Die Berufung ist wie der Glaube selbst ein Schatz

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Audienz für die Teilnehmer an der Vollversammlung
der Kongregation für die Institute geweihten Lebens
und für die Gesellschaften apostolischen Lebens

Ansprache von Papst Franziskus am 28. Januar

Liebe Brüder und Schwestern!

Es ist für mich ein freudiger Anlass, euch heute zu empfangen, während ihr zur Vollversammlung zusammengekommen seid, um über das Thema der Treue und der Austritte nachzudenken. Ich begrüße den Kardinalpräfekten und danke ihm für seine Worte der Präsentation. Und ich begrüße euch alle, verbunden mit dem Ausdruck meiner dankbaren Anerkennung für eure Arbeit im Dienst des geweihten Lebens in der Kirche.

Das Thema, das ihr gewählt habt, ist wichtig. Wir können wohl mit Recht sagen, dass in diesem Augenblick die Treue auf die Probe gestellt wird. Die von euch ausgewerteten Statistiken zeigen das. Wir stehen vor einer »Ausblutung«, die das geweihte Leben und damit das Leben der Kirche schwächt. Die Austritte aus dem geweihten Leben machen uns Sorgen. Es ist wahr, dass es bei manchen konsequent ist, wenn sie gehen, weil sie nach einer ernsthaften Unterscheidung erkennen, dass sie nie die Berufung hatten. Andere aber brechen im Lauf der Zeit die Treue, und das oft nur wenige Jahre nach den ewigen Gelübden. Was ist geschehen?

Wie ihr gut aufgezeigt habt, gibt es viele Faktoren, die die Treue in der gegenwärtigen Zeit einschränken, die ein Epochenwandel ist, und nicht nur eine Epoche des Wandels, in der es schwierig zu sein scheint, ernsthafte und endgültige Verpflichtungen einzugehen. Vor einiger Zeit hat mir ein Bischof erzählt, dass ein guter Junge mit Universitätsabschluss, der in der Pfarrei arbeitete, zu ihm kam und gesagt hat: »Ich möchte Priester werden, aber nur für zehn Jahre.« Die Kultur des Provisorischen.

Der erste Faktor, der das Treubleiben nicht gerade leichter macht, ist der soziale und kulturelle Kontext, in dem wir uns bewegen. Wir leben eingetaucht in die sogenannte Kultur des Fragmentarischen, des Provisorischen, die dazu führen kann, »à la carte« zu leben und Sklaven der jeweiligen Moden zu sein. Diese Kultur weckt das Bedürfnis, stets über »Hintertüren« zu verfügen, die für andere Möglichkeiten offenstehen. Sie nährt den Konsumismus, vergisst die Schönheit des einfachen, kargen Lebens und das ruft sehr häufig eine große existentielle Leere hervor. Es hat sich auch ein starker praktischer Relativismus verbreitet, dem zufolge alles beurteilt wird unter dem Aspekt einer Selbstverwirklichung, der die Werte des Evangeliums fremd sind. Wir leben in Gesellschaften, in denen wirtschaftliche Regeln die moralischen Regeln ersetzen, Gesetze diktieren und die eigenen Bezugssysteme aufzwingen, zu Lasten der Werte des Lebens. Es ist eine Gesellschaft, in der die Diktatur des Geldes und des Profits eine Sichtweise des Lebens vertritt, nach der derjenige, der nichts leistet, aussortiert wird. In dieser Situation wird klar, dass man sich erst selbst evangelisieren lassen muss, um sich dann in der Evangelisierung einzusetzen.

Zu diesem soziokulturellen Kontext müssen wir weitere Faktoren hinzufügen. Einer von ihnen ist die Welt der Jugendlichen, eine komplexe Welt, reichhaltig und herausfordernd zugleich. Sie ist nicht negativ, aber komplex, ja, reichhaltig und herausfordernd. Es fehlt nicht an sehr großherzigen, solidarischen Jugendlichen, die religiös und sozial engagiert sind; an Jugendlichen, die ein echtes geistliches Leben suchen; an Jugendlichen, die nach etwas hungern, das anders ist als das, was die Welt zu bieten hat. Es gibt wunderbare Jugendliche und es sind nicht wenige. Aber auch unter den Jugendlichen gibt es viele, die der Logik der Weltlichkeit zum Opfer gefallen sind. Diese Logik könnte man folgendermaßen zusammenfassen: Streben nach Erfolg um jeden Preis, nach schnellem Geld und oberflächlichem Vergnügen. Diese Logik verführt auch viele Jugendliche. Unser Einsatz kann nur darin bestehen, an ihrer Seite zu sein, um sie mit der Freude des Evangeliums und der Freude der Zugehörigkeit zu Christus anzustecken. Diese Kultur muss evangelisiert werden, wenn wir wollen, dass die Jugendlichen ihr nicht erliegen.

