D: Richard Henkes selig gesprochen

Deutschland hat einen neuen Seligen: Es ist der Pallottinerpater und Nazigegner Richard Henkes (1900-1945), der 1945 im KZ Dachau gestorben ist. Kurienkardinal Kurt Koch hat ihn am Sonntag im Limburger Dom selig gesprochen.

An dem feierlichen Gottesdienst in der romanischen Basilika nahmen etwa tausend Menschen teil, darunter viele aus Polen und der Tschechischen Republik. Henkes hat sich in Dachau freiwillig um Typhuskranke gekümmert und ist am 22. Februar 1945 selbst an der Krankheit gestorben.

Kardinal Koch erklärte in seiner Predigt, Henkes habe sich im KZ mutig und selbstlos für Menschen eingesetzt, die keine Hoffnung auf Überleben hatten. Mit seinem Gottvertrauen und seiner Opferbereitschaft habe er das christliche Menschenbild gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verteidigt: „Auch an dem menschenverachtenden Ort hat er seine Glaubensüberzeugung bewahrt und seinen christlichen Dienst an den an Typhus erkrankten Menschen ausgeübt“, so der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates. Der 21. Februar ist künftig der Gedenktag für Henkes.

Märtyrer aufgrund von „Hass auf den Glauben“

Henkes wurde in Ruppach im Westerwald geboren und 1925 in Limburg zum Priester geweiht. Ab 1931 arbeitete er als Prediger und Exerzitienleiter in Oberschlesien. Mehrmals wurde er wegen regimekritischer Predigten bei der Gestapo angezeigt. Im April 1943 positionierte er sich gegen den Abtransport von Kranken aus der örtlichen Heilanstalt und nannte das Vorgehen Mord. Er wurde wegen „Aufwiegelung des Volkes von der Kanzel“ verhaftet und schließlich ins KZ Dachau gebracht. Das Verfahren zur Seligsprechung wurde 2003 vom damaligen Limburger Bischof Franz Kamphaus eröffnet. Im Dezember 2018 folgte Papst Franziskus der Empfehlung und erkannte Henkes als Märtyrer aufgrund von „Hass auf den Glauben“ an.

(vatican news – sk)

Kardinal Koch hat uns seine Predigt bei der Seligsprechung zur Verfügung gestellt. Hier finden Sie den vollen Wortlaut.

„Die Seligen und Heiligen sind die Antworten Gottes auf die Fragen von uns Menschen. Und sie sind die besten Exegeten des Evangeliums. Denn sie haben das Wort Gottes nicht nur gelesen und interpretiert; sie haben es vor allem mit ihrem eigenen Leben bezeugt. Dies gilt in besonderer Weise vom seligen Pallottinerpater Richard Henkes, der sich während der Typhusepidemie, die im Konzentrationslager Dachau im Übergang zwischen den Jahren 1944 und 1945 ausgebrochen war, in den Quarantäneblock 17 freiwillig einschliessen liess, um die von dieser schweren Krankheit betroffenen Häftlinge zu pflegen, der sich dabei infiziert hat und am 22. Februar 1945 in Dachau gestorben ist. Die Lebenshingabe von Pater Henkes bis zum Tod für andere Menschen hat Papst Franziskus als Martyrium anerkannt; und der Heilige Vater hat entschieden, dass Pater Henkes seliggesprochen wird. Pater Henkes steht vor uns als Märtyrer der Nächstenliebe, der sein Leben als Opfer für Christus hingegeben und damit Anteil am Kreuz Jesu Christi erhalten hat.

Das Kreuz Jesu als Liebesbeweis Gottes

Es ist von daher ein ebenso schönes wie sinnvolles Zusammentreffen, dass die Seligsprechung von Pater Henkes am Fest der Kreuzerhöhung, das in der Diözese Limburg als besonderes Bistumsfest begangen wird, gefeiert werden kann. Denn Pater Henkes ist ein besonders glaubwürdiger Exeget der Verkündigungstexte des heutigen Festes, das uns das Kreuz Jesu als Zeichen der grenzenlosen Liebe Gottes zu uns Menschen nahebringt. Der Evangelist Johannes verdichtet das Geheimnis des Kreuzes Jesu Christi in dem wunderbaren Spitzensatz: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Das Kreuz ist die Erscheinung der grössten Liebe Gottes zu uns Menschen. Und es ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus sich nicht bloss mit verbalen Liebeserklärungen an uns Menschen begnügt, dass er vielmehr einen sehr hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert und uns das kostbarste Geschenk, das ewige Leben, gegeben hat.

Das Kreuz Jesu ist keineswegs, wie heute selbst nicht wenige Christen meinen, ein Gegensatz zur Liebe Gottes und kein Widerspruch zur Würde des Gottessohnes, sondern die glaubwürdige Darstellung seiner Liebe zu uns Menschen und zu seiner ganzen Schöpfung. Der Evangelist Johannes nimmt die in der alttestamentlichen Lesung berichtete Geschichte vom Aufhängen der Schlange aus Kupfer an einer Fahnenstange durch Mose als Vorausbild dafür, dass auch die Erniedrigung Jesu in seinem Leiden und Sterben bereits Erhöhung ist: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 14-15). Das Kreuz Jesu schenkt uns die wunderschöne Botschaft: Wer bis in den Tod hinein von Jesus Christus geliebt ist, der darf sich wirklich geliebt wissen und über dieses Geschenk der Erlösung froh werden. Denn in der Liebe Jesu am Kreuz sind wir erlöst von unseren Sünden; und seine Liebe ist der Wärmestrom der Erlösung, nämlich des Geschenks des ewigen Lebens.

Das heutige Kreuzfest lädt uns ein, im Geheimnis der Kreuzesliebe Jesu noch tiefer zu bohren. Aus eigener Erfahrung wissen wir alle, dass es Liebe nicht ohne Opfer und nicht ohne Leiden geben kann. Dies gilt zumal im Licht des christlichen Glaubens, in dem das Opfer seinem tiefsten Wesen nach nicht mit dem Bösen und der Sünde verbunden ist, sondern mit der Liebe. Denn Liebe gibt es nicht ohne Opfer; Liebe als Hingabe des eigenen Lebens für Andere ist Opfer. Dieses Liebesopfer hat Jesus am Kreuz für uns Menschen dargebracht, indem er die an ihm geübte Gewalt in Liebe für uns Menschen umgewandelt hat. Die Passion Jesu ist das Ur-Martyrium und zugleich das Urbild des Martyriums der ihm Nachfolgenden, die Anteilhabe am Kreuzesgeheimnis Jesu erhalten haben.

Martyrium als höchster Akt der Liebe

Dieser Zusammenhang ist im Martyrium von Pater Henkes sichtbar geworden. Wie Jesus Leiden und Kreuz nicht gesucht, sondern sich am Willen Gottes für das Leben der Menschen orientiert hat und wegen seiner Liebe zu uns Menschen getötet worden ist, so hat auch Pater Henkes das Martyrium keineswegs gesucht, sondern er hat es als Konsequenz seiner Treue zu seinem katholischen Glauben frei und freiwillig auf sich genommen. Darin besteht die Authentizität seines Glaubenszeugnisses. Denn die christliche Tradition hat die Sehnsucht eines potenziellen Märtyrers nach seinem Getötetwerden geradezu als Infragestellung des Martyriums betrachtet. Das christliche Martyrium ist keineswegs von Todessehnsucht und Lebensverachtung geprägt; sein entscheidendes Merkmal ist vielmehr die Liebe. Das christliche Martyrium ist nur echt, wenn es als höchster Akt der Liebe zu Gott und zu den Brüdern und Schwestern verwirklicht wird, wie das Zweite Vatikanische Konzil hervorgehoben hat: „Das Martyrium, das den Jünger dem Meister in der freien Annahme des Todes für das Heil der Welt ähnlich macht und im Vergiessen des Blutes gleichgestaltet, wertet die Kirche als hervorragendes Geschenk und als höchsten Erweis der Liebe.“ (Lumen Gentium)

Wie Jesus hat auch Pater Henkes in seinem Glauben darum gewusst, dass es Liebe nicht ohne Opfer geben kann. Von dieser Überzeugung ist seine Spiritualität als Priester geprägt gewesen. Bereits vor seiner Priesterweihe hat er die Worte niedergeschrieben: „Ich will in der Hauptsache Opferpriester werden, Kreuzträger für andere.“ Diese Überzeugung, die er kurz vor seiner Weihe zum Ausdruck gebracht hat, ist im Konzentrationslager Dachau harte Realität geworden. Denn auch an diesem menschenverachtenden Ort hat er seine Glaubensüberzeugung bewährt und seinen christlichen und priesterlichen Dienst an den an Typhus erkrankten Menschen ausgeübt. Sein Leben in Dachau, zunächst auf der Plantage, dann im Postdienst, anschliessend beim Desinfektionskommando und schliesslich beim Krankendienst im Block 17 ist ein glaubwürdiges Zeugnis seiner Lebenshingabe bis zum Tod, indem er vor allem ein Beispiel der Liebe bis zur Ganzhingabe seiner selbst für die Kranken ohne Hoffnung auf Überleben gegeben hat.

