JOHANNES PAUL II.: MARIA, DIE MAGD DES HERRN, IM LEBEN DER KIRCHE UND JEDES CHRISTEN

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Auszug aus der Enzyklika „Redemptoris Mater“:

3. TEIL – MÜTTERLICHE VERMITTLUNG

1. Maria, Magd des Herrn

38. Die Kirche weiß und lehrt mit dem hl. Paulus, daß nur einer unser Mittler ist: »Einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle« (1 Tim 2, 5-6 ). »Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft«:94 Sie ist Mittlerschaft in Christus.

Die Kirche weiß und lehrt, daß »jeglicher heilsame Einfluß der seligen Jungfrau auf die Menschen… aus dem Wohlgefallen Gottes kommt und aus dem Überfluß der Verdienste Christi hervorgeht, sich auf seine Mittlerschaft stützt, von ihr vollständig abhängt und aus ihr seine ganze Wirkkraft schöpft; in keiner Weise behindert er die unmittelbare Verbundenheit der Gläubigen mit Christus, sondern fördert sie sogar«.95 Dieser heilsame Einfluß ist vom Heiligen Geist getragen, der ebenso, wie er die Jungfrau Maria mit seiner Kraft überschattete und in ihr die göttliche Mutterschaft beginnen ließ, sie fortwährend in ihrer Sorge für die Brüder ihres Sohnes bestärkt.

Die Mittlerschaft Marias ist ja eng mit ihrer Mutterschaft verbunden und besitzt einen ausgeprägt mütterlichen Charakter, der sie von der Mittlerschaft der anderen Geschöpfe unterscheidet, die auf verschiedene, stets untergeordnete Weise an der einzigen Mittlerschaft Christi teilhaben, obgleich auch Marias Mittlerschaft eine teilhabende ist.96 Wenn »nämlich keine Kreatur mit dem menschgewordenen Wort und Erlöser jemals verglichen werden kann«, »so schließt (doch) die Einzigkeit der Mittlerschaft des Erlösers im geschöpflichen Bereich ein verschiedenartiges Zusammenwirken durch Teilhabe an der einzigen Quelle nicht aus, sondern regt es sogar an«. So »wird die Güte Gottes in verschiedener Weise wahrhaft auf die Geschöpfe ausgegossen«.97

Die Lehre des II. Vatikanischen Konzils stellt die Wahrheit von der Mittlerschaft Marias dar als Teilhabe an dieser einzigen Quelle der Mittlerschaft Christi selbst. So lesen wir dort: »Eine solche untergeordnete Aufgabe Marias zu bekennen zögert die Kirche nicht, sie erfährt sie ständig und legt sie den Gläubigen ans Herz, damit sie unter diesem mütterlichen Schutz dem Mittler und Erlöser inniger verbunden seien«.98 Diese Aufgabe ist zugleich besonders und außerordentlich. Sie entspringt aus ihrer göttlichen Mutterschaft und kann nur dann im Glauben verstanden und gelebt werden, wenn man die volle Wahrheit über diese Mutterschaft zugrundelegt. Indem Maria kraft göttlicher Erwählung die Mutter des dem Vater wesensgleichen Sohnes ist, »ist sie (auch) uns in der Ordnung der Gnade Mutter geworden«.99 Diese Aufgabe ist eine konkrete Weise ihrer Gegenwart im Heilsgeheimnis Christi und der Kirche.

39. Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir noch einmal das grundlegende Ereignis in der Heilsordnung, nämlich die Menschwerdung des Wortes bei der Verkündigung, betrachten. Es ist bedeutungsvoll, daß Maria, als sie im Wort des Gottesboten den Willen des Höchsten erkennt und sich seiner Macht unterwirft, spricht: »Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1, 38). Der erste Akt der Unterwerfung unter diese eine Mittlerschaft »zwischen Gott und den Menschen«, die Mittlerschaft Jesu Christi, ist die Annahme der Mutterschaft durch die Jungfrau von Nazaret. Maria stimmt der Wahl Gottes zu, um durch den Heiligen Geist die Mutter des Sohnes Gottes zu werden. Man kann sagen, daß diese ihre Zustimmung zur Mutterschaft vor allem eine Frucht ihrer vollen Hingabe an Gott in der Jungfräulichkeit ist. Maria hat die Erwählung zur Mutter des Sohnes Gottes angenommen, weil sie von bräutlicher Liebe geleitet war, die eine menschliche Person voll und ganz Gott »weiht«. Aus der Kraft dieser Liebe wollte Maria immer und in allem »gottgeweiht« sein, indem sie jungfräulich lebte. Die Worte »Ich bin die Magd des Herrn« bringen zum Ausdruck, daß sie von Anfang an ihre Mutterschaft angenommen und verstanden hat als die völlige Hingabe ihrer selbst, ihrer Person, für den Dienst an den Heilsplänen des Höchsten. Und ihre ganze mütterliche Teilnahme am Leben Jesu Christi, ihres Sohnes, hat sie bis zum Schluß in einer Weise vollzogen, wie sie ihrer Berufung zur Jungfräulichkeit entsprach.

Die Mutterschaft Marias, die ganz von der bräutlichen Haltung einer »Magd des Herrn« durchdrungen ist, stellt die erste und grundlegende Dimension jener Mittlerschaft dar, welche die Kirche von ihr bekennt und verkündet100 und die sie den Gläubigen fortwährend ans Herz legt, weil sie hierauf große Hoffnung setzt. Man muß ja bedenken, daß sich zuerst Gott selbst, der ewige Vater, der Jungfrau von Nazaret anvertraut hat, indem er ihr den eigenen Sohn im Geheimnis der Menschwerdung schenkte. Diese ihre Erwählung zur höchsten Aufgabe und Würde, dem Sohn Gottes Mutter zu sein, bezieht sich auf der Ebene des Seins auf die Wirklichkeit der Verbindung der zwei Naturen in der Person des ewigen Wortes (hypostatische Union). Diese grundlegende Tatsache, Mutter des Sohnes Gottes zu sein, bedeutet von Anfang an ein völliges Offensein für die Person Christi, für all sein Wirken, für seine ganze Sendung. Die Worte »Ich bin die Magd des Herrn« bezeugen die geistige Offenheit Marias, die auf vollkommene Weise die der Jungfräulichkeit eigene Liebe und die charakteristische Liebe der Mutterschaft in sich vereint, die so beide miteinander verbunden und gleichsam verschmolzen sind.

