Generalaudienz: „Der Widersacher wollte das Volk spalten“

Generalaudienz, 13. September 2017

Mittwochskatechese von Papst Franziskus — Volltext

Wir dokumentieren in einer eigenen Übersetzung die Ansprache von Papst Franziskus bei der Generalaudienz von Mittwoch, dem 13. September 2017.

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Apostolische Reise nach Kolumbien

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wir ihr wisst, habe ich in den vergangenen Tagen eine apostolische Reise nach Kolumbien unternommen. Aus ganzem Herzen danke ich dem Herrn für dieses große Geschenk und möchte dem Präsidenten der Republik für den äußerst freundlichen Empfang, den kolumbianischen Bischöfen für ihre intensive Vorbereitungsarbeit für diesen Besuch sowie den weiteren Obrigkeiten des Landes und allen, die an der Verwirklichung dieser Visite mitgearbeitet haben, erneut meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ein besonderer Dank geht an das kolumbianische Volk, das mich mit großer Zärtlichkeit und viel Freude aufgenommen hat! Dieses Volk ist freudig inmitten großen Leids, es ist jedoch freudig; ein Volk mit Hoffnung. Zu jenen Dingen, die mich in allen Städten am meisten berührt haben, waren die Väter und Mütter mit den Kindern in der Menschenmenge. Sie haben die Kinder hochgehoben, um sie vom Papst segnen zu lassen; sie haben ihre Kinder jedoch auch mit Stolz gezeigt, um zu sagen: „Das ist unser Stolz! Das ist unsere Hoffnung“. Ich habe gedacht: ein Volk, das Kinder zu zeugen fähig ist und sie mit Stolz zeigen kann, als Hoffnung: Dieses Volk hat Zukunft. Und es hat mir sehr gut gefallen.

In besonderer Weise habe ich während dieser Reise die Kontinuität mit den beiden Päpsten gespürt, die Kolumbien vor mir besucht haben: der Selige Paul VI. im Jahre 1968 und der hl. Johannes Paul II. im Jahre 1986. Diese Kontinuität wird stark vom Geist belebt, der die Schritte des Volkes Gottes auf den Wegen der Geschichte führt.

Das Thema der Reise lautete: „Demos el primer paso“, d.h. „Machen wir den ersten Schritt“ bezogen auf den von Kolumbien erlebten Versöhnungsprozess, um den seit einem halben Jahrhundert währenden internen Konflikt zu überwinden, der Leid und Feindschaft gesägt und viele schwer zu heilende Verletzungen verursacht hat. Mit der Hilfe Gottes ist der Weg jedoch geebnet. Mit meinem Besuch wollte ich die Anstrengungen dieses Volkes segnen, es im Glauben und in der Hoffnung bestätigen und sein Zeugnis erhalten, das einen Reichtum für mein Amt und die gesamte Kirche darstellt. Das Zeugnis dieses Volkes ist ein Reichtum für die gesamte Kirche.

Wie der Großteil der lateinamerikanischen Länder verfügt Kolumbien über starke christliche Wurzeln. Und wenn diese Tatsache den Schmerz aufgrund des tragischen Krieges, der das Land zerrissen hat, noch stärker macht, stellt sie auch eine Zusicherung des Friedens dar, das feste Fundament seines Wiederaufbaus, den Lebenssaft seiner unbesiegbaren Hoffnung. Offensichtlich wollte der Widersacher das Volk spalten, um das Werk Gottes zu zerstören, doch es ist ebenso offensichtlich, dass die Liebe Christi, dessen unendliche Barmherzigkeit, stärker als die Sünde und der Tod ist.

Diese Reise bestand darin, den Segen Christi zu bringen, den kirchlichen Segen des Wunsches des Lebens und des Friedens, der aus dem Herzen dieser Nation überströmt: Ich konnte dies in den Augen der Tausenden von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen sehen, die die Piazza von Bogotá füllten und denen ich überall begegnet bin; jene Lebenskraft, die die Natur selbst mit ihren Überfluss und ihrer Biodiversität proklamiert. Kolumbien belegt in Bezug auf Biodiversität weltweit den zweiten Platz. In Bogotá konnte ich alle Bischöfe des Landes treffen und auch den Lenkungsausschuss der lateinamerikanischen Bischofskonferenz. Ich danke Gott für die Möglichkeit, sie zu umarmen und meine pastorale Ermutigung zu erteilen, für ihre Sendung im Dienst der Kirche als Sakrament Christi unseres Friedens und unserer Hoffnung.

Der in besonderer Weise dem Thema der Versöhnung gewidmete Tag – Höhepunkt der gesamten Reise – wurde in Villavicencio begangen. Am Morgen fand eine große eucharistische Feier statt mit der Seligsprechung der Märtyrer Jesús Emilio Jaramillo Monsalve, Bischof, und Pedro María Ramírez Ramos, Priester; der Nachmittag stand im Zeichen der Versöhnungsliturgie, die symbolisch auf den wie sein Volk verstümmelten Christus von Bocayá ohne Arme und Beine hinorientiert ist.

Die Seligsprechung der beiden Märtyrer erinnerte plastisch daran, dass der Friede auch und vor allem auf dem Blut der vielen Zeugen der Liebe, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und auch wahrer Märtyrer beruht, die wie in den beiden oben genannten Fällen aufgrund ihrer Glaubens ermordet wurden.  Ihre Biographien zu hören hat mit zu Tränen gerührt: Tränen des Schmerzes und zugleich der Freude. Vor ihren Reliquien und Antlitzen hat das heilige Gott treue Volk die eigene Identität stark gespürt und dabei beim Gedanken an die vielen, zu vielen Opfer Schmerz empfunden und aufgrund der Barmherzigkeit Gottes, die sich über die ausbreitet, die ihn fürchten, Freude verspürt (vgl. Lk 1,50).

Zu Beginn haben wir den folgenden Satz vernommen: „Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ (Ps 85,11). Dieser Vers des Psalms beinhaltet die Prophezeiung dessen, das sich am vergangenen Freitag in Kolumbien zugetragen hat; die Prophezeiung und die Gnade Gottes gegenüber diesem verletzten Volk, auf dass es sich wieder erhebe und in einem neuen Leben gehe. Diese prophetischen Worte voller Gnade haben wir in den Geschichten der Zeugnisse verlebendigt gesehen. Diese sprachen im Namen der vielen, die ausgehend von ihren Verletzungen mit der Gnade Christi aus sich selbst herausgegangen sind und sich für die Begegnung, die Vergebung und die Versöhnung geöffnet haben.

In Medellín war die Perspektive jene des christlichen Lebens als Jüngerschaft: die Berufung und die Sendung. Wenn Christen sich bis zum Äußersten für den Weg der Nachfolge Jesu Christi einsetzen, werden sie wahrhaft zu Salz, Licht und Sauerteig der Welt, und die Früchte sind in Fülle zu erkennen. Eine dieser Früchte sind die Hogares, d.h. die Häuser, in denen vom Leben verletzte Kinder und Jugendliche eine neue Familie finden können, in der sie geliebt, aufgenommen, beschützt und begleitet werden. Weitere Früchte, die wie Weitrauben in Fülle vorhanden sind, sind die Berufungen zum priesterlichen und geweihten Leben, die ich in einer unvergesslichen Begegnung mit den Geweihten und deren Familienangehörigen mit Freude segnen und ermutigen konnte.

Zum Schluss richtete sich der Schwerpunkt in Cartagena, der Stadt des hl. Petrus Claver, Apostel der Sklaven, auf die Förderung des Menschen und dessen grundlegende Rechte. Der hl. Petrus Claver und in der jüngeren Vergangenheit Maria Bernarda Bütler gaben ihr Leben für die Ärmsten und am meisten Ausgegrenzten hin, und so wiesen sie den Weg der wahren Revolution, der evangelischen und nicht ideologischen, die die Menschen und die Gesellschaften wahrhaft aus der Versklavung von gestern und leider auch von heute befreit. In diesem Sinne bedeutet das Motto der Reise „den ersten Schritt zu machen“ sich anzunähern, sich zu verbeugen, das Fleisch des verletzten und verlassenen Bruders zu berühren, und zwar mit Christus, dem für uns zum Sklaven gewordenen Herrn. Dank ihm gibt es Hoffnung, denn er ist die Barmherzigkeit und der Friede.

Erneut vertraue ich Kolumbien und dessen geliebtes Volk der Mutter, Unserer Lieben Frau von Chiquinquirá an, die ich in der Kathedrale von Bogotá vehren konnte. Möge jedreer Kolumbianer mit der Hilfe Mariens jeden Tag den ersten Schritt auf den Bruder und die Schwester hinzu machen und so gemeinsam, Tag für Tag, in Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit Frieden stiften.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Angelus: „Die Liebe hilft, die Wahrheit zu verstehen“

Cartagena, Angelus, 10. September 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Worte von Papst Franziskus beim Angelus in Cartagena — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden die offizielle Übersetzung der Worte von Papst Franziskus beim Angelus von Sonntag, dem 10. September 2017, vor der Kirche des hl. Petrus Claver in Cartagena (de Indias), in Kolumbien.

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Liebe Brüder und Schwestern,

kurz bevor ich diese Kirche betreten habe, in der sich die Reliquien des heiligen Petrus Claver befinden, habe ich die Grundsteine jener Einrichtungen gesegnet, die dazu bestimmt sind, Personen in schweren Notlagen beizustehen, und ich habe das Haus von Frau Lorenza besucht, wo sie täglich viele unserer Brüder und Schwestern aufnimmt, um ihnen Speise und Zuneigung zu geben. Diese Treffen tun mir sehr gut, weil man hier feststellen kann, wie die Liebe Gottes konkret wird, wie sie zum täglichen Leben wird.

Alle zusammen werden wir den Angelus beten und dabei der Fleischwerdung des Göttlichen Wortes gedenken. Und wir denken an Maria, die Jesus empfangen und zur Welt gebracht hat. Wir betrachten sie heute Vormittag unter der Anrufung Unserer Lieben Frau von Chiquinquirá. Wie Ihr wisst, war dieses Bildnis über einen langen Zeitraum hinweg verwahrlost, hatte seine Farbe verloren und war beschädigt und durchlöchert. Es wurde wie das Stück eines alten Sacks behandelt, ohne jegliche Ehrerbietung, bis es schließlich entsorgt wurde.

Damals wurde eine einfache Frau, die der Überlieferung nach María Ramos hieß, zur ersten Verehrerin der Jungfrau von Chiquinquirá; sie sah auf diesem Tuch etwas anderes. Sie hatte den Mut und den Glauben, dieses verblichene und abgenutzte Bildnis an einem bevorzugten Platz aufzustellen, um ihm so seine verlorene Würde wiederzugeben. Sie wusste, Maria, die Jesus in ihren Armen hielt, gerade in dem zu begegnen und zu verehren, was den anderen als vernachlässigbar und nutzlos erschien.

