Die Sendung der Gesellschaft Jesu

Die Kirche Il Gesù ist die Mutterkirche des Jesuitenordens. Das IHS-Monogramm ist über dem Hauptaltar angebracht.

Interview mit dem General der Jesuiten

Für P. Arturo Sosa SJ, seit neun Monaten der erste nicht-europäische General der Jesuiten, ist es das erste Fest des heiligen Ignatius an der Spitze der Gesellschaft Jesu. Er feiert es in der römischen Kirche »Il Gesù«, wo sich die sterblichen Überreste des am 31. Juli 1556 verstorbenen Gründers befinden. Diesen Tag nimmt der »Osservatore Romano« zum Anlass für ein Interview über die erste Zeit des Generalats von P. Sosa.

Es ist kurz nach zwölf an einem heißen Hochsommertag, dem 28. Juli. Die Begegnung findet nur einen Steinwurf vom Petersdom entfernt statt, im vierten Stock der Jesuitenkurie, im Zimmer, in dem der General arbeitet, wenn er in Rom ist. Wir sitzen an einem großen runden Tisch, der ebenso leer ist wie die hellen Wände und der offenbar für häufige Besprechungen genutzt wird. Durch diese Begegnungen und die Reisen leitet der Nachfolger des Heiligen aus Loyola die Gesellschaft Jesu: 85 Provinzen, die in sechs Provinzkonferenzen zusammengefasst sind. Im Laufe der neun Monate seit seiner Wahl am vergangenen 14. Oktober hat der Ordensgeneral bereits an vier dieser Treffen auf Provinzebene teilgenommen. Allerdings hat er in dieser Zeit bereits weit mehr Länder besucht: Indien, Peru, Spanien, Deutschland, Ruanda, Burundi, Demokratische Republik Kongo, Kenia, Indonesien, Kambodscha und – in Kürze – Belgien. Seine Tage sind reich an Begegnungen und Verpflichtungen, in seinem streng geregelten Rhythmus, der jeden Morgen mit mindestens zwei Stunden Gebet beginnt, bevor er um sieben Uhr die heilige Messe feiert. »Wenn man einen Ordensmann ermorden will, dann reicht es, dass Mittagessen und Ruhezeit verspätet sind«, fügt er mit leiser Ironie hinzu, während er den Gast nach einem fast einstündigen Gespräch in entspannter Atmosphäre zum Aufzug begleitet. Zu Beginn geht es um die dramatische Lage in seiner Heimat.

Wie sehen Sie die Situation in Venezuela?

Trotz allem ist mein Blick optimistisch, auch wenn ich nicht weiß, wie die Zukunft aussehen wird. Aber wegen der derzeitigen Ereignisse gibt es ganz klar eine große Besorgnis, wie sie die Bischöfe und die Jesuiten meiner Heimat mehrfach zum Ausdruck gebracht haben, und auch die Bischöfe, der Papst, der Kardinalstaatssekretär und auf verschiedene Weise der Heilige Stuhl. Allerdings möchte ich Folgendes unterstreichen: Das Referendum vom 16. Juli war die wichtigste bürgerliche Abstimmung in der gesamten venezolanischen Geschichte, denn siebeneinhalb Millionen Wähler haben daran teilgenommen, das heißt die Hälfte aller Stimmberechtigten. Der Weg der politischen Auseinandersetzung ist der einzige Weg, um die Gewalt zu beenden und wirklich Politik zu machen, um den großen Nöten und Bedürfnissen des Volkes entgegenzukommen.

Mehr als neun Monate sind seit Ihrer Wahl vergangen: Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

In tiefem Frieden, mit sehr viel Arbeit und mit der Notwendigkeit, recht schnell viel Neues zu lernen. Vor allem in einem geistlichen Frieden, weil ich ein Amt bekleide, das ich nicht gesucht habe und von dem ich niemals geträumt hätte, dass es mir zufallen würde: Ich habe es in der Generalkongregation von meinen Brüdern empfangen, aber ich verstehe und lebe es als etwas, das von Jesus, dem Herrn, kommt, den ich vor über einem halben Jahrhundert als Gefährten gewählt habe. Es gibt in der Tat sehr viel Arbeit, und es ist nicht leicht, von dieser meiner neuen Position aus einen so reichen, vielgestaltigen Leib kennenzulernen, wie es die Gesellschaft Jesu und meine Gefährten in dieser Sendung sind. Und das alles sehr schnell, da die Entscheidungen keinen Aufschub dulden.

Ein Autograph des heiligen Ignatius von Loyola.

Was würde Ignatius von Loyola heute tun?

Das ist die Frage, die ich mir jeden Tag stelle, gemeinsam mit allen Jesuiten, vor allem den dreizehn Generalräten, die ich regelmäßig jede Woche einzeln treffe, wenn wir nicht auf Reisen sind. Dienstags und donnerstags kommt dagegen der ganze Rat zusammen. Und dreimal jährlich, im Januar, Juni und September, haben wir ein erweitertes Treffen mit den Präsidenten der sechs Provinzialkonferenzen und den vier Sekretären, insgesamt 24 Personen.

Worauf zielt diese so komplexe, anspruchsvolle Art der Leitung ab, die mir aber sehr nützlich zu sein scheint für die Entscheidungen, die der General treffen muss?

Dahinter steht die Absicht zu verstehen, welche Entscheidungen zu treffen sind, denn für die Gesellschaft Jesu und damit für alle Jesuiten ist es grundlegend wichtig und notwendig, der eigenen Berufung und Sendung auf kreative Weise treu zu sein. Mit dem Blick auf den heiligen Ignatius müssen wir beständig den Weg der Rückkehr zu unseren ursprünglichen Quellen gehen. Das hat das Zweite Vatikanische Konzil gewollt, und diese Entscheidung war die Rettung für das Ordensleben, das der katholischen Sichtweise entsprechend vom Heiligen Geist inspiriert ist.