Darum ist Maria nicht nur die »Mutter und Ernährerin« des Menschensohnes geworden, sondern auch die »ganz einzigartige hochherzige Gefährtin«101 des Messias und Erlösers. Sie ging – wie schon gesagt – den Pilgerweg des Glaubens, und auf dieser ihrer Pilgerschaft bis unter das Kreuz hat sich zugleich ihre mütterliche Mitwirkung an der gesamten Sendung des Heilandes mit ihren Taten und ihren Leiden vollzogen. Auf dem Weg dieser Mitwirkung beim Werk ihres Sohnes, des Erlösers, erfuhr die Mutterschaft Marias ihrerseits eine einzigartige Umwandlung, indem sie sich immer mehr mit einer »brennenden Liebe« zu all denjenigen anfüllte, denen die Sendung Christi galt. Durch eine solche »brennende Liebe«, die darauf gerichtet war, zusammen mit Christus die »Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen«102 zu wirken, ist Maria auf ganz persönliche Weise in die alleinige Mittlerschaft zwischen Gott und den Menschen eingetreten, in die Mittlerschaft des Menschen Jesus Christus. Wenn sie selbst als erste die übernatürlichen Auswirkungen dieser alleinigen Mittlerschaft an sich erfahren hat – schon bei der Verkündigung war sie als »voll der Gnade« begrüßt worden -, dann muß man sagen, daß sie durch diese Fülle an Gnade und übernatürlichem Leben in besonderer Weise für das Zusammenwirken mit Christus, dem einzigen Vermittler des Heils der Menschen, vorbereitet war. Und ein solches Mitwirken ist eben diese der Mittlerschaft Christi untergeordnete Mittlerschaft Marias.

Bei Maria handelt es sich um eine spezielle und außerordentliche Mittlerschaft, die auf ihrer »Gnadenfülle« beruht, die sich in eine volle Verfügbarkeit der »Magd des Herrn« übertrug. Als Antwort auf diese innere Verfügbarkeit seiner Mutter bereitete Jesus Christus sie immer tiefer vor, den Menschen »Mutter in der Ordnung der Gnade« zu werden. Darauf weisen wenigstens in direkt bestimmte Einzelangaben der Synoptiker (vgl. Lk 11, 28; 8, 20-21; Mk 3, 32-34; Mt 12, 47-49) und mehr noch des Johannesevangeliums (vgl. 2, 1-11; 19, 25-27) hin, die ich bereits hervorgehoben habe. Die Worte, die Jesus am Kreuz zu Maria und Johannes gesprochen hat, sind in dieser Hinsicht besonders aufschlußreich.

40. Als Maria nach den Ereignissen von Auferstehung und Himmelfahrt mit den Aposteln in Erwartung des Pfingstfestes den Abendmahlssaal betrat, war sie dort zugegen als Mutter des verherrlichten Herrn. Sie war nicht nur diejenige, die »den Pilgerweg des Glaubens ging« und ihre Verbundenheit mit dem Sohn »bis zum Kreuz« in Treue bewahrte, sondern auch die »Magd des Herrn«, die ihr Sohn als Mutter inmitten der soeben entstehenden Kirche zurückgelassen hatte: »Siehe, deine Mutter!«. So begann sich ein besonderes Band zwischen dieser Mutter und der Kirche zu bilden. Die entstehende Kirche war ja die Frucht des Kreuzes und der Auferstehung ihres Sohnes. Maria, die sich von Anfang an vorbehaltlos der Person und dem Werk des Sohnes zur Verfügung gestellt hatte, mußte diese ihre mütterliche Hingabe von Beginn an auch der Kirche zuwenden. Nach dem Weggehen des Sohnes besteht ihre Mutterschaft in der Kirche fort als mütterliche Vermittlung: Indem sie als Mutter für alle ihre Kinder eintritt, wirkt sie mit im Heilshandeln des Sohnes, des Erlösers der Welt. Das Konzil lehrt: »Diese Mutterschaft Marias in der Gnadenordnung dauert unaufhörlich fort… bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten«.103 Die mütterliche Mittlerschaft der Magd des Herrn hat mit dem Erlösertod ihres Sohnes eine universale Dimension erlangt, weil das Werk der Erlösung alle Menschen umfaßt. So zeigt sich auf besondere Weise die Wirksamkeit der einen und universalen Mittlerschaft Christi »zwischen Gott und den Menschen«. Die Mitwirkung Marias nimmt in ihrer untergeordneten Art teil am allumfassenden Charakter der Mittlerschaft des Erlösers, des einen Mittlers. Darauf weist das Konzil mit den soeben zitierten Worten deutlich hin.

»In den Himmel aufgenommen« – so lesen wir dort weiter – »hat sie nämlich diesen heilbringenden Auftrag nicht aufgegeben, sondern fährt durch ihre vielfältige Fürbitte fort, uns die Gaben des ewigen Heils zu erwirken«.104 Mit diesem »fürbittenden« Charakter, der sich zum erstenmal zu Kana in Galiläa gezeigt hat, setzt sich die Mittlerschaft Marias in der Geschichte der Kirche und der Welt fort. Wir lesen, daß Maria »in ihrer mütterlichen Liebe Sorge trägt für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen leben, bis sie zur seligen Heimat gelangen«.105 So dauert die Mutterschaft Marias in der Kirche unaufhörlich fort als Mittlerschaft der Fürbitte, und die Kirche bekundet ihren Glauben an diese Wahrheit, indem sie Maria »unter dem Titel der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin« anruft.106

41. Durch ihre Mittlerschaft, die jener des Erlösers untergeordnet ist, trägt Maria in besonderer Weise zur Verbundenheit der pilgernden Kirche auf Erden mit der eschatologischen und himmlischen Wirklichkeit der Gemeinschaft der Heiligen bei, da sie ja schon »in den Himmel aufgenommen« worden ist.107 Die Wahrheit von der Aufnahme Marias, die von Pius XII. definiert wurde, ist vom II. Vatikanischen Konzil bekräftigt worden, das den Glauben der Kirche auf folgende Weise ausdrückt: »Schließlich wurde die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt, nach Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht, um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein, dem Herrn der Herren (vgl. Offb 19, 16) und dem Sieger über Sünde und Tod«.108 Mit dieser Lehre hat Pius XII. an die Tradition angeknüpft, die in der Geschichte der Kirche, sei es im Orient oder im Okzident, vielfältige Ausdrucksformen gefunden hat.