Das Martyrium von Pater Henkes ist freilich nicht zu verstehen ohne seine tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben. Im beschwerlichen Leben im Konzentrationslager Dachau hat er sich stets bestärken lassen im persönlichen Gebet und vor allem in der regelmäßigen Teilnahme an der Heiligen Messe. In der Eucharistie, in der wir die sakramentale Vergegenwärtigung des Liebesopfers Jesu am Kreuz feiern und Gott bitten, dass auch wir „eine Opfergabe in Christus“ werden, ist ihm die Glaubensverpflichtung bewusstgeworden, selbst eucharistische Hingabe für andere zu werden und sich als lebendige Hostie für die Menschen hinzugeben, die seine Liebe nötig haben.

Martyrium als Konsequenz gelebten Glaubens

Sein Zeugnis des Glaubens und seiner Lebenshingabe bis zum Tod wird erst voll verständlich auf dem Hintergrund seines ganzen Lebens. Pater Henkes hat mit seinen Augen des Glaubens sehr früh und klar wahrgenommen, dass die nationalsozialistische Ideologie mit dem christlichen Menschenbild schlicht nicht zu vereinbaren ist, weil sie keine menschlichen und christlichen Werte vertritt, sondern neuheidnische Ideen propagiert. Pater Henkes hat sensibel verspürt, was der Propagandaminister Goebbels in seinem Tagebuch hemmungslos notiert hat: „Der Führer ist tief religiös, aber ganz antichristlich. Er sehe im Christentum ein Verfallssymptom, eine Abzweigung der jüdischen Rasse, eine Absurdität, der er allmählich auf allen Gebieten das Wasser abgraben werde. Er hasst das Christentum, das den freien, hellen, antiken Tempel in einen düsteren Dom, mit einem schmerzverzerrten. Gekreuzigten Christus verwandelt habe.“ Angesichts dieser neuheidnischen Ideologie hat Pater Henkes geahnt, dass überall dort, wo Gott klein gemacht und aus der Öffentlichkeit verdrängt wird, auch der Mensch klein gemacht wird, wie wir dies im vergangenen Jahrhundert in den antichristlichen Diktaturen des Nationalsozialismus und des sowjetischen Kommunismus zur Genüge erfahren mussten. In seinem christlichen Glauben ist Pater Henkes überzeugt gewesen, dass nur dort, wo Gott durch uns Menschen gross gemacht wird, wie Maria dies im „Magnifikat“ exemplarisch vorgelebt hat, dass nur dort der Mensch gerade nicht kein gemacht wird, sondern an der Grösse der Liebe Gottes Anteil erhält.

Bei seinen verschiedenen Aufgaben als Lehrer und Seelsorger, als Exerzitienbegleiter und Wallfahrtsprediger in Vallendar-Schönstatt und in Oberschlesien ist Pater Henkes immer wieder in Konflikt mit den Repräsentanten des Nazi-Regimes geraten und wurde zweimal von der Gestapo verhört. Als er sich in Branitz in einer Predigt gegen das eugenische Programm der Nazis und konkret gegen den Abtransport von kranken Menschen aus den dortigen Heilanstalten gewandt hatte, wurde er von der Gestapo verhaftet, während sieben Wochen in Ratibor in Isolationshaft gehalten und zum Abtransport nach Dachau verurteilt. Im dortigen Konzentrationslager hat er die neuheidnische Ideologie der Nazis am eigenen Leib erfahren. Da seine Gefangennahme und seine Verurteilung zum Lager in Dachau von seinem Glaubenszeugnis und seinem priesterlichen Handeln motiviert gewesen ist, steht der Sachverhalt seines Martyriums aus Hass auf den Glauben („in odium fidei“) fest.

Seligsprechung als Christusverehrung

Die Fama seines Martyriums hat bereits beim Tod von Pater Henkes begonnen. Auf dem Weg der Bestechung des Krematoriumswärters durch priesterliche Mitbrüder konnte erreicht werden, dass der Leichnam von Pater Henkes einzeln verbrannt und seine Asche so geborgen werden konnte. Später wurde sie nach Limburg gebracht, wo sie im Friedhof der Pallottiner aufbewahrt ist. Wenn heute seine Reliquien im Gottesdienst erhoben worden sind, drücken wir damit unseren Glauben aus, dass Gott in seiner Liebe so treu zu uns Menschen steht, dass er sich zu unserem ganzen Menschsein und damit auch zu unserer Leiblichkeit bekennt.

Die heutige Feier der Seligsprechung ist gewiss ein Tag der Freude zunächst für die Gemeinschaft der Pallottiner und das Bistum Limburg, besonders für die Heimatpfarrei Ruppach im Westerwald, und für die Katholiken in Tschechien, wo Pater Henkes auch gewirkt hat. Es ist ein Tag der Freude für die ganze Kirche in Deutschland, indem die heutige Feier uns nahelegen will, dass die eigentlichen Reformer der Kirche die Seligen und Heiligen sind. Denn wir können in struktureller Hinsicht nur das Äusserste tun, wenn wir auch bereit sind, im Glauben das Innerste zu tun, wie Papst Franziskus in seinem Brief „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ in Erinnerung gerufen hat. Und es ist ein Tag der Freude für die weltweite Kirche. Denn in Pater Richard Henkes steht ein authentischer Zeuge des Glaubens vor uns, der in seinem Gottvertrauen und in seiner Opferbereitschaft das christliche Menschenbild gegen die menschenverachtende Ideologie der Nazis verteidigt und sich für die Würde des Menschen mit jenem großem Mut eingesetzt hat, der ihm das Leben gekostet hat.

Pater Henkes ist ein Märtyrer der Nächstenliebe in tiefer Verbundenheit mit Christus. In seinem Geist begehen wir das heutige Fest nur, wenn wir seine Seligsprechung als Verehrung Jesu Christi begehen. Denn der christliche Märtyrer stirbt nicht einfach für eine Idee, und sei es auch die höchste Idee der Menschenwürde. Er wird vielmehr „mit Christus gekreuzigt“ und stirbt „mit jemandem, der schon vorweg für ihn gestorben ist“ (Hans-Urs von Balthasar). In dieser Verbindung zwischen dem Kreuzestod Jesu und dem Glaubenszeugnis des Martyriums leuchtet der tiefe Sinn auf, dass wir die Seligsprechung von Pater Richard Henkes am Kreuzfest feiern dürfen, über dem der Eröffnungsvers steht: „Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben. Durch ihn sind wir erlöst und befreit.“ Amen.

(vatican news – sk)

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Das Aschenkreuz als Zeichen des Heils: Predigt von Kardinal Kurt Koch zum Aschermittwoch

Eine Kreuzdarstellung vom Meister von Sankt Lorenz in Köln Foto: Paul Badde / EWTN

Von CNA Deutsch/EWTN News

In der Kirche am Campo Santo Teutonico im Vatikan hat der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch am heutigen Aschermittwoch-Abend zum Auftakt der Fastenzeit gepredigt.

CNA Deutsch dokumentiert den Wortlaut mit freundlicher Genehmigung.

Am Beginn und am Ende eines Gebetes und eines Gottesdienstes machen wir das Zeichen des Kreuzes und sprechen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir zeichnen das Kreuz über uns und lassen uns in den Segen des Dreifaltigen Gottes hinein nehmen. Wir zeichnen das Kreuz über andere Menschen, indem wir ihnen den Segen Gottes zusprechen und damit das Herzensanliegen verbinden, dass sie nicht mehr aus dem Lebensraum dieses Segens fortgehen mögen. Das Kreuzzeichen ist die eigentliche Segensgebärde des Christen und seine grundlegende Gebetsgebärde überhaupt, und das Kreuzzeichen ist das elementarste Glaubensbekenntnis, ein leiblich ausgedrücktes Bekenntnis unseres Glaubens an den Dreifaltigen Gott.

Das Kreuz als Ausdruck und Siegel der Liebe

Eine besondere Bedeutung hat das Zeichen des Kreuzes, das wir am Aschermittwoch mit Asche auf das Haupt zeichnen. Wir eröffnen damit die Österliche Busszeit und bringen zum Ausdruck, dass diese Zeit besonders unter dem Zeichen des Kreuzes steht. Wir sagen damit ein sichtbares und öffentliches Ja zu Jesus Christus, der Mensch geworden ist und für unsere Sünden am Kreuz gelitten hat. Denn Gottes Wille besteht darin, dass wir uns mit Gott versöhnen, wie dies Paulus in der heutigen Lesung von Christus bekennt: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit würden“ (2 Kor 5, 21). Um uns Menschen mit Gott zu versöhnen, hat Gott einen sehr hohen Preis bezahlt, nämlich das Blut seines eingeborenen Sohnes. Am Kreuz Jesu wird sichtbar, dass Gottes Liebe keine Grenzen kennt, dass er uns Menschen bis zum Ende liebt und diese Liebe teuer bezahlt hat.