Auf diese Weise ist sie zum Musterbeispiel für all jene geworden, die auf verschiedene Weisen danach suchen, dem Bruders, der aufgrund des Schmerzes und der Wunden des Lebens daniederliegt, seine Würde wieder zu geben; jene, die sich nicht damit abfinden und dafür arbeiten, ihnen würdige Wohnmöglichkeiten zu schaffen und ihnen in ihren dringlichsten Nöten beizustehen, und vor allem beharrlich dafür beten, damit sie den ihnen entrissenen Glanz der Kinder Gottes wiedererlangen können.

Der Herr belehrt uns durch das Beispiel der Demütigen und derjenigen, die nichts zählen. Wenn er María Ramos, einer einfachen Frau, die Gnade gewährt hat, das Bildnis der Jungfrau in der Armut dieses beschädigten Tuches zu beherbergen, so gab er Isabel, einer indigenen Frau, und ihrem Sohn Miguel die Fähigkeit, als Erste dieses Tuch mit dem Bildnis der Jungfrau in verwandelter und erneuerter Form zu erblicken. Sie waren die Ersten, die mit schlichten Augen dieses Stück Tuch völlig erneuert betrachten konnten und darin den Widerschein des göttlichen Lichts sehen konnten, das alles verwandelt und alles neu macht. Den Armen, den Demütigen, denjenigen, die die Gegenwart Gottes betrachten, offenbart sich das Geheimnis der Liebe Gottes mit größerer Deutlichkeit. Sie, die Armen und einfachen Menschen, waren die Ersten, die die Jungfrau von Chiquinquirá gesehen haben und zu ihren Missionaren, zu Verkündern der Schönheit und Heiligkeit der Jungfrau geworden sind.

Und in dieser Kirche werden wir zu Maria beten, die sich selbst „Magd des Herrn“ nannte, und zum heiligen Petrus Claver, dem „Sklaven der Schwarzen für immer“, wie er sich seit dem Tag seiner feierlichen Profess nennen ließ. Er wartete auf die Schiffe, die von Afrika am Hauptort des Sklavenhandels der Neuen Welt eintrafen. Oftmals betreute er sie aufgrund der Unmöglichkeit der Kommunikation nur mit Gesten, mit evangelisierenden Gesten. Petrus Claver wusste indessen darum, dass die Sprache der Liebe und der Barmherzigkeit von allen verstanden wird. Eine Liebkosung geht über jede Sprache hinaus. Tatsächlich hilft die Liebe, die Wahrheit zu verstehen, und die Wahrheit fordert Taten der Liebe ein: Sie gehören zusammen, sie können nicht getrennt werden. Wenn er ihnen gegenüber Widerwillen verspürte – denn die Ärmsten kamen oft in einem widerlichen Zustand an –, küsste Petrus Claver die Wunden.

Nachdem er, geradezu in heroischer Weise bescheiden und von der Nächstenliebe bestimmt, hunderttausende Menschen in ihrer Einsamkeit getröstet hatte, starb er nicht in Ehren; alle hatten ihn vergessen, und er verbrachte die letzten vier Jahre seines Lebens krank in seiner Zelle, in einem schrecklichen Zustand der Verlassenheit. Das ist der Lohn der Welt, aber Gott entlohnt auf eine andere Weise.

Tatsächlich hat Petrus Claver auf großartige Weise für den Verantwortungssinn und die Anteilnahme Zeugnis abgelegt, die jeder von uns für seine Brüder und Schwestern haben soll. Dieser Heilige wurde des Weiteren ungerechterweise beschuldigt, aufgrund seines Eifers indiskret zu sein und musste sich harter Kritik sowie einem zähen Widerstand seitens derer stellen, die befürchteten, dass sein Dienst den lukrativen Sklavenhandel untergraben würde.

Dennoch werden heute in Kolumbien und auf der Welt Millionen von Personen wie Sklaven verkauft, oder aber sie betteln um etwas Menschlichkeit, um einen Augenblick der Sanftmut, sie stechen in See oder machen sich auf den Weg, weil sie alles verloren haben, angefangen von ihrer Würde und ihren eigenen Rechten.

Maria von Chiquinquirá und Petrus Claver laden uns ein, uns für die Würde all unserer Brüder und Schwestern einzusetzen, insbesondere für die Armen und die von der Gesellschaft Verstoßenen, für die Verlassenen, für die Auswanderer, für die unter Gewalt und Sklavenhandel Leidenden.  Sie alle haben ihre Würde und sind lebendiges Abbild Gottes. Wir alle sind nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen und die Jungfrau hält uns alle als ihre geliebten Kinder in ihren Armen.

Richten wir unser Gebet an die Jungfrau und Mutter, damit sie uns in jedem Menschen unserer Zeit das Angesicht Gottes entdecken lasse.

[Der Engel des Herrn…, Segen]

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NACH DEM ANGELUS

Liebe Brüder und Schwestern,

von diesem Ort aus möchte ich jedem einzelnen Land Lateinamerikas mein Gebet versichern und in besonderer Weise dem Nachbarland Venezuela. Ich bekunde meine Nähe jedem einzelnen der Söhne und Töchter dieses geliebten Landes wie auch denen, die hier in Kolumbien Aufnahme gefunden haben. Aus dieser Stadt, dem Sitz der Menschenrechte, mache ich einen Aufruf, damit jede Art von Gewalt im politischen Leben erliege und sich eine Lösung der schweren Krise finden lässt, die zur Zeit durchlebt wird und die alle in Mitleidenschaft zieht, besonders die Armen und Benachteiligten der Gesellschaft. Möge die Heilige Jungfrau Maria ihre Fürsprache für die Nöte der Welt und jedes einzelne ihrer Kinder einlegen.

Ich grüße auch euch hier Anwesenden, die aus diversen Orten hergekommen sind, ebenso jene, die diesen Besuch im Radio oder im Fernsehen verfolgen. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

Und jetzt möchte ich euch den Segen geben. Jeder von uns möge, bevor er den Segen empfängt, in sein Herz die Namen der Personen legen, die wir am meisten lieben, und auch die Namen der Personen, die wir nicht lieben, die Namen der Personen, die uns lieben, und die Namen der Personen, von denen wir wissen, dass sie uns nicht lieben, für alle und für jeden einzelnen erbitten wir den Segen.

[Stilles Gebet, Segen]

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Quelle

Messe in Cartagena: „Die Würde der Person und die Menschenrechte“

Cartagena, Messe, 10. September 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Predigt von Papst Franziskus bei der Messe in Cartagena — Volltext

Wir übernehmen die offizielle Übersetzung der Predigt von Papst Franziskus bei der Abschlussmesse seiner Kolumbien-Reise, die er am gestrigen Sonntag, dem 10. September 2017, in Cartagena (de Indias) feierte.

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»Die Würde der Person und die Menschenrechte«

In dieser Stadt, die wegen ihrer Ausdauer bei der Verteidigung der errungenen Freiheit vor zweihundert Jahren die „Heldenhafte“ genannt wurde, feiere ich die letzte heilige Messe während dieser Reise. Zudem ist Cartagena de Indias seit 32 Jahren Sitz der Menschenrechte in Kolumbien, weil man als Volk hier würdigt, dass »dank der Gruppe von Missionaren, die von den jesuitischen Geistlichen Pedro Claver y Corberó und Alonso de Sandoval sowie Bruder Nicolás González gebildet wurde und der sich viele Söhne und Töchter der Stadt Cartagena de Indias im 17. Jahrhundert angeschlossen haben, die Bemühung entstand, die Situation der Unterdrückten jener Epoche leichter zu machen, vornehmlich der Sklaven, für die sie Respekt und Freiheit verlangten« (Kolumbien-Kongress 1985, Gesetz 95, Art. 1).

Hier am Gnadenort des heiligen Petrus Claver, wo auf kontinuierliche und systematische Weise die Besprechung, die Reflexion und die Überprüfung hinsichtlich der Fortschritte und der Gültigkeit der Menschenrechte in Kolumbien stattfinden, spricht das Wort Gottes heute von Vergebung, Korrektur, Gemeinschaft und Gebet.

In der vierten Rede des Matthäusevangeliums spricht Jesus zu uns, die wir uns entschieden haben, auf die Gemeinschaft zu setzen, die wir das Leben in Gemeinschaft schätzen und von einem Plan träumen, der alle einbezieht. Der vorausgehende Text ist die Stelle des Guten Hirten, der die neunundneunzig Schafe zurücklässt, um dem verlorenen nachzugehen, und dieser Duft durchzieht die ganze Rede, die wir gerade gehört haben: Es gibt keinen noch so Verlorenen, der nicht unsere Sorge verdiente, unsere Nähe und unsere Vergebung. Aus diesem Blickwinkel heraus versteht man also, dass ein Versagen, eine von jemandem begangene Sünde uns alle fragend macht, aber zunächst einmal das Opfer der Sünde des Bruders angeht; und dieser ist aufgerufen, die Initiative zu ergreifen, damit der, der ihm Böses getan hat, nicht verloren gehe. Die Initiative ergreifen: Wer die Initiative ergreift, ist immer der Mutigere.

In diesen Tagen habe ich viele Zeugnisse von Personen gehört, die auf jene zugegangen sind, die ihnen Böses getan haben. Furchtbare Verletzungen habe ich an ihren Körpern gesehen; nicht wieder gutzumachende Verluste, über die sie immer noch weinen. Und doch sind diese Menschen losgegangen und haben den ersten Schritt getan auf einer anderen Straße als denen, die schon beschrittenen wurden. Denn Kolumbien sucht seit Jahrzehnten den Frieden, und es war, wie Jesus lehrt, nicht genug, dass die beiden Parteien sich annäherten und einen Dialog führten. Es war nötig, dass sich viele andere Akteure in diesen Dialog der Wiedergutmachung der Sünden einschalteten. »Hört [dein Bruder] aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir« (Mt 18,16), sagt uns der Herr im Evangelium.

