Das Aschenkreuz als Zeichen des Heils: Predigt von Kardinal Kurt Koch zum Aschermittwoch

Eine Kreuzdarstellung vom Meister von Sankt Lorenz in Köln Foto: Paul Badde / EWTN

Von CNA Deutsch/EWTN News

In der Kirche am Campo Santo Teutonico im Vatikan hat der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch am heutigen Aschermittwoch-Abend zum Auftakt der Fastenzeit gepredigt.

CNA Deutsch dokumentiert den Wortlaut mit freundlicher Genehmigung.

Am Beginn und am Ende eines Gebetes und eines Gottesdienstes machen wir das Zeichen des Kreuzes und sprechen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir zeichnen das Kreuz über uns und lassen uns in den Segen des Dreifaltigen Gottes hinein nehmen. Wir zeichnen das Kreuz über andere Menschen, indem wir ihnen den Segen Gottes zusprechen und damit das Herzensanliegen verbinden, dass sie nicht mehr aus dem Lebensraum dieses Segens fortgehen mögen. Das Kreuzzeichen ist die eigentliche Segensgebärde des Christen und seine grundlegende Gebetsgebärde überhaupt, und das Kreuzzeichen ist das elementarste Glaubensbekenntnis, ein leiblich ausgedrücktes Bekenntnis unseres Glaubens an den Dreifaltigen Gott.

Das Kreuz als Ausdruck und Siegel der Liebe

Eine besondere Bedeutung hat das Zeichen des Kreuzes, das wir am Aschermittwoch mit Asche auf das Haupt zeichnen. Wir eröffnen damit die Österliche Busszeit und bringen zum Ausdruck, dass diese Zeit besonders unter dem Zeichen des Kreuzes steht. Wir sagen damit ein sichtbares und öffentliches Ja zu Jesus Christus, der Mensch geworden ist und für unsere Sünden am Kreuz gelitten hat. Denn Gottes Wille besteht darin, dass wir uns mit Gott versöhnen, wie dies Paulus in der heutigen Lesung von Christus bekennt: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit würden“ (2 Kor 5, 21). Um uns Menschen mit Gott zu versöhnen, hat Gott einen sehr hohen Preis bezahlt, nämlich das Blut seines eingeborenen Sohnes. Am Kreuz Jesu wird sichtbar, dass Gottes Liebe keine Grenzen kennt, dass er uns Menschen bis zum Ende liebt und diese Liebe teuer bezahlt hat.

Wie aber gehen Liebe und Kreuz zusammen? Für viele Menschen und selbst Christen heute gehen diese beiden Wirklichkeiten gerade nicht zusammen, sondern werden als strikter Gegensatz wahrgenommen. Eine tragfähige Antwort auf diese brennende Frage kommt uns nur zu, wenn wir genauer danach fragen, worin denn Liebe besteht, und dabei wahrnehmen, dass es Liebe gar nicht ohne Opfer geben kann. Denn Liebe als Hingabe seiner selbst an den Anderen und deshalb als Hingabe des eigenen Lebens gegenüber einem Anderen, ist Opfer. Diese Wahrheit zeigt sich am deutlichsten am Kreuz Jesu. Es offenbart uns die Logik seiner radikalen Liebe zu uns Menschen und zeigt uns, dass der Gute Hirte selbst dann nicht von seiner barmherzigen Suche nach dem Verlorenen ablässt, wenn die bösen Mächte in den Menschen entbrennen und den Guten Hirten selbst treffen. Der Kreuzestod Jesu offenbart uns das konsequente Handeln eines grenzenlos liebenden Guten Hirten, der uns Menschen bis in die tiefsten Abgründe und verborgenen Katakomben eines durch-Kreuz-ten Lebens nahe sein will, um uns mit seiner Liebe zu erlösen. Das Kreuz ist die Erscheinung der grössten Liebe Gottes oder, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über die christliche Liebe sagt, „Liebe in ihrer radikalsten Form“[1]. Denn das Kreuz ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus sich nicht mit verbalen Liebeserklärungen an uns Menschen begnügt, sondern selbst einen hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert hat.

Um die Tiefe dieser grenzenlosen Liebe erahnen zu können, haben die Kirchenväter im Opfertod Jesu am Kreuz die endgültige Erfüllung der Opferung Isaaks durch Abraham erblickt. Wiewohl Abraham bereit gewesen ist, den eigenen Sohn hinzugeben und damit Gott seine grösste Liebe zu opfern, hat Gott Isaak verschont und sich mit dem Widder begnügt, der sich im Gestrüpp verfangen hat und den Abraham anstelle seines Sohnes Gott dargebracht hat. Während der alttestamentliche Isaak nicht sterben musste, sondern durch einen Widder ersetzt wurde, hat der neue Isaak, nämlich Jesus Christus, sein Leben selbst ohne jeden Ersatz dahingegeben, wie Origenes sensibel bemerkt hat: „In wunderbarer Weise wetteifert Gott in der Freigebigkeit mit den Menschen: Abraham hat Gott einen sterblichen Sohn geopfert, ohne dass dieser sterben musste; Gott hat den unsterblichen Sohn dem Tod überliefert für die Menschen.“[2] Und Maximus der Bekenner war deshalb überzeugt, dass Christus „sozusagen göttlich gestorben ist, weil er freiwillig gestorben ist“[3]. Das wahre und neue Opfer Jesu Christi konnte nicht mehr wie im Tempel in der Übergabe von Tieren bestehen, sondern nur in der Selbsthingabe des Sohnes an seinen Vater für uns Menschen. Indem der Gute Hirte selbst Lamm geworden ist, um auf die Seite der bedrängten Lämmer zu treten, hat Jesus den alttestamentlichen Kult von Tieropfern überwunden, und an seine Stelle ist der neue Kult getreten, den Christus am Kreuz seinem Vater dargebracht hat und der im Sich-Selbst-Geben besteht. In diesem neuen Kult gibt es keinen Ersatz durch Tieropfer mehr, sondern nur Einsatz des eigenen Lebens.

Zeichen des Todes – Zeichen des Lebens

Diesen neuen Kult hat Christus für uns Menschen dargebracht. Wird diese Botschaft der Liebe aber nicht Lügen gestraft, wenn am Aschermittwoch das Kreuzzeichen mit Asche gemacht wird und der Priester dazu spricht: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“? Mit diesen Worten werden wir zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurückgeführt, als nach dem Sündenfall Gott zu Adam gesprochen hat: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden, von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Gen 3, 19). Damit werden wir an unsere Verletzlichkeit, Gebrechlichkeit, Hinfälligkeit und damit an unseren bevorstehenden Tod erinnert, der die letzte Konsequenz unserer conditio humana ist. Staub und Asche sind Zeichen des Sterbens und des Todes.

Das Zeichen des Aschenkreuzes erinnert uns unmissverständlich daran, dass wir Menschen Staub sind und wieder zum Staub zurückkehren werden. Es ist gut, daran erinnert zu werden, zumal in einer Zeit, in der wir Menschen den Tod aus unserem Leben zu verdrängen pflegen und damit keineswegs dem Leben dienen. Denn wenn der Tod nicht mehr als zum Leben selbst gehörend betrachtet wird, gefährden wir nicht nur die Würde des Sterbens, sondern auch die Würde des Lebens. Die heutigen Diskussionen und Bestrebungen um die Straflosigkeit der Beihilfe zum Suizid zeigen uns, wohin es führt, wenn wir Menschen nur noch gesund sterben wollen.

Der Aschermittwoch fordert uns heraus, uns dem eigenen Tod zu stellen. Dies ist aber nur deshalb heilsam, weil der Aschermittwoch uns noch eine andere Botschaft bereithält. In der Liturgie dieses Tages wird die Asche nicht nur als Zeichen des Todes, sondern auch als Zeichen des Lebens gefeiert. Denn die Liturgie verkündet uns, dass selbst der menschliche Staub für Gott kostbar ist, weil Gott uns Menschen geschaffen und zum ewigen Leben bestimmt hat. Wie Jesus mit uns Menschen das Geschick der Verletzlichkeit und Sterblichkeit teilen wollte, aber am Kreuz seinen gewaltsamen Tod in einen Akt der Liebe verwandelt hat, der zum Weg hin zur Auferstehung geworden ist, so ist auch uns in der Taufe verheißen, dass wir wieder zum Staub zurückkehren, dass Gott aber diesen Staub ins ewige Leben hinein verwandeln wird. Der Aschermittwoch als Beginn der Österlichen Bußzeit lädt uns deshalb ein, dass wir in dieser Zeit das Paschamysterium von Tod und Auferstehung Jesu Christi und unsere Teilnahme an diesem Geheimnis bedenken und unseren Glauben erneuern.

Der Weg zum ewigen Leben

Darauf weist auch der ursprüngliche Name der Österlichen Busszeit hin, nämlich Quadragesima. Er erinnert uns an die vierzig Tage des Fastens Jesu in der Wüste, die für ihn eine Zeit der Versuchung, aber auch eine Zeit der besonderen Nähe mit seinem himmlischen Vater gewesen ist. Auch wir Christen werden in dieser Zeit in die Wüste geschickt, um uns neu zu orientieren und den Weg auf Ostern, das Fest des ewigen Lebens neu zu gehen. Dies kann uns aber nur gelingen, wenn wir das Ziel klar vor Augen haben, zu dem uns Gott bestimmt hat, nämlich das ewige Leben, das im Kern darin besteht, dass wir Gott erkennen, wie der Johanneische Jesus dies uns nahebringt: „Dies ist das ewige Leben: dich, den einzigen und wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17, 3). Worin anders könnte denn das ewige Leben bestehen wenn nicht darin, Gott in seinem dreifaltigen Leben zu erkennen und in seiner Gegenwart ewig zu leben. Je mehr wir uns dieses Ziel vor Augen halten, desto mehr werden wir bereits im jetzigen Leben das ewige Leben erfahren, indem wir Gott erkennen und in seiner Gegenwart unser Leben gestalten.

Darin besteht der Anruf der Österlichen Bußzeit, der ein Ruf zur Umkehr ist, wie dies in der neueren Spendeformel bei der Austeilung des Aschenkreuzes zum Ausdruck gebracht wird: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“ Wie bereits Israel in seiner Spätzeit rückblickend die vierzig Jahre der Wüstenwanderung als die Zeit der ersten Liebe Gottes zu Israel und Israels zu Gott verstanden hat, so lädt uns die Österliche Bußzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ein, uns an die erste Liebe Gottes zu uns, die uns im Sakrament der Taufe geschenkt worden ist, zu erinnern und zu ihr umzukehren.

