Teresa de Los Andes (1900-1920)

Heiligtum, Auco, Chile / Wikimedia Commons – Rodrigo Pizarro, CC BY-SA 2.0

Karmelitin und Heilige

Teresa de Los Andes ist nicht nur die erste chilenische Heilige, sondern auch die erste Heilige aus dem Karmeliterorden außerhalb Europas.

Juanita Fernández Solar wurde am 13. Juli 1900 in Santiago geboren. Sie wuchs in einer wohlhabenden, gläubigen Familie auf und wurde im christlichen Glauben erzogen. Schon als Jugendliche fühlte sie die Berufung zu einem gottgeweihten Leben. Sie studierte die Heilige Schrift und die Schriften der Heiligen, so z.B. der heiligen Theresa von Lisieux, und verspürte immer stärker den Wunsch, sich einer Ordensgemeinschaft anzuschließen. Sie nahm schließlich Kontakt zu Mutter Angelica, der Priorin der Karmeliterinnen in Los Andes, auf.

Als ihre Mutter von ihren Plänen erfuhr, versuchte sie, ihre Tochter von der Idee abzubringen. Auch die restlichen Familienmitglieder sprachen ihre Zweifel aus. Am 7. Mai 1919 trat sie dennoch den Karmeliterinnen bei und nahm den Namen Teresa de Jesus an. Schnell gewöhnte sie sich in die Ordensgemeinschaft und das Klosterleben ein.

In der Osterwoche des Jahres 1920 erkrankte Teresa de Los Andes schwer und starb am 12. April. Sie wurde am 3. April 1987 vom heiligen Johannes Paul II. in Santiago heiliggesprochen. Jährlich pilgern rund 100.000 Gläubige zu ihrem Heiligtum in Auco.

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Freude über die Seligsprechung von Erzbischof Oscar Romero

Bischöfe El Salvador / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

„Ad limina“-Besuch der Bischöfe aus El Salvador

In einem Interview mit ZENIT hat Bischof Fabio Colindres Reynaldo Abarca aus El Salvador ein zweistündiges Gespräch mit Papst Franziskus als „spektakulär“ bezeichnet. Colindres Abarca ist Sprecher der Bischöfe in dem mittelamerikanischen Land, die zum „Ad limina“-Besuch beim Oberhaupt der katholischen Kirche nach Rom gereist waren.

„Der Papst empfing uns fast zwei Stunden lang, zu einem Treffen ohne Tagesordnung. Das Klima war von einer großen Brüderlichkeit und Einheit mit dem Papst geprägt“, sagte der salvadorianische Bischof.

„Jeder von uns hat die Realität seiner Diözese zum Ausdruck gebracht, und der Papst hat uns ermutigt, mit Begeisterung, mit Liebe, weiterzumachen, und er bestand sehr auf der Barmherzigkeit in schwierigen Fällen, über die wir sprechen konnten.“

Der Papst habe auch seine Freude über die Seligsprechung von Erzbischof Oscar Arnulfo Romero gezeigt. In Rom würden derzeit Berichte über ein Wunder aus der Ortskirche geprüft. Er erinnerte daran, dass Erzbischof Romero vor hundert Jahren, im Jahr 1917, geboren wurde und als Erzbischof während der Militärdiktatur Menschenrechtsverletzungen anprangerte. Ein Mitglied der Nationalgarde ermordete ihn am 24. März 1980, während er eine heilige Messe zelebrierte.

Zehn Jahre später begann sein Seligsprechungsprozess. Unter dem Vorsitz von Kardinal Angelo Amato wurde er am 23. Mai 2015 selig gesprochen. Er ist der erste Selige aus El Salvador und der erster Märtyrererzbischof aus Amerika.

Die Bischöfe hätten den Papst zu einem Pastoralbesuch eingeladen und um die Heiligsprechung Romeros gebeten. „Der Papst lächelte mit großer Zuneigung und drückte seine Zufriedenheit aus“, berichtete der Bischof. Auf ein Datum habe er sich jedoch nicht festlegen wollen. Glaubhaft versicherte er wohl seinen Wunsch, dass dies verwirklicht werden möge.

Das Hauptproblem des Landes sei Gewalt, die sehr viel Armut erzeuge sowie soziale Instabilität, die Ehe und Familie betreffe. Der Ortskirche liege daher viel daran, zu einem festen Glauben, einer tiefen Lehre und zur Soziallehre der Kirche zu erziehen. Das grundlegende Thema sei das der Versöhnung in der Mitte dieser Gewalt. Für Bischof Colindres ist dies den „Kriegen“ und „sozialen Problemen“, der „Politisierung und Polarisierung aller Themen auf nationaler Ebene“ geschuldet. (mk)

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„Ein Leuchtturm des Glaubens“

Miloslav Kardinal Vlk (Photo: 2003) / © KiN – KIRCHE IN NOT

„Kirche in Not“ trauert um Miloslav Kardinal Vlk

Die internationale Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ trauert um den früheren Prager Erzbischof Miloslav Kardinal Vlk, der am 18. März im Alter von 84 Jahren verstorben ist. „Kardinal Vlk war ein Leuchtturm des Glaubens in einem Land, das unter dem Kommunismus schwer zu leiden hatte“, sagte der Geistliche Assistent des Werkes, Pater Martin Barta. Vlk habe viele Menschen durch sein treues priesterliches Zeugnis entscheidend geprägt und sei nach der politischen Wende zu einer „Symbolfigur des Glaubens in einer Gesellschaft geworden, die den Weg zu Gott neu entdecken musste“, so Barta.

Eine langjährige Freundschaft verband Vlk mit „Kirche in Not“. „Diese Verbundenheit ist uns ein kostbares Vermächtnis, das wir im Herzen tragen“, sagte Barta. Pater Werenfried van Straaten, der Gründer von „Kirche in Not“, hatte seit den fünfziger Jahren immer wieder das Schicksal der Priester hinter dem Eisernen Vorhang zum Thema seiner Predigten gemacht. Vielen von ihnen war durch die kommunistischen Machthaber die Ausübung ihres Dienstes untersagt. Zu ihnen gehörte auch Vlk: Von 1978 bis zur Wende durfte er nicht in der Pfarrseelsorge wirken. In dieser Zeit arbeitete er unter anderem als Fensterputzer.

Als Vlk 1990 Bischof von Budweis und nur ein Jahr später Erzbischof von Prag wurde, unterstütze ihn „Kirche in Not“ beim Wiederaufbau seiner Diözese. Dazu zählten neben der Instandsetzung verfallener Kirchen vor allem die pastorale Erneuerung – zum Beispiel durch die Neuansiedlung von Ordensgemeinschaften oder die Förderung der Priesterausbildung. „Die Hilfe, die wir im zuteilwerden ließen“, sagte Barta, „hat er in einer anderen Währung erwidert: der des Gebetes. Das hat er immer wieder zum Ausdruck gebracht.“

In einem Gespräch mit „Kirche in Not“ aus Anlass seines 75. Geburtstages im Jahr 2007 sprach der Kardinal über seine Erfahrungen und die Lehren aus der Erfahrung der kommunistischen Diktatur: „Die Verfolgung hat uns geholfen, Gott treuer zu sein. … Nur Gott war unser Licht. In der Verfolgung gab es keine Literatur, keine Mittel. Man konnte nur Gott wählen und suchen. Dies war für mich eine große Gnade.“

Mit Sorge sah Vlk aber auch einen Verfall der Grundwerte in der europäischen Gesellschaft: einen mangelnden Respekt vor der menschlichen Würde, vor dem Leben, einen sich ausbreitenden Egoismus. „Eine Gesellschaft kann nicht auf Egoismus aufgebaut sein“, betonte er. „Die Kirche muss vor allem Zeugnis ablegen, denn das gelebte Zeugnis findet Beachtung und löst in den menschlichen Herzen einen Widerhall aus.“

„Kirche in Not“ werde Kardinal Vlk als großen Zeugen, des Glaubens in Erinnerung behalten, sagte Barta. „Wir hoffen und beten, dass sein Beispiel auch über seinen Tod hinaus Menschen dazu bewegen möge, den Glauben zu finden, der durch den Kommunismus radikal verwüstet wurde und der nun wieder zu einer zarten Blüte kommt.“

Waren im Jahr 1950 auf dem Territorium der heutigen Tschechischen Republik noch über drei Viertel der Einwohner katholisch, so sind es heute nur 10,4 Prozent. Weitere elf Prozent gehören einer anderen christlichen Konfession an. Mit 34 Prozent Konfessionslosen sowie weiteren 44 Prozent, die keine Angaben zu ihrer Religionszugehörigkeit machen, ist die Tschechische Republik das am stärksten atheistisch geprägte Land Europas. Zu kommunistischer Zeit war die damalige Tschechoslowakei eines der Länder, in denen die katholische Kirche am stärksten verfolgt wurde.

Das Hilfswerk „Kirche in Not“, das 1947 vom niederländischen Prämonstratenser Werenfried van Straaten als „Ostpriesterhilfe“ gegründet wurde, stand dieser „Kirche des Schweigens“ intensiv bei. Auch heute gehört die Unterstützung der katholischen Christen Osteuropas zu den Schwerpunkten des Werks.

(Quelle: KiN)

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Botschaft von Papst Franziskus zum XXXII. Weltjugendtag 2017

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM XXXII. WELTJUGENDTAG
2017

»Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49)

 

Liebe junge Freunde,

nun sind wir nach unserem wunderbaren Treffen in Krakau, wo wir gemeinsam den 31. Weltjugendtag und das Jubiläum der Jugendlichen im Rahmen des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gefeiert haben, wieder unterwegs. Wir ließen uns vom heiligen Johannes Paul II. und von der heiligen Faustyna Kowalska, den Aposteln der Göttlichen Barmherzigkeit, leiten, um auf die Herausforderungen unserer Zeit eine konkrete Antwort zu geben. Wir machten eine große Erfahrung der Solidarität und der Freude, und wir gaben der Welt ein Zeichen der Hoffnung. Die verschiedenen Fahnen und Sprachen waren nicht Grund zu Streit und Spaltung, sondern boten Gelegenheit, die Pforten der Herzen zu öffnen und Brücken zu bauen.

Am Ende des Weltjugendtags in Krakau gab ich das nächste Ziel unseres Pilgerwegs vor, der uns mit Gottes Hilfe 2019 nach Panama führen wird. Auf diesem Weg wird uns die Jungfrau Maria begleiten, die von allen Geschlechtern seliggepriesen wird (vgl. Lk 1,48). Der neue Abschnitt unserer Reise schließt an den vorhergehenden an, in dessen Mittelpunkt die Seligpreisungen standen, treibt uns aber an weiterzugehen. Es liegt mir nämlich am Herzen, dass ihr unterwegs nicht nur die Vergangenheit im Gedächtnis behaltet, sondern auch Mut in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft habt. Diese Haltungen sind stets in der jungen Frau von Nazaret lebendig und kommen in den Themen der drei nächsten Weltjugendtage klar zum Ausdruck. Dieses Jahr (2017) werden wir über den Glauben Marias nachdenken, die im Magnificat sagte: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49). Das Thema des nächsten Jahres (2018) – »Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden« (Lk 1,30) – wird uns über die mutige Liebe, mit der die Jungfrau die Botschaft des Engels aufnahm, meditieren lassen. Der Weltjugendtag 2019 wird sich hingegen auf die hoffnungsvolle Antwort Marias an den Engel beziehen: »Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38).

Im Oktober 2018 wird die Kirche die Bischofssynode über das Thema Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsfindung abhalten. Wir werden uns darüber austauschen, wie ihr jungen Menschen die Erfahrung des Glaubens inmitten der Herausforderungen unserer Zeit lebt. Wir werden auch der Frage nachgehen, wie ihr einen Plan für euer Leben reifen lassen und dabei eure Berufungen in weitem Sinn, das heißt die Berufung zur Ehe, die Berufung im weltlichen und beruflichen Bereich oder zum geweihten Leben und zum Priestertum, erkennen könnt. Mein Wunsch ist, dass der Weg zum Weltjugendtag in Panama und der Weg der Synode gut miteinander abgestimmt sind.

Unsere Welt braucht keine „Sofa-Jugendlichen“

Nach dem Lukasevangelium macht Maria sich nach dem Empfang der Botschaft des Engels und ihres Ja, die Mutter des Erlösers zu werden, auf den Weg und eilt ihre Cousine Elisabet zu besuchen, die im sechsten Monat schwanger ist (vgl. 1,36.39). Maria ist sehr jung. Was ihr verkündigt wurde, ist ein riesengroßes Geschenk, doch es bringt auch sehr große Herausforderungen mit sich. Der Herr hat ihr seine Nähe und seine Hilfe zugesagt, aber in ihrem Verstand und ihrem Herzen sind viele Dinge noch unklar. Dennoch schließt sich Maria nicht zu Hause ein, sie lässt sich nicht von der Angst oder vom Stolz lähmen. Maria ist nicht der Typ dafür, der – um es sich gut gehen zu lassen – ein Sofa braucht, auf dem man es sich bequem und gemütlich macht. Sie ist keine Sofa-Jugendliche! (vgl. Ansprache bei der Gebetsvigil, Krakau, 30. Juli 2016). Wenn ihre alte Cousine Unterstützung braucht, dann verliert sie keine Zeit und macht sich sofort auf den Weg.

Die Strecke bis zum Haus der Elisabet ist lang, zirka 150 Kilometer. Aber vom Heiligen Geist angetrieben kennt das Mädchen von Nazaret keine Hindernisse. Die Tage der Reise haben ihr sicher geholfen, über das wunderbare Geschehen, von dem sie betroffen war, nachzudenken. So geschieht es auch mit uns, wenn wir uns auf Pilgerfahrt begeben. Auf dem Weg kommen uns die Ereignisse unseres Lebens in den Sinn, wir können deren Bedeutung reifen lassen und unsere Berufung vertiefen, die sich dann in der Begegnung mit Gott und im Dienst an den anderen zeigt.

Der Mächtige hat Großes an mir getan

Die Begegnung zwischen den beiden Frauen – dem jungen Mädchen und der alten Frau – ist von der Gegenwart des Heiligen Geistes erfüllt und voller Freude und Staunen (vgl. Lk 1,40-45). Wie die Kinder in ihren Leibern tanzen die beiden Mütter gleichsam vor Glück. Vom Glauben Marias berührt ruft Elisabet aus: »Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (V. 45). Ja, eine der großen Gaben, welche die Jungfrau Maria erhalten hat, ist der Glaube. An Gott zu glauben ist ein unschätzbares Geschenk, es muss aber auch angenommen werden; und Elisabet preist Maria dafür. Sie antwortet ihrerseits mit dem Lobgesang des Magnificat (vgl. Lk 1,46-55), in dem wir das Wort finden: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (V. 49).

Dieses Gebet Marias ist ein revolutionäres Gebet, das Lied eines Mädchens voll Glauben, das sich seiner Grenzen bewusst ist, aber der Barmherzigkeit Gottes vertraut. Diese mutige junge Frau dankt Gott, weil er auf ihre Niedrigkeit geschaut hat, sie dankt für sein Heilswerk, das er an seinem Volk, an den Armen und Niedrigen vollbracht hat. Der Glaube ist die Herzmitte der ganzen Geschichte Marias. Ihr Lied hilft uns, das Erbarmen des Herrn als Antriebskraft der Geschichte zu begreifen, sowohl der persönlichen Geschichte eines jeden von uns als auch der ganzen Menschheit.

Wenn Gott das Herz eines jungen Mannes, eines jungen Mädchens berührt, werden diese zu wirklich großen Taten fähig. Das „Große“, das der Mächtige im Leben Marias getan hat, spricht zu uns auch von unserer Reise durch das Leben, die kein sinnloses Umherziehen ist, sondern eine Pilgerschaft, die trotz aller Ungewissheiten und Leiden in Gott ihre Erfüllung finden kann (vgl. Angelus, 15. August 2015). Ihr werdet mir sagen: „Pater, ich bin doch so eingeschränkt, ich bin ein Sünder, was kann ich tun?“ Wenn der Herr uns ruft, bleibt er nicht bei dem stehen, was wir sind oder getan haben. In dem Augenblick, in dem er uns ruft, schaut er vielmehr auf das, was wir tun könnten, auf all die Liebe, die freizusetzen wir imstande sind. Wie die junge Maria könnt auch ihr es zulassen, dass euer Leben ein Werkzeug wird, um die Welt besser zu machen. Jesus ruft euch, eure Spur im Leben zu hinterlassen, eine Spur, die die Geschichte kennzeichnet – eure Geschichte und die vieler anderer (vgl. Ansprache bei der Gebetsvigil, Krakau, 30. Juli 2016).

