Im Wortlaut: Papstpredigt bei der Jungfrau von Guadalupe

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Papstpredigt zu Füßen Unserer Lieben Frau von Guadalupe

Die Predigt von Papst Franziskus während der Messe in der Wallfahtskirche von Guadalupe, Mexiko Stadt, am Samstag, den 14. Februar. Wir dokumentieren im Wortlaut ind offizieller deutscher Übersetzung.

Wir haben von der Begegnung Marias mit ihrer Cousine Elisabet gehört. Ohne Zögern, ohne Zweifel, ohne Langsamkeit geht sie, um ihrer Verwandten zur Seite zu stehen, die sich in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft befindet.

Die Begegnung mit dem Engel hielt Maria nicht zurück, denn sie fühlte sich weder privilegiert, noch genötigt, sich vom Leben der Ihren abzukehren. Im Gegenteil, sie erfüllte eine Haltung, derentwegen man an Maria denkt und immer denken wird, mit neuem Leben und setzte sie in die Tat um: Sie ist die Frau des „Ja“ – es ist ein „Ja“ der Hingabe an Gott und zugleich ein „Ja“ der Hingabe an ihre Mitmenschen. Es ist das „Ja“, das sie aufbrechen ließ, um ihr Bestes zu geben, indem sie sich auf den Weg machte zur Begegnung mit den anderen.

Diesen Evangelienabschnitt in diesem Haus zu hören, hat einen besonderen Geschmack. Maria, die Frau des „Ja“, wollte in der Person des heiligen Indios Juan Diego auch die Bewohner dieses Gebietes von Amerika besuchen. Genauso wie sie sich auf den Wegen von Judäa und Galiläa bewegte, ging sie auch auf den Tepeyac, indem sie die Kleidung der Einheimischen trug und ihre Sprache gebrauchte, um dieser großen Nation zu dienen. Wie sie die Schwangerschaft von Elisabet begleitete, so begleitete und begleitet sie die „Schwangerschaft“ dieses gesegneten mexikanischen Landes. Ebenso, wie sie für den kleinen Juanito gegenwärtig wurde, ist sie immer noch bei uns allen zugegen, besonders bei denen, die wie er spüren, dass sie »nichts wert« sind (Nican Mopohua, 55). Diese besondere, sagen wir: bevorzugte Erwählung richtete sich gegen niemanden, sondern war zum Nutzen aller. Der kleine Indio Juan, der sich selbst als »mecapal, Holzscheit, Schweif, Flügel« und als einen, »der anderen unterworfen ist«, bezeichnete, (vgl. ebd.) wurde zum „sehr vertrauenswürdigen Botschafter“.

Bei jenem Tagesanbruch im Dezember 1531 geschah das erste Wunder, das später die lebendige Erinnerung all dessen sein sollte, was dieses Heiligtum hütet. In dieser Morgendämmerung, bei dieser Begegnung, weckte Gott die Hoffnung seines Sohnes Juan, die Hoffnung seines Volkes. Bei diesem Sonnenaufgang weckte und weckt Gott die Hoffnung der Kleinen, der Leidenden, der Vertriebenen und der Ausgeschlossenen, all derer, die empfinden, keinen würdigen Platz auf dieser Erde zu haben. Bei diesem Sonnenaufgang näherte und nähert sich Gott dem leidenden, aber belastbaren Herzen vieler Mütter, Väter, Großeltern, die gesehen haben, wie ihre Kinder fortzogen, verloren gingen oder ihnen sogar verbrecherisch entrissen wurden.

An diesem frühen Morgen erfährt Juanito in seinem eigenen Leben, was Hoffnung ist, was die Barmherzigkeit Gottes ist. Er wird erwählt, um den Bau dieses Heiligtums zu beaufsichtigen, zu betreuen, zu bewachen und voranzutreiben. Wiederholte Male sagte er der Jungfrau Maria, dass er nicht die geeignete Person dafür sei, dass sie im Gegenteil, wenn sie dieses Werk voranbringen wolle, andere erwählen müsse, weil er nicht gebildet und gelehrt sei und nicht zur Gruppe derer gehöre, die dies tun könnten. Hartnäckig jedoch – mit der Hartnäckigkeit, die dem erbarmungsvollen Herzen des himmlischen Vaters entspringt – sagt Maria ihm, dass er ihr Botschafter sein werde.

So gelingt es ihr, etwas zu erwecken, das er nicht auszudrücken vermochte, ein echtes Wahrzeichen der Liebe und der Gerechtigkeit: Im Bau dieses anderen Heiligtums, dem des Lebens, dem unserer Gemeinschaften, Gesellschaften und Kulturen darf niemand draußen bleiben. Alle sind wir notwendig, besonders diejenigen, die normalerweise nichts gelten, weil sie „den Gegebenheiten nicht gewachsen“ sind oder nicht „das nötige Kapital einbringen“ für deren Aufbau. Das Heiligtum Gottes ist das Leben seiner Kinder – aller und in allen ihren Lebenslagen – besonders das der Jugendlichen ohne Zukunft, die einer Unzahl schmerzlicher und gefahrvoller Situationen ausgesetzt sind, und das der alten Menschen ohne Anerkennung, die in vielen Winkeln vergessen werden. Das Heiligtum Gottes sind unsere Familien, denen es am Nötigsten fehlt, um sich aufzubauen und aufzurichten. Das Heiligtum Gottes ist das Gesicht so vieler, die uns auf unseren Wegen begegnen.

Wenn wir zu diesem Heiligtum kommen, kann uns dasselbe passieren, das Juan Diego passierte. Aus unseren Leiden, Ängsten, Verzweiflungen und Traurigkeiten auf die Mutter zu blicken und ihr zu sagen: „Was kann ich schon beisteuern, wenn ich kein Gelehrter bin?“ Wir schauen auf die Mutter mit Augen, die sagen: Es gibt so viele Situationen, die uns die Kraft nehmen, die uns spüren lassen, dass es keinen Raum gibt für Hoffnung, für Veränderung, für Verwandlung.

Darum kann uns ein wenig Stille gut tun, auf sie zu schauen, sie lange und ruhig anzuschauen und zu ihr zu sprechen wie jener andere Sohn, der sie sehr liebte:

»Dich anschauen, Mutter, einfach anschauen,
nur den Blick geöffnet halten;
dich ganz betrachten – ohne dir etwas zu sagen,
dir alles sagen, stumm und ehrerbietig.

Nicht den Windhauch stören, der deine Stirn umspielt,
nur meine verletzte Einsamkeit wiegen
in deinen Augen einer verliebten Mutter
und in deinem durchscheinenden irdenen Schoß.

Die Stunden sinken dahin;
aufgewühlt zersetzen die törichten Menschen mit ihrem Lärm
den Unrat des Lebens und des Todes.

Dich anschauen, Mutter; dich sanft betrachten,
still wird das Herz in deiner Zärtlichkeit,
in deinem keuschen liliengleichen Schweigen.«
(liturgischer Hymnus)

Und in diesem, auf sie schauenden Verweilen einmal mehr hören, dass sie wieder zu uns sagt: »Was hast du, mein kleinster Sohn? Was betrübt dein Herz? (vgl. Nican Mopohua 107.118) Bin ich denn nicht hier, ich, die ich die Ehre habe, deine Mutter zu sein?« (ebd. 119).

Sie sagt uns, dass sie die „Ehre“ hat, unsere Mutter zu sein. Das gibt uns die Gewissheit, dass die Tränen der Leidenden nicht unfruchtbar sind. Sie sind ein schweigendes Gebet, das zum Himmel aufsteigt und bei Maria unter ihrem Mantel immer einen Platz findet. In ihr und mit ihr wird Gott Bruder und Weggefährte, trägt mit uns die Kreuze, damit wir von unseren Leiden nicht erdrückt werden.

„Bin ich etwa nicht deine Mutter? Bin ich denn nicht hier? Lass dich nicht von deinen Leiden und Traurigkeiten besiegen“, sagt sie uns. Heute sendet sie uns wieder neu aus; heute sagt sie uns wieder neu: „Sei du mein Botschafter, mein Gesandter, um viele und neue Heiligtümer zu bauen, viele Leben zu begleiten, viele Tränen zu trocknen.“ So gehe nur durch die Straßen deiner Nachbarschaft, deiner Gemeinschaft, deiner Pfarrgemeinde als mein Botschafter; errichte Heiligtümer, indem du mit den anderen die Freude über die Gewissheit teilst, dass wir nicht alleine sind, dass sie mit uns geht. „Sei du mein Botschafter, sagt sie uns, indem du dem Hungrigen zu essen gibst und dem Durstigen zu trinken; beherberge den Bedürftigen, bekleide den Nackten, besuche den Kranken! Hilf dem Gefangenen, vergib dem, der dich beleidigt hat, tröste den Traurigen, hab Geduld mit den anderen, und vor allem rufe unseren Gott an und bete zu ihm!“

„Bin ich etwa nicht deine Mutter? Bin ich denn nicht hier?“, wiederholt uns Maria. „Geh und baue mein Heiligtum, hilf mir, das Leben meiner Kinder, deiner Brüder und Schwestern, aufzurichten!“

(rv 13.02.2016 pdy)

Im Wortlaut: Franziskus an Mexikos Bischöfe

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Papst auf dem Weg zur Kathedrale von Mexico City

APOSTOLISCHE REISE SEINER HEILIGKEIT
PAPST FRANZISKUS NACH MEXIKO.