Die Österliche Bußzeit zeigt uns auch die Wege auf, die uns helfen, diesen Anruf zu befolgen. Es sind dieselben Wege, die Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern empfiehlt und die zu den klassischen Wegweisungen in der Österlichen Bußzeit geworden sind, nämlich das Gebet, das Fasten und das Geben von Almosen. Jesus legt dabei einen besonderen Akzent darauf, dass diese Wegweisungen nicht nur äußerlich befolgt, sondern innerlich vollzogen werden. Nur so sind sie Wege zu Gott.

Damit wird der eigentliche Sinn der christlichen Askese, beziehungsweise des christlichen Training sichtbar. Sie bringt zum Ausdruck, dass das Leben des christlichen Glaubens kein leichter Weg ist, sondern Übung und Training braucht. Doch auf diesem Weg gelangen wir zu Christus als dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Indem wir uns zu ihm hin führen lassen, entdecken wir in frischer Weise, wie sehr Gott die Welt liebt und wie unendlich kostbar wir Menschen Gott sind. Davon legt auch die Asche Zeugnis ab, die uns heute auf den Kopf gestreut wird. Sie verheißt uns, dass wir zwar Staub sind und wieder zu Staub werden, dass aber selbst der Staub bei Gott aufgehoben ist und zum ewigen Leben verwandelt wird. In dieser frohen Gewissheit vollziehen wir diesen schönen und tiefen Ritus am Beginn der Österlichen Bußzeit und bekennen damit unseren Glauben an den lebendigen Gott und sein Geschenk des ewigen Lebens.

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[1]  Benedikt XVI., Deus caritas est. Nr. 12.

[2]  Origenes, Homilia in Genesim, 8.

[3]  Maximus Confessor, Ambigua 91, 1056.

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Quelle

Zum Jahreswechsel: Gedanken von Kardinal Koch

Zum Jahresende hören und lesen Sie bei uns einige Gedanken vom Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, dem Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch.

Wir haben Weihnachten gefeiert als das Fest des Lichtes. Das Licht zeigt seine ganze Kraft aber nur auf dem Hintergrund der Dunkelheit, die vom Licht erhellt wird. Diese Erfahrung wird im Wort „Weihnacht“ selbst zum Ausdruck gebracht. Die Nacht steckt nun einmal im Wort; und wie die Nacht im Wort steckt, so steckt sie auch in den Herzen von uns Menschen, in der Geschichte der Welt und auch in der Gemeinschaft der Kirche. Auch im Festevangelium an Weihnachten, das von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus spricht, ist diese Realität enthalten und wird mit den düsteren Worten zum Ausdruck gebracht: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1, 10-11). Grösser könnte der Kontrast nicht sein zwischen dem, was uns an Weihnachten geschenkt ist, und dem, was wir Menschen daraus gemacht haben und weiterhin machen.

“ Wohin wir auch schauen, begegnen wir viel Dunkelheit und Finsternis ”

Wir stehen am letzten Tag des Jahres und blicken auf das vergangene Jahr zurück. Da begegnet uns derselbe Zwiespalt. Wohin wir auch schauen, begegnen wir viel Dunkelheit und Finsternis. Auch in diesem Jahr mussten wir viel Dunkelheit erfahren, die endloses Leiden unter die Menschen gebracht hat in zahlreichen Waldbränden und Unfällen wie beim Einsturz der Morandi-Brücke in Genua oder beim schrecklichen Tsunami in Indonesien. Auch die Gewaltanwendung an Menschen durch Menschen hat kein Ende gefunden; denken wir nur an das Schulmassaker in Parkland im US Bundesstaat Florida. Als besonders widerlich erfahren wir Gewalttaten, wenn sie im Namen von Religion ausgeübt werden wie wiederum beim Terroranschlag beim Weihnachtsmarkt in Straßburg.

“ Das Elend der Flüchtlinge offenbart eine tiefe Krise des europäischen Gedankens ”

Auch in diesem Jahr mussten wir das Elend so vieler Flüchtlinge zur Kenntnis nehmen. Die Flüchtlingsströme sind so groß, wie wir sie bisher nur aus der Geschichte gekannt haben. Eine Lösung dieses Problems scheint in weiter Ferne zu sein, zumal in Europa die Solidarität weitgehend fehlt, die nötig wäre, um wenigstens das größte Leid zu lindern. Das Elend der Flüchtlinge offenbart eine tiefe Krise des europäischen Gedankens. Mit dieser Krise dürfte es zusammenhängen, dass in den europäischen Gesellschaften tiefe Spaltungen festgestellt werden müssen, die Extremismen und Radikalismen nähren, wie man an der zunehmenden Verrohung der Sprache in den öffentlichen Auseinandersetzungen beobachten kann.

“ Spaltungen zeigen sich auch in den Kirchen ”

Spaltungen zeigen sich auch in den Kirchen. Sie haben oft ihre Ursache darin, dass auseinandergerissen wird, was doch unlösbar zusammen gehört. Es gibt Christen, die ein gutes Sensorium für die sozialen Probleme der Menschen haben, sich jedoch nicht mit demselben Engagement für den Schutz des menschlichen Lebens an seinem Anfang und an seinem natürlichen Ende einsetzen. Es gibt aber auch Christen, denen der Schutz des menschlichen Lebens auch vor der Geburt ein wichtiges Anliegen ist, die jedoch nicht mit derselben Überzeugung den Einsatz für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse und für den Schutz der Flüchtlinge für eine wichtige Aufgabe der Kirchen halten

“ Der Einsatz für die Würde des menschlichen Lebens ist nur dann glaubwürdig, wenn er unteilbar ist, wenn wir Christen uns für die Lebendigkeit der Ungeborenen genauso einsetzen wie für die Menschlichkeit der Geborenen ”

Beiden Verhaltensweisen gegenüber ist es wichtig, ein Grundprinzip christlicher Lebensethik in Erinnerung zu rufen, nämlich die Ganzheitlichkeit. Sie impliziert, nicht nur alle Aspekte eines ethischen Problems ins Blickfeld zu rücken, sondern es auch im größeren Kontext der zahllos anderen Probleme zu verorten. Für eine solche ganzheitliche Sicht hat der im vergangenen Oktober heilig gesprochene Papst Paul VI. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 1977 ein deutliches Beispiel gegeben: „Die Abtreibung bejahen und den Krieg verwerfen ist ein Widerspruch. Die Abtreibung hingegen verwerfen und den Krieg befürworten oder gar fördern ist ebenso ein Widerspruch. Den Krieg und die Abtreibung wie zwei heterogene Probleme voneinander zu trennen, ist das nicht gleichermaßen unlogisch und ungerecht?“ Der Einsatz für die Würde des menschlichen Lebens ist nur dann glaubwürdig, wenn er unteilbar ist, wenn wir Christen uns für die Lebendigkeit der Ungeborenen genauso einsetzen wie für die Menschlichkeit der Geborenen. Nur wenn beides zusammen gesehen wird, lassen sich die Spaltungen überwinden, die auch im vergangenen Jahr in den Kirchen deutlich geworden sind und der Glaubwürdigkeit des „Evangelium vitae“ schaden.

“ Die sexuellen Missbräuche stellen ein trauriges Kapitel in unserer Kirche dar ”

Ein besonders großer Schaden ist ihm zugefügt worden in den Fällen von sexualisierter Gewalt durch Seelsorger und Repräsentanten der Kirche, die auch im vergangenen Jahr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden haben. Die sexuellen Missbräuche stellen ein trauriges Kapitel in unserer Kirche dar. Gewiss sind sie in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens festzustellen. Doch in der Kirche sind sie doppelt schlimm. Denn wenn die zwei intimsten Bereiche im menschlichen Leben – die Religion und die Sexualität – miteinander in Konflikt geraten und wenn dies zudem unter dem Baldachin des Heiligen geschieht, dann wirken sich die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs doppelt schrecklich aus. Die Kirche hat deshalb eine dreifache Aufgabe. An erster Stelle müssen die Opfer stehen, denen wir Zuneigung und Hilfe schulden. Zweitens muss im Blick auf die die schweren Sünder das Prinzip der Null-Toleranz konsequent angewandt werden. Und an dritter Stelle muss der Prävention alle Aufmerksamkeit gegeben werden, so dass sich solche Verbrechen in unserer Kirche nicht mehr wiederholen können.

“ Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten ”

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. So sagt es eine tiefe Weisheit. Wo viel Schatten ist, braucht es noch mehr Licht. Dies ist die noch tiefere Weisheit des christlichen Glaubens, die wir an Weihnachten gefeiert haben. Denn in der Weihnacht ist in der Nacht unseres Lebens, in der Nacht unserer Welt und in der Nacht auch in der Kirche ein Licht, das Licht schlechthin aufgeleuchtet. In diesem Licht geht uns die Wahrheit auf, die für unser Leben von entscheidender Bedeutung ist und die das große himmlische Heer in der Heiligen Nacht verkündet hat: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Dies ist der weihnachtliche Doppelbeschluss Gottes, den man nicht auflösen darf, den man vielmehr dahingehend zur Geltung bringen muss: Friede auf Erden ist nur möglich, wenn in der Höhe Gott die Ehre gegeben wird.

“ Der elementarste Friede ist der Friede mit Gott, und alle anderen Friedensformen sind Spiegelungen dieses letztlich entscheidenden Friedens ”

Die Priorität Gottes ist im christlichen Verständnis des Friedens selbst eingeschrieben. Denn Friede, Schalom ist in der hebräischen Sprache ein Grußwort und zeigt, dass er es mit unseren Beziehungen zu tun hat: mit meiner Beziehung zum Nächsten, mit meiner Beziehung zur Gemeinschaft, mit meiner Beziehung zur ganzen Schöpfung, mit meiner Beziehung zu mir selbst und in diesen vier Beziehungen mit meiner Beziehung zu Gott. Nur dort, wo diese Beziehungen gesund sind, lebt der Friede. Dies gilt vor allem von unserem Frieden mit Gott. Er ist die Grundlage von allem. Der elementarste Friede ist der Friede mit Gott, und alle anderen Friedensformen sind Spiegelungen dieses letztlich entscheidenden Friedens.

“ Der christliche Glaube ist heute die am meisten verfolgte Religion ”

Dieser Friede ist uns an Weihnachten geschenkt worden, und die Kirche ist berufen, von diesem Frieden in der heutigen Welt Zeugnis zu geben. Dies ist in vielfältiger Weise auch im vergangenen Jahr geschehen. Ich denke zum Beispiel an das Gebetstreffen in Bari am 7. Juli, zu dem Papst Franziskus alle Patriarchen im Nahen Osten eingeladen hat, um das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen und um den Frieden im Nahen Osten zu beten, genauer darum: „der Nahe Osten möge nicht länger ein Bogen des Krieges sein, der sich über die Kontinente spannt, sondern eine Arche des Friedens, die Völker und Religionen willkommen heißt“[1].

