ENZYKLIKA VON PAPST PIUS XI. – VIGILANTI CURA – ÜBER DIE LICHTSPIELE

ENZYKLIKA
VON PAPST
PIUS 
XI.
VIGILANTI CURA 

ÜBER DIE LICHTSPIELE

Ehrwürdige Brüder und Schwestern, Gruß und Apostolischen Segen, 

es war für uns, die wir mit wachsamem Auge, unserer Hirtenpflicht gemäß, die segensreiche Tätigkeit unserer Mitbrüder im Episkopat und des gläubigen Volkes begleiten, überaus trostreich, die Früchte zu sehen, die schon geerntet sind, und die immer noch anhaltenden Fortschritte jener vorsorglichen Tätigkeit, die vor mehr als zwei Jahren gegen die Missbräuche in den Kinovorstellungen begonnen wurde: Wir meinen jenen heiligen Kreuzzug, der insbesondere der „Legion des Anstandes“ anvertraut war.

Dieser ausgezeichnete Versuch gibt uns die freudig ergriffene Gelegenheit, in umfassender Weise unsere Gedanken über eine Angelegenheit zu äußern, die so nahe das moralische und religiöse Leben des gesamten christlichen Volkes berührt.

Vor allem unsern Dank der Hierarchie der Vereinigten Staaten und ihren treuen Mitarbeitern für die bedeutenden Leistungen, die unter ihrer Leitung und Führung von der „Legion des Anstandes“ vollbracht worden sind. Um so lebhafter ist unser Dank, je mehr wir in Sorge gewesen waren, als wir Tag für Tag den traurigen Fortschritten – „magni passus extra viam“ (große Schritte, aber vom Wege ab) – der Filmkunst und -industrie in der Darstellung von Sünden und Lastern begegneten.

I.

So oft sich Gelegenheit geboten hat, haben wir uns der Pflicht unseres erhabenen Amtes erinnert und auf dieses Gebiet die Aufmerksamkeit nicht nur des Episkopates und des Klerus gelenkt, sondern auch aller jener rechtschaffenen Menschen, denen das öffentliche Wohl am Herzen liegt.

Schon in dem Rundschreiben Divini illius Magistri haben wir darüber geklagt, daß „validissima eiusmodi ad quidvis evulgandum subsidia, quae, si ad sana principia apte regantur, erudititioni magnopere atque educationi prodesse queant, saepe – proh dolor – provehendis vitiorum illicitis sordidisque quaestibus serviunt“(1) (die gewaltigsten Propagandamittel dieser Art, die so sehr dem Unterricht und der Erziehung nützen könnten, wenn sie nach den richtigen Grundsätzen angewandt würden, oft – leider – dem Anreiz der Laster und schmutziger Leidenschaften dienen).

Wir erinnern ferner an unsere Ausführungen vor einer Vertretung der Internationalen Vereinigung der Filmpresse im Jahre 1934. Wir warfen damals einen Blick auf die außerordentliche Bedeutung, die diese Art von Schauspielen in unsern Tagen gewonnen hat, und auf den weitreichenden Einfluß, den sie als Anreiz zum Guten oder zum Bösen ausüben. Schließlich machten wir darauf aufmerksam, wie es notwendig sei, auf das Filmwesen die höchste Norm anzuwenden, die das große Geschenk der Kunst beherrschen und leiten soll, das Gesetz der Moral, wobei wir nicht immer an die christliche Moral denken, sondern einfach an die natürliche gute Sitte.

Es hat eben die Kunst die wesentliche Aufgabe, die aus ihrem eigenen Daseinsgrund schon hervorgeht, dass sie nämlich eine Vervollkommnung des Menschen darstellt, der ein moralisches Wesen ist, dass sie infolgedessen selber moralisch sein muss. Wir schlossen damals unter dem lauten Beifall dieser auserlesenen Persönlichkeiten – noch erinnern wir uns an sie mit herzlicher Freude – mit der Betonung der Notwendigkeit, den Film moralisch zu machen, zu einem „Lehrer der Moral, zu einem Erzieher“.

Und noch jüngst, im April des laufenden Jahres, als wir eine Gruppe des in Rom tagenden Internationalen Kongresses der Filmpresse in einer Audienz willkommen hießen, haben wir von neuem die Schwere dieses Problems betrachtet; mit warmen Worten haben wir alle, die guten Willens sind, im Namen der Religion, aber auch im Namen des wahren moralischen und bürgerlichen Wohles der Völker aufgefordert, all ihr Können, gerade auch das der Presse, aufzubieten, damit die Filmkunst zu einem wertvollen Element der Belehrung und der Erholung werde und nicht mehr zu einem der Zerstörung und des Untergangs der Seelen.

Aber der Gegenstand ist von solcher Bedeutung, nicht bloß seiner selbst wegen, sondern auch wegen der Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, dass wir es für notwendig erachten, noch einmal darauf zurückzukommen. Und zwar soll das nicht bloß unter besonderen Gesichtspunkten geschehen, wie bei den früheren Gelegenheiten, sondern mit einem umfassenden Blick auf die Erfordernisse nicht nur in Euren Diözesen, Ehrwürdige Brüder und Schwestern, sondern des ganzen Erdkreises.

II.

Es ist in der Tat dringend notwendig, dafür zu wirken, dass auch in dieser Sache die Fortschritte der Kunst, des Wissens und selbst der Technik und Industrie, die wahre Gaben Gottes sind, auf die Ehre Gottes und auf das Heil der Seelen hingerichtet werden; dass sie praktisch der Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden dienen, auf dass alle, wie die Kirche es erflehen lässt, daran in solcher Weise teilhaben, dass sie der ewigen Güter deshalb nicht verlustig gehen: „sic transeamus per bona temporalia, ut non amittamus aeterna“(2) (so sollen wir durch die irdischen Güter hindurchgehen, dass wir die ewigen nicht verlieren).

Nun ist es gewiss und durch allgemeine Erfahrung bestätigt, dass die Fortschritte der Filmkunst und -industrie, je erstaunlicher sie sich entfaltet hatten, um so verderblicher und verhängnisvoller für die Moral und für die Religion wurden, ja für die ganze sittliche Haltung des bürgerlichen Zusammenlebens.

Die Direktoren der Industrie in den Vereinigten Staaten haben das selber zugegeben, als sie sich öffentlich vor der ganzen Welt zu ihrer eigenen Verantwortlichkeit bekannten. Im März 1930 nahmen sie in einem freien Beschluss, der einmütig gefasst, feierlich unterschrieben und von der großen Presse verbreitet wurde, die feierliche Verpflichtung auf sich, in Zukunft die Moral der Besucher ihrer Filmtheater stützen zu wollen.

In ihrem Kodex finden wir das Versprechen, dass kein Film mehr gedreht werden soll, der das moralische Niveau der Besucher niederdrückt, der die natürliche und menschliche Sitte in Misskredit bringt, der Sympathien schafft für ihre Verletzung.

Leider aber zeigten sich trotz der weisen Beschlüsse, die freiwillig gefasst wurden, die Verantwortlichen außerstande, sie durchzuführen, und die Regisseure schienen nicht gewillt zu sein, sich den Prinzipien zu fügen, zu deren Beobachtung sie verpflichtet worden waren.

Da sich nun die besagte Verpflichtung als wenig wirksam erwiesen hatte und man in den Filmtheatern fortfuhr, Laster und Verbrechen zu verherrlichen, schien der Weg zu einer anständigen Unterhaltung im Filmtheater für immer verlegt.

In dieser Krise nun, Ehrwürdige Brüder und Schwestern, wart ihr unter den ersten, die die Frage untersuchten, wie man die Seelen derer stützen könne, die eurer Sorge anvertraut waren, und ihr machtet mit der „Legion des Anstandes“ den Anfang eines Kreuzzuges für die öffentliche Sittlichkeit, um die Ideale einer natürlichen und christlichen Ehrbarkeit neu zu beleben. Jeder Gedanke lag Euch fern, die Filmindustrie schädigen zu wollen; im Gegenteil habt ihr sie indirekt vor dem sicheren Zusammenbruch all jener Formen der Erholung bewahrt, die einer Zersetzung der Kunst zutreiben.

Eure Direktiven weckten die empfängliche und ergebene Anhänglichkeit eurer Gläubigen; Millionen von amerikanischen Katholiken unterschrieben das Gebot der „Legion des Anstandes“ und verpflichteten sich, keiner Filmvorstellung mehr beizuwohnen, die einen Angriff auf die katholische Moral und auf die rechten Lebensnormen enthalte.

So können wir mit Freude feststellen, dass nur wenige Probleme der letzten Zeit Bischöfe und Volk so eng miteinander verbunden haben, wie die hier in Rede stehende Zusammenarbeit bei diesem heiligen Kreuzzug. Nicht bloß Katholiken, sondern auch angesehene Protestanten, Juden und viele andere, sind eurem Vorgehen gefolgt und haben sich Euren Bemühungen angeschlossen, indem nun auch sie dem Film weise Normen in künstlerischer und moralischer Hinsicht zurückgaben.

Es ist von größter Bedeutung, den beachtenswerten Erfolg dieses Kreuzzuges hervorzuheben, da das Filmwesen unter eurer Wachsamkeit und unter dem Druck der aufgerufenen öffentlichen Meinung sich tatsächlich moralisch hob: Verbrechen und Laster erschienen seltener auf der Leinwand; die Sünde wurde nicht so offen gebilligt und verherrlicht; falsche Lebensauffassungen zeigten sich nicht mehr in dieser aufreizenden Art vor den Augen der empfänglichen Jugend.

Wenn man in gewissen Kreisen voraussagte, es würden die künstlerischen Werte des Films durch die Hartnäckigkeit der „Legion des Anstandes“ Schaden nehmen, so scheint gerade das Gegenteil davon eingetroffen zu sein. Sie gab jenen Kräften keinen geringen Antrieb, die den Film zu einer vornehmen künstlerischen Leistung führen möchten, zu einer Nachbildung klassischer Werke und zu einer originalen Gestaltung außergewöhnlicher Werte.

Es traten auch keine finanziellen Verluste ein, wie man leichthin prophezeit hatte;. denn viele, die dem Kinotheater aus moralischen Gründen ferngeblieben waren, kehrten zu ihm zurück, als sie Gelegenheit bekamen, anständige Stücke zu sehen, die nicht die guten Sitten beleidigten und die keine Gefahren für die christliche Tugend waren.