Ein weiterer beeinträchtigender Faktor stammt aus dem Inneren des geweihten Lebens, wo es neben sehr viel Heiligkeit – es gibt sehr viel Heiligkeit im geweihten Leben! – nicht an Situationen eines Anti-Zeugnisses fehlt, die das Treubleiben erschweren. Zu diesen Situationen zählen unter anderem: Routine, Ermüdung, die Last der Verwaltung der Strukturen, innere Spaltungen, Machtstreben – die Karrieremacher! –, eine weltliche Art und Weise, die Institute zu leiten, sowie ein Dienst der Autorität, der zuweilen Autoritarismus wird und in anderen Fällen ein »Laisser-faire«. Wenn das geweihte Leben seine prophetische Mission und seine Faszination aufrechterhalten will, indem es eine Schule der Treue für die Fernen und die Nahen (vgl. Eph 2,17) bleibt, muss es die Frische und Neuheit der Zentralität Jesu, das Anziehende der Spiritualität und die Stärke der Mission beibehalten, und es muss die Schönheit der Nachfolge Christi vor Augen führen und Hoffnung und Freude ausstrahlen. Hoffnung und Freude. Das lässt uns erkennen, wie es um eine Gemeinschaft bestellt ist, was in ihr ist. Ist dort Hoffnung, ist dort Freude? Dann geht es ihr gut. Aber wenn die Hoffnung fehlt und es keine Freude gibt, dann steht es schlimm um sie.

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Ein Aspekt, der besonderes gepflegt werden muss, ist das brüderliche Leben in der Gemeinschaft. Dieses muss genährt werden vom gemeinsamen Gebet, von der betenden Lektüre des Wortes Gottes, von der aktiven Teilnahme an den Sakramenten der Eucharistie und der Versöhnung, vom brüderlichen Dialog und der aufrichtigen Kommunikation unter ihren Mitgliedern, der brüderlichen Zurechtweisung, der Barmherzigkeit gegenüber dem Bruder oder der Schwester, die sündigen, von geteilter Verantwortung. All dies soll begleitet sein von einem beredten, freudigen Zeugnis einfachen Lebens an der Seite der Armen und von einer Mission, die die existentiellen Randgebiete bevorzugt. Der Erfolg der Berufungspastoral, sagen zu können: »Kommt und seht!« (vgl. Joh 1,39) sowie die Ausdauer der jungen und weniger jungen Brüder und Schwestern hängen ganz besonders von der Erneuerung des brüderlichen Lebens in der Gemeinschaft ab. Denn wenn ein Bruder oder eine Schwester innerhalb der Gemeinschaft keine Unterstützung für das eigene geweihte Leben findet, dann werden sie diese außerhalb suchen, mit allem, was das mit sich bringt (vgl. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 2. Februar 1994, 32).

Die Berufung ist wie der Glaube selbst ein Schatz, den wir in zerbrechlichen Gefäßen tragen (vgl. 2 Kor 4,7). Daher müssen wir ihn hüten, wie man die kostbarsten Dinge hütet, damit uns niemand diesen Schatz raubt und er auch nicht im Lauf der Zeit seine Schönheit verliert. Diese Sorge ist vor allem Aufgabe eines jeden von uns, die wir berufen sind, Christus in größerer Nähe mit Glauben, Hoffnung und Liebe nachzufolgen, die jeden Tag im Gebet gepflegt und von einer guten theologischen und geistlichen Ausbildung gestärkt werden. Letztere ist ein Schutz gegen die Moden, gegen die Kultur des Ephemeren und ermöglicht, im Glauben fest zu sein und voranzugehen. Auf dieser Grundlage ist es möglich, die evangelischen Räte zu praktizieren und untereinander so gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht (vgl. Phil 2,5). Die Berufung ist ein Geschenk, das wir vom Herrn empfangen haben, der uns angeblickt und uns geliebt hat (vgl. Mk 10,21), indem er uns berufen hat, ihm im geweihten Leben nachzufolgen, und es ist zugleich eine Verantwortung dessen, der dieses Geschenk empfangen hat. Mit der Gnade des Herrn ist jeder von uns berufen, persönlich und verantwortungsvoll die Verpflichtung für das eigene menschliche, geistliche und intellektuelle Wachstum zu übernehmen und zugleich die Flamme der Berufung lebendig zu erhalten. Das schließt ein, dass wir unsererseits den Blick fest auf den Herrn richten und stets darauf achten, der Logik des Evangeliums entsprechend voranzugehen und nicht den Kriterien der Weltlichkeit nachzugeben. Sehr häufig geht große Untreue auf kleine Abweichungen und Zerstreutheiten zurück. Auch in diesem Fall ist es wichtig, dass wir uns die Mahnung des heiligen Paulus zu eigen machen: »Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf« (Röm 13,11).