Mit diesem Gebet für die Christen im Nahen Osten ist erneut sichtbar geworden, dass in der heutigen Welt überhaupt Christen in einem Ausmass verfolgt werden, zu dem es kaum geschichtliche Parallelen gibt. Heute finden sogar mehr Christenverfolgungen als in den ersten Jahrhunderten statt. Achtzig Prozent aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Der christliche Glaube ist heute die am meisten verfolgte Religion. Diese erschütternde Bilanz stellt eine große Herausforderung zu leidempfindlicher Solidarität mit den verfolgten Christen und Christinnen in der heutigen Welt dar. Sie ist auch eine Einladung zu mehr Einheit unter allen Christen. Denn heute haben alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihre Märtyrer. Christen werden heute nicht verfolgt, weil sie orthodox oder katholisch, lutherisch oder anglikanisch, sondern weil sie Christen sind. Das Martyrium ist heute ökumenisch, und man muss von einer eigentlichen Ökumene der Märtyrer sprechen. Weil das Leiden so vieler Christen und Christinnen Einheit stiftet, die sich als stärker erweist als die Differenzen, die die christlichen Kirchen noch immer trennen, dürfen wir in der Ökumene der Märtyrer oder, wie Papst Franziskus zu sagen pflegt, in der Ökumene des Blutes das überzeugendste Zeichen der Ökumene heute wahrnehmen.

“ In der Weihnachtszeit werden wir in besonderer Weise daran erinnert, dass das Martyrium zum christlichen Glauben gehört ”

In der Weihnachtszeit werden wir in besonderer Weise daran erinnert, dass das Martyrium zum christlichen Glauben gehört. Denn auf das Weihnachtsfest folgt am 26. Dezember der Gedenktag des Heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers, und am 28. Dezember der Gedenktag der Unschuldigen Kinder, gleichsam des ersten großen Kindermassakers in der christlichen Geschichte. Der Zusammenhang von Weihnachten und Leiden ist freilich bereits vorausgesagt im Blick auf Maria. Über sie hat der greise Simeon prophezeit: „Dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2, 35). Denn der Widerspruch, der sich gegen das Kind in der Weihnachtskrippe richten und es ans Kreuz führen wird, wird auch zum Schwert, das die Seele Mariens durchbohrt. Maria steht vor unseren Augen als jene Gestalt, von der wir wahres Mitleiden lernen können, indem wir fremdes Leiden als eigenes Leiden annehmen.

“ In Maria dürfen wir die Urgestalt der Kirche erblicken, die das Wort Gottes bedenkt, aus ihm lebt und so zu jenem Frieden mit Gott findet, der das Fundament allen Friedens ist, der uns an Weihnachten verheißen und geschenkt ist ”

So zeigt sich in der Gestalt Mariens konkret, wie eng Licht und Dunkelheit auch in der Heilsgeschichte zusammen gehen. Maria weist uns deshalb auch den Weg, wie auch in unserem Leben das Licht siegen kann. In der Weihnachtsgeschichte des Lukas heißt es nach der Anbetung des Kindes in der Krippe durch die Hirten: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (2, 19). Maria ist für das Wort Gottes ganz Ohr und lebt deshalb im Frieden mit Gott. In Maria dürfen wir die Urgestalt der Kirche erblicken, die das Wort Gottes bedenkt, aus ihm lebt und so zu jenem Frieden mit Gott findet, der das Fundament allen Friedens ist, der uns an Weihnachten verheißen und geschenkt ist. Maria ist die Mutter und Königin des Friedens. Am Hochfest der Gottesmutter Maria am 1. Januar begehen wir deshalb zugleich den Welttag des Friedens.

Wir stehen am Übergang vom alten zum neuen Jahr und bitten Maria um ihr Geleit, damit auch im kommenden Jahr das Weihnachtslicht Gottes das Dunkel der menschlichen Geschichte erhellt und damit wir im Frieden mit Gott leben und diesen Frieden zu den Menschen tragen. In dieser Zuversicht legen wir das vergangene Jahr in die Hand Gottes zurück. Denn er ist der Herr aller Zeit und deshalb auch des vergangenen Jahres 2018. Und wir bitten den lebendigen Gott, dass er das kommende Jahr 2019 mit seinem Segen begleite: „Der Herr segne und behüte euch. Der Herr lasse sein Angesicht über euch leuchten und sei euch gnädig. Der Herr wende sein Angesicht euch zu und schenke euch Frieden.“

(vatican news – mg)

‚Weil Gott in tiefster Nacht erschien‘: Weihnachtspredigt von Kardinal Koch

Anbetung des Jesuskindes durch die Hirten von Matthias Stomer Foto: Wikimedia / Paris Orlando (CC BY-SA 4.0)

Zur Eucharistiefeier in der Heiligen Nacht in der Kirche des Campo Santo Teutonico am 24. Dezember 2018 hat Kardinal Kurt Koch diese Predigt gehalten:

Es ist ein alter und schöner Brauch, dass wir uns zum Weihnachtsgottesdienst in der Nacht oder an ihrem Beginn einfinden. An diesem Brauch lässt sich ablesen, dass wir Christen offensichtlich die Nacht gern haben. Die Nacht ist uns sogar heilig und geweiht. Sie ist Weih-Nacht. Mit diesem Ehrentitel bezeichnen wir jene Nacht, in der Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, auf unserer Erde erschienen, Mensch geworden und geboren ist. In dieser Nacht feiern wir den Eintritt Gottes in die Weltnacht von uns Menschen.

Gottes Licht in der Nacht der Menschen

Heilige Nacht – Weihnacht! Die Feier der Weih-Nacht mutet uns nichts weniger zu als dies, dass wir uns der Nacht stellen: der Nacht in unserem eigenen Leben, der Nacht in der gegenwärtigen Welt und der Nacht auch in der Kirche heute. Wir Christen sind zwar nicht – und hoffentlich – Menschen, die die Nacht herbeireden. Wir sind aber auch nicht – und hoffentlich – Menschen, die der Nacht ausweichen und sie verdrängen. Wir stellen uns vielmehr der Nacht und setzen uns ihr aus. Denn wir wissen genau, dass, wenn wir die Nacht aus unserem Leben verdrängen, die Weih-Nacht bloss noch eine Worthülse wäre. Die Nacht steckt nun einmal im Wort Weih-Nacht; und wie die Nacht im Wort steckt, so steckt sie auch in den Herzen von uns Menschen und nagt in ihrer ganzen Abgründigkeit und Gefährlichkeit  an unserem Leben. Die Nacht ist ein urmenschliches Zeichen für die Dunkelheit im menschlichen Leben und für die Finsternis in der Geschichte der Welt. Nacht heisst Angst und Not; Nacht heisst Armut und Sinnlosigkeit; und Nacht heisst schliesslich Leiden und Sterben.

Als Zeichen für die Nacht im Leben von uns Menschen und in den Geschicken der Welt treffen wir uns zur Feier der Heiligen Weihnacht am Beginn der Nacht. Weihnachten feiern braucht Mut, sich der Nacht zu stellen. Weihnachten ruft Erinnerungen an die Nachtseiten des menschlichen Lebens wach. Weihnachten erinnert an schlaflose Nächte, die vor lauter Sorge, Kummer oder Trauer nicht enden wollten. Und Weihnachten macht uns bewusst, dass auch unser Glaube manchmal Nachtwanderungen kennt.

Sich in dieser Weise der Nacht zu stellen, dies wäre freilich ein furchtbar trostloses und letztlich tristes Unterfangen, wenn mit der Nacht nicht auch eine frohe Verheissung verbunden wäre. Die Verheissung, die uns in der Weih-Nacht zuteil wird, besagt, dass in den Nächten unseres Lebens ein Licht aufgegangen ist, das die Finsternis erhellt. Dieses Licht ist bereits aufgeleuchtet im Volk Israel, wie es uns der alttestamentliche Prophet Jesaja verkündet: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht“ (9, 1), und zwar vor allem deshalb, weil ihm ein Kind geboren und ein Sohn geschenkt ist. Dieses Licht ist deshalb vollends aufgestrahlt in der Krippe in Bethlehem in jenem Kind, in dem Gott selbst Mensch geworden ist. In diesem Kind in der Krippe ist uns mitten in der Nacht unseres Lebens ein Licht, das Licht schlechthin aufgeleuchtet.

Erst diese Verheissung macht Weihnachten wirklich zur Weih-Nacht. Erst hier leuchtet auch der tiefste Grund auf, dass wir Christen die Nacht gern haben und geradezu in die Nacht verliebt sind. Denn uns ist der Glaube geschenkt, dass der Gottessohn in der Lebensnacht von uns Menschen zur Welt gekommen ist und sich uns als unser Lebenslicht schenkt. Der Sohn Gottes hat bei uns Menschen nicht bei Tageslicht bloss hinein geschaut, um sich alsbald von uns wieder zu verabschieden. Nein, er hat uns in der dunklen Nacht aufgesucht und heimgesucht, um die Nacht mit uns zu teilen und um in unsere Nacht hinein sein Licht zu bringen. Das ist das schöne Geheimnis der Heiligen Weih-Nacht: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“, kann unsere menschliche Lebensnacht nicht traurig und nicht endlos sein. Mit seinem Licht hat Gott vielmehr der Nacht im Leben von uns Menschen und in der Welt ein heilsames Ende bereitet.

Licht, das den menschlichen Lebensraum erfüllt

Um uns in das Geheimnis der Heiligen Weih-Nacht zu vertiefen und in diesem Geheimnis heimisch werden zu können, eignet sich eine Geschichte, die die Menschen auf den Philippinen zu erzählen pflegen[1]: Ein König, der zwei Söhne hatte, beschloss im Laufe der Zeit, einen der beiden Söhne zu seinem Nachfolger zu bestellen. Um besser entscheiden zu können, welchen von beiden er mit der Nachfolge betrauen kann, gab er jedem fünf Silberstücke in die Hand und erteilte ihnen den Auftrag, sie sollten bis zum Abend mit diesem Geld die leere Schlosshalle füllen. Dabei vermerkte er eigens, dass es in ihrer Entscheidung liege, wie sie den Auftrag erfüllen wollen.