Gibt es Kriterien, um zu verstehen, wie man diese Treue umsetzen kann?

Blicken wir auf die Erfahrung der ersten zehn Jesuiten, als Ignatius und seine Gefährten in Venedig waren, um ins Heilige Land zu reisen. Der Plan erwies sich als undurchführbar und verwandelte sich in die Reise nach Rom, die entscheidend war für die Gesellschaft Jesu, wie in den Quellen berichtet wird und worauf im vergangenen Herbst unsere 36. Generalkongregation hingewiesen hat, die zusammengekommen war, um den General zu wählen. Das Vorbild von Venedig ist: die Einheit des Geistes und des Herzens, die Praxis eines einfachen Lebens, die affektive und effektive Nähe zu den Armen, die gemeinsame Unterscheidung und die Verfügbarkeit für die Bedürfnisse der ganzen Kirche, wie sie der Papst erkennt und zum Ausdruck bringt.

Die von Pierre Legros geschaffene Statue des Heiligen schmückt den ihm geweihten Altar im linken Querhausarm, unter dem sich in einer Urne seine sterblichen Überreste befinden.

 

Worin besteht die Sendung der Jesuiten?

Heute muss die Gesellschaft Jesu Tag für Tag den Weg finden, um die Versöhnung in die Tat umzusetzen, und das auf drei Ebenen: mit Gott, mit den Menschen, mit der Umwelt. Wir sind Mitarbeiter der Sendung Christi, das ist der Daseinszweck der Kirche, deren Teil wir sind. Und gerade die Gotteserfahrung ist es, die uns die innere Freiheit schenkt und uns dazu führt, den Blick auf diejenigen zu richten, die in dieser Welt gekreuzigt sind, um die Ursachen der Ungerechtigkeit besser zu verstehen und Alternativmodelle zu einem System zu erarbeiten, das heute Armut, Ungleichheit, Ausgrenzung hervorbringt und das Leben auf der Erde gefährdet. Wir müssen so eine ausgeglichene Beziehung zur Natur wiederherstellen.

Zu dieser Versöhnung beizutragen bedeutet auch, die Fähigkeiten des Dialogs zwischen den Kulturen und Religionen zu entwickeln. Ich bin gerade von einer Reise nach Asien zurückgekehrt: In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt, habe ich lange Gespräche mit einer Gruppe muslimischer Intellektueller geführt, und in Kambodscha habe ich buddhistische Mönche getroffen, um die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den Religionen zu bekräftigen – als Faktoren, die gegenseitiges Verständnis sowie das friedliche Miteinander fördern, und als Wege spiritueller Suche.

Wie ist diese Versöhnung möglich?

Grundlegend ist die persönliche und gemeinschaftliche Bekehrung »zur Mission nach außen«, »ad dispersionem«, ein Begriff, der die Notwendigkeit des Apostolats zum Ausdruck bringt, sowie die institutionelle Bekehrung, um unsere Arbeits- und Leitungsstrukturen neu zu organisieren, damit sie der Sendung dienen. Einer Sendung, die all jenen zu eigen ist, die sich gerufen fühlen, Gefährten Jesu zu sein.

(Orig. ital. in O.R. 31.7./1.8.2017)

P. Arturo Sosa SJ während des Interviews.

Von Giovanni Maria Vian

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Quelle: Osservatore Romano 32/2017

MENSCHEN

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Papst Franziskus

Explizit.net: Dr. Eckhard Bieger SJ

Jorge Bergoglio hat sich den Namen Franziskus als Programm gegeben. Er will für die Armen da sein. Ist er deshalb franziskanisch geworden oder lebt sein Engagement aus den Wurzeln des Jesuitenordens? Als Jesuit wird man das öfters gefragt. Die Jesuiten sehen ihn weiterhin als einen der Ihren an, es ist die gleiche Wellenlänge. Das heißt aber nicht „un-franziskanisch“, denn für den Ordensgründer Ignatius waren Franziskus wie auch Dominikus Vorbilder.

Theologie der Befreiung

Jorge Bergoglio gehört zu der neuen Jesuitengeneration, die in Lateinamerika den vom Konzil ausgelösten Aufbruch mit gestaltet hat. Dieser bestand, gerade für die Jesuiten, in einer Hinwendung zu den Unterschichten. Bis dahin bildeten die Jesuiten an ihren Schulen und Universitäten die Kinder der Oberschicht aus, aus denen sich dann auch die Mitglieder des Ordens rekrutierten. Mit der Theologie der Befreiung, die sich an dem in Ägypten versklavten Nachkommen Jakobs orientierte, war eine für die Befreiung aus der Armutsfalle gemeint. Die argentinische Ausprägung dieser Theologie setzt auf die Volksfrömmigkeit. Das Volk ist Gott zugewandt, es könnte selbstbestimmt und mit genügend Einkommen für die Familien leben, wenn die Reichen sich nicht alle Geld- und Produktionsmittel für sich vorbehielten.

Die Jesuitenreduktionen in Lateinamerika

Diese Hinwendung zu den sozial Marginalisierten der lateinamerikanisch Theologie wurde für den Orden bestimmend, so dass die Generalversammlung 1974  formulierte: „Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazu gehört.“  Das geschah auf Drängen der lateinamerikanischen Delegierten dieser Generalversammlung. Ganz ohne historische Wurzeln ist diese Theologie nicht. Waren im 19. Und 20. Jahrhundert die Schüler der Ordensschulen weitgehend spanischer Herkunft, gab es im 17. Jahrhundert bis zur Bekämpfung des Ordens im 18. Jahrhundert ein groß angelegtes Sozialinitiative für die Indios. Um sie vor dem Zugriff der Eroberer und deren Krankheiten zu schützen, wurden Siedlungen mit Schulen, Kultureinrichtungen gegründet, an deren Verwaltung die Kaziken beteiligt wurden. Diese Reduktionen breiteten sich aus und hätten sich zu einem Vatikanstaat entwickeln können. Die inzwischen antikirchlichen  Regierungen in Portugal und dann in Spanien vernichteten diese große Sozialwerk ab Mitte des 18. Jahrhunderts.