Im Geheimnis ihrer Aufnahme in den Himmel haben sich an Maria alle Wirkungen der alleinigen Mittlerschaft Christi, des Erlösers der Welt und auferstandenen Herrn, auf endgültige Weise erfüllt: »Alle werden in Christus lebendig gemacht. Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören« (1 Kor 15, 22-23). Im Geheimnis der Aufnahme in den Himmel kommt der Glaube der Kirche zum Ausdruck, nach dem Maria »durch ein enges und unauflösliches Band« mit Christus verbunden ist. Denn wenn die jungfräuliche Mutter in einzigartiger Weise mit ihm bei seinem ersten Kommen verbunden war, wird sie es durch ihr fortwährendes Mitwirken mit ihm auch in der Erwartung seiner zweiten Ankunft sein; »im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst«,109 hat sie jene Aufgabe als Mutter und Mittlerin der Gnade auch bei seiner endgültigen Ankunft, wenn alle zum Leben erweckt werden, die Christus angehören, und »der letzte Feind, der entmachtet wird, der Tod ist« (1 Kor 15, 26).110

Mit dieser Erhöhung der »erhabenen Tochter Zion«111 durch ihre Aufnahme in den Himmel ist das Geheimnis ihrer ewigen Herrlichkeit verbunden. Die Mutter Christi ist nämlich als »Königin des Alls«112 verherrlicht worden. Diejenige, die sich bei der Verkündigung als »Magd des Herrn« bezeichnet hat, ist bis zum Ende dem treu geblieben, was diese Bezeichnung zum Ausdruck bringt. Dadurch hat sie bekräftigt, daß sie eine wahre »Jüngerin« Christi ist, der den Dienstcharakter seiner Sendung nachdrücklich unterstrichen hat: Der Menschensohn »ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mt 20, 28). So ist auch Maria die erste unter denen geworden, die »Christus auch in den anderen dienen und ihre Brüder in Demut und Geduld zu dem König hinführen, dem zu dienen herrschen ist«,113 und hat jenen »Zustand königlicher Freiheit«, der den Jüngern Christi eigen ist, vollkommen besessen: Dienen bedeutet herrschen!

»Christus ist gehorsam geworden bis zum Tod. Deshalb wurde er vom Vater erhöht (vgl. Phil 2, 8-9) und ging in die Herrlichkeit seines Reiches ein. Ihm ist alles unterworfen, bis er sich selbst und alles Geschaffene dem Vater unterwirft, damit Gott alles in allem sei (vgl. 1 Kor 15, 27-28)«.114 Maria, die Magd des Herrn, nimmt teil an dieser Herrschaft des Sohnes.115 Die Herrlichkeit des Dienens bleibt ihre königliche Würde: Nach ihrer Aufnahme in den Himmel endet nicht jener Heilsdienst, in dem sich ihre mütterliche Vermittlung »bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten«116 ausdrückt. So bleibt diejenige, die hier auf Erden »ihre Verbundenheit mit dem Sohn in Treue bis zum Kreuz bewahrte«, weiterhin dem verbunden, dem schon »alles unterworfen ist, bis er selbst sich und alles Geschaffene dem Vater unterwirft«. So ist Maria bei ihrer Aufnahme in den Himmel gleichsam von der ganzen Wirklichkeit der Gemeinschaft der Heiligen umgeben, und ihre eigene Verbundenheit mit dem Sohn in der Herrlichkeit ist ganz auf jene endgültige Fülle des Reiches ausgerichtet, wenn »Gott alles in allem sein wird«.

Auch in dieser Phase bleibt die mütterliche Mittlerschaft Marias dem »untergeordnet«, der der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist bis zur endgültigen Verwirklichung »der Fülle der Zeit«, bis daß alles in Christus vereint ist (vgl. Eph 1, 10).

2. Maria im Leben der Kirche und jedes Christen

42. Das II. Vatikanische Konzil hat in enger Verbindung mit der Tradition neues Licht auf die Stellung der Mutter Christi im Leben der Kirche geworfen. »Die selige Jungfrau ist durch das Geschenk… der göttlichen Mutterschaft, durch die sie mit ihrem Sohn und Erlöser vereint ist, und durch ihre einzigartigen Gnaden und Gaben auch mit der Kirche auf das innigste verbunden. Die Gottesmutter ist… der Typus der Kirche auf der Ebene des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus«.117 Schon früher haben wir gesehen, wie Maria von Anfang an in Erwartung des Pfingsttages mit den Aposteln zusammengeblieben ist und als die »Selige, die geglaubt hat«, von Generation zu Generation in der im Glauben pilgernden Kirche gegenwärtig ist, als Modell für die Hoffnung, die nicht enttäuscht (vgl. Röm 5, 5).

Maria »hat geglaubt, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ«. Als Jungfrau hat sie geglaubt, daß »sie einen Sohn empfangen und gebären wird«: den »Heiligen«, dem der Name »Sohn Gottes«, der Name »Jesus« (= Gott, der rettet) entspricht. Als Magd des Herrn blieb sie der Person und der Sendung dieses Sohnes vollkommen treu. Als Mutter »gebar sie im Glauben und Gehorsam den Sohn des Vaters auf Erden, und zwar ohne einen Mann zu erkennen, vom Heiligen Geist überschattet«.118

Aus diesem Grund wird Maria mit Recht »von der Kirche in einem Kult eigener Art geehrt. Schon seit ältesten Zeiten wird… (sie) unter dem Titel der „Gottesgebärerin“ verehrt, unter deren Schutz die Gläubigen in allen Gefahren und Nöten bittend Zuflucht nehmen«.119 Dieser Kult ist ganz eigener Art: Er beinhaltet und bekundet jene tiefe Verbindung, die zwischen der Mutter Christi und der Kirche besteht.120 Als Jungfrau und Mutter bleibt Maria für die Kirche »beständiges Vorbild«. Man kann also sagen, daß vor allem durch diesen Aspekt, das heißt als Vorbild oder vielmehr als »Typus«, Maria, die im Geheimnis Christi zugegen ist, auch ständig im Geheimnis der Kirche gegenwärtig bleibt. Auch die Kirche wird ja »Mutter und Jungfrau« genannt, und diese Namen haben eine tiefe biblische und theologische Berechtigung. 121