Wie aber gehen Liebe und Kreuz zusammen? Für viele Menschen und selbst Christen heute gehen diese beiden Wirklichkeiten gerade nicht zusammen, sondern werden als strikter Gegensatz wahrgenommen. Eine tragfähige Antwort auf diese brennende Frage kommt uns nur zu, wenn wir genauer danach fragen, worin denn Liebe besteht, und dabei wahrnehmen, dass es Liebe gar nicht ohne Opfer geben kann. Denn Liebe als Hingabe seiner selbst an den Anderen und deshalb als Hingabe des eigenen Lebens gegenüber einem Anderen, ist Opfer. Diese Wahrheit zeigt sich am deutlichsten am Kreuz Jesu. Es offenbart uns die Logik seiner radikalen Liebe zu uns Menschen und zeigt uns, dass der Gute Hirte selbst dann nicht von seiner barmherzigen Suche nach dem Verlorenen ablässt, wenn die bösen Mächte in den Menschen entbrennen und den Guten Hirten selbst treffen. Der Kreuzestod Jesu offenbart uns das konsequente Handeln eines grenzenlos liebenden Guten Hirten, der uns Menschen bis in die tiefsten Abgründe und verborgenen Katakomben eines durch-Kreuz-ten Lebens nahe sein will, um uns mit seiner Liebe zu erlösen. Das Kreuz ist die Erscheinung der grössten Liebe Gottes oder, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über die christliche Liebe sagt, „Liebe in ihrer radikalsten Form“[1]. Denn das Kreuz ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus sich nicht mit verbalen Liebeserklärungen an uns Menschen begnügt, sondern selbst einen hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert hat.

Um die Tiefe dieser grenzenlosen Liebe erahnen zu können, haben die Kirchenväter im Opfertod Jesu am Kreuz die endgültige Erfüllung der Opferung Isaaks durch Abraham erblickt. Wiewohl Abraham bereit gewesen ist, den eigenen Sohn hinzugeben und damit Gott seine grösste Liebe zu opfern, hat Gott Isaak verschont und sich mit dem Widder begnügt, der sich im Gestrüpp verfangen hat und den Abraham anstelle seines Sohnes Gott dargebracht hat. Während der alttestamentliche Isaak nicht sterben musste, sondern durch einen Widder ersetzt wurde, hat der neue Isaak, nämlich Jesus Christus, sein Leben selbst ohne jeden Ersatz dahingegeben, wie Origenes sensibel bemerkt hat: „In wunderbarer Weise wetteifert Gott in der Freigebigkeit mit den Menschen: Abraham hat Gott einen sterblichen Sohn geopfert, ohne dass dieser sterben musste; Gott hat den unsterblichen Sohn dem Tod überliefert für die Menschen.“[2] Und Maximus der Bekenner war deshalb überzeugt, dass Christus „sozusagen göttlich gestorben ist, weil er freiwillig gestorben ist“[3]. Das wahre und neue Opfer Jesu Christi konnte nicht mehr wie im Tempel in der Übergabe von Tieren bestehen, sondern nur in der Selbsthingabe des Sohnes an seinen Vater für uns Menschen. Indem der Gute Hirte selbst Lamm geworden ist, um auf die Seite der bedrängten Lämmer zu treten, hat Jesus den alttestamentlichen Kult von Tieropfern überwunden, und an seine Stelle ist der neue Kult getreten, den Christus am Kreuz seinem Vater dargebracht hat und der im Sich-Selbst-Geben besteht. In diesem neuen Kult gibt es keinen Ersatz durch Tieropfer mehr, sondern nur Einsatz des eigenen Lebens.

Zeichen des Todes – Zeichen des Lebens

Diesen neuen Kult hat Christus für uns Menschen dargebracht. Wird diese Botschaft der Liebe aber nicht Lügen gestraft, wenn am Aschermittwoch das Kreuzzeichen mit Asche gemacht wird und der Priester dazu spricht: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“? Mit diesen Worten werden wir zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurückgeführt, als nach dem Sündenfall Gott zu Adam gesprochen hat: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden, von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Gen 3, 19). Damit werden wir an unsere Verletzlichkeit, Gebrechlichkeit, Hinfälligkeit und damit an unseren bevorstehenden Tod erinnert, der die letzte Konsequenz unserer conditio humana ist. Staub und Asche sind Zeichen des Sterbens und des Todes.

Das Zeichen des Aschenkreuzes erinnert uns unmissverständlich daran, dass wir Menschen Staub sind und wieder zum Staub zurückkehren werden. Es ist gut, daran erinnert zu werden, zumal in einer Zeit, in der wir Menschen den Tod aus unserem Leben zu verdrängen pflegen und damit keineswegs dem Leben dienen. Denn wenn der Tod nicht mehr als zum Leben selbst gehörend betrachtet wird, gefährden wir nicht nur die Würde des Sterbens, sondern auch die Würde des Lebens. Die heutigen Diskussionen und Bestrebungen um die Straflosigkeit der Beihilfe zum Suizid zeigen uns, wohin es führt, wenn wir Menschen nur noch gesund sterben wollen.

Der Aschermittwoch fordert uns heraus, uns dem eigenen Tod zu stellen. Dies ist aber nur deshalb heilsam, weil der Aschermittwoch uns noch eine andere Botschaft bereithält. In der Liturgie dieses Tages wird die Asche nicht nur als Zeichen des Todes, sondern auch als Zeichen des Lebens gefeiert. Denn die Liturgie verkündet uns, dass selbst der menschliche Staub für Gott kostbar ist, weil Gott uns Menschen geschaffen und zum ewigen Leben bestimmt hat. Wie Jesus mit uns Menschen das Geschick der Verletzlichkeit und Sterblichkeit teilen wollte, aber am Kreuz seinen gewaltsamen Tod in einen Akt der Liebe verwandelt hat, der zum Weg hin zur Auferstehung geworden ist, so ist auch uns in der Taufe verheißen, dass wir wieder zum Staub zurückkehren, dass Gott aber diesen Staub ins ewige Leben hinein verwandeln wird. Der Aschermittwoch als Beginn der Österlichen Bußzeit lädt uns deshalb ein, dass wir in dieser Zeit das Paschamysterium von Tod und Auferstehung Jesu Christi und unsere Teilnahme an diesem Geheimnis bedenken und unseren Glauben erneuern.

Der Weg zum ewigen Leben

Darauf weist auch der ursprüngliche Name der Österlichen Busszeit hin, nämlich Quadragesima. Er erinnert uns an die vierzig Tage des Fastens Jesu in der Wüste, die für ihn eine Zeit der Versuchung, aber auch eine Zeit der besonderen Nähe mit seinem himmlischen Vater gewesen ist. Auch wir Christen werden in dieser Zeit in die Wüste geschickt, um uns neu zu orientieren und den Weg auf Ostern, das Fest des ewigen Lebens neu zu gehen. Dies kann uns aber nur gelingen, wenn wir das Ziel klar vor Augen haben, zu dem uns Gott bestimmt hat, nämlich das ewige Leben, das im Kern darin besteht, dass wir Gott erkennen, wie der Johanneische Jesus dies uns nahebringt: „Dies ist das ewige Leben: dich, den einzigen und wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17, 3). Worin anders könnte denn das ewige Leben bestehen wenn nicht darin, Gott in seinem dreifaltigen Leben zu erkennen und in seiner Gegenwart ewig zu leben. Je mehr wir uns dieses Ziel vor Augen halten, desto mehr werden wir bereits im jetzigen Leben das ewige Leben erfahren, indem wir Gott erkennen und in seiner Gegenwart unser Leben gestalten.

Darin besteht der Anruf der Österlichen Bußzeit, der ein Ruf zur Umkehr ist, wie dies in der neueren Spendeformel bei der Austeilung des Aschenkreuzes zum Ausdruck gebracht wird: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“ Wie bereits Israel in seiner Spätzeit rückblickend die vierzig Jahre der Wüstenwanderung als die Zeit der ersten Liebe Gottes zu Israel und Israels zu Gott verstanden hat, so lädt uns die Österliche Bußzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ein, uns an die erste Liebe Gottes zu uns, die uns im Sakrament der Taufe geschenkt worden ist, zu erinnern und zu ihr umzukehren.

Die Österliche Bußzeit zeigt uns auch die Wege auf, die uns helfen, diesen Anruf zu befolgen. Es sind dieselben Wege, die Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern empfiehlt und die zu den klassischen Wegweisungen in der Österlichen Bußzeit geworden sind, nämlich das Gebet, das Fasten und das Geben von Almosen. Jesus legt dabei einen besonderen Akzent darauf, dass diese Wegweisungen nicht nur äußerlich befolgt, sondern innerlich vollzogen werden. Nur so sind sie Wege zu Gott.