Die Akzentuierung der Armut

Während für Franz v. Assisi die Armut die Lebensform ist, die den Menschen mehr in die Nähe zu Jesus bringt, ist sie für den Jesuiten eher die Hinwendung zu den Armen und die tatkräftige Veränderung ihrer Situation. Wie bereits die Reduktionen beinhaltet auch das Sozialkonzept des Papstes die Überwindung des Kapitalismus in dem Sinne, dass nicht der Gewinn, sondern der Mensch das Ziel der Ökonomie sein muss.

Es geht auch um die Finanzierung der Schulen und Universitäten. Anders als bei Franz v. Assisi hat Ignatius für seine Prälogischen Einrichtungen eine Finanzierung gewählt, die einen dauerhaften Betrieb ermöglichen soll. Franz v. Assisi hinterließ seiner Gründung einen jahrzehntelangen Streit darüber, wie die Einrichtungen des Ordens finanziert werden können. Zwar folgte Ignatius den Idealen der Bettelorden, indem er die Schüler von einem Entgelt für Unterricht und Unterbringung freistellte. Die Schulen wurden durch den Ertrag landwirtschaftliche Güter unterhalten. Die der Seelsorge dienenden Niederlassungen sollten sich wie die der Franziskaner durch Betteln unterhalten.

Die Kunst der Unterscheidung

Das zentrale Erbe des Ignatius sind seine Exerzitien. Papst Franziskus ist in ihnen verwurzelt. Er verehrt aus der Gründergeneration vor allem den Savoyaden Petrus Faber, der als erster Jesuit im von der Reformation aufgewühlten Deutschland wirkte. Mit seiner Ansprache vor der Ordensversammlung am 24. Oktober 2016 sprach der Papst nicht wie von außen, sondern wie ein Mitglied des Ordens und zeigte dabei eine detaillierte Kenntnis der Ordensgeschichte. Die Ansprache wurde von den Jesuiten als authentisch rezipiert und kann als authentische Einführung in die Spiritualität des Ignatius v. Loyola gelesen werden. Die Jesuiten fühlen sich im Geist ihres Gründers angesprochen. Eine Passage sei hier zitiert: „Immer kann man noch einen Schritt weiter vorwärts gehen, indem wir das Gute im guten Geist tun, im Fühlen mit der Kirche, wie Ignatius sagt. Zur Gesellschaft Jesu gehört auch der Dienst, die Art und Weise, wie wir die Dinge angehen, zu unterscheiden. Faber formulierte dies, als er um die Gnade bat, „dass alles Gute, was ich je tun, denken, anordnen … werde, vom guten Geist angeregt werde und nicht vom bösen.“ Diese Gnade zu unterscheiden, dass es nicht genügt, das Gute zu denken, zu tun oder anzuordnen, sondern man es im guten Geist tun muss, verankert uns in der Kirche, in der der Geist tätig ist und seine verschiedenen Charismen für das Gemeinwohl verteilt. Faber sagte, in vielen Dingen hätten diejenigen Recht, die die Kirche reformieren wollten, aber Gott wollte sie nicht auf deren Art und Weise korrigieren.“
Diese Kunst der Unterscheidung, im Blick auf Gott zuerst genauer hinzuschauen und dann abzuwägen, irritiert nicht wenige an dem Schreiben des Papstes zu Ehe und Familie. Das Vorgehen besteht nicht darin, dass allgemeine Richtlinien und Gebote auf den konkreten Fall angewandt werden, sondern wie aus der Situation, in der der einzelne oder einer Gruppe sich befinden, der jeweils nächste Schritt zu einem größeren Guten gegangen werden kann.

Franziskanisch im Umgang

Vergleicht man Franz v. Assisi und Ignatius von Loyola in ihrer Gestik und wie sie mit Menschen kommuniziert haben, dann ist Ignatius schon eher ein Vertreter der Oberschicht, der sein Verhalten kontrolliert und die Jesuiten dazu anhält. Auch soll kein unbedachtes Wort aus dem Mund eines Jesuiten zu hören sein. Hier ist der Papst dann nicht ignatianisch, sondern viel mehr an Franziskus orientiert.

Die Ansprache des Papstes vor der Generalversammlung des Jesuitenordens im Oktober 2016
Über diesen Link ist auch die vollständige Übersetzung der Ansprache zu erreichen.

Jesuiten würdigen Papst: Frei und volksnah, klug und mutig

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Keine Angst vor Berührung: Papst Franziskus