Jugendlicher sein bedeutet nicht, keine Verbindung zur Vergangenheit zu haben

Maria ist kaum über das Jugendalter hinaus wie viele von euch. Dennoch stimmt sie im Magnificat das Lob ihres Volkes und seiner Geschichte an. Dies zeigt uns: Jugendlicher sein bedeutet nicht, keine Verbindung zur Vergangenheit zu haben. Unsere persönliche Geschichte fügt sich in eine lange Reihe ein, in einen gemeinschaftlichen Weg, der uns in den Jahrhunderten vorangegangen ist. Wie Maria gehören auch wir einem Volk an. Und die Geschichte der Kirche lehrt uns, dass auch dann, wenn sie stürmische Meere durchquert, die Hand Gottes sie führt und schwierige Momente überwinden lässt. Die echte Erfahrung von Kirche ist nicht wie ein Flashmob, zu dem man sich verabredet, um eine Performance durchzuführen und um dann wieder seines Weges zu ziehen. Die Kirche trägt eine lange Tradition in sich, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und dabei durch die Erfahrung jedes einzelnen bereichert wird. Auch eure Geschichte findet ihren Platz innerhalb der Geschichte der Kirche.

Die Vergangenheit im Gedächtnis behalten dient auch dazu, das neuartige Eingreifen Gottes, das er in uns und durch uns verwirklichen will, anzunehmen. Und dies hilft uns, uns zu öffnen, um als seine Werkzeuge, als Mitarbeiter seiner Heilspläne ausgewählt zu werden. Auch ihr jungen Menschen könnt Großes vollbringen, wichtige Verantwortung übernehmen, wenn ihr das barmherzige und allmächtige Handeln Gottes in eurem Leben erkennt.

Ich möchte euch einige Fragen stellen: Auf welche Weise „speichert“ ihr eure Erinnerung der Ereignisse, die Erfahrungen eures Lebens „ab“? Was macht ihr mit den Tatsachen und Bildern, die sich in euer Gedächtnis eingeprägt haben? Manche – besonders jene, denen von den Umständen des Lebens Wunden geschlagen wurden – hätten Lust, ein „Reset“ der eigenen Vergangenheit durchzuführen und vom Recht auf das Vergessen Gebrauch zu machen. Ich möchte euch aber daran erinnern, dass es keinen Heiligen ohne Vergangenheit und keinen Sünder ohne Zukunft gibt. Die Perle entsteht aus einer Verletzung der Auster! Mit seiner Liebe kann Jesus unsere Herzen heilen und unsere Wunden in echte Perlen verwandeln. Wie der heilige Paulus sagt, kann der Herr seine Kraft in unserer Schwachheit erweisen (vgl. 2 Kor 12,9).

Unsere Erinnerungen dürfen jedoch nicht alle angehäuft sein wie im Speicher auf der Festplatte. Und es ist auch nicht möglich, alles in einer virtuellen „Cloud“ abzulegen. Man muss lernen, dafür zu sorgen, dass die Geschehnisse der Vergangenheit zu einer dynamischen Wirklichkeit werden, über die man nachdenken und aus der man Lehren und Bedeutung für unsere Gegenwart und Zukunft ziehen kann. Es ist eine beschwerliche, aber notwendige Aufgabe, den roten Faden der Liebe Gottes zu entdecken, der unser ganzes Leben durchzieht.

Viele sagen, dass ihr jungen Menschen gedankenlos und oberflächlich seid. Dem stimme ich überhaupt nicht zu! Man muss aber zugeben, dass es in unserer Zeit nötig ist, die Fähigkeit wiederzuerlangen, über das eigene Leben nachzudenken und es auf Zukunft hin zu gestalten. Eine Vergangenheit zu haben ist nicht gleichbedeutend damit, eine Geschichte zu haben. Wir können in unserem Leben viele Erinnerungen haben, doch wie viele davon bilden wirklich unser Gedächtnis? Wie viele haben eine Bedeutung für unsere Herzen und helfen uns, unserem Leben einen Sinn zu verleihen? Die Gesichter der Jugendlichen in den social media tauchen auf vielen Fotos auf, die mehr oder weniger reale Ereignisse erzählen. Wir wissen hingegen nicht, wieviel davon „Geschichte“, sprich Erfahrung ist, die erzählenswert ist als auch Ziel und Sinn in sich birgt. Die TV-Programme sind voll von sogenannten Reality-Shows, aber es sind keine echten Geschichten, sondern nur Augenblicke, die vor einer Fernsehkamera ablaufen, bei denen die Personen planlos in den Tag hinein leben. Lasst euch nicht durch dieses falsche Bild der Wirklichkeit irreleiten! Seid die Hauptdarsteller eurer Geschichte und bestimmt eure Zukunft!

In Verbindung bleiben mit Blick auf das Beispiel Marias

Man sagt von Maria, dass sie alle Worte bewahrte und in ihrem Herzen erwog (vgl. Lk 2,19.51). Dieses einfache Mädchen aus Nazaret lehrt uns beispielhaft, die Erinnerung an die verschiedenen Begebenheiten des Lebens zu bewahren, diese aber auch zusammenzufügen und aus den Teilstücken ein einheitliches Ganzes zu bilden wie bei einem Mosaik. Wie können wir uns in diesem Sinne konkret einüben? Ich mache euch dazu einige Vorschläge.

Am Ende eines jeden Tages können wir für einige Minuten innehalten, um uns an die schönen Augenblicke, an die Herausforderungen und an alles, was gut und was schlecht gelaufen ist, zu erinnern. So können wir vor Gott und uns selbst die Gefühle der Dankbarkeit, der Reue und des Vertrauens zum Ausdruck bringen. Wenn ihr wollt, könnt ihr das auch in einem Heft aufschreiben, in einer Art geistlichem Tagebuch. Das bedeutet, im Leben, mit dem Leben und über das Leben zu beten, und sicher wird es euch helfen, die großen Dinge besser zu verstehen, die der Herr für jeden von euch tut. Wie der heilige Augustinus sagte, können wir Gott in den weiten Gefilden unseres Gedächtnisses finden (vgl. Bekenntnisse, Buch X,8,12).

Wenn wir das Magnificat lesen, wird uns bewusst, wie sehr Maria das Wort Gottes kannte. Jeder Vers dieses Liedes hat eine Parallelstelle im Alten Testament. Die junge Mutter Jesu kannte die Gebete ihres Volkes gut. Sicherlich haben ihre Eltern und Großeltern sie ihr beigebracht. Wie wichtig ist doch die Glaubensweitergabe von einer Generation an die andere! Es liegt ein verborgener Schatz in den Gebeten, die uns unsere Ahnen lehren, in der gelebten Spiritualität innerhalb der Kultur der einfachen Leute, die wir Volksfrömmigkeit nennen. Maria sammelt das Glaubenserbe ihres Volkes und setzt es zu ihrem ganz eigenen Lied zusammen, das aber zugleich Lied der gesamten Kirche ist. Und die ganze Kirche singt es mit ihr. Damit auch ihr jungen Menschen ein Magnificat singen könnt, das ganz von euch kommt, und euer Leben zu einem Geschenk für die gesamte Menschheit machen könnt, ist es wesentlich, dass ihr an die geschichtliche Tradition und das Beten derer anknüpft, die vor euch gelebt haben. Deshalb ist es auch wichtig, die Bibel – das Wort Gottes – gut zu kennen, sie jeden Tag zu lesen und mit eurem Leben in Beziehung zu setzen, das heißt die Tagesereignisse im Lichte all dessen zu lesen, was der Herr euch in der Heiligen Schrift sagt. Während des Gebets und bei der betenden Lektüre der Bibel (der so genannten Lectio divina) erwärmt Jesus eure Herzen und schenkt euren Schritten Licht, auch in den dunkelsten Augenblicken eures Lebens (vgl. Lk 24,13-35).

Maria bringt uns auch bei, in einer eucharistischen Haltung zu leben, das heißt Dank zu sagen, das Lob Gottes zu pflegen und sich nicht nur auf Probleme und Schwierigkeiten zu versteifen. Die Bitten von heute werden in der Dynamik des Lebens morgen zum Grund des Dankes. So sind auch eure Teilnahme an der heiligen Messe und die Momente der Feier des Sakraments der Versöhnung zugleich Gipfel und Ausgangspunkt: Euer Leben wird jeden Tag in der Vergebung erneuert und zu einem immerwährenden Lob des Allmächtigen: »Vertraut dem Gedenken Gottes: […] sein Gedächtnis ist ein Herz, das weich ist vor Mitgefühl, das Freude daran hat, jede Spur des Bösen in uns auszulöschen« (Predigt bei der heiligen Messe zum Weltjugendtag, Krakau, 31. Juli 2016).

Wir haben gesehen, dass das Magnificat aus dem Herzen Marias in dem Augenblick hervorkommt, als sie ihrer alten Cousine Elisabet begegnet. Mit ihrem Glauben, ihrem scharfen Blick und ihren Worten hilft sie der Jungfrau Maria, die Größe des göttlichen Handelns in ihr und der ihr anvertrauten Sendung besser zu begreifen. Und ihr, seid ihr euch der außergewöhnlichen Quelle des Reichtums bewusst, welche die Begegnung zwischen jungen und alten Menschen darstellt? Wieviel Bedeutung messt ihr den Alten, euren Großeltern bei? Richtigerweise strebt ihr danach, flügge zu werden, und tragt große Träume im Herzen. Doch ihr bedürft auch der Weisheit und der Weitsicht der älteren Menschen. Während ihr die Flügel im Wind ausbreitet, ist es wichtig, dass ihr eure Wurzeln entdeckt und das Staffelholz von den Menschen übernehmt, die vor euch da waren. Um eine sinnvolle Zukunft aufzubauen, muss man die Ereignisse der Vergangenheit kennen und ihnen gegenüber Stellung beziehen (vgl. Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris laetitia, 191.193). Ihr jungen Menschen habt die Kraft, die alten Menschen haben das Gedächtnis und die Weisheit. So wie Maria gegenüber Elisabet, so richtet auch ihr euren Blick auf die älteren Menschen, auf eure Großeltern. Sie werden euch Dinge erzählen, die euren Verstand begeistern und eure Herzen rühren.

Schöpferische Treue, um neue Zeiten aufzubauen

Es ist wahr, dass ihr noch nicht viele Jahre „auf dem Buckel“ habt und es euch daher schwer fallen mag, der Tradition den gebührenden Wert beizumessen. Haltet euch wohl vor Augen, dass dies nicht heißt, Traditionalist zu sein. Nein! Wenn Maria im Evangelium sagt, »der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49), meint sie damit, dass jenes „Große“ noch nicht zu Ende ist, dass es sich vielmehr weiterhin in der Gegenwart verwirklicht. Es handelt sich nicht um eine ferne Vergangenheit. Die Vergangenheit im Gedächtnis behalten zu können heißt nicht, nostalgisch zu sein oder an einer bestimmten Zeit der Geschichte zu hängen, sondern seine eigenen Ursprünge erkennen zu können, um immer zum Wesentlichen zurückzukehren und sich mit schöpferischer Treue in den Aufbau neuer Zeiten hineinzustürzen. Es wäre ärgerlich und würde niemandem helfen, wenn wir eine lähmende Erinnerung beibehielten, die immer dieselben Dinge auf die gleiche Weise tun lässt. Ein Geschenk des Himmels ist es dagegen zu sehen, dass viele von euch mit ihrem Nachforschen, ihren Träumen und Fragen gegen die Vorstellung angehen, dass die Dinge nicht auch anders sein können.

Eine Gesellschaft, die nur die Gegenwart gelten lässt, neigt auch dazu, all das gering zu schätzen, was man aus der Vergangenheit ererbt, wie zum Beispiel die Einrichtung der Ehe, des geweihten Lebens und des Priesterberufs. Diese werden dann schließlich als bedeutungslos angesehen, als Auslaufmodelle. Man meint besser in sogenannten „offenen“ Situationen zu leben und sich im Leben wie in einer Reality-Show zu verhalten, ohne Ziel und Zweck. Lasst euch nicht täuschen! Gott ist gekommen, um die Horizonte unseres Lebens in jeder Hinsicht zu erweitern. Er hilft uns, der Vergangenheit den gebührenden Wert zu geben, um eine glückliche Zukunft besser gestalten zu können: Das ist aber nur möglich, wenn man die Liebe authentisch lebt – in Erfahrungen, die sich darin verwirklichen, dass wir den Ruf des Herrn wahrnehmen und ihm folgen. Und das ist das Einzige, was uns wirklich glücklich macht.

Liebe junge Freunde, ich empfehle euren Weg nach Panama wie auch den Vorbereitungsprozess der nächsten Bischofssynode der mütterlichen Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an. Ich lade euch ein, zweier wichtiger Ereignisse im Jahr 2017 zu gedenken: dreihundert Jahre der Wiederauffindung des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau von Aparecida in Brasilien und die Hundertjahrfeier der Erscheinungen von Fatima in Portugal, wo ich mich, so Gott will, im nächsten Mai als Pilger hinbegebe. Der heilige Martin von Porres, einer der Schutzpatrone Lateinamerikas und des Weltjugendtags 2019, hatte in seinem bescheidenen täglichen Dienst die Angewohnheit, Maria als Zeichen seiner Sohnesliebe die schönsten Blumen zu schenken. Pflegt auch ihr wie er eine vertraute, freundschaftliche Beziehung mit der Muttergottes. Vertraut ihr eure Freude, eure Fragen und Sorgen an. Ich versichere euch, ihr werdet es nicht bereuen!

Die junge Frau von Nazaret, die auf der ganzen Welt tausend Gesichter und Namen angenommen hat, um ihren Söhnen und Töchtern nahe zu sein, möge für jeden von uns Fürbitte halten und uns helfen, die großen Werke zu besingen, die der Herr in uns und durch uns vollbringt.

Aus dem Vatikan, am 27. Februar 2017,
Gedenktag des hl. Gabriel von der schmerzhaften Jungfrau

FRANZISKUS

 

RUF AN DIE FRAU: DIE FRAU ALS GATTIN

Wenn wir darangehen, einen Überblick über das zu ge­winnen, was Papst Pius XII. der Frau zu sagen hat, so ist es ganz selbstverständlich, daß wir dort beginnen, wo nach Gottes Willen, nach der physischen und seelischen Struktur der Frau ihre Hauptaufgabe liegt: in der Ehe.

Da der Papst es für überaus wichtig hält, daß junge Men­schen, die sich das Sakrament der Ehe spenden wollen, sich über die Bedeutung ihres neuen Standes klar werden, hat er es selbst vom Beginn seines Pontifikats an über­nommen, durch Ansprachen an Neuvermählte die wesent­lichen Fragen des Ehelebens vor ihnen zu besprechen. Pius XII. setzt damit eine Einrichtung fort, die sein von ihm so sehr verehrter Vorgänger, Papst Pius XI., einge­führt hatte, Jungvermählte, die den kirchlichen Trauschein vorweisen konnten, in Audienz zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit hält er ihnen kurze Ansprachen, die sich in ihrem Inhalt keineswegs wiederholen, sondern die fort­laufend, von den verschiedensten Gelegenheiten und Ge­sichtspunkten ausgehend, eine Erziehung zur Ehe geben.