Damit wird der eigentliche Sinn der christlichen Askese, beziehungsweise des christlichen Training sichtbar. Sie bringt zum Ausdruck, dass das Leben des christlichen Glaubens kein leichter Weg ist, sondern Übung und Training braucht. Doch auf diesem Weg gelangen wir zu Christus als dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Indem wir uns zu ihm hin führen lassen, entdecken wir in frischer Weise, wie sehr Gott die Welt liebt und wie unendlich kostbar wir Menschen Gott sind. Davon legt auch die Asche Zeugnis ab, die uns heute auf den Kopf gestreut wird. Sie verheißt uns, dass wir zwar Staub sind und wieder zu Staub werden, dass aber selbst der Staub bei Gott aufgehoben ist und zum ewigen Leben verwandelt wird. In dieser frohen Gewissheit vollziehen wir diesen schönen und tiefen Ritus am Beginn der Österlichen Bußzeit und bekennen damit unseren Glauben an den lebendigen Gott und sein Geschenk des ewigen Lebens.

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[1]  Benedikt XVI., Deus caritas est. Nr. 12.

[2]  Origenes, Homilia in Genesim, 8.

[3]  Maximus Confessor, Ambigua 91, 1056.

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Quelle

Zum Jahreswechsel: Gedanken von Kardinal Koch

Zum Jahresende hören und lesen Sie bei uns einige Gedanken vom Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, dem Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch.

Wir haben Weihnachten gefeiert als das Fest des Lichtes. Das Licht zeigt seine ganze Kraft aber nur auf dem Hintergrund der Dunkelheit, die vom Licht erhellt wird. Diese Erfahrung wird im Wort „Weihnacht“ selbst zum Ausdruck gebracht. Die Nacht steckt nun einmal im Wort; und wie die Nacht im Wort steckt, so steckt sie auch in den Herzen von uns Menschen, in der Geschichte der Welt und auch in der Gemeinschaft der Kirche. Auch im Festevangelium an Weihnachten, das von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus spricht, ist diese Realität enthalten und wird mit den düsteren Worten zum Ausdruck gebracht: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1, 10-11). Grösser könnte der Kontrast nicht sein zwischen dem, was uns an Weihnachten geschenkt ist, und dem, was wir Menschen daraus gemacht haben und weiterhin machen.

“ Wohin wir auch schauen, begegnen wir viel Dunkelheit und Finsternis ”

Wir stehen am letzten Tag des Jahres und blicken auf das vergangene Jahr zurück. Da begegnet uns derselbe Zwiespalt. Wohin wir auch schauen, begegnen wir viel Dunkelheit und Finsternis. Auch in diesem Jahr mussten wir viel Dunkelheit erfahren, die endloses Leiden unter die Menschen gebracht hat in zahlreichen Waldbränden und Unfällen wie beim Einsturz der Morandi-Brücke in Genua oder beim schrecklichen Tsunami in Indonesien. Auch die Gewaltanwendung an Menschen durch Menschen hat kein Ende gefunden; denken wir nur an das Schulmassaker in Parkland im US Bundesstaat Florida. Als besonders widerlich erfahren wir Gewalttaten, wenn sie im Namen von Religion ausgeübt werden wie wiederum beim Terroranschlag beim Weihnachtsmarkt in Straßburg.

“ Das Elend der Flüchtlinge offenbart eine tiefe Krise des europäischen Gedankens ”

Auch in diesem Jahr mussten wir das Elend so vieler Flüchtlinge zur Kenntnis nehmen. Die Flüchtlingsströme sind so groß, wie wir sie bisher nur aus der Geschichte gekannt haben. Eine Lösung dieses Problems scheint in weiter Ferne zu sein, zumal in Europa die Solidarität weitgehend fehlt, die nötig wäre, um wenigstens das größte Leid zu lindern. Das Elend der Flüchtlinge offenbart eine tiefe Krise des europäischen Gedankens. Mit dieser Krise dürfte es zusammenhängen, dass in den europäischen Gesellschaften tiefe Spaltungen festgestellt werden müssen, die Extremismen und Radikalismen nähren, wie man an der zunehmenden Verrohung der Sprache in den öffentlichen Auseinandersetzungen beobachten kann.

“ Spaltungen zeigen sich auch in den Kirchen ”

Spaltungen zeigen sich auch in den Kirchen. Sie haben oft ihre Ursache darin, dass auseinandergerissen wird, was doch unlösbar zusammen gehört. Es gibt Christen, die ein gutes Sensorium für die sozialen Probleme der Menschen haben, sich jedoch nicht mit demselben Engagement für den Schutz des menschlichen Lebens an seinem Anfang und an seinem natürlichen Ende einsetzen. Es gibt aber auch Christen, denen der Schutz des menschlichen Lebens auch vor der Geburt ein wichtiges Anliegen ist, die jedoch nicht mit derselben Überzeugung den Einsatz für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse und für den Schutz der Flüchtlinge für eine wichtige Aufgabe der Kirchen halten

“ Der Einsatz für die Würde des menschlichen Lebens ist nur dann glaubwürdig, wenn er unteilbar ist, wenn wir Christen uns für die Lebendigkeit der Ungeborenen genauso einsetzen wie für die Menschlichkeit der Geborenen ”

Beiden Verhaltensweisen gegenüber ist es wichtig, ein Grundprinzip christlicher Lebensethik in Erinnerung zu rufen, nämlich die Ganzheitlichkeit. Sie impliziert, nicht nur alle Aspekte eines ethischen Problems ins Blickfeld zu rücken, sondern es auch im größeren Kontext der zahllos anderen Probleme zu verorten. Für eine solche ganzheitliche Sicht hat der im vergangenen Oktober heilig gesprochene Papst Paul VI. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 1977 ein deutliches Beispiel gegeben: „Die Abtreibung bejahen und den Krieg verwerfen ist ein Widerspruch. Die Abtreibung hingegen verwerfen und den Krieg befürworten oder gar fördern ist ebenso ein Widerspruch. Den Krieg und die Abtreibung wie zwei heterogene Probleme voneinander zu trennen, ist das nicht gleichermaßen unlogisch und ungerecht?“ Der Einsatz für die Würde des menschlichen Lebens ist nur dann glaubwürdig, wenn er unteilbar ist, wenn wir Christen uns für die Lebendigkeit der Ungeborenen genauso einsetzen wie für die Menschlichkeit der Geborenen. Nur wenn beides zusammen gesehen wird, lassen sich die Spaltungen überwinden, die auch im vergangenen Jahr in den Kirchen deutlich geworden sind und der Glaubwürdigkeit des „Evangelium vitae“ schaden.

“ Die sexuellen Missbräuche stellen ein trauriges Kapitel in unserer Kirche dar ”

Ein besonders großer Schaden ist ihm zugefügt worden in den Fällen von sexualisierter Gewalt durch Seelsorger und Repräsentanten der Kirche, die auch im vergangenen Jahr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden haben. Die sexuellen Missbräuche stellen ein trauriges Kapitel in unserer Kirche dar. Gewiss sind sie in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens festzustellen. Doch in der Kirche sind sie doppelt schlimm. Denn wenn die zwei intimsten Bereiche im menschlichen Leben – die Religion und die Sexualität – miteinander in Konflikt geraten und wenn dies zudem unter dem Baldachin des Heiligen geschieht, dann wirken sich die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs doppelt schrecklich aus. Die Kirche hat deshalb eine dreifache Aufgabe. An erster Stelle müssen die Opfer stehen, denen wir Zuneigung und Hilfe schulden. Zweitens muss im Blick auf die die schweren Sünder das Prinzip der Null-Toleranz konsequent angewandt werden. Und an dritter Stelle muss der Prävention alle Aufmerksamkeit gegeben werden, so dass sich solche Verbrechen in unserer Kirche nicht mehr wiederholen können.

“ Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten ”

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. So sagt es eine tiefe Weisheit. Wo viel Schatten ist, braucht es noch mehr Licht. Dies ist die noch tiefere Weisheit des christlichen Glaubens, die wir an Weihnachten gefeiert haben. Denn in der Weihnacht ist in der Nacht unseres Lebens, in der Nacht unserer Welt und in der Nacht auch in der Kirche ein Licht, das Licht schlechthin aufgeleuchtet. In diesem Licht geht uns die Wahrheit auf, die für unser Leben von entscheidender Bedeutung ist und die das große himmlische Heer in der Heiligen Nacht verkündet hat: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Dies ist der weihnachtliche Doppelbeschluss Gottes, den man nicht auflösen darf, den man vielmehr dahingehend zur Geltung bringen muss: Friede auf Erden ist nur möglich, wenn in der Höhe Gott die Ehre gegeben wird.