Der ältere Sohn machte sich sofort auf den Weg. Er kam an einem Feld vorbei, auf dem gerade Zuckerrohr geerntet und ausgepresst wurde. Als er das leere Zuckerrohr zuhauf am Feldrand liegen sah, dachte er sich, damit könne er die Schlosshalle leicht auffüllen. Schnell wurde er mit den Arbeitern handelseinig; und diese schafften für die fünf Silberstücke das ausgepresste Zuckerrohr in die Schlosshalle. Als sie voll war, ging der ältere Sohn in zuversichtlicher Freude zu seinem Vater und berichtete ihm, er habe die ihm gestellte Aufgabe erfüllt und der Vater solle ihn jetzt zu seinem Nachfolger ernennen. Der Vater jedoch antwortete: „Noch ist nicht Abend. Ich werde warten.“

Als die Dämmerung über das Land hereingebrochen war, kam auch der jüngere Sohn zurück. Er sah, dass die Schlosshalle mit Zuckerrohr aufgefüllt war, und gab die Anweisung, man solle das leere Stroh wegschaffen. Nachdem dies geschehen war, stellte er mitten in die Schlosshalle eine Kerze und zündete sie an. Das Licht der Kerze erfüllte den ganzen Raum und drang bis in den letzten Winkel vor. Als der Vater sah, dass das Licht der Kerze die ganze Schlosshalle erfüllt hatte, sagte er zu seinem jüngeren Sohn: „Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat alle fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du aber hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht  und dabei die Halle mit Licht gefüllt. Du hast sie mit dem erfüllt, was die Menschen wirklich brauchen.“

Der Unterschied zwischen den beiden Söhnen könnte gar nicht grösser sein. Der Unterschied ist sogar so gross, dass er uns an den Unterschied zwischen dem Handeln Gottes und dem Handeln von uns Menschen erinnert. Handeln wir Menschen nicht oft genau so wie der ältere Sohn und geben uns alle erdenkliche Mühe, auch und gerade an Weihnachten, die Schlosshalle unseres Lebens mit allem Möglichen aufzufüllen? Ist unsere eigene Schlosshalle oft nicht voll von Terminen und Agenden, von Plänen und Programmen? Ist unser Herz nicht mit allen möglichen Dingen besetzt, und haben wir nicht oft genug auch unseren Kopf voll? Kommen wir uns nicht manchmal selbst gleichsam wie „besetztes Gebiet“ vor? Und wenn wir die besetzte Dunkelkammer unseres Herzens ans Tageslicht bringen, müssen wir dann ehrlicherweise nicht entdecken, dass darin auch viel Stroh ist, das uns zwar ausfüllt, aber gerade deshalb noch lange nicht erfüllt? Gleichen wir Menschen nicht oft dem älteren Sohn, der die Schlosshalle  mit ausgepresstem Zuckerrohr auffüllt? Auch unser Leben ist dann zwar aufgefüllt, aber nicht erfüllt.

Die Heilige Weihnacht lädt uns ein, auf Christus, den Sohn des himmlischen Vaters, zu schauen. In ihm dürfen wir den jüngeren Sohn in der philippinischen Geschichte wiedererkennen. Denn er füllt unser Herz mit nichts anderem als mit seinem Licht, das die Schlosshalle unseres Lebens bis in den letzten Winkel zu erfüllen vermag. Er erfüllt sie mit dem, was wir Menschen wirklich brauchen. Denn er ist gekommen, um uns zu besuchen als das „aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“ (Lk 1, 78-79).

Jesus Christus als Gnaden-Licht in Person

Unser menschliches Leben gleicht oft einer leeren und dunklen Schlosshalle, die darauf wartet, gefüllt zu werden. Die Heilige Weihnacht erfüllt sie mit jenem Licht, das im Kind in der Krippe von Gott her in unsere Welt gekommen ist. Von diesem Licht gilt erst recht, was in der philippinischen Geschichte der Vater zu seinem jüngeren Sohn sagt: „Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und die Schlosshalle dabei mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem erfüllt, was die Menschen brauchen.“ In der Tat brauchen wir Menschen dringend das Licht, das von Gott kommt. Und das Licht, das Christus selbst ist, können wir nicht kaufen, und es kostet nichts; es ist vielmehr gratis, reine Gnade.

Die Heilige Weihnacht verkündet uns, dass in Jesus Christus die Gnade Gottes erschienen ist, „um alle Menschen zu retten“ (Titus 2, 11). Denn Jesus Christus ist in Person die gnädige Zuwendung Gottes zu uns Menschen, er selbst ist die Gnade Gottes. Wer an Weihnachten dem Kind in der Krippe in Bethlehem begegnet, begegnet Gott selbst. In diesem Kind ist Gott selbst gegenwärtig, und in ihm ist erfahrbar, dass letztlich alles Gnade ist.

An Weihnachten wird uns die Gegenwart Gottes als sein Licht geschenkt. Die Feier der Weihnacht setzt deshalb unsere Bereitschaft voraus, dass wir Menschen, die wir wie der ältere Sohn in der philippinischen Geschichte die Schlosshalle unseres Lebens immer wieder mit allem Möglichen aufzufüllen versuchen, es dem jüngeren Sohn, dem Sohn Gottes, erlauben, dieses alles Mögliche auch als „leeres Stroh“ auszuräumen und stattdessen seine Kerze in die Schlosshalle zu stellen. Christus will in dieser Heiligen Nacht auch unseren Lebensraum mit seinem Licht der Gnade erfüllen. Er kommt vom Licht der Gnade Gottes her und ist selbst das Licht der Welt. Er ist „Licht vom Licht“ und deshalb „wahrer Gott vom wahren Gott“, wie wir es im Grossen Glaubensbekenntnis ausdrücken. Dieses Licht dürfen wir empfangen vom Glanz des Herrn, der den Engel, der in der Weihnachtsgeschichte des Lukas die frohe Botschaft verkündet, umstrahlt (Lk 2, 9).

Öffnen wir in dieser Nacht die dunkle Schlosshalle unseres Lebens für Christus, damit er sie mit seinem Licht bis in die letzten Winkel hinein erfüllen kann. Dann geht uns vollends auf, dass wir Christen mit bestem Recht die Nacht gern haben dürfen. Sie ist uns Heilige Nacht, Geweihte Nacht, Weih-Nacht. Denn sie ist jene Nacht, in die hinein uns Jesus Christus geboren ist als das Licht, das in der Finsternis der Nacht leuchtet. Mitten in der Nacht der Menschen  – das ewige Licht Gottes: Dies ist die wahrhaft Frohe Botschaft von Weihnachten, deren Freude und Trost ich Ihnen von Herzen wünsche: Gesegnete und lichtvolle Weih-Nacht!

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[1]  Vgl. F. Kamphaus, Zwischen Nacht und Tag. Österliche Inspirationen (Freiburg i. Br. 1998) 50.

Der Schweizer Kardinal Kurt Koch ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Der ehemalige Bischof von Basel hat über 60 Bücher und Schriften verfasst, darunter Mut des Glaubens (1979) und Eucharistie (2005). (Foto: Paul Badde / EWTN).

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Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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Quelle


Kardinal Koch bilanziert das Luther-Gedenkjahr

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch

Der Ökumene-Verantwortliche des Vatikans, Kardinal Kurt Koch, war „am Anfang sehr irritiert“ über das Gedenken an 500 Jahren Reformation in Deutschland. Er habe „immer gesagt“, dass bei einem solchen Gedenken „auch Buße“ wegen der „grausamen Konfessionskriege“ geleistet werden müsse, sagte Koch in einem Bilanzinterview zum Lutherjahr mit Radio Vatikan. Doch zu Beginn des Gedenkjahres sei sein Eindruck gewesen, „dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte“. „Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist.“

Später habe er aber „gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe“, so Kardinal Koch. Er zog in dem Interview daher eine positive Bilanz des Reformationsgedenkens. Der Kardinal würdigte ausdrücklich „die Bereitschaft der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist“.

Das sei „die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken“ gewesen, sagte der Schweizer Kurienkardinal. Lobende Worte fand er auch für die „wunderschöne Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund“: Dort habe er während des Gedenkjahres „die Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen“, gespürt.

Mit deutlicher Vorsicht äußerte sich Koch zum ökumenischen Ziel einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen.“ Manche beschrieben mit diesem Begriff die „Situation, wie wir sie heute haben“, doch „die katholische Sicht ist eine andere“. Aus Kochs Sicht wäre es „wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht“. Sonst komme es zu „Konfusionen“.

Hier können Sie den Volltext unseres Interviews mit Kardinal Koch lesen. Die Fragen stellte Radio-Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer.

RV: Die Geschichte der katholisch-evangelischen Annäherung begann – mit einzelnen Vorläufern wie den Lübecker Märtyrern – im II. Vatikanischen Konzil. Hat das Lutherjahr im Großen und Ganzen zu einer weiteren Annäherung geführt oder eher die bestehenden Differenzen klarer zutage treten lassen?

Kardinal Koch: „Der allererste Dialog, den die katholische Kirche begonnen hat, unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, war mit dem lutherischen Weltbund. Deshalb haben wir nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 50 Jahre ökumenischen Dialog, katholisch-lutheranisch. Ich denke mit zwei großen Schwerpunkten: Erstens die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die am 31. Oktober 1990 in Augsburg verkündet worden ist. Und zweitens das große lutherisch-katholische Reformationsgedenken in Lund in Schweden. Beide Ereignisse, kann man sagen, sind Meilensteine in der ökumenischen Annäherung zwischen Katholiken und Lutheranern. Vor allem jetzt dieses gemeinsame Reformationsjubiläum, wo auf der einen Seite Papst Franziskus und auf der anderen Seite der Präsident und der Generalsekretär des lutherischen Weltbundes vorgestanden sind, ist ein äußerst positives Zeichen.”

RV: Zum Auftakt des Reformationsgedenkens reiste Papst Franziskus – am 31. Oktober 2016 – ins schwedische Lund und unterzeichnete dort mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes Mounib Younan eine ökumenische Erklärung. Darin ist viel vom gemeinsamen Einsatz von Christen beider Konfessionen die Rede: für Arme, für Flüchtlinge, für die Umwelt, ein Gemeinsames Eintreten gegen Extremismus und für Gerechtigkeit. Aus Ihrer Sicht: tun das die Christen da draußen nicht ohnehin schon? Also ging da die ökumenische Tat der ökumenischen Erklärung voran?

Kardinal Koch: „In Lund waren ja zwei Ereignisse. Das war auf der einen Seite der ökumenische Gottesdienst, in dem vor allem der Reformation gedacht worden ist. Und dann das Ereignis in Malmö, um zu zeigen, dass wir gemeinsam Zeugnis geben sollen. Ganz nach der Devise von Papst Franziskus, der immer wieder sagt, wir sollen dreierlei tun: camminare insieme, pregare insieme und collaborare insieme, also miteinander beten, miteinander gehen, miteinander Gemeinsames tun. Und da ist schon viel geschehen, aber da war Malmö noch einmal ein neuer Impuls dafür, noch mehr gemeinsam zu tun, aus dem gemeinsamen Glauben heraus sich für die Menschen und vor allem für die Marginalisierten, für die Armen einzusetzen.”

RV: Die Lund-Erklärung erwähnt als Ziel der Ökumene das gemeinsame eucharistische Mahl. Was hat dieses klar formulierte Ziel an Neuem in Fluss gebracht?