43. Die Kirche »wird selbst Mutter… durch die gläubige Annahme des Wortes Gottes«.122 Wie Maria, die als erste geglaubt hat, indem sie das bei der Verkündigung ihr offenbarte Wort Gottes annahm und ihm in allen ihren Prüfungen bis zum Kreuz treu blieb, so wird die Kirche Mutter, wenn sie, indem sie in Treue das Wort Gottes aufnimmt, »durch Predigt und Taufe die vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zum neuen und unsterblichen Leben gebiert«.123 Diese »mütterliche« Eigenschaft der Kirche ist auf besonders lebhafte Weise vom Völkerapostel ausgedrückt worden, wenn er schreibt: »Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt!« (Gal 4, 19). In diesem Wort des hl. Paulus ist ein interessanter Hinweis auf das mütterliche Bewußtsein der Urkirche enthalten, das mit ihrem apostolischen Dienst unter den Menschen verbunden ist. Dieses Bewußtsein erlaubte und erlaubt es der Kirche ständig, das Geheimnis ihres Lebens und ihrer Sendung nach dem Beispiel der Mutter des Sohnes zu verstehen, der »der Erstgeborene von vielen Brüdern« ist (Röm 8, 29).

Die Kirche lernt sozusagen von Maria auch ihre eigene Mutterschaft. Sie erkennt die mütterliche Dimension ihrer Berufung, die mit ihrer sakramentalen Natur wesentlich verbunden ist, indem sie »ihre (Marias) erhabene Heiligkeit betrachtet und ihre Liebe nachahmt und den Willen des Vaters treu erfüllt«.124 Wenn die Kirche Zeichen und Werkzeug für die innige Vereinigung mit Gott ist, so ist sie dies aufgrund ihrer Mutterschaft: weil sie, vom Geist belebt, Söhne und Töchter der Menschheitsfamilie zu einem neuen Leben in Christus »gebiert«. Denn wie Maria im Dienst des Geheimnisses der Menschwerdung steht, so bleibt die Kirche im Dienst des Geheimnisses der Annahme an Kindes Statt durch die Gnade.

Gleichzeitig bleibt die Kirche nach dem Beispiel Marias die ihrem Bräutigam treue Jungfrau: »Auch sie ist Jungfrau, da sie das Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein bewahrt«.125 Die Kirche ist ja die Braut Christi, wie es sich aus den paulinischen Briefen (vgl. z.B. Eph 5, 21-33; 2 Kor 11, 2) und aus der Bezeichnung des Johannes: »die Frau des Lammes« (Offb 21, 9) ergibt. Wenn die Kirche als Braut »das Christus gegebene Treuewort bewahrt«, dann besitzt diese Treue, auch wenn sie in der Unterweisung des Apostels zum Bild für die Ehe geworden ist (vgl. Eph 5, 23-30), zugleich den Wert eines Typus für die Ganzhingabe an Gott in der Ehelosigkeit »um des Himmelreiches willen«, das heißt für die gottgeweihte Jungfräulichkeit (vgl. Mt 19, 11-12; 2Kor 11, 2). Gerade diese Jungfräulichkeit, nach dem Beispiel der Jungfrau von Nazaret, ist Quelle einer besonderen geistigen Fruchtbarkeit: ist Quelle der Mutterschaft im Heiligen Geist.

Aber die Kirche hütet auch den von Christus empfangenen Glauben: Nach dem Beispiel Marias, die alles bewahrte und in ihrem Herzen erwog (vgl. Lk 2, 19. 51), was ihren göttlichen Sohn betraf, ist sie bemüht, das Wort Gottes zu bewahren, mit Unterscheidungsgabe und Umsicht seinen inneren Reichtum zu erforschen und davon in jeder Epoche allen Menschen in Treue Zeugnis zu geben.126

44. Aufgrund dieses Vorbildcharakters begegnet die Kirche Maria und sucht, ihr ähnlich zu werden: »In Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes bewahrt sie jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe«.127 Maria ist also im Geheimnis der Kirche gegenwärtig als Vorbild. Aber das Geheimnis der Kirche besteht auch im Gebären zu einem neuen, unsterblichen Leben: Es ist ihre Mutterschaft im Heiligen Geist. Und hierbei ist Maria nicht nur Vorbild und Typus der Kirche, sondern weit mehr. Denn »in mütterlicher Liebe wirkt sie mit bei der Geburt und Erziehung« der Söhne und Töchter der Mutter Kirche. Die Mutterschaft der Kirche verwirklicht sich nicht nur nach dem Vorbild und dem Typus der Mutter Gottes, sondern auch durch ihre »Mitwirkung«. Die Kirche schöpft in reichem Maße aus dieser Mitwirkung, das heißt aus dieser besonderen mütterlichen Vermittlung, da Maria schon auf Erden bei der Geburt und Erziehung der Söhne und Töchter der Kirche als Mutter jenes Sohnes mitgewirkt hat, »den Gott gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern«.128

In mütterlicher Liebe wirkte sie dabei mit, wie das II. Vatikanische Konzil lehrt.129 Hier erkennt man die wahre Bedeutung jener Worte, die Jesus in der Stunde des Kreuzes zu seiner Mutter gesagt hat: »Frau, siehe, dein Sohn«; und zum Jünger: »Siehe, deine Mutter« (Joh 19, 26-27). Es sind Worte, die die Stellung Marias im Leben der Jünger Christibestimmen. Sie bringen – wie schon gesagt – die neue Mutterschaft der Mutter des Erlösers zum Ausdruck: die geistige Mutterschaft, die tief im österlichen Geheimnis des Erlösers der Welt entspringt. Es ist eine Mutterschaft in der Gnadenordnung, weil sie die Gabe des Heiligen Geistes erfleht, der die neuen, durch das Opfer Christi erlösten Kinder Gottes zum Leben erweckt: jener Geist, den zusammen mit der Kirche auch Maria am Pfingsttag empfangen hat.