“ Der elementarste Friede ist der Friede mit Gott, und alle anderen Friedensformen sind Spiegelungen dieses letztlich entscheidenden Friedens ”

Die Priorität Gottes ist im christlichen Verständnis des Friedens selbst eingeschrieben. Denn Friede, Schalom ist in der hebräischen Sprache ein Grußwort und zeigt, dass er es mit unseren Beziehungen zu tun hat: mit meiner Beziehung zum Nächsten, mit meiner Beziehung zur Gemeinschaft, mit meiner Beziehung zur ganzen Schöpfung, mit meiner Beziehung zu mir selbst und in diesen vier Beziehungen mit meiner Beziehung zu Gott. Nur dort, wo diese Beziehungen gesund sind, lebt der Friede. Dies gilt vor allem von unserem Frieden mit Gott. Er ist die Grundlage von allem. Der elementarste Friede ist der Friede mit Gott, und alle anderen Friedensformen sind Spiegelungen dieses letztlich entscheidenden Friedens.

“ Der christliche Glaube ist heute die am meisten verfolgte Religion ”

Dieser Friede ist uns an Weihnachten geschenkt worden, und die Kirche ist berufen, von diesem Frieden in der heutigen Welt Zeugnis zu geben. Dies ist in vielfältiger Weise auch im vergangenen Jahr geschehen. Ich denke zum Beispiel an das Gebetstreffen in Bari am 7. Juli, zu dem Papst Franziskus alle Patriarchen im Nahen Osten eingeladen hat, um das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen und um den Frieden im Nahen Osten zu beten, genauer darum: „der Nahe Osten möge nicht länger ein Bogen des Krieges sein, der sich über die Kontinente spannt, sondern eine Arche des Friedens, die Völker und Religionen willkommen heißt“[1].

Mit diesem Gebet für die Christen im Nahen Osten ist erneut sichtbar geworden, dass in der heutigen Welt überhaupt Christen in einem Ausmass verfolgt werden, zu dem es kaum geschichtliche Parallelen gibt. Heute finden sogar mehr Christenverfolgungen als in den ersten Jahrhunderten statt. Achtzig Prozent aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Der christliche Glaube ist heute die am meisten verfolgte Religion. Diese erschütternde Bilanz stellt eine große Herausforderung zu leidempfindlicher Solidarität mit den verfolgten Christen und Christinnen in der heutigen Welt dar. Sie ist auch eine Einladung zu mehr Einheit unter allen Christen. Denn heute haben alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihre Märtyrer. Christen werden heute nicht verfolgt, weil sie orthodox oder katholisch, lutherisch oder anglikanisch, sondern weil sie Christen sind. Das Martyrium ist heute ökumenisch, und man muss von einer eigentlichen Ökumene der Märtyrer sprechen. Weil das Leiden so vieler Christen und Christinnen Einheit stiftet, die sich als stärker erweist als die Differenzen, die die christlichen Kirchen noch immer trennen, dürfen wir in der Ökumene der Märtyrer oder, wie Papst Franziskus zu sagen pflegt, in der Ökumene des Blutes das überzeugendste Zeichen der Ökumene heute wahrnehmen.

“ In der Weihnachtszeit werden wir in besonderer Weise daran erinnert, dass das Martyrium zum christlichen Glauben gehört ”

In der Weihnachtszeit werden wir in besonderer Weise daran erinnert, dass das Martyrium zum christlichen Glauben gehört. Denn auf das Weihnachtsfest folgt am 26. Dezember der Gedenktag des Heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers, und am 28. Dezember der Gedenktag der Unschuldigen Kinder, gleichsam des ersten großen Kindermassakers in der christlichen Geschichte. Der Zusammenhang von Weihnachten und Leiden ist freilich bereits vorausgesagt im Blick auf Maria. Über sie hat der greise Simeon prophezeit: „Dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2, 35). Denn der Widerspruch, der sich gegen das Kind in der Weihnachtskrippe richten und es ans Kreuz führen wird, wird auch zum Schwert, das die Seele Mariens durchbohrt. Maria steht vor unseren Augen als jene Gestalt, von der wir wahres Mitleiden lernen können, indem wir fremdes Leiden als eigenes Leiden annehmen.

“ In Maria dürfen wir die Urgestalt der Kirche erblicken, die das Wort Gottes bedenkt, aus ihm lebt und so zu jenem Frieden mit Gott findet, der das Fundament allen Friedens ist, der uns an Weihnachten verheißen und geschenkt ist ”

So zeigt sich in der Gestalt Mariens konkret, wie eng Licht und Dunkelheit auch in der Heilsgeschichte zusammen gehen. Maria weist uns deshalb auch den Weg, wie auch in unserem Leben das Licht siegen kann. In der Weihnachtsgeschichte des Lukas heißt es nach der Anbetung des Kindes in der Krippe durch die Hirten: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (2, 19). Maria ist für das Wort Gottes ganz Ohr und lebt deshalb im Frieden mit Gott. In Maria dürfen wir die Urgestalt der Kirche erblicken, die das Wort Gottes bedenkt, aus ihm lebt und so zu jenem Frieden mit Gott findet, der das Fundament allen Friedens ist, der uns an Weihnachten verheißen und geschenkt ist. Maria ist die Mutter und Königin des Friedens. Am Hochfest der Gottesmutter Maria am 1. Januar begehen wir deshalb zugleich den Welttag des Friedens.

Wir stehen am Übergang vom alten zum neuen Jahr und bitten Maria um ihr Geleit, damit auch im kommenden Jahr das Weihnachtslicht Gottes das Dunkel der menschlichen Geschichte erhellt und damit wir im Frieden mit Gott leben und diesen Frieden zu den Menschen tragen. In dieser Zuversicht legen wir das vergangene Jahr in die Hand Gottes zurück. Denn er ist der Herr aller Zeit und deshalb auch des vergangenen Jahres 2018. Und wir bitten den lebendigen Gott, dass er das kommende Jahr 2019 mit seinem Segen begleite: „Der Herr segne und behüte euch. Der Herr lasse sein Angesicht über euch leuchten und sei euch gnädig. Der Herr wende sein Angesicht euch zu und schenke euch Frieden.“

(vatican news – mg)

‚Weil Gott in tiefster Nacht erschien‘: Weihnachtspredigt von Kardinal Koch

Anbetung des Jesuskindes durch die Hirten von Matthias Stomer Foto: Wikimedia / Paris Orlando (CC BY-SA 4.0)

Zur Eucharistiefeier in der Heiligen Nacht in der Kirche des Campo Santo Teutonico am 24. Dezember 2018 hat Kardinal Kurt Koch diese Predigt gehalten:

Es ist ein alter und schöner Brauch, dass wir uns zum Weihnachtsgottesdienst in der Nacht oder an ihrem Beginn einfinden. An diesem Brauch lässt sich ablesen, dass wir Christen offensichtlich die Nacht gern haben. Die Nacht ist uns sogar heilig und geweiht. Sie ist Weih-Nacht. Mit diesem Ehrentitel bezeichnen wir jene Nacht, in der Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, auf unserer Erde erschienen, Mensch geworden und geboren ist. In dieser Nacht feiern wir den Eintritt Gottes in die Weltnacht von uns Menschen.

Gottes Licht in der Nacht der Menschen

Heilige Nacht – Weihnacht! Die Feier der Weih-Nacht mutet uns nichts weniger zu als dies, dass wir uns der Nacht stellen: der Nacht in unserem eigenen Leben, der Nacht in der gegenwärtigen Welt und der Nacht auch in der Kirche heute. Wir Christen sind zwar nicht – und hoffentlich – Menschen, die die Nacht herbeireden. Wir sind aber auch nicht – und hoffentlich – Menschen, die der Nacht ausweichen und sie verdrängen. Wir stellen uns vielmehr der Nacht und setzen uns ihr aus. Denn wir wissen genau, dass, wenn wir die Nacht aus unserem Leben verdrängen, die Weih-Nacht bloss noch eine Worthülse wäre. Die Nacht steckt nun einmal im Wort Weih-Nacht; und wie die Nacht im Wort steckt, so steckt sie auch in den Herzen von uns Menschen und nagt in ihrer ganzen Abgründigkeit und Gefährlichkeit  an unserem Leben. Die Nacht ist ein urmenschliches Zeichen für die Dunkelheit im menschlichen Leben und für die Finsternis in der Geschichte der Welt. Nacht heisst Angst und Not; Nacht heisst Armut und Sinnlosigkeit; und Nacht heisst schliesslich Leiden und Sterben.

Als Zeichen für die Nacht im Leben von uns Menschen und in den Geschicken der Welt treffen wir uns zur Feier der Heiligen Weihnacht am Beginn der Nacht. Weihnachten feiern braucht Mut, sich der Nacht zu stellen. Weihnachten ruft Erinnerungen an die Nachtseiten des menschlichen Lebens wach. Weihnachten erinnert an schlaflose Nächte, die vor lauter Sorge, Kummer oder Trauer nicht enden wollten. Und Weihnachten macht uns bewusst, dass auch unser Glaube manchmal Nachtwanderungen kennt.