Ansprache bei der Begegnung mit den Bischöfen Mexikos,
Mexiko-Stadt, Kathedrale, 13. Februar 2016

Ich freue mich, euch am Tag nach meiner Ankunft in diesem geliebten Land begegnen zu können; auf den Spuren meiner Vorgänger bin auch ich gekommen, um es zu besuchen.

Es war einfach unmöglich, nicht zu kommen! Könnte der Nachfolger des Petrus, der aus dem entfernten Süden Lateinamerikas gerufen wurde, darauf verzichten, die Jungfrau Morenita mit eigenen Augen anschauen zu dürfen?

Ich danke euch, dass ihr mich in dieser Kathedrale, in dieser  „casita”, dem „Häuschen”, um das die Jungfrau von Guadelupe gebeten hatte, empfangt; es ist zwar vergrößert, doch immer geweiht („sagrada”). Und ich bedanke mich auch für die liebenswürdigen Begrüßungsworte, die ihr an mich gerichtet habt.

Da ich weiß, dass sich hier das geheime Herz jedes Mexikaners befindet, trete ich mit sachten Schritten ein, wie es sich gehört, wenn man in das Haus und in die Seele dieses Volkes eintritt. Und ich bin zutiefst dankbar, dass ihr mir die Tür geöffnet habt. Ich weiß, dass ich, wenn ich in die Augen der Jungfrau schaue, den Blick ihres Volkes erreiche, das gelernt hat, sich in ihr auszudrücken. Ich weiß, dass keine andere Stimme mir so tiefgründig vom mexikanischen Herz erzählen kann, wie es die Jungfrau vermag; sie bewahrt seine größten Wünsche und seine geheimsten Hoffnungen; sie nimmt seine Freuden und seine Tränen auf; sie versteht die zahlreichen Mundarten dieser Menschen und antwortet mit der Zärtlichkeit einer Mutter, weil sie ihre Kinder sind.

Ich freue mich, bei euch zu sein, hier in der Nähe des Hügels von Tepeyac, gleichsam beim Tagesanbruch der Evangelisierung dieses Kontinents, und ich bitte euch, mir zu gestatten, dass ich alles, was ich euch sage, von der Guadalupana, der Jungfrau von Guadalupe ausgehend entwickle. Wie wünsche ich mir, dass sie selbst all das, was eindringlich dem Herzen des Papstes  entströmt, bis auf den Grund Eurer Hirtenseele tragen möge und durch euch in jede eurer Teilkirchen in diesem weiten Land Mexiko!

Wie der heilige Juan Diego und die folgenden Generationen  der Kinder der Guadalupana, so hat auch der Papst seit langem den Wunsch gehegt, sie anzuschauen. Mehr noch, ich selbst wollte von ihrem mütterlichen Blick erreicht werden. Ich habe viel über das Geheimnis dieses Blickes nachgedacht, und ich bitte euch anzunehmen, was in diesem Moment aus meinem Hirtenherzen hervorsprudelt.

Ein Blick der Zärtlichkeit

Vor allem lehrt uns die „Virgen Morenita”, dass die einzige Kraft, die fähig ist, das Herz der Menschen zu gewinnen, die Zärtlichkeit Gottes ist. Das, was begeistert und anzieht, was nachgiebig macht und überwältigt, was öffnet und Fesseln löst, ist nicht die Kraft der Mittel oder die Härte des Gesetzes, sondern die allmächtige Schwachheit der göttlichen Liebe, das heißt die unwiderstehliche Kraft seiner Sanftmut und die unwiderrufliche Verheißung seiner Barmherzigkeit.

Ein ruheloser und berühmter Literat eures Landes (Octavio Paz) hat gesagt, dass in Guadalupe nicht mehr um eine reiche Ernte oder um die Fruchtbarkeit des Bodens gebetet wird, sondern dass man Sehnsucht hat nach einem Schoß, in dem die immer noch verwaisten und verstoßenen Menschen eine Sicherheit, ein Zuhause suchen.

Hat sich Jahrhunderte nach dem Gründungsereignis dieses Landes und nach der Evangelisierung des Kontinents das Bedürfnis nach einem Schoß, den das Herz des euch anvertrauten Volkes ersehnt, etwa aufgelöst oder ist es vergessen worden?

Ich kenne die lange und schmerzliche Geschichte, die ihr durchgemacht habt, nicht ohne viel Blutvergießen, nicht ohne ungestüme und erschütternde Umwälzungen, nicht ohne Gewalt und Unverständnis. Mit Recht hat mein verehrter und heiliger Vorgänger, der sich in Mexiko wie zu Hause fühlte, gesagt: »Wie Flüsse, die mitunter im Verborgenen fließen, aber stets reichlich Wasser führen […] so stellt sich die Geschichte dieses Landes als eine Geschichte von drei Realitäten dar, die sich einmal begegnen und andererseits ihre sich gegenseitig ergänzenden Unterschiede offenlegen, ohne sie jedoch ganz zu vermischen: die antike und reiche Sensibilität der Indianervölker, die Juan de Zumárraga und Vasco de Quiroga verehrten, welche von vielen heute noch Väter genannt werden; das Christentum, das tief in der mexikanischen Seele verwurzelt ist; und schließlich die moderne Rationalität europäischer Prägung, welche die Unabhängigkeit und Freiheit hochhalten möchte« (Johannes Paul II., Ansprache bei der Willkommenszeremonie in Mexiko, 22. Januar 1999).

Und in dieser Geschichte hat der mütterliche Schoß, der Mexiko unaufhörlich Leben schenkte, auch wenn er bisweilen anmutete wie ein Netz mit hundertdreiundfünfzig Fischen (vgl. Joh 21,11), sich nie als unfruchtbar erwiesen, und die bedrohlichen Brüche wurden immer wieder zusammengefügt.

Darum lade ich euch ein, erneut von diesem Bedürfnis nach einem Schoß auszugehen, das aus der Seele eures Volkes aufsteigt. Der Schoß des christlichen Glaubens ist fähig, die oft von Einsamkeit, Isolierung und Ausgrenzung geprägte Vergangenheit mit der Zukunft zu versöhnen, die ständig in ein entgleitendes Morgen verbannt wird. Nur in jenem Schoß kann man, ohne auf die eigene Identität zu verzichten, »die tiefe Wahrheit der neuen Menschheit [entdecken], in der alle dazu berufen sind, Kinder Gottes zu sein« (Johannes Paul II., Predigt zur Heiligsprechung des hl. Juan Diego, 31. Juli 2002).

Neigt euch also mit Feingefühl und Achtung der tiefen Seele eures Volkes zu, steigt behutsam hinab und enträtselt ihr geheimnisvolles Gesicht. Die oft in Zerstreuung und Fest aufgelöste Gegenwart – ist sie nicht eine Vorbereitung auf Gott, der allein vollkommen gegenwärtig ist? Ist die Vertrautheit mit Schmerz und Tod nicht eine Form von Mut und ein Weg zur Hoffnung? Ist die Wahrnehmung von einer immer und ausschließlich erlösungsbedürftigen Welt nicht ein Gegenmittel gegen die anmaßende Selbstgenügsamkeit derer, die meinen, ohne Gott auskommen zu können?

Natürlich ist für all das ein Blick notwendig, der fähig ist, die Zärtlichkeit Gottes widerzuspiegeln. Seid also Bischöfe mit einem lauteren Blick, einer transparenten Seele, einem leuchtenden Gesicht! Habt keine Angst vor Transparenz! Die Kirche hat es nicht nötig, im Dunkeln zu arbeiten. Passt auf, dass euer Blick sich nicht bewölkt mit dem Halbschatten  des Nebels der Weltlichkeit; lasst euch nicht bestechen durch den trivialen Materialismus, noch durch die verführerischen Illusionen der „unter der Hand” getroffenen Vereinbarungen; setzt euer Vertrauen nicht auf die „Pferde und Streitwagen” der heutigen Pharaonen, denn unsere Kraft ist die „Feuersäule”, die die Wogen des Meeres bricht und das Wasser spaltet, ohne viel Lärm zu machen (vgl. Ex 14,21-24).

Die Welt, in der unsere Aufgabe zu entfalten der Herr uns berufen hat, ist sehr komplex geworden. Und selbst die anmaßende Idee des „cogito”, die nicht bestritt, dass es wenigstens einen Fels über dem Sand des Seins geben könnte, ist heute beherrscht von einer Lebensanschauung, die von vielen als schwankender, orientierungsloser und chaotischer denn je angesehen wird, weil ihr eine tragfähige Grundlage fehlt. Die so nachdrücklich geltend gemachten und verteidigten Grenzen sind durchlässig geworden für die Neuheit einer Welt, in der die Kraft einiger nicht mehr überleben kann ohne die Verwundbarkeit anderer. Die irreversible Hybridisierung der Technologie rückt das, was in der Ferne liegt, in die Nähe, entfernt aber leider das, was nah sein sollte.