Diese ihre Mutterschaft wird vom christlichen Volk in besonderer Weise wahrgenommen und erlebt bei der heiligen Eucharistie, bei der liturgischen Feier des Erlösungsgeheimnisses, in der Christus mit seinem wahren, aus der Jungfrau Maria geborenen Leib gegenwärtig wird.

Zu Recht hat das christliche Volk in seiner Frömmigkeit immer eine tiefe Verbindung zwischen der Verehrung der heiligen Jungfrau und dem Kult der Eucharistie gesehen: Dies ist eine Tatsache, die in der westlichen wie östlichen Liturgie, in der Tradition der Ordensgemeinschaften, in der Spiritualität heutiger religiöser Bewegungen, auch unter der Jugend, und in der Pastoral der marianischen Wallfahrtsorte ersichtlich ist. Maria führt die Gläubigen zur Eucharistie.

45. Es gehört zur Natur der Mutterschaft, daß sie sich auf eine Person bezieht. Sie führt immer zu einer einzigartigen und unwiederholbaren Beziehung von zwei Personen: der Mutter zum Kind und des Kindes zur Mutter. Auch wenn ein und diesselbe Frau Mutter von vielen Kindern ist, kennzeichnet ihre persönliche Beziehung zu jedem einzelnen von ihnen wesentlich ihre Mutterschaft. Jedes Kind ist nämlich auf einmalige und unwiederholbare Weise gezeugt worden, und das gilt sowohl für die Mutter als auch für das Kind. Jedes Kind wird auf die nämliche Weise von jener mütterlichen Liebe umgeben, auf der seine menschliche Erziehung und Reifung gründen.

Man kann sagen, daß »die Mutterschaft in der Ordnung der Gnade« eine Ähnlichkeit bewahrt mit dem, was »in der Ordnung der Natur« die Verbindung der Mutter mit ihrem Kind kennzeichnet. In diesem Licht wird es verständlicher, daß im Testament Christi auf Golgota die neue Mutterschaft seiner Mutter in der Einzahl, mit Bezug auf einen Menschen, ausgedrückt worden ist: »Siehe, dein Sohn«.

Man kann ferner sagen, daß in diesen Worten das Motiv für die marianische Dimension im Leben der Jünger Christi klar angegeben wird: nicht nur des Johannes, der zu jener Stunde zusammen mit der Mutter seines Meister unter dem Kreuze stand, sondern jedes Jüngers Christi, jedes Christen. Der Erlöser vertraut seine Mutter dem Jünger an, und zugleich gibt er sie ihm zur Mutter. Die Mutterschaft Marias, die zum Erbe des Menschen wird, ist ein Geschenk, das Christus persönlich jedem Menschen macht. Wie der Erlöser Maria dem Johannes anvertraut, so vertraut er gleichzeitig den Johannes Maria an. Zu Füßen des Kreuzes hat jene besondere vertrauensvolle Hingabe des Menschen an die Mutter Christi ihren Anfang, die dann in der Geschichte der Kirche auf verschiedene Weise vollzogen und zum Ausdruck gebracht worden ist. Wenn der gleiche Apostel und Evangelist, nachdem er die von Jesus am Kreuz an die Mutter und an ihn selbst gerichteten Worte angeführt hat, noch hinzufügt: »Und von jener Stunde nahm sie der Jünger zu sich« (Joh 19, 27), will dies gewiß besagen, daß dem Jünger damit die Rolle eines Sohnes übertragen worden ist und er die Sorge für die Mutter des geliebten Meisters übernommen hat. Und weil Maria ihm persönlich zur Mutter gegeben worden ist, meint diese Aussage, wenn auch nur indirekt, all das, was die innerste Beziehung eines Kindes zu seiner Mutter ausdrückt. Dies alles kann man in dem Wort »Vertrauen« zusammenfassen. Vertrauen ist die Antwort auf die Liebe einer Person und im besonderen auf die Liebe der Mutter.

Die marianische Dimension im Leben eines Jüngers Christi kommt in besonderer Weise durch ein solches kindliches Vertrauen zur Muttergottes zum Ausdruck, wie es im Testament des Erlösers auf Golgota seinen Ursprung hat. Indem der Christ sich wie der Apostel Johannes Maria kindlich anvertraut, nimmt er die Mutter Christi »bei sich« auf130 und führt sie ein in den gesamten Bereich seines inneren Lebens, das heißt in sein menschliches und christliches »Ich«: »Er nahm sie zu sich«. Auf diese Weise sucht er in den Wirkungskreis jener »mütterlichen Liebe« zu gelangen, mit der die Mutter des Erlösers »Sorge für die Brüder ihres Sohnes trägt«,131 »bei deren Geburt und Erziehung sie mitwirkt«132 nach dem Maß der Gnadengabe, die jeder durch die Kraft des Geistes Christi besitzt. So entfaltet sich auch jene Mutterschaft nach dem Geist, die unter dem Kreuz und im Abendmahlssaal Marias Aufgabe geworden ist.

46. Diese kindliche Beziehung, dieses Sichanvertrauen eines Kindes an die Mutter, hat nicht nur in Christus ihren Anfang, sondern man kann sagen, daß sie im letzten auf ihn hingeordnet ist. Man kann sagen, daß Maria fortfährt, für uns alle dieselben Worte zu wiederholen, die sie zu Kana in Galiläa gesprochen hat: »Was er euch sagt, das tut!«. Denn er, Christus, ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen; er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14, 6); er ist derjenige, den der Vater der Welt gegeben hat, auf daß der Mensch »nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (Joh 3, 16). Die Jungfrau von Nazaret ist die erste »Zeugin« dieser Erlöserliebe des Vaters geworden und möchte auch immer und überall seine demütige Magd bleiben. Für jeden Christen, jeden Menschen ist Maria diejenige, die als erste »geglaubt hat«; mit diesem ihrem Glauben als Jungfrau und Mutter will sie auf alle jene einwirken, die sich ihr als Kinder anvertrauen. Es ist bekannt, je mehr diese Kinder in einer solchen Haltung verharren und darin fortschreiten, desto näher führt sie Maria zu den »unergründlichen Reichtümern Christi« (Eph 3, 8 ). Und ebenso erkennen sie immer besser die Würde des Menschen und den letzten Sinn seiner Berufung in ihrer ganzen Fülle, weil Christus »dem Menschen den Menschen selbst voll kundmacht«.133