Sich in dieser Weise der Nacht zu stellen, dies wäre freilich ein furchtbar trostloses und letztlich tristes Unterfangen, wenn mit der Nacht nicht auch eine frohe Verheissung verbunden wäre. Die Verheissung, die uns in der Weih-Nacht zuteil wird, besagt, dass in den Nächten unseres Lebens ein Licht aufgegangen ist, das die Finsternis erhellt. Dieses Licht ist bereits aufgeleuchtet im Volk Israel, wie es uns der alttestamentliche Prophet Jesaja verkündet: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht“ (9, 1), und zwar vor allem deshalb, weil ihm ein Kind geboren und ein Sohn geschenkt ist. Dieses Licht ist deshalb vollends aufgestrahlt in der Krippe in Bethlehem in jenem Kind, in dem Gott selbst Mensch geworden ist. In diesem Kind in der Krippe ist uns mitten in der Nacht unseres Lebens ein Licht, das Licht schlechthin aufgeleuchtet.

Erst diese Verheissung macht Weihnachten wirklich zur Weih-Nacht. Erst hier leuchtet auch der tiefste Grund auf, dass wir Christen die Nacht gern haben und geradezu in die Nacht verliebt sind. Denn uns ist der Glaube geschenkt, dass der Gottessohn in der Lebensnacht von uns Menschen zur Welt gekommen ist und sich uns als unser Lebenslicht schenkt. Der Sohn Gottes hat bei uns Menschen nicht bei Tageslicht bloss hinein geschaut, um sich alsbald von uns wieder zu verabschieden. Nein, er hat uns in der dunklen Nacht aufgesucht und heimgesucht, um die Nacht mit uns zu teilen und um in unsere Nacht hinein sein Licht zu bringen. Das ist das schöne Geheimnis der Heiligen Weih-Nacht: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“, kann unsere menschliche Lebensnacht nicht traurig und nicht endlos sein. Mit seinem Licht hat Gott vielmehr der Nacht im Leben von uns Menschen und in der Welt ein heilsames Ende bereitet.

Licht, das den menschlichen Lebensraum erfüllt

Um uns in das Geheimnis der Heiligen Weih-Nacht zu vertiefen und in diesem Geheimnis heimisch werden zu können, eignet sich eine Geschichte, die die Menschen auf den Philippinen zu erzählen pflegen[1]: Ein König, der zwei Söhne hatte, beschloss im Laufe der Zeit, einen der beiden Söhne zu seinem Nachfolger zu bestellen. Um besser entscheiden zu können, welchen von beiden er mit der Nachfolge betrauen kann, gab er jedem fünf Silberstücke in die Hand und erteilte ihnen den Auftrag, sie sollten bis zum Abend mit diesem Geld die leere Schlosshalle füllen. Dabei vermerkte er eigens, dass es in ihrer Entscheidung liege, wie sie den Auftrag erfüllen wollen.

Der ältere Sohn machte sich sofort auf den Weg. Er kam an einem Feld vorbei, auf dem gerade Zuckerrohr geerntet und ausgepresst wurde. Als er das leere Zuckerrohr zuhauf am Feldrand liegen sah, dachte er sich, damit könne er die Schlosshalle leicht auffüllen. Schnell wurde er mit den Arbeitern handelseinig; und diese schafften für die fünf Silberstücke das ausgepresste Zuckerrohr in die Schlosshalle. Als sie voll war, ging der ältere Sohn in zuversichtlicher Freude zu seinem Vater und berichtete ihm, er habe die ihm gestellte Aufgabe erfüllt und der Vater solle ihn jetzt zu seinem Nachfolger ernennen. Der Vater jedoch antwortete: „Noch ist nicht Abend. Ich werde warten.“

Als die Dämmerung über das Land hereingebrochen war, kam auch der jüngere Sohn zurück. Er sah, dass die Schlosshalle mit Zuckerrohr aufgefüllt war, und gab die Anweisung, man solle das leere Stroh wegschaffen. Nachdem dies geschehen war, stellte er mitten in die Schlosshalle eine Kerze und zündete sie an. Das Licht der Kerze erfüllte den ganzen Raum und drang bis in den letzten Winkel vor. Als der Vater sah, dass das Licht der Kerze die ganze Schlosshalle erfüllt hatte, sagte er zu seinem jüngeren Sohn: „Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat alle fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du aber hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht  und dabei die Halle mit Licht gefüllt. Du hast sie mit dem erfüllt, was die Menschen wirklich brauchen.“

Der Unterschied zwischen den beiden Söhnen könnte gar nicht grösser sein. Der Unterschied ist sogar so gross, dass er uns an den Unterschied zwischen dem Handeln Gottes und dem Handeln von uns Menschen erinnert. Handeln wir Menschen nicht oft genau so wie der ältere Sohn und geben uns alle erdenkliche Mühe, auch und gerade an Weihnachten, die Schlosshalle unseres Lebens mit allem Möglichen aufzufüllen? Ist unsere eigene Schlosshalle oft nicht voll von Terminen und Agenden, von Plänen und Programmen? Ist unser Herz nicht mit allen möglichen Dingen besetzt, und haben wir nicht oft genug auch unseren Kopf voll? Kommen wir uns nicht manchmal selbst gleichsam wie „besetztes Gebiet“ vor? Und wenn wir die besetzte Dunkelkammer unseres Herzens ans Tageslicht bringen, müssen wir dann ehrlicherweise nicht entdecken, dass darin auch viel Stroh ist, das uns zwar ausfüllt, aber gerade deshalb noch lange nicht erfüllt? Gleichen wir Menschen nicht oft dem älteren Sohn, der die Schlosshalle  mit ausgepresstem Zuckerrohr auffüllt? Auch unser Leben ist dann zwar aufgefüllt, aber nicht erfüllt.

Die Heilige Weihnacht lädt uns ein, auf Christus, den Sohn des himmlischen Vaters, zu schauen. In ihm dürfen wir den jüngeren Sohn in der philippinischen Geschichte wiedererkennen. Denn er füllt unser Herz mit nichts anderem als mit seinem Licht, das die Schlosshalle unseres Lebens bis in den letzten Winkel zu erfüllen vermag. Er erfüllt sie mit dem, was wir Menschen wirklich brauchen. Denn er ist gekommen, um uns zu besuchen als das „aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“ (Lk 1, 78-79).

Jesus Christus als Gnaden-Licht in Person

Unser menschliches Leben gleicht oft einer leeren und dunklen Schlosshalle, die darauf wartet, gefüllt zu werden. Die Heilige Weihnacht erfüllt sie mit jenem Licht, das im Kind in der Krippe von Gott her in unsere Welt gekommen ist. Von diesem Licht gilt erst recht, was in der philippinischen Geschichte der Vater zu seinem jüngeren Sohn sagt: „Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und die Schlosshalle dabei mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem erfüllt, was die Menschen brauchen.“ In der Tat brauchen wir Menschen dringend das Licht, das von Gott kommt. Und das Licht, das Christus selbst ist, können wir nicht kaufen, und es kostet nichts; es ist vielmehr gratis, reine Gnade.

Die Heilige Weihnacht verkündet uns, dass in Jesus Christus die Gnade Gottes erschienen ist, „um alle Menschen zu retten“ (Titus 2, 11). Denn Jesus Christus ist in Person die gnädige Zuwendung Gottes zu uns Menschen, er selbst ist die Gnade Gottes. Wer an Weihnachten dem Kind in der Krippe in Bethlehem begegnet, begegnet Gott selbst. In diesem Kind ist Gott selbst gegenwärtig, und in ihm ist erfahrbar, dass letztlich alles Gnade ist.

An Weihnachten wird uns die Gegenwart Gottes als sein Licht geschenkt. Die Feier der Weihnacht setzt deshalb unsere Bereitschaft voraus, dass wir Menschen, die wir wie der ältere Sohn in der philippinischen Geschichte die Schlosshalle unseres Lebens immer wieder mit allem Möglichen aufzufüllen versuchen, es dem jüngeren Sohn, dem Sohn Gottes, erlauben, dieses alles Mögliche auch als „leeres Stroh“ auszuräumen und stattdessen seine Kerze in die Schlosshalle zu stellen. Christus will in dieser Heiligen Nacht auch unseren Lebensraum mit seinem Licht der Gnade erfüllen. Er kommt vom Licht der Gnade Gottes her und ist selbst das Licht der Welt. Er ist „Licht vom Licht“ und deshalb „wahrer Gott vom wahren Gott“, wie wir es im Grossen Glaubensbekenntnis ausdrücken. Dieses Licht dürfen wir empfangen vom Glanz des Herrn, der den Engel, der in der Weihnachtsgeschichte des Lukas die frohe Botschaft verkündet, umstrahlt (Lk 2, 9).