Als Ihr mit eurem Kreuzzug begannet, sagte man, dass das Bemühen von kurzer Dauer und die Erfolge vorübergehender Art sein würden. Nach und nach werde die Wachsamkeit der Bischöfe und der Gläubigen nachlassen, und die Produzenten konnten wieder ungehindert zu ihren alten Gewohnheiten zurückehren. Es ist auch leicht einzusehen, dass einzelne Unternehmer wieder nach der Freiheit für zweideutige Stücke verlangten, die die niedere Begierlichkeit aufreizen, und die von Euch geächtet worden waren. Während die Produktion von wirklich künstlerischen Gestalten und bedeutenden menschlichen Schicksalen geistige Kraft, Arbeit, Fähigkeit und nicht selten auch einen beachtlichen finanziellen Einsatz erfordert, ist es oft verhältnismäßig leicht, den Andrang gewisser Menschen und sozialer Schichten zum Kino zu erreichen mit Vorstellungen, die die Leidenschaften entflammen und die verborgenen niederen Instinkte im menschlichen Herzen aufwecken.

Statt dessen muss nun eine nicht erlahmende und allgemeine Wachsamkeit die Produzenten überzeugen, dass man die „Legion des Anstandes“ nicht gegründet hat für einen Kreuzzug von kurzer Dauer, dass man sie übergehen oder vergessen könne, sondern dass die Bischöfe der Vereinigten Staaten entschlossen sind, die moralisch einwandfreie Unterhaltung des Volkes, koste es, was es wolle, zu jeder Zeit und unter allen Umständen zu schützen.

 III.

Die Erholung in ihren vielfältigen Entwicklungen ist in unserer Zeit um so notwendiger geworden, je mehr sich die Menschen plagen müssen in den Geschäften und Sorgen des Lebens; aber sie muss anständig sein und darum gesund und moralisch, sie muss sich zum Rang eines positiven Faktors und zu edlen Empfindungen erheben. Ein Volk, das sich in den Stunden seiner Ruhe Zerstreuungen hingibt, die das gesunde Gefühl der Schicklichkeit, der Ehre, der Moral verletzen, Zerstreuungen, die Gelegenheit zur Sünde geben, besonders bei der Jugend, befindet sich in großer Gefahr, seine Größe und seine nationale Kraft zu verlieren.

Ohne Zweifel hat unter den Unterhaltungen der neueren Zeit das Kino in den letzten Jahren sich einen Platz von universaler Bedeutung erobert.

Es erübrigt sich, auf die Tatsache hinzuweisen, dass Millionen von Menschen Tag für Tag an Filmvorführungen teilnehmen; dass Räume für solche Schauspiele in stets wachsender Zahl bei zivilisierten und halbzivilisierten Völkern eröffnet werden; dass das Kino die volkstümlichste Form der Unterhaltung geworden ist; dass es in Stunden der Muße nicht nur den Reichen, sondern allen Klassen der Gesellschaft offensteht.

Anderseits gibt es heute kein stärkeres Mittel als das Kino, um die Massen zu beeinflussen, sei es wegen der Natur des Bildes selbst, das auf die Leinwand geworfen wird, sei es wegen der Popularität des Schauspiels oder wegen der Umstände, die es begleiten.

Die Macht des Films beruht auf der Tatsache, dass er durch das Bild spricht, lebendig und anschaulich. Es wird aufgenommen von der Seele mit Lust und ohne Ermüdung, auch von einer ungebildeten und primitiven Seele, die nicht die Fähigkeit hat und nicht einmal das Verlangen spürt, sich mit den Abstraktionen oder Deduktionen des Denkens abzumühen; auch das Lesen und das Zuhören verlangt noch eine gewisse Anstrengung, die dagegen beim Film ersetzt wird durch das ununterbrochene Lustgefühl beim Anblick der einander folgenden und sozusagen lebendigen Bilder. Im Tonfilm verstärkt sich diese Macht, da die Deutung der Geschehnisse noch leichter wird und der Zauber der Musik sich mit dem Schauspiel verbindet. Sodann erhöhen Tänze und Varieté-Spiele, die man mitunter willkürlich in den Zwischenstücken einlegt, die Erregung der Leidenschaften.

Es ist tatsächlich eine Lektüre, die sich einprägt, sei es zum Guten, sei es zum Bösen, die viel wirksamer ist für den größten Teil der Menschen als abstrakte Erörterungen. Es ist darum notwendig, dass sich die Filmkunst zu der Höhe des christlichen Gewissens erhebe und dass sie sich befreie von herabwürdigender und zersetzender Effekthascherei.

Es ist allen bekannt, welch üble Wirkungen unmoralische Filme im Geiste des Menschen hervorbringen. Sie bieten Gelegenheiten zur Sünde; sie führen die Jugend auf schlechte Wege, denn sie sind eine Verherrlichung böser Leidenschaften; sie stellen das Leben. unter eine falsche Beleuchtung; sie trüben die Ideale; sie zerstören die reine Liebe, die Achtung vor der Ehe, die Verehrung für die Familie. Sie können ebenfalls leicht Vorurteile schaffen zwischen einzelnen Menschen und Missverständnisse zwischen den Nationen, den sozialen Klassen und ganzen Rassen.

Auf der anderen Seite können gute Filme aber auch tiefgehenden moralischen Einfluß auf die Zuschauer ausüben. Über die Unterhaltung hinaus können sie hinweisen auf hohe Lebensideale, wertvolle Kenntnisse vermitteln, weiteres Wissen um die Geschichte und die Schönheit des eigenen Landes fördern, Wahrheit und Tugend in anziehender Form darstellen, gegenseitiges Verständnis unter den Nationen, den sozialen Klassen und den Rassen schaffen oder wenigstens begünstigen, die Sache der Gerechtigkeit verteidigen, für die Schönheit und Tugend eintreten und in jeder Weise wirken für eine gerechte soziale Ordnung in der Welt.

Diese Erörterungen erhalten ein noch größeres Gewicht dadurch, dass der Film nicht zu einzelnen, sondern zu den Massen spricht, und das zu einer Zeit, in einem Raum und in einer Umgebung, die wie nie etwas geeignet sind, Begeisterung für das Gute wie für das Böse zu wecken und zu jener Massensuggestion zu führen, die leider, wie die Erfahrung lehrt, geradezu krankhafte Formen annehmen kann.

Die Lichtbilder des Filmstreifens werden ja dem Volk vorgeführt, während es in einem dunklen Theater sitzt und während seine geistigen, physischen und oft auch geistlichen Fähigkeiten herabgesetzt sind. Man braucht nicht weit zu gehen, um ein Kino zu finden; sie stoßen an unsere Häuser, Kirchen und Schulen, sie tragen den Film bis mitten ins Volksleben hinein.

Ferner werden die Bildspiele dargeboten von Männern und Frauen, die etwas Bezauberndes haben durch ihre Kunst, durch ihre natürlichen Gaben und durch die Anwendung jener Mittel, die besonders für die Jugend auch ein Anreiz der Verführung werden können.

Dazu hat der Film meist in seinen Dienst genommen die Musik, luxuriöse Räume, realistische Kraft und jeden Einfall extravaganter Laune. Eben dadurch fasziniert er in ganz besonderer Weise die Jugend, die Halbwüchsigen und selbst die Kinder. Also gerade in dem Alter, in dem sich der moralische Sinn zu bilden pflegt, in dem sich die Begriffe und die Empfindungen von Gerechtigkeit und Rechtlichkeit, von Aufgaben und Pflichten, überhaupt von Lebensidealen entwickeln, nimmt der Film mit seiner unmittelbaren Wirkung eine besondere Stellung ein.

Leider, wie die Dinge heute stehen, häufig zum Bösen. So kommt einem bei dem Gedanken an die schrecklichen Verheerungen in den Seelen der Jugend und der Kinder, an soviel Unschuld, die gerade in den Filmtheatern verloren geht, das schreckliche Wort unseres Meisters über die Verführung der Kleinen in den Sinn: „Qui autem scandalizaverit unum de pusillis istis qui in me credunt, expedit ei, ut suspendatur mola asinaria in collo eius et demergatur in profundum maris“ (Mt 18, 6-7), (Wer aber eines von diesen Kleinen ärgert, die an mich glauben, es wäre für ihn besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde).

IV.

Es gehört also zu den dringlichsten Aufgaben unserer Zeit, zu wachen und zu wirken, dass der Film nicht ferner eine Schule der Verführung sei, sondern dass er sich umgestalte in ein wertvolles Mittel der Erziehung und der Erhebung der Menschheit. Wir erinnern hier auch mit Genugtuung daran, dass manche Regierungen, voll Sorge wegen des Einflusses des Films auf sittlichem und erzieherischem Gebiet, rechtschaffene und ehrenhafte Personen beriefen, insbesondere Familienväter und -mütter, und so Zensurbehörden schufen sowie Ämter zur Regelung der Filmproduktion, mit der Absicht, ihr Anregungen zu geben aus den Werken der großen nationalen Dichter und Schriftsteller.

So war es also im höchsten Grade berechtigt und entsprechend, dass ihr, Ehrwürdige Brüder, eine besondere Wachsamkeit der Filmindustrie Eures Landes gewidmet habt, die besonders große Fortschritte gemacht hat und einen nicht geringen Einfluß auf andere Länder ausübt. Es ist aber auch die Pflicht der Bischöfe der ganzen katholischen Welt, sich dahin zu einigen, dass sie diese allgemeine und einflussreiche Form der Unterhaltung und der Unterweisung überwachen, dass sie als Beweggrund ihrer Verbote geltend machen die Beleidigung des sittlichen und religiösen Empfindens und alles dessen, was dem christlichen Geist und seinen ethischen Prinzipien zuwiderläuft, was dazu beiträgt, den Sinn für gute Sitte und Ehre im Volk zu schwächen.

Es ist eine Pflicht, die nicht nur den Bischöfen zufällt, sondern allen gläubigen Katholiken und allen rechtschaffenen Menschen, denen die Würde und die Gesundheit der Familie, der Nation und der ganzen Menschen Gesellschaft am Herzen liegt.

Worin soll diese Überwachung bestehen?

Das Problem der Produktion moralisch einwandfreier Filme wäre in der Wurzel gelöst, wenn man eine Produktion einrichten könnte, die vollkommen von den Prinzipien des Christentums beherrscht wäre.

Unsere Anerkennung für alle jene kann nicht groß genug sein, die sich der edlen Aufgabe gewidmet haben, die Filmkunst auf die Höhe ihrer erzieherischen Aufgaben zu bringen und sie den Forderungen des christlichen Gewissens gemäß diesem Ziele anzupassen, mit der Kompetenz von Fachleuten natürlich und nicht durch Dilettanten, um jeden Verlust an Kraft und Geld zu vermeiden.