Der Papst betrachtet diese Aufgabe als eine sei­ner wichtigsten und liebsten Pflichten. Am 15. Jänner 1941 sagte er bei einem solchen Empfang: „Bei den zahllosen Sorgen und Verantwortungen, die auf Uns lasten, seitdem die göttliche Vorsehung Uns in so schwerer Zeit zur Lei­tung der Kirche berief, gewährt Uns der Herr zur Erleich­terung Unserer Last einen herrlichen Trost in diesen Audienzen, in denen es Uns vergönnt ist, in einer milde­ren Luft zu atmen und Uns ganz als Vater zu fühlen, der seine Kinder empfängt und in ihrem Kreise sein Herz öffnet und es zwanglos vor ihnen ausschüttet. Aber zu den Audienzen, die Uns besonders lieb und angenehm sind, rechnen Wir gern jene, in denen die Scharen der Neuvermählten um Uns sich versammelt.“ 1

Daß Papst Pius XII. seine Ansprachen in diesen Audienzen nicht nur auf den Kreis der Anwesenden be­schränkt wissen will, geht daraus hervor, daß er sehr oft die Ausführungen eines bestimmten Themas in mehreren Abschnitten behandelt, so daß die folgende Mittwoch-Audienz die Fortsetzung der Ansprache der vorhergehen­den bringt. Er weist selbst einmal darauf hin, in seiner Rede vom 27. Jänner 1943, wo er die Worte spricht: „Von diesen Tugenden werden Wir zu den Jungvermählten sprechen, die nach euch kommen und christlich sind wie ihr. Wir hoffen, daß ihr diese Unsere Mahnungen lest; Wir vertrauen auch darauf, daß sie nicht ohne Nutzen auch von rechtschaffenen und edeldenkenden Seelen ge­lesen werden, die nicht wie ihr das Glück haben, dieses göttliche Leben zu besitzen.“ 2

Es ist unsere erste Aufgabe, aus den Papstreden das Bild der Frau als Gattin zu gewinnen, so wie Pius XII. sie sehen möchte. Drei Hauptthemen sind es, die ihm am Herzen liegen: Die Auffassung der Ehe als Sakrament,

1 Die Reden des Heiligen Vaters an Braut- und Eheleute wurden im Rex-Verlag, Luzern, veröffentlicht, und zwar die Reden 1939 bis 1941 unter dem Titel „Das Ideal der christlichen Ehe“ (2. Aufl. 1946), die Reden 1942 unter dem Titel „Eheleben und Familien­glück“ (z. Aufl. 1948). Ferner brachte der Verlag Josef Habbel, Regensburg, eine Ausgabe von 41 Ansprachen des Papstes an Neu­vermählte aus den ersten fünf Jahren seines Pontifikats nach dem Text des „Osservatore Romano“ heraus, die von DDr. Friedrich Zimmermann übersetzt und eingeleitet worden sind. Die kurzen Ansprachen an Jungvermählte werden in dem inoffiziellen Blatt des Vatikans veröffentlicht, nicht in den Apostolischen Akten. Im folgenden wurden mit freundlicher Genehmigung der Verlage die beiden Ausgaben herangezogen — „Ansprachen Pius‘ XII. an Neu­vermählte“, übersetzt und eingeleitet von DDr. Friedrich Zimmer­mann; Verlag Habbel, Regensburg 1953, S. 125. (Wir zitieren kurz mit Z.)

2 Z. a. a. 0. S. 197.

die Beziehung der Gatten zueinander, ihre Anpassung und die äußere und innere Treue im Eheleben.

In einer Anrede vom 15. Jänner 1941 spricht der Heilige Vater von der Sonderstellung, die Gott der Ehe neben dem Priesteramt gab.

„Die Ordensprofeß, so sagen Wir, ist kein Sakrament. Indes auch die bescheidenste Eheschließung, die in einem armen und abgelegenen Landkirchlein oder in einer armen und schmucklosen Kapelle eines Arbeiterviertels stattfin­det, die Trauung zweier Verlobten, die unmittelbar nach­her wieder an die Arbeit gehen müssen, vor einem ein­fachen Priester, im Beisein nur weniger Verwandter und Freunde, diese Feier ohne äußeren Schmuck und Prunk steht in ihrer sakramentalen Würde unmittelbar neben dem Glanz einer feierlichen Priester- oder Bischofsweihe, die in einer herrlichen Kathedrale im Beisein vieler Prie­ster und Gläubigen, des Diözesanbischofs selbst, der mit der ganzen Pracht der bischöflichen Gewänder geschmückt ist, stattfindet. Die Priesterweihe und Ehe, das wißt ihr wohl, krönen und vollenden die Siebenzahl der Sakra­mente.“ 3 „Das Sakrament der Ehe macht aus der Ehe selbst ein Mittel gegenseitiger Heiligung für die Eheleute und eine unerschöpfliche Quelle übernatürlicher Hilfen; es macht ihre Vereinigung zu einem Abbild jener zwi­schen Christus und der Kirche; macht die Eheleute selbst zu Mitarbeitern am Schöpfungswerke des Vaters, am Er­lösungswerke des Sohnes und am Erziehungswerke des Heiligen Geistes.“ 4 „Das heilige Versprechen, das ihr, liebe Brautleute, an den Stufen des Altares vor dem Prie­ster einander gegeben habt, hat eure innige Freude gekrönt und eure Herzen und eure Lebenswege in eins verschmol­zen. Auf dieses Versprechen hat Gottes Stellvertreter da­durch geantwortet, daß er die Früchte des himmlischen Segens auf euch herabrief: auf euch selber, auf das unlös­liche Band eurer Ehe, auf euer neues Heim, das eines

3 Z. a. a. 0. S. 126 (vgl. Das Ideal der christlichen Ehe, S. 120).

4 Rede vom 19. 6. 1940 (Z. S. 40. — vgl. Das Ideal … S. 76).

Tages Kinder ,gleich den Schößlingen des Ölbaumes‘ um den Tisch in Freude füllen sollen. In jenem Augenblick habt ihr es verspürt, wie eure Herzen zusammenschlugen, wie eure Seelen und euer Wille in eins verwuchsen, wie sich eure Glücksträume erfüllten; ihr habt es verspürt, wie der Himmel eurer Zukunft sich aufhellte im Lichtglanz der heiligen Kirche . . . Und doch, so fruchtbar an gött­lichen Gnaden der Segen des Priesters und des Stellver­treters Christi sein mögen, nicht sie bilden den Haupt­quell der Gnadengeschenke Gottes, die euch auf eurem Lebenswege führen und aufrichten sollen. Hoch über jedem Segen, der da im Namen des Herrn erteilt wird, erhebt sich das Sakrament, das ihr empfangen habt; denn in ihm hat Gott unmittelbar auf eure Seele eingewirkt und sie geheiligt und gefestigt für die neuen Aufgaben, die eurer harren. Oder wißt ihr nicht, daß in jedem Sakrament der Spender nur ein Werkzeug ist in Gottes Hand? .. . Daher kommt es denn, daß Gott die Haupt­ursache ist, die durch eigene Kraft wirkt, indes der Die­ner oder Stellvertreter nur werkzeugliche Ursache ist und in der Kraft Gottes wirkt .. . Der Priester vertritt dabei die Kirche als befugter Zeuge und vollzieht die heiligen Zeremonien, die den Ehevertrag begleiten. Jedoch Spen­der des Sakramentes seid, der Anordnung Gottes gemäß, ihr selber in Gegenwart eines Priesters. Eurer hat Gott sich bedient, um euch in unlösbarer Gemeinschaft anein­anderzubinden und in eure Seelen die Gnaden einzugie­ßen, die euch standhaft und treu euren neuen Pflichten gegenüber machen sollen . . . Ja, Gott hat euch zu großer Ehre und Würde erhoben! Und scheint es nicht, als wolle der Herr euch gleich vom ersten Schritte an, den ihr, ge­stärkt mit dem priesterlichen Segen, vom heiligen Altare weg tut, zu seinen neuen und bleibenden Mitarbeitern machen, in jedem Dienst, zu dem er euch den Weg eröff­net und geheiligt hat? Im Sakrament der Ehe war es eine äußere Handlung, die auf euch die göttliche Gnade her­abgezogen hat: die gegenseitige Hingabe und Hinnahme der Personen und die in Worten kundgegebene Einwilli­gung. — In eurem ehelichen Leben werdet ihr Werkzeuge des göttlichen Künstlers sein, wenn er den stofflichen Leib eurer Kinder formt. Ihr werdet in das Fleisch von eurem Fleische eine geistige und unsterbliche Seele herab­rufen. Auf eure Bitte hin wird Gott sie erschaffen, er, der auf das Zeichen des Sakramentes hin getreulich die Gnade bewirkt hat.“ 5

In einer Betrachtung über „die Erhebung der bräutlichen Liebe in die Welt der Gnade“ gebrauchte Pius XII. die schönen Worte: „Die Liebe des christlichen Gatten für seine Gattin nimmt teil an diesen göttlichen Mitteilungen, wenn nach dem ausdrücklichen Willen des Schöpfers Mann und Frau eine Wohnung für die Seele bereiten, in der der Heilige Geist mit seiner Gnade woh­nen wird. So sind die Ehegatten in der ihnen von der Vorsehung übertragenen Aufgabe recht eigentlich die Mitarbeiter Gottes und seines Christus; ihre Werke selbst haben etwas Göttliches, auch darin können sie genannt werden ‚teilhaftig der göttlichen Natur‘.“ 6

In der Einheit der Ehe ist ihre Unauflöslichkeit begrün­det. „Die Ehe gründet zwar auf einer Neigung der Natur, aber sie entsteht doch nicht mit naturgesetzlicher Not­wendigkeit. Sie kommt vielmehr zustande durch den freien Willen. Doch kann der freie Wille der Vertrag­schließenden das Band nur eingehen, nicht aber es wieder lösen.“ 7

Wegen der Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe warnt der Papst vor übereilter Eheschließung. Die beiden Menschen sollen sich Zeit nehmen, sich gut kennen­zulernen. „Angesichts eurer neuen Pflichten, eurer neuen

5 Stellen aus der Rede vom S. März 1941. Pius XII., Das Ideal der christlichen Ehe, S. 143 ff. (ab jetzt zitieren wir kurz „Ideal“).

6 Rede vom 23. Oktober 1940 (Z. S. 98. — vgl. Ideal, S. 107).

7 Rede vom 22. April 1942 (Pius XII., Eheleben und Familienglück, S. 101. — Ab jetzt zitieren wir „Eheleben“).

Verantwortungen reicht eine rein äußere Verbindung eures Lebens nicht aus, um die Herzen in jenes lebendige Verhältnis zu bringen, das der Aufgabe entspricht, die Gott euch anvertraut hat, als er euch anregte, eine Familie zu gründen, so daß ihr im Segen des Herrn bleibt, in sei­nem Willen verharrt und in seiner Liebe lebt. In der Liebe Gottes leben bedeutet für euch, in der Liebe zu ihm eure gegenseitige Liebe erhöhen, die nicht nur Wohl­wollen sein will, sondern jene erhabene eheliche Freund­schaft zweier Herzen, die gegenseitig sich öffnen, indem sie dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen und immer inniger sich durch die Liebe verbinden, von der sie ge­tragen und beseelt sind. Wenn ihr euch gegenseitig stüt­zen und die Hand reichen und euch unter die Arme grei­fen müßt, um die leiblichen Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen, der eine als Führer der Familie, der durch seine Arbeit die notwendigen Mittel zu ihrem Unterhalt sichert, die andere, indem sie wacht und sorgt für alles im inneren Familienkreis, dann ist es noch notwendiger, daß ihr euch gegenseitig ergänzt, euch stützt und in wechsel­seitiger Hilfe zusammensteht, um den sittlichen und gei­stigen Notwendigkeiten eurer Seelen zu genügen und derer, die Gott eurer Sorge anvertrauen will, der Seelen eurer lieben Kleinen. Wie könntet ihr nun euch eine solche gegenseitige Stütze und Hilfe bieten, wenn eure Seelen einander fremd blieben, indem jede eifersüchtig ihre eigenen Geheimnisse im Geschäft, in der Erziehung und der Beisteuer zum gemeinsamen Leben für sich be­hielte? Seid ihr nicht wie zwei Bäche, die aus dem Quellgrund zweier christlicher Familien fließen und durch das Tal der menschlichen Gesellschaft laufen, um ihre klaren Wasser zu vereinigen und den Garten der Kirche zu be­fruchten?“8

Eine der schönsten Ansprachen an Neuvermählte ist die vom 12. November 1941 über das gegenseitige

8 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 110. — vgl. Ideal, S. 217 f.).

Vertrauen, „den gegenseitigen Herzensaustausch“, den er „eine Vorbedingung, ein Element, ja sogar eine Nah­rung“ ihres Glückes nennt. Es dürfe nicht sein, daß die Gatten „ihr Herz voreinander verschließen, in ihrem Zusammenleben einander fast fremd bleiben und Unbegreif­lichkeiten und Mißverständnisse aufkommen und wachsen lassen, die nach und nach ihre Gemeinschaft trüben und verringern und nicht selten sie auf den Weg trauriger Katastrophen führen … Bisweilen mag es jene Form an­geborener Schüchternheit sein, die macht, daß einige Männer und Frauen einen angeborenen Widerwillen füh­len, ihre innersten Gefühle zu offenbaren und anderen mitzuteilen; ein anderer Grund wird ein Mangel an Schlichtheit sein, der aus einer Eitelkeit und einem geheimen, vielleicht unbewußten Stolz kommt; in anderen Fällen hat eine mangelhafte, allzu strenge und oft äußer­liche Erziehung die Seele daran gewöhnt, sich auf sich zurückzuziehen, sich nicht zu eröffnen und keinem den Zutritt zu gestatten, aus Furcht, sie könne in ihrem Inner­sten und Tiefsten getroffen werden.“ 9

Selbstverständlich anerkennt Pius XII. wohl die Schranken, die durch das Berufsgeheimnis gezogen sind, selbst dem anderen Ehepartner gegenüber, von dem er dann Vertrauen und Achtung vor einer solchen Haltung erwartet; ja, er geht noch weiter in seinem tiefen Ein­fühlungsvermögen und seiner Erfahrung, wie aus dem folgenden Gedankengang hervorgeht: „Denkt daran, daß in der Ehe eure Persönlichkeit und Verantwortung nicht aufgehoben werden. Aber auch in dem, was euch persönlich angeht, kann es der Fall sein, daß vertrauliche Mitteilungen ohne Nutzen und nicht ohne Gefahr gemacht würden, daß sie der ehelichen Gemeinschaft Schaden brächten und Verwirrung stifteten, anstatt sie enger, fester und froher zu machen. Ein Gatte und eine Gattin sind keine Beichtväter; die Beichtväter findet ihr in den Kir‑

9 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 109. — vgl. Ideal, S. 216 f.).

chen, im Bußgericht, da, wo sie durch ihren priesterlichen Charakter in eine das Familienleben überragende Sphäre erhoben sind.“ 10

Eine echte Frau wird aus sich heraus das Empfin­den und die Klugheit besitzen, im gegebenen Falle ohne äußere Beratung von dritter Seite genau zu wissen, wann Sprechen und wann Schweigen am Platze ist. Allerdings ist die Vorbedingung für solch rechtes Verhalten die Liebe zum Manne und der unbedingte Wille, sich selbst zurück­zustellen, wenn der Frieden der kleinen Gemeinschaft sonst gefährdet wäre. Die ungeordnete Selbstliebe, die Selbstsucht nennt Pius XII. die größten Feinde der Ehe. Er warnt immer wieder davor, da letztere fähig ist, mit ihren „kleinen Grausamkeiten“ immer wieder zu ver­letzten, so daß es zu kleinen Rissen kommt. „Oft war die Liebe während der Brautzeit blind; man sah die Fehler nicht oder sie erschienen sogar als Vorzüge. Aber die Eigenliebe ist ganz Auge, sie beobachtet und bemerkt, auch wenn sie in keiner Weise darunter zu leiden hat, die geringsten Unvollkommenheiten, die harmlosesten Eigen­heiten des einen oder der anderen. Wenn sie ihr auch nur ein wenig mißfallen oder ihr einfach Ärger verursachen, macht sie alsbald Aufhebens davon mit einem sanft ironischen Blick, mit einem leicht verletzenden Wort, vielleicht mit einer flüchtigen Anspielung in Gegenwart anderer. Sie selbst ahnt am wenigsten den Pfeil, der trifft, die Wunde, die schmerzt, während sie ihrerseits darüber aufgebracht wird, wenn die anderen, auch ohne etwas zu sagen, auf ihre Fehler aufmerksam werden, die ihnen so sehr auf die Nerven gehen. Ist es noch ein einfacher Riß? Gewiß nicht jenes feine gütige Verhalten nach dem Bei­spiel des Herzens Jesu, das durch Lieben und Ertragen so vieles bei uns nachsieht. Wenn die Selbstsucht nur auf der einen Seite herrscht, so bleibt das Herz des anderen im stillen verletzt in seiner tiefen und nachgiebigen Tugend;

10 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 111. — vgl. Ideal, S. 219).

aber wenn die Selbstsucht auf beiden Seiten sich aufbläht und gegenübertritt, seht, dann ist die tragische Feind­seligkeit da!“ 11

Um den Bruch zu vermeiden, sollen die Ehegatten in Ver­bindung mit Gott tätige Liebe und Opferbereitschaft üben, geduldig bleiben, sich gegenseitig ertragen lernen und für die Schwächen und Fehler Verzeihung finden. „Die wahre und tiefe Liebe muß beim einen wie beim anderen sich stärker erweisen als Ermüdung und Ärger, stärker als der Wechsel der Zeit und der Jahreszeiten, stärker als der Wandel der persönlichen Stimmungen und die Über­raschung von plötzlichem Mißgeschick.“ 12

„Und wieviel Seelenstärke fordert oft dieses täg­liche Leben selbst, wenn man jeden Morgen zu denselben Arbeiten zurückkehren muß, die vielleicht grob und in ihrer Eintönigkeit lästig sind, wenn man so gut wie möglich mit einem Lächeln auf den Lippen lieb und froh die gegenseitigen Fehler ertragen muß, die immer be­stehenden Gegensätze, die kleinen Verschiedenheiten in Geschmack, Lebensgewohnheiten und Denkart, die das gemeinsame Leben nicht selten mit sich bringt; wenn man bei geringfügigen, oft unvermeidlichen Schwierigkeiten und Vorkommnissen sich nicht verwirren lassen darf und die Ruhe und die gute Laune bewahren muß, wenn bei einer kühlen Begegnung die Kunst zu schweigen helfen muß, das Klagen rechtzeitig zu unterdrücken, das Wort zu ändern und zu mildern, das zwar, wenn man ihm freien Lauf ließe, den erregten Nerven Entspannung bringen, aber eine dichte Wolke in der Atmosphäre der häuslichen Wände ausbreiten würde! Tausend kleine Dinge, tausend flüchtige Augenblicke des täglichen Lebens, die für sich allein wohl nichts bedeuten und fast ein Nichts sind, aber in ihrer Summierung und ihrem Zusammenhang schließ­lich so ernst werden können, und mit denen doch großen‑

11 Rede vom 8. Juli 1942 (Z. S. 186 f. — vgl. Eheleben, S. 136/37).

12 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 149. — vgl. Eheleben, S. 86).

teils der Friede und die Freude eines Heimes im gegen­seitigen Sichertragen verknüpft und verbunden ist.“ 13

Der Papst verlangt die Zusammenarbeit der Ehe­gatten; der Wille, das herzliche Bemühen darf nicht fehlen noch nachlassen. Sie müssen die Erkenntnis gewinnen, daß „wer in die Ehe tritt mit dem Anspruch, die persönliche Freiheit mit hineinzubringen und eifersüchtig zu behaup­ten, aber nichts von der eigenen persönlichen Freiheit opfern will, schlimmen Konflikten entgegengehe.“ 14 Der Wille zur Mitarbeit muß vorhanden sein, „man muß diese Mitarbeit wollen und suchen, man muß gern zusammen­arbeiten, ohne darauf zu achten, was geboten oder ver­langt oder auferlegt wird; man muß vorangehen, die ersten Schritte tun können, wenn es notwendig ist, um tatsächlich den Anfang damit zu machen, man muß zur Not lebhaft die Fortsetzung dieser ersten Schritte wünschen und dabei mit wachsamer und angestrengter Sorge ausharren, um einen Weg zu finden, die Tätigkeiten beider wirklich mit­einander zu verbinden. Man darf nicht mutlos werden noch Ungeduld zeigen, wenn eine Mitwirkung oder Hilfe nicht genügend zu sein oder in keinem rechten Verhältnis zu den eigenen Anstrengungen zu stehen scheint, sondern muß immer entschlossen sein, nie einen Preis für zu hoch anzusehen, der eine so wünschenswerte unerläßliche und nützliche Eintracht in der Zusammenarbeit und im Streben nach dem Wohl der Familie erzielen kann. Herzliches Bemühen, mitzuarbeiten! Jenen Eifer meinen Wir, den man nicht aus Büchern lernt, sondern den das Herz lehrt, das die tätige Gemeinschaft und Zusammenarbeit in der Leitung und im Ablauf des häuslichen Lebens liebt; jenen Eifer, der gegenseitige Liebe, beiderseitiges Bemühen und Sorge für das gemeinsame Nest ist; jenen Eifer, der auf­merkt, um zu lernen, der lernt, um zu tun, der tut, um dem anderen die Hand zu reichen; kurz jenen Eifer, der für die Ehe eine langsame und gegenseitige Bildung und

13 Rede vom 2o. August 1941 (Z. S. 138 f, — vgl. Ideal, S. 183/84).

14 Rede vom 18. März 1942 (Z. S. 121. — vgl. Eheleben S. 56).

Erziehung ist, die zwei Seelen brauchen, welche zu einer engen und wirklichen Mitarbeit gelangen wollen. Wenn vor dem gemeinschaftlichen Leben unter einem und dem­selben Dach jede der beiden Seelen ihre eigenen Tage gelebt und sich für sich selbst gebildet hat, wenn beide aus Familien kommen, die nie ganz gleich sind, mögen sie sich auch noch so sehr gleichen, wenn also jede ins gemein­same Heim Eigenarten des Denkens, Fühlens, Handelns und Verkehrens hineinbringt, die anfangs nie in voller und ganzer Harmonie untereinander stehen, dann seht ihr wohl, daß man, um sich in der Mitarbeit zu verständigen, sich vor allem gegenseitig gründlicher kennenlernen muß, als dies während der Brautzeit möglich gewesen ist; daß man Tugenden und Fehler, Gaben und Mängel von Fall zu Fall merken und unterscheiden muß, nicht mehr, um Kritiken und Streitigkeiten heraufzubeschwören oder nur, um die Flecken am Lebensgefährten oder an der Lebens­gefährtin zu sehen, sondern um sich klar darüber zu werden, was man davon erwarten, was man vielleicht dazu wird ergänzen oder ausgleichen müssen. Wenn einmal der Weg bekannt ist, auf dem die Regelung des Persönlichen erfolgen muß, dann wird bereitwillig die Arbeit ein­setzen, Gedanken und Gewohnheiten zu ändern, anzu­passen und untereinander in übereinstimmung zu brin­gen.“15

Ernst warnt Papst Pius XII. in einer Ansprache vom November 1942 vor einer „Klippe“ des Eheglücks, die in der ersten Zeit der Ehe besonders leicht der Frau zum Verhängnis werden kann. Er spricht von dem Leicht­sinn, der manche Frau dazu verführt, nun als Verheiratete allzu viele Schranken übersteigen zu wollen und alles, was ihr im behüteten Elternhaus verwehrt war, jetzt als ver­heiratete Frau kennenlernen zu wollen. „War schon ihr Mädchenleben weltlich und ausgelassen, so wird sie sich glücklich schätzen, nun auf anständige Weise, wie sie meint

15 Rede vom 18. März 3942 (Z. S. 121-123. — vgl. Eheleben, S. 5759).

— sie ist ja in Begleitung ihres Mannes —, auch das bißchen Zurückhaltung noch abzuwerfen, das ihr jugend­liches Alter ihr bis dahin auferlegt hatte.“ 16 Jedes Ver­gnügen glaubt sie sich erlaubt und jede Lektüre. In vielen späteren großen Reden warnt Pius XII. vor dem verderb­lichen Einfluß, den das Theater, der Film und viele Bücher in unserer Zeit ausüben, vor allem in den Ansprachen an die weibliche Jugend. Der jungen Ehefrau sagt er die Worte: „Jene Romane erzählen so viel von Untreue, von Schuld, von unerlaubten und hemmungslosen Leiden­schaften. Da geschieht es denn nicht selten, daß die Liebe zweier Gatten dadurch etwas verliert von ihrer Reinheit, ihrem Adel und ihrer Heiligkeit; daß die christliche Wertung und der christliche Begriff der Liebe verfälscht werden; daß diese sich in eine rein sinnliche und irdische Liebe verwandelt, die die hohen Zwecke einer gott­gesegneten Ehe vergißt.“17

Auch möge die junge Ehefrau sich nicht durch die Liebe, wie sie in den Romanen beschrieben wird, der Wirklich­keit entfremden. „Wer gewohnheitsmäßig Romane liest und an romanhaften Bühnenspielen sich ergötzt — mögen sie auch nicht direkt unsittlich oder anstößig sein —, dessen Gefühl, Herz und Phantasie gleiten oft in die Atmosphäre eines vorgetäuschten wirklichkeitsfremden Lebens hin­ein.“ 18 „Das tatsächliche Leben bekommt ja seinen wahren Wert und seine herbe Schönheit von der Arbeit, dem Opfer, der wachsamen Aufmerksamkeit und sorgenden Umsicht für eine gesunde und eine zahlreiche Familie. Aber gerade dieses Salz der Weisheit, das dem wahren Leben seinen Geschmack verleiht, geht auf jene Weise verloren.“ 19

Wir hören in diesen Ansprachen an Jungver­mählte aber keineswegs nur immer den mahnenden Vater,

16 Rede vom 4. November 1942 (Eheleben, S. 229.)

17 Ebendas. S. 230.

18 Ebendas. S. 230/31.

19 Ebendas. S. 231.

sondern der Papst gibt so viele schöne Beweise für seine Gesamtschau, wie er die Frau im Eheleben sieht, daß sich daraus ganz klar ein leuchtendes Spiegelbild der echten Frau herauskristallisiert. In mehreren Anreden nennt Pius XII. die Frau „die Sonne des Hauses“. „Innerhalb der häuslichen vier Wände seid ihr glücklich; da seht ihr nichts von Nebeln, eure Familie hat ja eine eigene Sonne: die Gattin. .. . Sie wird zur Sonne durch ihre Großmut und Hingabe, durch ihre immerwährende Bereitschaft, durch ihre wache Feinfühligkeit, mit der sie genau errät, was dem Gatten und den Kindern das Leben froh macht. Rund um sich verbreitet sie Licht und Wärme. Man pflegt zu sagen, eine Ehe sei dann glückverheißend, wenn keiner der Gatten sie eingeht, um sich selbst, sondern jeder nur, um den anderen glücklich zu machen. Ziemen nun so edles Fühlen und solch reine Absicht auch beiden Gatten, so ist es doch vorzüglich die Tugend der Frau. Die Frau besitzt ja von Geburt aus das warme Schlagen und Empfinden eines Mutterherzens; ein solches Herz mag Bitterkeit empfangen: es will doch nichts als Freude geben; es mag Verdemütigung erfahren: es will doch nichts als Ehre und Achtung erweisen. Es gleicht der Sonne, die die Morgennebel mit ihrem Frühlicht verklärt und die Abendwolken mit ihren Abschiedsstrahlen vergoldet.

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch die Klarheit ihres Auges und durch die Wärme ihres Wor­tes … Ein Licht geht aus von der Gattin Auge, tausend­fach leuchtend in einem einzigen Strahl, und ein Wohl­laut von ihren Lippen, tausendfach ergreifend in einem einzigen Klang. Es sind Strahlen und Klänge, die dem Mutterherzen entströmen, es sind die Strahlen und Klänge, die die Kinderjahre zum lebendigen Paradies machen …

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch ihre reine Natürlichkeit, durch ihre würdevolle Schlichtheit und durch ihren christlichen und ehrbaren Liebreiz. Dieser offenbart sich sowohl in der Sammlung und Rechtschaffenheit des Geistes wie in der feinen Harmonie ihres Benehmens und ihrer Kleidung, ihres Schmuckes und ihres Auftretens, das zurückhaltend und gewinnend zu­gleich ist. Zartes Fühlen, anmutig sprechendes Mienen­spiel, ungekünsteltes Schweigen und Lächeln, beifälliges Nicken des Kopfes geben ihr den Liebreiz einer erlesenen und doch einfachen Blume, die ihre Blütenkrone öffnet, um die Farben der Sonne aufzunehmen und widerzu­strahlen . . . Was geschieht aber, wenn der Familie diese Sonne genommen ist? Wenn die Gattin immerfort und bei jeder Gelegenheit auch in den intimsten Beziehungen unmißverständlich zu merken gibt, wie viele Opfer das eheliche Leben sie kostet. Wo bleibt ihre liebevolle Güte, wenn überspitzte Härte in der Erziehung und Gereiztheit und Kälte in Blick und Wort in den Kindern das glück­liche Gefühl, bei der Mutter sei Freude und Trost zu finden, ersticken? Wenn sie nichts anderes tut, als mit harter Stimme, mit Klagen und Vorwürfen das traute Zu­sammenleben im Familienkreise in unseliger Weise zu zer­stören und zu verbittern? Wo bleibt jene großmütige Fein­fühligkeit und jene zarte Liebe, wenn sie — anstatt mit natürlicher und umsichtiger Schlichtheit eine Atmosphäre angenehmer Ruhe im Hause und Heim zu schaffen — das Gebaren einer ruhelosen, nervösen und anspruchsvollen Modedame annimmt? Ist das etwa ein Verbreiten wohltuender und lebenspendender Sonnenstrahlen? Ist das nicht vielmehr eisiger Nordwind, der den Familien­garten gefrieren macht? . . .

Euch aber und eurer Umsicht steht es zu, im Heim die rechte Wohligkeit zu verbreiten und so ein friedsames, frohes Zusammengehen eurer zwei Lebenswege zu verbürgen. Dies ist für euch nicht nur ein natürlicher Beruf, nein, auch die Religion und die christliche Tugend legen euch diese Pflichten auf, so daß alles, was ihr in dieser Absicht tut, euch Verdienste erwirbt und euch in der Liebe und Gnade Gottes wachsen läßt.“ 20

20 Stellen aus der Rede vom 11. März 1942 (Eheleben, S. 37 ff.).

Papst Pius XII. weist der Frau nicht einseitig die Hauptverantwortung für das Glück der Ehe zu. In mehreren Reden spricht er weitläufig und eindringlich von der Verantwortung des Mannes und von seiner Mit­wirkung. Es besteht nicht im geringsten Zweifel daran, daß der Papst innerhalb der Ehe, gemäß den Worten des hl. Paulus (1 Kor 2, 3) und der ununterbrochenen Stellung der Kirche zur Ehe den Mann als das Haupt der Familie ansieht. Diese Einstellung liegt allen seinen Reden zu­grunde. Alle Errungenschaften der Frauenbewegung, zumal der in unserer Zeit zu klärende Begriff der Gleich­berechtigung, werden an der Tatsache, daß innerhalb der Ehegemeinschaft dem Mann und Vater die Führung zusteht, nichts ändern können. Nicht nur die katholische Gattin, sondern jede echte Frau, die ihren Mann liebt, wird sich gegen diesen Standpunkt der Kirche nicht auf­lehnen. Was Gott bei der Einsetzung der Ehe anordnete und in die Natur des Mannes und Weibes hineinlegte, das kann nicht erschüttert werden, ohne sich bei beiden bitter zu rächen. Für die glückliche Ehefrau gibt es in diesem Sinne kein Problem, gleichgültig, welche Fähig­keiten, welche äußeren und inneren Werte sie in die Ehe mit hineinbringt. Je größer ihre eigene Begabung, je tiefer ihr eigener Wert ist, umso mehr will sie im Gatten den Mann, den Führer sehen. Im 5. Band des Handbuchs der katholischen Sittenlehre, herausgegeben von Fr. Till­mann, „Die soziologischen Grundlagen der katholischen Sittenlehre“, schreibt W. Schöllgen von der Frau, „die Intelligenz und Willenskraft“ besitzt: „Sie wird bei der Gattenwahl (denn sie ist durchaus noch im gesunden Sinne für die Ehe ansprechbar) allerdings den harten, nur virilen Männertyp ablehnen und einen weicheren Charakter im Stile der Kontrastwahl bevorzugen. Ein solcher Mann wird sich durchaus wohlfühlen, wenn er taktvoll unter den Pantoffel gebracht wird. Er hat nicht den Ehrgeiz, Familientyrann zu sein. In solchen Familien — und eigentlich nur in ihnen — entsteht ein echter Gefühlskonflikt, wenn etwa ein Gesetz im Stile bisheriger Gesetz­gebung das ausschlaggebende Bestimmungsrecht dem Mann zuweist. Aber eigentlich nur in der Theorie und bei prinzipieller Betrachtung seitens unverheirateter Frauen dieses Typs. Denn in der Praxis tut ein solcher Mann doch, was seine Frau an Wünschen äußert.“ Das ist als durchaus unzutreffend abzulehnen. Bei der Gattenwahl der intelli­genten und willensstarken Frau ist in erster Linie aus­schlaggebend, daß sie einen Gatten findet, für den sie nicht nur Liebe empfindet, sondern Hochachtung auf­bringt. Dabei ist es weniger wichtig, daß er ihr geistig ebenbürtig oder gar überlegen ist, als daß er ihr als Charakter Gewähr bietet, sie führen zu können. Wohl­gemerkt ist von einer echten Ehe die Rede, nicht von einer aus Berufsgründen oder aus sonstigen Vernunftsgründen, bestenfalls aus der Sehnsucht der Frau nach dem Kinde geschlossenen ehelichen Partnerschaft. Ein echter Mann wiederum, der es sich charakterlich und geistig leisten kann, die intelligente Frau zu heiraten, wird wissen, was eine solche Frau ihm als Gattin und Kamerad, seinen Kindern als kluge Erzieherin zu schenken vermag, und er wird es sich kaum einfallen lassen, bei einer solchen Ehefrau den „Familientyrannen“ abzugeben.

Doch hören wir auf Papst Pius XII.!

„Da die allgemein bekannte Tugend und Achtung des Gatten Ehre und Zier der Frau ist, könnten wir hinzu­fügen, daß der Mann mit Rücksicht auf sie sich bemühen muß, unter seinen Kollegen, in seinem Berufe das Beste zu leisten und sich auszuzeichnen. Im allgemeinen wünscht jede Frau, stolz auf ihren Lebensgefährten sein zu können. Verdient also nicht der Mann ein besonderes Lob, der aus feinem Verständnis für seine Gattin und aus tiefer Liebe zu ihr sich bemüht, in seinem Beruf sein Bestes zu leisten und, soweit er dazu imstande ist, etwas auszuführen und zu erreichen, was ihn angesehen und geschätzter macht?“ 21

21 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 145 f. — vgl. Eheleben, S. 81).

„Ihr tut als Haupt der Familie nicht genug, wenn ihr zu Hause oder draußen nur das tut, was zu eurem Beruf, zu eurem Handwerk oder zu eurer speziellen Beschäftigung gehört; im Hause selbst, das das besondere Reich eurer Gattin ist, habt ihr auch euern Teil zu tun. Ihr, stärker an Kraft, oft geschickter im Gebrauch von Werkzeugen und Handwerksgeräten, werdet in der Ordnung des Hauses vor allem bei vielen kleinen Arbeiten Zeit und Gelegenheit zu Tätigkeiten finden, die mehr dem Manne als der Frau zufallen. Es werden keine Mühen und Aufgaben sein, wie die im Dienst, in der Werkstätte oder im Laboratorium, wo ihr tätig seid, noch werden sie unpassend sein für die männliche Würde; sie werden vielmehr eine Teilnahme an der Sorge eurer Lebensgefährtin sein, die oft mit Sorgen und Arbeiten überlastet ist, eine freundliche Hand­reichung, eine Last zu heben; für sie wird es eine Hilfe bedeuten, für euch gleichsam ein Vergnügen oder einen Wechsel in der Beschäftigung.“ 22

Am besten kommt die Stellung des Papstes in seiner Rede vom 10. September 1941 zum Ausdruck, wo er den Männern und Frauen ein Mahnwort zuruft. Zu den Männern spricht er: „An eurem Herd ist jeder von euch Haupt, mit allen Pflichten und mit der ganzen Verant­wortung, die dieser Titel in sich schließt. Zögert und zaudert also nicht, diese Gewalt auszuüben, entzieht euch diesen Pflichten nicht, flieht nicht vor der Verantwortung! Nie sollen Lässigkeit, Gleichgültigkeit, Ichsucht oder Zeitvertreib euch das von Gott anvertraute Steuerruder eures Familienschiffleins aus den Händen nehmen. Aber wenn ihr eure Autorität nun geltend macht und ausübt über jene, die ihr zu eurer Lebensgefährtin erwählt habt, von wieviel Zartgefühl, von wieviel Achtung und Liebe muß sie da jederzeit, in Freud oder Leid, geleitet sein.“23 Die Frau andererseits mahnt er: „Wir wissen wohl, die Gleichstellung in den Studien, in Schule und Wissenschaft,

22 Rede vom 15. April 1942 (Z. S. 151 f. — vgl. Eheleben, S. 90).

23 Rede vom to. September 1941. (Ideal, S. 196).

in Sport und Wettkampf, weckt in nicht wenigen weib­lichen Herzen ein stolzes Gefühl. Auch ihr seid moderne, unabhängige, junge Frauen, und so mag vielleicht eure argwöhnische Empfindsamkeit nur schwer sich einer häuslichen Unterordnung fügen. Rund um euch werden viele Stimmen euch die Unterwerfung als etwas Unge­rechtes schildern; sie werden euch die Idee von einer stolzeren Herrschaft über euch selber beibringen wollen, immer wieder werden sie es euch vorsagen, daß ihr in allem eurem Gatten gleicht, ja in mancher Hinsicht ihm überlegen seid.“ Aber dennoch sagt er ihnen: „Seid nicht damit zufrieden, diese Autorität des Gatten hinzunehmen oder gewissermaßen sie zu ertragen, wo Gott selber in der Natur- und Gnadenordnung euch dieser Autorität unter­stellt hat; nein, ihr sollt sie in aufrichtiger Unterwerfung lieben, lieben mit der gleichen ehrfürchtigen Liebe, die ihr zur Autorität unseres Heilandes selber hegt; denn von ihm stammt die Gewalt eines jeden Hauptes.“ 24

In diesen Erziehungsansprachen zur Ehe ist dem Papst besonders daran gelegen, den Neuvermählten immer wieder die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe ans Herz zu legen. Darum spricht er ihnen so oft von der Treue, da in ihrer Verletzung zumeist der tiefste Grund für die Entfremdung der Ehegatten liegt. Seine Ansprache vom 21. Oktober 1942 ist wahrhaft ein Hoheslied auf die Treue.

„Was ist denn in der Tat die Treue anderes als die ehr­fürchtige Achtung vor dem Geschenk, das jeder der Braut­leute dem andern gemacht hat, dem Geschenk seiner selbst, seines Leibes, seines Geistes, seines Herzens für die ganze Lebenszeit, ohne anderen Vorbehalt als die heiligen Rechte Gottes?“ Ihm ist nicht bang um die erste Zeit nach der Eheschließung, in der Reiz und Begeisterung noch unerprobt sind, wohl aber für die Folgezeit. „Bald

24 Rede vom 1o. September 1941 (Ideal, S. 197).

kommen Unvollkommenheiten zum Vorschein, die Ver­schiedenheiten der Charaktere machen sich bald bemerkbar und wachsen; vielleicht wird auch die geistige Armut bald sehr offenkundig. Das künstliche Feuer ist erloschen, die Liebe, bisher blind, öffnet die Augen und sieht sich getäuscht. Dann beginnt für die echte und wahre Liebe die Prüfungszeit, und zu gleicher Zeit öffnet sich ihr Zauber. Sie ist nicht blind, denn sie bemerkt jede Unvoll­kommenheit, aber sie nimmt sie mit liebevoller Geduld, indem sie ihrer eigenen Fehler gedenkt, noch hellsichtiger, wenn sie nach und nach unter der Hülle des Alltags die guten Eigenschaften eines verständigen Sinnes, gesunden Menschenverstandes und gediegener Frömmigkeit ent­decken und wertschätzen lernt: reiche Schätze, dunkel verborgen, aber in guter Verbindung. Darauf bedacht, diese Gaben und Tugenden des Geistes in volles Licht und rechte Bewertung zu rücken, ist sie ebenso geschickt und wachsam, die Mängel und Schattenseiten des Denkens und Könnens, die Sonderbarkeiten und Ecken des Charak­ters vor fremden Augen zu verbergen. Für irrige und ungelegene Äußerungen weiß sie eine wohlwollende und günstige Deutung zu suchen und freut sich immer, wenn sie eine findet. Seht, so ist sie bereit zu sehen, was eint und verbindet, und nicht das, was trennt, jeden Irrtum zu berichtigen oder jede Voreingenommenheit zu zerstreuen, mit so vollendeter Anmut, daß sie niemals anstößt und beleidigt. Dabei macht sie kein Aufhebens von ihrer Überlegenheit, sondern ihr Feingefühl fragt und sucht vielmehr den Rat des anderen Teiles, wobei sie durch­blicken läßt, daß sie auch gern annimmt, wenn er etwas zu geben hat. Seht ihr nicht, wie auf diese Weise unter den Eheleuten eine geistige Einigung, eine theoretische und praktische Zusammenarbeit begründet wird, die sie zusammen aufsteigen läßt zu der Wahrheit, auf der die Einheit ruht, zur höchsten Wahrheit, zu Gott? Was ist das anders als die Treue zu dem beiderseitigen Geschenk ihres Geistes? . . . Wenn endlich mit dem Alter die Krankheiten, die Schwächen, die demütigenden und drückenden Ver­fallserscheinungen zunehmen mit dem ganzen Gefolge von Leiden, die ohne die Kraft und den Halt der Liebe den einstmals so verführerischen Leib abstoßend machen würden, dann tragen sie für ihn mit einem Lächeln auf den Lippen Sorge mit rührendster Liebe. Seht! Das ist die Treue zu dem gegenseitigen Geschenk des Körpers… „25 „Wenn es von Anfang an echte Liebe war und nicht bloß selbstsüchtiger Trieb nach sinnlichen Genüssen, dann bleibt diese unveränderte Liebe des Herzens immer jung, wird nie besiegt von den Jahren, die dahineilen.“ 26

Am 4. November 1942 spricht Papst Pius XII. in ernsten und tiefen Gedankengängen über die geheime Untreue: „Diese Sünde geheimer Untreue ist leider so häufig, daß die Welt kein Aufhebens davon macht und das eingeschläferte Gewissen sich damit abfindet, wie mit dem Zauber eines Blendwerks“ . . . „Alle rechtlich den­kenden Menschen, auch die, welche christlichem Denken fernstehen, erheben laut ihre warnende Stimme … Man begreift nicht, wenn man nicht die Erschlaffung des sittlichen Gefühls dafür verantwortlich macht, wie Männer von Ehre dulden können, daß ihre Frauen oder Bräute anderen so verwegene Blicke und Vertraulichkeiten ge­statten, noch versteht man, wie eine Verlobte oder eine junge Frau, die tief ihre hehre Würde empfinden, dulden können, daß der Mann oder der Verlobte mit anderen solche Freiheiten oder Vertraulichkeiten sich heraus­nehmen. Muß nicht gegen so schwere Angriffe auf die heilige Treue einer rechtmäßigen und keuschen Liebe auch der leiseste Funke einer ehrbaren Gesinnung sich empören und erheben?“ 27

Diese Art grober geheimer Untreue, die allerdings oft vor dem Äußersten zurückschreckt, ist als Gefahr leicht zu er‑

25 Rede vom 21. Oktober 1942 (Z. S. 166ff. — vgl. Eheleben, S. 210 ff.).

26 Ebendas. (Z. S. 170. — vgl. Eheleben, S. 216).

27 Rede vom 4. Nov. 1942 (Z. S. 173. — vgl. Eheleben, S. 218 ff.).

kennen und wird von der liebenden, vornehm denken­den Frau abgelehnt. Gefährlicher ist die zweite Art geheimer Untreue, vor der Papst Pius XII. warnt, weil auch die gute, edle Gattin sich darin verstricken kann, ohne daß ihr, zu Anfang wenigstens, die Schuld dem Gat­ten gegenüber bewußt wird. Da besonders ideal veranlagte Frauen zu solchen natürlichen Zuneigungen sich hinge­zogen fühlen, sollen die Worte des Papstes ausführlich angegeben werden.

„Trotzdem müssen Wir euch zur Vorsicht mahnen gegen­über manchen Vertraulichkeiten, hinter denen verborgene Sinnlichkeit lauert, gegenüber einer Liebe, die platonisch sich nennen will, die aber oft genug nichts anderes ist als ein Vorspiel, das eine weniger erlaubte und reine Liebe anfängt, oder der dünne Schleier, der sie verdeckt. So­lange die geistige Zuneigung stehen bleibt bei der Über­einstimmung in den ehrlichen und spontanen geistigen Äußerungen, bei der freudigen Bewunderung der Tiefe und Würde einer Seele, ist dabei an sich noch nichts Tadelnswertes. Doch warnt der hl. Johannes vom Kreuz selbst geistliche Personen vor den Verirrungen, die daraus folgen können (vgl. San. Juan de la Cruz, Noche oscura, Buch I, cap. IV n. 7). Unmerklich wird dabei die rechte Ordnung oft umgekehrt, in der Weise, daß man von einer durchaus ehrbaren Zuneigung zu einer Person, die ihren Grund hat in der Harmonie des Denkens, Empfindens und Strebens, unbewußt dazu übergeht, die eigenen Gedan­ken und die eigenen Meinungen den Gedanken und An­sichten der bewunderten Person völlig anzupassen. Anfangs spürt man das Übergewicht nur in unbedeutenden Fragen; dann in ernsteren Dingen, in Sachen praktischer Art, in Fragen der Kunst und des Geschmacks, die schon mehr Persönliches haben, endlich auf dem eigentlich gei­stigen und weltanschaulichen Gebiet und am Ende in den religiösen und sittlichen Anschauungen, so daß man schließlich auf eine eigene persönliche Meinung verzich­tet, um nur zu denken und zu urteilen unter jenem empfangenen Einfluß. Während sonst der menschliche Geist natürlicherweise, oft bis zum Übermaß, stolz ist auf das Festhalten an dem eigenen Urteil, wie ist dann eine so hörige Unterwürfigkeit und gänzliche Unterwerfung unter die Denkweise eines anderen zu erklären? Aber in dem­selben Maße, wie auf diese Weise der eigene Geist sich nach und nach dem Geiste eines Fremden anpaßt, ent­fernt er sich auf der anderen Seite täglich mehr von dem Geist des rechtmäßigen Gatten oder der angetrauten Gat­tin. Schließlich zeigt er in allem, was diese denken oder sagen, eine unwiderstehliche Neigung zum Widerspruch, zur Gereiztheit und Mißachtung. Diese Gesinnung, die vielleicht unbewußt, aber darum nicht weniger gefährlich ist, zeigt, daß der Verstand erobert, gefangen worden ist, daß einem anderen der Geist geschenkt worden ist als dem, dessen unwiderrufliches Geschenk er am Tage der Hochzeit geworden war. Ist das Treue? …

Nächst dem Geist verschenkt man das Herz, aber das ge­schieht nur, indem man dem die Treue bricht, dem es von Anfang an mit unauflöslicher Bindung geschenkt worden war. Die Welt hat gut die Frau rühmen, die keinen tat­sächlichen Fall getan hat, hat gut ihre ausgezeichnete Treue preisen, weil sie vielleicht mit heldenhaftem Opfer­sinn, aber mit rein menschlichem Heldentum ohne Liebe weiterlebt an der Seite des Gatten, mit dem sie ihr Leben verbunden hatte, während ihr Herz, ihr ganzes Herz end­gültig, leidenschaftlich einem anderen gehört. Sehr streng und heilig ist das Sittengesetz Christi. Man kann gut den Adel eines angeblichen Bundes zweier Herzen rühmen, die keusch ,wie Sterne und Palmen‘ miteinander verbun­den seien; man kann gut diese Leidenschaft mit dem Hei­ligenschein einer unklaren Religiosität umgeben. Es ist doch nichts anderes als dichterisches und romanhaftes Gerede, aber kein Wort von christlichem Evangelium und heiligem Bund; man mag sich damit schmeicheln, diese Liebe in erhabenen Höhen zu halten, die Natur ist nach dem Sündenfall den einfältig selbstgefälligen Sprüchen getäuschter Geister nicht mehr so weit gefügig, und die Treue ist schon gebrochen durch die unerlaubte Leiden­schaft des Herzens. Junge Eheleute! Hütet euch vor sol­chen Vorspiegelungen.“ 28

Von der Treue verlangt der Papst Bewährung auch zu den Zeiten einer räumlichen Trennung der Gat­ten, wie sie der Krieg von so vielen forderte. Die Ab­lenkung aus der Einsamkeit durch Ersatzgenüsse „erscheint als Heilmittel, das die Seele von den trüben Gedanken der Abwesenheit abbringen soll; in Wirklichkeit jedoch lenkt es vom Abwesenden selber ab“ 29 In diesen Zeiten der erzwungenen Trennungen, die einer zeitweiligen Wit­wenschaft gleichzusetzen sind, muß die Frau „einen ge­wissen Ernst im Leben, in den Sitten, in den Gewohn­heiten und Umgangsformen zur Schau tragen. Aus ihrer ganzen Haltung sollen auch Fremde deutlich die unsicht­bare Gegenwart des abwesenden Gatten herausmerken können.“ 30

Mit sehr großer Hochachtung spricht darum Papst Pius XII. oft von dem Heldentum der Ehe, das die Treue, die Unauflöslichkeit der Ehe immer wieder neu erfordern.

Besonders erschütternde Worte aber findet er für die Frau, die neben dem untreuen Gatten die Ehe weiter­führt. „Ja, das ist der Gipfel des Leides, der Höhepunkt der Versuchung, eine Witwenschaft, die trauriger ist als der Tod … Das Leben ist gebrochen, aber nicht ausge­löscht; es wird zu einer Prüfung ohne Ende, die etwas Furchtbares an sich hat. Wie groß stehen aber auch jene da, die eine solche Prüfung würdig und heilig zu ertragen wissen. Ja, wunderbar groß, eine Heldin in ihrer Küm­mernis, so steht jene Frau, jene Mutter vor euch, die nun allein die Familie erhalten und die Kinder erziehen muß … Welch schreckliche Versuchung, dem Leben ein Ende zu machen oder sich ein neues Leben und ein neues

28 Rede vom 4. Nov. 1942 (Z. S. 174 ff. — vgl. Eheleben, S. 222 ff.).

29 Rede vom 15. Juli 1942 (Eheleben, S. 15o).

30 Ebendas. (S. 151).

Heim aufzubauen .. . Und doch steht die Pflicht, eine unerbittliche Pflicht, die mit Blitzesklarheit das Gewissen durchforscht und eindeutig gebietet, dennoch dem Schwur treu zu bleiben, den der andere Teil verletzt und zertreten hat.“ 31 Wenn der schuldige Gatte das Zusammenleben nicht abbricht, dann hat die Frau ein besonders schwie­riges Apostolat, weil sie alles tun und leiden muß, um der anderen Seele willen. „ . . . Es braucht die Liebe, die Liebe eines jeden Augenblickes, eine feine, zarte, zu allen Opfern und allen im Gewissen gestatteten Zugeständnis­sen bereite Liebe, eine Liebe, die sich beeilt, jedem Wunsch oder auch irgendeiner unschuldigen Laune Genüge zu tun, ja zuvorzukommen, nur, um das verirrte Herz zurück­zugewinnen und zurückzuführen auf den Weg der Pflicht.“ 32

Welcher Starkmut, ja hier ist das Wort Heroismus nicht fehl am Platze, dazu gehört, ein solches Leben zu ertragen, sei es aus Liebe zum Gatten, in der Hoffnung, ihn doch zurückzugewinnen; sei es, und das wird in den meisten Fällen der Beweggrund sein, um der Kinder wil­len, die bei einer Trennung die Leidtragenden sind, oder sei es aus der Treue zum Sakrament, in der Gesinnung der Hingabe an Gottes Willen, das weiß der Papst nur zu gut. Aber obwohl er um das tägliche Heldentum und das Opferleben vieler Ehen weiß, sieht er in der Ehe­scheidung den Untergang der Frauenwürde. „Einem ver­hängnisvollen Irrtum unterliegen alle jene, die da glau­ben, man könne die Kultur der Frau und ihre weibliche Ehre und Würde erhalten, schützen und heben, ohne ihnen als Grundlage die Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe zu setzen.“ 33

Der Papst spricht einmal von der Zeit, der die unsere in vielem so ähnlich ist, vom Niedergang des anti­ken Heidentums. „Die Ehescheidungen mehrten sich; die

31 Rede vom 9. Dezember 1942 (Eheleben, S. 240 f.).

32 Ebendas. (S. 245).

33 Rede vom 29. April 1942 (Eheleben, S. 115).

Familie löste sich mehr und mehr auf; weibliche Sitten und weibliches Empfinden glitten weit ab vom geraden Weg der Tugend, so weit, daß Seneca in die bekannte bittere Klage ausbrach: ,Gibt es wohl noch eine Frau, die sich schämen würde, die Ehe aufzulösen, jetzt, nachdem hochstehende und vornehme Damen ihre Jahre nicht mehr nach den Konsuln, sondern nach der Zahl ihrer Männer zählen; Damen, die sich scheiden, um zu heiraten, und heiraten, um sich zu scheiden?‘ “ 34 Weitere Worte er­übrigen sich, um in diesem Punkt die Parallele weiter zu verfolgen; denn es würde nicht schwer halten, entspre­chende Beispiele aus unserer Zeit des neuen Heidentums zu nennen.

In einer Ansprache an die Heilige Römische Rota vom 6. Oktober 1946 hat Pius XII. über die Gefährdung der Ehe und die steigende Zahl der Eheprozesse gespro­chen: „Sind nicht die vor eurem Gerichtshof anhängigen Eheverfahren ein verräterisches Zeichen? Zeigen sie nicht die fortschreitende Auflösung des Ehelebens an, eine Auf­lösung, die auch die Sitten der katholischen Bevölkerung zu vergiften und verderben droht? Zu der Ausbreitung einer so verhängnisvollen Unordnung haben beide Welt­kriege, der zweite jedoch unvergleichlich mehr als der erste, beigetragen. Niemand kann angesichts dieser Tra­gödie, die so unselige Folgen nach sich zieht, noch beim Gedanken an die Millionen junger Ehegatten, die eine erzwungene Trennung monate- und jahrelang voneinan­der ferngehalten hat, kalt und unempfindlich bleiben. Welche Summe von Mut, Selbstverleugnung und Geduld, welcher Schatz von liebevollem Vertrauen, welcher christ­liche Glaubensgeist waren nötig, um die geschworene Treue zu halten und zu widerstehen. Gewiß sind viele mit Hilfe der im Gebet erflehten Gnade standhaft geblie­ben. Aber wie viele andere sind weniger stark gewesen! Wie viele Trümmer zerstörter Heime, wie viele in ihrer

34 Rede vom 10. September 1941 (Ideal, S. 193/94).

Menschenwürde, im Zartesten und Empfindlichsten ihrer ehelichen Existenz verwundete Seelen, wie viele für das Familienglück tödliche Niederbrüche! Jetzt handelt es sich darum, diese Trümmer wieder aufzurichten, diese Wun­den zu heilen, diese Übel zu kurieren.“ 35

Oder hören wir die bewegte Klage des Heiligen Vaters in seiner Ansprache vom 11. September 1947: „Die Tränen kommen einem in die Augen und die Schamröte steigt einem in die Wangen, wenn man feststellen und bekennen muß, daß bis in die katholischen Kreise hinein die verkehrten Lehren über die Würde der Frau, über die Ehe und die Familie, über die eheliche Treue und Schei­dung, selbst über Leben und Tod unmerklich Besitz von den Geistern ergriffen haben und wie ein schädlicher Wurm an den Wurzeln des christlichen Lebens, der Fa­milie und der Frau nagen.“ 36

Es bedarf der Hilfe Gottes, das Eheleben treu und rein dem Willen Gottes gemäß zu führen. Im Gebet sol­len die Eheleute ihre Zuflucht suchen. „Euer erster und tiefster Trost und Halt wird das vertrauensvolle Gebet sein. Da ihr der Liebe Gottes für euch immer sicher seid, wißt ihr wohl, daß keines eurer Gebete umsonst sein, daß Gott alle erhören wird, wenn nicht in der Stunde und der Art, wie ihr es euch gewünscht und vorgestellt habt, so doch zu einer Zeit, die passender ist für euch, und auf eine Art, die unendlich besser ist für euch: je nachdem die göttliche Weisheit und Macht seiner Liebe es zu eurem Nutzen festzusetzen wissen.“ 37

Pius XII. wiederholt den Rat des hl. Franz von Sales, den Jahrestag der Hochzeit durch den gemeinsamen Empfang der heiligen Kommunion zu feiern. Und ob­gleich er genau weiß, daß in unserer Zeit wenig Sinn für das gemeinsame Familiengebet geblieben ist, hält er im‑

35 A. A. S. (Acta Apostolicae Sedis) vol. 38 (1946) P. 393 Hd. (Herder-Korrespondenz) I, 225.

36 A. A. S. vol. 39 (1947) p. 480-486. — Hd. II, S. 75 ff.

37 Rede vom 9. Juli 1941 (Z. S. 269).

mer wieder an seiner Mahnung fest, es zu pflegen: „Im Namen unseres Herrn bitten Wir euch, geliebte Neuver­mählte, schützt und haltet unversehrt bei jene schöne Überlieferung der christlichen Familien, das gemeinsame Abendgebet, das am Ende eines jeden Tages, um den Segen Gottes zu erflehen und die Unbefleckte Jungfrau im Rosenkranz zu verehren, alle jene versammelt, die unter demselben Dache schlafen: euch zwei, und dann, wenn sie von euch gelernt haben, ihre Händchen zu falten, die Kleinen, die die Vorsehung euch anvertraut hat.“ 38

Die gleiche Bitte äußert der Papst noch ange­legentlicher in seinem Rundbrief „Ingruentium Malorum“ vom 15. September 1951, in welchem er über das Rosen­kranzgebet spricht. Es geht nicht mehr an, mit einem Achselzucken oder verlegenen Lächeln diese Mahnung zum täglichen Rosenkranzgebet in der Familie abzutun, als ein wenig veraltet, in das Tempo, in die Zerrissenheit des modernen Haushalts nicht mehr hineinpassend; denn es ist ja nicht nur der Heilige Vater, der dazu mahnt. Wir dürfen und müssen sogar den vielen Erscheinungen der Gottesmutter gegenüber kritisch sein. Aber wenn wir alle Täuschungen abziehen, so bleibt dennoch wunderbar und erstaunlich, wie oft die Heilige Jungfrau in den letz­ten hundert Jahren an Orten, die von der Kirche aner­kannt sind, erschienen ist (La Salette, Lourdes, Fatima, Banneux). Es ist immer die gleiche Mahnung, die sie ausspricht: sie wünscht Gebet, nennt dabei ausdrücklich das Rosenkranzgebet und verlangt Buße. In La Salette, wo die Heilige Jungfrau 1846 erschien, hat sie selbst ge­sagt, wenn die Welt sich nicht bekehre, könne sie den strafenden Arm der göttlichen Gerechtigkeit nicht mehr zurückhalten. „Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, die Hand meines Sohnes fallen zu lassen .. .“ In Fatima gebrauchte sie in einer Erschei­nung vor Jacinta, der kleinen Seherin, fast die gleichen

38 Rede vom 12. Februar 1941 (Z. S. 274. — vgl. Ideal, S. 138).

Worte. So bedeutet das oftmalige Erscheinen der Gottes­mutter, daß sie als unsere Mutter mahnen und vermitteln will, vielleicht in letzter Stunde, damit der Zorn Gottes nicht über uns hereinbreche.

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel II

Unerwünscht

Schlüsselerlebnis

Antonie kam am 15. Dezember 1899 zur Welt, an der Schwelle eines Jahrhunderts, das zu einem blutgetränkten wer­den sollte, ein Jahrhundert des Völkermordes, der Vertreibun­gen, der Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen und des Versuchs, die menschliche Geistes- und Kulturgeschichte um viele Jahrtausende zurückzudrehen.

Sie kam als unerwünschtes Kind zur Welt, genauer gesagt als unerwünschtes Mädchen. Drei Kinder waren den Eltern bereits geschenkt worden, zwei Mädchen und ein Junge. Nun hatte sich Mutter Rädler einen Sohn gewünscht, mit dem sie besondere Vorstellungen verband. Sie hatte darum gebetet, er möge einmal zum Priester berufen werden. Es dauerte lange, bis sie sich damit abgefunden hatte, dass es eine Tochter gewor­den war. Aber gerade das sollte einmal zum Zeichen werden.

Dabei dürfte man annehmen, dass ein tiefreligiöses Ehe­paar, und das waren Andreas (1869-1946) und Maria Rädler (1869-1950), davor bewahrt würden, eigene Wunschvorstel­lungen mit den Dimensionen Gottes zu verwechseln. Auch ganz lautere Seelen sind zuweilen nicht davor gefeit, mehr auf eigene Ideale als auf Gottes Visionen zu setzen. Ihr Bund fürs Leben, den sie am 25. Oktober 1889 schlossen, war auf Rat eines alten, frommen Priesters in Mywiler zustande gekom­men. Er hatte dem Mädchen Maria den jungen Andreas als Mann empfohlen. Gott pflegt manche Lebenswege bis ins De­tail hinein lange vorher zu ebnen und zu lenken.

Der andersgeschlechtliche Elternteil hat einen stark prägen­den, besonderen Einfluss auf das Kind. Das weiß man heute. In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass der Vater von Antonie ein unerschütterliches Gottvertrauen besaß, was ein Ereignis bei der Geburt des sechsten Kindes beleuchtet.

Maria Rädler erkrankte an Kindbettfieber. Ein halbes Jahr quälte sie sich trotz guter Pflege dahin, magerte zum Skelett ab. An einem Samstag hörte dann das Herz plötzlich auf zu schlagen.

Erschrocken stürzte die Krankenschwester in den Metzger­laden, um den Mann zu holen: „Sie ist gestorben, es ist so schnell gegangen!“ Der Mann rannte sofort die Treppe hinauf, aber nicht ans Krankenlager der Frau, sondern in das Schlaf­zimmer des Paares. Dort stand ein Hochzeitsgeschenk der El­tern, eine Lourdesgrotte, vor der sie jeden Abend gebetet ha­ben. Vor dieser warf er sich auf die Knie und begann zu beten. Es war mehr ein Aufschrei zum Himmel als ein Gebet:

„Liebe Mutter Gottes! Hilf! Du hast noch immer geholfen. Du bist allmächtig mit deiner Fürbitte. Wir haben dich immer verehrt. So viele Rosenkränze haben wir gebetet. Das kannst du uns nicht antun, du darfst den Kindern die Mutter nicht nehmen. Du hast ein Kind gehabt. Ich habe sechs. Ruf die Mutter zum Leben zurück! Gib mir ein Zeichen der Erhö­rung. Ich stehe nicht auf, bis du es mir gegeben hast!“

Und da geschah das Unglaubliche. Die Statue in der Grotte erhob ihr Haupt und senkte es zustimmend nieder. Wie immer es gewesen sein mag, noch Jahre danach konnte der nüchter­ne Mann jedenfalls darüber nur unter Tränen berichten.