Öffnen wir in dieser Nacht die dunkle Schlosshalle unseres Lebens für Christus, damit er sie mit seinem Licht bis in die letzten Winkel hinein erfüllen kann. Dann geht uns vollends auf, dass wir Christen mit bestem Recht die Nacht gern haben dürfen. Sie ist uns Heilige Nacht, Geweihte Nacht, Weih-Nacht. Denn sie ist jene Nacht, in die hinein uns Jesus Christus geboren ist als das Licht, das in der Finsternis der Nacht leuchtet. Mitten in der Nacht der Menschen  – das ewige Licht Gottes: Dies ist die wahrhaft Frohe Botschaft von Weihnachten, deren Freude und Trost ich Ihnen von Herzen wünsche: Gesegnete und lichtvolle Weih-Nacht!

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[1]  Vgl. F. Kamphaus, Zwischen Nacht und Tag. Österliche Inspirationen (Freiburg i. Br. 1998) 50.

Der Schweizer Kardinal Kurt Koch ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Der ehemalige Bischof von Basel hat über 60 Bücher und Schriften verfasst, darunter Mut des Glaubens (1979) und Eucharistie (2005). (Foto: Paul Badde / EWTN).

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Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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Kardinal Koch bilanziert das Luther-Gedenkjahr

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch

Der Ökumene-Verantwortliche des Vatikans, Kardinal Kurt Koch, war „am Anfang sehr irritiert“ über das Gedenken an 500 Jahren Reformation in Deutschland. Er habe „immer gesagt“, dass bei einem solchen Gedenken „auch Buße“ wegen der „grausamen Konfessionskriege“ geleistet werden müsse, sagte Koch in einem Bilanzinterview zum Lutherjahr mit Radio Vatikan. Doch zu Beginn des Gedenkjahres sei sein Eindruck gewesen, „dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte“. „Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist.“

Später habe er aber „gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe“, so Kardinal Koch. Er zog in dem Interview daher eine positive Bilanz des Reformationsgedenkens. Der Kardinal würdigte ausdrücklich „die Bereitschaft der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist“.

Das sei „die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken“ gewesen, sagte der Schweizer Kurienkardinal. Lobende Worte fand er auch für die „wunderschöne Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund“: Dort habe er während des Gedenkjahres „die Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen“, gespürt.

Mit deutlicher Vorsicht äußerte sich Koch zum ökumenischen Ziel einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen.“ Manche beschrieben mit diesem Begriff die „Situation, wie wir sie heute haben“, doch „die katholische Sicht ist eine andere“. Aus Kochs Sicht wäre es „wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht“. Sonst komme es zu „Konfusionen“.

Hier können Sie den Volltext unseres Interviews mit Kardinal Koch lesen. Die Fragen stellte Radio-Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer.

RV: Die Geschichte der katholisch-evangelischen Annäherung begann – mit einzelnen Vorläufern wie den Lübecker Märtyrern – im II. Vatikanischen Konzil. Hat das Lutherjahr im Großen und Ganzen zu einer weiteren Annäherung geführt oder eher die bestehenden Differenzen klarer zutage treten lassen?

Kardinal Koch: „Der allererste Dialog, den die katholische Kirche begonnen hat, unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, war mit dem lutherischen Weltbund. Deshalb haben wir nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 50 Jahre ökumenischen Dialog, katholisch-lutheranisch. Ich denke mit zwei großen Schwerpunkten: Erstens die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die am 31. Oktober 1990 in Augsburg verkündet worden ist. Und zweitens das große lutherisch-katholische Reformationsgedenken in Lund in Schweden. Beide Ereignisse, kann man sagen, sind Meilensteine in der ökumenischen Annäherung zwischen Katholiken und Lutheranern. Vor allem jetzt dieses gemeinsame Reformationsjubiläum, wo auf der einen Seite Papst Franziskus und auf der anderen Seite der Präsident und der Generalsekretär des lutherischen Weltbundes vorgestanden sind, ist ein äußerst positives Zeichen.”

RV: Zum Auftakt des Reformationsgedenkens reiste Papst Franziskus – am 31. Oktober 2016 – ins schwedische Lund und unterzeichnete dort mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes Mounib Younan eine ökumenische Erklärung. Darin ist viel vom gemeinsamen Einsatz von Christen beider Konfessionen die Rede: für Arme, für Flüchtlinge, für die Umwelt, ein Gemeinsames Eintreten gegen Extremismus und für Gerechtigkeit. Aus Ihrer Sicht: tun das die Christen da draußen nicht ohnehin schon? Also ging da die ökumenische Tat der ökumenischen Erklärung voran?

Kardinal Koch: „In Lund waren ja zwei Ereignisse. Das war auf der einen Seite der ökumenische Gottesdienst, in dem vor allem der Reformation gedacht worden ist. Und dann das Ereignis in Malmö, um zu zeigen, dass wir gemeinsam Zeugnis geben sollen. Ganz nach der Devise von Papst Franziskus, der immer wieder sagt, wir sollen dreierlei tun: camminare insieme, pregare insieme und collaborare insieme, also miteinander beten, miteinander gehen, miteinander Gemeinsames tun. Und da ist schon viel geschehen, aber da war Malmö noch einmal ein neuer Impuls dafür, noch mehr gemeinsam zu tun, aus dem gemeinsamen Glauben heraus sich für die Menschen und vor allem für die Marginalisierten, für die Armen einzusetzen.”

RV: Die Lund-Erklärung erwähnt als Ziel der Ökumene das gemeinsame eucharistische Mahl. Was hat dieses klar formulierte Ziel an Neuem in Fluss gebracht?

Kardinal Koch: „Das ist nicht neu, dass wir an den gemeinsamen Altar treten können sollen. Das ist das Ziel der Ökumene. Die Frage ist, was muss alles erreicht sein, damit dieses Ziel erreicht werden kann. Das wieder neu in Erinnerung zu rufen, dass wir in einer unnormalen Situation sind, wenn wir als getaufte Christen nicht gemeinsam Eucharistie feiern können, war ein wichtiger Impuls. Und ich habe dann auch vorgeschlagen, dass wir nach der gemeinsamen Erklärung mit der Rechtfertigungslehre und dem gemeinsamen Reformationsgedenken auf eine neue gemeinsame Erklärung hingehen sollten über Kirche, Eucharistie und Amt. Und das ist doch auf recht positives Echo gestoßen. Vor allem der nationale lutherisch-katholische Dialog in Finnland beschäftigt sich intensiv mit diesem Dokument. Der nationale Dialog in Amerika hat bereits ein Dokument publiziert über „Declaration on the way – church, ministry and eucharist“. Und das ist auf positive Resonanz gestoßen. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt: Konsens darüber finden, was Kirche, Eucharistie und Amt ist, um dann dieses Ziel der gemeinsamen Eucharistiefeier erreichen zu können.”

RV: Wie lange könnte das noch dauern?

Kardinal Koch: „In der Ökumene bin ich immer vorsichtig. Wir können nicht alleine entscheiden, sondern müssen immer auch auf den Partner Rücksicht nehmen. Für mich ist nach dem Reformationsgedenken das Jahr 2030 ein wichtiger Horizont: 500 Jahre Augsburger Reichstag und die Verabschiedung der Confessio Augustana – des Augsburger Bekenntnisses, das ja kein Dokument der Spaltung ist, sondern der Einheit. Man wollte zeigen, dass man den Glauben der Katholiken teilt. Das ist damals leider nicht gelungen, es ist gescheitert. Aber ich würde sagen, Lutheraner und Katholiken waren nie so eng beieinander wie in Augsburg. Und dieses Gedenken sollte meines Erachtens ein Horizont sein, auf den wir mit neuen verbindlichen Schritten zugehen sollten.”

RV: Ein Schritt zurück: Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Besuch in Erfurt 2011 Martin Luthers Suche nach einem gnädigen Gott ausdrücklich gewürdigt. Wie bewerten Sie dieses Bekenntnis das im Rückblick, hat das Wege zu einem neuen katholischen Lutherbild gewiesen, die vorher verschlossen schienen?

Kardinal Koch: „Diese Aussage von Papst Benedikt hat viel ausgelöst. Ich habe kürzlich einen Vortrag zu diesem Thema gehört, wie die Botschaft von Luther heute noch aktuell sein kann. Das ist eine Resonanz auf Papst Benedikt, dieses Symposium, das in Bensberg stattfindet. Er hat damals die leidenschaftliche Gottsuche von Martin Luther gewürdigt, aber auch seine Christozentrik, dass Luther nicht irgendeinen Gott gesucht hat, sondern jenen Gott, der sein ganz konkretes Bild in Jesus Christus gezeigt hat. Und Papst Benedikt hat damals daraus geschlossen, dass die wichtigste Aufgabe, die wir heute in der Ökumene haben, ist, in den säkularisierten Gesellschaften von heute den lebendigen Gott zu bezeugen.”