Weil wir aber überzeugt sind, dass es schwer ist, eine solche Industrie zu organisieren, besonders aus finanziellen Gründen, und weil es andererseits doch wünschenswert wäre, einen Einfluss auf die gesamte Produktion zu haben, dass sie nicht in einem das religiöse, moralische und soziale Leben schädigenden Sinne arbeite, so müssen sich die Seelsorger für die Filme interessieren, die heute hergestellt und dem christlichen Volke allenthalben vorgesetzt werden.

Was die Filmindustrie betrifft, so fordern wir die Bischöfe aller Produktionsländer auf, insbesondere euch, Ehrwürdige Brüder in den Vereinigten Staaten, einen Appell an jene Katholiken zu richten, die an dieser Industrie einen bedeutenden Anteil haben. Sie mögen sich ernstlich ihrer Pflichten erinnern und der Verantwortlichkeit, die sie haben, als Kinder der Kirche ihren Einfluß dahin geltend zu machen, dass die Filme, die sie produzieren oder bei deren Produktion sie beteiligt sind, den gesunden Grundsätzen der Moral entsprechen. Die Zahl der Katholiken, die als Unternehmer, Direktoren, als Autoren und Akteure im Filmwesen tätig sind, ist nicht klein; aber leider ist ihre Einflussnahme auf die Produktion selber nicht immer in Übereinstimmung mit ihrem Glauben und mit ihren Idealen gewesen. Ihr, Ehrwürdige Brüder und Schwestern, werdet wohl daran tun, wenn ihr auf sie einwirkt, dass sie ihren Beruf in Übereinstimmung mit ihrem Gewissen als Ehrenpersonen und als Jünger Christi ausüben.

Auch auf diesem Gebiet, wie auf jedem anderen Feld des Apostolats, werden die Seelsorger sicherlich ausgezeichnete Mitarbeiter in den Reihen der katholischen Aktion finden, an die wir in diesem unserem Schreiben einen heißen Appell richten, dass sie doch ihren Beitrag leisten, dass sie nicht ermüden in ihrem Eifer, dass sie nicht nachlassen darin.

Von Zeit zu Zeit werden die Bischöfe gut daran tun, die Filmindustrie darüber zu unterrichten, dass sie kraft ihres seelsorglichen Amtes verpflichtet sind, sind für jede Form einer geziemenden und gesunden Unterhaltung zu interessieren, dass sie Gott verantwortlich sind für die Moral ihres Volkes, auch wenn es sich erholt.

Ihr heiliges Amt verpflichtet sie, es klar und offen auszusprechen, dass eine ungesunde und unsaubere Art des Vergnügens den moralischen Charakter einer Nation zerstört. Sie mögen die Filmindustrie ebenfalls daran erinnern, dass in dieser Hinsicht nicht nur die Katholiken ihre Forderungen stellen, sondern das gesamte Filmpublikum.

Im besonderen könnt ihr, Ehrwürdige Brüder und Schwestern, gerechterweise immer wieder die Tatsache betonen, dass die Filmindustrie Eures Landes selbst ihre Verantwortlichkeit in aller Öffentlichkeit zugegeben hat.

Mögen also die Bischöfe aller Welt die Filmindustriellen dahin aufklären, dass eine so bedeutend‚ und weitverbreitete Macht auf das hohe Ziel individueller und sozialer Reform nützlich geleitet werden kann. Warum soll man in der Tat nur an die Unterdrückung des Bösen denken? Der Film braucht nicht ein bloßes Vergnügen zu sein, er braucht nicht nur nichtige und müßige Stunden auszufüllen, er kann und muss mit seinen positiven Wirkungen Bildungsmittel werden und positiv zum Guten führen.

Wir halten es nunmehr bei der Bedeutung der Frage für nützlich, einige praktische Vorschläge zu machen.

Zunächst sollten, was wir schon angedeutet haben, alle Seelsorger von ihren Gläubigen nach dem Beispiel ihrer amerikanischen Amtsbrüder das Versprechen zu erhalten suchen, niemals einer Kinodarstellung beizuwohnen, die Glaube und Sitte des Christentums beleidigt.

Dieses Pfand oder Versprechen erreicht man auf die wirksamste Weise durch die Pfarrei und durch die Schule und durch die eifrige Mitwirkung der Familienväter und -mütter, die sich ihrer schweren Verantwortung bewusst sind.

Die Bischöfe können sich auch zu diesem Zweck der katholischen Presse bedienen, die die Schönheit und den Wert eines solchen Versprechens darlegen wird.

Die Einlösung dieses Versprechens verlangt, dass das Volk gut darüber unterrichtet wird, welche Filme erlaubt sind für alle, welche nur mit Vorbehalt, welche schädlich oder positiv schlecht sind. Das erfordert die Veröffentlichung von regelmäßigen, häufig erscheinenden und sorgfältig hergestellten Listen, die man allen leicht zugänglich machen muss durch besondere Mitteilungen oder durch andere geeignete Publikationen: natürlich gerade auch durch die katholische Tagespresse.

Es wäre an sich wünschenswert, eine einzige Liste für die ganze Welt aufzustellen, weil überall das gleiche Gesetz der Moral in Geltung ist. Aber da es sich um Darstellungen handelt, die alle Klassen der Gesellschaft interessieren, groß und klein, gelehrt und ungelehrt, so kann das Urteil über einen Film nicht überall das gleiche sein in jedem Fall und unter jeder Rücksicht. In der Tat wechseln Lebensbedingungen, Sitten und Gebräuche in den verschiedenen Ländern; es scheint darum nicht praktisch zu sein, nur eine einzige Liste für die ganze Welt aufzustellen. Wenn aber auch nur in jeder Nation eine Klassifikation, so wie wir sie oben gekennzeichnet haben, vorgenommen wird, so ist schon im Prinzip die verlangte Führung vorhanden.

Es wird deshalb notwendig sein, dass in jedem Land die Bischöfe ein permanentes nationales Revisionsbüro schaffen, das die guten Filme fördern, die übrigen klassifizieren und das Urteil Priestern und Gläubigen zugänglich machen kann. Es wird dieses Büro am besten der Zentralstelle der katholischen Aktion anvertraut, die unmittelbar von den Hochwürdigsten Bischöfen abhängig ist. In jedem Fall muss dieses Büro gut eingerichtet sein: es muss der Aufklärungsdienst, um wirksam und organisch zu sein, auf nationaler Grundlage erfolgen und von einem Zentrum aus. Falls sodann sehr wichtige lokale Gründe es notwendig machen, können die Hochwürdigsten Herren Bischöfe in ihrer eigenen Diözese durch ihre Diözesanzensurkommission selbst in Bezug auf die nationale Liste, die ihre Normen der ganzen Nation anpassen muss, strengere Maßstäbe anlegen, wie es für die Bedürfnisse der Gegend notwendig sein kann, und somit auch Filme zensurieren, die auf der allgemeinen Liste zugelassen wurden.

Dieses Filmamt wird ferner die Organisation der Pfarrkinos betreuen und jene Katholikenausschüsse, die für die Versorgung dieser Kinos mit revidierten Filmen tätig sind. Durch die Organisation solcher Kinos, die für die Industrie oft gute Abnehmer sind, kann sich ein neues Verfahren herausbilden, demgemäß die Industrie selber Filme produziert, die ganz und gar unsern Prinzipien entsprechen; Filme, die man leicht nicht nur in unsern Theatern, sondern auch in allen andern vorführen kann.

Wir geben zu, dass die Errichtung eines solchen bischöflichen Filmamtes ein gewisses Opfer verlangt und eine gewisse Belastung der Katholiken der einzelnen Länder darstellt. Aber die große Bedeutung des Filmtheaters und die Notwendigkeit, die Moralität des christlichen Volkes und ganzer Nationen zu schützen, lässt ein solches Opfer gerechtfertigt erscheinen.

In der Tat war ja die Tätigkeit unserer Schulen, unserer Vereine und auch der Kirche selbst geschmälert und in Gefahr gebracht durch die Landplage eines sittenlosen und verderblichen Filmwesens.

Das Filmamt soll im allgemeinen durch Mitglieder besetzt werden, die mit der Filmtechnik vertraut sind und wohlbefestigt in den Grundsätzen der christlichen Moral und Lehre. Es soll unter der Leitung eines vom Bischof auserwählten Geistlichen stehen, der sich direkt an den Arbeiten beteiligt.

Es empfehlen sich auch Anregungen und Austausch der Qualifikationen und Informationen zwischen den verschiedenen Ländern, um die Arbeit der Filmprüfung wirksamer und harmonischer zu gestalten und um die verschiedenen Bedingungen und Umstände gebührend in Rechnung zu stellen. So wird sich eine einheitliche Richtung in den Urteilen und Qualifikationen in. der gesamten katholischen Weltpresse herausbilden. Auch wird man die Erfahrungen, die nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in der Filmarbeit der Katholiken in anderen Ländern gemacht wurden, ebenso wie die Ergebnisse der großen Internationalen katholischen Filmkongresse auf diesen Büros sinngemäß ausnützen.

Sollten einmal die Mitglieder des Filmamtes trotz aller guten Absichten und Vorkehrungen sich irren, wie das in allen menschlichen Dingen vorkommen kann, so werden die Bischöfe das in aller Klugheit und Hirtensorge in möglichst wirksamer Weise in Ordnung zu bringen wissen, und zugleich werden sie nach Kräften die Autorität und Wertschätzung des Amtes selbst schützen, z. B. dadurch, dass sie durch eine neue tüchtige Kraft das Ansehen des Amtes erhöhen oder diejenigen entfernen, die sich als weniger geeignet für eine so verantwortungsvolle Aufgabe gezeigt haben.

Wenn die Bischöfe der Welt ihre Verantwortlichkeit anerkennen und eine solche mühsame Überwachung des Filmwesens auf sich nehmen, woran wir bei der Kenntnis ihres Hirteneifers nicht zweifeln, dann können sie eine große Aufgabe zum Schutz der Moralität ihres Volkes für die Stunden seiner Muße und seiner Erholung erfüllen. Sie werden die Billigung und die Mitarbeit aller Wohlgesinnten finden, seien es Katholiken oder Nichtkatholiken. Sie werden den Aufstieg dieser großen internationalen Macht, denn das ist der Film, auf sichere Wege leiten, zu dem hohen Ziel der Förderung ritterlicher Ideale und richtiger Lebensnormen.