Wenn wir von Treue und Austritten sprechen, müssen wir der Begleitung sehr große Bedeutung zumessen. Und das möchte ich unterstreichen. Es ist notwendig, dass das geweihte Leben in die Ausbildung von geistlichen Begleitern investiert, die für dieses Amt qualifiziert sind. Und ich sage das geistliche Leben, weil das Charisma der geistlichen Begleitung, sagen wir der geistlichen Leitung, ein »Laiencharisma« ist. Auch die Priester haben es, aber es ist ein »Laiencharisma«. Wie oft bin ich Schwestern begegnet, die mir gesagt haben: »Vater, kennen Sie nicht einen Priester, der mich leiten könnte?« – »Aber, sage mir, gibt es in deiner Gemeinschaft nicht eine weise Schwester, eine Frau Gottes?« – »Ja, da ist diese betagte Schwester, die… aber …« – »Gehen Sie zu ihr!« Tragt ihr Sorge für die Mitglieder eurer Kongregation. Bereits in der vergangenen Vollversammlung habt ihr diese Notwendigkeit erkannt, wie dies auch aus eurem kürzlich veröffentlichten Dokument Per vino nuovo otri nuovi [Neue Schläuche für neuen Wein] (vgl. Nr. 14-16) hervorgeht. Wir werden diese Notwendigkeit nie genug betonen können. Es ist schwierig, treu zu bleiben, wenn wir den Weg alleine gehen oder mit der Führung durch Brüder und Schwestern, die nicht zu einem aufmerksamen und geduldigen Zuhören fähig sind oder die keine entsprechende Erfahrung des geweihten Lebens mitbringen. Wir brauchen Brüder und Schwestern, die in den Wegen Gottes erfahren sind, um das tun zu können, was Jesus mit den Emmausjüngern getan hat: sie auf dem Weg des Lebens sowie in Augenblicken der Verunsicherung begleiten und in ihnen den Glauben und die Hoffnung durch das Wort und die Eucharistie neu wecken (vgl. Lk 24,13-35). Das ist die schwierige und anspruchsvolle Aufgabe eines geistlichen Begleiters. Nicht wenige Berufungen gehen aus Mangel an guten geistlichen Begleitern verloren. Wir alle, die jungen und auch die weniger jungen Gottgeweihten, brauchen in der menschlichen und geistlichen Situation, die wir gerade erleben, angemessene Hilfe, auch in Bezug auf den Aspekt der Berufung. Auf der anderen Seite müssen wir jede Art von Begleitung vermeiden, die Abhängigkeiten schafft. Das ist wichtig: Die geistliche Begleitung darf keine Abhängigkeiten schaffen. Wir müssen jede Art von Begleitung vermeiden, die Abhängigkeiten schafft, die überbehütet, kontrolliert oder infantil macht. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, den Weg allein zu gehen; eine nahe, häufige und mündige Begleitung ist notwendig. Das alles wird dazu dienen, eine kontinuierliche Unterscheidung sicherzustellen, die dazu führt, den Willen Gottes zu erkennen, in allem stets das zu suchen, was dem Herrn mehr gefällt, wie der heilige Ignatius es ausdrücken würde, oder – mit den Worten des heiligen Franz von Assisi – »immer das zu wollen, was Ihm gefällt« (vgl. FF 233). Die Unterscheidung erfordert von Seiten des Begleiters und der begleiteten Person ein feines geistliches Gespür, vor sich selbst und gegenüber dem anderen eine Haltung »sine proprio«, in vollkommener Loslösung von Vorurteilen und persönlichen oder Gruppeninteressen. Darüber hinaus ist daran zu erinnern, dass es bei der Unterscheidung nicht nur um die Wahl zwischen Gut und Böse geht, sondern um die Wahl zwischen dem Guten und dem Besseren, zwischen dem, was gut ist, und dem, was zur Identifizierung mit Christus führt. Ich könnte noch mehr sagen, aber belassen wir es dabei.

Liebe Brüder und Schwestern, während ich euch nochmals danke, rufe ich auf euch und euren Dienst als Mitglieder und Mitarbeiter der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens den immerwährenden Beistand des Heiligen Geistes herab und segne euch von Herzen. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 29.1.2017)