Als „freien Menschen“ beschreibt der ehemalige Vatikansprecher Pater Federico Lombardi Papst Franziskus. Fest macht Lombardi diese Eigenschaft an der Unberechenbarkeit des Papstes in Wort und Tat und an seinem Schutz des eigenen Privatlebens. „Nach der Wahl von Papst Franziskus stand ich wieder am Anfang“, bekennt Lombardi, der bereits unter Benedikt XVI. Vatikansprecher war. „Ich musste mich darauf beschränken, mit gewissen Dingen zu rechnen. Ich musste auf die ideale, totale Kontrolle über den Terminkalender des Chefs verzichten, von der ich einst geträumt hatte.“ Vorher sei in Rom ein „gewisser Ärger“ über die Macht der päpstlichen Privatsekretäre umgegangen, erinnert sich der Jesuit: Diese Sekretäre „waren so firm darin, den »Geist« ihres Vorgesetzten zu deuten, dass sie sich beinahe an dessen Stelle setzten“; der Papst sei in diesem Kontext bisweilen als „Gefangener der Kurie“ bezeichnet worden. Mit Franziskus, der zwei Privatsekretäre einsetzte, habe sich die Lage geändert, so Lombardi. Auch seine Residenz im Gästehaus Santa Marta erlaube ihm, „flexiblere Beziehungen zu unterhalten als im Apostolischen Palast“ und „auch mal persönlich, abseits der offiziellen Wege“, einen Termin auszumachen. Für Franziskus gebe es „noch eine private Dimension seines Lebens“, so Lombardi weiter. Zu dieser gehörten „Freundschaft und Seelsorge, die sich der Förmlichkeit der Institutionen entziehen“. Es gelte, diese Dimension „zu respektieren und zu schützen“: „Ich habe schnell gelernt, dass es seine Richtigkeit hatte, wenn ich in diesem Bereich weder informiert noch um Informationen gebeten wurde.“ Federico Lombardi war von 2006 bis 2016 Pressesprecher des Heiligen Stuhls. Der Italiener leitet jetzt die Joseph-Ratzinger-Stiftung.

Papst öffnet Kirche für Veränderungsprozesse

Der Jesuit Klaus Mertes, Leiter des St. Blasien Kollegs im Schwarzwald, hebt die „Klugheit“ des Papstes hervor. Franziskus habe als argentinischer Jesuitenprovinzial gelernt, dass man ein „autoritäres System nicht autoritär verändern“ könne, so Mertes, der an dem Papst lobt, dass dieser die Eigenverantwortlichkeit der kirchlichen Glieder betone. So setze er etwa bei der Frage des Abendmahls für gemischtkonfessionelle Ehepaare auf Vorschläge der Bischöfe. Wer Franziskus würdigen wolle, dürfe „nicht nur auf ihn schauen“, folgert Mertes, sondern müsse „darauf vertrauen, dass die Veränderung der Kirche und die Erneuerung der Christenheit ihren Gang gehen“: „Das Ergebnis steht nicht schon in dem Moment fest, wo das Neue beginnt. Papst Franziskus öffnet die Kirche für Veränderungsprozesse.“

Papst ohne Berührungsängste

„Dieser Papst lässt sich berühren. Er umarmt frisch verheiratete Paare bei der Generalaudienz, Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge, Obdachlose und Kranke. Diese Berührbarkeit ist etwas Neues im Papstamt“, schreibt P. Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Franziskus‘ physische Zugänglichkeit rühre daher, dass er Menschen möge, und funktioniere „auch in Kulturen, wo Umarmungen nicht zur Normalität gehören“, wie man bei der Papstreise nach Korea gesehen habe. Die tiefere Ursache für die „Nahbarkeit“ dieses Papstes ortet Hagenkord in Bergoglios Konzept einer „Mystik“ der menschlichen Nähe, die er in seinem Schreiben Evangelii gaudium reflektiert. „Mystiker umarmen andere Menschen, sind anfassbar. Sie kommen zwar manchmal chaotisch daher – doch das ist ihre Art, nahe bei Gott zu sein und selber berührbar zu bleiben“, kommentiert Hagenkord.

Glaubwürdig und ehrlich

Pater Hans Zollner, Vize-Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, hebt die Glaubwürdigkeit des Papstes hervor: „Was auch immer die Leute am Papst auszusetzen haben: Keiner hat je behauptet, Franziskus sei unglaubwürdig“, so Zollner, der Mitglied der Kinderschutzkommission im Vatikan ist. Diese Glaubwürdigkeit zeige sich in der einfachen Sprache des Papstes und der Übereinstimmung zwischen seinen Worten und Taten, findet Zollner: „Er tut, was er sagt. Er spricht aus, wovon er überzeugt ist, und lebt vor, was er predigt.“ Dabei wisse der Papst sehr wohl, wer er sei, sehe aber „auch die Grenzen seines Amtes“. Dass das Papstamt Bergoglio verändert hat, galubt Zollner nicht: Franziskus sei „derselbe“ geblieben, „der nach seiner Wahl auf die Loggia des Petersdoms trat, mit dem familiären Gruß Buona sera“.

(die zeit 16.12.2016 pr)

Ö: „Papst will Konzil umsetzen und muss dabei querdenken“

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Papst Franziskus, querdenken und hochschauen

Papst Franziskus bemüht sich konsequent um die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils und muss in diesem Bemühen mitunter auch ein innerkirchlicher Provokateur und Querdenker sein: Dieses Resümee hat der Jesuit und Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“, P. Andreas Batlogg gezogen. In einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Furche“ zum 80. Geburtstag des Papstes betont Batlogg, dass dieser nicht lehrmäßig auf die Zeit reagieren wolle. Er wolle vielmehr „das Konzil umsetzen – und Türen öffnen“, so der Jesuit: „Hinter verschlossenen oder verschlossen geglaubten Türen warten Möglichkeiten. Das löst Angst aus.“

Ein Papst, der „ausprobiert“…

Papst Franziskus probiere aus – und wenn eine Idee misslinge, folge die nächste. Batlogg: „Manches kommt spontan. Aber von Herzen: Wie das Jahr der Barmherzigkeit, das mit dem Schließen der Heiligen Pforten nicht einfach zu Ende ist.“ Der Papst verstehe Barmherzigkeit als Programm der Kirche, nicht nur seines Pontifikats. Dass Papst Franziskus polarisiert und die Kirche spaltet, seien „absurde Unterstellungen“, betont Batlogg, „geschürt meistens von Frustrierten, die päpstlicher als der Papst sein wollen“, oder vom „Feuilletonkatholizismus“, der meint, „päpstliche Entscheidungen mit Kommentaren beeinflussen zu können“.