Um diesen Vorsätzen und Wünschen, die aus unserem väterlichen Herzen hervorquellen, die rechte Kraft zu verleihen, flehen wir um die Hilfe der göttlichen Gnade; in der Hoffnung auf sie erteilen wir aus ganzer Seele euch, Ehrwürdige Brüder, und dem euch anvertrauten Klerus und Volk den Apostolischen Segen.

 

PAPST PIUS XI.


1) AAS, 1930, vol XXII, p. 82.

2) Kirchengebet, III. Sonntag nach Pfingsten.

_______

Quelle

Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II – 1

Pojavnik Ivan

[DAS MYSTERIUM DES KONZILS — ERSTER TEIL]

„Die Größe eines Papstes sollte sich nicht nur nach der persönlichen Heiligkeit bemessen, sondern auch nach der umfassenden und genauen Sicht der Probleme seiner Epoche, nach der Höhe der vorgegebenen Ziele und nach der moralischen Kraft, um sie zu verfolgen.“1

„Wenn auch die Päpste des vergangenen Jahrhunderts und der Gegen­wart, da sie alle den göttlichen Geist widerspiegelten, eine allgemeine Übereinstimmung hervorbrachten, so besaß doch jeder seine persönliche Eigenart.“2

Als Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi auf Erden ist jeder Papst ein Geheimnis. Die letzten Päpste leuchteten als große Sterne am Firma­ment des Römischen Papsttums, ja am Himmel der Kirche. Sie sind vor allem deshalb groß, weil sie „der Einheit des Glaubens und der Gemein­schaft“ dienten und so die ununterbrochene Verbreitung der Wahrheit und der Liebe garantierten. Mit anderen Worten: Sie dienten dem Heils­plan Gottes für die Menschheit. Sie erstrahlten aufgrund jenes Dienstes, der den wesentlichen und radikalen Sinn der Kirche selbst ausmacht; sie waren sich bewußt, daß sie in den Stürmen innerhalb und außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft nicht ohne schwere Leiden für die Sache Gottes und die Seelen kämpfen mußten.

Die letzten Nachfolger Petri, „deren wir heute gedenken, lassen um offenkundig und trostvoll spüren, daß der von Christus, dem Messias

___

1 Pius XII., Ansprache vom 11. 7. 1954, in: Discorsi e radiomessaggi di Sua SanSantità Pio XII, XVI (1954/55) 74.

2 Johannes XXIII., Ansprache vom 18. 6. 1961, in: Discorsi, messaggi, colloqui del Santo Padre Giovanni XXIII, I (1960/61) 565; vgl. Paul VI., Ansprache vom 22. 6. 1963, in: Insegnamenti di Paolo VI, I (1963) 3-4; Johannes Paul II., Ansprache vom 6. 11. 1983, in: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, VI, 2 (1983) 1000: Pius XII. und Johanne XXIII. „strahlten in hellem Licht am Firmament des Römischen Papsttums“; Johannes XXIII., Ansprache vom 9. 11. 1958, in: Discorsi I, 513: „Wir alle stehen unter dem wohltuenden Einfluß der großen Päpste des letzte Jahrhunderts“; vgl. Pius XII., Ansprache vom 13. 5. 1942, in: Discorsi IV, 70.

Die Kursivsetzungen stimmen mit denen im Original überein und wurden von den Päpsten selbst vorgenommen. Die Unterstreichungen wurden bei der Übersetzung eingefügt.

___

und Erlöser, verwirklichte und der Kirche anvertraute Heilsplan Gottes sich in der Zeit von Papst zu Papst nun fortsetzt und in der Geschichte der Menschheit voranschreitet, bis er in die Ewigkeit einmündet.“3

„Man begegnet oft der Meinung, das II. Vatikanische Konzil bezeichne eine neue Epoche im Leben der Kirche. Das ist wahr, aber zugleich ist kaum zu übersehen, daß die Konzilsversammlung viel aus den Erfahrungen und Überlegungen der vorhergehenden Periode geschöpft hat, besonders aus dem gedanklichen Erbe Pius XII. In der Geschichte der Kirche sind »das Alte« und »das Neue« stets tief miteinander verflochten. Das »Neue« er­wächst aus dem »Alten«, das »Alte« findet im »Neuen« einen vollkomme­neren Ausdruck. Das traf auch für das II. Vatikanische Konzil und für das Wirken der mit der Konzilsversammlung verbundenen Päpste zu, ange­fangen von Johannes XXIII., über Paul VI. und Johannes Paul I., bis hin zum gegenwärtigen Papst.“4

Nach einem Plan der göttlichen Vorsehung sind die letzten Nachfolger Petri eng mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verbunden. In Verbin­dung mit dem Konzil zeigt sich ganz besonders ihre geistige Größe und die prophetische Rolle ihres universellen Lehramtes, mit dem sie die Kir­che und die Menschheit erleuchteten. Ihr Lehramt war auch ein entschei­dender Faktor bei der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils und in der ersten Phase seiner Verwirklichung. Die letzten Nachfolger Petri sind unsere Väter im Glauben. Den Spuren der Päpste Pius XI., Pius XII. und Johannes XXIII. folgend, will ich einige Züge ihrer Persönlich­keit, ihres Lehramtes und ihres Wirkens aufzeigen.


I. DER HEILIGE VATER PIUS XI. (1922-1939)

1. Ein Papst mit Weitblick

Papst Pius XI. beschäftigte sich nicht nur mit „der Wissenschaft aus kurzsichtigem Blick“, sondern auch und vor allem „mit der Wissenschaft aus dem Weitblick“, der fernliegende Dinge anvisiert. Er war immer auf

___

3 Johannes Paul II., Ansprache vom 6. 11. 1983, 2 ,1000.

4 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio Millennio adveniente, 10. 11. 1994, Nr. 18.

___

den Spuren dessen, was darüber, was jenseits und höher liegt: also vom Besonderen zum Allgemeinen, von der Wirkung zur Ursache, von den unmittelbaren Ursachen zu den entfernteren Ursachen, von den Zweit­ursachen zu den Erstursachen, zur Ursache der Ursachen.“5

„Mit der wachsamen Unbeirrbarkeit, die vom festen Blick auf den Him­mel getragen war, richtete Pius XI. – auf dem Stuhl Petri wie auf dem höchsten Gipfel der von ihm erstiegenen Alpen sitzend – sein Blick auf die verwirrte Welt der Völker. Diese waren untereinander zerstritten und hatten Gott und seinen Christus, den Friedensstifter im Himmel und auf Erden, vergessen. Und er erflehte den Völkern, gleichsam als Krönung seines Pontifikats, den Frieden Christi im Reich Christi.“6

Pius XI. war ein großer Beobachter des Erdkreises und der Menschen seiner Zeit, und dies sowohl im kleinen wie im großen Rahmen seiner Geschichte und seiner Geographie. Indem er die menschliche Kurzsichtig­keiten überschritt, war er immer auf der Suche nach Spuren der göttli­chen Vorsehung. Mit der „teleskopischen“ Glaubenssicht drang er in den „Himmel Gottes“ ein und untersuchte das übernatürliche Universum der Kirche. Mit teleskopischen Blicken drang er in die zeitgenössische Welt der Menschen ein, ja in alle Wirklichkeiten und umfaßte sie oft.

Wir weisen hier auf einige wichtige Grundlinien der Beobachtungen Pius XI. hin und zwar in der Perspektive, die sich zum Zweiten Vatika­nischen Konzil hin öffnet.

„Das Merkmal unserer Zeit – alle wissen und spüren es – ist das der Bewegung, des leidenschaftlichen und unablässigen Wirkens. Heute voll­bringt man in wenigen Tagen, wofür man früher Jahre brauchte, – und in wenigen Jahren geht man Wege, die zuvor Jahrhunderte erforderten. Die Welt eilt mit rasender Geschwindigkeit dahin, und aufgrund der Schnel­ligkeit ihres Laufes – motus in fine velocior (der Gang ist gegen Ende schneller) – könnte man sagen, daß sie auf ihr Ende zueilt. Dies ist das Geheimnis Gottes, doch es ist gewiß, daß wir in einem Lauf, der so schnell ist wie nie

___

5 Pius XI., Ansprache vom 16. 12. 1923, in: Discorsi di Pio XI, I (1922-1928) 176.

6 Pius XII., Ansprache vom 11. 2. 1940, in: Discorsi I, 530; Pius XI., Casti connubii, in: E. Momigliano (Hrsg.), Tutte le Encicliche dei Sommi Pontefici, Milano 1990, I, 873: „Wir beobachten von der hohen Warte Unseres Aposto­lischen Amtes mit Vaterblick die gesamte Welt“; vgl. Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 812: Der Papst beobachtet wie von einem höchsten Beobachtungspunkt die ganze Menschheit

___

zuvor, mitgerissen werden.“7

Vom Tod des heiligen Papstes Pius X. (1914) bis zum Tod des Papstes Pius XI. (1939) „verging ein Vierteljahrhundert: ein Vierteljahrhundert voller Ereignisse und Entwicklungen, für die in einem anderen Zeitalter das Werk von Jahrhunderten nicht genügt hätte.“8

Die Zeit von Pius XI. war von den großen Fortschritten der Menschheit auf materiellem Gebiet, insbesondere aber auf dem Gebiet der Naturwis­senschaften geprägt. Die sozialen Kommunikationsmittel stellten damals eine blendende Neuheit dar. Doch der schon erwähnte Fortschritt wurde nicht von einer entsprechenden geistigen und moralischen Entwicklung der Menschen und Nationen begleitet. Im Gegenteil, die vom Orkan des Ersten Weltkriegs geschlagene Menschheit setzte größtenteils mit noch eiligerem Schritt ihren Weg auf dem Abhang des Irrtums und des Lasters fort.

In der alten christlichen Welt schritt jeden Tag der Prozeß der Ent­christlichung fort. In Europa kam der übertriebene Nationalismus und Totalitarismus auf, die eine Form des Abfalls von Christus und seiner Kirche sind. Der Papst stellte fest, daß die Welt wieder heidnisch gewor­den war. Das Neuheidentum erstand aus dem Zerfall des Christentums. Es materialisierte das ganze Leben und war götzendienerischer und un­moralischer als das antike Heidentum.