Und gerade in dieser Welt bittet Gott euch, einen Blick zu haben, der fähig ist, die Frage aufzufangen, die im Herzen eures Volkes aufschreit, des einzigen Volkes, das in seinen Kalender ein „Fest des Schreis” aufnahm. Auf diesen Schrei muss man antworten, dass Gott existiert und dass er durch Jesus nahe ist. Dass allein Gott die Wirklichkeit ist, auf die man bauen kann, denn »Gott ist die grundlegende Wirklichkeit, nicht ein nur gedachter oder hypothetischer Gott, sondern der Gott mit dem menschlichen Antlitz« (Benedikt XVI., Ansprache zur Eröffnung der V. Generalversammlung der CELAM, 13. Mai 2007).

Das mexikanische Volk hat das Recht, in eurem Blick den Spuren derer zu begegnen, die »den Herrn gesehen« (Joh 20,25) haben, die bei Gott verweilt haben. Das ist wesentlich. Verliert also keine Zeit mit nebensächlichen Dingen, mit Redereien und Intrigen, mit eitlen Karriereabsichten, mit leeren Hegemonie-Plänen, in unfruchtbaren Interessengemeinschaften und Komplizenschaften. Lasst euch nicht durch Klatsch und üble Nachrede aufhalten. Führt eure Priester in dieses Verständnis des geweihten Dienstes ein. Uns Dienern Gottes genügt die Gnade, „den Kelch des Herrn zu trinken”, das Geschenk, den Teil seines Erbes zu hüten, der uns anvertraut ist, auch wenn wir unerfahrene Verwalter sind. Überlassen wir es dem himmlischen Vater, uns den Platz zuzuweisen, den er für uns vorbereitet hat (vgl. Mt 20,20-28). Können wir denn wirklich mit anderen Dingen beschäftigt sein, als denen des Vaters? Außerhalb dessen, was dem Vater gehört (vgl. Lk 2,48-49), verlieren wir unsere Identität und vereiteln schuldhaft seine Gnade.

Wenn unser Blick nicht bezeugt, dass wir Jesus gesehen haben, dann wirken die Worte, mit denen wir von ihm sprechen, wie leere rhetorische Phrasen. Vielleicht drücken sie die Nostalgie derer aus, die den Herrn nicht vergessen können, doch in jedem Fall sind sie nur das Stammeln der Waisen am Grab. Worte, die letztlich unfähig sind zu verhindern, dass die Welt der eigenen hoffnungslosen Macht überlassen und auf sie beschränkt bleibt.

Ich denke an die Notwendigkeit, den jungen Menschen einen mütterlichen Schoß anzubieten. Möge euer Blick fähig sein, sich mit dem ihren zu kreuzen, sie zu lieben und das zu erfassen, was sie mit jener Kraft suchen, dank derer viele von ihnen Boote und Netze am anderen Ufer des Sees zurückgelassen (vgl. Mk 1,17-18) oder ihre Finanzgeschäfte aufgegeben haben, nur um dem Herrn des wahren Reichtums zu folgen (vgl. Mt 9,9).

Besonders besorgt bin ich um viele, die, von der hohlen Macht der Welt verführt, Trugbilder verherrlichen und deren makabre Symbole tragen, um den Tod zu vermarkten gegen Geld, das am Ende von Motten zerfressen, vom Rost zerstört und von Einbrechern und Dieben geraubt wird (vgl. Mt 6,20). Ich bitte euch, die ethische und bürgerfeindliche Herausforderung nicht zu unterschätzen, die der Drogenhandel für die gesamte mexikanische Gesellschaft einschließlich der Kirche darstellt.

Die Proportion des Phänomens, die Vielschichtigkeit seiner Ursachen, die Unermesslichkeit seiner Ausbreitung wie verzehrende Metastasen, die Schwere der zersetzenden Gewalt und seine wirren Verbindungen gestatten uns Hirten der Kirche nicht, uns in allgemeine Verurteilungen zu flüchten, sondern verlangen einen prophetischen Mut und ein ernstes und qualifiziertes pastorales Projekt, um dazu beizutragen, schrittweise jenes feine menschliche Netz zu knüpfen, ohne das wir alle von vornherein besiegt wären von dieser heimtückischen Bedrohung. Nur indem man mit den Familien beginnt; indem man sich der menschlichen und existenziellen Randzone der trostlosen Gebiete unserer Städte nähert und sie umfasst; indem man die Pfarrgemeinden, die Schulen, die gemeinschaftlichen Einrichtungen, die politischen Gemeinden und die Sicherheitsstrukturen einbezieht – nur so wird man viele Leben ganz aus dem Fahrwasser befreien können, in dem sie erbärmlich ertrinken: sei es das Leben derer, die als Opfer sterben, sei es das Leben derer, die vor Gott immer blutbefleckte Hände haben werden, auch wenn ihre Tasche mit schmutzigem Geld gefüllt und ihr Gewissen betäubt ist.

Ein Blick, der fähig ist, zu weben

In den Mantel der mexikanischen Seele hat Gott mit dem Faden der mestizischen Spuren seines Volkes das Antlitz seiner Erscheinung in der „Morenita” eingewebt. Gott braucht keine gedeckten Farben, um sein Antlitz zu zeichnen. Die Zeichnungen Gottes sind nicht abhängig von den Farben und den Fäden, sondern sie sind bestimmt von der Unwiderruflichkeit seiner Liebe, die sich beharrlich in uns einprägen möchte.

Seid also Bischöfe, die fähig sind, diese Freiheit Gottes nachzuahmen, indem ihr das Ärmlich-Bescheidene wählt, um die Majestät seines Antlitzes sichtbar zu machen; fähig, diese göttliche Geduld nachzuahmen, indem ihr mit dem feinen Faden der Menschheit, der ihr begegnet, jenen neuen Menschen webt, den sein Land erwartet. Lasst euch nicht von dem nutzlosen Streben leiten, das Volk „auszutauschen”, als hätte die Liebe Gottes nicht  genügend Kraft, um es zu verwandeln.

Entdeckt außerdem die weise und demütige Ausdauer wieder, mit der die Väter des Glaubens und dieses Heimatlandes es verstanden haben, die früheren Generationen in die „Semantik” des göttlichen Mysteriums einzuführen: Zuerst haben sie selbst die „Grammatik” gelernt, die notwendig ist, um mit Gott zu sprechen, und dann haben sie sie gelehrt –, um mit jenem Gott zu sprechen, der in den Jahrhunderten der Suche verborgen war und in der Person seines Sohnes Jesus uns nahe gekommen ist. In seinem Bild, blutüberströmt und gedemütigt, erkennen ihn heute viele als Figur des eigenen Schicksals. Ahmt sein Entgegenkommen und seine Fähigkeit, sich herabzuneigen, nach. Nie werden wir die Tatsache genügend begreifen, dass Gott mit den mestizischen Fäden unseres Volkes das Antlitz webte, mit dem er sich zu erkennen gibt! Nie werden wir ihm genug dafür danken.

Einen Blick besonderen Feingefühls erbitte ich von euch für die indigenen Völker und ihre faszinierenden und nicht selten dezimierten Kulturen. Mexiko braucht seine indianischen Wurzeln, um nicht in einem unlösbaren Rätsel zu verharren. Die Eingeborenen Mexikos warten noch darauf, dass der Reichtum ihres Beitrags und die Fruchtbarkeit ihrer Gegenwart wirklich anerkannt werden, damit Mexiko jene Identität erbt, die es zu einer einzigartigen Nation macht und nicht zu einer unter anderen.

Es ist oft von dem vermeintlich unerfüllten Geschick dieser Nation gesprochen worden, vom „Labyrinth der Einsamkeit”, in dem sie gefangen sei, von der Geographie als Schicksal, das sie betrügt. Manche meinen, all das sei ein Hindernis für den Entwurf eines einheitlichen Gesichtes, einer erwachsenen Identität, einer einmaligen Position im Zusammenspiel der Nationen und einer mit anderen geteilten Aufgabe.

Andere meinen, auch die Kirche sei dazu verurteilt zu wählen, ob sie die Unterlegenheit erleiden will, in die sie in einigen Perioden ihrer Geschichte verbannt wurde – wie zu der Zeit, als ihre Stimme zum Schweigen gebracht wurde und man versuchte, ihre Gegenwart zu amputieren –, oder ob sie sich auf die Fundamentalismen einlassen will, um wieder provisorische Gewissheiten zu haben und dabei zu vergessen, dass in ihrem Herzen tief verwurzelt der Durst nach dem Absoluten wohnt und dass sie in Christus dazu berufen ist, alle zu vereinen und nicht nur einen Teil (vgl. Lumen gentium, 1).