…und „verunsichert“

Viele in der Kirche seien freilich durch diesen Papst auch sehr verunsichert. Den einen regiere Franziskus zu wenig, den anderen zu autoritär; den einen lehre er zu wenig, für andere überhaupt nicht. Und manche würden sich – wie der Philosoph Robert Spaemann – zu der Behauptung versteigen, mit „Amoris laetitia“ sei „das Chaos“ gleichsam „mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben“ worden. Andere befürchteten einen Imageschaden für das Papstamt, wenn zu sehr auf Kollegialität und Dezentralisierung gesetzt wird. Und der Papst „lächelt … – und geht seinen Weg weiter“.

Franziskus nehme Kommentare, Sticheleien und Angriffe freilich durchaus zur Kenntnis. Batlogg erinnert etwa an ein Interview mit der Zeitung „Avvenire“. Darin habe der Papst zu Vorwürfen, er verunsichere die Kirche, darauf hingewiesen, es müsse „im Fluss des Lebens unterschieden“ werden, „Amoris laetitia“ werde nach wie vor nicht verstanden, es gebe keine weiteren Interpretationen, man könne nicht nur nach dem Schema „Schwarz und Weiß“ denken und handeln. Der Papst sehe in den Vorwürfen auch „die Unfähigkeit, das Zweite Vatikanische Konzil wirklich und wirksam zu rezipieren“, so Batlogg.

Werbung für die „Unterscheidung der Geister“

Papst Franziskus suche auch Verbündete „und er braucht sie“, so der Jesuit weiter. Als Papst wolle er Diener sein. Die Grundgeste seines Pontifikats sei das Sich-Herabbeugen, wie er es bei der Fußwaschung am Gründonnerstag 2013, wenige Tage nach seiner Wahl, an zwölf Strafgefangenen im römischen Jugendgefängnis Casal del Marmo vollzogen hatte. Das Foto dazu habe Symbolcharakter bekommen.

Batlogg abschließend: „Der beste Jesuit ist derzeit sicher der Papst. Er ist ein perfekter Werbeträger ignatianischer Spiritualität.“ Die Kunst der Unterscheidung der Geister sei wichtig für die Kirche, „Papst Franziskus erwähnt das, wo er nur kann“.

(kap 15.12.2016 pr)

FRANZ XAVER – DER PATRON DER WELTMISSION

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Gemälde des Heiligen aus dem 17. Jahrhundert. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

Am 3. Dezember gedenkt die Kirche des heiligen Franz Xaver, des Patrons der Weltmission. Mit diesem Tag verbindet sich das Gebet für die Bekehrung all derer, die nicht an Christus glauben.

Heute verbinden viele mit dem Begriff Mission soziale Hilfe in der Dritten Welt. Es bewegt viele Menschen im reichen Westen, dass noch immer an vielen Orten auf der Welt, Kinder hungern und Menschen, die in unseren Ländern gerettet werden könnten, an Malaria oder AIDS sterben müssen. Wir wollen Leben retten! Wer aber will heute noch „Seelen retten“?

Wenn alle Religionen mehr oder weniger sichere Heilswege sind, wenn wir alle schunkelnd und lachend in den Himmel kommen „weil wir so brav“ sind, wenn die Hölle leer ist oder der Eifer für die Glaubensverbreitung nur Streit und blutige Konflikte provoziert, ja dann war der heiligen Franz Xaver ein verbohrter, unbelehrbarer Fundamentalist, der in blindem Wahn nach Indien gezogen ist. Dort, so schreibt er an den heiligen Ignatius von Loyola, habe er so viele Katechumenen getauft, dass ihm abends der Arm schmerzte. Wünschen wir uns 500 Jahre später überhaupt noch solche Missionserfolge?

Christ sein bedeutet nicht nur Tränen trocknen, sondern sie selbst zu vergießen

Franz Xaver wurde auf der Burg Xavier nordostspanischen Provinz Navarra geboren. Ab 1522 studierte er in Paris an der Sorbonne, wo er Ignatius von Loyola und mit ihm die vierwöchigen Exerzitien kennenlernt. Er bekehrt sich und fängt Feuer für Christus, mit dem er – so eine wichtige Betrachtung aus den Geistlichen Übungen – die Welt erobern will. Auch dieser Ausdruck kann uns Heutigen bitter aufstoßen klingt er doch nach Kampf und Krieg, Sieg und Niederlage, Einsatz und Gewinn.

Das Christentum ist heute für viele eine Religion der Nettigkeit und Gutmütigkeit, in der Schweiß, Blut und Tränen getrocknet, aber nicht für das Reich Gottes vergossen werden. Wir wollen diese Welt besser machen, aber wir brennen nicht mehr, in eine bessere Welt nach dieser hier zu gelangen. Ganz anders der heiligen Franz Xaver, der – weil er Christus liebte und an sein Wort vom ewigen Leben glaubte – sein irdisches für ihn riskierte. Ginge uns heute der Satz über die Lippen: Wir wollen, dass alle Menschen – ohne Ausnahme – Jesus kennen, ihn lieben und an ihn glauben. Wir wollen, dass überall Christus Herr und König sei, damit sein Reich des wahren Friedens komme?

Blut, Schweiß und Tränen überzeugen mehr als fromme Worte und nett gemeinte Almosen.

Es geht nicht darum, mit Feuer und Schwert das Kreuz in der Welt zu errichten, sondern es auf seinen eigenen Schultern zu tragen und gerade durch Mühen und Schwierigkeiten zu zeigen, dass das Evangelium wahr ist.

Es geht darum, Blut zu vergießen – aber nicht das der anderen, sondern mein eigenes Herzblut. Noch heute messen uns die „Heiden“ auch in unserer Umgebung nicht nur daran, was wir anderen Gutes tun – hier gibt es viele Nicht-Christen die Großartiges leisten – sondern was wir für Jesus riskieren wollen.