Von seiner Warte aus verfolgte der Nachfolger Petri sorgfältig die un­geheure Entwicklung des ganzen Erdkreises. Das Gesicht der Erde änder­te sich: nämlich die geschichtliche und geographische Gestaltung der Menschheit in ihrer inneren und äußeren Ordnung. Dieser Prozeß bezog auch die Kirche ein, die das größte Faktum der Geschichte ist.

„Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir Zeugen eines kaltblütig genau geplanten Kampfes des Menschen gegen »alles, was Gott oder Heilig­tum heißt« (2 Thess 2,4).“9

Die Welt, die sich Gott widersetzt, steht im Gegensatz zur Heiligkeit. Sie steht unter der Herrschaft der dreifachen Begierde: sie verschließt sich in ihrer erschreckend raffinierten Hochmütigkeit sowie in der Begierlichkeit des Fleisches und der Sinnlichkeit sowie in der Gier nach den irdischen Gütern. Heute sieht man, was man in der Geschichte bisher noch nicht gesehen hat, nämlich den organisierten und systematischen Kampf vieler Menschen gegen die Religion und gegen Gott und dies in allen Völkern und in allen Teilen der Erde. Der Kampf zielt hauptsächlich ab auf die völlige Zerstörung des christlichen Glaubens und insbesondere der Katho­lischen Kirche. Der marxistische Kommunismus führt diesen Kampf im Osten und vom Osten aus in der ganzen Welt. Im Westen bekämpfen die Freimaurerei und der Liberalismus systematisch die Katholische Kirche.

Der kämpferische Atheismus, dessen Ziel die völlige Ausrottung jeder Religion ist, ist ein großes Zeichen im Gesamtdenken des 20. Jahrhun­derts. Er zeigt, daß das „Geheimnis der Gesetzwidrigkeit“ (2 Thess 2,7) mehr denn je am Werk ist. Er zeigt darüber hinaus, daß sich der Satan wie nie zuvor mit seinem höllischen und irdischen Anhang gegen den Gott­menschen erhoben hat und daher gegen Gott und gegen den Menschen (die Menschheit), um möglichst viele Seelen ins ewige Verderben zu stür­zen.

Wo der Glaube an Gott und die Gottesfurcht nachlassen, fällt auch jedes moralische Gesetz, und es gibt kein Heilmittel mehr, das den schrittwei­sen, aber unvermeidlichen Verfall der Völker, der Familien, des Staates und der menschlichen Zivilisation aufhalten könnte.

Die traurigen Ereignisse des systematischen und immer weiter verbrei­teten Kampfes gegen den Herrn und seine Kirche „kündigen und zeigen jetzt schon »den Anfang der Wehen« an, die der »Widersacher« bringen wird, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, erhebt“ (2 Thess 2,4).10

Die antiken, heidnischen Völker erkannten das natürliche Sittengesetz

___

7 Pius Xl., Ansprache vom 19. 3. 1923, in: Discorsi I,107; ders., Ansprache vom 13. 2. 1933, in: Discorsi II, 827: „Jede Zeit hat unvermeidlich ihre Merkmale, das »geschichtliche Klima», wie man heute sagt. Vor allem der Lärm von Dingen und Ereignissen, die in rasender Schnelligkeit aufeinanderfolgen, heben heute die Zeit fast auf und überbrücken die Entfernungen. Wle oft sieht man erwählte Seelen, die sich in der äußeren, zu oberflächlichen Geschäftigkeit versehren, denn ihnen fehlt jede Nahrung für das innere Leben. Wehe uns, wenn unser Leben so lau, es wäre trotz aller scheinbaren Verheißungen letztlich zur Unfruchtbarkeit bestimmt.“

8 Pius XII., Ansprache vom 20.8.1938, in: Discorsi 1, 297.

9 Pius XI., Divini Redemptoris, in: Encicliche I, 1092; vgl. ders., Charitate Christi, in: Encicliche 1,1002f. 974; vgl. ders., Ansprache vom 15. 8. 1928, in: Discorsi I, 818; vgL ders., Ansprache vom 13. 3. 1933, in: Discorsi II, 859f; vgl, ders., Ansprache vom 3. 9. 1936, in: Discorsi III, 547: Der Kampf gegen den Glauben und gegen Gott in der Welt ist so groß wie nie zuvor; Johannes Paul II., Ansprache vom 17. 3. 1989, 538; vgl. Pius XI., Ansprache vom 24. 12. 1935, in: Discorsi III, 419: Von Rußland verbreitet sich der Atheismus in der geistigen Atmosphäre der Völker; vgl. Pius XI., Mit brennender Sorge, in: Encicliche I,1073: Die Welt ist schwer krank.

10 Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 820; vgl. ders., Charitate Christi compulsi, in: Encicliche 1009.

___

an, das Gott in die Seele eines jeden Menschen eingeprägt hat, und wur­den so zurückgehalten. Doch wenn man dem Herzen der Menschen die Gottesidee entreißt, dann werden sie notwendigerweise von ihren Leiden­schaften zur grausamsten Barbarei getrieben. Dies lehrt die Geschichte dieses Jahrhunderts, das „ein von gierigstem Egoismus und schrecklich­sten Kriegen geschlagenes Jahrhundert ist.“11

Die Menschheit ist bereits schwer krank. Der Kampf gegen Gott, das letzte Fundament jeder Ordnung, führt zum Umsturz jeder Ordnung. Daraus gehen geistige, moralische, kriegerische und wirtschaftliche Welt­katastrophen hervor. Dank seiner teleskopischen Glaubenssicht sah Pius XI. nicht nur das unmittelbare Bevorstehen des Zweiten Weltkriegs vor­aus, sondern auch das Ende der Welt.

2. Papst Pius XI.: Ein Bergsteiger und ein Bibliothekar

Die geschichtliche Epoche von Pius XI. „war eine Zelt des Reifens und zugleich des Übergangs, in der die Katholische Kirche, vor allem in Italien, sich ihrer selbst und ihrer Wurzeln erneut bewußt wurde und sich für den entschiedenen Eintritt in eine neue Epoche der Geschichte nun vorbereitete.“12

Zur Lösung der scheinbar unlösbaren Problems „brauchte es einen Bergsteiger-Papst, einen Bergsteiger – frei von Schwindelanfällen -, der es gewohnt war, steilste Anstiege zu bewältigen, ebenso dachten wir manchmal, wir bräuchten vielleicht auch einen Bibliothekar Papst.“13

Pius XI. war ein „Bergsteiger-Papst“ und ein „Bibliothekar-Papst“. Er war in der patristischen und mittelalterlichen katholischen Kultur verwurz-

___

11 Paul VI., Ansprache vom 29.3. 1972, 317.

12 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des internationalen und interdisziplinären Kolloquiums über „Achille Ratti, Papst Pius XI.“(3), in; OR (dt) 17 (1989) 11; Pius XII., Ansprache vom 11.2.1940, in: Discorsi I, 529-530: „Auf den ruhmreichen Seiten der Kirchengeschichte ist der Name Pius XI. verzeichnet als Mittelpunkt neuer Zeiten, als Abschluß und Siegel einer weniger glorreichen als stürmischen Vergangenheit und Anfang und Vorzeichen einer Zukunft, die aus der Vergangenheit die Kraft und den Schwung zu umfassenderen und tieferen Siegen des Glaubens schöpfte,“

13 Pius XI., Ansprache vom 13.2.1929, in : Discorsi II, 17, vgl. Paul VI., Ansprache vom 4.6.1965, 322-323, vgl Johannes XXIII., Ansprache vom 31.3.1963, in Discorsi V, 434: Achille Ratti, der spätere Pius XI., war ein unerschrockener und mutiger Vorläufer des Alpinismus; Johannes Paul II., Ansprache vom 21.5.1983, 1, 1294-1295: Achille Ratti wurde im Jahr 1857 geboren. „Im Jahr 1888 wurde er unter die Professoren der berühmten Ambrosianischen Bibliothek von Mailand aufgenommen, deren Präfekt er von 1907-1914 war, als Papst Benedikt XV. ihn zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek ernannte und dann 1918 zum Apostolischen Visitator in Polen.“

___

zelt. Und zugleich war er für die neuen Zeiten aufgeschlossen, ja er stand in ihrem Mittelpunkt. Er trug der geschichtlichen und geographischen Entwicklung der Kirche und der Menschheit Rechnung, und als Bergsteiger-Papst bahnte er neue Wege auf den Berg des Herrn, um eine neue Beziehung zwischen der übernatürlichen und der natürlichen Ord­nung, zwischen der Kirche und der menschlichen Gesellschaft, zwischen dem Evangelium und der Kultur, zwischen dem Glauben und der Ver­nunft herzustellen.

In der starken und feinfühligen Seele Pius‘ XI. verbanden sich die apo­stolische Größe eines Ambrosius mit der mystischen Glut einer Theresa vom Kinde Jesu. Der Papst sorgte sich um höchste geistige Aufstiege auf den Berg des Herrn. Die Aufstiege auf die verschneiten Alpen waren davon nur Bilder. Dank des steilen Anstieges verwandelte sich Pius XI. selbst in einen hohen Berg der Katholischen Kirche des 20. Jahrhunderts.

„Bei Pius XI. bewundern die nachkommenden Generationen die Größe des Verstandes, den Umfang des Wissens, die Vielfältigkeit und Beweg­lichkeit seiner Haltungen, die hervorragende Überlegenheit des Gelehrten, des Lehrers und des Hirten.“14

Pius XI. hinterließ der Kirche das großartige Erbe einer Lehre, die aus dem liebevollen und weisen Versuch hervorgeht, das göttliche Denken mit dem menschlichen zu verbinden. Er wollte es konkret und nicht abstrakt in der Sprache des modernen Menschen ausdrücken. Das ist zugleich auch die pastorale Ausrichtung der Lehre des großen Papstes. Er war ein Mann des Studiums und von vorzüglicher Bildung. Er stieg den Berg des Herrn hinauf und verstand es, die „Wissenschaft aus dem Weitblick“ und die „Wissenschaft aus dem kurzsichtigen Blick“, die Weisheit des Evangeli­ums und die Errungenschaften des modernen Denkens harmonisch zu verbinden.

„Es wurde behauptet, der Irrtum sei eine Teilwahrheit oder eine verrin­gerte Wahrheit, und das ist zutiefst und erschütternd wahr.“15

Die Katholische, das heißt die universale Kirche besitzt eine Gesamt­schau der Welt (eine Weltanschauung). Die Tragödie der modernen Welt

___

14 Pius XII., Ansprache vom 18. 12. 1949, in: Discorsi XI, 318; zum Bibliothekar-Papst; vgl. Johannes Paul II, Ansprache vom 17. 3. 1989, a. a. O.; Paul VI., Ansprache vom 17. 6. 1964, 395; ders., Ecclesiam suam, in: Encicliche 11, 1707.