Kardinal Koch: „Das ist nicht neu, dass wir an den gemeinsamen Altar treten können sollen. Das ist das Ziel der Ökumene. Die Frage ist, was muss alles erreicht sein, damit dieses Ziel erreicht werden kann. Das wieder neu in Erinnerung zu rufen, dass wir in einer unnormalen Situation sind, wenn wir als getaufte Christen nicht gemeinsam Eucharistie feiern können, war ein wichtiger Impuls. Und ich habe dann auch vorgeschlagen, dass wir nach der gemeinsamen Erklärung mit der Rechtfertigungslehre und dem gemeinsamen Reformationsgedenken auf eine neue gemeinsame Erklärung hingehen sollten über Kirche, Eucharistie und Amt. Und das ist doch auf recht positives Echo gestoßen. Vor allem der nationale lutherisch-katholische Dialog in Finnland beschäftigt sich intensiv mit diesem Dokument. Der nationale Dialog in Amerika hat bereits ein Dokument publiziert über „Declaration on the way – church, ministry and eucharist“. Und das ist auf positive Resonanz gestoßen. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt: Konsens darüber finden, was Kirche, Eucharistie und Amt ist, um dann dieses Ziel der gemeinsamen Eucharistiefeier erreichen zu können.”

RV: Wie lange könnte das noch dauern?

Kardinal Koch: „In der Ökumene bin ich immer vorsichtig. Wir können nicht alleine entscheiden, sondern müssen immer auch auf den Partner Rücksicht nehmen. Für mich ist nach dem Reformationsgedenken das Jahr 2030 ein wichtiger Horizont: 500 Jahre Augsburger Reichstag und die Verabschiedung der Confessio Augustana – des Augsburger Bekenntnisses, das ja kein Dokument der Spaltung ist, sondern der Einheit. Man wollte zeigen, dass man den Glauben der Katholiken teilt. Das ist damals leider nicht gelungen, es ist gescheitert. Aber ich würde sagen, Lutheraner und Katholiken waren nie so eng beieinander wie in Augsburg. Und dieses Gedenken sollte meines Erachtens ein Horizont sein, auf den wir mit neuen verbindlichen Schritten zugehen sollten.”

RV: Ein Schritt zurück: Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Besuch in Erfurt 2011 Martin Luthers Suche nach einem gnädigen Gott ausdrücklich gewürdigt. Wie bewerten Sie dieses Bekenntnis das im Rückblick, hat das Wege zu einem neuen katholischen Lutherbild gewiesen, die vorher verschlossen schienen?

Kardinal Koch: „Diese Aussage von Papst Benedikt hat viel ausgelöst. Ich habe kürzlich einen Vortrag zu diesem Thema gehört, wie die Botschaft von Luther heute noch aktuell sein kann. Das ist eine Resonanz auf Papst Benedikt, dieses Symposium, das in Bensberg stattfindet. Er hat damals die leidenschaftliche Gottsuche von Martin Luther gewürdigt, aber auch seine Christozentrik, dass Luther nicht irgendeinen Gott gesucht hat, sondern jenen Gott, der sein ganz konkretes Bild in Jesus Christus gezeigt hat. Und Papst Benedikt hat damals daraus geschlossen, dass die wichtigste Aufgabe, die wir heute in der Ökumene haben, ist, in den säkularisierten Gesellschaften von heute den lebendigen Gott zu bezeugen.”

RV: Ein weiterer Markstein des Jahres war der Besuch einer Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands in Rom im Jänner dieses Jahres. Was hat das gebracht?

Kardinal Koch: „Für mich war sehr positiv, dass so viele junge Menschen dabei gewesen sind und dass es eine ökumenische Wallfahrt gewesen ist. „Mit Luther zum Papst“ hieß das. Es gab dann auch eine Audienz mit Papst Franziskus, die sehr positiv aufgenommen worden ist und viele Früchte getragen hat. Ich glaube, es war ein schönes und positives Ereignis.”

RV: Mit den Augen des vatikanischen Ökumene-Verantwortlichen: Was waren auf lutheranischer Seite die Stärken des Reformationsgedenkens in diesem Jahr, und wovon hätte man sich mehr erwarten können?

Kardinal Koch: „In Deutschland war ich am Anfang sehr irritiert. Ich habe immer gesagt, ein Reformationsgedenken muss drei Schwerpunkte haben: Erstens Dankbarkeit für alles, das wir wiederentdeckt haben, das wir gemeinsam haben. Aber auch Buße; Luther wollte keine neue Kirche gründen, er wollte die Kirche erneuern. Es kam aber nicht zu der Neuerung der Kirche, sondern zu einer neuen Kirche und anschließend zu grausamen Konfessionskriegen, für die wir Buße tun sollten. Und drittens Hoffnung, dass ein Reformationsgedenken neue Schritte in die Zukunft eröffnet. Am Anfang hatte ich etwas Sorge, dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte. Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist. Inzwischen habe ich aber gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe und der ein sehr schönes Ereignis gewesen ist. Zweitens die Bereitschaft von der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist und das ja auch das Anliegen von Luther gewesen ist. Das hat mich sehr gefreut. Das war die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken.

Auf der Weltebene gibt es eine wunderschöne Zusammenarbeit mit dem lutherischen Weltbund, die sehr fruchtbar ist. Ich habe selbst auch an der Plenarsitzung des lutherischen Weltbundes in Namibia teilgenommen. Und diese Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen aufgrund dieses Reformationsgedenkens war spürbar.”

RV: Für die innerevangelische Ökumene ist die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ein zentraler Ausdruck. Wo sehen Sie die Grenzen dieses Modells für die evangelisch-katholische Ökumene?

Kardinal Koch: „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen. Es gibt auf der einen Seite die starke Tendenz, zu sagen, „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Situation, wie wir sie heute haben. Wir sind verschieden, sollen auch so bleiben, aber schon Eins. Und deshalb müssen wir uns nur noch gegenseitig anerkennen und Abendmahl feiern.

Die katholische Sicht ist eine andere: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Aufgabe, die vor uns steht, dass wir unsere historischen Differenzen so aufarbeiten, dass sie nicht mehr unversöhnt sind. Sodass Unterschiede bleiben, aber nicht mehr kirchentrennend sein sollen, sondern dass sie versöhnt sind und wir dann diese Zeichen setzen können. Hier sehe ich den Unterschied und es wäre wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht. Sonst entstehen Konfusionen.”

RV: Wo fällt die interkonfessionelle Versöhnung heute, in 2017, noch am schwersten?

Kardinal Koch: „Ich glaube schon, dass die Frage des Kirchenverständnisses nach wie vor eine schwierige Krux ist, weil es hier sehr verschiedene Konzeptionen gibt. Die Erklärung der Glaubenskongregation hat das mit der Formel zum Ausdruck gebracht, dass die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht Kirchen im eigentlichen Sinne sind. Nun ist „eigentlich“ im Deutschen ein schwieriges Wort, weil es immer fast das Gegenteil sagt, von dem, was es meint. Gemeint ist, dass sie nicht Kirchen nach dem katholischen Verständnis sind, –so hat es Papst Benedikt in seinem Interviewbuch mit Peter Seewald auch umformuliert – sondern, dass sie Kirchen gleichsam eines anderen Typs sind. Darüber müssen wir noch vertieft nachdenken, auch über die Amtsfrage und die Bedeutung der Eucharistie im Gesamten des Kirchenverständnisses.”

RV: Was hat die katholische Kirche ihrerseits in diesem Lutherjahr gelernt?

Kardinal Koch: „Erstens haben wir gelernt, was die eigentlichen Anliegen Luthers gewesen sind. Es ist ja teilweise etwas verloren gegangen in der Polemik, dass Martin Luther eine Erneuerung der katholischen Kirche gewollt hat, die damals nicht gelingen konnte, sodass es zur Kirchenspaltung gekommen ist, wofür beide Seiten ihre Schuld haben. Wir haben gelernt, dass man diese Schuld gemeinsam tragen muss und aber nun gemeinsame Wege in die Zukunft gehen muss, nicht nur rückwärts schauen, sondern in die Zukunft schauen. Aber beides gehört zusammen: wenn ich mit dem Auto überholen will, muss ich in den Rückspiegel schauen, sonst wird es gefährlich. In diesem Sinne war es richtig, Rückschau zu halten, aber jetzt sollten wir auch in die Zukunft schauen und auf dem Boden all dessen, was wir als gemeinsam wiedererkannt haben, Wege zu einer verbindlicheren Einheit gehen.”

RV: Was ist das große Neue, das Papst Franziskus gebracht hat zur Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche?

Kardinal Koch: „Zunächst betont Papst Franziskus es selber immer, dass er weiterführt, was seine Vorgänger begonnen haben. Wir dürfen in der katholischen Kirche glücklich sein, dass wir seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stets Päpste gehabt haben, die ein offenes Herz für die Ökumene hatten. Auf diesem Weg kann Papst Franziskus weitergehen. Was bei ihm charakteristisch ist, ist die Betonung des Dialogs der Liebe. Die war natürlich immer schon da, aber die Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, einander anzunehmen, miteinander den Weg zu gehen, alles gemeinsam zu tun, was man gemeinsam tun kann und vor allem auch füreinander zu beten, das sind meines Erachtens ganz wesentliche Aspekte. Und Papst Franziskus empfängt immer wieder Gruppierungen aus der Ökumene, die zu ihm kommen wollen. In dem Sinne übt er eigentlich schon so etwas wie einen ökumenischen Primat aus, natürlich ohne Jurisdiktion. Aber er ist doch ein Bezugspunkt für viele Christen und in dem Sinne nicht mehr einfach das größte Hindernis für die Ökumene, sondern auch eine Opportunität für die Ökumene. Und was ich noch weiter betonen möchte: Papst Franziskus hat eine Offenheit und eine große Kenntnis für die pentakostalischen Bewegungen, die er aus Lateinamerika kennt. Und der Pentakostalismus ist heute die zweitgrößte Realität nach der römisch-katholischen Kirche. In den Bewegungen gibt es auch anti-katholische und anti-ökumenische Akzente. Indem der Papst sie aber zu sich einlädt für persönliche Begegnungen, öffnet das wieder neue Tore, auch in diese große Bewegung hinein und dafür sind wir natürlich sehr dankbar.”

(rv 23.10.2017 gs)

Kardinal Koch: Maria führt in gemeinsame Mitte des Glaubens

Kardinal Kurt Koch

Die Gottesmutter Maria steht nach den Worten des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, in keiner Weise zwischen den Konfessionen. Vielmehr führe sie gerade im Jahr des Reformationsgedenkens in die gemeinsame Mitte „unseres Glaubens“ hinein, sagte Koch bei einem Festgottesdienst zu Mariä Himmelfahrt im deutschen Wallfahrtsort Maria Vesperbild.