Wir haben gelernt, dass diese Wege der Versöhnung, des Vorrangs der Vernunft über die Vergeltung, der zerbrechlichen Harmonie zwischen Politik und Recht nicht die Vorgänge im Volk umgehen können. Es genügt nicht, gesetzliche Rahmen und institutionelle Vereinbarungen zwischen politischen und wirtschaftlichen Gruppen guten Willens zu planen. Jesus findet die Lösung zum vollbrachten Bösen in der persönlichen Begegnung zwischen den Parteien. Zudem ist es immer wertvoll, in unsere Friedensprozesse die Erfahrungen von Bereichen einzubeziehen, die vielfach aus dem Blickfeld geraten sind, damit eben die Gemeinschaften die Abläufe des kollektiven Gedächtnisses färben mögen. »Der hauptsächliche Urheber und der historische Träger dieses Prozesses sind die Menschen und ihre Kultur, nicht eine Klasse, eine Fraktion, eine Gruppe, eine Elite – alle Menschen und ihre Kultur –. Wir brauchen keinen Plan einiger weniger für einige wenige, oder einer erleuchteten bzw. stellvertretenden Minderheit, die sich ein Kollektiv-Empfinden aneignet. Es geht um ein Abkommen für das Zusammenleben, um eine gesellschaftliche und kulturelle Übereinkunft« (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 239).

Wir können einen großen Beitrag zu dieser neuen Gangart leisten, die Kolumbien durchführen will. Jesus weist uns darauf hin, dass dieser Weg der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft mit einem Dialog zu zweit beginnt. Nichts kann diese wiedergutmachende Begegnung ersetzen; kein kollektiver Prozess kann uns von der Herausforderung entbinden, sich zu begegnen, sich auszusprechen und zu verzeihen. Die tiefen Wunden der Geschichte erfordern notwendigerweise Instanzen, wo Gerechtigkeit walte; wo es den Opfern ermöglicht werde, die Wahrheit zu erfahren; wo der Schaden gebührend wiedergutgemacht werde und wo man eindeutig handeln möge, um eine Wiederholung derartiger Untaten zu vermeiden. Aber mit all dem stehen wir noch an der Schwelle der christlichen Erfordernisse. Uns Christen ist aufgegeben, „von unten her“ einen kulturellen Wandel zu vollbringen: Auf die Kultur des Todes und der Gewalt mit der Kultur des Lebens und der Begegnung zu antworten. Dies sagte schon jener Schriftsteller, der euch und ebenso allen gehört: »Jetzt ist es Zeit zu begreifen, dass man dieses kulturelle Unglück nicht mit Blei und nicht mit Geld beheben kann, sondern mit einer Erziehung zum Frieden, der mit Liebe auf den Trümmern eines erhitzten Landes aufgebaut wird, wo wir beizeiten aufstehen, um uns immer wieder gegenseitig abzuschlachten … eine legitime Revolution des Friedens, die die immense schöpferische Energie auf das Leben hin kanalisiert; jene Energie, die wir ungefähr zweihundert Jahre lang benutzt haben, um uns zu zerstören, und die jetzt einfordern und hervorheben möge die Vorherrschaft der Fantasie« (Gabriel García Márquez, Botschaft über den Frieden 1998).

Wieviel haben wir zugunsten der Begegnung und des Friedens unternommen? Wieviel haben wir unterlassen, als wir zuließen, dass die Barbarei im Leben unseres Volkes Gestalt annahm. Jesus gebietet uns, uns mit diesen Verhaltensmustern auseinanderzusetzen, jenen Lebensstilen, die dem Gemeinwesen weh tun und die Gemeinschaft zerstören. Wie oft werden Vorgänge der Gewalt und soziale Ausschließung „normalisiert“, als normal hingenommen, ohne dass sich unsere Stimme erhebt und unsere Hände prophetisch anklagen! Neben dem heiligen Petrus Claver gab es Tausende Christen, viele von ihnen waren Ordensleute … aber nur eine Handvoll Menschen begann eine Gegenkultur der Begegnung. Der heilige Petrus Claver vermochte es, Hunderttausenden von Schwarzen und von Sklaven, die unter absolut menschenunwürdigen Bedingungen völlig verängstigt und ihrer Hoffnungen beraubt ankamen, wieder Würde und Zuversicht zu geben. Er besaß keine namhaften akademischen Titel; man ging so weit zu behaupten, dass er nur von „mittelmäßiger“ Begabung wäre; er besäße aber den „Genius“, das Evangelium völlig zu leben und denen zu begegnen, die die anderen nur als Ausschuss betrachteten. Einige Jahrhunderte später ist die Spur dieses Missionars und Apostels der Gesellschaft Jesu von der heiligen María Bernarda Bütler aufgenommen worden. Sie hat ihr Leben den Armen und den Ausgestoßenen in dieser Stadt Cartagena gewidmet[1].

Bei der Begegnung, die sich unter uns vollzieht, entdecken wir unsere Rechte wieder und erschaffen unser Leben neu, damit es wieder echt menschlich sei. »Das gemeinsame Haus aller Menschen muss sich weiterhin über dem Fundament eines rechten Verständnisses der universalen Brüderlichkeit und der Achtung der Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens erheben – jedes Mannes und jeder Frau; der Armen, der Alten, der Kinder, der Kranken, der Ungeborenen, der Arbeitslosen, der Verlassenen und derer, die man meint „wegwerfen“ zu können, weil man sie nur als Nummern der einen oder anderen Statistik betrachtet. Das gemeinsame Haus aller Menschen muss auch auf dem Verständnis einer gewissen Unantastbarkeit der erschaffenen Natur errichtet werden« (Ansprache an die Mitglieder der UN-Vollversammlung, 25 September 2015).

Jesus weist uns im Evangelium auf die Möglichkeit hin, dass der andere sich verschließt, eine Veränderung verweigert und an seinem Übel festhält. Wir können nicht verhehlen, dass es Menschen gibt, die in Sünden verharren, welche das Zusammenleben und die Gemeinschaft verletzen. »Ich denke an das erschütternde Drama der Droge, mit der zum Hohn der moralischen und zivilen Gesetze Gewinn gemacht wird«. Dieses Übel bedroht direkt die Würde des Menschen und zerbricht fortschreitend das Abbild, das der Schöpfer in uns hineingelegt hat. Ich verurteile entschlossen diese Wunde, die so viele Menschenleben ausgelöscht hat und die von skrupellosen Zeitgenossen aufrecht erhalten und gefördert wird. Mit dem Leben unserer Brüder und Schwestern darf man nicht spielen, noch ihre Würde beeinträchtigen. Ich mache einen Appell, damit man nach Wegen sucht, dem Rauschgifthandel ein Ende zu bereiten, der nichts anderes tut als überall Tod zu säen, so viele Hoffnungen zunichte zu machen und so viele Familie zu zerstören. Ich denke auch an ein anderes Drama: »an die Zerstörung der natürlichen Ressourcen und die gegenwärtige Umweltverschmutzung, an die Tragödie der Ausbeutung der Arbeitskraft; ich denke an den illegalen Geldhandel wie an die Finanzspekulation, die oft räuberische Züge annimmt und schädlich ist für ganze Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, indem sie Millionen von Menschen der Armut aussetzt; ich denke an die Prostitution, die täglich unschuldige Opfer fordert, vor allem unter den Jüngsten, indem sie ihnen die Zukunft nimmt; ich denke an die Abscheulichkeit des Menschenhandels, an die Verbrechen gegen Minderjährige und die Missbräuche Minderjähriger, an die Sklaverei, die in vielen Teilen der Welt immer noch ihren Schrecken verbreitet, an die oft nicht gehörte Tragödie der Migranten, mit denen in der Illegalität in unwürdiger Weise spekuliert wird« (Botschaft zum Weltfriedenstag 2014, 8). Und man spekuliert sogar mit einer “aseptischen Legalität” des Pazifismus, die nicht auf das Fleisch des Bruders oder der Schwester achtet, welches das Fleisch Christi ist. Auch dafür müssen wir vorbereitet sein und unbeirrt Position beziehen auf den Prinzipien der Gerechtigkeit, die nichts von der Nächstenliebe wegnehmen. Es ist nicht möglich, in Frieden zusammenzuleben, ohne nichts mit dem zu tun zu haben, was das Leben korrumpiert und es gefährdet. In diesem Zusammenhang erinnere ich an alle, die mutig und unermüdlich für die Verteidigung und die Wahrung der Rechte der menschlichen Person und ihrer Würde gearbeitet und sogar ihr Leben gelassen haben. Wie von ihnen, so fordert die Geschichte auch von uns, die Verteidigung der Menschenrechte endgültig auf uns zu nehmen, hier in Cartagena de Indias, dem Ort, den ihr zum nationalen Sitz dafür gewählt habt.

Schließlich bittet uns Jesus, gemeinsam zu beten. Unser Gebet möge symphonisch sein, mit persönlichem Klang und verschiedenem Akzent, das aber auf einmütige Weise einen einzigen Schrei erhebt. Ich bin gewiss, dass wir heute gemeinsam für die Rettung jener beten, die im Irrtum waren, und nicht für ihre Vernichtung; dass wir für die Gerechtigkeit beten und nicht für die Rache, für den Wiederaufbau in der Wahrheit und nicht im Vergessen. Beten wir dafür, dass das Motto dieses Besuchs eingelöst werde: „Machen wir den ersten Schritt!“; und dass dieser erste Schritt in eine gemeinsame Richtung gehe.

„Den ersten Schritt machen“ heißt vor allem, den anderen mit Christus, dem Herrn, entgegenzugehen. Er bittet uns immer, einen entschiedenen und sicheren Schritt hin zu den Brüdern und Schwestern zu machen und dabei auf den Anspruch zu verzichten, Verzeihung zu erlangen, ohne zu verzeihen, und geliebt zu werden, ohne zu lieben. Wenn Kolumbien einen stabilen und dauerhaften Frieden will, muss es dringend einen Schritt in diese Richtung tun, die jene des Gemeinguts, der Chancengleichheit, der Gerechtigkeit, der Achtung der menschlichen Natur und ihrer Bedürfnisse ist. Nur wenn wir dabei helfen, die Knoten der Gewalt zu lösen, entwirren wir das komplizierte Knäuel der Zusammenstöße: Von uns wird verlangt, den Schritt zur Begegnung mit den Geschwistern zu tun und dabei den Mut zu einer Korrektur zu haben, die nicht zurückweisen, sondern einbeziehen will; von uns wird verlangt, in Liebe darin fest zu bleiben, was nicht verhandelbar ist; schließlich ist die Aufgabe, den Frieden aufzubauen, indem man »nicht mit dem Mund, sondern mit den Händen und den Werken« spricht (heiliger Petrus Claver) und indem man gemeinsam die Augen zum Himmel erhebt: Er ist imstande, jenes zu lösen, was uns unmöglich erscheint. Er hat uns verheißen, uns bis zum Ende der Zeiten zu begleiten, und Er wird eine so große Bemühung nicht ohne Frucht lassen.


Verabschiedung (nach der Kommunion)

Zum Abschluss dieser Feier möchte ich mich beim Erzbischof von Cartagena Jorge Enrique Jiménez Carvajal für die freundlichen Worte bedanken, die er im Namen seiner Brüder im Bischofsamt und des ganzen Volkes Gottes an mich gerichtet hat.