15 Pius XI., Ansprache vom 23.3. 1926, in: Discorsi I, 560.

___

besteht im Vergessen und in der Unkenntnis der Universalien und dem­zufolge bedeutet sie ein Sich-Verschließen in partiellen Weltanschauun­gen. Dank seiner universalen Bildung eröffnete Pius XI. neue Wege, um die katholische Gesamtschau zu erneuern. Seine Modernisierung der vati­kanischen Warte und die Einrichtung des „Radio Vatikan“ sind ebenfalls Zeichen der neuen Zeiten.

3. Ein vielseitiger Papst

„Bereits in der ersten Enzyklika beschrieb Pius XI. das Programm sei­nes Pontifikats mit den Worten: »Der Friede Christi im Reich Christi« (Ubi Arcano, 23. Dezember 1922).

Die Leitlinien seines Pontifikats sind vielfältig und in großen Doku­menten aufgezeichnet: der Einsatz »für den Frieden«, zu dem er ange­sichts des erwachenden Nationalismus aufrief, indem er die Bemühungen unterstützte, eine internationale Schiedsinstanz zu organisieren und dem Rüstungswettlauf Einhalt zu gebieten; – die »Missionstätigkeit« mit der Inkulturation des Christentums in verschiedenen Völkern und den Auf­bau der Kirche mit dem einheimischen Klerus; – die verantwortliche »In­tegration der Laien in das Apostolat« durch die Ermutigung des Zusam­menschlusses in katholischen Vereinigungen. Pius XI. war der Papst der Katholischen Aktion, die er in dunklen Zeiten zäh verteidigte; – die »Ju­genderziehung«; – die christliche Sicht von der »Ehe«, der »Arbeit und des sozialen Lebens«; – die mutige Verkündigung der Menschenrechte gegen die ersten Rassengesetze des Nationalsozialismus und die Verurteilung dieser abwegigen Ideologie zugleich mit der Verurteilung des atheisti­schen Kommunismus. – Bereits dem Ende nahe, opferte er sein Leben für den Frieden in Europa. – Er liebte Italien, denn er wollte dessen religiöses und ziviles Wohl. Deshalb führte er die schwierigen Verhandlungen zum Abschluß der Lateranverträge, die die »römische Frage« lösten und sein großes Werk waren. – Ebenfalls nicht zu vergessen ist, daß er auch die Hoffnung ausgesprochen hatte, das 1870 unterbrochene Vatikanische Konzil wiederaufnehmen zu können.

Ein wirklich großer, vielseitiger Papst, der eine tiefe Spur in einer stür­mischen und verheißungsvollen Zeit hinterließ: der Papst des Königtums Christi.“16

___

16 Johannes Paul II., Ansprache vor dem Angelus am Sonntag, den 12. Februar (3) in: OR (dt) 7 (1989) 3; vgl. Brief vom 1. 10. 1989, 2, 720.

___

Pius XI. widersetzte sich mit apostolischem Starkmut den mächtigen totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts, die im Gegensatz zum wahren Fortschritt der Nationen und der Menschheit standen. Mit heldenhaftem Mut verteidigte er die Rechte der Kirche und der einzelnen Menschen. Und er förderte alle Übereinkünfte, die den Frieden und die Menschen­rechte retten konnten. Auf große Resonanz stießen die Enzykliken Mit brennender Sorge (1937) und Divini Redemptoris (1937). Mit der ersten En­zyklika wandte sich der Papst gegen den Nationalsozialismus und mit der zweiten gegen den atheistischen Kommunismus. In der Enzyklika Quadragesimo anno (1931) zum 40. Jahrestag der Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. entwickelte er die katholische Soziallehre weiter und zwar im Hinblick auf die Errichtung der christlichen Gesellschaftsordnung.

In der Enzyklika Divini Illius Magistri (1929) forderte Pius XI. gegen das staatliche Monopol das Recht der Familie und der Kirche auf Erziehung der Jugendlichen ein.

In der Enzyklika Casti connubii (1930) wandte sich Papst Pius XI. nicht nur klar gegen die Ehescheidung, die Abtreibung, die Mittel zur Emp­fängnisverhütung, die Ehe „auf Probe“ und wies auf ihre Schäden hin, sondern er sprach sich vor allem für die natürliche Erhabenheit und christliche Heiligkeit der ehelichen Liebe und der Familie als Institution aus.

In den letzten Jahrhunderten identifizierten die katholischen Laien die Kirche allzuoft mit der Hierarchie. Infolgedessen war ihre Einstellung die Einstellung eines Empfangenden und nicht die eines Handelnden, der eine besondere Verantwortung trägt. Im 19. Jahrhundert wuchs dank der Entwicklung der Lehre über die Kirche das Bewußtsein der Laien von ihrer besonderen Sendung in der Kirche. In unserem Jahrhundert wurde dank der Förderung der Katholischen Aktion durch Pius XI. ein entschei­dendes Kapitel für das aktive Wirken der Laien im religiösen, sozialen, kulturellen, politischen und sogar wirtschaftlichen Bereich aufgeschla­gen.

Pius XI. war „der Papst der Katholischen Aktion.“ Mit außergewöhnli­chen organisatorischen Fähigkeiten ausgestattet, hat er die Katholische Aktion energisch gefördert. In Italien ging der Faschismus wie ein ver­heerender Sturm auf die Katholische Aktion nieder, doch der Papst ver­teidigte sie mit aller Macht. Dies bezeugt unter anderem die Enzyklika Non abbiamo bisogno (1931), in der der Papst auch das wahre Gesicht des Faschismus aufzeigt.

Pius XI. war der „Papst der Mission.“ In der alten christlichen Welt nahm der Abfall von Christus und seiner Kirche von Tag zu Tag zu. In den Missionsländern dagegen wanderten neue Völker auf dem aufstei­genden Weg zu Christus und seiner Kirche. Der Papst förderte mit Eifer und ohne Ruhe die Missionen und begünstigte und beschleunigte so diese Bewegung.

Von keinem Papst liest man, er habe so viele Heiligsprechungen vor­genommen wie Pius XI. Er erhob die heilige Theresa vom Kinde Jesu, die junge Karmelitin aus Lisieux, zur Hauptpatronin der Missionen auf der ganzen Welt, zusammen mit dem heiligen Franz Xaver. Pius XI. betonte, die Heiligkeit des Lebens sei in der Kirche nicht das Privileg einiger weni­ger, das die anderen ausschließt, sondern alle seien dazu berufen, und alle hätten die Pflicht, sich darum zu bemühen. „Die Größe und die Schwierigkeit unserer Zeit erlauben es keinem wahren Jünger Christi, sich mit der Mittelmäßigkeit zu begnügen.“17

„Im vergangenen Jahrhundert und auch im unsrigen ist es durch Schli­che und Ränke gottloser Menschen so weit gekommen, daß man Christus dem Herrn sein Königtum verleugnete. Offen zettelte man Kriege gegen die Kirche an, indem man Gesetze einbrachte und Volksbeschlüsse durch­brachte, die dem göttlichen Gesetz und dem Naturgesetz widersprechen. Ja, man hielt Tagungen ab unter dem Feldgeschrei: »Wir wollen nicht, daß dieser Mann unser König ist« (Lk 19,14). Im Gegensatz dazu erhob sich, um seine Ehre wiederherzustellen und seine Rechte zu behaupten, von Seiten der Verehrer des Heiligsten Herzens und durch die genannte Wei­he (an das Heiligste Herz Jesu) der einstimmige Ruf: »Christus muß herr­schen« (1 Kor 15,25). »Sein Reich komme!«

Das führte schließlich zu einer glücklichen Tat Unseres hochseligen Vorgängers Leo XIII., der zu Beginn dieses Jahrhunderts und unter dem Jubel der ganzen Christenheit die Menschheit, die Christus dem Mittel­punkt der Welt kraft angeborenen Rechtes zu eigen ist (vgl. Eph 1,10), dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht hat.

So zögerte denn Unser hochseliger Vorgänger Leo XIII. nicht, als er voll Staunen den besonderen Wert der Herz-Jesu-Andacht für unsere Zeit er­kannte, in dem Rundschreiben »Annum Sacrum« offen zu sagen: »Als die Kirche in ihrer Frühzeit unter dem Joch der Kaiser zu leiden hatte, er­schien einem jungen Kaiser das Kreuz am Himmel; es war die Verhei-

___

17 Pius XII., Ansprache vom 18. 12. 1949, in: Discorsi XI, 321. Der Papst gibt die unvergeßlichen Worte von Pius XI. wieder.

___

ßung und zugleich die Ursache des baldigen glorreichen Sieges.

Heute steht ein anderes göttliches und prophetisches Zeichen vor unse­ren Augen: das Heiligste Herz Jesu, vom Kreuz überragt, und leuchtend in den Strahlen lebendigen Lichtes. Darauf müssen wir unsere ganze Hoffnung setzen. Von ihm müssen wir das Heil erbitten und erwarten.«“18

„Damit Gott und sein Gesalbter in und über die Welt herrschen wür­den, krönte Pius XI. das Werk Leos XIII., der sie dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht hatte, und ebenso das Werk Pius X., der sein ganzes Leben dafür gewidmet hatte, alles in Christus zu erneuern (vgl. Eph 1,10), in­dem er feierlich das Königtum Christi verkündete und das Christkönigs-fest, eines der schönsten Feste des Kirchenjahres, einführte.“19

Es war am Ende des Jubiläumsjahres 1925 mit der Enzyklika Quas pri­mas, durch die Papst Pius XI. das Fest „Christus, König des Universums“, das die ganze Christenheit feiern sollte, eingeführt hat. Der Papst verherr­lichte das Königtum Christi und sein Reich in einer Zeit des zunehmen­den Glaubensabfalls in der alten christlichen Welt. Gewisse säkularisierte Teilbereiche der christlichen Nationen hatten Christus als König abge­lehnt. Dafür hatten sie irdische Regierungen und später die „allmächti­gen“ Diktatoren angebetet. Diese verführten sie dann mit falschen Ver­sprechungen und führten sie in die blutigen Schlachten des ,Ersten und dann des Zweiten Weltkriegs. Die weltlich gesinnten Christen wollten das Reich Christi ersetzen, indem sie die irdischen Reiche verabsolutier­ten und zugleich auch versuchten, neue große heidnische Reiche zu er­richten.