Diese marianische Dimension im christlichen Leben erhält einen eigenen Akzent im Blick auf die Frau und ihre Lebenslage. In der Tat enthält das Wesen der Frau ein besonderes Band zur Mutter des Erlösers, ein Thema, das an anderer Stelle noch wird vertieft werden können. Hier möchte ich nur hervorheben, daß die Gestalt Marias von Nazaret schon allein dadurch die Frau als solche ins Licht stellt, daß sich Gott im erhabenen Geschehen der Menschwerdung seines Sohnes dem freien und tätigen Dienst einer Frau anvertraut hat. Man kann daher sagen, daß die Frau durch den Blick auf Maria dort das Geheimnis entdeckt, wie sie ihr Frausein würdig leben und ihre wahre Entfaltung bewirken kann. Im Licht Marias erblickt die Kirche auf dem Antlitz der Frau den Glanz einer Schönheit, die die höchsten Gefühle widerspiegelt, deren das menschliche Herz fähig ist: die vorbehaltlose Hingabe der Liebe; eine Kraft, die größte Schmerzen zu ertragen vermag; grenzenlose Treue und unermüdlicher Einsatz; die Fähigkeit, tiefe Einsichten mit Worten des Trostes und der Ermutigung zu verbinden.

47. Während des Konzils hat Paul VI. feierlich erklärt, daß Maria die Mutter der Kirche ist,das heißt »Mutter des ganzen christlichen Volkes, sowohl der Gläubigen als auch der Hirten«.134 Später, im Jahre 1968, bekräftigte er diese Aussage noch nachdrücklicher in dem Glaubensbekenntnis, das unter dem Namen »Credo des Gottesvolkes« bekannt ist, mit den folgenden Worten: »Wir glauben, daß die heiligste Gottesmutter, die neue Eva, Mutter der Kirche, für die Glieder Christi ihre mütterliche Aufgabe im Himmel fortsetzt, indem sie bei der Geburt und Erziehung des göttlichen Lebens in den Seelen der Erlösten mitwirkt«.135

Das Konzil hat in seiner Lehre betont, daß die Wahrheit über die heiligste Jungfrau, die Mutter Christi, eine wirksame Hilfe für die Vertiefung der Wahrheit über die Kirche darstellt. Derselbe Paul VI. sagte, als er zu der soeben vom Konzil approbierten Konstitution »Lumen gentium« das Wort ergriff: »Die Kenntnis der wahren katholischen Lehre über die selige Jungfrau Maria wird immer einen Schlüssel für das genaue Verständnis des Geheimnisses Christi und der Kirche darstellen«.136 Maria ist in der Kirche gegenwärtig als Mutter Christi und zugleich als jene Mutter, die Christus im Geheimnis der Erlösung in der Person des Apostels Johannes dem Menschen gegeben hat. Deshalb umfängt Maria mit ihrer neuen Mutterschaft im Geiste alle und jeden in der Kirche, sie umfängt auch alle und jeden durch die Kirche. In diesem Sinn ist die Mutter der Kirche auch deren Vorbild. Die Kirche soll nämlich – wie Paul VI. wünscht und fordert – »von der Jungfrau und Gottesmutter die reinste Form der vollkommenen Christusnachfolge übernehmen«.137

Dank dieses besonderen Bandes, das die Mutter Christi mit der Kirche verbindet, erklärt sich besser das Geheimnis jener »Frau«, die von den ersten Kapiteln des Buches Genesis bis zur Apokalypse die Offenbarung des Heilsplanes Gottes für die Menschheit begleitet. Maria ist nämlich in der Kirche gegenwärtig als die Mutter des Erlösers, nimmt mütterlich teil an jenem »harten Kampf gegen die Mächte der Finsternis…, der die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht«.138 Durch diese ihre kirchliche Identifizierung mit der »Frau, mit der Sonne bekleidet« (Offb 12, 1),139 kann man sagen, daß »die Kirche in der seligsten Jungfrau schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzeln ist«. Deshalb erheben die Christen während ihrer irdischen Pilgerschaft im Glauben ihre Augen zu Maria und bemühen sich, »in der Heiligkeit zu wachsen«.140 Maria, die erhabene Tochter Zion, hilft ihren Kindern – wo und wie auch immer sie gerade leben –, in Christus den Weg zum Hause des Vaters zu finden.

So weiß sich die Kirche in ihrem ganzen Leben mit der Mutter Christi durch ein Band verbunden, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Heilsgeheimnisses umfaßt, und verehrt Maria als geistige Mutter der Menschheit und Fürsprecherin der Gnade.

[…]

SCHLUSS

51. Am Ende des täglichen Stundengebetes richtet die Kirche neben anderen diesen Gebetsruf an Maria:

»Alma Redemptoris Mater…«

»Erhabene Mutter des Erlösers,
du allzeit offene Pforte des Himmels
und Stern des Meeres,
komm, hilf deinem Volk,
das sich müht, vom Falle aufzustehn.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen,
deinen heiligen Schöpfer«.

»Der Natur zum Staunen« (»natura mirante«)!

Diese Worte der Antiphon geben jenes gläubige Staunen wieder, das das Geheimnis der göttlichen Mutterschaft Marias begleitet. Es begleitet es in gewissem Sinne im Herzen der gesamten Schöpfung und unmittelbar im Herzen des ganzen Gottesvolkes, im Herzen der Kirche. Wie wunderbar weit ist Gott, der Schöpfer und Herr aller Dinge, in der »Offenbarung seiner selbst« an den Menschen gegangen 147! Wie deutlich hat er alle Räume jener unendlichen »Distanz« überwunden, die den Schöpfer vom Geschöpf trennt! Wenn er schon in sich selbst unaussprechlich und unerforschlich bleibt, so ist er noch unaussprechlicher und unerforschlicher in der Wirklichkeit der Inkarnation des göttlichen Wortes, das durch die Jungfrau von Nazaret Mensch geworden ist.