Erst dann ging er ins Krankenzimmer, ergriff die schon starren Hände der Frau, schüttelte sie zum Entsetzen der Pflegerin und befahl: „Mama, wach auf!“ Alle Kinder standen herum und beobachteten erschüttert, was vor sich ging. Da öffnete die scheinbar oder wirklich Tote die Augen, schaute umher und hauchte: „Hunger!“ Der Ehemann holte eiligst eine Flasche lauwarmer Milch, schob der Frau mit Mühe den Strohhalm zwischen die schon erstarrten Lippen. Sie saugte, trank, trank die Flasche leer.

In diesem Augenblick betrat der Arzt das Haus. Als er hörte, was genau abgelaufen war, meinte er: „So etwas ist nur in Ih­rem Hause möglich!“ Und beide Männer, Arzt und Ehe­mann, sanken weinend vor der Gottesmutter in die Knie.

Antonie war damals drei Jahre jung. Ein sehr aufgeweck­tes, intelligentes Kind. Sie hatte alles verfolgt. Der Vorfall muss in der sensiblen Kinderseele einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das scheinbare Ableben der Mutter, die Reaktion des Vaters, sein fast beispielloses Gott­vertrauen, die rätselhafte Genesung der Mutter blieben als Ur-, als Grunderlebnisse in ihrer Psyche zurück. Ein frühes Schlüsselerlebnis, das seinen Niederschlag im Leben des spä­teren Mädchens, dann der jungen und schließlich der reifen Frau finden sollte.

Das eher schüchterne Kind zeigte einen besonderen Hang zum Gebet. Mit dem Eintritt ins Schulalter verriet es ein auf­fälliges Organisationstalent. Der mühsame Alltag fing für alle Kinder damals mit dem langen Schulweg an, vorher der Be­such der hl. Messe. Antonie wurde bald Klassenbeste, sonnte sich jedoch nicht in dieser Stellung, sondern versuchte Schwä­cheren zu helfen, oft eine Gelegenheit, die ihr dazu diente, an­dere zum gemeinsamen Gebet des Rosenkranzes einzuladen.

In der vierten Klasse traf sie ein erstes persönliches Un­glück. In der Pause stürzte sie beim Spiel kopfüber aus dem ersten Stock und blieb bewusstlos liegen. Erst nach drei Ta­gen kehrte das Bewusstsein zurück. Der Vorfall bewirkte je­doch, dass das Kind innerlicher und stiller wurde.

Wenig spürbare Liebe erhielt Antonie von der eigenen Mut­ter, im Gegenteil, diese behandelte das Mädchen besonders hart, konnte ihr wohl nicht verzeihen, dass sie als Mädchen auf die Welt gekommen war und nicht als der erwünschte Junge. Als sie eines Tages einen Fleißzettel nach Hause brachte, bemerkte die Mutter missachtend: „Das ist nichts Beson­deres. Das bekommen andere auch.“ Viel Vertrauen ging da­durch bei dem enttäuschten Kind gegenüber der eigenen Mut­ter verloren. Instinktiv wandte es sich einer anderen zu, der Mutter des Herrn, und lud ihre Enttäuschungen bei ihr ab, teilte aber auch alle Freuden mit ihr.

Mit fünfzehn Jahren schickten die Eltern sie in eine Haus­haltsschule der Franziskanerinnen in Bonlanden. Dort wurde die Aufnahme in die Marianische Jungfrauenkongregation für das Mädchen zu einem einschneidenden Erlebnis, es war eine Lebensweihe an Maria: „Ich wurde innerlich von einer solchen Freude und Glückseligkeit erfüllt“, berichtete sie später, „nun Maria zur Mutter zu haben, dass ich den ganzen Tag vor lau­ter Freude weinte.“ Täglich ging sie zur hl. Kommunion.

Nach der Internatszeit kehrte sie ins Elternhaus zurück. Es war mitten im Ersten Weltkrieg, überall galt es zuzupacken, im Hause, im Geschäft, in der Metzgerei, selbst zum Einkauf von Vieh wurde sie herangezogen. Materielle Sorgen drohten Antonie zu vereinnahmen.

„Komm und diene mir!“

1918 schwiegen schließlich die Kanonen, die so viele Men­schenleben gefordert hatten. Niemand ahnte, dass sie nur noch größere Leiden eingeläutet hatten, die den ganzen Erdball überziehen sollten. Zunächst suchte die Spanische Grippe den ganzen Kontinent heim und raffte weitere Millionen Men­schen hinweg. Auch das Haus Rädler blieb davon nicht ver­schont. Antonie pflegte alle mit großer Hingabe, bis auch sie sich ansteckte. Aus dieser Zeit, es war Dezember 1919, be­richtete sie später von einem merkwürdigen Todeserlebnis.

Nach einer Operation an der Brust krampfte sich die Lun­ge zusammen. Das Gehör wurde schwach, das Augenlicht schwand. An einem Nachmittag hatte sie den Eindruck, der Tod betrete das Zimmer, nähere sich ihrem Bett und sage zu ihr: „Geh mit!“ Zwei Schwestern wachten an ihrer Seite und wischten ihr den Todesschweiß von der Stirn.

Spät nach Mitternacht sah sie plötzlich ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen, vom Erwachen der Vernunft in der Kindheit bis zu diesem Augenblick. Sie sah alles Gute, das sie hat tun dürfen, aber auch alle Sünden, jedes Fehlverhalten. Sie durfte das Leiden Christi sehen, den Schmerz für jeden einzelnen Menschen, für jedes Mitglied des ganzen Menschengeschlech­tes. Das bewegte sie zu einer solch tiefen Reue, dass sie bereit war, viele Male ihr Leben hinzugeben, um die Sünden der Welt zu sühnen. Als Trost erkannte sie aber auch alle Akte guten Willens, zu denen sie sich je durchgerungen hatte, und darü­ber empfand sie eine große Freude. Eine glühende Liebe er­fasste sie, ein brennendes Verlangen durchdrang ihre Seele, ganz Jesus zu gehören, ihre Seele ganz in ihn zu versenken. Das Glück über diese Liebe war wie ein Magnet, der sie ganz in das Herz Gottes hineinzog. Sie dachte nur noch daran, Ihn zu besitzen, und wollte nicht mehr in das Leben zurückkeh­ren. In der Frühe wachte sie auf, konnte plötzlich wieder se­hen und hören.

Aber das Leiden blieb. Eine Komplikation folgte der ande­ren: eitrige Hirnhautentzündung, Drüsenschwellungen, Was­sersucht, Lungenentzündung und Nierenblutungen. Die El­tern schleppten sie von einem Spezialisten zum anderen – bis nach Augsburg und München, opferten ein Vermögen. Erst versuchten zwei Ärzte im nahe gelegenen Bregenz ihr zu hel­fen, bis sie resignierten: „Es ist zu spät. Das Mädchen ist verlo­ren.“ Am Ende kam sie nach Wörishofen. Nach drei Monaten erklärte der behandelnde Arzt Dr. Schaller: „Hier ist die ärztli­che Kunst am Ende. Hier gibt es keine Rettung mehr. Ich gebe dem Mädchen im besten Fall noch ein paar Tage.“ Antonie bat die Eltern, sie heim zu nehmen, sie wolle zu Hause sterben. Der Körper war voll Wasser, die Nieren vereitert, Erstickungs­anfälle häuften sich, nur mühsam konnte sie kurze Atemzüge am offenen Fenster machen. Sie ertrug alles mit großer Ge­duld, als Sühne für die Sünden des eignen Lebens und anderer.

Da trat eines Tages eine überraschende Wende ein. Es war gegen Abend. Antonie wandte sich im Gebet an die Gottes­mutter, wohl ein letzter Versuch, eine klärende Antwort von oben zu bekommen: „Liebe himmlische Mutter! Wie freue ich mich, Jesus und dich bald sehen zu dürfen. Wenn du mich aber noch brauchen willst auf Erden, wenn ich hier noch et­was tun kann zu deiner Ehre, so stelle ich mich dir ganz zur Verfügung. Ich werde nicht heiraten. Mein Leben soll einzig Jesus und dir geweiht sein.“

Dieses Gebet verrät – zum Beispiel die Freude auf die bal­dige Anschauung Gottes – bereits mystische Reife. Auf der­selben Linie liegt ihr Angebot der totalen, exklusiven Hingabe an Jesus und seine Mutter. Und die Antwort blieb nicht aus. In der Nacht stand plötzlich die Gottesmutter vor ihr, legte ihr in überströmender Liebe die Hände aufs Haupt und sagte: „Nimm deine Zuflucht allein zu mir. Komm und diene mir!“ Eine wunderbare Kraft durchströmte den ganzen zermarter­ten Körper und heilte ihn. Antonie schlief ein. Es war der erste tiefe Schlaf nach Jahren. Am Morgen stand sie gesund auf und verlangte ihre Arbeitskleider. „Ich bin gesund“, sagte sie. „Gebt mir zu essen, ich habe einen riesigen Hunger.“ Und dann nahm sie ihre Arbeit auf, wie in früheren Jahren.

Die Geburtsstunde einer Gnaden- und Sühnestätte hatte geschlagen, noch von niemandem wahrgenommen, von niemandem erkannt. Es war das Jahr 1923. Der Same wurde in die Seele einer begnadeten jungen Frau gelegt, anders als an­derweitig. Gott wiederholt sich nicht. Die Früchte sollten es eines Tages ans Licht bringen.

Mystische Vermählung

Auf das Versprechen folgten Taten. Sie wollte ihr Wort ein­lösen und begann mit der Gründung einer Mädchenkongre­gation. Der zuständige Ortspfarrer von Wohmbrechts, Josef Basch, willigte gern ein, blieb jedoch skeptisch bezüglich des Erfolges. Er sollte sich geirrt haben.

Antonie begann Mädchen um sich zu sammeln, zunächst Mädchen aus Wangen und Umgebung, die in einem Haus­halt halfen. Ein halbes Dutzend konnte sie zunächst begeis­tern, bald waren es jedoch 70 bis 80. Sie hielt ihnen anregen­de Vorträge. Anfangs beobachtete der Pfarrer sie genau, kam dann zur Überzeugung, dass er sich auf die junge Frau ver­lassen konnte. Der Erfolg ermunterte diese wiederum, eine Kinderkongregation ins Leben zu rufen, eine Gruppe mit jün­geren (zwischen 6 und 13 Jahren) und eine zweite für ältere (13 bis 20 Jahre).

Bedenkt man, was sie alles anstoßen konnte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Antonie schon in jenen Jahren eine große Ausstrahlung gehabt haben muss. Jeden Monat führte sie die Gruppen zur hl. Kommunion, betete vor der hl. Messe mit ihnen den Rosenkranz und erreichte, dass jeden Montag früh vor der hl. Messe eine Sühnestunde vor dem ausgesetzten Allerheiligsten gehalten wurde. An Sonnta­gen brachen die Gruppen oft zu Wallfahrten auf. Schließlich übertrug der Geistliche ihr sogar die Führung des Frauenbun­des, als die Vorsteherin erkrankte. Eine so rege Aktivität weck­te natürlich – wie immer – auch Neid und gehässigen Wider­spruch bei manchen Menschen in der Gemeinde. Das ist der Preis, den begnadete Seelen zahlen müssen.

In diese Zeit fällt ein mystisches Christuserlebnis, wie es in dieser Art aus dem Leben anderer Mystiker nicht unbekannt ist. In der Stadtpfarrkirche in Wangen nahm sie mit anderen an einem Hochamt teil. Während des Gloria, also am Anfang der hl. Messe, versank die Umwelt um sie herum. Was sie dann erlebte, darüber schwieg sie jahrzehntelang. Als sie es preisgab, hat sie versucht, es mit folgenden Worten wiederzugeben:

„Ich sah mich auf einem Weg vorwärts schreiten. Plötz­lich stand ein König vor mir in wunderbarem Licht und gro­ßer Majestät. Er legte mir die Hand auf das Haupt mit den Worten: ,Sei mein! Ich will dich mir vermählen‘ und küsste mich auf die Stirn. Erst dachte ich, ein irdischer König werbe um meine Hand. Plötzlich aber erkannte ich in ihm Jesus, den König der Könige. Tief beschämt versank ich im Abgrund des eigenen Nichts und konnte nur stammeln: ,Nein, das kann ich nicht. Ich bin doch ein Nichts, ein sündiges armes Ding, deiner unwürdig.‘

Da verwandelte sich die Erscheinung in den kreuztragen­den Heiland, der folgende Worte an mich richtete: ,Folge mir!‘ Ich antwortete: ,Auf den Weg des Kreuzes will ich Dir gern folgen, will die Last des Kreuzes Dir tragen helfen.‘ Da­nach trat Stille ein. Ich kam in ein fremdes Land und musste ganz niedrige Dienste leisten, Opfer bringen und Entsagung üben bis zur Erschöpfung. Keine Demütigung blieb mir er­spart. Dann trat abermals Stille ein. Danach kam Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern auf mich zu. Wieder sagte ich ihm: ,Jetzt will ich Dir helfen und Dir folgen.‘ Jesus sah mich mit einem dankbaren Lächeln an.

Plötzlich stand der Heiland in unbeschreiblicher Schön­heit vor mir, küsste mich mit den Worten auf die Stirn: ,Sei mein und bleibe mein!‘ Dann führte er mich an seiner Seite in himmlische Regionen mit unzähligen mannshohen Lilien, wie ich sie auf Erden noch nie gesehen hatte. Eine unüberseh­bare Menschenmenge schloss sich uns an und sang in tausend Chören, von herrlicher Musik begleitet: ,Heil dem König und der Königin.‘ Wir nahten uns einem Schloss, dessen Tore sich uns öffneten. Der himmlische Vater winkte uns in überströ­mender Freude zu und hieß uns willkommen.

In diesem Augenblick kam ich wieder zu mir. Der amtie­rende Priester gab eben den Schlusssegen. Die hl. Messe war vorbei.“

An die Worte der Offenbarung des Johannes wird man bei diesem Bericht erinnert: „Wer siegt, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich gesiegt und mich zu meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe“ (Offb 3,21). In der Vision werden auch die Enttäuschungen, Demütigungen und Leiden angedeutet, die Antonie zu erwar­ten hatte. Vor allem aber erfüllte sie die junge Frau mit tiefer Freude. Sie nahm die mystische Vermählung sehr ernst, eine glühende Liebe erfasste sie, die jede irdische Beziehung in den Schatten stellte.

Zur Erinnerung an dieses Erlebnis trug sie zuerst einen Ring am Finger mit einem roten Stein, der an der Blutreliquie in Weingarten berührt worden war. Diesen Ring liebte An­tonie sehr, bis die Gottesmutter ihr eines Tages zu verstehen gab: „Leg den Ring weg. Es braucht niemand zu wissen, wem du vermählt bist!“ Daraufhin steckte Antonie den Ring der Gottesmutter in der Grotte im Schlafzimmer der Eltern an den Finger und hat ihn nie mehr getragen. Lange hat sie die­ses Geheimnis für sich behalten. Die Auswirkungen sprachen aber ihre eigene Sprache. In den Jahren und Prüfungen, die auf sie zukamen, zeigte sie eine ungewöhnliche Klarheit des Urteils, Sicherheit und Charakterstärke, Mut und Zuversicht.

Verlockende Angebote

Ihre Treue zu Jesus wurde auf eine harte Probe gestellt. Ver­lockende Heiratsanträge wurden ihr gemacht. Eine sehr reiche Dame aus Lindau zum Beispiel versuchte alles, sie für ihren Sohn zu gewinnen. Sie bot ihr eine herrliche Villa am Boden­see an, ein großes Vermögen und versprach, ihr alle Wünsche zu erfüllen, wenn sie nur den Sohn heiraten wollte. Ohne ei­nen Augenblick zu zögern, wies Antonie den Antrag lächelnd zurück. „Ich bin schon vergeben“, war ihre Antwort.

Für diese Haltung der Tochter konnte die eigene Mutter kein Verständnis aufbringen. Sie redete auf sie ein und dräng­te, so glänzende Anträge nicht einfach abzuweisen. Aber An­tonie hatte für alle Überredungskünste nur eine Antwort: „Mutter! Ich kann nicht, ich bin schon vermählt.“

Ein neuer Lebensabschnitt begann für Antonie im Jahre 1927. Er sollte sich fast zehn Jahre hinziehen und für die jun­ge Frau zu einem Kreuzweg werden. Der Vater beschloss, in Lindau eine Filiale seiner Metzgerei einzurichten, und über­trug die Leitung seiner Tochter. Das bedeutete auch, dass sie die Betreuung der jungen Frauen in der Gemeinde abgeben musste.

Dafür vertiefte sie ihr Gebets- und Innenleben. Jede Ge­schäftspause nutzte sie dazu, in der Stadtpfarrkirche in Lin­dau vor dem Tabernakel zu beten. Schließlich erfuhr sie, dass sich im nahe gelegenen Schloss Moos, etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt, über der Familiengruft eine neugotische Kapelle befand. Die Herren von Quadt hatten sie 1882 errichtet. Alle zwei Wochen wurde dort die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste aufbewahrt. Aber die Kapelle blieb die übrige Zeit geschlossen. Antonie erbat sich von der Gräfin, der Schloss­herrin, den Schlüssel, der es ihr ermöglichte, in den kleinen Erker hinaufzusteigen und dort allein zu wachen und zu beten. Erst war es eine halbe Stunde täglich, dann wurden Stunden daraus. In diesen Stunden fühlte sie sich gedrängt, die ver­schiedenen Rosenkränze zusammenzustellen, die später in den Sühnenächten in Wigratzbad viele Male gebetet wurden.

Aber damit nicht genug. Auf dem Wege nach Hause mach­te sie einen Abstecher in die Hauskapelle des Marienheims der Englischen Fräulein. Die verständnisvolle Hausoberin, Mater Maria, überließ Antonie die Schlüssel zur Kapelle, so dass sie jederzeit hinein konnte, ohne jemanden zu stören. In dieser ungeheizten Kapelle verbrachte sie weitere Stunden des Ge­betes, manchmal bis zwei, drei Uhr in der Nacht. Es waren Sühnestunden.

Für die eigentliche Nachtruhe blieben so oft nur drei bis vier Stunden. Dennoch war sie bei der Frühmesse in der Stadtpfarrkirche wieder dabei. Das ist ohne besondere Gna­de, ohne Beistand von oben kaum durchzuhalten. Um diese Gnade, nämlich die der Ausdauer, flehte sie zur Gottesmutter, sie betete für die Frauen und Mädchen, für deren Umkehr, erflehte für sie ein Leben im Sinne Marias.

Ihr vergeistigtes Leben begann auszustrahlen. Immer mehr Frauen fassten Vertrauen zu ihr und suchten mit ihren Sor­gen und Nöten bei ihr Zuflucht. Beim Stadtpfarrer, Prälat Kerler, erreichte sie, dass jeden Abend öffentlich der Rosen­kranz gebetet wurde. Sie selber führte die Frauen an Sonnta­gen betend hinauf zum Gnadenbild der Rosenkranzkönigin von Unterreitnau. Mehrfach unternahm sie den Versuch, in Lindau oder Umgebung eine Lourdesgrotte zu errichten. Der Vorschlag scheiterte am Widerspruch des Pfarrers.

In diesen Jahren lernte Antonie eine sich damals entfalten­de, ganz auf Maria ausgerichtete Bewegung kennen, bei Val­lendar am Rhein ins Leben gerufen von dem charismatischen Priester Josef Kentenich. Sechsmal suchte sie das Kapellchen in Schönstatt auf, um dort an achttägigen Exerzitien teilzu­nehmen. Beim letzten Mal hörte sie während der hl. Messe eine innere Stimme, die ihr sagte: „Von nun an will ich dir einen zweiten Schutzengel als besonderen Beistand und Schutz für das kommende Leben an die Seite stellen, den hl. Erzengel Michael. Rufe ihn oft an und verehre ihn sehr!“

Antonie vertraute sich mit diesem Erlebnis dem Leiter des Kurses an, Pater Michael Kolb, einem reifen Priester, und schloss mit der Bitte, ihr aus dem Städtchen Vallendar einen Strauß weißer Schwertlilien mitzubringen. Sie wollte diese der Gottesmutter schenken. Aber der Pater konnte nur rote auftreiben. Als er ihr die Blumen überreichte, meinte er lä­chelnd, ohne zu ahnen, wie prophetisch seine Worte waren: „Seien Sie künftig auf große Kämpfe in Ihrem Leben gefasst.“ Sie hat den Erzengel zeit ihres Lebens besonders verehrt und ihm am Weg zur großen Kirche ein Denkmal gestiftet. Schönstatt, inzwischen ein weltweit bekanntes Marienheiligtum, stand somit Pate für ein weiteres späteres Heiligtum — in Wi­gratzbad nämlich.

Beschlossener Mord

Einige Jahre vergingen scheinbar gleichförmig. Da gewann ein Mann namens Adolf Hitler in Deutschland immer mehr an Einfluss. In seinem Buch „Mein Kampf“ hatte er der Kirche den Kampf angesagt. Antonie bekam es bald zu spüren. Eines Tages betraten Parteileute den Metzgerladen, brachten ein Bild des Führers Adolf Hitler mit und verlangten, dass es im Verkaufsraum aufgehängt wird. Das Bild der Gottesmut­ter von Schönstatt sollte ihm weichen. Antonie weigerte sich. „Für Ihr Bild ist in diesem Raum, wie Sie selber sehen, kein Platz mehr. Das Bild der Mutter des Allerhöchsten, das Sie dort sehen, hängt schon seit Jahren dort. Ich werde es unter keinen Umständen entfernen.“

Wusste sie, wen sie da herausgefordert hatte, oder handelte sie auf höheren Impuls? Hitler hatte in seinem Buch keinen Zweifel darüber gelassen, wie er mit dem Christentum umzu­gehen gedachte. Am 30. Januar 1933 erlangte er schließlich die Macht, aus der nach dem Tode des Reichspräsidenten Hin­denburg die absolute wurde. In den ersten Ausgaben seiner Kampfschrift hieß es: „Eine Weltanschauung kann mit einer anderen keinen Kompromiss schließen, denn sie ist totalitär. Mit dem Christentum ist ein infernaler Terror in die Welt ge­kommen, der nur überwunden werden kann durch einen Ter­ror, der noch infernaler ist.“ Die Worte ließen keinen Zwei­fel daran, dass Hitler die totale Vernichtung der Kirche, des Christentums zum Ziele hatte.

Für Antonie muss es ein Schock gewesen sein, wie sich die von ihr gegründeten marianischen Gruppen im Jahre 1932 sang- und klanglos auflösten. Nach einem Auftritt des natio­nalsozialistischen Gruppenleiters liefen Frauen und Mädchen zu den Nazis über und traten dem Bund deutscher Mädchen (BdM) und der Frauenschaft bei. Sie wollten in der modernen, neuen Zeit den anderen Frauen nicht nachstehen.

Das hätte Antonie wankend machen müssen. Lohnt sich der Einsatz überhaupt, bleibt man am Ende nicht allein auf weiter Flur, der Lächerlichkeit preisgegeben? Sie musste das Schicksal aller Charismatiker teilen, deren Berufung oft in tiefster Vereinsamung auf den Prüfstand kommt.

Die Weigerung, das Bild des Führers in ihrem Verkaufs­raum aufzuhängen, der sich mit „Heil“-Rufen als neuer Hei­land feiern ließ, musste den Zorn seiner blinden Anhänger he­rausfordern. Sie beschlossen, Antonie Rädler umzubringen.

Man wusste um ihre Gebetsstunden in der Nacht. Ein Be­weis, wie sehr sie bereits bespitzelt worden war und dass es hässliche Zuträger gegeben haben muss. Darin witterten sie ei­ne Gelegenheit, mit ihr abzurechnen. In einem kleinen Wäld­chen gegenüber dem Marienheim lauerten sie ihr auf. Als An­tonie gegen 3 Uhr herauskam, versuchten drei Männer sich auf sie zu stürzen. Da geschah das fast Unglaubliche. Mitten in der Nacht tauchte ein junger Radfahrer im Alter von etwa 20 Jah­ren auf, blendete die Männer mit starkem Licht, umkreiste Antonie in großem Bogen und begleitete sie nach Hause. Die drei Männer waren nicht in der Lage, sich ihr zu nähern.

Antonie wurde jetzt klar, in welcher Gefahr sie schwebte. Aus natürlicher Angst überlegte sie, ob sie die nächtliche An­betung nicht aufgeben sollte. Da glaubte sie, so erzählte sie später, eine Stimme zu hören, die ihr befahl: „Leiste Sühne! Du darfst nicht nachgeben! Du stehst unter dem Schutze Gottes!“ Sie pflegte immer sieben Vaterunser zu Ehren der fünf Wun­den Jesu zu beten. Das gab ihr Kraft. Entgegen ihrer inneren Angst und der offensichtlichen Gefahr suchte sie am nächsten Tag wieder das Marienheim auf, verließ allerdings eine halbe Stunde früher die Kapelle. Kaum hatte sie die Parktüre hin­ter sich geschlossen, sprangen wieder drei Männer auf sie zu. Die Gesichter hatten sie mit einer Zipfelmütze halb verhüllt, wie man es von kriminellen Überfällen her kennt. Da tauch­te der geheimnisvolle Radfahrer wieder auf und blendete die Männer, dann begleitete er Antonie nach Hause.

Aus heutiger Sicht muss man vermerken, dass Fahrradlam­pen damals nur ein ganz schwaches Licht hatten, das kaum die nächsten Meter erhellen konnte. Antonie glaubte, dass dieser Radfahrer ihr Schutzengel gewesen sein muss. Und wieder fällt auf, dass eine geheimnisvolle Stimme, als sie ver­zagen wollte, ihr zuflüsterte: „Leiste Sühne!“ Der Gedanke der Sühne zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, von der frühen Kindheit an.

Einen dritten Versuch unternahmen ihre fanatisierten Geg­ner. Diesmal warteten sie vor ihrem Hause. Zu ihrer Wohnung führte ein Korridor, der auf der anderen Seite in eine Wasch­küche führte und zum See hin endete. Als sie vor dem Hause stand, sprangen zwei verhüllte Männer wieder auf sie zu; sie hatten einen Sack bei sich, den sie offenbar über sie stülpen wollten. Antonie erschrak zu Tode und streckte instinktiv ab­wehrend die Hände aus. Da stolperten diese, fielen zu Boden und konnten nicht sofort aufstehen. Inzwischen gelang es der bedrohten jungen Frau, die Treppen hinaufzuspringen und hinter sich die Türe zu schließen und zu verriegeln.

In ihrem Zimmer schlief eine Verkäuferin. Sie war entsetzt über das Aussehen ihrer Chefin. „Ich bin krank vor Angst“, stammelte diese, „habe Furchtbares erlebt, aber der Herrgott hat mir geholfen.“

Als sie am nächsten Tag von der Frühmesse heimkam, war­tete überraschenderweise ein Bote auf sie. Er überreichte ihr einen Brief vom Vater mit der dringenden Bitte: „Komme so­fort heim, sofort. Ich werde dir ein Auto entgegenschicken. Warte so lange.“ Kurz vor 7 Uhr stand der Wagen schon vor der Türe. Die Filiale wurde umgehend geschlossen, bis zum Mittag alles zusammengeräumt und heimgefahren.

Was war passiert? Die Familie hatte in diesen Zeiten doch noch gute Freunde. Einer von ihnen war ein gewisser Ministerialrat Rauch bei der Regierung in München. Der schick­te in der Nacht mit dem Schnellzug über einen Boten einen Brief mit der dringenden Warnung: „Nimm deine Tochter so­fort von der Filiale in Lindau weg, sonst wird sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein!“ Er hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass Antonies Tod beschlossene Sache sei. SS-Leute sollten sie über Nacht überfallen, in den See werfen und anschlie­ßend das Gerücht ausstreuen, sie habe in religiösem Wahn Selbstmord begangen.

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein übermächtiger Staat sich von einer jungen wehrlosen Frau, Mitte dreißig, so he­rausgefordert sehen kann, dass er sie über Mord aus dem Wege schaffen will. Hier stand mehr dahinter: Die spirituelle Aus­strahlung Antonies war zum Ärgernis geworden für Macht­haber, die ein neues, ein tausendjähriges Reich nach eigenen Vorstellungen, ohne Gott, ohne Jenseitsbezug ins Leben rufen wollten. Sie spürten, dass hinter Antonie eine Welt stand, die ihnen im Wege war und der sie den Kampf angesagt hatten. Es verrät etwas von der hemmungslosen Wut der Hölle im­mer dann, wenn Maria in die Geschichte der Menschen ein­zugreifen beginnt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe auch:

Schweiz: Benedikts Amtsverzicht zeigt menschliche Seite

Wurde und wird kontrovers diskutiert: Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI.

Mit seinem Amtsverzicht vor vier Jahren hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. nach Meinung des Historikers Volker Reinhardt die menschliche Seite des Papstamtes betont. „Natürlich kann das ein Schritt zu einem im weitesten Sinn befristeten Amtsverständnis sein“, sagte Reinhardt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA. „Das ist in der Geschichte der Päpste so nicht angelegt“, so der Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Mit seinem neuen Buch „Pontifex“ legte Reinhardt auf knapp 1.000 Seiten eine umfassende Geschichte der Päpste von Petrus bis Franziskus vor.

Das Amt des Stellvertreters Christi auf Erden habe man sich zuvor „eigentlich nur unbefristet vorstellen“ können, so der Historiker. „Man ging davon aus, dass eine solche Mittleraufgabe zwischen Gott und dem Menschen nicht wie mit der Pensionierung eines Beamten enden könnte – eben weil dieses Amt weit über alles Menschliche, alles Irdische herausgehoben war.“ Das Papstamt habe allerdings in seiner Geschichte stets zwischen zwei Extremen geschwankt – „einem Papst, dem nicht Menschliches fremd ist, und einem asketischen, weltabgewandten“.

Den Römern sei ein menschlicher Papst immer viel lieber gewesen. „Sie hatten Angst vor zu ernsten Mönchen auf dem Thron“, so der Professor weiter. Als historische Präzedenzfälle für Papstrücktritte verwies Reinhardt einerseits auf Coelestin V. 1294, der sich „den vielfältigen, auch sehr weltlichen und monetären Aufgaben nicht gewachsen fühlte“. Auch dieser Rücktritt sei damals in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert worden, so der Historiker. Vor allem die radikaleren Befürworter einer konsequenten Armut der Kirche seien davon ausgegangen, dass Coelestin V. zu diesem Schritt gedrängt oder gezwungen worden sei. „Aber dem ist sicher nicht so.“ Auch sei zu belegen, dass manche Päpste, die in sehr hohem Alter starben, in den letzten Monaten oder Jahren „de facto eigentlich gar nicht mehr regiert“ hätten. Dann seien meist Kardinalnepoten eingesprungen, also die wichtigsten Blutsverwandten des Papstes. Reinhardt sprach von „verschleierten Rücktritten“.

Was Franziskus‘ Rolle als „Papst-Revolutionär“ betrifft, so sei diese nicht neu. „Im Laufe der Geschichte haben sich diverse Rollenmuster herausgebildet, fast schon Drehbücher“, sagte Reinhardt. Eine „Klassikerrolle“ sei „der Papst gegen seinen seelenlosen, bürokratischen Apparat“. Der Papst gehe dabei bewusst auf Distanz zu den „administrativen, auch finanziellen Aufgaben und Machenschaften der Kurie“. Gleichwohl sei die Rolle von Papst Franziskus authentisch, „und sie passt zur Persönlichkeit dieses Papstes“, betonte Reinhardt. „Er hat sich diese Rolle nach seiner Neigung ausgesucht.“ Dass es historische Vorbilder gebe, könne „in keiner Weise Papst Franziskus als authentische Persönlichkeit infrage stellen“. Der Historiker verglich Franziskus mit Benedikt XIV. (1740-1758). Dieser sei ganz ähnlich aufgetreten, als „plaudernder Papst zum Anfassen“.

(kna 21.03.2017 mg)