Werdet hingegen nicht müde, euer Volk daran zu erinnern, wie mächtig die alten Wurzeln sind, die die lebendige christliche Synthese menschlicher, kultureller und spiritueller Gemeinschaft ermöglicht haben, die hier geschaffen wurde. Erinnert daran, dass die Flügel eures Volkes sich schon mehrere Male hoch über nicht wenigen Schicksalsschlägen ausgebreitet haben. Hütet die Erinnerung an den langen Weg, der bis jetzt zurückgelegt wurde, und versteht es, die Hoffnung auf neue Ziele zu wecken, denn das Morgen wird ein Land reich an Früchten sein, auch wenn es uns vor nicht unbedeutende Herausforderungen stellt (vgl. Num 13,27-28).

Mögen eure Blicke – immer und einzig auf Christus gerichtet – fähig sein, zur Einheit eures Volkes beizutragen; die Versöhnung seiner Unterschiede und die Integration seiner Vielfalt zu begünstigen; die Lösung seiner endogenen Probleme zu fördern; an das hohe Niveau zu erinnern, das Mexiko erreichen kann, wenn es lernt, an erster Stelle sich selbst zu gehören und nicht anderen; zu helfen, konsensfähige und nachhaltige Lösungen für seine Formen von Elend und Armut zu finden; die gesamte Nation anzuspornen, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben, als von der mexikanischen Art, in der Welt zu leben, erwartet wird.

Ein aufmerksamer Blick,
der Nähe beweist und nicht schläfrig ist

Ich bitte euch, nicht in die Erlahmung zu fallen, alte Antworten auf neue Fragen zu geben. Eure Vergangenheit ist ein Fundgrube reicher Schätze, die ausgegraben werden müssen und die die Gegenwart inspirieren und die Zukunft erleuchten können. Weh euch, wenn ihr euch auf euren Lorbeeren ausruht! Man darf das empfangene Erbe nicht vertun, sondern muss es durch ständige Arbeit hüten. Ihr ruht auf den Schultern von Giganten: von Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Laien, die treu waren „bis zum Ende” und ihr Leben hingegeben haben, damit die Kirche ihre Mission erfüllen konnte. Ihr seid berufen, von der Höhe dieses Podestes aus einen weiten Blick auf den Acker des Herrn zu werfen, um die Aussaat zu planen und die Ernte zu erwarten.

Ich fordere euch auf, euch furchtlos abzumühen in der Aufgabe, das Evangelium zu verkünden und  den Glauben zu vertiefen durch eine mystagogische Katechese, die sich die volkstümliche Religiosität eurer Leute zunutze macht. Unsere Zeit verlangt pastorale Aufmerksamkeit gegenüber Menschen und Gruppen, die hoffen, aufbrechen zu können zur Begegnung mit dem lebendigen Christus. Nur eine mutige pastorale Umkehr unserer Gemeinschaften kann die heutigen Jünger Jesu suchen, hervorbringen und ernähren (vgl. Schlussdokument von Aparecida, 226. 368. 370).

Darum tut es unseren Hirten not, die Versuchung der Distanz und des Klerikalismus, der Kälte und der Gleichgültigkeit, des triumphalistischen Verhaltens und der Selbstbezogenheit zu überwinden. Guadalupe lehrt uns, dass Gott zwanglos-vertraut ist in seinem Gesicht, dass die Nähe und das Entgegenkommen mehr vermögen, als die Stärke.

Wie die schöne Überlieferung von Guadalupe lehrt, bewahrt die „Morenita” die Blicke derer, die sie betrachten, spiegelt das Gesicht derer wider, die ihr begegnen. Es ist notwendig zu lernen, dass es in jedem von denen, die uns auf der Suche nach Gott anschauen, etwas Unwiederholbares gibt. Unsere Aufgabe ist es, für diese Blicke nicht undurchdringlich zu werden. Jeden von ihnen in uns zu hüten, in unserem Herzen zu bewahren und zu schützen.

Nur eine Kirche, die fähig ist, das Gesicht der Menschen, die an ihre Tür klopfen, zu hüten und zu schützen, ist fähig, ihnen von Gott zu sprechen. Wenn wir nicht ihre Leiden enträtseln, wenn wir ihre Bedürfnisse nicht bemerken, können wir ihnen nichts bieten. Der Reichtum, den wir besitzen, fließt nur, wenn wir der Zaghaftigkeit derer, die betteln, entgegengehen und ebendiese Begegnung sich in unserem Hirtenherzen vollzieht.

Das erste Gesicht, das ich euch dringend bitte in eurem Herzen zu hüten, ist das eurer Priester. Lasst nicht zu, dass sie der Einsamkeit und der Verlassenheit ausgesetzt sind, eine Beute der Weltlichkeit, die das Herz verschlingt. Seid aufmerksam und lernt, ihre Blicke zu deuten, um euch mit ihnen zu freuen, wenn sie die Befriedigung empfinden zu erzählen, »was sie getan und gelehrt« haben (Mk 6,30), und auch um euch nicht zurückzuziehen, wenn sie sich ein wenig gedemütigt fühlen und nicht anders können, als weinen, weil sie den Herrn verleugnet haben (vgl. Lk 22,61-62), und auch um in Gemeinschaft mit Christus Unterstützung zu bieten, wenn jemand niedergeschlagen in die Nacht hinausgeht (vgl. Joh 13,30). Möge es in diesen Situationen, liebe Bischöfe, niemals an eurer Väterlichkeit gegenüber euren Priestern fehlen! Ermutigt sie zur Gemeinschaft untereinander, lasst sie ihre Gaben vervollkommnen, bezieht sie in die großen Angelegenheiten ein, denn das Herz des Apostels wurde nicht für kleine Dinge geschaffen.

Die Notwendigkeit familiärer Vertrautheit wohnt im Herzen Gottes. Unsere Liebe Frau von Guadalupe erbat nur eine “casita sagrada”, ein geweihtes Häuschen. Unsere lateinamerikanischen Völker verstehen die diminutive Sprache gut und verwenden sie gerne. Vielleicht haben sie die Verkleinerungsform nötig, weil sie sich andernfalls verloren vorkämen. Sie haben sich angepasst, sich herabgesetzt zu fühlen, und sich daran gewöhnt, in Bescheidenheit zu leben.

Wenn die Kirche sich in einer majestätischen Kathedrale versammelt, sollte sie nicht unterlassen, sich als ein „Häuschen” zu verstehen, in dem ihre Kinder sich wohl fühlen können. In der Gegenwart Gottes verbleibt man nur, wenn man klein ist, wenn man Waise ist, wenn man Bettler ist.

Ein familiäres „Häuschen” und zugleich „geweiht”, denn die Nähe wird von der allmächtigen Größe erfüllt. Wir sind Hüter dieses Geheimnisses! Vielleicht haben wir diesen Sinn für das bescheidene göttliche Maß verloren und sind überdrüssig geworden, den Unsrigen das „Häuschen” anzubieten, in dem sie sich mit Gott vertraut fühlen. Es kann auch sein, dass man, weil man den Sinn für Gottes Größe ein wenig vernachlässigt hat, teilweise die Ehrfurcht gegenüber einer solchen Liebe verloren hat. Wo Gott wohnt, kann der Mensch nicht Zugang haben, ohne zugelassen zu sein, und er tritt nur ein, wenn er sich „die Sandalen auszieht” (vgl. Ex 3,5), um die eigene Unzulänglichkeit zu bekennen.

Dass wir vergessen haben, uns „die Sandalen auszuziehen”, um einzutreten – liegt da nicht möglicherweise die Wurzel dafür, dass der Sinn für die Heiligkeit des menschlichen Lebens verloren gegangen ist, der Sinn für die Heiligkeit der Person, der wesentlichen Werte, der im Laufe der Jahrhunderte angesammelten Weisheit, der Achtung gegenüber der Natur? Wenn diese tiefen Wurzeln im Bewusstsein der Menschen und der Gesellschaft nicht wiedergewonnen werden, wird sogar der großherzigen Arbeit für die legitimen Menschenrechte der Lebenssaft fehlen, der nur aus einer Quelle kommen kann, die die Menschheit sich niemals selbst zu geben vermag.

Ein Blick, der die Gesamtheit erfasst
und zur Einheit zusammenführt

Nur im Blick auf die „Morenita” versteht man Mexiko ganz. Daher bitte ich euch zu begreifen, dass die Aufgabe, die die Kirche euch anvertraut, diesen Blick verlangt, der die Gesamtheit umfasst. Und das kann nicht isoliert verwirklicht werden, sondern nur in Gemeinschaft.

Die Guadalupana ist mit einem Band umgürtet, das ihre Fruchtbarkeit kundtut. Sie ist die Jungfrau, die in ihrem Schoß bereits den Sohn trägt, den die Menschen erwarten. Sie ist die Mutter, die schon die Menschheit der aufkeimenden neuen Welt austrägt. Sie ist die Braut, die vorausweist auf die fruchtbare Mutterschaft der Kirche Christi. Ihr habt die Aufgabe, die gesamte mexikanische Nation mit der Fruchtbarkeit Gottes zu umgürten. Kein Stück dieses Gürtels darf geringschätzig behandelt werden.