Durch die Einführung des Christkönigsfestes betonte Papst Pius XI. nicht nur die Herrschaft Christi über das ganze Universum, sondern freu­te sich in prophetischer Schau schon im voraus auf jenen wünschenswer­ten Tag, an dem sich die ganze Welt bewußt und freiwillig der sanften Herrschaft Christi des Königs unterwerfen wird.

___

18 Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 815-816.

19 Plus XII., Ansprache vom 18.12. 1949, in: Discorsi XI., 320-321; vgl. Pius XI., Charitate Christi compulsi (1932), in: Encicliche I, 1000f; Pius XI., Lux veritatis, in: Encicliche I, 995: „Alle suchen das geeignete Heilmittel bei Christus. »Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen« (Apg 4,12). So können einzig und allein mit Hilfe des Heiligsten Herzens Jesu für die Seelen der Sterb­lichen, sowohl für die einzelnen Menschen als auch für die Hausgesellschaft und die Zivilgesellschaft glück­lichere Zeiten anbrechen“; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 21. 5. 1983, 1, 1296: Pius XI. verlieh der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu einen starken Impuls.

___

Der Weg, der zum großen Triumph der Barmherzigkeit Christi des Kö­nigs und zur Ausbreitung seines heilbringenden Königtums auf der gan­zen Welt führt, ist die Weihe an sein Heiligstes Herz. Diese Weihe ist „der ganze Gehalt der Gottesverehrung und damit auch die Richtschnur für ein vollkommenes Leben. Diese Andacht drängt den Sinn leichter dahin, Christus den Herrn tiefer zu verstehen, und bewegt das Herz mit großem Erfolg dazu, ihn inniger zu lieben und treuer nachzuahmen.“20

Die Weihe drückt die Vereinigung der Christen mit Christus aus und festigt sie. Im Herzen Jesu werden ihre Herzen mit Liebe, Weisheit und allen Wohltaten erfüllt. Durch die gelebte Weihe überwinden sie die Kälte der Gottesliebe und der Liebe zum Nächsten, die sich unter den Christen mit der Überhandnahme von Bosheit in der Welt verbreitet. Sie gehen auf dem Weg der Umkehr, der Buße, der Sühne für die Sünden und erwerben die Gnade der Umkehr für andere Menschen und für die weltlich gesinn­ten Christen. Pius XI. ordnete an, diese Weihe jedes Jahr anläßlich des Christkönigsfestes zu erneuern, um die Frucht sicherer und reichlicher einzusammeln.

„Jesus, der ständige Gast, der wachsame Steuermann, ist im Allerhei­ligsten Sakrament, mit Gottheit und Menschheit, immer mit uns auf sei­nem Schiff, um uns in unserer Armseligkeit und unserem Elend zu stär­ken, um uns alle Möglichkeiten zu geben, ja man könnte sagen, die All­macht seiner Gnade.“21

Die heilige Eucharistie muß als Mittelpunkt des ganzen christlichen  Lebens, ja man könnte sagen als die Seele der Kirche angesehen werden. Die Weihe an das Herz Jesu führt zur innigeren Vereinigung mit dem eucharistischen Jesus und zu einer größeren und feierlicheren Verehrung Jesu in diesem Sakrament. — Papst Pius XI., ein großer Verehrer des Hei­ligsten Herzens Jesu, war auch ein eifriger Förderer der eucharistischen Anbetung, insbesondere durch eine Reihe von wunderbaren internationa­len Eucharistischen Kongressen. Er war sich sehr wohl bewußt, daß das Schiff der Kirche mit der Zunahme der eucharistischen Anbetung in den Stürmen einer menschlichen Welt bestehen konnte und einem großen und

___

20 Pius XI., Miserentissimus Redemptor, in: Encicliche I, 814.

21 Pius XI., Ansprache vom 15. 3. 1931, in: Discorsi II, 503; vgl. ders., Ansprache vom 18. 10. 1938, in: Discorsi 839-840; vgl. Ansprache vom 29.4. 1938, in: Discorsi III, 732-733: In der Zeit des großen Glaubensabfalls in der alten Welt hat die göttliche Vorsehung neue Formen des Guten erweckt, zum Beispiel das Aufblühen der Missionen, das Wiedererwachen des missionarischen Bewußtseins, die wunderbare Entwicklung der Eucharisti­schen Anbetung, die Katholische Aktion, die das eifrige Leben aus dem Glauben ist.

___

wunderbaren Frühling des. christlichen Lebens entgegensteuern würde.

„Das Herz Jesu ist dort, wo das Herz Mariens ist.“22

„Maria ist der Schrecken aller Irrlehren und die Siegerin über alle Irr­tümer.“ 23

„Der Rosenkranz ist das Gebet, ohne das niemand den guten Kampf zu Ende führen kann, denn mit menschlichen Anstrengungen allein, so groß, hochherzig, heldenhaft sie auch sein mögen, kann man die göttlichen Plä­ne nicht verwirklichen.“24

„»Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen« (Mt 18,3). Wenn unser Jahrhun­dert in seinem Hochmut den Rosenkranz lächerlich macht und ablehnt, so war er dennoch einer unzähligen Schar von Heiligen jeden Alters und jeden Standes sehr teuer; sie haben ihn mit großer Andacht gebetet und ihn in jedem Augenblick als mächtige Waffe gebraucht, um die Dämonen in die Flucht zu schlagen, ihr Leben unversehrt zu bewahren, die Tugend leichter zu erwerben, mit einem Wort: Er war die mächtige Waffe zur Er­reichung des wahren Friedens unter den Menschen.25

Papst Pius XI. war zweifellos auch ein großer Verehrer der Jungfrau und Gottesmutter Maria. Er führte das Fest ihrer Gottesmutterschaft ein, das in der Gesamtkirche gefeiert werden sollte. Dies geschah 1931 anläß­lich der 1500-Jahr-Feier des Ökumenischen Konzils von Ephesus (431). Dieses Konzil hat die Glaubenswahrheit verkündet, daß die Jungfrau Ma­ria, die Mutter Jesu des Erlösers, wahrhaft Gottesgebärerin (Theotokos) ist. Papst Pius XI. vertraute der jungfräulichen Gottesmutter die Sorge um

___

22 Pius XI., Ansprache vom 8. 2. 1925, in: Discorsi I, 340.

23 Ders., Ansprache vom 15. 3. 1931, in: Discorsi II, 503.

24 Ders., Ansprache vom 22. 5. 1925, in: Discorsi I, 394.

25 Ders., Ingravescentibus malis, in: Encicliche I,1115; vgl. ders., Lux veritatis (1931), in: Encicliche I, 981f; vgl. ders., Ingravescentibus malis, in: Encicliche I, 1112f.

___

Die muslimischen Streitkräfte drohten den Völkern von Europa mit Verderben und Sklaverei. Auf Anordnung des Papstes flehte man durch das Rosenkranzgebet inständig um den Schutz der himmlischen Mutter. Dank des Beistandes aus der Höhe, den die Christen durch dieses Gebet erhielten, haben sie die muslimischen Streitkräfte in der Schlacht von Lepanto besiegt (1571); ders., Lux veritatis, in: Encicliche I, 998: „Wenn der Kirche noch schwere Tage bevorstehen, wenn der Glaube wankt, wenn die Liebe erkaltet, wenn die private und öffentliche Moral sinkt, wenn Gefahren für Kirche und bürgerliche Gesellschaft heraufziehen, (…) wollen wir unsere weinenden Augen und unsere zitternden Arme zu ihr (Maria) erheben, um durch sie von ihrem Sohn Verzei­hung und die ewige Seligkeit im Himmel zu erflehen.“

das Werk der Wiedervereinigung der getrennten Christen an. Er gab Ma­ria die Titel der „Miterlöserin“, der „Mutter der Erlösung“ und der „all­mächtigen Mutterschaft“.

Das christliche Leben entfaltet sich in Christus und in Maria. Durch das Herz Mariens gelangt der Christ zum Herz Jesu, denn Maria ist die Mitt­lerin aller Gnaden. Im Kampf gegen die Mächte der Finsternis (gegen Sa­tan und seinen Anhang) und gegen die Irrtümer und Übel der modernen Menschheit müssen die Christen das Gebetsleben, insbesondere das Ro­senkranzgebet, verstärken. Der Rosenkranz ist der „Marienpsalter“ oder die „Zusammenfassung des Evangeliums und des christlichen Lebens.“

Die Mutter Gottes ist die einzige, die alle Irrlehren der Welt zerschlägt. Wenn die Christen den Rosenkranz beten, erfreuen sie sich der mächtigen Fürsprache der unbefleckten Jungfrau Maria. Der Rosenkranz spornt sie zur Ubung der evangelischen Tugenden an (insbesondere der Einfachheit und der Demut des Geistes) und führt zum Sieg über die Irrtümer und Irrlehren der falschen Propheten in Kirche und Welt. Er führt zum Sieg über die Bedrohungen und Angriffe der Mächte der Finsternis und zur Erlangung der ewigen Seligkeit im Himmel.

„Die berühmten Enzykliken von Papst Ratti sind Grundzüge eines gro­ßen Projekts zur kirchlichen und gesellschaftlichen Erneuerung, die auf dem Glauben und der Hoffnung gründet: von der Liturgie bis zur christli­chen Erziehung, vom familiären bis zum gesellschaftlichen Leben, von den Aufgaben der Laien in der Kirche bis zu den Missionen, vom Kampf für Gerechtigkeit bis zur Stiftung des Friedens in Liebe und Wahrheit.“26

Die Hoffnung des Heiligen Vaters Pius XI., das Erste Vatikanische Kon­zil fortsetzen zu können, wurde nicht erfüllt. In vielerlei Hinsicht war er aber ein Vorläufer des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er lebte in einer schwierigen geschichtlichen Epoche und bahnte mit außerordentlichem Mut den Weg zur großen Erneuerung der Kirche.

___

26 Johannes Paul II., Ansprache vom 15.4.1989, 1, 820.

_______

Quelle: Ivan Pojavnik: DAS MYSTERIUM DES KONZILS – Erster Band – Meckenheim – 1996 – Maximilian-Kolbe-Verlag – ISBN 3-924413-13-4

Der Papstprediger: Ehefrauen sollen Ehemännern nicht gehorchen

Von Marian T. Horvat

Ehemänner, liebt eure Frauen, das ist gut. Ehefrauen, unterzieht euch euren Ehegatten, dies ist unannehmbar. Dies war die revolutionäre Botschaft in einer kürzlichen Predigt des Kapuziner-Paters Raniero Cantalamessa, dem Prediger des Päpstlichen Haushaltes.

Pater Cantalamessa kommentierte die Stellen des heiligen Paulus (Eph. 5:21-32), in dem der Vers enthalten ist, der seit langem Feminist(inn)en aus der Fassung gebracht hat, besonders: „Ehefrauen, seid Euren Männern untertan“ (5:22). Gemäß dem Zenit-Bericht hatte Pater Cantalamessa kein Problem mit den Worten des hl. Paulus, mit welchen er ihnen empfiehlt, ihre Frauen zu lieben: „Dies ist gut.“ Der Haken für den päpstlichen Prediger ist „dass er [der hl. Paulus] den Frauen ebenfalls empfiehlt, untergeben zu sein ihren Gatten, und dies – in einer Gesellschaft, die sich betont (und rechtens) bewusst ist der Ebenbürtigkeit der Geschlechter – scheint unannehmbar (P. Cantalamessa über Eheliche Unterordnung“, Zenit, 25. August 2006).

Er fährt fort und erklärt, dass wir die Stelle nicht wörtlich verstehen müssen, da der hl. Paulus in Bezug auf die Autorität des Ehemanns in der Ehe zum Teil bestimmt ist durch die Mentalität des Zeitalters.“ Cantalamessa löst das Problem, indem er erklärt, dass was Christus und die Apostel wirklich gemeint haben für Ehemänner und -Frauen, bedeutet habe, sich zu lieben und sich gegenseitig unterzuordnen (ibid.).

Nun, diese Interpretation ist frontal gegensätzlich und subversiv zu dem, was die Katholische Kirche konstant und konsistent gelehrt hat seit dem heiligen Paulus und bis zum II. Vatikanum.

Ist ein Aufstand oder Protest gegen Pater Cantalamessa’s Kommentar  bevorstehend? Es sieht nicht darnach aus. In der Tat, diese Schlussfolgerung des päpstlichen Predigers wiederholt in gewisser Hinsicht nur die Lehre Johannes Pauls II. in Seinem Apostolische Brief Mulieris dignitatem (15. August 1988). In ihm erwägte Johanne Paul II, dass der in Frage stehende Vers „Frauen seid euren Männern untertan“ effektiv nichtig gemacht werde durch den vorausgehenden Vers 5:21 „Seid einander untertan aus Verehrung für Christus.“ Dieser sei der vorherrschende Vers der Stelle, bekräftigt Woytyla, so dass die „Unterordnung der Frau unter den Mann in der Ehe im Sinne einer ‚gegenseitigen Unterordnung‘ beider ‚aus Verehrung für Christus‘“ (Nr. 24) verstanden werden müsse. Mit dieser „Bibel-Innovation“ soll die Autorität des Ehemannes über die Frau in der Ehe beseitigt werden.

Dies passt den Feminist(inn)en und der gesamten progressivistischen Agenda sehr gut, die die monarchische Struktur aller traditionellen Institutionen abschaffen möchten. Die Familie, wie die Gesellschaft, würden einen angeblich/vermeintlich gesunden Prozess der Evolution erfahren, weg von der Monarchie und auf die Selbst-Regierung/-Verwaltung hin. Es kann weiter zugegeben werden, dass der Ehemann und die Ehefrau verschiedene komplementäre Rollen haben. Aber unter keinen Umständen soll sich die Frau dem Mann unterziehen, denn dies würde eine Verletzung gegen die Gleichheit der Geschlechter bedeuten, eine moderne Norm, welche die Konzilskirche fördert.

Diese Änderung in der Einstellung jedoch ist ein Aufgeben der Katholischen Tradition und des beständigen Lehrens des Magisteriums.

Die frühere Lehre betonte die Unterordnung der Frau unter ihren Ehemann

Es gibt kaum einen Punkt, auf dem die Kirche mehr beharrte, als dass der Vater das Haupt der Familie ist. Die Autorität des Vaters ist zum Wohle der Familie angeordnet als ein Widerschein der Autorität Gottes. Das Konzil von Trient wiederholte die Lehre der Kirchenväter, indem es unterrichtete, dass der Vater als Haupt der Familie handeln müsse und die Mutter ihm „einen bereitwilligen Gehorsam in allen Dingen erweisen solle, die nicht unvereinbar sind mit der christlichen Frömmigkeit“ („Die Pflichten Verheirateter“, Katechismus des Konzils von Trient).

Vielleicht mit einem Auge auf die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts grollenden feministischen Strömungen, behandelte Papst Leo XIII. die Frage der Autorität in der Ehe gleich in seiner Enzyklika „Arcanum divinae sapientiae“ (10. Februar 1880), indem er die uralte Lehre bestätigte:

„Der Ehemann ist das Oberhaupt der Familie und das Haupt der Ehefrau. Die Ehefrau, weil sie Fleisch von seinem Fleische und Bein von seinem Bein ist, muss ihrem Ehegatten untertänig sein und ihm gehorchen, gewiss nicht als eine Dienstmagd, sondern als eine Gefährtin, so dass ihr Gehorsam weder der Ehre, noch der Würde ermangelt. Da der Ehemann Christus vertritt, und da die Ehefrau die Kirche darstellt, mögen stets in beiden, in ihm, der befielt und ihr, die gehorcht, eine vom Himmel gestütze Liebe vorhanden sein, die beide in ihren jeweiligen Pflichten leitet.“ (Nr. 26)

In seiner Enzyklika „Casti Connubi“ vom 31. Dezember 1930 warnte Papst Pius XI. vor den „falschen Lehrern“, welche im Namen der „menschlichen Würde“ die Ehefrauen überzeugen möchten, den Gehorsam aufzugeben, den sie ihren Ehemännern schuldig sind. „Dies ist nicht Emanzipation, sondern ein Verbrechen“, bekräftigte er betont (Nr. 74). Weiter unterstreicht er, dass die wesentliche Ordnung des Haushaltes sich nicht ändern könne, da sie gegründet ist auf etwas Höherem als menschlichter Autorität und Weisheit, das heißt, der Autorität und der Weisheit Gottes (Nr. 77).

Indem er diese Lehre frontal angreift, verkündet Pater Cantalamessa, dass wir diese Ermahnung zum Gehorsam der Ehefrauen, weil der hl. Paulus „von der Mentalität  seines Zeitalters bestimmt gewesen“ sei, missachten können.

Papst Pius XII. sprach ähnliche Worte der Vorsicht/Warnung, indem katholische Frauen instruierte, „moderne Einflüsse“ zu ignorieren, die ihnen beibringen möchten, sie seien in jeder Hinsicht ebenbürtig ihren Männern. Indem er zu einer Gruppe von Frisch-Verheirateten sprach, sagte er zu ihnen: Ihr seid ebenbürtig in der Würde, doch diese Ebenbürtigkeit schließt nicht eine Hierachie aus, welche den Ehemann als Haupt und die Ehefrau als Untergebene von ihm festsetzt. Diese Hierarchie ist nicht nur nötig, sondern unverzichtbar für die Einheit und das Glück. Katholische Männer und Frauen haben die Pflicht, die sich ändernden gesellschaftlichen Bedingungen, welche die Hierarchie in der Familie unterminieren, zu bekämpfen. („Ansprache an die Neuverheirateten“ vom 10. September 1941 in „Die Frau in der modernen Welt“, herausgegeben von den Mönchen von Solesmes, Boston: St. Paul Editions, 1959, SS 64-6).

Das heißt soviel, dass die immerwährende Lehre der Kirche genau das Gegenteil dessen bekräftigt, was der Kommentar des päpstlichen Predigers aussagt.

Die Hierarchie in der Familie wurde nach dem II. Vatikanum umgestoßen/zerrüttet

Vor Vatikan II sehen wir, dass die Päpste die Wichtigkeit der richtigen Familienordnung behandelten, indem sie die Frauen zu einem gebührenden Gehorsam gegenüber den Ehemännern ermahnten. Sie fürchteten sich nicht, das Wort „Untergebung/Unterordnung“ zu benutzen.

Nach Vatikanum II jedoch haben wir gesehen, wie Johannes Paul II. eine andere, revolutionäre Lehre unterstützte und förderte in „Mulieris dignitatem“. Er und andere Konzilspäpste schwiegen zum Thema Gehorsam der Ehefrauen gegenüber ihren Männern. Ich kenne keinen einzigen Fall von ihnen, dass sie Frauen ermahnt hätten, sich ihren Männern unterzuordnen. Stattdessen beharren sie unveränderlich auf der ebenbürtigen persönlichen Würde der Eheleute. Doch nie ein Wort, das bekräftigen würde, dass die Frau sich ihrem Ehegatten unterordnen sollte.

Vatikan II scheint diese Unterlassung zu legitimieren, weil keines der Dokumente das Thema der Autorität des Ehemannes behandelt. Stattdessen werden Partnerschaft und gleiche persönliche Würde in der Ehe betont. „Gaudium et spes“ beschreibt die Ehe als „ein Abbild und Teilen in der Partnerschaft der Liebe zwischen Christus und der Kirche (Nr. 48) und spricht von der „gleichen persönlichen Würde“ der Eheleute (Nr. 49). So weit ich sehen konnte, gibt es nichts anderes. Es ist eine sehr ernsthafte Unterlassung. Genau zu der Zeit, in der die Revolution versuchte, die traditionelle Hierarchie im Familienleben umzustürzen, scheint Vatikan II diese Haltung unterstützt zu haben.

Was den Katechismus der Katholischen Kirche betrifft, der unter JPII im Jahre 1992 promulgiert wurde, schenkt dieser gleicherweise keine Beachtung der früheren Lehre der Kirche betreffend die Autorität des Vaters in der Familie. Er sagt, dass Männer und Frauen gleich sind als Personen und komplementär als männlich und weiblich. In meiner Sicht ist es eine Sprache, die darauf abzielt, Feminismus und Progressismus zu versöhnen.

All diese post-konziliaren Lehren stehen in völliger Abweichung zum konstanten und gleichförmigen Magisterium der Heiligen Mutter Kirche. In der Tat, sie dienen dazu, die Revolution in der katholischen Gesellschaftslehre zu fördern und bringen das Chaos in die Familie.

Dies ist die Lektion, die wir vom päpstlichen Prediger bekommen.

Marian T. Horvat

Quelle: Papal Preacher: Wives Should Not Obey Husbands

(Aus dem Englischen übersetzt von Paul O. Schenker)