Wenn er von Ewigkeit her den Menschen zur »Teilhabe an der göttlichen Natur« (vgl. 2 Petr 1, 4) berufen hat, kann man sagen, daß er die »Vergöttlichung« des Menschen zugleich seiner geschichtlichen Lage entsprechend vorgesehen hat, so daß er auch nach dem Sündenfall bereit ist, den ewigen Plan seiner Liebe durch die »Vermenschlichung« des Sohnes, der ihm wesensgleich ist, um einen hohen Preis wiederherzustellen. Die ganze Schöpfung und noch unmittelbarer der Mensch müssen vom Staunen über dieses Geschenk getroffen bleiben, das ihnen im Heiligen Geist zuteil geworden ist: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« ( Joh 3, 16 ).

Im Zentrum dieses Geheimnisses, im Mittelpunkt dieses gläubigen Staunens steht Maria. Die erhabene Mutter des Erlösers, sie hat es als erste erfahren: »Du hast geboren, der Natur zum Staunen, deinen heiligen Schöpfer« (»Tu quae genuisti, natura mirante, tuum sanctum Genitorem«)!

52. In den Worten dieser liturgischen Antiphon kommt auch die Wahrheit von der »großen Wende« zum Ausdruck, die dem Menschen vom Geheimnis der Inkarnation bestimmt ist. Diese Wende gehört zu seiner ganzen Geschichte, von jenem Anfang an, der uns in den ersten Kapiteln der Genesis offenbart ist, bis zum letzten Ende, im Hinblick auf das Weltenende nämlich, von dem uns Jesus »weder den Tag noch die Stunde« (vgl. Mt 25, 13) offenbart hat. Es ist eine unaufhörliche und ständige Wende vom Fallen zum Wiederaufstehen, vom Menschen der Sünde zum Menschen der Gnade und Gerechtigkeit. Die Liturgie, vor allem im Advent, zielt auf den entscheidenden Punkt dieser Wende und erfaßt dabei ihr ständiges »heute und jetzt«, wenn sie ausruft: »Komm, hilf deinem Volk, das sich müht, vom Falle aufzustehn« (»Succurre cadenti surgere qui curat populo«).

Diese Worte beziehen sich auf jeden Menschen, auf die Gemeinschaften, Nationen und Völker, auf die Generationen und Epochen der menschlichen Geschichte, auf unsere Epoche, auf diese letzten Jahre des Jahrtausends, das sich dem Ende zuneigt: »Komm, hilf deinem Volk, das fällt« (»Succurre cadenti . .. populo«)!

Das ist die Bitte an Maria, die »erhabene Mutter des Erlösers« die Bitte an Christus, der durch Maria in die Geschichte der Menschheit eingetreten ist. Jahr für Jahr steigt diese Antiphon zu Maria auf und erinnert an den Augenblick, da sich diese wesentliche geschichtliche Wende vollzogen hat, die in einem gewissen Sinne unumkehrbar fortdauert: die Wende vom »Fallen« zum »Auferstehen«.

Die Menschheit hat wunderbare Entdeckungen gemacht und aufsehenerregende Ergebnisse im Bereich von Wissenschaft und Technik erzielt, sie hat große Taten auf dem Weg des Fortschritts und der Zivilisation vollbracht, und in jüngster Zeit, so könnte man sagen, ist es ihr sogar gelungen, den Lauf der Geschichte zu beschleunigen; aber die grundlegende Wende, jene, die man »originell« nennen kann, begleitet den Weg des Menschen ständig, und durch alle geschichtlichen Ereignisse hindurch begleitet sie alle und jeden. Es ist die Wende vom »Fallen« zum »Auferstehen«, vom Tod zum Leben. Sie ist auch eine unaufhörliche Herausforderung an das menschliche Gewissen, eine Herausforderung an das ganze geschichtliche Bewußtsein des Menschen: die Herausforderung, den Weg des »Nicht-Fallens« auf immer zugleich alte und neue Weise zu gehen und den Weg des »Aufstehens« zu beschreiten, wenn man »gefallen« ist.

Während sich die Kirche zusammen mit der ganzen Menschheit dem Übergang zwischen den zwei Jahrtausenden nähert, nimmt sie von ihrer Seite her mit der ganzen Gemeinschaft der Gläubigen und in Verbindung mit jedem Menschen guten Willens die große Herausforderung an, die in diesen Worten der marianischen Antiphon vom »Volk, das sich müht, vom Falle aufzustehn«, enthalten ist, und wendet sich an den Erlöser und seine Mutter zugleich mit der Bitte: »Steh uns bei!«. Sie erblickt ja – und dieses Gebet bestätigt es – die selige Gottesmutter im erlösenden Geheimnis Christi und in ihrem eigenen Geheimnis; sie schaut sie tief in der Geschichte der Menschheit verwurzelt, in der ewigen Berufung des Menschen, nach dem Plan, den Gott in seiner Vorsehung von Ewigkeit her für ihn vorherbestimmt hat; sie erblickt sie mütterlich und teilnahmsvoll anwesend bei den vielfältigen und schwierigen Problemen, die heute das Leben der einzelnen, der Familien und der Völker begleiten; sie sieht in ihr die Helferin des christlichen Volkes beim unaufhörlichen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, damit es nicht »falle«, oder, wenn gefallen, wieder «aufstehe«.

Ich wünsche von Herzen, daß auch die Gedanken der vorliegenden Enzyklika der Erneuerung dieser Sicht in den Herzen aller Gläubigen dienen!

Als Bischof von Rom sende ich allen, an die sich diese Erwägungen richten, den Friedenskuß mit Gruß und Segen in unserem Herrn Jesus Christus.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 25. März, dem Fest Mariä Verkündigung des Jahres 1987, dem neunten Jahr meines Pontifikates.

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Quelle

Lesen Sie dazu ferner:

Audienz für Mitglieder der Gemeinschaft des Neokatechumenalen Wegs

vatican pope christmas

Die Zeichen des Glaubens ausstrahlen

Ansprache von Papst Franziskus am 6. März 2015

Liebe Brüder und Schwestern!

Allen einen guten Tag! Und danke, vielen Dank, dass ihr zu dieser Begegnung gekommen seid.

Der Auftrag des Papstes, der Auftrag von Petrus ist, die Brüder im Glauben zu stärken. So wollt auch ihr mit dieser Geste den Nachfolger Petri bitten, eure Berufung zu stärken, eure Mission zu unterstützen, euer Charisma zu segnen. Und heute bestärke ich euch in eurer Berufung, unterstütze eure Mission und segne euer Charisma. Das tue ich nicht, weil er [der Papst zeigt auf den Initiator der Bewegung, Kiko] mich bezahlt hätte, nein! Ich tue dies, weil ich es tun will. Ihr werdet im Namen Christi in die ganze Welt gehen, um sein Evangelium zu bringen: Christus gehe euch voraus, Christus begleite euch, Christus bringe jenes Heil zu Erfüllung, dessen Übermittler ihr seid!

