PAPST PAUL VI.: „INTERNATIONALES JAHR DES KINDES“

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Ansprache bei der Audienz
für den Exekutivdirektor der UNICEF, 28. Juni

DAS JAHR 1979:
„INTERNATIONALES JAHR DES KINDES“

 

Herr Direktor!

Das Internationale Jahr des Kindes rückt näher, und so freuen wir uns besonders über Ihren Besuch. Wir heißen Sie als den Exekutivdirektor des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen willkommen, wissen wir doch, daß die Vollversammlung Ihre Or­ganisation zum Leitungsgremium für das Internationale Jahr des Kindes bestimmt hat.

Wir möchten sofort bemerken, wie sehr wir das zu schätzen wis­sen, was die UNICEF im Laufe der Jahre für die Kinder der Welt getan hat. Mit ganzem Herzen haben wir alle Ihre wertvollen Akti­vitäten unterstützt, deren Ziel es war, für die Grundbedürfnisse der Kinder zu sorgen, während wir gleichzeitig wiederholt unserer Mißbilligung jeder Mitarbeit an Projekten Ausdruck verliehen ha­ben, die direkt oder indirekt Empfängnisverhütung, Schwanger­schaftsabbruch oder andere Praktiken begünstigen, die den hohen Wert des Lebens nicht achten.

Das Internationale Jahr des Kindes soll nach Auffassung des Hl. Stuhls nicht Anlaß zu weiteren Initiativen sein, die keine direkten Auswirkungen auf das Wohl des Kindes haben. Erfreut stellt der Hl. Stuhl fest, daß diese Auffassung auch von der Generalver­sammlung der Vereinten Nationen zum Ausdruck gebracht wur­de, als sie die allgemeinen Zielsetzungen für das Internationale Jahr des Kindes festlegte; diese sprechen davon, „das Bewußtsein für die besonderen Bedürfnisse der Kinder in der Öffentlichkeit und bei allen Entscheidungsträgern zu schärfen“, und befürworten „einen anhaltenden Einsatz zum Wohl der Kinder“ (Resolution der Generalversammlung, A/31/169, vom 21. Dezember 1976; Arbeitsparagraph 2).

Das Interesse der Kirche an diesem Ereignis steht im Einklang mit ihrer beständigen Sorge um das Wohl der Kinder durch alle Jahrhunderte hindurch. Diese Sorge ist Ausdruck ihrer Treue ge­genüber dem Programm ihres Gründers Jesus Christus, der gesagt hat: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt, als wäre er ein Kind, wird nicht hineinkommen“ (Lk 18, 17). Vor allem identifiziert Christus die Kinder mit seiner eigenen Person: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Mk 9, 37). Daher ist für die katholische Kirche der Dienst am Kind nicht eine vorübergehende Zielsetzung, sondern eine ständige Aufgabe, die ihre eigene Würde und bleibende Priorität hat.

Stärkeres Interesse für die tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder überall in der Welt scheint außerdem von einer realistischen Sicht der gegenwärtigen Situation geboten. Trotz allem technischen Fortschritt leiden und sterben noch immer Kinder aus Mangel an Grundnahrungsmitteln oder als Opfer von Gewalt und bewaffne­ten Konflikten, die sie nicht einmal verstehen. Andere werden zu Opfern der Gefühlsarmut. Es gibt Leute, die Geist und Sinn der jungen Menschen durch Vorurteile und hohle Ideologien vergif­ten. Und heutzutage werden Kinder sogar zuweilen mißbraucht, um niedrigste Verderbtheiten von Erwachsenen zu befriedigen. Besonders verächtlich ist, daß diese Ausnutzung von einflußrei­chen Kräften oft aus finanziellen Gründen gesteuert wird.