RV: Ein weiterer Markstein des Jahres war der Besuch einer Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands in Rom im Jänner dieses Jahres. Was hat das gebracht?

Kardinal Koch: „Für mich war sehr positiv, dass so viele junge Menschen dabei gewesen sind und dass es eine ökumenische Wallfahrt gewesen ist. „Mit Luther zum Papst“ hieß das. Es gab dann auch eine Audienz mit Papst Franziskus, die sehr positiv aufgenommen worden ist und viele Früchte getragen hat. Ich glaube, es war ein schönes und positives Ereignis.”

RV: Mit den Augen des vatikanischen Ökumene-Verantwortlichen: Was waren auf lutheranischer Seite die Stärken des Reformationsgedenkens in diesem Jahr, und wovon hätte man sich mehr erwarten können?

Kardinal Koch: „In Deutschland war ich am Anfang sehr irritiert. Ich habe immer gesagt, ein Reformationsgedenken muss drei Schwerpunkte haben: Erstens Dankbarkeit für alles, das wir wiederentdeckt haben, das wir gemeinsam haben. Aber auch Buße; Luther wollte keine neue Kirche gründen, er wollte die Kirche erneuern. Es kam aber nicht zu der Neuerung der Kirche, sondern zu einer neuen Kirche und anschließend zu grausamen Konfessionskriegen, für die wir Buße tun sollten. Und drittens Hoffnung, dass ein Reformationsgedenken neue Schritte in die Zukunft eröffnet. Am Anfang hatte ich etwas Sorge, dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte. Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist. Inzwischen habe ich aber gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe und der ein sehr schönes Ereignis gewesen ist. Zweitens die Bereitschaft von der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist und das ja auch das Anliegen von Luther gewesen ist. Das hat mich sehr gefreut. Das war die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken.

Auf der Weltebene gibt es eine wunderschöne Zusammenarbeit mit dem lutherischen Weltbund, die sehr fruchtbar ist. Ich habe selbst auch an der Plenarsitzung des lutherischen Weltbundes in Namibia teilgenommen. Und diese Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen aufgrund dieses Reformationsgedenkens war spürbar.”

RV: Für die innerevangelische Ökumene ist die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ein zentraler Ausdruck. Wo sehen Sie die Grenzen dieses Modells für die evangelisch-katholische Ökumene?

Kardinal Koch: „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen. Es gibt auf der einen Seite die starke Tendenz, zu sagen, „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Situation, wie wir sie heute haben. Wir sind verschieden, sollen auch so bleiben, aber schon Eins. Und deshalb müssen wir uns nur noch gegenseitig anerkennen und Abendmahl feiern.

Die katholische Sicht ist eine andere: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Aufgabe, die vor uns steht, dass wir unsere historischen Differenzen so aufarbeiten, dass sie nicht mehr unversöhnt sind. Sodass Unterschiede bleiben, aber nicht mehr kirchentrennend sein sollen, sondern dass sie versöhnt sind und wir dann diese Zeichen setzen können. Hier sehe ich den Unterschied und es wäre wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht. Sonst entstehen Konfusionen.”

RV: Wo fällt die interkonfessionelle Versöhnung heute, in 2017, noch am schwersten?

Kardinal Koch: „Ich glaube schon, dass die Frage des Kirchenverständnisses nach wie vor eine schwierige Krux ist, weil es hier sehr verschiedene Konzeptionen gibt. Die Erklärung der Glaubenskongregation hat das mit der Formel zum Ausdruck gebracht, dass die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht Kirchen im eigentlichen Sinne sind. Nun ist „eigentlich“ im Deutschen ein schwieriges Wort, weil es immer fast das Gegenteil sagt, von dem, was es meint. Gemeint ist, dass sie nicht Kirchen nach dem katholischen Verständnis sind, –so hat es Papst Benedikt in seinem Interviewbuch mit Peter Seewald auch umformuliert – sondern, dass sie Kirchen gleichsam eines anderen Typs sind. Darüber müssen wir noch vertieft nachdenken, auch über die Amtsfrage und die Bedeutung der Eucharistie im Gesamten des Kirchenverständnisses.”

RV: Was hat die katholische Kirche ihrerseits in diesem Lutherjahr gelernt?

Kardinal Koch: „Erstens haben wir gelernt, was die eigentlichen Anliegen Luthers gewesen sind. Es ist ja teilweise etwas verloren gegangen in der Polemik, dass Martin Luther eine Erneuerung der katholischen Kirche gewollt hat, die damals nicht gelingen konnte, sodass es zur Kirchenspaltung gekommen ist, wofür beide Seiten ihre Schuld haben. Wir haben gelernt, dass man diese Schuld gemeinsam tragen muss und aber nun gemeinsame Wege in die Zukunft gehen muss, nicht nur rückwärts schauen, sondern in die Zukunft schauen. Aber beides gehört zusammen: wenn ich mit dem Auto überholen will, muss ich in den Rückspiegel schauen, sonst wird es gefährlich. In diesem Sinne war es richtig, Rückschau zu halten, aber jetzt sollten wir auch in die Zukunft schauen und auf dem Boden all dessen, was wir als gemeinsam wiedererkannt haben, Wege zu einer verbindlicheren Einheit gehen.”

RV: Was ist das große Neue, das Papst Franziskus gebracht hat zur Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche?

Kardinal Koch: „Zunächst betont Papst Franziskus es selber immer, dass er weiterführt, was seine Vorgänger begonnen haben. Wir dürfen in der katholischen Kirche glücklich sein, dass wir seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stets Päpste gehabt haben, die ein offenes Herz für die Ökumene hatten. Auf diesem Weg kann Papst Franziskus weitergehen. Was bei ihm charakteristisch ist, ist die Betonung des Dialogs der Liebe. Die war natürlich immer schon da, aber die Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, einander anzunehmen, miteinander den Weg zu gehen, alles gemeinsam zu tun, was man gemeinsam tun kann und vor allem auch füreinander zu beten, das sind meines Erachtens ganz wesentliche Aspekte. Und Papst Franziskus empfängt immer wieder Gruppierungen aus der Ökumene, die zu ihm kommen wollen. In dem Sinne übt er eigentlich schon so etwas wie einen ökumenischen Primat aus, natürlich ohne Jurisdiktion. Aber er ist doch ein Bezugspunkt für viele Christen und in dem Sinne nicht mehr einfach das größte Hindernis für die Ökumene, sondern auch eine Opportunität für die Ökumene. Und was ich noch weiter betonen möchte: Papst Franziskus hat eine Offenheit und eine große Kenntnis für die pentakostalischen Bewegungen, die er aus Lateinamerika kennt. Und der Pentakostalismus ist heute die zweitgrößte Realität nach der römisch-katholischen Kirche. In den Bewegungen gibt es auch anti-katholische und anti-ökumenische Akzente. Indem der Papst sie aber zu sich einlädt für persönliche Begegnungen, öffnet das wieder neue Tore, auch in diese große Bewegung hinein und dafür sind wir natürlich sehr dankbar.”

(rv 23.10.2017 gs)

Kardinal Koch: Maria führt in gemeinsame Mitte des Glaubens

Kardinal Kurt Koch

Die Gottesmutter Maria steht nach den Worten des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, in keiner Weise zwischen den Konfessionen. Vielmehr führe sie gerade im Jahr des Reformationsgedenkens in die gemeinsame Mitte „unseres Glaubens“ hinein, sagte Koch bei einem Festgottesdienst zu Mariä Himmelfahrt im deutschen Wallfahrtsort Maria Vesperbild.

Vor mehreren Tausend Gläubigen erinnerte Koch an das Loblied des Magnificats, mit dem Maria ihr Herzensanliegen besinge, dass Gott groß gemacht werde. Der Mensch werde dadurch nicht kleiner, sondern bekomme an der Größe Gottes Anteil, der ewiges Leben schenke. Dieses Angebot gelte allen Menschen. Mit der Aufnahme Mariens in den Himmel erhalte Maria als erste Anteil an der Auferstehung ihres Sohnes, so der Kardinal. Das Fest bedeute damit „Ostern für Maria“.

Neueren Untersuchungen zufolge dominierten in der europäischen Bevölkerung hinsichtlich des Glaubens an ein ewiges Leben heute eher ratlose Ungewissheit, stellte der Schweizer Kurienkardinal fest. So sei für die einen mit dem Tod alles aus, andere hofften auf Wiedergeburt oder Reinkarnation. Viele könnten sich unter einem Leben nach dem Tod nur wenig vorstellen. Koch bedauerte in diesem Zusammenhang, dass es der christlichen Verkündigung nur noch schwer gelinge, ihre Deutung vom Tod und vor allem von einem Leben danach zu vermitteln. Dabei stehe und falle der christliche Glaube mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi.

(kna 16.08.2017 mg)