Kardinal Koch: Maria führt in gemeinsame Mitte des Glaubens

Kardinal Kurt Koch

Die Gottesmutter Maria steht nach den Worten des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, in keiner Weise zwischen den Konfessionen. Vielmehr führe sie gerade im Jahr des Reformationsgedenkens in die gemeinsame Mitte „unseres Glaubens“ hinein, sagte Koch bei einem Festgottesdienst zu Mariä Himmelfahrt im deutschen Wallfahrtsort Maria Vesperbild.

Vor mehreren Tausend Gläubigen erinnerte Koch an das Loblied des Magnificats, mit dem Maria ihr Herzensanliegen besinge, dass Gott groß gemacht werde. Der Mensch werde dadurch nicht kleiner, sondern bekomme an der Größe Gottes Anteil, der ewiges Leben schenke. Dieses Angebot gelte allen Menschen. Mit der Aufnahme Mariens in den Himmel erhalte Maria als erste Anteil an der Auferstehung ihres Sohnes, so der Kardinal. Das Fest bedeute damit „Ostern für Maria“.

Neueren Untersuchungen zufolge dominierten in der europäischen Bevölkerung hinsichtlich des Glaubens an ein ewiges Leben heute eher ratlose Ungewissheit, stellte der Schweizer Kurienkardinal fest. So sei für die einen mit dem Tod alles aus, andere hofften auf Wiedergeburt oder Reinkarnation. Viele könnten sich unter einem Leben nach dem Tod nur wenig vorstellen. Koch bedauerte in diesem Zusammenhang, dass es der christlichen Verkündigung nur noch schwer gelinge, ihre Deutung vom Tod und vor allem von einem Leben danach zu vermitteln. Dabei stehe und falle der christliche Glaube mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi.

(kna 16.08.2017 mg)

Kardinal Koch über das Buch „Der Papst: Sendung und Auftrag“ von Kardinal Müller

„Der Papst. Sendung und Auftrag“: Unter diesem lapidaren, programmatischen Titel hat der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ein 600 Seiten starkes Buch geschrieben. Gestern Abend wurde es von Kardinal Kurt Koch in der Bibliothek von Santa Maria dell’Anima vorgestellt, dem Kolleg der deutschsprachigen Kirche in Rom.

CNA veröffentlicht den Wortlaut der Rede von Kardinal Koch, wie sie der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

DER PAPST. SENDUNG UND AUFTRAG“

Präsentation des Buches von Gerhard Kardinal Müller

„Der Papst. Sendung und Auftrag“ – ein bescheidener Titel und ein voluminöses Werk von sechshundert eng bedruckten Seiten: dies ist das Buch von Gerhard Kardinal Müller, das Ihnen kurz vorzustellen mir Ehre und Freude bedeutet. Das Ungleichgewicht zwischen Titel und Umfang könnte zunächst die Frage provozieren, was man denn auf sechshundert Seiten über den Papst sagen kann. Die Antwort ist relativ einfach: Man kann deshalb so viel über den Papst sagen, weil man sehr viel Anderes mit bedenken und mit aussagen muss, wenn man über den Papst spricht. Im Buch von Kardinal Müller begegnet uns eine perspektivenreiche Mischung von historischen und theologischen Aussagen über das einzigartige Amt des Papstes, eingehenden Analysen von päpstlichen Lehrschreiben und zahlreichen Kommentierungen der Situation des Glaubens und der Kirche heute. Dies alles beansprucht bereits viel Raum. Hinzu kommt, dass Kardinal Müller in seinem Buch nicht nur vom Papst als Person und seinem Amt handelt, sondern den Papst in einen grossen Kontext hinein stellt, den ich kurz umreissen möchte:

Der Papst ist Nachfolger des Apostels Petrus. Deshalb muss von Simon Petrus und seiner Sonderstellung im Kreis der Apostel die Rede sein, die ihm von Jesus übergeben worden ist und die auch der Nachfolger des Petrus in der heutigen Kirche einnimmt. Den Primat als Hirte der universalen Kirche hat der Papst nur inne, weil er Bischof der Diözese Rom ist. Es muss deshalb auch von der besonderen Bedeutung Roms und vom Verhältnis gesprochen werden, das zwischen dem Bischof und dem ihm anvertrauten Bistum besteht. Das Bistum Rom ist eine Diözese unter vielen anderen. Damit stellt sich die Frage, wie sich die verschiedenen Diözesen untereinander und zum Bistum Rom verhalten, und damit auch die Frage nach dem Verhältnis der Vielheit der Ortskirchen und der Einheit der Universalkirche. Daraus ergibt sich von selbst die Frage, in welcher Beziehung die Bischöfe zueinander und zum Bischof von Rom stehen. Dies ist genauer die Frage nach dem Verhältnis zwischen Episkopat und Papsttum, zwischen bischöflicher Kollegialität und Primat des Bischofs von Rom. Da sowohl das Bischofsamt als auch der Primat des Papstes zur theologisch begründeten Verfassung der Kirche göttlichen Rechts gehören, versteht es sich leicht, dass man über den Papst nicht reden kann, ohne darüber Auskunft zu geben, was unter Kirche zu verstehen ist. Da es ausserhalb der Katholischen Kirche andere christliche Gemeinschaften gibt, die sich ebenfalls als Kirche, freilich in einem anderen Sinn, verstehen, erhebt sich die ökumenische Frage, wie ein Konsens über das Kirchenverständnis erreicht werden kann, wie die anzustrebende Einheit der Kirche zu verstehen ist und welche Bedeutung dem Papst in der wieder gewonnenen Einheit zukommen wird. Um diese Frage glaubwürdig beantworten zu können, braucht es eine klare Rechenschaft darüber, was Kirche in katholischer Sicht ist, nämlich das universale Sakrament des dreifaltigen Gottes für die Menschheit und die Welt. Da der Begriff der Sakramentalität seinem Wesen nach die Vermittlung von Unsichtbarem und Sichtbarem einschliesst, weist er zurück auf die heilsgeschichtliche Beziehung Gottes zu den Menschen und zur Welt, die ihre deutlichste Konkretisierung in der Inkarnation des Gottessohnes im geschichtlichen Menschen Jesus von Nazareth gefunden hat. Da das Grundgeheimnis der Inkarnation einer rein positivistischen Vernunft verschlossen bleiben muss, sondern nur mit den Augen des Glaubens eingesehen werden kann, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Vernunft. Denn auch Sendung und Auftrag des Papstes können nicht einfach mit rein menschlichen oder politischen Kriterien erfasst werden, sondern brauchen eine theologische Durchdringung.

Mit diesen nur kurz angesprochenen Fragen und Perspektiven, die einer theologischen Kettenreaktion gleich kommen, hoffe ich, verdeutlichen zu können, dass die Frage nach Auftrag und Sendung des Papstes nur im Kontext des Grundverständnisses von Wesen, Gestalt und Mission der Kirche geschichtlich-theologisch beantwortet werden kann und dass deshalb im Buch von Kardinal Müller stets die ganze Theologie präsent ist: angefangen von der Theologie des Papsttums über die Ekklesiologie und Ökumenische Theologie über die Christologie und Trinitätslehre bis hin zur theologischen Erkenntnislehre. Diesem umfassenden Anspruch hat sich Kardinal Müller selbst verpflichtet, wenn er im Vorwort als Ziel seiner Arbeit angibt, er wolle „im Hinblick auf die Bedeutung des Nachfolgers Petri für die Kirche Gottes in der Welt von heute“ aus seiner Sicht „als Theologe, Bischof und Präfekt der mit dem Lehramt des Papstes engstens verbundenen römischen Kongregation meine Erfahrungen und Beobachtungen, aber auch Reflexionen und Hinweise zu Ursprung, Wesen und Sendung des Nachfolgers Petri zu einem Gesamtbild zusammenfügen“ (15). Um dieses anvisierte Gesamtbild vor Augen zu bekommen, um die Fülle des im Buch versammelten Inhalts zu verdeutlichen und in diesem Sinn das grosse Werk von Kardinal Müller zu würdigen, scheint es mir angezeigt, uns wenigstens in kurzen Strichen dem Aufbau des Buches zuzuwenden und die zwölf Kapitel – selbst eine apostolische Zahl – zu vergegenwärtigen und bei jedem Kapitel auf ein Grundanliegen aufmerksam zu machen, das das ganze Buch durchzieht.