Vor mehreren Tausend Gläubigen erinnerte Koch an das Loblied des Magnificats, mit dem Maria ihr Herzensanliegen besinge, dass Gott groß gemacht werde. Der Mensch werde dadurch nicht kleiner, sondern bekomme an der Größe Gottes Anteil, der ewiges Leben schenke. Dieses Angebot gelte allen Menschen. Mit der Aufnahme Mariens in den Himmel erhalte Maria als erste Anteil an der Auferstehung ihres Sohnes, so der Kardinal. Das Fest bedeute damit „Ostern für Maria“.

Neueren Untersuchungen zufolge dominierten in der europäischen Bevölkerung hinsichtlich des Glaubens an ein ewiges Leben heute eher ratlose Ungewissheit, stellte der Schweizer Kurienkardinal fest. So sei für die einen mit dem Tod alles aus, andere hofften auf Wiedergeburt oder Reinkarnation. Viele könnten sich unter einem Leben nach dem Tod nur wenig vorstellen. Koch bedauerte in diesem Zusammenhang, dass es der christlichen Verkündigung nur noch schwer gelinge, ihre Deutung vom Tod und vor allem von einem Leben danach zu vermitteln. Dabei stehe und falle der christliche Glaube mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi.

(kna 16.08.2017 mg)

Kardinal Koch über das Buch „Der Papst: Sendung und Auftrag“ von Kardinal Müller

„Der Papst. Sendung und Auftrag“: Unter diesem lapidaren, programmatischen Titel hat der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ein 600 Seiten starkes Buch geschrieben. Gestern Abend wurde es von Kardinal Kurt Koch in der Bibliothek von Santa Maria dell’Anima vorgestellt, dem Kolleg der deutschsprachigen Kirche in Rom.

CNA veröffentlicht den Wortlaut der Rede von Kardinal Koch, wie sie der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

DER PAPST. SENDUNG UND AUFTRAG“

Präsentation des Buches von Gerhard Kardinal Müller

„Der Papst. Sendung und Auftrag“ – ein bescheidener Titel und ein voluminöses Werk von sechshundert eng bedruckten Seiten: dies ist das Buch von Gerhard Kardinal Müller, das Ihnen kurz vorzustellen mir Ehre und Freude bedeutet. Das Ungleichgewicht zwischen Titel und Umfang könnte zunächst die Frage provozieren, was man denn auf sechshundert Seiten über den Papst sagen kann. Die Antwort ist relativ einfach: Man kann deshalb so viel über den Papst sagen, weil man sehr viel Anderes mit bedenken und mit aussagen muss, wenn man über den Papst spricht. Im Buch von Kardinal Müller begegnet uns eine perspektivenreiche Mischung von historischen und theologischen Aussagen über das einzigartige Amt des Papstes, eingehenden Analysen von päpstlichen Lehrschreiben und zahlreichen Kommentierungen der Situation des Glaubens und der Kirche heute. Dies alles beansprucht bereits viel Raum. Hinzu kommt, dass Kardinal Müller in seinem Buch nicht nur vom Papst als Person und seinem Amt handelt, sondern den Papst in einen grossen Kontext hinein stellt, den ich kurz umreissen möchte:

Der Papst ist Nachfolger des Apostels Petrus. Deshalb muss von Simon Petrus und seiner Sonderstellung im Kreis der Apostel die Rede sein, die ihm von Jesus übergeben worden ist und die auch der Nachfolger des Petrus in der heutigen Kirche einnimmt. Den Primat als Hirte der universalen Kirche hat der Papst nur inne, weil er Bischof der Diözese Rom ist. Es muss deshalb auch von der besonderen Bedeutung Roms und vom Verhältnis gesprochen werden, das zwischen dem Bischof und dem ihm anvertrauten Bistum besteht. Das Bistum Rom ist eine Diözese unter vielen anderen. Damit stellt sich die Frage, wie sich die verschiedenen Diözesen untereinander und zum Bistum Rom verhalten, und damit auch die Frage nach dem Verhältnis der Vielheit der Ortskirchen und der Einheit der Universalkirche. Daraus ergibt sich von selbst die Frage, in welcher Beziehung die Bischöfe zueinander und zum Bischof von Rom stehen. Dies ist genauer die Frage nach dem Verhältnis zwischen Episkopat und Papsttum, zwischen bischöflicher Kollegialität und Primat des Bischofs von Rom. Da sowohl das Bischofsamt als auch der Primat des Papstes zur theologisch begründeten Verfassung der Kirche göttlichen Rechts gehören, versteht es sich leicht, dass man über den Papst nicht reden kann, ohne darüber Auskunft zu geben, was unter Kirche zu verstehen ist. Da es ausserhalb der Katholischen Kirche andere christliche Gemeinschaften gibt, die sich ebenfalls als Kirche, freilich in einem anderen Sinn, verstehen, erhebt sich die ökumenische Frage, wie ein Konsens über das Kirchenverständnis erreicht werden kann, wie die anzustrebende Einheit der Kirche zu verstehen ist und welche Bedeutung dem Papst in der wieder gewonnenen Einheit zukommen wird. Um diese Frage glaubwürdig beantworten zu können, braucht es eine klare Rechenschaft darüber, was Kirche in katholischer Sicht ist, nämlich das universale Sakrament des dreifaltigen Gottes für die Menschheit und die Welt. Da der Begriff der Sakramentalität seinem Wesen nach die Vermittlung von Unsichtbarem und Sichtbarem einschliesst, weist er zurück auf die heilsgeschichtliche Beziehung Gottes zu den Menschen und zur Welt, die ihre deutlichste Konkretisierung in der Inkarnation des Gottessohnes im geschichtlichen Menschen Jesus von Nazareth gefunden hat. Da das Grundgeheimnis der Inkarnation einer rein positivistischen Vernunft verschlossen bleiben muss, sondern nur mit den Augen des Glaubens eingesehen werden kann, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Vernunft. Denn auch Sendung und Auftrag des Papstes können nicht einfach mit rein menschlichen oder politischen Kriterien erfasst werden, sondern brauchen eine theologische Durchdringung.

Mit diesen nur kurz angesprochenen Fragen und Perspektiven, die einer theologischen Kettenreaktion gleich kommen, hoffe ich, verdeutlichen zu können, dass die Frage nach Auftrag und Sendung des Papstes nur im Kontext des Grundverständnisses von Wesen, Gestalt und Mission der Kirche geschichtlich-theologisch beantwortet werden kann und dass deshalb im Buch von Kardinal Müller stets die ganze Theologie präsent ist: angefangen von der Theologie des Papsttums über die Ekklesiologie und Ökumenische Theologie über die Christologie und Trinitätslehre bis hin zur theologischen Erkenntnislehre. Diesem umfassenden Anspruch hat sich Kardinal Müller selbst verpflichtet, wenn er im Vorwort als Ziel seiner Arbeit angibt, er wolle „im Hinblick auf die Bedeutung des Nachfolgers Petri für die Kirche Gottes in der Welt von heute“ aus seiner Sicht „als Theologe, Bischof und Präfekt der mit dem Lehramt des Papstes engstens verbundenen römischen Kongregation meine Erfahrungen und Beobachtungen, aber auch Reflexionen und Hinweise zu Ursprung, Wesen und Sendung des Nachfolgers Petri zu einem Gesamtbild zusammenfügen“ (15). Um dieses anvisierte Gesamtbild vor Augen zu bekommen, um die Fülle des im Buch versammelten Inhalts zu verdeutlichen und in diesem Sinn das grosse Werk von Kardinal Müller zu würdigen, scheint es mir angezeigt, uns wenigstens in kurzen Strichen dem Aufbau des Buches zuzuwenden und die zwölf Kapitel – selbst eine apostolische Zahl – zu vergegenwärtigen und bei jedem Kapitel auf ein Grundanliegen aufmerksam zu machen, das das ganze Buch durchzieht.

Das erste Kapitel „Die Päpste meiner Lebensgeschichte“ bietet zunächst einen biographischen Zugang zum Thema. Im Blick auf die sieben Päpste, die Kardinal Müller erlebt hat und erlebt, beschreibt er sein persönliches Heranwachsen als Christ, Priester und Theologe und seine Verantwortung als Bischof und Kardinalpräfekt. Dabei scheint jeweils eine persönliche Beziehung zu diesen Päpsten auf, die für Kardinal Müller zu seinem Glauben an Jesus Christus und seinem Leben und Wirken in der Kirche selbstverständlich hinzu gehört. Damit ist bereits ein erster Hinweis gegeben, dass der Titel des Buches nicht, wie man erwarten könnte, „Papsttum“ oder „Papstamt“ heisst, sondern „Der Papst“. Damit soll der Vorrang der Person vor der Institution zum Ausdruck gebracht und deutlich werden, dass das Papstamt keine unpersönliche Institution, sondern eine Folge von Personen ist, die jene Sendung verwirklichen, die der erhöhte Herr ihnen in einer individuellen Weise aufgetragen hat. Der tiefste Grund für diesen Primat der Person vor der Institution liegt deshalb in der Christologie. Denn Jesus hat einen konkreten Menschen, nämlich seinen Jünger Simon, der sich zu ihm als Messias bekannt hat, zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche bauen wird. Der persönliche Glaube des Petrus und die persönliche Beauftragung durch Jesus gehören deshalb unlösbar zusammen, wie dies Papst Leo der Grosse sehr tief zum Ausdruck gebracht hat: „Wie für immer gilt, was Petrus von Christus geglaubt hat, so besteht auch immerdar, was Christus in Petrus eingesetzt hat“ (277). Diese Wechselbeziehung gilt deshalb auch für den Nachfolger des Petrus. Sie kommt dadurch zum Ausdruck, dass, während die Bischöfe ganz allgemein Nachfolger der Apostel sind, nur Petrus Nachfolger eines bestimmten Apostels ist, nämlich des Simon Petrus. Wie bei ihm liegt seine besondere Verpflichtung darin, den Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes mit seinem Wort und seinem Leben zu bezeugen, oder mit den Worten von Kardinal Müller: „Der Papst trägt die höchste Verantwortung für das Christus-Bekenntnis der Kirche“ (217).

Das zweite Kapitel „Die Mission des Papstes im universalen Heilsplan Gottes“ liest sich wie ein Präludium des ganzen Buches. Wie bei einer Oper in der Ouvertüre bereits alle Motive angetönt werden, die in ihr anschliessend breit entfaltet werden, so lässt sich auch dieses Kapitel als Ouvertüre des ganzen Buches verstehen. Es macht unmissverständlich deutlich, dass der Notenschlüssel der Oper wie der Ouvertüre ein theologischer ist. Denn die Aufgabe und der Primat des Bischofs von Rom sind von Christus gestiftet, sie sind deshalb göttlichen Rechts und gehören zum Wesen der Kirche. Nur in diesem christologischen Licht können Sendung und Auftrag des Bischofs von Rom adäquat verstanden werden.

Das relativ kleine, aber gewichtige dritte Kapitel „Das Papsttum als Tatsache der Geschichte und der Offenbarung“ beschäftigt sich mit Fragen der theologischen Erkenntnislehre, vor allem mit dem Problem, wie Ereignisse und Entwicklungen in der Kirchengeschichte, die auch rein profanhistorisch beschrieben werden, in ihrer Bedeutung für den Glauben erfasst werden können. Denn ein  blosser Dualismus von profaner und theologischer Papstgeschichte würde auch inhaltlich zur gefährlichen Alternative führen, ob der Primat des Bischofs von Rom in einer göttlichen Verheissung gründet oder bloss eine zufällige geschichtliche Erscheinung darstellt. Demgegenüber muss eine theologische Hermeneutik von der doppelten Tatsache ausgehen, dass auf der einen Seite das Papsttum zu Rom in der Offenbarung Gottes begründet ist, dass aber auf der anderen Seite gerade diese göttliche Stiftung mit bisher 266 Menschen als Amtsinhaber nach dem Apostel Petrus keineswegs von der Dramatik der Geschichte unberührt ist. Mit diesen beiden Seiten des Papsttums wird freilich die Grundüberzeugung des christlichen Glaubens berührt, dass das Endgültige Gottes in die Geschichte der Menschen eingegangen und in ihr gegenwärtig ist. Wer in dieser Grundüberzeugung lebt, wird auch im Blick auf das Papsttum viel gelassener mit der grossen, bereits bei Simon Petrus feststellbaren und bis zum Ende der Welt bestehen bleibenden Spannung zwischen dem göttlichen Auftrag des päpstlichen Primates und der menschlichen Schwachheit seiner Amtsinhaber umgehen können. Und er wird dankbar sein für den gesunden Mittelweg, den ihm Kardinal Müller präsentiert, indem er sowohl den heute vor allem in deutschsprachigen Ländern verbreiteten antirömischen Affekt als auch den spiegelverkehrten papalistischen Affekt als mit der katholischen Lehre vom Papst für unvereinbar hält. In dieser Sinnrichtung legt Kardinal Müller beispielsweise auch ein Plädoyer für die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung des Papstes als „Stellvertreter Christi“ ab. Denn „wer ihn so anspricht, bekennt seinen Glauben an die Autorität, die Jesus dem Papst verliehen hat und erinnert den Papst immer daran, dass nicht er es ist, dem die Ehre gilt, sondern dem, der ihn gesandt hat“ (220). Mit diesem Beispiel wird sichtbar, dass sich im Buch von Kardinal Müller nicht nur eine klare Theologie des Papstamtes findet, sondern auch die Entfaltung einer praktischen Spiritualität in der Ausübung dieses Amtes.

Im vierten Kapitel „Der Urheber der Kirche ist auch der Stifter des Papsttums“ geht es um das biblische Fundament von Sendung und Auftrag des Papstes, nämlich um die Gestalt des Petrus und die einmalige Beziehung Jesu zu ihm in der biblischen Tradition. Dabei fällt auf, dass Kardinal Müller in die Darstellung des exegetischen Befunds bereits streng dogmatische Begriffe aus späteren kirchlichen Lehrentscheidungen einbezieht. So redet er von der „Unfehlbarkeit Petri im Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu“ (195), Im Blick auf die Rede des Petrus in der pfingstlichen Versammlung spricht er von der „ersten Lehrentscheidung ex cathedra Petri“ (214) oder im Blick auf das Handeln des Petrus bei der Apostelwahl nach dem Ausscheiden des Judas vom „ersten primatialen und zugleich kollegialen Akt“. Diese Terminologie mag beim ersten Lesen irritieren. Doch mit dieser Irritation soll die Überzeugung zum Ausdruck gebracht werden, dass das Papsttum nicht auf einer späteren Entscheidung der Kirche aufruht, sondern seinen Grund in der Heiligen Schrift hat, wie es explizit heisst: „Der petrinische Apostolat und damit das Papsttum gründet in der Beziehung zwischen zwei Personen: nämlich Jesus, dem Christus, dem menschgewordenen Sohn des ewigen Vaters, und Simon, den er zum Petrus, dem Fels machte, auf den der Herr Seine Kirche gebaut hat und weiter erbaut bis zu seiner Wiederkunft“ (169). Zur Erläuterung dieser Überzeugung werden nicht nur die klassischen Primatsstellen im Matthäusevangelium behandelt, sondern werden die Gestalt des Petrus und seine Sonderstellung in der ganzen Breite der neutestamentlichen Botschaft dargestellt. Nicht nur in diesem Kapitel, sondern im ganzen Buch ist die Heilige Schrift die am meisten zitierte Quelle, was zeigt, dass Kardinal Müller seine Theologie massgeblich aus dem Wort Gottes nährt.

Das fünfte Kapitel „Der römische Primat in der apostolischen Tradition“ zeichnet den geschichtlichen Übergang vom in der Heiligen Schrift begründeten Primat des Petrus zum petrinischen Primat der Ortskirche von Rom mit ihrem Bischof als Vorsteher und Leiter nach. Es wird dargestellt, wie sich der römische Primat im Leben der Kirche gestaltet hat, wie dieser Primat mit der Zeit theologisch reflektiert und gelehrt worden ist, wie sich die dogmatische Primatslehre in der ungeteilten Christenheit konsolidiert hat und worin die zunehmenden Spannungen in der katholischen Kirche zwischen Ost und West begründet gewesen sind. Kardinal Müller sieht die entscheidenden Ursachen für die grösser werdende Entfremdung zwischen Ost und West nicht in der Theologie und Spiritualität des Papsttums, wie sie vor allem in der überragenden Papstgestalt Gregor des Grossen exemplifiziert wird, sondern in ihrer Überlagerung durch politische Faktoren, sei dies im Osten durch die starken Eingriffe der byzantinischen Kaiser bis in Glaubensfragen hinein oder sei dies im Westen durch die Zentralisierung und Verrechtlichung der Kirche nach dem Vorbild der kaiserlichen Regierung im Imperium. Nach dem Urteil von Kardinal Müller ist deshalb das so genannte ost-westliche „politisch und nicht theologisch begründet“ (284), und gilt der orthodoxe Widerstand der „mittelalterlichen theologisch-politischen Theorie der päpstlichen Universalmonarchie von Gregor VII. bis Bonifatius VIII. als ihren profiliertesten Vertretern“. Über sie urteilt Kardinal Müller, dass sie „nicht Bestandteil der katholischen Glaubenslehre vom Primat des Papstes“ ist und dass deshalb auch das gegenwärtige ökumenische Gespräch historische Formen einer ungesunden Liaison von politischer Macht und geistlichem Dienst überwinden und sich „exakt auf die Glaubensfrage konzentrieren“ muss (292). Damit ist ein hilfreicher Weg für die notwendige Verständigung zwischen Katholischer Kirche und Orthodoxie gewiesen. Das ganze Kapitel zeigt denn auch, dass neue Lösungen von alten Konflikten nur auf der Basis einer profunden Geschichtskenntnis möglich sind.

In den Kapiteln sieben und acht stehen die Lehrentscheidungen hinsichtlich des petrinischen Primates des Bischofs von Rom beim Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil im Vordergrund. Das siebte Kapitel „Das Dogma vom Lehr- und Jurisdiktionsprimat des römischen Papstes“ behandelt die Lehrkanones der Konstitution Pastor aeternus und weist nach, dass es sich bei den Definitionen des Ersten Vatikanischen Konzils nicht um Neuerfindungen der Kirche handelt, zu denen die Kirche von den damaligen Zeitumständen gleichsam genötigt worden wäre, sondern dass mit ihnen das, was im Glaubensbewusstsein der Kirche bereits präsent ist, in den formalen Rang eines Dogmas erhoben worden ist. In diesem Kapitel wird besonders deutlich, dass Kardinal Müller im Blick auf die Interpretation von Lehrentscheidungen eine Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches als mit dem katholischen Glaubensverständnis nicht kompatibel hält, dass er sich vielmehr leiten lässt von einer Hermeneutik der Reform, die auch Neuerungen und Weiterentwicklungen, aber in einer grundlegenden Kontinuität in der Tradition der kirchlichen Lehre kennt. Dies gilt auch für das Verhältnis zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil. Bei letzterem setzt Kardinal Müller den Akzent auf die „Integration des Papsttums in Kirche und Bischofskollegium“. Damit steht vor allem das wechselseitige Ineinander von Episkopat, der ebenfalls göttlichen Rechts ist, und Primat als dem konkreten Prinzip der Einheit des Episkopats und der Ortskirchen im Vordergrund, wobei dieses Ineinander nur glaubwürdig gelebt werden kann, wenn die historischen und bis heute nachwirkenden Extreme einerseits eines Papalismus und Kurialismus und andererseits eines Episkopalismus und Konziliarismus überwunden werden. Die wechselseitige Integration von Episkopat und Primat weist von selbst wieder zurück auf die unverwechselbare und letztlich analogielose Verfassungsstruktur der Katholischen Kirche, die am ehesten mit einer Ellipse mit zwei Brennpunkten, der Vielheit der Ortskirchen und der Einheit der Universalkirche, zu vergleichen ist. Demgemäss ist, mit Kardinal Müller gesprochen, die Gesamtkirche „weder eine nachträgliche Summe von Teilkirchen, noch sind die Teilkirchen Unterabteilungen der Gesamtkirche. Die Kirche ist der eine Leib Christi als corpus oder communio ecclesiarum. Es handelt sich um eine innere Verschränkung von Gesamtkirche und Teilkirche, die vom Gesamtepiskopat mit dem Bischof von Rom als dem Nachfolger Petri geleitet und repräsentiert wird“ (382). Nur in diesem ekklesiologischen Gesamtkontext leuchtet Sendung und Auftrag des Papstes ein, die stets im Licht einer geistlichen Erneuerung überprüft werden müssen. Diesem Anliegen dient ein eigener Abschnitt in diesem Kapitel, der dem Dienst und der Reform der römischen Kurie gewidmet ist, die ganz im Dienst des Primats des Bischofs von Rom steht und sich nicht als Zwischeninstanz zwischen den Bischöfen und dem Papst verstehen darf.

Drei Kapitel beschäftigen sich nicht explizit mit Theologie und Praxis des petrinischen Primats, sondern behandeln grundlegende Dimensionen der Sendung der ganzen Kirche, für die freilich der Papst eine besondere Verantwortung trägt. Das neunte Kapitel „Der Papst – Zeuge für die Würde jedes Menschen“ zeigt, dass die ganze Kirche am prophetischen Amt Jesu Christi teilhat und die besondere Verantwortung des kirchlichen Lehramts darin besteht, die Vorschriften des natürlichen Sittengesetzes in Erinnerung zu rufen. Dazu gehören vor allem das Eintreten für die Würde jedes Menschen, die Anwaltschaft für die Menschenrechte, die aktuelle Interpretation der katholischen Soziallehre und die ökologische Sorge für die Schöpfung als das gemeinsame Haus und die Verantwortung für die Armen, die in der Verkündigung von Papst Franziskus einen ganz besonderen Stellenwert einnehmen. Das zehnte Kapitel „Der Papst – Hüter der Wahrheit Gottes und Hirte der Menschen“ betont die Verantwortung des Papstes für die Wahrheit Gottes und des Menschen angesichts der heute starken Tendenzen eines grenzenlosen Relativismus, und es nimmt von daher Bezug auf das Grundanliegen von Papst Benedikt XVI. nach einer glaubwürdigen Synthese zwischen der Vernunft des Glaubens und dem Glauben der Vernunft, und zwar in der Glaubensüberzeugung, dass die Freiheit des Menschen in der Wahrheit Gottes ihren festen Grund hat: „Der Papst bietet in seinem Christus-Bekenntnis der ganzen Menschheit den Dienst, dass er daran erinnert: Gott ist der Grund der Wahrheit und der Freiheit des Menschen“ (443). Das zwölfte Kapitel „Der Papst – Lehrer der Vollendung des Menschen in Gott“ bietet im Grunde eine eingehende Interpretation der ersten Enzyklika von Papst Franziskus über den Glauben „Lumen fidei“ und der Enzykliken von Papst Benedikt XVI. über die christliche Hoffnung „Spe salvi“ und die christliche Liebe „Deus caritas est“. Dieses Kapitel steht nicht zufälligerweise am Schluss des Buches, weil damit vollends deutlich wird, dass der eigentliche Sinn und das letzte Ziel der Kirche und damit auch des petrinischen Primats darin besteht, in den Menschen Glaube, Hoffnung und Liebe zu ermöglichen und ihnen die Wege zu zeigen, die zum ewigen Leben führen.

Das sechste Kapitel „Der protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“ habe ich übersprungen und nehme seinen Inhalt jetzt zusammen mit dem elften Kapitel „Der Papst – Wegbereiter der Einheit der Christen in der Kirche Gottes.“ Denn beide Kapitel behandeln das ökumenische Problem. Während im sechsten Kapitel gezeigt wird, dass in der Reformation Martin Luthers nicht zufälligerweise der Papst zum Stein des Anstosses geworden und deshalb die Lehre der Katholischen Kirche vom römischen Primat vom Reformator bestritten worden ist, wird im elften Kapitel noch grundsätzlicher ausgeführt, dass die eigentliche Differenz zwischen dem katholischen und evangelischen Glaubensverständnis im Kirchenbegriff liegt, wie sie bereits vom grossen Tübinger Theologen Johann Adam Möhler sensibel formuliert worden ist: „Die Katholiken lehren: die sichtbare Kirche ist zuerst, dann kommt die unsichtbare: jene bildet erst diese. Die Lutheraner sagen dagegen umgekehrt: aus der unsichtbaren geht die sichtbare hervor, und jene ist der Grund von dieser.“ Und Möhler stellt anschliessend fest: „In diesem scheinbar höchst unbedeutenden Gegensatze ist eine ungeheure Differenz ausgesprochen“ (481). Von daher erscheinen das katholische Verständnis der Kirche als sacramentum salutis mundi und das evangelische Verständnis der Kirche als creatura verbi als zwei Ansatzpunkte, die sich als inkompatibel erweisen. Die eigentliche Differenz beginnt jedenfalls bei der „Frage nach der kirchlich-sakramentalen Vermittlung der ein für alle Mal bewirkten Versöhnung der Menschen mit Gott durch Jesus Christus und die Gegenwart des Heils im Heiligen Geist“ (311). Kardinal Müller ist freilich zuversichtlich, dass bei dieser ökumenischen Grundfrage mehr Konsens erreicht werden könnte, insofern auf der einen Seite das evangelische Verständnis auch eine Korrektur für eine einseitig auf die sichtbare Gestalt der Kirche konzentrierte katholische Ekklesiologie bedeutet und weil auf der anderen Seite nach katholischem Verständnis die Kirche nur Instrument der Heilsvermittlung ist, während der Mittler des Heils Jesus Christus selbst ist: Die Erlösung und Rechtfertigung des Menschen wird „kausaliter allein von Gott durch Christus im Heiligen Geist“ bewirkt, sie wird aber „instrumentaliter durch Wort und Sakrament in der kirchlich sakramental verfassten Gemeinschaft der Glaubenden wirksam vergegenwärtigt für die Menschen in ihrer Zeit“ (314-315). Die in der evangelischen Sicht betonte Unmittelbarkeit des einzelnen zu Gott und die in der katholischen Sicht hervorgehobene sakramentale Vermittlung durch die Kirche brauchen deshalb nicht sich ausschliessende Gegensätze zu bleiben.

Die in den Kapiteln sechs und elf behandelten Fragen stehen auch im Mittelpunkt des in diesem Jahr stattfindenden Gedenkens der Reformation vor fünfhundert Jahren. Wenn das Buch von Kardinal Müller über den Papst in diesem Jahr des Reformationsgedenkens erscheint, will er bewusst auch auf die nach wie vor offenen ökumenischen Fragen hinweisen, zu denen die Frage des Papstamtes in besonderer Weise gehört. Die Ausführungen von Kardinal Müller dokumentieren das ökumenische Interesse, das er seit seiner Promotion über „Bonhoeffers Theologie der Sakramente“ an den Tag gelegt und in seiner Eigenschaft als Präsident der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz weiterverfolgt hat. Die beiden Kapitel beziehen sich eingehend auf die ökumenischen Dialoge zwischen Katholiken und Lutheranern und bieten einen guten Überblick über die ökumenische Situation vor allem in Deutschland. Als einem, der nicht aus Deutschland stammt, sei mir allerdings der Hinweis erlaubt, dass es Reformation nicht nur im Singular gibt und dass Deutschland nicht das einzige Reformationsland ist.

Damit soll keineswegs gesagt sein, dass das Buch noch umfangreicher hätte werden sollen. Es bietet auf jeden Fall grosse Hilfen für das ökumenische Gespräch vor allem über das Papstamt, über das Papst Paul VI. geurteilt hat, es sei „das schwerwiegendste Hindernis auf dem Weg des Ökumenismus“. Damit das Papstamt auch zu einer ökumenischen Möglichkeit werden kann, dazu braucht es gewiss noch viel theologische Arbeit. Einen viel versprechenden Weg finde ich im Buch von Kardinal Müller bei seinem Hinweis, dass die eucharistische Ekklesiologie einen Ansatz bietet, der auch ökumenisch fruchtbar gemacht werden kann: Die eucharistische Ekklesiologie ist „nicht ein theologisches Gedankenkonstrukt, sondern die Basis aller ökumenischen Suche nach der Einheit aller Christen in der einen Kirche und in der einen Eucharistie“ (238). Der Primat des Bischofs von Rom lässt sich theologisch in der Tat am besten von jenem weltweiten Netz von Eucharistiegemeinschaften her verstehen, das die Kirche ist. Als eucharistischer Primat der Liebe ist er in der Kirche um eine Einheit besorgt, die eucharistische Gemeinschaft ermöglicht und schützt und wirksam verhindert, dass ein Altar gegen einen anderen Altar gestellt wird. Dabei versteht es sich von selbst, dass beim Bischof von Rom sein Vorsitz in der Liebe und sein Vorsitz im Glauben unlösbar zusammengehören. Der Vorsitz in der Liebe gründet im Vorsitz im Glauben und seiner Wahrheit. Umgekehrt muss der Vorsitz im Glauben Vorsitz in der Liebe sein, da die Lehre der Kirche zur Liebe führen will und führt.

Der Primat des Bischofs von Rom ist, wie vor allem Papst Benedikt XVI. gelehrt hat, nicht allein eine juridische oder rein äusserliche Zutat zur eucharistischen Ekklesiologie, sondern ist in ihr selbst begründet. Wenn darüber ein ökumenischer Konsens erreicht werden könnte, dann wäre der Primat des Bischofs von Rom nicht mehr das „schwerwiegendste Hindernis auf dem Weg des Ökumenismus“, sondern Promotor der ökumenischen Verständigung und Garant der Einheit der Kirche. Dazu gehört auch, dass der Bischof von Rom, dessen Auftrag darin besteht, die Kirche zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes zu verpflichten, sich selbst als der exemplarisch Gehorsame erweist, wie dies die Kongregation für die Glaubenslehre in ihren Erwägungen über den „Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche“ ausgesprochen hat: „Der römische Bischof steht – wie alle Gläubigen – unter dem Worte Gottes und unter dem katholischen Glauben. Er ist Garant für den Gehorsam der Kirche und in diesem Sinn servus servorum. Er entscheidet nicht nach eigener Willkür, sondern ist Stimme für den Willen des Herrn, der zum Menschen in der von der Überlieferung gelebten und interpretierten Schrift spricht. Mit anderen Worten: Die episkope des Primats hat die Grenzen, die aus dem Gesetz Gottes und der in der Offenbarung enthaltenen, unantastbaren göttlichen Stiftung der Kirche hervorgehen.“

Die Erwägungen der Glaubenskongregation aus dem Jahre 1998 und damit unter der Leitung des damaligen Kardinal Joseph Ratzinger hat Kardinal Müller wohl deshalb seinem Buch als Anhang mitgegeben, weil sie konzis zusammenfassen, worum es ihm in seinem Buch über den Papst geht. Der Bischof von Rom kann sich nicht im Sinne einer Monarchie politischer Art als Herrscher verstehen, der sich nur nach seinem Willen richten würde. Er kann aber seinen Dienst auch nicht auf einen blossen Ehrenvorrang beschränken. Sein Primat ist vielmehr letztverbindlicher Dienst am Glauben und glaubwürdiger Dienst an der Liebe und so Dienst an der Einheit der Kirche. Damit leuchtet der tiefste Grund auf, dass die Katholische Kirche das Papstamt als ein grosses Geschenk, das sie von Christus erhalten hat, versteht, ein Geschenk freilich, das sie nicht für sich behalten, sondern in ökumenischer Offenheit mit der ganzen Christenheit teilen möchte.

Die Wahrheit und Schönheit dieses Geschenks des Herrn an seine Kirche hat Kardinal Müller in umfassender und tiefer Weise zum Leuchten gebracht. Das macht den grossen Wert seines Buches aus, und dafür sei ihm – stellvertretend für die hier Anwesenden und stellvertretend für alle, die jetzt mit der Lektüre dieses faszinierenden Buches beginnen werden – herzlich gedankt.

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