ihrer besonderen Sendung in der Kirche. In unserem Jahrhundert wurde dank der Förderung der Katholischen Aktion durch Pius XI. ein entschei­dendes Kapitel für das aktive Wirken der Laien im religiösen, sozialen, kulturellen, politischen und sogar wirtschaftlichen Bereich aufgeschla­gen.

Pius XI. war „der Papst der Katholischen Aktion.“ Mit außergewöhnli­chen organisatorischen Fähigkeiten ausgestattet, hat er die Katholische Aktion energisch gefördert. In Italien ging der Faschismus wie ein ver­heerender Sturm auf die Katholische Aktion nieder, doch der Papst ver­teidigte sie mit aller Macht. Dies bezeugt unter anderem die Enzyklika Non abbiamo bisogno (1931), in der der Papst auch das wahre Gesicht des Faschismus aufzeigt.

Pius XI. war der „Papst der Mission.“ In der alten christlichen Welt nahm der Abfall von Christus und seiner Kirche von Tag zu Tag zu. In den Missionsländern dagegen wanderten neue Völker auf dem aufstei­genden Weg zu Christus und seiner Kirche. Der Papst förderte mit Eifer und ohne Ruhe die Missionen und begünstigte und beschleunigte so diese Bewegung.

Von keinem Papst liest man, er habe so viele Heiligsprechungen vor­genommen wie Pius XI. Er erhob die heilige Theresa vom Kinde Jesu, die junge Karmelitin aus Lisieux, zur Hauptpatronin der Missionen auf der ganzen Welt, zusammen mit dem heiligen Franz Xaver. Pius XI. betonte, die Heiligkeit des Lebens sei in der Kirche nicht das Privileg einiger weni­ger, das die anderen ausschließt, sondern alle seien dazu berufen, und alle hätten die Pflicht, sich darum zu bemühen. „Die Größe und die Schwierigkeit unserer Zeit erlauben es keinem wahren Jünger Christi, sich mit der Mittelmäßigkeit zu begnügen.“17

„Im vergangenen Jahrhundert und auch im unsrigen ist es durch Schli­che und Ränke gottloser Menschen so weit gekommen, daß man Christus dem Herrn sein Königtum verleugnete. Offen zettelte man Kriege gegen die Kirche an, indem man Gesetze einbrachte und Volksbeschlüsse durch­brachte, die dem göttlichen Gesetz und dem Naturgesetz widersprechen. Ja, man hielt Tagungen ab unter dem Feldgeschrei: »Wir wollen nicht, daß dieser Mann unser König ist« (Lk 19,14). Im Gegensatz dazu erhob sich, um seine Ehre wiederherzustellen und seine Rechte zu behaupten, von Seiten der Verehrer des Heiligsten Herzens und durch die genannte Wei­he (an das Heiligste Herz Jesu) der einstimmige Ruf: »Christus muß herr­schen« (1 Kor 15,25). »Sein Reich komme!«

Das führte schließlich zu einer glücklichen Tat Unseres hochseligen Vorgängers Leo XIII., der zu Beginn dieses Jahrhunderts und unter dem Jubel der ganzen Christenheit die Menschheit, die Christus dem Mittel­punkt der Welt kraft angeborenen Rechtes zu eigen ist (vgl. Eph 1,10), dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht hat.

So zögerte denn Unser hochseliger Vorgänger Leo XIII. nicht, als er voll Staunen den besonderen Wert der Herz-Jesu-Andacht für unsere Zeit er­kannte, in dem Rundschreiben »Annum Sacrum« offen zu sagen: »Als die Kirche in ihrer Frühzeit unter dem Joch der Kaiser zu leiden hatte, er­schien einem jungen Kaiser das Kreuz am Himmel; es war die Verhei-

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17 Pius XII., Ansprache vom 18. 12. 1949, in: Discorsi XI, 321. Der Papst gibt die unvergeßlichen Worte von Pius XI. wieder.

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ßung und zugleich die Ursache des baldigen glorreichen Sieges.

Heute steht ein anderes göttliches und prophetisches Zeichen vor unse­ren Augen: das Heiligste Herz Jesu, vom Kreuz überragt, und leuchtend in den Strahlen lebendigen Lichtes. Darauf müssen wir unsere ganze Hoffnung setzen. Von ihm müssen wir das Heil erbitten und erwarten.«“18

„Damit Gott und sein Gesalbter in und über die Welt herrschen wür­den, krönte Pius XI. das Werk Leos XIII., der sie dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht hatte, und ebenso das Werk Pius X., der sein ganzes Leben dafür gewidmet hatte, alles in Christus zu erneuern (vgl. Eph 1,10), in­dem er feierlich das Königtum Christi verkündete und das Christkönigs-fest, eines der schönsten Feste des Kirchenjahres, einführte.“19

Es war am Ende des Jubiläumsjahres 1925 mit der Enzyklika Quas pri­mas, durch die Papst Pius XI. das Fest „Christus, König des Universums“, das die ganze Christenheit feiern sollte, eingeführt hat. Der Papst verherr­lichte das Königtum Christi und sein Reich in einer Zeit des zunehmen­den Glaubensabfalls in der alten christlichen Welt. Gewisse säkularisierte Teilbereiche der christlichen Nationen hatten Christus als König abge­lehnt. Dafür hatten sie irdische Regierungen und später die „allmächti­gen“ Diktatoren angebetet. Diese verführten sie dann mit falschen Ver­sprechungen und führten sie in die blutigen Schlachten des ,Ersten und dann des Zweiten Weltkriegs. Die weltlich gesinnten Christen wollten das Reich Christi ersetzen, indem sie die irdischen Reiche verabsolutier­ten und zugleich auch versuchten, neue große heidnische Reiche zu er­richten.

Durch die Einführung des Christkönigsfestes betonte Papst Pius XI. nicht nur die Herrschaft Christi über das ganze Universum, sondern freu­te sich in prophetischer Schau schon im voraus auf jenen wünschenswer­ten Tag, an dem sich die ganze Welt bewußt und freiwillig der sanften Herrschaft Christi des Königs unterwerfen wird.

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18 Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 815-816.

19 Plus XII., Ansprache vom 18.12. 1949, in: Discorsi XI., 320-321; vgl. Pius XI., Charitate Christi compulsi (1932), in: Encicliche I, 1000f; Pius XI., Lux veritatis, in: Encicliche I, 995: „Alle suchen das geeignete Heilmittel bei Christus. »Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen« (Apg 4,12). So können einzig und allein mit Hilfe des Heiligsten Herzens Jesu für die Seelen der Sterb­lichen, sowohl für die einzelnen Menschen als auch für die Hausgesellschaft und die Zivilgesellschaft glück­lichere Zeiten anbrechen“; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 21. 5. 1983, 1, 1296: Pius XI. verlieh der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu einen starken Impuls.

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Der Weg, der zum großen Triumph der Barmherzigkeit Christi des Kö­nigs und zur Ausbreitung seines heilbringenden Königtums auf der gan­zen Welt führt, ist die Weihe an sein Heiligstes Herz. Diese Weihe ist „der ganze Gehalt der Gottesverehrung und damit auch die Richtschnur für ein vollkommenes Leben. Diese Andacht drängt den Sinn leichter dahin, Christus den Herrn tiefer zu verstehen, und bewegt das Herz mit großem Erfolg dazu, ihn inniger zu lieben und treuer nachzuahmen.“20

Die Weihe drückt die Vereinigung der Christen mit Christus aus und festigt sie. Im Herzen Jesu werden ihre Herzen mit Liebe, Weisheit und allen Wohltaten erfüllt. Durch die gelebte Weihe überwinden sie die Kälte der Gottesliebe und der Liebe zum Nächsten, die sich unter den Christen mit der Überhandnahme von Bosheit in der Welt verbreitet. Sie gehen auf dem Weg der Umkehr, der Buße, der Sühne für die Sünden und erwerben die Gnade der Umkehr für andere Menschen und für die weltlich gesinn­ten Christen. Pius XI. ordnete an, diese Weihe jedes Jahr anläßlich des Christkönigsfestes zu erneuern, um die Frucht sicherer und reichlicher einzusammeln.

„Jesus, der ständige Gast, der wachsame Steuermann, ist im Allerhei­ligsten Sakrament, mit Gottheit und Menschheit, immer mit uns auf sei­nem Schiff, um uns in unserer Armseligkeit und unserem Elend zu stär­ken, um uns alle Möglichkeiten zu geben, ja man könnte sagen, die All­macht seiner Gnade.“21

Die heilige Eucharistie muß als Mittelpunkt des ganzen christlichen  Lebens, ja man könnte sagen als die Seele der Kirche angesehen werden. Die Weihe an das Herz Jesu führt zur innigeren Vereinigung mit dem eucharistischen Jesus und zu einer größeren und feierlicheren Verehrung Jesu in diesem Sakrament. — Papst Pius XI., ein großer Verehrer des Hei­ligsten Herzens Jesu, war auch ein eifriger Förderer der eucharistischen Anbetung, insbesondere durch eine Reihe von wunderbaren internationa­len Eucharistischen Kongressen. Er war sich sehr wohl bewußt, daß das Schiff der Kirche mit der Zunahme der eucharistischen Anbetung in den Stürmen einer menschlichen Welt bestehen konnte und einem großen und

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20 Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 814.

21 Pius XI., Ansprache vom 15. 3. 1931, in: Discorsi II, 503; vgl. ders., Ansprache vom 18. 10. 1938, in: Discorsi 839-840; vgl. Ansprache vom 29.4. 1938, in: Discorsi III, 732-733: In der Zeit des großen Glaubensabfalls in der alten Welt hat die göttliche Vorsehung neue Formen des Guten erweckt, zum Beispiel das Aufblühen der Missionen, das Wiedererwachen des missionarischen Bewußtseins, die wunderbare Entwicklung der Eucharisti­schen Anbetung, die Katholische Aktion, die das eifrige Leben aus dem Glauben ist.

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wunderbaren Frühling des. christlichen Lebens entgegensteuern würde.

„Das Herz Jesu ist dort, wo das Herz Mariens ist.“22

„Maria ist der Schrecken aller Irrlehren und die Siegerin über alle Irr­tümer.“ 23

„Der Rosenkranz ist das Gebet, ohne das niemand den guten Kampf zu Ende führen kann, denn mit menschlichen Anstrengungen allein, so groß, hochherzig, heldenhaft sie auch sein mögen, kann man die göttlichen Plä­ne nicht verwirklichen.“24

„»Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen« (Mt 18,3). Wenn unser Jahrhun­dert in seinem Hochmut den Rosenkranz lächerlich macht und ablehnt, so war er dennoch einer unzähligen Schar von Heiligen jeden Alters und jeden Standes sehr teuer; sie haben ihn mit großer Andacht gebetet und ihn in jedem Augenblick als mächtige Waffe gebraucht, um die Dämonen in die Flucht zu schlagen, ihr Leben unversehrt zu bewahren, die Tugend leichter zu erwerben, mit einem Wort: Er war die mächtige Waffe zur Er­reichung des wahren Friedens unter den Menschen.25

Papst Pius XI. war zweifellos auch ein großer Verehrer der Jungfrau und Gottesmutter Maria. Er führte das Fest ihrer Gottesmutterschaft ein, das in der Gesamtkirche gefeiert werden sollte. Dies geschah 1931 anläß­lich der 1500-Jahr-Feier des Ökumenischen Konzils von Ephesus (431). Dieses Konzil hat die Glaubenswahrheit verkündet, daß die Jungfrau Ma­ria, die Mutter Jesu des Erlösers, wahrhaft Gottesgebärerin (Theotokos) ist. Papst Pius XI. vertraute der jungfräulichen Gottesmutter die Sorge um

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22 Pius XI., Ansprache vom 8. 2. 1925, in: Discorsi I, 340.

23 Ders., Ansprache vom 15. 3. 1931, in: Discorsi II, 503.

24 Ders., Ansprache vom 22. 5. 1925, in: Discorsi I, 394.

25 Ders., Ingravescentibus malis, in: Encicliche I,1115; vgl. ders., Lux veritatis (1931), in: Encicliche I, 981f; vgl. ders., Ingravescentibus malis, in: Encicliche I, 1112f.

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Die muslimischen Streitkräfte drohten den Völkern von Europa mit Verderben und Sklaverei. Auf Anordnung des Papstes flehte man durch das Rosenkranzgebet inständig um den Schutz der himmlischen Mutter. Dank des Beistandes aus der Höhe, den die Christen durch dieses Gebet erhielten, haben sie die muslimischen Streitkräfte in der Schlacht von Lepanto besiegt (1571); ders., Lux veritatis, in: Encicliche I, 998: „Wenn der Kirche noch schwere Tage bevorstehen, wenn der Glaube wankt, wenn die Liebe erkaltet, wenn die private und öffentliche Moral sinkt, wenn Gefahren für Kirche und bürgerliche Gesellschaft heraufziehen, (…) wollen wir unsere weinenden Augen und unsere zitternden Arme zu ihr (Maria) erheben, um durch sie von ihrem Sohn Verzei­hung und die ewige Seligkeit im Himmel zu erflehen.“

das Werk der Wiedervereinigung der getrennten Christen an. Er gab Ma­ria die Titel der „Miterlöserin“, der „Mutter der Erlösung“ und der „all­mächtigen Mutterschaft“.

Das christliche Leben entfaltet sich in Christus und in Maria. Durch das Herz Mariens gelangt der Christ zum Herz Jesu, denn Maria ist die Mitt­lerin aller Gnaden. Im Kampf gegen die Mächte der Finsternis (gegen Sa­tan und seinen Anhang) und gegen die Irrtümer und Übel der modernen Menschheit müssen die Christen das Gebetsleben, insbesondere das Ro­senkranzgebet, verstärken. Der Rosenkranz ist der „Marienpsalter“ oder die „Zusammenfassung des Evangeliums und des christlichen Lebens.“

Die Mutter Gottes ist die einzige, die alle Irrlehren der Welt zerschlägt. Wenn die Christen den Rosenkranz beten, erfreuen sie sich der mächtigen Fürsprache der unbefleckten Jungfrau Maria. Der Rosenkranz spornt sie zur Ubung der evangelischen Tugenden an (insbesondere der Einfachheit und der Demut des Geistes) und führt zum Sieg über die Irrtümer und Irrlehren der falschen Propheten in Kirche und Welt. Er führt zum Sieg über die Bedrohungen und Angriffe der Mächte der Finsternis und zur Erlangung der ewigen Seligkeit im Himmel.

„Die berühmten Enzykliken von Papst Ratti sind Grundzüge eines gro­ßen Projekts zur kirchlichen und gesellschaftlichen Erneuerung, die auf dem Glauben und der Hoffnung gründet: von der Liturgie bis zur christli­chen Erziehung, vom familiären bis zum gesellschaftlichen Leben, von den Aufgaben der Laien in der Kirche bis zu den Missionen, vom Kampf für Gerechtigkeit bis zur Stiftung des Friedens in Liebe und Wahrheit.“26

Die Hoffnung des Heiligen Vaters Pius XI., das Erste Vatikanische Kon­zil fortsetzen zu können, wurde nicht erfüllt. In vielerlei Hinsicht war er aber ein Vorläufer des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er lebte in einer schwierigen geschichtlichen Epoche und bahnte mit außerordentlichem Mut den Weg zur großen Erneuerung der Kirche.

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26 Johannes Paul II., Ansprache vom 15.4.1989, 1, 820.

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Quelle: Ivan Pojavnik: DAS MYSTERIUM DES KONZILS – Erster Band – Meckenheim – 1996 – Maximilian-Kolbe-Verlag – ISBN 3-924413-13-4

Der Papstprediger: Ehefrauen sollen Ehemännern nicht gehorchen

Von Marian T. Horvat

Ehemänner, liebt eure Frauen, das ist gut. Ehefrauen, unterzieht euch euren Ehegatten, dies ist unannehmbar. Dies war die revolutionäre Botschaft in einer kürzlichen Predigt des Kapuziner-Paters Raniero Cantalamessa, dem Prediger des Päpstlichen Haushaltes.

Pater Cantalamessa kommentierte die Stellen des heiligen Paulus (Eph. 5:21-32), in dem der Vers enthalten ist, der seit langem Feminist(inn)en aus der Fassung gebracht hat, besonders: „Ehefrauen, seid Euren Männern untertan“ (5:22). Gemäß dem Zenit-Bericht hatte Pater Cantalamessa kein Problem mit den Worten des hl. Paulus, mit welchen er ihnen empfiehlt, ihre Frauen zu lieben: „Dies ist gut.“ Der Haken für den päpstlichen Prediger ist „dass er [der hl. Paulus] den Frauen ebenfalls empfiehlt, untergeben zu sein ihren Gatten, und dies – in einer Gesellschaft, die sich betont (und rechtens) bewusst ist der Ebenbürtigkeit der Geschlechter – scheint unannehmbar (P. Cantalamessa über Eheliche Unterordnung“, Zenit, 25. August 2006).

Er fährt fort und erklärt, dass wir die Stelle nicht wörtlich verstehen müssen, da der hl. Paulus in Bezug auf die Autorität des Ehemanns in der Ehe zum Teil bestimmt ist durch die Mentalität des Zeitalters.“ Cantalamessa löst das Problem, indem er erklärt, dass was Christus und die Apostel wirklich gemeint haben für Ehemänner und -Frauen, bedeutet habe, sich zu lieben und sich gegenseitig unterzuordnen (ibid.).

Nun, diese Interpretation ist frontal gegensätzlich und subversiv zu dem, was die Katholische Kirche konstant und konsistent gelehrt hat seit dem heiligen Paulus und bis zum II. Vatikanum.

Ist ein Aufstand oder Protest gegen Pater Cantalamessa’s Kommentar  bevorstehend? Es sieht nicht darnach aus. In der Tat, diese Schlussfolgerung des päpstlichen Predigers wiederholt in gewisser Hinsicht nur die Lehre Johannes Pauls II. in Seinem Apostolische Brief Mulieris dignitatem (15. August 1988). In ihm erwägte Johanne Paul II, dass der in Frage stehende Vers „Frauen seid euren Männern untertan“ effektiv nichtig gemacht werde durch den vorausgehenden Vers 5:21 „Seid einander untertan aus Verehrung für Christus.“ Dieser sei der vorherrschende Vers der Stelle, bekräftigt Woytyla, so dass die „Unterordnung der Frau unter den Mann in der Ehe im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung‘ beider ‚aus Verehrung für Christus‘“ (Nr. 24) verstanden werden müsse. Mit dieser „Bibel-Innovation“ soll die Autorität des Ehemannes über die Frau in der Ehe beseitigt werden.

Dies passt den Feminist(inn)en und der gesamten progressivistischen Agenda sehr gut, die die monarchische Struktur aller traditionellen Institutionen abschaffen möchten. Die Familie, wie die Gesellschaft, würden einen angeblich/vermeintlich gesunden Prozess der Evolution erfahren, weg von der Monarchie und auf die Selbst-Regierung/-Verwaltung hin. Es kann weiter zugegeben werden, dass der Ehemann und die Ehefrau verschiedene komplementäre Rollen haben. Aber unter keinen Umständen soll sich die Frau dem Mann unterziehen, denn dies würde eine Verletzung gegen die Gleichheit der Geschlechter bedeuten, eine moderne Norm, welche die Konzilskirche fördert.

Diese Änderung in der Einstellung jedoch ist ein Aufgeben der Katholischen Tradition und des beständigen Lehrens des Magisteriums.

Die frühere Lehre betonte die Unterordnung der Frau unter ihren Ehemann

Es gibt kaum einen Punkt, auf dem die Kirche mehr beharrte, als dass der Vater das Haupt der Familie ist. Die Autorität des Vaters ist zum Wohle der Familie angeordnet als ein Widerschein der Autorität Gottes. Das Konzil von Trient wiederholte die Lehre der Kirchenväter, indem es unterrichtete, dass der Vater als Haupt der Familie handeln müsse und die Mutter ihm „einen bereitwilligen Gehorsam in allen Dingen erweisen solle, die nicht unvereinbar sind mit der christlichen Frömmigkeit“ („Die Pflichten Verheirateter“, Katechismus des Konzils von Trient).

Vielleicht mit einem Auge auf die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts grollenden feministischen Strömungen, behandelte Papst Leo XIII. die Frage der Autorität in der Ehe gleich in seiner Enzyklika „Arcanum divinae sapientiae“ (10. Februar 1880), indem er die uralte Lehre bestätigte:

„Der Ehemann ist das Oberhaupt der Familie und das Haupt der Ehefrau. Die Ehefrau, weil sie Fleisch von seinem Fleische und Bein von seinem Bein ist, muss ihrem Ehegatten untertänig sein und ihm gehorchen, gewiss nicht als eine Dienstmagd, sondern als eine Gefährtin, so dass ihr Gehorsam weder der Ehre, noch der Würde ermangelt. Da der Ehemann Christus vertritt, und da die Ehefrau die Kirche darstellt, mögen stets in beiden, in ihm, der befielt und ihr, die gehorcht, eine vom Himmel gestütze Liebe vorhanden sein, die beide in ihren jeweiligen Pflichten leitet.“ (Nr. 26)

In seiner Enzyklika „Casti Connubi“ vom 31. Dezember 1930 warnte Papst Pius XI. vor den „falschen Lehrern“, welche im Namen der „menschlichen Würde“ die Ehefrauen überzeugen möchten, den Gehorsam aufzugeben, den sie ihren Ehemännern schuldig sind. „Dies ist nicht Emanzipation, sondern ein Verbrechen“, bekräftigte er betont (Nr. 74). Weiter unterstreicht er, dass die wesentliche Ordnung des Haushaltes sich nicht ändern könne, da sie gegründet ist auf etwas Höherem als menschlichter Autorität und Weisheit, das heißt, der Autorität und der Weisheit Gottes (Nr. 77).

Indem er diese Lehre frontal angreift, verkündet Pater Cantalamessa, dass wir diese Ermahnung zum Gehorsam der Ehefrauen, weil der hl. Paulus „von der Mentalität  seines Zeitalters bestimmt gewesen“ sei, missachten können.

Papst Pius XII. sprach ähnliche Worte der Vorsicht/Warnung, indem katholische Frauen instruierte, „moderne Einflüsse“ zu ignorieren, die ihnen beibringen möchten, sie seien in jeder Hinsicht ebenbürtig ihren Männern. Indem er zu einer Gruppe von Frisch-Verheirateten sprach, sagte er zu ihnen: Ihr seid ebenbürtig in der Würde, doch diese Ebenbürtigkeit schließt nicht eine Hierachie aus, welche den Ehemann als Haupt und die Ehefrau als Untergebene von ihm festsetzt. Diese Hierarchie ist nicht nur nötig, sondern unverzichtbar für die Einheit und das Glück. Katholische Männer und Frauen haben die Pflicht, die sich ändernden gesellschaftlichen Bedingungen, welche die Hierarchie in der Familie unterminieren, zu bekämpfen. („Ansprache an die Neuverheirateten“ vom 10. September 1941 in „Die Frau in der modernen Welt“, herausgegeben von den Mönchen von Solesmes, Boston: St. Paul Editions, 1959, SS 64-6).

Das heißt soviel, dass die immerwährende Lehre der Kirche genau das Gegenteil dessen bekräftigt, was der Kommentar des päpstlichen Predigers aussagt.

Die Hierarchie in der Familie wurde nach dem II. Vatikanum umgestoßen/zerrüttet

Vor Vatikan II sehen wir, dass die Päpste die Wichtigkeit der richtigen Familienordnung behandelten, indem sie die Frauen zu einem gebührenden Gehorsam gegenüber den Ehemännern ermahnten. Sie fürchteten sich nicht, das Wort „Untergebung/Unterordnung“ zu benutzen.

Nach Vatikanum II jedoch haben wir gesehen, wie Johannes Paul II. eine andere, revolutionäre Lehre unterstützte und förderte in „Mulieris dignitatem“. Er und andere Konzilspäpste schwiegen zum Thema Gehorsam der Ehefrauen gegenüber ihren Männern. Ich kenne keinen einzigen Fall von ihnen, dass sie Frauen ermahnt hätten, sich ihren Männern unterzuordnen. Stattdessen beharren sie unveränderlich auf der ebenbürtigen persönlichen Würde der Eheleute. Doch nie ein Wort, das bekräftigen würde, dass die Frau sich ihrem Ehegatten unterordnen sollte.

Vatikan II scheint diese Unterlassung zu legitimieren, weil keines der Dokumente das Thema der Autorität des Ehemannes behandelt. Stattdessen werden Partnerschaft und gleiche persönliche Würde in der Ehe betont. „Gaudium et spes“ beschreibt die Ehe als „ein Abbild und Teilen in der Partnerschaft der Liebe zwischen Christus und der Kirche (Nr. 48) und spricht von der „gleichen persönlichen Würde“ der Eheleute (Nr. 49). So weit ich sehen konnte, gibt es nichts anderes. Es ist eine sehr ernsthafte Unterlassung. Genau zu der Zeit, in der die Revolution versuchte, die traditionelle Hierarchie im Familienleben umzustürzen, scheint Vatikan II diese Haltung unterstützt zu haben.

Was den Katechismus der Katholischen Kirche betrifft, der unter JPII im Jahre 1992 promulgiert wurde, schenkt dieser gleicherweise keine Beachtung der früheren Lehre der Kirche betreffend die Autorität des Vaters in der Familie. Er sagt, dass Männer und Frauen gleich sind als Personen und komplementär als männlich und weiblich. In meiner Sicht ist es eine Sprache, die darauf abzielt, Feminismus und Progressismus zu versöhnen.

All diese post-konziliaren Lehren stehen in völliger Abweichung zum konstanten und gleichförmigen Magisterium der Heiligen Mutter Kirche. In der Tat, sie dienen dazu, die Revolution in der katholischen Gesellschaftslehre zu fördern und bringen das Chaos in die Familie.

Dies ist die Lektion, die wir vom päpstlichen Prediger bekommen.

Marian T. Horvat

Quelle: Papal Preacher: Wives Should Not Obey Husbands

(Aus dem Englischen übersetzt von Paul O. Schenker)