Ich danke dem Präsidenten Juan Manuel Santos für seine Einladungen, das Land zu besuchen, den Vertretern des öffentlichen Lebens sowie allen, die sich mit uns in dieser Eucharistiefeier hier oder durch die Medien verbunden haben.

Ich bin dankbar für den Einsatz und die Zusammenarbeit, die diesen Besuch möglich gemacht haben. Es sind so viele, die mitgearbeitet und ihre Zeit und ihre Verfügbarkeit geschenkt haben. Es waren intensive und schöne Tage, in denen ich so vielen Menschen begegnen und viele Aktivitäten kennenlernen konnte, die mein Herz berührt haben. Ihr habt mir viel Gutes getan.

Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte euch noch ein letztes Wort sagen: Bleiben wir nicht dabei stehen, den „ersten Schritt zu tun“, sondern machen wir uns weiterhin täglich zusammen auf den Weg, um dem anderen auf der Suche nach Harmonie und Brüderlichkeit entgegenzugehen. Wir können nicht stillstehen. Am 8. September 1654 starb genau hier der heilige Petrus Claver. Er hatte vierzig Jahre der freiwilligen Sklaverei, der unermüdlichen Arbeit für die Ärmsten hinter sich. Er blieb nicht stehen; nach dem ersten Schritt folgten viele weitere. Sein Beispiel hilft uns, aus uns selbst herauszugehen, um dem Nächsten entgegenzugehen. Kolumbien, dein Bruder braucht dich. Geh ihm entgegen und bring ihm die Umarmung des Friedens, frei von aller Gewalt, „Sklaven des Friedens für immer“.

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FUSSNOTEN

[1] Auch sie hatte die Klugheit der Liebe und vermochte Gott im Nächsten zu finden. Keiner von beiden legte angesichts der Ungerechtigkeit und der Schwierigkeiten die Hände in den Schoß. Denn »wenn ein Konflikt entsteht, schauen einige nur zu und gehen ihre Wege, als ob nichts passiert wäre. Andere gehen in einer Weise darauf ein, dass sie zu seinen Gefangenen werden, ihren Horizont einbüßen und auf die Institutionen ihre eigene Konfusion und Unzufriedenheit projizieren. Damit wird die Einheit unmöglich. Es gibt jedoch eine dritte Möglichkeit, und dies ist der beste Weg, dem Konflikt zu begegnen. Es ist die Bereitschaft, den Konflikt zu erleiden, ihn zu lösen und ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses zu machen« (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 227).

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Quelle

Kolumbien: FARC-Chef bittet Papst um Vergebung

FARC-Chef Rodrigo Londono Echeverry bei einer Kundgebung Anfang September.

Der Anführer der kolumbianischen Ex-Guerilla FARC, Rodrigo Londono Echeverry, hat Papst Franziskus in einem Brief um Vergebung für das Leid gebeten, das seine Organisation in über 50 Jahren Bürgerkrieg verursacht habe. „Ihre wiederholten Hinweise auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes bewegen mich dazu, Sie um Vergebung anzuflehen für jegliche Träne oder jeden Schmerz, den wir dem Volk Kolumbiens oder einem seiner Mitglieder verursacht haben“, schrieb er in einem am Freitag in kolumbianischen Medien veröffentlichten Brief an den Papst.

Londono alias „Timochenko“ bat um Entschuldigung dafür, dass er den Papst aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich treffen könne. Er versicherte ihm jedoch, dass die FARC „jeglichem Ausdruck von Hass oder Gewalt“ abschwören wollten und die feste Absicht hegten, ihrerseits all jenen zu verzeihen, die bisher ihre Feinde waren. „Wir empfinden die Reue, welche nötig ist, um unsere eigenen Fehler zu sehen und um allen Opfern unserer Handlungen um Vergebung zu bitten“, so der Oppositionspolitiker, der bis vor einem Jahr Rebellenchef war.

Die Grundabsicht seiner Gruppierung sei eine gute gewesen, strich „Timochenko“ hervor: Man habe Gerechtigkeit für die Ausgeschlossenen und Verfolgten Kolumbiens sowie die Überwindung von Ungleichheit und Benachteiligungen angestrebt. Dankbar äußerte er sich für Äußerungen des Papstes, wonach Gott die Ausbeutung armer Länder durch reiche ebenso missfalle wie die Verweigerung von Vielfalt oder die Missachtung der Menschenwürde durch Gewinnstreben.

Seiner Bewunderung für Franziskus verlieh Londono sehr starken Ausdruck. „Seit Sie den ersten Schritt in mein Land gesetzt haben, spüre ich, dass sich endlich etwas ändern wird“, so der marxistische Anführer. Der Papst hinterlasse einen tiefen Eindruck in der Geschichte des Landes, mobilisiere alle Bevölkerungsteile und gebe ihnen eine Botschaft, auch sorge er für „Tränen der Emotion bei Männern, Frauen und Kindern… Nur ein Heiliger wie Sie bringt das zustande“, schrieb Londono.

(kap 09.09.2017 nh)

Messe in Villavicencio: „Die Geburt Mariäs ist der neue Morgen“

Villavicencio, Messe, 8. September 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Predigt von Papst Franziskus — Volltext

Wir dokumentieren in einer vorläufigen Übersetzung die am heutigen Freitag, dem 8. September 2017, von Papst Franziskus bei der Messe mit zwei Seligsprechungen in Villavicencio gehaltene Predigt.

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Deine Geburt, Jungfrau und Gottesgebärerin, ist der neue Morgen, der der ganzen Welt Freude gebracht hat. Denn aus dir ging hervor die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, unser Gott (vgl. Benedictus-Antiphon). Das Fest der Geburt Mariens wirft sein Licht auf uns, so wie das sanfte Morgenlicht die weite Ebene Kolumbiens, diese wunderbare Landschaft, deren Eintrittstor Villavicencio ist, durchflutet und ebenso in der reichen Verschiedenheit der indigenen Völker erstrahlt.

Maria ist der erste Lichtschein, der das Ende der Nacht und vor allem den nahen Tag ankündigt. Ihre Geburt lässt uns die liebevolle, zärtliche, erbarmende Initiative der Liebe erahnen, mit der Gott sich bis zu uns herabneigt und uns zu einem wunderbaren Bund mit ihm ruft, den nichts und niemand zerstören können wird.

Maria war für das Licht Gottes durchlässig und hat den Schein dieses Lichts in ihrem Haus widergespiegelt, das sie mit Josef und Jesus teilte, wie auch in ihrem Volk, in ihrem Land und in jenem gemeinsamen Haus der ganzen Menschheit, das die Schöpfung ist.

Im Evangelium haben wir den Stammbaum Jesu gehört (vgl. Mt 1,1-17), der nicht eine bloße Auflistung von Namen ist, sondern lebendige Geschichte, die Geschichte eines Volks, mit dem Gott auf dem Weg ist. Dadurch, dass er zu einem von uns wurde, verkündete er uns, dass in seinem Blut die Geschichte der Gerechten und Sünder fließt, dass unser Heil nicht ein steriles Heil aus dem Labor ist, sondern konkret aus dem Leben, das unterwegs ist. Diese lange Liste sagt uns, dass wir ein kleiner Teil einer großen Geschichte sind. Sie hilft uns, nicht den Anspruch zu erheben, ganz im Mittelpunkt stehen zu müssen, und sie hilft uns, der Versuchung einer Flucht in eine Spiritualisierung zu widerstehen und uns nicht von den historischen Gegebenheiten zu lösen, in denen wir zu leben haben. Darüber hinaus schließt sie in unsere Heilsgeschichte die dunkleren oder traurigeren Seiten ein, die Augenblicke der Trostlosigkeit und der Verlassenheit, die der Verbannung ähnlich sind.

Die Erwähnung der Frauen – keine von den im Stammbaum genannten Frauen gehört der Hierarchie der großen Frauengestalten des Alten Testaments an – erlaubt uns eine besondere Annäherung: Sie verkünden im Stammbaum, dass in den Adern Jesu auch heidnisches Blut fließt, und sie erinnern uns an Geschichten der Ausgrenzung und der Unterwerfung. In Gemeinschaften, in denen wir immer noch patriarchalische und chauvinistische Haltungen mit uns tragen, ist es gut zu sagen, dass das Evangelium mit der Hervorhebung von Frauen beginnt, die eine Richtung vorgegeben haben und Geschichte geschrieben haben.

Und inmitten all dessen: Jesus, Maria und Josef. Maria machte durch ihr großherziges „Ja“ möglich, dass Gott diese Geschichte auf sich lud. Josef, der Gerechte, ließ nicht zu, dass Stolz, Leidenschaft oder Übereifer ihn von diesem Licht ausschlossen. Aufgrund des Aufbaus der Erzählung wissen wir vor Josef, was mit Maria geschehen ist. Und er trifft Entscheidungen, durch die er seine menschliche Größe unter Beweis stellt, noch bevor der Engel ihm half, all das, was sich um ihn herum zutrug, begreifen zu können. Der Edelmut seines Herzens lässt ihn das, was er vom Gesetz gelernt hat, der Liebe unterordnen. Heute stellt sich Josef dieser Welt, in der die psychische, verbale und physische Gewalt gegenüber der Frau offenkundig ist, als Gestalt eines respektvollen und feinfühligen Mannes dar, der, obwohl er nicht im Besitz aller Informationen ist, sich zugunsten des guten Rufs, der Würde und des Lebens Marias entscheidet. Und in seinem Zweifel, wie er am besten handeln soll, half ihm Gott bei der Wahl mit dem Licht der Gnade für sein Urteil.

Dieses Volk Kolumbiens ist Gottes Volk; auch hier können wir Stammbäume mit ihren Geschichten erstellen; viele sind voll von Liebe und Licht; andere von Auseinandersetzungen, Beleidigungen und auch Tod … Wie viele von euch können von Erfahrungen der Verbannung und der Trostlosigkeit erzählen! Wie viele Frauen sind in Stille allein weitergegangen und wie viele gute Menschen haben versucht, Missgunst und Groll beiseite zu lassen, indem sie Gerechtigkeit mit Güte verbanden. Wie können wir das Licht eintreten lassen? Welches sind die Wege zur Versöhnung? Wie Maria „Ja“ zur ganzen Geschichte sagen und nicht nur zu einem Teil; wie Josef, Leidenschaften und Stolz beiseitelegen; wie Jesus Christus diese Geschichte auf uns laden, annehmen, umarmen, weil wir uns, alle Kolumbianer darin befinden, weil hier das ist, was wir sind … und das, was Gott für uns tun kann, wenn wir „Ja“ zur Wahrheit, zur Güte, zur Versöhnung sagen. Dies ist nur dann möglich, wenn wir unsere Geschichten der Sünde, der Gewalt, der Konflikte mit dem Licht des Evangeliums erfüllen.