Erst vor kurzem hat mir eine Krankenschwester erzählt, dass sie sich mit 18 Jahren in der ehemaligen DDR taufen ließ und es bewusst in Kauf nahm, deswegen keinen Studienplatz zu bekommen. Dieses Opfer einer jungen Frau, das sicherlich viele Tränen gekostet hat, ist Mission – auch heute. Wer aber ist dazu bereit?

Für Christus bis nach Indien! – …oder an den Stammtisch kirchenkritischer Kollegen

Franz Xaver suchte leidenschaftlich solche Menschen, die bereit sind für Christus und die Menschen in der Mission das Leben zu wagen. 1544 ruft er in einem seiner bekanntesten Schreiben an den Ordensgeneral Ignatius aus, wie dringend Missionare gebraucht werden:

„Wie viele Bekehrungen bleiben wegen des Mangels an Helfern, die sich des heiligen Werkes annehmen, in diesen Ländern noch zu wirken! Es packt mich, wie oft, das Verlangen, in die Universitäten Europas zu stürmen, schreiend mit lauter Stimme, wie einer, der nicht mehr bei Sinnen ist; vor allem in Paris wollte ich’s alle hören lassen, deren Wissen größer ist als der Wunsch, hiervon guten Gebrauch zu machen; vor versammelter Sorbonne wollte ich’s ihnen zurufen: wie viele Seelen vom Wege des Heiles abkommen durch ihre Schuld, wie viele Seelen verlorengehen durch ihre Gleichgültigkeit! Wenn sie mit gleichem Eifer, den sie den Studien zuwenden, auch jene Rechenschaft überdenken würden, die Gott, unser Herr, dereinst von ihnen fordern wird, […] — wie viele von ihnen müssten erschüttert sein! Sie würden die Mittel zu ihrem Heile ergreifen, sie würden geistliche Übungen halten: diese Übungen, ausersehen sie im Inneresten ihrer Seele den heiligen Willen Gottes erkennen zu lassen und ihn zu begreifen in seiner Tiefe. Und sie würden sich diesem göttlichen Willen fortan bereitwilliger als ihren eigenen Neigungen hingeben, sprechend: Herr! Siehe, hier bin ich. Was willst Du, dass ich tun soll? Sende mich, wohin Du willst, und wenn es gut ist, selbst bis nach Indien“

„Dein Reich komme!“

Das Evangelium konfrontiert uns mit dem harten Wort Christi: „Nicht jeder der zu mir sagt: Herr! Herr! Kommt in das Himmelreich, sondern nur der, der den Willen meines Vaters tut“ – Am Beginn des Advents mahnt der Gedenktag des heiligen Franz Xaver zur Gewissenserforschung. Was tun wir, damit Christus ankommt – bei mir, bei meiner Familie, bei meinen Freunden und Kollegen?

Begnügen wir uns mit schönen Worten, frommen Gedanken und wohlgemeinten Vorsätzen, oder haben wir wirklich die innere Bereitschaft, für das Reich Gottes etwas zu wagen und diesen Eifer in Werken konkret werden zu lassen? Die Welt braucht Missionare, Apostel, Heilige – die Welt wartet darauf, dass wir das Evangelium predigen und leben. Das Beispiel des Heiligen Franz Xavers kann uns wachrütteln, aus unserer Bequemlichkeit reißen und heilsamer Stachel im Fleisch sein, mehr für den Herrn und die Ausbreitung des Glaubens zu tun.

Sein Gedenktag kann aber auch Anlass sein selbst einmal die Exerzitien des heiligen Ignatius zu machen, die auch in kürzerer Form, in fünf oder acht Tagen, angeboten werden. Der Erfolg dieser geistlichen Übungen durch die jahrhunderte zeigt, dass jede Aktion – mag sie auch noch so beeindruckend sein – wie ein Strohfeuer aufleuchtet, aber dann schnell zu Asche wird; es sei denn, es bleibt die Glut im Herzen, die Jesus selbst entfacht, wenn wir ihn kennen- und lieben lernen. Wäre das nicht ein Vorsatz für 2017 Exerzitien zu machen? Wäre ein Gutschein für Tage des Gebetes und der Stille nicht ein „missionarisches“ Geschenk unter dem Weihnachtsbaum?

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Quelle

Silence: Scorseses Film über Glaube, Verfolgung und Treue

Martin Scorsese hat eingeladen, und etwa 350 Jesuiten waren gekommen: Weil es in seinem neuen Film „Silence“ um die Jesuiten in Japan geht, wollte er dem Orden sein Werk zeigen, das Interesse war dementsprechend groß. Ort der Vorführung war das Päpstliche Orientalische Institut, das unter der Leitung des Orden steht. Dabei war auch Pater Marco Hubrig SJ, der für Radio Vatikan seine Eindrücke schildert.

Scorsese erzählt die Geschichte des portugiesischen Missionars Sebastiao Rodrigues (gespielt von Andrew Garfield), der zusammen mit seinem Mitbruder Francisco Garrpe (gespielt von Adam Driver) im 17. Jahrhundert auf der Suche nach dem vermeintlich verschollenen Mitbruder Christovao Ferreira (gespielt von Liam Neeson) ist. Der Film spielt zu einer Zeit, in der Christen in Japan brutal verfolgt wurden.Nach einer anfänglichen Zeit im Untergrund, in der sie den noch verbliebenen Christen geheim die Sakramente spenden können, geraten die beiden durch Verrat durch den Christen Kichijiro (gespielt von Yosuke Kubozuka) in Gefangenschaft.

Den Jesuiten wird vor Augen geführt, wie die Christen gefoltert und getötet werden. Diese Szenen sind sehr eindrücklich und ausnehmend brutal gestaltet. Der Großinquisitor Inoue (brillant gespielt von Issei Ogata), zeigt auf zynische Weise seine Macht und demonstriert, wie er die Christen quälen will, nur um zu erreichen, dass auch die Priester endlich ihrem Glauben entsagen. Die Taktik: „Your glory will be their suffering!“ wird eingesetzt, um Zeichen zu setzen und die Priester dazu zu bringen, selbst aufzugeben um Leiden zu ersparen.

Der Film wird sicherlich für Diskussionen sorgen. Die Brutalität und Härte, mit der gegen die Christen vorgegangen wird, geht unter die Haut. Der Film wirft die Frage auf, was genau denn ein Abfall vom Glauben, wie der verschollene Jesuit ihn begangen hat, bedeutet und wie die Jesuiten damit umgehen. Wie kann man eine Handlung beurteilen, die unter derartigem psychischem Stress entstanden ist und ist es nicht letztlich ein höheres Gut, dem eigenen Glauben nach außen hin zu entsagen, um Menschen vor dem Foltertod zu retten? Eine Frage, die Scorsese im Hinblick auf die Barmherzigkeit im Anschluss im Podium auch stellte. Insgesamt geht es in dem Film um Macht und Ohnmacht, immer mit Bezug auf Glauben und Zeugnis.

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Der Regisseur: Martin Scorsese

(rv 30.11.2016 ord)

Papst im Dialog mit Jesuiten: Mut, Globalisierung, Pastoral

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Papst Franziskus

Ein wahrer Sturzbach von Papst-Interviews ergießt sich in diesen Tagen über die Interessierten. An diesem Donnerstag wurde ein weiterer Text bekannt, in dem Franziskus in freier Rede auf Fragen antwortet. Diesmal ist es aber kein Interview, sondern ein Gespräch mit Jesuiten, die der Papst am 24. Oktober in Rom getroffen hat. Den Delegierten der 36. Generalkongregation seines Ordens stand er eineinhalb Stunden lang spontan Rede und Antwort; das Transkript wurde jetzt erst bekannt.

Mut liegt nicht allein darin, „Lärm zu machen“, sondern auch darin, „zu wissen wie“: Das antwortet der Papst auf eine Frage, woher sein Wagemut rühre. Mut sei für jedes apostolische Handeln konstitutiv, und der prophetische Mut sei „heute mehr denn je“ vonnöten. Es brauche hier eine Art „aktualisierte Parrhesia“, also Redefreiheit: den prophetischen Mut, keine Angst zu haben, wie Johannes Paul II. bei seiner Amtseinführung 1978 ausgerufen habe. Dieser Mut rühre vom „Magis“ her – der Papst benutzt hier einen in der jesuitischen Spiritualität zentralen Begriff, der spirituellen Schwung meint.

Gegen eine „vereinheitlichende“ Globalisierung

Parrhesia, Magis, prophetischer Mut: Aufgabe der Jesuiten sei es, zu „unterscheiden“ (schon wieder eine typisch jesuitische Vokabel), wo man diesen spirituellen Drang zum Zeugnis und zur Verkündigung einsetzen wolle, so Franziskus. Als mögliche Aufgabe der Jesuiten nennt der Papst ihren Einsatz gegen die in vielen Ländern der Welt verbreitete Korruption und den Versuch von Politikern, den eigenen Verbleib an der Macht durch Verfassungsänderungen abzusichern.

Ausführlich antwortet Franziskus auf eine Frage nach den Folgen der Kolonialisierung für die indigenen Völker. Heute gebe es ein stärkeres Bewusstsein für den Reichtum der indigenen Völker, schickt er vorweg. Allerdings bedränge eine bestimmte Form der Globalisierung, „in der alles gleichgemacht wird“, diese Naturvölker in politischer und kultureller Hinsicht sehr. Franziskus schlägt dagegen wie schon in seinem programmatischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ vom November 2013 ein anderes Verständnis der Globalisierung vor: Globalisierung als „Polyeder“, als vielflächiges, räumliches Gebilde mit „verschiedenen Gesichtern“. Einheit lasse sich herstellen, auch wenn man gleichzeitig die Identität der Völker, der Menschen, der Kulturen bewahre, unterstreicht der Papst. Diesen Reichtum gelte es in den Prozess der Globalisierung einzubringen, damit dieser nicht „vereinheitlichend“ und „zerstörend“ wirke.

Inkulturation statt Zentralismus

Der Schutz indigener Kulturen müsse freilich mit der „richtigen Hermeneutik“ betrieben werden, erinnert der Papst. Diese sei eine andere als die der Kolonialzeit, deren Ziel es war, die Völker zu bekehren und die Kirche auszubreiten. Mit dem Effekt, dass die Unabhängigkeit der Naturvölker zerstört wurde: „Es war eine Art zentralistische Hermeneutik, bei der das Herrscherimperium seinen Glauben und seine Kultur (anderen) in gewisser Weise aufzwang.“ Ebenso seien in der Vergangenheit alternative Ansätze wie etwa die China-Mission des Jesuiten Matteo Ricci durch einen „römischen Zentralismus“ hegemonialer Prägung abgebremst worden, fährt Franziskus fort, der hier den Ritenstreit rund um den chinesischen Ahnenkult anspricht: Der Respekt für die Toten sei damals mit einem Götzendienst verwechselt worden.

Der Papst setzt dem eine durch „Inkulturation“ geleitete Annäherung an andere Kulturen, Völker und Sprachen entgegen. Es gelte die indigenen Völker und deren kulturelle Ausdrucksformen, auch in der Liturgie, zu respektieren, so Franziskus mit einem Seitenblick auf die vatikanische Kongregation für den Gottesdienstkongregation und die Sakramentenordenung.

Papst erwähnt Bernhard Häring

Beredt wirbt Franziskus für eine stärkere Berücksichtigung von Einzelfällen bei moralischen Urteilen im kirchlichen Raum. Ihm falle auf, dass die nötige „Unterscheidung“ bei der Priesterausbildung oft keine größere Rolle spiele: „Wir riskieren, uns an ein Schwarz-Weiß-Denken zu gewöhnen, wir sind dem Unterscheiden gegenüber ziemlich verschlossen.“ Eine solche „Strenge“ mache ihm „Angst“. Er habe in seiner Ausbildung selbst erlebt, wie es sei, wenn es beim Unterricht über das Beichtehören nur um die Frage „Das kann man machen, oder das kann man nicht machen“ gehe.

„Ich glaube, Bernhard Häring war der erste, der einen neuen Weg gesucht hat, um die Moraltheologie neu aufblühen zu lassen“, fährt Franziskus fort. Der deutsche Moraltheologe Häring (1912-98), Autor der Standardwerke „Das Gesetz Christi“ und „Frei in Christus“, war kurz vor seinem Tod 1998 Gegenstand von Lehrbeanstandungs-Verfahren durch die Glaubenskongregation. Sie wurde damals von Kardinal Joseph Ratzinger geleitet, dem späteren Papst Benedikt XVI.

Der Papst beruft sich auf Thomas von Aquin: Dieser habe bekräftigt, „dass der allgemeine Grundsatz für alle gilt“, dass jede Frage aber „Nuancen“ gewinne, „je mehr man in die Einzelheiten geht“. Franziskus wörtlich: „Diese scholastische Methode hat ihre Gültigkeit. Es ist die moralische Methode, die der Katechismus der Katholischen Kirche benutzt hat. Und es ist die Methode, der in der letzten Apostolischen Exhortation Amoris Laetitia benutzt wurde.“ Der Katechismus der katholischen Kirche, der 1993 erschien, wurde von einem Gremium unter Leitung des damaligen Kardinals Ratzinger erstellt.

Absturz der Politik, Heraufdämmern des Krieges

Franziskus äußert sich in dem Gespräch, das noch vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten geführt wurde, auch zum schrilleren Ton in Politik und Kirche. „Ich glaube, dass die große Politik immer mehr zu einer kleinen Politik geschrumpft ist.“ Er höre oft „die Ansicht, dass die Politiker abgestürzt sind“. Offensichtlich fehlten „diese großen Politiker, die fähig waren, sich ernsthaft für ihre Ideale einzusetzen und die weder vor dem Dialog noch vor dem Kampf Angst hatten“.

Einen afrikanischen Mitbruder ermuntert der Papst in dem Gespräch zum Einsatz für den Frieden. Er habe vor anderthalb Jahren mal geäußert, dass es derzeit „einen Weltkrieg in Stücken“ gebe: „Jetzt wachsen diese Stücke immer mehr zusammen, wir sind im Krieg, wir sollten nicht naiv sein.“ Afrika bleibe ein Objekt der Ausbeutung seiner Ressourcen, „sogar durch Länder, die bis vor kurzem diesen Kontinent überhaupt nicht auf dem Schirm hatten“. „Und natürlich führt das zu Krieg“, genauso wie Ideologien „schwere Brüche“ auslösten. Wer sich in einem solchen Szenario dennoch für Frieden starkmache, müsse oft dafür „bezahlen“. „Aber man geht trotzdem voran. Das Martyrium gehört zu unserer Berufung.“

Zu seiner letzten Enzyklika „Laudato si’“ äußert Franziskus, mehr als eine „grüne“ sei sie eigentlich „eine soziale“ Enzyklika gewesen. Schließlich seien die Ärmsten und an den Rand Gedrängten diejenigen, die am meisten unter den Folgen der Erderwärmung und der Ressourcenverschwendung litten. „Es ist eine Enzyklika gegen diese Kultur des Aussonderns von Menschen, und an diesem sozialen Aspekt muss kräftig weitergearbeitet werden.“ Auch von seiner Programmschrift „Evangelii Gaudium“ wünscht er sich, dass sie nicht „ins Archiv wandert“: „Darin steckt immerhin eine Art und Weise, wie man bestimmte kirchliche Probleme und die Evangelisierung angehen kann.“ Das Schreiben sei „nichts Abgeschlossenes“, sondern „der apostolische Rahmen der Kirche von heute“.

Armut als Lebensstil, Nein zu Klerikalismus

Unter Verweis auf den hl. Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens, unterstreicht der Papst die Wichtigkeit der „Armut als Lebensstil, als Heilsweg, als Weg der Kirche“. „Wieviele kirchliche Katastrophen hat es gegeben, weil eine solche Armut nicht bestand…, wieviele Skandale entstehen aus Geldgründen!“ In gewisser Weise sei der Klerikalismus das Gegenteil der Lebensstil-Armut: „Der Klerikalismus ist reich – wenn nicht an Geld, dann an Hochmut… Er ist eine der schwerwiegendsten Formen des Reichtums, an denen heute die Kirche leidet, zumindest stellenweise.“ Er erinnere sich gut, welche Unruhe das Aufkommen von Basisgemeinden in seiner Zeit als junger Priester in der Kirche ausgelöst habe: „Und warum? Weil da die Laien eine etwas stärkere Rolle spielten, und das machte einige Priester unsicher… Das Problem der Klerikalisierung ist sehr schwerwiegend.“

Zum Thema Priestermangel zeigt sich der Papst überzeugt, „dass es die Berufungen eigentlich gibt“. Sie bräuchten Pflege; dazu dürften Priester und andere kirchliche Verantwortliche nicht „immer in Eile sein“, sondern müssten „Geduld haben, sitzen bleiben und zuhören“. Außerdem sollten sie versuchen, „junge Leute missionarisch, katechetisch oder sozial etwas machen zu lassen, das tut sehr gut“.

(rv 24.11.2016 ap/sk)