Das erste Kapitel „Die Päpste meiner Lebensgeschichte“ bietet zunächst einen biographischen Zugang zum Thema. Im Blick auf die sieben Päpste, die Kardinal Müller erlebt hat und erlebt, beschreibt er sein persönliches Heranwachsen als Christ, Priester und Theologe und seine Verantwortung als Bischof und Kardinalpräfekt. Dabei scheint jeweils eine persönliche Beziehung zu diesen Päpsten auf, die für Kardinal Müller zu seinem Glauben an Jesus Christus und seinem Leben und Wirken in der Kirche selbstverständlich hinzu gehört. Damit ist bereits ein erster Hinweis gegeben, dass der Titel des Buches nicht, wie man erwarten könnte, „Papsttum“ oder „Papstamt“ heisst, sondern „Der Papst“. Damit soll der Vorrang der Person vor der Institution zum Ausdruck gebracht und deutlich werden, dass das Papstamt keine unpersönliche Institution, sondern eine Folge von Personen ist, die jene Sendung verwirklichen, die der erhöhte Herr ihnen in einer individuellen Weise aufgetragen hat. Der tiefste Grund für diesen Primat der Person vor der Institution liegt deshalb in der Christologie. Denn Jesus hat einen konkreten Menschen, nämlich seinen Jünger Simon, der sich zu ihm als Messias bekannt hat, zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche bauen wird. Der persönliche Glaube des Petrus und die persönliche Beauftragung durch Jesus gehören deshalb unlösbar zusammen, wie dies Papst Leo der Grosse sehr tief zum Ausdruck gebracht hat: „Wie für immer gilt, was Petrus von Christus geglaubt hat, so besteht auch immerdar, was Christus in Petrus eingesetzt hat“ (277). Diese Wechselbeziehung gilt deshalb auch für den Nachfolger des Petrus. Sie kommt dadurch zum Ausdruck, dass, während die Bischöfe ganz allgemein Nachfolger der Apostel sind, nur Petrus Nachfolger eines bestimmten Apostels ist, nämlich des Simon Petrus. Wie bei ihm liegt seine besondere Verpflichtung darin, den Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes mit seinem Wort und seinem Leben zu bezeugen, oder mit den Worten von Kardinal Müller: „Der Papst trägt die höchste Verantwortung für das Christus-Bekenntnis der Kirche“ (217).

Das zweite Kapitel „Die Mission des Papstes im universalen Heilsplan Gottes“ liest sich wie ein Präludium des ganzen Buches. Wie bei einer Oper in der Ouvertüre bereits alle Motive angetönt werden, die in ihr anschliessend breit entfaltet werden, so lässt sich auch dieses Kapitel als Ouvertüre des ganzen Buches verstehen. Es macht unmissverständlich deutlich, dass der Notenschlüssel der Oper wie der Ouvertüre ein theologischer ist. Denn die Aufgabe und der Primat des Bischofs von Rom sind von Christus gestiftet, sie sind deshalb göttlichen Rechts und gehören zum Wesen der Kirche. Nur in diesem christologischen Licht können Sendung und Auftrag des Bischofs von Rom adäquat verstanden werden.

Das relativ kleine, aber gewichtige dritte Kapitel „Das Papsttum als Tatsache der Geschichte und der Offenbarung“ beschäftigt sich mit Fragen der theologischen Erkenntnislehre, vor allem mit dem Problem, wie Ereignisse und Entwicklungen in der Kirchengeschichte, die auch rein profanhistorisch beschrieben werden, in ihrer Bedeutung für den Glauben erfasst werden können. Denn ein  blosser Dualismus von profaner und theologischer Papstgeschichte würde auch inhaltlich zur gefährlichen Alternative führen, ob der Primat des Bischofs von Rom in einer göttlichen Verheissung gründet oder bloss eine zufällige geschichtliche Erscheinung darstellt. Demgegenüber muss eine theologische Hermeneutik von der doppelten Tatsache ausgehen, dass auf der einen Seite das Papsttum zu Rom in der Offenbarung Gottes begründet ist, dass aber auf der anderen Seite gerade diese göttliche Stiftung mit bisher 266 Menschen als Amtsinhaber nach dem Apostel Petrus keineswegs von der Dramatik der Geschichte unberührt ist. Mit diesen beiden Seiten des Papsttums wird freilich die Grundüberzeugung des christlichen Glaubens berührt, dass das Endgültige Gottes in die Geschichte der Menschen eingegangen und in ihr gegenwärtig ist. Wer in dieser Grundüberzeugung lebt, wird auch im Blick auf das Papsttum viel gelassener mit der grossen, bereits bei Simon Petrus feststellbaren und bis zum Ende der Welt bestehen bleibenden Spannung zwischen dem göttlichen Auftrag des päpstlichen Primates und der menschlichen Schwachheit seiner Amtsinhaber umgehen können. Und er wird dankbar sein für den gesunden Mittelweg, den ihm Kardinal Müller präsentiert, indem er sowohl den heute vor allem in deutschsprachigen Ländern verbreiteten antirömischen Affekt als auch den spiegelverkehrten papalistischen Affekt als mit der katholischen Lehre vom Papst für unvereinbar hält. In dieser Sinnrichtung legt Kardinal Müller beispielsweise auch ein Plädoyer für die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung des Papstes als „Stellvertreter Christi“ ab. Denn „wer ihn so anspricht, bekennt seinen Glauben an die Autorität, die Jesus dem Papst verliehen hat und erinnert den Papst immer daran, dass nicht er es ist, dem die Ehre gilt, sondern dem, der ihn gesandt hat“ (220). Mit diesem Beispiel wird sichtbar, dass sich im Buch von Kardinal Müller nicht nur eine klare Theologie des Papstamtes findet, sondern auch die Entfaltung einer praktischen Spiritualität in der Ausübung dieses Amtes.

Im vierten Kapitel „Der Urheber der Kirche ist auch der Stifter des Papsttums“ geht es um das biblische Fundament von Sendung und Auftrag des Papstes, nämlich um die Gestalt des Petrus und die einmalige Beziehung Jesu zu ihm in der biblischen Tradition. Dabei fällt auf, dass Kardinal Müller in die Darstellung des exegetischen Befunds bereits streng dogmatische Begriffe aus späteren kirchlichen Lehrentscheidungen einbezieht. So redet er von der „Unfehlbarkeit Petri im Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu“ (195), Im Blick auf die Rede des Petrus in der pfingstlichen Versammlung spricht er von der „ersten Lehrentscheidung ex cathedra Petri“ (214) oder im Blick auf das Handeln des Petrus bei der Apostelwahl nach dem Ausscheiden des Judas vom „ersten primatialen und zugleich kollegialen Akt“. Diese Terminologie mag beim ersten Lesen irritieren. Doch mit dieser Irritation soll die Überzeugung zum Ausdruck gebracht werden, dass das Papsttum nicht auf einer späteren Entscheidung der Kirche aufruht, sondern seinen Grund in der Heiligen Schrift hat, wie es explizit heisst: „Der petrinische Apostolat und damit das Papsttum gründet in der Beziehung zwischen zwei Personen: nämlich Jesus, dem Christus, dem menschgewordenen Sohn des ewigen Vaters, und Simon, den er zum Petrus, dem Fels machte, auf den der Herr Seine Kirche gebaut hat und weiter erbaut bis zu seiner Wiederkunft“ (169). Zur Erläuterung dieser Überzeugung werden nicht nur die klassischen Primatsstellen im Matthäusevangelium behandelt, sondern werden die Gestalt des Petrus und seine Sonderstellung in der ganzen Breite der neutestamentlichen Botschaft dargestellt. Nicht nur in diesem Kapitel, sondern im ganzen Buch ist die Heilige Schrift die am meisten zitierte Quelle, was zeigt, dass Kardinal Müller seine Theologie massgeblich aus dem Wort Gottes nährt.