Versöhnung ist nicht ein abstraktes Wort; wenn dem so wäre, würde sie nur Sterilität, ja Distanz bringen. Sich versöhnen heißt, allen und jedem Menschen, welche das Drama des Konflikts erlebt haben, eine Tür zu öffnen. Wenn die Opfer die verständliche Versuchung zur Rache überwinden, werden sie zu den glaubwürdigsten Vertretern der Prozesse zum Aufbau des Friedens. Es ist nötig, dass einige den Mut fassen, den ersten Schritt in diese Richtung zu tun, ohne darauf zu warten, dass die anderen es tun. Es genügt eine gute Person, damit es Hoffnung gibt! Und ein jeder von uns kann diese Person sein! Dies bedeutet nicht, Unterschiede und Konflikte zu verkennen oder zu verschleiern. Es bedeutet nicht, persönliche oder strukturelle Ungerechtigkeiten zu legitimieren. Der Rückgriff auf die Versöhnung darf nicht dazu dienen, sich Situationen der Ungerechtigkeit zu fügen. Vielmehr ist sie, wie der heilige Johannes Paul II. lehrte, »eine Übereinkunft zwischen Brüdern, die bereit sind, die Versuchungen des Egoismus zu überwinden und das Streben nach Pseudogerechtigkeit aufzugeben; sie ist die Frucht entschlossener, edler und großzügiger Empfindungen, die dazu anleiten, eine Übereinkunft zu erzielen, die sich auf die Anerkennung jedes einzelnen Menschen sowie auf die Werte der zivilen Gesellschaft gründet« (Brief an die Bischöfe von El Salvador, 6. August 1982). Die Versöhnung konkretisiert und verfestigt sich demnach durch den Beitrag aller, sie ermöglicht, die Zukunft aufzubauen und Hoffnung wachsen zu lassen. Jede Friedensbemühung ohne eine ehrliche Verpflichtung zur Versöhnung wird scheitern.

Der Text des Evangeliums, den wir gehört haben, findet seinen Höhepunkt, wenn Jesus Immanuel – „Gott mit uns“ – genannt wird. So wie Matthäus sein Evangelium beginnt, beschließt er es: »Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (28,20). Dieses Versprechen verwirklicht sich auch in Kolumbien: der Bischof von Arauca Jesús Emilio Jaramillo Monsalve und der Märtyrerpriester von Armero Pedro María Ramírez Ramos sind Zeichen dafür, Ausdruck eines Volkes, das dem Morast der Gewalt und des Grolls entkommen will.

In dieser wunderbaren Umgebung liegt es an uns, „Ja“ zur Versöhnung zu sagen; und das „Ja“ möge auch unsere Natur einschließen. Es ist kein Zufall, dass wir unsere Besitzgier und unser Herrschaftsstreben auch an ihr ausgelassen haben. Ein Landsmann von euch besingt es schön: »Die Bäume weinen, sie sind Zeugen so vieler Jahre an Gewalt. Das Meer ist braun, es vermischt Blut mit Erde« (Juanes, Minas piedras). Die Gewalt des von der Sünde verwundeten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken (vgl. Enzyklika Laudato si’, 2). Es liegt an uns, wie Maria „Ja“ zu sagen und mit ihr die »Großtaten des Herrn« zu besingen, weil er, wie er unseren Vätern verheißen hat, allen Völkern und jedem Volk hilft; er hilft Kolumbien, das sich heute versöhnen will, und seiner Nachkommenschaft auf ewig.

[01231-DE.01] [Originalsprache: Spanisch]

SS. Francesco
08-09-2017 Messa Villavicencio-Viaggio Colombia
@Servizio Fotografico – L’Osservatore Romano

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Quelle

Papstansprache an Lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM

Papst Franziskus bei der Ansprache – RV

Ansprache von Papst Franziskus
bei der Begegnung mit dem Leitungskomitee
des Lateinamerikanischen Bischofsrats (CELAM) (rv)

Liebe Mitbrüder,

danke für diese Begegnung und für die herzlichen Willkommensworte des Präsidenten der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz. Hätte es nicht die Erfordernisse des Reiseplans gegeben, so wäre ich gerne am Sitz des CELAM mit euch zusammengetroffen. Ich danke euch für die Liebenswürdigkeit, heute hier anwesend zu sein.

Ich spreche euch meinen Dank aus für das Bemühen, diese kontinentale Bischofskonferenz in ein Zuhause im Dienst der Verbundenheit und der Sendung der Kirche in Lateinamerika zu verwandeln; in ein Antriebszentrum für das Bewusstsein als Jünger und in der Mission; in eine lebendige Referenz für das Verständnis und die Vertiefung der lateinamerikanischen Katholizität, die durch dieses Organ der Verbundenheit über Jahrzehnte des Dienstes Stufe um Stufe umrissen wurde. Und ich nütze die Gelegenheit, um die jüngsten Bemühungen zu ermutigen, die zum Ziel haben, diese kollegiale Fürsorge durch den Solidaritätsfonds der Lateinamerikanischen Kirche zum Ausdruck zu bringen.

Von Aparecida lernen

Vier Jahre ist es her, dass ich in Rio de Janeiro die Gelegenheit hatte, zu euch über das pastorale Erbe von Aparecida zu sprechen, dem bisher letzten synodalen Ereignis der Lateinamerikanischen und Karibischen Kirche. Damals unterstrich ich die fortwährende Notwendigkeit, von seiner Vorgehensweise zu lernen, die wesentlich in der Beteiligung der lokalen Kirchen besteht und in Übereinstimmung mit den Pilgern ist, die unterwegs sind auf der Suche nach dem demütigen Angesicht Gottes, das sich in der aus dem Wasser gefischten Jungfrau Maria, Unserer Lieben Frau von Aparecida, zeigen wollte; diese Vorgehensweise verlängert sich hinein in die Kontinentalmission, die nicht die Summe von programmatischen Initiativen sein will, welche die Terminkalender füllen und zudem wertvolle Energien vergeuden, sondern die Bemühung, die Sendung Jesu ins Herz der Kirche selbst zu legen, so dass diese Sendung zum Kriterium gewandelt wird, um die Effizienz der Strukturen, die Ergebnisse ihrer Arbeit, die Fruchtbarkeit ihrer Diener und die Freude zu messen, die hervorzurufen sie fähig sind. Denn ohne Freude zieht man niemanden an.

In meiner Ansprache hielt ich mich damals bei den – immer noch gegenwärtigen – Versuchungen der Ideologisierung der Botschaft des Evangeliums auf, des kirchlichen Funktionalismus und des Klerikalismus, weil die Erlösung, die Christus uns bringt, immer auf dem Spiel steht. Diese Erlösung muss mit Kraft ans Herz des Menschen gelangen, um seine Freiheit herauszufordern, indem sie ihn zu einem fortwährenden Exodus aus seiner eigenen Selbstbezogenheit hin zur Verbundenheit mit Gott und den Mitbrüdern einlädt.

Mit der unverwechselbaren Stimme des Vaters zum Sohn

Wo Gott in Jesus zum Menschen spricht, tut er das weder mit einem unbestimmten Zuruf wie an einen Fremden, noch mit einer unpersönlichen Einberufung, wie das ein Notar tun würde, noch mit einer Erklärung von zu erfüllenden Vorschriften, wie das jeder beliebige Sakralfunktionär tut. Gott spricht zum Menschen mit der unverwechselbaren Stimme des Vaters zum Sohn, und er respektiert sein Geheimnis, weil er ihn mit seinen eigenen Händen geformt und ihn zur Fülle bestimmt hat. Die größte Herausforderung für uns als Kirche ist es, zum Menschen als Sprachrohr dieser Intimität Gottes zu sprechen, die ihn als Sohn betrachtet – selbst wenn er sich von dieser Vaterschaft Gottes lossagt –, weil wir für Ihn immer wiedergefundene Söhne sind.

Man kann deshalb das Evangelium nicht auf ein Programm im Dienst eines modernen Gnostizismus reduzieren, auf ein Programm des sozialen Aufstiegs oder auf eine Konzeption der Kirche als einer Bürokratie, die sich selbst bereichert, wie man die Kirche auch nicht auf eine nach modernen Unternehmenskriterien durch eine klerikale Kaste geleitete Organisation reduzieren kann.

Gemeinschaft der Jünger

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Jünger Jesu; die Kirche ist Geheimnis (vgl. Lumen Gentium, 5) und Volk (vgl. ebd., 9), oder noch besser: In ihr verwirklicht sich das Geheimnis mitten durch das Volk Gottes hindurch.

Deshalb bestand ich auf der missionarischen Jüngerschaft als einem göttlichen Aufruf für dieses dichte und vielschichtige Heute, einem fortwährenden Aufbrechen mit Jesus, um kennenzulernen, wie und wo der Meister wohnt. Und während wir in seiner Gefährtenschaft aufbrechen, lernen wir den Willen des Vaters kennen, der uns immer erwartet. Nur eine Kirche, die – als Braut, Mutter, Magd – auf den Anspruch verzichtet hat, all das zu kontrollieren, was nicht ihr Werk, sondern das Werk Gottes ist, kann auch dann bei Jesus bleiben, wenn sein Nest und sein Obdach das Kreuz ist.

Nähe und Begegnung sind die Werkzeuge Gottes, der in Christus nahegekommen und uns immer begegnet ist. Das Geheimnis der Kirche ist es, als Sakrament dieser göttlichen Nähe und als beständiger Ort dieser Begegnung Gestalt anzunehmen. Daher kommt die Notwendigkeit der Nähe des Bischofs zu Gott, denn in Ihm findet sich die Quelle der Freiheit und der Kraft des Herzens des Hirten, wie auch die Quelle der Nähe zum Heiligen Volk, das ihm anvertraut worden ist. In dieser Nähe lernt die Seele des Apostels, die Leidenschaft Gottes für seine Söhne greifbar zu machen.

Ein Schatz, der immer noch nicht vollständig freigelegt ist

Aparecida ist ein Schatz, der immer noch nicht vollständig freigelegt ist. Ich bin sicher, dass jeder Einzelne von euch wahrnimmt, wie sehr sich der Reichtum von Aparecida in den Kirchen, die ihr im Herzen tragt, eingewurzelt hat. Wie die ersten durch Jesus in missionarischer Absicht ausgesandten Jünger können auch wir mit Begeisterung erzählen, was wir alles getan haben (vgl. Mk 6,30).

Es ist allerdings notwendig, achtsam zu sein. Die unverzichtbaren Wirklichkeiten des menschlichen Lebens und der Kirche sind niemals ein Denkmal, sondern ein lebendiges Erbe. Es ist viel bequemer, sie in Erinnerungen umzuwandeln, deren Jahrestage man feiert: 50 Jahre Medellín, 20 Jahre Kirche in Amerika, 10 Jahre Aparecida! Es geht stattdessen um etwas anderes: Den Reichtum eines solchen Patrimoniums (pater – munus) zu bewahren und fließen zu lassen, das macht das munus [lat. Aufgabe, Pflicht, Amt, Dienst] unserer bischöflichen Vaterschaft gegenüber der Kirche unseres Kontinents aus.

Ihr alle wisst, dass das erneuerte Bewusstsein davon, dass am Anfang von allem immer die Begegnung mit dem lebendigen Christus steht, es seinen Jüngern abverlangt, dass sie die familiäre Vertrautheit mit ihm pflegen; andernfalls trübt sich das Antlitz des Herrn, die Mission verliert ihre Kraft, die Umkehr in der Pastoral geht zurück. Zu beten und die Vertrautheit mit Christus zu pflegen ist deshalb die unaufschiebbarste Aktivität unserer pastoralen Sendung.

Alleinsein mit dem Herrn

Zu seinen Jüngern, die begeistert waren von der erfüllten Sendung, sagte Jesus: „Kommt ihr allein mit an einen einsamen Ort“ (Mk 6,31). Wir brauchen dieses Alleinsein mit dem Herrn noch mehr, um das Herz der Sendung der Kirche in Lateinamerika in ihrer gegenwärtigen Situation wiederzufinden. Es gibt so viel an innerer und ebenso an äußerer Zerstreuung! Die Vielzahl an Ereignissen, die Fragmentierung der Wirklichkeit, die Augenblicklichkeit und die Geschwindigkeit des Jetzt könnten uns in die Zerstreuung und in die Leere fallen lassen. Die Einheit wiederzufinden, ist ein Gebot.

Wo ist diese Einheit? Immer in Jesus. Was die Mission beständig macht, ist nicht die Begeisterung, die das großmütige Herz des Missionars entflammt, wenngleich sie immer notwendig ist; vielmehr ist es die Gefährtenschaft Jesu mittels seines Geistes. Wenn wir nicht mit Ihm in die Mission aufbrechen, verlieren wir bald den Weg, da wir uns der Gefahr aussetzen, unsere leeren Notwendigkeiten mit seiner Sache zu verwechseln. Wenn nicht Er der Grund unseres Aufbrechens ist, wird es leicht sein, den Mut zu verlieren mitten in der Mühsal des Weges, oder gegenüber dem Widerstand der Adressaten der Mission, oder angesichts der wechselnden Szenarien der Umstände, welche die Geschichte kennzeichnen, oder wegen der Ermüdung der Füße infolge des schleichenden Verschleißes, verursacht durch den Feind.

In einer Situation wie dieser…

Es gehört nicht zur Mission, sich dann der Mutlosigkeit zu überlassen, wenn vielleicht – da die Begeisterung der Anfänge vergangen ist – die Zeit kommt, in der es sehr schwer wird, das Fleisch Christi zu berühren. In einer Situation wie dieser schürt Jesus unsere Ängste nicht. Und da wir wissen, dass wir zu niemand anderem gehen können, weil allein Er Worte ewigen Lebens hat (vgl. Joh 6,68), ist es folglich notwendig, unsere Wahl zu vertiefen.

Was bedeutet es konkret, mit Jesus heute in Lateinamerika in die Mission aufzubrechen? Das Adverb „konkret“ ist nicht ein Detail des literarischen Stils, vielmehr gehört es zum Kern der Frage. Das Evangelium ist immer konkret, niemals eine Übung steriler Spekulationen. Wir kennen wohl die wiederkehrende Versuchung, sich in der Neigung der Gesetzeslehrer zu endlosen Haarspaltereien zu verlieren; sich zu fragen, bis zu welchem Punkt man gehen kann, ohne die Kontrolle über das eigene abgesteckte Territorium oder über die vermeintliche Macht zu verlieren, die diese Abgrenzungen versprechen.

Es ist viel über die Kirche in fortwährendem Zustand der Mission gesprochen worden. Mit Jesus aufzubrechen, ist die Bedingung für eine solche Wirklichkeit. Das Evangelium spricht von Jesus, der – nachdem er vom Vater aufgebrochen ist – mit den Seinen die Felder und Ortschaften Galiläas durchwandert. Es handelt sich nicht um eine nutzlose Wanderung. Während er unterwegs ist, trifft er Menschen; wenn er einen trifft, nähert er sich ihm; wenn er sich ihm nähert, spricht er ihn an; wenn er ihn anspricht, berührt er ihn mit seiner Vollmacht; wenn er ihn berührt, heilt und rettet er ihn. All jene, denen er begegnet, zum Vater zu führen, ist das Ziel seines fortwährenden Aufbrechens, über das wir beständig nachdenken müssen. Die Kirche muss sich die Worte wieder aneignen, die das Wort Gottes in seiner göttlichen Sendung konjugiert. Aufbrechen, um zu begegnen, ohne vorüberzugehen; sich zurücklehnen ohne Nachlässigkeit; berühren ohne Furcht. Es geht darum, dass ihr euch Tag für Tag auf die Arbeit am Feld einlasst, dort, wo das Volk Gottes lebt, das euch anvertraut wurde. Es ist uns nicht erlaubt, uns durch die klimatisierte Luft der Büros, durch die Statistiken und die abstrakten Strategien lähmen zu lassen. Es ist notwendig, sich an den Menschen in seiner konkreten Situation zu wenden; von ihm dürfen wir den Blick nicht abwenden. Die Mission verwirklicht sich in einem Leib an Leib.

Eine Kirche, die fähig ist, Sakrament der Einheit zu sein

Es ist so viel an Zerstreuung in unserem Lebensumfeld zu sehen! Und ich beziehe mich nicht alleine auf die der reichen Vielfalt, die den Kontinent immer charakterisiert hat, sondern auf die Dynamiken der Auflösung. Man muss achtsam sein, um sich nicht in diesen Fallen fangen zu lassen. Die Kirche ist nicht in Lateinamerika, als ob sie die Koffer in der Hand hätte, bereit abzureisen, nachdem sie es ausgeplündert hätte, wie es so viele im Laufe der Zeit getan haben. Die so handeln, schauen mit einem Gefühl der Überlegenheit und der Verachtung auf sein Mestizengesicht; sie trachten danach, seine Seele zu kolonisieren mit denselben gescheiterten und wiederaufbereiteten Formeln einer Vision des Menschen und des Lebens; sie wiederholen gleichbleibende Rezepte und töten so den Patienten, während sie die Ärzte reich machen, die sie schicken; sie wissen nichts von den tiefen Beweggründen, die im Herzen ihres Volkes wohnen und die es stark machen gerade in seinen Träumen, in seinen Mythen, trotz der zahlreichen Ernüchterungen und Misserfolge; sie manipulieren in der Politik und verraten seine Hoffnungen, indem sie hinter sich verbrannte Erde zurücklassen, und ein Terrain, das bereit ist für die ewige Wiederkehr des Gleichen, auch wenn es sich wieder in neuem Gewand präsentiert. Starke Männer und Utopien haben Zauberformeln verheißen, sofortige Antworten, unmittelbare Ergebnisse. Die Kirche muss – ohne menschliche Ansprüche zu stellen und im Respekt gegenüber dem vielgestaltigen Angesicht des Kontinents, das sie nicht als Nachteil, sondern als immerwährenden Reichtum betrachtet – weiterhin demütigen Dienst zum wahren Wohl des lateinamerikanischen Menschen leisten. Sie muss arbeiten, ohne zu ermüden, um Brücken zu bauen, Mauern niederzureißen, die Verschiedenartigkeit zu integrieren, die Kultur der Begegnung und des Dialogs zu fördern, zur Vergebung und zur Versöhnung zu erziehen, zum Sinn für Gerechtigkeit, zur Zurückweisung der Gewalt und zum Mut zum Frieden. Keine dauerhafte Konstruktion in Lateinamerika kann von diesem unsichtbaren, aber wesentlichen Fundament absehen.

Die wesentliche Einheit

Die Kirche kennt, wie wenige sonst, jene weisheitliche Einheit, die jeglicher Realität in Lateinamerika vorausgeht. Sie lebt alltäglich zusammen mit jenem Moralvorrat, auf dem das existentielle Gebäude des Kontinents ruht. Ich bin sicher, dass ihr – während ich davon spreche – diese Wirklichkeit benennen könntet. Mit ihr müssen wir beständig im Dialog sein. Wir dürfen den Kontakt mit diesem Moralsubstrat nicht verlieren, mit diesem vitalen Humus, der dem Herzen unserer Menschen innewohnt, in dem man die fast unterschiedslose, aber zugleich vielsagende Mischung seines Mestizengesichts wahrnimmt: weder ausschließlich indigen, noch spanisch, noch portugiesisch, noch afroamerikanisch, sondern mestizisch, lateinamerikanisch!

Guadalupe und Aparecida sind programmatische Manifestationen dieser göttlichen Kreativität. Wir wissen, dass dies die Basis ist, auf die sich die Volksfrömmigkeit unseres Volkes stützt; es ist Teil seiner anthropologischen Einzigartigkeit; es ist eine Gabe, mit der Gott sich unseren Menschen zu erkennen geben wollte. Die glänzendsten Seiten der Geschichte unserer Kirche wurden genau dann geschrieben, wenn man es verstand, aus diesem Reichtum zu leben, zu diesem verborgenen Herzen zu sprechen, das pochend – wie ein kleines Licht, das aufflammt unter der augenscheinlichen Asche – den Sinn für Gott und für seine Transzendenz bewahrt, die Heiligkeit des Lebens, die Achtung der Schöpfung, die Bande der Solidarität, die Lebensfreude, die Fähigkeit, bedingungslos glücklich zu sein.

Das tiefgründige Lateinamerika

Um zu dieser tiefgründigen Seele zu sprechen, um zum tiefgründigen Lateinamerika zu sprechen, muss die Kirche beständig von Jesus lernen. Das Evangelium sagt, dass er nur in Gleichnissen sprach (vgl. Mk 4,34). Bilder, die einbeziehen und teilnehmen lassen, die die Hörer Seines Wortes in Personen seiner göttlichen Erzählungen verwandeln. Das Gott treue Heilige Volk in Lateinamerika versteht keine andere Weise, über Ihn zu sprechen. Wir sind eingeladen, in die Mission nicht mit kalten Konzepten aufzubrechen, die sich mit dem Möglichen zufriedengeben, sondern mit Bildern, die ihre Kräfte im Herzen des Menschen beständig vervielfachen und entfalten und es so verwandeln in Korn, eingesät in gute Erde, in Sauerteig, der seine Fähigkeit steigert, aus dem Teig Brot zu machen, in Saatkorn, das die Kraft des fruchtbaren Baums in sich birgt.

Eine Kirche, die fähig ist, Sakrament der Hoffnung zu sein

Viele jammern über einen gewissen Mangel an Hoffnung im heutigen Lateinamerika. Uns ist die „Jammermentalität“ nicht erlaubt, denn die Hoffnung, die wir haben, kommt von oben. Außerdem wissen wir, dass das lateinamerikanische Herz durch die Hoffnung unterwiesen worden ist. Wie ein brasilianischer Liedermacher sagte: „Die Hoffnung ist eine Seiltänzerin; sie tanzt auf dem Seil mit einem Regenschirm“ (João Bosco, O Bêbado e a Equilibrista). Wenn man meint, dass sie zu Ende ist: Siehe, hier ist sie neuerlich, wo man sie am wenigsten erwartete. Unser Volk hat gelernt, dass keine Enttäuschung groß genug ist, um es zu beugen. Es folgt dem gegeißelten und sanftmütigen Christus; es versteht es, das Pferd abzusatteln, bis es Tag wird; und es verharrt in der Hoffnung auf seinen Sieg, weil es sich – im Grunde – dessen bewusst ist, dass es nicht völlig dieser Welt angehört.

Es besteht kein Zweifel, dass die Kirche in diesen Landen in besonderer Weise ein Sakrament der Hoffnung ist, doch ist es notwendig, über die Konkretisierung dieser Hoffnung zu wachen. Je transzendenter sie ist, desto mehr muss sie das immanente Gesicht jener verwandeln, die sie besitzen. Ich bitte euch, dass ihr über die Konkretisierung der Hoffnung wacht und mir gestattet, euch einige ihrer in dieser lateinamerikanischen Kirche bereits sichtbaren Gesichter in Erinnerung zu bringen.

Die Hoffnung in Lateinamerika hat ein junges Gesicht

Oftmals wird von den Jugendlichen gesprochen – man trägt Statistiken über den Kontinent der Zukunft vor –, manche bieten Nachrichten an über ihre angebliche Dekadenz und darüber, wie verschlafen sie angeblich sind; andere nützen ihr Potential als Konsumenten; nicht wenige tragen ihnen die Rolle als Handlanger des Drogenhandels und der Gewalt an. Lasst euch nicht gefangen nehmen von diesen Karikaturen über Eure Jugendlichen. Blickt in ihre Augen und sucht in ihnen den Mut der Hoffnung. Es ist nicht wahr, dass sie bereit sind, die Vergangenheit zu wiederholen. Öffnet ihnen konkrete Räume in den Teilkirchen, die euch anvertraut worden sind, investiert Zeit und Ressourcen in ihre Ausbildung. Bietet ihnen wirksame und zielgerichtete Erziehungsprogramme an, indem ihr von ihnen – wie die Eltern von ihren Kindern – die Ergebnisse ihrer Leistungsfähigkeit verlangt und indem ihr ihr Herz in der Freude der Tiefgründigkeit, nicht der Oberflächlichkeit erzieht. Gebt euch nicht mit rhetorischen Phrasen oder in den Pastoralplänen niedergeschriebenen Handlungsoptionen zufrieden, die niemals in die Praxis umgesetzt werden.

Ich habe gerade Panama, die Landenge dieses Kontinents, für den Weltjugendtag 2019 ausgewählt. Bei dieser Veranstaltung werden wir dem Vorbild der Jungfrau Maria folgen, die ausruft: „Siehe, ich bin die Magd“, und: „es erfülle sich in mir“ (Lk 1,38). Ich bin sicher, dass sich in allen Jugendlichen eine Landenge verbirgt, dass es in den Herzen all unserer jungen Leute ein kleines und langgezogenes Stück Land gibt, das man durchwandern kann, um ihnen auf eine Zukunft hin voranzugehen, die Gott allein kennt und die Ihm gehört. Uns obliegt es, ihnen große Vorschläge zu präsentieren, um in ihnen den Mut zu wecken, ihr Leben gemeinsam mit Gott zu wagen und sich, wie die Jungfrau Maria, verfügbar zu machen.

Die Hoffnung in Lateinamerika hat ein weibliches Gesicht

Es ist nicht notwendig, dass ich mich ausführlich verbreite, um über die Rolle der Frau auf unserem Kontinent und in unserer Kirche zu sprechen. Von ihren Lippen haben wir den Glauben gelernt; fast mit der Muttermilch ihrer Brüste haben wir uns die Charakterzüge unserer mestizischen Seele und die Immunität gegenüber jeglicher Hoffnungslosigkeit angeeignet. Ich denke an die indigenen oder dunkelhäutigen Mütter, ich denke an die Mütter in der Stadt mit ihrer dreifachen Arbeitsbelastung, ich denke an die Großmütter, die Katechistinnen sind, ich denke an die gottgeweihten Frauen und an die so diskreten Kunsthandwerkerinnen des Guten. Ohne die Frauen würde die Kirche des Kontinents die Kraft verlieren, fortwährend zu neuem Leben zu erstehen. Es sind die Frauen, die mit sorgfältiger Geduld das Feuer des Glaubens entfachen und es wiederanfachen. Es ist eine ernste Pflicht, die kirchliche und soziale Kraft dessen, was sie verwirklichen, zu erfassen, zu respektieren, aufzuwerten und zu fördern. Sie begleiteten Jesus während seiner Mission; sie zogen sich nicht zurück vom Fuß des Kreuzes; in Verlassenheit warteten sie darauf, dass die Nacht des Todes den Herrn des Lebens zurückgebe; sie fluteten die Welt mit der Gegenwart des Auferstandenen. Wenn wir eine neue und lebendige Phase des Glaubens auf diesem Kontinent erleben wollen, werden wir sie nicht erreichen ohne die Frauen. Ich bitte euch, die Frauen dürfen nicht auf Dienstmägde unseres widerspenstigen Klerikalismus reduziert werden; im Gegenteil, sie sind Protagonisten der lateinamerikanischen Kirche: in ihrem Aufbrechen mit Jesus; in ihrem Durchhalten selbst im Leiden ihres Volkes; in ihrem Sich-Festhalten an der Hoffnung, die den Tod besiegt; in ihrer freudigen Weise, der Welt zu verkünden, dass Christus lebt und auferstanden ist.

Die Hoffnung in Lateinamerika kommt durch das Herz, den Geist und die Hände der Laien

Ich möchte wiederholen, was ich vor kurzem der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika gesagt habe. Es ist ein Gebot, den Klerikalismus zu überwinden, der die Christgläubigen Laien infantilisiert und die Identität der geweihten Amtsträger verarmen lässt.

Auch wenn viel an Anstrengung eingesetzt wurde und bereits einige Schritte gemacht wurden, so liegen doch die großen Herausforderungen des Kontinents offen auf dem Tisch und warten immer noch auf die klare, verantwortliche, kompetente, visionäre, artikulierte und bewusste Konkretisierung eines Standes christlicher Laien, die als Gläubige bereit sind, mitzuwirken: an den Prozessen einer authentischen menschlichen Entwicklung; an der Konsolidierung der politischen und sozialen Demokratie; an der strukturellen Überwindung der endemischen Armut; am Aufbau eines nichtausschließenden Wohlstandes, gegründet auf dauerhaften Reformen, die geeignet sind, das soziale Wohl zu bewahren; an der Überwindung der Ungleichheit und an der Bewahrung der Stabilität; am Entwurf von nachhaltigen Modellen der wirtschaftlichen Entwicklung, die Rücksicht nehmen auf die Natur und auf die wahre Zukunft des Menschen, die mit dem maßlosen Konsumismus nicht gelöst wird; sowie auch an der Zurückweisung der Gewalt und in der Verteidigung des Friedens.

Und noch etwas: In diesem Sinne muss die Hoffnung immer mit den Augen der Armen und von der Situation der Armen her auf die Welt blicken. Die Hoffnung ist arm wie das Weizenkorn, das stirbt (vgl. Joh 12,24), aber sie hat die Kraft, die Pläne Gottes auszusäen.

Der selbstgenügsame Reichtum beraubt den menschlichen Geist oft der Fähigkeit, zu sehen – sei es die Realität der Wüste, seien es die dort verborgenen Oasen. Er bietet Gebrauchsanweisungs-Antworten an und wiederholt „Talkshow“-Überzeugungen; er stammelt die leere Projektion seiner selbst, ohne sich auch nur im geringsten der Realität anzunähern. Ich bin sicher, dass in diesem schwierigen, aber vorübergehenden Moment, den wir erleben, die Lösungen für die vielschichtigen Probleme, die uns herausfordern, aus der christlichen Einfachheit hervorgehen, die sich vor den Reichen verbirgt und sich den Demütigen zeigt: die Reinheit des Glaubens an den Auferstandenen, die Wärme der Gemeinschaft mit Ihm, die Brüderlichkeit, die Großzügigkeit und die konkrete Solidarität, die ebenfalls aus der Freundschaft mit Ihm erwächst.

Und all das möchte ich in einem Satz zusammenfassen, den ich euch als Synthese und Andenken an diese Begegnung dalasse: Wenn wir unserem Lateinamerika vom CELAM aus dienen wollen, müssen wir es mit Leidenschaft tun. Heute braucht es Leidenschaft. Das Herz in alles legen, was wir tun; Leidenschaft eines verliebten jungen und eines weisen alten Menschen; Leidenschaft, die die Ideen in durchführbare Träume verwandelt; Leidenschaft in der Arbeit unserer Hände; Leidenschaft, die uns wandelt in beständige Pilger in unseren Teilkirchen, wie es – erlaubt mir, an ihn zu erinnern – der heilige Toribio de Mogrovejo war, der sich nicht in seinem Bischofssitz einrichtete: Von den 24 Jahren seiner Amtszeit als Bischof verbrachte er 18 mitten unter den Völkern seiner Diözese. Bitte, Brüder, ich bitte euch um Leidenschaft, Leidenschaft, das Evangelium zu verkünden.

Euch, bischöfliche Mitbrüder des CELAM, die Ortskirchen, die ihr repräsentiert, und das gesamte Volk Lateinamerikas und der Karibik vertraue ich dem Schutz der Jungfrau Maria an – angerufen unter den Namen von Guadalupe und Aparecida – in der ungetrübten Gewissheit, dass Gott, der zu diesem Kontinent durch das mestizische und dunkelhäutige Gesicht seiner Mutter gesprochen hat, nicht aufhören wird, sein gütiges Licht im Leben aller aufstrahlen zu lassen.