Wenn wir die Lage der Welt noch weiter überblicken, erkennen wir eine schmerzliche Diskriminierung, deren Opfer das Kind ist und die die volle Aufmerksamkeit des Internationalen Jahres des Kindes verdient. In unserer Zeit sehen zahlreiche Menschen das Kind eher als Last und Beeinträchtigung ihrer Freiheit an, denn als lebendigen Gegenstand ihrer Elternliebe. Andere versagen dem Kind das Grundrecht auf eine Mutter und einen Vater, die in der Ehe zusammenleben. Dabei muß die gesamte Gesellschaft mit Nachdruck vertreten, daß das Kind das von Gott gegebene Recht hat, geboren zu werden, das Recht auf ehelich verbundene Eltern, das Recht, in einer normalen Familie zur Welt zu kommen. Es wäre ein Widerspruch, wenn anläßlich des Internationalen Jahres des Kindes Aktivitäten gefördert würden, deren Absicht und Zweck wäre, Kinder weniger gern anzunehmen, oder zu verhin­dern, daß sie in die Gesellschaft hinein geboren werden.

Um sein Ziel zu erreichen, muß dieses Jahr den unschätzbaren Wert des Kindes in der heutigen Welt herausstellen: das Kind als Kind, als menschliche Person und nicht bloß als künftigen Erwachsenen. Die Kindheit ist ein wesentlicher Abschnitt des menschlichen Lebens, und jedes Kind hat das Recht, seine Kindheit voll zu erleben und einen echten Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft, zu ihrer Entwicklung und Erneuerung zu leisten. Wir alle kennen aus persönlicher Erfahrung den Beitrag der Kinder für die Welt. Wer wäre nicht beeindruckt von der einfachen, unmittelbaren und naiven Erfassung von Situationen durch die Kin­der, von ihrem offenen und liebevollen Edelmut, der keine Vorurteile und Diskriminierung kennt, von ihrer ansteckenden Freude und ihrem spontanen Sinn für Brüderlichkeit, aber auch von ihrer Fähigkeit zu Opfer und Idealismus.

Die Kirche betont also mit Nachdruck, daß jedes Kind mensch­liche Person ist und deshalb das Recht auf volle Entfaltung seiner Persönlichkeit hat. Die Rolle der Familie bei Verwirklichung dieses Ziels ist unersetzlich, denn das Kind kann, getrennt von der Familie als seinem ersten Erzieher in körperlicher, seelischer, geistiger, sittlicher und religiöser Hinsicht, weder Verständnis noch Hilfe finden. Wir möchten mithin dazu ermutigen, den Dienst an den Kindern noch zu erweitern und die Qualität dieser Hilfen zu verbessern und auf eine bleibende Grundlage zu stellen.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das Kind: das einzelne Kind und alle Kinder in der ganzen Welt. Wir sind voller Hoffnung, daß neue und neubelebte Pläne, die Not der Kinder überall in der Welt zu lindern, aufblühen werden. Und wir sind überzeugt, daß man sich auf diese Weise den tiefsten Bedürfnissen der jungen, ver­wundbaren menschlichen Persönlichkeit stellen wird, also in erster Linie seinem Recht auf Leben, Wahrheit und Liebe.

Wir stellen mit Freude fest, daß viele katholische Einzelperso­nen, Organisationen und Ortskirchen sich an der Vorbereitung des Internationalen Jahres des Kindes beteiligen. Ihr effektiver Beitrag wird darin bestehen, sich in Treue zum Evangelium selbst für die Belange der Kinder einzusetzen und geeignete Programme zu entwickeln, die den Kindern unter verschiedenen Gesichtspunkten Lebenshilfe leisten. Wir sind zuversichtlich, daß solche Pro­gramme den Bedürfnissen der benachteiligten, der körperlich und geistig behinderten, der verlassenen Kinder Vorrang geben, vor al­lem denen, die Schmerz und Leid tragen.

In dieser Absicht erbitten wir Gottes Segen über alle, die an der Förderung dieser hohen Ideale arbeiten, und beten darum, daß der Herr Ihnen und allen, die an diesem großen Werk menschlicher Verbundenheit mitarbeiten, helfe.

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Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1978 – Libreria Editrice Vaticana – Butzon & Bercker