Der mexikanische Episkopat hat in diesen Jahren der Versöhnung bemerkenswerte Schritte vollbracht; die Zahl seiner Mitglieder ist gestiegen; eine fortdauernde ständige und qualifizierte Weiterbildung wurde gefördert; es fehlte nicht an einer brüderlichen Atmosphäre; der Geist der Kollegialität ist gewachsen; die pastoralen Aktivitäten haben einen Einfluss auf eure Ortskirchen und auf das nationale Bewusstsein ausgeübt; die gemeinsam durchgeführten pastoralen Arbeiten waren in den wesentlichen Bereichen der kirchlichen Mission wie dem der Familie, dem der Berufungen und dem der Präsenz im gesellschaftlichen Leben fruchtbringend.

Während wir uns über den Weg dieser Jahre freuen, möchte ich euch bitten, euch nicht entmutigen zu lassen durch die Schwierigkeiten und nicht zu sparen mit jeder möglichen Anstrengung, um unter euch und in euren Diözesen den missionarischen Eifer zu fördern, vor allem gegenüber den am meisten bedürftigen Teilen des einen Leibes der mexikanischen Kirche. Wiederzuentdecken, dass die Kirche Mission bedeutet, ist grundlegend für ihre Zukunft, denn nur die Begeisterung und das überzeugte Staunen der Verkünder des Evangeliums besitzt die mitreißende Kraft. Daher bitte ich euch, besonders auf die Ausbildung und Vorbereitung der Laien zu achten, jede Form von Klerikalismus zu überwinden und sie aktiv in die Mission der Kirche einzubeziehen, vor allem indem sie mit dem Zeugnis ihres Lebens das Evangelium Christi in der Welt gegenwärtig werden lassen.

Diesem mexikanischen Volk würde ein vereinigendes Zeugnis der christlichen Synthese und eine allseits geteilte Sicht der Identität und der Bestimmung seiner Nation sehr hilfreich sein. In diesem Sinn wäre es sehr wichtig, dass die Päpstliche Universität Mexikos immer mehr im Mittelpunkt der kirchlichen Bemühungen stünde, um jene Gesamtschau sicherzustellen, ohne die der Verstand sich mit Teilelementen zufrieden gibt und auf sein höchstes Streben, nämlich die Suche nach der Wahrheit, verzichtet.

Die Mission ist weitläufig, und sie voranzubringen verlangt vielfältige Wege. Mit größtem Nachdruck ermahne ich euch, die Gemeinschaft und die Einheit unter euch zu bewahren. Die Gemeinschaft ist die Lebensform der Kirche, und die Einheit ihrer Hirten beweist ihre Wahrhaftigkeit. Mexiko und seine weit gespannte und vielgestaltige Kirche brauchen Bischöfe, die Diener und Hüter der Einheit sind – einer Einheit, die auf dem Wort des Herrn aufgebaut, von seinem Leib genährt und durch seinen Geist geführt wird, der der Lebensatem der Kirche ist.

Es sind keine „Fürsten” nötig, sondern es bedarf einer Gemeinschaft von Zeugen des Herrn. Christus ist das einzige Licht; er ist die Quelle lebendigen Wassers; aus seinem Atem weht der Heilige Geist, der die Segel des Kirchenbootes aufbläht. In Christus, den die Menschen dieses Volkes gerne als König verehren, entzündet gemeinsam das Licht, erfüllt euch mit seiner Gegenwart, die nicht vergeht; atmet in vollen Zügen die gute Luft des Heiligen Geistes ein. Euch kommt es zu, Christus im ganzen Land auszusäen, sein einfaches Licht, das erhellt, ohne zu blenden, am Brennen zu halten und sicherzustellen, dass an seinem Wasser der Durst seines Volkes gestillt wird; spannt die Segel aus, damit das Wehen des Geistes sie ausbreite und das Boot der Kirche in Mexiko nicht auf Grund läuft.

Erinnert euch daran, dass die Braut genau weiß, dass der geliebte Hirt (vgl. Hld 1,7) nur da zu finden ist, wo die Weiden grasbewachsen und die Bäche kristallklar sind. Die Braut misstraut den Gefährten des Bräutigams, die manchmal aus Fahrlässigkeit oder aus Unfähigkeit die Herde zu dürren, felsigen Orten führen. Weh uns Hirten, Gefährten des obersten Hirten, wenn wir die Braut  umherirren lassen, weil in dem Zelt, das wir errichtet haben, der Bräutigam nicht zu finden ist!

Gestattet mir ein letztes Wort, um die Würdigung des Papstes für all das auszudrücken, was ihr tut, um der Herausforderung unserer Zeit zu begegnen, die die Migrationen darstellen. Millionen von Söhnen und Töchtern der Kirche leben heute in der Diaspora oder in Übergangssituationen ihrer Wanderung gen Norden auf der Suche nach neuen Chancen. Viele von ihnen lassen die eigenen Wurzeln hinter sich, um – auch im Untergrund, der alle Arten von Gefahren in sich birgt – die Suche nach dem „grünen Licht” zu wagen, das sie als ihre Hoffnung ansehen. Viele Familien teilen sich, und nicht immer ist die Eingliederung in das vermeintliche „Land der Verheißung” ist so leicht, wie man denkt.

Liebe Brüder, eure Herzen sind fähig, ihnen zu folgen und sie jenseits der Grenzen zu erreichen. Stärkt die Gemeinschaft mit euren Brüdern vom Episkopat der Vereinigten Staaten, damit die mütterliche Gegenwart der Kirche die Wurzeln des Glaubens, die Gründe der Hoffnung und die Kraft der Liebe dieser Menschen am Leben hält. Es soll nicht geschehen, dass sie ihre Harfen aufhängen, dass ihre Fröhlichkeit verstummt und sie Jerusalem vergessen (vgl. Ps 137) und sich in „aus sich selbst vertriebene Exilanten” verwandeln. Bezeugt gemeinsam, dass die Kirche Hüterin einer Gesamtschau des Menschen ist und nicht mittragen kann, dass er zu einer bloßen menschlichen „Ressource” herabgewürdigt wird.

Die Eilfertigkeit eurer Diözesen, das Wenige an Balsam, das sie besitzen, auf die wunden Füße derer zu gießen, die ihr Territorium durchqueren, und das unter Schwierigkeiten gesammelte Geld für sie auszugeben, wird nicht vergeblich sein; der göttliche Samariter wird am Ende denjenigen reich belohnen, der nicht gleichgültig an ihm vorüberging, als er hingestürzt auf dem Weg lag (vgl. Lk 10,25-37).

Liebe Brüder,

der Papst ist sicher, dass Mexiko und seine Kirche rechtzeitig zum Treffen mit sich selbst, mit ihrer Geschichte und mit Gott gelangen werden. Vielleicht mag mancher Felsbrocken auf dem Weg den Lauf verzögern, und die Mühe der Strecke wird manche Ruhepause verlangen, doch das wird nie ausreichen, um das Ziel verpassen zu lassen. Darum, liebe Brüder:

Kann zu spät kommen, wer eine Mutter hat, die ihn erwartet? Wer ständig in seinem Herzen den Klang der Worte hören kann: „Bin ich etwa nicht hier, ich, die ich deine Mutter bin?”

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Quelle

Guadalupe: Gott, der Vater, liebt mit dem Herz einer Mutter

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Die Jungfrau von Guadalupe

Seinen Mexiko-Besuch beginnt Papst Franziskus bei Unserer Lieben Frau von Guadalupe. Das Heiligtum der Muttergottes in Mexiko-City ist einer der größten christlichen Wallfahrtsorte der Welt: Bis zu 10 Millionen Menschen pilgern jährlich zur „Morenita“, der „kleinen Braunen“, wie die Gläubigen die Madonna von Guadalupe zärtlich nennen. Sie ist die Patronin nicht nur Mexikos: Papst Pius XII. ernannte sie 1945 nach dem Ende des II. Weltkriegs zur „Schutzherrin und Kaiserin der beiden Amerikas“.

Unter allen Lateinamerikanern einschließlich Papst Franziskus genießt die Muttergottes von Guadalupe eine ungeheure Popularität. Bereits zweimal hat Franziskus ihr Fest im Petersdom mit einer Messe gefeiert und beim letzten Mal verkündet, er werde sie persönlich besuchen; das war am vergangenen 12. Dezember. Am 12. Februar nun trifft der lateinamerikanische Papst zunächst zum ökumenischen Zwischenstopp auf Kuba und wenig später in Mexiko City ein. Der Jungfrau Maria ist die 12 gewissermaßen eingeschrieben, erklärte uns der argentinische Theologe und Franziskus-Vertraute Carlos Maria Galli. 12, damit seien nämlich alle Christen gemeint, gebündelt in ihrem gemeinsamen Herzen: Maria.

„12 ist eine biblische Zahl, 12 Stämme Israels, 12 Apostel, die Jesus berief, und das Konzil lehrt uns, dass die 12 nicht nur  die ersten, die von Jesus ausgewählt wurden, um die Kirche zu leiten, sondern sie waren der Beginn, der Same des gesamten Gottesvolkes. Und wenn ein Papst ein Land besucht, in diesem Fall das mexikanische Volk, ist das nicht bloß ein offizieller oder diplomatischer Besuch, oder ein Staatsbesuche – das alles zwar auch. Aber der Papst kommt als Bischof von Rom und als Hirte der Weltkirche. Er macht eine Pilgerfahrt zum Herzen des Gottesvolkes in den verschiedenen Kulturen, in diesem Fall eben das Volk, das in Mexiko pilgernd unterwegs ist.“

An diesem Punkt kommt Maria ins Spiel: sie bildet – sagt Carlos Maria Galli – das Bindeglied zwischen dem päpstlichen Mexiko-Besuch und dem von Franziskus ausgerufenen Jahr der Barmherzigkeit.

„In dem Bericht über die Jungfrau  von Guadalupe, der erzählt, wie sie dem Indigenen Juan Diego erscheint, sagt sie zu ihm: hab keine Angst, denn ich bin da an deiner Seite, und bin ich denn nicht deine Mutter? Sie spricht mit ihm wie mit einem Sohn. Das ist der biblische Sinn des Wortes „.Barmherzigkeit“ – und das nähert den Besuch von Papst Franziskus an das Jahr der Barmherzigkeit an. Die Barmherzigkeit ist die herzinnerste Liebe einer Mutter zu ihren kleinen Kindern. Ich glaube, der Papst will uns zeigen, dass Gott, der Vater, uns liebt mit dem Herzen einer Mutter. Und das hat er ausgedrückt in der allerheiligsten Jungfrau. In der Jungfrau von Guadalupe fühlt das ganze Volk Lateinamerikas die herzinnerste Liebe der Muttergottes für alle ihre Kinder, und ganz besonders für ihre ärmsten und kleinsten. Sie ist die Mutter der Barmherzigkeit, die mitleidige Mutter, und ihr können wir uns immer nähern.“

(rv 08.02.2016 gs)

Was uns die Jungfrau von Guadalupe 500 Jahre nach ihrer Erscheinung zu sagen hat

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Vom 9. bis zum 12. Dezember 1531 erschien am Stadtrand von Mexiko-Stadt dem Indio Juan Diego Cuauhtlatoatzin viermal eine schöne Frau. Sie beauftragte Juan Diego, dass am Berg dieser Erscheinung eine Kapelle errichtet werden solle. Heute steht dort die Basilika der Jungfrau von Guadalupe Foto: Katsam via Wikimedia

Von Hillary Mast

LOS ANGELES , 9. November, 2015

Das Gnadenbild unserer Lieben Frau von Guadalupe ist Jahrhunderte alt – und seine Botschaft an den heiligen Juan Diego wurde in den letzten Jahren in verschiedene Sprache übersetzt. Unzählige Bücher wurden über die Erscheinung geschrieben und der mantelartige Umhang selbst war Gegenstand intensiver Untersuchungen von Seiten der Wissenschaftler.

Was aber können wir darüber hinaus noch von der heiligen Jungfrau von Guadalupe und ihrer Botschaft lernen?

Sehr viel, versichert Carl Anderson, Vorsitzender der Kolumbusritter, die zusammen mit dem Postulator der Heiligsprechung Juan Diegos, Monsignore Eduardo Chávez Sánchez, den neuen Dokumentarfilm ‟Guadalupe: das Wunder und die Botschaft” produziert haben.

‟Ich glaube, dass der Großteil der Personen wenig von der Botschaft, die im Bild selbst enthalten ist, versteht und die Dokumentation hilft zu erklären, warum die Symbole, die dort auftauchen, so wichtig sind und eine derart große Resonanz gefunden haben” erläutert Anderson gegenüber CNA .

Was viele nicht wissen, ist – so Anderson weiter – dass das Gnadenbild auf dem Mantel in Wirklichkeit eine Art Karte ist, voll mit Symbolen, die das aztekische Volk leicht dechiffrieren konnte.

Der neue Film basiert auf einem Bestseller: ‟Nuestra Señora de Guadalupe: Madre de la Civilización del Amor” (Unsere Liebe Frau von Guadalupe, Mutter der Zivilisation der Liebe) von den genannten Anderson und Monsignore Chavez.

Vom Schauspieler Jim Cavieziel erzählt, bringt die Dokumentation die Geschichte hinter einem der bekanntesten religiösen Bilder auf den Bildschirm, mit 3D-Animationen, sowie Reaktionen und Kommentaren von Experten.

‟Ich denke, dass jeder, der diesen Film sieht, neue Dinge lernen und die Jungfrau von Guadalupe mehr schätzen wird” erklärt Anderson.

Die Dokumentation zeigt, dass – während der spanischen Eroberer Hernán Cortés die Praxis der Menschenopfer für illegal erklärt hatte – die Azteken den Zusammenbruch ihres Reiches, die Versklavung ihres Volkes durch die Spanier und den Verlust vieler Menschenleben aufgrund einer ansteckenden Krankheit, die ihr Volk befallen hatte, erleben.

‟Im Moment der Erscheinung erwartete die indigene Bevölkerung Mexikos das Ende der Welt” betont Anderson.

‟Um die Wirkung der heiligen Jungfrau von Guadalupe auf die Einheimischen zu verstehen, musst Du Dich wirklich in die Lage dieser Personen versetzen, die den Zusammenbruch des aztekischen Reiches und auch ihres Verständnisses von Religion erlebten”, erklärt Anderson in Bezug auf den Dokumentarfilm.

‟Denken wir an die fürchterlichen Fratzen der aztekischen Gottheiten, die dort aufgestellt waren, um die Menschenopfer zu empfangen.”

Auch die spanischen Missionare erkannten den Ernst der Lage in Mexiko-Stadt. Der Bischof Juan de Zumárraga war derart angewidert von der Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung durch die neue spanische Regierung, dass er glaubte, Mexiko-Stadt würde untergehen, wenn kein Wunder geschähe. Er ging sogar so weit, alle Priester aufzufordern, die Stadt zu verlassen, bis die Regierung ihre Handlungsweise geändert hätte.

Glücklicherweise ereignete sich das erwartete Wunder durch die Hände der Jungfrau Maria, die dem demütigen Bauern Juan Diego erschien und ihm sagte, dass Monsignore Zumárraga ein Heiligtum für sie auf dem Berg Tepeyac errichten solle.

In den folgenden Jahren, selbst inmitten der Auseinandersetzungen mit der spanischen Regierung, ereignete sich eine der größten Bekehrungswellen der Kirchengeschichte, mit neun Millionen getauften Ureinwohnern.

‟Ihre Erscheinung, ihre Botschaft und die Symbole auf dem Mantel – die Bilder im Bild, die die Eingeborenen so deutlich lesen konnten – führten das Christentum auf eine Art und Weise ein, die das mexikanische Volk zu einer neuen Hoffnung auf das Evangelium Jesu Christi einlud, das von seiner Mutter überbracht wurde” kommentiert Anderson.

Die blaugrüne Farbe des Mantels Mariens beispielsweise, zeigte den Eingeborenen sofort, dass es sich um jemand wichtigen handelte, da diese Farbe nur vom Kaiser benutzt werden durfte. Die offenen Haare trugen nur Jungfrauen, während der schwarze Gürtel um ihre Hüften darauf verwies, dass sie schwanger war.

‟Ich glaube, dass ihre Botschaft der Liebe, ihre Erscheinung als schwangere Frau und ihr Beispiel einer Zivilisation der Liebe Elemente sind, die in ihrem Wesen den Aufruf beinhalten, eine Kultur des Lebens aufzubauen” teilte Anderson mit.

Nicht nur durch das Bild allein, sondern auch durch die Wahl Juan Diegos als Überbringer ihrer Botschaft zeigte sie eine tiefe Liebe zu jedem Menschen, auch zu den kleinsten und demütigsten, die einige als störend ansahen.

Dies, in Verbindung mit ihrer Erscheinung als schwangere Frau, mit einem noch ungeborenen Kind, macht ihre Botschaft eindeutig.

Wenn man die Jungfrau von Guadalupe auch mit der mexikanischen Kultur in Verbindung bringt, so war und ist sie doch ein Vorbild der Evangelisierung für die ganze Welt, betonte Anderson.

‟Sie verwandelte nicht nur Amerika in eine christliche Hemisphäre, sondern sie ist auch weiterhin ein Beispiel für Inkulturation, Dialog zwischen den Kulturen, Heilung und vor allem Liebe” so Anderson weiter.

‟Liebevoll zeigt sie uns die Botschaft der Evangeliums ihres Sohnes. Es ist kein Zufall, dass ihr Bild eine der bekanntesten religiösen Darstellungen in dieser Erdhälfte ist und von Alaska bis Argentinien verehrt wird.”


Zur Website des Dokumentarfilms: http://www.guadalupethefilm.com/es/index.html

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Quelle: (CNA Deutsch)

Unsere Liebe Frau von Guadalupe – gemeinsame Wurzel des Kontinents

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Eucharistiefeier im Päpstlichen Nordamerikanischen Kolleg

Predigt von Papst Franziskus am 2. Mai

»Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein« (Apg 13,47; vgl. Jes 49,6). Diese Worte des Herrn im eben verkündeten Abschnitt aus der Apostelgeschichte zeigen uns die missionarische Dimension der Kirche, die von Jesus gesandt ist, hinauszugehen, um das Evangelium zu verkünden. Das erlebten die Apostel vom ersten Augenblick an, als sie nach dem Beginn der Verfolgungen Jerusalem verließen (vgl. Apg 8,1-3). Das gilt auch für die große Zahl der Missionare, die das Evangelium in die Neue Welt gebracht und zugleich die indigene Bevölkerung gegen die Übergriffe der Kolonisatoren verteidigt haben. Unter ihnen war auch Fra Junípero: sein Werk der Evangelisierung erinnert uns an die ersten »zwölf franziskanischen Apostel«, die Pioniere des christlichen Glaubens in Mexiko. Er war Protagonist eines neuen Frühlings der Evangelisierung in jenen endlosen Landstrichen zwischen Florida und Kalifornien, die in den vergangenen 200 Jahren von Missionaren aus Spanien erreicht worden waren, lange Zeit bevor die Pilgerväter auf der Mayflower die Nordatlantikküste erreichten.

In Leben und Beispiel von Fra Junípero treten drei grundlegende Aspekte hervor: sein missionarischer Eifer, seine Marienverehrung und sein Zeugnis der Heiligkeit.

Zuallererst war er ein unermüdlicher Missionar. Was bewegte Fra Junípero, seine Heimat, sein Land, seine Familie, seinen Lehrstuhl an der Universität, seine franziskanische Gemeinschaft in Mallorca zu verlassen, um an die äußerste Grenze der Erde zu gehen? Zweifellos war es die Leidenschaft, das Evangelium »ad gentes« zu verkünden, das heißt der drängende Wunsch des Herzens, das Geschenk der Begegnung mit Chris­tus mit den am weitesten Entfernten teilen zu wollen: das Geschenk, das er selbst in der Fülle seiner Wahrheit und Schönheit als erster empfangen und erlebt hatte. Wie Paulus und Barnabas, wie die Jünger in Antiochia und ganz Judäa war er erfüllt von Freude und Heiligem Geist, während er das Wort Gottes verbreitete. Ein solcher Eifer stachelt uns an: das ist eine große Herausforderung für uns! Diese Jünger und Missionare, die Jesus, dem Sohn Gottes, begegnet waren, die durch ihn den barmherzigen Vater erkannt haben und die vom Heiligen Geist gedrängt in alle geographischen, sozialen und exis­tentiellen Peripherien aufgebrochen sind, um Zeugnis zu geben von der Liebe: sie fordern uns heraus! Zuweilen bleiben wir bei der genauen Untersuchung ihrer Stärken und vor allem ihrer Schwächen und Fehler stehen. Aber ich frage mich, ob wir heute in der Lage sind, mit derselben Großherzigkeit und demselben Mut auf den Ruf Gottes zu antworten, der uns einlädt, alles zu verlassen – alles zu verlassen! –, um ihn anzubeten, ihm zu folgen, ihn in den Gesichtern der Armen zu finden, ihn denen zu verkünden, die Christus nicht kennen und deshalb seine Barmherzigkeit noch nicht erfahren haben. Das Zeugnis von Fra Junípero ruft uns auf, uns persönlich in die Kontinentalmission einzubringen, die ihre Wurzeln in der Freude des Evangeliums, »Evangelii gaudium«, hat.

Zweitens vertraute Fra Junípero sein missionarisches Wirken der Jungfrau Maria an. Wir wissen, dass er vor seiner Abreise nach Kalifornien sein Leben in Guadalupe der Jungfrau Maria weihte und sie für die Mission, die er begann, um die Gnade bat, die Herzen der Kolonisatoren und der einheimischen Bevölkerung zu öffnen. In diesem Bittgebet können wir immer noch den einfachen Ordemsbruder sehen, der vor der »Mutter des mismísimo Dios«, der »Morenita« niederkniet, die der Neuen Welt ihren Sohn gebracht hat. Das Bild Unserer Lieben Frau von Guadalupe war – und ist – in den 21 Missionen vorhanden, die Fra Junípero entlang der Kalifornischen Küste gründete. Von da an wurde Unsere Liebe Frau von Guadalupe in der Tat die Patronin des gesamten amerikanischen Kontinents. Sie ist vom Herzen des amerikanischen Volkes nicht zu trennen. Sie ist in der Tat die gemeinsame Wurzel dieses Kontinents. Die gemeinsame Wurzel dieses Kontinents, ja das ist sie. Die derzeitige Kontinentalmission ist ihr anvertraut, der ersten Jüngerin und Missionarin, konstante Gegenwart und Begleitung, Quelle des Trostes und der Hoffnung. Denn immer hört sie ihre amerikanischen Kinder und beschützt sie.

Drittens, Brüder und Schwestern, wollen wir das Zeugnis der Heiligkeit von Frau Junípero betrachten – er war einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, ein Heiliger der katholischen Welt und besonderer Schutzpatron der im Land lebenden Hispanics –, damit das gesamte amerikanische Volk die eigene Würde wiederentdeckt und seine Zugehörigkeit zu Christus und seiner Kirche immer weiter festigt.

In der universalen Gemeinschaft der Heiligen, und insbesondere im Kranz der amerikanischen Heiligen, möge uns Fra Junípero Serra begleiten und Fürsprache für uns halten, gemeinsam mit den vielen anderen heiligen Männern und Frauen, die sich durch unterschiedliche Charismen ausgezeichnet haben:

– Kontemplative wie Rosa da Lima, Mariana di Quito und Teresita de los Andes;

– Hirten, die den Wohlgeruch Christi und den Geruch der Schafe ausströmten wie Toribio di Mogrovejo, François de Laval, Rafael Guizar Valencia;

– Demütige Arbeiter und Arbeiterinnen im Weinberg des Herrn wie Juan Diego und Kateri Tekakwhita;

– Diener und Dienerinnen der Armen und Ausgegrenzten wie Pedro Claver, Martín de Porres, Damián de Molokai, Alberto Hurtado und Rose Philippine Duchesne;

– Gründerinnen von Gemeinschaften Gottgeweihter im Dienst an Gott und den Ärmsten wie Francesca Cabrini, Elizabeth Ann Seton und Catalina Drexel;

– Unermüdliche Missionarinnen und Missionare wie Fray Francisco Solano, José de Anchieta, Alonso de Barzana, María Antonia de Paz y Figueroa, José Gabriel del Rosario Brochero;

– Märtyrer wie Roque González, Miguel Pro e Oscar Arnulfo Romero;und viele andere Heilige und Märtyrer, die ich jetzt nicht aufzähle, die aber vor dem Herrn für ihre Brüder und Schwestern beten, die noch Pilger in jenen Ländern sind. Es gab Heiligkeit in Amerika! Sehr viel ausgesäte Heiligkeit…

Möge ein kraftvolles Wehen der Heiligkeit das kommende außerordentliche Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit in ganz Amerika durchziehen! Im Vertrauen auf die Verheißung Jesu, die wir heute im Evangelium gehört haben, wollen wir Gott um diese besondere Ausgießung des Heiligen Geistes bitten.

Bitten wir den Auferstandenen, den Herrn der Geschichte, dass das Leben unseres amerikanischen Kontinents immer tiefer im Evangelium verwurzelt sein möge, das er empfangen hat; dass Christus immer mehr gegenwärtig sein möge im Leben der Einzelnen, der Familien, der Völker und der Nationen, und nicht durch die Macht, zur größeren Ehre Gottes.

Und diese Ehre zeige sich in der Kultur des Lebens, in der Brüderlichkeit, in der Solidarität, in Frieden und Gerechtigkeit, verbunden mit einer tatkräftigen Vorliebe für die Ärmsten, durch das christliche Zeugnis der verschiedenen Gemeinschaften und Konfessionen, gemeinsam mit den Gläubigen anderer religiöser Traditionen und allen Menschen aufrichtigen Gewissens und guten Willens. O Herr Jesus, wir sind nur deine Jünger und Missionare, deine demütigen Mitarbeiter, damit dein Reich komme!

Und mit dieser Anrufung im Herzen erbitte ich die Fürsprache Unserer Lieben Frau von Guadalupe und auch von Fra Junípero und den anderen heiligen Männern und Frauen Amerikas, damit sie mich auf meinen kommenden Apostolischen Reisen nach Süd- und Nordamerika führen und leiten mögen. Darum bitte ich euch alle, weiterhin für mich zu beten.

Abschließender Gruß:

Ich möchte von Herzen danken für eure Einladung und für den Empfang in diesem Päpstlichen Nordamerikanischen Kolleg. Sehr herzlich grüße ich den Rektor und alle, die hier wohnen, sowie die nordamerikanischen Priester, die an der Römischen Kurie arbeiten, die in Rom studieren oder an diesem Ort ihr Sabbatjahr verbringen.

Ich bin den Kardinälen und Bischöfen, die konzelebriert haben, sehr dankbar, und insbesondere möchte ich meinen herzlichsten Dank zum Ausdruck bringen für die Anwesenheit von Erzbischof Joseph Edward Kurtz, Präsident der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten, und von José Horacio Gómez, Erzbischof von Los Angeles.

Diese Begegnung in eurem Kolleg und am Tisch der Eucharistie ist ein schönes und bedeutsames Vorspiel vor meiner Apostolischen Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika.

(Orig. ital. in O.R. 2./3.5.2015)

Papstpredigt: Dass Lateinamerika der „Kontinent der Hoffnung“ werde

N.S. de Guadalupe, Mexico

Predigt von Papst Franziskus in der Petersbasilika
zum Fest der Muttergottes von Guadalupe

Arbeitsübersetzung des auf spanisch gehaltenen Textes

„Es segne uns Gott. Alle Welt fürchte und ehre ihn. Die Völker sollen dir danken, o Gott, danken sollen dir die Völker alle. Die Nationen sollen sich freuen und jubeln. Denn du richtest den Erdkreis gerecht. Du richtest die Völker nach Recht und regierst die Nationen auf Erden. Es segne uns Gott. Alle Welt fürchte und ehre ihn.“ (Aus Psalm 67)

Dieses Gebet des Psalmisten, die Bitte um Vergebung und Segen der Völker und Nationen und gleichzeitig ein fröhlicher Lobgesang, drückt den geistlichen Sinn dieser Messfeier aus. Es sind die Völker und Nationen unserer großen lateinamerikanischen Heimat, die heute mit Dankbarkeit und Freude das Fest ihrer Patronin feiern, unserer lieben Frau von Guadalupe, deren Verehrung sich von Alaska bis nach Patagonien erstreckt. Und vom Erzengel Gabriel und der heiligen Elisabeth bis zu uns heute erklingt unser kindliches Gebet: „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir…“.

An diesem Festtag der Jungfrau von Guadalupe denken wir voller Dank an ihren Besuch und ihre mütterliche Begleitung, wir singen mit ihr das Magnifikat, und wir vertrauen ihr das Leben unserer Völker und die ‚Kontinentale Mission‘ der Kirche an.

Als sie dem heiligen Juan Diego in Tepeyac erschien, zeigte sie sich als die allezeit jungfräuliche Mutter des wahren Gottes und erschien dort auch ein weiteres Mal. Sie kam voll Sorge, um auch die neuen amerikanischen Völker zu umarmen, in einem dramatischen Werden. Es war wie „ein großes Zeichen, das am Himmel erschien … Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, mit dem Mond unter ihren Füßen“ (Offb 12:1), die in sich die kulturelle und religiöse Symbolik der indigenen Völker aufnahm und ihren Sohn den neuen, zerrissenen Völkern ankündigte und schenkte.

Viele sprangen voll Freude und Hoffnung vor der Erscheinung und vor dem Geschenk des Sohnes und der vollkommenen Jüngerin des Herrn, die die „große Missionarin wurde, die das Evangelium in unser Amerika brachte“ (Dokument von Aparecida). Der Sohn der allerheiligsten Maria, unbefleckt empfangen, zeigt sich also gleich am Anfang der Geschichte der neuen Völker als „der wahre Gott, dank dessen wir leben“, als die Frohe Botschaft von der Würde der Kindschaft aller Bewohner des Kontinents. Niemand ist mehr Knecht, sondern alle sind wir Kinder desselben Vaters und einander Geschwister.

Die heilige Mutter Gottes hat dieses Volk aber nicht nur besuchen wollen, sondern wollte auch bei ihm bleiben. Sie hat auf geheimnisvolle Weise ihr Bild auf dem Umhang ihres Boten hinterlassen, damit sie sichtbar bleibe. Der Umhang wurde so zum Symbol des Bundes zwischen Maria und diesem Volk, dem sie so Seele und Zärtlichkeit schenkt. Auf ihre Fürsprache begann der christliche Glaube zum reichsten Schatz der Seele der amerikanischen Völker zu werden, dessen wertvollste Perle Jesus Christus ist: ein Erbe, das sich zeigt und bis heute in der Taufe so vieler Menschen, im Glauben, in der Hoffnung und der Nächstenliebe weitergegeben wird, im Reichtum der Volksfrömmigkeit und in diesem amerikanischen Ethos, das sich im Wissen um die Würde des Menschen, der Leidenschaft für die Gerechtigkeit, der Solidarität mit den Ärmsten und Leidenden, der Hoffnung manchmal wider alle Hoffnung zeigt.

Deswegen können wir hier und heute das Lob Gottes für die Wunder, die er im Leben der lateinamerikanischen Völker gewirkt hat, fortführen. Gott hat, seinem Stil entsprechend, diese Dinge den Klugen und Gebildeten verborgen, den Kleinsten und Demütigen, den Einfachen im Herzen aber offenbart (Mt 11:25). In den Wundern, die der Herr in Maria vollbracht hat, erkennt sie die Art und Weise ihres Sohnes, in der Geschichte des Heils der Welt zu handeln. Die Urteile der Welt niederreißend und die Götzen der Macht zerstörend, den Reichtum, den Erfolg auf alle Kosten, die völlige Unabhängigkeit, den Hochmut und den säkularisierten Messianismus, der von Gott weg führt, bekennt der Lobgesang Mariens, dass Gott will, dass die Ideologien und die weltlichen Mächte umgedreht werden. Er erhöht die Niedrigen, er kommt den Armen und Kleinen zu Hilfe, er schenkt denen, die sich seiner Barmherzigkeit von Generation zu Generation anvertrauen, Segen und Hoffnung, während er die Reichen erniedrigt, die Mächtigen und die Herrscher von ihren Thronen stürzt.

Das „Magnificat“ führt uns so zu den Seligpreisungen, es ist die Zusammenfassung und Vorwegnahme der Frohen Botschaft. In seinem Licht fühlen wir uns angetrieben zu bitten, dass die Zukunft Lateinamerikas für die Armen und die Leidenden gemacht wird, für die Demütigen, für diejenigen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, für die Barmherzigen, für die, die reinen Herzens sind, für die Friedensstifter, für die um des Namens Christi willen Verfolgten, „denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5:1-11). Möge die Gnade alle umfassen, die heute vom götzenhaften System der Wegwerfgesellschaft zu Sklaven gemacht werden, zu Objekten der Ausbeutung oder einfach zu Verlorenen!

Wir bitten darum, damit Lateinamerika der „Kontinent der Hoffnung“ werde und damit sich für den Kontinent neue Modelle der Entwicklung erschließe, welche die christliche Tradition und den Fortschritt, die Gerechtigkeit und Gleichheit mit der Versöhnung vereinen, den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt mit der menschlichen Weisheit. Das furchtbare Leiden mit der hoffnungsvollen Freude. Man kann diese Hoffnung nur mit einer großen Menge Wahrheit und Liebe bewahren, dem Fundament der Wirklichkeit, den revolutionären Antrieben eines authentischen neuen Lebens.

Legen wir diese Wirklichkeit und diese Bitten auf den Altar als eine dankbare Gabe an Gott. Bitten wir um seine Vergebung und vertrauen wir auf seine Barmherzigkeit, feiern wir das Opfer und den österlichen Sieg unseres Herrn Jesus Christus. Er ist er einziger Herr, der „Befreier“ aus all unserer Sklaverei und unserem Elend, das aus der Sünde kommt. Er ist der grosse Eckstein der Geschichte – dabei war er der Verworfene. Er ruft uns, das wahre Leben zu leben, ein menschlicheres Leben, ein Zusammenleben als Brüder und Schwestern, die Türen der neuen Erde und des neuen Himmels bereits jetzt geöffnet. Wir bitten die heiligste Jungfrau Maria, wie sie in Guadalupe erschienen ist – die Mutter Gottes, die Königin, meine Herrin, die junge Frau, „meine Kleine“, wie sie der heilige Juan Diego nennt, und all die anderen liebevollen Namen, unter denen wir uns in der Volksfrömmigkeit an sie wenden – dass sie unsere Völker weiterhin begleite, helfe und beschütze.

Möge sie alle Kinder an der Hand führen, die in dieser irdischen Pilgerfahrt der Begegnung mit ihrem Sohn Jesus Christus entgegengehen, unserem Herrn, anwesend in der Kirche, in den Sakramenten und vor allem in der Eucharistie, anwesend im Schatz seiner Worte und seiner Lehre, anwesend im heiligen Volk Gottes, in den Leidenden und denen, die demütigen Herzens sind. Und wenn dieses so wagemutige Programm uns erschreckt oder die weltliche Kleinkariertheit uns bedroht: Möge sie uns erneut zum Herzen sprechen und mit ihrer mütterlichen Stimme sagen: Wovor hast du Angst? Bin ich denn nicht hier, deine Mutter?

(rv 12.12.2014 ord)