Das fünfte Kapitel „Der römische Primat in der apostolischen Tradition“ zeichnet den geschichtlichen Übergang vom in der Heiligen Schrift begründeten Primat des Petrus zum petrinischen Primat der Ortskirche von Rom mit ihrem Bischof als Vorsteher und Leiter nach. Es wird dargestellt, wie sich der römische Primat im Leben der Kirche gestaltet hat, wie dieser Primat mit der Zeit theologisch reflektiert und gelehrt worden ist, wie sich die dogmatische Primatslehre in der ungeteilten Christenheit konsolidiert hat und worin die zunehmenden Spannungen in der katholischen Kirche zwischen Ost und West begründet gewesen sind. Kardinal Müller sieht die entscheidenden Ursachen für die grösser werdende Entfremdung zwischen Ost und West nicht in der Theologie und Spiritualität des Papsttums, wie sie vor allem in der überragenden Papstgestalt Gregor des Grossen exemplifiziert wird, sondern in ihrer Überlagerung durch politische Faktoren, sei dies im Osten durch die starken Eingriffe der byzantinischen Kaiser bis in Glaubensfragen hinein oder sei dies im Westen durch die Zentralisierung und Verrechtlichung der Kirche nach dem Vorbild der kaiserlichen Regierung im Imperium. Nach dem Urteil von Kardinal Müller ist deshalb das so genannte ost-westliche „politisch und nicht theologisch begründet“ (284), und gilt der orthodoxe Widerstand der „mittelalterlichen theologisch-politischen Theorie der päpstlichen Universalmonarchie von Gregor VII. bis Bonifatius VIII. als ihren profiliertesten Vertretern“. Über sie urteilt Kardinal Müller, dass sie „nicht Bestandteil der katholischen Glaubenslehre vom Primat des Papstes“ ist und dass deshalb auch das gegenwärtige ökumenische Gespräch historische Formen einer ungesunden Liaison von politischer Macht und geistlichem Dienst überwinden und sich „exakt auf die Glaubensfrage konzentrieren“ muss (292). Damit ist ein hilfreicher Weg für die notwendige Verständigung zwischen Katholischer Kirche und Orthodoxie gewiesen. Das ganze Kapitel zeigt denn auch, dass neue Lösungen von alten Konflikten nur auf der Basis einer profunden Geschichtskenntnis möglich sind.

In den Kapiteln sieben und acht stehen die Lehrentscheidungen hinsichtlich des petrinischen Primates des Bischofs von Rom beim Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil im Vordergrund. Das siebte Kapitel „Das Dogma vom Lehr- und Jurisdiktionsprimat des römischen Papstes“ behandelt die Lehrkanones der Konstitution Pastor aeternus und weist nach, dass es sich bei den Definitionen des Ersten Vatikanischen Konzils nicht um Neuerfindungen der Kirche handelt, zu denen die Kirche von den damaligen Zeitumständen gleichsam genötigt worden wäre, sondern dass mit ihnen das, was im Glaubensbewusstsein der Kirche bereits präsent ist, in den formalen Rang eines Dogmas erhoben worden ist. In diesem Kapitel wird besonders deutlich, dass Kardinal Müller im Blick auf die Interpretation von Lehrentscheidungen eine Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches als mit dem katholischen Glaubensverständnis nicht kompatibel hält, dass er sich vielmehr leiten lässt von einer Hermeneutik der Reform, die auch Neuerungen und Weiterentwicklungen, aber in einer grundlegenden Kontinuität in der Tradition der kirchlichen Lehre kennt. Dies gilt auch für das Verhältnis zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil. Bei letzterem setzt Kardinal Müller den Akzent auf die „Integration des Papsttums in Kirche und Bischofskollegium“. Damit steht vor allem das wechselseitige Ineinander von Episkopat, der ebenfalls göttlichen Rechts ist, und Primat als dem konkreten Prinzip der Einheit des Episkopats und der Ortskirchen im Vordergrund, wobei dieses Ineinander nur glaubwürdig gelebt werden kann, wenn die historischen und bis heute nachwirkenden Extreme einerseits eines Papalismus und Kurialismus und andererseits eines Episkopalismus und Konziliarismus überwunden werden. Die wechselseitige Integration von Episkopat und Primat weist von selbst wieder zurück auf die unverwechselbare und letztlich analogielose Verfassungsstruktur der Katholischen Kirche, die am ehesten mit einer Ellipse mit zwei Brennpunkten, der Vielheit der Ortskirchen und der Einheit der Universalkirche, zu vergleichen ist. Demgemäss ist, mit Kardinal Müller gesprochen, die Gesamtkirche „weder eine nachträgliche Summe von Teilkirchen, noch sind die Teilkirchen Unterabteilungen der Gesamtkirche. Die Kirche ist der eine Leib Christi als corpus oder communio ecclesiarum. Es handelt sich um eine innere Verschränkung von Gesamtkirche und Teilkirche, die vom Gesamtepiskopat mit dem Bischof von Rom als dem Nachfolger Petri geleitet und repräsentiert wird“ (382). Nur in diesem ekklesiologischen Gesamtkontext leuchtet Sendung und Auftrag des Papstes ein, die stets im Licht einer geistlichen Erneuerung überprüft werden müssen. Diesem Anliegen dient ein eigener Abschnitt in diesem Kapitel, der dem Dienst und der Reform der römischen Kurie gewidmet ist, die ganz im Dienst des Primats des Bischofs von Rom steht und sich nicht als Zwischeninstanz zwischen den Bischöfen und dem Papst verstehen darf.

Drei Kapitel beschäftigen sich nicht explizit mit Theologie und Praxis des petrinischen Primats, sondern behandeln grundlegende Dimensionen der Sendung der ganzen Kirche, für die freilich der Papst eine besondere Verantwortung trägt. Das neunte Kapitel „Der Papst – Zeuge für die Würde jedes Menschen“ zeigt, dass die ganze Kirche am prophetischen Amt Jesu Christi teilhat und die besondere Verantwortung des kirchlichen Lehramts darin besteht, die Vorschriften des natürlichen Sittengesetzes in Erinnerung zu rufen. Dazu gehören vor allem das Eintreten für die Würde jedes Menschen, die Anwaltschaft für die Menschenrechte, die aktuelle Interpretation der katholischen Soziallehre und die ökologische Sorge für die Schöpfung als das gemeinsame Haus und die Verantwortung für die Armen, die in der Verkündigung von Papst Franziskus einen ganz besonderen Stellenwert einnehmen. Das zehnte Kapitel „Der Papst – Hüter der Wahrheit Gottes und Hirte der Menschen“ betont die Verantwortung des Papstes für die Wahrheit Gottes und des Menschen angesichts der heute starken Tendenzen eines grenzenlosen Relativismus, und es nimmt von daher Bezug auf das Grundanliegen von Papst Benedikt XVI. nach einer glaubwürdigen Synthese zwischen der Vernunft des Glaubens und dem Glauben der Vernunft, und zwar in der Glaubensüberzeugung, dass die Freiheit des Menschen in der Wahrheit Gottes ihren festen Grund hat: „Der Papst bietet in seinem Christus-Bekenntnis der ganzen Menschheit den Dienst, dass er daran erinnert: Gott ist der Grund der Wahrheit und der Freiheit des Menschen“ (443). Das zwölfte Kapitel „Der Papst – Lehrer der Vollendung des Menschen in Gott“ bietet im Grunde eine eingehende Interpretation der ersten Enzyklika von Papst Franziskus über den Glauben „Lumen fidei“ und der Enzykliken von Papst Benedikt XVI. über die christliche Hoffnung „Spe salvi“ und die christliche Liebe „Deus caritas est“. Dieses Kapitel steht nicht zufälligerweise am Schluss des Buches, weil damit vollends deutlich wird, dass der eigentliche Sinn und das letzte Ziel der Kirche und damit auch des petrinischen Primats darin besteht, in den Menschen Glaube, Hoffnung und Liebe zu ermöglichen und ihnen die Wege zu zeigen, die zum ewigen Leben führen.

Das sechste Kapitel „Der protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“ habe ich übersprungen und nehme seinen Inhalt jetzt zusammen mit dem elften Kapitel „Der Papst – Wegbereiter der Einheit der Christen in der Kirche Gottes.“ Denn beide Kapitel behandeln das ökumenische Problem. Während im sechsten Kapitel gezeigt wird, dass in der Reformation Martin Luthers nicht zufälligerweise der Papst zum Stein des Anstosses geworden und deshalb die Lehre der Katholischen Kirche vom römischen Primat vom Reformator bestritten worden ist, wird im elften Kapitel noch grundsätzlicher ausgeführt, dass die eigentliche Differenz zwischen dem katholischen und evangelischen Glaubensverständnis im Kirchenbegriff liegt, wie sie bereits vom grossen Tübinger Theologen Johann Adam Möhler sensibel formuliert worden ist: „Die Katholiken lehren: die sichtbare Kirche ist zuerst, dann kommt die unsichtbare: jene bildet erst diese. Die Lutheraner sagen dagegen umgekehrt: aus der unsichtbaren geht die sichtbare hervor, und jene ist der Grund von dieser.“ Und Möhler stellt anschliessend fest: „In diesem scheinbar höchst unbedeutenden Gegensatze ist eine ungeheure Differenz ausgesprochen“ (481). Von daher erscheinen das katholische Verständnis der Kirche als sacramentum salutis mundi und das evangelische Verständnis der Kirche als creatura verbi als zwei Ansatzpunkte, die sich als inkompatibel erweisen. Die eigentliche Differenz beginnt jedenfalls bei der „Frage nach der kirchlich-sakramentalen Vermittlung der ein für alle Mal bewirkten Versöhnung der Menschen mit Gott durch Jesus Christus und die Gegenwart des Heils im Heiligen Geist“ (311). Kardinal Müller ist freilich zuversichtlich, dass bei dieser ökumenischen Grundfrage mehr Konsens erreicht werden könnte, insofern auf der einen Seite das evangelische Verständnis auch eine Korrektur für eine einseitig auf die sichtbare Gestalt der Kirche konzentrierte katholische Ekklesiologie bedeutet und weil auf der anderen Seite nach katholischem Verständnis die Kirche nur Instrument der Heilsvermittlung ist, während der Mittler des Heils Jesus Christus selbst ist: Die Erlösung und Rechtfertigung des Menschen wird „kausaliter allein von Gott durch Christus im Heiligen Geist“ bewirkt, sie wird aber „instrumentaliter durch Wort und Sakrament in der kirchlich sakramental verfassten Gemeinschaft der Glaubenden wirksam vergegenwärtigt für die Menschen in ihrer Zeit“ (314-315). Die in der evangelischen Sicht betonte Unmittelbarkeit des einzelnen zu Gott und die in der katholischen Sicht hervorgehobene sakramentale Vermittlung durch die Kirche brauchen deshalb nicht sich ausschliessende Gegensätze zu bleiben.

Die in den Kapiteln sechs und elf behandelten Fragen stehen auch im Mittelpunkt des in diesem Jahr stattfindenden Gedenkens der Reformation vor fünfhundert Jahren. Wenn das Buch von Kardinal Müller über den Papst in diesem Jahr des Reformationsgedenkens erscheint, will er bewusst auch auf die nach wie vor offenen ökumenischen Fragen hinweisen, zu denen die Frage des Papstamtes in besonderer Weise gehört. Die Ausführungen von Kardinal Müller dokumentieren das ökumenische Interesse, das er seit seiner Promotion über „Bonhoeffers Theologie der Sakramente“ an den Tag gelegt und in seiner Eigenschaft als Präsident der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz weiterverfolgt hat. Die beiden Kapitel beziehen sich eingehend auf die ökumenischen Dialoge zwischen Katholiken und Lutheranern und bieten einen guten Überblick über die ökumenische Situation vor allem in Deutschland. Als einem, der nicht aus Deutschland stammt, sei mir allerdings der Hinweis erlaubt, dass es Reformation nicht nur im Singular gibt und dass Deutschland nicht das einzige Reformationsland ist.

Damit soll keineswegs gesagt sein, dass das Buch noch umfangreicher hätte werden sollen. Es bietet auf jeden Fall grosse Hilfen für das ökumenische Gespräch vor allem über das Papstamt, über das Papst Paul VI. geurteilt hat, es sei „das schwerwiegendste Hindernis auf dem Weg des Ökumenismus“. Damit das Papstamt auch zu einer ökumenischen Möglichkeit werden kann, dazu braucht es gewiss noch viel theologische Arbeit. Einen viel versprechenden Weg finde ich im Buch von Kardinal Müller bei seinem Hinweis, dass die eucharistische Ekklesiologie einen Ansatz bietet, der auch ökumenisch fruchtbar gemacht werden kann: Die eucharistische Ekklesiologie ist „nicht ein theologisches Gedankenkonstrukt, sondern die Basis aller ökumenischen Suche nach der Einheit aller Christen in der einen Kirche und in der einen Eucharistie“ (238). Der Primat des Bischofs von Rom lässt sich theologisch in der Tat am besten von jenem weltweiten Netz von Eucharistiegemeinschaften her verstehen, das die Kirche ist. Als eucharistischer Primat der Liebe ist er in der Kirche um eine Einheit besorgt, die eucharistische Gemeinschaft ermöglicht und schützt und wirksam verhindert, dass ein Altar gegen einen anderen Altar gestellt wird. Dabei versteht es sich von selbst, dass beim Bischof von Rom sein Vorsitz in der Liebe und sein Vorsitz im Glauben unlösbar zusammengehören. Der Vorsitz in der Liebe gründet im Vorsitz im Glauben und seiner Wahrheit. Umgekehrt muss der Vorsitz im Glauben Vorsitz in der Liebe sein, da die Lehre der Kirche zur Liebe führen will und führt.

Der Primat des Bischofs von Rom ist, wie vor allem Papst Benedikt XVI. gelehrt hat, nicht allein eine juridische oder rein äusserliche Zutat zur eucharistischen Ekklesiologie, sondern ist in ihr selbst begründet. Wenn darüber ein ökumenischer Konsens erreicht werden könnte, dann wäre der Primat des Bischofs von Rom nicht mehr das „schwerwiegendste Hindernis auf dem Weg des Ökumenismus“, sondern Promotor der ökumenischen Verständigung und Garant der Einheit der Kirche. Dazu gehört auch, dass der Bischof von Rom, dessen Auftrag darin besteht, die Kirche zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes zu verpflichten, sich selbst als der exemplarisch Gehorsame erweist, wie dies die Kongregation für die Glaubenslehre in ihren Erwägungen über den „Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche“ ausgesprochen hat: „Der römische Bischof steht – wie alle Gläubigen – unter dem Worte Gottes und unter dem katholischen Glauben. Er ist Garant für den Gehorsam der Kirche und in diesem Sinn servus servorum. Er entscheidet nicht nach eigener Willkür, sondern ist Stimme für den Willen des Herrn, der zum Menschen in der von der Überlieferung gelebten und interpretierten Schrift spricht. Mit anderen Worten: Die episkope des Primats hat die Grenzen, die aus dem Gesetz Gottes und der in der Offenbarung enthaltenen, unantastbaren göttlichen Stiftung der Kirche hervorgehen.“

Die Erwägungen der Glaubenskongregation aus dem Jahre 1998 und damit unter der Leitung des damaligen Kardinal Joseph Ratzinger hat Kardinal Müller wohl deshalb seinem Buch als Anhang mitgegeben, weil sie konzis zusammenfassen, worum es ihm in seinem Buch über den Papst geht. Der Bischof von Rom kann sich nicht im Sinne einer Monarchie politischer Art als Herrscher verstehen, der sich nur nach seinem Willen richten würde. Er kann aber seinen Dienst auch nicht auf einen blossen Ehrenvorrang beschränken. Sein Primat ist vielmehr letztverbindlicher Dienst am Glauben und glaubwürdiger Dienst an der Liebe und so Dienst an der Einheit der Kirche. Damit leuchtet der tiefste Grund auf, dass die Katholische Kirche das Papstamt als ein grosses Geschenk, das sie von Christus erhalten hat, versteht, ein Geschenk freilich, das sie nicht für sich behalten, sondern in ökumenischer Offenheit mit der ganzen Christenheit teilen möchte.

Die Wahrheit und Schönheit dieses Geschenks des Herrn an seine Kirche hat Kardinal Müller in umfassender und tiefer Weise zum Leuchten gebracht. Das macht den grossen Wert seines Buches aus, und dafür sei ihm – stellvertretend für die hier Anwesenden und stellvertretend für alle, die jetzt mit der Lektüre dieses faszinierenden Buches beginnen werden – herzlich gedankt.

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Quelle

Kardinal Koch: „Der Papst übt eine Art von ökumenischem Primat aus“

Der „Chef-Ökumeniker“ des Vatikans: Kardinal Kurt Koch

Einer der größten Stolpersteine auf dem Weg der Ökumene: So hat der selige Paul VI. sein Amt, das Papstamt, einmal genannt. Sollten die Päpste also ihren Anspruch herunterschrauben, um kein ökumenisches Ärgernis mehr zu sein? Jein, antwortet auf diese Frage Kardinal Kurt Koch. Der Schweizer leitet den Päpstlichen Einheitsrat.

„Sicher stimmt es auf der einen Seite, was Papst Paul VI. beim Besuch des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen Ende der sechziger Jahre gesagt hat: dass er sich sehr wohl bewusst sei, dass sein Amt eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Einheit ist. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, dass das Papstamt eine großartige Möglichkeit für die Einheit der Christen ist! Und da hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr viel entwickelt. Wenn ich jetzt gerade bei Papst Franziskus sehe, wie viele Repräsentanten anderer Kirchen nach Rom kommen wollen, mit dem Papst reden wollen, dem Papst begegnen möchten, und wie viel Zeit der Papst sich dafür nimmt – dann muss ich eigentlich sagen, dass der Papst schon so eine Art von ökumenischem Primat ausübt. In der Art und Weise, wie er sich Zeit für die Ökumene nimmt.“

„Ich bin zuversichtlich, dass kein Papst das rückgängig machen kann“

Er sehe die Christen längst auf dem Weg „vom größten Hindernis zu einer Möglichkeit der ökumenischen Einheit im Papstamt“. Das liege auch daran, „dass wir seit dem Konzil alles ökumenische Päpste gehabt haben“. „Johannes XXIII. hat diese Öffnung gebracht. Paul VI. war ein großartiger Ökumeniker, vor allem mit seinen Gästen. Wenn ich daran denke, wie er einen orthodoxen Metropoliten empfängt, indem er sich vor ihn kniet und ihm die Füße küsst… im Unterschied zu seinem (Vor-) Vorgänger, der das von Orthodoxen verlangt hat! Dass er dem anglikanischen Primas 1967 den Ring geschenkt hat. Das sind alles großartige Zeichen gewesen. Johannes Paul II. war ein großartiger Ökumeniker, der aus der Hoffnung gelebt hat, dass das dritte Jahrtausend das Zeitalter der Einheit sein muss. Papst Benedikt XVI. hat theologisch viel für die Einheit der Christen gearbeitet, Papst Franziskus führt das weiter. Ich bin absolut zuversichtlich, dass kein Papst das rückgängig machen kann, wenn er dem Zweiten Vatikanischen Konzil treu bleiben will, und dazu gehört die ökumenische Verpflichtung.“

Natürlich sei die Frage, „die Johannes Paul II. in die ganze Christenheit hineingegeben hat“, immer noch aktuell, so Kardinal Koch. Der heilige Papst aus Polen hatte in seiner Enzyklika „Ut Unum Sint“ eine Debatte darüber angeregt, wie das Papstamt so ausgeübt werden könne, dass es auch für die getrennten christlichen Geschwister akzeptabel sei. „Da müssen die Dialoge weitergeführt werden“, sagt Koch.

Der Chef-Ökumeniker des Vatikans äußerte sich auch zum Stand des Dialogs mit den Lutheranern – schließlich läuft ja gerade das Reformations-Gedenkjahr. Die letzten lehrmäßig strittigen Punkte zwischen beiden Seiten sollen in einem Konsenspapier ausgeräumt werden. Da geht es um Kirche, Eucharistie und kirchliches Amt. Rückt, wenn ein solches Dokument einmal zustande gekommen sein wird, die Einheit der Kirchen in Reichweite?

„Dann wäre Kirchengemeinschaft in Reichweite“

„Also, zunächst einmal ist das die logische Konsequenz, weil das in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (von Augsburg) selber gesagt wird, dass damit die ekklesiologischen Fragen dieses Konsenses noch nicht gelöst sind. Und deshalb ist der Vorschlag, den ich eingebracht habe, jetzt eine Gemeinsame Erklärung zu Kirche, Eucharistie und Amt zu verfassen, nur die logische Konsequenz, die sich aus diesem Konsens ergibt. Es wäre wirklich ein großartiger Schritt, wenn das gelingen könnte, zu dieser Gemeinsamen Erklärung zu kommen: Das scheint mir der unabdingbare Schritt für Kirchengemeinschaft und auch Eucharistiegemeinschaft zu sein!“

Noch einmal nachgefragt: Wenn eine solche Gemeinsame Erklärung einmal vorliegt – wäre dann die Eucharistiegemeinschaft in Reichweite? Koch: „Dann wäre Kirchengemeinschaft in Reichweite – und das ist die unmittelbare Voraussetzung für Eucharistiegemeinschaft.“ – Frage: „Ja, aber in zwanzig Jahren hat man eine solche Erklärung doch fertig…“ – Koch: „Ich weiß nicht, ob ich es noch… Also, ich werde es sicher noch erleben. Ich weiß nur nicht, ob ich noch auf Erden bin oder schon im Himmel. Aber erleben werde ich es, davon bin ich überzeugt!“

„Mein Vorbild in der Ökumene ist Mose“

Frage: „Aber so nah dran sind wir also an der Möglichkeit einer Einheit mit der lutherischen Kirche?“ – Koch: „Das hängt jetzt von den Antworten ab, die da kommen und was da erarbeitet werden soll. Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass dieser Vorschlag auf offene Ohren und Herzen stößt und dass die Bereitschaft da ist, sich auf den Weg zu begeben. Dann werden wir sehen, wann und wie das geht… Wissen Sie: Mein Vorbild in der Ökumene ist Mose. Der muss sein Volk in das Gelobte Land führen. Aber er ist nicht traurig, weil er das Gelobte Land nicht mehr erreicht. Das ist meine Spiritualität: Es kommt für mich nicht darauf an, was ich erreiche, sondern ich sehe meine Aufgabe darin, diesen Weg zu bereiten, das andere ist ohnehin das Departement des Heiligen Geistes.“

Kardinal Koch äußerte sich am Rand einer Buchvorstellung am Donnerstagabend in Rom. In der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima stellte er ein Buch von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem Präfekten der Glaubenskongregation, mit dem Titel „Der Papst“ vor.

(rv 17.03.2017 sk)

Was man zum Lutherjahr 2017 nicht ausblenden darf!

rome

Kurt Kardinal Koch:

„Martin Luther hat sehr viel Positives gebracht. Er war ein leidenschaftlicher Gottsucher und ganz von Christus angetan. Aber Martin Luther wollte keine Spaltung. Er wollte die Erneuerung der ganzen Kirche.“

Dazu ein paar Zitate aus dem Buch „Lutherpsychologie als Schlüssel zur Lutherlegende – Denifles Untersuchungen kritisch nachgeprüft – von Albert Maria Weiß O.P., Mainz 1906:

Wir haben Luther so oft zu entschuldigen und von der günstigsten Seite zu erklären gesucht, dass es angezeigt ist, hier, wo sich sein wahres Wesen ohne Umschweife zu erkennen gibt, der rohen Wirklichkeit ihr Recht zuzugestehen und einige der erträglichsten Ausbrüche seines Hasses gegen die Kirche zusammenzustellen. Selbstverständlich unterdrücken wir alle Stellen, die durch Gemeinheit oder durch Schmutz das sittliche Gefühl allzusehr beleidigen. Nur eine kleine Sammlung von Ausdrücken, mit denen er den Papst bedenkt, und zwar, wie das sein Brauch ist, nie zu vereinzelten Malen, sondern fast jedesmal seitenlang immer und immer wieder, bis ihm ein neues Schimpfwort einfällt.

Der Papst ist ihm …

  • der höllisch Vater (Erl. 26, 83, 128; 29, 304), der allerhöllischst Vater (Erl. 26, 77. 110), Ew. Höllischeit (Erl. 26, 111 – auf 15 Zeilen 6 mal),
  • Satanitas (Erl. 26, 215), Satanissimus (ebend.),
  • ärger denn alle Teufel (Weim. 7, 373; Erl. 24, 96), des Satanas Apostel (Weim. 7, 378; Erl. 24, 100), des Teufels Apostel (Erl. 26, 134), Knecht Satanä (Erl. 31, 412),
  • besessen und voller Teufel (Erl. 26, 148. 180. 212), des Satans leibhaftige Wohnung (Erl. 26, 125),
  • der heidnische Teufel zu Rom (Erl. 26, 218), der greuliche Greuel zu Rom, der sich Papst nennt (Erl. 110),
  • Wolf der Christenheit (Weim. 7, 360; Erl. 24, 88), der römische Schalk (Erl. 26, 121),
  • der Spitzbube zu Rom (Erl. 26, 131), der verzweifelte Spitzbube und Erzspitzbube (Erl. 26, 123 ff.),
  • Meister aller Lügen (Erl. 26, 173),
  • Seelenmörder und Weltfresser (Erl. 26, 175),
  • der schändliche Lecker (Erl. 26, 111), dieses Leckerin (Erl. 26, 115),
  • der verzweifelte, gotteslästerliche Bösewicht (Erl. 26, 180),
  • der ärgste Bube aller Buben auf Erden (Erl. 26, 191),
  • der hochmüthige Wanst zu Rom (Erl. 26, 199),
  • der muthwillige Bube zu Rom (Erl. 26, 222),
  • das unverschampte Lügenmaul, Lästermaul, Teufelsmaul, Teufelskopf, Schandlügner (Erl. 26, 147. 200; 29, 302. 305. 306. 311),
  • der sein unverschamptes Lästermaul in den Himmel erhebt (Weim. 7, 394; Erl. 24, 111; 26, 200),
  • das verstockte, verblendete Teufelskind, der Feind aller Wahrheit (Erl. 31, 413),
  • der rasende, unsinnige Narr, der tolle Papstesel (Erl. 26, 128. 202. 213),
  • F..zesel (Erl. 26, 184 f.), Eselsf..zpapst (Erl. 26, 185), Papstf..z (Erl. 26, 186), Eselskopf (Erl. 26, 223),
  • Bauchknecht (Erl. 26, 212), Doktor in der Bubenschule (ebend.)
  • Lügengeist, Gotteslästerer (Erl. 29, 305),
  • des Teufels Sau, der Papst mit seinem Rüssel (Weim. 8, 540; Erl. 28, 109),
  • kein Christ, ein verdampter Heide, der verteufelte Mensch der Sünde (Erl. 26, 218),
  • wer ihm folgt, kann nicht selig werden, wer selig werden will, der verdamme den Papst wie den Teufel (Erl. 26, 213).
  • Die Kirche, die es mit dem Papst hält, ist die römische, die päpstliche, die heilige Bubenschule zu Rom (Erl. 26, 115. 143. 159. 192; 27, 92),
  • die verzweifelte (Erl. 26, 115), verfluchte (Erl. 26, 171), verdammte Bubenschule (Erl. 31, 395),
  • die Grundsuppe aller Buben zu Rom (Erl. 26, 117), die höllische Grundsuppe (Erl. 26, 117, 130. 179),
  • die Grundsuppe des Teufels (Erl. 26, 127),
  • die Heidenkirche (Erl. 26, 22), des Teufels Kirche, die Teufels-Synagoge (Erl. 26, 19. 24. 26. 43. 45. 158),
  • aller Teufel Kirche (Erl. 26, 34),
  • die Satansschule, die Pforten der Hölle (Erl. 31, 122)

Die es mit dem Papste halten, die Bischöfe und die Theologen insbesondere, sind …

  • wüthige Gottes Feinde (Erl. 25, 4), unsere Teufel, zehnmal tiefer verdammt denn alle Türken, Tatern, Heiden und Jüden (Erl. 25, 31),
  • zweifüßige Büffel (Erl. 26, 204),
  • Bluthunde (Erl. 25, 13. 14. 221), Plattenhengste und Heuchler (Erl. 25, 29), unbußfertige Erzbösewichter (Erl. 25, 45),
  • Nachteulen, Fledermäuse, Maulwürfe, Uhuhen, Nachtraben (Erl. 25, 19; 26, 41), Erzlästerer (Erl. 27, 88),
  • Schnecken, Maulworffen, Eidechsen, Frösch, Hewschrecken, Rosskesser, Nattern, die all ir Tag in iren Sawlacken kriechen und vederben in iren sophistischen Unflat (Weim. 11, 305).
  • verdammte Gottesräuber und Himmelsaufrührer (Erl. 26, 46),
  • Wölfe, Seelenmörder (Erl. 28, 148),
  • verzweifelte, abgefeimte Rotten, die der Teufel reitet (Erl. 31, 396, 399),
  • Teufelsapostel (Erl. 53, 78; De Wette II, 56),
  • Baalpfaffen (Weim. 8, 482; Erl. 28, 28. 189),
  • unsaubere Widehopffen (Erl. 28, 320),
  • grobe Säue und Esel (Weim. 8, 553; 15, 115. 125; Erl. 28, 127; 29, 82. 88. 92; 31, 399);
  • Larven und Maulaffen (Erl. 28, 192),
  • Eselköpfe (Weim. 8, 550; 15, 116; Erl. 28, 31. 123; 29, 83);
  • Säutheologen und Eseljuristen (Erl. 31, 397),
  • so aller Sinne beraubt, dass Säue, Ochsen und Esel klüger sind denn sie (Erl. 28, 192),
  • denen man höchstens darum antworten kann, damit der Sau der Bauch nicht zu gross werde (Weim. 7, 271; De Wette I, 547; Erl. 27, 206; 53, 55), usw. usw.

* * *

Wer so redet, der mag alles, sein, aber ein Mann, ein großer und ein edler Charakter ist er nicht. Da muss sich Luther schon gefallen lassen, dass ihm Cochläus (der überhaupt aus seinen eigenen Schriften viel bedeutender und achtungswerter erscheint als aus den Schriften über ihn) die Worte zuruft: „Wenn du ein Mann bist, dann kämpfe mit Waffen, nicht mit Schimpfworten… Muliebre est, rem tantam conviciis, ludis, scenis, scommatis, imaginibus monstrosis et fictis agere. Viros arma decent. » (In 18 articulos M. Buceri, s. 1. 1546 fol. 6a.)

Dr. Kurt Koch: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers

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Kardinal Kurt Koch / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

Prof. Josef Kreiml über das neueste Buch des Kardinals

Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, weilte erst im vergangenen September in Regensburg. Anlass war die Errichtung des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg sowie ein zweitägiges und hochkarätig besetztes internationales ökumenisches Symposium zum Thema „Dialog 2.0 – Braucht der Dialog neue Impulse?“, das im Diözesanzentrum Obermünster in Regensburg stattfand. Nun hat Kardinal Kurt Koch den Band „Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI.“ im Verlag Herder, Freiburg, publiziert. Prof. Dr. Josef Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie, künftiger Direktor des Institutum Marianum Regensburg (IMR) und Priester der Diözese Regensburg, beschreibt, worum es in dem Buch geht. Einen der hier veröffentlichten Vorträge hat Kardinal Koch übrigens 2013 in Regensburg gehalten.

Im Vorwort betont der Verfasser, dass Joseph Ratzinger seine Theologie immer „als Mit-Denken mit der ganzen Kirche und als kirchlichen Dienst an der objektiven Wahrheit des Glaubens“ verstanden hat. Jesus Christus hat sich als Liebe und als Logos offenbart. Im Dienst an der glaubwürdigen Bewährung dieses Bundes zwischen Liebe und Vernunft „liegt das große Erbe, das Joseph Ratzinger als Theologe und als Papst hinterlässt“.

Der Text „Ein hörendes Herz haben. Zur prophetischen Dimension der Theologie Benedikts XVI.“ enthält die Predigt, die der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen 2012 im Freiburger Münster gehalten hat. Darin fragt Kurt Koch nach den biblischen Kennzeichen eines Propheten (Freundschaft mit dem lebendigen Gott, im Dienst eines Anderen stehen, prophetisch-marianische Kirche). Die Aufgabe eines wahren Propheten ist es, „sich selbst und die ganze Kirche immer wieder zum Gehorsam gegenüber dem Evangelium zu verpflichten, und zwar gegen alle Versuchungen zur Anpassung an den Zeitgeist und zur Verwässerung des lebendigen Wortes Gottes“. In ihrer gehorsamen Grundhaltung ist Maria das Urbild der Kirche. Die Mutter des Herrn ist „die wahre Prophetin“.

Der Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes

In seinem Vortrag „Offenbarung der Liebe Gottes und Leben der Liebe in der Glaubensgemeinschaft der Kirche“ (Universität Freiburg 2012; S. 18-53) führt der Kardinal aus, dass die Kirche Volk Gottes vom Leib Christi her ist. Joseph Ratzingers Theologie ist „im Kern Offenbarungstheologie“. Gerade in seiner Eschatologie zeigt sich, dass Benedikt XVI. eine personbezogene Theologie im Dienst an der Glaubensfreude entwickelt hat. Die Schönheit der Heiligkeit und die Schönheit der Kunst öffnen den Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes.

Den Vortrag „Theologie und Papst des Konzils. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. und das Zweite Vatikanische Konzil“ (S. 54-93) hat Kardinal Koch 2013 in Regensburg gehalten: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers. Papst Benedikt XVI. werde als „großer Interpret“ des Zweiten Vatikanums in die Geschichte eingehen; er erweist sich als „ein ganz konsequenter Papst“ dieses Konzils.

Im Vortrag „Die Heiligen und die Theologie im Denken von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ (S. 94-114), den Kardinal Koch 2013 in Rom gehalten hat, zeigt der Verfasser, dass die Heiligen die wahren Repräsentanten der Kirche sind. Sie sind authentische Interpreten des Wortes Gottes und glaubwürdige Zeugen des Glaubens. Theologie und Spiritualität müssen sich gegenseitig befruchten.

Ein weiterer Text des Kardinals ist dem Thema „Gottes Antlitz in Jesus Christus schauen. Grundlinien der existenziellen Christologie von Benedikt XVI.“ (S. 115-140) gewidmet: Darin zeigt der Verfasser, dass das Beten Jesu der „Ort seiner Identität“ ist. Während Mose nur den Rücken des Herrn sehen konnte, hat sich Gott in Jesus Christus „von Angesicht zu Angesicht gezeigt“.

Pontifikat: christozentrisch und evangelisch

Im Aufsatz „Einheit in Christus und in seinem Leib. Ökumenisches Lehramt im Pontifikat von Papst Benedikt XVI.“ (S. 141-165) zeigt Kardinal Koch, dass es Benedikt XVI. als „vorrangige Verpflichtung“ des Petrusnachfolgers gesehen hat, „mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten“. Das Pontifikat Benedikts war „konsequent ökumenisch“, weil es „ein ganz christozentrisches und evangelisches Pontifikat“ gewesen ist.

Den Vortrag „Begegnung zwischen biblischem Glauben und griechischem Geist. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und die Welt der Orthodoxie“ (S. 166-190) hat der Kardinal 2014 in Konstantinopel gehalten: Es gibt eine „innere Nähe“ Ratzingers zur orthodoxen Theologie. Diese besteht darin, dass Benedikt XVI. mit der Orthodoxie die Anerkennung des Glaubens und der ekklesialen Struktur des ersten Jahrtausends als Kriterium für die Bewährung von Glauben und kirchlichem Leben auch in der Gegenwart teilt. Die Begegnung zwischen dem biblischen Glauben und dem griechischen Denken ist providentiell gewesen. Sie stellt die Vernunft auch heute vor neue Herausforderungen.

In seinem Beitrag „,Was ist Wahrheit?῾ Joseph Ratzingers Kernfrage angesichts der Diktatur des Relativismus“ (S. 191-208) fragt der Kardinal nach Implikationen der Wahrheitsfrage in der Theologie. Entscheidend ist, ob der Mensch nach Wahrheit sucht und in der Wahrheit lebt.

Ein weiterer Aufsatz des Schweizer Kardinals gilt dem Thema „Stern der Neuevangelisierung. Marianische Dimension des Missionsauftrags in der Sicht von Benedikt XVI.“ (S. 209-229): In seiner Homilie bei der Eröffnung der Bischofssynode im Oktober 2012 hat Papst Benedikt der Gottesmutter den Titel „Stern der Neuevangelisierung“ zugesprochen. Zwischen dem marianischen Glaubensgeheimnis und der Dynamik der missionarischen Tätigkeit der Kirche besteht kein Gegensatz. Die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. haben das Konzil unter einer „marianischen Leitperspektive“ gesehen. Es war der ausdrückliche Wunsch von Johannes XXIII., dass das Zweite Vatikanum – gemäß dem damaligen liturgischen Kalender – am Fest der Mutterschaft Marias eröffnet wurde. Zwischen der Mission des Sohnes und der Sendung seiner Mutter besteht eine tiefe innere Einheit. Die Mission der Kirche müsse mit einem „marianischen Notenschlüssel“ versehen werden. Neuevangelisierung ist die logische Konsequenz, die sich aus der Freude am Glauben von selbst ergibt.

Die Gottesfrage in modernen Gesellschaften

Abschließend beleuchtet der Kardinal „das Erbe des Pontifikats von Benedikt XVI.“ (S. 230-240): In diesem Vortrag aus dem Jahr 2013 betont er, dass der papa emerito die Kirche vornehmlich durch sein Lehren geleitet hat. Papst Benedikt wird man „gewiss als einen der großen Kirchenlehrer in Erinnerung behalten“. Wenn die Wahrheit nur eine mathematische Formel wäre, würde sie sich von selbst aufdrängen. Weil sie jedoch Liebe ist, verlangt sie den Glauben. „Im klaren Bewusstsein, dass die Frage nach Gott für die Zukunftsfragen der Menschheit von grundlegender Bedeutung ist, hat Papst Benedikt mit seinen großen Reden wesentlich dazu beigetragen, dass die Gottesfrage in den modernen Gesellschaften wach gehalten wird“ (S. 234). Die „entscheidende Herzmitte“ des Pontifikats von Benedikt XVI. besteht in der Christozentrik seiner Verkündigung.

Summa summarum: Mit diesem Buch legt der Schweizer Kardinal, der das Wirken von Papst Benedikt seit Jahrzehnten intensiv wahrgenommen hat, ein überaus kompetentes Werk vor. Dem Verfasser gelingt es, die entscheidenden theologischen und pastoralen Einsichten des emeritierten Papstes klar zu benennen und damit einer breiten Rezeption dieses Theologenpapstes den Weg zu bereiten. Prof. Dr. Josef Kreiml

Kurt Kardinal Koch, Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI., 240 Seiten, Verlag Herder, Freiburg 2016, ISBN 978-3-451-37533-0, 26 Euro.

(Quelle: Webseite des Bistums Regensburg, 28.12.2016)

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Quelle

Kardinal Koch: Einsatz linker Parteien für Muslime verwundert

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Kardinal Kurt Koch

Kurienkardinal Kurt Koch wundert sich über den Einsatz von Parteien des linken Spektrums für Muslime. Viele Überzeugungen im Islam entsprächen nicht deren parteipolitischen Linien, sagte der vatikanische Ökumene-Verantwortliche in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.

Was die Präsenz des Islam in Europa betreffe, darf es laut Koch auf der einen Seite keine Panik geben und auf der anderen Seite keine Verharmlosung von vorhandenen Problemen. „Zudem ist in Europa nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums das eigentliche Problem“, so Koch.

Die heutige Krise in Europa lasse sich nur überwinden, wenn die christlichen Wurzeln wieder entdeckt würden, sagte der aus der Schweiz stammende Kurienkardinal. „Wer seine eigene Vergangenheit nicht kennt oder sie leugnet, wird keine Zukunft haben.“ Europa sei nicht nur eine ökonomische, sondern zuerst eine geistig-kulturelle Größe.

Im Blick auf die Ökumene sagte der Kardinal, schnelle Durchbrüche seien nicht zu erwarten. „Das Hauptproblem besteht heute darin, dass wir weitgehend keine gemeinsame Sicht des Ziels der Ökumene mehr haben“, sagte der Präsident des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen.

Für die Katholiken bestehe das Ziel der Ökumene in der sichtbaren Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern, führte Koch aus. Demgegenüber erblickten nicht wenige der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen das Ziel bereits darin, „dass sich die Kirchen so, wie sie heute sind, einander als Kirchen und damit als Teile der einen Kirche Jesu Christi anerkennen“. Wenn kein Konsens darüber bestehe, „wohin die ökumenische Reise gehen soll, ist es schwierig, die nächsten Schritte anzuvisieren“.

Christusgeheimnis betonen

Kardinal Koch wandte sich aber dagegen, die ökumenischen Fortschritte geringzuschätzen: „Wenn man bedenkt, was sich Lutheraner und Katholiken in der Geschichte wechselseitig angetan haben, sollte man es nicht banalisieren, dass heute beide friedlich miteinander leben. Und wenn beide sich beim Reformationsgedenken auf das Christusgeheimnis als Kern des christlichen Glaubens zurückbesinnen, wird dies für beide Kirchen und für die Ökumene gewiss nicht ohne Folgen sein.“

Für den Kurienkardinal wollte Martin Luther vor 500 Jahren die katholische Kirche erneuern und nicht spalten. „Sein Grundanliegen, die Kirche in der damaligen Zeit wieder zum Kern des Evangeliums zurückzuführen, ist positiv zu würdigen“, so der Präsident des Einheitsrates mit Blick auf das aktuelle Reformationsgedenken. Dass etwas anderes daraus entstanden sei, hänge auch mit den politischen Verwicklungen zusammen, in die sein Reformanliegen geraten sei, sagte Koch.

(kna 22.11.2016 mg)

Was den Papst im Kaukasus erwartet

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Logo der Papstreise in Aserbaidschan

Vom 24. bis 26. Juni hat der Papst Armenien besucht, ab dem 30. September will er nun zwei weitere Staaten des Kaukasus bereisen: Georgien und Aserbaidschan. Der Vatikanische Pressesaal hat an diesem Montag Einzelheiten der bevorstehenden Visite vorgestellt; sie wird Franziskus 16. Auslandsreise sein.

Es soll vor allem um drei Themen gehen: um Frieden, um Ökumene und um den interreligiösen Dialog. Das machte der neue Vatikansprecher Greg Burke vor den beim Vatikan akkreditierten Journalisten deutlich. „Natürlich wird es eine Friedensreise, der Papst hat eine Botschaft der Versöhnung für die ganze Region im Gepäck. Zum ersten Mal wird eine Delegation der orthodoxen Kirche an der Messfeier des Heiligen Vaters teilnehmen. Und auch der orthodoxe Patriarch wird am Flughafen sein, wenn der Papst eintrifft.“

Georgien ist eines der christlichsten Länder: Der Apostel Andreas soll hier missioniert haben, und schon 337 wurde das Christentum Staatsreligion. Die georgisch-orthodoxe Kirche und eine eigene Sprache mit eigener Schrift, die in den Klöstern auch über Jahrhunderte der Fremdherrschaft bewahrt wurde, sind auch heute noch identitätsstiftend. Umso mehr liegt dem Papst an einem guten Auskommen mit der traditionell konservativen orthodoxen Kirche des Landes. Ein Teil des Klerus hat vor der Päpstlichen Nuntiatur in Tiflis gegen den Besuch von Franziskus demonstriert.

Wichtig wird der Besuch des Papstes in der assyrisch-chaldäischen Gemeinde in Tiflis am Freitagabend. 13 Bischöfe aus dem Irak reisen zu diesem Termin eigens an. „Der Papst will eine geistliche Begegnung mit dieser Pfarrei von etwa dreihundert Menschen, darum sind keine Reden vorgesehen. Es wird auf aramäisch gesungen und gebetet werden, und der Papst will ein Gebet für den Frieden in Syrien und im Irak sprechen.“

Am Sonntag fliegt der Gast aus dem Vatikan weiter nach Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan – und spätestens ab diesem Moment kann man kaum noch von einer Pastoralreise sprechen, denn es gibt nur sehr wenige Katholiken im Land des Aseris: eine einzige Pfarrei in Baku, und außerhalb ein paar Niederlassungen der Mutter-Teresa-Schwestern.

In Baku wird der Papst eine Moschee besuchen und den Scheich der Muslime des Kaukasus treffen. Ob er dann auch eine Friedensbotschaft für den Zwist zu Nagorny-Karabach lancieren wird, wollte Greg Burke einem russischen Reporter bei der Pressekonferenz nicht verraten. „Es steht mir nicht zu, vorwegzunehmen, was der Papst sagen wird. Man weiß, dass der Heilige Stuhl sich gemeinhin nicht in solche Konflikte einmischt, aber warten wir’s ab.“

Zehn Ansprachen, davon zwei Predigten und ein Gebet, wird Franziskus im Kaukasus sprechen – auf Italienisch, ausnahmslos. Beim Rückflug von Baku nach Rom plant er, wie bei ihm mittlerweile üblich, wieder eine „Fliegende Pressekonferenz“.

Im Gefolge des Papstes befinden sich u.a. sein argentinischer Landsmann, Kardinal Leonardo Sandri von der Ostkirchenkongregation, und der vatikanische Ökumene-Verantwortliche, der Schweizer Kardinal Kurt Koch.

(rv 26.09.2016 sk)