Amtszeit als Bischof verbrachte er 18 mitten unter den Völkern seiner Diözese. Bitte, Brüder, ich bitte euch um Leidenschaft, Leidenschaft, das Evangelium zu verkünden.

Euch, bischöfliche Mitbrüder des CELAM, die Ortskirchen, die ihr repräsentiert, und das gesamte Volk Lateinamerikas und der Karibik vertraue ich dem Schutz der Jungfrau Maria an – angerufen unter den Namen von Guadalupe und Aparecida – in der ungetrübten Gewissheit, dass Gott, der zu diesem Kontinent durch das mestizische und dunkelhäutige Gesicht seiner Mutter gesprochen hat, nicht aufhören wird, sein gütiges Licht im Leben aller aufstrahlen zu lassen.

(rv 07.09.2017 ord)

Papst in Bogotá: „Fürchtet euch nicht vor der Zukunft!“

Rede An Das Kolumbianische Volk, 7. September 2017

Rede an das kolumbianische Volk — Volltext

Wir übernehmen im Folgenden in einer Übersetzung aus dem Vatikan die Rede, die Papst Franziskus am heutigen Donnerstag, dem 7. September 2017, vom Balkon des erzbischöflichen Palastes in Bogotá an das kolumbianische Volk richtete. Der Text wurde auf der Internetseite von Radio Vatikan veröffentlicht.

***

Liebe Brüder und Schwestern,

mit großer Freude grüße ich euch und danke euch für den sehr herzlichen Empfang. »Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird euer Friede auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren« (Lk 10,5-6).

Heute trete ich in dieses Haus Kolumbien ein und rufe euch zu: Der Friede sei mit euch! So lautete die Grußformel eines jeden Juden und auch von Jesus. Denn ich komme als Pilger des Friedens und der Hoffnung hierher und möchte mit Freude diese Augenblicke der Begegnung erleben. Ich danke Gott für all das Gute, das er in diesem Land und im Leben jedes einzelnen gewirkt hat.

Ich komme auch, um zu lernen; ja, um von euch zu lernen, von eurem Glauben und eurer Stärke angesichts der Widrigkeiten. Ihr habt schwierige und dunkle Momente erlebt, aber der Herr ist euch nahe; er ist im Herzen jedes Sohnes und jeder Tochter dieses Landes. Er ist nicht wählerisch, er schließt keinen aus, sondern umarmt alle. Wir alle sind ihm wichtig, wir alle sind für ihn notwendig. In diesen Tagen möchte ich mit euch die wichtigste Wahrheit teilen: Gott liebt euch mit der Liebe eines Vaters und ermutigt euch, weiter den Frieden zu suchen und zu ersehnen, jenen echten und dauerhaften Frieden.

Ich sehe hier viele junge Leute, die von allen Ecken und Enden des Landes hergekommen sind, Menschen aus Bogotá (cachacos), Bewohner der Küstenregion (costeños), aus dem Nordwesten (paisas), dem Cauca-Tal (vallunos) und von der östlichen Ebene (llaneros). Jungen Leuten zu begegnen ist für mich immer Grund zur Freude. An diesem Tag sage ich euch: Bewahrt euch eure lebendige Fröhlichkeit; sie ist das Kennzeichen eines jungen Herzens, des Herzens, das dem Herrn begegnet ist. Niemand kann euch eure Freude nehmen (vgl. Joh 16,22). Lasst sie euch nicht rauben, hütet diese Fröhlichkeit, die alle im Bewusstsein eint, vom Herrn geliebt zu sein. Das Feuer der Liebe Jesu Christi macht diese Freude überschäumend. Und das reicht, um die ganze Welt zu entzünden. Was also könnte euch daran hindern, diese Gesellschaft zu verändern und eure Ideen zu verwirklichen? Fürchtet euch nicht vor der Zukunft! Traut euch, von großen Dingen zu träumen! Zu diesem großen Traum möchte ich euch heute einladen.

Ihr jungen Menschen habt ein besonderes Gespür dafür, das Leiden anderer zu erkennen. Das Volontariat auf der ganzen Welt rekrutiert sich aus Tausenden von euch, die bereit sind, ihre Zeit zur Verfügung zu stellen, auf Annehmlichkeiten und auf eigene Pläne zu verzichten, um sich von den Bedürfnissen der Schwächsten anrühren zu lassen und sich ihnen zu widmen. Aber es kann auch passieren, dass ihr in einer Umgebung geboren seid, wo der Tod, der Schmerz und die Spaltung so tief eingedrungen sind, dass euch fast ganz übel wird und ihr wie benommen seid: Lasst euch vom Leiden eurer kolumbianischen Brüder und Schwestern verletzen und mobilisieren! Und helft uns Älteren, uns nicht an den Schmerz und an die Verlassenheit zu gewöhnen.

Auch ihr, Jungen und Mädchen, die ihr in einem vielschichtigen Umfeld mit unterschiedlichen Gegebenheiten und den verschiedensten familiären Situationen lebt, seid gewohnt zu sehen, dass nicht alles schwarz oder weiß ist. Der Alltag verläuft in einem breiten Spektrum von verschiedenen Grautönen. Das kann euch dem Risiko aussetzen, in ein Klima des Relativismus zu geraten, wenn die Fähigkeit der Jugendlichen beiseitegeschoben wird, den Schmerz derer, die gelitten haben, zu verstehen. Ihr habt nicht nur die Fähigkeit, euch ein Urteil zu bilden und Fehler auszumachen, sondern ihr habt auch jenes andere schöne und konstruktive Vermögen: die Fähigkeit zu verstehen. Zu verstehen, dass es auch hinter einem Fehler – auch wenn ein Fehler ein Fehler bleibt, den man nicht verschleiern soll – eine Vielzahl von Gründen und mildernde Umstände gibt. Wie sehr braucht Kolumbien euch, um sich in die Lage derer zu versetzen, die vor vielen Generationen es nicht gekonnt oder zu tun vermocht haben oder nicht die richtige Art und Weise gefunden haben, um zu verstehen.

Ihr jungen Leute findet leicht Kontakt. Euch genügt ein guter Kaffee, ein Getränk oder was auch immer als Vorwand, um einen Kontakt zu knüpfen. Die Jugendlichen treffen sich bei der Musik, bei der Kunst … Sogar das Finale zwischen Atlético Nacional und América di Cali wird zu einer Gelegenheit, zusammen zu sein. Ihr könnt uns beibringen, dass die Kultur der Begegnung nicht bedeutet, dass alle in der gleichen Weise denken, leben und sich verhalten. Es bedeutet zu wissen, dass wir alle jenseits unserer Unterschiedlichkeit Teil von etwas Großem sind, das uns vereint und übersteigt, wir sind Teil dieses wunderbaren Landes.

Eure Jugend macht euch auch fähig, etwas im Leben sehr Schwieriges zu tun, nämlich zu verzeihen. Denen zu verzeihen, die uns verletzt haben. Es ist bemerkenswert, wie ihr euch nicht von alten Geschichten einwickeln lasst, wie ihr verwundert schaut, wenn wir Erwachsenen Vorfälle der Spaltung wiederholen, einfach weil wir in unserem Groll verharren. Ihr helft uns bei dem Versuch, all das hinter uns zu lassen, was uns gekränkt hat, und ohne das Hindernis des Hasses nach vorne zu schauen. Denn ihr lasst uns die ganze Wirklichkeit sehen, die wir vor uns haben, ganz Kolumbien, das wachsen und sich weiter entwickeln möchte; jenes Kolumbien, das alle braucht und das wir Älteren euch übergeben müssen.

Eben deshalb steht ihr vor der enormen Herausforderung, uns zu helfen, unser Herz zu heilen; uns anzustecken mit der jugendlichen Hoffnung, die immer bereit ist, den anderen eine zweite Chance zu geben. Das Umfeld von Verzweiflung und Unglaube macht die Seele krank. Aus solchen Umgebungen findet man keine Auswege. Sie boykottieren jene, die sich auf die Suche machen, welche zu finden. Sie beschädigen die Hoffnung, die jede Gemeinschaft nötig hat, um voranzuschreiten. Mögen eure Träume und Pläne Kolumbien Sauerstoff geben und es mit heilbringenden Utopien erfüllen!

Nur so werdet ihr den Mut finden, das Land zu entdecken, das sich hinter den Bergen verbirgt: jenes Land, das über die Schlagzeilen der Zeitungen hinausgeht und nicht in den täglichen Sorgen auftritt, weil es weit weg ist. Dieses Land, das man nicht sieht und doch Teil dieses sozialen Körpers ist, der uns braucht: das tiefgründige Kolumbien entdecken. Die Herzen der jungen Menschen werden durch die großen Herausforderungen angeregt. Wieviel natürliche Schönheit gibt es zu betrachten, ohne dass man sie ausbeuten muss! Wie viele junge Menschen wie ihr brauchen eure ausgestreckte Hand und eure Schulter, um eine bessere Zukunft zu erahnen!

Heute wollte ich diesen Moment mit euch verbringen. Ich bin sicher, dass in euch das notwendige Potential steckt, um das Land aufzubauen, von dem wir immer geträumt haben. Die Jugend ist die Hoffnung Kolumbiens und der Kirche. In ihrem Vorangehen und in ihren Schritten nehmen wir jene des Freudenboten wahr, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt (vgl. Jes 52,7).

Liebe Brüder und Schwestern dieses geliebten Landes. Ich wende mich nun an alle – an die Kinder, die Jugendlichen, die Erwachsenen und die Alten – an alle, die Hoffnungsträger sein möchten. Mögen euch die Schwierigkeiten nicht niederdrücken, die Gewalt nicht entmutigen, das Böse nicht besiegen! Glauben wir daran, dass Jesus mit seiner Liebe und mit seiner Barmherzigkeit, die für immer bleiben, das Böse, die Sünde und den Tod besiegt hat. Es genügt einfach, ihm entgegenzugehen. Ich fordere euch auf, euch dafür einzusetzen – nicht gleich das Ergebnis zu erwarten – dass die Gesellschaft erneuert wird, damit sie gerecht, stabil und fruchtbar sei. Von diesem Ort aus lade ich euch ein, auf den Herrn zu vertrauen, den Einzigen, der uns erhält und ermutigt, um zur Versöhnung und zum Frieden beitragen zu können.

Ich umarme euch alle und jeden einzelnen, die Kranken, die Armen, die Ausgestoßenen, die Bedürftigen, die Alten, jene, die zuhause sind … alle. Ihr alle seid in meinem Herzen. Ich bitte Gott, euch zu segnen. Und bitte vergesst nicht für mich zu beten!

(Quelle: Radio Vatikan, 07.09.2017)