Zusammen mit euch grüße ich alle Kardinäle und Bischöfe, die euch heute begleiten und die in ihren Diözesen eure Mission unterstützen. Insbesondere grüße ich die Initiatoren des Neokatechumenalen Wegs, Kiko Argüello und Carmen Hernández, gemeinsam mit Don Mario Pezzi: auch ihnen bringe ich meine Wertschätzung zum Ausdruck und meine Ermutigung für das, was sie durch »den Weg« zum Wohl der Kirche tun. Ich sage immer, dass der Neokatechumenale Weg in der Kirche sehr viel Gutes tut.

Wie Kiko gesagt hat, ist unsere heutige Begegnung eine missionarische Aussendung im Gehorsam dem gegenüber, was Christus uns aufgetragen hat und was wir im Evangelium gehört haben. Und ich freue mich besonders, dass eure Mission durch christliche Familien geschieht, die, zu einer Gemeinschaft vereint, die Mission haben, die Zeichen des Glaubens auszustrahlen, die die Menschen zur Schönheit des Evangeliums hinziehen, gemäß den Worten Christi: »Liebt einander, wie ich euch geliebt habe; daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid« (vgl. Joh 13,34), und: »Ihr sollt eins sein, damit die Welt glaubt« (vgl. Joh 17,21). Diese vom Bischof gerufenen Gemeinschaften werden gebildet aus einem Priester und vier oder fünf Familien mit Kindern, auch größeren, und bilden eine »missio ad gentes« mit dem Auftrag, Nicht-Christen zu evangelisieren. Nicht-Christen, die noch nie von Jesus Christus gehört haben, und die vielen Nicht-Christen, die vergessen haben, wer Jesus Christus war, wer Jesus Christus ist: getaufte Nicht-Christen, bei denen aber die Säkularisierung, die Weltlichkeit und viele andere Dinge bewirkt haben, dass sie den Glauben vergessen. Weckt diesen Glauben auf!

Mehr noch als mit eurem Wort macht ihr mit eurem Lebenszeugnis das Herz der Offenbarung Christi sichtbar: Gott liebt den Menschen so sehr, dass er sich für ihn dem Tod ausgeliefert hat, und Christus ist vom Vater auferweckt worden, um uns die Gnade zu schenken, unser Leben an die anderen hinzugeben. Die heutige Welt braucht diese großartige Botschaft besonders dringend. Wie viel Einsamkeit, wie viel Leid, wie viel Gottferne gibt es in vielen Randgebieten Europas und Amerikas und vielen Städten Asiens! Wie sehr braucht der Mensch von heute auf jedem Breitengrad das Gefühl, dass Gott ihn liebt und dass Liebe möglich ist! Diese christlichen Gemeinschaften haben dank eurer missionarischen Familien den grundlegenden Auftrag, diese Botschaft sichtbar zu machen. Und was ist die Botschaft? »Christus ist auferstanden, Christus lebt! Christus lebt unter uns!« Durch einen Weg der christlichen Initiation – gelebt in kleinen Gemeinschaften, wo ihr den ungeheuren Reichtum eurer Taufe wiederentdeckt habt –, habt ihr die Kraft empfangen, alles zu verlassen, und in weit entfernte Länder aufzubrechen. Das ist der Neokatechumenale Weg, ein echtes Geschenk der Vorsehung an die Kirche unserer Zeit, wie es meine Vorgänger bestätigt haben, vor allem der heilige Johannes Paul II., als er zu euch sagte: »Ich erkenne den Neokatechumenalen Weg als ein Itinerarium katholischer Formung an, gültig für die Gesellschaft und die gegenwärtige Zeit« (Epist. Ogniqualvolta, 30. August 1990: AAS 82 [1990], 1515). Der Neokatechumenale Weg stützt sich auf die drei Dimensionen der Kirche: Wort, Liturgie und Gemeinschaft. Das gehorsame und beständige Hören auf das Wort Gottes, die Eucharistiefeier in kleinen Gemeinschaften nach der ersten Vesper vom Sonntag, das sonntägliche Gebet der Laudes in der Familie gemeinsam mit allen Kindern und das Teilen des Glaubens mit anderen Brüdern und Schwestern sind daher Ursprung vieler Gaben, die der Herr euch geschenkt hat, so wie die zahlreichen Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben. All dies zu sehen ist ein Trost, weil es bestätigt, dass der Geist Gottes auch heute in der Kirche lebendig ist und wirkt und dass er auf die Bedürfnisse des modernen Menschen antwortet.

Bei verschiedenen Anlässen habe ich die Notwendigkeit unterstrichen, dass die Kirche von einer rein bewahrenden Pastoral zu einer entschieden missionarischen Pastoral übergehen muss (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 15). Wie oft haben wir in der Kirche Jesus in uns und lassen ihn nicht hinaus… Wie oft! Das ist das Wichtigste, was zu tun ist, wenn wir nicht wollen, dass die Wasser in der Kirche stag­nieren. Der »Weg« verwirklicht diese »missio ad gentes« seit Jahren unter Nicht-Christen für eine »implantatio Ecclesiae«, eine neue Präsenz der Kirche dort, wo die Kirche nicht existiert oder nicht mehr in der Lage ist, die Menschen zu erreichen. »Wieviel Freude gebt ihr uns durch eure Gegenwart und eure Tätigkeit!«, hat der selige Papst Paul VI. in der ersten Audienz für euch gesagt (8. Mai 1974: Insegnamenti di Paolo VI, XII [1974], 407). Auch ich mache mir diese Worte zu eigen und ermutige euch voranzugehen, während ich euch der allerseligsten Jungfrau Maria anvertraue, die den Neokatechumenalen Weg inspiriert hat. Sie möge für euch bei ihrem göttlichen Sohn Fürsprache halten.

Meine Lieben, der Herr begleite euch. Geht mit meinem Segen!

(Orig. ital. in O.R. 7.3.2015)


Siehe auch: